{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-th-2024.pdf","jurisdiction":"Th\u00fcringen","num_pages":125,"pages":["https://innen.thueringen.de/ Verfassungsschutzbericht 2024 Freistaat Th\u00fcringen Pressefassung","Inhaltsverzeichnis I. Einige Informationen zum Verfassungsschutz .....................................................3 1. Verfassungsschutz - Instrument der wehrhaften Demokratie ............................3 2. Das Amt f\u00fcr Verfassungsschutz (AfV) beim Th\u00fcringer Ministerium f\u00fcr Inneres, Kommunales und Landesentwicklung ..................................................................5 II. Rechtsextremismus..............................................................................................12 1. \u00dcberblick: Rechtsextremismus in Th\u00fcringen .....................................................12 2. Rechtsextremistische Parteien ............................................................................15 3. Parteiunabh\u00e4ngiges bzw. parteiungebundenes Spektrum ................................28 4. Weitgehend unstrukturierte Rechtsextremisten.................................................35 5. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Rechts...........................................................48 III. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" ...............................................................49 1. \u00dcberblick ...............................................................................................................49 2. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" in Th\u00fcringen.........................................52 3. Entwicklung ..........................................................................................................55 IV. Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates (VDS).....................57 V. Islamismus ............................................................................................................60 1. Ideologischer Hintergrund ...................................................................................60 1.1 Salafismus ..............................................................................................................60 1.2 Legalistischer Islamismus .......................................................................................63 1.3 Schiitischer Islamismus ..........................................................................................63 2. Gef\u00e4hrdungsbewertung f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland ..........................63 2.1 Milit\u00e4rischer Konflikt im Gazastreifen ......................................................................65 2.2 Antisemitismus und Desinformation im Islamismus.................................................66 2.3 Digitale Plattformen als Operationsbasis f\u00fcr Islamisten .........................................67 2.4 Staatliche Ma\u00dfnahmen ...........................................................................................68 3. Islamismus in Th\u00fcringen......................................................................................68 3.1 \u00dcberblick ................................................................................................................68 3.2 Islamisten in Th\u00fcringer Moscheevereinen ...............................................................69 3.3 Milit\u00e4rischer Konflikt im Gazastreifen - Reaktionen in Th\u00fcringen ............................71 3.4 Verfahren gegen Islamisten aus Gera.....................................................................72 1","VI. Auslandsbezogener Extremismus (ohne Islamismus).......................................73 1. Hintergrund ...........................................................................................................73 2. \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) ......................................................................73 2.1 \u00dcberblick, allgemeine Lage.....................................................................................73 2.2 Strukturen der Organisation ....................................................................................74 2.3 Themenschwerpunkte der Organisation .................................................................75 2.4 Bewertung ..............................................................................................................76 VII. Linksextremismus ................................................................................................79 1. \u00dcberblick, Ideologie, Schwerpunktsetzung, Radikalisierung ............................79 2. Das linksextremistische Personenpotenzial.......................................................80 3. Autonome ..............................................................................................................82 3.1 Allgemeines ............................................................................................................82 3.2 Th\u00fcringer Autonome und ihr \"Antifaschismus\"-Verst\u00e4ndnis ....................................85 4. Sonstige linksextremistische Organisationen....................................................98 5. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Links ...........................................................103 VIII. Spionageabwehr .................................................................................................105 1. Aufgaben, Akteure und Aufkl\u00e4rungsinteressen ...............................................105 2. Methoden fremder Nachrichtendienste .............................................................107 3. Ausgew\u00e4hlte Entwicklungen und Themenbereiche der Spionageabwehr .....111 IX. Geheimschutz .....................................................................................................119 1. Allgemeines ........................................................................................................119 2. Personeller Geheimschutz .................................................................................119 3. Materieller Geheimschutz ..................................................................................121 X. Mitwirkungspflichten ..........................................................................................123 2","I. Einige Informationen zum Verfassungsschutz 1. Verfassungsschutz - Instrument der wehrhaften Demokratie Das Grundgesetz (GG) der Bundesrepublik Deutschland und die Verfassung des Freistaats Th\u00fcringen garantieren allen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern ein hohes Ma\u00df an Freiheit. Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen mit der Weimarer Republik ist es die Aufgabe der Gesellschaft, denjenigen Kr\u00e4ften entgegenzuwirken, die die freiheitliche demokratische Grundordnung beseitigen wollen. Das GG legt folglich nicht nur die Prinzipien des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats fest, es trifft auch Vorkehrungen zu seinem Schutz. Die wehrhafte Demokratie beschreitet - notwendigerweise - einen schwierigen Weg, indem sie auch gegen\u00fcber ihren Gegnern grunds\u00e4tzlich Toleranz \u00fcbt. Denn auch Personen, Vereinen und Parteien, die den demokratischen Rechtsstaat beseitigen wollen, stehen die Freiheitsrechte - wie zum Beispiel das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung, Vereinigungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und das Demonstrationsrecht - zu. Jedoch liefert sich die wehrhafte Demokratie den Bestrebungen politischer Extremisten nicht schutzlos aus. So sind beispielsweise nach den Artikeln 9 und 21 GG das Verbot verfassungswidriger Vereine und Parteien oder nach Artikel 18 GG die Aberkennung von Grundrechten m\u00f6glich. Au\u00dferdem verf\u00fcgt unser Rechtsstaat \u00fcber effektive Institutionen, deren Aufgabe darin besteht, als \"Fr\u00fchwarnsystem\" politischen Extremisten entgegenzuwirken und die konstitutiven Elemente der freiheitlichen demokratischen Grundordnung abzusichern. Ein wesentliches Element der streitbaren Demokratie stellen die 17 Verfassungsschutzbeh\u00f6rden dar, die der Bund und die L\u00e4nder unterhalten (Artikel 73 Abs. 1 Nr. 10 Buchstabe b und Art. 87 Abs. 1 Satz 2 GG). Im Freistaat Th\u00fcringen wurde die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde 1991 errichtet. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden gehen vor allem der Frage nach, aus welchen Parteien und Gruppierungen sich das extremistische Spektrum zusammensetzt und welche Ziele es verfolgt. Ebenso kl\u00e4ren sie Spionageaktivit\u00e4ten ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste auf. Die Erkenntnisse der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden sollen es den zust\u00e4ndigen Stellen erm\u00f6glichen, rechtzeitig die erforderlichen Ma\u00dfnahmen zur Abwehr von Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung zu treffen. 3","Einen erheblichen Teil seiner Informationen gewinnt der Verfassungsschutz aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen. Extremistische Akteure, Terroristen und fremde Nachrichtendienste agieren jedoch im Verborgenen und legen ihre Ziele nicht offen dar. Der Verfassungsschutz ist befugt, im Rahmen gesetzlich festgelegter Grenzen und unter Wahrung des Grundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit auch nachrichtendienstliche Mittel zur Informationsgewinnung einzusetzen, um insbesondere terroristische Gefahren f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung fr\u00fchzeitig erkennen und gemeinsam mit anderen Beh\u00f6rden abwenden zu k\u00f6nnen. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden unterliegen der Kontrolle insbesondere durch die von den Parlamenten eingesetzten Kontrollgremien, durch die Innenministerien, durch die Gerichte sowie durch die Bundesbzw. Landesbeauftragten f\u00fcr Datenschutz. Sie besitzen keine Zwangsbefugnisse, die ausschlie\u00dflich in die Zust\u00e4ndigkeit der Polizeibeh\u00f6rden fallen (Artikel 97 Verfassung des Freistaats Th\u00fcringen). Sie unterscheiden sich damit grundlegend sowohl von der \"Geheimen Staatspolizei\" (Gestapo) der Nationalsozialisten als auch vom \"Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit\" (MfS) der ehemaligen DDR. Jene Institutionen waren darauf ausgerichtet, totalit\u00e4re Systeme abzusichern und abzuschirmen, wohingegen der Verfassungsschutz die freiheitliche demokratische Grundordnung in der Bundesrepublik sch\u00fctzt. F\u00fcr Verfassungsschutzbeh\u00f6rden besteht eine strikte Bindung an Recht und Gesetz. Sie dienen keiner Partei, sondern sind dem Mehrparteiensystem als essentiellem Bestandteil der freiheitlichen demokratischen Grundordnung verpflichtet. Vor dem Hintergrund, dass bei dem Th\u00fcringer Verfassungsschutz und anderen Sicherheitsbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder im Zusammenhang mit den Vorkommnissen um die Terrorgruppe \"Nationalsozialistischer Untergrund\" (NSU) ein weitreichendes Beh\u00f6rdenversagen vorlag, wurden Verfassungsschutzgesetze ge\u00e4ndert, bzw. in Th\u00fcringen neu gefasst. Damit wurden aus den Ergebnissen der Parlamentarischen Untersuchung pr\u00e4zise neue rechtliche Vorgaben f\u00fcr eine erfolgreiche und transparente T\u00e4tigkeit des Th\u00fcringer Verfassungsschutzes geschaffen. Die Unterrichtung der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber verfassungsschutzrelevante Bestrebungen ist geboten, wenn auf Tatsachen gest\u00fctzte Anhaltspunkte vorliegen, die in ihrer Gesamtschau zu der Bewertung f\u00fchren, dass eine Bestrebung gegen die Freiheitliche Demokratische Grundordnung vorliegt, d. h. ein Personenzusammenschluss verfassungsfeindliche Ziele verfolgt und damit die Feststellung seines extremistischen Charakters verbunden ist. Die Darstellungen im Verfassungsschutzbericht sind nicht abschlie\u00dfend, sondern geben wesentliche Entwicklungen w\u00e4hrend eines konkreten Berichtszeitraums wieder. Eine Berichterstattung kann bereits dann 4","in Betracht kommen, wenn hinreichend gewichtige Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht extremistischer Bestrebungen vorliegen, die aufgrund eines im konkreten Fall hinzutretenden besonderen Aufkl\u00e4rungsinteresses der \u00d6ffentlichkeit eine Erw\u00e4hnung erfordern. Diese Verdachtsf\u00e4lle sind als solche im Text kenntlich gemacht. 2. Das Amt f\u00fcr Verfassungsschutz (AfV) beim Th\u00fcringer Ministerium f\u00fcr Inneres, Kommunales und Landesentwicklung Aufgaben und Befugnisse Mit dem Th\u00fcringer Verfassungsschutzgesetz (Th\u00fcrVerfSchG) bestehen pr\u00e4zise rechtliche Vorgaben f\u00fcr eine erfolgreiche und transparente T\u00e4tigkeit des Th\u00fcringer Verfassungsschutzes im demokratischen Rechtsstaat. Kernaufgaben des AfV sind die Sammlung und Auswertung von Informationen zum politischen Extremismus, zu Terrorismus und Spionage im Vorfeld polizeilicher Ma\u00dfnahmen. Zu diesem Zweck beobachtet es gem\u00e4\u00df SS 4 Th\u00fcrVerfSchG: 1. Bestrebungen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind oder eine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der Amtsf\u00fchrung der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes oder ihrer Mitglieder zum Ziel haben, 2. sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten im Geltungsbereich des Grundgesetzes f\u00fcr eine fremde Macht, 3. Bestrebungen im Geltungsbereich des Grundgesetzes, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, 4. Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten im Geltungsbereich des Grundgesetzes, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, insbesondere gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind. Einen nicht unerheblichen Teil seiner Informationen - insbesondere solche, ob tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr verfassungsschutzrelevante Bestrebungen bestehen - sch\u00f6pft das AfV aus \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Quellen. Dar\u00fcber hinaus ist das AfV in gesetzlich festgelegten Grenzen und unter Wahrung der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit befugt, im Rahmen seines Beobachtungsauftrags Informationen auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln (z. B. Observationen, Telefon\u00fcberwachungen) zu beschaffen. 5","Die in Berichten, Lagebildern und Analysen zusammengefassten Erkenntnisse erm\u00f6glichen es der Landesregierung, rechtzeitig Ma\u00dfnahmen zur Abwehr von Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung einzuleiten. Gem\u00e4\u00df den gesetzlichen Vorgaben \u00fcbermittelt das AfV relevante Erkenntnisse unverz\u00fcglich nach Bekanntwerden an die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden. Das AfV ist in den gemeinsamen Informationsund Kommunikationsplattformen der deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden (Gemeinsames Terrorismusabwehrzentrum - GTAZ, Gemeinsames Extremismusund Terrorismusabwehrzentrum zur Bek\u00e4mpfung des Rechtsextremismus/-terrorismus, des Linksextremismus/-terrorismus, des Ausl\u00e4nderextremismus/-terrorismus und der Spionage einschlie\u00dflich proliferationsrelevanter Aspekte - GETZ) vertreten. Des Weiteren obliegen dem AfV Mitwirkungspflichten im Bereich des Geheimund Sabotageschutzes (z. B. Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen f\u00fcr in sicherheitsempfindlichen Bereichen t\u00e4tige Personen). Das Th\u00fcrVerfSchG sieht in SS 5 zudem eine geeignete Informationsund \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Amtes vor. Zudem bestehen ausf\u00fchrliche Regelungen \u00fcber Umfang und Grenzen des Einsatzes nachrichtendienstlicher Mittel einschlie\u00dflich des Schutzes des Kernbereichs privater Lebensgestaltung 1 sowie die beim Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel einzuhaltenden Verfahren. Die Zusammenarbeit von Verfassungsschutz und Polizei in der Th\u00fcringer Informationsund Auswertungszentrale (TIAZ) wurde in einer eigenst\u00e4ndigen gesetzlichen Regelung verankert. 2 1 Der Kernbereich privater Lebensgestaltung stellt einen Raum h\u00f6chstpers\u00f6nlicher Privatheit dar, welcher verfassungsm\u00e4\u00dfig gesch\u00fctzt und einem Zugriff durch staatliche \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen vollumf\u00e4nglich entzogen ist. Hinweise auf begangene oder geplante Straftaten fallen aufgrund ihres Sozialbezugs nicht hierunter. Einfachgesetzliche Regelungen zum Schutz des Kernbereiches privater Lebensf\u00fchrung finden sich etwa in SS 10 Abs. 6 Th\u00fcrVerfSchG und SS 3a Artikel 10-Gesetz (G10). 2 Siehe dazu SS 4 Abs. 4 Th\u00fcrVerfSchG. 6","Aufbau und Organisation Der Th\u00fcringer Verfassungsschutz verf\u00fcgte im Haushaltsjahr 2024 \u00fcber 105 Stellen und Planstellen. F\u00fcr die Wahrnehmung seiner Aufgaben waren ihm durch das Haushaltsgesetz Mittel in H\u00f6he von 8.620.300 Euro zugewiesen. 3 Der Verfassungsschutz Th\u00fcringen ist f\u00fcr die interessierte \u00d6ffentlichkeit \u00fcber folgende Kontakte erreichbar: Amt f\u00fcr Verfassungsschutz beim Th\u00fcringer Ministerium f\u00fcr Inneres, Kommunales und Landesentwicklung Postfach 450 121 99051 Erfurt Telefon: 0361 573313-850 Telefax: 0361 573313-482 Internet: https://verfassungsschutz.thueringen.de E-Mail: afvkontakt@tmikl.thueringen.de Struktur des AfV 3 Siehe dazu Landeshaushaltsplan 2024, Einzelplan 03, S. 68 ff. 7","Stabsstelle Controlling Die Stabsstelle Controlling unterst\u00fctzt den Pr\u00e4sidenten des AfV durch unabh\u00e4ngige und objektive Pr\u00fcfungsund Beratungsdienstleistungen in seiner Leitungsfunktion. Sie hat die Aufgabe, regelm\u00e4\u00dfig die Rechtund Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der nachrichtendienstlichen und sonstigen ihr zugewiesenen Ma\u00dfnahmen zu \u00fcberpr\u00fcfen und dem Pr\u00e4sidenten des AfV Bericht zu erstatten (SS 2 Absatz 4 Th\u00fcrVerfSchG). Die Stabsstelle ist dem Pr\u00e4sidenten des AfV unmittelbar zugeordnet, jedoch in der Beurteilung der Rechtund Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der eingesetzten nachrichtendienstlichen Mittel nicht an Weisungen des Pr\u00e4sidenten, seines Vertreters oder des zust\u00e4ndigen Ministeriums gebunden. Die Stabsstelle Controlling ist dar\u00fcber hinaus personell und organisatorisch von den \u00fcbrigen Referaten des AfV getrennt, nicht zuletzt, um auch insoweit eine unabh\u00e4ngige Pr\u00fcfung zu gew\u00e4hrleisten. Die Referate des AfV haben der Stabsstelle Controlling kontinuierlich schriftlich Bericht dar\u00fcber zu erstatten, in welchen Ph\u00e4nomenbereichen und beobachteten Personenzusammenschl\u00fcssen nachrichtendienstliche Mittel eingesetzt werden. Diese Berichtspflichten betreffen besondere grundrechtsund sicherheitsrelevante Vorkommnisse, die sich im Rahmen des Einsatzes nachrichtendienstlicher Mittel ereignen k\u00f6nnen. Bei besonderen oder schwierigen Vorkommnissen kann die Parlamentarische Kontrollkommission verlangen, dass die Stabsstelle Controlling diese auch unmittelbar unterrichtet (SS 2 Abs. 4 Satz 6 Th\u00fcrVerfSchG). Referat 50 \"Grundsatzund Rechtsangelegenheiten, G10, Gremienarbeit, Pressestelle\" Das Referat 50 bearbeitet die Grundsatzund Rechtsangelegenheiten des Amtes. Weiterhin werden in diesem Arbeitsbereich Sitzungen verschiedener Gremien, z. B. der Parlamentarischen Kontrollkommission und der G10-Kommission des Th\u00fcringer Landtags sowie verschiedener Bund-L\u00e4nder-Gremien vorbereitet. Die Bearbeitung von parlamentarischen Anfragen, Petitionen und Auskunftsersuchen von B\u00fcrgern z\u00e4hlt ebenso zu den Aufgaben des Referates wie die Begleitung der Rechtsetzung auf dem Gebiet des Verfassungsschutzes, des Geheimschutzes oder relevanter Bundesratsverfahren. Das gro\u00dfe Interesse der Mitglieder des Th\u00fcringer Landtags an den Themenfeldern, die vom AfV zu bearbeiten sind, zeigt sich an der Anzahl diesbez\u00fcglicher parlamentarischen Anfragen. So war das AfV mit der Bearbeitung von 107 Kleinen Anfragen und 3 M\u00fcndlichen Anfragen befasst. 8","Dar\u00fcber hinaus ist das Referat mit der Durchf\u00fchrung der Verfahren zur Postund Telekommunikations\u00fcberwachung (G10) betraut. Des Weiteren ist die Pressestelle des AfV organisatorisch dem Referat zugeordnet. Referat 51 \"Auswertung Islamismus/Auslandsbezogener Extremismus\" Das Referat 51 erh\u00e4lt vom Referat \"Beschaffung\" Informationen zu den Aufgabenfeldern Islamismus und auslandsbezogener Extremismus. Es lenkt diesen Informationsfluss, f\u00fchrt die Erkenntnisse mit anderen Informationen, etwa aus offen zug\u00e4nglichen Quellen, zusammen und wertet sie aus. Referat 52 \"Auswertung Rechtsextremismus/Linksextremismus, Th\u00fcringer Informations-Auswertungs-Zentrale von Polizei und Verfassungsschutz (TIAZ)\" Das Referat 52 erh\u00e4lt vom Referat \"Beschaffung\" Informationen zu den Bereichen Rechtsund Linksextremismus. Es lenkt diesen Informationsfluss, f\u00fchrt die Erkenntnisse mit anderen Informationen, etwa aus offen zug\u00e4nglichen Quellen, zusammen und wertet sie aus. Aufgabe der seit 2007 bestehenden TIAZ, einer Projektorganisation des Th\u00fcringer Landeskriminalamts (TLKA) und des Th\u00fcringer Verfassungsschutzes, ist es, die in der jeweiligen Zust\u00e4ndigkeit erlangten Informationen zu politisch motivierter Kriminalit\u00e4t in den Ph\u00e4nomenbereichen \"Rechts\", \"Links\" und \"Ausl\u00e4nder\" sowie den Erscheinungsformen des internationalen Terrorismus zu b\u00fcndeln und einer gemeinsamen Analyse zuzuf\u00fchren. Die TIAZ \u00fcbernimmt dar\u00fcber hinaus die Aufgaben des Freistaats Th\u00fcringen im Wirkbetrieb der \"Antiterrordatei\" (ATD). Referat 53 \"Beschaffung\" Dieses Referat hat die Aufgabe, durch Ermittlungen und den Einsatz von nachrichtendienstlichen Mitteln die f\u00fcr die Erf\u00fcllung des gesetzlichen Auftrags erforderlichen Informationen zu beschaffen. 9","Referat 54 \"Querschnittsaufgaben\" Das Referat \"Querschnittsaufgaben\" ist f\u00fcr den inneren Dienstbetrieb und die Wahrnehmung von Mitwirkungspflichten nach dem Waffengesetz, dem Luftsicherheitsgesetz, dem Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz, dem Sprengstoffgesetz sowie dem Aufenthaltsgesetz und der Gewerbeordnung zust\u00e4ndig. Referat 55 \"Geheimschutz, Spionageabwehr, Scientology Organisation\" In dem Sachgebiet \"Geheimschutz\" werden Angelegenheiten des personellen und materiellen Geheimschutzes sowie Mitwirkungspflichten des Verfassungsschutzes gem\u00e4\u00df dem Th\u00fcringer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetz wahrgenommen. Dem Sachgebiet \"Spionageabwehr\" obliegt es, die unerlaubte T\u00e4tigkeit fremder Nachrichtendienste im Freistaat aufzukl\u00e4ren. Zudem wird etwaigen Hinweisen auf fr\u00fchere, fortwirkende Strukturen der Aufkl\u00e4rungsund Abwehrdienste der ehemaligen DDR nachgegangen. In einem weiteren Sachgebiet werden Hinweise auf m\u00f6gliche Bet\u00e4tigungen der in Th\u00fcringen bislang nicht organisatorisch vertretenen \"Scientology Organisation\" bearbeitet. Kontrollinstanzen des Verfassungsschutzes Allgemeine parlamentarische Kontrolle Parlamentarische Kontrollkommission des Th\u00fc(parlamentarische Anfragen, Petitionen von B\u00fcrringer Landtags gern) Amt f\u00fcr Verfassungsschutz Landesrechnungshof (Stabsstelle Controlling) Verwaltungsgerichte Landesbeauftragter f\u00fcr den Datenschutz und die G10-Kommission des Th\u00fcringer Landtags Informationsfreiheit Parlamentarische Kontrolle Gegen\u00fcber der Parlamentarischen Kontrollkommission besteht eine umfassende Unterrichtungspflicht \u00fcber die allgemeine T\u00e4tigkeit des AfV (SS 27 Abs. 1 Th\u00fcrVerfSchG). Dabei bilden die mit nachrichtendienstlichen Mitteln gewonnenen Erkenntnisse einen Schwerpunkt. 10","Zudem ist der Landesregierung eine strukturierte Berichterstattung \u00fcber die ma\u00dfgeblichen operativen Vorg\u00e4nge im Verfassungsschutz gegen\u00fcber der Parlamentarischen Kontrollkommission aufgegeben (SS 27 Abs. 2 Th\u00fcrVerfSchG). Dies betrifft im Einzelnen eine \u00dcbersicht \u00fcber den Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel in den verschiedenen Ph\u00e4nomenbereichen, die Information \u00fcber die Festlegung der einzelnen Beobachtungsobjekte, die Information \u00fcber die Herstellung des Einvernehmens beziehungsweise des Benehmens f\u00fcr das T\u00e4tigwerden von Verfassungsschutzbeh\u00f6rden anderer L\u00e4nder respektive des Bundes in Th\u00fcringen, die Vorlage von Regelungen \u00fcber die Verg\u00fctung von V-Leuten zur Kenntnis und die Unterrichtung \u00fcber die Feststellung eines Informations\u00fcbermittlungsverbotes durch den Verfassungsschutz. Dar\u00fcber hinaus ist die Unterrichtung der Parlamentarischen Kontrollkommission \u00fcber den Erlass und jede \u00c4nderung von Dienstanweisungen (SS 27 Abs. 5 Th\u00fcrVerfSchG) gesetzlich verankert. F\u00fcr den Erlass und die \u00c4nderung der Dienstanweisung zum Einsatz von V-Leuten ist eine Anh\u00f6rung der Parlamentarischen Kontrollkommission vorgeschrieben (SS 12 Abs. 6 S\u00e4tze 6 und 7 Th\u00fcrVerfSchG). Die umfangreichen Unterrichtungspflichten der Landesregierung und Kontrollbefugnisse der Parlamentarischen Kontrollkommission erm\u00f6glichen eine umfassende parlamentarische Kontrolle der T\u00e4tigkeit des AfV und eine zus\u00e4tzliche Sicherung der Grundrechte betroffener Personen. Nach SS 33 Th\u00fcrVerfSchG unterrichtet die Parlamentarische Kontrollkommission unter Beachtung der Geheimhaltungspflichten den Landtag mindestens alle zwei Jahre \u00fcber ihre T\u00e4tigkeit. 11","II. Rechtsextremismus 1. \u00dcberblick: Rechtsextremismus in Th\u00fcringen Die im Jahr 2024 durchgef\u00fchrten Kommunal-, Europaund Landtagswahlen in Th\u00fcringen und die damit verbundenen Debatten haben einmal mehr die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung verdeutlicht. Waren noch zu Beginn des Jahres aufgrund der ver\u00f6ffentlichten \"Correctiv\"-Recherchen und den dadurch bekannt gewordenen umfassenden \"Remigrationspl\u00e4nen\" diverser rechtsextremistischer Akteure die Normalisierung deren Ideologie Gegenstand bundesweiter Proteste, konnte doch bereits zu den Kommunalund Europawahlen im Mai ein nivellierter Effekt festgestellt werden: Der Landesverband Th\u00fcringen der Partei \"Alternative f\u00fcr Deutschland\" (AfD Th\u00fcringen) ging als zweitst\u00e4rkste Kraft aus der Kommunalwahl hervor. Jedoch bereits bei der Europawahl erzielte er mit 30,7 % zwar nicht das eigens ausgegebene Ziel, schnitt jedoch dennoch als st\u00e4rkste politische Kraft im Land ab. Dieser Trend verfestigte sich zu den im September durchgef\u00fchrten Landtagswahlen, bei denen der Landesverband gar 32,8 % errang. Dass dies nicht zwangsl\u00e4ufig in eine sp\u00e4tere Regierungsbeteiligung m\u00fcndete, d\u00fcrfte Anh\u00e4nger der Partei in ihrer \u00dcberzeugung, von den \"etablierten Parteien\" gleichsam grundlos ausgeschlossen zu werden, best\u00e4tigt haben. Das Wahljahr in Th\u00fcringen l\u00e4sst eine besorgniserregende Entwicklung feststellen: Die rechtsextremistische AfD Th\u00fcringen erzielte - trotz fortw\u00e4hrender gesellschaftlicher, politischer und juristischer Debatten \u00fcber die m\u00f6glichen Auswirkungen und ungeachtet der Einstufung als gesichert rechtsextremistische Bestrebung durch das AfV im Jahr 2021hohe Wahlergebnisse und breite Zustimmungswerte im Land. Vor allem hinsichtlich migrations-, gesellschaftsund au\u00dfenpolitischer Fragestellungen nutzte die AfD Th\u00fcringen bestehende Unzufriedenheiten und \u00c4ngste der Bev\u00f6lkerung zielgerichtet zum Zwecke der Agitation gegen Menschenw\u00fcrde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Dabei orientiert sich die Partei in Th\u00fcringen weiterhin an einem ethnischen Volksbegriff, der unvereinbar mit dem Grundgesetz ist und Menschen in deren Menschsein abwertet. Eine M\u00e4\u00dfigung der AfD Th\u00fcringen ist in Anbetracht dessen vorerst nicht zu erwarten. Auch die Jugendorganisation der Partei, die \"Junge Alternative Th\u00fcringen\" (JA), glich sich der Mutterpartei best\u00e4ndig weiter an und verfolgte das Ziel der sukzessiven Normalisierung verfassungsfeindlicher Positionen. Im M\u00e4rz des Berichtsjahres wurde sie durch das AfV als erwiesen extremistische Bestrebung eingestuft. 12","Im Bereich der politisch rechtsmotivierten Strafund Gewalttaten im Freistaat Th\u00fcringen ist ein neuer H\u00f6chststand zu konstatieren. Der Gleichlauf von gesellschaftlicher Polarisierung sowie schleichender Normalisierung extremer und extremistischer Handlungen zeigt sich hier besonders deutlich. Handlungsund Aktionsformen, die sich verst\u00e4rkt an Jugendliche oder junge Erwachsene richten, gewannen im Jahr 2024 insgesamt an Bedeutung. So hat sich beispielsweise die \"Nationalrevolution\u00e4re Jugend\" (NRJ), die Jugendorganisation der Partei \"Der III. Weg\", in Th\u00fcringen etabliert. Deren Rekrutierungspotenzial verwirklicht sich prim\u00e4r durch die Nutzung sozialer Netzwerke und Bez\u00fcge zum (Kampf-)Sport. Vermehrt traten auch andere, virtuelle Gruppierungen auf, die die volatile Zielgruppe mit Hilfe niederschwelliger Ansprache und aktionsorientierten Handlungsformen bezogen auf gemeinsame Feindbilder f\u00fcr sich gewinnen konnten. Die rechtsextremistische Szene in Th\u00fcringen ist seit dem Jahr 2024 daher zum einen durch parteigebundene Nachwuchsorganisationen wie die NRJ und die \"Jungen Nationalisten\" (JN), zum anderen aber auch verst\u00e4rkt durch neue Gruppierungen gepr\u00e4gt. Deren regelm\u00e4\u00dfig zun\u00e4chst virtueller Charakter geht vermehrt auch in realweltliche Aktionsformen \u00fcber, wobei als ein wesentlich pr\u00e4gendes Agitationsfeld die Queerfeindlichkeit benannt werden kann. Angeh\u00f6rige der LGBTQIA+-Community geh\u00f6ren schon lange zum zentralen Feindbild von Rechtsextremisten - der vermeintlichen \"Entartung\" oder dem \"Genderwahn\" wurde jedoch zunehmend offensiver, etwa durch St\u00f6raktionen von \"Christopher Street Day\"-Veranstaltungen, entgegengetreten. Hier zeigt sich die schleichende Normalisierung rechtsextremistischer Narrative besonders deutlich: Die Ver\u00e4chtlichmachung einzelner Bev\u00f6lkerungsgruppen durch queerfeindliche \u00c4u\u00dferungen wird mit teilweise aggressiver rechtsextremistischer Rhetorik und Agitation verbunden. Ohne dezidiert rechtsextremistische Programmatik in den Vordergrund zu stellen wird so versucht, eine immer j\u00fcngere, teilweise ideologisch noch nicht gefestigte Personengruppe \u00fcber aktionsorientierte Handlungsformen an die rechtsextremistische Ideologie heranzuf\u00fchren. Dabei sind sowohl gebundene als auch ungebundene Strukturen beteiligt, wodurch neue Resonanzen und Schnittmengen rechtsextremistischer Bestrebungen entstehen. Hinsichtlich rechtsextremistischer Musikveranstaltungen hat sich im Berichtszeitraum der Trend weg von gr\u00f6\u00dferen Konzerten hin zu kleineren, \u00fcberschaubaren Veranstaltungen, die h\u00e4ufig konspirativ organisiert werden, weiter durchgesetzt. 13","Th\u00fcringen Bund 2022 2023 2024 2022 2023 2024 AfD (LV TH) 1.300 1.650 2.050 10.200 11.300 20.000 \"Die Heimat\" 100 100 80 3.000 2800 2.500 \"Der III. Weg\" 30 30 30 700 800 950 parteiunabh\u00e4ngiges 300 400 440 8.500 8.500 8.500 bzw. parteiungebundenes Spektrum weitgehend unstruktu670 700 700 16.000 17.000 18.000 rierte Rechtsextremisten davon gewaltorientierte 350 350 350 14.000 14.500 15.300 Rechtsextremisten Tabelle1: Gesch\u00e4tztes rechtsextremistisches Mitgliederund Personenpotenzial Das rechtsextremistische Personenpotenzial in Th\u00fcringen belief sich 2024 insgesamt auf etwa 3.300 Personen (2023: 2.880) 14","2. Rechtsextremistische Parteien \"Alternative f\u00fcr Deutschland\" (AfD), Landesverband Th\u00fcringen Der AfD Landesverband Th\u00fcringen (AfD Th\u00fcringen) wurde im Jahr 2013 gegr\u00fcndet; seine F\u00fchrung obliegt seit Juni 2014 den Rechtsextremisten Bj\u00f6rn H\u00f6cke und Stefan M\u00f6ller. Auf dem Landesparteitag im Dezember 2024 wurden beide mit \u00fcber 90 Prozent wiedergew\u00e4hlt. Sie vertreten den Standpunkt der Partei zu gesellschaftlichen Themen nach au\u00dfen und sind organisationspr\u00e4gend f\u00fcr die AfD Th\u00fcringen. 4 Der Landesverband umfasst zw\u00f6lf Kreisverb\u00e4nde, die sich wiederum in diverse Gebietsund Stadtverb\u00e4nde untergliedern. Aufgrund einer im Berichtszeitraum beschlossenen Organisationsreform sollen k\u00fcnftig weitere regionale Strukturen der Partei aufgebaut werden. Die AfD Th\u00fcringen verzeichnet auch im Jahr 2024 erhebliche Zuw\u00e4chse; ihr Gesamtpotenzial bel\u00e4uft sich auf ca. 2.050 Personen (2023: 1.650). Sie ist in allen kommunalen Gremien der Landkreise und kreisfreien St\u00e4dte vertreten. Im Landkreis Sonneberg stellt sie derzeit den Landrat. Im Zuge der Kommunalwahl am 24. Mai konnte die AfD ihren kommunalpolitischen Einfluss in Th\u00fcringen weiter ausbauen. Bei der Landtagswahl in Th\u00fcringen am 1. September erreichte sie 32 Mandate und stellt damit die gr\u00f6\u00dfte Fraktion im 8. Th\u00fcringer Landtag. F\u00fcnf Abgeordnete bilden im Berichtszeitraum die Th\u00fcringer Landesgruppe der AfD im Deutschen Bundestag. Die AfD Th\u00fcringen ist eine erwiesen rechtsextremistische Bestrebung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Im Kern steht das - im Landesverband weitestgehend unumstrittene - ethnisch-abstammungsm\u00e4\u00dfig gepr\u00e4gte Volksverst\u00e4ndnis, das die Grundannahme in sich geschlossener ethnischer Einheiten in sich tr\u00e4gt. Danach kann ein Volk nur auf der Basis einer - etwa sozial, kulturell, religi\u00f6s oder intellektuell - homogenen Bev\u00f6lkerung gebildet werden. Der Landesverband vertritt die Ansicht, dass das deutsche Volk nicht aus dessen Staatsangeh\u00f6rigen bestehe, sondern vielmehr aus der Gesamtheit der abstammungsm\u00e4\u00dfigen Deutschen. Verschiedene Ethnien sind hier dann jedoch auch nicht gleichberechtigt, sondern st\u00fcnden aufgrund deren unterschiedlicher \"Wertigkeit\" in einem \u00dcber-Unterordnungsverh\u00e4ltnis. Diese gelte es durch Abgrenzung bzw. Ausgrenzung von allem Andersartigen zu wahren. 4 Vgl. Verwaltungsgericht K\u00f6ln, Urteil vom 8. M\u00e4rz 2022, 13 K 326/21 Rn. 104, 739; Oberverwaltungsgericht M\u00fcnster, Urteil vom 13. Mai 2024, 5A 1217/22 Rn. 163. 15","Das Ziel ist die Erhaltung bzw. Wiederherstellung eines ethnisch-homogenen deutschen Staatsvolkes. Daraus werden Forderungen nach der Beendigung jeglichen Zuzuges von ethnisch \"Fremden\" und, so sich diese bereits in Deutschland aufhalten, nach einer umfassenden \"Remigration\" abgeleitet. Die Ausrichtung an einem ethnisch-kulturellen Volksbegriff hat, wie auch gerichtlich festgestellt worden ist, keinen \"rein deskriptiv[en]\" Charakter, sondern ist mit \"Wertungen\" verbunden, die nicht zuletzt unter Verwendung von \"martialischen Begriffen\" zu einer \"Abwertung zugewanderter Menschen f\u00fchren\" und das Postulat des \"Erhalt[s] der ethnisch-kulturellen Identit\u00e4t\" zum Gegenstand haben. 5 Dabei wird von einer ethnisch begr\u00fcndeten und damit irreversiblen Ungleichheitsannahme zwischen einzelnen Menschen und Bev\u00f6lkerungsgruppen ausgegangen. Der einzelne Mensch, der im Zentrum der freiheitlichen demokratischen Grundordnung steht, wird dadurch auf dessen biologisch abgeleitete ethnische Zugeh\u00f6rigkeit reduziert. Dies stellt einen Versto\u00df gegen das egalit\u00e4re Prinzip der Menschenw\u00fcrde dar. Auch im Berichtszeitraum ist im Landesverband diesbez\u00fcglich keine politische M\u00e4\u00dfigung eingetreten; vielmehr wird best\u00e4ndig das Ziel der gesellschaftlichen Normalisierung des aggressiven Duktus und die Herstellung der Anschlussf\u00e4higkeit von menschenfeindlichen Positionen im \u00f6ffentlichen Diskurs verfolgt. Das ethnisch-abstammungsm\u00e4\u00dfig gepr\u00e4gte Volksverst\u00e4ndnis wird durch die Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlung untermauert, Eliten in Deutschland betrieben gemeinsam mit globalistischen Akteuren die volksfeindliche Agenda einer \"Umvolkung\" oder eines \"Bev\u00f6lkerungsaustausches\". Damit ist die schrittweise Ersetzung einer als \"autochthon\" 6 definierten Mehrheitsbev\u00f6lkerung durch vornehmlich muslimische Zuwanderer aus Afrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten gemeint. Es wird der Eindruck einer \u00dcberw\u00e4ltigung des deutschen Volkes durch Zuwanderung erweckt, indem Bj\u00f6rn H\u00f6cke etwa in einer Rede am 13. August unterstellt: \"Die Kartellparteien schaffen sich gerade ein neues Volk. Freunde, das m\u00fcssen wir verhindern, sonst verlieren wir diese Demokratie. Sonst verlieren wir diese deutsche Demokratie.\" Durch diese vermeintliche ethnische Zersetzung werde die Gesellschaft gezielt destabilisiert, wie er in seiner Rede am 20. Juli zum Auftakt des AfD-Landtagswahlkampfes in Th\u00fcringen ausf\u00fchrte: \"Die Politiker, f\u00fcr die das th\u00fcringische Volk und das deutsche Volk nur eine St\u00f6rgr\u00f6\u00dfe sind bei der Durchsetzung ihrer globalen Agenden, egal ob das die Transformation der Wirtschaft ist, die Energiewende, Great Reset, Gender Mainstream, Geschlechter-Irrsinn, Multikulturalit\u00e4t und so weiter und so weiter.\" Mit dieser Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlung geht regelm\u00e4\u00dfig die Behauptung einher, die \"M\u00e4chtigen\" w\u00fcrden ihr Vorgehen durch Denkund Sprechverbote zu decken versuchen. 5 Verwaltungsgericht K\u00f6ln, Urteil vom 8. M\u00e4rz 2022, 13 K 326/21 Rn. 816; vgl. auch Oberverwaltungsgericht M\u00fcnster, Urteil vom 13. Mai 2024, 5 A 1217/22 Rn. 199. 6 Sinngem\u00e4\u00df: einheimisch oder alteingesessen, auch im biologischen Sinn. 16","Bei der Agitation gegen staatlichen Akteure werden in der rechtsextremistischen Szene verbreitete Erz\u00e4hlungen \u00fcbernommen. Als am 31. Mai in Mannheim ein in Deutschland lebender Afghane auf einer islamfeindlichen Veranstaltung Teilnehmer angriff und anschlie\u00dfend einen Polizeibeamten t\u00f6dlich verletzte, der in dieser un\u00fcbersichtlichen Situation einen Veranstaltungsordner am Boden fixierte, wurde diesem Sachverhalt eine symbolische Bedeutung zugemessen. Besondere Verbreitung fand ein Bild, in dem der Polizist mit dem Begriff \"Staat\", die am Boden fixierte Person mit dem Begriff \"Volk\" und der Angreifer mit dem Begriff \"Migration\" bezeichnet ist. H\u00f6cke griff das Bild in \u00e4hnlicher Weise auf und annotierte: \"Die Polizei dreht der eigentlichen Gefahr den R\u00fccken zu, fixiert stattdessen einen unschuldigen Deutschen und wird selbst zum Opfer\". \u00c4hnlich wie im urspr\u00fcnglichen Meme wird mit der Aussage \"Deutschlands Dilemma in einem Bild\" vom Einzelfall auf die Gesamtheit abstrahiert. Die Tat soll somit als symptomatisch betrachtet werden: Der deutsche Staat unterdr\u00fccke Migrationskritik; Migration \"t\u00f6te\" den deutschen Staat. Mit dem Aufgreifen exakt dieses Frames schlie\u00dft H\u00f6cke zudem bewusst an rechtsextremistische Subkultur an und bedient sich deren Codes als Erkennungszeichen. In einem Facebook-Beitrag vom 30. Oktober empfiehlt Bj\u00f6rn H\u00f6cke einen Online-Artikel 7 als \"lesenswert\", in dem eine Karikatur aus dem historischen Nationalsozialismus Verwendung fand. 8 Sie zeigt das \"Feindbild Amerika\" als monstr\u00f6se, paradoxe Gestalt, die die kulturelle Vernichtung (\"Kultur-Terror\") europ\u00e4ischer V\u00f6lker betreibe. Amerika wird als kulturlose, ethnisch-durchmischte Plutokratie dargestellt. Verschiedene Symbole suggerieren insbesondere einen j\u00fcdischen Einfluss, wodurch die Erz\u00e4hlung einer globalistisch-j\u00fcdischen Weltverschw\u00f6rung Verbreitung finden soll. Auch H\u00f6ckes Kommentar stellt im Sinne der skizzierten Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlung in Frage, \"in welchem Interesse Deutschland regiert wird.\" Als Beleg nennt er die \"Zerst\u00f6rung des Demos (Volkes) durch Multikulturalisierung\". Au\u00dferdem betont er die Gr\u00f6\u00dfe des Reformbedarfs hin zur einer (echten) 7 Zeitschrift f\u00fcr nationale Identit\u00e4t, Beitrag vom 29.10.2024: Wer regiert hier eigentlich? Die Karikatur wurde sp\u00e4ter aus dem Artikel entfernt. 8 Die Karikatur stammt von dem Norweger Harald Damsleth (1906-1971), der in den 1940er Jahren als Plakatpropagandist f\u00fcr die nationalsozialistische Partei Norwegens t\u00e4tig war. Die Karikatur wurde 1944 in der niederl\u00e4ndischen Zeitung \"Storm SS\" ver\u00f6ffentlicht. 17","\"Volkssouver\u00e4nit\u00e4t\". Bereits in der Vergangenheit bediente H\u00f6cke vergleichbare Erkl\u00e4rungsmuster, wobei er zur Beschreibung dieser globalistischen Akteure antisemitische Stereotype verwendete. Durch regelm\u00e4\u00dfige pauschale Ver\u00e4chtlichmachung zielt die AfD Th\u00fcringen auf eine gesellschaftliche Segregation ethnisch Fremder ab. Robert Teske behauptete am 24. August in einem Telegram-Video: \"Multikulturelle Gesellschaften werden zwangsl\u00e4ufig zu multikriminellen Gesellschaften\". Eine AfD-Kandidatin f\u00fcr die Landtagswahl 2024 sagte bei einer Rede am 23. August in Heilbad Heiligenstadt: \"Sie (gemeint sind Migranten) pl\u00fcndern unsere Sozialsysteme, die Kriminalit\u00e4t steigt sprunghaft und unser Vaterland wird immer mehr untergraben. [...] Deutschland hat mittlerweile 84 Millionen Einwohner. Davon sind 30 Millionen mit Migrationshintergrund. Damit unser Vaterland unser Vaterland bleibt, darf es nicht von Kulturfremden \u00fcberrollt werden. Nur dann werden unsere Kinder und Enkelkinder auch eine Zukunft haben.\" Aus der Migrationsgeschichte werden pauschal negative Merkmale abgeleitet und Einzelne in menschenw\u00fcrdewidriger Weise auf diese Gruppenmerkmale reduziert. Am 13. August stellte Bj\u00f6rn H\u00f6cke in einer Rede in Suhl die Gewaltaffinit\u00e4t \"migrantischer Gruppen\" heraus. Diese gingen durch \"systematisches Mobbing\" und \"systematische Gewalt\" gezielt gegen \"Biodeutsche\" vor. Hier werden ethnische Konflikte konstruiert, um in der Gesellschaft \"Feindbilder\" zu etablieren und dadurch die eigene Partei bzw. ihren Landesverband in Th\u00fcringen als die einzig schl\u00fcssige Konsequenz zum Erhalt der - monoethnischen - deutschen Gesellschaft darzustellen. Dieser Sichtweise liegt die Auffassung einer feststehenden kulturellen Inkompatibilit\u00e4t zugrunde. Demnach werden Migranten aus islamisch gepr\u00e4gten Kontexten in derselben Rede H\u00f6ckes als minderwertig dargestellt: \"F\u00fcr uns ist die Messerkultur eben nicht die Kultur, mit der wir das Recht des St\u00e4rkeren durchsetzen, wie die Verr\u00fcckten, die das Messer nehmen, um genau das zu tun, weil sie aus archaischen kulturellen Kontexten kommen, die Gott sei Dank bei uns der Vergangenheit angeh\u00f6ren.\" Die Zugeh\u00f6rigkeit zu einem bestimmten Kulturkreis wird so mit einem psychopathologischen Agieren gleichgesetzt. Am 31. Juli schrieb H\u00f6cke anl\u00e4sslich eines Angriffs eines 17-J\u00e4hrigen auf eine Tanzschule in Southport (Gro\u00dfbritannien), bei dem mehrere Menschen, teils t\u00f6dlich verletzt wurden: \"Unsere Kinder werden niedergemetzelt, w\u00e4hrend die Politik und die gro\u00dfen Medien der entscheidenden Frage ausweichen: Es gibt Menschen, die wollen sich nicht in unsere Gesellschaft integrieren und die hassen unsere Werte. Es gibt eine signifikante H\u00e4ufung von diesen Problemen bei Angeh\u00f6rigen bestimmter Kulturkreise. Deswegen m\u00fcssen wir uns fragen, ob wir mit einer so gearteten kul18","turfremden Einwanderung tats\u00e4chlich weiter machen wollen.\" Daraus folgt f\u00fcr H\u00f6cke: \"St\u00e4dtenamen sind austauschbar, die T\u00e4terprofile gleichen sich. [...] Remigration kann Menschenleben retten!\" Ein besonders beachtetes Treffen u. a. mit Vertretern der AfD (ohne Th\u00fcringenbezug) in Potsdam f\u00fchrte zu Beginn des Berichtszeitraums zu \u00f6ffentlicher Kritik an Remigrationspl\u00e4nen der AfD. Bj\u00f6rn H\u00f6cke reagierte in einem Facebook-Beitrag vom 11. Januar darauf. Die Auslegung des Begriffes \"Remigration\" ist in der Szene ambivalent. F\u00fcr die AfD Th\u00fcringen geht \"Remigration\" \u00fcber gesetzlich geregelte Abschiebungen ausreisepflichtiger Personen hinaus und richtet sich parallel zu ihrer Agitation pauschal gegen ethnisch Fremde. Er schlie\u00dft folglich auch deutsche Staatsb\u00fcrger mit Migrationshintergrund ein. Demgem\u00e4\u00df lautet das erkl\u00e4rte Ziel der AfD Th\u00fcringen: \"Deutschland muss wieder deutscher werden.\" 9 Vertreter des Landesverbandes mahnen vor einem Szenario, in dem Deutsche zur Minderheit im eigenen Land werden. Deutschsein wird dabei in einem ethnisch-kulturellen Sinne verstanden; \"Remigration\" als L\u00f6sung propagiert. So forderte Robert Teske am 10. Dezember in einem Video auf der Plattform Telegram: \"Schluss mit Ersetzungsmigration, Zeit f\u00fcr Remigration!\" Von dem AfD-Kreisverband Kyffh\u00e4user hie\u00df es am 10. Oktober auf Telegram: \"millionfache Remigration statt Talahon 10.\" Die Formulierungen stehen f\u00fcr eine menschenw\u00fcrdewidrige Exklusion auch von deutschen Staatsangeh\u00f6riger aufgrund als irreversibel verstandener ethnisch-kultureller Kriterien. Wegen der wiederholten \u00f6ffentlichen Verwendung der SA-Losung \"Alles f\u00fcr Deutschland\" wurde Bj\u00f6rn H\u00f6cke im Mai und Juli 2024 durch das Landgericht Halle zu Geldstrafen verurteilt. 11 Innerhalb der AfD Th\u00fcringen f\u00fchrte dies zu einer Ver\u00e4chtlichmachung des Rechtsstaates und seiner Akteure. Ein Vorstandsmitglied der AfD Th\u00fcringen sprach in einem Beitrag bei Facebook am 26. April von \"Schauprozessen\", die das Ziel h\u00e4tten, den Wahlkampf zu beeinflussen. Zugleich wurde die Losung in abgewandelter Form u. a. 9 Konferenz der AfD-Fraktionsvorsitzenden Ost am 15.01.2024 in Erfurt. 10 Bezeichnung f\u00fcr junge M\u00e4nner vorwiegend arabischer Herkunft, die (mitunter gef\u00e4lschte) Luxusmodelabels sowie entsprechende Accessoires tragen und im sog. Gangsterstyle auftreten. 11 Landgericht Halle, Urteil vom 14.05.2024 - 5 KLs 6/2023 und 01.07.2024 - 5 KLs 802 Js 11101/24 (8/24). Beide Urteile sind noch nicht rechtskr\u00e4ftig. 19","von H\u00f6cke am 19. Juli weiterverwendet, in dem dieser auf Facebook f\u00fcr seine Homepage warb: \"99,9% f\u00fcr Deutschland. Mehr gibt es nur auf: www.afd-bjoern-hoecke.de\". Ein Vorstandmitglied des Kreisverbandes Gera - Jena - Saale-Holzland-Kreis beendete eine Wahlkampfrede am 16. August in Gera mit den Worten: \"F\u00fcr Deutschland alles!\" Die AfD Th\u00fcringen steht im Zentrum eines Geflechtes rechtsextremistischer oder durch Rechtsextremisten gepr\u00e4gter Organisationen. Funktionsund Mandatstr\u00e4ger der Partei weisen gefestigte Beziehungen zu Akteuren insbesondere des rechtsextremistischen Teils der Neuen Rechten auf. Diese strukturellen Verbindungen deuten auf ein strategisch agierendes Netzwerk hin, das auf gemeinsamen oder zumindest \u00e4hnlichen politischen \u00dcberzeugungen beruht. Gegenseitige Teilnahmen an Veranstaltungen, Arbeitsbesprechungen, das Teilen von Social Media-Beitr\u00e4gen, Bewerben von Produkten (insbesondere B\u00fcchern) sowie Interviews und Gastbeitr\u00e4ge in Onlineund Printmedien sind f\u00fcr diese Zusammenarbeit charakteristisch. Mit der auf dem Landesparteitag am 14. Dezember erfolgten Wiederwahl von Bj\u00f6rn H\u00f6cke und Stefan M\u00f6ller zu den Landessprechern der AfD Th\u00fcringen hat sich die dezidiert rechtsextremistische Grundausrichtung der Partei best\u00e4tigt. Dennoch konnte die Partei im Berichtszeitraum insbesondere bei der Kommunalwahl am 26. Mai und der Landtagswahl am 1. September weiteres W\u00e4hlerpotenzial erschlie\u00dfen. Die Rolle als Fundamentalopposition erschwert ihr andererseits die Organisation politischer Mehrheiten. \"Junge Alternative Th\u00fcringen\" (JA Th\u00fcringen) Bei der JA Th\u00fcringen - eine von vormals 16 Untergliederungen der \"Junge Alternative Deutschland\" (JA) 12 - handelte es sich um die Jugendorganisation der AfD Th\u00fcringen. Die JA Th\u00fcringen ist mit Wirkung zum 28. M\u00e4rz durch das AfV als gesichert rechtsextremistisch eingestuft worden. Die JA Th\u00fcringen wurde auch im Berichtszeitraum von Personen des \"solidarisch-patriotischen Lagers\" dominiert. Dieses \"solidarisch-patriotische Lager\" beruht auf der gegen Artikel 1 GG (Menschenw\u00fcrde) versto\u00dfenden Ideologie eines ethnischen Volksbegriffs, der den Erhalt des deutschen Volkes in seinem ethnischen Bestand sowie den Ausschluss \"ethnisch Fremder\" 12 Die JA beschloss auf dem Bundeskongress am 01.02.2025 in Apolda ihre Selbstaufl\u00f6sung zum 31.03.2025. Zahlreiche Mitglieder der JA traten sodann der AfD bei sofern sie ihr nicht ohnehin schon angeh\u00f6rten. Zuvor hatte sich die AfD auf dem Parteitag am 12.01.2025 in Riesa per Beschluss von der als eigenst\u00e4ndiger Verein bestehenden Jugendorganisation getrennt und f\u00fcr die Gr\u00fcndung einer enger an die Partei gebundenen Organisation votiert. 20","postuliert. F\u00fcr die Dominanz dieses Lagers spricht ebenfalls die bestehende N\u00e4he zum und Ausrichtung am rechtsextremistischen Landessprecher der AfD Th\u00fcringen, Bj\u00f6rn H\u00f6cke. Die Jugendorganisation zeigte auch im Berichtszeitraum eine Ausrichtung, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung verst\u00f6\u00dft. Wie bereits im Vorjahr pr\u00e4gte das Thema \"Migration\" die Aktivit\u00e4ten und Ver\u00f6ffentlichungen der JA Th\u00fcringen. Hierbei stellte die Forderung nach \"Remigration\" erneut das zentrale Narrativ dar. Dazu schrieb der Landesvorsitzende der JA Th\u00fcringen am 10. Januar auf der Plattform X: \"#Remigration ist unser Standpunkt, die Erwartung unserer W\u00e4hler an die AfD und die einzige M\u00f6glichkeit, unser Volk zu erhalten.\" Demnach werden Menschen mit Migrationshintergrund als Gefahr f\u00fcr den Fortbestand des deutschen Volkes und einer ethnisch-konturierten \"deutschen Identit\u00e4t\" gesehen. Zur Bewahrung eines ethnisch definierten deutschen Volkes wird daher die Ausweisung aller in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationsgeschichte gefordert - unabh\u00e4ngig von ihrem rechtlichen Aufenthaltsstatus oder ihrer deutschen Staatsangeh\u00f6rigkeit. Im Zusammenhang mit einer vermeintlich migrationsinduzierten '\u00dcberfremdung' wird h\u00e4ufig auf die in rechtsextremistischen Kreisen verwendete Verschw\u00f6rungstheorie des \"Gro\u00dfen Austauschs\" 13 rekurriert, wonach die autochthone Bev\u00f6lkerung Europas bewusst verdr\u00e4ngt und durch Migranten ersetzt werden soll. Die JA Th\u00fcringen teilte in einer Instagram-Story vom 12. Januar einen Beitrag der \u00f6sterreichischen Plattform \"Heimatkurier\" zur sog. Ersetzungsmigration und positioniert sich damit offen als Anh\u00e4nger der Verschw\u00f6rungstheorie des \"Gro\u00dfen Austauschs\". Darin hei\u00dft es: \"Ersetzungsmigration in Deutschland auf Rekordhoch\". Dar\u00fcber hinaus ver\u00f6ffentlichte der Landesvorsitzende der JA Th\u00fcringen in Reaktion auf einen Medienbericht 14 am 25. Februar auf der Plattform X die Aussage: \"Es ist schon mehr als anma\u00dfend, als Partei einer anderen Nation zu fordern, dass die seit Jahren anhaltende Ersetzungsmigration in einem anderen Land nicht r\u00fcckabgewickelt werden darf.\" Der Begriff \"Ersetzungsmigration\" wird hierbei h\u00e4ufig als Synonym zum Begriff \"Gro\u00dfer Austausch\" verwendet. Die Ablehnung einer pluralistischen Gesellschaft unterstreicht der Landesvorsitzende der JA Th\u00fcringen mit einem X-Beitrag vom 3. Januar. Darin kn\u00fcpft er an das Konzept des Ethnopluralismus an, dass alle V\u00f6lker auf ein Territorium begrenzt und voneinander getrennt leben sollten: \"Jedes Volk hat seinen Platz auf der Welt. Die T\u00fcrkei ist das Land der T\u00fcrken, Syrien, das Land der Syrer und Deutschland, das Land der Deutschen.\" Dem liegt die Annahme feststehender kollektiver Identit\u00e4ten zugrunde, deren Erhalt nur durch die Verhinderung der Integration in andere (\"fremde\") Gesellschaften m\u00f6glich ist. Das Framing einer solchen 13 Der Begriff 'Gro\u00dfer Austausch' bezeichnet ein Narrativ der Neuen Rechten, das auf den franz\u00f6sischen Autor Renaud Camus zur\u00fcckgeht. 14 Spiegel online, Beitrag vom 25.02.2025: Le Pen fordert von Weidel Distanzierung zu \"Remigration\". 21","V\u00f6lkervielfalt - unter klarer Trennung der einzelnen Volksgruppen - schlie\u00dft jegliche Form von Zuwanderung aus. Die Anzahl der Aktivit\u00e4ten der JA Th\u00fcringen lag im Jahr 2024 im unteren zweitstelligen Bereich. Dabei handelte es sich um interne Veranstaltungen, gemeinsame Freizeitaktivit\u00e4ten von Mitgliedern und Interessierten sowie um die Teilnahme an Veranstaltungen anderer Landesverb\u00e4nde und des Bundesverbands der JA. Im Juni beteiligte sich die JA Th\u00fcringen an der durch neurechte Akteure initiierten bundesweiten Kampagne \"Stolzmonat\", der Gegenbewegung zum \"Pride Month\", mit einer Aktion in Erfurt. 15 Am 23. Juni veranstaltete die JA Th\u00fcringen in Reaktion auf ein in den sozialen Medien h\u00e4ufig geteiltes Video, welches eine Gewalttat mehrerer Jugendlicher mit Migrationsgeschichte gegen einen 14-J\u00e4hrigen am 11. Juni in Gera zeigt, eine Demonstration unter dem Motto \"Deutsche Jugend steht zusammen\" in Gera. Dabei wurde Migranten pauschalisierend strafbares Handeln unterstellt und eine von ihnen ausgehende konstante Bedrohungssituation konstruiert. An der durch die Forderung nach \"Remigration\" gepr\u00e4gten Veranstaltung nahmen zahlreiche Vertreter der AfD Th\u00fcringen sowie anderer Landesverb\u00e4nde der JA teil. Nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt am 20. Dezember f\u00fchrte die JA noch am selben Tag eine Mahnwache in Magdeburg durch, um auf die angenommene Bedrohungssituation durch Migranten aufmerksam zu machen. Auch Vertreter der JA Th\u00fcringen waren vor Ort. Zudem richtete die JA Th\u00fcringen am 17. November gemeinsam mit Vertretern des AfD-Kreisverbands Mittelth\u00fcringen anl\u00e4sslich des Volkstrauertags, der von Rechtsextremisten zur \"Heldenverehrung\" der gefallenen deutschen Soldaten und Kriegsopfer der beiden Weltkriege genutzt wird, eine Gedenkveranstaltung in Erfurt aus. Die Teilnehmerzahl lag im unteren zweistelligen Bereich. W\u00e4hrend des gesamten Berichtszeitraumes wirkten die AfD Th\u00fcringen und ihre Jugendorganisation eng zusammen. Nach der \u00f6ffentlichen Bekanntgabe des AfV zur Einstufung der JA Th\u00fcringen als gesichert rechtsextremistische Bestrebung 16 solidarisierten sich neben den bei15 Bei der \"Stolzmonat\"-Kampagne handelt es sich um eine durch rechtsextremistische Akteure initiierte digitale sowie realweltliche Gegenbewegung zum \"Pride Month\" der LGBTQIA+ Community. 16 Presseinformation des AfV Nr. 01/2024 vom 23.05.2025. 22","den Landessprechern der AfD Th\u00fcringen, Bj\u00f6rn H\u00f6cke und Stefan M\u00f6ller, auch weitere Mitglieder der AfD Th\u00fcringen mit der Jugendorganisation. Des Weiteren lie\u00dfen sich im Berichtszeitraum h\u00e4ufige gemeinsame Auftritte von Vertretern beider Verb\u00e4nde bei Veranstaltungen erkennen. Mitglieder der JA Th\u00fcringen nahmen an zahlreichen Parteiveranstaltungen, beispielsweise an den Landesparteitagen sowie an Wahlkampfveranstaltungen der AfD Th\u00fcringen teil. Im Rahmen der Landtagswahlen entwickelten die JA Landesverb\u00e4nde Brandenburg, Sachsen und Th\u00fcringen eine Kampagne unter dem Motto \"DeutschlandRetter24\", um insbesondere Jugendliche und Jungw\u00e4hler anzusprechen. Dazu erfolgten zielgruppengerechte Ver\u00f6ffentlichungen in den sozialen Medien, darunter ein Onlinegame, ein Musikvideo sowie kurze Wahlvideos. Zugleich bestanden AfD-Mitgliedschaften von JA-Mitgliedern sowie F\u00f6rdermitgliedschaften von AfD-Mitgliedern im Landesverband der JA Th\u00fcringen. Dar\u00fcber hinaus intensivierte sich die Vernetzung der JA Th\u00fcringen mit dem rechtsextremistischen \"Vorfeld\". Im Rahmen des Verbots der \"COMPACT-Magazin GmbH\" 17 im Juli solidarisierten sich Mitglieder der JA Th\u00fcringen mit der Vereinigung und sprachen ihre Solidarit\u00e4t aus. Zudem ver\u00f6ffentlichte der Youtube-Kanal \"COMPACTTV\", wie bereits im Vorjahr, einen Beitrag \u00fcber die JA Th\u00fcringen. Darin berichtete u. a. deren Landesvorsitzender \u00fcber Beweggr\u00fcnde von jungen Menschen, die AfD zu w\u00e4hlen. In den Aussagen von Mitgliedern der JA Th\u00fcringen fanden zunehmend Begriffe der rechtsextremistischen \"Identit\u00e4ren Bewegung\" wie \"Remigration\", \"Reconquista\", \"Festung Europa\" Verwendung. Der historische Begriff der \"Reconquista\" wurde schon f\u00fcr die milit\u00e4rische R\u00fcckeroberung muslimischer Gebiete im spanischen Einflussgebiet des 15. Jahrhunderts verwendet. Heute wird der Begriff beispielsweise durch die \"Identit\u00e4re Bewegung\" als Kampfbegriff genutzt, um zu propagieren, dass die Bev\u00f6lkerung Europas durch eine vermeintliche Islamisierung bedroht sei. F\u00fcr den Bestand der europ\u00e4ischen Kultur und Identit\u00e4t m\u00fcsse man die muslimischen Einfl\u00fcsse in oder idealerweise aus Europa zur\u00fcckdr\u00e4ngen und eine \"Festung Europa\" errichten. 17 Die \"COMPACT-Magazin GmbH\" sowie die \"CONSPECT FILM GmbH\" wurden mit Verf\u00fcgung der Bundesinnenministerin vom 5. Juni 2024 - vollzogen am 16. Juli 2024 - als Organisationen, die sich gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung im Sinne von Artikel 9 Grundgesetz und SS 3 Vereinsgesetz richten, verboten. In einem von COMPACT angestrengten Eilverfahren hat das Bundesverwaltungsgericht das Verbot zun\u00e4chst teilweise au\u00dfer Vollzug gesetzt; BVerwG 6 VR 1.24 - Beschluss vom 14.08.2024. Diese Entscheidung wurde im Hauptsacheverfahren best\u00e4tigt und das Verbot aufgehoben, Beschluss vom 24.06.2025 - BVerwG 6 A 4.24. 23","\"Die Heimat\" Die seit Juni 2023 unter dem Namen \"Die Heimat\" agierende fr\u00fchere \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) ist die \u00e4lteste in der Bundesrepublik agierende rechtsextremistische Partei. Sie sieht sich als \"Anti-Parteien Bewegung und patriotischer Dienstleister\", der \"starke patriotische Netzwerke, wirksame B\u00fcndnisse auf der Stra\u00dfe, in den Parlamenten und im vorpolitischen Raum\" aufbauen will. Ziele der Partei sind die Beseitigung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung und die Schaffung eines autorit\u00e4r gepr\u00e4gten Nationalstaates auf Basis einer ethnisch definierten deutschen \"Volksgemeinschaft\". Deren Mitglieder sollen durch Abstammung definiert werden. Mithin sind die politischen Ziele von \"Die Heimat\" auf die Missachtung der Menschenw\u00fcrde ausgerichtet. Durch das Bundesverfassungsgericht wurde im Jahr 2017 die Verfassungsfeindlichkeit der NPD erstmals best\u00e4tigt. In einem weiteren Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht wurde \"Die Heimat\" mit Urteil vom 23. Januar f\u00fcr die Dauer von sechs Jahren von der staatlichen Finanzierung nach SS 18 Parteiengesetz ausgeschlossen. Auch in diesem Urteil befand das Gericht, dass die Partei \"mit einer Vielzahl von Aktivit\u00e4ten versucht, ihre verfassungsfeindlichen Ziele umzusetzen\". Am 23./24. November fand in Zwickau ein Bundesparteitag von \"Die Heimat\" statt. Auf diesem wurde ein neuer Bundesvorstand gew\u00e4hlt. Mit Thorsten Heise als stellvertretendem Bundesvorsitzenden, Alexander Neidlein als Generalsekret\u00e4r und Christian Klar als Beisitzer geh\u00f6ren dem Gremium seither insgesamt drei Vertreter des Th\u00fcringer Landesverbandes an. Der seit 1990 bestehende Landesverband Th\u00fcringen untergliederte sich in neun Kreisverb\u00e4nde. Zudem gab es einen Landesverband \"Junge Nationalisten Th\u00fcringen\" (JN Th\u00fcringen). Gleichwohl zeigte die Partei im Berichtszeitraum, wie schon im Vorjahr, kaum \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktivit\u00e4ten. Sie ist nur in wenigen Regionen aktiv, wobei die Pr\u00e4senz von \"Die Heimat\" abh\u00e4ngig vom lokalen Wirken einzelner Funktion\u00e4re war. Dies zeigte sich auch bei den Kommunalwahlen am 26. Mai, bei denen \"Die Heimat\" nur in wenigen Kommunen mit eigenen Kandidaten antrat. Sie erlangte lediglich zwei Kreistagsmandate und zehn Gemeindebzw. Stadtratsmandate. Bei der Europawahl am 26. Mai erhielt sie mit 2.879 Stimmen nur einen Stimmenanteil von 0,3 %. Zur Landtagswahl am 1. September trat sie nicht an. Auf dem Landesparteitag von \"Die Heimat\" am 14. September in Eisenach wurde ein neuer Landesvorstand gew\u00e4hlt. Patrick Wieschke, seit 2022 Vorsitzender des Th\u00fcringer Landesverbandes, und sein Stellvertreter Thosten Heise traten nicht erneut an. Zum Landesvorsitzenden wurde Max-Joseph Matthie\u00df, als stellvertretender Landesvorsitzender Alexander Neidlein gew\u00e4hlt. 24","Zuvor war Matthie\u00df Vorsitzender des Kreisverbandes Gotha und Funktion\u00e4r der JN Th\u00fcringen. Der Kreisverband zeigte geringe Aktivit\u00e4ten. Matthie\u00df beabsichtigte, an der Stadtratswahl in Tambach-Dietharz teilzunehmen, wurde jedoch mangels ausreichender Unterst\u00fctzerunterschriften nicht zur Wahl zugelassen. Schwerpunkt und zugleich aktivste Region der Partei \"Die Heimat\" war erneut der Raum Eisenach. Hier ist es der Partei unter der F\u00fchrung von Wieschke gelungen, sich in der Gesellschaft zu verankern und sich ein dauerhaftes W\u00e4hlerpotenzial zu sichern. Im Stadtrat Eisenach ist \"Die Heimat\" mit drei Mandaten vertreten; Wieschke errang zudem einen Sitz im Kreistag des Wartburgkreises. Das Eisenacher \"Flieder Volkshaus\", in dem sich auch die Landesgesch\u00e4ftsstelle von \"Die Heimat\" befindet, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem rechtsextremistischen Zentrum mit einem vielf\u00e4ltigen Veranstaltungsangebot. Hier fanden in den vergangenen Jahren rechtsextremistische Musikund Vortragsveranstaltungen, Parteiaktivit\u00e4ten, subkulturelle Veranstaltungen und Kampfsport statt. Daneben hatten Veranstaltungen wie z. B. Partyund Discoabende eine \"T\u00fcr\u00f6ffnerfunktion\" gegen\u00fcber dem b\u00fcrgerlichen Spektrum. Auch im Kyffh\u00e4userkreis entfaltete \"Die Heimat\" st\u00e4rkere Aktivit\u00e4ten. Sie errang erneut zwei Mandate im Stadtrat Sondershausen, jeweils ein Mandat in den Stadtr\u00e4ten Artern und Ebeleben sowie ein Mandat im Kreistag des Kyffh\u00e4userkreises. Der Vorsitzende des Kreisverbandes Kyffh\u00e4user und Schatzmeister des Landesverbandes, Patrick Weber, nahm zudem in Sondershausen regelm\u00e4\u00dfig an sogenannten Montagsprotesten teil, trat als Redner auf und war auch organisatorisch eingebunden. Die politische Bedeutung von \"Die Heimat\" stagnierte im Berichtszeitraum weiterhin auf einem niedrigen Niveau. Die im Jahr 2023 erfolgte Umbenennung und strategische Neuausrichtung zeigte bisher keine Wirkung. Der Wirkungskreis der Partei blieb auf wenige regionale Schwerpunkte beschr\u00e4nkt. Dies zeigte sich auch bei den Wahlen im Jahr 2024. Dass \"Die Heimat\" mittelfristig ihren Einflussbereich erweitern und an Gewicht gewinnen k\u00f6nnte, zeichnet sich nicht ab. Partei \"Der III. Weg\" Die bundesweit aktive rechtsextremistische Kleinstpartei \"Der III. Weg\" vertritt unvermindert eine nationalsozialistische, v\u00f6lkische und fremdenfeindliche Programmatik. Der ideologische Kampf der Partei richtet sich nach dem \"Drei-S\u00e4ulen-Konzept\": Diese stehen f\u00fcr den politischen Kampf, den kulturellen Kampf und den Kampf um die Gemeinschaft. So 25","werden in den Zielen der Partei neben der Schaffung eines \"Deutschen Sozialismus\", der sich am historischen Nationalsozialismus orientiert, auch eine \"gerechte soziale und v\u00f6lkische Ordnung\" und die \"Erhaltung und Entwicklung der biologischen Substanz des Volkes\" gefordert. In Th\u00fcringen trat von der Partei \"Der III. Weg\" im Berichtszeitraum einzig der St\u00fctzpunkt Erfurt/Gotha wahrnehmbar in Erscheinung. Vom St\u00fctzpunkt Th\u00fcringer Wald/Ost, der nach Angaben der Partei nach wie vor besteht, wurden im Berichtszeitraum keine Aktivit\u00e4ten bekannt. Mit dem B\u00fcrgerund Parteib\u00fcro in Ohrdruf stand dem St\u00fctzpunkt Erfurt/Gotha bislang eine Anlaufstelle f\u00fcr die Parteiarbeit und ein Veranstaltungsort zur Verf\u00fcgung. Im Herbst verlor die Partei den Zugriff auf diese Immobile, was einen R\u00fcckschlag f\u00fcr die Aktivit\u00e4ten der Partei in Th\u00fcringen und bedeutete. Ihr Bem\u00fchungen, sich als politischer Akteur zu etablieren, stagnierten im Berichtszeitraum. Ein nennenswerter Zuspruch hinsichtlich der durch die Partei besetzten Themen und ein damit einhergehendes Interesse bei potenziellen W\u00e4hlern konnte nicht festgestellt werden. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass das rechte W\u00e4hlerpotenzial in Th\u00fcringen umf\u00e4nglich durch die AfD Th\u00fcringen ausgesch\u00f6pft wird. Somit bleibt die Partei \"Der III. Weg\" mit ihren offensiv v\u00f6lkisch-nationalistischen Positionen hinsichtlich Anh\u00e4ngerschaft und Aufbau von \u00f6rtlichen Parteistrukturen hinter ihren eigenen Erwartungen zur\u00fcck. Anders verh\u00e4lt es sich bei der als \"Nationalrevolution\u00e4re Jugend\" (NRJ) agierenden Jugendorganisation von \"Der III. Weg\". Unter der Organisationstruktur des St\u00fctzpunktes Erfurt/Gotha bildete sich im Fr\u00fchjahr eine aus ca. 12 jungen Aktivisten bestehende Gruppe, die sich zur NRJ bekennt. Als \"NRJ Th\u00fcringen\" hat sie auf der Plattform Instagram mit Flugblattund Propagandaaktionen auf sich aufmerksam gemacht. Aufgrund der ideologisch gefestigten und zugleich auf k\u00f6rperliche Ert\u00fcchtigung fokussierten Ausrichtung der Partei und vor allem der NRJ, spielt (Kampf-)Sport im Hinblick auf die St\u00e4rkung des K\u00f6rpers f\u00fcr den politischen Kampf und f\u00fcr die Gewinnung potenzieller Mitglieder auch zuk\u00fcnftig eine nicht unerhebliche Rolle. \u00dcber den Bezug zum (Kampf-)Sport, versucht die Jugendgruppe, vor allem \u00fcber soziale Netzwerke, neue Mitstreiter zu rekrutieren. Dabei ist von einer latent niedrigschwelligen Gewaltbereitschaft - auch im Hinblick auf eine Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner - auszugehen. Zum Jahresbeginn versuchte die Partei \"Der III. Weg\" \u00fcber ihre offizielle Webseite auf die bundesweiten Bauernproteste einzuwirken und rief \"zum gro\u00dfen Bauernaufstand\" auf. Dazu hie\u00df es u. a.: \"Im Zuge der bevorstehenden Bauernproteste wollen wir euch hier \u00fcber die anstehenden Kundgebungen, Demonstrationen und Traktoren-Konvois informieren. Wir von der 26","Partei 'Der III. Weg' werden uns selbstverst\u00e4ndlich nach unseren M\u00f6glichkeiten an den Aktionen beteiligen und auf dieser Seite \u00fcber alle wesentlichen Ereignisse und Termine berichten. Ab dem 8. Januar 2024 ist deutschlandweit mit massiven Protesten und Blockaden seitens der Bauern zu rechnen. [...] Schon jetzt gibt es Tag f\u00fcr Tag lokale Aktionen in Nord, S\u00fcd, Ost und West der Republik. [...] Werdet Teil der Proteste! Leistet Widerstand! Steht auf und unterst\u00fctzt den Bauernaufstand!\" Einen pr\u00e4genden Einfluss auf die Bauernproteste in Th\u00fcringen erlangte die Partei allerdings nicht. Zum 1. Mai r\u00fcckte Th\u00fcringen ins Zentrum der Aktivit\u00e4ten der Partei \"Der III. Weg\", da diese ihre bundesweite Maikundgebung unter dem Motto \"Ausl\u00e4nderr\u00fcckf\u00fchrung statt Zuwanderung\" in Sonneberg abhielt. An dieser Versammlung mit Aufzug beteiligten sich ca. 170 Anh\u00e4nger der Partei, die aus dem gesamten Bundesgebiet angereist waren. Im Berichtszeitraum war eine Orientierung der Partei \"Der III. Weg\" sowie der NRJ hin zu anderen rechtsextremistische Akteuren festzustellen. So nahmen Mitglieder der NRJ, gemeinsam mit anderen Rechtsextremisten als \"Block\" an der Abschlusskundgebung der AfD Th\u00fcringen zum Landtagswahlkampf am 31. August in Erfurt teil. Anh\u00e4nger der Partei \"Der III. Weg\" schlossen sich am 17. November zum \"Heldengedenken\" auf der Kriegsgr\u00e4berst\u00e4tte H\u00f6tzelsrode (Eisenach) ebenso wie Anh\u00e4nger von \"Knockout 51\" und der Partei \"Die Heimat\" einem Fackelmarsch mit insgesamt ca. 70 Teilnehmern an. Eigenangaben nach fanden anlassbezogen zudem Kranzniederlegungen von Parteianh\u00e4ngern in Erfurt, Eisenach, Warza, Illeben, Bad Langensalza und Arnstadt statt. Am 30. November veranstalteten Aktivisten des St\u00fctzpunktes Erfurt-Gotha mehrere Kundgebungen im S\u00fcden von Erfurt, an denen ca. 20 Personen teilnahmen. Diese Kundgebungen standen unter dem Motto \"Erfurter wehrt euch! Vom Ich zum Wir!\" Wenngleich die Kleinstpartei \"Der III. Weg\" nach wie vor stark von einem elit\u00e4ren Selbstbild gepr\u00e4gt ist, gingen von ihr im Berichtszeitraum deutliche Vernetzungsbestrebungen hin zu 27","anderen rechtsextremistischen Akteuren in Th\u00fcringen aus. F\u00fcr ihre Jugendorganisation gilt das gleicherma\u00dfen. Nachhaltige Effekte zeigten diese Kooperationsbem\u00fchungen zun\u00e4chst jedoch nicht. 3. Parteiunabh\u00e4ngiges bzw. parteiungebundenes Spektrum \"Kontrakultur Erfurt\" Bei \"Kontrakultur Erfurt\" handelt es sich um die Nachfolgebestrebung der \"Identit\u00e4ren Bewegung Th\u00fcringen\", die als lokale, erlebnisorientierte Aktionsgruppe mit Schwerpunkt in der Landeshauptstadt Erfurt auftritt. Die Gruppierung trat erstmalig im Sommer 2021 in Erscheinung. Die Gruppierung \"Kontrakultur Erfurt\" orientiert sich in ihrer Ideologie an den Positionen der \"Identit\u00e4ren Bewegung\" (IB). Die IB verfolgt eine antiliberale, antipluralistische sowie antiindividualistische Ideologie. Sie bekennt sich zum sogenannten Ethnopluralismus. Der Ethnopluralismus strebt einen ethnisch und kulturell homogenen Staat an. \"Kontrakultur Erfurt\" sieht diese vermeintlich erhaltenswerte ethnokulturelle Identit\u00e4t durch \"Multikulturalismus\" bedroht, der eine unkontrollierte Masseneinwanderung und damit die Heterogenisierung der Gesellschaft bewirke. Mit den Parolen \"Grenzen sch\u00fctzen - Festung Europa jetzt\", \"Unser Volk zuerst\" und \"Remigration\" stellt die Gruppierung \u00f6ffentlichkeitswirksam ihre ablehnende Haltung gegen\u00fcber einer multikulturellen Gesellschaft, speziell gegen\u00fcber Asylbewerbern, dar. Im Berichtszeitraum trat \"Kontrakultur Erfurt\" in Th\u00fcringen mit f\u00fcnf \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktionen in Erscheinung. Im Januar befestigte die Gruppierung im Rahmen der bundesweiten Bauernproteste in Erfurt ein Banner mit der Aufschrift \"Die Ampel vom Hof jagen - 15. Januar 2024 alle nach Berlin!\" Mit einer Aktion im Juni in Gera, bei der ein Banner mit der Aufschrift \"Remigration statt Angstzonen\" gezeigt wurde, nahm die Gruppierung Bezug auf die Kriminalit\u00e4tsstatistik und versuchte den Eindruck zu erzeugen, Straftaten w\u00fcrden \u00fcberwiegend von Menschen mit Migrationsgeschichte begangen. In Reaktion auf eine Gewalttat mehrerer Jugendlicher mit Migrationsgeschichte gegen einen 14-J\u00e4hrigen am 11. Juni in Gera folgte ebenfalls im Juni eine weitere Banneraktion in Gera. Auch hier wurde das Thema \"Remigration\" mit dem Slogan \"Remigration sch\u00fctzt unsere Kinder\" aufgegriffen. Auf dem Banner war zudem das von der IB als Organisationskennzeichen verwendete Lambda-Symbol abgebildet. Mit den genannten Aktionen sollen in der Bev\u00f6lkerung Vorurteile gegen\u00fcber Menschen mit Migrationshintergrund gesch\u00fcrt werden. Im Widerspruch zur polizeilichen Kriminalstatistik bzw. den dor28","tigen Angaben zu den Tatverd\u00e4chtigen in Deutschland fordert die Gruppierung zur Verhinderung entsprechender Straftaten und dem damit verbundenen negativen Einfluss von Migration auf die deutsche Gesellschaft die Ausweisung aller in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationsgeschichte. Dar\u00fcber hinaus beteiligte sich die Gruppierung an der Kampagne \"Stolzmonat\", der bundesweiten Gegenbewegung von Akteuren der \"Neuen Rechten\" zum \"Pride Month\", und f\u00fchrte bei einer Wanderung um Eisenach Ende Juni ein Banner in den Farben schwarz, rot, gold und der Aufschrift \"Deutsch\" mit sich. Am 24. August verwendeten vermummte Personen der Gruppierung bei einer Aktion am Flughafen Erfurt ein Banner mit der Aufschrift \"Ab 2025 erster Remigrationsflughafen\". Neben der Umbenennung des Flughafens in \"Remigrationsflughafen\" wurde dabei auch die \"konsequente Abkehr von der jetzigen Migrationspolitik\" gefordert. Auf mitgef\u00fchrten Flugbl\u00e4ttern hie\u00df es in Unterst\u00fctzung f\u00fcr die AfD und ihren Spitzenkandidaten zur Landtagswahl, Bj\u00f6rn H\u00f6cke, zudem: \"Am 01.09.2024 beide Stimmen f\u00fcr H\u00f6cke, damit Th\u00fcringen wieder sicher wird! W\u00e4hlt am 01. September alle f\u00fcr Deutschland\". Ein Mitglied der Gruppierung schloss sich der \"Remigrationsdemo\" der IB am 20. Juli in Wien (\u00d6sterreich) an. Die IB nutzte diese Veranstaltung, um ihre zentrale Forderung nach \"Remigration\" \u00f6ffentlich darzustellen und die internationale Vernetzung von Rechtsextremisten voranzutreiben. Im Berichtszeitraum steigerte die Gruppierung die Anzahl ihrer Aktionen im Vergleich zum Vorjahr und erweiterte ihren Bet\u00e4tigungsradius auf den Raum Gera. Dabei bediente sie \u00fcberwiegend ihr Kernthema \"Remigration\". Wie die IB bundesweit orientiert sich auch \"Kontrakultur Erfurt\" an aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten, die konsequent durch das neurechte Vorfeld bedient werden. Durch das Aufgreifen anschlussf\u00e4higer, aktueller politischer Themen und den auf bestehende \u00c4ngste der Bev\u00f6lkerung gerichteten Fokus wird versucht, potenzielle Unterst\u00fctzer sowie Plattformen zu gewinnen. Dadurch sollen die eigenen rechtsextremistischen \u00dcberzeugungen (weiter) verbreitet werden und so diskurspr\u00e4gend erscheinen. Es f\u00e4llt wie bereits im letzten Jahr auf, dass die Gruppierung \u00f6ffentliche Wahrnehmung vor allem im virtuellen Raum anstrebt: Realweltliche Aktionen sollen Mut und einen authentischen Aktivismus suggerieren, sind jedoch oft in ihrer Au\u00dfenwirkung begrenzt und gewinnen erst durch mediale Inszenierung an Relevanz. 29","\"Patrioten Ostth\u00fcringen\" Bei den \"Patrioten Ostth\u00fcringen\" handelt es sich um einen mindestens seit dem Fr\u00fchjahr 2020 bestehenden informellen Personenzusammenschluss mit erheblicher Vernetzungsfunktion in Ostth\u00fcringen. Die Gruppierung tritt geschichtsrevisionistisch auf, vertritt antisemitisch grundierte Verschw\u00f6rungstheorien und lehnt aufgrund einer ethnischen Ungleichheitsannahme Migration ab. Im Berichtszeitraum nahm die Gruppierung an bundesweiten und regionalen geschichtsrevisionistischen Gedenkveranstaltungen teil, so beispielsweise an dem neonazistischen DresdenGedenken am 11. Februar. In Ostth\u00fcringen organisierte sie geschichtsrevisionistische Gedenkveranstaltungen mit positiven Bez\u00fcgen zum historischen Nationalsozialismus, wie ein am 17. November in Gera durchgef\u00fchrtes \"Heldengedenken\". Der Personenzusammenschluss bem\u00fcht sich weiterhin um Vernetzung von extremistischen Akteuren der Region sowie um ein koordiniertes Vorgehen gegen das bestehende \"System\" auch au\u00dferhalb demokratischer Prozesse. Der R\u00e4delsf\u00fchrer der Gruppierung verwendete mehrmals in seinen Reden auf Versammlungen die verbotene Sentenz \"Alles f\u00fcr Deutschland\", bei der es sich um die Losung der paramilit\u00e4rischen Kampforganisation \"Sturmabteilung\" (SA) der NSDAP handelt. 18 W\u00e4hrend \u00f6ffentlichkeitswirksame eigene Veranstaltungen von den \"Patrioten Ostth\u00fcringen\" nicht zu erwarten sind, ist die Rolle zu betonen, die der Gruppierung bei der Vernetzung und Professionalisierung der extremistischen Proteste zukommt. Beispielswiese wurden die sogenannten Schuldig-Plakate, die Politiker in H\u00e4ftlingskleidung darstellen, von den \"Patrioten Ostth\u00fcringen\" kreiert und sp\u00e4ter von weiteren Protestinitiativen in Th\u00fcringen bei Kundgebungen mitgef\u00fchrt. Durch personelle \u00dcberschneidungen bei Mitgliedschaften von \"Patrioten Ostth\u00fcringen\" und der AfD Th\u00fcringen ergibt sich zudem ein gro\u00dfes Personenpotenzial, das bei Demonstrationen mobilisiert werden kann. Es ist davon auszugehen, dass Mitglieder der \"Patrioten Ostth\u00fcringen\" weiterhin geschichtsrevisionistische Gedenkveranstaltungen in Ostth\u00fcringen mitorganisieren werden. 18 Zuletzt w\u00e4hrend der rechtsextremistischen Kundgebung zum Tag der Arbeit am 1. Mai in Sondershausen. 30","Tommy Frenck, \"B\u00fcndnis Zukunft Hildburghausen\" (BZH) und Gasthaus \"Eiserner L\u00f6we\" Auch im Berichtszeitraum sorgte der bekannte Th\u00fcringer Rechtsextremist Tommy Frenck durch seine Aktivit\u00e4ten bundesweit f\u00fcr mediales Aufsehen: Im Februar verk\u00fcndete Frenck bei Facebook, dass er auf einer Versammlung seiner rechtsextremistischen W\u00e4hlervereinigung \"B\u00fcndnis Zukunft Hildburghausen\" (BZH) zum Kandidaten f\u00fcr die Landratswahl am 26. Mai nominiert wurde. Er sehe f\u00fcr sich eine gute Chance, den \"etablierten Parteien\" neben Sonneberg in einem zweiten S\u00fcdth\u00fcringer Landkreis einen weiteren Landratsposten den \"abstreitig zu machen\". Im Ergebnis der Wahl erhielt er fasst 25 % der Stimmen und kam somit als Zweitplatzierter in die Stichwahl um das Landratsamt im Kreis Hildburghausen. Bei dieser Abstimmung war Frenck (31 %) dem Wahlsieger (69 %) allerdings deutlich unterlegen. Mit dem BZH konnte Frenck seine Stimmenanteile im Landkreis im Vergleich zur Kommunalwahl 2019 nochmals steigern. Das BZH ist im Kreistag nunmehr mit f\u00fcnf Mandaten (vormals drei) vertreten. Auch in mehreren Stadtund Gemeinder\u00e4ten konnten BZH-Kandidaten Mandate erringen. 19 Das Wahlergebnis wurde von Frenck in den sozialen Medien als gro\u00dfer Erfolg dargestellt. 19 Das BZH ist in den Stadtr\u00e4ten von Schleusingen, Eisfeld, Hildburghausen, Themar, R\u00f6mhild, Heldburg und den Gemeinder\u00e4ten von Kloster Ve\u00dfra, Lengfeld, Oberstadt, Schleusegrund, Straufhaun, Auengrund vertreten. 31","Mit seiner Kandidatur als Landrat und dem zun\u00e4chst positiven Abschneiden, erzielte Frenck bundesweit hohe mediale Aufmerksamkeit. Damit d\u00fcrfte sich sein Kultstatus in der rechtsextremistischen Szene als Gastwirt, Unternehmer, Lokalpolitiker und \"Widerstandk\u00e4mpfer gegen staatliche Repression\" weiter verfestigt haben. Es ist davon auszugehen, dass Frenck diesen Weg auch zuk\u00fcnftig unbeirrt fortsetzen wird. Seine Kandidatur f\u00fcr die n\u00e4chste Landratswahl hat er bereits in Aussicht gestellt. Nach dem Verlust des Gasthauses \"Goldener L\u00f6we\" in Kloster Ve\u00dfra aufgrund des verlorenen Rechtsstreits mit der Gemeinde, bezog Frenck Anfang September mit dem Gasthaus \"Eiserner L\u00f6we\" in Brattendorf ein neues Objekt. Das Objekt wird auf der Website mit \"Erlebnisgastronomie der Superlative\", \"Afrika-Korps-Bar\", Billard, Dart und Kegelbahn sowie dem \"Druck18\"-Warenhaus, das den bereits bestehenden Online-Versandhandel erg\u00e4nzt, beworben. Mit dem Einzug in das Objekt markierte Frenck den Beginn einer langfristig angelegten Veranstaltungsreihe. So fanden bis zum Jahresende insgesamt acht \"Liederabende\" statt, wobei die Zahl der G\u00e4ste durch r\u00e4umliche Gegebenheiten jeweils auf ca. 50 beschr\u00e4nkt ist. Der Kartenverkauf erfolgt ausschlie\u00dflich online. Die Ticketpreise schwanken - je nach Status und Bekanntheitsgrad des auftretenden Musikers in der rechtsextremistischen Szene - zwischen 15 und 40 Euro. F\u00fcr das Folgejahr sind bereits weitere \"Liederabende\" angek\u00fcndigt. Dar\u00fcber hinaus f\u00fchrte Frenck erneut eine Kindertagsveranstaltung als auch eine Kinderweihnachtsfeier durch, um Szeneangeh\u00f6rige und der Szene nahestehende Personen niederschwellig f\u00fcr sich zu gewinnen. Das allj\u00e4hrlich von Frenck in Schleusingen veranstaltete \"Heldengedenken\" fand am 16. November mit 87 Teilnehmern (2023: 95) statt. Der rechtsextremistische Liedermacher Axel Schlimper begleitete die Veranstaltung mit musikalischen Darbietungen. Anschlie\u00dfend trat er im Gasthof \"Eiserner L\u00f6we\" zu einem \"Liederabend\" auf. 32","Frenck steht nach wie vor beispielhaft f\u00fcr Angeh\u00f6rige des organisierten Rechtsextremismus, die ihren Lebensunterhalt mit Angeboten f\u00fcr die Szene erwirtschaften - durch seinen hohen Bekanntheitsund Vernetzungsgrad in der rechtsextremistischen Szene sowie seine unternehmerischen Aktivit\u00e4ten gelingt es ihm, lukrative Einnahmequellen zu generieren die regelm\u00e4\u00dfig an der Grenze der Legalit\u00e4t angesiedelt sind. Zugleich fungiert er als zentrale Figur des ungebundenen Rechtsextremismus in Th\u00fcringen und dar\u00fcber hinaus: Frenck stellt mit seinem Objekt in Brattendorf einen zentralen Anlaufpunkt f\u00fcr Personen aus dem rechtsextremistischen Spektrum zum Zweck der extremistischen Freizeitgestaltung zur Verf\u00fcgung - wobei er zugleich maximal auf Gewinnerwirtschaftung fokussiert ist. Er ist bestrebt, mit seinen Aktivit\u00e4ten die Grenzen des rechtlich Zul\u00e4ssigen stetig zu verschieben, um auf diese Weise die \u00f6ffentliche Wahrnehmung und Meinungsbildung zielgerichtet zu beeinflussen. EXKURS: Radikalisierung von Minderj\u00e4hrigen und Jugendlichen Im Berichtszeitraum wurde die rechtsextremistische Szene in Th\u00fcringen - neben den bekannten Parteien, wie etwa \"Die Heimat\" und \"Der III. Weg\" sowie deren Nachwuchsorganisationen \"Junge Nationalisten\" und \"Nationalrevolution\u00e4re Jugend\" - durch neue Gruppierungen gepr\u00e4gt. Bei diesen Gruppen handelt es sich unter anderem um \"Deutsche Jugend Voran\", \"Letzte Verteidigungs Welle\" und \"Gersche Jugend\". Sie vereint der Umstand, dass sie sich zu einem Gro\u00dfteil aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammensetzen. Regelm\u00e4\u00dfig erfolgt die Bildung zun\u00e4chst virtuell, bis (Teile) der Gruppierungen auch realweltlich in Erscheinung treten, so etwa bei St\u00f6raktionen gegen \"Christopher Street Day\"-Veranstaltungen, bei rechtsextremistischen Demonstrationen oder durch Straftaten. Die vermehrte Bildung dieser neuen Gruppen und deren Zuwachs an jugendlichem Nachwuchs in der rechtsextremistischen Szene ist prim\u00e4r auf Social Media-Plattformen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die M\u00f6glichkeiten des virtuellen Raums wirken hierbei beg\u00fcnstigend: Zum einen ist das Potenzial zur Vernetzung durch die Reichweitenst\u00e4rke und geschickte Nutzung der Algorithmen enorm. Zum anderen bietet sich die Gelegenheit, niederschwellig hybride Organisationsformen zu bilden, die sowohl virtuellen als auch realweltlichen Austausch und Zusammenarbeit verbinden. Ferner besteht eine gewisse Anonymit\u00e4t, die f\u00fcr eine Enthemmung hinsichtlich extremistischer \u00c4u\u00dferungen sorgt und so zugleich eine Kontaktaufnahme mit ideologisch Gleichgesinnten oder Interessierten vereinfacht. Die Zugangsschwelle zu Inhalten rechtsextremistischer Gruppen und Akteure ist niedrig, da sich diese, aufgrund der stetigen Weiterentwicklungen der Szene sowie durch die Nutzung 33","von K\u00fcnstlicher Intelligenz, auf die Interessenfelder junger Menschen ausrichten, sodass diese leichter beeinflusst und f\u00fcr die rechtsextremistische Szene gewonnen werden k\u00f6nnen. Auff\u00e4llig ist hierbei, dass manche rechtsextremistischen Inhalte auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar sind, sondern lediglich als Grundstein f\u00fcr die Befassung mit weiteren Inhalten der entsprechenden Gruppen und Akteure dienen sollen. Dabei werden die Social Media-Auftritte als Einfallstor in geschlossene Kan\u00e4le und Gruppen genutzt, in denen die Radikalisierung von (teilweise deutlich minderj\u00e4hrigen) Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch Interaktion mit ideologisch gefestigten Extremisten, die gemeinsame Verherrlichung von Gewalt sowie das Anstacheln zu Aussagen und Straftaten gegen rechtsextremistische Feindbilder vorangetrieben wird. Rechtsextremistische Ideologien \u00fcben vor allem auf junge, emotional und sozial nicht gefestigte Personen eine betr\u00e4chtliche Anziehungskraft aus. Diese Gruppenstrukturen k\u00f6nnen in ihrer Wirkung, aufgrund der Erzeugung eines Gemeinschaftsgef\u00fchls, der Vermittlung eines klaren Pers\u00f6nlichkeitsbildes sowie eines gewissen \u00dcberlegenheitsdenkens, besonders f\u00fcr Minderj\u00e4hrige im Rahmen ihrer Entwicklung, vermeintlich haltgebend und sinnstiftend sein. Die Radikalisierung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen tr\u00e4gt vor allem vor dem Hintergrund deren zunehmender Gewaltbereitschaft dazu bei, eine Gefahr f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung zu werden. Dies zeigt sich beispielhaft bei St\u00f6raktionen gegen die LGBTQIA+-Community, die im Jahr 2024 merklich zugenommen haben. Unter dem Vorwand der Erhaltung und St\u00e4rkung der eigenen Reihen sehen rechtsextremistische Str\u00f6mungen in der LGBTQIA+-Community eine Bedrohung f\u00fcr den Fortbestand des deutschen Volkes. In Th\u00fcringen konnten mehrere St\u00f6raktionen bzw. Gegenveranstaltungen gegen \"Christopher Street Day\"-Veranstaltungen festgestellt werden. So mobilisierten etwa Mitglieder der Gruppe \"Deutsche Jugend Voran\" im Internet gegen den Christopher Street Day am 25. August in Sonneberg und traten auch vor Ort realweltlich in Erscheinung. Rechtsextremistische Str\u00f6mungen zeichnen sich unter anderem durch die Ideologie der Ungleichwertigkeit der Menschen aus. Dies spiegelt sich in zentralen Ideologieelementen wie Antisemitismus, Autoritarismus, Geschichtsrevisionismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wider. 34","Die Mitglieder der Gruppe \"Letzte Verteidigungs Welle\" verstehen sich als letzte Instanz zur Verteidigung des deutschen Volkes. Ziel der \"Letzten Verteidigungs Welle\" ist es durch Sachbesch\u00e4digungen, Brandstiftung und Gewalttaten die politischen Gegner bzw. Andersdenkende einzusch\u00fcchtern und einen Zusammenbruch des demokratischen Systems in der Bundesrepublik Deutschland herbeizuf\u00fchren. So wurde im Berichtszeitraum eine Vielzahl an Sachbesch\u00e4digungen im Altenburger Land festgestellt, die neben angebrachten Hakenkreuzen und der Abk\u00fcrzung \"A.H.\" (Adolf Hitler) auch den Schriftzug \"L.V.W.\" aufwiesen, der als Abk\u00fcrzung f\u00fcr \"Letzte Verteidigungs Welle\" steht. Die Verherrlichung des Nationalsozialismus wird neben den vorgenannten Sachbesch\u00e4digungen auch durch den Kleidungsstil, der an die SkinheadSzene der 1990er Jahre ankn\u00fcpft, \u00f6ffentlichkeitswirksam ausgelebt. Die Gruppierung \"Gersche Jugend\", macht sich im Rahmen rechtsextremistischer Demonstrationen f\u00fcr vermeintlich b\u00fcrgerliche Themen stark und schafft dabei, sowohl im virtuellen als auch realweltlichen Raum, ein Umfeld, das rassistische Einstellungen akzeptiert, als Normalzustand betrachtet und diese verbreitet. Die Gruppe setzt mithilfe ihres Social Media-Auftrittes auf eine landesweite Vernetzung und nutzt diesen auch zur aktiven Mitgliederwerbung. Die Thematisierung aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen im Kontext der Nutzung rechtsextremistischer Narrative f\u00fchrt auch realweltlich, unter anderem bei den rechtsextremistischen Demonstrationen, zur Gewinnung weiterer Sympathisanten und Szeneanh\u00e4nger. 4. Weitgehend unstrukturierte Rechtsextremisten Rechtsextremistische Musik Rechtsextremistische Musikgruppen und Einzelmusiker (\"Liedermacher\") transportieren durch ihre Texte rechtsextremes Gedankengut. Sie vermitteln diese Ideologie den Zuh\u00f6rern oft auf einfache und eing\u00e4ngige Art und Weise und dienen so als \"T\u00fcr\u00f6ffner\" in die rechtsextremistische Szene. Zudem stellt rechtsextremistische Musik ein ideologisches Fundament niedrigschwelliger Vernetzung innerhalb des Rechtsextremismus, aber auch dar\u00fcber hinaus, dar. Die Palette der verwendeten Musikstile (u. a. Rock, Heavy Metal, Gothic, Dark Wave, Black Metal, Hardcore, Rap, Schlager, Volkslieder) ist umf\u00e4nglich und bei weitem nicht mehr so eindimensional, wie noch vor einigen Jahren. In rechtsextremistischen Liedtexten werden mit h\u00f6chst unterschiedlicher Deutlichkeit rassistische, antisemitische, menschenverachtende oder gewaltverherrlichende Ansichten propagiert, staatliche Institutionen verunglimpft oder die 35","nationalsozialistische Gewaltherrschaft glorifiziert. Dadurch gesch\u00fcrte Feindbilder pr\u00e4gen zum einen die h\u00e4ufig noch ungefestigten ideologischen Einstellungen der oft jugendlichen Konsumenten. Zum anderen dienen sie denen, deren rechtsextremistische Ideologie bereits verfestigt ist, als Best\u00e4tigung. Musikveranstaltungen einschl\u00e4giger Bands erzeugen bei den Besuchern ein Gef\u00fchl der Gemeinschaft und St\u00e4rke, dienen aber zugleich auch der Vernetzung innerhalb der Szene. Auch auf Jugendliche, die der Szene noch nicht fest angeh\u00f6ren, sondern sich vorerst in deren Umfeld bewegen, \u00fcben die Musikveranstaltungen eine besondere Anziehungskraft aus. Rechtsextremistische Musikgruppen und Einzelmusiker (\"Liedermacher\") In Th\u00fcringen waren im Berichtszeitraum Musikgruppen im unteren zweistelligen Bereich sowie Einzelmusiker im untersten zweistelligen Bereich \"aktiv\". Im Vergleich mit den Vorjahren ist festzustellen, dass die Anzahl grunds\u00e4tzlich stabil bleibt. Mittelfristig ist allerdings ein sukzessives Anwachsen festzustellen. Dieser Umstand l\u00e4sst sich zum Teil auf Neugr\u00fcndungen und auch auf Umz\u00fcge beteiligter Personen nach Th\u00fcringen zur\u00fcckf\u00fchren. Als Aktivit\u00e4ten wurden Ver\u00f6ffentlichungen von neuen Alben und Auftritte festgestellt. Bei den Musikgruppen wurden mitunter zus\u00e4tzlich Proben registriert. Rechtsextremistische Musikveranstaltungen Innerhalb der rechtsextremistischen Musikszene findet eine internationale Kooperation statt, die auf der gemeinsam empfundenen Zugeh\u00f6rigkeit zur \"White-Power\"-Bewegung und weitgehend \u00fcbereinstimmenden Feindbildern basiert. 20 Einschl\u00e4gige Bands aus dem Ausland sind auch bei deutschen Rechtsextremisten beliebt. Entsprechende Gruppen treten auch bei Konzerten in Deutschland auf. Im Gegenzug beteiligen sich deutsche Bands an Veranstaltungen im Ausland. Im Folgenden wird auf die im Berichtszeitraum in Th\u00fcringen durchgef\u00fchrten rechtsextremistischen Musikveranstaltungen n\u00e4her eingegangen, soweit sie ein gewisses Ma\u00df an \u00f6ffentlicher Wahrnehmung erlangten. 20 Unter \"White Power\" wird ein Slogan der \u00e4u\u00dferst heterogenen US-amerikanischen rechtsextremistischen Bewegung verstanden, der auf rassistischer Grundlage die \u00dcberlegenheit der \"wei\u00dfen Rasse\" annimmt und diese - auch unter Anwendung von Gewalt - sichern will. 36","Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden bewerten eine Musikveranstaltung als rechtsextremistisch, sofern folgende Kriterien erf\u00fcllt sind: * Live-Auftritt mindestens einer als rechtsextremistisch bewerteten Band bzw. eines Liedermachers * Szene\u00f6ffentlichkeit * Vortrag rechtsextremistischer Liedtexte bzw. Feststellung rechtsextremistischer Aktivit\u00e4ten der Interpreten anl\u00e4sslich der Veranstaltungen * Organisation der Veranstaltung durch rechtsextremistische Gruppierungen oder Einzelpersonen. Hierbei ist nicht erforderlich, dass Informationen zu allen Kriterien vorliegen. Mindestvoraussetzung sind der szene\u00f6ffentliche Live-Auftritt sowie Indizien f\u00fcr rechtsextremistische Inhalte, die sich insbesondere aus dem Auftritt einschl\u00e4giger Bands oder aus dem Vortrag entsprechender Lieder ergeben k\u00f6nnen. Zu ber\u00fccksichtigen sind bei der W\u00fcrdigung die Gesamtumst\u00e4nde der Veranstaltung, wie etwa der Ablauf, die Liedtexte, der Teilnehmerkreis, das Verhalten der Organisatoren, Bands und Teilnehmer und der Vertrieb rechtsextremistischer Tontr\u00e4ger und Devotionalien. Inwieweit es sich bei der rechtsextremistischen Veranstaltung um ein Konzert oder einen \"Liederabend\" handelt, h\u00e4ngt von den Gesamtumst\u00e4nden der Veranstaltung ab und ist im Einzelfall zu pr\u00fcfen. Anhaltspunkte zur Differenzierung sind beispielsweise die Anzahl der Musiker und das f\u00fcr den Auftritt gew\u00e4hlte Format (Einzelinterpret, Band), das Musik-Genre, die eingesetzte Technik (Verst\u00e4rkung vers. akustische Auftritte) und die Liedtexte. Rechtsextremistische Konzerte Im Berichtszeitraum wurde in Th\u00fcringen eine rechtsextremistische Konzertveranstaltung \u00f6ffentlich bekannt. Datum Ort TeilnehmerBands/Liedermacher zahl 1. M\u00e4rz Zeulenroda-Trie136 \"Sturmtrupp\", \"Eskalation\", \"The Tenbes derizers\" Tabelle 2: \u00dcbersicht rechtsextremistische Konzerte 37","Das nur verhaltene Aufleben des Konzertgeschehens nach der Pandemie setzt sich in Th\u00fcringen folglich auch im Jahr 2024 fort. Ein Ankn\u00fcpfen der Anzahl der hier bekannt gewordenen Konzerte an das Niveau in den Jahren vor der Pandemie erfolgte nicht. Rechtsextremistische \"Liederabende\" Im Jahr 2024 war erneut eine Vielzahl rechtsextremistischer \"Liederabende\" in Th\u00fcringen zu verzeichnen. Zwei \"Liederabende\", welche im Mai in Zeulenroda-Triebes und im Dezember in Suhl geplant waren, konnten bereits im Vorfeld verhindert werden. Durch die Art der Darbietung (zumeist Einzelinterpret mit Akustikgitarre) geraten die Texte und deren politische Inhalte bei diesem Veranstaltungsformat besonders in den Vordergrund. Trotz der harmlos klingenden Bezeichnung \"Liederabend\" schaffen derartige rechtsextremistische Veranstaltungen im kleineren Kreis eine gemeinschaftliche Atmosph\u00e4re, die zum Feiern, Singen, zum Planen und Vernetzen einl\u00e4dt. Die damit verbundenen Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung d\u00fcrfen nicht untersch\u00e4tzt werden. Zu den Veranstaltungen im Einzelnen: Datum Ort TeilnehmerBand/Liedermacher zahl 10. FebEisenach unbekannt Einzelperson ruar 2. M\u00e4rz Eisenach ca. 60 Einzelperson 16. M\u00e4rz Suhl unbekannt \"Unbeliebte Jungs\" 6. April Eisenach 98 \"Sleipnir\" Solo 7. Juni Weida unbekannt Einzelperson 22. Juni Guthmannshausen unbekannt Einzelperson 13. Juli Eisenach ca. 34 Einzelperson 1. NovemAuengrund-Brat37 Einzelperson ber tendorf 2. NovemAuengrund-Brat34 Einzelperson ber tendorf 3. NovemAuengrund-Brat34 Einzelperson ber tendorf 38","Datum Ort TeilnehmerBand/Liedermacher zahl 16. NoAuengrund-Brat35 Einzelperson vember tendorf 29. NoAuengrund-Brat31 \"Unbeliebte Jungs\" vember tendorf 29. NoEisenach 38 Einzelperson vember 6. DezemOettersdorf ca. 60 Einzelperson ber 20. DeAuengrund-Brat36 Zwei Einzelpersonen zember tendorf 21. DeAuengrund-Brat38 Zwei Einzelpersonen zember tendorf 22. DeAuengrund-Bratmax. 40 Zwei Einzelpersonen zember tendorf Tabelle 3: \u00dcbersicht rechtsextremistische \"Liederabende\" Daneben traten rechtsextremistische Liedermacher auch im Rahmen zahlreicher anderer Veranstaltungen wie z. B. \"Heldengedenken\", Geburtstagsfeiern und Vortragsveranstaltungen auf. Hier bewegt sich die Anzahl der Veranstaltungen im Berichtszeitraum auf konstant hohem Niveau. Dar\u00fcber hinaus haben rechtsextremistische Liedermacher sp\u00e4testens im Jahr 2022 begonnen, ihren Radius zu erweitern und sog. Graubereiche f\u00fcr sich zu erschlie\u00dfen. Ebenso wie rechtsextremistische Parteien versuchten sie, die in Teilen der Bev\u00f6lkerung vorhandene Unzufriedenheit mit der politischen Situation f\u00fcr ihre Zwecke zu instrumentalisieren. So kam es beispielsweise zu Darbietungen rechtsextremistischer Liedermacher auf von Akteuren der Protestbewegung 21 organisierten Veranstaltungen. Der Trend weg von gr\u00f6\u00dferen Konzerten hin zu kleineren, \u00fcberschaubaren Musikveranstaltungen hat sich im Berichtszeitraum weiter verstetigt. Vornehmlich strategische Aspekte bestimmen diese Vorgehensweise: Der logistische sowie der finanzielle Aufwand des jeweiligen Veranstalters werden minimiert, die Risikoabw\u00e4gung f\u00fcr den Veranstalter insgesamt erleichtert. 21 Zu dieser Protestbewegung siehe Abschnitt IV: Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates (VDS). 39","Zugleich bleiben Organisation und Durchf\u00fchrung der Veranstaltung weiter verst\u00e4rkt im Verborgenen. Eine Ausnahme von dieser Praxis bildeten im Berichtszeitraum prim\u00e4r die Veranstaltungen im Gasthaus \"Eiserner L\u00f6we\" in Auengrund-Brattendorf, die stets im Vorfeld angezeigt wurden. Da sich der rechtsextremistische Musikbereich seit Jahren dynamisch entwickelt und sich an gesellschaftliche und politische Entwicklungen anpasst, ist \u00fcber das Berichtsjahr hinaus etwa mit der Erschlie\u00dfung neuer Formate und/oder Veranstaltungsobjekte zu rechnen. Kampfsport als rechtsextremistisches Aktionsfeld Die Bedeutung des Kampfsports f\u00fcr die rechtsextremistische Szene ist im Laufe der letzten Jahre deutlich gestiegen und hat sich dort inzwischen fest etabliert. Es existiert ein stabiles europaweites Netzwerk unterschiedlicher Kampfsportlabels, Bekleidungsvertriebe und Veranstaltungsorganisatoren. Dadurch tr\u00e4gt der Kampfsport einen ma\u00dfgeblichen Anteil zur Professionalisierung und Kommerzialisierung der rechtsextremistischen Szene bei. Auch ideologisch betten die unterschiedlichen Akteure den - grunds\u00e4tzlich zun\u00e4chst ideologiefreien - Kampfsport in ihr rechtsextremistisches Weltbild ein, um so die sportliche Aktivit\u00e4t und mittelbar auch sich selbst als eine selbsternannte nationale Elite aufzuwerten. Gemeinsame Trainings und Events tragen zu Ausbau und Verstetigung der rechtsextremistischen Gemeinschaft bei und bilden zugleich eine niedrigschwellige Rekrutierungsm\u00f6glichkeit neuer, vorwiegend m\u00e4nnlicher und ideologisch noch nicht gefestigter Personen. Kampfsport hat sich, neben rechtsextremistischen Musikveranstaltungen, zu einer festen Konstante im Bereich des aktionsorientierten Rechtsextremismus entwickelt und pr\u00e4gt gro\u00dfe Teile dieser Lebenswelt. Entwicklung Noch in den fr\u00fchen 2000er Jahren beschr\u00e4nkte sich die damals kleine rechtsextremistische Kampfsportszene darauf, durch die blo\u00dfe Teilnahme an unpolitischen Kampfsportereignissen ihre Zielgruppe zu erreichen. In den letzten Jahren war jedoch ein rapider Zuwachs an rechtsextremistischen Veranstaltungen im Bereich des Kampfsports zu beobachten, die in Eigenregie organisiert wurden. Dieser Umstand ist auch auf eine gestiegene Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcckzuf\u00fchren. Unpolitische Veranstalter kommerzieller Kampfsportevents gerieten zunehmend unter Druck, wenn sie einen bekannten Rechtsextremisten in das K\u00e4mpferverzeichnis aufnahmen. Demzufolge gaben sich die rechtsextremistischen Akteure schlie\u00dflich nicht mehr damit zufrieden, an Wettk\u00e4mpfen anderer Organisatoren teilzunehmen. Stattdessen gingen sie dazu \u00fcber, diese selbst zu veranstalten. Vor dem Hintergrund einer gewissen 40","Gewinnerzielungsabsicht, stellten sich eine Professionalisierung sowie ein hoher Vernetzungsgrad zwischen den Veranstaltern verschiedener Events ein. Solche Veranstaltungen ziehen regelm\u00e4\u00dfig internationale rechtsextremistische Protagonisten an. Zudem ist mittlerweile erkennbar, dass die rechtsextremistische Kampfsportszene aufgrund des Erfahrungsgewinns und der Erweiterung des Zielgruppen-Spektrums auch wieder vermehrt an unpolitischen Kampfsportereignissen teilnimmt, dabei jedoch ihre Gesinnung nicht offen zur Schau stellt. Ein Grund daf\u00fcr k\u00f6nnte sein, neben den eigenen F\u00e4higkeiten auch das rechtsextremistische Weltbild in K\u00e4mpfen mit Personen etwa mit Migrationshintergrund erproben zu wollen. Ferner ist, bedingt durch die zunehmend konsequente Umsetzung repressiver Ma\u00dfnahmen, wie beispielsweise das rechtskr\u00e4ftige Verbot des gr\u00f6\u00dften deutschen rechtsextremistischen Kampfsportformates \"Kampf der Nibelungen\" 2019 22, und durch die Corona-Pandemie in den Jahren 2020 bis 2022, ein R\u00fcckgang gro\u00df angelegter rechtsextremistischer Kampfsportveranstaltungen in Deutschland zu verzeichnen. Indes wurden in den letzten Jahren vermehrt Ausreisebewegungen zu rechtsextremistischen Kampfsportveranstaltungen im europ\u00e4ischen Ausland bekannt, die zum Teil von Initiatoren des rechtsextremistischen Kampfsportformats \"Kampf der Nibelungen\" mit organisiert oder beworben worden sind. Ideologie und Kommerzialisierung Die Vorteile f\u00fcr die Organisatoren und die Teilnehmer im Bereich des rechtsextremistischen Kampfsportes scheinen sich in einer Weise zu erg\u00e4nzen, die dessen Aufstieg beg\u00fcnstigt hat: Ebenso wie die rechtsextremistische Musik erm\u00f6glicht der Kampfsport eine erhebliche Kommerzialisierung politischer Bet\u00e4tigung, was ihn in den Augen der Organisatoren positiv von klassischen Bet\u00e4tigungsfeldern wie Demonstrationen oder politischer Agitation abgrenzt. Zugleich bestehen f\u00fcr die Kampfsportler relativ geringe H\u00fcrden des Zugangs, da zun\u00e4chst nicht der ideologische und politische Austausch, sondern die k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t im Vordergrund steht. Zudem f\u00fchrt die Bet\u00e4tigung in einer Bestrebung, die oft nicht augenf\u00e4llig rechtsextremistisch ist, nicht zu einer sozialen \u00c4chtung. 22 VG Dresden, Beschluss vom 09.10.2019 - 6 L 788/19 sowie OVG Sachsen, Beschluss vom 11.10.2019 - 3 B 274/19. 41","Vor diesem Hintergrund wird der Kampfsport in der Szene als Bindeglied genutzt, dessen ideologische Komponente in den Kernbereich der gesamten rechtsextremistischen Szene einwirkt und gleichzeitig durch seinen Event-Charakter deren Attraktivit\u00e4t und das Rekrutierungspotenzial st\u00e4rkt. Neben den Kampfsportarten Boxen und Kickboxen wird klassisches Mixed Martial Arts (MMA) mit Vollkontakt betrieben, was dem kriegerischen Selbstbild und den allgemeinen Anforderungen an die \"Wehrkraft des Volksk\u00f6rpers\" gerecht wird. Diese Kampfsportvariante vereint Standund Bodenkampf sowie verschiedene Schlag-, Trittund Hebeltechniken zu einem schnellen und brutalen Konzept. Die dahinterstehende Ideologie ist eine Abgrenzung zu einer - in den Augen der Protagonisten - verweichlichten Gesellschaft. Das harte Training, das hohe Verletzungsrisiko beim MMA und das St\u00e4hlen des eigenen K\u00f6rpers sind weitaus mehr als die Vorbereitung auf einen Wettkampf oder die Pflege der pers\u00f6nlichen Fitness. Propagiert wird vielmehr eine vermeintlich mystische Pflicht, die \"Volksgesundheit\" und \"Wehrhaftigkeit\" hochzuhalten und einen \"neuen Menschenschlag\" zu schaffen, der stark an das im Nationalsozialismus propagierte Ideal des \"Herrenmenschen\" angelehnt ist. Eine wesentliche ideologische Komponente ist in dieser Hinsicht der \"Straight Edge\" 23-Gedanke. Er entstammt urspr\u00fcnglich der Hardcore-Punk-Szene der 1980er-Jahre und sollte eine Gegenbewegung zu den ausufernden Alkoholund Drogenexzessen der Jugendkultur darstellen, wobei es im Kern um den Verzicht auf Rauschmittel, um gesunde Ern\u00e4hrung bis hin zum Veganismus und sexueller Enthaltsamkeit geht. Symbol der Bewegung ist ein \"X\". Die rechtsextremistische Szene kn\u00fcpft hieran an. Unter ihr erlebt diese Str\u00f6mung eine gewaltbetonte und rassistische Renaissance als \"NS Straight Edge\". Die Reinheit des K\u00f6rpers, erlangt durch Abstinenz und hartes Training, ist dieser Ideologie zufolge eine Grundvoraussetzung f\u00fcr die Umwandlung einzelner Individuen hin zu einem wehrhaften und grundgesunden \"Volksk\u00f6rper\". Auf Alkoholexzesse und den subkulturellen Lebensstil in den eigenen Reihen wird ver\u00e4chtlich herabgeschaut. Die Mitglieder der Kampfsportszene haben in der Regel ein elit\u00e4res Selbstbild, welches von Tugenden wie Flei\u00df, Disziplin und H\u00e4rte bestimmt wird. Ein wiederkehrendes Mantra der Szene, das sich aus ihrem Weltbild ergibt, ist der \"Kampf gegen die Moderne\", welche als Sinnbild von Dekadenz und Verweichlichung strikt abgelehnt wird. Der vermeintliche Verfall der Gesellschaft wird mit einer empfundenen Erosion der \"Volksgesundheit\" gleichgesetzt. 23 \"Straight Edge\" - deutsch sinngem\u00e4\u00df: \"klare Kante\" oder \"Geradlinigkeit\". 42","In Th\u00fcringen wird diese Szene insbesondere durch nachfolgende Gruppierungen gepr\u00e4gt: Kampfsportvereinigung \"WARDON\" Bei \"WARDON\" oder auch \"WARDON 21\" handelt es sich um eine \u00fcberregionale rechtsextremistische Kampfsportvereinigung, die im Jahr 2017 gegr\u00fcndet wurde. Die Vereinigung ist dabei in vielf\u00e4ltiger Weise in die Organisation von Kampfsportveranstaltungen eingebunden und stellt auch einen eigenen Kampfsportkader. Die ideologische Ausrichtung kommunizierte die Gruppe \u00f6ffentlich. So war auf ihrem mittlerweile gel\u00f6schten Facebook-Profil folgendes Statement zu finden: \"Unser K\u00f6rper ist unsere Festung, die einen gesunden Geist birgt. Wir verst\u00e4rken den Schildwall unseres Glaubens durch das vorangetragene Kreuzen unserer Arme und als Bekenntnis zur Freiheit durch eine volksgesundheitliche Lebensweise in Verhalten und Konsum.\" 24 Hier wird deutlich, dass diese Gruppierung den Kampfsport nicht nur als solchen wahrnimmt, sondern ihm eine v\u00f6lkisch-mystische Verteidigungsfunktion beimisst, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckt und sich - sowohl argumentativ als auch durch die zu einem \"X\" gekreuzten Arme im Logo symbolisch - bei der \"Straight Edge\"-Bewegung bedient. Weiter hie\u00df es im Eingangsstatement in den sozialen Netzwerken: \"WARDON\" schenkt den niederen Ausw\u00fcchsen dieser morschen Zeit keinerlei Beachtung. Unbeirrbarkeit ist selbstbewusste Konsequenz. Wer uns jedoch herausfordert und als Feind gegen\u00fcbertritt, dem weisen wir den Weg mit unserer kampferprobten Faust. In Wort UND Tat!\" Auch hier wird eine klare Freund-Feind-Unterscheidung deutlich, die sich nicht nur auf den sportlichen Wettstreit, sondern ebenfalls auf den politischen Kampf bezieht. Zudem orientiert sich auch diese Gruppe an einem von der \"Straight Edge\"-Bewegung gepr\u00e4gten Lebensstil mit Enthaltsamkeit, Sport und allgemein an einer \"volksgesundheitlichen Lebensweise\". Was die Gruppe darunter versteht, wurde unter anderem deutlich, als sie bei Kampfsportveranstaltungen im Rahmen des \"Kampf der Nibelungen\" das Catering \u00fcbernahm 43","und dort ausschlie\u00dflich veganes Essen anbot. Ferner werden vor dem Hintergrund des \"Straight-Edge\"-Gedanken Kletterund Wandertouren durchgef\u00fchrt, die zus\u00e4tzlich den Gemeinschaftsgedanken st\u00e4rken sollen. Am 15. Juni fand die von franz\u00f6sischen Rechtsextremisten organisierte rechtsextremistische Kampfsportveranstaltung \"Day of Glory\" in Frankreich statt, an der auch das deutsche Kampfsportformat \"Kampf der Nibelungen\" teilnahm. Der \"Day of Glory\" kann als m\u00f6gliche Ersatzveranstaltung des rechtsextremistischen Kampfsportformates \"Kampf der Nibelungen\" gewertet werden. Auch Mitglieder von \"WARDON\" nahmen an der Veranstaltung teil. Kampfsportvereinigung \"Knockout 51\" Die rechtsextremistische Kampfsportvereinigung \"Knockout 51\" trat erstmals Anfang 2019 in den sozialen Medien \u00f6ffentlich in Erscheinung. Bei den Hauptprotagonisten handelte es sich um mitunter langj\u00e4hrige Rechtsextremisten aus dem Raum Eisenach. Die Zahl 51 steht hierbei offenbar f\u00fcr die Buchstaben E und A und gibt somit einen Hinweis auf die Stadt Eisenach (Kfz-Kennzeichen EA). F\u00fcr die Kampfsporttrainings der Gruppierung wurden wiederholt die R\u00e4umlichkeiten des \"Flieder Volkshaus\" der Partei \"Die Heimat\" in Eisenach genutzt. Unter dem Deckmantel des gemeinsamen Kampfsport-Trainings wurden junge und nationalistisch gesinnte Personen angelockt und bewusst mit rechtsextremistischem Gedankengut in Verbindung gebracht. Zudem diente das Training zur Vorbereitung auf den politischen Kampf sowie zur Etablierung als bestimmende Ordnungsmacht in Eisenach. Im Laufe der Zeit professionalisierte die Gruppierung weiterhin ihre T\u00e4tigkeiten mit Kraftund Kampfsporttrainings. Die Ende November 2021 verk\u00fcndete (Schein-)Aufl\u00f6sung der Vereinigung hatte keine Auswirkungen auf die Aktivit\u00e4ten und den Stellenwert der Gruppierung in der rechtsextremistischen Szene. Im Zusammenhang mit der Gruppierung \"Knockout 51\" ist eine Vielzahl von (Ermittlungs-)Verfahren anh\u00e4ngig, die sich auf unterschiedliche Personenkreise innerhalb der Gruppierung beziehen. Anfang April 2022 fanden Durchsuchungsma\u00dfnahmen bei insgesamt 50 Beschuldigten in elf Bundesl\u00e4ndern wegen des Verdachts rechtsextremistischer Straftaten statt - darunter bei 14 44","Personen im Zusammenhang mit \"Knockout 51\". Vier mutma\u00dfliche Gruppenmitglieder wurden wegen des Vorwurfs der Mitgliedschaft in einer rechtsextremistischen kriminellen Vereinigung - \"Knockout 51\" - gem. SS 129 Strafgesetzbuch (StGB) festgenommen. Es handelte sich hierbei um den Anf\u00fchrer sowie um drei weitere Personen, die F\u00fchrungspositionen innerhalb der Vereinigung innehatten. Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof erhob im Jahr 2023 schlie\u00dflich Anklage gegen sie wegen der Gr\u00fcndung und mitgliedschaftlichen Bet\u00e4tigung einer inl\u00e4ndischen kriminellen und terroristischen Vereinigung gem. SSSS 129, 129a StGB. Die Anklage wurde indes nur hinsichtlich des Vorwurfs der kriminellen Vereinigung gem. SS 129 StGB zugelassen, da das Th\u00fcringer Oberlandesgericht in Jena (OLG Jena) den Vorwurf der terroristischen Vereinigung nach Aktenlage als nicht hinreichend wahrscheinlich einordnete. Die anschlie\u00dfende von August 2023 bis Juli 2024 w\u00e4hrende Hauptverhandlung wurde von Rechtsextremisten aus verschiedenen Bundesl\u00e4ndern durch Teilnahme begleitet. Auch dies belegt die ungebrochene Solidarit\u00e4t und Anerkennung der rechtsextremistischen Szene mit \"Knockout 51\" - den vier in diesem Verfahren Beschuldigten wurde so bedeutende Unterst\u00fctzung zuteil. In der m\u00fcndlichen Urteilsbegr\u00fcndung vom 1. Juli f\u00fchrte der Senat aus, dass es sich bei der Vereinigung \"Knockout 51\" um eine rechtsextremistische Kampfgruppe nationalsozialistischer Pr\u00e4gung gehandelt habe, die zur Umsetzung ihres Ziels, in Eisenach einen \"Nazi Kiez\" zu schaffen und sich dort als bestimmende Ordnungsmacht zu etablieren, auf die Begehung von K\u00f6rperverletzungsdelikten und anderen Straftaten angelegt gewesen sei. In Verfolgung dieses Zwecks h\u00e4tten die Angeklagten zahlreiche K\u00f6rperverletzungsdelikte begangen, bei denen teilweise, neben dem Gruppenziel, auch private Interessen der Gruppenmitglieder eine Rolle gespielt h\u00e4tten. Das Urteil, das in der Gruppierung \"Knockout 51\" eine kriminelle Vereinigung verwirklicht sah, ist aufgrund der durch den Generalbundesanwalt eingelegten Revision noch nicht rechtskr\u00e4ftig. Ende 2023 wurden im Zuge weiterer Ermittlungen des Generalbundesanwalts gegen\u00fcber drei weiteren Personen Haftbefehle vollstreckt. Einem Beschuldigten wird zudem zur Last gelegt, die Vereinigung \"Knockout 51\" gegr\u00fcndet und als ein f\u00fchrender Protagonist agiert zu haben. In diesem Zusammenhang wurde im September 2024 seitens der Bundesanwaltschaft vor dem Staatsschutzsenat des Th\u00fcringer Oberlandesgerichts Anklage wegen Mitgliedschaft bzw. Unterst\u00fctzung einer rechtsextremistischen kriminellen und terroristischen Vereinigung, \"Knockout 51\" erhoben. Die Frage, ob es sich bei \"Knockout 51\" um eine kriminelle oder um eine terroristische Vereinigung handelt, war auch hier streitig: Das OLG Jena er\u00f6ffnete das Hauptverfahren zun\u00e4chst vor einer Staatsschutzkammer des Landgerichts und verdeutlichte 45","so seine weiterhin bestehende Annahme, es handele sich bei \"Knockout 51\" lediglich um eine kriminelle Vereinigung. Auf die darauffolgende sofortige Beschwerde des Generalbundesanwalts entschied der Bundesgerichtshof jedoch, dass die Zust\u00e4ndigkeit des Oberlandesgerichts wegen des hinreichenden Tatverdachts bzgl. einer terroristischen Vereinigung sowie auch die besondere Bedeutung des Falles gegeben sei. Ebenso wurden im Jahr 2023 in zwei Bundesl\u00e4ndern weitere Durchsuchungsma\u00dfnahmen im Zusammenhang mit der rechtsextremistischen Kampfsportgruppierung \"Knockout 51\" bei 12 Beschuldigten durch die Staatsanwaltschaft Gera durchgef\u00fchrt. Gegen einen Beschuldigten wurde ein Haftbefehl vollstreckt, wobei der Tatvorwurf auf Mitgliedschaft, jedoch \u00fcberwiegend Unterst\u00fctzung der kriminellen Vereinigung, \"Knockout 51\", lautete. Im Berichtszeitraum fanden zudem weitere Durchsuchungsma\u00dfnahmen in insgesamt acht Objekten bei drei weiteren Beschuldigten in Eisenach im Zusammenhang mit der rechtsextremistischen Kampfsportgruppierung \"Knockout 51\", statt. Auch hier handelt sich um ein Ermittlungsverfahren des Generalbundesanwaltes wegen des Verdachts der Unterst\u00fctzung einer kriminellen und einer terroristischen Vereinigung im Inland (\"Knockout 51\"). Die komplexen und zahlreichen Strafverfahren rund um die Personen des Umfeldes der Kampfsportgruppierung \"Knockout 51\" belegen die Relevanz der Gruppe - nicht nur in der rechtsextremistischen Szene in Th\u00fcringen. Unter dem Vorwand der gemeinschaftlichen k\u00f6rperlichen Ert\u00fcchtigung ist es gelungen, vorwiegend junge M\u00e4nner mit bereits bestehender rechtsextremistischer Ideologie f\u00fcr den gemeinsamen, gewaltbereiten Kampf gegen den politischen Gegner zu gewinnen. Eine ideologische M\u00e4\u00dfigung der Beteiligten ist indes nicht zu erwarten. Vielmehr ist anzunehmen, dass sowohl das gesellschaftliche Umfeld in Eisenach - mit seinen Szeneimmobilien und gefestigten rechtsextremistischen Strukturen - als auch die aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen anhaltende Aufmerksamkeit gebieten. Die weiterhin gefestigte Ideologie der Mitglieder und Unterst\u00fctzer der Gruppierung zeigt sich auch anhand von Veranstaltungsorganisationen oder -teilnahmen. So meldete ein verurteiltes Mitglied von \"Knockout 51\" im September eine rechtsextremistische Versammlung an, die sich gegen den am gleichen Tag durchgef\u00fchrten \"Christopher Street Day\" (CSD) in Eisenach richtete. Zudem f\u00fchrte dieses Mitglied im November eine rechtsextremistische \"Heldengedenken\"-Veranstaltung am Friedhof in H\u00f6tzelsroda durch. Dabei trat auch der R\u00e4delsf\u00fchrer von \"Knockout 46","51\" - zugleich Hauptangeklagter in dem Verfahren 2023 vor dem OLG Jena er\u00f6ffneten Verfahren - mit einem Redebeitrag \u00f6ffentlich in Erscheinung. \"Active Clubs\" Die Idee von \"Active Clubs\" ist auf einen US-amerikanischen Rechtsextremisten und einen russischen Rechtsextremisten zur\u00fcckzuf\u00fchren, die haupts\u00e4chlich bessere Rekrutierungserfolge f\u00fcr eine neonazistische Bewegung sehen, wenn zumindest \u00fcber Sport, als gemeinsam verbindendes Element, rekrutiert wird. Erstmalige Feststellungen in Deutschland konnten auf der Plattform \"Telegram\" im Mai get\u00e4tigt werden. Der Telegram-Kanal \"ACTIVE CLUB GERMANIA\" bietet sich unter dem Motto \"Kontrakultur\" als Plattform zur Verbreitung von \"Aktionen, Sporteinheiten, Freizeitgeschichten oder sonstigen Aktivit\u00e4ten\" mit dem Ziel der Gewinnung von Personen f\u00fcr die rechtsextremistische Szene sowie der \"Normalisierung\" rechtsextremistischen Gedankengutes im Alltag an. So wird unter anderem auch Bezug auf die Skinhead-Szene der 90er Jahre und deren \"metapolitisch, kontrakulturellen Durchbruch\" genommen, der eine Vielzahl an Jugendlichen in die rechtsextremistische Szene brachte. Ein wichtiger Fokus der \"Active Clubs\" liegt unter anderem im Sportbereich (haupts\u00e4chlich Kampfsport). So wird die eigene sportliche Bet\u00e4tigung in \"Zeiten der v\u00f6lligen Verwahrlosung in allen Bereichen\" auch als ein politisches Statement und Widerstandsakt gegen\u00fcber den politischen Gegnern (Polizei, Verfassungsschutz, Antifa) gesehen. In Th\u00fcringen sind bisher der \"Active Club Saalfeld\" und der \"Active Club Erfurt\" bekannt. Letzter entfaltete bisher keine bekannten realweltlichen Aktivit\u00e4ten. Der \"Active Club Saalfeld\" trat von Mai bis August vorwiegend \u00fcber einen gleichnamigen Telegram Kanal in Erscheinung. Dort wurden zumeist Beitr\u00e4ge und Videos z. B. von (Kampfsport)Trainingseinheiten anderer \"Active Clubs\" oder rechtsextremistischer Gruppierungen geteilt. Als einzige nachweisbar realweltliche Aktivit\u00e4t des \"Active Club Saalfeld\" ist eine am 5. Mai ver\u00f6ffentlichte Graffiti-Aktion zu erw\u00e4hnen, als sich zwei vermummte, augenscheinlich m\u00e4nnliche Personen vor einem gesprayten \"Active Club\"-Schriftzug fotografierten. 47","Aufgrund der oben genannten, bislang nur vereinzelten Aktivit\u00e4ten, der vorherrschenden lebensj\u00fcngeren Altersstruktur sowie bisher fehlender Erfahrungswerte wird eine Etablierung fester Strukturen von \"Active Clubs\" in der rechtsextremistischen Szene in Th\u00fcringen eher als wenig wahrscheinlich eingesch\u00e4tzt. 5. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Rechts Das System der \"politisch motivierten Kriminalit\u00e4t\" (PMK) ist eine polizeiliche Kategorisierung zur Einordnung von Straftaten. Die Zahlen werden als erg\u00e4nzende Information in diesen Bericht aufgenommen. F\u00fcr die PMK - Rechts weist die Statistik des Landeskriminalamts Th\u00fcringen25 folgende Zahlen aus: PMK 2022 2023 2024 PMK gesamt 3.156 3.097 5.234 davon PMK rechts 1.555 1.835 2.839 davon Gewaltkriminalit\u00e4t 93 93 133 Tabelle 4: Statistik politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Rechts Rund 54 % aller politisch motivierten Straftaten, die im Berichtszeitraum im Freistaat Th\u00fcringen begangen wurden, sind dem Ph\u00e4nomenbereich \"Rechts\" zuzuordnen. Die Fallzahl (2.839) \u00fcbertrifft jene des vergangenen Jahres (2023: 1.835) mit einem Plus von 1.004 erfassten Straftaten deutlich, was einem Anstieg von 54,7 % entspricht. Dieser Wert steht daher stellvertretend f\u00fcr den deutlichen Zuwachs an Straftaten im Bereich politisch motivierter Kriminalit\u00e4t, der sich auf insgesamt 69 % im Vergleich zum Vorjahr bemisst. Die Propagandadelikte bilden weiterhin die gr\u00f6\u00dfte Fallgruppe der PMK. Bei einem Gesamtanstieg dieser Deliktsgruppe von 57,3 % auf insgesamt 1.785 Taten (2023: 1.135) sind 91,3 % (1.630 F\u00e4lle) dem Ph\u00e4nomenbereich \"rechts\" zuzuordnen. Ebenso ist bei der politisch rechts motivierten Gewaltkriminalit\u00e4t ein hoher Zuwachs auf 133 F\u00e4lle (2023: 93) zu verzeichnen. Dies ist Ausdruck der insgesamt hohen Gewaltbereitschaft innerhalb der rechtextremistischen Szene, aber auch der ph\u00e4nomenbereichs\u00fcbergreifend grassierenden steigenden Bereitschaft, politisch motivierte (Gewalt-)Straftaten zu begehen. 25 Ver\u00f6ffentlicht am 31. M\u00e4rz 2025; abrufbar unter https://innen.thueringen.de/fileadmin/Thueringer_Polizei/polizei/Statistiken/PMK_2024.pdf. 48","III. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" 1. \u00dcberblick Dem Ph\u00e4nomenbereich \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" zuzurechnende Personen waren auch 2024 in Th\u00fcringen aktiv. Ihrer Ideologie entsprechend, lehnen Angeh\u00f6rige dieses Ph\u00e4nomenbereichs grunds\u00e4tzlich staatliche Institutionen, beh\u00f6rdliche Repr\u00e4sentanten sowie deren Ma\u00dfnahmen ab. Mit unterschiedlichen Begr\u00fcndungen leugnen sie die Existenz der Bundesrepublik Deutschland als Staat und erkl\u00e4ren die bestehende Rechtsordnung als f\u00fcr sie nicht bindend. Die Bestrebungen der \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" richten sich demnach gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Angeh\u00f6rige und Argumentation Der Ph\u00e4nomenbereich \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" zeichnet sich durch eine organisatorisch und ideologisch heterogene Szene aus, die \u00fcberwiegend auf sich selbst bezogen ist. In der Regel agieren diese Personen f\u00fcr sich oder als (loser) Personenzusammenschluss. Vereinzelt bilden sich lokal gr\u00f6\u00dfere Gruppen. Dar\u00fcber hinaus existieren aber auch bundesweit aktive Gruppierungen oder Vereine. Die Intentionen der einzelnen Akteure sind so vielf\u00e4ltig, wie die Zusammensetzung der Szene. Unter ihnen finden sich selbsternannte \"Systemaussteiger\", Querulanten und politische Provokateure sowie Anh\u00e4nger von Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen. Einige finanzieren sich \u00fcber die Szene, z. B. durch die Ausstellung von Fantasiedokumenten oder durch den Vertrieb von szenetypischen Merchandise Artikeln. Nur ein kleiner Teil der \"Reichsb\u00fcrger\"-Szene kann ideologisch ebenfalls dem Rechtsextremismus zugeordnet werden. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" vertreten zumeist politische Ansichten, die nicht im Einklang mit dem Grundgesetz stehen. Sie begr\u00fcnden Ihre Motive h\u00e4ufig mit pseudojuristischen und pseudohistorischen Argumentationsmustern, mit verschw\u00f6rungserz\u00e4hlerischen Ans\u00e4tzen oder mit selbst definierten Naturrechten. Folgende Kernaussagen sind regelm\u00e4\u00dfig zu finden: * Das Deutsche Kaiserreich ist nicht untergegangen. * Die Bundesrepublik Deutschland ist kein souver\u00e4ner Staat. 49","* Deutschland befindet sich weiterhin im Kriegszustand. Dabei gibt es verschiedene Vorstellungen, die entweder auf einem seit November 1918 fortdauernden Kriegszustand oder dem Fehlen eines Friedensvertrages mit den Alliierten nach 1945 beruhen. * Es gilt die Haager Landkriegsordnung. * Das Grundgesetz ist keine Verfassung. * Die Bundesrepublik ist untergegangen. * Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Staat, sondern eine privatrechtliche \"BRD GmbH\". * Das Recht der Bundesrepublik widerspricht dem Gewohnheitsrecht nach Brauch und Sitte vor der gegenw\u00e4rtigen Zeitrechnung. * Der wirkliche Herrscher der Welt ist das \"finanzm\u00e4chtige internationale Judentum\". Dar\u00fcber hinaus nehmen \"Selbstverwalter\" f\u00fcr sich in Anspruch, aus der Bundesrepublik \"austreten\" zu k\u00f6nnen und reklamieren rechtliche Autonomie mit territorialem Hoheitsanspruch f\u00fcr sich. Sie bezeichnen sich als \"nat\u00fcrliche Personen im Sinne des SS 1 BGB\", die in keinem \"Vertragsverh\u00e4ltnis\" mit der \"BRD-GmbH\" stehen. Die Abgabe dieser Erkl\u00e4rung erfolgt vielfach \u00fcber \"Proklamationen\", fiktive Urkunden oder \"Privatautonome Willenserkl\u00e4rungen\", die den Verwaltungsbeh\u00f6rden \u00fcbersandt werden. \"Gelber Schein\" und Fantasiepapiere Personen, die sich der \"Reichsb\u00fcrgerszene\" zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, h\u00e4ngen der absurden Vorstellung an, ohne Staatsangeh\u00f6rigkeitsausweis staatenlos zu sein. Sie propagieren die Beantragung eines solchen Dokuments, da weder der Personalausweis noch Reisepass als Nachweis der deutschen Staatsangeh\u00f6rigkeit dienen w\u00fcrden. Sie behaupten, die Bezeichnung \"Name\" im Personalausweis kennzeichne die betreffende Person als \"Firma, also eine inl\u00e4ndische juristische Person\" ohne Grundrechtsberechtigung. Ein Staatsangeh\u00f6rigkeitsausweis (\"Gelber Schein\") mit dem Parameter \"Identit\u00e4t Familienname = Nat\u00fcrliche Person\" sichere hingegen die volle Rechtsf\u00e4higkeit als Grundrechtstr\u00e4ger. Zudem \"legitimieren\" sich Szeneangeh\u00f6rige dar\u00fcber hinaus h\u00e4ufig mit weiteren, selbst produzierten Fantasiepapieren, wie \"Reichspersonenausweisen\" oder \"Reichsf\u00fchrerscheinen\". Die Nutzer solcher Papiere wollen damit ihre Lossagung von der Bundesrepublik Deutschland dokumentieren und geben oft auch im Vorfeld ihre amtlichen Ausweisdokumente bei den Meldebeh\u00f6rden zur\u00fcck. Die Ausfertigung derartiger Fantasiepapiere erfolgt meist von Szeneanh\u00e4ngern, die damit in der Regel finanzielle Interessen verwirklichen. Einige Gruppierungen sowie einzelne Vertreter der Szene nehmen f\u00fcr sich sogar in Anspruch, eine eigene \"Staatsgewalt\" 50","auszu\u00fcben. Sie bilden \"Gemeinen\", \"Bundesstaaten\" oder \"Reichsregierungen\", ernennen entsprechende Funktion\u00e4re, wie z. B. \"Verweser\", \"Reichskanzler\" oder \"Minister\", die sich wiederum mit selbst gestalteten Ausweisdokumenten \"legitimieren\". Rechtsverbindlichen Charakter besitzen die \"Dokumente\" nicht. Querulatorische Schreiben und Vernetzung \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" versuchen, sich durch ihre Argumentation verschiedenen staatlichen Ma\u00dfnahmen zu entziehen mit dem Ziel, keine Steuern, Bu\u00dfgelder oder Geb\u00fchren entrichten zu m\u00fcssen oder drohende Zwangsvollstreckungen abzuwenden. Sie sprechen Beh\u00f6rden und Amtstr\u00e4gern ihre hoheitlichen Befugnisse ab und weisen beh\u00f6rdliche Schreiben oder Ma\u00dfnahmen als illegitim zur\u00fcck. H\u00e4ufig geschieht dies durch zahlreiche und umfangreiche Schrifts\u00e4tze, mit denen die Arbeit der Beh\u00f6rden sabotiert werden soll. Nicht selten sind die Schreiben in anma\u00dfendem und aggressivem Ton verfasst, verbunden mit Beleidigungen, Beschimpfungen, Belehrungen, Erpressung, N\u00f6tigung und Androhung von \"Bu\u00dfgeldern\" in Teils erheblicher H\u00f6he und \"Unterlassungsverf\u00fcgungen mit Strafzahlungen\", auch pers\u00f6nlich gegen einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Beh\u00f6rden. Vordrucke, Vorlagen und Textbausteine f\u00fcr solche Schreiben mit vorgefertigten Argumentationsmustern finden sich hierbei zahlreich online. \u00dcberhaupt kommt dem Internet und den sozialen Medien auf Grund der beinahe unbegrenzten M\u00f6glichkeiten an Plattformen und Multiplikatoren eine besondere Bedeutung bei der Verbreitung der Ideologie der \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" zu. Zudem bietet es bei Bedarf die notwendige Anonymit\u00e4t, um sich bei ersten Recherchen nach Denkans\u00e4tzen und der Suche nach Gleichgesinnten sicher zu f\u00fchlen. In einem Austausch \u00fcber Foren erfolgt h\u00e4ufig die weitergehende Vernetzung bis hin zu Verabredungen zu realweltlichen Treffen im konspirativen Kreis oder gr\u00f6\u00dferen \u00f6ffentlichen Veranstaltungen. Auch findet sich in einschl\u00e4gigen Online-Shops und Pr\u00e4senzen ein breites Angebot buchbarer Seminare oder erg\u00e4nzender Literatur, die die Ideologie n\u00e4herbringen und vertiefen sollen. Bei Realwelttreffen werden Beurkundungen vorgenommen, bei denen Zeugen die Identit\u00e4t von Personen oder ihre Zugeh\u00f6rigkeit zu einer \"Gemeine\" oder einem Stamm mit ihrer Unterschrift und Fingerabdr\u00fccken best\u00e4tigen. Diese Urkunden werden danach oft mit umfangreichen Anlagen an Beh\u00f6rden versandt. 51","2. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" in Th\u00fcringen Dem Ph\u00e4nomenbereich \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" wurden in Th\u00fcringen im Jahr 2024 ca. 1.000 Personen (2023: ca. 1.000) zugerechnet. Das Personenpotenzial bewegte sich somit weiterhin auf einem konstanten hohen Niveau. Der Personenkreis selbst ist jedoch nicht statisch - Personen traten erstmals im Zusammenhang mit \"Reichsb\u00fcrger\"-Aktivit\u00e4ten auf, andere wurden nicht mehr als Szeneakteure wahrgenommen. Eine Ursache f\u00fcr eine Distanzierung von dieser Ideologie ist konsequentes Verwaltungshandeln und die robuste Durchsetzung des Rechtsstaates gegen\u00fcber Angeh\u00f6rigen des Ph\u00e4nomenbereichs. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" agieren in Th\u00fcringen \u00fcberwiegend als Einzelakteure. Daneben gibt es bundesweit bzw. \u00fcberregional agierende Gruppierungen, in denen auch \"Reichsb\u00fcrger\" aus Th\u00fcringen aktiv waren. Bundesweite bekanntestes Beispiel einer solchen Vernetzung ist die Gruppierung um Heinrich XIII. Prinz Reu\u00df, gegen die am 7. Dezember 2022 bundesweit umfangreiche Exekutivma\u00dfnahmen im Zusammenhang mit einem Strafverfahren des Generalbundesanwalts wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung durchgef\u00fchrt wurden. Am 11. Dezember 2023 klagte der Generalbundesanwalt urspr\u00fcnglich insgesamt 27 Mitglieder oder Unterst\u00fctzer der Vereinigung u. a. wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung eines hochverr\u00e4terischen Unternehmens an. 26 Ein Beschuldigter aus Th\u00fcringen verstarb im M\u00e4rz 2024. Wegen der Gr\u00f6\u00dfe des Verfahrens wurden die Anklagen an drei Oberlandesgerichten erhoben - in Frankfurt, M\u00fcnchen und Stuttgart. Die Prozesse begannen ab April 2024 und dauerten bis zum Jahresende an. Bezug auf das deutsche Kaiserreich / \"1871'er Bewegung\" Bezugspunkt der \"1871'er Bewegung\" ist die Verfassung des Deutschen Kaiserreiches von 1871. In diesem Zusammenhang agierten in Th\u00fcringen verschiedenste Gruppierungen, u. a. \"Wahlkommissionen\" (WK) und der \"Vaterl\u00e4ndische Hilfsdienst\" (VHD). Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist der Irrglaube an die fortdauernde G\u00fcltigkeit dieser Verfassung und die Gliederung des \"Reichs\" in \"25+1 Bundesstaaten\". Typisch f\u00fcr dieses Teilspektrum sind die Zahl 1871 und Flaggen oder Wappen dieser fr\u00fcheren Bundestaaten auf Kleidungsst\u00fccken. 26 Presseerkl\u00e4rungen des Generalbundesanwalts beim Bundesgerichtshof vom 12.12.2023. 52","In Anlehnung an die seinerzeit existierenden (Gro\u00df-)Herzogt\u00fcmer und Preu\u00dfischen Bundesstaaten waren \"Wahlkommissionen\" (WK) in Th\u00fcringen aktiv. \u00d6ffentlich wurden diese vor allem durch Aush\u00e4nge wahrgenommen. Mit als \"\u00d6ffentliche Bekanntmachung\" deklarierten Plakaten riefen sie zum Eintrag in Wahllisten auf. Als Ersteller waren die \"Wahlkommission Preu\u00dfische Provinz Sachsen\" bzw. die \"Wahlkommission Reu\u00df\" mit Kontaktm\u00f6glichkeiten angegeben. Nach Auffassung der Anh\u00e4nger der WK bestehen das Wilhelminische Kaiserreich von 1871 und seine Verfassung fort. Die Bundesrepublik wird nicht als Staat, sondern als Firmenkonstrukt wahrgenommen. Derzeit herrsche ein \"Notstand\", den man durch die Organisation eigener Strukturen beheben will. Dazu f\u00fchren die Gruppierungen Wahlen durch, aus denen \"Verweser\" hervorgehen. Dem folgend behauptete die \"Wahlkommission der Gemeindeverwaltung Sachsen-Weimar-Eisenach\" im Internet, am 25. und 26. November 2023 eine Wahl im entsprechenden Herzogtum durchgef\u00fchrt zu haben und nun als \"Gemeindevereinigung des Gro\u00dfherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach\" zu firmieren. Bundesweit agieren WK auch unter einem \"Verband Deutscher Wahlkommissionen\" (VDWK). Im Berichtszeitraum fanden zudem Treffen und Veranstaltungen in Th\u00fcringen statt, welche durch die WK \u00fcber soziale Medien beworben und organisiert wurden. Auch die Organisation \"Vaterl\u00e4ndischer Hilfsdienst\" (VHD) richtete im Berichtszeitraum mehrere Treffen in Th\u00fcringen aus. Die Bedeutung dieser Gruppierung nahm gegen\u00fcber dem Vorjahr jedoch deutlich ab. Der VHD z\u00e4hlt zu der bundesweit agierenden Bestrebung \"Bismarcks Erben\", auch bekannt als \"Ewiger Bund\" oder \"Preu\u00dfisches Institut\". Auch der VHD beruft sich auf die Verfassung von 1871, jedoch im Gebietszustand vom 27. Juli 1914. Es habe nie einen Friedensvertrag zur Beendigung des Ersten Weltkrieges gegeben und daher befinde sich Deutschland nach wie vor im Kriegszustand. Als Legitimation beruft sich der VHD auf das am 6. Dezember 1916 in Kraft getretene \"Gesetz \u00fcber den vaterl\u00e4ndischen Hilfsdienst\", das damals alle nicht zum Kriegsdienst einberufenen m\u00e4nnlichen Deutschen zwischen 17 und 60 Jahren zum Hilfsdienst in kriegswichtigen T\u00e4tigkeiten verpflichtete. Nach Auffassung der Gruppierung ist dieses Gesetz weiter in Kraft und legitimiert den VHD, eine eigene Verwaltungsstruktur aufzubauen. Diese ist in Anlehnung an die Gliederung der deutschen Armee ab 1914 in Armeekorpsbezirke (AKB) aufgeteilt. Th\u00fcringen ist dabei den AKB IV und XI zugeordnet. Ziele sind die Wiederherstellung der Handlungsf\u00e4higkeit und die Wiedererlangung v\u00f6lkerrechtlicher Souver\u00e4nit\u00e4t unter der F\u00fchrung des Oberhauptes des Hauses Hohenzollern. Neben lokalen Treffen fanden in Th\u00fcringen erstmals zwei gr\u00f6\u00dfere Versammlungen der \"1871'er Bewegung\" mit bundesweiter Beteiligung statt. 53","Zu einer als \"Das Gro\u00dfe Treffen der 25+1 Bundesstaaten\" bezeichneten Veranstaltung versammelten sich am 6. April in Gera zahlreiche \"Reichsb\u00fcrger\"; in der Spitze waren es bis zu 900 Personen. Bei einzelnen Teilnehmern handelte es sich um Rechtsextremisten oder Akteure des Bereiches \"Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates\". Ein weiteres \"Gro\u00dfes Treffen\" wurde am 31. August in M\u00fcnchen veranstaltet. Bereits im Vorjahr hatte es in Magdeburg und Dresden \"Gro\u00dfe Treffen der 25+1 Bundesstaaten\" gegeben. \"Die Gro\u00dfen Treffen der 25+1 Bundesstaaten\" sind bislang die personenst\u00e4rksten Zusammenk\u00fcnfte der \"Reichsb\u00fcrgerszene\". Mit ihnen geht die Forderung zur R\u00fcckkehr der Reichsverfassung von 1871 einher, die als h\u00f6chstes Gesetz der Deutschen angesehen wird. Mehrere hundert Personen f\u00fchrten am 16. November in Heilbad Heiligenstadt eine nicht angemeldete Demonstration im Rahmen eines \"Staatsvolktreffens\" durch. Die Teilnehmer f\u00fchrten Fahnen von Bundesstaaten des Kaiserreiches mit sich und propagierten dessen angeblichen Fortbestand. \"Selbstverwalter\" Im Berichtszeitraum waren Aktivit\u00e4ten der in Wittenberg gegr\u00fcndeten Gruppierung \"K\u00f6nigreich Deutschland\" (KRD) 27 in Th\u00fcringen feststellbar. Das KRD verf\u00fcgte mit dem \"K\u00e4seturm\" in Gera \u00fcber eine Immobilie. Zudem fanden Veranstaltungen der Untergruppierung \"LeuchtTurm\" statt. Das KRD behauptete, dass in seinem Einflussbereich kein \"BRD-Recht\" gelte. Es bezeichnete sich als \"Gemeinwohlstaat\" und verstand sich als eigenst\u00e4ndiges System, losgel\u00f6st von den bestehenden staatlichen Strukturen. Eigenangaben zufolge stand das KRD \"f\u00fcr einen Neuanfang des deutschen Staates nach den Grunds\u00e4tzen des V\u00f6lkerrechts und der V\u00f6lkerfreundschaft.\" Es gab vor, \"praktische L\u00f6sungen f\u00fcr alle aktuellen systemischen, menschlichen und gesellschaftlichen Probleme: Von einem zinsund schuldfreien Geldwesen und einem autarken Wirtschaftskreislauf bis hin zu einem erneuerten, ganzheitlichen Gesundheitsund Bildungswesen\" zu bieten. Das KRD warb offensiv um Gewerbetreibende und Geldgeber. Unternehmen wurde ein Wechsel in den \"Rechtskreis des KRD\" angeboten, in dem keine Mehrwertsteuer anfalle und die Gr\u00fcndung eines Betriebes \"steuerund erkl\u00e4rungsfrei\" vollzogen w\u00fcrde. Die Gewinnung von neuen Mitgliedern erfolgte seit 2023 insbesondere \u00fcber den \"Leucht-Turm\". Dieser bot als Einstieg Infoseminare an. \u00dcber ein mehrstufiges - kostenpflichtiges - Seminarsystem wurden Interessenten an die Gruppierung herangef\u00fchrt. Zur St\u00e4rkung des Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchls organisierte der \"Leucht-Turm\" gemeinsame Wanderungen. 27 Das KRD wurde gem\u00e4\u00df Verf\u00fcgung des Bundesministers des Inneren vom 13.05.2025 unter Bezugnahme auf Artikel 9 Abs. 2 Grundgesetz i. V. m. SS 3 Abs. 1 Satz 1 Variante 1 bis 3 Vereinsgesetz verboten. 54","Auch in Th\u00fcringen f\u00fchlten sich einzelne Gewerbetreibende dem KRD zugeh\u00f6rig. So gaben sie das KRD auf ihren Homepages als \"Aufsichtsbeh\u00f6rde\" an oder wiesen darauf hin, dass der Kunde \"f\u00fcr die Dauer der Gesch\u00e4ftsbeziehung [...] eine tempor\u00e4re Zugeh\u00f6rigkeit zum Gemeinwohlstaat K\u00f6nigreich Deutschland\" besitze. Mitunter boten Unternehmen und Personen zudem Waren und Dienstleistungen \u00fcber das KRD-eigene Portal \"KaDaRi\" an. Die Abwicklung des Zahlungsverkehrs erfolgte dabei \u00fcber die Fantasiew\u00e4hrung \"Engelsmark\" (\"EMark\") des KRD. Auch im Berichtszeitraum 2024 konnten Aktivit\u00e4ten der bundesweit agierenden und gut vernetzten Gruppierung \"Indigenes Volk Germaniten\" (IVG) wahrgenommen werden. Eigenen Angaben zufolge erfolgte die Gr\u00fcndung des IVG bereits in 2010. Angeh\u00f6rige dieser Gruppierung bezeichnen sich als \"Nachfahren der germanischen V\u00f6lker/St\u00e4mme\" und betrachten sich als eigenst\u00e4ndiges Volk, die die Existenz der Bundesrepublik Deutschland nicht in Frage stellen. Einem Staat oder Reich rechnen sie sich jedoch auch nicht zu. Im Umkehrschluss ist es naheliegend, dass geltendes Recht f\u00fcr nicht bindend erachtet wird. So werden beispielsweise bundesdeutsche Ausweisdokumente als rechtswidrig abgelehnt. Th\u00fcringer Beh\u00f6rden werden mitunter mit dem Anliegen kontaktiert, die L\u00f6schung der Geburtsurkunde zu veranlassen, da mit dieser \"Urkunde\" die Wahlm\u00f6glichkeit zwischen \"Staatsangeh\u00f6rigkeit\" und \"Volkszugeh\u00f6rigkeit\" vorenthalten wurde. Realweltliche Treffen in Th\u00fcringen wurden bisher nicht bekannt. 3. Entwicklung Die Relevanz des Ph\u00e4nomenbereichs \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" ist weiterhin hoch. Die Szene umfasst ideologisch stark gefestigte Personen, aber auch Trittbrettfahrer weitgehend ohne ideologischen Bezug. Bei Trittbrettfahrern herrscht in der Regel eine hohe Fluktuation innerhalb des Spektrums. Im Berichtszeitraum konnten umfangreiche Erkenntnisse zu Akteuren gewonnen werden, die sich entweder erstmals mit der Ideologie befassten oder sich bereits in der Vergangenheit mit der Ideologie identifiziert haben und diese nun offensiver als zuvor praktizieren. Die Akteure pr\u00e4gt eine tief verwurzelte Unzufriedenheit und ein fundamentales Misstrauen gegen\u00fcber dem politischen System und den Beh\u00f6rden. Die Ablehnung staatlicher Ma\u00dfnahmen verankern Szeneangeh\u00f6rige in einem geschlossenen, von Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen gepr\u00e4gten Weltbild. Je nach Tiefe der Auspr\u00e4gung k\u00f6nnen sich hieraus erhebliche Aggressionen und Gefahrensituationen entwickeln. Immer wieder werden - oftmals gewaltorientierte - Wi55","derstandshandlungen und Bedrohungen bei der Umsetzung beh\u00f6rdlicher Ma\u00dfnahmen registriert. Das Gef\u00e4hrdungspotenzial, welches von der Szene der \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" ausgeht, ist durch eine hohe Affinit\u00e4t f\u00fcr Waffen gepr\u00e4gt. Die Entwicklung des Ph\u00e4nomenbereichs der \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" h\u00e4ngt ma\u00dfgeblich von dem szeneintern empfundenen staatlichen Verfolgungsdruck ab. Entschlossenes Beh\u00f6rdenhandeln d\u00fcrfte zumindest den noch nicht gefestigt ideologisierten Teil der Szene zum Umdenken bewegen. Dies betrifft vorrangig den Entzug von waffenrechtlichen Erlaubnissen bzw. die Ablehnung von Antr\u00e4gen auf Erteilung einer waffenrechtlichen Erlaubnis bei \"Reichsb\u00fcrgern\" und \"Selbstverwaltern\". An diesen Verfahren wirkt das AfV Th\u00fcringen durch Meldungen an die \u00f6rtlich zust\u00e4ndigen Waffenbeh\u00f6rden nach den Regelungen im Waffengesetz (SSSS 4 und 5) sowie auf Grundlage von SS 21 Th\u00fcrVerfSchG mit. Ohne ein resolutes Vorgehen des Staates gegen\u00fcber den Akteuren des Ph\u00e4nomenbereichs k\u00f6nnte sich das Anh\u00e4ngerpotenzial weiter stabilisieren oder sogar deutlich anwachsen. 56","IV. Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates (VDS) Seit April 2021 bearbeitet das AfV in Abstimmung mit anderen Beh\u00f6rden im Verfassungsschutzverbund den Ph\u00e4nomenbereich der \"Verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates\" (VDS), der sich im Kontext der Corona-Pandemie herausgebildet hat. Die Verfassungsschutzrelevanz von Delegitimierung ergibt sich aus einer gezielt gegen den Staat gerichteten Agitation, mit der staatlichen Institutionen, Strukturen und Verfahren sowie deren Repr\u00e4sentanten die demokratische Legitimit\u00e4t abgesprochen wird. Unter Szeneangeh\u00f6rigen vermischt sich eine grundlegend ablehnende Haltung gegen\u00fcber staatlichen Institutionen mit einem verschw\u00f6rungsgl\u00e4ubigen Weltbild. So sind Akteure des Bereichs VDS h\u00e4ufig davon \u00fcberzeugt, dass staatliches Handeln \"fremdbestimmt\" sei und vor allem der Bereicherung \"interessierter Kreise im Ausland\" diene. Dabei beabsichtigen Akteure des Ph\u00e4nomenbereiches durch systematische Ver\u00e4chtlichmachung kollektiv bindender demokratischer Entscheidungen und Prozesse das Vertrauen in staatliche Repr\u00e4sentanten und Strukturen nachhaltig zu untergraben und die Funktionsf\u00e4higkeit des Staates insgesamt erheblich zu beeintr\u00e4chtigen. VDS - Aktivit\u00e4ten in Th\u00fcringen Der Ph\u00e4nomenbereich VDS zeichnet sich durch eine organisatorisch und ideologisch ausgesprochen heterogene Zusammensetzung und flexible Zielsetzung aus. Meist agieren die zugerechneten Personen als Einzelakteure oder in losen Personenzusammenschl\u00fcssen, die jedoch durch virtuelle Agitation oft weit \u00fcber ihr soziales Umfeld hinauswirken. Insgesamt wurden im Berichtszeitraum etwa 45 Personen dem VDS-Spektrum in Th\u00fcringen zugeordnet, davon waren 15 als gewaltorientiert einzustufen. Mit dem Ende der Corona-Pandemie war ein Abflachen der allgemeinen Protestbewegung zu beobachten. Die Teilnehmerzahlen der w\u00f6chentlich stattfindenden Montagsspazierg\u00e4nge bewegten sich im Berichtszeitraum auf dem gleichen Niveau wie im Jahr 2023, an 26 Orten wurden ca. 1.500 Personen mobilisiert. Im Kreis der Versammlungsteilnehmenden haben sich etwa in Erfurt, Weimar, Zeulenroda und Meiningen extremistische Kerngruppen etabliert. 57","Der thematische Schwerpunkt bei den Montagsprotesten orientiert sich am aktuellen politischen Geschehen und lag im Berichtszeitraum insbesondere auf der Migrationsund Fl\u00fcchtlingspolitik. Die \"Bauernproteste\" sowie der russische Angriffskrieg auf die Ukraine standen wiederholt auch im Fokus dieser Veranstaltungen. Es wurde th\u00fcringenweit zur Demonstration der Bauernverb\u00e4nde am 8. Januar mobilisiert. Obwohl der Deutsche Bauernverband sich ausdr\u00fccklich distanziert hatte, versuchten die VDS-Akteure, den Protest der Bauern f\u00fcr sich einzunehmen und staatsdelegimitierende \u00c4u\u00dferungen zu verbreiteten. Die Unterst\u00fctzung der VDS-gepr\u00e4gten Protestaktionen durch die AfD Th\u00fcringen intensivierte sich im Rahmen der Wahlk\u00e4mpfe zur Kommunalwahl und Landtagswahl in Th\u00fcringen. So traten Mitglieder der AfD Th\u00fcringen bei Versammlungen der Protestinitiativen auf; durch die Protestinitiativen wiederum wurde f\u00fcr Veranstaltungen der AfD Th\u00fcringen mobilisiert. Zudem konnte eine Unterst\u00fctzung der Protestinitiativen des rechtsextremistischen \"COMPACT-Magazins\" festgestellt werden, die sich insbesondere im Rahmen des COMPACT-Verbotes 28 im Juli durch Solidarisierungsproteste gegen das Verbot zeigte. Die Vernetzung der Protestinitiativen in die rechtsextremistische Szene wird unter anderem dazu genutzt, durch wechselseitige Besuche bei Veranstaltungen die Teilnehmerzahlen lokal zu steigern. Damit soll der Eindruck gr\u00f6\u00dferer Breitenwirkung und gesellschaftlicher Akzeptanz erzeugt werden. Als zentrale Mobilisationsplattform f\u00fcr das Protestgeschehen in Th\u00fcringen fungiert weiterhin der Telegram-Kanal \"Freies Th\u00fcringen\". Dabei wird, entgegen der tats\u00e4chlichen Umst\u00e4nde, mittels Bildunterschriften, Videoschnitt und wechselseitiger Weiterleitungen suggeriert, es g\u00e4be gleichsam \"Massenproteste\" f\u00fcr die jeweils verfolgten Ziele. Ausblick Die weitere Entwicklung des Ph\u00e4nomenbereichs wird von der Bewertung der politischen Schwerpunktsetzung durch die Szene und deren F\u00e4higkeit, ausgew\u00e4hlte Themen f\u00fcr sich zur Mobilisierung zu nutzen, abh\u00e4ngen. Insbesondere der Komplex Migration und Asylpolitik, aber auch andere, durch die Zielgruppe als gleichsam existenzbedrohend bewertete Angelegenheiten sind dazu geeignet, Personen des Ph\u00e4nomenbereichs - wie auch solche, die anderen Ph\u00e4nomenbereichen zuzuordnen sind - zu mobilisieren. B\u00fcrgern vor Ort soll signalisiert werden, man trete - anders als die \"etablierte Politik\" - f\u00fcr 'ihre' Interessen ein. Erkl\u00e4rtes Ziel ist hierbei stets die Anschlussf\u00e4higkeit an diverse politische und ideologische Lager, weshalb das 28 Siehe Fn. 17. 58","Portfolio der Szene Versatzst\u00fccke verschiedenster verschw\u00f6rungsideologischer Thesen beinhaltet. Eine eigene, klare Positionierung hinsichtlich der Art der angestrebten \"Systemver\u00e4nderung\" besteht jedoch nicht. 59","V. Islamismus 1. Ideologischer Hintergrund Islamismus stellt eine Form des politischen Extremismus dar, der die Religion des Islam f\u00fcr politische Zwecke missbraucht und ideologisiert. Der Islam als Glaubenslehre ist klar von dieser extremistischen Ideologie abzugrenzen. Sowohl der Glaube als auch die religi\u00f6se Praxis sind durch das in Artikel 4 Grundgesetz verbriefte Recht auf Religionsfreiheit gesch\u00fctzt. In Abgrenzung zum Islam beginnt Islamismus dort, wo durch religi\u00f6se islamische Gebote und Normen als verbindliche politische Handlungsanweisungen ein Ausschlie\u00dflichkeitsanspruch gegen\u00fcber anderen gesellschaftlichen Modellen postuliert wird. So reklamieren Islamisten f\u00fcr sich, den einzig \"wahren Islam\" zu vertreten und streben in Deutschland nach einer teilweisen bzw. vollst\u00e4ndigen Abschaffung zentraler Kernelemente des Grundgesetzes zugunsten der Verwirklichung einer dogmatisch rigorosen islamischen Staatsund Gesellschaftsordnung als Gegenentwurf zur westlichen Demokratie. Richtschnur f\u00fcr das angestrebte Modell eines islamischen Staates ist die Anwendung des islamischen - gottgegebenen - Rechts, das von einem eng gefassten, konservativen Islamverst\u00e4ndnis gepr\u00e4gt wird. Diese Staatsund Gesellschaftsordnung ist in weiten Teilen nicht mit den Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland vereinbar. 1.1 Salafismus Der Salafismus war \u00fcber eineinhalb Jahrzehnte die islamistische Str\u00f6mung mit dem st\u00e4rksten Wachstum in Deutschland, wenngleich seit den letzten Jahren die Anh\u00e4ngerzahlen leicht zur\u00fcckgingen. Im Berichtszeitraum wuchs das Personenpotenzial wieder leicht auf 11.000 Anh\u00e4nger (2023: 10.500) an. Der Salafismus orientiert sich an einer idealisierten muslimischen Urgesellschaft, wie sie im siebten und achten Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel vermeintlich existierte. Anh\u00e4nger dieser Str\u00f6mung zeigen sich \u00fcberzeugt, im Koran und in prophetischen \u00dcberlieferungen ein genaues Abbild dieser Fr\u00fchzeit des Islam gefunden zu haben und versuchen, die in diesem Sinne verstandenen Gebote Gottes wortgetreu umzusetzen. Salafisten lassen dabei theologische und soziopolitische Entwicklungen unber\u00fccksichtigt, die sich in den vergangenen 1.300 Jahren vollzogen haben. 60","Infolge diverser Vereinsverbote in den vergangenen f\u00fcnf Jahren und des Verfolgungsdrucks durch die Sicherheitsbeh\u00f6rden setzt sich bundesweit die Fragmentierung der salafistischen Szene fort. 29 Dabei l\u00e4sst sich ein Verschwimmen von Grenzen infolge von \u00dcberschneidungen zwischen verschiedenen islamistischen Str\u00f6mungen ausmachen. Die salafistische Ideologie widerspricht in wesentlichen Punkten der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, allen voran dem Gebot, dass alle Staatsgewalt vom Volk ausgeht, das seinen Einfluss durch Wahlen und Abstimmungen aus\u00fcbt. Der Kern der salafistischen Ideologie l\u00e4uft dieser gesetzlich verankerten Volkssouver\u00e4nit\u00e4t zuwider, indem Gott als der einzig legitime Souver\u00e4n und Gesetzgeber postuliert wird. Demzufolge bildet f\u00fcr die Salafisten nicht die Selbstbestimmung des Volkes die Grundlage der staatlichen Herrschaftsordnung, sondern ausschlie\u00dflich der Wille Gottes. Verwirklicht wird dieser durch die uneingeschr\u00e4nkte Anwendung der Scharia auf der Basis eines w\u00f6rtlichen und strengen Verst\u00e4ndnisses von Koran und Sunna. Die Bildung und Aus\u00fcbung einer parlamentarischen Opposition ist in diesem politischen System der Salafisten folglich eben so wenig vorgesehen wie eine Gewaltenteilung oder die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte. Salafisten lehnen alle Normen ab, die auf menschlicher Rationalit\u00e4t und Logik basieren. Die Implementierung der Scharia geht mit der Einschr\u00e4nkung der Menschenrechte einher. Es wird zwischen dem politischen und jihadistischen Salafismus unterschieden. Die Anh\u00e4nger beider Str\u00f6mungen eint eine extremistische Ideologie und die damit verbundenen Ziele. Sie unterscheiden sich lediglich in der Option der Gewaltanwendung, um ihre Ziele umzusetzen. Gemein sind ihnen ein Alleinvertretungsanspruch bez\u00fcglich einer absoluten g\u00f6ttlichen 29 Im November 2016 wurden das Missionierungsnetzwerk \"Die wahre Religion\" (DWR) und die damit assoziierte Koranverteilaktion \"LIES!\" verboten. Das Verbot des Berliner Moscheevereins \"Fussilet 33 e. V.\" folgte im Februar 2017. Weitere Verbote ergingen im M\u00e4rz 2017 bez\u00fcglich der Vereine \"Deutschsprachiger Islamkreis Hildesheim e. V.\" und \"Almadinah Islamischer Kulturverein e. V.\" in Kassel im M\u00e4rz 2017. Die Verbote gr\u00fcnden jeweils auf dem Agieren der Netzwerke und Moscheevereine gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung unter Verbreitung und Verfestigung der salafistischen Ideologie. Dies reicht von einer Bef\u00fcrwortung sowie dem Aufruf zu Gewalt bis hin zur Ausreise in die Jihadgebiete, um sich dort dem Kampf terroristischer Gruppierungen anzuschlie\u00dfen. Zudem hat das BMI im Mai 2021 den salafistischen Spendensammelverein \"Ansaar International e. V.\" und seine Nebenorganisationen verboten. Der Verein richtete sich mit seinen Aktivit\u00e4ten gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung sowie die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung. 61","Wahrheit und die darin wurzelnde Absicht, die deutsche Rechtsordnung und Gesellschaft langfristig entsprechend ihres enggefassten ideologisierten Islamverst\u00e4ndnisses umzugestalten. Sie streben nach der Errichtung eines politischen Systems auf der Grundlage ihrer strengen Interpretation der Scharia, mit einem Kalifen als religi\u00f6sem und politischem Oberhaupt. Der politische Salafismus bezeichnet eine breit gefasste heterogene Sammlungsbewegung. Anh\u00e4nger dieser Str\u00f6mung folgen einer streng puristischen Lebensweise nach dem von ihnen wahrgenommenen Vorbild der islamischen Fr\u00fchzeit z. T. unter Ablehnung theologischer und politischer Entwicklungen. Hauptkennzeichen des politischen Salafismus ist die systematische Missionierung (Da'wa), mit deren Hilfe die extremistische Ideologie weite Verbreitung findet. Diese Propagandaarbeit erfolgt virtuell in Form unz\u00e4hliger salafistischer Auftritte im Internet, auf denen mit Islaminteressierten \u00fcber Fragen zur Religion diskutiert und salafistische Literatur verbreitet wird, und in der Realwelt in Form von islamischen Informationsst\u00e4nden, Islamseminaren und Spendenaktionen. Der \u00dcbergang zum jihadistischen Salafismus ist angesichts des ambivalenten Verh\u00e4ltnisses politischer Salafisten zur Gewalt flie\u00dfend. W\u00e4hrend die Mehrheit der politischen Salafisten religi\u00f6s legitimierte Gewalt zur Verteidigung ihres Glaubens nicht prinzipiell ablehnt, vermeidet sie es jedoch, offen zur Anwendung von Gewalt aufzurufen. Jihadistische Salafisten erachten es im Gegensatz dazu f\u00fcr unerl\u00e4sslich, dass der Geltungsanspruch ihrer Ideologie sowie der Wandel bestehender sozialer und politischer Verh\u00e4ltnisse nach den Vorgaben eines g\u00f6ttlichen Heilsplans mit Gewalt verwirklicht werden m\u00fcsse. So deuten sie das klassisch islamische Jihad-Konzept, das prim\u00e4r die \u00dcberwindung innerer Widerst\u00e4nde im Streben nach einem gottgef\u00e4lligen Leben und dem untergeordnet urspr\u00fcnglich eine defensive Form der Kriegsf\u00fchrung verk\u00f6rpert, in ein revolution\u00e4res Jihad-Konzept um. Damit erkl\u00e4ren Jihadisten die Teilnahme am bewaffneten Kampf zur individuellen Pflicht eines jeden Muslims und rufen zum Kampf gegen vermeintliche Feinde des Islam auf, d. h. all jene, die sich au\u00dferhalb ihres eigenen strengen salafistischen Regelwerks bewegen wie Atheisten, Polytheisten, Christen, Juden und sogar kritische und weniger puristische Muslime. Anh\u00e4nger dieser militanten Gewaltideologie w\u00e4hnen sich in einem Jihad gegen \"den Westen\", in dem sie eine Avantgarde verk\u00f6rperten, die die Initiative zur Verteidigung des Islam ergreife und eine gewaltsame Ausbreitung des Islam bzw. ihres rigorosen Islamverst\u00e4ndnisses anstrebe. 62","1.2 Legalistischer Islamismus Anders als jihadistische Gruppierungen sind legalistische, nicht gewaltorientierte islamistische Gruppen bestrebt, durch Missionierung Anh\u00e4nger f\u00fcr ihre Lesart des Islam zu gewinnen und \u00fcber karitative und gesellschaftspolitische Lobbyarbeit die Umformung des demokratischen Rechtsstaats in einen islamischen Staat unter Anwendung der islamischen Rechtsprechung zu erlangen. Richtschnur ihres Handelns ist eine strenge Lesart des Korans und die Anwendung der Scharia, was einen Versto\u00df gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung des Grundgesetzes darstellt. Beispielhaft seien die \u00e4gyptische \"Muslimbruderschaft\" und ihre Ableger in Deutschland, die in Indien gegr\u00fcndete transnationale Missionierungsbewegung \"Tablighi Jama'at\" als auch die \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung und \"Garde 20-Gemeinschaft\" - beide t\u00fcrkisch gepr\u00e4gt - genannt. 1.3 Schiitischer Islamismus Schiitischer Islamismus kn\u00fcpft in Abgrenzung zum sunnitischen Islamismus an spezifische Vorstellungen der schiitischen Theologie und politischen Lehre an und wird vom theokratischen Herrschaftskonzept \"Velayat-e faqih\" des iranischen Revolutionsf\u00fchrers Ayatollah Ruhollah Khomeini 30 gekennzeichnet. Dieses umfasst die Verwirklichung eines islamischen Staats auf der Grundlage der Scharia, angef\u00fchrt von schiitischen Rechtsgelehrten, die den seit 941 in die Verborgenheit entr\u00fcckten Mahdi, ein Nachfahre des Propheten Muhammad \u00fcber dessen Tochter Fatima und Schwiegersohn Ali Ibn Abi Talib, stellvertreten. Khomeini forderte einst ebenso wie sunnitische islamistische Gruppierungen eine R\u00fcckbesinnung auf die Urspr\u00fcnge des Islam und propagierte unter Ablehnung von Demokratie und S\u00e4kularismus die Vision einer weltweiten Islamisierung. 2. Gef\u00e4hrdungsbewertung f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland In den zur\u00fcckliegenden Jahren hatte sich die Bedrohungslage auf hohem Niveau in der Bundesrepublik Deutschland stabilisiert. Die in den letzten Jahren erfolgten Koransch\u00e4ndungen in einigen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sowie die Entwicklungen im Nahen Osten als Folge der Terroranschl\u00e4ge gegen den Staat Israel im Oktober 2023 bewirkten eine weitere Anspannung der 30 Der Religionsgelehrte Khomeini (1902-1989) f\u00fchrte die Islamische Revolution 1978/1979 im Iran an und lenkte nach dem Sturz des Schahs Mohammad Reza Pahlavi die Staatsgesch\u00e4fte der neu gegr\u00fcndeten Islamischen Republik Iran als religi\u00f6ses und politisches Oberhaupt bis zu seinem Tod. 63","Sicherheitslage, die sich mit jedem weiteren eingreifenden Akteur und der Verschlechterung der humanit\u00e4ren Situation im Gazastreifen sowie dem Konflikt im S\u00fcdlibanon versch\u00e4rfte. Islamistische Terrororganisationen wie der \"Islamische Staat\" (IS) nutzen Deutschland l\u00e4ngst nicht mehr als R\u00fcckzugsraum oder zur Finanzierung von Aktivit\u00e4ten im Ausland, sondern betrachten Deutschland als legitimes Ziel f\u00fcr Anschlagspl\u00e4ne. Bereits die Koranverbrennungen in Schweden wurden zum Anlass genommen, die jihadistische Szene zu mobilisieren und zu Racheakten im Westen aufzurufen. Trotz gegens\u00e4tzlicher ideologischer Ausrichtung solidarisieren sich Terrororganisationen wie der IS und das \"al-Qaida\"-Netzwerk (AQ) nach dem Angriff der \"Harakat al-Muqawama al-Islamiya (HAMAS) 31 auf Israel mit ihr und der \"Hizb Allah\" 32. Verbunden durch einen tiefen Antisemitismus und das Ziel, den Staat Israel zu vernichten, machen sich IS und AQ das Emotionalisierungsund Mobilisierungspotenzial jihadistischer Akteure im In-und Ausland zunutze und rufen im Kampf gegen Israel, das Judentum und den verb\u00fcndeten Westen zu Terroranschl\u00e4gen auf. Das Gefahrenpotenzial in der Bundesrepublik Deutschland ist dadurch deutlich gestiegen. Gezielte Desinformation und Propaganda treten versch\u00e4rfend hinzu, wodurch radikalisierte, auch irrational agierende, allein handelnde Akteure inspiriert werden k\u00f6nnen, den gegenw\u00e4rtigen Konflikt zum Anlass f\u00fcr spontane Gewalttaten zu nehmen. In diesem Zusammenhang geht eine akute Gefahr von dem zentralasiatischen IS-Ableger \"Provinz Khorasan\" (ISPK) aus. Der Ableger mit Ursprung in Afghanistan gr\u00fcndete sich 2014. \"Khorasan\" ist eine historische Region in Zentralasien, welche Gebiete des heutigen Iran, Afghanistan, Turkmenistan, Tadschikistan sowie Usbekistan umfasst. In Afghanistan steht der ISPK in Konkurrenz zu den Taliban und wird von diesen bek\u00e4mpft. Die Ideologie des ISPK zielt darauf ab, sein Territorium sowie die islamische Welt von \"Kreuzfahrern\" und deren Einfluss zu reinigen und ein weltweites Kalifat zu schaffen. Das Netzwerk hat seinen Fokus auf das Ausland erweitert und beschr\u00e4nkt seine terroristischen Aktivit\u00e4ten nicht nur auf Afghanistan, sondern hat bereits Anschl\u00e4ge in verschiedenen L\u00e4ndern ver\u00fcbt und auch f\u00fcr Deutschland Anschlagsvorhaben formuliert und geplant. Der ISPK ist derzeit die gr\u00f6\u00dfte islamistische 31 Bei der HAMAS handelt es sich um eine sunnitisch-extremistische Organisation, die sich aus dem pal\u00e4stinensischen Teil der Muslimbruderschaft entwickelte und mit Beginn der ersten Intifada (Pal\u00e4stinenseraufstand) im Jahre 1987 gegr\u00fcndet wurde. Ziel der HAMAS ist die Vernichtung des Staates Israel und die damit einhergehende Errichtung eines eigenen Staates auf dem gesamten Gebiet \"Pal\u00e4stinas\". Im Gazastreifen stellt sie die f\u00fchrende politische Kraft dar. Ihre Mitgliederzahl wird auf etwa 80.000 Personen gesch\u00e4tzt. Seit dem Jahr 2003 steht die HAMAS als Terrororganisation auf der EU-Sanktionsliste. Am 02.11.2023 hat das BMI die Bet\u00e4tigung der HAMAS in Deutschland verboten. 32 Die \"Hizb Allah\" - \"Partei Gottes\" ist eine islamistisch-schiitische Partei und Miliz im Libanon. Ihr Ziel ist der Widerstand gegen Israel, die Befreiung des Libanon von westlichen Einfl\u00fcssen sowie die Sicherung der eigenen politischen Machtbasis. Seit dem 26.03.2020 besteht eine Verbotsverf\u00fcgung des BMI, aus der sich auch die Strafbarkeit der Symbole ergibt. 64","Bedrohung und stellt die Beh\u00f6rden vor besondere Herausforderungen hinsichtlich Schutzund Sicherheitsma\u00dfnahmen. Im Jahr 2024 gab es zwei islamistisch motivierte Anschl\u00e4ge in Deutschland. Ein afghanischer Staatsangeh\u00f6riger griff am 31. Mai Teilnehmer einer Kundgebung der islamkritischen Bewegung \"PAX Europa\" in Mannheim mit einem Messer an und verletzte mehrere Personen schwer, ein Polizist erlag seinen Verletzungen. Der Attent\u00e4ter befindet sich seither in Haft, die Bundesanwaltschaft erhob Klage wegen Mordes, versuchten Mordes und gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung. Ein weiterer Anschlag ereignete sich am 23. August in Solingen, wo ein Attent\u00e4ter auf mehrere Besucher eines Stadtfestes einstach. Drei Opfer erlagen ihren Verletzungen. Der Attent\u00e4ter befindet sich in Haft. Versuchte Anschl\u00e4ge, wie der Schusswaffenangriff in M\u00fcnchen und der Angriff mit einer Machete auf eine Polizeiinspektion in Linz (\u00d6sterreich), beides im September 2024, konnten durch die Polizei abgewehrt werden. Zudem sind zahlreiche Gef\u00e4hrdungssachverhalte bekannt geworden, die Anschlagspl\u00e4ne sowie -vorbereitungen umfassten und durch die Zusammenarbeit der Sicherheitsbeh\u00f6rden aufgekl\u00e4rt und verhindert werden konnten. Das verdeutlicht, dass das Gefahrenpotenzial f\u00fcr m\u00f6gliche Terroranschl\u00e4ge in Deutschland weiterhin real und akut ist, sodass jederzeit mit unkoordinierten Spontantaten und Anschl\u00e4gen durch radikalisierte Einzelt\u00e4ter und Kleinstgruppen gerechnet werden muss. Neben gro\u00dfen, schwer zu sch\u00fctzenden Zielen sind j\u00fcdische/israelische Einrichtungen und Personen besonders gef\u00e4hrdet. 2.1 Milit\u00e4rischer Konflikt im Gazastreifen Am 7. Oktober 2023 startete die HAMAS einen terroristischen Gro\u00dfangriff unter der Bezeichnung \"al-Aqsa-Flut\" auf das s\u00fcdliche und mittlere Staatsgebiet Israels. Hierbei wurden mehrere tausend Raketen aus dem Gazastreifen auf verschiedene israelische Ziele abgeschossen. Trotz des israelischen Raketenabwehrsystems kam es aufgrund der hohen Anzahl von Raketen zu Einschl\u00e4gen auf israelischer Seite. Parallel drangen K\u00e4mpfer der HAMAS auf israelisches Staatsgebiet vor, t\u00f6teten mehr als 1.200 Menschen und nahmen \u00fcber 200 Geiseln. Die israelische Regierung hat mit einer milit\u00e4rischen Gegenoffensive auf die Angriffe der HAMAS 65","reagiert. Die HAMAS wurde durch das milit\u00e4rische Eingreifen Israels stark geschw\u00e4cht, stellt aber auch weiterhin einen kontinuierlichen Akteur im Konflikt dar. Am 8. Oktober schoss die \"Hizb Allah\" Raketen auf israelisches Staatsgebiet und zwang zehntausende israelische B\u00fcrger zur Flucht. Darauffolgend entwickelte sich ein fortw\u00e4hrender milit\u00e4rischer Konflikt, welcher in einer israelischen Bodenoffensive im S\u00fcdlibanon m\u00fcndete. Im Zusammenhang mit dem Terrorangriff der HAMAS, der darauffolgenden israelischen Offensive und den Gewaltaufrufen jihadistischer Organisationen ist auch die Bundesrepublik Deutschland in den Fokus der HAMAS ger\u00fcckt. Zur\u00fcckliegend nutzte die HAMAS Deutschland eher als R\u00fcckzugsraum sowie als Operationsgebiet f\u00fcr Spendensammlungen und Mitgliedergewinnung. Am 14. Dezember 2023 wurden vier Tatverd\u00e4chtige - drei in Berlin, einer auf Grundlage eines Europ\u00e4ischen Haftbefehls in den Niederlanden - wegen Vorbereitungshandlungen f\u00fcr Anschl\u00e4ge auf israelische und milit\u00e4rische Einrichtungen in Deutschland vorl\u00e4ufig festgenommen. Inzwischen hat die Bundesanwaltschaft am 8. November Anklage gegen die Angeschuldigten wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Vereinigung (HAMAS) erhoben. W\u00e4hrend des Berichtszeitraums fanden sowohl pro-israelische als auch pro-pal\u00e4stinensische Veranstaltungen im Bundesgebiet statt, einhergehend mit einem erh\u00f6hten Emotionalisierungsund zugleich Mobilisierungspotenzial. Dies hat sich unter anderem auch in einem deutlichen Anstieg der politisch motivierten Straftaten mit antisemitischem Hintergrund niedergeschlagen. 2.2 Antisemitismus und Desinformation im Islamismus Die \u00e4lteste Erscheinungsform des Antisemitismus ist die religi\u00f6s begr\u00fcndete Feindschaft gegen\u00fcber Juden. Diese entstand aus einer Absolutsetzung der eigenen religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen, die einhergehen mit Ablehnung, Herabw\u00fcrdigung und Diskriminierung anderer Glaubensformen. Bei zahlreichen islamistischen Organisationen l\u00e4sst sich eine antisemitische Agitation feststellen, die so weit geht, dass das Existenzrecht Israels negiert und die Vernichtung Israels gefordert wird. Antisemitisches Gedankengut ist aber nicht nur unter Anh\u00e4ngern islamistischer Organisationen vertreten, sondern kommt ebenso in muslimischen Gesellschaftsteilen vor, die keine Islamismusbez\u00fcge aufweisen. 66","Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel verbreiten sich viele Falschmeldungen und antiisraelische Narrative. Sie kn\u00fcpfen an bestehende Feindbilder an und sind im Kern antisemitisch. Desinformation stellt ein Propagandamittel mit dem Ziel der Manipulation von Einstellungen, Meinungen und Gef\u00fchlen dar. Sie wird gezielt f\u00fcr politische Zwecke, wie auch bei Konflikten und Kriegen, eingesetzt. Eine besondere Funktion als Multiplikatoren von Desinformationen haben soziale Medien. Auf Facebook, \"X\", Telegram und Co. k\u00f6nnen in Sekundenschnelle Nachrichten weitergeleitet und kommentiert werden. So f\u00fchren auch die im Netz verbreiteten unz\u00e4hligen falschen Behauptungen, verst\u00f6renden Bilder und Videos im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt in Deutschland zu einer T\u00e4ter-Opfer-Umkehr und heizen die Stimmung auf beiden Seiten der Konfliktparteien weiter auf. Sie tragen zur Emotionalisierung bei und k\u00f6nnen als Radikalisierungsfaktor fungieren. 2.3 Digitale Plattformen als Operationsbasis f\u00fcr Islamisten Islamisten bedienen sich intensiv der sozialen Medien, um ihre Propaganda an ein breit gef\u00e4chertes Publikum unterschiedlicher Altersklassen zu richten. Das Videoportal TikTok wird dabei bevorzugt genutzt. Zum einen ist TikTok unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen besonders beliebt, zum anderen unterst\u00fctzt der Algorithmus der App bei extremistisch orientierten Nutzern, extremistische Inhalte zu verbreiten, indem bei Konsum von Videos mit islamistischem Inhalt \u00e4hnliche Inhalte vermehrt angezeigt werden. Dabei werden auch Hashtags verwendet, um in anderen \"Filterblasen\" sozialer Medien stattzufinden. Der Nutzer taucht somit immer tiefer in islamistische Inhalte ein, w\u00e4hrend andere Videos ohne extremistischen Inhalt seltener angezeigt werden. Dadurch k\u00f6nnen Islamisten ein Millionenpublikum erreichen und f\u00fcr sich vereinnahmen. Islamisten pr\u00e4sentieren ein Lebensmodell von Werten, Ansichten und Normen, welches nicht mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung vereinbar ist. Es verf\u00e4ngt zumeist in eher sozial schwachen Milieus und droht dort sowohl die Deutungshoheit in Fragen von Demokratie und Integration zu gewinnen als auch die individuelle Lebensf\u00fchrung der Adressaten massiv zu beeinflussen. Unterst\u00fctzt wird diese Entwicklung durch den Zusammenschluss mit etablierten (islamistischen) Influencern, welche als Multiplikatoren von islamistischen Botschaften fungieren, da sie \u00fcber eine gro\u00dfe Followerzahl und Bekanntheit verf\u00fcgen. So treten Influencer mit islamistischen Predigern gemeinsam online auf oder nehmen immer wieder aufeinander Bezug. Ein solches Ph\u00e4nomen ist auch bez\u00fcglich des Nahostkonflikts zu verzeichnen, wo sich ein gro\u00dfes Mobilisierungspotenzial durch Influencer zeigt. 67","Die Botschaften von Islamisten sind dabei von Relativierung, einer vermeintlichen Opferrolle gegen\u00fcber der Mehrheitsgesellschaft sowie israelund judenfeindlicher Rhetorik gepr\u00e4gt. Ebenso werden islamistische Gewalttaten relativiert, entschuldigt oder gar bef\u00fcrwortet. Mit dieser Strategie verfolgen Islamisten das Ziel, sich bei sozialen Fragen als legitime F\u00fcrsprecher der Muslime zu etablieren, um diese schrittweise von der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu entfremden und f\u00fcr demokratiefeindliche Positionen empf\u00e4nglich zu machen. 2.4 Staatliche Ma\u00dfnahmen Am 24. Juli hat das Bundesministerium des Inneren und f\u00fcr Heimat (BMI) den Verein \"Islamisches Zentrum Hamburg e. V.\" (IZH) sowie dessen bundesweite Teilorganisationen verboten. Das BMI stellte fest, dass es sich bei dem IZH um einen Verein handelte, der eine islamistische, totalit\u00e4re Ideologie in Deutschland propagierte, die Terroristen der \"Hizb Allah\" unterst\u00fctzte und aktiv einen aggressiven Antisemitismus verbreitete. Die Werte des IZH und seiner Teilorganisationen richten sich gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung des Grundgesetzes sowie gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Zudem laufen sie den Strafgesetzen zuwider, ebenso wie den v\u00f6lkerrechtlichen Verpflichtungen der Bundesrepublik Deutschland und f\u00f6rdern Bestrebungen au\u00dferhalb des Bundesgebietes, deren Ziele bzw. Mittel mit den Grundwerten einer die W\u00fcrde des Menschen achtenden staatlichen Ordnung unvereinbar sind (Art 9. Absatz 2 Grundgesetz in Verbindung mit Art. 3 Absatz 1 Satz 1 Vereinsgesetz bzw. Art. 14 Absatz 2 Nr. 2 und 3 Vereinsgesetz). 3. Islamismus in Th\u00fcringen 3.1 \u00dcberblick Islamistische Gruppierungen haben sich in Th\u00fcringen bislang kaum strukturell etabliert. Feste, formale Organisationsstrukturen existieren in diesem Sinne im Freistaat weiterhin nicht. Nach wie vor agieren lose Personennetzwerke oder Einzelpersonen, die islamistische Aktivit\u00e4ten entfalten. In Th\u00fcringen l\u00e4sst sich eine Koexistenz und vereinzelt ein Miteinander der mehrheitlich aus Einzelpersonen bestehenden salafistischen Szene mit anderen islamistischen Str\u00f6mungen wie der \"Islamistischen nordkaukasischen Szene\" (INS), \"Tablighi Jama'at\" (TJ) und \"Muslimbruderschaft\" (MB) ausmachen. Gr\u00fcnde hierf\u00fcr werden u. a. in der nicht vorgenommenen 68","Selbst-Kategorisierung als Salafi und Tablighi, sondern stattdessen als praktizierender, gl\u00e4ubiger Muslim sowie dem Mangel eines umfangreicheren Moscheenangebots im Freistaat gesehen. Dar\u00fcber hinaus scheinen Kennverh\u00e4ltnisse aufgrund der gemeinsam bewohnten Gemeinschaftsunterk\u00fcnfte zu bestehen. Das Potenzial der losen islamistischen Anh\u00e4ngerschaft bel\u00e4uft sich im Freistaat Th\u00fcringen auf ca. 210 Personen (2023: 200). Etwa 75 Prozent davon sind der Str\u00f6mung des Salafismus zuzurechnen. Die \u00fcbrigen dem AfV bekannten Islamisten verteilen sich auf die Gruppierungen TJ, MB, \"Hizb Allah\" und HAMAS sowie die INS. Logo \"Muslimbruderschaft\" Wappen HAMAS Logo der \"Hizb Allah\" 3.2 Islamisten in Th\u00fcringer Moscheevereinen Im Freistaat bewegt sich die Zahl der Moscheevereine im unteren zweistelligen Bereich. Einzelne Vereine werden als islamistisch beeinflusst sowie als teils von Islamisten frequentierte Einrichtungen bewertet. Mehrheitlich dienen sie Muslimen als Anlaufstelle zur Verrichtung des freit\u00e4glichen Pflichtgebets, zur Pflege der Gemeinschaft und zur Kommunikation. Die Moscheevereine, deren Mitglieder und Besucher sich \u00fcberwiegend im Einklang mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung bet\u00e4tigen, treten bisher nicht selbst als Multiplikatoren der islamistischen Ideologie in Erscheinung. Einige sind unwissentlich \u00fcber einzelne Besucher islamistischen Einfl\u00fcssen ausgesetzt und k\u00f6nnen somit sowohl der Rekrutierung f\u00fcr islamistische Netzwerke als auch als Orte der Radikalisierung dienen. Allerdings gibt es auch Akteure in Th\u00fcringer Vereinen, die Islamisten bewusst eine Plattform bieten und somit dabei unterst\u00fctzen, deren extremistische Ansichten zu verbreiten - so z. B. in Islamseminaren. Bei diesen mehrt\u00e4gigen Veranstaltungen wird durch bundesweit agierende szenebekannte Gastprediger ein salafistisches Islamverst\u00e4ndnis vermittelt. Bei ihren Vortr\u00e4gen achten sie in 69","der Regel darauf, \u00c4u\u00dferungen zu vermeiden, die Anlass f\u00fcr staatliche Sanktionen bieten k\u00f6nnten. In der salafistischen Szene sto\u00dfen die Seminare auf \u00fcberregionales Interesse und dienen zugleich als Kontaktb\u00f6rse. Im Berichtszeitraum fanden mehrere derartige Veranstaltungen in Th\u00fcringen statt. Als Vortragende waren \u00fcberregional bekannte Multiplikatoren des politischen Salafismus in Deutschland etwa aus Sachsen und Berlin eingeladen. Das Hauptaktionsfeld politischer Salafisten ist, ihre Ideologie durch intensive Propagandaaktivit\u00e4ten zu verbreiten. Dadurch wollen sie Staat und Gesellschaft in einem langfristigen Prozess nach salafistischen Normen umgestalten. Mit den Auftritten der salafistischen Prediger bei Islamseminaren und der sp\u00e4teren Ver\u00f6ffentlichung ihrer Reden in den sozialen Netzwerken sowie auf verschiedenen Internetportalen wird die Reichweite f\u00fcr ihre verfassungsfeindlichen Aussagen erh\u00f6ht, was letztlich die Bildung von Parallelgesellschaften au\u00dferhalb der freiheitlich demokratischen Grundordnung verst\u00e4rkt. Infolgedessen werden Moscheevereine auch als m\u00f6gliche Anlaufstellen und Trefforte zur Kontaktaufnahme und f\u00fcr Zusammenk\u00fcnfte entsprechender Personen genutzt. Dabei bestehen auch Kennverh\u00e4ltnisse zu Personen aus dem jihadistischen Spektrum. Aufgrund dessen werden Moscheevereine und Gebetsr\u00e4ume im Freistaat nicht insgesamt als salafistische Bestrebung bzw. allgemein islamistisch nachrichtendienstlich beobachtet, sondern vielmehr einzelne relevante Personengruppen. Salafismus in Th\u00fcringen Die einflussreichste Str\u00f6mung des islamistischen Spektrums in Th\u00fcringen bildet analog zum Bundestrend der Salafismus. Die hier vertretene Ideologie ist deutlich m\u00e4nnlich dominiert. In den vergangenen Jahren war die salafistische Szene aufgrund von Verbotsund Ermittlungsverfahren sowie durch die Pandemiebeschr\u00e4nkungen \u00f6ffentlich nicht wahrnehmbar. Aktivit\u00e4ten und Missionierungst\u00e4tigkeiten verlagerten sich in den privaten Bereich oder den virtuellen Raum. Dort professionalisierte sich die Szene zunehmend. Neben den etablierten Kan\u00e4len You-Tube und Facebook wurde das Angebot auf die Plattformen Telegram, Instagram und TikTok ausgeweitet. Seit Mitte 2022 ist die Szene wieder verst\u00e4rkt in der \u00d6ffentlichkeit aktiv. Vortragsveranstaltungen, das Auftreten salafistischer Prediger und Aktionen wie Infost\u00e4nde in Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen haben bundesweit zugenommen. So auch in Th\u00fcringen, wo im Jahr 2023 70","wieder einschl\u00e4gige Unterrichtsangebote und Seminare \u00fcberregional agierender salafistischer Akteure festgestellt werden konnten. Dieser Trend setzte sich im Berichtszeitraum fort. Aktivit\u00e4ten von Salafisten im Internet lassen sich seit Jahren beobachten. Es ist das wichtigste Kommunikationsund Propagandamedium, da es grenz\u00fcberschreitend schnelle Kommunikation und Interaktion erm\u00f6glicht. Neben der leichten Verf\u00fcgbarkeit von Informationen erm\u00f6glicht es das Internet, unkompliziert Kontakt zu Gleichgesinnten aufzunehmen und sich miteinander auszutauschen. Durch das Internet erhalten Akteure Zugang zur digitalen \u00d6ffentlichkeit, um Propaganda im Netz zu konsumieren und auch zu verbreiten. So genie\u00dft das Internet gerade bei Jugendlichen einen hohen Stellenwert und verhilft oftmals zum Einstieg in die Szene. Die Aussagen der salafistischen Influencer k\u00f6nnen erhebliche Auswirkungen im Lebensalltag f\u00fcr Jugendliche haben. Durch extremistische Medieninhalte werden Radikalisierungsprozesse verst\u00e4rkt und beschleunigt. Dabei gilt das Internet nicht als alleiniger Ausl\u00f6ser, da eine Radikalisierung von einer Vielzahl von Faktoren abh\u00e4ngt. 3.3 Milit\u00e4rischer Konflikt im Gazastreifen - Reaktionen in Th\u00fcringen Auch in Th\u00fcringen kam es infolge des Terrorangriffs der HAMAS auf Israel zu einem Anstieg des Veranstaltungsgeschehens, welches eng mit der Entwicklung im Nahen Osten verkn\u00fcpft und somit schwankend ist. Es \u00fcberwogen pro Israel-Demonstrationen gegen\u00fcber den Veranstaltungen mit pro pal\u00e4stinensischem Charakter. Bis auf sehr wenige Ausnahmen verliefen die Veranstaltungen st\u00f6rungsfrei. Ebenso kam es in sehr wenigen F\u00e4llen zu politisch motivierten Straftaten. Die Reaktionen der islamistischen Szene in den sozialen Medien zum terroristischen Angriff der HAMAS waren zur\u00fcckhaltend. Neben Aufforderungen zur Solidarit\u00e4t mit Pal\u00e4stina, der Forderungen nach Beendigung der Kampfhandlungen, antisemitischen \u00c4u\u00dferungen, wie die Aberkennung des Existenzrechts Israels, wurden in Th\u00fcringen offene Sympathiebekundungen f\u00fcr die HAMAS kaum kommuniziert. Auf pro-pal\u00e4stinensischen Demonstrationen wurde jedoch auch f\u00fcr den Libanon demonstriert, wenngleich es auch hier keine direkten Sympathiebekundungen f\u00fcr die \"Hizb Allah\" gab. 71","3.4 Verfahren gegen Islamisten aus Gera Im M\u00e4rz erlie\u00df der Generalbundesanwalt Haftbefehl gegen zwei in Gera ans\u00e4ssige afghanische Staatsangeh\u00f6rige, die einen Anschlag auf Polizisten und Zivilisten rund um das schwedische Parlament planten. Beide hatten sich \u00fcber Monate hinweg konspirativ verhalten und waren durch einen Hinweis in den Fokus des AfV sowie der Bundesbeh\u00f6rden ger\u00fcckt. Beide stammen aus Afghanistan, waren 2015 bzw. 2016 nach Deutschland gekommen und lebten bis zu ihrer Festnahme in Gera. Dort radikalisierten sie sich. Einer der beiden stand ab Fr\u00fchjahr 2023 mit dem ISPK in Kontakt. So war zun\u00e4chst geplant, Geld zur Unterst\u00fctzung von inhaftierten IS-Anh\u00e4ngerinnen in Syrien sammeln, um sich f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Vorhaben zu beweisen. Urspr\u00fcnglich hatten beide eine Ausreise nach Nigeria geplant, um sich dortigen IS-K\u00e4mpfern anzuschlie\u00dfen. Dies misslang, woraufhin ein IS-Funktion\u00e4r sie zu dem Anschlag in Schweden anleitete, welcher als Reaktion auf die seit 2020 in Schweden stattgefundenen \u00f6ffentlichen Koranverbrennungen dienen sollte. Plan war es, Schusswaffen zu besorgen, die \u00f6rtlichen Gegebenheiten auszukundschaften, um in der Folge ein Attentat mit vielen Opfern zu ver\u00fcben. Im Rahmen der nachrichtendienstlichen Sachverhaltskl\u00e4rung wurde eine Reise in die Tschechische Republik zum Zweck der - letztlich nicht realisierten - illegalen Beschaffung von Schusswaffen festgestellt. Nach Erkenntnisfunden auf den Mobiltelefonen der potenziellen Attent\u00e4ter wurden beide am 19. M\u00e4rz verhaftet. Ab dem 15. November mussten sie sich vor dem Oberlandesgericht Jena wegen Mitgliedschaft und Unterst\u00fctzung einer terroristischen Vereinigung sowie Verabredung zum Mord verantworten (SS 89a Vorbereitung einer schweren staatsgef\u00e4hrdenden Gewalttat, SS 89b, SS 89c). 33 33 Das Oberlandesgericht Jena verurteilte die Angeklagten am 27.02.2025 zu Haftstrafen von f\u00fcnf Jahren und sechs Monaten bzw. vier Jahren und zwei Monaten. Das Urteil hatte bis zum Redaktionsschluss noch keine Rechtskraft erlangt. 72","VI. Auslandsbezogener Extremismus (ohne Islamismus) 1. Hintergrund Auslandsbezogener Extremismus ist ein Sammelbegriff f\u00fcr Aktivit\u00e4ten von heterogenen extremistischen und sicherheitsgef\u00e4hrdenden Bestrebungen au\u00dferhalb des Islamismus, die \u00fcberwiegend aus politischen, sozialen oder ethnischen Konflikten in den jeweiligen Herkunftsl\u00e4ndern hervorgegangen sind. Ausl\u00e4nderextremistische Bestrebungen im Sinne des Verfassungsschutzes zielen auf mitunter gewaltsame Ver\u00e4nderungen der Verh\u00e4ltnisse in den Herkunftsl\u00e4ndern ab, wobei Deutschland \u00fcberwiegend als sicherer R\u00fcckzugsraum oder f\u00fcr propagandistische Zwecke genutzt wird. Diese Aktivit\u00e4ten k\u00f6nnen gleichwohl die innere Sicherheit bzw. das internationale Ansehen der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, mitunter versto\u00dfen sie auch gegen das Prinzip der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Akteure des auslandsbezogenen Extremismus, die auch ideologische Elemente des Rechtsund Linksextremismus aufweisen, sind u. a. die rechtsextremistische t\u00fcrkische \"\u00dclk\u00fcc\u00fc\"-Bewegung, die marxistisch-leninistische \"Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas\" (PFLP), die seit 2002 als Terrororganisation gelistet ist, separatistische Sikh-Organisationen und die \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK), welche in Th\u00fcringen unter den ausl\u00e4nderextremistischen Gruppierungen den Bearbeitungsschwerpunkt darstellt. 2. \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) 2.1 \u00dcberblick, allgemeine Lage Die PKK wurde 1978 in der T\u00fcrkei von Abdullah \u00d6calan gegr\u00fcndet. In der Folgezeit sind im Zusammenhang mit ihr auch die Bezeichnungen \"Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans\" (KADEK), \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA GEL), \"Gemeinschaft der Kommunen in Kurdistan\" (KKK) und \"Vereinigte Gemeinschaften Kurdistans\" (KCK) in Erscheinung getreten. 34 34 Die Strukturen blieben denen der Ursprungsorganisation gleich, weswegen von den Sicherheitsbeh\u00f6rden weiterhin die Bezeichnung PKK verwendet wird. 73","Seit dem 22. November 1993 unterliegt die Partei in Deutschland einem Bet\u00e4tigungsverbot, welches sich auch auf die o. g. Nachfolgeorganisationen erstreckt. Dar\u00fcber hinaus steht sie als terroristische Organisation seit 2002 auf der EU-Terrorliste. 35 Der seit 1999 inhaftierte Parteigr\u00fcnder Abdullah \u00d6calan steht weiterhin formal an der Spitze der Organisation. Er wird von ihren Anh\u00e4ngern nach wie vor als Symbolfigur verehrt. Dementsprechend ist die Forderung nach seiner Freilassung eines der Hauptanliegen der Partei und ihrer Unterst\u00fctzer, auch in Deutschland. Eine \u00c4nderung der grunds\u00e4tzlich angestrebten Ziele ergab sich hingegen seit etwa 20 Jahren dahingehend, dass nicht mehr ein autonomer Kurdenstaat - auch unter Gewalteinsatz in Form eines Guerillakrieges - geschaffen werden soll, sondern die Anerkennung der sozialen und kulturellen Eigenst\u00e4ndigkeit der Kurden innerhalb der staatlichen Ordnung der T\u00fcrkei eingefordert wird. Dabei bedient sich die PKK im Berichtszeitraum weiterhin einer Doppelstrategie: Um ein friedliches Erscheinungsbild gegen\u00fcber der westeurop\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit bem\u00fcht, werben ihre Anh\u00e4nger bei Kundgebungen oder anlassbezogenen Gedenkund Kulturveranstaltungen vordergr\u00fcndig um politische Anerkennung ihrer Interessen. Zugleich unterh\u00e4lt die Partei in der T\u00fcrkei und der nordirakischen Grenzregion noch immer bewaffnete \"Volksverteidigungskr\u00e4fte\" (HPG), die ihre Ziele mit milit\u00e4rischer Gewalt erreichen sollen. 36 2.2 Strukturen der Organisation Auf Europaebene bestimmt der \"Kongress der kurdisch-demokratischen Gesellschaft Kurdistans in Europa\" (KCDK-E) die politischen Geschicke der Partei. Diesem sind die Strukturen auf Nationalstaatsebene untergeordnet. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es dabei neun Regionen mit 31 Gebieten, die sich wiederum in \"Teilgebiete\" untergliedern. 35 Nachdem der Europ\u00e4ische Rat im September 2001 die Bek\u00e4mpfung des Terrorismus zu einem vorrangigen Ziel der EU erkl\u00e4rte, ist die PKK seit 2002 auf der in diesem Zusammenhang eingerichteten sogenannten EU-Terrorliste notiert. Dort k\u00f6nnen Personen, Vereinigungen und K\u00f6rperschaften erfasst werden, wenn eine zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde eines EU-Mitgliedstaats \u00fcber Beweise oder schl\u00fcssige Indizien f\u00fcr deren Involvierung in terroristische Handlungen verf\u00fcgt. Konsequenz der Listung ist insbesondere das Einfrieren von Geldern und Verm\u00f6genswerten terrorismusverd\u00e4chtiger Personen und Organisationen. Der Europ\u00e4ische Gerichtshof (EuGH) entschied 2018, dass die Listung der PKK im Zeitraum 2014 bis 2017 mangels einer ausreichenden Begr\u00fcndung rechtswidrig war. Konkrete Auswirkungen hatte das Urteil allerdings nicht, da es f\u00fcr 2018 eine neue Durchf\u00fchrungsverordnung des Rates der Europ\u00e4ischen Union zur sogenannten EU-Terrorliste gab, in der die PKK aufgef\u00fchrt und die durch das Urteil nicht infrage gestellt wurde. 36 Im Februar 2025 rief der inhaftierte PKK-Gr\u00fcnder seine Anh\u00e4nger zu Niederlegung der Waffen auf und verk\u00fcndete zudem die Aufl\u00f6sung der von ihm gegr\u00fcndeten Partei. 74","In Th\u00fcringen besteht mit dem \"Teilgebiet Erfurt\" bislang eine etablierte Struktur der PKK. Die PKK-Anh\u00e4ngerschaft im \"Teilgebiet Erfurt\" umfasst ca. 130 Personen (2023: 130). Die umzusetzenden Vorgaben und Anordnungen der KCDK-E-Leitung werden durch Gebietsund Teilgebietsleiter zur Basis transportiert. Der Teilgebietsleiter ist zudem f\u00fcr die Mobilisierung zu Veranstaltungen, die Verteilung und den Verkauf von Propagandamaterial sowie die Spendensammlungen verantwortlich. Die Basis wiederum findet ihren organisatorischen Zusammenhalt in PKK-nahen Vereinen. In Deutschland sind diese Vereine \u00fcberwiegend dem Dachverband \"Konf\u00f6deration der Gemeinschaften Mesopotamiens in Deutschland\" (KON-MED) angeschlossen. F\u00fcr Erfurt ist hier der Verein \"Demokratische Gesellschaft der KurdInnen Th\u00fcringen e. V.\" zu nennen. 37 2.3 Themenschwerpunkte der Organisation Zur Finanzierung ihrer Guerillaeinheiten, aber auch sonstiger Aktivit\u00e4ten in Europa und Deutschland nutzt die PKK verschiedene Quellen, u. a. Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Veranstaltungseinnahmen und den Publikationsverkauf. Den weitaus gr\u00f6\u00dften Einnahmenanteil erzielt sie jedoch w\u00e4hrend der allj\u00e4hrlich unter den Anh\u00e4ngern in Europa durchgef\u00fchrten Spendenkampagne. Allein in Deutschland werden in diesen Kampagnen mehrere Millionen Euro gesammelt. Sonderspendenkampagnen zu aktuellen Themen sollen eine zus\u00e4tzliche Spendenbereitschaft generieren. Neben den fest im Jahresverlauf verankerten Veranstaltungen (Demonstration zum Jahrestag der Festnahme \u00d6calans am 15. Februar, Newroz-Fest 38 im M\u00e4rz, Kurdistanfestival im September u. A.) setzten sich die Aktivit\u00e4ten von PKK-Anh\u00e4ngern, die einen Zusammenhang zur Heimatregion bzw. zum PKK-F\u00fchrer \u00d6calan aufweisen, im Berichtszeitraum fort. Als Reaktion auf den am 23. Oktober nahe Ankara ver\u00fcbten Terroranschlag auf ein R\u00fcstungsunternehmen, zu welchem sich die PKK bekannte, ver\u00fcbte die T\u00fcrkei erneut Luftangriffe auf PKK-Stellungen in kurdisch besiedelten Gebieten im Nordirak und in Syrien. In der Folge rief die Europaf\u00fchrung KCDK-E zum Protest auf. 37 Im Jahr 2012 als \"Kulturverein Mesopotamien e. V.\" in Erfurt gegr\u00fcndet, 2018 zun\u00e4chst in \"Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Th\u00fcringen e. V.\" und 2019 schlie\u00dflich in \"Demokratische Gesellschaft der KurdInnen Th\u00fcringen e. V.\" umbenannt. Den \u00c4nderungen waren Beschl\u00fcsse des PKK-nahen Dachverbands KON-MED \u00fcber Neustrukturierungen der kurdischen Vereine in Europa vorausgegangen. 38 Mit dem kurdischen Neujahrsfest \"Newroz\" wird neben dem Beginn eines neuen Jahres der Fr\u00fchlingsanfang gefeiert. \"Newroz\" wird aber auch als Fest des Widerstands gegen Tyrannei und als Symbol f\u00fcr den kurdischen Freiheitskampf verstanden. Die PKK nutzt dieses Fest, um kurdische Volkszugeh\u00f6rige auf die politischen Anliegen der Organisation aufmerksam zu machen, die Bindung der Anh\u00e4ngerschaft an die Organisation zu st\u00e4rken, neue Anh\u00e4nger zu werben sowie als Treffpunkt f\u00fcr hochrangige Kaderfunktion\u00e4re. 75","Einen weiteren Themenschwerpunkt stellte die Debatte um die m\u00f6gliche Beendigung der Isolationshaft f\u00fcr den PKK-Gr\u00fcnder \u00d6calan und der damit einhergehende - erneut angestrebte - Friedensprozess zwischen der t\u00fcrkischen Regierung und der PKK dar. Insbesondere die Sorge der Anh\u00e4ngerschaft um \u00d6calans Gesundheitszustand und seine Haftbedingungen sind immer wieder zentrales Thema bei Kundgebungen, verbunden mit der bestehenden Forderung nach Aufhebung seiner Isolationshaft. Im Hinblick auf die Veranstaltungslage in Th\u00fcringen konnten bereits in der Vergangenheit anl\u00e4sslich der von der T\u00fcrkei ausge\u00fcbten Milit\u00e4roffensiven Solidarit\u00e4tsaktionen, auch von Anh\u00e4ngern aus dem linksextremistischen Spektrum, festgestellt werden. Im Berichtszeitraum haben sich diese Solidarit\u00e4tsaktionen, insbesondere in Form von anlassbezogenen Kundgebungen und Protestaktionen, verst\u00e4rkt fortgesetzt. 2.4 Bewertung Die PKK wird auch weiterhin auf verschiedenen politischen Ebenen und unter Einbindung politischer Akteure versuchen, die Einordnung als terroristische Organisation zu revidieren und das \u00f6ffentliche Meinungsbild in ihrem Sinne zu beeinflussen. Auch hierbei findet sie - ebenso wie bei der Umsetzung diverser Aktionen und der Durchf\u00fchrung von Veranstaltungen und Versammlungen - Unterst\u00fctzung in linken bzw. linksextremistischen Strukturen. Das Mobilisierungspotenzial ist noch immer recht hoch und kurzfristig aktivierbar. Gerade emotional besetzte Themen, insbesondere der Gesundheitszustand des Organisationsgr\u00fcnders und die Forderung nach seiner Freilassung, aber auch die fortw\u00e4hrenden Milit\u00e4rangriffe auf kurdische Siedlungsgebiete (\u00fcberwiegend in der Region \"Rojava\" 39), finden Ausdruck u. a. in (bundesweiten) Massenkundgebungen. Obwohl die Organisation im Bundesgebiet beh\u00f6rdlichen Auflagen hinsichtlich der Austragungsorte von Veranstaltungen und Kundgebungen sowie der nachdr\u00fccklichen Durchsetzung des Kennzeichenverbots unterliegt, fanden im Berichtszeitraum vermehrt Veranstaltungen statt, um die Hauptanliegen der Organisation \u00f6ffentlichkeitswirksam zu pr\u00e4sentieren. Insbesondere im Hinblick auf die Bestrebungen zur Anerkennung als \"legale\" Organisation und zur Aufhebung des bestehenden PKK-Verbotes in Deutschland haben sich die Verantwortlichen stets 39 Die de-facto-Autonomieregion \"Rojava\" im nordsyrischen Kurdengebiet stellt das symboltr\u00e4chtige Aush\u00e4ngeschild f\u00fcr die Realisierung der von der PKK betriebenen kurdischen Autonomie dar. 76","bem\u00fcht, die Einhaltung staatlicher Vorgaben zu ber\u00fccksichtigen, um der Kategorisierung als Terrororganisation entgegenzuwirken. EXKURS: Anlassbezogenes Zusammenwirken von auslandsbezogenem Extremismus und deutschem Linksextremismus Im Zusammenhang mit dem seit Oktober 2023 bestehenden milit\u00e4rischen Konflikt im Gazastreifen und den seit Jahrzehnten schwelenden Auseinandersetzungen zwischen der PKK und der t\u00fcrkischen Regierung haben zuletzt - auch in Th\u00fcringen - vermehrt Demonstrationsveranstaltungen und Solidarit\u00e4tsaktionen stattgefunden. Dabei konnte insbesondere ein ph\u00e4nomenbereichs\u00fcbergreifendes Zusammenwirken von Einzelakteuren und Gruppierungen des deutschen Linksextremismus mit bestehenden Strukturen des auslandsbezogenen Extremismus - basierend auf ideologisch gleich gearteten Themenfeldern - festgestellt werden. Es handelt sich hierbei schwerpunktm\u00e4\u00dfig um die sog. Kurdistansolidarit\u00e4t und das pro-pal\u00e4stinensische Protestgeschehen. Kurdistansolidarit\u00e4t Das Bem\u00fchen der PKK, als legitimer, alleiniger Vertreter und Ansprechpartner in der \"Kurdenfrage\" anerkannt zu werden und auf die Anliegen der Organisation (\u00f6ffentlichkeitswirksam) aufmerksam zu machen, bestimmen die Aufgabenwahrnehmung in Europa und somit auch in der Bundesrepublik Deutschland. Daf\u00fcr wird auch der Kontakt zu linksextremistischen Strukturen gesucht, mit denen basierend unter anderem auf dem sozialistischen Internationalismusgedanken zusammengearbeitet werden kann. In den vergangenen Jahren konnten zunehmende Solidarit\u00e4tsaktionen diverser Gruppierungen, welchen sich Akteure aus dem linksextremistischem Spektrum auf Grund der thematischen Bez\u00fcge zum auslandsbezogenen Extremismus anschlossen, - insbesondere aus dem Raum Jena - festgestellt werden. Dabei lag der Schwerpunkt haupts\u00e4chlich in der Forderung nach Aufhebung der Isolationshaft \u00d6calans und der Solidarit\u00e4t mit den kurdisch gepr\u00e4gten Gebieten unter Verweis auf die milit\u00e4rischen Ma\u00dfnahmen der T\u00fcrkei in dieser Region. Die Autonomieregion \"Rojava\" als neues Gesellschaftsmodell und die Frauenbewegung in den kurdischen Siedlungsgebieten im Nordosten Syriens stellen hierbei die Grundlagen dar, welche insbesondere in den linksextremistischen Strukturen als essentiell im Kampf gegen das Patriarchat und gegen die Unterdr\u00fcckung betrachtet werden. F\u00fcr die andauernde \"Revolution\", 77","die auch in Deutschland in vorgenannten Kreisen Zuspruch und Unterst\u00fctzung findet, gilt das Vorbild der kurdischen Freiheitsbewegung als sinnstiftend. Die Verwendung der Parole \"Jin Jiyan Azadi - Frauen Leben Freiheit\" hebt in erster Linie die Bedeutung von Frauen hervor. Sie wurde urspr\u00fcnglich von den weiblichen Anh\u00e4ngern der PKK als Reaktion auf die politische Verfolgung durch die Regierungen des Irans, Iraks, Syriens und der T\u00fcrkei verwendet und durch \u00d6calan in seinen Schriften weiterverbreitet. Pro-pal\u00e4stinensisches Protestgeschehen Der terroristische Angriff der islamistischen HAMAS auf Israel am 7. Oktober 2023 und die darauffolgende israelische Milit\u00e4roperation im Gaza-Streifen hat im Berichtszeitraum auch in Th\u00fcringen zu einem regen Protestgeschehen, vornehmlich in Erfurt, Weimar und Jena, gef\u00fchrt. Vorherrschende Themen der Veranstaltungen waren die Vertreibung der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung, die humanit\u00e4re Lage im Gazastreifen und die Forderung nach einem \"Ende der israelischen Okkupation\". Parolen, wie \"Genozid am pal\u00e4stinensischen Volk\" verlagerten die Verantwortung f\u00fcr den Konflikt weg von den Taten der HAMAS und stellten Israel als Aggressor dar, ohne die Taten der HAMAS zu thematisieren oder zu verurteilen. Neben einer Beteiligung von Akteuren des auslandsbezogenen Extremismus anderer Bundesl\u00e4nder solidarisierten sich vereinzelt auch linksextremistische Gruppierungen mit der pro-pal\u00e4stinensischen Protestbewegung in Th\u00fcringen und wurden unterschiedlich aktiv. Durch die Schnittmengen beider Ph\u00e4nomenbereiche, was die Forderungen und Anliegen in Bezug auf die Pal\u00e4stinasolidarit\u00e4t, Beendigung des Konflikts, Ablehnung und Feindschaft gegen\u00fcber dem Staat Israel betrifft, entstanden neue Verbindungen und Aktionsm\u00f6glichkeiten. Diese wirkten sich unter anderem auch auf das Mobilisierungspotenzial aus. So z\u00e4hlte die pro-pal\u00e4stinensische Demonstration am 18. Mai in Erfurt anl\u00e4sslich des pal\u00e4stinensischen \"AlNakba\"-Gedenktages 40 zeitweise 300 Teilnehmer. Diese waren u. a. aus Jena, Weimar und Leipzig angereist. Zu der Veranstaltung hatten diverse pro-pal\u00e4stinensische Gruppierungen aus Th\u00fcringen und Sachsen aufgerufen und so auch den Akteuren beider extremistischen Spektren eine gemeinsame Plattform geboten. 40 Pal\u00e4stinenser erinnern j\u00e4hrlich am 15. Mai an Flucht und Vertreibung von ca. 700.000 Pal\u00e4stinensern aus dem britischen Mandatsgebiet Pal\u00e4stina w\u00e4hrend des ersten Nahost-Krieges 1947-1949 und der am 14.05. 1948 erfolgten Gr\u00fcndung des Staates Israel. In diesem Zusammenhang finden regelm\u00e4\u00dfig auch im Bundesgebiet Veranstaltungen statt. 78","VII. Linksextremismus 1. \u00dcberblick, Ideologie, Schwerpunktsetzung, Radikalisierung Gemeinsam ist allen Formen des Linksextremismus das Ziel, die bestehende Staatsund Gesellschaftsordnung zu beseitigen. Ihre durchaus unterschiedlichen Bestrebungen richten sich gegen grundlegende Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Letztlich wollen sie einen marxistisch-leninistischen Staat oder eine \"herrschaftsfreie Gesellschaft\" errichten. Viele linksextremistische Bestrebungen eint ein Bekenntnis zur revolution\u00e4ren Gewalt. Dass sich die von ihnen angestrebten Ver\u00e4nderungen einzig durch Gewalt vollziehen lassen, wird aus taktischen Gr\u00fcnden oft verschwiegen. Das linksextremistische Spektrum ist ideologisch breit gef\u00e4chert. Es schlie\u00dft Anh\u00e4nger der \"wissenschaftlichen Sozialismusund Kommunismustheorien\" ebenso ein wie Sozialrevolution\u00e4re, Anarchisten und Autonome. Die in Th\u00fcringen vertretenen linksextremistischen Parteien, Organisationen und sonstigen Personenzusammenschl\u00fcsse sind Teil bundesweit bestehender Strukturen. Der Schwerpunkt bei der Beobachtung des linksextremistischen Spektrums liegt auf dem gewaltorientierten Linksextremismus. Die Gewaltorientierung geh\u00f6rt zu den identit\u00e4ts-stiftenden Merkmalen dieser Linksextremisten. Autonome, die dieses Spektrum zu einem wesentlichen Teil bilden, ver\u00fcben auch das Gros der einschl\u00e4gigen Strafund Gewalttaten. Auf die im bundesweiten Vergleich geringe Anzahl Th\u00fcringer Linksextremisten entf\u00e4llt ein entsprechend geringer (bundesweiter) Anteil an Strafund Gewalttaten. Im Berichtszeitraum war in Th\u00fcringen ein erheblicher Anstieg bei der Gesamtzahl der registrierten linksextremistisch motivierten Straftaten zu verzeichnen, auch die Zahl linksextremistisch motivierter Gewaltdelikte stieg deutlich. Dennoch ist aufgrund der in den vergangenen Jahren fortgesetzten schweren Einzelstrafund Gewalttaten gegen Objekte und Personen der rechtsextremistischen Szene in Th\u00fcringen von einem hohen Radikalisierungspotenzial eines Teils der gewaltorientierten linksextremistischen Szene im Freistaat auszugehen. Dabei agiert die gewaltbereite linksextremistische Szene konspirativ und abgeschottet. Selbst Taten mit einer hohen Gewaltintensit\u00e4t scheinen szeneintern als legitim zu gelten. Sie finden keinen expliziten Widerspruch. Eine Gef\u00e4hrdung von Menschenleben wird billigend in Kauf genommen. Es scheint jedoch fraglich, ob es sich tats\u00e4chlich um eine weitere bzw. verstetigte Radikalisierung speziell der regionalen Th\u00fcringer Szene handelt. Art und Umfang der Beteiligung von 79","Th\u00fcringer Linksextremisten lassen sich aktuell nur teilweise fundiert bewerten. Es gibt Anhaltspunkte, die auf eine nicht unerhebliche Beteiligung von ausw\u00e4rtigen Szeneangeh\u00f6rigen an Aktionen in Th\u00fcringen deuten. Th\u00fcringen ist im Vergleich zu anderen Bundesl\u00e4ndern zentral gelegen mit guten Verkehrsanbindungen nach Berlin und Leipzig. Regelm\u00e4\u00dfige Kontakte der Th\u00fcringer linksextremistischen Szene zu den aktiven linksextremistischen Szenen in beiden St\u00e4dten sind bekannt. Die Th\u00fcringer Szene ist \u00fcberregional sehr gut vernetzt und in bundesweite Zusammenh\u00e4nge eingebunden. Nicht gewaltorientierte linksextremistische Gruppierungen verfolgen ihre extremistischen Ziele mit politischen Mitteln zun\u00e4chst innerhalb der bestehenden Rechtsordnung. Gegen\u00fcber den gewaltorientierten Linksextremisten verlieren sie zunehmend an Bedeutung. Den in Th\u00fcringen vertretenen marxistisch-leninistischen Parteien und Organisationen gelingt es teilweise durch \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktivit\u00e4ten wahrgenommen zu werden. 2. Das linksextremistische Personenpotenzial Das linksextremistische Personenpotenzial in Th\u00fcringen bel\u00e4uft sich im Berichtszeitraum auf etwa 500 Personen, die u. a. folgenden Teilspektren zugeordnet werden: 2022 2023 2024 Gewaltorientierte 145 150 190 Linksextremisten davon: Autonome 135 140 150 Postautonome 41 - - 20 Anarchisten 42 10 10 20 Linksextremistische 85 90 110 43 Parteien Rote Hilfe e. V. (RH) 170 180 190 Tabelle 5: Gesch\u00e4tzte linksextremistische Mitgliederbzw. Anh\u00e4ngerpotenziale 41 Postautonome, die sich in Organisation, B\u00fcndnisarbeit und politischer Praxis von den grundlegenden Prinzipien traditioneller Autonomer absetzen, versuchen \u00fcber die Vernetzung mit nicht gewaltorientierten Linksextremisten und nicht extremistischen Akteuren die Akzeptanz autonomer Ziele und Aktionen in der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung zu erh\u00f6hen und so die Effizienz und Wirksamkeit ihres eigenen politischen Handelns und Wollens zu steigern. Die Zahlenangabe bezieht sich auf eine Th\u00fcringer Ortsgruppe der bundesweiten Organisation \"Interventionistische Linke\" (IL). 42 Die Zahlenangabe zu den Anarchisten bezieht sich auf das personell st\u00e4rkste anarchistische Teilspektrum, die \"Freie Arbeiterinnenund Arbeiter-Union\" (FAU). Die FAU ist in geringem Umfang in Th\u00fcringen vertreten. Ihr Aktionsschwerpunkt beschr\u00e4nkt sich wie in den Vorjahren auf Jena. Sie bietet in ihrem FAU-Lokal regelm\u00e4\u00dfige Sprechzeiten und Veranstaltungen an. Sie unterst\u00fctzte einen \"Klima-Aktivisten\" im Nachgang zu seiner K\u00fcndigung erfolgreich im Arbeitsrechtsstreit mit der Universit\u00e4t Jena. 43 Die Zahlenangabe zu den linksextremistischen Parteien setzt sich aus dem Personenpotenzial der organisatorisch in Th\u00fcringen vertretenen Parteien \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) - ca. 30 Mitglieder - und \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) - ca. 80 Mitglieder - zusammen. 80","Die Anzahl der gewaltorientierten Linksextremisten im Freistaat, die der (post-)autonomen Szene zugerechnet werden, ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Ein regionaler Schwerpunkt besteht in Jena und Umgebung. Die Fokussierung auf das Bet\u00e4tigungsfeld \"Antifaschismus\" h\u00e4lt an. In Verbindung damit kommt auch dem Aktionsfeld \"Antirepression\" aktuell eine gewachsene Bedeutung zu. Verst\u00e4rkt wurden ebenfalls dem Aktionsfeld \"Kurdistan-Solidarit\u00e4t\" zuzurechnende Aktivit\u00e4ten festgestellt. Die in Th\u00fcringen vertretenen marxistisch-leninistischen Parteien und Organisationen r\u00fcckten im Berichtszeitraum auch aufgrund von Wahlkampfund Wahlgeschehen in die \u00f6ffentliche Wahrnehmung. Der im linksextremistischen Spektrum isolierten MLPD gelang es, ihre politischen Anliegen in der \u00d6ffentlichkeit mit erheblichem logistischen und propagandistischen Aufwand darzustellen. 44 Auch Aktivit\u00e4ten der DKP wurden festgestellt. 45 Die RH ist die mitgliederst\u00e4rkste Organisation im Bereich des Th\u00fcringer Linksextremismus und weist bundeswie auch th\u00fcringenweit in den letzten Jahren einen Zuwachs an Mitgliedern auf, eine ad\u00e4quate Steigerung ihrer \u00f6ffentlich wahrnehmbaren Aktivit\u00e4ten in Th\u00fcringen war bisher nicht feststellbar. 44 Der 2018 gegr\u00fcndete Landesverband Th\u00fcringen der \"Marxistisch-leninistischen Partei Deutschlands\" (MLPD) verf\u00fcgt seit 2020 \u00fcber eine eigene Gesch\u00e4ftsstelle in Erfurt. Parteivorsitzender ist Tassilo Timm. Die Partei ist in den St\u00e4dten Eisenach, Erfurt, Gera, Jena, Sonneberg und S\u00f6mmerda mit Ortsgruppen vertreten. Sie verf\u00fcgt \u00fcber einen eigenen Jugendverband \"REBELL\" mit mehreren Ortsgruppen in Th\u00fcringen. Die meisten Aktivit\u00e4ten - wie Kundgebungen und Informationsst\u00e4nde - entfaltet sie in Erfurt, Eisenach und Sonneberg. Zudem f\u00fchrte die Partei mit dem 21. Internationalen Pfingstjugendtreffen im Mai und dem 21. Sommercamp von REBELL und Rotf\u00fcchsen im Juli/August in ihrer parteieigenen Immobilie in Truckenthal (Lkr. Sonneberg) erneut etablierte Veranstaltungen mit mehreren Hundert Teilnehmern durch. Sie beteiligt sich als Internationalistische Liste/MLPD an der Europa-Wahl (in Th\u00fcringen 536 Stimmen, 0,1 %) und an der Landtagswahl (617 Erststimmen, 0,1 %, sowie 1.342 Zweitstimmen, 0,1 %), in beiden F\u00e4llen mit Verlusten im Vergleich zur jeweils letzten Wahl. Es gelingt ihr, im Wahlkampf zahlreiche neue Kontakte zu kn\u00fcpfen. 45 Die \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) verf\u00fcgt in Th\u00fcringen verf\u00fcgt \u00fcber Ortsgruppen in Weimar-Jena, Erfurt und Sonneberg. Eine eigene Gesch\u00e4ftsstelle unterh\u00e4lt sie in Th\u00fcringen nicht, Ansprechpartner ist die Gesch\u00e4ftsstelle der Bundespartei in Essen. Mitglieder der DKP Th\u00fcringen nehmen an traditionellen Gedenkfeiern wie z. B. f\u00fcr Ernst Th\u00e4lmann, von 1925 bis 1933 Vorsitzender der KPD, teil, ebenso an Demonstrationen am 30.03.2024 in Ohrdruf, Lkr. Gotha, (Ostermarsch) und am 1. Mai in Erfurt. Die DKP beteiligt sich an der Europawahl (in Th\u00fcringen 374 Stimmen, 0,0 %). Auf eine Beteiligung an der Landtagswahl verzichtet sie offenbar aufgrund struktureller Schw\u00e4che und fehlender Erfolgsaussichten. Im Berichtszeitraum trat eine in Th\u00fcringen 2022 neu gegr\u00fcndete, mit Ortsgruppen in Erfurt und Jena vertretene \"Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend\" (SDAJ) in Erscheinung. Die der Partei eng verbundene, organisatorisch unabh\u00e4ngige Nachwuchsorganisation engagiert sich auch au\u00dferhalb der partei\u00fcblichen Gedenkveranstaltungen und f\u00e4llt mit propal\u00e4stinensischen Sympathiebekundungen und Kritik an Israel auf. Ihr Potenzial wird auf ca. zehn Personen gesch\u00e4tzt. 81","3. Autonome 3.1 Allgemeines Autonome, die den \u00fcberwiegenden Teil der gewaltorientierten deutschen Linksextremisten ausmachen, sind seit Ende der 1970er Jahre aktiv. Sie agieren vor allem in Gro\u00dfst\u00e4dten wie Berlin, Hamburg, Leipzig, in Universit\u00e4tsst\u00e4dten oder Ballungsr\u00e4umen wie dem Rhein-MainGebiet. Der gewaltorientierten autonomen Szene werden bundesweit etwa 8.600 Anh\u00e4nger (2023: 8.300) zugerechnet. Das bundesweite Personenpotenzial hat im Vergleich zum Vorjahr weiter zugenommen und sich auf hohem Niveau konsolidiert. Autonome erheben den Anspruch, nach eigenen Gesetzen zu leben. Vorgaben, staatliche und gesellschaftliche Normen lehnen sie ab. Sie sind entschlossen, die ihnen hemmend oder einengend erscheinenden staatlichen Strukturen zu zerschlagen. In ihren oft diffusen ideologischen Vorstellungen mischen sich anarchistische Elemente mit nihilistischen, sozialrevolution\u00e4ren und auch marxistischen Versatzst\u00fccken. Ihr ausgepr\u00e4gter Individualismus verlangt zur Ver\u00e4nderung der Gesellschaft nicht nach in sich geschlossenen Theorien oder Konzeptionen. Autonome nehmen Handlungen anderer, z. B. des Staats, von Unternehmen oder des politischen Gegners, als Gewalt gegen sich wahr und versuchen damit ihre gewaltt\u00e4tigen Aktionsformen als Selbstschutz zu legitimieren. Dabei spielen \u00dcberlegungen zur Haltung m\u00f6glicher B\u00fcndnispartner ebenso eine Rolle wie St\u00e4rke und Vorgehensweise eingesetzter Polizeikr\u00e4fte oder des politischen Gegners. Auseinandersetzungen zwischen Angeh\u00f6rigen des linksund rechtsextremistischen Spektrums ziehen nicht selten \"Vergeltungsaktionen\" nach sich. Die szeneinterne Kommunikation erfolgt vorrangig unter Nutzung elektronischer Medien. Dazu wird eine Vielzahl von Homepages und Portalen betrieben oder genutzt. Unter diesen hat sich das linksextremistische Internetportal \"de.indymedia\" zum wichtigsten Informationsund Propagandamedium in Deutschland entwickelt. Dar\u00fcber hinaus dienen diverse, zum Teil konspirativ verbreitete Szenebl\u00e4tter als Informationsquellen. Bei der internen, oft auch konspirativ abgeschotteten Kommunikation werden spezielle M\u00f6glichkeiten zur Nachrichtenverschl\u00fcsselung genutzt, die \u00fcber die g\u00e4ngige End-to-End-Verschl\u00fcsselung hinausreichen. Zur Werbung von Nachwuchs f\u00fcr die meist jugendliche, vielf\u00e4ltige Szene bieten sich bestimmte Konzerte, Veranstaltungen zu relevanten Themen wie \"Antifaschismus\", Angebote in Szeneobjekten und die M\u00f6glichkeiten universit\u00e4rer Einrichtungen, wie etwa Infotage, an. 82","Wie auch andere Linksextremisten engagieren sich Autonome in verschiedensten gesellschaftlichen Konfliktfeldern und sind bem\u00fcht, ihre grunds\u00e4tzliche Systemkritik dort \u00fcber den sachbezogenen Protest hinaus in den \u00f6ffentlichen Diskurs einflie\u00dfen zulassen. So versuchen sie B\u00fcndnispartner zu gewinnen und ihre extremistischen Ziele zu verfolgen. Themenfelder wie \"Antifaschismus\", \"Antirepression\", \"Antigentrifizierung\", \"Antirassismus\", \"Antikapitalismus\", \"Antiglobalisierung\", \"Internationalismus\" und \"Kurdistan-Solidarit\u00e4t\", \"Klimaund Umweltschutz\" bestimmen neben tagespolitischen Ereignissen die Diskussionen und Aktionen der autonomen Szene grundlegend. Fest strukturierte, auf Dauer angelegte und \u00fcbergreifende Organisationsformen widersprechen dem Grundverst\u00e4ndnis der traditionellen Autonomen. Die heterogene Szene lehnt Hierarchien und F\u00fchrungsstrukturen ab, agiert meist in kleinen, unverbindlichen, lokal begrenzten, dezentralen Zusammenschl\u00fcssen. Um die wegen des niedrigen Organisationsniveaus begrenzten Wirkungsm\u00f6glichkeiten zu erweitern, gibt es immer wieder Versuche, \u00fcbergreifende Organisationsformen oder Vernetzungsangebote zu schaffen. Bundesweite Zusammenschl\u00fcsse und B\u00fcndnisprojekte spiegeln die Dynamik und Widerspr\u00fcchlichkeit im linksextremistischen Spektrum wider. Eines dieser Projekte ist die 2005 als bundesweites Netzwerk mit dem Ziel einer verbindlichen \"Organisierung\" autonomer Gruppierungen und Aktivisten gegr\u00fcndete postautonome \"Interventionistische Linke\" (IL). Als eine Art \"Scharnier\" zwischen militanten, nicht gewaltorientierten Linksextremisten und nicht extremistischen Gruppierungen lehnt sie Gewalt nicht grunds\u00e4tzlich ab. Ihr Ziel ist die Zusammenf\u00fchrung von (links)extremistischen Akteuren unterschiedlicher ideologischer Pr\u00e4gung und Nichtextremisten, um eine erh\u00f6hte Handlungsf\u00e4higkeit - Interventionsm\u00f6glichkeit - zu erlangen. Die IL zielt dabei letztlich auf eine \u00dcberwindung des \"Kapitalismus\" durch einen revolution\u00e4ren Umsturz ab. Organisationsstrukturen der IL in Th\u00fcringen bestehen in Jena. Das Aktionsspektrum und die Artikulationsformen Autonomer sind vielf\u00e4ltig. Sie reichen von Diskussionen, Vortragsveranstaltungen, Protesten und Demonstrationen \u00fcber Stra\u00dfenkrawalle, Sachbesch\u00e4digungen bis hin zu Brandanschl\u00e4gen und schwerer K\u00f6rperverletzung. Gewalt ist ein selbstverst\u00e4ndliches Aktionsmittel der Autonomen. Strafund Gewalttaten richten sich insbesondere gegen Angeh\u00f6rige oder vermeintliche Personen und Objekte des rechtsextremistischen Spektrums sowie Einsatzkr\u00e4fte der Polizei. In Th\u00fcringen umfasst das Anh\u00e4ngerpotenzial der gewaltorientierten autonomen Szene im Berichtszeitraum ca. 150 Personen, dazu kommen ca. 20 Anh\u00e4nger der postautonomen IL. Ein 83","regionaler Schwerpunkt mit einer personell relativ starken und aktiven autonomen Szene befindet sich in Jena und Umgebung. Szenetypische Anlaufstellen sind \"Infol\u00e4den\" wie in Erfurt und Jena. Sie stellen f\u00fcr die \u00f6rtliche linksextremistische, insbesondere autonome Szene Informationsund Kommunikationszentren dar. In Th\u00fcringen dominiert inhaltlich weiterhin das Themengebiet \"Antifaschismus\". Pers\u00f6nliche Kontakte von Th\u00fcringer Autonomen insbesondere auch in bundesweite Szenehochburgen wie Leipzig, Berlin und Hamburg, das Aufgreifen aktueller Themen und Kampagnen, die Mobilisierung f\u00fcr \u00fcberregionale Veranstaltungen und Proteste sowie die Beteiligung an entsprechenden Aktivit\u00e4ten im Bundesgebiet belegen ebenso wie Verlinkungen, Vernetzungsbem\u00fchungen und B\u00fcndnisarbeit eine enge Einbindung und bundesweite Verflechtung der regionalen Akteure. St\u00f6rung eines AfD-Infostands am 9. August in Erfurt durch Linksextremisten aus verschiedenen Bundesl\u00e4ndern Etwa 25 teilweise vermummte Personen st\u00f6rten einen Infostand der AfD in Erfurt erheblich. Sie umstellten den Stand, setzen Banner und Absperrb\u00e4nder ein, riefen lautstark Parolen. Zwei Personen versuchten, ausgelegte Infomaterialien zu entwenden. Als die Standbetreiber eingriffen, kam es zu einer k\u00f6rperlichen Auseinandersetzung. Die beiden Angreifer wurden dabei zu Boden gesto\u00dfen und leicht verletzt, Infotheke und Aufsteller erheblich besch\u00e4digt. Die Tatbeteiligten stammten aus verschiedenen Bundesl\u00e4ndern. Eine Spontankundgebung unter dem Motto \"Bunt statt Braun\" mit ca. 80 Teilnehmern schloss sich in unmittelbarer N\u00e4he an. Deren Teilnehmer entfernten sich sp\u00e4ter in Richtung eines bundesweiten Camps, an dem sich auch linksextremistische Gruppierungen und Personen beteiligten. Das unter dem Motto \"Gemeinsam gegen Rechts, f\u00fcr ein Klima der Gerechtigkeit\" mit ca. 1.000 Teilnehmern durchgef\u00fchrte Camp widmete sich vor dem Hintergrund eines erwartet hohen Zuspruchs f\u00fcr die AfD bei der Landtagswahl am 1. September neben Klimathemen dem inhaltlichen Schwerpunkt \"Antifaschismus\". Es umfasste Angebote f\u00fcr politische Bildung, Wissensaustausch, Vernetzung und Strategieprozesse. Im Internet und in sozialen Medien wurde bundesweit und international, u. a. auch von Linksextremisten, f\u00fcr das Camp geworben. Bez\u00fcge zu den bevorstehenden Landtagswahlen in Th\u00fcringen und weiteren ostdeutschen Bundesl\u00e4nden und der damit einhergehenden Bef\u00fcrchtung eines m\u00f6glichen Aufstiegs \"der nachweislich rechtsradikalen AfD\" wurden hergestellt. 84","Beteiligung von Th\u00fcringer Linksextremisten an Besetzung des Brandenburger Tores am 16. Dezember in Berlin An einer \"spontanen\" Besetzung des Brandenburger Tores am 16. Dezember in Berlin sind auch Linksextremisten aus Th\u00fcringen beteiligt gewesen. Mit Transparenten und Parolen forderten sie, die \"Demokratie in Syrien\" und \"Rojava\" 46 zu verteidigen. Eine Spontankundgebung schloss sich an. Eine Th\u00fcringer Antifa-Gruppe mit Bez\u00fcgen zur linksextremistischen Szene berichtete \u00fcber die Besetzung. Am Folgetag wird auf dem linksextremistischen Szeneportal \"de.indymedia\" der Artikel einer PKK-nahen Nachrichtenagentur ver\u00f6ffentlicht, die auch \u00fcber Aktionen im Rahmen des linksextremistischen Aktionsfeldes der \"Kurdistan-Solidarit\u00e4t\" berichtet. 3.2 Th\u00fcringer Autonome und ihr \"Antifaschismus\"-Verst\u00e4ndnis Sachbesch\u00e4digung, Recherche und \"Outing\" Ein Grundkonsens der autonomen Szene besteht darin, \u00fcber Ideen, Aktivit\u00e4ten sowie die Anh\u00e4ngerschaft ihres politischen Gegners aufzukl\u00e4ren. Methodische Mittel reichen dabei von Recherchebis zu sog. Outing-Aktionen. Bei \"Outings\" handelt es sich in der Regel um Dossiers zu mutma\u00dflichen oder tats\u00e4chlichen politischen Gegnern (\"Nazi\", \"Fascho\"). Zu Personen, ggf. auch Gruppierungen oder Organisation werden dabei Informationen \u00fcber einen l\u00e4ngeren - zum Teil Jahre zur\u00fcckliegenden - Zeitraum hinweg recherchiert, gesammelt, ausgetauscht und schlie\u00dflich \u00fcber das Internet oder als Flyer ver\u00f6ffentlicht. Mit diesen \"Outing\"-Aktionen setzen Linksextremisten darauf, mutma\u00dfliche oder tats\u00e4chliche politische Gegner als \"Nazis\" im Wohnoder Arbeitsumfeld \u00f6ffentlich zu machen, \u00fcber ihre politische Ausrichtung \"aufzukl\u00e4ren\" und sie m\u00f6glichst sozial zu isolieren. \"Outing\"-Aktionen f\u00fchren mitunter zu weiteren Straftaten. Insoweit sind verbale Attacken, Sachbesch\u00e4digungen (an Haus oder Auto der Betroffenen) oder aber auch (k\u00f6rperliche) \u00dcbergriffe nicht auszuschlie\u00dfen. Ziel ist es, ein Bedrohungsszenario gegen\u00fcber der \"geouteten\" Person aufzubauen. 46 Die de-facto Autonomieverwaltung Rojava - kurdisches Siedlungsgebiet in Nordostsyrien - ist Ziel andauernder Milit\u00e4roperationen der t\u00fcrkischen Regierung in ihrem Kampf gegen die \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK). 85","F\u00fcr Betroffene stellen \"Outings\" einen wesentlichen Eingriff in die Privatsph\u00e4re dar. Im Rahmen dieser \"Outings\" wird alles ver\u00f6ffentlicht, was der linksextremistischen Szene bekannt geworden ist oder wesentlich erscheint. So k\u00f6nnen in einem \"Outing\" ganze Lebensl\u00e4ufe, alte und neue Kontakte, Wohnund Arbeitsorte, Einschreibungen an Universit\u00e4ten, Familienmitglieder/Lebenspartner, Teilnahmen an Veranstaltungen und Fotos enthalten sein. Die weitere Verwendung der so \u00f6ffentlich zur Verf\u00fcgung gestellten Informationen obliegt in der Folge allein der uneingeschr\u00e4nkten pers\u00f6nlichen Verantwortung und \"Kreativit\u00e4t\" des interessierten Nutzers. F\u00fcr Betroffene von \"Outings\" besteht folglich eine (abstrakte) Gefahr, Opfer von Gegenma\u00dfnahmen und \u00dcbergriffen der linksextremistischen Szene zu werden. \"Outing\"-Beitr\u00e4ge mit thematischem Schwerpunkt AfD im Vorfeld von Wahlen Das der autonomen Szene zuzurechnende \"Rechercheportal Jena-SHK\" ver\u00f6ffentlichte im Berichtszeitraum erneut zahlreiche Beitr\u00e4ge zu tats\u00e4chlichen oder vermeintlichen \"Nazis\", Mitgliedern und Funktion\u00e4ren \"rechter\" oder rechtsextremistischer Parteien und Gruppierungen sowie von Burschenschaftlern und Burschenschaften aus Jena und Umgebung auf seiner Internetseite und der Plattform X. Im Jahr 2024 galt das Interesse insbesondere auch Mitgliedern, Funktion\u00e4ren und Kandidaten der AfD. Im Vorfeld der Kommunal-, Landratsund Landtagswahlen wurden Ortsund Kreisverb\u00e4nde in und um Jena durch detaillierte Recherchen aufund abgekl\u00e4rt ebenso wie die politischen, beruflichen und privaten Kontakte ihrer mehr oder weniger prominenten Mitglieder. Auch Einzelpersonen in hervorgehobenen Funktionen der Partei standen im Fokus der Ver\u00f6ffentlichungen zu \"rechter Vielfalt\" und einem \"Potpouri brauner Netzwerke\". \"Outing\"-Beitr\u00e4ge, Bedrohung und Sachbesch\u00e4digungen zum Nachteil eines bekannten Th\u00fcringer Rechtsextremisten Ein als Regionalpolitiker und Gesch\u00e4ftsmann t\u00e4tiger, bekannter Rechtsextremist war wiederholt Gegenstand anonymer Ver\u00f6ffentlichungen, u. a. auf der linksextremistischen Plattform \"de.indymedia\", und ebenso Ziel von Beleidigungen, Bedrohungen und Sachbesch\u00e4digungen. So hie\u00df es zum Beispiel: \"Liebe Gr\u00fc\u00dfe von Lina. wir kommen gerne mal vorbei! Das wird hammerm\u00e4\u00dfigk ...\". 47 Unter Anspielung auf eine Brandstiftung an einer von ihm genutzten 47 Fehler im Original. Der linksextremistischen Gewaltt\u00e4terin Lina E. wird eine Beteiligung an verschiedenen schweren Straftaten vorgeworfen, u. a. an \u00dcbergriffen auf eine \"rechte\" Szenekneipe und deren P\u00e4chter im Jahr 2019 in Eisenach. Sie wurde am 05.11.2020 in Leipzig (Sachsen) verhaftet. Bundesweit kam es zu Resonanzen und Solidarit\u00e4tsbekundungen, auch durch erhebliche Straftaten. Lina E. und \"ihre Hammerbande\" gelten der linksextremistischen Szene als Symbol f\u00fcr \"konsequenten Antifaschismus\". Sie und drei weitere Angeklagte wurden am 31.05.2023 vor dem Oberlandesgericht Dresden zu mehrj\u00e4hrigen Haftstrafen verurteilt. Der Bundesgerichtshof best\u00e4tigte die Haftstrafe gegen Lina E. am 19.03.2025 im Ergebnis eines Berufungsverfahrens. 86","Immobilie im Jahr 2021 48 wurde verklausuliert eine Renovierung \"mit Benzin\" angedroht. Zeitnah ist es zu Sachbesch\u00e4digungen durch gro\u00dffl\u00e4chige, mit Spr\u00fchfarbe aufgebrachte Graffiti u. a. mit einem NS-Symbol an seiner Gesch\u00e4ftsimmobilie gekommen. Unter dem Titel \"Der Neonazi ... muss unbedingt gestoppt werden!!!\" erging am 16. April im Internet der Aufruf, gegen ihn und seine Verb\u00fcndeten \"mit kreativen Aktionen ... vorzugehen und etwas zu unternehmen!!!!!\" Im Zusammenhang mit seiner Kandidatur anl\u00e4sslich der Kommunalund Landratswahlen wurde er am 16. Mai durch Unbekannte beim Aufh\u00e4ngen von Wahlplakaten beleidigt. In einem Anruf \u00fcber eine \u00f6ffentlich recherchierbare Telefonnummer wurde am 15. August gedroht, das Gesch\u00e4ftsgeb\u00e4ude in den n\u00e4chsten drei Tagen in die Luft zu sprengen. Am 5. September erschien auf \"de.indymedia\" erneut ein detaillierter Bericht zu ihm und seinen (gesch\u00e4ftlichen) Aktivit\u00e4ten. Es gelte \"antifaschistisch aktiv zu werden\", \"dagegen mit allen Mitteln etwas zu unternehmen\". Publik machen, Einsch\u00fcchterung und Bedrohung eines - politisch unerw\u00fcnschten - Akteurs sind \u00fcbliche Vorgehensweisen von Linksextremisten. Mitunter ist die zeitliche Abfolge von \"Outing\" und Aktion ein Hinweis auf eine detaillierte Planung bei der Vorbereitung und Begehung der Straftaten. Die Sachbesch\u00e4digungen von Gesch\u00e4ftsr\u00e4umen und -immobilien verfolgen das Ziel ihrer Schlie\u00dfung, das bei fehlender Sofortreaktion durchaus wiederholt und auch mit mehr Nachdruck verfolgt werden kann. Sachbesch\u00e4digung und besonders schwerer Fall des Diebstahls am 7. Juli in Gera mit mutma\u00dflich linksextremistischem Hintergrund Im Umfeld der auf einem privaten Grundst\u00fcck ausgerichteten Geburtstagsfeier eines bekannten Rechtsextremisten, die durch laut abgespielte, inhaltlich einschl\u00e4gige Musik Aufmerksamkeit erregte, kam es durch Unbekannte zum Einbruch in ein geparktes Fahrzeug von Besuchern und zum Diebstahl von Geld, Dokumenten und Wertgegenst\u00e4nden, am Fahrzeug entstand Sachschaden. Bereits in der Vergangenheit kam es zu einem mutma\u00dflich linksextremistischen, n\u00e4chtlichen \u00dcbergriff auf diesem Grundst\u00fcck. Der Betroffene war zuvor Gegenstand von \"Outings\" und \u00f6ffentlicher Berichterstattung. 48 Im Fr\u00fchjahr 2021 kam es zu einer Serie von Brandanschl\u00e4gen auf Immobilien, die von Rechtsextremisten in Th\u00fcringen f\u00fcr ihre Zwecke genutzt wurden. 87","Sachbesch\u00e4digung an Immobilie der rechtsextremistischen Partei \"Die Heimat\" am 20. September in Eisenach Am 20. September ver\u00fcbten Unbekannte einen Farbangriff auf die Fassade der Landesgesch\u00e4ftsstelle der rechtsextremistischen Partei durch mehrere mit Farbe gef\u00fcllte Luftballons. Das Objekt war auch in der Vergangenheit bereits Ziel von Sachbesch\u00e4digungen. Wiederholte Sachbesch\u00e4digungen am Thor-Steinar-Ladengesch\u00e4ft in Erfurt Das Thor-Steinar-Ladengesch\u00e4ft \"Trondheim\" in Erfurt war im April, Mai, November und Dezember erneut Ziel von Sachbesch\u00e4digungen, insbesondere Graffiti-Spr\u00fch-Aktionen, dabei wurde auch der Schriftzug \"RAUS\" hinterlassen. Die Modemarke wird von der linksextremistischen Szene seit l\u00e4ngerem als \"rechtsradikales\" Modelabel betrachtet und immer wieder attackiert. Das Ladengesch\u00e4ft ist seit seiner Er\u00f6ffnung im Januar 2009 Ziel von Sachbesch\u00e4digungen unterschiedlicher Intensit\u00e4t. Im April 2022 war es Gegenstand einer \u00fcberregionalen Anschlagsserie. Regelm\u00e4\u00dfig kommt es zu \u00e4hnlich gelagerten Sachbesch\u00e4digungen und weiteren Straftaten an vermeintlichen oder tats\u00e4chlichen Treffobjekten der rechtsextremistischen Szene oder an Immobilien, die mit ihr in Verbindung gebracht werden bzw. deren N\u00e4he zu dieser - mitunter auch f\u00e4lschlicherweise - angenommen wird. Auch private Anwesen und Kraftfahrzeuge von \"politischen Gegnern\" stehen stellvertretend f\u00fcr diese im besonderen Fokus gewaltorientierter Linksextremisten. Typisch sind regelm\u00e4\u00dfig festzustellende Graffiti wie \"Nazis auf's Maul\", \"Nazis raus\", \"ANTIFA FCK NZS\", Farbanschl\u00e4ge, Butters\u00e4ure-Angriffe, mitunter erg\u00e4nzt durch wohlwollende Kommentare auf Szeneseiten oder auch Selbstbezichtigungsschreiben. Ziel dieser \u00dcbergriffe ist es mitunter auch, einen m\u00f6glichst hohen Schaden f\u00fcr den Betroffenen zu bewirken. Gewalt als selbstverst\u00e4ndliches Aktionsmittel Autonomer Gewaltsame Angriffe auf Personen werden regelm\u00e4\u00dfig damit gerechtfertigt, dass es sich bei den Opfern um \"Nazis\" gehandelt habe. Diese zum Teil willk\u00fcrlich verwendete Bezeichnung dient als Begr\u00fcndung, um das eigene Handeln m\u00f6glichst positiv darzustellen. Die Verfolgung der eigenen Straftaten wird wiederum als angebliche Kriminalisierung und Ausdruck eines repressiven Staats wahrgenommen. Dabei konnte mehrfach auch ein planvolles, zielgerichtetes 88","Vorgehen gegen zuvor ausgesp\u00e4hte Opfer festgestellt werden. Die Gewaltintensit\u00e4t verschiedener \u00dcbergriffe war extrem hoch. Offenbar wurden lebensbedrohliche Verletzungen zumindest in Kauf genommen. Spontaner \u00dcberfall auf einen \"Rechten\" am 7. M\u00e4rz in Bad Klosterlausnitz Zu dem offenbar spontanen \u00dcbergriff durch zwei unbekannte Radfahrer kam es in den fr\u00fchen Abendstunden beim Zusammentreffen mit einem Fu\u00dfg\u00e4nger, der ein mit \"Fuck Antifa\" beschriftetes Kleidungsst\u00fcck trug. Er wurde in den Stra\u00dfengraben gesto\u00dfen, zur Herausgabe des Pullovers aufgefordert und verletzt. Mit der Aussage \"Wir dulden hier keine Rechten!\" und Androhung weiterer Gewalt belegten die T\u00e4ter die politische Motivation der Straftat und ihre Einstellung. Abendlicher \u00dcbergriff auf einen \"Nazi\" am 3. Mai in Jena Am sp\u00e4ten Abend griff eine gr\u00f6\u00dfere, zum Teil maskierte, szenetypisch aussehende Personengruppe einen \"Nazi\" an. Dieser wurde ins Gesicht geschlagen und verletzt, ging zu Boden und verlor sein Mobiltelefon. Beim Versuch, dieses aufzunehmen, schlugen mehrere T\u00e4ter gemeinsam auf den am Boden Liegenden ein und entwendeten das Ger\u00e4t. Ein angeblich zuvor wahrgenommener Hitlergru\u00df des Betroffenen wurde beim \u00dcberfall hinterfragt. Die T\u00e4ter fl\u00fcchteten unerkannt. Spontaner \u00dcberfall auf einen \"Fascho\" am 21. September in Erfurt Unbekannte stie\u00dfen einen mit einem Thor-Steinar-G\u00fcrtel bekleideten Fahrgast aus dem haltenden Zug auf den Bahnsteig, bezeichneten ihn als \"Schei\u00df Fascho\" und schlugen weiter auf ihn ein. Sie fl\u00fcchteten mit dem weiterfahrendem Zug und verklebten zum Schutz der eigenen Identit\u00e4t die dortige Videoaufzeichnung. 49 49 Zur Bekleidungsmarke siehe den Beitrag \"Wiederholte Sachbesch\u00e4digungen am Thor-Steinar-Ladengesch\u00e4ft in Erfurt\". 89","Mutma\u00dflich linksextremistisch motivierter \u00dcberfall auf Burschenschaft am 23. November in Jena In den fr\u00fchen Abendstunden griff eine Gruppe von ca. 20 Vermummten das Verbindungshaus in Jena an, als Personen das Haus verlassen wollen. Beim versuchten R\u00fcckzug dieser verschafften sich die Angreifer Zutritt. Drei Burschenschaftler wurden verletzt. Zudem kam es zu Sachbesch\u00e4digungen. Die T\u00e4ter fl\u00fcchten. Nur wenige Tage sp\u00e4ter soll am 29./30. November ein \"Winterfest\" der \"Alten Herren\" der Burschenschaft stattfinden, mit Jahresversammlung und \"Kneipe\" in traditioneller Kleidung (M\u00fctze und Sch\u00e4rpe). Zuvor war die Burschenschaft im August \"als Bastion von AfD und Naziszene\" Gegenstand einer ausf\u00fchrlichen Ver\u00f6ffentlichung durch das der autonomen Szene zuzurechnende \"Rechercheportal Jena-SHK\", in der zur Historie der Verbindung, ihren Mitgliedern und Alten Herren, deren politischen und beruflichen Umfeld und Aktivit\u00e4ten berichtet wurde. Sie sei \"in erster Linie eine extrem rechte Kaderschmiede\". Auch Neumitglieder w\u00fcrden schnell in AfD-Strukturen auftauchen. 50 Bereits im Oktober war es anl\u00e4sslich der j\u00e4hrlichen \"Burschentage\" der \"Allgemeinen Deutschen Burschenschaft\" zu Farbangriffen auf entsprechende Geb\u00e4ude und st\u00f6rungsfrei verlaufenden Protesten gekommen, zu denen auch Linksextremisten mobilisierten. Vergleichbare Vorf\u00e4lle - neben Sachbesch\u00e4digungen auch \u00dcbergriffe auf Personen, deren Zugeh\u00f6rigkeit an den von ihnen getragenen Insignien, B\u00e4ndern und M\u00fctzen erkennbar war - hatte es in Jena schon in der Vergangenheit gegeben. Aufforderungen zur Gewalt und zum T\u00f6ten von politischen Gegnern Im Nachgang zu einer der w\u00f6chentlich in Gera von einem Rechtsextremisten organisierten \"Montagsdemonstrationen\" rief ein \"Antifaschist\" am 23. September an die Teilnehmer gerichtet: \"Ich steche euch alle ab, ihr schei\u00df Nazis!\" Anl\u00e4sslich eines vor dem Oberlandesgericht Jena gef\u00fchrten Verfahrens gegen die rechtsextremistische Kampfsportgruppierung \"Knockout 51\" reagierte die Szene mit Sachbesch\u00e4digungen. So wurden im April an der Parkplatzmauer des Justizzentrums Graffiti wie \"Nazis aufs 50 Die Burschenschaft unterliegt nicht dem gesetzlichen Beobachtungsauftrag des Th\u00fcringer Verfassungsschutzes. 90","Maul\" aufgebracht, mutma\u00dflich als Resonanz auf die zuvor gerichtlich verf\u00fcgte Haftentlassung eines der Beschuldigten. 51 Th\u00fcringenweit belegen Inhalte von Graffiti oder Aufklebern im \u00f6ffentlichen Raum seit Jahren eine gesunkene Hemmschwelle zur Gewaltanwendung, explizit wird auch zur T\u00f6tung von politischen Gegnern aufgerufen. Anhaltende Solidarisierung mit mutma\u00dflichen linksextremistischen Gewaltt\u00e4tern im Komplex der \u00dcberfallserie auf (vermeintliche) Rechtsextremisten in der Zeit vom 9. bis 11. Februar 2023 in Budapest (Ungarn) 52 Nach dem \"Untertauchen\" von Tatverd\u00e4chtigen, u. a. aus Th\u00fcringen, war am 11. Dezember 2023 zun\u00e4chst eine Person in Berlin ermittelt und durch die Polizei festgenommen worden. Der Verbleib der weiteren vier Th\u00fcringer Tatverd\u00e4chtigen blieb im Berichtszeitraum unklar. 53 Gerichtsverhandlungen in Budapest, u. a. gegen deutsche Tatverd\u00e4chtige aus Berlin, das Verfahren des Generalbundesanwalt wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und weiterer Straftaten sowie Fahndungserfolge und Festnahmen einzelner Tatverd\u00e4chtiger im Inund Ausland folgten. So wurde auch in Th\u00fcringen in der N\u00e4he von Weimar am 8. November ein weiterer Tatverd\u00e4chtiger im Antifa-Ost-Verfahren und Budapest-Komplex festgenommen, nach dem als R\u00e4delsf\u00fchrer seit September 2023 \u00f6ffentlich gefahndet wurde. Er soll im Netzwerk der Tatverd\u00e4chtigen als \"Kopf der Hammerbande\" eine zentrale Position innegehabt haben. Insbesondere in den Tagen nach der Verhaftung erfolgten bundesweit zahlreiche Solidarit\u00e4tsbekundungen aus der linksextremistischen Szene, auch in Th\u00fcringen. 51 Verfahren vor dem Oberlandesgericht Jena wegen des Verdachts der Gr\u00fcndung und Mitgliedschaft in einer kriminellen bzw. terroristischen Vereinigung \"Knockout 51\". Gegen das am 01.07.2024 ergangene, ausschlie\u00dflich auf den kriminellen Charakter der Vereinigung abstellende Urteil (Az. 3 St 2 BJs 4/21) legte die Bundesanwaltschaft erfolgreich Beschwerde beim Bundesgerichtshof ein. Der Entscheidung vom M\u00e4rz 2025 zufolge ist in einem Hauptsacheverfahren der Tatverdacht hinsichtlich einer terroristischen Vereinigung zu pr\u00fcfen. 52 Seit den \u00dcbergriffen fahnden ungarische, deutsche und weitere Strafverfolgungsbeh\u00f6rden nach den Tatverd\u00e4chtigen mit europ\u00e4ischen und teilweise auch nationalen Haftbefehlen. Unter den Verd\u00e4chtigen befinden sich deutsche Staatsangeh\u00f6rige aus Bayern, Sachsen, Berlin und Th\u00fcringen. In Th\u00fcringen wurde durch die Generalstaatsanwaltschaft Dresden gegen vier Frauen und einen Mann wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung im Rahmen von \"Spiegelverfahren\" gem\u00e4\u00df SS 7 StGB ermittelt. Auf deren Grundlage wurden nationale Haftbefehle ausgestellt. Nachdem im Rahmen von Durchsuchungsma\u00dfnahmen in Th\u00fcringen und Sachsen am 15.03.2023 bestehende Haftbefehle nicht umgesetzt werden konnten und sich der tats\u00e4chliche Aufenthaltsort der Tatverd\u00e4chtigen nicht aufkl\u00e4ren lie\u00df, musste davon ausgegangen werden, dass sich diese Personen absichtlich dem Beh\u00f6rdenzugriff entziehen wollen und in die Illegalit\u00e4t \"untergetaucht\" sind. Das Verfahren wurde am 29.02.2024 wegen der besonderen Bedeutung des Falles vom Generalbundesanwalt \u00fcbernommen. 53 Am 20.01.2025 stellten sich sieben von seinerzeit neun \"untergetauchten\", mit Haftbefehl im Budapest-Komplex gesuchten mutma\u00dflichen Linksextremisten bei Polizeiund Justizbeh\u00f6rden verschiedener Bundesl\u00e4nder in einer offenbar koordinierten Aktion in Begleitung von Rechtsanw\u00e4lten und Pressevertretern. Darunter befanden sich drei Personen aus Th\u00fcringen. Eine weitere bis dahin fl\u00fcchtige Person aus Th\u00fcringen offenbarte sich am 20.03.2025 gegen\u00fcber den Beh\u00f6rden. 91","Die staatlichen Ma\u00dfnahmen gegen die potenziellen T\u00e4ter der Gewaltstraftaten f\u00fchrten weit \u00fcber die linksextremistische Szene hinaus bundesweit zu zahlreichen Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rungen im Internet, durch Graffiti im \u00f6ffentlichen Raum oder im Rahmen von Veranstaltungen. Erwirtschaftete \"Soli-Einnahmen\" flossen in die Arbeit gegen die Repression zugunsten der im Budapest-Kontext betroffenen \"Antifas\". Die drohende Auslieferung inhaftierter Beschuldigter in das \"faschistisch gepr\u00e4gte\" Ungarn und dortige \"unhaltbare und diskriminierende Haftbedingungen\" standen im Fokus der Szene. Zudem wurden erhebliche Zweifel an einem rechtsstaatlichen, \"gerechten\" Gerichtsverfahren erhoben, was im Falle einer Verurteilung nach ungarischem Recht auch ein deutlich h\u00f6heres Strafma\u00df mit langj\u00e4hrigen Haftstrafen bedeuten w\u00fcrde. Entsprechend fokussierte sich in Th\u00fcringen die Solidarit\u00e4t auf die aus Jena stammende tatverd\u00e4chtige Person \"Maja\" 54 sowohl im Nachgang zu deren Festnahme im Dezember 2023 in Berlin als auch nach der erfolgten Auslieferung an Ungarn im Juni. 55 \"Schei\u00df auf Staat und Polizeiapparat. ... F\u00fcr Maja und alle inhaftierte Antifas!\" und \"Free Maja\" verbinden als Forderung alle entsprechenden Verlautbarungen und Aktivit\u00e4ten insbesondere in Jena - ob SoliKonzert, Antirepressionsworkshop, Demonstrationen, Graffiti in der st\u00e4dtischen \u00d6ffentlichkeit (mit erheblichen Sachsch\u00e4den) oder Verlautbarungen im Internet. 54 In der \u00d6ffentlichkeit verwendeter Szenename f\u00fcr die sich als non-bin\u00e4r verstehende tatverd\u00e4chtige Person. 55 \"Maja\" wurde am 28.06.2024 nach Beschluss des Berliner Landgerichts an die ungarischen Beh\u00f6rden \u00fcberstellt. Ein Beschluss des BVerfG, die Auslieferung zu stoppen, konnte nicht mehr umgesetzt werden, da \"Maja\" zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr in Deutschland aufh\u00e4ltig war. Mit Beschluss des BVerfG vom 24.01. 2025 wurde der Verfassungsbeschwerde von \"Maja\" \u00fcber die Auslieferung nach Ungarn stattgegeben. In dem dortigen Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und K\u00f6rperverletzung droht eine Haftstrafe von bis zu 24 Jahren. 92","Im Zusammenhang mit einer Bannerverbrennung am 5. Februar in Jena hie\u00df es in einem anonymen Selbstbezichtigungsschreiben auf \"de.indymedia\": \"Antifaschismus und der Kampf gegen Repression gehen Hand in Hand. Wir lassen uns nicht unterkriegen! Nazis aufs Maul! Alerta!\" Am 14. Dezember auf dem linksextremistischen Portal \"de.indymedia\" ver\u00f6ffentlichte \"antifaschistische\" Geburtstagsgr\u00fc\u00dfe bekr\u00e4ftigen: \"Wir stehen zusammen gegen Repression! Wir denken an Dich, Maja! FREIHEIT F\u00dcR MAJA! FREIHEIT F\u00dcR ALLE ANTIFAS! AUF DIE SOLIDARIT\u00c4T!\" Stellung zum Staat und zur Zivilgesellschaft Autonome sehen in der Politik der Regierung und in vermeintlichen gesellschaftlichen Missst\u00e4nden Ausl\u00f6ser f\u00fcr \"faschistische\" Tendenzen. Ihrer Meinung nach f\u00f6rderten \"staatlicher Rassismus\" und die \"Kriminalisierung des antifaschistischen Kampfes\" auch in der Bev\u00f6lkerung die Entwicklung \"rechter\" Tendenzen. Die Kritik und die Aktionen des autonomen Spektrums richten sich deshalb auch gegen die Zivilgesellschaft. In diesem Zusammenhang distanzieren sich Autonome von den Aktivit\u00e4ten demokratischer B\u00fcndnisse, schlie\u00dfen sich deren Veranstaltungen, insbesondere solchen gegen Rechtsextremismus, aber auch immer wieder an. Dies geschieht einerseits in der Annahme, \u00fcber szenetypische Slogans und Darstellungen autonome Anschauungen transportieren und die Veranstaltungen breiter B\u00fcndnisse gegebenenfalls dominieren zu k\u00f6nnen, andererseits, um die etwaige beh\u00f6rdliche Untersagung des selbst organisierten Protests zu umgehen. Als Ausdruck ihrer Eigenst\u00e4ndigkeit sind Abgrenzungsversuche \u00fcblich. So rufen Autonome zur Beteiligung an \"antifaschistischen\" oder \"antikapitalistischen\" Bl\u00f6cken innerhalb von Demonstrationen auf. 93","Ma\u00dfgebliche Beteiligung von Linksextremisten an Antifa-Demonstration am 2. M\u00e4rz in Weimar Etwa 400 Personen demonstrierten Eigenangaben zufolge unter dem Motto \"Rechte Strukturen offenlegen, Faschismus von den Stra\u00dfen fegen!\" am 2. M\u00e4rz in Weimar. Sie waren u. a. aus Th\u00fcringen, Halle und Leipzig angereist und zum Teil szenetypisch vermummt. Transparente zeigten Aufschriften wie \"Bj\u00f6rn H\u00f6cke ist ein Nazi\", \"Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen\", \"Antifa in die Offensive, rechte Strukturen zerschlagen, Naziaufm\u00e4rsche verhindern\", \"Antifa bleibt Handarbeit, NZS bxn\". Ein unbekannter T\u00e4ter z\u00fcndete einen Nebeltopf. Redebeitr\u00e4ge kritisierten polizeiliche Ma\u00dfnahmen des Vorjahres zum \"Tag X\" in Leipzig und am 1. Mai in Gera. Die Stimmung w\u00e4hrend des Aufzugs war polizeifeindlich, was durch entsprechende Parolen wie \"Schei\u00df Polizei Schalalalala\", \"Ganz Weimar hasst die Polizei\", \"\u00dcberall Polizei, nirgendwo Gerechtigkeit\", \"Auch Bullen haben Namen und Adressen\", \"Ihr seid gut bezahlte Hooligangs\", \"Deutschland Bullenstaat, wir haben dich zum Kotzen satt\" oder \"ACAB\" zum Ausdruck kam. F\u00fcr die durch eine bislang unbekannte Antifa-Gruppierung initiierte Demonstration mobilisierten linksextremistische Gruppierungen vor allem in den sozialen Netzwerken. Beteiligung von Linksextremisten an Protesten gegen ein \"Familienfest\" der AfD am 27. Juli in Saalfeld Gegen eine von der AfD am 27. Juli auf dem Marktplatz in Saalfeld als \"Familienfest\" durchgef\u00fchrte Wahlkampfveranstaltung mit ca. 500 Besuchern protestierten im Rahmen einer demokratisch initiierten Veranstaltung ebenfalls ca. 500 Personen, unter ihnen Linksextremisten. Gegendemonstranten waren u. a. aus Th\u00fcringen und aus Sachsen angereist. Die Wahlkampf-Veranstaltung wurde lautstark durch Einsatz von Tr\u00f6ten gest\u00f6rt. Der Versuch einer Stra\u00dfenblockade blieb erfolglos. Als ein Protestteilnehmer in den Veranstaltungsraum der AfD eindrang, kam es zu einer gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzung mit Faustschl\u00e4gen in dessen Gesicht. Im weiteren Verlauf der Proteste folgten zun\u00e4chst Provokationen, sp\u00e4ter auf 94","dem R\u00fcckweg zum Bahnhof ein szenetypischer Angriff aus der \u00dcberzahl durch ca. zehn Personen auf zwei vorherige Versammlungsteilnehmer der AfD. Im Zuge des t\u00e4tlichen Angriffs mit Schl\u00e4gen und Tritten erlitt eine Person nicht unerhebliche Verletzungen. Die T\u00e4ter entfernten sich z\u00fcgig. Es wurden Strafanzeigen wegen K\u00f6rperverletzungsdelikten und einem Versto\u00df gegen das Versammlungsgesetz gefertigt. Ma\u00dfgebliche Beteiligung von Linksextremisten an Blockadeaktionen und St\u00f6rung einer AfDVeranstaltung am 20. August in Jena Gegen eine Wahlkampfveranstaltung der AfD mit ca. 200 erwarteten Teilnehmern und deren Parteivorsitzenden als Redner demonstrierten unter dem Motto \"H\u00f6cke stoppen! F\u00fcr ein solidarisches Jena\" im Rahmen von drei Protestveranstaltungen statt der hierf\u00fcr angemeldeten 200 Veranstaltungsteilnehmer ca. 2.000 Personen, unter ihnen auch zahlreiche Linksextremisten. Zufahrtswege und Zuwege zum Veranstaltungsort wurden massiv blockiert. Es gab mehrfach (versuchte) \u00dcbergriffe auf potenzielle Veranstaltungsteilnehmer, den Redner und gewaltt\u00e4tige Aktionen gegen Einsatzkr\u00e4fte. Die \"Finger-Taktik\" 56 wurde eingesetzt, Personengruppen bewegten sich abwechselnd im Versammlungsraum, zeigten ein koordiniertes, aufeinander abgestimmtes und geplantes Verhalten. Aus einem Aufzug heraus kam es zu mehreren Durchbruchversuchen, von denen einer gelang. Im Ergebnis mussten Personen evakuiert oder aus Schutzgr\u00fcnden abgewiesen werden. Eine Teilnehmergruppe konnte aufgrund des Gegenprotestes den Versammlungsort nicht verlassen und ben\u00f6tigte polizeilichen Schutz. Auch ein umgebautes Feuerwehrfahrzeug wurde gezielt als Blockademittel eingesetzt. Andere Teilnehmer zeigten Plakate der MLPD. Die Polizei setzte im Einsatzverlauf mehrfach Reizstoffe und Schlagst\u00f6cke ein. Ein Polizist wurde verletzt. Zudem kam es zu Diebstahlsund Sachbesch\u00e4digungsdelikten an Polizeidienstfahrzeugen. Mehrere Strafanzeigen, u. a. wegen Landfriedensbruchs, wurden erstattet. Die Aggressionsbereitschaft der Gegendemonstranten war enorm. Insgesamt f\u00fchrt der Protestverlauf mit massenhaftem zivilen Ungehorsam, der Vielzahl von (Sitz-)Blockaden - in einem Fall mit bis zu 400 Personen -, mindestens drei t\u00e4tlichen Angriffen auf Polizisten und der \"Finger-Taktik\" dazu, dass die AfD-Veranstaltung nicht wie geplant und angemeldet durchgef\u00fchrt werden konnte. 56 Orchestrierte Vorgehensweise bei Protestaktionen, um polizeiliche Absperrungen bei Veranstaltungen unter freiem Himmel mit f\u00fcnf oder mehr durch Farboder Symbolzuordnung gelenkten Demonstrationsbl\u00f6cken (\"Fingern\") in verschiedene Richtungen zu durchdringen und das eigentliche Versammlungsgeschehen dadurch massiv zu st\u00f6ren. 95","Bereits im Vorfeld der Veranstaltung kam es durch Unbekannte zu einer Sachbesch\u00e4digung durch zwei Graffiti auf der Stra\u00dfe vor dem Veranstaltungsort. F\u00fcr die Proteste wurde regional auf Szeneportalen und einem auch von Linksextremisten genutzten Kalender geworben, Mobilisierungsaufrufe von linksextremistischen Gruppierungen wurden festgestellt. Zudem gab es Info-Veranstaltungen. Eine Aktionskarte und die Telefonnummer eines Ermittlungsausschusses 57 wurden bekanntgegeben. Ein Antifa-B\u00fcndnis aus Jena, das aktiv zum Kampf gegen die AfD aufruft und insbesondere im Vorfeld der Landtagswahlen zahlreiche Veranstaltungen in Th\u00fcringen durchf\u00fchrte, trat im Verlauf der Proteste organisationspr\u00e4gend auf. An dem B\u00fcndnis sind auch Linksextremisten beteiligt. Im Nachgang wurden die erfolgreiche Blockade der AfD-Veranstaltung und der verhinderte Auftritt des AfD-Parteivorsitzenden innerhalb der linksextremistischen Szene als gro\u00dfer Erfolg gewertet, so schrieb z. B. die \"Undogmatische radikale Linke Jena\" (URL): \"Wir haben in Jena heute erfolgreich H\u00f6cke blockiert - kein Fu\u00dfbreit den Faschisten!\" 58 Szenetypisch wurde in Resonanzen der Polizeieinsatz kritisiert. Das Protestgeschehen war von massenhaftem zivilen Ungehorsam gepr\u00e4gt, der in vors\u00e4tzlich ausge\u00fcbtem, gewaltsamen Widerstand gegen das staatliche Gewaltmonopol m\u00fcndete. Gewaltfreier, demokratischer Protest ging - offenbar ohne jede Kritik aus diesem Teilnehmerkreis - unter. Es bleibt festzuhalten, dass in dem konkreten Fall eine Vernetzung zwischen Autonomen, nicht gewaltorientierten Linksextremisten und nicht extremistischen Akteuren erreicht wurde, was letztlich eine zunehmende Akzeptanz in der Zivilgesellschaft f\u00fcr die autonomen Ziele und Aktionenformen ausdr\u00fcckt. 57 Ein \"Ermittlungsausschuss\" ist ein unentgeltliches Rechtshilfeangebot, oft anl\u00e4sslich von Demonstrationen und Aktionen, das von der Telefonbetreuung, der Organisation von Anw\u00e4lten bis hin zur Betreuung bei Festnahmen oder in U-Haft reicht. Zum Teil handelt es sich um tempor\u00e4re Einrichtungen, deren telefonische Erreichbarkeit kurzfristig bekanntgegeben wird, zum Teil sind es dauerhafte, fest etablierte Einrichtungen, mitunter begleitet von Sprechstundenangeboten. 58 Die \"Undogmatische radikale Linke Jena\" (URL) wird dem (post-)autonomen Spektrum zugeordnet. Sie tritt \u00f6ffentlich als Mitgliedsgruppe der bundesweiten Organisation \"Interventionistische Linke\" (IL) auf. In ihrem Selbstverst\u00e4ndnis vom September 2022 bekennt sich die thematisch breit aufgestellte Gruppe mit b\u00fcndnisorientiertem Politikansatz: \"Es ist klar: es braucht ein anderes System.... Fest steht: Ein Kampf gegen Klimakrise, Rassismus, Patriarchat, etc. muss immer antikapitalistisch sein. Daher braucht es eine radikale Linke, die sich dagegenstellt.\" 96","Beteiligung von Linksextremisten an Versammlungslagen und begleitende Aktivit\u00e4ten am Wahlwochenende 31. August/1. September Am 31. August beteiligten sich in Erfurt ca. 3.000 Personen an einer nichtextremistisch initiierten Veranstaltung unter dem Motto \"Th\u00fcringen bleibt bunt, Faschisten raus aus den Parlamenten\", unter ihnen auch mehrere Hundert bundesweit angereiste sowie mindestens 200 gewaltbereite Personen. Ein \"Schwarzer Block\" 59 mit ca. 250 Teilnehmern trat in Erscheinung. Blockadeversuche oder das Aufeinandertreffen rivalisierender Personen konnten durch die Polizei konsequent verhindert werden. Trotz des weitgehend st\u00f6rungsfreien Verlaufs kam es vereinzelt zu Vorkommnissen wie Beleidigung, N\u00f6tigung, Vermummungen, Widerstandsdelikten und dem Z\u00fcnden eines Nebeltopfes. Kurzfristig wurde ein Ermittlungsausschuss 60 eingerichtet. Am 1. September demonstrierten unter dem Motto \"Jetzt erst recht gegen den Faschismus\" ca. 1.200 Personen in Erfurt im Rahmen einer nichtextremistisch initiierten Kundgebung, unter ihnen ca. 100 angereiste Linksextremisten. Anf\u00e4nglich kam es zu Vermummungen. Ein ca. 100 Personen z\u00e4hlender \"Schwarzer Block\", darunter auch Personen aus Berlin, formierte sich. \"Demosanit\u00e4ter\" befanden sich im Einsatz. Ein mutma\u00dfliches Depot mit \"Schlagwerkzeugen\" ist vor Veranstaltungsbeginn ber\u00e4umt worden. F\u00fcr die Veranstaltung war bundesweit auch im linksextremistischen Spektrum, z. T. mit einem eher militant gepr\u00e4gten Charakter, mobilisiert worden. Eine \"Bettenb\u00f6rse\" f\u00fcr angereiste Protestteilnehmer war eingerichtet. In der Gesamtschau d\u00fcrften die Veranstaltungen jedoch nicht wie szeneintern geplant stattgefunden haben, insgesamt verlief das Wochenende rund um die Landtagswahl ohne gr\u00f6\u00dfere St\u00f6rungen. Es ist davon auszugehen, dass gewaltt\u00e4tige Aktionen und St\u00f6rungen, insbesondere am 1. September durch die linksextremistische Szene geplant waren. Bereits Monate zuvor hatten das in S\u00fcddeutschland zu verortende B\u00fcndnis \"Antifaschistische Aktion S\u00fcd\" 61 und weitere linksextremistische Gruppierungen mit ihrer Kampagne \"Zeit zu handeln\" u. a. gegen den Wahlkampfauftritt der AfD Th\u00fcringen aufgerufen: \"Mit Faschist: innen wird nicht diskutiert, Faschist:innen werden bek\u00e4mpft. Auf allen Ebenen, mit allen Mitteln, die daf\u00fcr notwen59 Der \"Schwarze Block\" ist eine besonders von Autonomen genutzte Demonstrationstaktik. Vermummte, schwarz gekleidete Aktivisten formieren sich in uniformer \"Kampfausr\u00fcstung\", um das Gemeinschaftsgef\u00fchl zu festigen, St\u00e4rke zu vermitteln und die Identifizierung von Straft\u00e4tern sowie deren Strafverfolgung zu erschweren. 60 Siehe Fn. 57. 61 Die 2022 gegr\u00fcndete \"Antifaschistische Aktion S\u00fcd\" mit Mitgliedsgruppen aus den Bundesl\u00e4ndern BW, BY und RP hat das Ziel, antifaschistische Kr\u00e4fte bundesweit st\u00e4rker zu b\u00fcndeln und \u00fcberregional \"schlagkr\u00e4ftig\" zu intervenieren. Gegner will sie durch direkte Konfrontation \"handlungsunf\u00e4hig machen\". Perspektivisch strebt das dem militanten Antifaschismus zuzuordnende B\u00fcndnis eine bundesweite Antifaschistische Aktion an, in der Vergangenheit initiierte und koordinierte es bereits au\u00dferhalb Th\u00fcringens von gewaltsamen Ausschreitungen gepr\u00e4gte Proteste gegen die AfD. 97","dig sind. [...] Wir werden deshalb die Wahlsiege der Faschist:innen im September nicht unwidersprochen hinnehmen. Wir werden den Wahlkampf der AfD und ihre Wahlpartys st\u00f6ren, Proteste gegen das Erstarken der Rechten organisieren und den Faschist:innen im Osten nicht die Stra\u00dfe \u00fcberlassen. Wir rufen bundesweit alle Antifaschist:innen auf, sich lokal wie \u00fcberregional an den Protesten gegen die Wahlerfolge der AfD zu beteiligen ... Die Zeit zu handeln ist jetzt.\". F\u00fcr den Zeitraum um das Wahlwochenende war bundesweit, insbesondere in den szenetypischen sozialen Netzwerken, mobilisiert worden. Sowohl vor als auch unmittelbar nach der Landtagswahl wurden szenetypische Sachbesch\u00e4digungen an Wahlkreisb\u00fcros der AfD, an Wohnund Gesch\u00e4ftsobjekten mit Parteibezug festgestellt. So spr\u00fchten Unbekannte in den fr\u00fchen Morgenstunden des 1. September vor insgesamt 11 Wahllokale in Erfurt Slogans wie \"AFD= FASCHOS\", \"H\u00d6CKE IST EIN NAZI\", \"NIE WIEDER IST JETZT\" auf den Boden. In der Nacht zum 2. September kam es in Erfurt zur Sachbesch\u00e4digung an einer Anwaltskanzlei eines in den Landtag gew\u00e4hlten AfD-Kandidaten. Die Doppelverglasung der Eingangst\u00fcr wurde, im Eingangsbereich wurden zudem Schriftz\u00fcge wie \"Nazis raus\", \"161\" 62 und ein Anarchiesymbol sowie Aufkleber \"Gegen Polizeistaat und Faschisten\" angebracht. 4. Sonstige linksextremistische Organisationen \"Rote Hilfe e. V.\" (RH) Bund Th\u00fcringen Gr\u00fcndung 1975 Sitz G\u00f6ttingen Jena, Erfurt, Arnstadt Mitglieder 2024 14.400 190 2023 13.700 180 2022 13.100 170 Publikationen \"Die Rote Hilfe\" (viertelj\u00e4hrlich) Internet eigener Internetauftritt eigene Internetauftritte der \u00f6rtlichen Gliederungen Tabelle 6: Zahlen und Fakten zur RH Die von Linksextremisten unterschiedlicher Ausrichtung getragene RH definiert sich als \"parteiunabh\u00e4ngige, str\u00f6mungs\u00fcbergreifende linke Schutzund Solidarit\u00e4tsorganisation\", die vermeintlich politisch Verfolgte aus dem gesamten \"linken\" und linksextremistischen Spektrum 62 Zahlencode f\u00fcr \"Antifaschistische Aktion\". 98","politisch und materiell unterst\u00fctzt. Sofern die in der Satzung genannten Zwecke der RH erf\u00fcllt sind, erhalten von juristischen Verfahren Betroffene und rechtskr\u00e4ftig Verurteilte auf Antrag eine den vereinseigenen Regelungen entsprechende Kostenerstattung. Als Voraussetzung daf\u00fcr muss jegliche Kooperation mit Justizoder Sicherheitsbeh\u00f6rden unterbleiben. Die RH selbst betont, \"keine karitative Einrichtung\" zu sein. Die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Einzelnen sei ein \"Beitrag zur St\u00e4rkung der Bewegung\". Der durch exemplarische Strafverfolgung bezweckten Abschreckung stelle die RH explizit \"das Prinzip der Solidarit\u00e4t\" entgegen und ermutige damit zum Weiterk\u00e4mpfen. Sowohl durch ihr Wirken als \"Gefangenenhilfsorganisation\" als auch durch die gezielte Meinungsbildung und -beeinflussung in der \u00d6ffentlichkeit - durch Publikationen, Veranstaltungen, Kampagnen - diskreditiert die Organisation den demokratischen Rechtsstaat als \"Willk\u00fcrregime\", behindert staatliches Handeln und versucht letztlich szenestabilisierend und -st\u00e4rkend zu wirken. Ohne selbst gewaltt\u00e4tig zu agieren, bef\u00fcrwortet und unterst\u00fctzt sie so die Gewaltanwendung durch Szeneangeh\u00f6rige. 63 Die RH versteht das Handeln von Polizei, Justiz und Strafvollzug als politisch motiviert, es diene zur \"Herrschaftssicherung der Machthabenden\". Sie lehnt das staatliche Gewaltmonopol ab. Der Bek\u00e4mpfung des Terrorismus dienende Gesetze deutet die RH als \"Feindstrafrecht\", das die Regeln einer 'normalen' Prozessf\u00fchrung und Ermittlung missachte. Sein Ziel sei es, \"politische Aktivit\u00e4t gegen die herrschenden Zust\u00e4nde unm\u00f6glich\" und Menschen durch \"ausge\u00fcbte oder angedrohte Gewalt\" gef\u00fcgig zu machen. So h\u00e4lt die RH im Rahmen der \"Kurdistan-Solidarit\u00e4t\" u. a. an ihrem Engagement f\u00fcr Mitglieder und Sympathisanten der \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) fest und entsprechend auch an wiederkehrenden Forderungen nach einer Aufhebung des PKK-Verbots 64. Ebenso unterst\u00fctzt sie die am 26. Februar in Berlin verhaftete, dort in der Illegalit\u00e4t lebende und mit der fr\u00fcheren terroristischen Vereinigung \"Rote Armee Fraktion\" (RAF) in Verbindung gebrachte Daniela Klette 65 propagandistisch und \"praktisch\". In einer Pressemitteilung vom 19. November galt die Kritik der RH im Nachgang zur 63 Ihre Ziele und Bet\u00e4tigung richten sich damit gegen das Rechtstaatsprinzip, das zum essentiellen Kern der freiheitlichen demokratischen Grundordnung z\u00e4hlt. Neben der Bek\u00e4mpfung der staatlichen Ordnung unterst\u00fctzt sie durch die Solidarisierung mit Linksextremisten ebenfalls die Zielsetzungen von Autonomen oder Anarchisten, die eine System\u00fcberwindung durch Aushebelung von Elementen des Demokratieprinzips, wie des Prinzips der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t oder des Rechts der Bildung und Aus\u00fcbung einer Opposition, anstreben. Au\u00dferdem spricht die RH im Rahmen ihres Engagements \"gegen Rechts\" und insbesondere gegen mutma\u00dfliche Rechtsextremisten den betroffenen politischen Gegnern bestimmte Grundund Menschenrechte ab, was einen Versto\u00df gegen das Prinzip der Menschenw\u00fcrde darstellt. 64 Die mitgliederst\u00e4rkste und schlagkr\u00e4ftigste Organisation im Bereich des auslandsbezogenen Extremismus in Deutschland unterliegt hier seit 1993 einem Bet\u00e4tigungsverbot, seit 2002 wird sie von der EU als Terrororganisation gelistet. \u00d6ffentlichkeitswirksame Aktivit\u00e4ten und Rekrutierungsbem\u00fchen zielen erfolgreich auch auf potenzielle Sympathisanten und Unterst\u00fctzer im Bereich des deutschen Linksextremismus. 65 Die wegen zahlreicher Straftaten, u.a. versuchten Mordes Gesuchte wird der dritten Generation der RAF zugerechnet, sie lebte Jahrzehnte in der Illegalit\u00e4t, zuletzt mit falscher Identit\u00e4t ein \"b\u00fcrgerlich\" anmutendes Leben in Berlin. 99","Verhaftung der mutma\u00dflichen Terroristin \"staatlicher Rachsucht\", einem \"grotesken Bedrohungsszenario\" gegen die Tatverd\u00e4chtige und schikan\u00f6ser \"Repression bei Solidarit\u00e4tsgesten\" von Sympathisanten und Unterst\u00fctzern der Inhaftierten. Die RH ist die mitgliederst\u00e4rkste Organisation im Bereich des Linksextremismus und weist bundesweit seit Jahren einen best\u00e4ndigen Zuwachs an Mitgliedern auf. Die Organisation gliederte sich bundesweit in ca. 50 Ortsbzw. Regionalgruppen. In Th\u00fcringen existieren \"Ortsgruppen\" in Jena und Erfurt sowie eine \"Regionalgruppe\" in S\u00fcdth\u00fcringen. Die laut Satzung alle zwei Jahre durchzuf\u00fchrende Bundesdelegiertenversammlung der RH fand zuletzt im Jahr 2023 in Bielefeld (Nordrhein-Westfalen) statt und regelt grundlegende Fragen der Vereinsarbeit. Zum \"Tag der politischen Gefangenen\" am 18. M\u00e4rz 66 ruft die RH regelm\u00e4\u00dfig zu zahlreichen Veranstaltungen und Kundgebungen auf. Sie gibt dar\u00fcber hinaus j\u00e4hrlich eine Sonderzeitung heraus, die zur Erweiterung der medialen Reichweite auch weiteren Publikationen, u. a. der linksextremistischen Tageszeitung \"junge Welt\", beiliegt. Den thematischen Schwerpunkt unter der Losung \"Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen!\" setzte die RH im Jahr 2024 auf das Motto \"Egal ob drinnen oder drau\u00dfen - wir sind eins\". Weltweit w\u00fcrden linke Aktivisten eingesperrt, weil sie sich den herrschenden Zust\u00e4nden widersetzen, eine Vielzahl an Willk\u00fcrma\u00dfnahmen gegen diese Gefangenen solle sie dazu bringen, vom politischen Kampf abzulassen. Gef\u00e4ngnisse als letztes Repressionsinstrument des Staates zielten darauf, die Gefangenen zu brechen. Aufgabe sei es daher, \"unsere Genoss*innen zu unterst\u00fctzen, mit allen politischen Mitteln f\u00fcr ihre Freiheit zu k\u00e4mpfen\". \"Wir m\u00f6chten euch deshalb alle umso mehr ermutigen, die Debatte um Knast und den Umgang damit intensiv zu f\u00fchren. ... K\u00e4mpfe innerund au\u00dferhalb der Mauern zu organisieren, aber auch die Entscheidung zu treffen, sich einer drohenden Inhaftierung zu entziehen. Die Strategien, mit Knast umzugehen, sind so vielf\u00e4ltig wie die linke Bewegung. Unsere Solidarit\u00e4t muss ihnen allen gelten\", forderte der Bundesvorstands der Roten Hilfe im Vorwort. Eine Form \"praktischer Solidarit\u00e4t\" bestehe darin, Briefe an \"gefangene Genoss*innen\" zu schreiben, so auch im Kontext des Budapest-Verfahrens an \"Antifa-Gefangene\" wie 66 Der von der RH am 18.03.1923 ausgerufene \"Internationale Tag der Hilfe f\u00fcr politische Gefangene\" geht auf einen Arbeiteraufstand der Pariser Kommune vom 18.03.1871 zur\u00fcck; allj\u00e4hrlich wird zu diesem Anlass zu Veranstaltungen und Demonstrationen gegen \"staatliche Repression\" und f\u00fcr \"die Freiheit aller politischen Gefangenen\" weltweit aufgerufen. 100","\"Maja, ... Nele, Paula und Luca\" 67 oder an Gefangene wie Daniela Klette, die mit terroristischen Anschl\u00e4gen in Verbindung stehen. Auch in Th\u00fcringen fanden in Erfurt, Jena und Nordhausen aus Anlass des \"Tages der politischen Gefangenen\" verschiedene Aktivit\u00e4ten und Veranstaltungen unter dem Motto \"Demo & Briefeschreiben\" o- der \"Vortrag zum Budapest-Komplex\", \"Flucht als Verbrechen?\" sowie eine Filmvorf\u00fchrung zur \"politischen Repression gegen die oppositionelle Bewegung in der T\u00fcrkei\" statt. Im Zusammenhang mit Verfahren zum \"Tag der Ehre\" im Februar 2023 in Budapest (Ungarn) wird mutma\u00dflichen Linksextremisten verschiedener Nationalit\u00e4ten, u. a. Personen aus Th\u00fcringen, vorgeworfen, an Angriffen auf mutma\u00dfliche Rechtsextremisten beteiligt gewesen zu sein. Mehrfach solidarisierte sich die RH in Ver\u00f6ffentlichungen mit den Betroffenen sowie untergetauchten Personen, kritisierte \"Verfolgungswut\" der Beh\u00f6rden und unangemessene, der Einsch\u00fcchterung dienende Ma\u00dfnahmen gegen Antifaschist*innen. Ein \"Solidarit\u00e4tskonto\" wurde zur Sammlung von Spenden angeboten und f\u00fcr \"praktische Solidarit\u00e4t\" in Form von \"Briefe schreiben an Gefangene\" geworben. Im Rahmen der Jubil\u00e4umsfeierlichkeiten \"100 Jahre Rote Hilfe e. V.\" fanden im Berichtszeitraum bundesweit Veranstaltungen von zentraler oder lokaler Bedeutung statt. Neben der Geschichte, Entwicklung und Arbeit des Vereins war die Darstellung staatlichen Handelns als \"Repression\" und \"Kriminalisierung\" politischer Aktivisten inhaltliches Anliegen der Veranstaltungen. Auch in Th\u00fcringen fanden Veranstaltungen aus Anlass des Jubil\u00e4ums statt, so wurden z. B. in Erfurt am 18. Oktober ein Filmabend \"Solidarit\u00e4t verbindet - 100 Jahre Rote Hilfe\" und am 12. Dezember ein historischer \"Stadtrundgang 100 Jahre Rote Hilfe\" angeboten, um Geschichte und Gegenwart der \"Solidarit\u00e4tsarbeit\" darzustellen. 67 In der \u00d6ffentlichkeit verwendete Szenenamen von Tatverd\u00e4chtigen aus Th\u00fcringen. 101","Die RH in Th\u00fcringen beteiligt sich im Rahmen ihrer \"Antirepressionsarbeit\" an bundesweiten Themenschwerpunkten mit eigenen Veranstaltungen vor Ort, Statements oder Ver\u00f6ffentlichungen, sie schlie\u00dft sich Demonstrationen und Protesten an oder unterst\u00fctzt diese. Im Berichtszeitraum boten die RH-Ortsgruppen Erfurt und Jena regelm\u00e4\u00dfige Sprechzeiten an. 68 Dabei betonte die RH-Ortsgruppe Erfurt: \"Bestes Wetter, trotzdem repressive Zeiten: Stress mit Cops ...\" und \"Wie immer gilt: Keine Panik, ihr seid nicht allein! Anna und Arthur halten's Maul 69 - kommt lieber bei uns vorbei mit euren Fragen und Problemen.\" Kampagnen, Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rungen und -aktionen der RH in Th\u00fcringen zeigen ebenso wie ihre Beteiligung an ad\u00e4quaten bundesweiten Aktivit\u00e4ten gute Verbindungen in die linksextremistische Szene. Sie unterst\u00fctzt so auch die gew\u00fcnschte Vernetzung antifaschistischer Akteure und lokaler Gruppen, das \"Bekenntnis zu konsequentem Antifaschismus\" und die Forderung nach Freiheit f\u00fcr \"alle inhaftierten Antifaschist:innen\". So thematisierte die RH-Ortsgruppe Erfurt Neuigkeiten aus dem Budapest-Komplex angesichts der beginnenden Verhandlungen vor dem dortigen Stadtgericht und der drohenden Auslieferung von Tatverd\u00e4chtigen. Sie forderte \"Free Maja!\", verfasste eine \"Soli-Erkl\u00e4rung f\u00fcr die verfolgten Antifas\", rief zu Spenden auf und verwies mehrfach auf entsprechende Ver\u00f6ffentlichungen der RH Jena. Weiteren \"Antifaschist:innen\", die sich bisher den Ermittlungsbeh\u00f6rden entziehen konnten, w\u00fcnschte sie \"Kraft, Gl\u00fcck und Mut\". Sie beteiligte sich an einer \"Veranstaltung zum Umgang mit der Polizei\" am 18. Mai in Erfurt und am 12. Dezember an einem \"Vortrag zum Verfassungsschutz\" sowie an thematisch einschl\u00e4gigen Lesungen, Vortr\u00e4gen, Filmvorf\u00fchrungen. Im Dezember ver\u00f6ffentlichte die RH Erfurt unter der \u00dcberschrift \"Einspruch! Strafbefehl nach Kessel am 1. Mai 2023 in Gera\" einen Post zu einem Landfriedensbruch am 1. Mai 2023 in Gera. Den von Hausdurchsuchungen und Strafbefehlen Betroffenen wurde empfohlen \"ruhig\" zu bleiben, sich \"nicht zu Vorw\u00fcrfen\" zu \u00e4u\u00dfern, sich bei der RH zu melden und Einspruch einzulegen. 70 Die RH-Ortsgruppe Jena befasste sich im Nachgang zu den \"k\u00f6rperlichen Auseinandersetzungen mit Nazis in Budapest\" wiederholt mit den \"Repressionsangriffen\" und \"Hausdurchsuchungen gegen Antifaschist*innen\" auch in Jena. Mit einem Post vom 7. Februar rief eine 68 Der Regionalgruppe in S\u00fcdth\u00fcringen gelang dies offenbar nicht. Sie trat im Berichtszeitraum nicht mit Aktivit\u00e4ten in Erscheinung. 69 Der auf eine fr\u00fchere Kampagne der autonomen Bewegung zur\u00fcckgehende Slogan fordert Beschuldigte und Zeugen zur Verweigerung jeglicher Zusammenarbeit mit Strafverfolgungsund Sicherheitsbeh\u00f6rden auf. \"Anna und Arthur\" stehen hier fiktiv f\u00fcr alle potenziell Betroffenen. 70 Die von zahlreichen Linksextremisten unterst\u00fctzte Kundgebung \"Revolution\u00e4rer 1. Mai; 1. Mai Stra\u00dfe frei\" am 01.05.2024 in Gera nahm einen unfriedlichen Verlauf. Etwa 250 Teilnehmer aus dem \"schwarzen Block\", die wegen Landfriedensbruchs und K\u00f6rperverletzung polizeilichen Identit\u00e4tsfeststellungen unterzogen wurden, leisteten massiven Widerstand; \u00fcbrige Versammlungsteilnehmer zeigten deutliche Solidarisierungseffekte. 102","\"ehemalige Josef-Soligruppe\" 71 zur Solidarit\u00e4t auf und forderte: \"Gemeinsam die Auslieferung von Antifaschist:innen nach Ungarn verhindern\". Im Dezember ver\u00f6ffentlichten die RH-Ortsgruppen Jena und Erfurt Geburtstagsgr\u00fc\u00dfe f\u00fcr einen betroffenen Gefangenen. Ein Spendenkonto der RH zum Stichwort \"Budapest\" wurde erg\u00e4nzend angegeben. Zudem bot die RH Jena f\u00fcr Interessenten Infoveranstaltungen zu szenerelevanten Themen, Informationsmaterial zum Download und zusammen mit weiteren Akteuren einen monatlichen \"Repressionsstammtisch\" an. Durch zielgerichtete Unterst\u00fctzung von Szeneangeh\u00f6rigen oder mit dem Staat in Konflikt stehenden Personen wird versucht, zumindest perspektivisch st\u00e4rkeren Einfluss auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von (linksextremistisch motivierten) Straftaten, T\u00e4tern und damit auf gesellschaftliche Normen insgesamt zu gewinnen. Mit anlassbezogenen Kampagnen gelingt es der RH mitunter, ihre politischen Anliegen erfolgreich in der \u00d6ffentlichkeit zu platzieren, zudem arbeitet sie insbesondere im Rahmen von thematisch einschl\u00e4gigen Veranstaltungen auch mit nichtextremistischen Partnern aus Gewerkschaft, Kirche oder Politik zusammen. 5. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Links Das System der \"Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t\" (PMK) ist eine polizeiliche Kategorisierung zur Einordnung von Straftaten. Die Zahlen werden als erg\u00e4nzende Information in diesen Bericht aufgenommen. F\u00fcr die PMK - Links weist die Statistik des Landeskriminalamts Th\u00fcringen72 folgende Zahlen aus: PMK 2022 2023 2024 PMK gesamt 3.156 3.097 5.234 davon 353 444 PMK Links 73 960 davon Gewaltkriminalit\u00e4t 23 24 42 Tabelle 7: Statistik politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Links Im Jahr 2024 entfielen mit 960 von 5.234 (2023: 3.097) in Th\u00fcringen insgesamt erfassten politisch motivierten Straftaten etwa 18,3 % auf den Ph\u00e4nomenbereich \"Links\". Im Vergleich zum 71 Die \"Soligruppe\" hatte sich im Jahr 2014 zur Unterst\u00fctzung eines an Gewaltexzessen gegen den \"Wiener Akademikerball\" und teilnehmende Burschenschaften 2014 in Wien beteiligten \"Antifaschisten\" und verurteilten Straft\u00e4ters aus Jena gebildet. 72 Ver\u00f6ffentlicht am 31.03.2025; abrufbar unter https://innen.thueringen.de/fileadmin/Thueringer_Polizei/polizei/Statistiken/PMK_2024.pdf. 73 Die polizeiliche Kategorie \"PMK-Links\" ist nicht auf nachweislich linksextremistische Straftaten begrenzt. 103","Vorjahr ist bei Betrachtung der absoluten Deliktszahlen der PMK - Links ein Anstieg um 516 F\u00e4lle (116,2 %) zu verzeichnen. Damit liegt der Anstieg im Bereich der PMK-Links deutlich \u00fcber dem polizeilich mit 69 % bezifferten Anstieg der PMK insgesamt. Im Jahr 2024 wurde mit 42 Gewaltdelikten das Vorjahresniveau im Bereich der PMK-Links mit einer Zunahme um 18 Delikte (75 %) deutlich \u00fcberschritten. Der prozentuale Anstieg f\u00e4llt im Vergleich zu der im Berichtszeitraum festzustellenden Steigerung um 39,5 % bei der politisch motivierten Gewaltkriminalit\u00e4t (226 F\u00e4lle, 2023: 162) insgesamt, hier ebenfalls h\u00f6her aus. Straftaten mit Bez\u00fcgen zum Terrorismus wurden im Bereich der PMK-Links nicht festgestellt. 104","VIII. Spionageabwehr 1. Aufgaben, Akteure und Aufkl\u00e4rungsinteressen Aufgaben der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden Innerhalb der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat die Spionageabwehr gem\u00e4\u00df SS 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 Th\u00fcrVerfSchG die gesetzliche Aufgabe, sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten im Geltungsbereich des Grundgesetzes f\u00fcr eine fremde Macht zu beobachten, Informationen dar\u00fcber zu sammeln und diese auszuwerten. Hierbei wird eine vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit mit dem Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sowie den Beh\u00f6rden im Verfassungsschutzverbund gepflegt. Die Bundesrepublik Deutschland ist nach wie vor durch ihre geopolitische Lage, der bedeutenden Position innerhalb der Europ\u00e4ischen Union und der NATO, ihrer Eigenschaft als eine der f\u00fchrenden Industrienationen mit Standorten zahlreicher Unternehmen der Spitzentechnologie sowie als bedeutsamer Forschungsstandort ein priorit\u00e4res Aufkl\u00e4rungsziel f\u00fcr Nachrichtendienste fremder Staaten. F\u00fcr die Spionageabwehr auf Landesebene gilt es, Th\u00fcringen als Teil der f\u00f6deralen Struktur und erfolgreichen Forschungsund Wirtschaftsstandort vor derartigen T\u00e4tigkeiten fremder Staaten und ihrer Nachrichtendienste zu bewahren und den Schutz f\u00fcr die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu gew\u00e4hrleisten. Im Berichtszeitraum ist auf Seiten der Gespr\u00e4chspartner (z. B. im Rahmen des Schutzes vor Wirtschaftund Wissenschaftsspionage, Proliferationsabwehr) eine gesteigerte Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Aufkl\u00e4rungst\u00e4tigkeit fremder Nachrichtendienste und den Bedarf zum Schutz eigener Interessenlagen auszumachen gewesen. So erreichten die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde kontinuierlich Hinweise von \u00f6ffentlichen und nicht-\u00f6ffentlichen Stellen in Th\u00fcringen, die f\u00fcr die Aufgabenerf\u00fcllung relevant und Ausdruck der gesteigerten Aufmerksamkeit der Hinweisgeber sind. Akteure und Aufkl\u00e4rungsinteressen Die Hauptakteure der gegen die Bundesrepublik Deutschland gerichteten Spionage sind weiterhin die Russische F\u00f6deration, die Volksrepublik China, die Islamische Republik Iran und die Republik T\u00fcrkei; erg\u00e4nzend treten einige Staaten aus dem nah-, mittelund fern\u00f6stlichen aber auch dem nordafrikanischen Raum hinzu. Daneben werden im Rahmen der Spionageabwehr des Verfassungsschutzverbundes auch nachrichtendienstliche Aktivit\u00e4ten solcher Staaten in Deutschland bearbeitet, mit denen die Bundesrepublik in anderen Zusammenh\u00e4ngen ggf. partnerschaftlich zusammenarbeitet (sog. 360deg-Blick). 105","Die innen-, au\u00dfensowie wirtschaftspolitischen Ziele dieser L\u00e4nder bestimmen die Schwerpunkte der Aktivit\u00e4ten ihrer jeweiligen Nachrichtendienste. Die Nachrichtendienste fremder Staaten werden daher mit erheblichen personellen und technischen Ressourcen ausgestattet und in weitem Umfang zur Durchsetzung der kurzwie auch langfristigen insbesondere au\u00dfen- , sicherheitsund wirtschaftspolitischen Ambitionen dieser Staaten eingesetzt. Die Beschaffungsaktivit\u00e4ten der Nachrichtendienste richten sich daher nicht allein nach der jeweiligen gesetzlichen Aufgabenzuweisung, sondern sie orientieren sich zudem an aktuellen politischen Vorgaben oder wirtschaftlichen Priorit\u00e4ten der Staaten bzw. der jeweiligen Staatsf\u00fchrung. Typischerweise ist die Informationsbeschaffung der Nachrichtendienste fremder Staaten schwerpunktm\u00e4\u00dfig auf die Bereiche Politik, Wirtschaft, milit\u00e4rische F\u00e4higkeiten/Au\u00dfenund Verteidigungspolitik, Wissenschaft und Technik gerichtet. Ziel ist die Erlangung eines Informations/Wissensvorsprungs in politischen Vorg\u00e4ngen, um so eine Erweiterung und Anpassung von Handlungsoptionen f\u00fcr die Durchsetzung eigener politischer Ziele zu erm\u00f6glichen, weiter ein illegaler Technologietransfer aus Wirtschaft und Forschung und die M\u00f6glichkeit der Einflussnahme auf Willensbildungsund Entscheidungsprozesse (z. B. durch Kenntniserlangung \u00fcber politische/gesellschaftliche Konflikte im Zielland), mit denen letztlich eine Schw\u00e4chung der Position der Bundesrepublik Deutschland in den Beziehungen zu anderen Staaten oder eine Beeintr\u00e4chtigung deutscher Unternehmen und Forschungseinrichtungen im internationalen Wettbewerb verbunden sind. Im Berichtszeitraum lie\u00df der Generalbundesanwalt auf Grundlage eines Haftbefehls des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshofes eine chinesische Staatsangeh\u00f6rige in Leipzig wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agentent\u00e4tigkeit festnehmen. Der Beschuldigten wird zur Last gelegt, einem Mitarbeiter eines chinesischen Nachrichtendienstes mehrfach ihr im Rahmen ihrer Besch\u00e4ftigung bei einem Logistikunternehmen bekannt gewordene Informationen u. a. zum Transport von R\u00fcstungsg\u00fctern und zu Personen mit Verbindungen zu deutschen R\u00fcstungsunternehmen \u00fcbermittelt zu haben. 74 Daneben bedienen sich die F\u00fchrungen fremder Staaten der eigenen Nachrichtendienste, um ihren Herrschaftsanspruch im Inland auch durch Ma\u00dfnahmen im Ausland gegen\u00fcber dort lebenden (ehemaligen) Staatsangeh\u00f6rigen, insbesondere aus ihrer Sicht oppositionellen Einzelpersonen oder Vereinigungen, durchzusetzen. Zu diesem Zweck betreiben fremde Nachrichtendienste in Deutschland intensiv die Aussp\u00e4hung oppositioneller Aktivit\u00e4ten, die Unterwanderung der Exilgemeinden oder von diesen gegr\u00fcndeten Vereinen, etwa indem sie personenbezogene Daten von oppositionellen Personen und sonstige Informationen zu Aktivit\u00e4ten von 74 Pressemitteilung des Generalbundesanwalts vom 01.10.2024. 106","entsprechenden Vereinigungen in Deutschland sammeln. Entsprechende Bem\u00fchungen fremder Staaten unter Beteiligung ihrer Nachrichtendienste reichen indes auch bis zur Aus\u00fcbung staatsterroristischer Aktivit\u00e4ten im Ausland. Der Generalbundesanwalt f\u00fchrte im Berichtszeitraum Exekutivma\u00dfnahmen in Dresden und Br\u00fcssel gegen einen deutschen Staatsangeh\u00f6rigen aufgrund des gegen diesen gerichteten Verdachts der geheimdienstlichen Agentent\u00e4tigkeit durch. 75 Der Beschuldigte ist verd\u00e4chtig, Mitarbeiter eines chinesischen Nachrichtendienstes zu sein und neben Informationen \u00fcber Verhandlungen und Entscheidungen im Europ\u00e4ischen Parlament auch Informationen zu chinesischen Oppositionellen in Deutschland erhoben und weitergeleitet zu haben. 76 Dar\u00fcber hinaus bem\u00fchen sich einige Staaten weiterhin darum, in den Besitz atomarer, biologischer oder chemischer Massenvernichtungswaffen und der hierf\u00fcr erforderlichen Tr\u00e4gersysteme zu gelangen. Sie bedienen sich u. a. ihrer Nachrichtendienste bei der Beschaffung notwendiger G\u00fcter zu deren Herstellung sowie des erforderlichen Know-hows. Die Spionageabwehr des Verfassungsschutzverbundes tritt solchen Beschaffungsbem\u00fchungen entgegen (Proliferationsabwehr) und arbeitet hierf\u00fcr u. a. mit dem Zollkriminalamt und dem Bundesamt f\u00fcr Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle zusammen. 2. Methoden fremder Nachrichtendienste Bei der Informationsbeschaffung bedienen sich die Nachrichtendienste neben allgemein zug\u00e4nglicher Quellen (z. B. Fachliteratur, Onlinebibliotheken und sonstige \u00f6ffentlich einsehbare Informationen im Internet einschlie\u00dflich sozialer Netzwerke, Fachkongresse und Vortragsveranstaltungen), die neben der unmittelbaren Erlangung fachlicher Informationen auch dem vorangehenden Aufbau von Kontakten zu aus nachrichtendienstlicher Sicht interessanten Personen dienen, einer Vielzahl von Methodiken. Informationsgewinnung mit Personen Menschlichen Quellen kommt bei der Informationsbeschaffung eine unver\u00e4ndert gro\u00dfe Bedeutung zu. Dabei sind die Nachrichtendienste fremder Staaten in Deutschland personell sehr unterschiedlich an ihren amtlichen und halbamtlichen Vertretungen (Botschaften, Konsulate) pr\u00e4sent. Oft werden entsprechende Kontakte aus sogenannten Legalresidenturen 77 heraus 75 Pressemitteilungen des Generalbundesanwalts vom 23. und 24.04.2024 sowie 07.05.2024. 76 Pressemitteilung des Generalbundesanwalts vom 23.04.2024. 77 St\u00fctzpunkt eines fremden Nachrichtendienstes, abgetarnt in einer offiziellen oder halboffiziellen Vertretung (beispielsweise in Botschaften, Generalkonsulaten, Presseagenturen, Fluggesellschaften, etc.) seines Landes im Gastland. 107","von dort vorgeblich als Diplomaten t\u00e4tigen Mitarbeitern des Nachrichtendienstes initiiert. Solche Verbindungen k\u00f6nnen im Rahmen der offenen Gespr\u00e4chsf\u00fchrung - auch unter Nutzung elektronischer Kommunikationsmittel, insbesondere Messengerdienste bzw. sozialer Netzwerke - angebahnt und unverf\u00e4nglich aufrechterhalten werden, aber auch - \u00fcber die gezielte \"Pflege\" eines solchen Kontakts - zum Aufbau einer geheimdienstlichen Agentenverbindung f\u00fchren. Auch deutsche B\u00fcrger, die sich f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit beruflich oder privat auf dem Gebiet eines fremden Staates aufhalten oder regelm\u00e4\u00dfig dorthin reisen und Kontakte pflegen, sind f\u00fcr die Nachrichtendienste dieser Staaten von Interesse. Diese genie\u00dfen im eigenen Land \"Heimvorteil\". Zu dem aus Sicht fremder Nachrichtendienste interessanten Personenkreis z\u00e4hlen neben Angeh\u00f6rigen diplomatischer Vertretungen und weiteren Vertretern aus Politik und Verwaltung (hier z. B. Personen in sicherheitsempfindlicher T\u00e4tigkeit) insbesondere Firmenrepr\u00e4sentanten, Wissenschaftler oder Studierende/Gastwissenschaftler. Der Aufenthalt dieser Personen auf dem Gebiet des fremden Staates und die damit verbundenen rechtlichen und tats\u00e4chlichen Einwirkungsm\u00f6glichkeiten - z. B. auf Grundlage bereits im Rahmen der Einreise erhobener Daten zum Zweck der Reise, beruflicher Vita, Aufenthaltsorten, elektronischen Erreichbarkeiten/Kommunikationsmitteln - bieten den Nachrichtendiensten fremder Staaten eine Vielzahl von Zugangsm\u00f6glichkeiten zu den aus ihrer Sicht interessanten Zielpersonen. Entsprechende, teils auch zun\u00e4chst unverf\u00e4nglich im Rahmen von pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen oder \u00fcber Karrierenetzwerke bzw. sonstige soziale Netzwerke anhand der dort offenbarten pers\u00f6nlichen Informationen (z. B. Beruf/Arbeitsplatz, Kollegen, Freundeskreis, Hobbys) aufgebaute Kontakte werden bei einer erneuten Einreise oder auch nach der R\u00fcckkehr nach Deutschland gepflegt und sowohl realweltlich als auch durch Kommunikation in der virtuellen Welt weiter vertieft. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden halten \u00fcber ihre Internetauftritte eine Reihe von Hinweisen f\u00fcr (Gesch\u00e4fts-)Reisen in o. g. Staaten bereit. Informationsgewinnung mit technischen Mitteln, insbesondere Cyberspionage Die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung zahlreicher Prozesse - nicht zuletzt vorangetrieben durch die Pandemielage der letzten Jahre - bietet f\u00fcr Nachrichtendienste einerseits eine Informationsquelle f\u00fcr im Internet ver\u00f6ffentlichte, teils auch sensible Informationen von \u00f6ffentlichen und privaten Einrichtungen sowie andererseits neue potenzielle Einfallstore in ITSysteme von Verwaltungen und Unternehmen und damit einen erweiterten Aktionsradius. Die voranschreitende Digitalisierung hat der nachrichtendienstlichen Informationsbeschaffung somit neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet. Informationen, die fr\u00fcher nur durch menschliche Quellen zu 108","erlangen waren, sind heutzutage verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig leicht und ohne gr\u00f6\u00dfere Risiken auf technischem Weg zu beschaffen. G\u00e4ngige Angriffswege sind neben der Ausnutzung noch unbekannter oder nicht durch Updates behobener Schwachstellen informationstechnischer Systeme weiterhin Phishing bzw. Spear-Phishing-Angriffe78 auf zuvor in Erfahrung gebrachte lohnenswerte Zielpersonen oder -institutionen oder die Ausnutzung aus vorangegangenen Ma\u00dfnahmen bekannt gewordener Zugangskennungen oder durch vorangegangene Cyberangriffe erfolgreich eingerichtete Accounts mit administrativen Funktionen. Au\u00dfer zur unmittelbaren Erlangung sensibler Informationen werden IT-Systeme auch zu dem Zweck kompromittiert, um mit deren Hilfe und unter Verschleierung des Urhebers nachfolgende Cyberangriffe auf die eigentlich im Aufkl\u00e4rungsinteresse liegenden Ziele auszuf\u00fchren. Insoweit k\u00f6nnen als Zwischenschritt auch Personen oder Einrichtungen zum Ziel von staatlich gesteuerten Cyberangriffen werden, deren Relevanz f\u00fcr die Aufkl\u00e4rungsinteressen fremder Dienste sich nicht unmittelbar erschlie\u00dft. Auch werden erlangte Zug\u00e4nge z. B. zu Mail-Accounts oder Accounts in sozialen Netzwerken f\u00fcr anschlie\u00dfende Desinformationsund Einflussnahmeversuche genutzt; z. B. f\u00fcr \"Hack and Leak\"-Operationen, bei denen erbeutete Daten teils in manipulierter Form \u00f6ffentlich gemacht und/oder \"Hack and Publish\"-Operationen, in denen Falschinformationen \u00fcber gekaperte reichweitenstarke Kommunikationskan\u00e4le, z. B. Accounts in sozialen Netzwerken, ver\u00f6ffentlicht werden. Nachrichtendienstlich gesteuerte Cyberangriffe stellen im Kern eines von mehreren Mitteln der Informationsgewinnung und Sabotage dar und bieten fremden Nachrichtendiensten in allen Feldern der Spionage (klassisch politisch-wirtschaftliche Spionage, Proliferation/Wissenschaftsspionage, Desinformation/Einflussnahme) ein flexibel einsetzbares Aufkl\u00e4rungsmittel. Sie k\u00f6nnen mit geringem Risiko von den Heimatstaaten der Akteure aus oder \u00fcber Drittstaaten initiiert werden; sind teils hochkomplex, erfolgen teils mit erheblichem zeitlichen Vorlauf und mit hoher Professionalit\u00e4t. Sie bieten hohe Erfolgsaussichten zur Erlangung sensibler Informationen bei \u00fcberschaubarem eigenen Ressourceneinsatz und sind geeignet, auch kurzfristige Informationsbedarfe fremder Staaten zu erf\u00fcllen. Zudem ist eine Identifizierung der Urheber zwar m\u00f6glich, h\u00e4ufig jedoch mit verbleibenden Unsicherheiten verbunden. Das Risiko, von Cyberangriffen mit nachrichtendienstlichem Hintergrund betroffen zu sein, besteht neben dem wirtschaftlichen und wissenschaftlichen generell auch f\u00fcr den politischen Bereich als klassischem Bet\u00e4tigungsfeld von Nachrichtendiensten. So werden zunehmend elektronische Angriffe mit mutma\u00dflich nachrichtendienstlichem Hintergrund auf Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Regierungsstellen festgestellt. Anhaltspunkte f\u00fcr eine staatliche 78 Spear-Phishing bezeichnet Angriffe mittels elektronischer Kommunikation, die auf bestimmte Personen, Organisationen oder Unternehmen abzielen. Ausgangspunkt ist auch hier oft ein ausgefeiltes \"Social Engineering\". 109","Steuerung bzw. Anbindung an Nachrichtendienste fremder Staaten k\u00f6nnen sich au\u00dfer aus der konkreten Ausgestaltung des Vorgehens etwa aus der Auswahl der angegriffenen Ziele, den dadurch erkennbar werdenden konkreten Aufkl\u00e4rungsinteressen und der Langfristigkeit ihres Auftretens ergeben. H\u00e4ufig bleiben Datenverluste bei den Adressaten dieser Angriffe unerkannt oder werden nur mit erheblichem Zeitverzug festgestellt. Ein Problem stellt dabei z. B. speziell entwickelte Schadsoftware dar, die erst im konkreten Bedarfsfall - mitunter Monate oder Jahre nach ihrer Installation - aktiviert wird. Diese Arten der Informationsbeschaffung sind als Spionagemethode inzwischen fest etabliert und gewinnen f\u00fcr fremde Nachrichtendienste an Bedeutung. Der Schutz vor bzw. das Erkennen von elektronischen Angriffen auf Einrichtungen von Politik und Verwaltung, Wirtschaftsunternehmen, Einzelpersonen in exponierter Stellung sowie Forschungseinrichtungen - hier insbesondere solchen mit einer thematischen Ausrichtung auf innovative Technologien oder konfliktreiche Regionen und Staaten - wird daher k\u00fcnftig immer intensivere Anstrengungen und Aufwendungen von den Betroffenen fordern. Gef\u00e4hrdung durch Einflussnahmeversuche und Desinformation Neben der reinen Informationsbeschaffung spielt auch f\u00fcr fremde Staaten angesichts der immer komplexeren weltpolitischen Entwicklungen, sich abzeichnender Verschiebungen im globalen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis sowie einer rasanten Digitalisierung des Informationsraumes das Bestreben nach Deutungshoheit \u00fcber aktuelle Vorg\u00e4nge und Entwicklungen mittels gezielter Einflussnahmeversuche, Desinformation und Propaganda eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. Einflussnahmeaktivit\u00e4ten ausl\u00e4ndischer staatlicher Stellen, von ihnen herangezogener oder unterst\u00fctzter nicht-staatlicher Akteure und unter Beteiligung von Nachrichtendiensten fremder Staaten zielen dabei auf unterschiedliche Adressatengruppen, wie Entscheidungstr\u00e4ger aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft ab und sprechen Diaspora-Gruppen in den Ziell\u00e4ndern an. So sind verst\u00e4rkte Aktivit\u00e4ten \u00fcber Onlinemedien und insbesondere soziale Netzwerke zur Beeinflussung von gesellschaftlichen Gruppen in Deutschland erkennbar. Derartige Einflussnahmeversuche und Desinformationen kn\u00fcpfen regelm\u00e4\u00dfig reaktionsschnell an aktuelle Vorg\u00e4nge an, setzen sie in ein f\u00fcr den Urheber g\u00fcnstiges Bild und zielen letztlich auch durch eine Vielzahl von Nachrichten, vielf\u00e4ltige Verbreitungswege und damit einhergehende eine niedrigschwellige Erreichbarkeit auf eine Vielzahl von Empf\u00e4ngern ab. Mit der gesteuerten Verbreitung von Narrativen versuchen fremde Nachrichtendienste Einfluss auf gesellschaftliche und politische Meinungsbildungsprozesse zu nehmen und zumindest indirekt auf politische Entscheidungen einzuwirken. Sie greifen absehbare gesellschaftliche 110","Konflikte auf oder verst\u00e4rken diese mit dem Ziel der Destabilisierung und Delegitimierung der gesellschaftlichen Institutionen in den Ziell\u00e4ndern sowie um Zweifel an der Funktionsf\u00e4higkeit staatlicher Einrichtungen und des demokratischen Rechtsstaates insgesamt zu erzeugen. Das Portfolio hierbei eingesetzter Mittel ist vielf\u00e4ltig und kann von dem bereits aus der Vergangenheit bekannten Einsatz von Einflussagenten mit Anbindung an russische staatliche oder staatsnahe Stellen, der Nachbildung bekannter Online-Nachrichtenportale zur Verbreitung vermeintlich authentischer Nachrichten einschlie\u00dflich der Reichweitensteigerung durch Weiterleitung \u00fcber eine Vielzahl von Accounts in sozialen Netzwerken, \u00fcber den zielgerichteten Aufbau und die Pflege von Kontakten zu Multiplikatoren in Politik und Wirtschaft bis hin zu Einflussnahme-Aktivit\u00e4ten in der Wirtschaft reichen. Gezielte chinesische Firmenbeteiligungen in ausgew\u00e4hlten Schl\u00fcsselbranchen im Ausland sind erkl\u00e4rter Bestandteil der Industriestrategie \"Made in China 2025\". In die Prozesse der staatlichen Direktion von Investitionen staatlicher, halbstaatlicher und privater chinesischer Unternehmen sind auch Nachrichtendienste eingebunden. Dar\u00fcber hinaus unternimmt insbesondere Russland mit zunehmender Intensit\u00e4t den Versuch, die politische und \u00f6ffentliche Meinung in Deutschland u. a. durch die mediale Verbreitung von Desinformationen in seinem Sinne zu beeinflussen. Als Mittel zum Zweck dienen dabei neben den sozialen Netzwerken die staatlich gef\u00f6rderten sowie privaten Institute (\"Think Tanks\") und die russischen Staatsmedien. So verbreiten weltweit sendende TV-, Radiound Internetkan\u00e4le auch in Deutschland gezielt Narrative im Sinne der russischen F\u00fchrung. Staatliche Unternehmen kaschieren ihre Aktivit\u00e4ten, indem sie als unabh\u00e4ngige Medien auftreten, um sich als Alternative zu anderen etablierten Medienangeboten zu positionieren. Die seitens Russlands verfolgten Ziele sind die Diskreditierung der Bundesregierung und der Landesregierungen, die polarisierende Zuspitzung des politischen Diskurses und das Untergraben des Vertrauens in staatliche Stellen. 3. Ausgew\u00e4hlte Entwicklungen und Themenbereiche der Spionageabwehr Auswirkungen des russischen Angriffes auf die Ukraine Im Berichtszeitraum verblieb es insbesondere aufgrund des seit dem Februar 2022 andauernde Krieges Russlands gegen die Ukraine bei einer signifikanten Anspannung der Sicherheitslage, auf die sich auch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden in Angelegenheiten der Spionageabwehr einstellen m\u00fcssen. Sowohl der Krieg in der Ukraine als solcher, von Deutschland unterst\u00fctzte Sanktionen gegen Russland als auch Waffenlieferungen westlicher Staaten an 111","die ukrainischen Streitkr\u00e4fte und diesbez\u00fcgliche Ausbildungsvorhaben f\u00fcr Angeh\u00f6rige der ukrainischen Streitkr\u00e4fte u. a. in Deutschland l\u00f6sen einen steigenden Informationsbedarf seitens staatlicher russischer Stellen aus, die - nachdem der Zugang russischer Vertreter zu sonstigen Gespr\u00e4chsformaten und offenen Veranstaltungen eingeschr\u00e4nkt ist - ma\u00dfgeblich auch unter Einsatz der russischen Nachrichtendienste erf\u00fcllt werden wird. Nachdem die Bundesregierung bereits in den Vorjahren mit der Ausweisung von 40 Mitarbeitern der Russischen Botschaft in Berlin und der russischen Generalkonsulate in Deutschland erste Ma\u00dfnahmen ergriffen hatte, um die Pr\u00e4senz russischer Nachrichtendienste zu reduzieren, verbleibt seit Schlie\u00dfung von vier der bisher f\u00fcnf russischen Generalkonsulate zum 31. Dezember 2023 ein verringerter Personenkreis an diesen Einrichtungen, die bisher klassischer Ausgangspunkt f\u00fcr Spionagebem\u00fchungen waren. Es ist davon auszugehen, dass sich nicht allein die nachrichtendienstlichen Aufkl\u00e4rungsbem\u00fchungen Russlands in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik sowie Milit\u00e4r, sondern ebenfalls Versuche, die durch die Sanktionen hervorgerufenen Beschr\u00e4nkungen aufgrund der nicht ausreichenden Substituierbarkeit durch einheimische Kapazit\u00e4ten zu umgehen, k\u00fcnftig weiter verst\u00e4rken werden, auch um durch die Sanktionen bedingten Nachteile zu kompensieren. Die bisher stark botschaftsund konsulatsgest\u00fctzte Aufkl\u00e4rungst\u00e4tigkeit russischer Nachrichtendienste wurde durch die o. g. Ausweisungen bzw. Schlie\u00dfungen und die weitere Verringerung von Personal an der Botschaft und im Generalkonsulat zun\u00e4chst geschw\u00e4cht. Angesichts der auch in vielen anderen Staaten der Europ\u00e4ischen Union und G7 vollzogenen Ausweisungen der in russischen Botschaften und Generalkonsulaten eingesetzten Mitarbeiter russischer Nachrichtendienste erfolgt sie nunmehr mittels ver\u00e4nderter Methodik, z. B. durch Steuerung von Operationen aus den Zentralen der russischen Nachrichtendienste oder durch niedrigschwellig - ggf. unter Einschaltung von Mittelspersonen oder \u00fcber soziale Netzwerke - rekrutierten und gef\u00fchrten Personen. Ein Beispiel ergab sich aus einem beim Generalbundesanwalt gef\u00fchrten Ermittlungsverfahren: So f\u00fchrte der Generalbundesanwalt im Berichtszeitraum Exekutivma\u00dfnahmen gegen drei deutsch-russische Staatsangeh\u00f6rige durch und erhob am 9. Dezember schlie\u00dflich Anklage vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts M\u00fcnchen u. a. wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agentent\u00e4tigkeit und der Agentent\u00e4tigkeit zu Sabotagezwecken. Einer der Beschuldigten sei hinreichend verd\u00e4chtig, sich gegen\u00fcber einem ihm bekannten Mitarbeiter eines russischen Nachrichtendienstes zur Durchf\u00fchrung von Sprengstoffund Brandanschl\u00e4gen auf milit\u00e4risch genutzte (Bahn-)Infrastruktur und Industrieeinrichtungen in Deutschland bereit erkl\u00e4rt und hierf\u00fcr vorbereitende Aussp\u00e4hung geeigneter Objekte betrieben zu haben. Die Mitangeklagten seien verd\u00e4chtig, hierbei Unterst\u00fctzung geleistet zu haben. 79 79 Pressemitteilung des Generalbundesanwalts vom 30.12.2024. 112","Des Weiteren sind seit Kriegsbeginn in steigendem Umfang russische Desinformationsaktivit\u00e4ten gegen politische und mediale Strukturen auch in Deutschland zu verzeichnen, die sich auch im Berichtszeitraum fortgesetzt haben. Ihnen liegt das Bestreben zugrunde, in Aussicht gestellte russische Sanktionen und das milit\u00e4rische Vorgehen Russlands gegen die Ukraine in der \u00d6ffentlichkeit als reaktiv gegen\u00fcber den Sanktionen westlicher Staaten bzw. deren Unterst\u00fctzungshandlungen f\u00fcr die Ukraine (insbesondere milit\u00e4rische Unterst\u00fctzungsleistungen) darzustellen und so zu legitimieren. Dabei wurde der Versuch unternommen, das Bild eines verbreiteten Nachlassens der Akzeptanz der Unterst\u00fctzung der Ukraine und der Sanktionen gegen Russland in europ\u00e4ischen Staaten einschlie\u00dflich einer Entfremdung von Teilen der Bev\u00f6lkerung von politischen Entscheidungstr\u00e4gern zu zeichnen und so gesellschaftliche Konflikte auch in Deutschland zu initiieren oder zu verst\u00e4rken. \u00c4u\u00dferungen von deutschen \u00f6ffentlichen Stellen bzw. von Vertretern anderer Staaten der Europ\u00e4ischen Union einerseits, ebenso wie entgegenstehende \u00c4u\u00dferungen wurden durch russische staatliche bzw. staatsnahe Stellen unmittelbar aufgegriffen, f\u00fcr eigene Zwecke instrumentalisiert und die Rolle Russlands als Opfer eines vermeintlichen Stellvertreterkrieges westlicher Staaten bzw. der NATO entwickelt. Auf eine breite \u00f6ffentliche Wahrnehmung ausgerichtet waren zudem Cyberangriffe von parteiergreifenden pro-russischen, nicht-staatlichen Gruppierungen (sog. Hacktivisten) auf zivile Infrastrukturen (u. a. Flugh\u00e4fen, Banken) und die Websites u. a. von Sicherheitsbeh\u00f6rden und politischen Entscheidungstr\u00e4gern in Deutschland. Die Angriffe erfolgten regelm\u00e4\u00dfig als \u00dcberlastungsangriffe (DDos-Angriff) und in unmittelbarem Nachgang zu politischen Entscheidungen z. B. in Bezug auf weitere Unterst\u00fctzungsleistungen Deutschlands und anderer Staaten f\u00fcr die Ukraine. Sie wurden durch die Urheber in sozialen Medien angek\u00fcndigt, zielten auf eine Verunsicherung bzw. Einsch\u00fcchterung in den Ziell\u00e4ndern, verursachten indes bisher lediglich kurzfristige St\u00f6rungen bei den betroffenen Stellen. Wirtschaftsund Wissenschaftsspionage Die deutsche Wirtschaft investiert gro\u00dfe Summen in Forschung und Entwicklung. So schafft sie die Grundlagen f\u00fcr Innovationen und Know-how. Hierdurch besitzt sie einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Insbesondere Staaten mit Forschungsund Technologier\u00fcckst\u00e4nden oder ausgepr\u00e4gten wirtschaftspolitischen Ambitionen haben gro\u00dfes Interesse an Informationen \u00fcber Fertigungstechniken und technischem Know-how. Die damit angesprochenen Bereiche Wirtschaft, Wissenschaft und Technik nehmen als Aufkl\u00e4rungsziele f\u00fcr Nachrichtendienste daher ein immer breiteres Spektrum ein. Diese internationale Spitzenrolle weckt bei Konkurrenzunternehmen einerseits, aber auch fremden Staaten andererseits nach wie vor Begehrlichkeiten. An Grenzen st\u00f6\u00dft diese Differenzierung dort, wo es wegen der engen Verflechtung von Staat, Wirtschaft und Wissenschaft im Einzelfall kaum m\u00f6glich ist, zwischen staatlich 113","betriebener Wirtschaftsspionage durch Nachrichtendienste fremder Staaten und der Aussp\u00e4hung durch konkurrierende Unternehmen ohne staatliche Steuerung zu unterscheiden. So sind etwa in Russland und China Nachrichtendienste gesetzlich befugt, aktiv Spionage zur F\u00f6rderung der heimischen Wirtschaft und damit zur Verfolgung ihrer wirtschaftsund sicherheitspolitischen Ambitionen zu betreiben. Ausl\u00e4ndische Nachrichtendienste versuchen in einem ersten Schritt, innovationsund leistungsf\u00e4hige Unternehmen und Forschungseinrichtungen zu detektieren. Von besonderer Bedeutung sind dabei innovative, in der Entwicklung befindliche Technologien, mit einem m\u00f6glicherweise auch bedeutsamen milit\u00e4rischen Nutzwert (sog. Emerging Technologies, EMT). Hierzu z\u00e4hlen u. a. Entwicklungen in den Bereichen der Quantentechnologie, K\u00fcnstlichen Intelligenz (KI) oder Werkstoffund Biotechnologie. Auch unterliegen Unternehmen und Forschungseinrichtungen u. a. in China und Russland einer weitgehenden Verpflichtung zur Zusammenarbeit mit den eigenen Nachrichtendiensten und k\u00f6nnen daher auch zur Informationsbeschaffung und erforderlichen Vorbereitungsma\u00dfnahmen - etwa zur Kontaktanbahnung/-pflege mit deutschen Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen und den hier t\u00e4tigen Personen (z. B. im Rahmen von Forschungskooperationen oder wechselseitigen Forschungsaufenthalten im Gastland) - durch die Nachrichtendienste dieser Staaten herangezogen werden. Die Erschlie\u00dfung neuer M\u00e4rkte im Ausland und das Eingehen von Produktionsund Forschungskooperationen er\u00f6ffnet daher f\u00fcr die beteiligten deutschen Unternehmen und Forschungseinrichtungen bzw. Hochschulen viele wirtschaftliche und fachliche Chancen, birgt zugleich aber auch eine Vielzahl an Sicherheitsrisiken. Fremde Nachrichtendienste besitzen auf ihrem Hoheitsgebiet \"Heimvorteil\". Sie handeln h\u00e4ufig mit umfassenden Exekutivbefugnissen. Wesentlich dabei sind Bem\u00fchungen fremder Nachrichtendienste und der von ihnen eingebundenen zivilen Einrichtungen in fremden Staaten (u. a. dort beheimatete Unternehmen, Forschungseinrichtungen/Hochschulen), Kontakte zu Entscheidungsund Kompetenztr\u00e4gern in Wirtschaft und Wissenschaft aufoder bestehende Kontakte auszubauen. Neben dem Einsatz klassischer Mittel und Methoden der Wirtschaftsspionage hat die zunehmende elektronische Vernetzung auch f\u00fcr Unternehmen zu neuartigen und erh\u00f6hten Risiken im Cyberraum gef\u00fchrt. Die Informationsbeschaffung fremder Nachrichtendienste durch den Einsatz technischer Mittel geh\u00f6rt im Bereich der Wirtschaftsund Wissenschaftsspionage zum Alltag. Dies gilt umso mehr, als neben ohnehin \u00f6ffentlichen auch nicht \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Informationen oft leicht und ohne gr\u00f6\u00dfere Risiken f\u00fcr fremde Nachrichtendienste erreichbar sind und z. B. Grundlage 114","f\u00fcr eine anschlie\u00dfende Kontaktaufnahme zu menschlichen Quellen sein k\u00f6nnen. Diese Versuche sind nicht begrenzt auf die aus den Medien bekannten Kampagnen mittels \"Fake-Profilen\" auf Plattformen wie LinkedIn. Die besondere Gefahr der Wirtschaftsund Wissenschaftsspionage besteht darin, dass den Mitarbeitern der meisten Unternehmen und Forschungseinrichtungen nachrichtendienstliche Mittel und Vorgehensweisen nicht bekannt sind. Seitens des Angreifenden stehen jedoch professionelles nachrichtendienstliches Know-how bzw. eine entsprechende Anleitung und die erforderlichen Mittel zur Verf\u00fcgung. Anders als im Bereich der Sicherung der Informationstechnologie und sonstiger Anlagen des Unternehmens entzieht sich die neben technischen Mitteln auch weiterhin relevante Informationsgewinnung fremder Nachrichtendienste durch menschliche Quellen - unabh\u00e4ngig davon, ob diese durch Anwerbung bereits im Unternehmen besch\u00e4ftigter geeigneter Personen oder durch Einschleusung erfolgt - h\u00e4ufig der Kontrolle seitens der Verantwortlichen des Unternehmens. Geeignetes Mittel gegen - auch zun\u00e4chst unverf\u00e4nglich wirkende - Ausforschungsversuche sind hinreichend sensibilisierte Mitarbeiter in den Unternehmen und deren Bereitschaft, sich im Falle eines entsprechenden Verdachts einer verantwortlichen Stelle (z. B. Unternehmenssicherheit) und letztlich auch den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden als Ansprechpartner in Angelegenheiten des Wirtschaftsschutzes anzuvertrauen. Wegen eines bef\u00fcrchteten Imageverlustes zeigen Unternehmen und Forschungseinrichtungen Vorf\u00e4lle indes nur selten bei den zust\u00e4ndigen Stellen an. Dabei ist die Zusammenarbeit von Unternehmen und Sicherheitsbeh\u00f6rden wichtig, um Schutzma\u00dfnahmen fest zu etablieren. Gro\u00dfe Konzerne verf\u00fcgen in der Regel \u00fcber ausreichend Potenzial, geeignete Schutzma\u00dfnahmen zu ergreifen. Bei der Mehrzahl der kleinen und mittleren Unternehmen fehlt mitunter das Bewusstsein, dass auch sie durchaus ein lohnendes Ziel f\u00fcr Spionageund Aussp\u00e4hungsaktivit\u00e4ten sein k\u00f6nnen. Es muss davon ausgegangen werden, dass auch k\u00fcnftig Unternehmen und Forschungseinrichtungen insbesondere in den o. g. Bereichen der Biotechnologie und Quantentechnologie, ebenso der Luftund Raumfahrttechnik, neuer Werkstoffe, erneuerbarer Energien und der maritimen Wirtschaft im Fokus von Aufkl\u00e4rungsbem\u00fchungen fremder Nachrichtendienste stehen. Schlie\u00dflich bleiben Information und Aufkl\u00e4rung von potenziell gef\u00e4hrdeten Unternehmen sowie wissenschaftlichen Einrichtungen in Th\u00fcringen und die Durchf\u00fchrung von anlassbezogenen Sensibilisierungsgespr\u00e4chen \u00fcber die Gefahren der Wirtschaftsund Wissenschaftsspionage als wichtige Aufgabe der Spionageabwehr unverzichtbar. Hierf\u00fcr steht allen Th\u00fcringer Unter115","nehmen, Unternehmensverb\u00e4nden, Forschungseinrichtungen und Hochschulen der Wirtschaftsschutz des Verfassungsschutzes mit Publikationen, Sensibilisierungen und Vortr\u00e4gen kostenfrei zur Verf\u00fcgung und nimmt Hinweise auf Sachverhalte mit Verdacht auf einen nachrichtendienstlichen Hintergrund vertraulich entgegen. Bei der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde eingehende Hinweise wurden auch im Berichtszeitraum an betroffene Unternehmen bzw. Privatpersonen und die fachlich zust\u00e4ndigen Ministerien mit einem Weitersteuerungsvermerk z. B. an Verb\u00e4nde, Unternehmen, \u00f6ffentliche Einrichtungen \u00fcbermittelt. Im Berichtszeitraum f\u00fchrte der Generalbundesanwalt Exekutivma\u00dfnahmen gegen drei deutsche Staatsangeh\u00f6rige wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agentent\u00e4tigkeit f\u00fcr einen chinesischen Nachrichtendienst in Verbindung mit Verst\u00f6\u00dfen gegen das Au\u00dfenwirtschaftsgesetz durch. Ein Beschuldigter wird verd\u00e4chtigt, im Auftrag eines chinesischen Nachrichtendienstes in Deutschland Informationen zu milit\u00e4risch nutzbaren innovativen Technologien (hier Maschinenteile f\u00fcr den Betrieb von Schiffsmotoren) beschafft und hierzu unter Einbindung der zwei weiteren Beschuldigten Kontakt mit hiesigen Personen und Einrichtungen aus dem Bereich der Wissenschaft und Forschung, u. a. einer deutschen Universit\u00e4t, aufgenommen zu haben. Weiter werden die Beschuldigten verd\u00e4chtigt, im Auftrag eines chinesischen Nachrichtendienstes einen Speziallaser beschafft und ohne die hierf\u00fcr erforderlichen Genehmigungen gem. der EU-Dual-Use-Verordnung nach China ausgef\u00fchrt zu haben. 80 Proliferation Unter Proliferation versteht man die unerlaubte Weitergabe von atomaren, biologischen oder chemischen Massenvernichtungswaffen (ABC-Waffen) bzw. der zu ihrer Herstellung verwendeten Produkte sowie entsprechender Tr\u00e4gersysteme (z. B. Raketen und Drohnen) einschlie\u00dflich des daf\u00fcr erforderlichen Know-hows. Hinzu treten Versuche, internationale Sanktionsma\u00dfnahmen, die sich auch auf Beschaffung und Lieferung von sonstigen milit\u00e4rischen Produkten oder Bauteilen beziehen, unter Einsatz der Nachrichtendienste fremder Staaten und ihrer Methoden zu umgehen. Proliferationsrelevante Staaten 81 geben durch ihr Verhalten auf der internationalen politischen B\u00fchne nach wie vor Anlass zu der Bef\u00fcrchtung, solche Waffen in einem bewaffneten Konflikt einzusetzen oder deren Einsatz zur Durchsetzung politischer Ziele anzudrohen. Sie sind wesentlicher Teil der r\u00fcstungsund milit\u00e4rpolitischen Ambitionen fremder Staaten und wirken sich damit mittelfristig auf Konflikte aus, an denen diese Staaten beteiligt sind. Die Herstellung von 80 Pressemitteilungen des Generalbundesanwalts vom 22. und 23.04.2024. 81 Als solche k\u00f6nnen insbesondere Nordkorea, Pakistan, Syrien und der Iran angesehen werden. 116","Massenvernichtungswaffen stellt eine ernsthafte Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit dar. Da jene Staaten ihren Bedarf an den zur Herstellung und Weiterentwicklung von ABC-Waffen notwendigen Komponenten und des hierf\u00fcr erforderlichen Know-hows nur zum Teil selbst decken k\u00f6nnen, sind sie bestrebt, bestehende technologische wie produktbezogene Defizite durch Beschaffungen aus dem Ausland zu beheben. Im Mittelpunkt stehen dabei solche Ausfuhrprodukte, die als sogenannte Dual-Use-G\u00fcter sowohl im zivilen als auch im milit\u00e4rischen Bereich Anwendung finden k\u00f6nnen. Die strenge Gesetzgebung und restriktive Exportkontrollen stellen f\u00fcr entsprechende Beschaffungsvorhaben hohe H\u00fcrden dar. Um diese zu umgehen, werden auf verdeckte Weise - teilweise durch sog. Umweglieferungen \u00fcber Drittl\u00e4nder, Verwendung gef\u00e4lschter Endnutzerzertifikate, zuweilen aber auch unter direkter Einbindung von Mitarbeitern der jeweiligen Nachrichtendienste - mitunter konspirativ agierende Beschaffungsnetzwerke genutzt. Ziel ist es, die tats\u00e4chliche Endverwendung der G\u00fcter gegen\u00fcber den \u00fcberwachenden Beh\u00f6rden und den potenziellen Lieferanten zu verschleiern. Auch kleinere und mittlere Unternehmen oder z. B. solche Forschungseinrichtungen, in denen (Gast-)Wissenschaftler oder Studierende aus dem Heimatland des betreffenden Nachrichtendienstes t\u00e4tig sind, k\u00f6nnen von entsprechenden Beschaffungsversuchen betroffen sein. Zur Verhinderung derartiger Beschaffungsaktivit\u00e4ten sensibilisiert der Verfassungsschutz Th\u00fcringen regional ans\u00e4ssige Unternehmen und Forschungseinrichtungen \u00fcber die Proliferationsthematik und ihre Risiken. Dabei ist oftmals ersichtlich, dass die Problematik bei den Firmen pr\u00e4sent ist und diese auch sorgsam mit entsprechenden Anfragen umgehen. Kritische Infrastrukturen und Gefahr der Sabotage Einrichtungen der Kritischen Infrastruktur (KRITIS) 82 - insbesondere in den Bereichen Energiebzw. Wasserversorgung, Verkehr/Logistik und Telekommunikation - sind aufgrund der mit einer St\u00f6rung oder einem Ausfall verbundenen einschneidenden Auswirkungen f\u00fcr B\u00fcrger und Unternehmen ein f\u00fcr die Nachrichtendienste fremder Staaten oder parteiergreifende hacktivistische Akteure lohnenswertes Ziel der Cyberspionage und -sabotage und vorgelagerten Ausforschungsbem\u00fchungen solcher Akteure im Vorfeld eines tats\u00e4chlichen cybergest\u00fctzten oder 82 Kritische Infrastruktur umfasst nach g\u00e4ngigem Begriffsverst\u00e4ndnis Organisationen oder Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung f\u00fcr das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeintr\u00e4chtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengp\u00e4sse, erhebliche St\u00f6rungen der \u00f6ffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten w\u00fcrden. Hierunter fallen u.a. die Sektoren Energie, Ern\u00e4hrung, Finanzund Versicherungswesen, Gesundheit, Informationstechnik und Telekommunikation, Transport und Verkehr, Wasser sowie Staat und Verwaltung, Medien und Kultur, Siedlungsabfallentsorgung. 117","auch physischen Angriffes bzw. einer Sabotagehandlung. Gleiches gilt f\u00fcr Angreifer mit allgemeinkriminellem oder extremistischem Hintergrund. St\u00f6rungen oder die Gefahr der St\u00f6rung ihrer Funktionsf\u00e4higkeit und jederzeitigen Verf\u00fcgbarkeit wirken sich nicht allein negativ auf die Versorgung eines ggf. erheblichen Teils der Bev\u00f6lkerung aus, sondern sollen entsprechend der Intention von Angreifern auch Unsicherheiten in Teilen der Bev\u00f6lkerung und bei Unternehmen bewirken, gesellschaftliche Konflikte verst\u00e4rken und die Meinungsbildung zu tagesaktuellen Themen in eine f\u00fcr den Angreifer vorteilhafte Richtung lenken. F\u00fcr Angreifer stellen insbesondere \u00f6ffentlich einsehbare Informationen zu Einrichtungen der Kritischen Infrastruktur, die teils aufgrund gesetzlicher Ver\u00f6ffentlichungsund Transparenzpflichten auch f\u00fcr (staatliche) Angreifer zur Verf\u00fcgung stehen, eine erste Erkenntnisquelle dar. So sind auf Homepages der Betreiber wertige Informationen u. a. zur Lage einer Einrichtung der Kritischen Infrastruktur, Geb\u00e4udepl\u00e4ne, Leitungswege zu ihrer Erschlie\u00dfung und Versorgung sowie Handlungsanweisungen und Ansprechpartner einschlie\u00dflich deren telefonischer oder elektronischer Erreichbarkeit im Falle von St\u00f6rungen allgemein zug\u00e4nglich. Derartige Informationen bilden bereits einzeln, erst Recht jedoch in der Verbundenheit mit den auf Karriereplattformen, in sonstigen sozialen Netzwerken oder Unternehmensbrosch\u00fcren verf\u00fcgbaren Informationen zu Mitarbeitern der Einrichtung, ihren pers\u00f6nlichen Werdeg\u00e4ngen und Interessenlagen, ggf. bestehenden Bez\u00fcgen zum fremden Staat (famili\u00e4r oder beruflich infolge von Auslandsaufenthalten) und fachlichen F\u00e4higkeiten (z. B. in Bezug auf konkret genutzte Software oder Produktionsund Steuerungseinrichtungen) einen Ausgangspunkt f\u00fcr die Vorbereitung von cybergest\u00fctzten oder realweltlich-physischen Angriffen auf die Einrichtung. Auch bez\u00fcglich der damit einhergehenden Gef\u00e4hrdungen war im Berichtszeitraum eine gesteigerte Sensibilit\u00e4t sowohl bei Beh\u00f6rden als auch Betreibern Kritischer Infrastruktur festzustellen. 118","IX. Geheimschutz 1. Allgemeines Zu den Aufgaben des AfV z\u00e4hlt gem\u00e4\u00df SS 4 Abs. 2 Satz 1 Th\u00fcrVerfSchG die Mitwirkung im Bereich des personellen und materiellen Geheimschutzes. Unter dem Begriff \"Geheimschutz\" werden s\u00e4mtliche Vorkehrungen im weiteren Sinne verstanden, die dem Schutz von Geheimnissen dienen. Der Geheimschutz ist f\u00fcr den demokratischen Rechtsstaat unverzichtbar. Er hat daf\u00fcr Sorge zu tragen, dass Informationen und Vorg\u00e4nge, deren Bekanntwerden den Bestand, lebenswichtige Interessen oder die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland oder eines Bundeslandes gef\u00e4hrden kann, vor unbefugter Kenntnisnahme gesch\u00fctzt werden. Im Rahmen ihrer Organisationsgewalt haben Beh\u00f6rden und auch geheimschutzbetreute Unternehmen personelle und materielle Vorkehrungen zur Gew\u00e4hrleistung des Geheimschutzes zu treffen. Rechtsgrundlage f\u00fcr Ma\u00dfnahmen des personellen und materiellen Geheimschutzes in Th\u00fcringen, insbesondere das Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsverfahren, sind das Th\u00fcringer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetz (Th\u00fcrS\u00dcG) 83 vom 17. M\u00e4rz 2003 in der Fassung vom 6. Juni 2018 und die Verschlusssachenanweisung f\u00fcr den Freistaat Th\u00fcringen (VSA). 84 2. Personeller Geheimschutz Nicht jede Person, nicht jeder Amtstr\u00e4ger erf\u00fcllt die f\u00fcr den Umgang mit Geheimnissen erforderlichen Voraussetzungen. Folglich gilt es, Personen, bei denen aufgrund bestimmter Verhaltensweisen Anhaltspunkte f\u00fcr Zweifel an der Zuverl\u00e4ssigkeit bei der Wahrnehmung einer sicherheitsempfindlichen T\u00e4tigkeit oder am Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung bestehen oder eine besondere Gef\u00e4hrdung f\u00fcr Anbahnungsoder Werbungsversuche fremder Nachrichtendienste zu besorgen ist (z. B. Erpressbarkeit), von vornherein den Zugriff auf Geheimnisse zu versagen (vgl. SS 5 Abs. 1 Th\u00fcrS\u00dcG). Diesem Ziel dient die Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung. Dabei wird festgestellt, ob der \u00dcberpr\u00fcfte seiner Vergangenheit, seinem Charakter, seinen Gewohnheiten und seinem Umgang nach Anlass bietet, an seiner pers\u00f6nlichen Vertrauensw\u00fcrdigkeit zu zweifeln, ob er somit ein Sicherheitsrisiko darstellt. Dabei kommt es nicht auf ein Verschulden im Sinne pers\u00f6nlicher Vorwerfbarkeit an. 83 Th\u00fcringer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetz (Th\u00fcrS\u00dcG) vom 17. M\u00e4rz 2003 (GVBI. S. 185), zuletzt ge\u00e4ndert durch Artikel 16 des Th\u00fcringer Gesetzes zur Anpassung des Allgemeinen Datenschutzrechts an die Verordnung (EU) 2016/679 und zur Umsetzung der Richtlinie (EU) 2016/680 vom 06.06.2018 (GVBl. S. 229, 263). 84 Ver\u00f6ffentlicht im Th\u00fcringer Staatsanzeiger Nr. 50/2021 S. 2023 ff.; in Kraft getreten am 01.01.2022. 119","Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen werden f\u00fcr Personen, die eine sicherheitsempfindliche T\u00e4tigkeit gem\u00e4\u00df SS 1 Abs. 2 Th\u00fcrS\u00dcG aus\u00fcben sollen, durchgef\u00fchrt. Betroffen sind in erster Linie Personen, die Zugang zu Verschlusssachen haben bzw. sich diesen verschaffen k\u00f6nnen oder die in einer Beh\u00f6rde oder einzelnen Teilbereichen innerhalb dieser t\u00e4tig werden sollen, die aufgrund des Umfangs bzw. der Bedeutung dort anfallender Verschlusssachen durch die zust\u00e4ndigen Stellen zum Sicherheitsbereich erkl\u00e4rt worden sind. Zweckm\u00e4\u00dfig wird der o. g. Kreis der Personen, die Verschlusssachen bearbeiten oder sich Zugang zu Verschlusssachen verschaffen k\u00f6nnen, durch beh\u00f6rdeninterne Aufgabenzuweisungen klein gehalten. Es gilt der Grundsatz: Kenntnis nur wenn n\u00f6tig. Als Verschlusssache werden alle im \u00f6ffentlichen Interesse geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Tatsachen, Gegenst\u00e4nde oder Erkenntnisse - unabh\u00e4ngig von ihrer Darstellungsform - bezeichnet. Schriftst\u00fccke, Zeichnungen, Karten, Fotokopien, Lichtbildmaterial, elektronische Datentr\u00e4ger, elektrische Signale, Ger\u00e4te und technische Einrichtungen k\u00f6nnen ebenso wie das gesprochene Wort oder Zwischenmaterial (z. B. Entw\u00fcrfe), das im Zusammenhang mit Verschlusssachen anf\u00e4llt, eine solche Klassifizierung erfordern. Bei Beh\u00f6rden ist zust\u00e4ndige Stelle in Angelegenheiten des Geheimschutzes gem\u00e4\u00df SS 3 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 Th\u00fcrS\u00dcG sowie SS 5 VSA grunds\u00e4tzlich die Beh\u00f6rdenleitung. Diese nimmt - soweit ein Geheimschutzbeauftragter nicht bestellt ist - Aufsichtsfunktionen im personellen und materiellen Geheimschutz war und ist zust\u00e4ndige Stelle gem\u00e4\u00df SS 3 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 Th\u00fcrS\u00dcG bei der Durchf\u00fchrung von Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen. Arbeiten oberste oder obere Landesbeh\u00f6rden mit Verschlusssachen des Geheimhaltungsgrades VS-VERTRAULICH oder h\u00f6her, so ist gem\u00e4\u00df SS 5 Abs. 3 VSA ein Geheimschutzbeauftragter und eine zur Vertretung berechtigte Person zu bestellen. F\u00fcr die Einleitung und Durchf\u00fchrung der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung ist dann der Geheimschutzbeauftragte der jeweiligen Dienststelle bzw. der zust\u00e4ndigen obersten Landesbeh\u00f6rde verantwortlich. Das AfV wirkt an der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung gem\u00e4\u00df SS 4 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 Th\u00fcrVerfSchG i. V. m. SS 3 Abs. 3 Th\u00fcrS\u00dcG mit und erstellt auf der Grundlage der eingeholten Informationen ein Votum gegen\u00fcber der zust\u00e4ndigen Stelle. Daneben ist das AfV selbst zust\u00e4ndige Stelle f\u00fcr das bei ihm t\u00e4tige Personal (vgl. SS 3 Abs. 4 Th\u00fcrS\u00dcG). Die Art der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung und der in diesem Rahmen durchzuf\u00fchrenden Ma\u00dfnahmen wird je nach Umfang des Zugangs zu Verschlusssachen bzw. der T\u00e4tigkeit in Sicherheitsbereichen abgestuft. Gem\u00e4\u00df SSSS 8 ff. Th\u00fcrS\u00dcG wird die Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung als einfache (\u00dc 1), erweiterte (\u00dc 2) oder als erweiterte Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung mit Sicherheitsermittlungen 120","(\u00dc 3) durchgef\u00fchrt. Die Zustimmung der betroffenen Person und ggf. einzubeziehender Personen (Ehepartner, Lebensgef\u00e4hrten usw.) ist gem\u00e4\u00df SS 6 Abs. 2, 5 Th\u00fcrS\u00dcG ausnahmslos Voraussetzung f\u00fcr die Durchf\u00fchrung einer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung. Im Berichtszeitraum war eine weiterhin hohe Zahl von Antr\u00e4gen auf Durchf\u00fchrung einer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung und an Fallbearbeitungen feststellbar, in denen vor Abgabe eines Votums teils umfangreiche Auswertungen von beigezogenen Akten anderer Sicherheitsbeh\u00f6rden oder Befragungen erforderlich wurden. 3. Materieller Geheimschutz Der materielle Geheimschutz betrifft die Entwicklung, Planung und Durchf\u00fchrung technischer Ma\u00dfnahmen, die dem Schutz geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Materials vor Entwendung oder Kenntnisnahme durch Unbefugte dienen. Zu technischen Sicherheitsma\u00dfnahmen sind auch organisatorische Vorkehrungen zu rechnen, die den Geheimschutz verbessern. Als Rechtsgrundlage dient die auf Grundlage von SS 34 Abs. 1 Th\u00fcrS\u00dcG erlassene Verschlusssachenanweisung f\u00fcr den Freistaat Th\u00fcringen (VSA). Die VSA richtet sich an Landesbeh\u00f6rden, landesunmittelbare \u00f6ffentlich-rechtliche Einrichtungen und die sonstigen der Aufsicht des Freistaats Th\u00fcringen unterstehenden juristischen Personen des \u00f6ffentlichen Rechts, die mit Verschlusssachen befasst sind und somit Vorkehrungen zu deren Schutz zu treffen haben. Dar\u00fcber hinaus betrifft sie Personen, die Zugang zu Verschlusssachen erhalten oder eine T\u00e4tigkeit aus\u00fcben, die einen solchen er\u00f6ffnet und die Einhaltung bestimmter Schutzvorkehrungen erfordert. F\u00fcr Kommunen gilt die VSA nur im Bereich der Aufgabenerf\u00fcllung im \u00fcbertragenen Wirkungskreis. Den Kommunen wird empfohlen, die VSA auch im eigenen Wirkungskreis anzuwenden. Entsprechend der Schutzbed\u00fcrftigkeit der Verschlusssache nehmen die herausgebenden Stellen die erforderliche Einstufung in einen der in SS 4 Abs. 2 Th\u00fcrS\u00dcG bestimmten Geheimhaltungsgrade 85 vor. Aus der jeweiligen Einstufung ergeben sich die notwendigen personellen und materiellen Sicherheitsvorkehrungen. Hinsichtlich des materiellen Geheimschutzes enth\u00e4lt die VSA eine Reihe von Vorschriften, welche die Herstellung, Kennzeichnung und Vervielf\u00e4ltigung von Verschlusssachen, den Zugang zu Verschlusssachen, die Dienstpflichten zum Schutz von Verschlusssachen, die Aufbewahrung, \u00dcbertragung, Verwaltung und Mitnahme au\u00dferhalb des Dienstgeb\u00e4udes sowie Ma\u00dfnahmen bei Verletzung von Geheimschutzvorschriften betreffen. Die VSA h\u00e4lt in ihren Anlagen zudem eine Vielzahl von Vorlagen zur 85 \"VS-NUR F\u00dcR DEN DIENSTGEBRAUCH\", \"VS-VERTRAULICH\", \"GEHEIM\" oder \"STRENG GEHEIM\". 121","Dokumentation von Ma\u00dfnahmen des personellen und materiellen Geheimschutzes f\u00fcr die zust\u00e4ndigen Stellen bereit. Die Aufsicht \u00fcber die Einhaltung der Vorgaben der Verschlusssachenanweisung obliegt der zust\u00e4ndigen Stelle, i. d. R. dem Geheimschutzbeauftragten derjenigen Stelle, bei der Verschlusssachen bearbeitet werden, im \u00dcbrigen der Beh\u00f6rdenleitung. Das AfV ber\u00e4t diese \u00fcber die Vorgaben der VSA zum Umgang mit Verschlusssachen und sichere Organisationsabl\u00e4ufe, u. a. auch \u00fcber technische Sicherheitsma\u00dfnahmen wie Einbruchmeldeanlagen, Zutrittskontrollsysteme, baulich-r\u00e4umliche Ma\u00dfnahmen des Abh\u00f6rschutzes bzw. der Abh\u00f6rsicherheit und Anforderungen an die Aufbewahrung von Verschlusssachen (sog. VS-Verwahrgelasse, VST\u00fcren). Derartige ihrer Konzeption nach mehrschichtige Ma\u00dfnahmen verfolgen u. a. das Ziel, unbemerkte und unbefugte Zutrittsversuche in Sicherheitsbereiche oder entsprechende Zugriffsversuche auf Verschlusssachen zu verhindern oder durch einen hohen Widerstandswert eingesetzter Produkte jedenfalls zeitlich so zu erschweren, dass eine weitere Aufkl\u00e4rung und Verhinderung durch hinzugezogene Kr\u00e4fte erm\u00f6glicht wird (Interventionszeit). In zunehmendem Ma\u00dfe ergeben sich Bedarfe nach einer Beratung von \u00f6ffentlichen Stellen zu Vorgaben der VSA hinsichtlich der Ert\u00fcchtigung informationstechnischer Systeme zur Verarbeitung von Verschlusssachen (IT-Geheimschutz), hier konkret in Bezug auf die eingesetzten Endger\u00e4te, deren Nutzungsumgebung und sichere Wege der elektronischen \u00dcbertragung von Verschlusssachen. Ausk\u00fcnfte zur Geheimschutzbetreuung von Wirtschaftsunternehmen erteilt das: Th\u00fcringer Ministerium f\u00fcr Wirtschaft, Landwirtschaft und L\u00e4ndlichen Raum Geheimschutz in der Wirtschaft Postfach 90 02 25 Max-Reger-Stra\u00dfe 4-8 99105 Erfurt 99096 Erfurt Telefon: 0361 57 37 1-1145. 122","X. Mitwirkungspflichten Neben der Mitwirkung des Verfassungsschutzes an Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen bestehen gesetzliche Pflichten zu seiner Beteiligung an Zuverl\u00e4ssigkeitspr\u00fcfungen anderer Beh\u00f6rden in sicherheitsempfindlichen Bereichen. Demgem\u00e4\u00df wirkt das AfV bei Zuverl\u00e4ssigkeitsanfragen nach dem Waffengesetz (14.572), dem Luftsicherheitsgesetz (1.181), dem Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz (2.852), dem Sprengstoffgesetz (740), der Gewerbeordnung (2.035) sowie dem Aufenthaltsgesetz (20.915) mit. Im Waffengesetz ist die Regelanfrage beim Verfassungsschutz im Rahmen der Waffenerlaubniserteilung normiert. Sofern dem AfV Erkenntnisse zu verfassungsfeindlichen Bet\u00e4tigungen der Antragsteller vorliegen, werden diese den gesetzlichen Regelungen gem\u00e4\u00df der zust\u00e4ndigen Waffenerlaubnisbeh\u00f6rde f\u00fcr die dortige Pr\u00fcfung \u00fcbermittelt. Verfassungsfeinden und Extremisten soll so die Erlangung einer Waffenerlaubnis verwehrt bzw. eine vorliegende waffenrechtliche Erlaubnis entzogen werden k\u00f6nnen. Das AfV versteht sich hierbei als Fachbeh\u00f6rde, die mit ihrer sicherheitsrelevanten Expertise in den einzelnen Ph\u00e4nomenbereichen die jeweils zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden bei ihren Entscheidungsfindungen unterst\u00fctzt. Durch das erhebliche Gefahrenpotenzial gerade im Bereich der Regelanfrage Waffe, ist eine z\u00fcgige und fundierte Mitteilung, die als Grundlage f\u00fcr die Entscheidung der Waffenbeh\u00f6rde dient, unerl\u00e4sslich. Dies gilt auch f\u00fcr Zuverl\u00e4ssigkeitsanfragen im Zusammenhang mit Sprengstofferlaubnissen oder der notwendigen Zuverl\u00e4ssigkeit von Bewachungspersonal. In all diesen Fragestellungen sollen potentielle Gefahren f\u00fcr die Gesellschaft m\u00f6glichst fr\u00fch erkannt und abgewehrt werden. Die Einbindung des Verfassungsschutzes in diese sensiblen staatlichen Aufgabenbereiche ist damit Teil der \"wehrhaften Demokratie\" und tr\u00e4gt zu einem gro\u00dfen Teil dazu bei, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu sch\u00fctzen und so unsere Gesellschaft sicherer zu machen. 123","Anfragen 2022 2023 2024 WaffG 30.963 15.822 14.572 SprengG 2.760 1.343 740 GewO 771 872 2035 LuftSiG 1.075 1.011 1.181 StAG 2.171 2.003 2.852 AufenthG 21.672 21.857 20.915 Anfragen Gesamt 59.412 42.908 42.295 Tabelle 8: Mitwirkungspflichten - Anfrage-Aufkommen im Jahresvergleich 124"],"title":"Verfassungsschutzbericht 2024","year":2024}
