{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-sh-2024.pdf","jurisdiction":"Schleswig-Holstein","num_pages":256,"pages":["Ministerium f\u00fcr Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport Verfassungsschutzbericht 2024 Schleswig-Holstein","Impressum Herausgeber: Ministerium f\u00fcr Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport des Landes Schleswig-Holstein D\u00fcsternbrooker Weg 92 24105 Kiel Mai 2025 Der Verfassungsschutzbericht 2024 ist auch \u00fcber das Internet abrufbar unter: www.schleswig-holstein.de/DE/Themen/V/verfassungsschutz.html Diese Brosch\u00fcre ist Teil der \u00d6ffentlichkeitsarbeit der Landesregierung. Sie wird kostenlos abgegeben und ist nicht zum Verkauf bestimmt. Sie darf weder von Parteien noch von Wahlwerbern und Wahlhelfern w\u00e4hrend eines Wahlkampfes zum Zwecke der Wahlwerbung verwandt werden.","Inhaltsverzeichnis Abk\u00fcrzungsverzeichnis VIII Vorwort XIV I \u00dcberblick 3 1 \u00dcberblick: Rechtsextremistische Bestrebungen 3 2 \u00dcberblick: Islamismus und islamistischer Terrorismus 5 3 \u00dcberblick: Linksextremistische Bestrebungen 7 4 \u00dcberblick: Extremismus mit Auslandsbezug 11 5 \u00dcberblick: Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter 12 6 \u00dcberblick: Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates 13 II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK) 17 1 Allgemeines 17 1.1 Definition 17 1.2 Ph\u00e4nomenbereiche der PMK 18 2 Kernaussagen 19 3 Entwicklung der PMK in Schleswig-Holstein 21 3.1 Entwicklung der PMK von 2019 - 2024 21 3.2 Entwicklung der PMK in den Ph\u00e4nomenbereichen 22 3.3 Entwicklung der PMK-Gewalt in den Ph\u00e4nomenbereichen 22 3.4 Entwicklung der PMK in den Kreisen und kreisfreien St\u00e4dten 23 3.5 Entwicklung der PMK-Gewalt in den Kreisen und kreisfreien St\u00e4dten 24 4 Ph\u00e4nomenbereiche der PMK 25 4.1 Entwicklung der PMK -rechts25 4.2 Delikte der PMK -rechts26 4.3 Entwicklung der PMK -links29 4.4 Delikte der PMK -links30 4.5 Entwicklung der PMK -ausl\u00e4ndische Ideologie34 4.6 Delikte der PMK -ausl\u00e4ndische Ideologie35 Seite I","4.7 Entwicklung der PMK -religi\u00f6se Ideologie36 4.8 Delikte der PMK -religi\u00f6se Ideologie37 4.9 Entwicklung der PMK -sonstige Zuordnung39 4.10 Delikte der PMK -sonstige Zuordnung40 5 Ph\u00e4nomen\u00fcbergreifende PMK 43 5.1 Straftaten gegen Amtsund Mandatstr\u00e4ger/-innen 43 5.2 Antisemitische Straftaten 45 5.3 Reichsb\u00fcrger / Selbstverwalter 47 5.4 Spionage/Sabotage 49 5.5 Russland-Ukraine-Konflikt 50 5.6 Hamas-Israel-Konflikt 51 5.7 Sexuelle Orientierung und geschlechtsbezogene Identit\u00e4t 53 5.8 Hasskriminalit\u00e4t 54 5.9 Hasspostings 55 5.10 Internet 56 5.11 Frauenfeindlichkeit 57 III Rechtsextremistische Bestrebungen 61 1 Rechtsextremistische Parteien 61 1.1 Die Heimat/Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) 61 1.1.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 61 1.1.2 Ausblick 63 1.2 Junge Nationalisten (JN) Schleswig-Holstein 64 1.2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 64 1.2.2 Ausblick 65 1.3 Weitere rechtsextremistische parteigebundene Strukturen 65 2 Neonazistische Szene 65 2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 65 2.2 Ausblick 67 3 Subkulturell gepr\u00e4gte Szene 67 3.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 68 3.2 Ausblick 68 3.3 Rechtsextremistische Musikszene 69 3.3.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 69 3.3.2 Ausblick 69 3.4 Kampfsport 70 3.4.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 70 3.4.2 Ausblick 71 Seite II","4 Neue Rechte 71 4.1 \"Tag des Vorfelds\" (TdV) 73 4.2 Identit\u00e4re Bewegung Schleswig-Holstein (IBSH) / Nordfeuer 74 4.2.1 Entwicklung und Aktivit\u00e4ten 74 4.2.2 Ausblick 75 5 Rechtsextremistische Verlage 76 5.1 Entwicklung und Aktivit\u00e4ten 76 5.2 Ausblick 77 6 Queerfeindlichkeit 77 7 Rechtsextremistisches Personenpotenzial in Schleswig-Holstein 78 IV Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates 83 1 Entwicklung und Aktivit\u00e4ten 83 2 Ausblick 84 3 Personenpotenzial im Bereich der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates 84 V Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter 89 1 Reichsb\u00fcrger 89 1.1 Wahlkommission der K\u00f6niglich Preu\u00dfischen Provinz Schleswig-Holstein (WKSH) 89 1.1.1 Entwicklung und Aktivit\u00e4ten 90 1.1.2 Ausblick 90 1.2 Internationale Organisation V\u00f6lkerrecht (IOV) 91 1.2.1 Entwicklung und Aktivit\u00e4ten 91 1.2.2 Ausblick 92 2 Selbstverwalter 92 2.1 K\u00f6nigreich Deutschland (KRD) 93 2.1.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 93 2.1.2 Ausblick 94 2.2 \"Indigenes Volk Germaniten\" (IVG) 94 2.2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 95 2.2.2 Ausblick 96 3 Unstrukturiertes Personenpotenzial der Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter 96 4 Personenpotenzial der Reichsb\u00fcrgerund Selbstverwalterszene 96 Seite III","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus 101 1 Salafistische Bestrebungen/Salafismus 101 1.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 102 1.2 Missionierungsarbeit (da'wa) 103 1.3 Ausblick 106 2 Terroristische Organisationen 107 2.1 Der Islamische Staat (IS) 113 2.1.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 114 2.1.2 Ausblick 115 2.2 Das al-Qaida-Netzwerk 115 2.2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 116 2.2.2 Ausblick 117 2.3 HAMAS 118 2.3.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 119 2.3.2 Ausblick 120 2.4 Hizb Allah 121 2.4.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 122 2.4.2 Ausblick 123 3 Legalistische und sonstige islamistische Organisationen 123 3.1 Die Muslimbruderschaft/Muslimbr\u00fcder (MB) 124 3.1.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 125 3.1.2 Ausblick 125 3.2 Die Furkan-Gemeinschaft 126 3.2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 127 3.2.2 Ausblick 130 3.3 Die Hizb ut-Tahrir (HuT) und ihr nahestehende Gruppierungen 130 3.3.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 131 3.3.2 Ausblick 133 3.4 Schiitischer Extremismus/Einfluss des Islamischen Zentrums Hamburg e.V. (IZH) und sonstiger schiitischer Extremismus 133 3.4.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 134 3.4.2 Ausblick 135 3.5 Tablighi Jama'at (TJ) 136 3.5.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 137 3.5.2 Ausblick 137 4 Personenpotenzial im Islamismus/islamistischem Terrorismus 137 Seite IV","VII Linksextremistische Bestrebungen 143 1 Organisationen und Gruppierungen 143 1.1 Dogmatischer Linksextremismus 143 1.1.1 Deutsche Kommunistische Partei (DKP) 143 1.1.2 Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) 145 1.2 Undogmatischer Linksextremismus 147 1.2.1 Autonome 148 1.2.2 Postautonome 150 1.3 Rote Hilfe e. V. (RH) 152 2 Linksextremistische Schwerpunkte 154 2.1 Antifaschismus und Antirassismus 154 2.1.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 155 2.1.2 Ausblick 158 2.2 Beteiligung im Rahmen der Klimabewegung 158 2.2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 159 2.2.2 Ausblick 160 2.3 Antimilitarismus - \"Rheinmetall Entwaffnen\"-Camp in Kiel 160 3 Mitgliederentwicklung der linksextremistischen Organisationen und Gruppierungen 161 VIII Extremismus mit Auslandsbezug 165 1 Organisationen 165 1.1 Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) 165 1.1.1 Aktuelle Entwicklungen 166 1.1.2 Ausblick 168 1.2 T\u00fcrkischer Linksextremismus, insbesondere Marxistische Leninistische Kommunistische Partei (MLKP) 169 1.2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten 170 1.2.2 Ausblick 171 1.3 T\u00fcrkischer Rechtsextremismus/\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung 171 1.3.1 Aktuelle Entwicklungen 172 1.3.2 Ausblick 173 1.4 S\u00e4kularer pal\u00e4stinensischer Extremismus 173 1.4.1 Aktuelle Entwicklungen 173 1.4.2 Ausblick 174 2 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten im Berichtsjahr 174 2.1 Aktivit\u00e4ten der PKK 174 2.1.1 Finanzierung PKK-naher Organisationen 175 2.1.2 Reaktionen auf Ereignisse in der T\u00fcrkei 176 2.1.3 Wirken der PKK in die deutsche \u00d6ffentlichkeit, Rekrutierung 178 Seite V","2.2 Aktivit\u00e4ten der \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung 180 2.3 Aktivit\u00e4ten der MLKP 181 2.4 Reaktionen aus dem s\u00e4kularen auslandsbezogenen Extremismus auf internationale Konflikte 181 3 Mitgliederentwicklung 183 IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr 187 1 \u00dcberblick 187 2 Spionageabwehr 189 2.1 Drohnen\u00fcberfl\u00fcge \u00fcber dem Truppen\u00fcbungsplatz Putlos 191 2.2 Drohnen\u00fcberfl\u00fcge \u00fcber dem ChemCoast Park in Brunsb\u00fcttel 192 3 Proliferationsbek\u00e4mpfung 192 3.1 Gastwissenschaftler 193 3.2 Grundlagenforschung 195 4 Wirtschaftsschutz und Wirtschaftsspionage 195 4.1 \u00dcberregionale Wirtschaftsschutzkonferenz in Bremen durchgef\u00fchrt 197 4.2 Rheinmetall Entwaffnen-Camp in Kiel 197 5 Cyberabwehr 198 5.1 Aktivit\u00e4ten ausl\u00e4ndischer Dienste: DDoS-Angriffe 199 5.2 Aktivit\u00e4ten ausl\u00e4ndischer Dienste: Phishing 199 5.3 IT-Worker aus Nordkorea 202 5.4 Abgrenzung Cyberspionage zur Internetkriminalit\u00e4t 202 6 Verfassungsschutz als Ansprechpartner 203 X Hintergrund 207 1 Verfassungsschutz in Schleswig-Holstein 207 1.1 Der Verfassungsschutz als Fr\u00fcherkennungsund Fr\u00fchwarnsystem 207 1.2 Gesetzlicher Auftrag und Aufgaben 207 1.3 Organisation des Verfassungsschutzes 211 1.4 Kontrolle des Verfassungsschutzes 211 1.5 Zusammenarbeit von Polizei und Verfassungsschutz 213 1.6 Informationsaustausch mit anderen \u00f6ffentlichen Stellen 214 1.7 Geheimund Sabotageschutz, Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen 215 1.7.1 Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen 215 1.7.2 Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen 217 Seite VI","1.8 Mitwirkung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde bei Aufenthaltsund Einb\u00fcrgerungsverfahren 218 1.9 Kontakt 219 2 Merkmale verfassungsfeindlicher Bestrebungen 219 2.1 Ph\u00e4nomen\u00fcbergreifende Merkmale verfassungsfeindlicher Bestrebungen 219 2.1.1 Antisemitismus 219 2.1.2 Queerfeindlichkeit 220 2.2 Ph\u00e4nomenbezogene Merkmale des Rechtsextremismus 222 2.3 Ph\u00e4nomenbezogene Merkmale des Islamismus und islamistischem Terrorismus 223 2.4 Ph\u00e4nomenbezogene Merkmale des Linksextremismus 225 2.5 Ph\u00e4nomenbezogene Merkmale extremistischer Bestrebungen mit Auslandsbezug 228 2.6 Ph\u00e4nomenbezogene Merkmale der Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter 230 2.7 Ph\u00e4nomenbezogene Merkmale der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates 232 XI Liste der im Bericht genannten extremistischen Organisationen 235 1 Rechtsextremistische Organisationen 235 2 Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter 235 3 Islamistische und islamistisch-terroristische Organisationen 236 4 Linksextremistische Organisationen 237 5 Extremistische Organisationen mit Auslandsbezug (nicht islamistisch) 238 Seite VII","Abk\u00fcrzungsverzeichnis Abs. Absatz ABC-Waffen atomare, biologische und chemische Waffen AC Aryan Circle AD\u00dcTDF F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-Demokratischen Idealistenvereine (Avrupa Demokratik \u00dclk\u00fcc\u00fc T\u00fcrk Dernekleri Federasyonu) AfD Alternative f\u00fcr Deutschland AKP Adalet ve Kalkinma Partisi (Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung) AGL Anarchistische Gruppe L\u00fcbeck ANF Firatnews Agency (Ajansa Nuceyan a Firate) APT Advanced Persistent Threat AQ al-Qaida ASWN Allianz f\u00fcr Sicherheit in der Wirtschaft Norddeutschland e. V. BAB Bundesautobahn BAFA Bundesamt f\u00fcr Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle BfV Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz BKA Bundeskriminalamt BMI Bundesministerium des Inneren und f\u00fcr Heimat BRD Bundesrepublik Deutschland BSI Bundesamt f\u00fcr Sicherheit in der Informationstechnik bspw. beispielsweise BVerfG Bundesverfassungsgericht bzw. beziehungsweise Ca. circa CD Compact Disc CEM Council of European Muslims COVID-19 Coronavirus-Krankheit-2019 (coronavirus disease 2019) CSC China Scholarship Council DAAD Deutsch Akademischer Austauschdienst Da'wa Missionierung DDoS Distributed Denial of Service d. h. das hei\u00dft DiWiSH Digitale Wirtschaft Schleswig-Holstein e.V. DKP Deutsche Kommunistische Partei DKTM Kiel Kurdisches Gemeindezentrum Schleswig-Holstein e. V. (Demokratik K\u00fcrt Toplum Merkezi Kiel) DKTM Neum\u00fcnster Demokratisch Kurdische Gemeinde Zentrum Neum\u00fcnster e. V. (Demokratik K\u00fcrt Toplum Merkezi Neum\u00fcnster) DMG Deutsche muslimische Gemeinschaft e. V. DMG-B Deutsche muslimische Gemeinschaft Braunschweig e. V. DS Deutsche Stimme DVD Digital Versatile Disc Seite VIII","Ebd. Ebenda ECFR European Council for Fatwa and Research EM Einzelmitglieder EM-Qualifikationsspiel Europameisterschaft Qualifikationsspiel EU Europ\u00e4ische Union EUMAM UA European Union Military Assistance Mission Ukraine e. V. eingetragener Verein FAU Freie Arbeiterinnenund Arbeiter-Union FED-DEM F\u00f6deration Demokratisches Gesellschaftszentrum der Kurdinnen in Nord Deutschland e. V. (Federasyona Civaka Demokratik a Kurdistaniyan le Bakure Alman) ff. fortfolgende G10 Gesetz zur Beschr\u00e4nkung des Brief-, Postund Fernmeldegeheimnisses GADMO German-Austrian Digital Media Observatory GBA Generalbundesanwalt GEAS Gemeinsames Europ\u00e4isches Asylsystem GETZ Gemeinsames Extremismusund Terrorismusabwehrzentrum GG Grundgesetz ggf. gegebenenfalls GI Generation Islam GmbH Gesellschaft mit beschr\u00e4nkter Haftung GTAZ Gemeinsames Terrorismusabwehrzentrum HAMAS Harakat al-Muqawama al-Islamiyya (Islamische Widerstandsbewegung) HBDH Vereinte Revolution\u00e4re Bewegung der V\u00f6lker (Halklarin Birlesik Devrim Hareketi) HIA Hizb-i Islami Afghanistan (Islamische Partei Afghanistan) HPG Volksverteidigungskr\u00e4fte (Hezen Parastina Gel) HSK Kurdischer Roter Halbmond (Heyva Sor a Kurdistane) HTS Hai'at Tahrir ash-Sham (Komitee zur Befreiung der Levante) HuT Hizb ut-Tahrir (Partei der Befreiung) IB Identit\u00e4re Bewegung IBD Identit\u00e4re Bewegung Deutschland IBSH Identit\u00e4re Bewegung Schleswig-Holstein IGS Islamische Gemeinschaft der Schiitischen Gemeinden Deutschlands e.V. IHK Industrieund Handelskammer IHK SH Industrieund Handelskammer Schleswig-Holstein IL Interventionistische Linke IS Islamischer Staat ISIS Islamischer Staat im Irak und Gro\u00dfsyrien ISPK Islamischer Staat Provinz Khorasan ISPK Institut f\u00fcr Sicherheitspolitik an der Universit\u00e4t Kiel IT Informationstechnologie Seite IX","IVG Indigenes Volk Germaniten IZH Islamisches Zentrum Hamburg JaN Jabhat an-Nusra JN Junge Nationaldemokraten/Junge Nationalisten KaDaRi Kauf das Richtige KCDK-E Demokratischer Gesellschaftskongress der Kurd*innen in Europa (Kongreya Civaken Demokratik a Kurdistaniyen Li Ewropa) KCK Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (Koma Civaken Kurdistan) Kern-AQ Kern-Al-Qaida KI K\u00fcnstliche Intelligenz KMU Kleine mittelst\u00e4ndische Unternehmen KON-MED Konf\u00f6deration der Gemeinschaften Mesopotamiens in Deutschland KPD Kommunistische Partei Deutschlands KRD K\u00f6nigreich Deutschland KRITIS Kritische Infrastrukturen LVerfSchG Gesetz \u00fcber den Verfassungsschutz im Lande Schleswig-Holstein MB Muslimbruderschaft/Muslimbr\u00fcder MGB Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung MHP Partei der Nationalistischen Bewegung (Milliyetci Hareket Partisi) MLKP Marxistische Leninistische Kommunistische Partei MLPD Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands NATO North Atlantic Treaty Organization Nr. Nummer NPD Nationaldemokratische Partei Deutschlands NSBS Nationalsozialisten Bad Segeberg o. g. oben genannte OLG Oberlandesgericht PFLP Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas (Popular Front for the Liberation of Palestine) PIJ Pal\u00e4stinensischer Islamischer Jihad PKG Parlamentarisches Kontrollgremium PKK Arbeiterpartei Kurdistans (Partiya Karkeren Kurdistane) PKW Personenkraftwagen PLO Palestine Liberation Organization PMK AI politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Ausl\u00e4ndische Ideologie PMK - links - politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - links - PMK - rechts - politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - rechtsPMK RI politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Religi\u00f6se Ideologie PYD Partei der Demokratischen Union (Partiya Yekitiya Demokrat) RH Rote Hilfe e. V. RI Realit\u00e4t Islam Seite X","S. Seite SAV Sozialistische Alternative SDAJ Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend SKB Bund Sozialistischer Frauen (Sosyalist Kadinlar Birligi) StGB Strafgesetzbuch TAK Freiheitsfalken Kurdistans (Teyrebazen Azadiya Kurdistan) TCS Patriotisch revolution\u00e4re Jugendbewegung (Tevgera Ciwanen Welatparez u Soresger) TdV Tag des Vorfelds TH T\u00fcrkische Hizbullah THD Tanzim Hurras ad-Din (Organisation der W\u00e4chter der Religion) TJ Tablighi Jama'at (Missionierungsgesellschaft) TKKG TurboKlimaKampfGruppe u. a. unter anderem Ummah Gemeinschaft der Muslime vgl. vergleiche VR Vereinsregister VPN Virtual Private Network VS Verschlusssache VStGB V\u00f6lkerstrafgesetzbuch WHN W\u00e4hlergemeinschaft Heimat Neum\u00fcnster WKSH Wahlkommission der K\u00f6niglich Preu\u00dfischen Provinz Schleswig-Holstein Y\u00d6P Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika (Neue Freie Politik) YPG Volksverteidigungseinheiten (Yekineyen Parastina Gel) YS Young Struggle YSP Gr\u00fcne Linkspartei (Yesil Sol Parti) ZAC Zentrale Ansprechstelle Cybercrime z. B. zum Beispiel Ziff. Ziffer ZMD Zentralrat der Muslime in Deutschland Seite XI","Seite XII","Seite XIII","Vorwort Liebe Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger, die internationale Sicherheitslage hat sich auch im vergangenen Jahr dynamisch entwickelt. Insbesondere Foto: Frank Peter die anhaltenden Konflikte in verschiedenen Regionen der Welt, hybride Bedrohungsszenarien sowie der Einfluss globaler Desinformationskampagnen stellen Staaten und Gesellschaften vor gro\u00dfe Herausforderungen. Deutschland und auch Schleswig-Holstein sind von diesen Entwicklungen unmittelbar betroffen. Die internationale Vernetzung und die wirtschaftliche Bedeutung Deutschlands machen uns zu einem potenziellen Ziel vielf\u00e4ltiger Bedrohungen, die von extremistischen Bestrebungen bis hin zu ausl\u00e4ndischer Einflussnahme reichen. Die Intensit\u00e4t und Vielschichtigkeit dieser Bedrohungen erfordern eine enge Zusammenarbeit auf nationaler und internationaler Ebene, um die Sicherheit unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu gew\u00e4hrleisten. Besondere Aufmerksamkeit erfordern die Folgen der Digitalisierung der Gesellschaft, die einerseits Innovation und Fortschritt f\u00f6rdert, andererseits jedoch neue Angriffsfl\u00e4chen f\u00fcr Cyberangriffe, Spionage und Sabotage bietet. Auch der globale Terrorismus bleibt eine Bedrohung, die durch transnationale Netzwerke und Ideologien gespeist wird. Parallel dazu sehen wir, wie Extremistinnen und Extremisten zunehmend versuchen, die gesellschaftliche Spaltung zu vertiefen und das Vertrauen in demokratische Institutionen zu untergraben. Der vorliegende Verfassungsschutzbericht dient der Information \u00fcber diese komplexen Bedrohungslagen sowie der Sensibilisierung und Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit. Er zeigt die zentralen Herausforderungen f\u00fcr den Verfassungsschutz auf und unterstreicht die Bedeutung eines gemeinsamen Engagements aller gesellschaftlichen Kr\u00e4fte f\u00fcr den Schutz unserer Grundwerte. Seite XIV","Die Wahrung der inneren Sicherheit in einer sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndernden Welt erfordert klare Strategien, entschlossenes Handeln und eine weitsichtige Perspektive. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Schleswig-Holstein leisten hierzu einen wichtigen Beitrag. Aber es bleibt dabei: Nur gemeinsam als Gesellschaft k\u00f6nnen wir unsere Demokratie st\u00e4rken und f\u00fcr die Herausforderungen der Zukunft gewappnet sein. Ihre Sabine S\u00fctterlin-Waack Schleswig-Holsteinische Ministerin f\u00fcr Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport Seite XV","I \u00dcberblick Seite 1","Seite 2","I \u00dcberblick 1 \u00dcberblick: Rechtsextremistische Bestrebungen Im Berichtsjahr sank das rechtsextremistische Personenpotenzial in Schleswig-Holstein leicht um rund 1,7 Prozent auf insgesamt 1 180 Personen (2023: 1 200). Der R\u00fcckgang vollzog sich im Wesentlichen in der Kategorie der parteiunabh\u00e4ngigen beziehungsweise parteiungebundenen Strukturen. Die Zahl der gewaltorientierten Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten blieb konstant bei 350 (2023: 350). Die Heimat (HEIMAT) Die HEIMAT blieb politisch marginalisiert. Die Namens\u00e4nderung von NPD in HEIMAT und die Versuche, sich als b\u00fcrgernahe, heimatverbundene Partei darzustellen, f\u00fchrten nicht zu dem erhofften Erfolg. Der Wahlkampf zur Europawahl verlief ebenfalls nicht erfolgreich; das Wahlergebnis war entsprechend schwach. Die Partei versuchte, durch Social-Media-Kampagnen sich als modern und b\u00fcrgernah zu pr\u00e4sentieren, doch ihre tats\u00e4chliche Agenda konnte sie nicht verbergen. Die Resonanz war gering. Die Aktivit\u00e4ten der HEIMAT blieben lokal begrenzt, und ihre Mitgliederzahl stagnierte. Die Jugendorganisation \"Junge Nationalisten\" (JN) der HEIMAT/NPD, mit rund 10 Anh\u00e4ngern in Schleswig-Holstein, betrieb ebenfalls einen aktiven Wahlkampf zur Europawahl und versuchte, ihre Pr\u00e4senz durch Flugblattverteilung und Plakataktionen unter dem Motto \"Jugend w\u00e4hlt: Heimat Zukunft Remigration\" zu erh\u00f6hen. Trotz internationaler Vernetzungsbestrebungen blieb die JN eine weitgehend erfolglose Kleinstgruppierung ohne nennenswerten Einfluss. Neonazistische Szene Die neonazistische Szene in Schleswig-Holstein ist von einer zweckorientierten Zusammenarbeit gepr\u00e4gt und orientiert sich ideologisch am historischen Nationalsozialismus. Abgesehen von den j\u00e4hrlichen, geschichtsrevisionistischen Gedenkveranstaltungen fanden im Berichtsjahr nur wenige \u00f6ffentliche Aktionen in Schleswig-Holstein statt. Der neonazistische \"Aryan Circle\" (AC) trat vor allem in den sozialen Medien auf und versuchte dort neue Anh\u00e4nger zu werben. Es ist zu erwarten, dass die Szene stagniert, da ihre r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Ideologie keine breite Anh\u00e4ngerschaft mehr findet. Dennoch bleibt sie durch digitale Vernetzungen gef\u00e4hrlich, da sie so Radikalisierungen Vorschub leisten kann. Seite 3","I \u00dcberblick Subkulturell gepr\u00e4gte Szene - Rechtsextremistische Musik - Kampfsport Im Berichtsjahr blieb die rechtsextremistische subkulturelle gepr\u00e4gte Szene in Schleswig-Holstein weitgehend unauff\u00e4llig. Die neu gegr\u00fcndete Jugendgruppe \"Jung & Stark Schleswig-Holstein\" war vorwiegend online aktiv und verbreitete rechtsextremistische Feindbilder. In der rechtsextremistischen Musikszene fiel auf, dass insbesondere kleinere, konspirative Musikveranstaltungen wie Liederabende und Musikdarbietungen zu internen Szenefeiern in Schleswig-Holstein zunahmen. Gro\u00dfe \u00f6ffentliche Konzerte fanden nicht statt. Kampfsport diente der Szene weiterhin zur Vernetzung und Radikalisierung. Im Berichtsjahr wurde die Gr\u00fcndung von sogenannten Active Clubs in Schleswig-Holstein bekannt. Deren Ziel ist die Schaffung eines dezentralen Netzwerks aus regionalen Kampfsportgruppen. Diese Clubs nutzen vor allem soziale Medien zur Rekrutierung. Eine nennenswerte Realweltpr\u00e4senz wurde noch nicht festgestellt. Die Szene hat das Potenzial durch verst\u00e4rkte Online-Aktivit\u00e4ten und kleinere, lokale Veranstaltungen weiter zu wachsen und ihre gewaltbereite Dynamik zu verst\u00e4rken. Identit\u00e4re Bewegung Schleswig-Holstein (IBSH) / Nordfeuer Die Identit\u00e4re Bewegung Schleswig-Holstein (IBSH), die seit 2022 unter dem Namen \"Nordfeuer\" agiert, geh\u00f6rt zum Spektrum der Neuen Rechten. Sie verfolgt die Strategie der Metapolitik, um extremistische Positionen gesellschaftlich akzeptabler zu machen. Ihre Ideologie basiert auf dem Ethnopluralismus, der eine ethnisch homogene Gesellschaft anstrebt, was mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung unvereinbar ist. \"Nordfeuer\" konnte im Berichtsjahr weder in den sozialen Medien noch durch reale Aktivit\u00e4ten Zuw\u00e4chse verzeichnen. Ihre Themen, wie das Konzept der Remigration, wurden in sozialen Medien verbreitet. Der Jahrestag des Messerangriffs in Brokstedt und Gewalteskalation unter minderj\u00e4hrigen Sch\u00fclern an einer Schule in Uetersen (Kreis Pinneberg) wurden politisch instrumentalisiert. Trotz geringer Aktivit\u00e4t besteht bei \"Nordfeuer\" Potenzial, durch strategische Neuorientierung und verst\u00e4rkte Vernetzung wieder an Bedeutung zu gewinnen. Rechtsextremistische Verlage Rechtsextremistische Verlage spielen eine zentrale Rolle in der Verbreitung ideologischer Inhalte innerhalb der rechtsextremistischen Szene und sind Teil der Metapolitik, einer Strategie der Neuen Rechten, die darauf abzielt, den vorpolitischen Raum mit Seite 4","I \u00dcberblick Begriffen und Ideen zu pr\u00e4gen und zu besetzen, um auf diese Weise den gesellschaftlichen Diskurs weiter an den rechten verfassungsrechtlichen Rand und dar\u00fcber hinaus zu verschieben. Im Berichtsjahr setzten rechtsextremistische Verlage verst\u00e4rkt auf digitale Kan\u00e4le, um eine junge, internetaffine Zielgruppe anzusprechen. Sie traten in Verbindung mit Netzwerken der Neuen Rechten auf. Ein Beispiel f\u00fcr solche Aktivit\u00e4ten war der \"Tag des Vorfelds\" am 20. Juli in Neum\u00fcnster, bei dem sich unter anderem Akteure aus dem Spektrum der Neuen Rechten versammelten. Durch rechtsextremistische Verlage besteht die Gefahr, dass verfassungsfeindlichen und autorit\u00e4ren Ideologien ein geistiger N\u00e4hrboden bereitet wird, der sich zunehmend bis weit in das b\u00fcrgerliche Lager ausbreitet und das politische Klima zugunsten von Gruppierungen ver\u00e4ndert, deren Ziel die Beseitigung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung ist. 2 \u00dcberblick: Islamismus und islamistischer Terrorismus Insbesondere die jihadistisch motivierten Anschl\u00e4ge von Mannheim und Solingen mit insgesamt vier Todesopfern haben im Berichtsjahr verdeutlicht, dass Deutschland und Europa nach wie vor im Fokus jihadistischer Organisationen und islamistisch motivierter Einzelt\u00e4terinnen und Einzelt\u00e4ter stehen. Eine besondere Bedrohung f\u00fcr die Sicherheitslage stellen dabei fortdauernd global agierende Organisationen, die \u00fcber lokale Ableger verf\u00fcgen, dar. Hierzu z\u00e4hlt in erster Linie der \"Islamische Staat\" (IS) und der regionale Ableger \"Islamischer Staat Provinz Khorasan - (ISPK)\". Weiterhin stellen sogenannte \"weiche\" Ziele, wie Weihnachtsm\u00e4rkte, Kulturund Sportereignisse, die kaum oder nur schwer zu sch\u00fctzen sind, f\u00fcr Jihadistinnen und Jihadisten besonders symbolische Ziele f\u00fcr terroristische Anschl\u00e4ge dar. Im Berichtsjahr stellten somit auch die beiden sportlichen Gro\u00dfveranstaltungen, die olympischen Sommerspiele in Frankreich vom 26. Juli bis zum 11. August 2024 und die Fu\u00dfball-Europameisterschaft in Deutschland vom 14. Juni bis zum 14. Juli 2024 eine besondere Herausforderung f\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden in Europa und Deutschland dar. Der jihadistisch-motivierte Anschlag am 23. August 2024 in Solingen, bei dem drei Menschen get\u00f6tet und acht weitere teils lebensgef\u00e4hrlich verletzt wurden, verdeutlicht einen anhaltenden Trend: Die Anschl\u00e4ge der letzten Jahre zeichnen sich durch eine einfache und leicht umzusetzende Vorgehensweise aus. H\u00e4ufig werden dabei leicht zu beschaffende Waffen wie Hiebund Stichwaffen oder Fahrzeuge genutzt. Dieser Trend setzte sich auch im aktuellen Berichtsjahr fort. Ein weiteres Ph\u00e4nomen ist, dass die T\u00e4terinnen und T\u00e4ter zunehmend unabh\u00e4ngig agieren und nicht direkt in die Strukturen von Terrororganisationen eingebunden sind. Die Seite 5","I \u00dcberblick Propaganda des IS ruft potenzielle IS-Anh\u00e4ngerinnen und -Anh\u00e4nger dazu auf, auch ohne direkte Organisationsanbindung Anschl\u00e4ge zu planen und zu ver\u00fcben. Diese Entwicklung verst\u00e4rkt die Bedrohungslage und unterstreicht die anhaltend hohe Gefahr, die insbesondere vom islamistischen Terrorismus f\u00fcr Deutschland und Schleswig-Holstein ausgeht. Daneben stellt die oft unscharfe Abgrenzung zwischen politischem Extremismus und psychischen Erkrankungen als m\u00f6gliche Hauptursache einer Tat die Sicherheitsund Ermittlungsbeh\u00f6rden vor eine besondere Herausforderung. Psychische St\u00f6rungen k\u00f6nnen eine zentrale Rolle in Radikalisierungsprozessen und Gewalttaten spielen, wodurch eine eindeutige Zuordnung zu einem Ph\u00e4nomenbereich in vielen F\u00e4llen schwierig bleibt. Die Schwerpunkte salafistischer Aktivit\u00e4ten in Schleswig-Holstein liegen unver\u00e4ndert in den einschl\u00e4gigen Moscheevereinen, insbesondere in den St\u00e4dten Kiel, L\u00fcbeck, Neum\u00fcnster, Flensburg und Rendsburg. Im Hamburger Randbereich orientieren sich die Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger salafistischer Bestrebungen vorwiegend nach Hamburg. In Schleswig-Holstein ist das Personenpotenzial salafistischer Bestrebungen mit 700 Personen gleichbleibend wie im Vorjahr. Bundesweit ist das Personenpotenzial salafistischer Bestrebungen leicht auf 11 000 gestiegen. Die Zahlen sind somit auf einem konstant hohen Niveau und unterstreichen, dass sich im Land feste salafistische Strukturen etabliert haben. Somit bleibt der Salafismus weiterhin eine zentrale Herausforderung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden im Ph\u00e4nomenbereich Islamismus. Die klassische Missionierungsarbeit (Da'wa) im Salafismus hat sich zunehmend von der Stra\u00dfe ins Internet verlagert. Social Media Plattformen spielen eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung salafistischer Inhalte. Salafistische Influencerinnen und Influencer nutzen unterschiedliche Social Media Plattformen gezielt zur Verbreitung ihrer Ideologie und erreichen damit insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene. Neben den bekannten salafistischen Szenegr\u00f6\u00dfen haben sich neue salafistische Influencerinnen und Influencer etabliert, welche oft nur \u00fcber ein profanes Islamverst\u00e4ndnis verf\u00fcgen. Dieser Trend l\u00e4sst sich auch in Schleswig-Holstein feststellen. Auch hier sind Akteurinnen und Akteure online aktiv und beeinflussen durch ihre Inhalte andere junge Menschen. Im Gegensatz zum Vorjahr konnten im Berichtsjahr in Schleswig-Holstein keine Aktivit\u00e4ten prominenter Reiseprediger aus anderen Bundesl\u00e4ndern oder dem Ausland festgestellt werden. Auch konnten keine Aktivit\u00e4ten der klassischen Street-Da'wa in Schleswig-Holstein verzeichnet werden. Neben jihadistischen Terrorgruppen stehen auch islamistische Organisationen unter Beobachtung des Verfassungsschutzes, auch wenn sie in Deutschland offiziell keine Gewalt anwenden. Die Einstellung zur Gewalt variiert innerhalb der Gruppierungen jedoch erheblich. So wenden einige Gruppierungen in ihren Ursprungsl\u00e4ndern gezielt Gewalt an, Seite 6","I \u00dcberblick verzichten in Deutschland und Schleswig-Holstein aber aus taktischen Gr\u00fcnden darauf. Andere Gruppen propagieren Gewalt zumindest als legitimes Mittel oder bef\u00fcrworten terroristische Aktivit\u00e4ten anderer Organisationen, auch wenn sie selbst keine Gewalt anwenden. Zudem gibt es islamistische Kr\u00e4fte, die verfassungsfeindliche Ziele verfolgen, aber Gewaltanwendung grunds\u00e4tzlich ablehnen. Diese sogenannten legalistischen Gruppierungen nutzen legale Strukturen, um ihre extremistischen Ziele schrittweise voranzutreiben. Das Personenpotenzial der legalistischen Gruppierungen und sonstigen Organisationen betr\u00e4gt in Schleswig-Holstein 120, und ist damit im Vergleich zum Jahr 2023 nahezu unver\u00e4ndert. Besonders erw\u00e4hnenswert sind in diesem Kontext Hizb ut-Tahrir-nahe Gruppierungen, wie Generation Islam (GI), Realit\u00e4t Islam (RI) und Muslim Interaktiv (MI). Diese Gruppierungen verbreiten ihre islamistische Ideologie sowohl online mit professionellen, teils popkulturellen Auftritten als auch durch Kundgebungen und Demonstrationen, wobei sie identit\u00e4tspolitische Diskurse mit Opfernarrativen, staatlicher Unterdr\u00fcckung und Assimilationsdruck verkn\u00fcpfen. Der anhaltende Nahostkonflikt wirkt sich weiterhin auch auf Deutschland und Schleswig-Holstein aus und wird von Teilen der islamistischen Szene gezielt instrumentalisiert, um neue Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger f\u00fcr ihre Ideologien zu gewinnen. Dabei wird vor allem ein Freund-Feind-Schema zwischen Musliminnen und Muslimen und der \"Mehrheitsgesellschaft\" konstruiert, um gesellschaftliche Spaltungen zu erzeugen und zu vertiefen. Damit wahren islamistische Gruppierungen ihr eigenes religi\u00f6sideologisches Selbstverst\u00e4ndnis und f\u00f6rdern zugleich eine gesellschaftliche Abgrenzung bis hin zur Abschottung. Insgesamt ist in Schleswig-Holstein das Personenpotenzial im Ph\u00e4nomenbereich Islamismus innerhalb eines Jahres leicht von 825 auf 820 Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger zur\u00fcckgegangen. Dabei blieb das Personenpotenzial des Salafismus unver\u00e4ndert bei 700 Personen. 3 \u00dcberblick: Linksextremistische Bestrebungen Im Berichtsjahr blieb das linksextremistische Personenpotenzial nach einer leichten Erh\u00f6hung im Vorjahr unver\u00e4ndert. Der linksextremistischen Szene in Schleswig-Holstein geh\u00f6rten damit 745 Personen an. Das gewaltorientierte Personenpotenzial lag unver\u00e4ndert bei 340. Innerhalb der verschiedenen linksextremistischen Spektren konnten Verschiebungen zwischen einzelnen Gruppierungen festgestellt werden, die aber keine Relevanz f\u00fcr das Gesamtpersonenpotenzial entfalteten. Zudem waren die Ver\u00e4nderungen derart marginal, dass sie zu keiner Neubewertung einzelner Strukturen f\u00fchrten. Seite 7","I \u00dcberblick Im undogmatischen Spektrum hat der im Vorjahr erstmals seit 2011 verzeichnete leichte Personenr\u00fcckgang wie erwartet keine Trendwende eingel\u00e4utet. In der Gesamtbetrachtung blieb das Personenpotenzial im Berichtsjahr konstant. Neben der \u00fcblichen Fluktuation innerhalb der Gruppierungen konnten keine signifikanten Ver\u00e4nderungen festgestellt werden. Insbesondere die aktionsorientierte autonome Szene ist jedoch grunds\u00e4tzlich in der Lage, anlassbezogen auch wegen des von ihr ausgehenden Eventcharakters zumindest tempor\u00e4r Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger zu gewinnen und f\u00fcr ihre Ziele zu vereinnahmen. Aufgrund ihrer aktionsorientierten und reaktiven Vorgehensweise insbesondere in ihrem gesellschaftlich anerkannten Hauptbet\u00e4tigungsfeld Antifaschismus und Antirassismus erfolgte die \u00f6ffentliche Wahrnehmung des Linksextremismus weitgehend \u00fcber die Aktivit\u00e4ten des undogmatischen Spektrums. Das parteigebundene dogmatische Personenspektrum \u00e4nderte sich im Berichtsjahr insgesamt nicht. Aus dieser Stagnation leitet sich jedoch keine Umkehr des jahrelangen Trends des Personenpotenzialr\u00fcckgangs ab. Die Grundproblematik der \u00dcberalterung der Parteien, der insgesamt geringen konstanten Aktionsf\u00e4higkeit sowie des Unverm\u00f6gens, neue Mitglieder gewinnen zu k\u00f6nnen, bleibt bestehen. Das dogmatische Spektrum insgesamt, aber insbesondere die DKP und die SDAJ steigerten ihre Aktivit\u00e4ten und \u00f6ffentliche Wahrnehmbarkeit seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine und dem Terrorangriff der HAMAS auf Israel und waren auch im Berichtsjahr auf niedrigem Niveau aktiv. Im Zusammenhang mit diesen Aktivit\u00e4ten wurde jedoch einmal mehr deutlich, dass insbesondere die DKP mit ihren russlandfreundlichen und \u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dferten propal\u00e4stinensischen Positionen selbst im linksextremistischen Spektrum isoliert dasteht. Das dogmatische Spektrum erreichte mit seinen politischen Positionen und Zielen auch im Berichtsjahr das b\u00fcrgerliche Spektrum nicht und konnte somit trotz gesteigerter Aktivit\u00e4t im Rahmen aktueller Krisen seine geringe Bedeutung weder in der linksextremistischen Szene noch im b\u00fcrgerlichen Bereich steigern. Die Rote Hilfe (RH) best\u00e4tigte bei stabilem Mitgliederbestand durch die kontinuierliche, alle linksextremistischen Spektren \u00fcbergreifende Bet\u00e4tigung ihre herausragende Bedeutung als wichtigster Stabilit\u00e4tsfaktor der linksextremistischen Szene auch in Schleswig-Holstein. In der Gesamtbetrachtung ist die Intensit\u00e4t der Aktivit\u00e4t der linksextremistischen Szene in Schleswig-Holstein auf einem gem\u00e4\u00dfigten, aber \u00fcber die verschiedenen Spektren hinweg deutlich \u00f6ffentlich wahrnehmbaren Niveau. Seite 8","I \u00dcberblick Antifaschismuskampf, Klimabewegung und Rheinmetall Entwaffnen-Camp in Kiel - Schwerpunkte linksextremistischer Bet\u00e4tigung Der Antifaschismuskampf blieb im Berichtsjahr weiterhin der Schwerpunkt linksextremistischer Agitation. Im Fokus stand hier deutlich die Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD) als Hauptfeindbild der gesamten linksextremistischen Szene. Seit zu Beginn des Jahres das sogenannte \"Geheimtreffen\" der AfD und anderer Teilnehmender im November 2023 in Potsdam \u00f6ffentlich wurde, das unter anderem die R\u00fcckf\u00fchrung von nicht assimilierten Ausl\u00e4ndern aus Deutschland zum Thema hatte, war ein erh\u00f6htes Aktivit\u00e4tsniveau der Szene zu verzeichnen. So traten linksextremistische Gruppierungen durch steigende demonstrative Aktivit\u00e4ten in Erscheinung, meistens zusammen mit dem b\u00fcrgerlichen Spektrum. Im Verlauf des Berichtsjahres protestierte insbesondere das autonome Spektrum best\u00e4ndig reaktiv-anlassbezogen gegen Veranstaltungen und Infost\u00e4nde der AfD. Hierbei ver\u00fcbte es auch wiederholt Strafund Gewalttaten, die vor allem im autonomen Bereich als notwendiges Mittel angesehen werden, um sich den staatlichen \"repressiven\" und \"faschistischen\" Strukturen entgegen zu stellen. Dabei reichten die verwirklichten Straftatbest\u00e4nde von Beleidigung und Sachbesch\u00e4digungen bis hin zu Brandstiftung und K\u00f6rperverletzung. Zudem konnten im Berichtsjahr Outingaktionen gegen den politischen Gegner festgestellt werden. Das intensive Protestgeschehen gegen die AfD hat einmal mehr verdeutlicht, dass insbesondere die autonome Szene \u00fcber eine hohe Mobilisierungsund Aktionsf\u00e4higkeit verf\u00fcgt und in der Lage ist, ihre Protestplanungen sehr flexibel aufzustellen und umzusetzen. Der Themenbereich Klimabewegung verlor in Anbetracht der multiplen innenund au\u00dfenpolitischen Krisen erstmals seit Jahren in der \u00f6ffentlichen Diskussion an Bedeutung. Zudem entfaltete der Gro\u00dfteil der Klimabewegung weiterhin keine verfassungsschutzrechtliche Relevanz. In Schleswig-Holstein ist die \"TurboKlimaKampfGruppe Kiel\" (TKKG) der linksextremistische Hauptakteur im Bereich der Klimabewegung. Die Gruppe war vielf\u00e4ltig aktiv, z. B. im Rahmen des Klimastreiks im M\u00e4rz in Kiel unter dem Motto \"Klimakampf ist Klassenkampf\" und bewarb im Vorfeld zusammen mit der Antifa Kiel den \"Antikapitalistischen Block\". Sie bet\u00e4tigte sich kontinuierlich \u00fcber das Themenfeld Klimaschutz hinaus gemeinsam mit weiteren linksextremistischen Gruppierungen und ist ein best\u00e4ndiger Akteur in der linksextremistischen Szene geworden. Ein steuernder Einfluss von Linksextremisten auf die Klimabewegung ist weiterhin nicht feststellbar. Das linksextremistisch beeinflusste B\u00fcndnis \"Rheinmetall entwaffnen\" veranstaltete vom 3. bis 8. September antimilitaristische Aktionstage einschlie\u00dflich eines Protestcamps in Kiel. Kiel ist Standort diverser R\u00fcstungsund Zuliefererbetriebe sowie mehrerer Bundeswehreinrichtungen und stellt damit aus linksextremistischer Sicht einen wirkungsvollen Ort f\u00fcr antimilitaristische Aktionen dar. F\u00fcr die Aktionstage und das Camp wurde \u00fcber Monate bundesweit mit dem Ziel mobilisiert, \u00fcber ein m\u00f6glichst gro\u00dfes ProtestgeSeite 9","I \u00dcberblick schehen die Haltung gegen Waffenexporte, Aufr\u00fcstung und Krieg in die \u00f6ffentliche Wahrnehmung zu bringen. Au\u00dferdem diente das Camp der bundesweiten und spektren\u00fcbergreifenden Vernetzung der Teilnehmenden. Am Camp-und Protestgeschehen beteiligten sich neben linksextremistischen Einzelpersonen und Gruppierungen aus Schleswig-Holstein und dem Bundesgebiet auch Organisationen aus dem auslandsextremistischem Spektrum wie PKK-nahe Personen, t\u00fcrkische Linksextremistinnen und Linksextremisten sowie auch pro-pal\u00e4stinensisch eingestellte Personen. Keine Erfolge bei der Vernetzung ins zivilgesellschaftliche Spektrum Linksextremistinnen und Linksextremisten sind bestrebt, \u00fcber die Besetzung gesellschaftlich relevanter Themen eine Anschlussf\u00e4higkeit ins breite b\u00fcrgerliche Spektrum zu erreichen. Daf\u00fcr soll \u00fcber ein vorerst gem\u00e4\u00dfigtes Auftreten eine dauerhafte Ann\u00e4herung an diese Kreise erm\u00f6glicht werden, um daraufhin ihre linksextremistischen Ziele implementieren und verbreiten zu k\u00f6nnen. Ihr prim\u00e4res Ziel ist es, Personen f\u00fcr ihre verfassungsfeindlichen Ziele zu gewinnen und Einfluss auf die politische Meinungsbildung zu nehmen. Der linksextremistischen Szene gelang es \u00fcber alle Spektren auch im Berichtsjahr nicht, angestrebte Vernetzungen und eine intensivierte Zusammenarbeit mit dem zivilgesellschaftlichen Spektrum aufzubauen. \u00dcber eine gemeinsame Teilnahme an Protesten gegen die AfD und vorheriger gemeinsamer Mobilisierung ging die Zusammenarbeit nicht hinaus. Zudem ist nicht erkennbar, dass linksextremistische Gruppierungen einen signifikanten Einfluss auf gemeinsame Protestbewegungen aufbauen konnten. Insbesondere die Interventionistische Linke (IL) scheint ihre fr\u00fchere Scharnierfunktion zwischen dem b\u00fcrgerlichen Spektrum und linksextremistischen Akteuren hier verloren zu haben. Gewaltpotenzial unver\u00e4ndert hoch, keine steigende Militanz ersichtlich Die Gewaltbereitschaft in der schleswig-holsteinischen linksextremistischen Szene ist unver\u00e4ndert hoch, eine zunehmende, sich verstetigende Radikalisierung ist jedoch nicht ersichtlich. Die Bereitschaft insbesondere des gewaltorientierten undogmatischen Personenpotenzials zur Gewaltaus\u00fcbung kam im Berichtsjahr im Zusammenhang mit Protesten gegen den politischen Gegner wie die AfD, aber auch gegen Polizistinnen und Polizisten als nach linksextremistischer Ansicht Repr\u00e4sentantinnen und Repr\u00e4sentanten des repressiven Staates konkret in Form von K\u00f6rperverletzungen und Widerstand gegen bzw. t\u00e4tliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamtinnen und -beamte zur Umsetzung. Besonders die autonome Szene ist weiterhin durch eine hohe Neigung zu Aggression und Gewalt gekennzeichnet, die im Berichtsjahr spontan im Zusammenhang mit Demonstrationen oder Veranstaltungen des politischen Gegners, aber auch geplant zur Umsetzung kam. So wurde beispielsweise nach dem Outing eines vermeintlichen Rechtsextremisten dessen PKW in Brand gesetzt. Seite 10","I \u00dcberblick 4 \u00dcberblick: Extremismus mit Auslandsbezug Die mitgliederst\u00e4rksten Beobachtungsobjekte im Bereich des Extremismus mit Auslandsbezug in Schleswig-Holstein, die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die t\u00fcrkischen Rechtsextremisten (\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung) sowie die t\u00fcrkisch-linksextremistische Marxistische Leninistische Kommunistische Partei (MLKP), f\u00fchrten im Berichtsjahr ihre Veranstaltungen zun\u00e4chst \u00fcberwiegend im \u00fcblichen Turnus durch. Im September beteiligten sich insbesondere die Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger der MLKP sowie der PKK gemeinsam mit deutschen so genannten Internationalistinnen und Internationalisten und pro-pal\u00e4stinensischen Akteuren an dem \"antimilitaristischen\" Protestcamp des linksextremistisch beeinflussten B\u00fcndnisses Rheinmetall Entwaffnen (RME) in Kiel. Dieses RME-Camp bot eine M\u00f6glichkeit, sich intensiv und \u00fcberregional mit den zahlreichen unterschiedlichen Akteuren des linken Spektrums zu vernetzen. Seit Oktober des Berichtsjahres schien sich in der T\u00fcrkei eine Perspektive f\u00fcr eine politische L\u00f6sung des Kurdenkonfliktes zu er\u00f6ffnen - regierungsnahe Politiker erw\u00e4hnten die M\u00f6glichkeit einer Begnadigung des PKK-Gr\u00fcnders Abdullah \u00d6calan, sofern die PKK die Waffen niederlege. Am 23. Oktober durfte nach mehr als drei Jahren Kontaktsperre der inhaftierte PKK-Gr\u00fcnder Abdullah \u00d6calan Besuch empfangen, was die PKK-Anh\u00e4ngerschaft stets gefordert hatte. Am selben Tag ver\u00fcbte ein Sonderkommando der PKK-Guerilla in der t\u00fcrkischen Hauptstadt Ankara einen Anschlag auf ein R\u00fcstungsunternehmen, bei dem mehrere Personen starben bzw. verletzt wurden. Als Vergeltung bombardierte die t\u00fcrkische Luftwaffe kurdisch dominierte Gebiete mit mutma\u00dflichen PKK-St\u00fctzpunkten in Syrien und im Nordirak. In der Folgezeit zeichnete sich ab, dass die PKK-F\u00fchrung nicht bereit ist, auf ihre milit\u00e4rischen Einheiten als Machtbasis zu verzichten. Gleichwohl setzten wichtige politische Akteure in der T\u00fcrkei die Sondierungsgespr\u00e4che \u00fcber eine m\u00f6gliche L\u00f6sung der kurdischen Frage fort. In Deutschland und in Schleswig-Holstein blieben die Reaktionen der PKK-Anh\u00e4ngerschaft auf die Initiative der t\u00fcrkischen Regierung im Berichtszeitraum verhalten. Mehr Widerhall im Veranstaltungsgeschehen der PKK-Anh\u00e4ngerschaft fanden die Entwicklungen in Syrien: Nachdem die Milizen der islamistischen Organisation Hai'at Tahrir Ash-Sham (Komitee zur Befreiung der Levante - HTS) am 8. Dezember die syrische Hauptstadt Damaskus eroberten und das Assad-Regime st\u00fcrzten, \u00fcberwog in der PKK-Anh\u00e4ngerschaft die Bef\u00fcrchtung, dass die HTS mit Unterst\u00fctzung der T\u00fcrkei auch die kurdisch dominierten Siedlungsgebiete in Nordund Ostsyrien erobern k\u00f6nnte. Entsprechende Protestversammlungen gegen eine Besatzung dieser Gebiete, die im organisationsinternen Sprachgebrauch \"Rojava\" genannt werden, wurden bis zum Ende des Berichtsjahrs nicht nur in Kiel, sondern im gesamten Bundesgebiet von der PKK-Anh\u00e4ngerschaft organisiert bzw. besucht. Seite 11","I \u00dcberblick 5 \u00dcberblick: Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter Das Personenpotenzial der Reichsb\u00fcrgerund Selbstverwalterszene ist im Vergleich zum Vorjahr um rund 14 Prozent auf 800 Personen (2023: 700) angewachsen. Reichsb\u00fcrgerinnen und Reichsb\u00fcrger gehen vom Fortbestand des Deutschen Reichs aus, dessen Staatsangeh\u00f6rigkeit sie f\u00fcr sich in Anspruch nehmen; die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit lehnen sie ab. Der Bundesrepublik Deutschland sprechen Reichsb\u00fcrgerinnen und Reichsb\u00fcrger die Legitimit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t ab. Das Grundgesetz und die bestehende Rechtsordnung haben f\u00fcr sie keinen Bestand. Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter begr\u00fcnden ihre Rechtsauffassung mit historischen Gesetzestexten, einem selbst definierten Naturrecht oder mit aus dem Zusammenhang gerissenen Ausz\u00fcgen aus der Bibel. Nach dem Selbstverst\u00e4ndnis der Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter sind ihre \"selbst verwalteten Gebiete\" exterritorial. Sie geh\u00f6ren somit nicht zu Deutschland. Und auch die bundesrepublikanische Rechtsordnung gelte folglich nicht. Die Behauptung, die Bundesrepublik Deutschland als Staat existiere nicht, und die Ablehnung der bundesdeutschen Rechtsordnung sind zwei zentrale gemeinsame Ideologieelemente von Reichsb\u00fcrgern und Selbstverwaltern. Zur Reichsb\u00fcrgerszene geh\u00f6rt die \"Wahlkommission der K\u00f6niglich Preu\u00dfischen Provinz Schleswig-Holstein\" (WKSH) sowie die \"Internationale Organisation V\u00f6lkerrecht\" (IOV). Zum Spektrum der Selbstverwalter geh\u00f6ren das \"K\u00f6nigreich Deutschland\" (KRD), das am 13. Mai 2025 durch den Bundesinnenminister verboten wurde sowie die Gruppierung \"Indigenes Volk Germaniten\" (IVG). Seite 12","I \u00dcberblick 6 \u00dcberblick: Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates Die Szene der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates will das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in die freiheitliche demokratische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland untergraben und den Staat als autokratisch darstellen. Sie bedient sich regelm\u00e4\u00dfig Verschw\u00f6rungstheorien, antisemitischer Rhetorik und rechtsextremistischer Ideologien, einschlie\u00dflich der Gleichsetzung des parlamentarisch-demokratischen Rechtsstaats mit der NS-Diktatur. Dar\u00fcber hinaus werden Stereotype von Reichsb\u00fcrgern und Selbstverwaltern verwendet, um demokratische Prozesse zu delegitimieren. Die Entwicklung im Berichtsjahr deutete darauf hin, dass die Szene der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates ihren realweltlichen Zenit \u00fcberschritten haben d\u00fcrfte. Trotz r\u00fcckl\u00e4ufiger Aktivit\u00e4ten blieb die Szene aber in den Sozialen Medien aktiv. Da die Sozialen Netzwerke der Szene als Echokammer sowie zur Verbreitung von Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen jedweder Art dienen und Radikalisierungstendenzen insbesondere von Einzelpersonen in nicht unerheblichen Ma\u00dfe Vorschub leisten k\u00f6nnen, bleibt die Szene eine zwar deutlich kleinere, aber gleichwohl noch relevante Gr\u00f6\u00dfe im Spektrum verfassungsfeindlicher Gruppierungen. Seite 13","Seite 14","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK) Seite 15","Seite 16","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK)1 1 Allgemeines 1.1 Definition Der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t (PMK) werden Straftaten zugeordnet, wenn in W\u00fcrdigung der Umst\u00e4nde der Tat und/oder der Einstellung der T\u00e4terin oder des T\u00e4ters Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass die Taten * den demokratischen Willensbildungsprozess beeinflussen sollen, der Erreichung oder Verhinderung politischer Ziele dienen oder sich gegen die Realisierung politischer Entscheidungen richten, * sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung bzw. eines ihrer Wesensmerkmale, den Bestand und die Sicherheit des Bundes oder eines Landes richten oder eine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der Amtsf\u00fchrung von Mitgliedern der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes zum Ziel haben, * sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung bzw. eines ihrer Wesensmerkmale, den Bestand und die Sicherheit des Bundes oder eines Landes richten oder eine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der Amtsf\u00fchrung von Mitgliedern der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes zum Ziel haben, * durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, gegen eine Person wegen ihrer zugeschriebenen oder tats\u00e4chlichen politischen Haltung, Einstellung und/oder Engagements gerichtet sind bzw. aufgrund von Vorurteilen der T\u00e4terin oder des T\u00e4ters bezogen auf Nationalit\u00e4t, ethnische Zugeh\u00f6rigkeit, Hautfarbe, Religionszugeh\u00f6rigkeit, Weltanschauung, sozialen Status, physische und/oder psychische Behinderung oder Beeintr\u00e4chtigung, Geschlecht / sexuelle Identit\u00e4t, sexuelle Orientierung oder \u00e4u\u00dferes Erscheinungsbild begangen werden. Diese Straftaten k\u00f6nnen sich unmittelbar gegen eine Person oder Personengruppe, eine Institution oder ein Objekt / eine Sache richten, welche/s seitens der T\u00e4terin oder des T\u00e4ters einer der o. g. gesellschaftlichen Gruppen zugerechnet wird (tats\u00e4chliche oder zugeschriebene Zugeh\u00f6rigkeit) oder sich im Zusammenhang mit den vorgenannten Vorurteilen der T\u00e4terin oder des T\u00e4ters gegen ein beliebiges Ziel richten. Dar\u00fcber hinaus werden Tatbest\u00e4nde gem. SSSS 80a-83, 84-86a, 87-91, 94-100a, 102, 104, 105-108e, 109-109h, 129a, 129b, 130, 234a oder 241a Strafgesetzbuch (StGB) sowie des V\u00f6lkerstrafgesetzbuches (VStGB) als Staatsschutzdelikte erfasst. 1 Verfasser: Landeskriminalamt SH, Abteilung 3. Seite 17","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Politisch motivierte Gewaltkriminalit\u00e4t (PMK-Gewalt) ist die Teilmenge der PMK, die eine besondere Gewaltbereitschaft der Straft\u00e4terinnen oder des Straft\u00e4ters erkennen l\u00e4sst. Sie umfasst folgende Deliktsbereiche: * T\u00f6tungsdelikte, * K\u00f6rperverletzungen, * Brandund Sprengstoffdelikte, * Landfriedensbruch, * Gef\u00e4hrliche Eingriffe in den Schiffs-, Luft-, Bahnund Stra\u00dfenverkehr, * Freiheitsberaubung, * Raub, * Erpressung, * Widerstandsdelikte, * Sexualdelikte. 1.2 Ph\u00e4nomenbereiche der PMK Die PMK wird zudem in verschiedene Ph\u00e4nomenbereiche unterteilt: - Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t -rechts-, - Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t -links-, - Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t -ausl\u00e4ndische Ideologie-, - Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t -religi\u00f6se Ideologie-, - Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t -sonstige Zuordnung2. Die PMK wird durch den Polizeilichen Staatsschutz nach bundeseinheitlichen Richtlinien erfasst, um eine differenzierte und vergleichbare Auswertung und Lagedarstellung zu erm\u00f6glichen. 2 Der bisherige Ph\u00e4nomenbereich PMK -nicht zuzuordnen(PMK -NZ-) wurde zum 01.01.2023 inhaltsgleich in PMK -sonstige Zuordnung(PMK -SZ-) umbenannt. Der Ph\u00e4nomenbereich PMK -sonstige Zuordnungweist des \u00d6fteren \u00dcberschneidungen zu den \u00fcbrigen Ph\u00e4nomenbereichen auf. Insbesondere l\u00e4sst sich in der Bewertung der Sachverhalte immer wieder feststellen, dass sowohl in der deliktischen Kategorisierung als auch bei Betrachtung der subjektiven Leitlinien der handelnden Personen Bez\u00fcge zur PMK -rechtsvorliegen. Eine absolute Trennsch\u00e4rfe l\u00e4sst sich demnach nicht immer herstellen. Seite 18","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 2 Kernaussagen Nachfolgend werden die zentralen Erkenntnisse zur PMK in Schleswig-Holstein skizziert. * Erneut deutlicher Anstieg der Gesamtfallzahlen PMK - Anstieg um 942 Taten (+54,3 %) auf 2 677 Taten (2023: 1 735 Taten) * Entwicklung der Gewaltdelikte - Zunahme um 16 Delikte auf 153 Gewaltdelikte (2023: 137; +11,7 %) - Anteil der Gewaltdelikte an den Gesamtfallzahlen liegt bei 5,7 % (2023: 7,9 %) - 65 Gewaltdelikte im Bereich der PMK -rechts(2023: 81; -19,8 %) - Anteil der Gewaltdelikte im Bereich PMK -rechtsliegt bei 4,3 % (2023: 8,3 %) - 27 Gewaltdelikte im Bereich der PMK -links(2023: 12; +125 %) - Anteil der Gewaltdelikte im Bereich PMK -linksliegt bei 10,2 % (2023: 8,8 %) * Aufkl\u00e4rungsquoten - Aufkl\u00e4rungsquote PMK -gesamt-: 46,7 % (2023: 55,2 %) - Aufkl\u00e4rungsquote PMK -gesamtGewaltdelikte: 68 % (2023: 70,8 %) - Aufkl\u00e4rungsquote PMK -rechtsgesamt: 54,8 % (2023: 80,2 %) - Aufkl\u00e4rungsquote PMK -rechtsGewaltdelikte: 80 % (2023: 80,3 %) - Aufkl\u00e4rungsquote PMK -linksgesamt: 17,7 % (2023: 29,9 %) - Aufkl\u00e4rungsquote PMK -linksGewaltdelikte: 40,7 % (2023: 41,7 %) * Deutliche Zunahme PMK -rechts- - Zunahme um 541 Taten auf 1 516 (+55,5 %) - Regionale Schwerpunkte: L\u00fcbeck (198 Taten), Pinneberg (191 Taten), Kiel (172 Taten), sowie Ostholstein (120 Taten) * Deutliche Zunahme PMK -links- - Zunahme um 128 Taten auf 265 (+93,4 %) - Regionale Schwerpunkte: Pinneberg (56 Taten), Kiel (38 Taten), L\u00fcbeck (26 Taten) und Stormarn (24 Taten) Seite 19","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t * Zunahme PMK -ausl\u00e4ndische Ideologie- - Zunahme um 10 Taten auf 114 (+9,6 %) - Regionale Schwerpunkte: Kiel (25 Taten) und L\u00fcbeck (16 Taten) * Gleichbleibendes Fallzahlenniveau PMK -religi\u00f6se Ideologie- - R\u00fcckgang um 1 Tat auf 30 (-3,2 %) - Regionaler Schwerpunkt: Kiel (9 Taten) * Deutliche Zunahme PMK -sonstige Zuordnung- - Zunahme um 264 Taten auf 752 Taten (+54,1 %) - Regionale Schwerpunkte: Pinneberg (112 Taten), Rendsburg-Eckernf\u00f6rde (92 Taten), Segeberg (72 Taten), L\u00fcbeck (70 Taten) und Kiel (65 Taten) * Deutliche Zunahme bei Straftaten gegen Amtsund Mandatstr\u00e4ger/-innen - Zunahme um 116 Taten auf 229 Taten (+102,7 %) - Die Aufkl\u00e4rungsquote betr\u00e4gt 48,9 % (2023: 74,3 %). - Deliktischer Schwerpunkt: Beleidigungsdelikte (166 Taten) * Anstieg bei antisemitischen Straftaten - Anstieg um 11 Taten auf 126 Taten (+9,6 %) - Die Aufkl\u00e4rungsquote betr\u00e4gt 64,3 % (2023: 61,7 %). - Deliktischer Schwerpunkt: Volksverhetzung (100 Taten) * Leichter R\u00fcckgang bei Straftaten der \"Reichsb\u00fcrger / Selbstverwalter\" - R\u00fcckgang von 28 auf 24 Taten (-14,3 %) - Die Aufkl\u00e4rungsquote betr\u00e4gt 86,7 % (2023: 96,4 %). - Kein deliktischer Schwerpunkt feststellbar * Leichter Anstieg bei Straftaten im Kontext \"Russland-Ukraine-Konflikt\" - Leichter Anstieg von 74 auf 78 Taten (+5,4 %) - Die Aufkl\u00e4rungsquote betr\u00e4gt 33,3 % (2023: 51,4 %). - Deliktischer Schwerpunkt: Gegen Personen des politischen Lebens gerichtete Beleidigung (17 Taten) Seite 20","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t * Leichter Anstieg bei Straftaten im Kontext \"Hamas-Israel-Konflikt\" - Leichter Anstieg von 83 auf 88 Taten (+6 %) - Die Aufkl\u00e4rungsquote betr\u00e4gt 39,8 % (2023: 31,3 %). - Deliktischer Schwerpunkt: Volksverhetzung (33 Taten) * Deutliche Anstiege bei den Themenfeldern Straftagen gegen die sexuelle Orientierung und geschlechtsbezogene Identit\u00e4t, Hasskriminalit\u00e4t, Hasspostings, Tatmittel Internet und Frauenfeindlichkeit 3 Entwicklung der PMK in Schleswig-Holstein 3.1 Entwicklung der PMK von 2019 - 2024 Entwicklung der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t 3.000 2.677 2.500 2.000 1.735 1.500 1.414 1.264 1.322 1.033 1.000 500 84 102 137 153 66 77 - 2019 2020 2021 2022 2023 2024 PMK PMK Gewalt Im Berichtsjahr wurden in Schleswig-Holstein 2 677 Straftaten der PMK insgesamt registriert. Das bedeutet einen massiven Anstieg um 942 Taten (+54,3 %) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum und stellt ein Allzeithoch der PMK-Fallzahlen in SH dar. Die Zahl der erfassten Gewaltdelikte stieg im Erfassungszeitraum um 16 auf nunmehr 153 Taten (+11,7 %) und macht damit 5,7 % der gesamten PMK aus. Seite 21","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 3.2 Entwicklung der PMK in den Ph\u00e4nomenbereichen Entwicklung PMK - Ph\u00e4nomenbereiche 3.000 2.677 2.500 2.000 1.735 1516 1.500 975 1.000 752 488 500 265 137 104 114 31 30 - PMK gesamt PMK rechts PMK links PMK ausl. PMK relig. PMK sonstige Ideologie Ideologie Zuordnung 2023 2024 Mit Ausnahme des geringf\u00fcgigen R\u00fcckgangs von 1 Tat in dem Ph\u00e4nomenbereich PMK -religi\u00f6se Ideologie-, sind die Fallzahlen in den Themenfeldern PMK -rechtsum 541 Taten (+55,5 %), PMK -linksum 128 Taten (+93,4 %), PMK -sonstige Zuordnungum 264 Taten (+54,1 %) sowie PMK -ausl\u00e4ndische Ideologieum 10 Taten (+9,6 %) \u00fcberwiegend deutlich angestiegen. 3.3 Entwicklung der PMK-Gewalt in den Ph\u00e4nomenbereichen Enwicklung PMK-Gewalt - Ph\u00e4nomenbereiche 180 160 153 140 137 120 100 81 80 65 60 40 40 31 27 17 20 12 10 3 4 0 PMK Gewalt PMK rechts PMK links Gewalt PMK ausl. PMK relig. PMK sonstige gesamt Gewalt Ideologie Gewalt Ideologie Gewalt Zuordnung Gewalt 2023 2024 Seite 22","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t In der Gesamtentwicklung der PMK-Gewalt ist insgesamt eine Zunahme der Fallzahlen zu verzeichnen. In den Ph\u00e4nomenbereichen PMK -sonstige Zuordnungund PMK -ausl\u00e4ndische Ideologiesind die Fallzahlen zur Gewaltkriminalit\u00e4t jeweils im mittleren und unteren zweistelligen Bereich verblieben. Im Ph\u00e4nomenbereich PMK -religi\u00f6se Ideologiesind die Fallzahlen nahezu gleichbleibend im unteren einstelligen Bereich. Im Ph\u00e4nomenbereich PMK -rechtsist eine Abnahme von 16 Taten (-19,8 %) zu verzeichnen. Lediglich im Ph\u00e4nomenbereich PMK -linksist ein erheblicher Anstieg der Fallzahlen im unteren zweistelligen Bereich um 15 Taten (+125 %) festzustellen. 3.4 Entwicklung der PMK in den Kreisen und kreisfreien St\u00e4dten PMK - Regional 400 376 350 313 309 300 250 194 195 203 203 202 200 187 186 164 150 133 132 126 115 125 121 101 110 99 110 108 92 94 100 77 70 81 77 51 58 50 0 2023 2024 Bereits im Vorjahr waren der Kreis Pinneberg und die St\u00e4dte L\u00fcbeck und Kiel im Bereich PMK am st\u00e4rksten betroffen. Dar\u00fcber hinaus steigerten sich im Jahr 2024 die Fallzahlen im Kreis Pinneberg auf 376 Taten (+93,8 %) sowie in der Stadt L\u00fcbeck auf 313 Taten (+60,5 %) und der Stadt Kiel auf 309 Taten (+52,2 %). Hiernach verzeichnen diese Regionen auch im Jahre 2024 die h\u00f6chsten Fallzahlen. Seite 23","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 3.5 Entwicklung der PMK-Gewalt in den Kreisen und kreisfreien St\u00e4dten PMK-Gewalt - Regional 35 33 30 25 24 21 21 20 19 18 16 15 14 13 12 10 10 9 9 8 7 6 5 5 5 5 5 4 4 4 4 3 3 3 2 2 1 0 2023 2024 Im Bereich der PMK-Gewalt steigerten sich im Jahr 2024 die Fallzahlen in der Stadt Kiel von 18 auf 33 F\u00e4lle (+83,3 %). Der deutliche Anstieg in Kiel h\u00e4ngt mit Straftaten zusammen, die rund um das Demonstrationsgeschehen \"Rheinmetall entwaffnen\" begangen wurden. Der R\u00fcckgang der Fallzahlen in der Stadt Neum\u00fcnster l\u00e4sst sich auf das dort im Jahre 2023 durchgef\u00fchrte Rechtsrockkonzert zur\u00fcckf\u00fchren. Im Rahmen der Aufl\u00f6sung des Rechtsrockkonzerts kam es bereits zu insgesamt 19 Straftaten zum Nachteil von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten, die in der Statistik aus 2023 gef\u00fchrt werden. Der Wegfall dieser 19 Taten begr\u00fcndet die niedrigen Fallzahlen im Jahre 2024 f\u00fcr die Stadt Neum\u00fcnster. In den Kreisen Segeberg, Ostholstein und Dithmarschen ist der klare Anstieg keinem Themenkomplex zuzuordnen. Die Straftaten betreffen alle Deliktsarten, alle Ph\u00e4nomenbereiche sind gleichm\u00e4\u00dfig betroffen. Der Anstieg in Flensburg von 9 auf 14 F\u00e4lle (+55,6 %) ist auf den Ph\u00e4nomenbereich PMK -sonstige Zuordnung(+5 F\u00e4lle) zur\u00fcckzuf\u00fchren. Seite 24","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 4 Ph\u00e4nomenbereiche der PMK 4.1 Entwicklung der PMK -rechtsPMK -rechts1.600 1516 1.400 1.200 1.000 975 800 709 699 663 667 600 400 200 81 65 40 45 41 46 - 2019 2020 2021 2022 2023 2024 PMK rechts PMK rechts Gewalt Der PMK -rechtswurden im Betrachtungszeitraum 1 516 Straftaten zugeordnet, was im Vergleich zum Vorjahr einen erheblichen Zuwachs von 541 Straftaten bzw. 55,5 % bedeutet. Die Anzahl der rechten Gewalttaten reduzierte sich im Betrachtungszeitraum hingegen um 16 Taten auf 65 Taten (-19,8 %), wodurch sie nunmehr 4,3 % aller gemeldeten Straftaten im Bereich der PMK -rechts(2023: 8,3 %) ausmachen. K\u00f6rperverletzungen (61 von 65 F\u00e4llen bzw. 93,8 %) pr\u00e4gen die Gewaltkriminalit\u00e4t. Insgesamt konnten 52 Gewaltdelikte aufgekl\u00e4rt werden (80 %). In \u00fcber zwei Drittel der Gewalttaten im Bereich PMK -rechts(55 Straftaten = 84,6 %) wurde die Motivation als fremdenfeindlich bewertet. Im Jahr 2024 gab es zudem eine schwere Brandstiftung und einen versuchten Totschlag, die der PMK -rechtszugeordnet werden konnten. Diese beiden Straftaten konnten aufgekl\u00e4rt werden. Seite 25","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 4.2 Delikte der PMK -rechtsPMK -rechtsDelikte 800 756 700 600 491 500 400 310 300 198 200 178 116 100 87 31 44 48 31 45 28 13 0 SS 86a StGB SS 130 StGB SS 185 StGB SS 303 StGB SS 223 StGB SS 241 StGB SS 224 StGB 2023 2024 Der Bereich Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen (SS 86a StGB) macht mit 756 Straftaten den gr\u00f6\u00dften Anteil der gesamten festgestellten Kriminalit\u00e4t im Bereich der PMK -rechtsaus (49,9 %). Hierzu z\u00e4hlen insbesondere Darstellungen von Hakenkreuzen. Im Bereich der Volksverhetzung ist auch in diesem Jahr ein erneuter Anstieg zu verzeichnen (+ 112 Straftaten). Hierzu z\u00e4hlen auch die Straftaten, bei denen zur Melodie \"L'Amour toujours\" von Gigi D'Agostino ausl\u00e4nderfeindliche Parolen gesungen wurden. Bei fast der H\u00e4lfte der rechten Straftaten (45,4 %) wurde das Motiv der Fremdenfeindlichkeit mit den exemplarischen Unterthemen Ausl\u00e4nderfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit angenommen. Die Themenfelder \"Ukraine\" (13 Straftaten) und \"Israel/Pal\u00e4stina\" (8 Straftaten) haben im Betrachtungszeitraum an Bedeutung verloren. Der prozentual gr\u00f6\u00dfte Anstieg der Fallzahlen (+56 Straftaten, +180,6 %) ist im Bereich der Sachbesch\u00e4digung zu verzeichnen. Bei 25 der 87 Straftaten (28,7 %) wurden Wahlplakate im Zusammenhang mit der Europawahl besch\u00e4digt. Im Folgenden werden verschiedene Themenfelder der PMK -rechtsim Jahr 2024 behandelt. Delikte k\u00f6nnen je nach Motivation der T\u00e4terin oder des T\u00e4ters nur einem oder auch mehreren Themenfeldern zugeordnet werden. Seite 26","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Fremdenfeindlichkeit 689 von 1 516 Straftaten (45,4 %) weisen eine fremdenfeindliche Motivation auf. Im Jahr 2023 wurden 460 fremdenfeindliche Straftaten registriert, wodurch sich ein Anstieg in 2024 von 49,8 % zum Vorjahr ergibt. Als Teil der Hasskriminalit\u00e4t wurden diese Straftaten insbesondere aus einer feindlichen Haltung der T\u00e4terin oder des T\u00e4ters gegen\u00fcber einer Ethnie, einer Staatsangeh\u00f6rigkeit oder einer Religion begangen. Bei den Straftaten mit fremdenfeindlicher Motivation liegt die Aufkl\u00e4rungsquote bei 72,7 % (Vorjahr 75,4 %). W\u00e4hrend Volksverhetzungen mit 306 Straftaten (44,4 %) und Beleidigungen mit 162 Straftaten (23,5 %) den gr\u00f6\u00dften Anteil fremdenfeindlicher Delikte bildeten, sind die Propagandadelikte mit 77 Straftaten (11,2 %) im Verh\u00e4ltnis zu allen Straftaten des Ph\u00e4nomenbereichs PMK -rechtsunterrepr\u00e4sentiert. Im Vergleich zum Vorjahr ist mit +61,9 % bei den fremdenfeindlichen Volksverhetzungen, +42,5 % bei den Propagandadelikten und +45,9 % bei den Beleidigungen in allen drei Deliktsbereichen eine sehr deutliche Steigerung festzustellen. Au\u00dferdem wurden 35 Bedrohungen und 21 Sachbesch\u00e4digungen mit fremdenfeindlichem Hintergrund bekannt. Bei 55 Gewalttaten im Ph\u00e4nomenbereich PMK -rechtswurde eine fremdenfeindliche Motivation festgestellt. Es konnten 44 Straftaten (80%) aufgekl\u00e4rt werden. Diese 55 fremdenfeindlichen Gewalttaten setzen sich aus 1 versuchten Totschlag, 1 t\u00e4tlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte, 1 schwere Brandstiftung, 11 gef\u00e4hrlichen und 41 einfachen K\u00f6rperverletzungen zusammen. Folgende Tatbeispiele lassen sich skizzieren: * Im Fall des versuchten Totschlags \u00e4u\u00dferte der Beschuldigte zun\u00e4chst, dass er alle Ausl\u00e4nder hasse. Er ging dann auf den ihm nicht bekannten Gesch\u00e4digten zu und versuchte, diesen mittels Messer im Oberk\u00f6rperbereich zu verletzen. Durch Abwehrhandlungen konnte der Gesch\u00e4digte Verletzungen entgehen. Zur Motivation befragt gab der Beschuldigte an, alle Ausl\u00e4nder, Queere und politische Gegner zu hassen. * Beim t\u00e4tlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte kam es zuerst zu volksverhetzenden Beleidigungen gegen\u00fcber den eingesetzten Beamten. Ein Beamter mit westasiatischem Ph\u00e4notyp wurde als \"Kanacke\" betitelt. Im weiteren Verlauf versuchte der Beschuldigte Kopfn\u00fcsse zu verteilen und in Richtung Kopf der eingesetzten Beamten zu treten. * Im Falle der Brandstiftung vergoss der psychisch auff\u00e4llige Beschuldigte im Eingangsbereich eines Mehrfamilienhauses Treibstoff und entz\u00fcndete diesen. Die Fl\u00fcssigkeit geriet aus unbekannten Gr\u00fcnden nicht in Brand. Die iranisch st\u00e4mmigen Bewohner waren nicht vor Ort. Vorausgegangen sollen ausl\u00e4nderfeindliche Beschimpfungen durch den Beschuldigten sein. Urs\u00e4chlich f\u00fcr viele der fremdenfeindlichen Gewalttaten waren Streitigkeiten, einhergehend mit Beleidigungen. Seite 27","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Gegen den Staat Von den 1 516 der PMK -rechtszugeordneten Straftaten im Jahr 2024 richteten sich 81 (5,3 %) direkt gegen den deutschen Staat, dessen Einrichtungen und Symbole. Taten dieser Art konnten zu 69,1 % aufgekl\u00e4rt werden. Als gr\u00f6\u00dfte Deliktsfelder bei Taten gegen den deutschen Staat, dessen Einrichtungen und Symbolen stellten sich Propagandadelikte mit 33 (40,7 %), Beleidigungen mit 19 (23,5 %) und Volksverhetzung mit 12 (14,8 %) Delikten heraus. 49 der Straftaten gegen den Staat richten sich gegen die Polizei (60,5 %). Im Vergleich zum Jahr 2023 (23) ist f\u00fcr das Jahr 2024 ein R\u00fcckgang von 21 auf insgesamt 2 rechte Gewalttaten gegen den Staat zu verzeichnen. Die hohe Fallzahl aus 2023 l\u00e4sst sich zur\u00fcckf\u00fchren auf das am 04. M\u00e4rz 2023 in Neum\u00fcnster stattgefundenen rechtsextreme Konzert \"Der Norden rockt\". Bei den beiden Gewaltdelikten handelte es sich um t\u00e4tliche Angriffe gegen Vollstreckungsbeamte (Polizei). Politische Gegner Im Jahr 2024 wurden \"politische Gegner\" 135 Mal das Ziel von rechts motivierten Straftaten, was eine Steigerung von 181,3 % zum Vorjahr bedeutet. In 24 F\u00e4llen (17,8 %) konnte ein Tatverd\u00e4chtiger ermittelt werden. Bei den Straftaten gegen politische Gegner handelt es sich um 36 Propagandadelikte, 6 Volksverhetzungen, 54 Sachbesch\u00e4digungen,19 Beleidigungen, 5 K\u00f6rperverletzung, 6 Bedrohung und 4 Diebst\u00e4hle, 3 \u00f6ffentlichen Aufforderungen zu Straftaten, 1 Belohnung und Billigung von Straftaten und 1 Straftat nach dem Kunsturheberrechtsgesetz. Von diesen 135 Straftaten waren 66 direkt gegen eine linke politische Einstellung gerichtet. Neben 25 Sachbesch\u00e4digungen und 21 Taten des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen wurden 4 F\u00e4lle der Gewaltkriminalit\u00e4t bekannt. Bei den restlichen Taten handelt es sich um Volksverhetzungen, Beleidigungen und Diebstahlsdelikte. Die exemplarisch dargestellten Gewalttaten beinhalten nachfolgende Sachverhalte: * Im M\u00e4rz 2024 kam es nach einer verbalen Auseinandersetzung zwischen einem selbst ernannten AfD-Sympathisanten und einer Gesch\u00e4digten, die der Beschuldigte dem linken Spektrum zuordnete, zu einem k\u00f6rperlichen Angriff. In dessen Verlauf wurde die Gesch\u00e4digte mehrfach mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. * Im Oktober 2024 wurde ein Gesch\u00e4digter \u00fcberraschend durch einen Unbekannten mit dem Ellenbogen gegen Kopf geschlagen. Der Gesch\u00e4digte st\u00fcrzte und wurde am Boden liegend mehrfach gegen den Kopf getreten. Der Gesch\u00e4digte trug zum Tatzeitpunkt eine Trainingsjacke des Fu\u00dfballvereins \"Roter Stern L\u00fcbeck\". Seite 28","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t * Auch bei der dritten Gewalttat wurde der Gesch\u00e4digte auf Grund seiner Kleidung angegangen. Im November 2024 wurde dem Gesch\u00e4digten unvermittelt durch eine unbekannte Person mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Der Gesch\u00e4digte war zum Tatzeitpunkt mit einem T-Shirt mit dem Aufdruck \"P\u00f6bel MC\" bekleidet. Bei \"P\u00f6bel MC\" handelt es sich um einen politisch links eingestellten Rapper. Bei den \u00fcbrigen 69 der 135 Straftaten gegen politische Gegner, die nicht dem linken Spektrum zuzuordnen sind, handelt es sich um 15 Propagandadelikte, 4 Volksverhetzungen, 27 Sachbesch\u00e4digungen,10 Beleidigungen, 2 K\u00f6rperverletzung, 5 Bedrohung und 2 Diebst\u00e4hle, 2 \u00f6ffentlichen Aufforderungen zu Straftaten, 1 Belohnung und Billigung von Straftaten und 1 Straftat nach dem Kunsturheberrechtsgesetz. Im Zusammenhang mit den Europawahlen vom 09. Juni 2024 kam es zur Registrierung von insgesamt 38 Straftaten im Bereich der PMK -rechts-. Diese 38 Taten setzen sich aus 9 Propagandadelikten, 25 Sachbesch\u00e4digungen, 3 Beleidigungen gegen Personen des politischen Lebens und 1 Diebstahl zusammen. In allen F\u00e4llen wurden im \u00f6ffentlichen Raum aufgestellte Wahlplakate angegangen. \u00dcberproportional betroffen waren Plakate der SPD (16 Taten) und des \"B\u00fcndnis 90/Die Gr\u00fcnen\" (10 Taten). 4.3 Entwicklung der PMK -linksPMK -links450 400 383 350 300 265 253 250 230 200 144 137 150 100 50 30 27 22 21 12 10 0 2019 2020 2021 2022 2023 2024 PMK links PMK links Gewalt 265 der PMK -linkszuzuordnenden Straftaten im Jahr 2024 bedeuten im Vergleich zum Vorjahr eine Zunahme von 128 F\u00e4llen bzw. 93,4 %. Die Zahl der erfassten Gewaltdelikte stieg ebenfalls um 15 Taten (+125 %). Im Vergleich zum Vorjahr (29,9 %) sank die Aufkl\u00e4rungsquote auf 17,7 %. Von den 27 Gewaltdelikten konnten 11 (40,7 %) aufgekl\u00e4rt werden. Seite 29","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Die 27 Gewalttaten beinhalten 6 gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzungen, 5 einfache K\u00f6rperverletzungen, 11 t\u00e4tliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte, 3 Brandstiftungen und 2 gef\u00e4hrliche Eingriffe in den Stra\u00dfenverkehr. Eine H\u00e4ufung der Gewalttaten ist in der Stadt Kiel mit 13 Taten zu verzeichnen. Davon stehen 11 Straftaten im Zusammenhang mit dem Protestcamp \"Rheinmetall entwaffnen\". 4.4 Delikte der PMK -linksPMK -linksDelikte 160 149 140 120 100 80 70 60 40 31 20 14 13 12 11 6 6 9 2 4 0 SS 303 StGB SS 242 StGB SS 185 StGB SS 304 StGB SS 114 StGB SS 188 StGB 2023 2024 Die Straftaten im Ph\u00e4nomenbereich PMK -linkswurden 2024 durch Sachbesch\u00e4digungen, Diebst\u00e4hle und Beleidigungen dominiert. Die Sachbesch\u00e4digungen umfassen dabei wie schon in den vergangenen zwei Jahren mit 149 Taten mehr als die H\u00e4lfte (56,2 %) der registrierten Straftaten. Im Folgenden werden verschiedene Themenfelder der PMK -linksim Jahr 2024 behandelt. Straftaten k\u00f6nnen je nach Motivation der T\u00e4terin oder des T\u00e4ters nur einem oder auch mehreren Themenfeldern zugeordnet werden. Antifaschismus/\"gegen rechts\" Das bedeutendste Themenfeld der PMK -linkswar im Jahr 2024 erneut der Antifaschismus. Der von linksmotivierten Straft\u00e4terinnen und Straft\u00e4tern ver\u00fcbte \"Kampf gegen rechts\" zeichnete sich vor allem durch Sachbesch\u00e4digungen aus. Den Themenfeldern Antifaschismus und \"gegen rechts\" sind 200 Taten (75,5 %) zuzuordnen (2023: 63 Taten). In diesem Zuge wurden im Berichtsjahr 6 K\u00f6rperverletzungen, 3 Brandstiftungen und 1 gef\u00e4hrlicher Eingriff in den Stra\u00dfenverkehr begangen. Die Seite 30","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t nachfolgend beispielhaft aufgelisteten Straftaten richteten sich gegen Mitglieder der Partei \"Alternative f\u00fcr Deutschland\" (AfD) oder standen in Zusammenhang mit Veranstaltungen der AfD. * In einem Fall kam es im Rahmen eines Infostandes der AfD zu einer k\u00f6rperlichen Auseinandersetzung zwischen den Betreibern des Standes und zweier dem linken Spektrum zuzuordnenden Passanten. * Des Weiteren kam es im Rahmen einer politischen Feier der AfD vor dem Veranstaltungsort zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen Mitgliedern der AfD und Teilnehmern einer Demonstration. Im weiteren Verlauf wurden durch Demonstranten Feuerwerksk\u00f6rper in Richtung der AfD-Mitglieder geworfen, hierdurch wurde eine unbeteiligte Servicekraft am Kopf verletzt. * In einem anderen Fall kam es im Vorwege eines AfD-Parteitages zu einem Aufbringen einer unbekannten S\u00e4ure auf der Herrentoilette der Tagungsst\u00e4tte. * Ferner wurde ein Gesch\u00e4digter auf dem Weg zu der Kundgebung \"Gegen importierte Gewalt\" von einem Gegendemonstranten k\u00f6rperlich angegangen. * Auch wurde durch Gemeindemitarbeiter mitgeteilt, dass an einer Bushaltestelle Antifa-Aufkleber aufgebracht waren, unter denen sich Rasierklingen befanden. Die Klingen h\u00e4tten bei unachtsamer Entfernung Verletzungen hervorgerufen. * Im Rahmen des Landesparteitages der AfD wurde ein Polizeibeamter durch das Schlagen mit einer Fahnenstange durch Gegendemonstranten verletzt. * Bei den drei Brandstiftungen handelt es sich um drei in Brand gesetzte Fahrzeuge. Zwei Gesch\u00e4digte sind Mitglieder in der AfD, ein Gesch\u00e4digter ist Funktionstr\u00e4ger in der \"Jungen Alternative\" (Jugendorganisation der AfD). * Im Rahmen einer Demonstration warf ein Veranstaltungsteilnehmer einen Gegenstand auf einen fahrenden PKW. In diesem sa\u00dfen zwei Mitglieder der AfD-Fraktion des Bundestages. Insgesamt wurden 107 Taten in Zusammenhang mit der AfD im Berichtsjahr 2024 erfasst, wobei 1 Tat zum Nachteil von Polizeivollzugsbeamtinnen und -beamten begangen wurden, die auf einer AfD-Veranstaltung eingesetzt waren. Die 106 \u00fcbrigen Taten zum Nachteil der AfD weisen ein breites Spektrum an Deliktsfeldern auf (neben den oben genannten F\u00e4llen u.a. Beleidigung, Diebstahl, Bedrohung, N\u00f6tigung, Sachbesch\u00e4digung). Seite 31","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Straftaten im Zusammenhang mit der Europawahl am 09. Juni 2024 Ein weiteres bestimmendes Themenfeld der PMK -linksim Berichtsjahr 2024 stellen Straftaten im Zusammenhang mit der Europawahl am 09. Juni 2024 dar (70 Taten). In 42 F\u00e4llen wurden Wahlplakate besch\u00e4digt, davon 38 der AfD. In 25 F\u00e4llen wurden Wahlplakate der AfD entwendet. Straftaten gegen den Staat, seine Einrichtungen und Symbole Ein weiteres bestimmendes Themenfeld der PMK -linksim Berichtsjahr 2024 stellen Straftaten gegen den Staat, seine Einrichtungen und Symbole dar. Darunter sind Straftaten zum Nachteil von politischen Parteien und der Polizei einzuordnen. * Im Zusammenhang mit der Europawahl kam es zu zahlreichen Sachbesch\u00e4digungen an Wahlplakaten, insbesondere an Plakaten der AfD. * Vom 03. September 2024 bis zum 08. September 2024 kam es zu einem Protestcamp des B\u00fcndnisses \"Rheinmetall entwaffnen\" in Kiel. In diesem Zusammenhang kam es zu 8 t\u00e4tlichen Angriffen auf Polizeibeamtinnen und -beamte (SS 114 StGB) und 2 gef\u00e4hrlichen K\u00f6rperverletzungen zum Nachteil von Polizeibeamtinnen und -beamten (SS 224 StGB). In 7 F\u00e4llen kam es zu Beleidigungen von Personen des politischen Lebens (SS 188 StGB). * Durch die \"Zentrale Meldestelle f\u00fcr strafbare Inhalte im Internet\" (ZMI) im BKA wurde zudem folgender Sachverhalt mitgeteilt: Der Beschuldigte postete \u00f6ffentlich auf der Plattform X zu einem Post der AfD-Politikerin Dr. Alice Weidel \"Du dummes Nazischwein halt einfach deine Fresse mit deiner schei\u00df L\u00fcgenpropaganda und Menschenfeindlichkeit. In der Revolution wirst du als erstes gek\u00f6pft\". \u00d6kologie Straftaten im Themenfeld \u00d6kologie stellten im Berichtsjahr mit 10 F\u00e4llen eine untergeordnete Rolle dar. Folgende Taten k\u00f6nnen beispielhaft skizziert werden: * Im Berichtszeitraum kam es durch Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppierung \"Letzte Generation\" zu einer Aktion auf dem Flughafen Sylt, bei der die Beschuldigten sich unerlaubt gewaltsam Zugang zum Flughafengel\u00e4nde verschafften. Ein Beschuldigter wurde am besch\u00e4digten Zaun des Flughafens festgestellt. Zwei Beschuldigte drangen bis zu einem Privatflugzeug vor. Beide versuchten, sich auf den Tragfl\u00e4chen des Flugzeugs festzukleben. Seite 32","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t * In Brunsb\u00fcttel kam es an der Baustelle des LNG Terminals \"West Jetty\" zu einer Besetzungsaktion der dort befindlichen Arbeitsger\u00e4te durch 47 Personen, die der Gruppierung \"Ende Gel\u00e4nde\" zuzuordnen waren. Zudem gelangten einige Personen mittels Schlauchbooten zu einem schwimmenden Ponton, auf dem sich ein Kran befand. Weitere Personen haben sich in einem so genannten \"Tripod\" aufgehalten, welches die Beschuldigten vor Ort selbst errichteten. Es handelte sich um eine Protestaktion gegen LNG. Es kam zu einer k\u00f6rperlichen Auseinandersetzung zwischen den Mitgliedern von \"Ende Gel\u00e4nde\" und einem Mitarbeiter, wobei sich dieser leicht verletzte. * In Kiel haben sich vier Beschuldigte unbefugt in den Sicherheitsbereich des \"Port of Kiel\" begeben, welcher durch unbefugte Personen nicht betreten werden darf. Es wurde ein Banner mit der Aufschrift \"Mit Vollgas in die Klimakrise\" ausgerollt. Zudem habe eine Person einen Rauchtopf gez\u00fcndet. Zum selben Zeitpunkt hat sich ein Kreuzfahrtschiff der \"AIDA\" im Hafenbereich befunden. Antimilitarismus/R\u00fcstung/Bundeswehr Dem Thema \"Antimilitarismus/R\u00fcstung/Bundeswehr\" bekam auf Grund des Protestcamps \"Rheinmetall entwaffnen\" in Kiel in 2024 wieder mehr Bedeutung zu. Der Protest richtete sich nicht nur gegen Rheinmetall, sondern auch gegen andere R\u00fcstungsunternehmen in Kiel. Ein besonderes Augenmerk wurde auf TKMS gelegt, da dort U-Boote f\u00fcr den israelischen Staat gefertigt werden. Daraus resultierte eine rege Beteiligung der pro-pal\u00e4stinensischen Community an den Versammlungen. Bestimmend war jedoch das B\u00fcndnis RME. Es konnte eine bundesweite Mobilisierung festgestellt werden. In der Spitze waren bis zu 500 teilnehmende Personen im Protestcamp. Am 07. September 2024 kam es zu einem angemeldeten Aufzug von 1 000 Teilnehmenden vor das Werksgel\u00e4nde von TKMS. Es ist zu konstatieren, dass sowohl die Gesamtzahlen der PMK -linksals auch die Gewaltdelikte einem st\u00e4rkeren Aufw\u00e4rtstrend unterliegen. Die linke Szene ist mit ihren unterschiedlichen ideologischen Bezugsthemen vielseitig aufgestellt. Ein Teil der Szene betrachtet dabei auch Gewalt als legitimes Mittel, um politische Ziele zu erreichen. Diese Gewalt \u00e4u\u00dfert sich im Wesentlichen in versammlungstypischen Straftaten, Sachbesch\u00e4digungen und Brandstiftungen, vornehmlich zum Nachteil des politischen Gegners sowie polizeilicher Einsatzkr\u00e4fte. Seite 33","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 4.5 Entwicklung der PMK -ausl\u00e4ndische IdeologiePMK -ausl\u00e4ndische Ideologie120 114 104 100 92 80 60 40 20 16 17 14 10 7 7 4 2 0 0 2019 2020 2021 2022 2023 2024 PMK ausl\u00e4ndische Ideologie PMK ausl\u00e4ndische Ideologie Gewalt Der PMK -ausl\u00e4ndische Ideologiewurden im Jahr 2024 insgesamt 114 Straftaten zugeordnet. Hieraus ergibt sich im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs von 10 Taten bzw. 9,6 %. Die Zahl der erfassten Gewaltdelikte stieg im Erfassungszeitraum von 10 Taten in 2023 auf nunmehr 17 Taten (+70 %), von denen 14 aufgekl\u00e4rt werden konnten (82,4 %). Die Aufkl\u00e4rungsquote der politisch motivierten Straftaten mit ausl\u00e4ndischer Ideologie insgesamt lag bei 57,9 % (2023: 55,8 %). Seite 34","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 4.6 Delikte der PMK -ausl\u00e4ndische IdeologiePMK -ausl\u00e4ndische IdeologieDelikte 30 26 25 20 20 19 16 15 14 13 12 10 9 8 8 8 6 5 4 4 0 SS 130 StGB SS 185 StGB SS 303 StGB SS 86a StGB SS 223 StGB SS 140 StGB SS 224 StGB 2023 2024 Den deliktischen Schwerpunkt im Ph\u00e4nomenbereich PMK -ausl\u00e4ndische Ideologiestellt, wie im Jahre 2023 (20 Taten) der SS 130 StGB (Volksverhetzung) mit 26 Taten dar. Die 17 Gewaltdelikte unterteilen sich in 12 K\u00f6rperverletzungen gem. SS 223 StGB, 4 Gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzungen gem. SS 224 StGB und 1 Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gem. SS 113 StGB. Hierbei handelt es sich \u00fcberwiegend um Auseinandersetzungen auf Grund der Zugeh\u00f6rigkeit einer bestimmten Nation bzw. Ethnie. Ein starker Anstieg ist im Bereich der Beleidigungen erkennbar, ohne dass sich ein Schwerpunkt auf bestimmte Themen feststellen l\u00e4sst. Im Kontext T\u00fcrkei wurden im Rahmen des Asylverfahrens 1 Fall \u00fcbermittelt, bei dem der Verdacht bestand, dass sich der Asylsuchende der Unterst\u00fctzung einer terroristischen Vereinigung im Ausland (PKK) strafbar gemacht haben k\u00f6nnte. Seite 35","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 4.7 Entwicklung der PMK -religi\u00f6se IdeologiePMK -religi\u00f6de Ideologie35 31 30 30 25 24 20 19 16 15 10 9 5 4 4 3 3 2 0 0 2019 2020 2021 2022 2023 2024 PMK religi\u00f6se Ideologie PMK religi\u00f6se Ideologie Gewalt Dem seit 2017 gesondert erfassten Bereich PMK -religi\u00f6se Ideologiekonnten im Jahr 2024 30 Straftaten zugeordnet werden. Der R\u00fcckgang im Vergleich zum Vorjahr um 1 Tat (-3,2 %) zeigt ein gleichbleibendes Fallzahlenniveau. Die Zahl der Gewaltdelikte erh\u00f6hte sich im Betrachtungszeitraum, bei absolut ebenfalls sehr geringen Fallzahlen, von 3 auf 4 (1 K\u00f6rperverletzung gem. SS 223 StGB, 2 Gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzung gem. SS 224 StGB, 1 Schwere Brandstiftung gem. SS 306a StGB). Gewaltdelikte machten somit einen Anteil von 13,3 % an der Gesamtzahl der Straftaten im Ph\u00e4nomenbereich -religi\u00f6se Ideologieaus. Alle Taten sind dem Themenfeld \"Islamismus\" zuzurechnen. Die Entwicklung der PMK -religi\u00f6se Ideologieverbleibt damit bei den traditionell absolut sehr geringen Fallzahlen. Seite 36","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 4.8 Delikte der PMK -religi\u00f6se IdeologiePMK -religi\u00f6se IdeologieDelikte 8 7 7 6 6 5 5 4 4 4 3 3 3 3 3 2 2 2 2 2 1 1 1 0 0 SS 126 StGB SS 86 StGB SS 89a StGB SS 130 StGB SS 241 StGB SS 224 StGB SS 86a StGB SS 129a,b StGB 2023 2024 Die Straftaten im Ph\u00e4nomenbereich PMK -religi\u00f6se Ideologiewurden 2024 im Wesentlichen gepr\u00e4gt durch St\u00f6rungen des \u00f6ffentlichen Friedens durch die Androhung von Straftaten und das Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger und terroristischer Organisationen. 5 der 30 gemeldeten F\u00e4lle waren der Deliktsgruppe des Terrorismus zuzuordnen (2023: 4 Taten). Bei diesen 5 Verfahren handelte es sich um 1 Verfahren gem. SSSS 129a, b StGB (Mitgliedschaft / Unterst\u00fctzung einer terroristischen Vereinigung im Ausland) und 4 Verfahren wegen SS 89a StGB (Vorbereitung einer schweren staatsgef\u00e4hrdenden Gewalttat). Beispielhaft sei hier der folgende Sachverhalt aus dem Betrachtungszeitraum genannt: * Im Fr\u00fchjahr 2024 erreichte das Landeskriminalamt Schleswig-Holstein \u00fcber das Bundeskriminalamt ein Hinweis eines ausl\u00e4ndischen Nachrichtendienstes. Demnach habe ein in Schleswig-Holstein lebender Jugendlicher vor, ein Attentat auf ein Konsulat in Deutschland zu begehen. Er wurde zun\u00e4chst in Gewahrsam genommen und anschlie\u00dfend wieder freigelassen. Die weiteren intensiven Ermittlungen in den folgenden Monaten ergaben Anzeichen f\u00fcr eine fortschreitende islamistische Radikalisierung. Im November 2024 konnte der Jugendliche in Untersuchungshaft genommen werden, nachdem die Ermittlungen eine Konkretisierung von Anschlagspl\u00e4nen ergaben. Die restlichen 25 Straftaten unterteilten sich in 5 Taten wegen St\u00f6rung des \u00f6ffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten gem. SS 126 StGB, 4 Taten wegen Verbreitung von Propagandamitteln verfassungswidriger und terroristischer Organisationen gem. SS 86 StGB sowie 2 Taten wegen Verbreitung von Kennzeichen o.g. Organisationen Seite 37","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t gem. SS 86a StGB. Au\u00dferdem wurden jeweils 3 Taten wegen Volksverhetzung gem. SS 130 StGB und Bedrohung gem. SS 241 StGB sowie 2 Taten wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung gem. SS 224 StGB registriert. Weitere Straftaten wie die Belohnung und Billigung von Straftaten, Vort\u00e4uschen einer Straftat, K\u00f6rperverletzung, Sachbesch\u00e4digung, Gemeinsch\u00e4dliche Sachbesch\u00e4digung und die (versuchte) schwere Brandstiftung gem. der SSSS 140, 145d, 223, 303, 304, 306a StGB wurden jeweils einmal registriert. Bez\u00fcglich der Motivlage unterteilten sich die Straftaten wie folgt: 3 Straftaten waren rein islamistisch/fundamentalistisch motiviert, 1 Straftat richtete sich gegen den Staat und seine Einrichtungen und Symbole und bei 7 Straftaten lagen mehrere Auspr\u00e4gungen gleichzeitig vor. Hinzu kamen bei diesen Straftaten neben den zuvor genannten auch Christen-/Fremdenfeindlichkeit und die Bildungspolitik. Insgesamt 11 Straftaten waren salafistisch motiviert und zielten im Wesentlichen auf eine Unterst\u00fctzung des sog. \"Islamischen Staates\" ab. Davon waren insgesamt 6 Straftaten gem. SSSS 89a, 86 StGB, 2 gem. SS 126 StGB und jeweils 1 nach SSSS 145d, 223, 241 StGB. Die \u00fcbrigen 8 Straftaten betrafen zum nicht unerheblichen Anteil inhaltlich und auch in der Art der Auspr\u00e4gung (z.B. gleichzeitig antisemitisch und Bezug zu Pal\u00e4stina / Israel) den noch andauernden Nahost-Konflikt. Grunds\u00e4tzlich ist festzustellen, dass aufgrund der Erfassungsrichtlinien eine Vielzahl der im Ph\u00e4nomenbereich bearbeiteten Straftaten und Gefahrenabwehrvorg\u00e4nge im vorliegenden Berichtsjahr nicht miterfasst werden, sodass die Zahlen f\u00fcr den Bereich der PMK -religi\u00f6se Ideologienur eine begrenzte Aussagekraft aufweisen. Seite 38","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 4.9 Entwicklung der PMK -sonstige ZuordnungPMK -sonstige Zuordnung800 752 700 600 500 471 488 400 368 300 200 134 115 100 24 31 40 9 8 11 0 2019 2020 2021 2022 2023 2024 PMK Sonstige Zuordnung PMK Sonstige Zuordnung Gewalt Mit 752 Straftaten der PMK -Sonstige Zuordnungim Jahr 2024 ist ein deutlicher Anstieg um 264 Taten bzw. 54,1 % im Vergleich zum Vorjahr feststellbar. In diesem Ph\u00e4nomenbereich konnten 284 (37,8 %) der Straftaten aufgekl\u00e4rt werden. 40 (5,3 %) der insgesamt 752 in diesem Ph\u00e4nomenbereich begangenen Straftaten waren Gewaltdelikte (2023: 6,4 %). Dies entspricht einer Zunahme von 9 F\u00e4llen bzw. 29 %. In 23 F\u00e4llen (57,5 %) konnte eine T\u00e4terin bzw. ein T\u00e4ter ermittelt werden. Den Gro\u00dfteil der Gewaltdelikte machten die einfachen K\u00f6rperverletzungen gem. SS 223 StGB aus. Hier ist ein leichter Anstieg um 5 Taten von 16 auf 21 Taten in 2024 gegen\u00fcber 2023 zu verzeichnen. Auch die Zahlen der gef\u00e4hrlichen K\u00f6rperverletzungen gem. SS 224 StGB sind von 7 auf 8 Taten leicht angestiegen. Die Zahl der Widerstandshandlungen und t\u00e4tliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte ist von 1 Tat auf 4 Taten angestiegen. Hinzu kommt 1 t\u00e4tlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte (SS 114 StGB). Weiterhin wurden im Berichtszeitraum zus\u00e4tzlich 1 Landfriedensbruch (SS 125 StGB) und 5 gef\u00e4hrliche Eingriffe in den Stra\u00dfenverkehr (SS 315 b StGB) bekannt. Seite 39","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 4.10 Delikte der PMK -sonstige ZuordnungPMK -sonstige ZuordnungDelikte 250 237 200 150 141 120 100 96 83 78 54 55 50 44 34 35 38 16 21 0 SS 303 StGB SS 185 StGB SS 86a StGB SS 188 StGB SS 242 StGB SS 130 StGB SS 223 StGB 2023 2024 Die Straftaten im Ph\u00e4nomenbereich wurden 2024, wie auch in den Jahren zuvor, im Wesentlichen durch Sachbesch\u00e4digungen sowie Propagandaund Beleidigungsdelikte und weniger durch K\u00f6rperverletzungsoder Bedrohungsdelikte gepr\u00e4gt. Der signifikante Anstieg der Fallzahlen (+264 Taten) resultiert demnach vor allem durch die Zunahme von Sachbesch\u00e4digungen gem. SS 303 StGB (+96 Taten), Beleidigungen gem. SS 185 StGB (+66 Taten) und Beleidigungen/\u00fcble Nachrede/Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens gem. SS 188 StGB (+44 Taten). Besonders zu betrachtende Themenfelder in diesem Ph\u00e4nomenbereich werden im Folgenden dargestellt: Straftaten im Zusammenhang mit Wahlen Insgesamt gab es 239 Taten (2023: 125 Taten), die im Zusammenhang mit Wahlen standen. 227 Taten entfallen allein auf Beleidigung gegen Personen des politischen Lebens (27 Taten) sowie Diebstahls(43 Taten) und Sachbesch\u00e4digungsdelikte (157 Taten) mit dem Angriffsziel Wahlplakat. Alle Parteien sind in diesem Zusammenhang gleich betroffen. Seite 40","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Weitere Straftaten im Zusammenhang mit dem Wahlkampfgeschehen waren: * 2 \u00f6ffentliche Aufforderungen von Straftaten (SS 111 StGB): In einem Fall wurde in einer Chatgruppe dazu aufgerufen, Wahlplakate der Partei \"B\u00fcndnis 90/Die Gr\u00fcnen\" zu entfernen. In dem anderen Fall wurde auf das Wahlplakat der \"freien W\u00e4hler\" mit Spr\u00fchlack die Forderung aufgebracht, den Spitzenkandidaten zu verletzen. * Im Fall eines Widerstandes (SS 113 StGB) konnten zwei alkoholisierte Personen beim Besch\u00e4digen von Wahlplakaten festgestellt werden. Im Rahmen der Personalienfeststellung versuchten sich die T\u00e4ter, der polizeilichen Ma\u00dfnahme zu entziehen und leisteten anschlie\u00dfend Widerstand. * Insgesamt 9 Vorf\u00e4lle im Wahlkampfgeschehen erf\u00fcllten den Tatbestand des SS 86a StGB. Hier wurden in 8 F\u00e4llen durch unbekannte T\u00e4ter Wahlplakate mit verfassungsfeindlichen Zeichen aus dem Spektrum des Nationalsozialismus (z.B. Hakenkreuz) beschmiert. \u00dcberproportional betroffen war hier die Partei \"B\u00fcndnis 90/Die Gr\u00fcnen\" (6 F\u00e4lle). Es bleibt festzustellen, dass ein Anstieg der Straftaten im Zusammenhang mit Wahlen zu verzeichnen ist. Parteien mit exponiertem Konfliktpotenzial Dem aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskurs folgend, wurden zwei Parteien in die n\u00e4here Betrachtung einbezogen, die derzeit kontrovers wahrgenommen werden und dadurch einer erh\u00f6hten Gefahr unterliegen, Ziel von politisch motivierten Straftaten zu werden. Neben der Betrachtung von Straftaten, welche sich gegen die Partei AfD und deren Repr\u00e4sentanten richten, ist in der Jahresbetrachtung ein erneuter Anstieg von Taten gegen die Partei \"B\u00fcndnis90/Die Gr\u00fcnen\" und deren Repr\u00e4sentanten zu verzeichnen. 2024 kam es zu insgesamt 132 Vorf\u00e4llen (+23,4 %), die sich gegen \"B\u00fcndnis90/Die Gr\u00fcnen\" richteten. Bei 95 Taten (2023: 57 Taten) wurden Wahlplakate durch Diebstahl (18 Taten) oder Sachbesch\u00e4digung (77 Taten) angegangen. Diese Taten sind damit unmittelbar der Europawahl 2024 zuzurechnen und machen den gr\u00f6\u00dften Anteil der Straftaten gegen\u00fcber dieser Partei und deren Repr\u00e4sentanten aus. Es wurden 4 Verst\u00f6\u00dfe nach SS 130 StGB festgestellt. Hierbei handelte es sich \u00fcberwiegend um sog. Hasspostings, welche \u00fcber soziale Netzwerke verbreitet wurden und aufgrund des jeweiligen Inhalts den Tatbestand der Volksverhetzung erf\u00fcllten. Seite 41","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Auch 5 weitere Straftaten, die sich dem Deliktsbereich der Beleidigung zurechnen lassen, fanden im digitalen Raum in sozialen Netzwerken statt. In 3 F\u00e4llen kam es zu den nachfolgend skizzierten K\u00f6rperverletzungsdelikten zum Nachteil der Partei \"B\u00fcndnis 90/Die Gr\u00fcnen\"': * In zwei F\u00e4llen wurden sogenannte \"Ekelbriefe\" (getragene Coronamaske und mit F\u00e4kalien beschmutztes Tuch) in die Parteib\u00fcros gesandt. * In einem Fall wurde F\u00e4kaliensubstanz in ein auf Kipp stehendes Fenster eines Parteib\u00fcros gesch\u00fcttet. Hervorzuheben ist die Blockadeaktion gegen Bundesminister Habeck am F\u00e4hranleger Schl\u00fcttsiel. Herr Habeck befand sich auf einer privaten Reise. Bei dem Eintreffen der F\u00e4hre am Anleger erwarteten mehrere Hundert Personen den Bundesminister. Die Demonstranten setzten sich aus Landwirten, Spediteuren und weiteren kritischen B\u00fcrgern zusammen. Es herrschte eine aufgeheizte Stimmung. Schlie\u00dflich entschied man sich, die F\u00e4hre wieder ablegen zu lassen, um eine Eskalation der Situation zu verhindern. Ein Verfahren nach SS 125 StGB (Landfriedensbruch) wurde eingeleitet. Die Motivation kann keinem Ph\u00e4nomenbereich trennscharf zugeordnet werden. Ein starker Anstieg von Taten ist gegen die Partei SPD zu verzeichnen: 94 Straftaten wurden zum Nachteil der Partei begangen (2023: 28 Taten). Alleine in 61 F\u00e4llen kam es zu Sachbesch\u00e4digungen, auch hier \u00fcberwiegend an Wahlplakaten. In 19 F\u00e4llen wurden Beleidigungen angezeigt. In 2 F\u00e4llen kam es zu K\u00f6rperverletzungsdelikten. * In einem Fall handelt es sich um einen zugesandten \"Ekelbrief\". * In dem anderen Fall kommt es zu einem B\u00f6llerwurf in Richtung eines Bundesministers. Der Gesch\u00e4digte wurde nicht verletzt. In 38 F\u00e4llen (2023: 25 F\u00e4lle) wurde die Partei AfD oder deren Vertreter Opfer von Straftaten. Diese Taten beziehen sich zum ganz \u00fcberwiegenden Teil auf Angriffe gegen Wahlplakate (5x Diebstahl / 17x Sachbesch\u00e4digung). In 9 F\u00e4llen wurde eine Anzeige wegen Beleidigung erstattet. Es kam zu 8 Diebst\u00e4hlen von Wahlplakaten. * Zum Nachteil von AfD-Mitgliedern gab es eine gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzung. W\u00e4hrend des Plakatierens wurden diese von einem psychisch kranken Anwohner bedr\u00e4ngt und es wurde versucht, einen Gesch\u00e4digten von der Leiter zu sto\u00dfen. Seite 42","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Covid19-Pandemie Auf den Themenbereich Covid19-Pandemie entfielen lediglich 11 Taten (2023: 9 Taten), die \u00fcberwiegend als Hasspostings im Internet oder durch Schreiben von Briefen begangen wurden. 5 Ph\u00e4nomen\u00fcbergreifende PMK 5.1 Straftaten gegen Amtsund Mandatstr\u00e4ger/-innen Straftat Gesamt Gesamt PMK PMK PMK PMK 2023 2024 rechts links AI SZ Verwenden von Kennzeichen 7 10 5 0 0 5 verfassungswidriger Organisationen (SS 86a StGB) Verfassungsfeindliche Verunglimpfung 1 0 0 0 0 0 von Verfassungsorganen (SS 90b StGB) \u00d6ffentliche Aufforderung zu Straftaten 3 8 5 0 0 3 (SS 111 StGB) Hausfriedensbruch (SS 123 StGB) 1 0 0 0 0 0 Landfriedensbruch (SS 125 StGB) 0 1 0 0 0 1 St\u00f6rung des \u00f6ffentlichen Friedens 1 2 0 0 1 1 durch Androhung von Straftaten (SS 126 StGB) Gef\u00e4hrdendes Verbreiten personenbe- 0 1 0 1 0 0 zogener Daten (SS 126a StGB) Volksverhetzung (SS 130 StGB) 11 7 4 1 1 1 Belohnung und Billigung von 3 5 2 0 0 3 Straftaten (SS 140 StGB) Falsche Verd\u00e4chtigung (SS 164 StGB) 1 0 0 0 0 0 Beleidigung (SS 185 StGB) 23 69 4 2 1 62 \u00dcble Nachrede (SS 186 StGB) 0 1 0 0 0 1 Verleumdung (SS 187 StGB) 1 1 0 0 0 1 \u00dcble Nachrede und Verleumdung 39 95 8 8 1 78 gegen Personen des politischen Lebens (SS 188 StGB) Verhetzende Beleidigung 1 1 1 0 0 0 (SS 192a StGB) Verletzung der Vertraulichkeit des 1 0 0 0 0 0 Wortes (SS 201 StGB) Seite 43","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Straftat Gesamt Gesamt PMK PMK PMK PMK 2023 2024 rechts links AI SZ Verletzung des h\u00f6chstpers\u00f6nlichen 1 0 0 0 0 0 Lebensbereichs und von Pers\u00f6nlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen (SS 201a StGB) K\u00f6rperverletzung (SS 223 StGB) 1 3 0 0 1 2 Gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzung 2 1 0 0 0 1 (SS 224 StGB) N\u00f6tigung (SS 240 StGB) 1 4 0 1 0 3 Bedrohung (SS 241 StGB) 9 10 2 0 1 7 Urkundenf\u00e4lschung (SS 267 StGB) 0 1 0 0 0 1 Sachbesch\u00e4digung (SS 303 StGB) 6 7 0 0 0 7 Gef\u00e4hrl. Eingriff in den Strassenverkehr 0 2 0 1 0 1 (SS 315b StGB) Summe: 113 229 31 14 6 178 Im Bereich der Straftaten gegen Amtsund Mandatstr\u00e4ger/-innen ist f\u00fcr das Jahr 2024 ein Anstieg auf insgesamt 229 Taten (2023: 113 Taten) zu registrieren, was einer Steigerung von 102,7 % entspricht. Von den insgesamt 229 Taten wurden 31 Taten der PMK -rechts-, 14 Taten der PMK -links-, 6 Taten der PMK -AIund 178 Taten der PMK -sonstige Zuordnungzugeschrieben. Den deliktischen Schwerpunkt im Bereich PMK -rechtsbildete dabei der SS 188 StGB (\u00dcble Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens) mit insgesamt 8 Taten (2023: 3 Taten). Der Gro\u00dfteil der Straftaten (178 Taten) gegen Amtsund Mandatstr\u00e4ger/-innen war, wie bereits 2023, f\u00fcr das Jahr 2024 im Bereich des Ph\u00e4nomenbereiches PMK -sonstige Zuordnungzu registrieren. Dies ist eine Steigerung von 104 Taten gegen\u00fcber dem Jahr 2023 (74 Taten) und entspricht einer Steigerung der Fallzahlen von 140,5 %. Hier stellten die Beleidigungsdelikte (SSSS 185, 187, 188 StGB) mit 141 Straftaten den gr\u00f6\u00dften Anteil dar, wobei im Bereich des spezielleren Straftatbestandes SS 188 StGB mit 78 Straftaten (2023: 32 Taten) ein erheblicher Anstieg von 143,8 % zu verzeichnen ist. Im Bereich des Straftatbestandes SS 185 StGB wurden 62 Straftaten f\u00fcr das Jahr 2024 im Bereich PMK -sonstige Zuordnungregistriert. Hier ist eine Zunahme der Deliktszahlen (+ 39 Taten) gegen\u00fcber dem Jahr 2023 (23 Taten) festzustellen, was einem deutlichen Anstieg von 169,6 % entspricht. Seite 44","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Im Bereich des SS 241 StGB (Bedrohung) konnte eine Reduzierung auf 7 Straftaten gegen\u00fcber 9 Straftaten im Jahr 2023 dokumentiert werden. Dies entspricht einer Abnahme von 22,2 %. Es ist zu konstatieren, dass insbesondere f\u00fcr Amtsund Mandatstr\u00e4ger/-innen fortgesetzt das Risiko besteht, im Rahmen \u00f6ffentlicher Positionierungen und aktueller politischer Entscheidungen, Ziel verbaler Anfeindungen zu werden. Diese werden \u00fcberwiegend in digitaler Form durch E-Mails, Aussagen / Kommentare in den sozialen Netzwerken oder auf einer anderen Website mit \u00f6ffentlichen Kommentarfunktionen get\u00e4tigt. Die gestiegenen Zahlen (SSSS 188,185 StGB) im Bereich PMK -sonstige Zuordnungd\u00fcrften mit einem gesteigerten Anzeigenverhalten der Gesch\u00e4digten und insbesondere auch der Meldungen (Hassposting/Hasskriminalit\u00e4t im Internet) durch die \"Zentrale Meldestelle f\u00fcr strafbare Inhalte im Internet\" (ZMI) im BKA zu begr\u00fcnden sein. 5.2 Antisemitische Straftaten Straftat Gesamt Gesamt PMK PMK PMK PMK PMK 2023 2024 rechts Links AI SZ RI Verwenden von Kennzeichen 7 8 7 0 1 0 0 verfassungswidriger Organisationen (SS 86a StGB) Vorbereitung einer schweren 0 2 0 0 0 0 2 staatsgef\u00e4hrdenden Gewalttat (SS 89a StGB) Verletzung von Flaggen und Ho- 1 0 0 0 0 0 0 heitszeichen ausl\u00e4ndischer Staaten (SS 104 StGB ) \u00d6ffentliche Aufforderung zu 1 1 1 0 0 0 0 Straftaten (SS 111 StGB) St\u00f6rung des \u00f6ffentlichen Frie- 7 0 0 0 0 0 0 dens durch Androhung von Straftaten (SS 126 StGB) Volksverhetzung (SS130 StGB) 80 100 72 1 19 6 2 Belohnung und Billigung von 2 1 0 0 1 0 0 Straften (SS 140 StGB) Beschimpfung von Bekenntnis- 0 1 1 0 0 0 0 sen, Religionsgesellschaften und Weltanschaungsvereinigungen (SS 166 StGB) Beleidigung (SS 185 StGB) 3 2 2 0 0 0 0 K\u00f6rperverletzung (SS 223 StGB) 0 1 1 0 0 0 0 Seite 45","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Straftat Gesamt Gesamt PMK PMK PMK PMK PMK 2023 2024 rechts Links AI SZ RI Gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzung 0 1 1 0 0 0 0 (SS 224 StGB) Bedrohung (SS 241 StGB) 3 2 1 0 0 1 0 Diebstahl (SS 242 StGB) 1 1 0 0 1 0 0 Bes. schwerer Fall des Diebstahls 0 1 1 0 0 0 0 (SS 243 StGB) Sachbesch\u00e4digung (SS 303 StGB) 8 2 0 0 1 1 0 Gemeinschaftliche 0 3 0 0 0 2 1 Sachbesch\u00e4digung (SS 304 StGB) Summe: 115 126 87 1 23 10 5 Im Jahr 2024 wurden insgesamt 126 antisemitische Straftaten erfasst. Dies stellt einen Anstieg um 9,6 % gegen\u00fcber dem Vorjahr dar (2023: 115 Taten) dar. Die Aufkl\u00e4rungsquote lag bei 64,3 % (2023: 61,7 %). Von den insgesamt 126 Straftaten lie\u00dfen sich 87 Straftaten dem Ph\u00e4nomenbereich PMK -rechts-, 23 Straftaten dem Ph\u00e4nomenbereich PMK -ausl\u00e4ndische Ideologie-, 10 Straftaten dem Ph\u00e4nomenbereich PMK -sonstige Zuordnung-, 5 Straftaten dem Ph\u00e4nomenbereich -religi\u00f6se Ideologieund 1 Straftaten dem Ph\u00e4nomenbereich PMK -linkszuordnen. Seit den Terrorangriffen der Hamas auf den Staat Israel am 07. Oktober 2023 konnte in diesem Kontext eine \u00fcberproportionale Zunahme von antisemitischen Straftaten registriert werden, hierbei handelte es sich \u00fcberwiegend um Volksverhetzungen. Im Berichtszeitraum wurden in Schleswig-Holstein die folgenden 2 Gewaltdelikte angezeigt (2023: 0 Taten): * In einem l\u00e4nger schwelenden Nachbarschaftsstreit wurde der Gesch\u00e4digte (j\u00fcdischen Glaubens) vom Beschuldigten erst beleidigt und anschlie\u00dfend versuchte der Beschuldigte, den Gesch\u00e4digten mit der Faust zu schlagen. * Auch im zweiten Fall handelt es sich um eine Auseinandersetzung zwischen Nachbarn. Nach langanhaltenden verbalen Streitigkeiten versuchte der Beschuldigte den Gesch\u00e4digten (j\u00fcdischen Glaubens) mit einem abgebrochenen Besenstiel zu attackieren. Der deliktische Schwerpunkt liegt bei den Volksverhetzungen (SS 130 StGB) mit 100 Taten (2023: 80 Taten). In diesem Deliktsbereich sind alleine 59 Straftaten in Form von Hasspostings im Internet begangen worden. Im Berichtszeitraum wurde einmal \u00f6ffentlich zu Straftaten aufgefordert (SS 111 StGB). Seite 46","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t In einer Bushaltestelle befand sich ein Aufkleber mit dem Konterfei der Politiker Habeck und Baerbock. H\u00e4ndisch war auf dem Aufkleber \"Durch den Hochofen von Auschwitz jagen\" geschrieben. Im Weiteren wurden 5 Straftaten (SSSS 303, 304 StGB) im Zusammenhang mit j\u00fcdischen Gedenkst\u00e4tten und Erinnerungsorten festgestellt. Beispielhaft kam es zu folgenden Tatbegehungen: * In einem Fall wurde in Elmshorn an Stelen am Synagogengedenkplatz ein Graffiti aufgebracht, dass mit einer islamistischen Bewegung in Zusammenhang stehen k\u00f6nnte. * In 2 weiteren F\u00e4llen wurde jeweils in Uetersen eine Gedenkst\u00e4tte besch\u00e4digt, die an die Todesm\u00e4rsche aus dem KZ Buchenwald erinnern soll und an der ehemaligen Synagoge in Bad Segeberg wurde der Schriftzug \"Free Palestina\" aufgebracht. * Zu den oben dargestellten Sachbesch\u00e4digungen kam es in Oldenburg in Holstein zu einer Besch\u00e4digung eines Snackautomaten. In die Sicherheitsscheibe wurde das Wort \"JEW\" und darunter ein gro\u00dfer Davidstern geritzt. In 2 F\u00e4llen wurden Personen j\u00fcdischen Glaubens wie folgt bedroht (SS 241 StGB): * Einem Gesch\u00e4digten wurde \u00fcber soziale Netzwerke der Tod angedroht. * Einem anderen Gesch\u00e4digter wurde mitgeteilt, dass man Personen schicken w\u00fcrde, um ihn k\u00f6rperlich anzugehen. 5.3 Reichsb\u00fcrger / Selbstverwalter Straftat Gesamt Gesamt PMK PMK 2023 2024 rechts SZ Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger 2 1 1 0 oder terroristischer Organisationen -Kennzeichen(SS 86a StGB) \u00d6ffentliche Aufforderung zu Straftaten 0 1 1 0 (SS 111 StGB) Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte 2 3 0 3 (SS 113 StGB) T\u00e4tlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte 2 1 0 1 (SS 114 StGB) Hausfriedensbruch (SS 123 StGB) 1 0 0 0 St\u00f6rung des \u00f6ffentlichen Friedens durch 0 2 0 2 Androhung von Straftaten (SS 126 StGB) Volksverhetzung (SS 130 StGB) 2 3 3 0 Beleidigung (SS 185 StGB) 3 1 0 1 Verleumdung (SS 187 StGB) 0 1 0 1 Seite 47","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Straftat Gesamt Gesamt PMK PMK 2023 2024 rechts SZ Beleidigung gegen Personen des politischen 0 1 1 0 Lebens (SS 188 StGB) Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes 1 0 0 0 (SS 201 StGB) Gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzung - Versuch 1 0 0 0 (SS 224 StGB) N\u00f6tigung (SS 240 StGB) 1 2 0 2 Bedrohung (SS 241 StGB) 6 2 1 1 Erpressung - Versuch (SS 253 StGB) 1 0 0 0 Urkundenf\u00e4lschung (SS 267 StGB) 3 2 0 2 Sachbesch\u00e4digung (SS 303 StGB) 0 2 0 2 Gemeinsch\u00e4dliche Sachbesch\u00e4digung 1 1 1 0 (SS 304 StGB) Zerst\u00f6rung wichtiger Arbeitsmittel - Versuch 0 1 1 0 (SS 305a StGB) Erpressung - Versuch (SS 253 StGB) 2 0 0 0 Summe: 28 24 9 15 In 2024 wurden 15 der 24 strafrechtlich relevante F\u00e4lle unter dem Themenfeld \"Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter\" aus dem Bereich PMK -sonstige Zuordnungsubsumiert. Dies ist ein Anstieg von nur einem Fall zum Vorjahr (14 F\u00e4lle). Die Aufkl\u00e4rungsquote liegt in diesem Ph\u00e4nomenbereich f\u00fcr 2024 bei 86,7 %. 7 der 15 Taten richteten sich gegen die Angriffsziele \"Amtsoder Mandatstr\u00e4ger/-innen\" und \"Polizei\". Folgende Sachverhalte aus dem Kontext der \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" stachen in 2024 hervor: * Der Beschuldigte verschickte einen Brief an den Ministerpr\u00e4sidenten und drohte darin Beh\u00f6rdenvertretern mit \"Konsequenzen bis zum Tod\". * In einem anderen Fall wurde einem Mitarbeiter des Finanzamtes telefonisch gedroht, bei der Beh\u00f6rde zu erscheinen und diese anzuz\u00fcnden. * Im Rahmen des Protestgeschehens der Bauern / des Mittelstandes kam es auf dem Gel\u00e4nde des Axel Springer Verlages zu einer Blockadeaktion. Ca. 120 Gewerbetreibende blockierten zun\u00e4chst mit PKW und LKW zwei Zufahrten zu einem Betriebsgel\u00e4nde und brachten somit den dortigen Betrieb \u00fcberwiegend zum Erliegen. Nach anf\u00e4nglichen, erfolgreichen Kooperationsgespr\u00e4chen hielt ein Kern von Personen an der Blockade fest und war nicht bereit, einen Interessensausgleich anzustreben. Die Teilnehmer lie\u00dfen zunehmend weniger einen demonstrativen Zweck erkennen. Die Versammlung wurde daher aufgel\u00f6st. Personen, welche sich weigerten das Areal zu verlassen, wurden zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt mit erh\u00f6htem Kr\u00e4fteaufgebot der \u00d6rtlichkeit verwiesen. Die Teilnehmer gaben an, auf die Missst\u00e4nde der aktuellen Regierung hinweisen zu wollen, weiterhin nahm man Bezug auf die aktuellen Demonstrationen seitens der Landwirte, wobei vor Ort keine Seite 48","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Landwirte festzustellen waren. Aufgrund verschiedener Aussagen ist hier von einer unangemeldeten Demonstration von Verschw\u00f6rern/Reichsb\u00fcrgern auszugehen. Erg\u00e4nzend zu der Bearbeitung von Strafverfahren ist die Befassung mit dem Ph\u00e4nomen gepr\u00e4gt durch die Bearbeitung von strafrechtlich irrelevantem Schriftverkehr. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" \u00fcberziehen eine Vielzahl von Beh\u00f6rden mit pseudojuristischen Schreiben und fordern zu Einlassungen der Beh\u00f6rden zu den verschiedensten Sachthemen auf. Der Umstand, dass es in Schleswig-Holstein im vergangenem Jahr zu keinen herausragenden Gewaltdelikten im Kontext der \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" gekommen ist, sollte nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass aufgrund der ideologischen Ausrichtung in Verbindung mit der Waffenaffinit\u00e4t in Einzelf\u00e4llen, gewaltsame Verhaltensweisen und Angriffe jederzeit in Betracht gezogen werden m\u00fcssen, wenn sich staatliche Organe in den Kontakt mit \"Reichsb\u00fcrgern\" und \"Selbstverwaltern\" begeben. Dem Bereich PMK -rechtssind 9 der 24 F\u00e4lle zuzuordnen. Ein deliktischer Schwerpunkt ist nicht erkennbar. Im Vergleich zum Vorjahr ist ein R\u00fcckgang von 3 F\u00e4llen zu verzeichnen. 5.4 Spionage/Sabotage Straftat Gesamt Gesamt PMK SZ 2023 2024 SS87 StGB Agentent\u00e4tigkeit zu Sabotagezwecken 0 1 1 SS88 StGB Verfassungsfeindliche Sabotage 1 0 0 SS109f StGB Sicherheitsgef\u00e4hrdender 4 1 1 Nachrichtendienst SS109g StGB Sicherheitsgef\u00e4hrdendes Abbilden 1 1 1 Summe 1 3 3 Aufgrund der aktuell ver\u00e4nderten Sicherheitslage erlangt das Themenfeld Spionage/Sabotage eine immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung. Das Erfordernis, die gesellschaftlichen Entwicklungen und die festgestellte Kriminalit\u00e4tslage in allen genannten Ph\u00e4nomenbereichen der PMK auf eine m\u00f6gliche Motivlage fremder staatlicher Akteure zu betrachten, stellt die Sicherheitsbeh\u00f6rden im Berichtszeitraum vor neue Herausforderungen. Dieses Themenfeld ist stark davon gepr\u00e4gt, dass viele weiche Daten zur Bewertung und Einordnung der polizeilich erfassten Vorg\u00e4nge herangezogen werden m\u00fcssen. Im Berichtszeitraum konnten verschiedene Auff\u00e4lligkeiten an milit\u00e4rischen Einrichtungen und kritischer Infrastruktur festgestellt werden, ohne dass die Vorg\u00e4nge zweifelsfrei diesem Themenfeld zugeordnet werden konnten. Zudem lie\u00df sich aus vielen Vorkommnissen noch kein Anfangsverdacht einer Straftat begr\u00fcnden, so dass bislang keine Erfassung erfolgte. Seite 49","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Strafrechtlich relevant konnten 2024 Drohnen\u00fcberfl\u00fcge \u00fcber mehrere Monate (August bis Dezember 2024) hinweg \u00fcber dem ChemCoastPark in Brunsb\u00fcttel, weitere Drohnen\u00fcberfl\u00fcge an milit\u00e4rischen Liegenschaften festgestellt und entsprechende Ermittlungsverfahren eingeleitet werden. Weiterhin wurden 1 Strafverfahren nach SS 87 StGB (Agentent\u00e4tigkeit zu Sabotagezwecken), 1 Strafverfahren nach SS 109f StGB (Sicherheitsgef\u00e4hrdender Nachrichtendienst) und 1 Strafverfahren nach SS 109g StGB (Sicherheitsgef\u00e4hrdendes Abbilden) gef\u00fchrt. 5.5 Russland-Ukraine-Konflikt Russland-Ukraine-Konflikt 90 80 78 74 70 60 49 50 41 40 30 25 20 15 13 10 7 1 1 0 0 0 PMK gesamt PMK rechts PMK links PMK PMK religi\u00f6se PMK sonstige ausl\u00e4ndische Ideologie Zuodnung Ideologie 2023 2024 Dem Themenfeld Russland-Ukraine-Konflikt konnten 78 Taten im Jahr 2024 (2023: 74 Taten) zugeordnet werden. Auf das Themenfeld Russland-Ukraine-Konflikt bezogen sich im Bereich PMK -sonstige Zuordnung49 Taten. Einen Gro\u00dfteil machten hier erneut Hasspostings (18 Taten) aus, welche durch den jeweiligen Inhalt den Delikten der Beleidigung (11 Taten), der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger oder terroristischer Organisationen (5 Taten) und der Billigung von Straftaten (1 Tat) und Volkverhetzung (1 Tat) zugerechnet wurden. Im Bereich PMK -ausl\u00e4ndische Ideologiebildete das Themenfeld Russland-Ukraine-Konflikt 15 Straftaten im Jahr 2024 ab. Dies stellt einen R\u00fcckgang von 10 Straftaten dar. Hierbei ist die Billigung von Straftaten gem\u00e4\u00df SS 140 StGB mit 7 Taten am st\u00e4rksten Seite 50","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t vertreten. Die Tatbegehung erfolgte in 5 F\u00e4llen durch das Aufbringen und die Zurschaustellung von Z-Symboliken im \u00f6ffentlichen Raum. Im Zusammenhang mit dem anhaltenden Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine konnten im Bereich PMK -rechts13 Straftaten festgestellt werden. Dies beinhaltet einen Anstieg zum Vorjahr um 6 F\u00e4lle (2023: 7 Taten). Erfasst wurden 4 Volksverhetzungen, 4 Propagandadelikte, 3 Beleidigungen, 1 Bedrohung und 1 Sachbesch\u00e4digung. 5.6 Hamas-Israel-Konflikt Hamas-Israel-Konflikt 100 90 88 83 80 70 60 50 48 43 40 30 23 19 20 7 8 9 8 10 5 1 0 PMK gesamt PMK rechts PMK links PMK PMK religi\u00f6se PMK sonstige ausl\u00e4ndische Ideologie Zuordnung Ideologie Hamas-Israel-Konflikt 2023 Hamas-Israel-Konflikt 2024 In Bezug auf den Nahostkonflikt wurden seit dem Terroranschlag der Hamas auf den Staat Israel am 07. Oktober 2023 im Berichtszeitraum 6 Volksverhetzungen, 1 Propagandadelikt und 1 St\u00f6rung des \u00f6ffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten bekannt. Nach dem Anschlag in Magdeburg am 20. Dezember 2024, bei dem ein T\u00e4ter mit Migrationshintergrund einen PKW in den dortigen Weihnachtsmarkt steuerte und mehrere Menschen get\u00f6tet wurden, postete die Beschuldigte \u00fcber soziale Netzwerke im Zusammenhang mit einer pro-pal\u00e4stinensischen Kundgebung, dass sie dort gerne mit einem Auto hineinfahren w\u00fcrde. Man m\u00fcsste diese Personen \"loswerden\", dann h\u00e4tte man Frieden. Seite 51","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Taten legten eine antisemitische Haltung der T\u00e4terin oder des T\u00e4ters nahe. Von den insgesamt 26 Volksverhetzungen im Bereich PMK -ausl\u00e4ndische Ideologiesind 21 Taten dem Themenfeld Pal\u00e4stina/Israel-Konflikt zuzurechnen. Beispielhaft sei folgender Fall benannt: * Ein Gesch\u00e4digter, der ein T-Shirt mit der Aufschrift \"HAIFA Israel\" und einer Applikation einer Regenbogenfahne trug, wurde durch drei Unbekannte beleidigt (\"Israel Hurensohn\") und bedroht (\"Wenn ich dich das n\u00e4chste Mal sehe, steche ich dich ab\"). Zus\u00e4tzlich wurde der Gesch\u00e4digte bespuckt. In 2 F\u00e4llen waren Parteib\u00fcros betroffen: * An der Hauswand eines FDP-B\u00fcros wurde ein Plakat mit Beleidigungen gegen den Staat Israel angebracht. * An der Beschriftung eines Parteib\u00fcros \"B\u00fcndnis 90/Die Gr\u00fcnen\" wurden Aufkleber mit dem Text \"Palestine will never die\" hinterlassen. Zus\u00e4tzlich wurde an der Fassade mit roter Schrift \"Stoppt den Genozid in Gaza. Die Gr\u00fcnen haben Blut an den H\u00e4nden\" aufgebracht. Von den im Bereich PMK -ausl\u00e4ndische Ideologieinsgesamt 13 F\u00e4llen gem. SS 86 a StGB sind 4 Straftaten dem Nahostkonflikt zuzurechnen. Von den 16 Sachbesch\u00e4digungen (SS 303 StGB) im Bereich PMK -ausl\u00e4ndische Ideologiestehen 13 in diesem Zusammenhang. Durch den Nahostkonflikt zwischen Israel und Pal\u00e4stina kam es zu 19 Taten (2023: 23 Taten) im Bereich PMK -sonstige Zuordnung-, von denen 10 als Sachbesch\u00e4digungsdelikte bekannt wurden. Weitere Verst\u00f6\u00dfe in diesem Zusammenhang entfielen auf 4 Volksverhetzungen, 4 Beleidigungen und einer gef\u00e4hrlichen K\u00f6rperverletzung. Hier wurde aus einem Versammlungsgeschehen \"Solidarit\u00e4t mit Gaza\" heraus durch den Beschuldigten ein Gegenstand in Richtung Versammlungsteilnehmer geworfen. Seite 52","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 5.7 Sexuelle Orientierung und geschlechtsbezogene Identit\u00e4t Sexuelle Orientierung und geschlechtsbezogene Identit\u00e4t 120 105 100 80 68 70 60 51 40 29 20 13 4 5 0 1 0 0 0 gesamt rechts links AI RI SZ 2023 2024 Bei den PMK-Straftaten, die sich gegen die sexuelle Orientierung und geschlechtsbezogene Identit\u00e4t richten, ist ein starker Anstieg im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. Der deutlich \u00fcberwiegende Teil dieser Taten ist den Ph\u00e4nomenbereichen PMK -sonstige Zuordnungund PMK -rechtszuzuordnen. 1,9 % aller PMK -rechtsTaten wurden aus Feindlichkeit bzgl. einer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identit\u00e4t (queer) begangen. Bei diesen 29 Taten (2023: 13 Taten) handelt es sich im Schwerpunkt um 7 Volksverhetzungen, 5 Propagandadelikte, 5 Beleidigungen und 5 Sachbesch\u00e4digungen. Zus\u00e4tzlich wurde im Bereich Queerfeindlichkeit ein Gewaltdelikt registriert. Hierbei handelt es sich um den bereits bei Fremdenfeindlichkeit dargestellten Fall des versuchten Totschlags. Der Beschuldigte hatte hier ge\u00e4u\u00dfert, Queere zu hassen. 18 Straftaten (2023: 8 Taten) konnten aufgekl\u00e4rt werden. Der starke Anstieg k\u00f6nnte mit der Sensibilisierung in der Bev\u00f6lkerung bez\u00fcglich des Themas und einer erh\u00f6hten Anzeigebereitschaft erkl\u00e4rbar sein. Insgesamt wurden 70 Taten aus dem Bereich PMK -sonstige Zuordnungbekannt, die sich auf die sexuelle Orientierung und/oder die geschlechtsbezogene Identit\u00e4t beziehen. Hiervon wurden 33 Taten aufgekl\u00e4rt, was einer Quote von 47,1% entspricht. Es entfielen 12 dieser Taten auf die Deliktsgruppe der PMK -Gewalt-, 7 Taten davon konnten aufgekl\u00e4rt werden (58,3 %). Seite 53","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Einfache K\u00f6rperverletzungsdelikte wurden mit 9 bekannt gewordenen F\u00e4llen am h\u00e4ufigsten begangen. Zus\u00e4tzlich wurden 3 gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzungsdelikte registriert. Die F\u00e4lle lassen sich wie folgt darstellen: * In einem Fall wurde der Gesch\u00e4digte eine Treppe hinuntergeschubst. * In einem anderen Fall sch\u00fcttete der Beschuldigte dem Gesch\u00e4digten eine hei\u00dfe Fl\u00fcssigkeit ins Gesicht. * Im dritten Fall wurde eine Transfrau geschubst und am Boden liegend gegen den Kopf getreten. Aus dem Bereich der PMK -sonstige Zuordnungohne Gewaltbezug liegen weitere 58 F\u00e4lle vor, bei denen der Bezug zur sexuellen Orientierung und/oder geschlechtsbezogener Diversit\u00e4t des Opfers herzuleiten ist. Hier liegt der Schwerpunkt auf den 17 Beleidigungen, gefolgt von 13 Sachbesch\u00e4digungen und 10 Diebst\u00e4hlen. Erg\u00e4nzt wurden diese Delikte durch 14 Hasspostings in sozialen Netzwerken, die den Tatbestand des SS 86a StGB, der Volksverhetzung im Sinne des SS 130 StGB und Belohnung und Billigung von Straftaten gem. SS 140 StGB erf\u00fcllen. 5.8 Hasskriminalit\u00e4t Hasskriminalit\u00e4t 1000 906 900 800 719 700 628 600 500 473 400 300 200 100 112 100 43 60 0 5 12 10 0 gesamt rechts links AI RI SZ 2023 2024 Im Berichtsjahr wurden in Schleswig-Holstein 906 Straftaten im Bereich Hasskriminalit\u00e4t registriert. Das bedeutet einen Anstieg um 278 F\u00e4lle (+44,3 %) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Seite 54","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t Im Bereich PMK -rechtsist eine Steigerung um 52 % (246 Taten) auf 719 Taten festzustellen. Die deliktischen Schwerpunkte sind Volksverhetzung (SS 130 StGB) mit 351 Taten, Beleidigung (SS 185 StGB) mit 204 Taten, die Verbreitung von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen (SS 86a StGB) mit 93 Taten und K\u00f6rperverletzungsdelikte (SSSS 223 ff StGB) mit 83 Taten. 5.9 Hasspostings Hassposting 450 400 381 350 300 250 228 200 180 155 150 106 95 100 50 26 8 13 16 6 4 0 gesamt rechts links AI RI SZ 2023 2024 In der Gesamtentwicklung der Hasspostings ist eine Zunahme der Fallzahlen um 153 auf 381 Taten (+67,1 %) zu verzeichnen. Die Steigerung im Bereich PMK -rechtsbetr\u00e4gt +46,2 % (49 Taten). Der deutlichste Zuwachs ist im Bereich PMK -sonstige Zuordnungum 85 Taten (+89,5 %) festzustellen. Am h\u00e4ufigsten wurden die Straftatbest\u00e4nde Volksverhetzung (SS 130 StGB) mit 128 Taten, die Beleidigung (SS 185 StGB) mit 99 Taten und Beleidigungen von Personen des politischen Lebens (SS 188 StGB) mit 60 Taten erfasst. Seite 55","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 5.10 Internet Internet 600 564 500 400 354 300 285 215 200 172 132 100 28 23 24 15 12 12 0 gesamt rechts links AI RI SZ Internet 2023 Internet 2024 In dem Bereich der Straftaten, bei denen das Tatmittel Internet genutzt worden ist, wurden im Vergleich zum Vorjahr 210 Taten mehr erfasst (+59,3 %). Die Straftatbest\u00e4nde Verbreitung von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen (SS 86a StGB) mit 165 Taten, die Volksverhetzung (SS 130 StGB) mit 134 Taten und die Beleidigung (SS 185 StGB) mit 108 Taten sind am h\u00e4ufigsten erfasst worden. Bei 285 Taten (18,8 %) im Ph\u00e4nomenbereich PMK -rechtswurde im Jahr 2024 durch den T\u00e4ter oder die T\u00e4terin das Internet als Tatmittel verwendet. W\u00e4hrend es im Jahr 2023 noch 172 Taten waren, wurden im hier betrachteten Erfassungszeitraum wesentlich mehr versendete bzw. ver\u00f6ffentlichte Inhalte mit verhetzendem, beleidigendem oder verfassungswidrigem Charakter zur Anzeige gebracht. Hierunter sind auch die sogenannten \"Hasspostings\" zu fassen. Der Anstieg in diesem Deliktsfeld um 65,7 % erkl\u00e4rt sich durch die Zunahme von Beleidigungen (26 Taten, + 100 %) und Propagandadelikten (126 Taten, + 47,6 %). 2024 wurden insgesamt 105 Sachverhalte mit volksverhetzenden Inhalten aus dem Internet bekannt (2023: 91 Taten). In Zusammenarbeit mit der \"Zentralen Meldestelle f\u00fcr strafbare Inhalte im Internet\" des BKA und der \"Medienanstalt Hamburg / Schleswig-Holstein\", die u.a. B\u00fcrgerhinweise zu strafrechtlich relevanten Beitr\u00e4gen im Internet entgegennehmen, konnten auch im Jahr Seite 56","II Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t 2024 wesentlich mehr Ermittlungsverfahren wegen Hass und Hetze im Internet eingeleitet werden. Von allen Straftaten aus dem Bereich PMK -rechtsmit dem Tatmittel Internet wiesen 134 Taten (47 %) einen fremdenfeindlichen Charakter auf. Zudem deuteten 52 Taten (18,3 %) auf eine antisemitische Motivation des T\u00e4ters bzw. der T\u00e4terin hin. 228 Taten (80 %) in diesem Themenfeld konnten aufgekl\u00e4rt werden. 5.11 Frauenfeindlichkeit Frauenfeindlichkeit 20 19 18 17 16 14 12 12 10 8 8 6 4 2 2 2 1 1 0 0 0 0 0 gesamt rechts links AI RI SZ Frauenfeindlichkeit 2023 Frauenfeindlichkeit 2024 Insgesamt ist ein Anstieg der Taten, bei denen Frauenfeindlichkeit eine Rolle spielte, auf 19 (+7 Taten, +58,3 %) festzustellen. Die Gesamtaufkl\u00e4rungsquote betr\u00e4gt 94,7 %. Im Jahr 2024 wurden im Bereich PMK -rechts17 frauenfeindliche Straftaten registriert (2023: 9 Taten, +112,5%), welche sich in 11 Propagandadelikte, 4 Volksverhetzungen und 2 K\u00f6rperverletzungen unterteilten. Letztere ereigneten sich wie folgt: * Die Taten geschahen auf dem Gel\u00e4nde einer Klinik, wo der amtsbekannte Beschuldigte Personal im st\u00e4dtischen Krankenhaus beleidigte, bespuckte und dabei \"Heil Hitler\" rief. Weiterhin trat er einen Rollstuhlfahrer und eine Frau, die zudem in Bezug auf ihr Geschlecht beleidigt. Au\u00dferdem wurde durch den T\u00e4ter der Hitlergru\u00df ausgef\u00fchrt. 16 von 17 Straftaten konnten aufgekl\u00e4rt werden. Seite 57","Seite 58","III Rechtsextremistische Bestrebungen Seite 59","Seite 60","III Rechtsextremistische Bestrebungen 1 Rechtsextremistische Parteien 1.1 Die Heimat3/Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) Logo der HEIMAT Die Partei Die Heimat (HEIMAT) mit Sitz in Berlin wurde 1964 als Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) gegr\u00fcndet und im Juni 2023 in \"Die Heimat\" umbenannt. Seit dem 39. ordentlichen Parteitag im November ist der aus Sachsen stammende Peter Schreiber Bundesvorsitzender der Partei. Zwei Mitglieder der HEIMAT Schleswig-Holstein wurden als Beisitzer in den Parteivorstand der Bundespartei gew\u00e4hlt.4 Die HEIMAT/NPD vertritt nach den Feststellungen des Bundesverfassungsgerichtes (BVerfG) \"ein auf die Beseitigung der bestehenden freiheitlichen demokratischen Grundordnung gerichtetes politisches Konzept\" und \"will die bestehende Verfassungsordnung durch einen an der ethnisch definierten \"Volksgemeinschaft\" ausgerichteten autorit\u00e4ren Nationalstaat ersetzen. Ihr politisches Konzept missachtet die Menschenw\u00fcrde und ist mit dem Demokratieprinzip unvereinbar.\"5 Mit geschichtsrevisionistischen \u00c4u\u00dferungen unterstreicht die HEIMAT/NPD dar\u00fcber hinaus ihre grunds\u00e4tzlich bejahende Haltung gegen\u00fcber dem Regime der NS-Zeit. Einmal monatlich gibt die HEIMAT die Zeitschrift \"Deutsche Stimme\" (DS) heraus, die in einem Zeitschriftenformat erscheint und auch f\u00fcr HEIMAT-Mitglieder kostenpflichtig ist. Zudem betreibt sie den Youtube-Kanal \"DS-TV\", der \u00fcberwiegend Inhalte der jeweils neu erschienenen DS vorstellt. 1.1.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten \u00d6ffentlichkeitswirksame Aktivit\u00e4ten des schleswig-holsteinischen Landesverbandes der HEIMAT fanden im Berichtsjahr nahezu ausschlie\u00dflich in Neum\u00fcnster statt. Nachdem die HEIMAT bei der Kommunalwahl im Jahr 2023 als \"W\u00e4hlergemeinschaft Heimat Neum\u00fcnster\" (WHN) antrat und mit drei Mitgliedern in die Neum\u00fcnsteraner Ratsversammlung einzog, versuchte sie sich als b\u00fcrgernahe, heimatverbundene Partei zu etablieren. 3 Siehe Internetseite des Bundeswahlleiters, abgerufen am 15.11.2023. 4 Siehe Internetseite HEIMAT, abgerufen am 16.12.2024. 5 Siehe Internetseite des Bundesverfassungsgerichts, Pressemitteilung Nr. 4/2017 vom 17.01.2017. Seite 61","III Rechtsextremistische Bestrebungen Im Januar protestierten Mitglieder der HEIMAT Neum\u00fcnster w\u00e4hrend des Neujahrsempfangs der Stadt. Wie die Partei behauptete, sei sie bei dieser Veranstaltung nicht erw\u00fcnscht gewesen. Daher wolle sie mit dieser Aktion darauf aufmerksam machen, dass auch sie ein durch Wahlen legitimiertes Mitglied der Ratsversammlung der Stadt Neum\u00fcnster sei.6 Nachdem die HEIMAT w\u00e4hrend einer Ratsversammlung in Neum\u00fcnster im Februar mit der NPD und deren politischen Werten gleichgesetzt wurde, wehrte sie sich mit der Aussage, sie sei in Neum\u00fcnster als unabh\u00e4ngige W\u00e4hlergemeinschaft zur Kommunalwahl angetreten und als solche durch die B\u00fcrger gew\u00e4hlt worden. Ein Vergleich mit der NPD sei demnach unzutreffend. Diese Argumentation war - vermutlich unfreiwillig - verr\u00e4terisch, da sie erneut den wahren Grund f\u00fcr die Umbenennung der Partei offenbarte: Als \"W\u00e4hlergemeinschaft Heimat Neum\u00fcnster\" versuchte die Partei erneut, zumindest nach au\u00dfen von dem negativ konnotierten Namen NPD wegzukommen und sich stattdessen als parteiungebundene Gruppe von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern aus Neum\u00fcnster darzustellen. Tats\u00e4chlich bestand die WHN \u00fcberwiegend aus HEIMATMitgliedern und Sympathisanten, welche vor der Namens\u00e4nderung der damaligen NPD zugerechnet wurden.7 Im Vorfeld der Europawahl am 9. Juni betrieb die HEIMAT in Schleswig-Holstein einen aktiven Wahlkampf. \u00dcber Facebook ver\u00f6ffentlichte die Partei verschiedene Werbespots8, in denen sie bem\u00fcht war, sich betont locker und b\u00fcrgernah zu geben, um von W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern nicht von vorneherein als verstaubte Riege Ewiggestriger mit den immer gleichen neonazistischen Parolen zu gelten. Gleichwohl konnte die wahre Absicht ihrer Propaganda nicht verborgen bleiben: Ver\u00e4chtlichmachung des politischen Gegners. Die HEIMAT war auch im Stra\u00dfenwahlkampf pr\u00e4sent. An einem Infostand in Neum\u00fcnster warb die HEIMAT im Mai um W\u00e4hlerstimmen. Hierbei stellte sie sich in gewohnter Weise als sogenannter Heimatsch\u00fctzer dar und propagierte unter anderem das f\u00fcr die HEIMAT typische Thema der Remigration. Das Wahlergebnis fiel am Ende niedrig aus. Insgesamt erreichte die HEIMAT in Schleswig-Holstein mit 1 095 Stimmen einen Anteil von 0,1 Prozent (2019: 0,3 Prozent).9 Den mutma\u00dflich islamistischen Terroranschlag in Solingen am 23. August, bei dem drei Menschen get\u00f6tet und acht Menschen verletzt wurden, nahm die HEIMAT zum Anlass, 6 Siehe Internetseite HEIMAT Neum\u00fcnster, abgerufen am 13.12.2024. 7 Siehe Youtube Kanal der HEIMAT Neum\u00fcnster, abgerufen am 13.12.2024. 8 Siehe Facebookseite HEIMAT Neum\u00fcnster, abgerufen am 16.12.2024 9 Siehe Internetseite der Bundeswahlleiterin, abgerufen am 13.12.2024. Seite 62","III Rechtsextremistische Bestrebungen um auf vorangegangene Gewalttaten in Schleswig-Holstein hinzuweisen. Auf ihrer Facebook Seite ver\u00f6ffentlichte die HEIMAT eine Aufz\u00e4hlung verschiedener im Raum Neum\u00fcnster begangener Straftaten, und brachte sie in Verbindung zu der Tat von Solingen. Hierdurch sollte suggeriert werden, dass die genannten Straftaten ebenfalls durch ausl\u00e4ndische ausreisepflichtige Personen begangen wurden und es sich bei dem Anschlag in Solingen nicht um einen Einzelfall handele.10 Am 17. November reihte sich die HEIMAT Neum\u00fcnster in das j\u00e4hrlich von Rechtsextremisten begangene \"Heldengedenken\" (siehe auch Kapitel 2) mit einer Gedenkveranstaltung in Neum\u00fcnster ein. Das sogenannte Heldengedenken wird regelm\u00e4\u00dfig von rechtsextremistischen Gruppierungen und Parteien organisiert. W\u00e4hrend der Volkstrauertag dem Gedenken aller Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft gewidmet ist, fokussiert sich das \"Heldengedenken\" auf die Glorifizierung der f\u00fcr Deutschland gefallenen Soldaten. Dies wurde beispielsweise in einem \u00fcber Facebook ver\u00f6ffentlichten Video deutlich, in dem die HEIMAT Soldaten und die Zivilbev\u00f6lkerung als Opfer alliierter Gewalt darstellte. So nutzte die HEIMAT auch die Gedenkveranstaltung der Stadt Neum\u00fcnster zum Volkstrauertag f\u00fcr ihre geschichts-revisionistischen Zwecke, indem sie eine eigene Kranzniederlegung direkt nach dem offiziellen Veranstaltungsteil zelebrierte.11 1.1.2 Ausblick Trotz des Erfolges bei der Kommunalwahl in Neum\u00fcnster im Vorjahr konnte sich die HEIMAT im Berichtsjahr nicht als Partei mit Akzeptanz in der Bev\u00f6lkerung und Gestaltungseinfluss etablieren. Ihr politischer Wirkungskreis beschr\u00e4nkte sich auf den Raum Neum\u00fcnster und entfaltete keine Wirkung ins Land hinein. Der durch die Namens\u00e4nderung erhoffte Imagewandel blieb aus. Mit 80 Mitgliedern blieb sie im Vergleich zum Vorjahr stabil auf niedrigsten Niveau. Der Prozess fortschreitender Marginalisierung der HEIMAT d\u00fcrfte sich weiter personell und politisch fortsetzen. 10 Siehe Facebookseite HEIMAT Neum\u00fcnster, abgerufen am 13.12.2024 11 Siehe Facebookseite Ratsfraktion HEIMAT Neum\u00fcnster, abgerufen am 13.12.2024. Seite 63","III Rechtsextremistische Bestrebungen 1.2 Junge Nationalisten (JN) Schleswig-Holstein Logo Junge Nationalisten Die HEIMAT / NPD unterh\u00e4lt die 1969 gegr\u00fcndete Jugendorganisation \"Junge Nationalisten\" (JN). Zu der JN Gruppe aus Schleswig-Holstein z\u00e4hlen rund 10 Anh\u00e4nger. 1.2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Im Berichtsjahr fanden in Schleswig-Holstein vereinzelt \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktivit\u00e4ten der JN statt. Wie auch die Mutterpartei HEIMAT betrieb die JN einen aktiven Europa-Wahlkampf. Anh\u00e4nger der JN verteilten Flugbl\u00e4tter der HEIMAT in Schleswig-Holstein. In Ostholstein fand au\u00dferdem eine Plakataktion der JN statt. Hierbei wurden Plakate mit der Aufschrift \"Jugend w\u00e4hlt: Heimat Zukunft Remigration\" an \u00f6ffentlichen Orten angebracht. Die Aktivit\u00e4ten der JN entfalteten lediglich eine regional begrenzte \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit. Durch die regelm\u00e4\u00dfige Verbreitung der Aktionen \u00fcber die sozialen Medien im Internet versuchte die JN den Eindruck zu erwecken, eine aktive Gruppierung mit hohem Aktionismus zu sein. Am 18. und 19. Mai fand im nieders\u00e4chsischen Eschede der Europakongress der JN statt. Daran nahmen auch Mitglieder aus Schleswig-Holstein teil. Unter dem Motto \"Fight for Europe - k\u00e4mpfen f\u00fcr Europa\" versammelten sich neben der JN auch Mitglieder verschiedener rechtsextremistischer Organisationen aus dem europ\u00e4ischen Ausland. In kameradschaftlicher Atmosph\u00e4re sollte hier eine Vernetzung internationaler Kr\u00e4fte stattfinden.12 12 Siehe Internetseite HEIMAT, abgerufen am 16.12.2024. Seite 64","III Rechtsextremistische Bestrebungen 1.2.2 Ausblick Es ist zu erwarten, dass die JN ihre Aktivit\u00e4ten auch in den kommenden Jahren fortsetzt. Besonders die Nutzung von sozialen Medien wird auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen, um Aktionen zu dokumentieren und die JN gr\u00f6\u00dfer erscheinen zu lassen als sie tats\u00e4chlich ist. Langfristig wird es davon abh\u00e4ngen, ob es der JN gelingt, \u00fcber die sozialen Medien und durch internationale Kooperationen neue Interessenten auf sich aufmerksam zu machen und ihre Position innerhalb der rechtsextremistischen Szene zu festigen. Bislang blieben diese Versuche ohne nennenswerten Erfolg. 1.3 Weitere rechtsextremistische parteigebundene Strukturen Zu dieser Kategorie z\u00e4hlen der ehemalige \"Fl\u00fcgel\", eine v\u00f6lkisch-nationalistische Bestrebung innerhalb der Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD), als auch die bundesweit agierenden rechtsextremistischen Parteien Der III. Weg und Die RECHTE. Beide Parteien haben keine eigenen Landesverb\u00e4nde in Schleswig-Holstein und entfalteten im Land keine politischen Aktivit\u00e4ten von \u00f6ffentlich relevanter Bedeutung. 2 Neonazistische Szene Die Gruppierungen der neonazistischen Szene zeichnet eine zweckund zielgerichtete organisierte Zusammenarbeit aus. Neonazis agieren eher aktionistisch und sind ideologisch am historischen Nationalsozialismus ausgerichtet. Die wesentlichen Ideologieelemente sind \u00fcbersteigerter Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Antipluralismus. Es wird ein am F\u00fchrerprinzip ausgerichteter Staat angestrebt, dessen Grundlage eine im rassistischen Sinne verstandene Volksgemeinschaft bildet, die Menschen anderer Herkunft oder Kultur ausgrenzt und abwertet. Ethnische Vielfalt und eine pluralistische Gesellschaft werden als Bedrohung f\u00fcr die Existenz des eigenen Volks angesehen. Solche Auffassungen stehen in un\u00fcberbr\u00fcckbarem Gegensatz zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung. 2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Im Berichtsjahr gab es kaum \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktionen der neonazistischen Szene. Eine erkennbare inhaltliche Agitation im Sinne einer \u00f6ffentlich bekundeten Positionierung zu aktuellen politischen Themen in Schleswig-Holstein fand ebenso nahezu nicht statt. Insofern setzte sich der Trend des Vorjahres weiter fort. Einzig zu den immer gleichen, j\u00e4hrlich wiederkehrenden Anl\u00e4ssen konnten schleswig-holsteinische Szenemitglieder mobilisiert werden. Seite 65","III Rechtsextremistische Bestrebungen Die Teilnahme an geschichtsrevisionistischen Gedenkveranstaltungen hatte auch weiterhin eine besondere Bedeutung f\u00fcr die Szene. Weil in Schleswig-Holstein eigene Aktionen ausblieben, nahmen Angeh\u00f6rige der Szene oft weite Anreisen in andere Bundesl\u00e4nder oder ins europ\u00e4ische Ausland in Kauf, allerdings lag die Teilnehmerzahl in der Regel jedoch nur im einstelligen Bereich. Zu diesen Veranstaltungen geh\u00f6rten unter anderem der \"Tag der Ehre\" am 10. Februar in Budapest sowie die Trauerm\u00e4rsche am 11. Februar in Dresden und am 8. Mai in Demmin (Mecklenburg-Vorpommern). In Budapest erinnerte das internationale neonazistische Teilnehmerfeld mit einem bis zu 60 Kilometer langen Gedenkmarsch an die Schlacht um Budapest, bei der ungarische und deutsche Truppen in der Endphase des Zweiten Weltkrieges gegen die Rote Armee k\u00e4mpften. Die Szene dr\u00fcckt damit ihre Bewunderung f\u00fcr die Wehrmacht und Schutzstaffel(SS-)Verb\u00e4nde im Dritten Reich aus. Zum j\u00e4hrlichen Trauermarsch in Dresden am 11. Februar gedenken Rechtsextremisten aus dem gesamten Bundesgebiet der deutschen Opfer der alliierten Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Die Verantwortung des \"Dritten Reiches\" f\u00fcr den Ausbruch des Krieges wird dabei im Sinne einer Schuldumkehr bewusst ausgeblendet, um das Narrativ einer deutschen Opferrolle zu bedienen. Anl\u00e4sslich des Jahrestages der vollst\u00e4ndigen Kapitulation der Wehrmacht reisten schleswig-holsteinische Rechtsextremisten am 8. Mai nach Demmin (Mecklenburg-Vorpommern). Dieser Trauermarsch wird allj\u00e4hrlich von der rechtsextremistischen Partei HEIMAT (ehemals NPD) organisiert. Bei dem Marsch wurden Banner mit Aussagen wie \"Wir feiern nicht 8. Mai 1945 Wir vergessen nicht\" gezeigt, um auszudr\u00fccken, dass man den 8. Mai 1945 nicht als Tag der Befreiung von Krieg und Nationalsozialismus, sondern als nationale Niederlage begreift und die deutschen Opfer betrauert. Ein weiteres j\u00e4hrlich wiederkehrendes geschichtsrevisionistisches Ereignis ist das sogenannte \"Heldengedenken\", das Rechtsextremisten am Volkstrauertag begehen. Dabei deuten sie den eigentlichen Sinn des Gedenkens an alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft dahingehend um, dass sie ausschlie\u00dflich an die aus ihrer Sicht heldenhaft gefallenen deutschen Soldaten erinnern. Als neonazistische Gruppierung in Schleswig-Holstein trat lediglich der im Raum Segeberg ans\u00e4ssige \"Aryan Circle\" (AC) in Erscheinung. Der AC war im Internet aktiv und fiel in den Sozialen Medien durch die Anwerbung neuer Mitglieder auf. Seite 66","III Rechtsextremistische Bestrebungen 2.2 Ausblick Setzt sich die Entwicklung der Vorjahre fort, ist in Schleswig-Holstein mit einer Stagnation der neonazistischen Szene zu rechnen. Die R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit, die sich in der Glorifizierung des Dritten Reiches und der wiederkehrenden, unver\u00e4nderten neonazistischen Termine manifestiert, mag zwar ausreichen, um das Gemeinschaftsgef\u00fchl zu st\u00e4rken und die bestehende Anh\u00e4ngerschaft zu konsolidieren. F\u00fcr einen signifikanten Zuwachs an neuen Mitgliedern d\u00fcrfte diese inhaltliche Ausrichtung jedoch kaum geeignet zu sein. Die neonazistische Szene wird auch in Zukunft die Sozialen Medien weiter nutzen, da geeignete Immobilien f\u00fcr realweltliche Treffen fehlen. Die schnelle und oft unverbindliche Dynamik der digitalen Kommunikation stellt f\u00fcr die Szene dabei sowohl eine Chance als auch eine Herausforderung dar. Einerseits erm\u00f6glichen immer wieder neu gegr\u00fcndete neonazistisch ausgerichtete Internetgruppen eine rasche Vernetzung vieler Gleichgesinnter, die sich in ihren extremistischen Ansichten gegenseitig best\u00e4rken und bestehende rechtsextremistische Ressentiments weiter anheizen. Andererseits kommt es h\u00e4ufig zu einem schnellen \"Gruppensterben\", da den Protagonisten der \u00dcbergang von virtuellen Kennverh\u00e4ltnissen zu realweltlichen, aktionsorientierten Strukturen meist nicht gelingt. Dies f\u00fchrt dazu, dass die Kommunikation innerhalb der Gruppen oft wieder versickert. Ungeachtet der eher geringen Resonanz bei der Durchf\u00fchrung tats\u00e4chlicher Aktionen birgt das menschenverachtende und h\u00e4ufig gewaltbef\u00fcrwortende Weltbild innerhalb der neonazistischen Szene die Gefahr, dass Einzelpersonen oder Kleingruppen sich radikalisieren. 3 Subkulturell gepr\u00e4gte Szene Die subkulturell gepr\u00e4gte Szene geh\u00f6rt in die Kategorie des weitgehend unstrukturierten rechtsextremistischen Personenpotenzials. Dar\u00fcber hinaus geh\u00f6ren in diese Kategorie organisationsungebundene Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten, rechtsextremistische Internetaktivistinnen und Internetaktivisten sowie sonstige Einzelpersonen und Gewaltt\u00e4terinnen und Gewaltt\u00e4ter. Subkulturell gepr\u00e4gte Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten geh\u00f6ren in der Regel keiner festen Organisationsstruktur an. Angeh\u00f6rige der subkulturellen Szene haben meist kein in sich geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild. An die Stelle einer gefestigten ideologischen Grundhaltung treten einzelne Versatzst\u00fccke rechtsextremistischer Weltanschauung wie beispielsweise rassistische, fremdenfeindliche und antisemitische Positionen, die in der Regel mit einer hohen Gewaltbereitschaft einhergehen. Seite 67","III Rechtsextremistische Bestrebungen Subkulturell gepr\u00e4gte Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten sind an inhaltlicher politischer Arbeit in Parteien oder anderen rechtsextremistischen Gruppierungen wenig interessiert. Die subkulturelle Szene eint ein erlebnisorientierter Lebensstil, der sich haupts\u00e4chlich in der Teilnahme an rechtsextremistischen Demonstrationen, internen Szenefeiern sowie Musikund Kampfsportveranstaltungen ausdr\u00fcckt. 3.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Angeh\u00f6rige der subkulturellen Szene traten im Berichtsjahr in Schleswig-Holstein nicht \u00f6ffentlichkeitswirksam in Erscheinung. Politische Aktivit\u00e4ten entfalteten lediglich Einzelpersonen, die beispielsweise an rechtsextremistischen Gedenkm\u00e4rschen am 11. Februar in Dresden oder am 8. Mai in Demmin teilnahmen (s. Kap. Neonazistische Szene). Zudem fanden vereinzelt konspirativ geplante kleinere Szene-Feiern ohne Au\u00dfenwirkung statt. Im Sommer wurde in sozialen Medien die rechtsextremistische Jugendgruppierung \"Jung & Stark Schleswig-Holstein\" bekannt. Die Vernetzung der zumeist minderj\u00e4hrigen oder heranwachsenden Mitglieder beschr\u00e4nkt sich in Schleswig-Holstein vornehmlich auf den virtuellen Raum. Nach au\u00dfen tritt die in fast allen Bundesl\u00e4ndern pr\u00e4sente Gruppierung gem\u00e4\u00dfigt auf, bedient jedoch klare rechtsextremistische Feindbilder, durch Aktionen gegen die \"Antifa\" oder die LGBTQIA+-Szene, etwa im Zusammenhang mit dem \"Christopher Street Day\" in verschiedenen deutschen St\u00e4dten. Der Zusammenschluss unterliegt einer starken personellen Fluktuation, die sich auch in Abspaltungen und Neugr\u00fcndungen anderer rechtsextremistischer Jugendgruppen manifestiert. 3.2 Ausblick Subkulturell gepr\u00e4gte Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten d\u00fcrften insbesondere im Bereich der Online-Netzwerke weiter an Einfluss gewinnen. Dies k\u00f6nnte auch zu einer st\u00e4rkeren Pr\u00e4senz in der realen Welt beitragen und zu einer Mischung aus virtuellen Aktivit\u00e4ten und gezielten, lokalen Aktionen f\u00fchren. Aufgrund der einfachen Zugangsm\u00f6glichkeiten und der vermeintlichen Anonymit\u00e4t im Netz ist es wahrscheinlich, dass das Potenzial dieser Personengruppe, die die Mehrheit des gewaltorientierten Spektrums ausmacht, weiter anw\u00e4chst. Die Zahl von 350 Personen, die im Vergleich zum Vorjahr unver\u00e4ndert geblieben ist, k\u00f6nnte sich somit k\u00fcnftig erh\u00f6hen. Seite 68","III Rechtsextremistische Bestrebungen 3.3 Rechtsextremistische Musikszene F\u00fcr die subkulturell gepr\u00e4gte und weitgehend unstrukturierte rechtsextremistische Szene sind Musikveranstaltungen das verbindende Element. Dort werden Kontakte gepflegt und teils internationale Vernetzungen etabliert. Rechtsextremistische Musik transportiert das Lebensgef\u00fchl der Szene, verbreitet ihre Ideologien und bietet einen schnellen Einstieg in die Szene. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden unterscheiden in der rechtsextremistischen Musikszene drei Veranstaltungsformen: Konzerte, Liederabende und sonstige Musikveranstaltungen. Bei Letzteren handelt es sich um Veranstaltungen mit Live-Musik, bei denen der Versammlungscharakter gegen\u00fcber der Musikdarbietung \u00fcberwiegt, wie beispielsweise im Rahmen von Szene-Feiern oder Parteiversammlungen. 3.3.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Die Gesamtzahl der rechtsextremistischen Musikveranstaltungen lag im Berichtsjahr bundesweit bei knapp \u00fcber 300 Darbietungen und verringerte sich gegen\u00fcber dem Vorjahr nur marginal. In Schleswig-Holstein stieg die Anzahl der Veranstaltungen von drei (2023 ein Konzert, ein Liederabend, eine sonstige Musikveranstaltung) auf f\u00fcnf an. Diese waren ausnahmslos den sonstigen Musikveranstaltungen zuzuordnen. Die konspirativ geplanten Darbietungen waren interne Szene-Feiern mit live auftretenden Liedermacherinnen oder Liedermachern, an denen zwischen 25 und 70 Personen teilnahmen. Die Veranstaltungsorte erstreckten sich \u00fcber das gesamte Land, ein regionaler Schwerpunkt war nicht festzustellen. Im Berichtsjahr gab es in Schleswig-Holstein keine aktive rechtsextremistische Musikgruppe. Die einzige hier beheimatete Liedermacherin stammt aus Neum\u00fcnster und trat bundesweit unter ihrem Pseudonym \"Wut aus Liebe\" auf. 3.3.2 Ausblick Seit Jahren ist zu beobachten, dass in Schleswig-Holstein die Anzahl durchgef\u00fchrter rechtsextremistischer Konzerte gen Null tendiert. Urs\u00e4chlich sind unter anderem ein Mangel an in Frage kommenden Veranstaltungsr\u00e4umen sowie die Schw\u00e4che der heimischen Szene, f\u00fcr Veranstaltungen mit dreistelligen Zuschauerzahlen zu mobilisieren. Zudem scheint die polizeiliche Aufl\u00f6sung des Konzerts in Neum\u00fcnster Anfang M\u00e4rz 2023 bei den Protagonisten der schleswig-holsteinischen Subkultur zu einer sp\u00fcrbaren VerunSeite 69","III Rechtsextremistische Bestrebungen sicherung und Resignation gef\u00fchrt zu haben. Infolgedessen d\u00fcrfte der Fokus k\u00fcnftiger Planungen weniger auf finanziell riskanten Konzerten liegen, sondern eher auf kleineren Liederabenden oder sonstigen Musikveranstaltungen mit in der Regel geringerer Teilnehmerzahl. 3.4 Kampfsport Seit Jahren hat sich Kampfsport in Form von Training, Organisation von Wettk\u00e4mpfen, Besuch als Zuschauer oder aktive Kampfteilnahme als ein Aktionsfeld in fast allen rechtsextremistischen Strukturen etabliert. Wie im Bereich der Musik dient die Aus\u00fcbung von Kampfsport der Heranf\u00fchrung an die Szene sowie der Vernetzung politisch Gleichgesinnter. Zudem werden die K\u00e4mpfer f\u00fcr k\u00f6rperliche Auseinandersetzungen mit der Polizei oder dem politischen Gegner geschult. 3.4.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Wie 2023 gelang es der rechtsextremistischen Kampfsportszene auch im Berichtsjahr bundesweit nicht, \u00f6ffentlichkeitswirksame Veranstaltungen zu organisieren. In Schleswig-Holstein ist die rechtsextremistische Kampfsportszene als heterogen zu bewerten, da sie neben subkulturell gepr\u00e4gten Rechtsextremisten Anh\u00e4nger aus allen rechtsextremistischen Bereichen findet. Das Personenpotenzial lag im sehr niedrigen zweistelligen Bereich. Im Berichtsjahr wurden in mehreren Bundesl\u00e4ndern Versuche unternommen, sogenannte Active Clubs zu gr\u00fcnden. Diese streben ein dezentrales Netzwerk regionaler Gruppen an, die Kampfsport trainieren und insbesondere Jugendlichen den Zugang zu rechtsextremistischen Strukturen erm\u00f6glichen, um sie auf einen angeblich bevorstehenden Rassenkrieg vorzubereiten. Die aus den Vereinigten Staaten adaptierte Idee hat ein bayerischer Rechtsextremist Mitte des Jahres in der Szene-Zeitschrift \"N.S. Heute\"13 n\u00e4her erl\u00e4utert und die Ausrichtung, Zielsetzung und Strategie der Active Clubs konkretisiert. Mit Hilfe von Sport und gemeinsamen Freizeitaktivit\u00e4ten sollen junge erlebnisorientierte Personen an die Szene herangef\u00fchrt werden. Die Active Clubs w\u00fcrden zudem der Vereinigung und Festigung der Szene dienen, weshalb eine Mitgliedschaft als vereinbar mit Aktivit\u00e4ten in anderen rechtsextremistischen Bestrebungen gesehen wird. In Schleswig-Holstein wurden Active Clubs in Kiel und im Herzogtum Lauenburg bekannt, deren Existenz sich bislang auf die Pr\u00e4senz in den sozialen Medien beschr\u00e4nkt. 13 Ausgabe Nr. 41 (Mai/Juni 2024) Seite 70","III Rechtsextremistische Bestrebungen 3.4.2 Ausblick Es ist zu erwarten, dass in nahezu allen rechtsextremistischen Strukturen Kampfsport weiterhin einen hohen Stellenwert im Rahmen der pers\u00f6nlichen Wehrhaftigkeit darstellen wird. Die Nachwuchsgewinnung nichtpolitisierter Jugendlicher, wie sie die Active Clubs anstreben, kann zu einer Erh\u00f6hung des gewaltorientierten Personenpotenzials f\u00fchren, wenn die bislang festgestellten virtuellen Vernetzungsbestrebungen zu realweltlichen Zusammenk\u00fcnften f\u00fchren. 4 Neue Rechte Der Begriff \"Neue Rechte\" bezeichnet ein informelles Netzwerk, das sich aus einer Vielzahl von Gruppierungen, Einzelpersonen und Organisationen zusammensetzt. Eine dieser Organisationen ist die Identit\u00e4re Bewegung Schleswig-Holstein (IBSH), die hier im Land unter dem Namen \"Nordfeuer\" auftritt (siehe dazu Kapitel 4.2). Innerhalb dieses neurechten Netzwerks kooperieren nationalkonservative bis rechtsextremistische Akteure, um durch eine Vielzahl strategischer Ans\u00e4tze antiliberale und antidemokratische Positionen sowohl im gesellschaftlichen als auch politischen Diskurs zu etablieren. Das \u00fcbergeordnete Ziel dieser Akteure besteht in der Verwirklichung einer \"Kulturrevolution von rechts\", durch die gesellschaftliche und politische Normen im Sinne ihrer Ideologie ver\u00e4ndert werden sollen. Neurechte Akteure versuchen, ihre ideologischen Positionen bereits im vorpolitischen Raum zu verankern, um gleichsam in einem noch relativ fr\u00fchen Stadium politische Positionen mehrheitsf\u00e4hig zu machen und durchzusetzen. Dieser vorpolitische Raum ist jener gesellschaftliche und politische Bereich, in dem bereits eine Politisierung stattfindet, ohne dass sie schon die obere parteipolitische und parlamentarische Ebene erreicht hat. In diesem Stadium der sogenannten Metapolitik geht es den Akteuren des neurechten intellektuellen Rechtsextremismus darum, die \"Grenze des Sagbaren\" zu verschieben und extremistische Positionen gesellschaftlich akzeptabel zu machen. Die handelnden Akteure nehmen unterschiedliche, teils sich gegenseitig erg\u00e4nzende Rollen ein und sprechen dabei unterschiedliche Zielgruppen an. Diese Szene bezeichnet sich selbst gerne als \"Mosaik\". Damit will sie ihre unterschiedliche Zusammensetzung verdeutlichen, die jedoch \u00fcber ihre gemeinsame, im Kern antidemokratische Ideologie am Ende wieder ein gr\u00f6\u00dferes Ganzes bildet, das gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet ist. Rechtsextremistische Bez\u00fcge manifestieren sich insbesondere in der Missachtung fundamentaler Prinzipien wie der Menschenw\u00fcrde sowie des Rechtsstaatsund/oder Seite 71","III Rechtsextremistische Bestrebungen Demokratieprinzips, wobei die Verst\u00f6\u00dfe in unterschiedlichen Formen und Intensit\u00e4ten auftreten. Ein zentrales Konzept der Neuen Rechten ist die Remigration. Sie basiert auf dem ideologischen Fundament des Ethnopluralismus. Dieser verfolgt das Ziel, ethnisch homogene Gesellschaften zu etablieren, in denen sogenannte \"Volksfremde\" aus der Gemeinschaft ausgeschlossen oder ausgewiesen werden. Neurechte Akteure in Deutschland streben dabei die Bewahrung der \"ethnokulturellen Identit\u00e4t\" des deutschen Volkes an. In Reaktion auf die aktuellen Migrationsbewegungen wird ein \"gesteuerter Bev\u00f6lkerungsaustausch\" unterstellt, bei dem die autochthone europ\u00e4ische Bev\u00f6lkerung durch gezielte Zuwanderung, insbesondere aus Afrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten, ersetzt werde. Das Konzept der Remigration wird als politisches Mittel verstanden, diesem so beschriebenen Prozess entgegenzuwirken und eine ethnisch homogene Gesellschaft im Sinne des Ethnopluralismus zu schaffen. Der Begriff der Remigration geh\u00f6rt sp\u00e4testens seit Aufkommen der \"Identit\u00e4ren Bewegung Deutschland\" (IBD) zum festen Wortschatz neurechter Akteure und Gruppierungen. Er geht auf den \u00f6sterreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner zur\u00fcck, der zu den Vordenkern, Ideengebern und weiterhin f\u00fchrenden Protagonisten der Neuen Rechten geh\u00f6rt. In einem am 14. August 2023 ver\u00f6ffentlichten Artikel konkretisierte Sellner unter dem Titel \"Was ist Remigration\" seine \u00dcberlegungen dahingehend, dass von der Remigration drei Gruppen betroffen seien: \"Illegale und geduldete Scheinasylanten\", \"legale hier lebende, nicht assimilierte Problemgruppen ohne Staatsb\u00fcrgerschaft\" und \"bereits eingeb\u00fcrgerte, aber nicht assimilierte Parallelgesellschaften\". Mit der letztgenannten Gruppe erkl\u00e4rt Sellner explizit, dass er seine \u00dcberlegungen zur Remigration auch auf Staatsangeh\u00f6rige bezieht, die bei fehlender Assimilation Ziel entsprechender Ma\u00dfnahmen sein sollen. Die von Sellner geforderte millionenfache Remigration zielt also nicht nur auf eine restriktive Migrationspolitik im Rahmen eines konservativen Einwanderungskonzepts ab. Vielmehr basiert sie auf einer v\u00f6lkischen Grundannahme, die die Wiederherstellung beziehungsweise Wahrung der ethnokulturellen Identit\u00e4t zum zentralen politischen Ziel erkl\u00e4rt, weil nur in diesem Kontext eine lebensund erhaltenswerte Vertrauensgemeinschaft realisiert werden k\u00f6nne. Der Forderung nach Remigration liegt eine klare Festlegung auf Homogenit\u00e4t zugrunde. Dies wiederum hat denklogisch zur Folge, dass Fremde ohne individuelle und rechtsstaatlich gebotene Einzelfallpr\u00fcfung pauschal auszuschlie\u00dfen sind. Aus Sellners Sicht Seite 72","III Rechtsextremistische Bestrebungen ist es \"kulturfremden\" Migranten au\u00dfereurop\u00e4ischer Herkunft, insbesondere Muslimen, grunds\u00e4tzlich und dauerhaft nicht m\u00f6glich, sich im europ\u00e4ischen Kontext zu assimilieren, weshalb zur Wahrung der postulierten ethnokulturellen Identit\u00e4t deren Remigration als geboten erachtet wird. 4.1 \"Tag des Vorfelds\" (TdV) Unter Beteiligung zahlreicher Personen, Medien und Organisationen aus dem rechtsextremistischen Spektrum fand am 20. Juli in Neum\u00fcnster eine Veranstaltung mit Redebeitr\u00e4gen und Pr\u00e4sentationen unter der \u00dcberschrift \"Tag des Vorfelds\" (TdV) statt. Wer teilnehmen wollte, musste sich \u00fcber die dem AfD-Landesverband Schleswig-Holstein zuzuordnende E-Mail-Adresse (siehe unten Flyer 1) anmelden. Ein Treffen von Akteuren der Neuen Rechten in dieser Besetzung und Gr\u00f6\u00dfe gab es so bislang noch nicht in Schleswig-Holstein. Mit dem Begriff \"Vorfeld\" ist der gesellschaftlich-politische Bereich gemeint, in dem eine unterschwellige Positionierung stattfindet. Die Kommunikationsstrategie in diesem so genannten Vorfeld zielt darauf ab, durch das Besetzen und Pr\u00e4gen von Begriffen extremistische Positionen gesellschaftlich akzeptabel zu machen. Es geht hier nicht um Realpolitik, sondern um die grunds\u00e4tzliche Ausrichtung politischer Str\u00f6mungen (Metapolitik, s. o., Kapitel 4). Zum \"Vorfeld\" geh\u00f6ren Vereinigungen, Organisationen und lose Zusammenschl\u00fcsse. Sie bilden den Resonanzraum der politischen Ausrichtung. Flyer 1 und Flyer 2 zum Tag des Vorfelds Seite 73","III Rechtsextremistische Bestrebungen Unter den angek\u00fcndigten Teilnehmenden war neben mehreren rechtsextremistischen Gruppierungen zun\u00e4chst auch das rechtsextremistische \"COMPACT\"-Magazin, ein multimedial ausgerichtetes Unternehmen mit Sitz in Falkensee (Brandenburg) (s. Flyer 1). Nach dem Verbot des \"COMPACT-Magazins GmbH\" nebst seiner Teilorganisation \"CONSPECT FILM GmbH\" durch das Bundesministerium des Inneren am 16. Juli erschien ein ge\u00e4nderter Flyer (s. Flyer 2). Am 24. Juli klagten die Betroffenen gegen das Verbot und stellten einen Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz. Das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) folgte am 14. August dem Antrag der \"COMPACT-Magazin GmbH\" und stellte die aufschiebende Wirkung der Klage des Vereins gegen sein Vereinsverbot bis zur Entscheidung in der Hauptsache wieder her. Bis zur Entscheidung in der Hauptsache darf die \"COMPACT-Magazin GmbH\" ihre T\u00e4tigkeit daher fortf\u00fchren. 4.2 Identit\u00e4re Bewegung Schleswig-Holstein (IBSH) / Nordfeuer Die Identit\u00e4re Bewegung (IB) ist als Teil der Neuen Rechten zu bewerten und verfolgt ideologisch eine subtile, auf den gesamtgesellschaftlichen Diskurs abzielende Strategie der Beeinflussung. Sie bekennt sich zum Ethnopluralismus und betreibt die Kommunikationsstrategie der sogenannten Metapolitik (siehe dazu Kapitel 4). 4.2.1 Entwicklung und Aktivit\u00e4ten Das hergebrachte, seit Bestehen der Identit\u00e4ren Bewegung charakteristische gelb-schwarze Lambda als \"Markenzeichen\" wurde im Mai 2023 ausgetauscht und durch ein lediglich angedeutetes Lambda in wei\u00df-blauer Optik ersetzt. Logos der Identit\u00e4ren Bewegung Die Identit\u00e4re Bewegung in Schleswig-Holstein, die seit 2022 unter dem Namen \"Nordfeuer\" auftritt, hat das grafische Element des Logos weiter reduziert, daf\u00fcr aber ihren neuen Namen hinzugef\u00fcgt. Die Entscheidung, den Namen in \"Nordfeuer\" zu \u00e4ndern, hatte rein strategische Gr\u00fcnde. Es ging in erster Linie darum, den Aktivismus zu tarnen oder zu verstecken, um sicherzustellen, dass beteiligte Personen nicht sofort mit den Aktionen in Verbindung gebracht Seite 74","III Rechtsextremistische Bestrebungen werden k\u00f6nnen. Diese Strategie ging jedoch nicht auf. Es f\u00fchrte im Berichtsjahr weder zu einem Anstieg der Interessenten noch zu einer Zunahme realweltlicher Aktivit\u00e4ten. Auch in den sozialen Medien, in denen \"Nordfeuer\" nach wie vor vertreten ist, zeigt sich ein r\u00fcckl\u00e4ufiger Trend, sowohl hinsichtlich der Zahl der Beitr\u00e4ge als auch ihrer Reichweite. Das digitale Engagement von \"Nordfeuer\" zielt auf die Verbreitung ideologischer Grunds\u00e4tze ab, die eine deutliche inhaltliche Verbindung zur Identit\u00e4ren Bewegung aufwiesen. Sie dokumentierten aber auch eigene Aktivit\u00e4ten, warben f\u00fcr Vernetzungstreffen, Boxtrainings und Wanderungen. Thematisch stand dabei das politische Konzept der Remigration, einer R\u00fcckf\u00fchrung von Menschen mit Migrationshintergrund, in ihre Herkunftsl\u00e4nder im Vordergrund. Insbesondere zwei Vorf\u00e4lle wurden instrumentalisiert: Zum einen war es der Jahrestag des Messerangriffs in einem Regionalzug in Brokstedt (Kreis Steinburg), bei dem ein Asylbewerber zwei Menschen t\u00f6tete und zum zweiten war es eine Gewalteskalation unter minderj\u00e4hrigen Sch\u00fclern an einer Schule in Uetersen (Kreis Pinneberg). \"Nordfeuer\" war an den Tatorten mit Plakaten und Flugbl\u00e4ttern aktiv, auf denen f\u00fcr das Konzept der Remigration als vermeintliche L\u00f6sung zur Verhinderung von Straftaten geworben wurde. Die anhaltende Pr\u00e4senz in den sozialen Medien konnte nicht verbergen, dass keine fl\u00e4chendeckenden Strukturen von \"Nordfeuer\" in Schleswig-Holstein bestanden. \u00dcberregionale Kontakte zu anderen rechtsextremistischen Gruppierungen in Form von Treffen, gemeinsamen Aktivit\u00e4ten und Aktionen wurden aufrechterhalten. 4.2.2 Ausblick \"Nordfeuer\" beeinflusste im Berichtsjahr kaum das rechtsextremistische Geschehen in Schleswig-Holstein. Ihre Themenfelder besetzten zunehmend andere Gruppierungen aus dem Spektrum der Neuen Rechten. Trotz ihrer politischen Zur\u00fcckhaltung im Berichtsjahr, birgt die Gruppierung durchaus Potenzial. Sollte sie es schaffen, sich strategisch neu zu positionieren und relevante gesellschaftliche Themen aufzugreifen, k\u00f6nnte \"Nordfeuer\" in der Zukunft wieder an Bedeutung gewinnen. Ihre Pr\u00e4senz in den sozialen Medien und insbesondere die Ansprache vor allem j\u00fcngerer Aktivisten besitzt weiterhin die Wirkkraft, ihre Reichweite und Aktivit\u00e4t zu steigern. Dazu tr\u00e4gt sicher auch der Umstand bei, dass Nordfeuer \"auf der H\u00f6he der Zeit\" kommuniziert, das hei\u00dft, die jeweils aktuellen und schlagzeilentr\u00e4chtigen politischen und gesellschaftlichen Themen in den Mittelpunkt ihrer Agitation stellt und mit der eigenen verfassungsfeindlichen Ideologie aufl\u00e4dt und zuspitzt. Ihre \u00fcberregionale Vernetzung schafft dabei nicht nur eine breitere \u00d6ffentlichkeit und einen gr\u00f6\u00dferen politischen Aktionsradius, sondern auch die Sicherung langfristiger Stabilit\u00e4t und Effektivit\u00e4t ihrer Aktivit\u00e4ten. Seite 75","III Rechtsextremistische Bestrebungen 5 Rechtsextremistische Verlage Rechtsextremistische Verlage haben in der Szene eine besondere Bedeutung. In ihren gedruckten und elektronischen Produkten liefern sie die ideologischen Grundlagen. Sie sind Bestandteil der sogenannten Metapolitik, eine zentrale Strategie der Neuen Rechten, den vorpolitischen Raum mit Begriffen und Ideen zu pr\u00e4gen und zu besetzen, um auf diese Weise den gesellschaftlichen Diskurs weiter an den rechten verfassungsrechtlichen Rand zu verschieben, um so den Boden f\u00fcr die Akzeptanz verfassungsfeindliche Ideen zu bereiten (siehe dazu auch Kapitel 4). Die Verfasserinnen und Verfasser stellen in ihren Beitr\u00e4gen nicht nur die demokratischen und gesamtgesellschaftspolitischen Normen und Werte in Frage, sie definieren sie vielmehr im Sinne rechtsextremistischer Ideologie um, das hei\u00dft, sie entkernen ihren origin\u00e4ren Inhalt, indem die \u00e4u\u00dfere H\u00fclle als scheinbar demokratische, rechtsstaatliche Fassade erhalten bleibt, jedoch mit rechtsextremistischen Begriffen und Narrativen bef\u00fcllt wird. Ihr Ziel ist die Etablierung einer rechtsextremistischen Gegenkultur in der Gesellschaft. Die Autorinnen und Autoren betrachten sich als sogenannte Mittler f\u00fcr Aufkl\u00e4rung und Enth\u00fcllung. Ihre Zielgruppe sind neben Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten insbesondere Gruppierungen aus dem Bereich des Rechtspopulismus. Rechtsextremistische Publikationen vereinnahmen Themen des politischen Zeitgeschehens ideologisch. Gleichzeitig bezeichnen sie die Medien, die dem Prinzip der Demokratie und des Rechtsstaats verpflichtet sind, oft als \"L\u00fcgenpresse\". Dieser Begriff wird verwendet, um die etablierten Medien zu verunglimpfen und ihnen vorzuwerfen, l\u00fcgenhaft, voreingenommen und manipulierend zu sein. \"L\u00fcgenpresse\" dient als Kampfbegriff, um gegen die Regierung und das demokratische System insgesamt zu mobilisieren, indem eine \"Wir gegen die\"-Mentalit\u00e4t erzeugt wird. \"L\u00fcgenpresse\" wurde bereits w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs im Zusammenhang mit der Kriegsberichterstattung genutzt, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus, um antisemitische und nationalistische Ideologien zu festigen. 5.1 Entwicklung und Aktivit\u00e4ten Wie in den Vorjahren vertrieben auch im Berichtsjahr rechtsextremistische Verlage erneut Schriften mit geschichtsrevisionistischen, antisemitischen und fremdenfeindlichen Inhalten. Ziel war es, die ideologische Ausrichtung ihrer Leser zu festigen, Zweifel und Vorbehalte gegen\u00fcber der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu sch\u00fcren und lebendig zu halten, damit der N\u00e4hrboden f\u00fcr eine Beeintr\u00e4chtigung und letztlich Beseitigung der Bundesrepublik Deutschland als freiheitlicher, demokratischer und soziSeite 76","III Rechtsextremistische Bestrebungen aler Rechtsstaat fruchtbar bleibt. Zugleich sollen neue Interessenten aus dem konservativen-rechten Milieu gewonnen werden. Um eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Reichweite zu erzielen und ein kontinuierlich wachsendes, \u00fcberwiegend junges und internetaffines Publikum anzusprechen, setzten die Verlage auf eine Vielzahl digitaler Kan\u00e4le. Gleichwohl nutzten die Verlage auch weiterhin realweltliche Zusammenk\u00fcnfte, um ihre politischen Ansichten zu verbreiten. Im Berichtsjahr sind sie wiederholt in Verbindung mit dem informellen Netzwerk der Neuen Rechten in Erscheinung getreten. 5.2 Ausblick Die rechtsextremistischen Verlage mit Sitz in Schleswig-Holstein, die seit Jahrzehnten eine bundesweit herausragende Bedeutung haben, werden voraussichtlich auch in den kommenden Jahren ihre Position aufrechterhalten und weiter ausbauen. Insbesondere durch die Nutzung moderner Kommunikationskan\u00e4le und digitaler Plattformen k\u00f6nnen sie ihre Botschaften gezielt verbreiten und die b\u00fcrgerliche Mitte, vor allem junge Erwachsene und Jugendliche gewinnen. Ihre Rolle als treibende Kraft hinter der Agitation gegen den demokratischen und rechtsstaatlichen Konsens wird durch gezielte, ideologisch aufgeladene Publikationen weiterhin gest\u00e4rkt. Diese Verlage fungieren als geistiger N\u00e4hrboden f\u00fcr eine breitere Unterwanderung der politischen Landschaft und f\u00f6rdern eine Verschiebung hin zu v\u00f6lkischen und autorit\u00e4ren Ideologien. Somit bleibt die Gefahr einer langfristigen Verfestigung einer rechtsextremistischen Ideologie bestehen. Der Gefahr einer schleichenden Transformation des politischen Klimas in Deutschland in Richtung rechtsextremistischer Strukturen liefern die Verlage geistigen Vorschub. 6 Queerfeindlichkeit Rechtsextremistische Gruppierungen lehnen die gesellschaftliche Anerkennung von Diversit\u00e4t in Bezug auf sexuelle Orientierung sowie alternative Partnerschaftsund Familienmodelle ab. Sie vertreten die Auffassung, einem drohenden \"Volkstod\" ausgesetzt zu sein, der nur durch die ethnisch deutsche Familie und traditionelle Ehe zwischen Mann und Frau abzuwenden sei. Rechtsextremisten verbreiten dieses Ideologem vor allem im digitalen Raum, setzen es aber auch durch Aktionen in der realen Welt um. Dazu geh\u00f6rten im Berichtsjahr bundesweit St\u00f6raktionen gegen Veranstaltungen des Christopher Street Day (CSD), die \u00fcberwiegend aus der gewaltbereiten rechts-extremistischen Szene kamen. Die Aktionen, die teilweise eine Teilnehmerzahl im dreistelligen Bereich aufwiesen, wurden h\u00e4ufig aus dem rechtsextremistischen Parteienspektrum orSeite 77","III Rechtsextremistische Bestrebungen ganisiert, zunehmend jedoch auch von jungen gewaltorientierten rechtsextremistischen Online-Gruppierungen. Auch in Schleswig-Holstein verfolgen rechtsextremistische Gruppierungen eine queerfeindliche Agenda. Im Vergleich zu fr\u00fcheren Jahren stieg das Mobilisierungspotenzial zu den St\u00f6raktionen gegen den CSD an. Ein weiteres Agitationsfeld fanden Rechtsextremisten w\u00e4hrend des \"Pride Months\". W\u00e4hrend die queere Gemeinschaft mit den Regenbogenfarben die Vielfalt feierte, setzten sie als \"patriotische\" Gegenbewegung mit der sogenannten Stolzmonat-Kampagne Aktionen sowohl in der digitalen als auch in der realen Welt um. Dabei nutzten sie die Farben der Deutschlandflagge als Ausdruck von Nationalstolz und ihrer ablehnenden Haltung gegen\u00fcber der queeren Lebensweise. Angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Bedeutung von Diversit\u00e4t und Gleichberechtigung ist zu erwarten, dass Rechtsextremisten in Zukunft verst\u00e4rkt versuchen, diese Themen f\u00fcr ihre eigenen ideologischen Ziele zu instrumentalisieren. 7 Rechtsextremistisches Personenpotenzial in Schleswig-Holstein Das rechtsextremistische Personenpotenzial wird in drei Kategorien erfasst. Unterscheidungsmerkmal ist dabei der Organisationsgrad. Die erste Kategorie bildet das Potenzial in den Parteien ab, einschlie\u00dflich des sonstigen rechtsextremistischen Personenpotenzials in Parteien, wie beispielsweise rechtsextremistische Bestrebungen innerhalb einer Partei. In der zweiten Kategorie wird das rechtsextremistische Personenpotenzial in parteiunabh\u00e4ngigen beziehungsweise parteiungebundenen Strukturen erhoben. Dazu z\u00e4hlen unter anderem rechtsextremistische Gruppierungen, bei denen eine zweck und zielgerichtete organisierte Zusammenarbeit erkennbar ist, wie beispielsweise bei neonazistischen Zusammenschl\u00fcssen, Gruppierungen der Neuen Rechten oder auch bei rechtsextremistischen Vereinen. Zum weitgehend unstrukturierten rechtsextremistischen Personenpotenzial als dritter Kategorie geh\u00f6ren subkulturell gepr\u00e4gte Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten, organisationsungebundene Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten ebenso wie rechtsextremistische Internetaktivistinnen und Internetaktivisten und sonstige Einzelpersonen. Seite 78","III Rechtsextremistische Bestrebungen Im Berichtsjahr sank das rechtsextremistische Personenpotenzial in Schleswig-Holstein leicht um rund 1,7 Prozent auf insgesamt 1180 Personen (2023: 1200). Der R\u00fcckgang vollzog sich im Wesentlichen in der Kategorie der parteiunabh\u00e4ngigen beziehungsweise parteiungebundenen Strukturen. Die Zahl der gewaltorientierten Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten blieb konstant bei 350 (2023: 350). 2022 2023 2024 in Parteien 230 220 220 darunter NPD/JN - HEIMAT 90 80 80 Der III. Weg 5 5 5 DIE RECHTE 5 5 5 sonstiges rechtsextremistisches Personenpotenzial 130 130 130 in Parteien in parteiunabh\u00e4ngigen bzw. parteiungebundenen 380 370 340 Strukturen weitgehend unstrukturiertes rechtsextremistisches 610 610 620 Personenpotenzial Gesamt Land 1 220 1 200 1 180 davon als gewaltorientiert eingesch\u00e4tzte 350 350 350 Rechtsextremisten Seite 79","Seite 80","IV Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates Seite 81","Seite 82","IV Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates Die Szene der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates ist eine aggressiv-k\u00e4mpferische Bestrebung, die darauf abzielt, die freiheitliche demokratische Ordnung zu untergraben und das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in das politische System nachhaltig zu ersch\u00fcttern. Akteurinnen und Akteuren der verfassungsschutzrelevanten Delegitimiererszene sind der \u00dcberzeugung, dass der freiheitlich verfasste, demokratische Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland in Wirklichkeit ein autokratischer Staat ist, der gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung autorit\u00e4r auftritt. Hierzu werden Elemente verschiedener Verschw\u00f6rungstheorien herangezogen, die h\u00e4ufig antisemitische Narrative und Ressentiments sowie Versatzst\u00fccke rechtextremistischer Ideologien enthalten. Ebenso findet eine in diffamierender Absicht vorgenommene Gleichsetzung des parlamentarisch-demokratischen Rechtsstaats mit der NS-Diktatur statt. Au\u00dferdem werden zunehmend Reichsb\u00fcrgerund Selbstverwalter-Stereotype zur Delegitimierung demokratischer Prozesse und ihrer Repr\u00e4sentantinnen und Repr\u00e4sentanten propagiert. 1 Entwicklung und Aktivit\u00e4ten Wie bereits im Vorjahr nutzte die Szene f\u00fcr ihre Agitation intensiv das Internet, insbesondere die sozialen Netzwerke. Zentrale Plattform war der Online-Messengerdienst Telegram. Er diente der Delegitimiererszene zur Agitation und als Forum zur Vernetzung. Der Telegramkanal \"Freie Schleswig-Holsteiner\" war erneut der virtuelle Sammelpunkt der Szene. Die Delegitimiererszene griff im Berichtsjahr politisch-gesellschaftlich relevante Themen auf, um sie propagandistisch in Sinne ihrer Ideologie zu instrumentalisieren nach dem Motto: \"Seht her, so kujoniert und f\u00fchrt euch dieser Staat hinters Licht.\" Ziel der Agitation war es, existenzielle \u00c4ngste zu sch\u00fcren und Widerstand zu mobilisieren. Neben den gestiegenen Energieund Lebenshaltungskosten, bildete insbesondere der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine einen thematischen Schwerpunkt. Das Berichtsjahr war von insgesamt r\u00fcckl\u00e4ufigen Aktivit\u00e4ten der Szene gekennzeichnet. Die Anziehungskraft des Demonstrationsgeschehens hat deutlich abgenommen. Die Anh\u00e4ngerschaft \"auf der Stra\u00dfe\" erreichte nicht mehr die Gr\u00f6\u00dfenordnung wie noch zu Pandemiezeiten. Die von der Delegitimiererszene gew\u00e4hlten Themen verloren an Zugkraft. Nichtsdestotrotz organisierten Szeneangeh\u00f6rige auch im Berichtsjahr wieder entsprechende Demonstrationen beziehungsweise sogenannte Spazierg\u00e4nge. Unter dem Motto \"Deutschland schafft sich ab - nicht mit uns!\" wurde beispielsweise am 29. Juni zu einer Demonstration am Exerzierplatz in Kiel aufgerufen. Als Mobilisierungsplattform diente, wie schon bei vorherigen Veranstaltungen, der Telegram-Kanal \"Freie Schleswig-Holsteiner\". Seite 83","IV Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates Die Teilnehmerzahl von etwa 40 Personen blieb, trotz zahlreicher Mobilisierungsaufrufe in den sozialen Netzwerken, weit hinter den Erwartungen der Veranstalter zur\u00fcck. Hier zeigt sich der fortschreitende Bedeutungsverlust der Delegitimiererszene besonders deutlich. Konnten zu Beginn der Bewegung vor rund drei Jahren noch Teilnehmerzahlen im vierstelligen Bereich erzielt werden, so scheint es der Szene mittlerweile schwer zu fallen, selbst das eigene Spektrum in ausreichendem Ma\u00dfe zu mobilisieren. 2 Ausblick Die Entwicklung im Berichtsjahr deutet darauf hin, dass die Szene der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates ihren realweltlichen Zenit \u00fcberschritten haben d\u00fcrfte. Dennoch wird in den sozialen Medien weiterhin Kommunikation stattfinden. Diese virtuelle Welt war f\u00fcr die Szene von Anfang an wichtig, hier ist sie faktisch entstanden und hat ihre Verbreitung gefunden. Daran wird sich kurzfristig wohl nichts \u00e4ndern. Da die Sozialen Netzwerke der Szene als Echokammer sowie zur Verbreitung von Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen jedweder Art dienen und Radikalisierungstendenzen insbesondere von Einzelpersonen in nicht unerheblichen Ma\u00dfe Vorschub leisten k\u00f6nnen, bleibt die Szene eine zwar deutlich kleinere, aber gleichwohl noch relevante Gr\u00f6\u00dfe im Spektrum verfassungsfeindlicher Bestrebungen. Speziell Verschw\u00f6rungsnarrative mit antisemitischer oder rechtsextremistischer Konnotation sind geeignet, als Legitimation zum \"aktivem Widerstand\" und zur Begehung schwerster Straftaten zu dienen. 3 Personenpotenzial im Bereich der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates 2022 2023 2024 Verfassungsschutzrelevante Delegitimierer des Staates 130 80 40 davon: gewaltorientiertes Personenpotenzial 10 5 Seite 84","IV Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates Seite 85","Seite 86","V Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter Seite 87","Seite 88","V Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter 1 Reichsb\u00fcrger Reichsb\u00fcrgerinnen und Reichsb\u00fcrger beziehen sich auf den Fortbestand des historischen Deutschen Reiches, wobei das Datum, auf das sie sich fokussieren, variiert. H\u00e4ufig werden 1919, 1937 oder auch eine andere Jahreszahl genannt. Diese Reichsb\u00fcrgerinnen und Reichsb\u00fcrger sehen sich als \"B\u00fcrger und Staatsangeh\u00f6rige des Deutschen Reiches\", \"Preu\u00dfens\" oder des \"K\u00f6nigreich Preu\u00dfen\". Alles schlie\u00dft nach ihrem Selbstverst\u00e4ndnis eine Staatsangeh\u00f6rigkeit der Bundesrepublik Deutschland aus. Sie negieren die Legitimit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t der Bundesrepublik Deutschland und gehen davon aus, dass das Grundgesetz und die bestehende Rechtsordnung keinen Bestand haben. Reichsb\u00fcrgergruppierungen haben eigene Reichsregierungen, Reichsministerien, Reichsministerinnen und Reichsminister und Reichsbeh\u00f6rden gebildet. Einige geben Dokumente wie Reichsp\u00e4sse und Reichsf\u00fchrerscheine heraus, die die Mitglieder kaufen k\u00f6nnen. Gegen Geld bieten sie Seminare an, in denen sie verschiedene Rechtsfragen aus Sicht der jeweiligen Reichsregierung darstellen. Mit ihren Bez\u00fcgen auf das historische Deutsche Reich weist die Ideologie der sogenannten (Staats-)B\u00fcrger des Deutschen Reichs \u00dcberschneidungen zu revisionistischen und teils v\u00f6lkischen Ideologieelementen des Rechtsextremismus auf. Dies spiegelt sich auch in personellen \u00dcberschneidungen zwischen der Reichsb\u00fcrgerbewegung und dem Rechtsextremismus wider. 1.1 Wahlkommission der K\u00f6niglich Preu\u00dfischen Provinz Schleswig-Holstein (WKSH) Logo der Wahlkommission der K\u00f6niglich Preu\u00dfischen Provinz Schleswig-Holstein Anh\u00e4nger sogenannter Wahlkommissionen vertreten die Auffassung, dass das Wilhelminische Kaiserreich in seinen Grenzen von 1871 als sogenanntes 2. Deutsche Reich weiterhin existiere, jedoch aufgrund unzureichender Verwaltungsstrukturen gegenw\u00e4rtig nicht handlungsf\u00e4hig sei und deshalb ein verfassungsm\u00e4\u00dfiger Notstand best\u00fcnde. Ziel der bundesweit dezentral agierenden Wahlkommissionen ist die Wiederherstellung der fehlenden Verwaltungsstrukturen und damit letztlich die Reaktivierung des Kaiserreichs von 1871. Seite 89","V Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter In Schleswig-Holstein \u00fcbernimmt diese Aufgabe die \"Wahlkommission der K\u00f6niglich Preu\u00dfischen Provinz Schleswig-Holstein (WKSH)\". Da Deutschland nach Ansicht der WKSH nach wie vor ein besetztes Land sei, in dem Milit\u00e4rgesetze gelten w\u00fcrden, ist es ihr selbsterkl\u00e4rtes Ziel, an der R\u00fcckkehr Deutschlands in die Souver\u00e4nit\u00e4t mitzuwirken und Schleswig-Holstein als Teil des Staates Preu\u00dfen innerhalb Deutschlands in die Zukunft zu f\u00fchren. 1.1.1 Entwicklung und Aktivit\u00e4ten Die WKSH besteht seit August 2022 und will B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern in der Region helfen, ihre \"ererbte Staatsangeh\u00f6rigkeit14\" innerhalb eines \"Ewigen Bundes deutscher Staaten15\" wiederzuerlangen. Dar\u00fcber hinaus sollten Gemeinden vor Ort \"reaktiviert16\" und Gemeindewahlen parteiunabh\u00e4ngig organisiert werden. Im Berichtsjahr gab es keine Hinweise f\u00fcr ein \"Reaktivieren\" einer Gemeinde in Schleswig-Holstein. Die Gruppierung unterhielt neben einer eigenen Website auch einen Telegram-Kanal namens \"Preu\u00dfische Provinz Schleswig-Holstein\", dessen Mitgliederzahl im mittleren zweistelligen Bereich lag. 1.1.2 Ausblick Auch wenn die Erfolgsaussichten dieser Bestrebungen als gering eingesch\u00e4tzt werden, richtet sich das Handeln der Gruppierung gegen elementare Bestandteile der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Durch die Ablehnung der staatlichen Existenz und die gezielte Infragestellung der demokratischen Prinzipien tr\u00e4gt sie zur Destabilisierung der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung bei. Die WKSH wird auch zuk\u00fcnftig ihre Aktivit\u00e4ten fortsetzen, ihre organisatorischen Strukturen weiter ausbauen und dabei bestehende Netzwerke erweitern, um eine fl\u00e4chendeckende Pr\u00e4senz zu etablieren. 14 Die Formulierung bezieht sich auf das \"Reichsund Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz\" (RuStAG) von 1913. Dort ist das Abstammungsprinzip verankert, das die deutsche Nation ethnisch homogen definieren sollte. Es legte die Staatsangeh\u00f6rigkeit auf die ethnische Zugeh\u00f6rigkeit zum Deutschen Volk fest, sodass nur Kinder von deutschen Eltern die Reichszugeh\u00f6rigkeit erhielten. 15 Hierbei handelt es sich um einen Rekurs auf die Gr\u00fcndung des Deutschen Kaiserreiches 1871. Das Kaiserreich war als ein \"Ewiger Bund\" deutscher F\u00fcrsten gedacht und ma\u00df den einzelnen Bundesstaaten ein hohes Ma\u00df an Eigenst\u00e4ndigkeit und verfassungsrechtlicher Gestaltungsmacht zu. 16 F\u00fcr einen Teil der Reichsb\u00fcrgerund Selbstverwalter-Szene gilt die Verfassung des Deutschen Kaiserreiches von 1871-1918 als einzig g\u00fcltig. Ihr Ziel ist es, St\u00e4dte und Gemeinden auf dieser verfassungsrechtlichen Grundlage neu zu organisieren. Sie glauben, dass die Bundesrepublik Deutschland ein privatrechtliches Unternehmen unter alliierter Kontrolle ist. Seite 90","V Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter 1.2 Internationale Organisation V\u00f6lkerrecht (IOV) Logos der Internationalen Organisation V\u00f6lkerrecht Die \"Internationale Organisation V\u00f6lkerrecht (IOV)\" ist eine neuere Gruppierung innerhalb der Reichsb\u00fcrgerszene. Die Organisation beruft sich unter anderem auf das V\u00f6lkerrecht und damit aus ihrer Sicht auf ein dem Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland \u00fcbergeordnetes Normsystem. Die IOV bezeichnet sich selbst als \"Ratifizierte Schutzmacht nach Art. 132 und 140 Genfer Abkommen IV\" und bietet B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern Hilfe bei vermeintlich rechtswidrigem Vorgehen von Beh\u00f6rden an. Insofern unterscheidet sich das IOV in ihrem Vorgehen nicht von anderen Gruppierungen innerhalb des Reichsb\u00fcrgerspektrums. Die IOV ist darauf ausgerichtet, staatliche Ma\u00dfnahmen abzuwehren. Bu\u00dfgelder, Rundfunkbeitr\u00e4ge und staatliche Geb\u00fchren und Abgaben stellen aus Sicht des IOV rechtswidrige Forderungen dar, die es zur\u00fcckzuweisen gilt. Daneben wird staatliches Handeln, mit Verweis auf das vermeintlich \"h\u00f6herrangige\" V\u00f6lkerrecht, die Menschenrechte oder andere \"\u00fcbergeordnete\" Normen f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt. Die Auslegung der jeweiligen Rechtsnormen erfolgt dabei meist willk\u00fcrlich und dient in erster Linie dazu, die eigene Argumentation zu untermauern. Die IOV betreibt eine eigene Website. Dort propagiert die Gruppierung ihre Ideologie und stellt \"rechtliche\" Informationen zur Verf\u00fcgung. 1.2.1 Entwicklung und Aktivit\u00e4ten Die IOV ist im Gef\u00fcge der schleswig-holsteinischen Reichsb\u00fcrgerund Selbstverwalterszene eine Kleinstorganisation. Sie trat erstmalig im Berichtsjahr mit dem Versenden von zahlreichen szenetypischen Schreiben an verschiedene Beh\u00f6rden in Schleswig-Holstein in Erscheinung. Zu den Adressaten der teilweise umfangreichen Schrifts\u00e4tze z\u00e4hlten neben den Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden auch das Finanzund Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein. In den zumeist standardisierten Schreiben wurden in der Regel vermeintliche, sich aus dem V\u00f6lkerrecht ergebende Rechte wie beispielsweise die Ausstellung von Reiseausweisen eingefordert. Gleichzeitig enthielten die Schreiben Informationen an Beh\u00f6rden, wie aus Sicht der IOV k\u00fcnftig mit ihren eigenen Anh\u00e4ngern, den Seite 91","V Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter sogenannten Zivilisten, umzugehen sei, da diese au\u00dferhalb des \"Rechtskreises17\" der Bundesrepublik Deutschland st\u00fcnden. Ein zentrales Element der Reichsb\u00fcrgerideologie ist die Unterscheidung zwischen (juristischen) Personen und Menschen beziehungsweise Zivilisten. Frauen und M\u00e4nner, die das herrschende System akzeptieren, sind nach Auffassung der IOV juristische Personen und damit Personal oder Sklaven der \"BRD-GmbH\". Die Bezeichnung \"Mensch\" beziehungsweise \"Zivilist\" kommt laut IOV nur Szeneangeh\u00f6rigen zu. Die IOV will damit zum Ausdruck bringen, dass sie au\u00dferhalb der geltenden Rechtsordnung steht. 1.2.2 Ausblick Es ist zu erwarten, dass sich die IOV weiterhin auf den Versand von Schreiben an Beh\u00f6rden konzentrieren wird, obgleich schon im Berichtsjahr ein leichter R\u00fcckgang zu verzeichnen war. Weitere Aktivit\u00e4ten der IOV sind derzeit nicht absehbar. Aus heutiger Sicht erscheint es eher unwahrscheinlich, dass die \"Internationale Organisation V\u00f6lkerrecht\" zu einer nennenswerten Gr\u00f6\u00dfe mit Bestand in der Reichsb\u00fcrgerszene werden k\u00f6nnte. 2 Selbstverwalter Bei Selbstverwalterinnen und Selbstverwaltern ist die ideologische Ausrichtung ebenfalls nicht einheitlich. Sie berufen sich unter anderem auf ein selbst definiertes Naturrecht als Grundlage ihres Zusammenlebens oder beziehen ihre Rechtsauffassung aus Gesetzestexten vergangener Jahrhunderte sowie von aus dem Zusammenhang gerissenen Ausz\u00fcgen aus der Bibel. Sie propagieren die Vorstellung einer besseren, harmonischeren und menschlicheren Welt, in der sich jeder frei von Bindungen entfalten kann. Ihre \"selbst verwalteten Gebiete\" erkl\u00e4ren sie f\u00fcr exterritorial, also nicht zu Deutschland geh\u00f6rend und somit nicht den Landesgesetzen unterworfen. Diese Gebiete k\u00f6nnen eigene Grundst\u00fccke, aber auch ganze Gemeinden und St\u00e4dte sein. Allen gemeinsam ist, dass sie die Bundesrepublik Deutschland und ihre Rechtsordnung ablehnen beziehungsweise deren Existenz bestreiten. Wenn aus diesem irrationalen Ideologiekonstrukt eine Legitimation zur Selbstverteidigung abgeleitet wird, kann daraus eine reale Gefahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Sicherheit erwachsen. 17 Angeh\u00f6rige der IOV teilen die Welt in sogenannte Rechtskreise auf. Diese stehen, anders als in der Rechtswissenschaft, in einem hierarchischen Verh\u00e4ltnis zueinander, wobei das V\u00f6lkerrecht den h\u00f6chsten Rechtskreis und das Handelsrecht den niedrigsten Rechtskreis bildet. Diese Unterteilung bietet Szeneangeh\u00f6rigen die M\u00f6glichkeit, die eigenen Interessen auf eine vermeintlich h\u00f6here juristische Ebene zu heben, w\u00e4hrend die Gesetze und Verordnungen der Bundesrepublik Deutschland f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt werden. Seite 92","V Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter 2.1 K\u00f6nigreich Deutschland (KRD) Logo des K\u00f6nigreich Deutschland Das K\u00f6nigreich Deutschland (KRD) ist ein bundesweit aktiver Verein, der einen sogenannten autarken Gemeinwohlstaat aufbauen will. Dazu etabliert das KRD eigene Strukturen wie die \"K\u00f6nigliche Reichsbank\", die \"Gemeinwohlkasse\", das \"Meldeamt\", die \"Deutsche Heilf\u00fcrsorge\", die \"Deutsche Rente\" und den Online Marktplatz \"Kauf das Richtige (KaDaRi)\". Das KRD hat sich eine eigene Verfassung gegeben, in der es sich selbst zum \"Staat\" mit der Bezeichnung \"K\u00f6nigreich Deutschland\" erkl\u00e4rt. Das Oberhaupt des Staates, Peter Fitzek, tr\u00e4gt den Titel \"K\u00f6nig von Deutschland\". Der \"K\u00f6nig\" wird auf Lebenszeit gew\u00e4hlt, kann seinen Nachfolger bestimmen, untersteht nicht der Gerichtsbarkeit, und jedes Gesetz bedarf der Zustimmung des \"K\u00f6nigs\". Dieser sogenannte K\u00f6nig vertritt seinen Staat auch gegen\u00fcber ausw\u00e4rtigen Staaten. Das KRD gibt an, die Bundesrepublik Deutschland und ihre Rechtsordnung anzuerkennen, sieht sich selbst aber als souver\u00e4nen Staat, der nicht der Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland unterworfen ist. 2.1.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Beim KRD ging es im Berichtsjahr weiterhin haupts\u00e4chlich darum, neue Anh\u00e4nger zu gewinnen. Dazu unterhielt das KRD ein sogenanntes LEUCHT-TURM-Team. Dessen Mitglieder waren f\u00fcr die Organisation und Durchf\u00fchrung von Veranstaltungen verantwortlich, wie zum Beispiel Seminare und Wanderungen. Die Veranstaltungen wurden bundesweit angeboten, auch in Schleswig-Holstein. Sie verfolgen den Zweck, das KRD weiter aufzubauen und zu festigen. Die KRD-Seminare behandeln stets das gleiche Thema: Den \"Ausstieg aus der BRD\" und den \"Einstieg in das KRD\". Die Kosten f\u00fcr die angebotenen Seminare liegen im dreibis vierstelligen Bereich. F\u00fcr eine Aufnahme als \"KRD-Staatszugeh\u00f6riger\"18 oder \"KRD-Staatsangeh\u00f6riger\"19 m\u00fcssen weitere finanzielle Leistungen erbracht werden. 18 Die sogenannte Staatszugeh\u00f6rigkeit ist eine lockere Verbindung zum KRD, bei der lediglich die Vision des KRD bef\u00fcrwortet werden muss. Die stellt den ersten unverbindlichen Einstieg in das KRD dar. 19 Die sogenannte Staatsangeh\u00f6rigkeit ist die verbindliche Mitgliedschaft im KRD, die nur \u00fcber die Anerkennung der sogenannten Verfassung des KRD und eine Pr\u00fcfung erlangt werden kann. Seite 93","V Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter Trotz des umfangreichen Informationsangebots wuchs das Personenpotenzial nicht im gleichen Ma\u00dfe an. Dies deutet auf eine hohe Fluktuation der Mitglieder im KRD hin. Offensichtlich stimmt die tats\u00e4chliche Struktur des KRD nicht mit den dort propagierten gemeinwohlorientierten Idealen \u00fcberein. Ein Unterschied zwischen den theoretischen Zielen und der praktischen Umsetzung k\u00f6nnte bei einigen Personen zu Entt\u00e4uschung und einer Abkehr vom KRD gef\u00fchrt haben. Das KRD hat nach eigenen Angaben bundesweit etwa 6 000 Staatszugeh\u00f6rige und Staatsangeh\u00f6rige. In Schleswig-Holstein geht die Landesverfassungsschutzbeh\u00f6rde von einem Personenpotenzial im oberen zweistelligen Bereich aus. Die Bundesanstalt f\u00fcr Finanzdienstleistungsaufsicht ging im Berichtsjahr regelm\u00e4\u00dfig gegen das KRD vor. Trotzdem stellten \u00fcberzeugte KRD-Angeh\u00f6rige weiterhin finanzielle Mittel in teils betr\u00e4chtlichem Umfang zur Verf\u00fcgung. 2.1.2 Ausblick Schleswig-Holstein hat f\u00fcr das KRD offensichtlich eine gewisse Anziehungskraft. Die Gruppierung d\u00fcrfte weiterhin mit Beharrlichkeit und Best\u00e4ndigkeit versuchen, neue Strukturen aufzubauen und langfristig zu etablieren. Besonders die l\u00e4ndlichen Gebiete gelten aus Sicht des KRD als besonders geeignet f\u00fcr die Entwicklung sogenannter Gemeinwohld\u00f6rfer; das sind autarke KRD-Ansiedlungen, die auf Selbstversorgung und gemeinschaftlicher Zusammenarbeit basieren. Dort sollen die vermeintlich gemeinwohlorientierten Ideale des KRD umgesetzt werden. Angesichts dieser Ziele ist zu erwarten, dass das KRD in naher Zukunft mit weiteren Initiativen und Aktivit\u00e4ten in Schleswig-Holstein pr\u00e4sent sein wird, um sein Konzept voranzutreiben und auszubauen. Das KRD wurde am 13. Mai 2025 durch den Bundesinnenminister verboten. Das Bundesinnenministerium f\u00fchrte dazu aus, dass Zweck und T\u00e4tigkeit des Vereins den Strafgesetzen zuwider laufe und sich gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung sowie den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richten. Vom Verbot umfasst sind auch die zahlreichen Teilorganisationen des Vereins. Das Vereinsverbot untersagt jede Fortf\u00fchrung der Vereinsaktivit\u00e4ten durch die bisherigen Mitglieder und Unterst\u00fctzungsaktivit\u00e4ten Dritter zugunsten des verbotenen Vereins. Verst\u00f6\u00dfe hiergegen sind Straftaten nach SS 20 Vereinsgesetz (bis zur Bestandskraft des Verbots) bzw. nach SS 85 Strafgesetzbuch (ab Bestandskraft des Verbots). Zudem f\u00fchrt der Generalbundesanwalt ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung im Zusammenhang mit dem Betrieb unerlaubter Bankund Versicherungsgesch\u00e4fte.bF\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden wird jetzt weiter zu beobachten sein, ob das KRD seine Bestrebungen dennoch zuk\u00fcnftig fortsetzt. Seite 94","V Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter 2.2 \"Indigenes Volk Germaniten\" (IVG) Logo des Indigenen Volks Germaniten Die Gruppierung \"Indigenes Volk Germaniten\" (IVG) wurde 2007 in Baden-W\u00fcrttemberg gegr\u00fcndet und unterh\u00e4lt bundesweit Ableger, die sogenannten Missionen. Sie beansprucht, das Volk der \"Germaniten\" zu repr\u00e4sentieren. Dabei soll es sich um Nachfahren der ehemaligen Bewohner eines bestimmten Gebiets (\"Germanitien\") handeln, die bereits vor der Gr\u00fcndung der Bundesrepublik Deutschland dort lebten. Als vermeintliche Angeh\u00f6rige eines indigenen Volkes fordert das IVG Sonderrechte, die ihnen auf Grundlage verschiedener nationaler und internationaler Abkommen zum Schutz indigener V\u00f6lker zustehen w\u00fcrden. Die Mitglieder der IVG betrachten sich nicht als an die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland gebunden, da diese f\u00fcr sie als Teil des urspr\u00fcnglichen Volkes keine G\u00fcltigkeit h\u00e4tten. Im Jahr 2017 entschied das Bundesverwaltungsgericht abschlie\u00dfend, dass der Status der Gruppierung als indigenes Volk zu verneinen ist. 2.2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Im Berichtszeitraum fiel erneut eine Protagonistin aus Schleswig-Holstein auf. Auf von ihr bundesweit organisierten Veranstaltungen hielt sie Vortr\u00e4ge, um gezielt neue Interessenten und potenzielle Anh\u00e4nger zu gewinnen. Weder die Teilnahme an den Vortragsveranstaltungen noch die Mitgliedschaft im IVG sind kostenlos. In Schleswig-Holstein konzentrierten sich die Aktivit\u00e4ten der Gruppierung haupts\u00e4chlich auf den Versand von mehrseitigen Schreiben an zahlreiche Beh\u00f6rden. In diesen Briefen, die f\u00fcr diese Gruppierung typisch sind, protestierte das IVG in der Regel gegen ablehnende Verwaltungsoder Gerichtsentscheidungen, beklagte vermeintliche \"rassistische Diskriminierung\" oder forderte die Gew\u00e4hrung angeblich bestehender \"Indigenen-Rechte\". Einzelne \"Missionen\" des IVG gingen im Berichtszeitraum dazu \u00fcber, ihre R\u00e4umlichkeiten als \"Botschaften\" oder \"Botschaftsnebensitze\" zu deklarieren. Dies geschah durch entsprechende Beschilderung und das Anbringen eines \"Betretungsverbots\" f\u00fcr \"BRD-Bedienstete\". In einigen F\u00e4llen wurden die Immobilien zus\u00e4tzlich sichtbar abgegrenzt, um den Eindruck einer Exterritorialit\u00e4t zu erwecken. Diese Absicht sollte noch Seite 95","V Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter dadurch verst\u00e4rkt werden, dass sich die Protagonisten einer \"Mission\" als \"Botschafter\" bezeichneten und mit \"Exzellenz\" angesprochen werden wollten. Besondere Aufmerksamkeit erregte eine \"Mission\" der Germaniten auf Eiderstedt (Nordfriesland), die durch ihr Verhalten - einschlie\u00dflich des hundertfachen Versands entsprechender Faxe an eine Vielzahl von Empf\u00e4ngern - unter anderem das Interesse der \u00fcberregionalen Presse auf sich zog. 2.2.2 Ausblick Es ist zu erwarten, dass sich die Aktivit\u00e4ten des IVG auch in der Zukunft auf hohem Niveau fortsetzen werden. Die Gruppierung wird voraussichtlich weiterhin verst\u00e4rkt auf \u00f6ffentliche Auftritte und Vortragst\u00e4tigkeiten setzen, um neue Mitglieder zu werben und auf diesem Weg zus\u00e4tzliche Einnahmen zu generieren. Die damit verbundenen finanziellen Mittel k\u00f6nnten dazu dienen, die organisatorische Struktur weiter auszubauen und die Aktivit\u00e4ten intensiver und nachhaltiger zu gestalten. In diesem Zusammenhang ist auch mit vereinzelt \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktionen zu rechnen, die darauf abzielen, Aufmerksamkeit zu erlangen und die eigene Agenda weiter zu verbreiten. 3 Unstrukturiertes Personenpotenzial der Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter Die Mehrheit der Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter konnte im Berichtsjahr keinem Personenzusammenschluss zugeordnet werden. Der relativ gro\u00dfe Anteil dieses so genannten unstrukturierten Personenpotenzials war mit 57 Prozent - wie in den Vorjahren - weiterhin pr\u00e4gend f\u00fcr die Reichsb\u00fcrgerund Selbstverwalterszene in Schleswig-Holstein. 4 Personenpotenzial der Reichsb\u00fcrgerund Selbstverwalterszene 2022 2023 2024 Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter 640 700 800 davon: in Personenzusammenschluss eingebunden 230 300 320 unstrukturiertes Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter 410 400 480 Personenpotenzial davon: 13 20 20 rechtsextremistische Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter gewaltorientierte Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter 21 30 40 Das Personenpotenzial der Reichsb\u00fcrgerund Selbstverwalterszene ist im Vergleich zum Vorjahr um rund 14 Prozent auf 800 Personen (2023: 700) angewachsen. Seite 96","V Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter Die Ursachen f\u00fcr den stetigen Anstieg in der Szene sind haupts\u00e4chlich in den diffusen \u00c4ngsten und Unsicherheiten im Zusammenhang mit den anhaltenden und weitreichenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisen wie der Angriffskrieg auf die Ukraine, der Terrorangriff der Hamas und der darauffolgende Krieg im Nahen Osten, der Klimaund Energiekrise sowie der Inflation zu sehen. Reichsb\u00fcrgerund Selbstverwaltergruppierungen bieten hier vermeintliche Auswege an. Solange Krisen und Kriege in ihrer Sch\u00e4rfe fortbestehen und \u00fcberwiegend als pers\u00f6nlich existenzgef\u00e4hrdend betrachtet werden, wird die Reichsb\u00fcrgerund Selbstverwalterszene auf mittlere Sicht gesamtgesellschaftlich g\u00fcnstige Voraussetzungen vorfinden, um neue Mitglieder und Anh\u00e4nger zu akquirieren. Zudem war das Meldeaufkommen von kommunalen Amtstr\u00e4gern und Beh\u00f6rden nach wie vor hoch. Seite 97","Seite 98","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Seite 99","Seite 100","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Der Islamismus als extremistische Ideologie und insbesondere der islamistische Terrorismus bleiben eine anhaltende Bedrohung f\u00fcr die innere Sicherheit des Landes. Denn sowohl islamistische Gruppierungen, die \u00fcberwiegend auf politischer und gesellschaftlicher Ebene agieren, als auch jihadistische, gewaltorientierte und terroristische Organisationen verfolgen das gemeinsame Ziel, einen islamistischen Gottesstaat zu errichten, unter anderem auf dem Gebiet der Bundesrepublik. Sie versuchen daher, den deutschen Rechtsstaat auf verschiedene Weise zu untergraben und die freiheitlich-demokratische Grundordnung durch einen ausschlie\u00dflich religi\u00f6sen und islamistischen Rechtsund Wertekanon, die Scharia, zu ersetzen. Internationale Krisen wirken sich auch auf die Situation in Deutschland und Schleswig-Holstein aus. So hat der Hamas-\u00dcberfall auf Israel am 7. Oktober 2023 den Nahost-Konflikt eskalieren lassen. Die Unruhen in der Region beeinflussen weiterhin die islamistische Szene in Deutschland, die diese Ereignisse sowohl im Internet als auch in der realen Welt emotional aufgreift und erwartungsgem\u00e4\u00df mit Solidarit\u00e4tsbekundungen gegen\u00fcber der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung in Gaza sowie mit antiisraelischen und antisemitischen Haltungen begleitet. Gleichzeitig bleibt die Bundesrepublik Deutschland ein unmittelbares Ziel terroristischer Organisationen wie des sogenannten Islamischen Staates (IS), al-Qaida (AQ) und weiterer ideologisch verbundener Gruppierungen. Auch die Sicherheitslage in Schleswig-Holstein ist untrennbar mit diesen globalen Krisen verkn\u00fcpft. Dar\u00fcber hinaus haben die jihadistischen Anschl\u00e4ge von Solingen und Mannheim gezeigt, dass terroristische Gruppen, insbesondere der sog. Islamische Staat, weiterhin in der Lage sind, durch ihre jihadistische Propaganda auch islamistische Akteure in Deutschland zu radikalisieren und zur Begehung von folgenschweren Anschl\u00e4gen zu animieren. 1 Salafistische Bestrebungen/Salafismus Salafistische Bestrebungen/Salafismus Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein: 700 (2023: 700) Anh\u00e4ngerschaft bundesweit: 11 000 (2023: 10 500) Der Salafismus als besonders dynamische islamistische Str\u00f6mung ist ideologisch r\u00fcckw\u00e4rtsgerichtet und arbeitet auf die Islamisierung der Gesellschaft und langfristig auf die Etablierung eines islamischen Gottesstaates hin. Somit ist er mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung g\u00e4nzlich unvereinbar und seine Anh\u00e4ngerschaft steht unter dem Sammelbegriff \"Salafistische Bestrebungen\" unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Seite 101","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Durch die Sicherheitsbeh\u00f6rden wird innerhalb des Salafismus zwischen politischem Salafismus und dem salafistischen Jihadismus unterschieden. Ersterer ist dabei der Versuch, durch Missionierung (da'wa) eine gesellschaftliche Durchdringung der salafistischen Ideologie zu erreichen. Die Propaganda und Handlungen des Jihadismus sind hingegen vorwiegend durch den bewaffneten Kampf (Jihad) gegen vermeintliche Ungl\u00e4ubige gepr\u00e4gt. Die \u00dcberg\u00e4nge vom politischen zum jihadistischen Salafismus sind jedoch oft flie\u00dfend. Denn auch wenn ersterer in der Regel auf die aktive Anwendung von Gewalt verzichtet, zeigt er durch seine strikte Ausrichtung an Sunna (Prophetentradition) und Koran - der bei unreflektierter Lesart beispielsweise auch die Z\u00fcchtigung von Ehefrauen erlaubt - sowie der Forderung nach der Scharia mit ihren oft gewaltbehafteten Strafelementen zumindest eine Toleranz gegen\u00fcber Gewalt als legitimem Instrument. 1.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Schwerpunkte salafistischer Aktivit\u00e4ten in Schleswig-Holstein bildeten im Berichtsjahr erneut einschl\u00e4gige Moscheevereine vor allem in den kreisfreien St\u00e4dten Kiel, L\u00fcbeck, Neum\u00fcnster und Flensburg sowie in Rendsburg. Im Hamburger Randbereich orientierten sich die Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger salafistischer Bestrebungen vorwiegend in die Hansestadt Hamburg selbst. Bundesweit stiegen die Anh\u00e4ngerzahlen leicht auf insgesamt 11 000 Personen an. Dieser Trend zeigte sich nicht in Schleswig-Holstein, hier ist das salafistische Personenpotenzial mit 700 gleichbleibend wie im Vorjahr. Es kann festgestellt werden, dass der gr\u00f6\u00dfte Teil dieser Personen ideologisch gefestigte Salafistinnen und Salafisten und bereits seit Jahren in eine salafistische Vereinsstruktur eingebettet sind. Dar\u00fcber hinaus l\u00e4sst sich zunehmend beobachten, dass die Ideologie alteingesessener Personen in Moscheevereinen gezielt an die n\u00e4chste Generation weitergegeben wird. Dabei wird die Szene insgesamt j\u00fcnger, wobei dabei das Internet auch eine entscheidende Rolle spielt. Die salafistische Szene in Schleswig-Holstein erweist sich als anpassungsf\u00e4hig. Etablierte salafistische Einrichtungen treten mit Unterrichten und Seminaren gezielt an Interessierte heran, oft mit einem Profil, das nach au\u00dfen kaum noch als salafistisch erkennbar ist. Diese Agenda wird durch das Internet unterst\u00fctzt, wo salafistisches Gedankengut \u00fcber zeitgem\u00e4\u00dfe Formate wie Podcasts, Videostreams und Onlineseminare propagiert wird. Seite 102","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Salafistisches Personenpotenzial in Deutschland und Schleswig-Holstein 800 14000 700 12000 Schleswig-Holstein 600 10000 500 Deutschland 8000 400 6000 300 4000 200 100 2000 0 0 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 Schleswig-Holstein 230 300 370 500 600 650 750 750 750 700 700 Deutschland 7000 8350 9700 10800 11300 12150 12150 11900 11000 10500 11000 1.2 Missionierungsarbeit (da'wa) Die Missionierungsarbeit (Da'wa) bleibt im Salafismus ein zentrales Mittel, um neue Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger zu gewinnen. Am 12. Juni des Berichtsjahres wurde die Deutschsprachige Muslimische Gemeinschaft e.V. (DMG) in Braunschweig vom Nieders\u00e4chsischen Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport verboten und aufgel\u00f6st. Sie geh\u00f6rte seit Jahren zu den salafistischen Zentren Deutschlands. Zur DMG geh\u00f6rten salafistische Szenegr\u00f6\u00dfen wie Pierre Vogel, Abul Baraa sowie weitere bundesweit popul\u00e4re Akteure. Die DMG bot \u00fcberregionalen salafistischen Predigern eine Plattform und verf\u00fcgte \u00fcber ein umfangreiches und differenziertes Onlineangebot. Dadurch hatte sie eine enorme Reichweite, vor allem bei jungen Menschen. Durch das DMG Verbot kam es auch zu einem Verbot der vom Verein initiierten Street Da'wa Kampagne \"Was danach?\". Bei dieser Kampagne handelte es sich um ein bundesweites salafistisches Missionierungsprojekt, welches zum Ziel hatte, jeden Menschen in Deutschland zum Islam \"einzuladen\". Das Projekt richtete sich prim\u00e4r an Nicht-Musliminnen und Nicht-Muslime. Im Berichtsjahr konnten in Schleswig-Holstein keine Aktivit\u00e4ten der klassischen StreetDa'wa, wie etwa Informationsst\u00e4nde an \u00f6ffentlichen Orten, festgestellt werden. Stattdessen konzentrierte sich die Missionierungsarbeit der salafistischen Szene in Schleswig-Holstein weiterhin auf private R\u00e4ume und etablierte Vereinsstrukturen. Seite 103","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Ein weiterer zentraler Aspekt der Da'wa-Aktivit\u00e4ten ist die Einladung salafistischer Reiseprediger, die die Missionierungsarbeit durch Veranstaltungen wie Islamseminare intensivieren. Diese Prediger sind ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlich und genie\u00dfen als national oder international bekannte islamistische Gelehrte oder Prediger eine hohe Reputation innerhalb der salafistischen Szene. Dadurch \u00fcben sie eine starke Anziehungskraft auf Mitglieder der lokalen Szene aus, mit dem Ziel, neue Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger zu gewinnen und bestehende Mitglieder st\u00e4rker an die Vereinsstrukturen zu binden. Im Berichtsjahr konnten in Schleswig-Holstein jedoch keine Aktivit\u00e4ten prominenter Reiseprediger aus anderen Bundesl\u00e4ndern oder dem Ausland festgestellt werden. Dennoch war die salafistische Szene in Schleswig-Holstein gut vernetzt, sowohl untereinander als auch im norddeutschen Raum. Diese Vernetzung wird insbesondere bei Spendensammlungen genutzt, etwa zur Finanzierung von Moscheeprojekten innerhalb der norddeutschen salafistischen Gemeinschaft. Die Rolle weiblicher Mitglieder in der salafistischen Szene Auch im Berichtsjahr fanden in einem Gro\u00dfteil der salafistisch beeinflussten Moscheevereine in Schleswig-Holstein Frauenund Kinderunterrichte statt. Dabei war in einigen dieser Moscheevereine eine generelle Zunahme der Aktivit\u00e4ten weiblicher Mitglieder zu beobachten. Dies zeigte sich unter anderem in der Gr\u00fcndung von Frauengruppen, die sowohl online als auch in der realen Welt Unterrichte und Treffen organisierten. Diese Aktivit\u00e4ten waren speziell auf die Bed\u00fcrfnisse von Frauen ausgerichtet und fanden in der Regel in geschlossenen Gruppen statt, in denen die Frauen unter sich blieben. In einigen einschl\u00e4gigen Moscheevereinen wurden geschlechtergetrennte Jugendgruppen f\u00fcr weibliche und m\u00e4nnliche Jugendliche sowie junge Erwachsene etabliert, die ein speziell auf sie zugeschnittenes Programm bieten. Dieses reicht von gemeinsamen Veranstaltungen und Islamseminaren \u00fcber Freizeitaktivit\u00e4ten bis hin zur gezielten Ansprache und Konversion junger Nicht-Musliminnen und Nicht-Muslime. Besonders junge Frauen wurden verst\u00e4rkt \u00fcber soziale Medien mit der salafistischen Ideologie adressiert. Die Jugendgruppen agierten sowohl online in sozialen Netzwerken als auch durch reale Veranstaltungen. Im Berichtsjahr konnte zudem eine intensivere Vernetzung zwischen Jugendgruppen verschiedener Moscheevereine festgestellt werden. Salafistische Influencerinnen und Influencer als Ausdruck jugendlicher Szenekultur Die Verbreitung der salafistischen Ideologie verlagert sich zunehmend, professionell und visuell ansprechend aufgearbeitet, in die sozialen Medien. Salafistische Influencerinnen und Influencer nehmen mittlerweile einen gro\u00dfen Stellenwert f\u00fcr junge Menschen ein. Neben den meist m\u00e4nnlich dominierten salafistischen Szenegr\u00f6\u00dfen, die sich oft als \"Islamgelehrte\" inszenieren, hat sich hier eine weitere Gruppe salafistischer Seite 104","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Akteure etabliert, die selbst \u00fcberwiegend im jugendnahen Alter sind, oftmals kaum fundiertes theologisches Wissen aufweisen und in jugendgerechter Sprache allt\u00e4gliche Themen mit dem Thema Islam verbinden, hierbei jedoch ein salafistisches Weltbild verbreiten. Einigen salafistischen Akteuren ist es gelungen, sich in relativ kurzer Zeit zu einflussreichen Social-Media-Pers\u00f6nlichkeiten zu entwickeln. Die Inhalte sind auf g\u00e4ngigen Social-Media-Plattformen leicht zug\u00e4nglich und stehen somit einem gro\u00dfen Publikum zur Verf\u00fcgung. Allzu viele der vorwiegend m\u00e4nnlichen Influencer richten ihr Islambild an der salafistischen Weltanschauung des Fr\u00fchislam aus, der jedwede Reform ablehnt und ein intolerantes Weltbild gegen\u00fcber Andersdenkenden und Andersgl\u00e4ubigen verfolgt. W\u00e4hrend salafistische Prediger bereits seit vielen Jahren YouTube nutzen, um ihre islamistischen Inhalte zu verbreiten, haben sie ihr Repertoire mittlerweile um zahlreiche Social-Media-Plattformen wie TikTok und Instagram erweitert. Durch diese Multi-Plattform-Strategie sind salafistische Prediger jederzeit und \u00fcber einen breiten Zugang mit ihren Botschaften verf\u00fcgbar. Im aktuellen Berichtsjahr wurde erstmals eine \u00fcberregionale, nicht aus Schleswig-Holstein stammende weibliche salafistische Influencerin mit gro\u00dfer Reichweite festgestellt. Sie erreichte innerhalb k\u00fcrzester Zeit eine hohe Zahl an Followern und richtet sich mit ihren Beitr\u00e4gen insbesondere an Konvertitinnen. Ein besonders florierendes Ph\u00e4nomen innerhalb der salafistischen Szene im aktuellen Berichtsjahr waren Umra-Reisen, auch bekannt als der \"kleine Hadsch\" (Pilgerfahrt). Diese wurden von zahlreichen Predigern \u00fcber Social Media beworben und organisiert. Bundesweit fand im Berichtsjahr eine hohe Anzahl solcher Reisen statt. Die Teilnahme birgt die Gefahr, dass nicht-extremistische Musliminnen und Muslime w\u00e4hrend dieser Reisen durch gezielte Indoktrinierung f\u00fcr die salafistische Ideologie vereinnahmt und potenziell radikalisiert werden. Auch in kleinerem Rahmen und mit weniger Followern waren in Schleswig-Holstein einige junge Akteurinnen und Akteure aktiv, die durch Social-Media-Aktivit\u00e4ten andere junge Menschen beeinflussen und dabei salafistisch gepr\u00e4gte Ansichten verbreiten. Unter den Nutzerinnen und Nutzern dieser Angebote befinden sich zudem zahlreiche Personen, die bereits eine salafistische Weltanschauung verinnerlicht haben. Viele Moscheevereine, welche meist durch eine \u00e4ltere Generation betrieben werden, standen sog. Influencerinnen und Influencern in den sozialen Netzwerken weiterhin scheinbar neutral bis ablehnend gegen\u00fcber. Sie nutzten kaum die M\u00f6glichkeit, eigene Inhalte in den sozialen Medien zu ver\u00f6ffentlichen, um dort f\u00fcr ihren eigenen Verein und ihre salafistische Ideologie zu werben. Seite 105","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Obwohl Influencerinnen und Influencer unterschiedliche Ideologien und Agenden verfolgen, haben sie eines gemeinsam: Sowohl salafistische als auch insbesondere \"Hizb-ut-Tahrir\" (HuT)-nahe Gruppierungen erreichen in den sozialen Netzwerken Hunderttausende junge Musliminnen und Muslime. W\u00e4hrend salafistische Inhalte im Netz \u00fcberwiegend unpolitische Themen behandeln, konzentrieren sich HuT-nahe Gruppierungen auf politische Propaganda, oft verbunden mit der Forderung nach einer Einrichtung eines Kalifats. Gemeinsam ist allen Akteurinnen und Akteuren, dass sie eine Spaltung zwischen Musliminnen und Muslimen und der \"Mehrheitsgesellschaft\" anstreben und damit einen N\u00e4hrboden f\u00fcr zuk\u00fcnftige Radikalisierungsprozesse schaffen. Auswirkungen des aktuellen Nahostkonfliktes in der Realwelt als auch in den sozialen Medien Auch in der salafistischen Szene in Schleswig-Holstein wurde der Nahostkonflikt insgesamt nur zur\u00fcckhaltend thematisiert, vermutlich aus Sorge vor m\u00f6glichen staatlichen Ma\u00dfnahmen gegen Einzelpersonen oder Vereine. Direkte Aufrufe zur Teilnahme an Demonstrationen oder \u00f6ffentliche Sympathiebekundungen mit der Terrororganisation HAMAS konnten nicht festgestellt werden. In den meisten salafistischen Anlaufstellen blieb der Konflikt ein \u00f6ffentlich kaum diskutiertes Thema. Auch salafistische Influencerinnen und Influencer \u00e4u\u00dferten sich in Bezug auf die Geschehnisse \u00e4u\u00dferst zur\u00fcckhaltend und vermieden \u00fcberwiegend politische Statements. Diese Haltung entspricht der zu beobachtenden klassischen Ausrichtung des Salafismus. H\u00e4ufig wurde dabei Israel in Holocaustvergleichen mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt, wobei Israel im Sinne einer T\u00e4ter-Opfer-Umkehr als T\u00e4ter dargestellt wurde. Queerfeindliche Tendenzen in der salafistischen Szene Im Berichtsjahr kam es innerhalb der salafistischen Szene Schleswig-Holsteins vereinzelt zu queerfeindlichen \u00c4u\u00dferungen. Diese orientierten sich an salafistischen Narrativen, in denen Homosexualit\u00e4t und queere Lebensformen von Predigern als S\u00fcnde dargestellt und verunglimpft wurden. In Jugendund Frauengruppen einschl\u00e4giger Moscheevereine wird strikt an der Binarit\u00e4t der Geschlechter festgehalten. Jede Abweichung von diesem traditionellen Verst\u00e4ndnis wird mindestens abgelehnt oder herabgew\u00fcrdigt. Zudem gab es wiederholt scharfe Kritik an queeren Lebensweisen sowie an der \u00f6ffentlichen Berichterstattung \u00fcber LGBTQ+-Themen. 1.3 Ausblick Auch in der salafistischen Szene in Schleswig-Holstein ist der bundesweite Trend erkennbar, dass sich insbesondere die Da'wa-Arbeit im Schwerpunkt in die sozialen Medien mit verschiedenen salafistischen Influencerinnen und Influencern verlagert. Der nieSeite 106","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus derschwellige Zugang zu salafistischen Online-Angeboten in den sozialen Medien sorgt dabei weiterhin f\u00fcr einen leichten Einstieg in der Szene und kann die Radikalisierung von einzelnen Personen beschleunigen. Diese Angebote richten sich vielfach an Minderj\u00e4hrige und junge Erwachsene, die besonders von den dortigen adressatengerechten Inhalten angesprochen werden. Die etablierten salafistischen Moscheevereine versuchen, mit unterschiedlichen Formaten diesem Trend entgegenzusteuern. Da die salafistischen Influencerinnen und Influencer vorwiegend junge Menschen ansprechen, bem\u00fchen sich die Moscheevereine vielfach darum, ihre eigene Jugendarbeit auszuweiten. Dies erfolgt mit der Zielsetzung, diese jungen Menschen an die Moscheen zu binden und nicht an popul\u00e4re, aber aus Sicht vieler etablierter Imame m\u00e4\u00dfig religi\u00f6s gebildete Influencerinnen und Influencer zu verlieren. Auch wenn im Berichtsjahr keine Veranstaltungen mit bundesweit bekannten Gastpredigern in Schleswig-Holstein stattfanden, blieben dabei dennoch sog. Islamseminare in den Moscheevereinen f\u00fcr unterschiedliche Zielgruppen und mit unterschiedlichen Reichweiten ein wichtiges Instrument, um dem Trend von Online-Angeboten entgegenzuwirken. Neben den jugendspezifischen Formaten und dem Ausbau von Jugendaktivit\u00e4ten wird weiterhin auch die Frauenarbeit einen gr\u00f6\u00dferen Stellenwert in den Moscheevereinen behalten. So entstanden insgesamt Angebote f\u00fcr salafistische Familienverb\u00e4nde, bei denen ein geschlossenes salafistisches Weltbild f\u00fcr die gesamte Familie entwickelt wurde. Es bleibt abzuwarten, wie sich diese realweltlichen Angebote langfristig auf die salafistische Szene auswirken werden. Es ist anzunehmen, dass dies und auch die festgestellte Vernetzung von verschiedenen Moscheevereinen und deren Jugendgruppen vermehrt zu Radikalisierungen auch junger Menschen f\u00fchren k\u00f6nnen. 2 Terroristische Organisationen Terroristische Organisationen lassen sich in einzelne Gruppierungen unterteilen, die verschiedene Ausrichtungen und Ziele verfolgen. Einige Gruppierungen verfolgen \u00fcberwiegend eine regionale Agenda und haben die Errichtung eines islamischen Staates innerhalb ihrer Aktionsgebiete zum Ziel, andere verfolgen dagegen eine global ausgerichtete Agenda mit dem Ziel eines weltumspannenden Kalifats. Eine besondere Bedrohung f\u00fcr die Sicherheitslage in Europa, Deutschland und Schleswig-Holstein sind deshalb diese global agierenden Organisationen, die \u00fcber zahlreiche lokale Ableger verf\u00fcgen und in ihrer Handlungsf\u00e4higkeit keine territorialen Grenzen kennen. Hierzu z\u00e4hlen insbesondere die transnational ausgerichteten jihadistischen Seite 107","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Terrororganisationen \"Islamischer Staat (IS)\" sowie \"al-Qaida (AQ)\" inklusive ihrer Regionalableger. Gef\u00e4hrdungslage durch den islamistischen Terrorismus in Deutschland Europa und Deutschland standen auch im Berichtsjahr unver\u00e4ndert im Zielspektrum jihadistischer Organisationen und islamistisch motivierter Einzelt\u00e4ter. Der islamistische Terrorismus stellt damit weiterhin eine erhebliche Bedrohung f\u00fcr die Sicherheit in Europa und in Deutschland dar. Die Terrororganisationen \"Islamischer Staat (IS)\" und \"al-Qaida (AQ)\" schienen in den vergangenen Jahren strukturell kaum in der Lage, komplexe Anschlagsszenarien in Westeuropa durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Der Anschlag am 22. M\u00e4rz 2024 w\u00e4hrend einer Musikveranstaltung in einem Vorort von Moskau, bei dem mehr als 130 Personen get\u00f6tet wurden, und den der IS in mehreren Bekennernachrichten im Onlinedienst Telegram f\u00fcr sich reklamierte, hat jedoch gezeigt, dass der IS auch au\u00dferhalb seines Kernaktionsbereichs im Nahen Osten zu koordinierten und folgenschweren Ereignissen grunds\u00e4tzlich in der Lage ist. Die Gefahr solcher Anschl\u00e4ge ist daher auch f\u00fcr Europa und Deutschland nicht auszuschlie\u00dfen. Die virtuellen Propagandaaktivit\u00e4ten der jeweiligen Terrororganisationen sind dabei besonders geeignet, regional aktive Jihadistinnen und Jihadisten zu Anschl\u00e4gen zu verleiten. So erkl\u00e4rte der IS am 04. Juli 2024 in seinem Online-Magazin \"al-Naba\" Einzelt\u00e4teranschl\u00e4ge zu einem zentralen Teil seiner globalen Jihad-Strategie und ruft Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger des IS in aller Welt auf, es den bisherigen \"einsamen W\u00f6lfen\" - wie etwa den Angreifern von Moskau - gleichzutun. Nach wie vor stellen dabei sogenannte \"weiche\" Ziele wie Weihnachtsm\u00e4rkte, Konzerte oder Sportevents, die kaum oder nur schwer zu sch\u00fctzen sind, f\u00fcr Jihadistinnen und Jihadisten besonders symbolische Ziele f\u00fcr terroristische Anschl\u00e4ge dar. So hat der regionale IS-Ableger \"Islamischer Staat Provinz Khorasan - (ISPK)\" am 07. Mai 2024 in der 35. Ausgabe seines englischsprachigen Propagandamagazins \"Voice of Khorasan\" auf einschl\u00e4gigen Kan\u00e4len ein Drohbild ver\u00f6ffentlicht, auf dem zu Terroranschl\u00e4gen gegen Fu\u00dfballstadien in Deutschland aufgerufen wurde. Im Berichtsjahr stellten damit auch die sportlichen Gro\u00dfveranstaltungen - wie die olympischen Sommerspiele in Frankreich vom 26. Juli bis zum 11. August 2024 und die Fu\u00dfball-Europameisterschaft in Deutschland vom 14. Juni bis zum 14. Juli 2024 eine besondere Herausforderung f\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden in Europa und Deutschland dar. Die IS-Propaganda kann potenzielle IS-Anh\u00e4ngerinnenund -Anh\u00e4nger in ihren Bestrebungen zudem best\u00e4rken, auch ohne direkte Organisationsanbindung Anschl\u00e4ge zu Seite 108","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus planen und zu ver\u00fcben - insbesondere da der IS in seinen Ver\u00f6ffentlichungen deutlich macht, dass es keiner organisatorischen Anbindung an den IS bed\u00fcrfe, um Anschl\u00e4ge in seinem Namen zu ver\u00fcben. Die Anschl\u00e4ge der letzten Jahre unterschieden sich von den komplexeren Anschl\u00e4gen der Vergangenheit, wie z.B. der IS-Terroranschlag am 13. November 2015 in Paris mit 130 get\u00f6teten Menschen, die einen hohen logistischen und planerischen Aufwand erforderten, durch eine einfachere und leichter umzusetzende Vorgehensweise. H\u00e4ufig wurden dabei leicht zu beschaffende Tatwaffen wie beispielsweise Messer benutzt. Dieser Trend setzte sich auch im aktuellen Berichtsjahr fort - wie u. a. der jihadistisch-motivierte Anschlag am 23. August 2024 in Solingen verdeutlicht. Auch die Reaktionen der islamistischen Szene auf die Terroranschl\u00e4ge der HAMAS am 7. Oktober 2023 gegen Israel haben weiterhin gro\u00dfe Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Deutschland. Unterschiedliche extremistische Akteurinnen und Akteure nehmen diese immer noch zum Anlass, zu weiteren terroristischen Aktionen in eigener Sache aufzurufen. So wird im jihadistischen Spektrum auch von Seiten AQ und des IS im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt zu Anschl\u00e4gen aufgerufen. So soll der Attent\u00e4ter von Solingen einem Bekennerschreiben des IS zufolge beispielsweise ge\u00e4u\u00dfert haben, er habe den Anschlag als \"Rache f\u00fcr die Muslime in Pal\u00e4stina und \u00fcberall\" durchgef\u00fchrt. In Deutschland hat sich die anhaltend hohe Gef\u00e4hrdungslage im Berichtsjahr in Form von jihadistisch motivierten Anschl\u00e4gen durch mutma\u00dfliche Anh\u00e4ngerinnen bzw. Anh\u00e4nger oder Sympathisantinnen bzw. Sympathisanten islamistisch-terroristischer Gruppierungen manifestiert: * Am 31. Mai 2024 ereignete sich bei einer Kundgebung eines bayerischen mutma\u00dflichen Rechtsextremisten und Anti-Islam-Aktivisten in Mannheim ein t\u00f6dlicher Messerangriff. Ein 25-j\u00e4hriger Afghane attackierte dabei auch Polizeibeamtinnen und -beamte sowie weitere Personen. Ein Polizeibeamter kam dabei ums Leben. F\u00fcnf weitere Personen wurden verletzt. Der mutma\u00dfliche T\u00e4ter steht im Verdacht eine islamistische Einstellung zu haben. Gegen ihn wurde ein Strafverfahren wegen Mordes er\u00f6ffnet. * Am 23. August 2024 griff ein 26-j\u00e4hriger Syrer mit einem Messer Besucherinnen und Besucher auf einem Stadtfest in Solingen an. Dabei wurden drei Personen get\u00f6tet und acht zum Teil schwer verletzt. Der IS reklamierte den Anschlag in der Folge f\u00fcr sich und ver\u00f6ffentlichte \u00fcber seine Medienstelle mehrere Bekennerschreiben und -videos. Der T\u00e4ter soll in einem der Videos den Treueeid auf den IS abgelegt haben. Gegen ihn wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Mordes in Tateinheit mit mitgliedschaftlicher Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung im Ausland eingeleitet. Seite 109","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus * Am 05. September 2024 kam es in M\u00fcnchen in der N\u00e4he des NS-Dokumentationszentrums und des israelischen Generalkonsulats zu einem Schusswechsel zwischen der Polizei und einem mutma\u00dflich islamistisch motivierten Attent\u00e4ter. Der Attent\u00e4ter kam bei dem Schusswechsel ums Leben. * Am 06. September 2024 konnte in Linz ein jihadistisch motivierter Angriff mit einer Machete auf eine Polizeiinspektion verhindert werden. Daneben konnten im Berichtsjahr mehrere Anschlagsvorhaben im Vorwege vereitelt werden. Zu diesen geh\u00f6rten u.a. folgende Tatvorbereitungen: * Im Oktober 2024 soll ein 15-J\u00e4hriger in Wuppertal jihadistisch motivierte Anschl\u00e4ge unter anderem auf J\u00fcdinnen und Juden geplant haben. Der mutma\u00dfliche Attent\u00e4ter kam in Untersuchungshaft. Dar\u00fcber hinaus wurden im Berichtsjahr in Europa mehrere mutma\u00dflich islamistisch motivierte Anschl\u00e4ge bzw. Anschlagsversuche bekannt: * Anfang M\u00e4rz griff ein 15-J\u00e4hriger im schweizerischen Z\u00fcrich einen Menschen j\u00fcdischen Glaubens mit einem Messer an und verletzte ihn schwer. Der Jugendliche soll sich im Vorwege der Tat in einem Video zum IS bekannt haben. * Kurz vor dem Start der Olympischen Spiele wurde in Paris ein Soldat w\u00e4hrend einer Patrouille mit einem Messer angegriffen. Der Angreifer soll zum Zeitpunkt der Tat \"Gott ist gro\u00df\" auf Franz\u00f6sisch gerufen haben. Ob es sich hierbei um eine islamistisch motivierte Tat handelte oder ob eine psychische Erkrankung des T\u00e4ters handlungsleitend war, ist bislang nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt. * Im August 2024 wurden drei Konzerte einer US-amerikanischen S\u00e4ngerin in Wien vorsorglich wegen mutma\u00dflichen Anschlagsdrohungen eines IS-Netzwerks abgesagt. In Wien wird gegen zwei Tatverd\u00e4chtige wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und krimineller Organisation ermittelt. Den Verd\u00e4chtigen wird u. a. eine N\u00e4he zur Terrororganisation IS vorgeworfen. * In der niederl\u00e4ndischen Hafenstadt Rotterdam hat am 19. September 2024 ein 22-j\u00e4hriger Mann mutma\u00dflich unter \"Allahu Akbar\"-Rufen zwei Personen mit einem Messer schwer verletzt. Eines der Opfer starb infolge der schweren Verletzungen. Die niederl\u00e4ndischen Ermittlungsbeh\u00f6rden gehen von einem islamistischen Terrorangriff aus. Bei diesen Anschlagsgeschehen zeigte sich zum einen, dass die Tatverd\u00e4chtigen meist nicht direkt in konkrete Strukturen von Terrororganisationen eingebunden waren. Zum anderen wurde eine zunehmende Gefahr durch jugendliche T\u00e4ter deutlich. * So konnten dar\u00fcber hinaus an Ostern 2024 vier 15und 16-j\u00e4hrige mutma\u00dfliche Islamisten festgenommen werden, die Anschl\u00e4ge in Deutschland geplant haben sollen. Seite 110","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus * Im Juni 2024 wurde ein 15-J\u00e4hriger verurteilt, der aus islamistischen Beweggr\u00fcnden einen LKW-Angriff auf einen Weihnachtsmarkt in Leverkusen geplant haben soll. * Auch bei den in Wien festgenommenen Tatverd\u00e4chtigen handelt es sich im einen 19-j\u00e4hrigen sowie um einem 17-j\u00e4hrigen Islamisten. Wie in den vergangenen Jahren wird die Sicherheitslage im Bereich des islamistischen Terrorismus in Deutschland und in Schleswig-Holstein weiterhin grunds\u00e4tzlich durch folgende vier gef\u00e4hrdungsrelevante Faktoren bestimmt: * Getarnt einreisende Jihadistinnen und Jihadisten * sogenannte \"Homegrown terrorists\" * R\u00fcckkehrerinnen und R\u00fcckkehrer aus Jihadgebieten und * die Gefahr durch entlassene islamistische Strafgefangene. Aktuell gehen die deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden von insgesamt rund 1 700 Personen bundesweit aus, die dem islamistisch-terroristischen Spektrum in Deutschland angeh\u00f6ren. Auch diese Zahl zeigt, vor welchen Herausforderungen die Sicherheitsbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder weiterhin stehen. Staatliche Ma\u00dfnahmen zur Terrorismusbek\u00e4mpfung Im Berichtsjahr wurden in Deutschland Strafund Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem islamistischen Terrorismus gef\u00fchrt, von denen einige zurzeit noch nicht abgeschlossen sind. Die Verfahren mit Bezug zum islamistischen Terrorismus betreffen dabei \u00fcberwiegend Taten im Zusammenhang mit dem Islamischen Staat, den Taliban sowie islamistischen Vereinigungen in Syrien. In den meisten F\u00e4llen handelt es sich hierbei um Verfahren mit dem Tatvorwurf der Mitgliedschaft oder Unterst\u00fctzung einer terroristischen Vereinigung im Ausland (SSSS 129a, 129b StGB) oder der Vorbereitung einer schweren staatsgef\u00e4hrdenden Gewalttat (SSSS 89a, 89b StGB). Zudem werden F\u00e4lle mit dem Verdacht auf Terrorismusfinanzierung (SS 89c StGB) strafrechtlich verfolgt. So wurde u. a. gegen einen deutschen Staatsangeh\u00f6rigen aus Schleswig-Holstein im April 2024 ein Ermittlungsverfahren wegen Verbreitung von islamistischen und jihadistischen Propagandamitteln terroristischer Organisationen, Billigung von Straftaten, Volksverhetzung und \u00f6ffentlicher Aufforderung zu Straftaten eingeleitet, infolge dessen er sich seit dem 17. Mai 2024 in Untersuchungshaft befand. Am 29. November 2024 wurde er vom Landgericht Flensburg wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgef\u00e4hrdenden Gewalttat gem. SS 89 a StGB zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Seite 111","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Am 30. Juli 2024 wurde der Prozess gegen die sieben am 06. Juli 2023 in Nordrhein-Westfalen festgenommenen mutma\u00dflichen islamistischen Terroristen er\u00f6ffnet. Ihnen wird vorgeworfen, eine inl\u00e4ndische terroristische Vereinigung gebildet und Anschl\u00e4ge geplant zu haben. Sechs der Beschuldigten sollen zudem die Terrororganisation IS durch Spendensammlungen unterst\u00fctzt haben. Gegen drei Jugendliche aus Nordrhein-Westfalen wurde von der Generalstaatsanwaltschaft D\u00fcsseldorf im Oktober 2024 dar\u00fcber hinaus Anklage wegen der Vorbereitung eines islamistischen Terroranschlags erhoben. Gegen einen weiteren in Schleswig-Holstein wohnhaften, mutma\u00dflichen IS-Unterst\u00fctzer wird seit dem Fr\u00fchjahr 2024 ein Ermittlungsverfahren gef\u00fchrt, in dessen Verlauf der 17-J\u00e4hrige als dringend tatverd\u00e4chtig angesehen wurde, mit einer weiteren Person aus dem Ausland einen Anschlag mittels LKW - nach dem Vorbild des Terroranschlags in Nizza am 14. Juli 2016 - ver\u00fcben zu wollen. Konkrete Anschlagsplanungen oder -ziele gab es mutma\u00dflich nicht. Der 17-J\u00e4hrige wurde am 06. November 2024 wegen Verabredung zum Mord in Untersuchungshaft genommen. Zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilte das Hanseatische Oberlandesgericht am 07. Februar 2024 eine deutsche Staatsangeh\u00f6rige wegen mitgliedschaftlicher Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung im Ausland (IS). Der Senat sah es als erwiesen an, dass sich die Frau ab M\u00e4rz 2014 bis September 2017 mitgliedschaftlich in der ausl\u00e4ndischen terroristischen Vereinigung beteiligt hat, in dem sie ihren Ehemann bei seiner T\u00e4tigkeit als IS-K\u00e4mpfer unterst\u00fctzte, den Haushalt f\u00fchrte und die gemeinsamen Kinder im Sinne der IS-Ideologie erzog. Der Terrorverdacht gegen den K\u00f6lner Dom und den Wiener Stephansdom zum Jahreswechsel 2023/2024 hingegen konnte nicht best\u00e4tigt werden. Die Verd\u00e4chtigen standen im Verdacht, im Namen des ISPK Anschl\u00e4ge gegen den K\u00f6lner Dom und den Wiener Stephansdom vorbereitet zu haben. Die Verfahren wurden nach zehn Monaten intensiver Ermittlungen wegen fehlender Beweise eingestellt. In der Zeit vom 01. Januar bis 02. September 2024 hat der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof (GBA) 71 Ermittlungsverfahren mit Bezug zum islamistischen Terrorismus eingeleitet. Seite 112","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus 2.1 Der Islamische Staat (IS) Islamischer Staat (IS; arabisch: al-Dawla al-Islamiyya) - Flagge des IS Gr\u00fcndung: Ausrufung des Kalifats am 29. Juni 2014 Aktueller Anf\u00fchrer: Abu Hussein al-Husseini al-Qurashi Aktionsgebiet: weltweit Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein: Einzelmitglieder (2024: Einzelmitglieder) Der IS entwickelte sich ab 2011 w\u00e4hrend des syrischen B\u00fcrgerkrieges aus dem irakischen Regionalableger der Terrororganisation al-Qaida, der sich schlie\u00dflich zu einer eigenst\u00e4ndigen terroristischen Gruppierung formierte (\"Islamischer Staat im Irak und Gro\u00dfsyrien (ISIS)\"). 2014 wurde durch den damaligen ISIS-Anf\u00fchrer Abu Bakr al-Baghdadi ein Kalifat unter der Bezeichnung \"Islamischer Staat (IS)\" ausgerufen, dem es anschlie\u00dfend gelang, in Syrien und Irak ein Herrschaftsgebiet mit pseudo-staatlichen Strukturen unter jihadistischer Ideologie zu errichten. Durch eine professionelle Propaganda-Maschinerie erreichte er tausende Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger weltweit. Aufgrund von Anti-IS-Operationen lokaler und internationaler Allianzen konnte der IS bis Ende 2017 zu weiten Teilen aus seinem Kerngebiet in Syrien und dem Irak verdr\u00e4ngt werden. Mit dem endg\u00fcltigen Gebietsverlust des IS ging eine Restrukturierung der Organisation einher, bei der viele Aktivit\u00e4ten in den Untergrund sowie in die virtuelle Welt verlegt wurden. Aus einer dezentralen Zellenstruktur heraus beweist der IS seither in asymmetrischer Kriegsf\u00fchrung kontinuierlich seine Schlagkraft - im Nahen Osten und weltweit. Es gelang der jihadistischen Organisation in den letzten Jahren kontinuierlich, ihre Propagandaprodukte \u00fcber das Internet zu verbreiten, darunter die Kampf-Botschaften des IS-Anf\u00fchrers, durch die der Einheitsgedanke des \"Kalifats\" weiter aufrechterhalten werden soll. Seite 113","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus 2.1.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Vor zehn Jahren wurde der sogenannte Islamische Staat ausgerufen. Zwar wurde die Miliz im Irak und in Syrien milit\u00e4risch besiegt, doch bleibt die Frage, wo sie heute aktiv ist und wie gro\u00df ihre Schlagkraft noch ist. Gleichzeitig war der IS in den vergangenen Jahren durch wiederholte F\u00fchrungswechsel gepr\u00e4gt, die h\u00e4ufig auf den Tod seiner Anf\u00fchrer zur\u00fcckzuf\u00fchren waren. Die Gefahr durch den IS ist nach wie vor nicht gebannt. In mehreren Regionen, wie den Philippinen, Westafrika, der Sahara-Zone und Afghanistan, \u00fcbt der IS weiterhin betr\u00e4chtliche territoriale Kontrolle aus. In Deutschland versucht der IS, einschlie\u00dflich seines afghanischen Ablegers \"IS-Provinz Khorasan\", seit Jahren gr\u00f6\u00dfere Anschl\u00e4ge zu planen und setzt dabei gezielt auf Propaganda, um Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger zu rekrutieren. Verhaftungen im Berichtsjahr verdeutlichen dabei die anhaltenden Bem\u00fchungen der Terrororganisation. In dem Leitartikel des IS-nahen Wochenmagazins \"al-Naba\" vom 04. Juli 2024 verdeutlicht der IS erneut die Bedeutung potenzieller Einzelt\u00e4teranschl\u00e4ge f\u00fcr die Terrororganisation, so dass Anschl\u00e4ge durch von IS-Propaganda inspirierte Einzelt\u00e4ter und Kleingruppen ein m\u00f6gliches Szenario f\u00fcr Deutschland und Europa darstellen. Von besonderer Bedeutung ist hierbei der oben genannte afghanische Ableger: die Terrororganisation \"Islamischer Staat Provinz Khorasan - (ISPK)\". Der ISPK hat seine Medienund Propagandaarbeit zentralisiert und professionalisiert. Indem es dem ISPK nach dem Vorbild des IS-Kalifats gelungen ist, das Online-Magazin \"Voice of Khorasan\" in verschiedenen Sprachen zu ver\u00f6ffentlichen, produziert der ISPK immer neue Audiound Videobotschaften und andere Beitr\u00e4ge. Hierbei gab es im Berichtszeitraum mehrere Ver\u00f6ffentlichungen mit Bezug auf Deutschland. So glorifizierte der ISPK den Terrorangriff von Solingen mit drei Toten und acht Verletzten in der September-Ausgabe von \"Voice of Khorasan\" unter dem Titel \"Attack on Germany. For the revenge of the Muslims\". Die Nachricht ist mit einem blutverschmierten Messer unterlegt und enth\u00e4lt den Aufruf zu weiteren Anschl\u00e4gen - vor allem auch LGBT-Events standen dabei im Fokus. In einer weiteren Ausgabe vom 19. November 2024, die Fotos von ausgew\u00e4hlten Anschl\u00e4ge des IS beinhaltet, nahm das Online-Magazin explizit auch Bezug auf den Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz im Jahr 2016. Der ISPK nutzt f\u00fcr seine Operationen zudem terroristische Netzwerke au\u00dferhalb Afghanistans. In der Vergangenheit wurden mehrfach Verbindungen zu Terrorgruppen in Europa und den ISPK-Netzwerken in Afghanistan vermutet. Aktuell scheint der ISPK der einzige IS-Ableger zu sein, der grunds\u00e4tzlich f\u00e4hig w\u00e4re, im Westen einen gr\u00f6\u00dferen und koordinierten Anschlag zu ver\u00fcben. Seite 114","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus 2.1.2 Ausblick Nach Einsch\u00e4tzung der Sicherheitsbeh\u00f6rden blieb der IS auch im aktuellen Berichtszeitraum an verschiedenen Kriegsund Krisenschaupl\u00e4tzen weltweit aktiv und handlungsf\u00e4hig. In L\u00e4ndern wie Syrien, Irak, Afghanistan und Pakistan ver\u00fcbte die Terrororganisation regelm\u00e4\u00dfig Anschl\u00e4ge, die oft zahlreiche Opfer forderten. Trotz anhaltender staatlicher und milit\u00e4rischer Verfolgung gelang es dem IS weiterhin, eigene Untergrundstrukturen, einschlie\u00dflich sogenannter \"Schl\u00e4ferzellen\", zu etablieren und zu festigen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation in Syrien entwickelt. Obwohl die Terrororganisation \"Islamischer Staat\" dort weitgehend geschlagen ist, besteht in einigen Regionen weiterhin eine gewisse Gefahr durch die Gruppe. Ein weiteres Problem ist der Umgang mit den Tausenden inhaftierten Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger der Terrororganisation \"Islamischer Staat\", die eine erhebliche sicherheitspolitische Herausforderung darstellen. Diese Personen werden in Syrien von kurdischen Milizen bewacht. Unter den Inhaftierten befinden sich auch Personen mit Bezug zu Deutschland, darunter eine sehr geringe einstellige Zahl von Personen aus Schleswig-Holstein. 2.2 Das al-Qaida-Netzwerk al-Qaida (arabisch f\u00fcr \"die Basis\") - Flagge von al-Qaida Gr\u00fcndung: ca. 1988 u. a. durch Osama bin Laden Aktueller Anf\u00fchrer: mutma\u00dflich Saif al-Adel Aktionsgebiet: weltweit Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein: Einzelmitglieder (2023: Einzelmitglieder) Al-Qaida entstand Ende der 1980er Jahre w\u00e4hrend des Krieges Afghanistans gegen sowjetische Besatzertruppen aus einer Vision Osama bin Ladens hinsichtlich eines internationalen Jihads und der Vereinigung jihadistischer Gruppierungen in einer Organisation heraus. Durch ein enges Netzwerk von regionalen Ablegern und kleineren Zellen wurSeite 115","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus den seit Gr\u00fcndung al-Qaidas weltweit immer wieder t\u00f6dliche Attentate vor allem auch gegen zivile Ziele begangen, darunter die verheerenden Anschl\u00e4ge vom 11. September 2001 in den USA. Seit der Entstehung des IS befindet sich al-Qaida zudem in einem stetigen Konkurrenzkampf um die Vormachtstellung als f\u00fchrende Organisation des globalen Jihad. Auch die lokalen Ableger al-Qaidas sowie des IS stehen sich in verschiedenen Regionen vor allem Afrikas und Asiens sowie in al-Qaidas Ausbildungsund R\u00fcckzugsorten im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet milit\u00e4risch gegen\u00fcber und k\u00e4mpfen um Einfluss und Territorien. 2.2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten In den letzten Jahren musste al-Qaida durch die T\u00f6tungen von mehreren wichtigen F\u00fchrungskadern - auch von mehreren Regionalablegern - herbe personelle R\u00fcckschl\u00e4ge kompensieren. So meldete der Ableger der Terrororganisation im Jemen am 10. M\u00e4rz 2024 den Tod des Anf\u00fchrers Chalid Al-Batarfi, der vier Jahre an der Spitze des al-Qaida-Ablegers stand. Neuer Anf\u00fchrer soll Saad bin Atif al-Awlaki sein. Auch im aktuellen Berichtszeitraum verbreitete al-Qaida Online-Botschaften in alle Welt. Die \u00fcberregionalen Ver\u00f6ffentlichungen der Organisation richteten sich meist allgemein an die internationale Unterst\u00fctzerszene und riefen in der Regel zu Einzelt\u00e4teranschl\u00e4gen gegen \"den fernen Feind\" im Westen auf. Im Laufe der Monate April und Mai 2024 wurden auf verschiedenen al-Qaida-nahen Kan\u00e4len Ausgaben des Online-Magazins \"Und sporne die Gl\u00e4ubigen an\" ver\u00f6ffentlicht, die sich u.a. an potentiell allein handelnde Attent\u00e4ter richteten und das Thema Jihad als entsprechende Pflicht eines jeden Muslims betonten. Im Rahmen einer Sonderausgabe wurde an das Verm\u00e4chtnis von Osama Bin Laden erinnert. Zentrales Thema der Verlautbarungen war nach wie vor dem Krieg in Gaza. So rief die Generalf\u00fchrung von al-Qaida in einer offiziellen Erkl\u00e4rung \u00fcber die Medienstelle AS-SAHAB am 24. Mai 2024 anl\u00e4sslich des Gaza-Krieges zu Anschl\u00e4gen auf J\u00fcdinnen und Juden in westlichen L\u00e4ndern auf und lobte antiisraelische Proteste an westlichen Universit\u00e4ten. Aber auch wenn al-Qaida versuchte, durch mehrsprachige Ver\u00f6ffentlichungen und moderne Formen der Kommunikation ein j\u00fcngeres Publikum anzusprechen, gelang dies in seiner Propaganda weiterhin kaum. So stie\u00df ein am 26. September 2024 ver\u00f6ffentlichtes Video der As Sahab Media Foundation - das Medienorgan der al-Qaida-F\u00fchrung - kaum auf Resonanz. Das Video weist einen starken historischen Fokus auf und widmet sich \u00fcberwiegend dem bewaffneten Kampf der Mujaheddin in Afghanistan vor der Macht\u00fcbernahme der Taliban. Weitaus mehr Resonanz scheint die Propaganda des IS in sozialen Medien erzielt zu haben, insbesondere da seine Propaganda deutlich erfolgreicher auf ein junges Zielpublikum zugeschnitten war. Seite 116","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus 2.2.2 Ausblick Sowohl al-Qaida und als auch der IS reagierten im Zusammenhang mit dem aktuellen Nahost-Konflikt mit Anschlagsdrohungen gegen den Westen. Diese ausdr\u00fcckliche Bezugnahme kann als motivierendes Element die Gefahr einer Anschlagsumsetzung durch m\u00f6gliche Einzelt\u00e4terinnen und Einzelt\u00e4ter auch in Deutschland deutlich erh\u00f6hen. Am 27. November 2024 startete in der syrischen Region Idlib die dort dominierende terroristische Organisation Hayat Tahrir al-Scham (HTS) gemeinsam mit verb\u00fcndeten Gruppierungen - hierunter mutma\u00dflich auch al-Qaida-nahe Gruppierungen - unerwartet eine gro\u00df angelegte milit\u00e4rische Offensive gegen das Regime in Nordwestsyrien unter dem Namen \"Detterence of Aggression\". In Folge dessen wurde am 8. Dezember 2024 das Regime von Baschar al-Assad gest\u00fcrzt. Dies war die gr\u00f6\u00dfte HTS-Offensive seit dem Jahr 2020. Bei HTS handelt es sich um die Nachfolgeorganisation der islamistischen Terrororganisation Jabhat al-Nusra (JaN), die 2011 im Zuge des syrischen B\u00fcrgerkriegs mit dem Ziel gegr\u00fcndet wurde, das Assad-Regime zu st\u00fcrzen und ein islamistisches Staatswesen zu errichten. Im Jahr 2017 kam es zum Bruch mit al-Qaida, worauf sich JaN unter dem neuen B\u00fcndnisnamen HTS mit weiteren islamistischen Gruppierungen zusammenschloss. Seit der formellen Abspaltung wird HTS von Ahmad al-Sharaa angef\u00fchrt und hat begonnen, sich auch strategisch von al-Qaida zu distanzieren. Im Gegensatz zu al-Qaida fokussiert sich HTS vorrangig auf innerstaatliche Ziele in Syrien. Nach dem Sturz des Assad-Regimes kontrolliert die von al-Sharaa gef\u00fchrte \u00dcbergangsregierung weite Teile des Landes und hat bereits erste Schritte zur politischen und administrativen Neuordnung eingeleitet. Wie sich die Lage in Syrien entwickeln wird und ob dies Auswirkungen auf al-Qaida haben wird, bleibt abzuwarten. So erkl\u00e4rte al-Qaida nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 ihre Solidarit\u00e4t mit den Musliminnen und Muslimen in Pal\u00e4stina und rief zu Anschl\u00e4gen auf israelische und j\u00fcdische Ziele weltweit auf. Gleichwohl scheint al-Qaida aber derzeit nicht mehr imstande zu sein, gro\u00dfangelegte Attentate in westlichen Staaten zu ver\u00fcben. Ein Grund f\u00fcr die Schw\u00e4che ist die gro\u00dfe Abh\u00e4ngigkeit der al-Qaida-F\u00fchrung von Iran, dem Aufenthaltsort des derzeitigen Anf\u00fchrers der Organisation Saif al-Adel. Ob al-Adel die Organisation wiederbeleben kann, h\u00e4ngt wesentlich davon ab, ob er neuen Einfluss auf den al-Qaida-Ableger in Syrien gewinnen und dieser erneut erstarken kann. Andernfalls k\u00f6nnte sich die schon lange w\u00e4hrende Schw\u00e4chung des al-Qaida Netzwerks fortsetzen. Seite 117","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus 2.3 HAMAS HAMAS (kurz f\u00fcr: Harakat al-Muqawama al-Islamiyya - \"Islamische Widerstandsbewegung\") - Logo der HAMAS Gr\u00fcndung: 1987 Aktueller Anf\u00fchrer: vermutlich Chalid Maschal (Interimsf\u00fchrung) Aktionsgebiet: Pal\u00e4stinensische Gebiete, Israel Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein: 10 (2023: 10) Die \"Islamische Widerstandsbewegung\" entstand 1987 nach der sogenannten \"Ersten Intifada\" (Aufstand der Pal\u00e4stinenser gegen Israel) aus einem Zusammenschluss pal\u00e4stinensischer Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger der \"Muslimbruderschaft\" (MB) unter der F\u00fchrung Ahmad Yasins. Neben der s\u00e4kular ausgerichteten PLO (Palestine Liberation Organization) sowie der Fatah-Partei unter Yasser Arafat etablierte sich die HAMAS als religi\u00f6se und radikalere Initiative mit dem Ziel der Errichtung eines islamistischen Staates auf dem gesamten von der HAMAS als \"Pal\u00e4stina\" festgelegten Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan, einschlie\u00dflich israelischem Staatsgebiet. Voraussetzung hierf\u00fcr ist aus Sicht der Organisation die vorherige Vernichtung des Staates Israel, welchen die HAMAS als unrechtm\u00e4\u00dfige Besatzungsmacht \"historischen islamischen Erbes\" sieht. Als Ausdruck eines extremen Antisemitismus bek\u00e4mpft die HAMAS das gesamte j\u00fcdische Volk, das f\u00fcr sie als Unterdr\u00fccker des pal\u00e4stinensischen Volkes gilt. In der Gr\u00fcndungscharta der HAMAS ist der Jihad als Pflicht und der M\u00e4rtyrertod als ehrbarstes Ziel f\u00fcr alle Muslime verankert. Au\u00dferdem hei\u00dft es in einem Strategiepapier aus dem Jahr 2017: \"Der Widerstand gegen die Besatzung mit allen Mitteln und Wegen ist ein legitimes Recht, das durch g\u00f6ttliche Gesetze und internationale Normen und Gesetze garantiert wird. Im Kern davon liegt der bewaffnete Widerstand.\" Die HAMAS lehnt den israelisch-pal\u00e4stinensischen Friedensprozess ab und beging in der Vergangenheit eine Vielzahl an Selbstmordattentaten und anderen terroristischen Aktionen. Seite 118","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Die HAMAS setzt sich aus mehreren Unterorganisationen zusammen, die sich politisch, sozial und bildungspolitisch in der Region engagieren und dabei stets versuchen, ihre islamistische Agenda und strikten religi\u00f6sen Vorschriften in der Gesellschaft durchzusetzen. Der milit\u00e4rische Fl\u00fcgel verf\u00fcgt zudem \u00fcber mehrere Exekutiv-Einheiten, die ausschlie\u00dflich terroristische Mittel anwenden, z. B. die sogenannten \"Izz-al-Din-al-QassamBrigaden\", welche seit dem Jahr 2001 auf der EU-Terrorliste aufgef\u00fchrt werden. Seit 2003 steht die HAMAS auf der EU-Terrorliste. In Deutschland wurde die HAMAS 2003 als ausl\u00e4ndische Terrororganisation eingestuft. Im Jahr 2023 erfolgte dann das Bet\u00e4tigungsverbot der Organisation sowie zugeh\u00f6riger Vereine und Teilorganisationen. Au\u00dferdem wurde auch die s\u00e4kulare Organisation \"Samidoun\" verboten, welche sich selbst als \"Solidarit\u00e4tsnetzwerk f\u00fcr pal\u00e4stinensische Gefangene\" bezeichnet. 2.3.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Am 31. Juli des Berichtsjahres wurde Ismail Haniyah, Leiter des Politikb\u00fcros der HAMAS, in Teheran durch eine Explosion in einem der iranischen Regierung als G\u00e4stehaus dienenden Geb\u00e4ude get\u00f6tet. Daraufhin wurde Yahya Sinwar zum Nachfolger ernannt. Dieser galt als Drahtzieher des Terrorangriffs der HAMAS auf Israel am 7. Oktober 2023. Einige Monate sp\u00e4ter, am 16. Oktober 2024, wurde Sinwar im Gazastreifen durch israelische Streitkr\u00e4fte ebenfalls get\u00f6tet. Seitdem f\u00fchrt vermutlich Chalid Maschal als Interimsf\u00fchrung die Organisation. Am 7. Oktober 2024 j\u00e4hrte sich der Terrorangriff der HAMAS auf Israel zum ersten Mal. Die hiesigen Proteste rund um dieses Datum stellten jedoch keinen herausragenden H\u00f6hepunkt dar, sondern reihten sich in das seit einem Jahr anhaltende propal\u00e4stinensische Demonstrationsgeschehen ein. Die Kundgebungen und Demonstrationen zum Jahrestag wurden \u00fcberwiegend von Akteurinnen und Akteure aus den Bereichen des auslandsbezogenen Extremismus und des Linksextremismus gepr\u00e4gt, wenngleich auch Personen aus dem islamistischen Spektrum daran beteiligt waren. Pro-pal\u00e4stinensische Aktivit\u00e4ten Kundgebungen, Demonstrationen und Spendenaktionen als Reaktion auf den Krieg im Nahen Osten hielten weiterhin an. Teile der islamistischen Szene waren daran ebenfalls beteiligt. Im Verlauf des Berichtsjahres konnten neue Vernetzungen zwischen dogmatischen Linksextremisten, s\u00e4kularen extremistischen Pal\u00e4stinensergruppen und t\u00fcrkischen Linksextremisten beobachtet werden. Diese Kooperation zeigte sich vor allem in der gemeinsamen Organisation und Mobilisierung f\u00fcr Veranstaltungen der jeweils anderen Gruppe. Auch in Schleswig-Holstein ist diese Entwicklung erkennbar. Seite 119","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Friedliches Demonstrationsgeschehen in Schleswig-Holstein Das Demonstrationsgeschehen in Schleswig-Holstein verlief weitgehend friedlich. Dennoch kam es an verschiedenen Orten vereinzelt zu antisemitischen Vorf\u00e4llen. Bundesweit wird seit dem Bet\u00e4tigungsverbot der HAMAS vermehrt gegen mutma\u00dfliche Mitglieder und nahestehende Organisationen vorgegangen. In Schleswig-Holstein gibt es keine festen HAMAS-Strukturen. Es liegen lediglich Erkenntnisse \u00fcber Einzelpersonen vor, die mit der Organisation in Verbindung stehen k\u00f6nnten. Der HAMAS dienten Deutschland und weitere europ\u00e4ische Staaten bisher vorrangig als R\u00fcckzugsraum. Dennoch wurde die Organisation in Deutschland als Ganzes seit 2003 als terroristisch eingestuft und letztendlich im November 2023 verboten. Bisher versuchte die Gruppierung hierzulande, vor allem in der pal\u00e4stinensischen Szene neue Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger anzuwerben sowie ihre Ideologie zu verbreiten und Gelder \u00fcber Spendenvereine zu sammeln. Die HAMAS und ihre Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger verfolgen dabei Bestrebungen, welche sich gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker richten und die ausw\u00e4rtigen Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden. Ein g\u00e4ngiges Mittel der HAMAS ist der Versuch, Aufmerksamkeit und Solidarit\u00e4t der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger f\u00fcr ihre Sache zum Beispiel bei Kundgebungen und Demonstrationen zu erwecken. Eskalationen im Nahostkonflikt wirkten sich in der Vergangenheit dabei auf die H\u00e4ufigkeit sowie den Verlauf von entsprechendem Demonstrationsgeschehen aus. HAMAS-nahe Akteurinnen und Akteure versuchen, vor allem im digitalen Medienbereich, aber auch bei realweltlichen Ereignissen mit stark emotionalisierenden Inhalten, Interessierte zu beeinflussen. Dabei nutzt die HAMAS Soziale Netzwerke um Propaganda und Desinformation zu verbreiten, die dann wiederum von Userinnen und Usern geteilt werden. 2.3.2 Ausblick Die weitere Entwicklung der HAMAS-Sympathisantenszene h\u00e4ngt ma\u00dfgeblich vom Verlauf des Nahostkonflikts ab, insbesondere im Hinblick auf das propal\u00e4stinensische Demonstrationsgeschehen. Sollte der Konflikt andauern, ist zu erwarten, dass diese Gruppierungen sowie Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger aus allen islamistischen Str\u00f6mungen in naher Zukunft wachsende Unterst\u00fctzung und Zulauf erfahren werden. Dies k\u00f6nnte eine erh\u00f6hte Gef\u00e4hrdungslage f\u00fcr israelische und j\u00fcdische Einrichtungen und Personen in Deutschland mit sich bringen. Seite 120","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus 2.4 Hizb Allah Hizb Allah (arabisch f\u00fcr \"die Partei Gottes\") - Logo der Hizb Allah Gr\u00fcndung: 1982 Aktueller Anf\u00fchrer: Naim Kassim (Generalsekret\u00e4r seit dem 29.10.2024) Aktionsgebiet: Libanon Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein: 20 (2023: 20) Die Hizb Allah entstand im Jahr 1982 auf Initiative des Iran als eine schiitisch-islamistische Organisation. Die Gr\u00fcndung erfolgte als Zusammenschluss verschiedener schiitisch-extremistischer Milizen nach dem Einmarsch israelischer Truppen im Libanon. Nachdem es ihr 1990 gelungen war, Israel mit terroristischen Guerilla-Taktiken, unter anderem mit Selbstmord-Attentaten, wieder aus dem besetzten S\u00fcdlibanon zu verdr\u00e4ngen, entwickelte sich die Hizb Allah zunehmend zu einer institutionell und funktional vielschichtigen, sozial und politisch agierenden Bewegung, die jedoch weiterhin starke ideologische und strukturelle Bindungen zum Iran aufweist. Die Hizb Allah agiert nach wie vor aus dem S\u00fcdlibanon heraus und propagiert den bewaffneten, auch mit terroristischen Mitteln gef\u00fchrten Kampf im \"legitimen Widerstand\" gegen Israel. Israel gilt f\u00fcr die Organisation als unrechtm\u00e4\u00dfiger Besatzer pal\u00e4stinensischen Bodens, wodurch dem Land das Existenzrecht abgesprochen werden soll. Ein damit einhergehender extremer Antisemitismus geh\u00f6rt seit jeher zu ihren Wesensmerkmalen. Die Hizb Allah im Libanon ist u. a. eine politische Partei, unterh\u00e4lt aber auch verschiedene karitative und sozial engagierte Gruppierungen sowie paramilit\u00e4rische Einheiten, die weiter terroristisch aktiv sind. Im Libanon wurde der Hizb Allah 2008 durch das libanesische Kabinett offiziell \"das Recht zum Widerstand gegen Israel\" zugestanden. So kann die Miliz ungehindert ihre Anlagen sowie materiellen und personellen Kapazit\u00e4ten im S\u00fcdlibanon aufr\u00fcsten. Weiterhin betreibt die Hizb Allah den Fernsehsender \"Al-Manar\" mit Sitz in Beirut. Dieser wurde ebenfalls 2008 durch das Bundesministerium des Inneren als verfassungsfeindliche Organisation verboten. Seite 121","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus In vielen L\u00e4ndern ist die gesamte Organisation als Terrororganisation eingestuft und seit April 2020 besteht auch in Deutschland ein Bet\u00e4tigungsverbot gegen Vereine der Hizb Allah. Im Zuge des Nahostkonfliktes seit dem 07. Oktober 2023 trat die Hizb Allah in einen bewaffneten Konflikt mit Israel ein. Viele Anf\u00fchrer der Organisation wurden dabei get\u00f6tet. Darunter auch der vorherige Generalsekret\u00e4r Hassan Nasrallah, der seit dem Jahr 1992 im Amt war. 2.4.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Der Verlauf des seit dem 07. Oktober 2023 andauernden Nahostkonflikts hat die Hizb Allah zu einem aktiven Eingreifen als Kriegspartei gegen Israel bewegt. Die Hizb Allah im Libanon bleibt zun\u00e4chst bis auf weiteres ein bewaffneter Machtfaktor in der Region, welcher weiterhin mit Stand der Berichtserstellung \u00fcber milit\u00e4rische Schlagkraft verf\u00fcgt. So wurden w\u00e4hrend der milit\u00e4rischen Auseinandersetzung tausende Raketen auf Israel von der Hizb Allah abgeschossen. Am 17./18. September 2024 reagierte Israel mit einer mutma\u00dflichen Geheimdienstoperation als Gegenschlag und lie\u00df tausende Funkmeldeempf\u00e4nger (sogenannte Pager) und weitere elektronische Ger\u00e4te, die von der Hizb Allah genutzt wurden, explodieren. Bei diesem Angriff gab es \u00fcber 3 000 Verletzte und mindestens 37 Tote. Zudem wurden seit dem 27. September 2024 durch Luftangriffe der langj\u00e4hrige Generalsekret\u00e4r Hassan Nasrallah und weitere Personen der F\u00fchrungsebene der Organisation get\u00f6tet. Ab dem 01. Oktober 2024 wurden - zus\u00e4tzlich zu den dauerhaften Luftund Raketenangriffen - Bodentruppen in den Libanon entsendet. Ab dem 27. November 2024 wurde eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hizb Allah vereinbart, die in Teilen jedoch nicht eingehalten wurde. In Reaktion auf die Eskalation im Nahostkonflikt kam es in der schiitisch-extremistischen Szene innerhalb von Deutschland zu Solidarit\u00e4tsbekundungen, die sich in den sozialen Medien als auch auf Kundgebungen und Demonstrationen feststellen lie\u00dfen. Insgesamt blieben die Reaktionen im Laufe des Jahres 2024 jedoch zur\u00fcckhaltend. Dies gilt zumindest f\u00fcr die Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger in Schleswig-Holstein. Mutma\u00dflich versuchen die Akteurinnen und Akteure hier keine Aufmerksamkeit bei Beh\u00f6rden zu erregen und agieren deshalb zur\u00fcckhaltend auf den Konflikt. Deutschland dient der Hizb Allah insbesondere als R\u00fcckzugsraum. Die der Hizb Allah nahestehenden Moscheegemeinden und Vereine nutzen ihre Strukturen vorwiegend f\u00fcr den sozialen, kulturellen und ideologischen Zusammenhalt. Zudem werden Spenden gesammelt. In der Vergangenheit konnten vereinzelt Spendensammelvereine (vorgeblich f\u00fcr Witwen und Waisen) verboten werden, bei denen nachgewiesen werden konnte, dass die Hizb Allah im Ausland unterst\u00fctzt und m\u00f6glicherweise Gelder an den milit\u00e4risch-terroristischen Komplex der Organisation transferiert wurden. Seite 122","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus In Schleswig-Holstein konnten bisher keine eigenst\u00e4ndigen Vereinsstrukturen der Hizb Allah festgestellt werden. Jedoch sind Einzelpersonen mit einschl\u00e4gigen Kontakten oder Sympathien gegen\u00fcber der Organisation bekannt. 2.4.2 Ausblick Seit dem Bet\u00e4tigungsverbot zur Hizb Allah vom 30. April 2020 wurde der Terrororganisation jedwede Aktivit\u00e4t innerhalb Deutschlands deutlich erschwert. Weiterhin gibt es jedoch in Deutschland und Schleswig-Holstein eine Sympathisantenszene, die durchaus mobilisierbar ist und f\u00fcr die der Nahostkonflikt einen Anlass bieten kann, aktiv zu werden. Sollte der Konflikt weiter eskalieren, k\u00f6nnte das zu einer st\u00e4rkeren Mobilisierung von Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern f\u00fchren. Insbesondere, wenn es um die Existenz der Organisation geht, k\u00f6nnte sich diese dazu gedr\u00e4ngt f\u00fchlen, symboltr\u00e4chtige Aktionen bis hin zu Anschl\u00e4gen im Inund Ausland durchzuf\u00fchren, um ihren F\u00fchrungsanspruch zu erhalten und sich weiterhin als islamistische Organisation herausragend zu positionieren. Deutschland - als Partner des Staates Israel - k\u00f6nnte ein m\u00f6gliches Angriffsziel f\u00fcr Anschl\u00e4ge sein. Der Nahostkonflikt entfaltet durch alle islamistischen Str\u00f6mungen ein hohes Emotionalisierungsund Mobilisierungspotenzial. Dies gef\u00e4hrdet insbesondere j\u00fcdische und israelische Einrichtungen als m\u00f6gliche Angriffsziele. 3 Legalistische und sonstige islamistische Organisationen Neben gewaltorientierten und insbesondere terroristisch-jihadistischen Organisationen z\u00e4hlen auch islamistische Gruppierungen, die offiziell gewaltt\u00e4tige Aktivit\u00e4ten in der Bundesrepublik ablehnen, zu den Beobachtungsobjekten des Verfassungsschutzes. Dabei ist ihr Verh\u00e4ltnis zur Gewalt sehr unterschiedlich. Einige Organisationen greifen in ihren Ursprungsl\u00e4ndern gezielt zu Gewalt, verzichten jedoch in Deutschland und Schleswig-Holstein aus taktischen Gr\u00fcnden darauf. Andere Gruppierungen sehen Gewalt zumindest als legitimes Mittel oder bef\u00fcrworten Terrorakte anderer islamistischer Organisationen, auch wenn sie selbst nicht aktiv gewaltt\u00e4tig sind. Zudem gibt es islamistische Kr\u00e4fte, die zwar verfassungsfeindliche Ziele verfolgen, jedoch grunds\u00e4tzlich auf Gewalt verzichten. Diese sogenannten legalistischen Gruppierungen agieren innerhalb des rechtlichen Rahmens und versuchen, ihre extremistischen Ziele mit legalen Mitteln durchzusetzen. Die wichtigsten Organisationen, die in Schleswig-Holstein keine eigenen Strukturen unterhalten, aber Hinweise auf Einzelmitglieder, Sympathisantinnen und Sympathisanten oder Verbindungen zu angeschlossenen Vereinen aufweisen, werden im Folgenden n\u00e4her erl\u00e4utert. Neben diesen ausf\u00fchrlich beschriebenen Organisationen existieren weitere islamistische Gruppierungen, die zwar \u00fcber Einzelmitglieder in Schleswig-Holstein verf\u00fcgen, jedoch keine etablierten Vereinsstrukturen vorweisen. Seite 123","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Im t\u00fcrkischen Islamismus sind insbesondere die extremistische T\u00fcrkische Hizbullah (TH) und die Milli G\u00f6r\u00fcs Bewegung hervorzuheben. Im schiitischen Extremismus hat die Hizb Allah Einzelmitglieder in Schleswig-Holstein. Dar\u00fcber hinaus sind vereinzelt Mitglieder irakisch-schiitischer Milizen in Deutschland und Schleswig-Holstein aktiv. Innerhalb der Muslimbruderschaft (MB) existiert au\u00dferdem ein tunesischer Ableger namens An-Nahda, der ebenfalls Einzelmitglieder in Schleswig-Holstein aufweist. 3.1 Die Muslimbruderschaft/Muslimbr\u00fcder (MB) Al-Ikhwan al-Muslimun (arabisch f\u00fcr \"Muslimbr\u00fcder\") - Logo der Muslimbruderschaft Gr\u00fcndung: 1928 Aktueller Anf\u00fchrer: Mohammed Badie (in Haft) Aktionsgebiet: weltweit Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein: 10 (2023: 14) Die Muslimbruderschaft (MB) wurde im Jahr 1928 von Hasan al-Banna in \u00c4gypten gegr\u00fcndet und richtete sich mit religi\u00f6sen Argumenten kritisch gegen die damalige \u00e4gyptische Politik, welche stark durch die britische Kolonialmacht gepr\u00e4gt war. Die Bewegung leistete viel karitative Arbeit, weshalb sie ein hohes Ansehen in der Bev\u00f6lkerung ihres Heimatlandes genoss und rasch eine gro\u00dfe Anh\u00e4ngerschaft gewann. Heute ist die MB die \u00e4lteste und eine der einflussreichsten sunnitisch-islamistischen Bewegungen der Gegenwart und politisch in vielen Staaten vertreten. Sie verf\u00fcgt \u00fcber ein internationales Unterst\u00fctzernetzwerk mit Zweigorganisationen in etwa 70 L\u00e4ndern. Aufgrund ihrer Herkunft und des karitativen Wirkens stehen gro\u00dfe Teile der \u00e4gyptischen Bev\u00f6lkerung der MB positiv gegen\u00fcber - auch solche, die nicht extremistisch eingestellt sind. Die legalistisch-islamistische Organisation strebt langfristig eine Staatsund Gesellschaftsform auf Grundlage der Scharia an und versucht daf\u00fcr, z. B. durch Vereinsaktivit\u00e4ten sowie soziales und gesellschaftspolitisches Engagement, ihre islamistische Agenda unter anderem in der deutschen Gesellschaft zu verfestigen. Sie verfolgt also eine legalistische Strategie. Dies beinhaltet weiterhin einen verdeckten Ausbau von Strukturen sowie die Leugnung von MB-Bez\u00fcgen innerhalb der einzelnen Zweige ihres Netzwerkes. Au\u00dferdem Seite 124","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus lehnt die Organisation die Trennung von Religion und Staat ab und vertritt generell eine antidemokratische und antisemitistische Grundhaltung sowie ein \u00e4u\u00dferst ambivalentes Gewaltverh\u00e4ltnis, das sich zum Beispiel in ihrem pal\u00e4stinensischen Zweig, der HAMAS \u00e4u\u00dfert. 3.1.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Die Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG) gilt als die bedeutendste Organisation von Anh\u00e4ngern und Anh\u00e4ngerinnen der Muslimbruderschaft in Deutschland. Ihr Ziel besteht darin, sich als anerkannte Stimme und Ansprechpartnerin f\u00fcr islamische Themen zu positionieren. Dabei wird bewusst darauf verzichtet, sich offen zur Muslimbruderschaft zu bekennen. Die MB agiert in Deutschland nicht offen, trotzdem wird sie durch die DMG repr\u00e4sentiert. Sie strebt in Deutschland durch politisches Engagement die Verwirklichung ihrer von der MB-Ideologie gepr\u00e4gten Ziele an. Daf\u00fcr werden scheinbar soziale und karitative Projekte verwendet. Sie versucht bei politischen und zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure als Ansprechpartnerin eines angeblich gem\u00e4\u00dfigten und liberalen Islams in Erscheinung zu treten. Dabei bem\u00fchen sich die Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger der DMG ihre MB-Verbindung in der \u00d6ffentlichkeit zu verschleiern. Im Berichtsjahr kam es deutschlandweit zu Aktivit\u00e4ten, die der MB zugerechnet werden k\u00f6nnen. Im Bundesgebiet wurden unter anderem Koranwettbewerbe, Familiencamps und Mitgliederversammlungen veranstaltet und abgehalten. In Schleswig-Holstein wurden solche Veranstaltungen nicht festgestellt. Gleichwohl gibt es in Schleswig-Holstein nach wie vor Personen, die der Ideologie der Muslimbruderschaft folgen. Eine organisierte Vereinsstruktur der MB in Schleswig -Holstein gibt es jedoch nicht. 3.1.2 Ausblick Die Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger der Muslimbruderschaft bem\u00fchen sich, sich im Vergleich zu gewaltbereiten Islamistinnen und Islamisten als gem\u00e4\u00dfigte Musliminnen und Muslime zu pr\u00e4sentieren. Durch ihre globalen und regionalen Strukturen ist die Muslimbruderschaft in der Lage, ihre Ideologie auf verschiedenen Ebenen zu verbreiten. Es bleibt abzuwarten, inwieweit sie weiterhin versuchen wird, gesellschaftlichen Einfluss auszu\u00fcben. Seite 125","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus 3.2 Die Furkan-Gemeinschaft Furkan-Gemeinschaft (t\u00fcrkisch: Furkan Egitim ve Hizmet Vakfi) - Logo der deutschen Furkan-Gemeinschaft Gr\u00fcndung: 1994 Aktueller Anf\u00fchrer: Alparslan Kuytul Aktionsgebiet: T\u00fcrkei, regionale Ableger u. a. in Deutschland Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein: 25 (2023: 35) Gr\u00fcnder und geistiges Oberhaupt der mittlerweile in Deutschland wieder unter dem Namen Furkan Bewegung auftretenden Organisation ist Alparslan Kuytul. Neben der Mutterorganisation in der T\u00fcrkei verf\u00fcgt sie \u00fcber weitere Ableger in ganz Europa. Der deutsche Zweig der Furkan Bewegung lehnt sich ideologisch an die in der s\u00fcdt\u00fcrkischen Stadt Adana ans\u00e4ssige Mutterorganisation \"Furkan Stiftung f\u00fcr Bildung und F\u00fcrsorge\" (\"Furkan Egitim ve Hizmet Vakfi\") an. Ihm geh\u00f6ren hierzulande mehrere Bildungszentren und eine \u00fcberwiegend recht junge Anh\u00e4ngerschaft an. Die Furkan Bewegung strebt die R\u00fcckkehr einer \"islamischen Zivilisation\" an, die alle Musliminnen und Muslime in sich vereinigt und in der die Sunna (\u00fcberlieferte Handlungsweisen des Propheten) und der Koran einzig wegweisend sind. Westliche Werte und die Staatsform der Demokratie werden daher strikt abgelehnt. Mit dem Selbstverst\u00e4ndnis einer \"Vorreiter-Generation\" fokussiert sich die Furkan Bewegung auf eine intensive Missionierungsarbeit (da'wa) und starke Bildungsarbeit f\u00fcr alle Altersgruppen und soziokulturellen Hintergr\u00fcnde. Neben den verschiedenen von der Organisation betriebenen Kulturund Bildungszentren in Deutschland bildeten sich zunehmend auch einzelne Ortsgruppen heraus. Au\u00dfer den Mitgliedern dieser Bezirksvereine sind zudem Einzelmitglieder feststellbar, die Bez\u00fcge zur Furkan Bewegung aufweisen. Seite 126","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus 3.2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Im Jahr 2024 verf\u00fcgte die Furkan-Bewegung \u00fcber regionale Ableger in verschiedenen deutschen St\u00e4dten, wobei Hamburg eine besonders herausragende Rolle einnahm. Dar\u00fcber hinaus bestanden offizielle regionale Ableger der Organisation in St\u00e4dten wie Dortmund, Berlin, Frankfurt am Main und M\u00fcnchen. Auch in L\u00fcbeck verf\u00fcgte die Furkan-Bewegung \u00fcber einen aktiven regionalen Ableger. Diese Gruppen entfalteten mindestens auf Ebene von Bezirksgruppen Aktivit\u00e4ten und waren zudem in den sozialen Netzwerken vertreten. Die Furkan-Bewegung wirbt trotz der starken Fokussierung auf ihre in der T\u00fcrkei lebende Leitfigur Alparslan Kuytul nicht ausschlie\u00dflich um t\u00fcrkische Mitglieder. Stattdessen richtet sie ihre Missionierungsarbeit auf Menschen aller Nationalit\u00e4ten aus, die durch die gemeinsame Ideologie verbunden sind. Im Zentrum dieser Ideologie steht Kuytuls Vision einer Staatsordnung auf Grundlage der Scharia und eines weltumspannenden Kalifats, das demokratisch legitimierte Nationalstaaten ersetzen soll. Demokratische Wahlen und andere Merkmale moderner Demokratien werden dabei teilweise abgelehnt. Dieser nichtdemokratische Ansatz scheint insbesondere bei jungen Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern Anklang zu finden, die sich zunehmend von der Bewegung angesprochen f\u00fchlen und sich ihr anschlie\u00dfen. Im Jahr 2024 konnte beobachtet werden, dass die Furkan-Bewegung ihre Social-Media-Aktivit\u00e4ten deutlich weiter professionalisiert und ausgebaut hat. Neben selbst produzierten deutschsprachigen Podcasts war die Organisation insbesondere auf Plattformen wie Instagram, YouTube, TikTok und anderen bei jungen Menschen beliebten sozialen Netzwerken aktiv, um ihre Missionierungsarbeit voranzutreiben. \u00dcber diese Kan\u00e4le bewirbt sie mittlerweile ein vielf\u00e4ltiges, zielgruppenspezifisches Bildungsund Unterrichtsangebot f\u00fcr M\u00e4nner, Frauen, Studierende, Jugendliche, Konvertitinnen und Konvertiten sowie Kinder nahezu aller Altersgruppen. Gr\u00f6\u00dfere Veranstaltungen fanden dabei \u00fcberwiegend in Hamburg oder anderen deutschen St\u00e4dten statt. Seite 127","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Abbildung Kinderunterrichte (5-8 Jahre) sowie weitere Unterrichte der Furkan Bewegung in Hamburg und L\u00fcbeck (\"f\u00fcr Br\u00fcder\") Der anhaltende Israel-Pal\u00e4stina-Konflikt veranlasste die Furkan-Bewegung, zahlreiche Beitr\u00e4ge zu diesem Themenkomplex in sozialen Netzwerken zu ver\u00f6ffentlichen sowie mehrere Demonstrationen und Kundgebungen zu organisieren. Dabei pr\u00e4sentierte sich die Furkan-Bewegung als Sprachrohr f\u00fcr Pal\u00e4stina und Musliminnen und Muslime weltweit. Charakteristisch f\u00fcr islamistische Bewegungen, einschlie\u00dflich der Furkan-Bewegung, war bei diesen Veranstaltungen die Verbreitung antiisraelischer Narrative. Im Berichtsjahr wurden verst\u00e4rkt Aktivit\u00e4ten der Ortsgruppe in L\u00fcbeck beobachtet. Auch im Hamburger Randgebiet konnte die Bewegung vermehrt Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger gewinnen und ihre Aktivit\u00e4ten wieder deutlich ausweiten. Seite 128","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Seit mindestens Oktober 2024 verwendetes Logo Furkan Bewegung L\u00fcbeck Die Furkan-Bewegung nutzt soziale Netzwerke intensiv, um in Schleswig-Holstein ihre Aktivit\u00e4ten zu bewerben. Besonders bei den Aktivit\u00e4ten von Frauen ist von einer h\u00f6heren Dunkelziffer auszugehen, da diese gezielt angesprochen werden, weshalb zuk\u00fcnftig mit einer Steigerung des Personenpotenzials gerechnet werden muss. Abbildung: \"Unterrichte f\u00fcr Schwestern\", darunter Norderstedt Seite 129","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus 3.2.2 Ausblick Durch die zahlreichen mutma\u00dflich neuen regionalen Ableger ist wahrscheinlich zuk\u00fcnftig von einem Zuwachs an Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern auszugehen. Die Furkan-Bewegung scheint f\u00fcr viele junge Menschen ein attraktives Angebot zu bieten, das Gemeinschaftserlebnisse mit Vortragsveranstaltungen zum Islam und Unterrichten kombiniert. Erg\u00e4nzt wird dieses Angebot durch Sportaktivit\u00e4ten und musikalische Beitr\u00e4ge, wie etwa auch den Furkan-M\u00e4nnerchor. Derzeit konzentrieren sich die Aktivit\u00e4ten der Bewegung vor allem auf den Gro\u00dfraum Hamburg, den Hamburger Rand und auch L\u00fcbeck. Viele der Aktivit\u00e4ten in Schleswig-Holstein orientieren sich stark an der Zentrale in Hamburg und den dortigen Akteurinnen und Akteure. Ob dies perspektivisch so bleiben wird, bleibt abzuwarten. 3.3 Die Hizb ut-Tahrir (HuT) und ihr nahestehende Gruppierungen Hizb ut-Tahrir (HuT - arabisch f\u00fcr \"Partei der Befreiung\") -Logo der Hizb ut-Tahrir Gr\u00fcndung: 1953 Aktueller Anf\u00fchrer: Ata Abu al-Rashta Aktionsgebiet: weltweit Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein: 10 (2023: 10) Die Hizb ut-Tahrir (HuT) ist eine islamistische Organisation mit pal\u00e4stinensischen Wurzeln und wurde im Jahr 1953 von Taqiaddin al-Nabhani in Jerusalem gegr\u00fcndet. Sie bildet eine l\u00e4nder\u00fcbergreifende islamistische Organisation, die aus der \u00e4ltesten islamistischen Gruppierung (gegr\u00fcndet 1928 von Hassan al-Banna in \u00c4gypten), der Muslimbruderschaft, hervorging. Die ideologische Grundlage basiert auf \"der Lebensordnung des Islam\", in der ausschlie\u00dflich der Islam theokratisch alle sozialen, politischen und wirtschaftlichen Aspekte des Lebens zu regeln hat. Somit generiert die Organisation f\u00fcr sich einen absoluten Wahrheitsanspruch. Seite 130","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Die HuT strebt langfristig die \"Befreiung\" (arabisch: tahrir) aller (in ihrer Wahrnehmung) unterdr\u00fcckten Musliminnen und Muslime und deren Vereinigung in einem weltweiten panislamischen Kalifat an, das alle islamisch gepr\u00e4gten Regionen umfassen und sp\u00e4ter in Richtung der Territorien der \"Ungl\u00e4ubigen\" hin erweitert werden soll. So soll der vorgeblich herrschende \"Kolonialismus\" und \"Zionismus\" bek\u00e4mpft werden - durch Missionierung und notfalls auch durch bewaffneten Kampf (Jihad). Als Rechtsform jenes Kalifats wird die Scharia angestrebt. Jede andere Rechtsoder Staatsform wird durch die HuT als \"blasphemisch\" abgelehnt. Um ihr Ziel zu erreichen, legitimiert die Organisation Gewalt als Mittel der \"Selbstverteidigung\" als ein Recht aller Musliminnen und Muslime. Aufgrund dieser Gewaltaffinit\u00e4t ist die HuT in vielen Staaten weltweit verboten, so auch seit dem Jahr 2003 in Deutschland. In Deutschland lassen sich keine festen Strukturen der HuT feststellen. Es gibt jedoch Gruppierungen mit einer offensichtlichen ideologischen N\u00e4he zur HuT, die vor allem \u00fcber soziale Medien sehr aktiv Missionierungsarbeit betreiben. Daf\u00fcr werden zunehmend Akademikerinnen und Akademiker in Schl\u00fcsselpositionen eingesetzt. Die Gruppierungen sind unter anderem \"Generation Islam\" (GI), \"Realit\u00e4t Islam\" (RI) und \"Muslim Interaktiv\" (MI). Beitr\u00e4ge dieser Gruppierungen greifen aktuelle politische oder gesellschaftliche Themen auf und unterst\u00fctzen das HuT-Narrativ der \"Unterdr\u00fcckung\" von Musliminnen und Muslimen in Deutschland. Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern wird suggeriert, allein durch Abgrenzung zur westlichen Gesellschaft und durch ein Leben nach den Vorgaben der Scharia sei die \"wahre islamische Identit\u00e4t\" zu wahren. 3.3.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Die Hizb ut-Tahrir (HuT) ist eine Splittergruppe des Islamismus, deren Sympathisantinnen und Sympathisanten in Deutschland mittlerweile auch offen in Erscheinung treten. Gleichzeitig agieren sie teilweise im Verborgenen, indem sie \u00fcber pers\u00f6nliche Kontakte und freundschaftliche Verh\u00e4ltnisse in konspirativen Kleinstgruppentreffen, sogenannten \"Halaqat\" (arabisch f\u00fcr \"Studienzirkel\"), Vertrauen aufbauen. Durch diese Methode werden mittelbis langfristig Sympathisantinnen und Sympathisanten gewonnen, an die Gruppe gebunden und in die Lehren des Gr\u00fcnders al-Nabhani eingef\u00fchrt. Eine zentrale Rolle spielen dabei das Internet und die sozialen Medien, die weit \u00fcber \u00f6ffentliche Kan\u00e4le und reale Aktionen hinaus f\u00fcr die Verbreitung der Ideologie genutzt werden. Trotz eines seit 2003 bestehenden Bet\u00e4tigungsverbots in Deutschland konnte die Hizb ut-Tahrir in den 2010er Jahren durch Tarnorganisationen wieder an Einfluss gewinnen. In den sozialen Medien sind insbesondere die HuT-nahen islamistischen Gruppierungen aktiv, darunter Generation Islam (GI), Realit\u00e4t Islam (RI) sowie die vor allem in Hamburg Seite 131","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus agierende Gruppe Muslim Interaktiv (MI). Sie alle propagieren den Absolutheitsanspruch ihrer eigenen islamistischen Ideologie. Der anhaltende Krieg zwischen der HAMAS und Israel veranlasste auch Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger der Hizb ut-Tahrir, ihre Solidarit\u00e4t mit den Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern auszudr\u00fccken. Bei einer Kundgebung der Gruppe \"Muslim Interaktiv\" in Hamburg forderten Teilnehmer mit Slogans wie \"Deutschland = Wertediktatur\" oder \"Kalifat ist die L\u00f6sung\" offen die Errichtung eines Kalifats in Deutschland. Mehr als 1 000 Personen protestierten dabei gegen eine vermeintlich islamfeindliche Politik. Auf der Kundgebung in Hamburg nahmen auch Personen aus Schleswig-Holstein teil. Vortragseinladung von HuT-Sympathisanten aus Kiel und Einladung f\u00fcr ein Freizeitangebot von HuT-Sympathisanten aus L\u00fcbeck Im Berichtszeitraum war in Schleswig-Holstein festzustellen, dass eine Gruppe von Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern der Hizb ut-Tahrir ihre Aktivit\u00e4ten sowohl im Internet als auch in der realen Welt verst\u00e4rkte. Insbesondere in Kiel und L\u00fcbeck wurden in sozialen Netzwerken vermehrt Aktivit\u00e4ten von Personen beobachtet, die auf den ersten Blick zwar keine direkte Verbindung zur Hizb ut-Tahrir erkennen lassen. Seite 132","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Jedoch wiesen der Austausch und die Vernetzung mit Mitgliedern der HuT-Szene aus Hamburg eine ideologische N\u00e4he zur Gruppierung auf. Diese wurde insbesondere durch die Verbreitung zentraler Narrative der Hizb ut-Tahrir deutlich, die auf eine klare ideologische Ausrichtung hindeuten. 3.3.2 Ausblick Die Aktivit\u00e4ten der Hizb ut-Tahrir in Schleswig-Holstein zeigen, dass die Gruppe weiterhin bestrebt ist, ihre Pr\u00e4senz sowohl online als auch in der Realwelt auszubauen. Die verst\u00e4rkten Aktivit\u00e4ten in sozialen Netzwerken, insbesondere in Kiel und L\u00fcbeck, k\u00f6nnten auf eine gezielte Strategie hindeuten, die darauf abzielt, neue Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger zu gewinnen und bestehende Strukturen zu festigen. Der Austausch und die Vernetzung mit Mitgliedern aus Hamburg lassen eine zunehmende regionale Kooperation vermuten, die m\u00f6glicherweise dazu genutzt wird, ideologische Narrative der Hizb ut-Tahrir weiter zu verbreiten. Angesichts dieser Entwicklungen ist davon auszugehen, dass die Gruppe ihre Bem\u00fchungen fortsetzen wird, ihre ideologischen Ziele durch indirekte Einflussnahme und gezielte Vernetzungsstrategien in Schleswig-Holstein voranzutreiben. 3.4 Schiitischer Extremismus/Einfluss des Islamischen Zentrums Hamburg e.V. (IZH) und sonstiger schiitischer Extremismus Schiitischer Extremismus - Islamisches Zentrum Hamburg e.V. (IZH) - Imam Ali Moschee an der Hamburger Au\u00dfenalster Gr\u00fcndung: 1960 Aktueller Leiter: Mohammed Hadi Mofatteh (bis zum Verbotsverfahren) Aktionsgebiet: Deutschland, Europa Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein: Einzelmitglieder (2023: Einzelmitglieder) Seite 133","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Das \"Islamische Zentrum Hamburg e.V.\" (IZH) war bis zu seinem Verbot am 24. Juli 2024 die bedeutendste vom Iran beeinflusste Einrichtung in Europa. Dessen (ehemaliger) Leiter wurde als direkter Vertreter des Revolutionsf\u00fchrers Khamenei in Europa von Teheran aus ernannt. Das IZH war bis dato ein bedeutender Propagandaapparat des iranischen Regime, sowie eine wichtige Schnittstelle zwischen dem iranischen Regime und Deutschland. Wie alle proiranischen Einrichtungen orientiert sich das IZH am Gedankengut der iranischen Revolution von 1979 mit dem Ziel der Expansion und Islamisierung der gesamten Welt. Das Beobachtungsobjekt umfasst sowohl die sogenannten regierungsoder regimetreuen Iranerinnen und Iraner als auch andere schiitisch-extremistische Gruppierungen. Ihre Anh\u00e4ngerschaft in Deutschland hat zum Ziel, auf hier lebende Schiitinnen und Schiiten Einfluss zu nehmen. Ziel des schiitischen Extremismus im Allgemeinen ist die Errichtung eines islamischen Gottesstaates - zumeist nach dem Vorbild Irans. Aufgrund der Historie und der politischen Situation in den schiitisch gepr\u00e4gten Heimatl\u00e4ndern dieser Organisationen l\u00e4sst sich au\u00dferdem eine ausgepr\u00e4gte antiisraelische und antisemitische Grundhaltung feststellen. Diese zeigt sich in der Vergangenheit unter anderem in der Teilnahme an j\u00e4hrlich wiederkehrenden antiisraelischen al-Quds-Demonstrationen in Berlin. 3.4.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Der aktuell fortdauernde Nahostkonflikt hat Auswirkungen auf die schiitische Szene in Deutschland, die sich unter anderem in Aktivit\u00e4ten in sozialen Netzwerken als auch realweltlich in Teilnahmen an Demonstrationen und Kundgebungen mit Themenbezug Nahost zeigt. In Schleswig-Holstein verhielt sich die schiitisch extremistische Szene jedoch ausgesprochen zur\u00fcckhaltend. Dies galt f\u00fcr die schiitischen Vereine in Schleswig-Holstein ebenso wie f\u00fcr das IZH in Hamburg, welches sich mit offiziellen Stellungnahmen zur\u00fcckhaltend \u00e4u\u00dferte. Bereits im November 2023 kam es zu gro\u00dfangelegten Durchsuchungsma\u00dfnahmen von 54 Objekten in insgesamt sieben Bundesl\u00e4ndern im Zuge eines vereinsrechtlichen Ermittlungsverfahrens gegen das IZH durch das Bundesministerium des Innern und f\u00fcr Heimat (BMI). Dem IZH wurde vorgeworfen, gegen die V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung und verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung t\u00e4tig zu sein und hierbei die libanesische Hizb Allah zu unterst\u00fctzen. Alle durchsuchten Objekte standen mutma\u00dflich mit dem IZH in Verbindung. So wurde auch bei der \"Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands\" (IGS), zu der das IZH geh\u00f6rt, durchsucht. Schleswig-Holstein war nicht von den Exekutivma\u00dfnahmen betroffen. Am 24. Juli 2024 wurde das IZH und s\u00e4mtliche mit dem IZH in Verbindung stehenden Teilorganisationen durch das Bundesministerium des Innern und f\u00fcr Heimat verboten. Seite 134","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Durch die Auswertung von Beweismitteln aus den vorangehenden Durchsuchungsma\u00dfnahmen hat sich der Verdacht gegen den Verein und seinen Teilorganisationen erh\u00e4rtet, eine extremistische Organisation zu sein und islamistische und verfassungsfeindliche Ziele zu verfolgen. Die \"blaue Moschee\" in Hamburg und das gesamte Vereinsverm\u00f6gen wurden beschlagnahmt. Das Geb\u00e4ude befindet sich derzeit unter der Verwaltung des BMI. Die IGS wurde - im Gegensatz zu dem IZH und seinen Teilorganisationen - nicht verboten. Das Verbotsverfahren hat bundesweit unter Schiitinnen und Schiiten und anderen muslimischen Gruppen Reaktionen und Kritik ausgel\u00f6st, die zu Demonstrationen und Protestveranstaltungen in mehreren St\u00e4dten f\u00fchrten. In Schleswig-Holstein hingegen blieb die Szene vergleichsweise ruhig. 3.4.2 Ausblick Der vom Iran beeinflusste schiitische Extremismus in Deutschland ist durch das Verbotsverfahren erheblich geschw\u00e4cht worden und das IZH kann seinen Betrieb nicht mehr fortf\u00fchren. Damit fehlt dem iranischen Regime ein wichtiger Einflussfaktor innerhalb Europas und Deutschlands und somit die M\u00f6glichkeit f\u00fcr Ideologieexport und Rekrutierung von Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern. Es gibt derzeit f\u00fcr die schiitisch-extremistische Szene kein vergleichbares Objekt, das dieselbe Strahlkraft und Anziehung entfalten k\u00f6nnte. Dies erschwert auch die Emotionalisierung und Mobilisierung schiitischer Extremistinnen und Extremisten mit Themenbezug zum Nahostkonflikt. Das Verbotsverfahren hat insgesamt zudem erhebliche Auswirkungen auf die T\u00e4tigkeiten der schiitischen Vereine und Einzelmitglieder in Schleswig-Holstein. Es fehlt eine geeignete Anlaufstelle, die f\u00fcr \u00fcberregionale Veranstaltungen und Kontakte zur Verf\u00fcgung steht. F\u00fcr Schleswig-Holstein bleibt abzuwarten, inwieweit Einzelpersonen im schiitischen Extremismus ihre Kontakte zum Personenspektrum des verbotenen Islamischen Zentrums Hamburg weiterhin pflegen werden. Seite 135","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus 3.5 Tablighi Jama'at (TJ) Tablighi Jama'at (TJ - Urdu f\u00fcr \"Missionierungsgesellschaft\") - Beliebtes Symbol der Tablighi Jama'at, ein reisender Missionar Gr\u00fcndung: 1926 Aktueller Anf\u00fchrer: Nazar-ur-Rehman Aktionsgebiet: weltweit Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein: 20 (2023: 20) Die TJ ist eine transnationale Missionierungsbewegung mit weltweit mehreren Millionen Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger, die im Jahr 1926 in Britisch-Indien gegr\u00fcndet worden ist. Weltweit ist diese Organisation in \u00fcber 160 L\u00e4ndern aktiv. Als globale Fr\u00f6mmigkeitsbewegung hat die TJ den Anspruch, alle Musliminnen und Muslime weltweit zu einer strengen Religionsaus\u00fcbung zur\u00fcckzuf\u00fchren und letztendlich islamistische Gesellschaftssysteme zu etablieren. Dabei steht f\u00fcr die TJ die religi\u00f6se Praxis \u00fcber allen intellektuellen Diskursen und ihr Ziel ist langfristig eine weltweite Islamisierung der Gesellschaft, die sie durch Missionierung gewaltlos erreichen will. Wie andere islamistische Organisationen orientiert sich die TJ dabei eng am Islamverst\u00e4ndnis der islamischen Fr\u00fchzeit. Die Scharia soll als Grundlage der Gesellschaft fungieren, s\u00e4kulare sowie demokratische Prinzipien werden abgelehnt. Ihre Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger grenzen sich gegen\u00fcber Andersdenkenden oder Nichtmusliminnen und Nichtmuslimen ab. Diese Denkweise beg\u00fcnstigt die Entstehung von Parallelgesellschaften und birgt Radikalisierungspotenzial. Charakteristisch f\u00fcr die Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger der TJ ist eine missionierende Reiset\u00e4tigkeit, bei der sie Moscheen weltweit aufsuchen. In Deutschland ist die Bewegung seit den 1960er Jahren aktiv. Seite 136","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus 3.5.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Die Tablighi Jamaat (TJ) ist sowohl international als auch national in hierarchisch strukturierten Netzwerken organisiert, die vor allem durch informelle Kontakte zwischen Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern verbunden sind. Die regionalen Netzwerke agieren dabei weitgehend unabh\u00e4ngig. Im Berichtsjahr konnte eine TJ-Gruppe ihre im Jahr 2023 gegr\u00fcndete Moschee im Hamburger Randgebiet erfolgreich etablieren. Das Objekt zeigt dabei auch \u00dcberschneidungen mit der salafistischen Szene in Schleswig-Holstein auf. 3.5.2 Ausblick Die Etablierung einer TJ-Anlaufstelle in Schleswig-Holstein l\u00e4sst einen weiteren Anstieg des Personenpotenzials erwarten. Infolgedessen k\u00f6nnte zuk\u00fcnftig eine Zunahme \u00fcberregionaler sowie m\u00f6glicherweise internationaler TJ-Kontakte nach Schleswig-Holstein erfolgen. Aufgrund des konservativen Auftretens der TJ-Mitglieder ist es zudem nicht auszuschlie\u00dfen, dass die Bewegung auch f\u00fcr salafistisch gepr\u00e4gte Personen attraktiv wirken k\u00f6nnte. Die ideologische N\u00e4he zwischen Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern der TJ und dem Salafismus ist dabei klar erkennbar. 4 Personenpotenzial im Islamismus/islamistischem Terrorismus In Schleswig-Holstein ist das Personenpotenzial im Ph\u00e4nomenbereich Islamismus innerhalb eines Jahres leicht von 825 auf 820 Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger zur\u00fcckgegangen. Dabei blieb das Personenpotenzial des Salafismus, das den gr\u00f6\u00dften Anteil ausmacht, unver\u00e4ndert bei 700 Personen. Bundesweit ist die Zahl leicht auf 11 000 salafistische Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern gestiegen. Der Salafismus bleibt somit die bedeutendste und dynamischste islamistische Str\u00f6mung in Deutschland. Bei den sonstigen islamistischen Organisationen in Schleswig-Holstein blieb das Personenpotenzial im Berichtszeitraum nahezu unver\u00e4ndert. Deshalb ist festzustellen, dass sich die im letzten Bericht angef\u00fchrte Gefahr, dass es durch den anhaltenden Nahostkonflikt zu einer Zunahme der islamistischen Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern im Lande kommen kann, bisher nicht realisiert hat. Dennoch zeigt sich schon jetzt ein Trend, der vor allem durch die Aktivit\u00e4ten in den sozialen Netzwerken gekennzeichnet ist, dabei gezielt junge Menschen und zunehmend Frauen adressatengerecht anspricht und zuk\u00fcnftig zu einem weiteren Anwachsen des islamistischen Personenpotentials in Schleswig-Holstein f\u00fchren kann. Abzuwarten bleibt hierbei auch, ob es den etablierten islamistischen Moscheevereinen im Lande gelingen wird, hier einen Gegenpol zu diesen Aktivit\u00e4ten in den sozialen Netzwerken zu schaffen Seite 137","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus und selbst geeignete und attraktive Angebote in den Moscheen f\u00fcr diese Zielgruppen zu etablieren. Islamistisches Personenpotenzial nach Organisationen 2021 2022 2023 2024 Salafismus 750 750 700 700 (inkl. jihadistischem Personenpotenzial) Sonstiger Islamismus AMAL 5 EM EM EM Furkan-Gemeinschaft 32 33 35 25 HAMAS 5 5 10 10 Hizb Allah 25 20 20 20 Hizb-i Islami Afghanistan (HIA) EM 7 10 10 Hizb ut-Tahrir (HuT) 5 7 10 10 Irakisch-Schiitische Milizen EM EM EM EM IZH und sonstiger schiitischer Extremismus 5 EM EM EM Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung (MGB) EM EM EM EM Muslimbruderschaft (MB) 12 14 10 10 an-Nahda EM EM EM EM Pal\u00e4stinensischer Islamischer Jihad (PIJ) EM EM EM EM Tablighi Jama'at (TJ) 15 16 20 20 T\u00fcrkische Hizbullah (TH) 12 11 10 15 Sonstiger Islamismus insgesamt 116 118 125 120 Gesamtes Personenpotenzial Islamismus 866 868 825 820 Seite 138","VI Islamismus und islamistischer Terrorismus Seite 139","Seite 140","VII Linksextremistische Bestrebungen Seite 141","Seite 142","VII Linksextremistische Bestrebungen 1 Organisationen und Gruppierungen 1.1 Dogmatischer Linksextremismus Dogmatische Linkextremistinnen und Linksextremisten richten ihr politisches Handeln an revolution\u00e4r marxistischen oder anarchistischen Lehren mit dem Ziel aus, die bestehende Staatsund Gesellschaftsordnung zu \u00fcberwinden. In Schleswig-Holstein sind aus diesem Spektrum haupts\u00e4chlich die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) und die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) aktiv. Im Berichtsjahr traten Personen des dogmatischen Spektrums \u00fcberwiegend im Themenfeld Antimilitarismus in Erscheinung. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine mit den damit einhergehenden R\u00fcstungszusagen der Bundesrepublik Deutschland f\u00fcr die Ukraine und der durch den terroristischen Angriff der HAMAS auf Israel ausgel\u00f6ste aktuelle Nahostkonflikt waren die beherrschenden Themen. Dabei wurde wiederholt deutlich, dass das linksextremistische dogmatische Spektrum sowohl auf Grund seiner russlandfreundlichen als auch gegen die Politik Israels gerichteten Positionen innerhalb der linksextremistischen Szene weitgehend isoliert ist. 1.1.1 Deutsche Kommunistische Partei (DKP) Logo der Deutschen Kommunistischen Partei Die DKP wurde im Jahr 1968 gegr\u00fcndet und bildet bis heute den gr\u00f6\u00dften Personenzusammenschluss im dogmatischen Linksextremismus. Sie baut auf den Strukturen und der Ideologie der im Jahr 1956 vom Bundesverfassungsgericht verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) auf und bekennt sich zu den Lehren von Marx, Engels und Lenin als Leitlinie ihres politischen Handelns. Das zentrale Ziel der Partei ist der \"revolution\u00e4re Bruch mit den kapitalistischen Machtund Eigentumsverh\u00e4ltnissen\"20 zur Errichtung einer sozialistischen bis hin zur klassenlosen kommunistischen Gesellschaft, 20 Internetseite DKP, abgerufen am 20.11.2024. Seite 143","VII Linksextremistische Bestrebungen in der die \"Macht des arbeitenden Volkes verwirklicht wird\"21. Die DKP strebt langfristig einen Systemwechsel an und richtet sich folglich gegen die bestehende Staatsund Gesellschaftsordnung, die auf den Grundprinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung basiert. Antikapitalismus Der Kampf gegen den Kapitalismus ist das zentrale Element linksextremistischer Ideologien und kann u. a. auf Ideen von Karl Marx zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Dessen Theorie zufolge werden mit der Abschaffung der bestehenden Produktionsund Eigentumsverh\u00e4ltnisse als logische Folge auch die bisherigen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse \u00fcberwunden. Linksextremistinnen und Linksextremisten \u00fcben spektren\u00fcbergreifend nicht nur Kritik am Kapitalismus mit seinen Strukturen und Eigentumsverh\u00e4ltnissen, indem sie soziale Ungerechtigkeiten und Armut anprangern. Vielmehr sehen sie den Kapitalismus als Wurzel allen \u00dcbels und machen den Staat als solches f\u00fcr Faschismus, Repression und Krieg verantwortlich. Das Grundziel des Antikapitalismus ist demnach die \u00dcberwindung der kapitalistischen Staatsund Gesellschaftsordnung. In Schleswig-Holstein sind die DKP-Kreisverb\u00e4nde Kiel, L\u00fcbeck/S\u00fcdost-Holstein, Pinneberg, Schleswig/Flensburg und Itzehoe/Nordfriesland aktiv. Sie befassen sich haupts\u00e4chlich mit aktuellen gesellschafts-, sozialund friedenspolitischen Fragestellungen und werden in den Themenfeldern Antimilitarismus, Antikapitalismus und Antifaschismus t\u00e4tig. Die DKP nimmt im Internet regelm\u00e4\u00dfig Stellung zu aktuellen regionalen und \u00fcberregionalen Ereignissen und ruft zur Teilnahme an Versammlungen auf. Vereinzelt tritt die DKP mit eigenen Kundgebungen oder Informationsst\u00e4nden \u00f6ffentlich in Erscheinung. Hierbei kam es in den letzten beiden Jahren auf Grund der aktuellen Konflikte in der Ukraine und in Nahost zu einem leichten Anstieg auf niedrigem Niveau. \u00dcberwiegend schlie\u00dft sich die DKP aber weiterhin B\u00fcndnissen an, wie z. B. im Rahmen ihrer Beteiligung am antimilitaristischen \"Rheinmetall Entwaffnen\"-Camp deutlich wurde, das vom 3. bis 8. September in Kiel stattfand. Die DKP nimmt unregelm\u00e4\u00dfig an Wahlen teil. Dabei konnte sie bislang keine nennenswerten Ergebnisse erzielen, so auch bei der Europawahl am 9. Juni. In Schleswig-Holstein erhielt die Partei lediglich 442 Stimmen und lag somit bei 0,0 Prozent der Stimmenanteile. Seit den terroristischen Angriffen der HAMAS auf Israel am 7. Oktober 2023 ist der aktuelle Nahost-Konflikt das Schwerpunktthema der DKP. Dabei positionierte sie sich insbesondere gegen die Politik Israels, der sie imperialistische Aggression vorwirft. Die pal\u00e4stinensische Seite wird \u00fcberwiegend als Opfer dargestellt. 21 Internetseite DKP, abgerufen am 20.11.2024. Seite 144","VII Linksextremistische Bestrebungen Die DKP Flensburg erkl\u00e4rte dazu auf ihrer Internetseite zur Versammlung der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) am 29. Oktober in Flensburg: \"Wir Kommunisten sind solidarisch mit Pal\u00e4stina, den Opfern der v\u00f6lkerrechtswidrigen Besatzung und der terroristischen Kriegsf\u00fchrung.\"22 Ausblick DKP Die DKP richtet sich mit ihren Positionen und Zielvorstellungen eindeutig gegen die Schutzg\u00fcter der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Ihre \u00f6ffentlich wahrnehmbare Pr\u00e4senz ist in Schleswig-Holstein im Berichtsjahr leicht angestiegen, befindet sich jedoch weiterhin auf einem niedrigen Niveau. Die Partei k\u00e4mpft seit Jahren gegen eine \u00dcberalterung ihrer Mitglieder, die notwendige personelle Verst\u00e4rkung ist eine existenzielle Frage geworden. Daraus wird wahrscheinlich auch zuk\u00fcnftig eine geringe Aktionsund Mobilisierungsf\u00e4higkeit resultieren. Eine zunehmende Einflussnahme ist langfristig weder in das undogmatische linksextremistische Spektrum noch in die Mitte der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zu erwarten. Zudem steht die DKP mit ihrem inhaltlichen Dogmatismus und den russlandfreundlichen und propal\u00e4stinensischen Positionen weitgehend isoliert da. Ein signifikanter Bedeutungsgewinn der DKP ist somit in den kommenden Jahren nahezu auszuschlie\u00dfen. 1.1.2 Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) Logo der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend Die SDAJ ist eine formal eigenst\u00e4ndige Jugendbzw. Nachwuchsorganisation der DKP und strebt analog zur Mutterpartei die revolution\u00e4re \u00dcberwindung der bestehenden Gesellschaftsordnung und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft an. Sie habe sich bundesweit zusammengeschlossen, um dieses Ziel mit einer \"antikapitalistischen und revolution\u00e4ren Organisation\"23 zu erreichen. Die Beobachtung der SDAJ durch den Verfassungsschutz resultiert aus der Unvereinbarkeit ihrer Ziele mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Die SDAJ bem\u00fcht sich regelm\u00e4\u00dfig um Mitarbeit in B\u00fcndnissen des extremistischen, aber auch des nichtextremistischen Spektrums, um ihren Einfluss zu erh\u00f6hen. In Schleswig-Holstein existieren verschiedene Ortsgruppen u. a. in Kiel und Flensburg. 22 Internetseite SDAJ Flensburg, abgerufen am 25.11.2024. 23 Internetseite SDAJ, abgerufen am 20.11.2024. Seite 145","VII Linksextremistische Bestrebungen Im Zuge des aktuellen Nahostkonflikts stellte sich die SDAJ weiterhin auf die Seite des pal\u00e4stinensischen Volkes und verurteilte das Vorgehen Israels. Israel wird beschuldigt f\u00fcr den Ausbruch des Konfliktes verantwortlich zu sein. Dem Staat Israel wird das Recht auf Selbstverteidigung abgesprochen und der milit\u00e4rische Einsatz im Gazastreifen als Genozid bezeichnet. Am 5. April initiierten propal\u00e4stinensische Aktivistinnen und Aktivisten eine St\u00f6raktion w\u00e4hrend eines Vortrages der Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des Bundestages zum Thema Sicherheit in Europa an der Christian-Albrechts-Universit\u00e4t (CAU) zu Kiel. Sie st\u00f6rten die Veranstaltung mit \"Free Palestine\" und \"Shame you\"-Rufen. Die SDAJ Kiel beteiligte sich an dieser Aktion und forderte \"Kein Raum den Kriegstreibern. Free Palestine\"24 sowie einen konsequenten Antimilitarismus. Der Politikerin wird vorgeworfen, \"Beihilfe zum Genozid in Pal\u00e4stina\"25 zu leisten, w\u00e4hrend die R\u00fcstungsindustrie davon profitiere. Im Berichtsjahr beteiligte sich die SDAJ in Schleswig-Holstein an weiteren propal\u00e4stinensischen Versammlungen. Vom 17. - 20. Mai fand in Kiel das sogenannte Nord-Pfingstcamp der SDAJ statt. Dort trafen sich lokale SDAJ-Gruppen aus Schleswig-Holstein und den norddeutschen Bundesl\u00e4ndern, die dem Nordverband der SDAJ angeh\u00f6ren. Die SDAJ f\u00fchrt bundesweit alle zwei Jahre regionale Pfingstcamps durch, bei denen u.a. politische Vortr\u00e4ge und Workshops zu den Themen Antifaschismus und Antimilitarismus durchgef\u00fchrt werden. Diese dienen der SDAJ dem vertieften Austausch und der Vernetzung regionaler Gruppen und Einzelpersonen. Des Weiteren beteiligte sich die SDAJ am antimilitaristischen \"Rheinmetall Entwaffnen\"-Camp, das vom 03. - 08. September in Kiel stattfand. Dabei waren neben der DKP und SDAJ vor allem auch dogmatische Gruppen aus dem Bundesgebiet, wie z.B. der Kommunistische Aufbau und die Kommunistische Jugend beteiligt. Ausblick SDAJ Die SDAJ wird auch weiterhin das Ziel verfolgen, zur Durchsetzung ihrer verfassungsfeindlichen Ziele spektren\u00fcbergreifend mit diversen B\u00fcndnispartnerinnen und B\u00fcndnispartnern zusammenzuarbeiten. Sie ist deutlich aktionsbezogener und in der \u00d6ffentlichkeit st\u00e4rker wahrnehmbar als die DKP. Dennoch wird sie auch zuk\u00fcnftig keine f\u00fchrende Rolle in der linksextremistischen Szene einnehmen noch ihren Einfluss auf die Mitte der Gesellschaft erh\u00f6hen k\u00f6nnen, nicht zuletzt auf Grund ihrer offen gegen den Staat Israel gerichteten Positionen. 24 Instagram SDAJ Kiel, abgerufen am 04.11.2024. 25 Instagram SDAJ Kiel, abgerufen am 04.11.2024. Seite 146","VII Linksextremistische Bestrebungen 1.2 Undogmatischer Linksextremismus Das undogmatische linksextremistische Spektrum weist eine ausgepr\u00e4gte Heterogenit\u00e4t aus. Sie wird insbesondere in den zahlreichen Aktionsformen, dem Grad der Organisation sowie verschiedenen ideologischen Auspr\u00e4gungen deutlich. Das undogmatische Spektrum reicht von rein aktionistisch ausgerichteten bis \u00fcberwiegend theorielastig dominierten Gruppen und Personen. In Schleswig-Holstein sind aus diesem Spektrum Autonome und Postautonome aktiv. Der undogmatische Linksextremismus zeichnet sich im Wesentlichen durch seine wandlungsf\u00e4hige Ideologie aus. Er wird insbesondere durch die Lehren des Anarchismus, Kommunismus und die Ideen des Marxismus gepr\u00e4gt. Im Gegensatz zum dogmatischen Linksextremismus werden sie jedoch nicht als starre Glaubenss\u00e4tze angesehen, sondern bewusst hinterfragt. Eine Anpassung an die aktuelle politische Situation und die jeweils bestehende Lebenswirklichkeit ist ausdr\u00fccklich m\u00f6glich und gewollt, allerdings ohne in Beliebigkeit zu verfallen. Die undogmatische Szene bet\u00e4tigte sich im Berichtsjahr erneut auf einem gem\u00e4\u00dfigten Niveau, wobei ein deutlicher Unterschied in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmbarkeit zwischen Autonomen und Postautonomen bestand. Es verfestigt sich der Eindruck des Vorjahres, dass sich Postautonome themen\u00fcbergreifend kaum bet\u00e4tigen und eine gewisse Lethargie auch im Berichtsjahr fortbestand. Wie schon in den beiden Vorjahren fiel es der linksextremistischen Szene schwer, sich zu den au\u00dfenpolitisch beherrschenden Themen, dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und dem durch die Terroranschl\u00e4ge der Hamas auf Israel wieder aufgeflammten Nahostkonflikt, zu positionieren. Bedingungslos alten vermeintlichen ideologischen Gewissheiten zu folgen, sich pro-russisch und pro-pal\u00e4stinensisch zu verhalten, konnte angesichts der offensichtlichen Gr\u00e4ueltaten der russischen Armee und der HAMAS keine L\u00f6sung sein. Ebenso wenig entspricht es linksextremistischer Denkweise, sich auf die Seite der Ukraine und Israels als Nationalstaaten zu stellen. In dieser vielschichtigen Gemengelage, in der die unterschiedlichen Grunds\u00e4tze auf eine widerspr\u00fcchliche konkrete Situation trafen, fiel ihnen eine eindeutige Positionierung schwer. Somit waren \u00f6ffentlichkeitswirksame Reaktionen eher schwach ausgepr\u00e4gt. Im permanenten Kernthema, dem Antifaschismus, vereinigte sich wiederum die gesamte undogmatische linksextremistische Szene, wenngleich die Autonomen hier weitaus pr\u00e4senter waren als die Postautonomen. F\u00fcr Linksextremistinnen und Linksextremisten war der Hauptgegner im Berichtsjahr die Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD). Sie mobilisierten zu Gegenveranstaltungen bei nahezu allen relevanten Versammlungen und Auftritten der AfD. Seite 147","VII Linksextremistische Bestrebungen Ausblick Auch im Jahr 2025 wird der linksextremistische Kampf gegen die AfD bestimmend f\u00fcr die Szene bleiben. Mit der Bundestagswahl im Februar und der B\u00fcrgerschaftswahl im benachbarten Hamburg Anfang M\u00e4rz waren bereits fr\u00fch im Jahr Anl\u00e4sse gesetzt, die die undogmatische Szene aufnahm, um sich intensiv gegen den Wahlkampf der AfD zu stellen. Im weiteren Jahresverlauf wird neben dem allt\u00e4glichen Protest gegen die AfD und den Rechtsruck im gesamten Bundesgebiet die Diskussion um ein F\u00fcr und Wider eines AfD-Verbotsverfahrens Anlass f\u00fcr eine weitere Bet\u00e4tigung sein. 1.2.1 Autonome Die autonome Szene kann in ihrer Vielfalt nicht in einem Satz allumfassend definiert werden, sondern l\u00e4sst sich durch die Attribute gewaltorientiert, organisations-feindlich, b\u00fcndnisfeindlich und hierarchiefeindlich beschreiben. Sie stellt die gro\u00dfe Mehrheit im Spektrum des undogmatischen Linksextremismus und beruft sich im Gegensatz zu dogmatischen Linksextremistinnen und Linksextremisten auf keine einheitliche Ideologie. Je nach Individualit\u00e4t und pers\u00f6nlicher Lebenssituation wird aus Fragmenten anarchistischer und kommunistischer Ideen ein eigenes spezifisches Weltbild gebildet. Logo der Antifa Die autonome Weltanschauung ist durch eine grunds\u00e4tzliche Ablehnung von festen Organisationsund B\u00fcndnisformen sowie hierarchischen Strukturen gepr\u00e4gt. Autonome treffen sich in losen, wenig verbindlichen Zusammenschl\u00fcssen, die zumeist sehr unbest\u00e4ndig sind. Das hat zur Folge, dass sich Gruppierungen schnell gr\u00fcnden und aufl\u00f6sen und sich je nach Interessenschwerpunkt neue Gruppen bilden. Dadurch entsteht eine hohe Fluktuation in der personellen Zusammensetzung. Zudem lehnen klassische Autonome B\u00fcndnisse mit szenefremden, insbesondere nichtextremistischen Gruppen und Organisationen grunds\u00e4tzlich ab. Nichtextremistinnen und Nichtextremisten w\u00fcrden lediglich Reformen im System anstreben, w\u00e4hrend Autonome gerade das System \u00fcberwinden wollen. Gesellschaftliche und rechtliche Normen stellen f\u00fcr Autonome keinen verbindlichen Rahmen dar. Zur Erreichung ihrer Ziele setzen sie uneingeschr\u00e4nkt die ihrer Meinung Seite 148","VII Linksextremistische Bestrebungen nach erforderlichen Mittel ein, was auch den Einsatz von Gewalt rechtfertigt. Die Gewaltorientierung geh\u00f6rt zum Selbstverst\u00e4ndnis der autonomen Szene. Ihre Intensit\u00e4t ist immer wieder Gegenstand von internen Debatten. Auch wenn einzelne Autonome die Aus\u00fcbung von Gewalt f\u00fcr sich selbst ablehnen, findet keine grunds\u00e4tzliche Distanzierung von gewaltt\u00e4tigen Aktionen statt. Autonome streben auf Grundlage dieser Merkmale die Verwirklichung eines selbstbestimmten herrschaftsfreien Lebens in Freir\u00e4umen ohne staatlichen Einfluss an. Sie verorten ihre eigene Subkultur au\u00dferhalb der Gesellschaft, deren Normen und Verpflichtungen sie sich grunds\u00e4tzlich verweigern. Dadurch empfinden sie das durch die Polizei ausge\u00fcbte Gewaltmonopol des Staates als Repression, gegen die nach Ansicht der Szene Gegengewalt zul\u00e4ssig und geboten ist. Daraus folgt, dass die autonome Szene die bestehende Verfassungsordnung kategorisch ablehnt. Ihr politisches Handeln ist somit nicht mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung vereinbar. Autonome Szenen finden sich typischerweise in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten. In Schleswig-Holstein liegen die Schwerpunkte unver\u00e4ndert in Kiel und L\u00fcbeck. In beiden St\u00e4dten existieren selbstverwaltete Zentren und Szenetreffpunkte, wie in Kiel die Alte Meierei sowie in L\u00fcbeck die Alternative e.V., kurz Walli genannt. Des Weiteren spielen insbesondere Wohngemeinschaften eine wichtige Rolle bei der Bildung subkultureller Strukturen linksextremistischer Autonomer. Seit mehreren Jahren f\u00e4llt bei einer bundesweiten Betrachtung des linksextremistischen autonomen Spektrums auf, dass es \u00e4u\u00dferst unterschiedliche Entwicklungen der einzelnen Szenen gibt. W\u00e4hrend es in einigen Gro\u00dfst\u00e4dten zunehmend aktive Gruppen gab, die zum Teil mit geplanter roher Gewaltaus\u00fcbung gegen Personen auff\u00e4llig wurden, blieb das Bet\u00e4tigungsniveau in anderen Regionen, so auch in Schleswig-Holstein, weiter auf einem eher gem\u00e4\u00dfigten Niveau. Einer der Gr\u00fcnde liegt darin, dass die Szene entgegen eigener Anspr\u00fcche \u00fcberwiegend anlassbezogen-reaktiv und wenig eigeninitiativ agiert. Das Personenpotenzial nahm jedoch nicht ab. Die Angeh\u00f6rigen der autonomen Szene Schleswig-Holsteins sind weiterhin vorhanden und bei entsprechendem Anlass schnell und zuverl\u00e4ssig mobilisierbar, wie im Berichtsjahr mehrmals im Rahmen von Protesten gegen die AfD deutlich wurde. Insgesamt war die autonome Szene in Schleswig-Holstein nicht in der Lage, eigene Initiativen zu planen und konsequent durchzuf\u00fchren. Eine \u00f6ffentliche Wahrnehmbarkeit ist fast ausschlie\u00dflich im Bereich der Aktivit\u00e4ten gegen die AfD im Rahmen von deren Veranstaltungen gegeben. M\u00f6gliche eigene Themen brachten sie nicht voran. Ein Grund f\u00fcr dieses Unverm\u00f6gen liegt in der Zersplitterung der Szene. Zu viele Einzelthemen und zu viele Erwartungshaltungen an Verhaltensweisen und Lebensstile f\u00fchren zur Entfremdung von Gruppen der Szene untereinander. Seite 149","VII Linksextremistische Bestrebungen Ausblick Wie bereits f\u00fcr das gesamte undogmatische Spektrum prognostiziert, ist damit zu rechnen, dass es im Folgejahr von Autonomen \u00fcberwiegend Aktivit\u00e4ten im Bereich Antifaschismus, insbesondere als Reaktion auf Veranstaltungen der AfD geben wird. Ein weiteres Schwerpunktthema mit dem Potenzial die autonome Szene nachhaltig zu mobilisieren, ist derzeit nicht erkennbar. 1.2.2 Postautonome Logo der Interventionistischen Linken Viele urspr\u00fcnglich aus dem autonomen Spektrum stammende Linksextremistinnen und Linksextremisten sahen in den 1990er Jahren die Notwendigkeit, die Unverbindlichkeit der autonomen Szene zu \u00fcberwinden und eine kontinuierliche Arbeitsweise mit allgemeinpolitischer Ausrichtung aufzubauen, um nachhaltige Ergebnisse zu erreichen. Die Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger dieser Auspr\u00e4gung der linksextremistisch-undogmatischen Szene werden als sogenannte Postautonome bezeichnet. Ihre Arbeitsweise l\u00e4sst sich als organisiert, b\u00fcndnisorientiert und auf Grundlage eines ideologischen Fundaments kontinuierlich arbeitend beschreiben. Als bedeutendste Gruppierung aus diesem Spektrum entwickelte sich die Interventionistische Linke (IL). Der Zusammenschluss zu einer gro\u00dfen und auf Dauer angelegten Organisation, die weiterhin aus lokal gepr\u00e4gten Gruppierungen besteht, soll die \u00f6ffentliche Wahrnehmbarkeit im Vergleich zu einer Kleingruppe deutlich erh\u00f6hen. Zu diesem Zweck forciert die IL auch ausdr\u00fccklich B\u00fcndnisse mit Personen und Organisationen des b\u00fcrgerlichen Spektrums. Um diese B\u00fcndnisf\u00e4higkeit ins demokratische Spektrum grunds\u00e4tzlich zu erhalten, verzichtet die IL trotz grunds\u00e4tzlich bestehender Gewaltorientierung aus taktischer \u00dcberlegung heraus meistens auf die Aus\u00fcbung von Gewalt. Die IL entwickelte sich aus einem zun\u00e4chst losen Netzwerk von \u00fcberwiegend links-extremistischen Gruppen und Einzelpersonen. Auf der Internetseite der bundesweiten Organisation werden aktuell 24 Ortsgruppen26 benannt. Vor einigen Jahren waren es noch \u00fcber 30 Ortsgruppen, so dass ein deutlicher R\u00fcckgang festzustellen ist. In 26 Internetseite Interventionistische Linke, abgerufen am 04.12.2024. Seite 150","VII Linksextremistische Bestrebungen Schleswig-Holstein existieren zwei Ortsgruppen in Kiel und L\u00fcbeck sowie eine kleine, eher unbedeutende in Norderstedt. Am 19. Juni ver\u00f6ffentlichte die IL ihr zweites Grundsatzpapier unter dem Namen \"Gegenmacht aufbauen, Gelegenheiten ergreifen - IL im Umbruch\" als eine Fortschreibung, Aktualisierung und Erg\u00e4nzung des ersten Grundsatzpapiers vom 11. Oktober 2014. Der wenig einpr\u00e4gsame Name verr\u00e4t auf den zweiten Blick einiges \u00fcber die Strategie der IL. In einem langfristig angelegten, kontinuierlich verfolgten Prozess sollen soziale Bewegungen gest\u00e4rkt und dadurch vernetzte Strukturen aufgebaut werden. Diese Gegenmacht soll in krisenhaften Situationen, \"in denen die Macht auf der Stra\u00dfe liegt\"27 zu revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzungen f\u00fchren. Kernelemente der Ideologie bleiben auch in diesem zweiten Grundsatzpapier die hergebrachten Schlagworte der Klassenk\u00e4mpfer: \"Sie wollen Kapitalismus ohne Demokratie - Wir wollen Demokratie ohne Kapitalismus\"28 .Die IL strebt einen revolution\u00e4ren Bruch mit dem Kapitalismus an, also die Abschaffung des Privateigentums. \"Der Nationalstaat und seine Institutionen stehen dieser umfassenden Demokratisierung entgegen. ... Deshalb muss dieser Nationalstaat abgeschafft werden - ebenso wie die Europ\u00e4ische Union\"29, schreibt die IL klar und deutlich. Damit wird deutlich, dass der Demokratiebegriff der Extremistinnen und Extremisten nicht den Anspr\u00fcchen des Grundgesetzes entspricht. Mit welchen konkreten Mitteln die Ziele erreicht werden sollen, ist einerseits noch nicht abschlie\u00dfend beschrieben, andererseits jedoch wird das staatliche Gewaltmonopol ausdr\u00fccklich bestritten und die Aussage \"mit allen notwendigen Mitteln\" vorgegeben30. Das gesamte Papier hinterl\u00e4sst einen unstimmigen Eindruck und erreicht nicht das Niveau des Grundsatzpapiers von 2014 und schon gar nicht das der fr\u00fcheren Grundsatzpapiere von \"Avanti\"31. Die Unbestimmtheit und schlechte Lesbarkeit des Papiers werden nicht dazu f\u00fchren k\u00f6nnen, innerhalb und au\u00dferhalb der Organisation f\u00fcr neue Impulse zu sorgen. Ausblick Das zweite Grundsatzpapier scheint nicht das Potenzial zu haben, die in den letzten Jahren abnehmende Bedeutung der IL stoppen zu k\u00f6nnen. Vielmehr scheint der Trend nach offenbar mehreren Austritten oder Aufl\u00f6sungen von Ortsgruppen weiterhin nach 27 Internetseite Interventionistische Linke, Zwischenstandspapier #2, abgerufen am 04.12.2024. 28 Ebd. 29 Ebd. 30 Ebd. 31 In Schleswig-Holstein wurde schon 1989 die Organisation Avanti - Projekt undogmatische Linke, zun\u00e4chst mit Ortsgruppen in Kiel und L\u00fcbeck, gegr\u00fcndet, die die sp\u00e4tere Ausrichtung der IL verfolgte. Nach Ausbreitung im norddeutschen Raum ging Avanti in der IL auf, um Doppelstrukturen zu vermeiden und Kr\u00e4fte zu b\u00fcndeln. Seite 151","VII Linksextremistische Bestrebungen unten zu zeigen. Auch thematisch deutet sich f\u00fcr die Folgejahre keine Trendwende an. Die gr\u00f6\u00dfte Wertsch\u00e4tzung innerhalb der Szene und Wahrnehmung in der \u00d6ffentlichkeit erreichte die IL in der Vergangenheit mit der federf\u00fchrenden Organisation von Gro\u00dfveranstaltungen, insbesondere gegen verschiedene Gipfeltreffen wie z.B. G8oder EU-Gipfel. Auch diese Rolle nimmt die IL nur noch sehr eingeschr\u00e4nkt wahr. 1.3 Rote Hilfe e. V. (RH) Logo der Roten Hilfe e. V. Die RH ist gem\u00e4\u00df ihrer Satzung eine \"str\u00f6mungs\u00fcbergreifende linke Schutzund Solidarit\u00e4tsorganisation\"32, die als bundesweit organisierter Verein auch in Schleswig-Holstein Ortsgruppen in Kiel und L\u00fcbeck unterh\u00e4lt. Das ma\u00dfgebliche Ziel der RH ist es, Personen beizustehen, die aufgrund ihrer linksgerichteten \"politischen Bet\u00e4tigung verfolgt werden\"33. Dabei liegt ihr Arbeitsschwerpunkt sowohl auf der politischen als auch auf der finanziellen Unterst\u00fctzung von Beschuldigten, Angeklagten und Straft\u00e4terinnen und Straft\u00e4tern aus dem gesamten linksextremistischen Spektrum. Damit bietet sie einen bedeutenden R\u00fcckhalt in der linksextremistischen Szene im Kampf gegen die vermeintliche staatliche Repression. Die RH stellt die Bundesrepublik Deutschland als willk\u00fcrlich handelnden Staat dar, von dem eine politische Verfolgung ausgeht. Sie stellt das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit und der Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte in Frage und erkennt die rechtsstaatliche Ordnung nicht an. Damit einher geht eine fundamentale Kritik an staatlich empfundener Repression, die im linksextremistischen Aktionsfeld Antirepression aufgeht. Antirepression Linksextremistinnen und Linksextremisten lehnen den vermeintlich repressiven Staat und seine Institutionen strikt ab und werten staatliches Handeln nahezu ausnahmslos als Repression. Die Legitimation des Staates f\u00fcr entsprechende Regelungen wird nicht anerkannt. Insbesondere Polizistinnen und Polizisten, die im Rahmen von begangenen 32 Internetseite Rote Hilfe, abgerufen am 18.11.2024. 33 Internetseite Rote Hilfe, abgerufen am 18.11.2024. Seite 152","VII Linksextremistische Bestrebungen Straftaten oder in einem Demonstrationsgeschehen einschreiten, werden als direkte Vertreterinnen und Vertreter dieses \"repressiven Staates\" und somit als legitimes Ziel bei Auseinandersetzungen angesehen. Dabei sehen insbesondere die autonomen Linksextremistinnen und Linksextremisten die eigene ausge\u00fcbte Gewalt als Abwehr der durch Polizistinnen und Polizisten und das System ausge\u00fcbten strukturellen Gewalt. Auch in dieser Haltung kommt die Ablehnung des Staates in seiner Gesamtheit und demzufolge auch der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zum Ausdruck. Die RH verfolgt mit ihrer T\u00e4tigkeit keine eigene Ideologie, sondern leistet Unterst\u00fctzungsarbeit f\u00fcr die gesamte linksextremistische Szene. Daneben versucht die RH durch eine ausgepr\u00e4gte \u00d6ffentlichkeitsarbeit in die Meinungsbildung einzugreifen und den demokratischen Rechtsstaat als ihrer Ansicht nach repressiv darzustellen und somit zu delegitimieren. Daf\u00fcr unterh\u00e4lt die RH unter anderem einen Literaturvertrieb mit Sitz in Kiel, \u00fcber den sie viertelj\u00e4hrlich die \"Rote Hilfe Zeitung\" herausgibt. Die Aktivit\u00e4ten der RH werden durch Spenden, Mitgliedsbeitr\u00e4ge sowie weitere Einnahmen, die etwa durch Solidarit\u00e4tsveranstaltungen generiert werden, finanziert.34 Im Berichtsjahr unterst\u00fctzte die RH in Schleswig-Holstein entsprechend ihrer Ziele betroffene Einzelpersonen und Gruppen im Rahmen der Rechtshilfe sowie bei der Durchsetzung ihrer politischen Ziele. Den Aktivistinnen und Aktivsten wird dadurch ein Gef\u00fchl von Sicherheit vermittelt, das sie dazu bewegen kann, weiter im Sinne der eigenen Ideologie aktiv zu werden Die RH setzte ferner ihre alle linksextremistischen Spektren \u00fcbergreifende Kampagnenarbeit unter dem Aspekt der Antirepression fort. Die RH feierte im Berichtsjahr ihr 100j\u00e4hriges Bestehen. Entsprechend war das Veranstaltungsgeschehen in Schleswig-Holstein wie im Bundesgebiet gepr\u00e4gt von derartigen Themenveranstaltungen, wie etwa eine Filmvorf\u00fchrung mit dem Titel \"Solidarit\u00e4t verbindet - 100 Jahre Rote Hilfe\" am 19. Oktober in Kiel.35 Wie schon in den Vorjahren richteten sich die Aktivit\u00e4ten der RH in Schleswig-Holstein dar\u00fcber hinaus gegen die Polizei und Gefangeneneinrichtungen als aus linksextremistischer Sicht Repr\u00e4sentanten des repressiven Staates. Deutlich wurde hierbei erneut die enge Zusammenarbeit mit der linksextremistischen Gruppierung \"Turboklima-kampfgruppe Kiel\" (TKKG). So mobilisierten beide Gruppierungen f\u00fcr eine gemeinsame Informationsveranstaltung zum \"Tag der politischen Gefangenen\" am 18. M\u00e4rz. Neben der Forderung, politische Aktivistinnen und Aktivisten aus der Haft zu entlassen, wurde auch der Fokus darauf gelegt, Gef\u00e4ngnisse und insbesondere die Abschiebehafteinrichtung in Gl\u00fcckstadt zu schlie\u00dfen.36 Bereits am 15. M\u00e4rz bewarben die RH und die TKKG eine Demonstration in Kiel zum \"Internationalen Tag gegen Polizeigewalt\". Neben dem Vorwurf an die Polizei, sich 34 Internetseite Rote Hilfe, abgerufen am 18.11.2024. 35 Internetseite Rote Hilfe, abgerufen am 19.11.2024. 36 Internetseite Rote Hilfe Kiel, abgerufen am 19.11.2024. Seite 153","VII Linksextremistische Bestrebungen gewaltt\u00e4tig und rassistisch zu verhalten, wurde die Forderung propagiert, diese gleich ganz abzuschaffen.37 Ausblick Die pauschal vorgetragene Fundamentalkritik sowohl am Justizsystem als auch an der Polizei ist geeignet, das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in diese Institutionen zu untergraben. Auf diese Weise wird das verfassungsrechtliche Gewaltmonopol des Staates infrage gestellt. Der RH geht es neben der Unterst\u00fctzung von Aktivistinnen und Aktivisten zusammenfassend darum, den Rechtsstaat zu boykottieren und ihn mit seinen Institutionen letztlich abzuschaffen. Es ist davon auszugehen, dass die RH zuk\u00fcnftig sowohl durch ihre vereinende Arbeit im Bereich der Antirepression als auch durch ihre herausgehobene Bedeutung im Bereich der Aktivistenbetreuung eine relevante Rolle im linksextremistischen Spektrum spielen wird. 2 Linksextremistische Schwerpunkte 2.1 Antifaschismus und Antirassismus Die Aktionsfelder Antifaschismus und Antirassismus blieben auch im Berichtsjahr der Schwerpunkt linksextremistischer Agitation. Vor allem undogmatisch verortete Szeneangeh\u00f6rige sehen beide Themen als pr\u00e4gend f\u00fcr ihr Selbstverst\u00e4ndnis an. Antifaschismus Die Bek\u00e4mpfung des Rechtsextremismus ist eines der wichtigsten linksextremistischen politischen Ziele. Im Unterschied zum b\u00fcrgerlich gepr\u00e4gten Antifaschismusverst\u00e4ndnis sind die Feindbilder der Linksextremistinnen und Linksextremisten hierbei jedoch nicht nur rechtsextremistische Strukturen, sondern gerade auch der bestehende Staat selbst. Linksextremistinnen und Linksextremisten bewerten den Rechtsextremismus als ein systemimmanentes Merkmal der deutschen Gesellschaftsordnung. Dabei unterstellen sie dem politischen System, den Rechtsextremismus durch aus ihrer Sicht rassistische und faschistische Gesetzgebung bewusst zu f\u00f6rdern. Insbesondere die undogmatischen Linksextremistinnen und Linksextremisten sehen den Einsatz von Gewalt als legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung im antifaschistischen Kampf und erkennen das staatliche Gewaltmonopol nicht an. Sie suchen allerdings auch bewusst die N\u00e4he zum b\u00fcrgerlichen Spektrum, um \u00fcber das Zugpferd Antifaschismus linke Politikinhalte in die Gesellschaft zu tragen. Der revoluti37 Internetseite Rote Hilfe Kiel sowie Internetseite TKKG, abgerufen am 19.11.2024. Seite 154","VII Linksextremistische Bestrebungen on\u00e4re Antifaschismus richtet sich prim\u00e4r gegen das als rein kapitalistisch empfundene System in Deutschland selbst. Er verfolgt das Ziel, die gesellschaftlichen Strukturen zu zerschlagen, die linksextremistischer Auffassung nach zwangsl\u00e4ufig Faschismus und Rassismus hervorbringen. Diese grunds\u00e4tzliche Ablehnung des bestehenden Staatsgef\u00fcges bedeutet gleichzeitig auch eine Ablehnung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Zwischen dem linksextremistischen Verst\u00e4ndnis von Antifaschismus und Antirassismus gibt es eine gro\u00dfe Schnittmenge, so dass eine klare Trennung nicht m\u00f6glich ist. Antirassismus Das Themenfeld Antirassismus ist zunehmend mit dem Antifaschismus verkn\u00fcpft und kann im Rahmen von linksextremistischen Aktivit\u00e4ten kaum mehr isoliert dargestellt werden. Das linksextremistische Verst\u00e4ndnis von Rassismus st\u00fctzt sich auf die \u00dcberzeugung, dass der Staat in seiner Gesamtheit faschistisch und rassistisch sei. Dies zeigt sich in den Augen von Linksextremistinnen und Linksextremisten unter anderem in der Asylgesetzgebung wie auch in ausl\u00e4nderrechtlichen Regelungen. Als Ursache f\u00fcr den Rassismus wird die von Klassengegens\u00e4tzen, Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung gepr\u00e4gte kapitalistische Gesellschaft gesehen. Das als rassistisch angesehene System k\u00f6nne nur durch eine neue, solidarische Gesellschaftsordnung nach kommunistischem Vorbild \u00fcberwunden werden. Damit wird die freiheitliche demokratische Grundordnung abgelehnt. 2.1.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Die Bek\u00e4mpfung der von der linksextremistischen Szene als rechtsextrem deklarierte AfD stand weiterhin spektren\u00fcbergeifend im Fokus der Szene. Die Partei war im gesamten Berichtsjahr das Hauptziel linksextremistischer Proteste. Zu Beginn des Jahres waren die Proteste motiviert durch die Enth\u00fcllungen der Medien zu einem \"Geheimtreffen\" der AfD und anderer Teilnehmender im November 2023 in Potsdam, das unter anderem die R\u00fcckf\u00fchrung von nicht assimilierten Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern aus Deutschland zum Thema hatte. Hierzu fanden am 16. und 22. Februar in Kiel unter dem Motto \"Antifa in die Offensive\" Demonstrationen mit teilweise mehreren Hundert Teilnehmenden aus Szenekreisen und dem b\u00fcrgerlichen Spektrum statt.38 Auch in L\u00fcbeck mobilisierten linksextremistische Gruppen f\u00fcr eine Teilnahme an den b\u00fcrgerlichen Protesten als Reaktion auf die Ver\u00f6ffentlichung des klandestinen Treffens in Potsdam. Im Verlauf des Berichtsjahres protestierte insbesondere das autonome Spektrum best\u00e4ndig gegen Veranstaltungen und Infost\u00e4nde der AfD. Nach der Europawahl im Juni 38 Internetseite Antifa Kiel, abgerufen am 25.11.2024. Seite 155","VII Linksextremistische Bestrebungen flachte das Aktionsniveau nicht ab, sondern verst\u00e4rkte sich noch nach den Wahlergebnissen der AfD bei den Landtagswahlen in Th\u00fcringen und Sachsen. Dabei schreckten Linksextremistinnen und Linksextremisten auch nicht vor der Begehung von Strafund Gewaltdelikten wie Sachbesch\u00e4digungen, Beleidigungen, Brandstiftungen und K\u00f6rperverletzungen zur\u00fcck. Am 17. Februar kam es beispielhaft an einem AfD-Infostand in der Innenstadt von Bad Oldesloe zu einer K\u00f6rperverletzung in der Auseinandersetzung mit den Standbetreibern. Gleicherma\u00dfen bedrohlich wirken Outings der linksextremistischen Szene. So wurde Anfang Juni ein Mitglied der Jugendorganisation der AfD, die Junge Alternative (JA), in seiner Nachbarschaft in Bad Oldesloe mittels Flugbl\u00e4ttern und Plakaten geoutet. Ein weiteres JA-Mitglied wurde bereits im M\u00e4rz online geoutet und als Teilnehmer des \"Tag der Ehre\" in Budapest benannt, was darin m\u00fcndete, dass der PKW der geouteten Person im Berichtsjahr angez\u00fcndet wurde und komplett ausbrannte. Outing Bei Outing-Aktionen werden private Daten von politischen Gegnerinnen und Gegnern gesammelt und anschlie\u00dfend gezielt ver\u00f6ffentlicht. Die Ver\u00f6ffentlichung erfolgt entweder im digitalen Raum \u00fcber soziale Plattformen und bekannte Webseiten oder in analoger Form durch Aufkleber im \u00f6ffentlichen Raum oder das Verteilen von Flyern im Umfeld der geouteten Personen. Durch diese Outing-Aktionen wird auf der einen Seite versucht, Druck \u00fcber das soziale Umfeld wie Nachbarschaft oder Arbeitsumgebung auf die betreffenden Personen aufzubauen. Auf der anderen Seite dienen die Ver\u00f6ffentlichungen auch dazu, andere Linksextremistinnen und Linksextremisten zu animieren, gegen diese Personen aktiv zu werden. Am 27. April veranstaltete die JA in Schleswig (Kreis Schleswig-Flensburg) den \"Ball der Patrioten\", der zun\u00e4chst in Nordhastedt (Kreis Dithmarschen) geplant war. Im Vorfeld der geplanten Veranstaltung riefen linksextremistische Gruppierungen der autonomen Szene wie die Autonome Antifa-Koordination Kiel (AAKK) und die Antifa Pinneberg intensiv zu Protesten dagegen auf.39 Daraufhin wurde der \"Ball der Patrioten\" kurzfristig nach Schleswig verlegt. Autonome protestierten sowohl in Schleswig, als auch in Nordhastedt mit jeweils ca. 50 Szeneangeh\u00f6rigen. In Schleswig kam es dabei zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen Besucherinnen und Besuchern der Veranstaltung und den Angeh\u00f6rigen der autonomen Szene sowie einer K\u00f6rperverletzung und Hausfriedensbruch. Weitere Auseinandersetzungen konnten durch Polizeikr\u00e4fte verhindert werden. Dieses intensive Mobilisierungsund Aktionsgeschehen zeigt, dass die linke Szene ihre Proteste sehr flexibel umsetzen kann. Die Antifa Kiel und die Antifa Neum\u00fcnster unterst\u00fctzten Proteste zum \"Tag des Vorfelds\" der AfD am 20. Juli in Neum\u00fcnster. Diese Veranstaltung sollte der Vernetzung der Par39 X-Seite Antifa Kiel, abgerufen am 25.11.2024. Seite 156","VII Linksextremistische Bestrebungen tei mit Personen und Organisationen aus dem vorpolitischen Raum dienen, die sich im Vorfeld der eigentlichen Partei AfD bet\u00e4tigen, ohne dass sie der parteipolitischen oder parlamentarischen Ebene angeh\u00f6ren (s. hierzu auch III 5.1). W\u00e4hrend der Antifa-Proteste kam es zu Ausschreitungen mit der Polizei, als Demonstrationsteilnehmende versuchten, Polizeiabsperrungen zu \u00fcberwinden. Bei der Vortragsveranstaltung der AfD-Politikerin Doris Sayn-Wittgenstein am 18. Oktober in M\u00fchbrook (Kreis Rendsburg-Eckernf\u00f6rde) wandte sich die Antifa Neum\u00fcnster direkt an den Betreiber des Veranstaltungslokals mit der Forderung, die AfD auszuladen, ansonsten werde mit \"organisiertem Protest\" gedroht.40 Diese Einflussnahme ist geeignet, ein Bedrohungsgef\u00fchl bei Betroffenen zu erzeugen, das dazu bewegen kann, auf die Forderungen der Antifa einzugehen. Am 19. Oktober trat ein ehemaliges Mitglied des Landesverbandes der AfD in Schleswig-Holstein auf einer Vortrags-Veranstaltung in Nordhastedt (Kreis Dithmarschen) auf. Die linksextremistische Szene bewarb eine Gegenversammlung mit dem Tenor: \"Es gibt kein ruhiges Hinterland!\". Ziel war es, die AfD-Veranstaltung zu st\u00f6ren und den \"rechten\" Treffpunkt dichtzumachen.41 Ca. 100 Angeh\u00f6rige der autonomen Szene nahmen daran teil. Auseinandersetzungen erfolgten auf der verbalen Ebene. Gegen den AfD-Landesparteitag am 2. und 3. November fanden Kundgebungen und Demonstrationen statt, an denen auch Linksextremistinnen und Linksextremisten, insbesondere des autonomen Spektrums, aus allen Landesteilen sowie Hamburg beteiligt waren. Zun\u00e4chst gab es eine nur kurz andauernde Blockade der Zufahrt zum Veranstaltungsort. Aus einem von Linksextremistinnen und Linksextremisten dominierten Aufzug von ca. 350 Personen heraus versuchten mehrfach kleinere Gruppen, die Polizeiabsperrungen zu umgehen oder zu durchbrechen, um an den Veranstaltungsort der AfD heranzukommen. Gegen 30 Personen wurden Strafanzeigen wegen Landfriedensbruch bzw. t\u00e4tlichen Angriffs auf Polizeikr\u00e4fte gefertigt. \u00dcber diese zumeist regionalen Proteste hinaus entfaltete die linksextremistische Szene in Schleswig-Holstein jedoch bei entsprechenden Anl\u00e4ssen auch \u00fcberregionale Aktivit\u00e4ten. So fand eine breite Mobilisierung unter anderem von linksextremistischen Gruppen wie La Rage42 und der Basis Antifa L\u00fcbeck f\u00fcr Proteste gegen den 15. Bundesparteitag der AfD vom 28. bis 30. Juni in Essen statt. Die Mobilisierung erfolgte \u00fcberwiegend im virtuellen Raum, allerdings auch in Form von realweltlichen Informationsveranstaltungen. F\u00fcr die gemeinsame Anreise wurde ein Reisebus organisiert. Im Kieler Raum war f\u00fcr das Bewerben von entsprechenden Protesten insbesondere die IL Kiel aktiv.43 40 Internetseite Antifa Neum\u00fcnster, abgerufen am 25.11.2024. 41 X-Seite Antifa Kiel, abgerufen am 02.12.2024. 42 La Rage ist eine linksextremistische Jugendgruppe aus dem Raum L\u00fcbeck, die ihren Fokus auf das Themenfeld Antifaschismus legt. 43 Instagram-Seite der IL Kiel, abgerufen am 25.11.2024. Seite 157","VII Linksextremistische Bestrebungen Im Berichtsjahr veranstaltete die Antifa Kiel vom 10.-12. Mai ihr j\u00e4hrlich stattfindendes \"Antifa Wochenende\". Das angestrebte Ziel der Veranstaltungsreihe war es, den \"Rechtsruck in Europa\" anzuprangern und sich diesem \"organisiert und k\u00e4mpferisch\" entgegenzustellen. Daf\u00fcr warb die Antifa Kiel mit ideologischen Vortr\u00e4gen und praxisorientierten Aktionstrainings.44 Damit wurde erneut deutlich, dass die Szene den Kampf gegen Rechtsextremismus als Hauptmotivation ihres Handelns versteht und sie bem\u00fcht ist, ihre Aktionen weiter zu professionalisieren. 2.1.2 Ausblick Zusammenfassend best\u00e4tigt sich im Berichtsjahr erneut, dass die Aktionsfelder Antifaschismus und Antirassismus die Kernelemente linksextremistischer Ideologie und daraus folgender Bet\u00e4tigung sind. Beide Themenfelder sind wesentlich f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis von Linksextremistinnen und Linksextremisten und werden mutma\u00dflich auch in Zukunft schwerpunktm\u00e4\u00dfig den Grund f\u00fcr linksextremistisches Handeln liefern. Dabei wird die linksextremistische Szene weiterhin \u00fcber das gesellschaftlich anerkannte Vorgehen gegen Rechtsextremismus den Anschluss an die gesellschaftlich-demokratische Mitte mit dem Ziel suchen, die eigene extremistische Ideologie verbreiten zu k\u00f6nnen. Im Berichtsjahr konnte jedoch wiederholt entgegen dieser linksextremistischen Zielsetzung weder eine erfolgreiche Beeinflussung des b\u00fcrgerlichen Spektrums noch ein gr\u00f6\u00dferer Zugewinn von Personen f\u00fcr die eigene politische Arbeit festgestellt werden. Bisher liegen keine Anhaltspunkte daf\u00fcr vor, dass die linksextremistische Szene zuk\u00fcnftig in der Lage sein wird, eine \u00fcber das bisherige Ma\u00df an Zusammenwirken mit dem b\u00fcrgerlichen Spektrum im Rahmen von gemeinsamen Mobilisierungen und Teilnahmen an Protesten eine wirkungsvolle Zusammenarbeit und dar\u00fcber lenkende Beeinflussung erreichen zu k\u00f6nnen. Dessen ungeachtet hat insbesondere die autonome Szene grunds\u00e4tzlich das Potenzial, \u00fcber die Basisthemenfelder Antifaschismus und Antirassismus zumindest kurzfristig neue Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger gewinnen zu k\u00f6nnen. 2.2 Beteiligung im Rahmen der Klimabewegung Der Themenkomplex Klimawandel verlor im Berichtsjahr erstmals seit Jahren in der \u00f6ffentlichen Diskussion an Stellenwert. Stattdessen dominierte eine Vielzahl weiterer innenund au\u00dfenpolitischer Krisen wie die deutsche Regierungskrise, der aktuelle Nahostkonflikt und der anhaltende Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine den \u00f6ffentlichen Diskurs. Wie in den Vorjahren entfaltet der gro\u00dfe Teil der Klimabewegung in Schleswig-Holstein weiterhin keine verfassungsschutzrechtliche Relevanz. Der Einsatz f\u00fcr einen verbesserten Klimaschutz stand \u00fcberwiegend in Einklang mit dem Kernbereich des Grundgesetzes. 44 Internetseite Antifa Kiel, abgerufen am 22.11.2024 Seite 158","VII Linksextremistische Bestrebungen 2.2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten In Schleswig-Holstein war die LNG-Anlandung in Brunsb\u00fcttel der Kristallisationspunkt f\u00fcr Proteste. An diesen Protesten beteiligte sich die linksextremistisch beeinflusste Organisation \"Ende Gel\u00e4nde\"45. Bei einer Blockade der Hafenzufahrt im M\u00e4rz mit ca. 30 Personen und einer Besetzung der Baustelle des LNG-Terminals im September mit ca. 40 Personen wurde der sofortige Ausstieg aus allen fossilen Energien gefordert. Eine Verkn\u00fcpfung mit extremistischen Forderungen wurde bei diesen beiden Aktionen nicht festgestellt. Es blieb bei der Erf\u00fcllung von kleineren ordnungsund strafrechtlichen Tatbest\u00e4nden. Die \"TurboKlimaKampfGruppe Kiel\" (TKKG) war im Berichtsjahr zwar auch in den linksextremistischen Aktionsfeldern Antifaschismus/Antirassismus und Antirepression, aber gleicherma\u00dfen auch in ihrem namensgebenden, urspr\u00fcnglichen Bereich von Klimaund Umweltprotesten aktiv. Genau wie in den Bereichen Antifaschismus/Antirassismus und Antirepression sucht die TKKG auch bei Klimaprotesten den Kontakt zu anderen linksextremistischen Gruppierungen. Dieses Bestreben wurde erneut im Rahmen des Klimastreiks am 1. M\u00e4rz in Kiel bei dem zusammen mit der Antifa Kiel beworbenen \"Antikapitalistischen Block\" unter dem Motto \"Klimakampf ist Klassenkampf\" deutlich.46 Die Vernetzung der TKKG mit anderen Gruppierungen des linksextremistischen Spektrums zeigt, dass die Gruppe deren Aktivit\u00e4ten bzw. Gedankengut unterst\u00fctzt. Die TKKG wirbt mit ihren ideologischen Zielen und Aktionen auch im Rahmen von \u00f6ffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen. W\u00e4hrend der diesj\u00e4hrig durchgef\u00fchrten \"Veranstaltungsreihe im Herbst\" wurde nicht nur ein Workshop f\u00fcr \"kreative Aktionsformen\" angeboten, sondern auch ein Kennenlernabend f\u00fcr den offenen Austausch mit der Frage \"Warum aktiv werden?\".47 Im Unterschied zu anderen Klimaschutzgruppen bel\u00e4sst es die TKKG nicht dabei, f\u00fcr Umweltund Klimathemen zu protestieren. Sie h\u00e4lt es im Sinne des Klimaschutzes weiterhin f\u00fcr notwendig, das \"b\u00fcrgerlich-kapitalistische System\" zu \u00fcberwinden. In diesem Zusammenhang wird dazu aufgerufen, Gesetze zu brechen, wo diese den eigenen Zielen im Weg stehen.48 45 Bekannt ist eine starke Mitarbeit der IL bei \"Ende Gel\u00e4nde\", in Schleswig-Holstein lagen im Berichtsjahr keine Erkenntnisse vor, dass die hier vorhandenen Ortsgruppen eine nennenswerte Rolle im Zusammenhang mit der Klimabewegung und speziell mit \"Ende Gel\u00e4nde\" spielten. 46 Instagram-Seite TKKG, abgerufen am 19.11.2024. 47 Instagram-Seite TKKG, abgerufen am: 19.11.2024. 48 Internetseite TKKG, abgerufen am: 19.11.2024. Seite 159","VII Linksextremistische Bestrebungen 2.2.2 Ausblick In den n\u00e4chsten Jahren d\u00fcrfte das Thema menschengemachter Klimawandel zunehmend zwischen zwei Polen stehen. Auf der einen Seite wird das Handlungserfordernis mit zunehmenden Klimaver\u00e4nderungen dringender. Auf der anderen Seite ist absehbar, dass die weltweiten Krisen mit erheblichen \u00f6konomischen Auswirkungen die Aufmerksamkeit in Politik und Gesellschaft stark auf sich ziehen werden. Daher ist zuk\u00fcnftig mit weniger, aber intensiveren Protesten auch der linksextremistischen Szene in diesem Themenzusammenhang zu rechnen. Es ist aber auch weiterhin nicht zu erwarten, dass das linksextremistische Spektrum einen bestimmenden Einfluss auf die Klimabewegung einnehmen kann. Es ist damit zu rechnen, dass sich die TKKG als mittlerweile etablierter Akteur in der linksextremistischen Szene auch weiterhin in ihrem urspr\u00fcnglichen Kernbereich der Klimabewegung bet\u00e4tigen und Protestaktionen aktiv gestalten wird. 2.3 Antimilitarismus - \"Rheinmetall Entwaffnen\"-Camp in Kiel Das linksextremistisch beeinflusste, antimilitaristische B\u00fcndnis \"Rheinmetall Entwaffnen\" (RME) organisierte vom 3. bis 8. September Aktionstage einschlie\u00dflich eines Protestcamps im Werftpark im Kieler Stadtteil Gaarden. Der Standort Kiel stellte f\u00fcr die Organisatoren von RME einen symboltr\u00e4chtigen Ort dar. Kiel beherbergt diverse R\u00fcstungsund Zuliefererbetriebe sowie mehrere Bundeswehrstandorte. Seit Jahren thematisieren antimilitaristische Gruppen im Rahmen \"antimilitaristischer Stadtrundfahrten\" und entsprechender Publikationen im Internet Orte in Kiel, die historisch oder aktuell besondere Bedeutung im R\u00fcstungskontext aufweisen. Antimilitarismus Antimilitarismus ist klassisches Aktionsfeld der linksextremistischen Szene. Aus linksextremistischer Sicht dient die Bundeswehr als staatliches Instrument ausschlie\u00dflich der Durchsetzung imperialistischer Politik mit dem Ziel, den von Linksextremistinnen und Linksextremisten verhassten Kapitalismus auszuweiten und zu stabilisieren. Statt dem blo\u00dfen Eintreten f\u00fcr Frieden und dem Abschaffen des Milit\u00e4rs geht es linksextremistischen Personen und Gruppierungen dementsprechend vielmehr um die Beseitigung der zugrundeliegenden parlamentarischen Demokratie inklusive der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Bundesweite Mobilisierungen f\u00fcr das Kieler Camp fanden bereits fr\u00fchzeitig im Jahr sowohl virtuell als auch in Form von realweltlichen Infoveranstaltungen \u00fcber ein breites linksextremistisches Spektrum statt. In Schleswig-Holstein fand insbesondere in Kiel und Seite 160","VII Linksextremistische Bestrebungen L\u00fcbeck eine von linksextremistischer Seite intensive Mobilisierung statt. In L\u00fcbeck wurde zudem im Vorfeld ein Aktionstraining angeboten. Das Ziel von RME war es einerseits die antimilitaristische Szene weiter zu vernetzen und \u00fcber antimilitaristische Themen zu informieren sowie andererseits \u00fcber ein m\u00f6glichst gro\u00dfes Protestgeschehen die Haltung gegen Waffenexporte, Aufr\u00fcstung und Krieg in die \u00f6ffentliche Wahrnehmung zu bringen. Hierzu organisierten die Ausrichter des Camps zahlreiche Veranstaltungen und Workshops. Dar\u00fcber hinaus wurden nicht nur mehrere Demonstrationen, sondern auch \"direkte Aktionen\" geplant, die sich gegen R\u00fcstungsunternehmen und Bundeswehrliegenschaften in Kiel und Umgebung richteten. Dabei kam es mehrfach zu gewaltt\u00e4tigen Konfrontationen mit der Polizei. Am Camp nahmen bis zu 350 Personen teil. Zudem wurde das Veranstaltungsgel\u00e4nde auch von interessierten Personen aus Kiel und dem Umland besucht. An der Abschlussdemonstration am 7. September nahmen bis zu 1 000 Personen teil. Auff\u00e4llig war die starke Einbindung extremistischer Organisationen in das Protestgeschehen. Besonders deutlich war die Beteiligung linksextremistischer Gruppierungen. In diesem Spektrum waren vor allem dogmatische Linksextremistinnen und Linksextremisten vertreten, u.a. die DKP, die SDAJ sowie der Kommunistische Aufbau und die Kommunistische Jugend. Im Rahmen der Aktionswoche protestierten neben linksextremistischen Gruppierungen zudem auch PKK-nahe Kr\u00e4fte, t\u00fcrkische Linksextremistinnen und Linksextremisten und pro-pal\u00e4stinensisch eingestellte Personen Das RME-Protestcamp stellte die hierzulande bislang gr\u00f6\u00dfte antimilitaristische Protestaktion dar. Das B\u00fcndnis verband gezielt tagesaktuelle Nachrichten mit den eigenen antimilitaristischen \u00dcberzeugungen und konnte so teils mehrere hundert Personen zu Protesten mobilisieren, die bisweilen unfriedlich verliefen. 3 Mitgliederentwicklung der linksextremistischen Organisationen und Gruppierungen Mitgliederentwicklung der linksextremistischen Organisationen und Gruppierungen in Schleswig-Holstein 2020-2024 2020 2021 2022 2023 2024 Marxisten-Leninisten und sonstige 405 410 410 430 430 revolution\u00e4re Marxisten (dogmatischer Linksextremismus) Autonome, Postautonome und 325 325 325 315 315 sonstige undogmatische Linksextremisten Gesamt Land 730 735 735 745 745 Davon gewaltorientiert 340 340 340 340 340 Seite 161","Seite 162","VIII Extremismus mit Auslandsbezug Seite 163","Seite 164","VIII Extremismus mit Auslandsbezug 1 Organisationen 1.1 Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) Mitgliederst\u00e4rkstes und aktivstes Beobachtungsobjekt im Bereich des Extremismus mit Auslandsbezug in Schleswig-Holstein ist die \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) mit ihren Teilund Nebenorganisationen. Logo der PKK Die Arbeiterpartei Kurdistans (Partiya Karkeren Kurdistane - PKK) wurde 1978 gegr\u00fcndet. Urspr\u00fcnglich k\u00e4mpfte sie f\u00fcr einen eigenen Kurdenstaat in den traditionellen kurdischen Siedlungsgebieten, die innerhalb der Staatsgebiete der T\u00fcrkei, Syriens, des Irak und des Iran liegen. Inzwischen setzt sich die PKK f\u00fcr eine unter dem Begriff \"Demokratischer Konf\u00f6deralismus\" propagierte Selbstverwaltung der Kurdinnen und Kurden unter Vorherrschaft der PKK ein. In den traditionellen kurdischen Siedlungsgebieten unterh\u00e4lt die PKK eine mehrere tausend Personen starke Guerillatruppe, die sogenannten Volksverteidigungskr\u00e4fte (Hezen Parastina Gel - HPG) und eine terroristisch agierende Splittergruppe, die Freiheitsfalken Kurdistans (Teyrebazen Azadiya Kurdistan - TAK). Die syrische Zweigorganisation der PKK, die Partei der Demokratischen Union (Partiya Yekitiya Demokrat - PYD) unterh\u00e4lt ebenfalls eine k\u00e4mpfende Truppe, die Volksverteidigungseinheiten (Yekineyen Parastina Gel - YPG). Die HPG liefern sich seit 1984 mit Unterbrechungen milit\u00e4rische Gefechte mit den t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4ften, HPG und TAK ver\u00fcben in der T\u00fcrkei Anschl\u00e4ge auf Staatsbedienstete und Zivilisten. Zuletzt bekannte sich eine Sondereinheit der PKK-Guerilla HPG zu einem Terroranschlag auf ein staatliches Flugzeugbauund R\u00fcstungsunternehmen am 23. Oktober des Berichtsjahres in Ankara/TR, bei dem mehrere Zivilpersonen get\u00f6tet bzw. verletzt wurden. Seite 165","VIII Extremismus mit Auslandsbezug Die Europaf\u00fchrung der PKK tritt unter der Organisationsbezeichnung Demokratischer Gesellschaftskongress der Kurd*innen in Europa (Kongreya Civaken Demokratik a Kurdistaniyen Li Ewropa - KCDK-E) auf. Der PKK-Gr\u00fcnder, Abdullah \u00d6calan, verb\u00fc\u00dft in der T\u00fcrkei seit 1999 eine lebenslange Haftstrafe. Trotzdem bleibt er die wichtigste Identifikationsfigur der Partei und steht im Zentrum eines ausgepr\u00e4gten Personenkults. In der T\u00fcrkei hat sich die PKK seit 2016 mit anderen linksextremistischen Parteien - unter anderem der Marxistischen Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) - zu einem B\u00fcndnis namens Vereinte Revolution\u00e4re Bewegung der V\u00f6lker (Halklarin Birlesik Devrim Hareketi (HBDH)) zusammengeschlossen. Die \"Stadtguerilla\" der HBDH ver\u00fcbt in der T\u00fcrkei regelm\u00e4\u00dfig Anschl\u00e4ge, zum Teil auch mit Todesopfern. 1.1.1 Aktuelle Entwicklungen Mit Verbotsverf\u00fcgung nach dem Vereinsgesetz vom 22. November 1993 untersagte das Bundesministerium des Innern (BMI) die Bet\u00e4tigung der PKK sowie ihrer Teilund Nebenorganisationen in Deutschland. Seit 2002 steht die PKK auf der EU-Liste der terroristischen Organisationen. Am 11. Mai 2022 beantragten deutsche Anw\u00e4lte im Namen der PKK-F\u00fchrung beim BMI f\u00f6rmlich die Aufhebung des PKK-Bet\u00e4tigungsverbots. Gegen die Ablehnung dieses Antrages ist eine Klage anh\u00e4ngig. Deutsche Strafgerichte haben in st\u00e4ndiger Rechtsprechung entschieden, dass die PKK eine ausl\u00e4ndische terroristische Vereinigung darstellt und sich in ihrem bewaffneten Kampf nicht auf v\u00f6lkerrechtliche Rechtfertigungsgr\u00fcnde berufen kann. Ermittlungen werden gegen Funktion\u00e4re der PKK wegen der Bildung terroristischer Vereinigungen (SSSS 129 a, b StGB) gef\u00fchrt. Ungeachtet des vereinsrechtlichen Bet\u00e4tigungsverbots und der Strafverfolgung hat es die PKK immer wieder verstanden, in Deutschland ihre T\u00e4tigkeit heimlich und in Form von Ersatzund Tarnorganisationen fortzusetzen. Deutschland hat f\u00fcr die PKK insbesondere eine Bedeutung als R\u00fcckzugsraum und Spendengeldquelle. In Deutschland verf\u00fcgt die PKK \u00fcber einen konspirativ und illegal operierenden, hierarchisch strukturierten Funktion\u00e4rsapparat. Nach einem parteiinternen System ist die gesamte Fl\u00e4che der Bundesrepublik aufgeteilt in Gebiete, denen in der Regel jeweils ein Kader als Gebietsverantwortlicher zugeteilt wird. Der gr\u00f6\u00dfte Teil Schleswig-Holsteins bildet zusammen mit Mecklenburg-Vorpommern das Gebiet Kiel. Der s\u00fcdliche Landesteil Schleswig-Holsteins rund um Pinneberg und Elmshorn wird dem PKK-Gebiet Hamburg zugerechnet. Zu den typischen Aufgaben der Gebietsverantwortlichen z\u00e4hlen zum Beispiel die Organisation des Verkaufs von Publikationen und Eintrittskarten f\u00fcr Propagandaveranstaltungen, die Spendensammlung und die Mobilisierung von Teilnehmerinnen und Teilnehmern f\u00fcr parteibezogene Veranstaltungen. Um die Verfolgung durch Seite 166","VIII Extremismus mit Auslandsbezug Sicherheitsbeh\u00f6rden zu erschweren, wechseln diese Kader meist j\u00e4hrlich das Zust\u00e4ndigkeitsgebiet. Insgesamt werden in Deutschland rund 15 000 Personen - davon 700 in SchleswigHolstein - zum festen Anh\u00e4ngerstamm der PKK gez\u00e4hlt. Dieser ist in Deutschland nahezu fl\u00e4chendeckend in Vereinen organisiert. Als Dachorganisationen \u00fcber die lokalen Vereine fungieren der bundesweite Dachverband Konf\u00f6deration der Gemeinschaften Mesopotamiens in Deutschland (KON-MED) und f\u00fcnf regionale F\u00f6derationen. Die PKK-Basisvereine in Norddeutschland werden durch die F\u00f6deration Demokratisches Gesellschaftszentrum der Kurdinnen in Nord Deutschland e. V. (Federasyona Civaka Demokratik a Kurdistaniyan le Bakure Alman - FED-DEM)49 betreut. In Schleswig-Holstein existieren zwei Vereine, die als \u00f6rtliche Anlaufstellen f\u00fcr die Anh\u00e4ngerschaft und die Kader der PKK wirken: der Verein Kurdisches Gemeindezentrum Schleswig-Holstein e. V.50, der durch Namens\u00e4nderung aus dem Verein Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Kiel e. V. (Demokratik K\u00fcrt Toplum Merkezi Kiel - DKTM Kiel) hervorgegangen ist (im Folgenden weiterhin als DKTM Kiel bezeichnet), sowie das Demokratische Kurdische Gemeinde Zentrum Neum\u00fcnster e. V. (DKTM Neum\u00fcnster)51. Das DKTM Kiel organisiert allj\u00e4hrlich Veranstaltungen wie Demonstrationen, Informationsst\u00e4nde, Feiern zu Jahresund Gedenktagen, die \u00fcberwiegend Teil bundesoder europaweiter Kampagnen der PKK sind. \u00dcber die Veranstaltungen des DKTM Kiel wird regelm\u00e4\u00dfig in der PKK-nahen Tageszeitung Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika (Neue Freie Politik - Y\u00d6P) und auf den Internetseiten der Firat Nachrichtenagentur (Ajansa Nuceyan a Firate - ANF) berichtet. Das DKTM Neum\u00fcnster entfaltete, wie bereits in den Vorjahren, so auch im Berichtsjahr keine \u00f6ffentlich wahrnehmbaren Aktivit\u00e4ten und scheint nur noch formal auf dem Papier zu bestehen. Eingebettet in den Verein DKTM Kiel existiert ein sogenannter Volksrat aus Aktivistinnen und Aktivisten, welche die Kader bei ihren Aufgaben unterst\u00fctzen. Die syrische Schwesterorganisation der PKK, die PYD, hat in Deutschland eine eigene Struktur. In Schleswig-Holstein hat die PYD allerdings nach wie vor keine eigene Vereinsstruktur, ihre Vertreterinnen und Vertreter arbeiten angegliedert an den PKK-Basisverein in Kiel, dem DKTM. Die PKK-Jugendorganisation Patriotisch revolution\u00e4re Jugendbewegung (Tevgera Ciwanen Welatparez u Soresger -TCS) beteiligte sich im Berichtsjahr in Kiel an einem zwei49 VR 24091 beim Amtsgericht Hamburg. 50 VR 6464 KI beim Amtsgericht Kiel, Namens\u00e4nderung eingetragen am 16.11.2018. 51 VR 6262 KI beim Amtsgericht Kiel. Seite 167","VIII Extremismus mit Auslandsbezug t\u00e4gigen so genannten \"Langen Marsch\", d. h. an einem Demonstrationsmarsch durch das gesamte Kieler Stadtgebiet. Das Organisationsgeflecht der PKK bietet f\u00fcr zahlreiche Bev\u00f6lkerungsgruppen spezifische Teilorganisationen an. Einen gro\u00dfen Schwerpunkt bilden dabei Frauenorganisationen, die auch in Schleswig-Holstein auftreten: Fahnen der PKK-Frauenorganisation Kurdische Frauenbewegung in Europa (Tevgera Jinen Kurd a Ewrupaye -TJK-E) wurden in Demonstrationsz\u00fcgen im Kontext des Rheinmetall Entwaffnen-Camps im September in Kiel gezeigt. Vom 21. bis 25. August des Berichtsjahres veranstaltete die frauenspezifische Jugendorganisation der PKK, die Bewegung der jungen k\u00e4mpferischen Frauen (Jinen Ciwan en Tekoser - TekoJin), ein Sommercamp in Schleswig-Holstein. Enge Kontakte zum DKTM Kiel unterh\u00e4lt der Frauenverein Jiyana Jin - FrauenLeben in Kiel e. V.52 1.1.2 Ausblick Da die PKK auf die Situation der kurdischen Bev\u00f6lkerung vorrangig in der T\u00fcrkei und Nordsyrien, aber auch im Irak und Iran fokussiert ist, wird sie voraussichtlich auf internationale Konflikte nur reagieren, soweit diese Konflikte ihre eigenen Interessen tangieren. Die Strategie der PKK wird also weiterhin ma\u00dfgeblich von den politischen Entwicklungen im Nahen Osten abh\u00e4ngen. Die dortigen Ereignisse wirken sich in aller Regel auf das Protestgeschehen und somit auf die Sicherheitslage in Deutschland aus. Insbesondere die Entwicklung in Syrien nach der Macht\u00fcbernahme der islamistischen Miliz HTS wird von der PKK-Anh\u00e4ngerschaft aufmerksam verfolgt. Die kurdisch dominierten Siedlungsgebiete in Nordund Ostsyrien waren im syrischen B\u00fcrgerkrieg 2015 von kurdischen Milizen mit internationaler Unterst\u00fctzung gegen den so genannten Islamischen Staat (IS) verteidigt worden. In der Folge etablierte sich dort eine quasi-staatliche, von PKK-nahen Akteuren beeinflusste Autonomieverwaltung. Dieses organisationsintern als \"Rojava\" bekannte Gebiet hat f\u00fcr die PKK eine hohe strategische und symbolische Bedeutung; au\u00dferdem wird es in der internationalistischen linksextremistischen Szene als politische Modellregion und Sehnsuchtsort verkl\u00e4rt. Aus den Erfahrungen mit dem Vormarsch des IS in den Jahren 2014/2015 l\u00e4sst sich prognostizieren, dass ein weiteres Vorr\u00fccken islamistischer Milizen in Kurdengebiete in Syrien deutliche Auswirkungen auf die PKK-Anh\u00e4ngerschaft und solidarische linke Kreise, z. B. Defend Kurdistan, in Deutschland h\u00e4tte: das Versammlungsgeschehen w\u00fcrde deutlich intensiviert und m\u00f6glicherweise radikalisiert, die Rekrutierungsbem\u00fchungen der PKK innerhalb der kurdisch-st\u00e4mmigen und der internationalistischen Jugend w\u00fcrden verst\u00e4rkt werden, und mit den zu erwartenden Fluchtbewegungen der syrischen Bev\u00f6lkerung w\u00fcrde die PKK-Anh\u00e4ngerschaft in Europa auch personellen Zuwachs erhalten. 52 VR 6561 KI des Amtsgerichts Kiel. Seite 168","VIII Extremismus mit Auslandsbezug Sofern der PKK-Gr\u00fcnder Abdullah \u00d6calan von der t\u00fcrkischen Regierung als Ansprechpartner f\u00fcr eine friedliche, politische L\u00f6sung der \"kurdischen Frage\" akzeptiert und wom\u00f6glich sogar aus der Haft entlassen werden sollte, k\u00f6nnte diese Entwicklung interne Richtungsstreitigkeiten innerhalb der Partei ausl\u00f6sen. Die milit\u00e4rische F\u00fchrung der PKK beharrte bisher stets auf einem Fortbestand der bewaffneten Guerillatruppen als Machtbasis der Partei, w\u00e4hrend die Parteibasis zuweilen eine gewisse Kriegsm\u00fcdigkeit erkennen lie\u00df. Sollte der inzwischen 75j\u00e4hrige \u00d6calan hingegen in t\u00fcrkischer Haft versterben, rechnen die Sicherheitsbeh\u00f6rden mit einer fl\u00e4chendeckenden Protestwelle und Gewalttaten insbesondere gegen t\u00fcrkische Einrichtungen in ganz Europa. Falls die oberste Parteif\u00fchrung und die Guerillatruppen durch t\u00fcrkische Milit\u00e4roperationen in existenzielle Bedr\u00e4ngnis geraten, k\u00f6nnte als m\u00f6gliche Reaktion eine Radikalisierung von Teilen der PKK-Anh\u00e4ngerschaft drohen. Wie bisher wird sich die hiesige Anh\u00e4ngerschaft auch k\u00fcnftig an allen Protestkampagnen, Spendensammlungen und sonstigen Aktivit\u00e4ten der Zentralorganisation beteiligen. 1.2 T\u00fcrkischer Linksextremismus, insbesondere Marxistische Leninistische Kommunistische Partei (MLKP) Logo der MLKP In Deutschland sind diverse t\u00fcrkische linksextremistische Gruppierungen aktiv. Die meisten dieser Gruppen nutzen Deutschland als R\u00fcckzugsraum, um ihre Mutterorganisationen logistisch und finanziell zu unterst\u00fctzen. Um diese Vorgehensweise nicht zu gef\u00e4hrden, agieren sie hierzulande weitgehend friedlich und unauff\u00e4llig. Eine dieser Organisationen ist die Marxistische Leninistische Kommunistische Partei (MLKP). Gegr\u00fcndet wurde die MLKP im Jahr 1994 in der T\u00fcrkei. Ziel der Organisation ist ein revolution\u00e4rer Gesellschaftsumbruch in der T\u00fcrkei und die Gr\u00fcndung einer kommunistischen Gesellschaftsordnung. Sie beruft sich dabei auf die Lehren von Marx und Engels, erg\u00e4nzt durch ideologische Leitlinien von Lenin und Stalin. Die Organisation bekennt Seite 169","VIII Extremismus mit Auslandsbezug sich bis heute zum bewaffneten Kampf in der T\u00fcrkei und ist Teil des revolution\u00e4ren B\u00fcndnisses HBDH (siehe Ziff. 1.1). 1.2.1 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten Die MLKP entsandte unter anderem Freiwillige nach Nordsyrien, wo diese unter dem Oberkommando der YPG k\u00e4mpften. Im Kampf Gefallene werden von der Organisation, auch in Deutschland, als M\u00e4rtyrerinnen und M\u00e4rtyrer gefeiert. Deutschlandweit verh\u00e4lt sich die MLKP weitestgehend konspirativ und gewaltfrei. In Schleswig-Holstein zeigt die MLKP immer wieder eine gewisse Verbundenheit zur PKK und zum deutschen Linksextremismus. Dies wird unter anderem an der gemeinsamen Teilnahme bei Demonstrationen und Veranstaltungen deutlich. Logo von Young Struggle Als Jugendverband der MLKP im europ\u00e4ischen Raum tritt seit 2010 die Organisation Young Struggle (YS) auf. Young Struggle verfolgt das Ziel, eine internationalistische revolution\u00e4re Jugendorganisation aufzubauen. W\u00e4hrend die Mutterorganisation MLKP zum \u00fcberwiegenden Teil aus t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Mitgliedern besteht, spricht Young Struggle ein wesentlich breiteres Personenspektrum an. In Teilen wirkt Young Struggle daher als Bindeglied zu Linksextremisten und Linksextremistinnen verschiedenster Herkunft. Auf ihrer Homepage schreibt Young Struggle unter anderem \u00fcber sich selbst: \"In unserem Kampf gegen das System ist die Konfrontation mit den Herrschenden und dem Kapital unausweichlich.\"53 Als eine weitere Vorfeldorganisation ist der Bund Sozialistischer Frauen (SKB) f\u00fcr die MLKP aktiv. Dieser wurde im Jahr 2010 gegr\u00fcndet und hat das Ziel, Frauen f\u00fcr die aktive Parteiarbeit im Sinne der marxistisch-leninistischen Ausrichtung der MLKP zu gewinnen. Der SKB setzt dabei allerdings auch immer wieder eigene Themen, welche sich spezifisch an weibliche Personen richten. 53 https://young-struggle.org/wer-wir-sind-young-struggle/ zuletzt abgerufen am 23.11.2023 Seite 170","VIII Extremismus mit Auslandsbezug 1.2.2 Ausblick Im Berichtsjahr spielten haupts\u00e4chlich die bekannten Kernthemen (d. h. Proteste gegen die t\u00fcrkische Regierungspolitik und t\u00fcrkische Milit\u00e4reins\u00e4tze, Eintreten f\u00fcr eine kommunistische Gesellschaftsordnung und die Verehrung der eigenen M\u00e4rtyrer) f\u00fcr die MLKP und ihre Au\u00dfenwirkung eine Rolle, wobei auch insbesondere f\u00fcr die Jugendorganisation Young Struggle der Konflikt zwischen Israel und Pal\u00e4stina ein wichtiges Bet\u00e4tigungsfeld war. Young Struggle konnte im Berichtsjahr eine feste Struktur in Schleswig-Holstein etablieren. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Strukturen weiter ausbauen lassen. 1.3 T\u00fcrkischer Rechtsextremismus/\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung t\u00fcrkisch rechtsextremistische Symbolik Die \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung - im Wortsinn: Idealistenbewegung - ist nicht homogen, sie umfasst die organisationsgebundenen und nicht-organisationsgebundenen Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger des t\u00fcrkischen Rechtsextremismus. Ihre Anh\u00e4ngerschaft bezieht sich auf eine Ideologie, welche auf Nationalismus und Rassismus basiert. Die verschiedenen Auspr\u00e4gungen dieser Ideologie haben sich \u00fcber die Jahre und innerhalb der verschiedenen Organisationen in unterschiedlicher Weise entwickelt. Der \u00fcbersteigerte Nationalismus wird deutlich durch eine st\u00e4ndige Forderung nach einer Vereinigung aller Turkv\u00f6lker innerhalb eines muslimischen Gro\u00dft\u00fcrkischen Reiches Turan. Oft geht diese Forderung einher mit einer Herabw\u00fcrdigung anderer religi\u00f6ser und ethnischer Gruppen, insbesondere Kurden, Armenier und Juden. Die \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung ist von einem st\u00e4ndigen Freund-Feind-Bild getrieben, in welchem f\u00fcr jedes negative Ereignis die \"inneren\" sowie \"\u00e4u\u00dferen Feinde\" der T\u00fcrkei verantwortlich gemacht werden. Das bekannteste und am h\u00e4ufigsten genutzte Symbol der \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung ist der graue Wolf (Bozkurt). Dieser wird in jeglicher Form, zum Beispiel auf Jacken oder T-Shirts, zur Schau gestellt und dient als Erkennungszeichen innerhalb der Szene. Seite 171","VIII Extremismus mit Auslandsbezug so genannter \"Wolfsgru\u00df\" Im Berichtjahr entz\u00fcndete sich eine \u00f6ffentliche Debatte an dem so genannten \"Wolfsgru\u00df\", den ein t\u00fcrkischer Nationalspieler w\u00e4hrend des Achtelfinalspiels seiner Mannschaft gegen \u00d6sterreich im Rahmen der Fu\u00dfball-Europameisterschaft der Herren in Deutschland zeigte. Der \"Wolfsgru\u00df\" nimmt Bezug auf die Ursprungslegende des t\u00fcrkischen Volkes. Er wurde in den 1990er Jahren von Alparslan T\u00fcrkes, dem Gr\u00fcnder der t\u00fcrkisch-rechtsextremistischen Partei MHP, in politischem Kontext verbreitet54. Der Wolfsgru\u00df wird h\u00e4ufig von t\u00fcrkisch-rechtsextremistischen Personen als Erkennungszeichen verwendet, wird aber offenbar innerhalb von Teilen der t\u00fcrkischen Gesellschaft auch als unpolitisches Symbol des Nationalstolzes aufgefasst. In \u00d6sterreich ist, im Gegensatz zu Deutschland, das Zeigen des Wolfsgru\u00dfes verboten55. 1.3.1 Aktuelle Entwicklungen In Schleswig-Holstein wird die Anh\u00e4ngerschaft des t\u00fcrkischen Rechtsextremismus auf 400 Personen gesch\u00e4tzt. Der gr\u00f6\u00dfte \u00dclk\u00fcc\u00fc-Dachverband in Deutschland ist die F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-Demokratischen Idealistenvereine (Avrupa Demokratik \u00dclk\u00fcc\u00fc T\u00fcrk Dernekleri Federasyonu - AD\u00dcTDF), die 1978 in Frankfurt am Main gegr\u00fcndet wurde. Es handelt sich hierbei um eine Auslandsvertretung der t\u00fcrkischen extrem-nationalistischen Partei der Nationalistischen Bewegung (Milliyetci Hareket Partisi - MHP). Die Vereine in Deutschland und deren Dachverb\u00e4nde kennzeichnet ein streng hierarchischer Aufbau. So ist die Umsetzung von Anweisungen aus der T\u00fcrkei bis in die Vereine gew\u00e4hrleistet. Um ihre Ideologie weiter verbreiten zu k\u00f6nnen, sind die Vereine bem\u00fcht, breite Teile des sozialen Lebens ihrer Mitglieder abzudecken, beispielsweise durch regelm\u00e4\u00dfige, auch \u00f6ffentliche Veranstaltungen in den Bereichen Kultur, Religion oder Sport. Die Vereine, welche h\u00e4ufig eigene R\u00e4umlichkeiten unterhalten, finanzieren sich durch Geldspenden und Mitgliedsbeitr\u00e4ge. Regionale Schwerpunkte des organisierten t\u00fcrkischen Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein sind die St\u00e4dte Kiel, Neum\u00fcnster und L\u00fcbeck. Ein gro\u00dfer Teil der \u00dclk\u00fcc\u00fc-Anh\u00e4ngerschaft ist unorganisiert und tritt \u00f6ffent54 Angeblich habe Alparslan T\u00fcrkes die Bedeutung des Wolfsgru\u00dfes wie folgt erl\u00e4utert: Der kleine Finger symbolisiere die T\u00fcrken, der Zeigefinger den Islam, der entstehende Ring stehe f\u00fcr die Welt und der Punkt, an dem die restlichen Finger aufeinander treffen, sei der t\u00fcrkisch-islamische Stempel, den die T\u00fcrken der Welt aufdr\u00fccken w\u00fcrden. 55 Das Verbot ist normiert in SS 2 des Symbole-Gesetzes der Republik \u00d6sterreich Seite 172","VIII Extremismus mit Auslandsbezug lich selten in Erscheinung. Hier findet oft ein Austausch \u00fcber soziale Netzwerke statt, was h\u00e4ufig zu einer sehr durchmischten politischen und religi\u00f6sen Weltsicht f\u00fchrt. 1.3.2 Ausblick Die in Verb\u00e4nden organisierten t\u00fcrkischen Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten werden weiterhin bestrebt sein, der deutschen \u00d6ffentlichkeit keine Anl\u00e4sse f\u00fcr eine erneute Verbotsdiskussion56 zu bieten, und sich in ihrer Au\u00dfendarstellung unauff\u00e4llig und gem\u00e4\u00dfigt pr\u00e4sentieren. Dies zeigte sich im Berichtsjahr insbesondere in der starken Zur\u00fcckhaltung im Themenfeld Nahostkonflikt. Durch die Verbreitung rassistischen und antisemitischen Gedankenguts innerhalb ihrer Community erzeugen sie jedoch weiterhin Vorbehalte gegen andere Bev\u00f6lkerungsgruppen in Deutschland und behindern die Integration t\u00fcrkisch-st\u00e4mmiger Menschen in die deutsche Gesellschaft. Sollten sich im politischen Verh\u00e4ltnis zwischen Deutschland und der T\u00fcrkei Differenzen ergeben, so k\u00f6nnte sich die Anh\u00e4ngerschaft des t\u00fcrkischen Rechtsextremismus dazu instrumentalisieren lassen, t\u00fcrkische Interessen in Deutschland vehement zu vertreten. 1.4 S\u00e4kularer pal\u00e4stinensischer Extremismus Der s\u00e4kulare pal\u00e4stinensische Extremismus umfasst ein breites Spektrum an aktiven Organisationen und Parteien. Als extremistisch werden in diesem Kontext Bestrebungen betrachtet, die unter anderem das Existenzrecht des Staates Israel nicht anerkennen und in v\u00f6lkerverst\u00e4ndigungswidriger Weise gegen Israel oder generell antisemitisch agitieren. Hierzu geh\u00f6ren unter anderem die international t\u00e4tige, von der Europ\u00e4ischen Union als Terrororganisation gelistete Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas (PFLP) und andere Organisationen wie \"Samidoun - Pal\u00e4stinensisches Gefangenensolidarit\u00e4tsnetzwerk\", das vom Bundesministerium des Innern am 2. November 2023 mit einem Bet\u00e4tigungsverbot in Deutschland belegt wurde. In Schleswig-Holstein wurden bislang keine eigenen Strukturen s\u00e4kularer pal\u00e4stinensischer extremistischer Organisationen festgestellt 1.4.1 Aktuelle Entwicklungen Der \u00dcberfall der islamistischen pal\u00e4stinensischen Terrororganisation HAMAS auf Israel am 7. Oktober 2023 und der daraus resultierende eskalierte Nahostkonflikt f\u00fchrten im Berichtsjahr auch in Schleswig-Holstein zu zahlreichen Reaktionen. Insbesondere in den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten Kiel, L\u00fcbeck, Flensburg und Neum\u00fcnster thematisierten zahlreiche Versammlungen das Kriegsgeschehen im Nahen Osten. Sowohl von der Anzahl der Ein56 Laut einem Bundestagsbeschluss vom 18. November 2020 wurde die Bundesregierung aufgefordert, Organisationsverbote gegen die Vereine der \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung zu pr\u00fcfen. Bislang sind keine entsprechenden Organisationsverbote ergangen. Seite 173","VIII Extremismus mit Auslandsbezug zelveranstaltungen als auch von den Zahlen der Teilnehmenden \u00fcberwogen im Jahresverlauf zunehmend pro-pal\u00e4stinensische Kundgebungen gegen\u00fcber pro-israelischen Versammlungen. In den pro-pal\u00e4stinensischen Protestkundgebungen in Schleswig-Holstein im Zusammenhang mit dem aktuellen Nahostkonflikt war kein Einfluss von PFLP-nahen oder anderen s\u00e4kularen pro-pal\u00e4stinensischen extremistischen Akteuren mit Auslandsbezug zu beobachten. Hier dominierten nicht-extremistische und islamistische Einzelpersonen und Organisationen sowie Akteure des deutschen und t\u00fcrkischen linksextremistischen Spektrums das Versammlungsgeschehen. Bemerkenswert ist, dass im Zuge der Abschlussdemonstration des \u00fcberregional frequentierten Rheinmetall entwaffnen-Camps in Kiel am 7. September als Symbol der linksextremistischen Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t ein gro\u00dfes Banner mit einem ikonischen Bild der ehemaligen PFLP-Terroristin Leila Khaled gezeigt wurde, die 1969 als Flugzeugentf\u00fchrerin weltweit bekannt geworden war. 1.4.2 Ausblick Da in Schleswig-Holstein keine eigenen Strukturen der PFLP oder anderer s\u00e4kularer pro-pal\u00e4stinensischer extremistischer Organisationen existieren, werden diese hier voraussichtlich in absehbarer Zeit auch weiterhin \u00f6ffentlich nicht in Erscheinung treten. Die Intensit\u00e4t des Demonstrationsgeschehens wird sich auch in Zukunft an den Ereignissen in den pal\u00e4stinensischen Gebieten ausrichten, wobei im Verlauf des Berichtsjahres schon festzustellen war, dass die Zahl an Demonstrationen immer weiter abnahm. 2 Entwicklungen und Aktivit\u00e4ten im Berichtsjahr Sowohl die PKK-Anh\u00e4ngerschaft als auch die t\u00fcrkischen Linksund Rechtsextremistinnen und -extremisten in Deutschland beziehen ihre Themen im Wesentlichen aus der t\u00fcrkischen Innenund Au\u00dfenpolitik. Da alle diese Beobachtungsobjekte durch europaweite, hierarchische Strukturen beeinflusst werden, muss die Situation in Schleswig-Holstein im internationalen Kontext betrachtet werden. Letzteres gilt auch f\u00fcr die PFLP. 2.1 Aktivit\u00e4ten der PKK Die PKK-Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein beteiligte sich an den j\u00e4hrlichen Gro\u00dfveranstaltungen der PKK-nahen Organisationen in Deutschland: Die allj\u00e4hrliche Gro\u00dfdemonstration zum Jahrestag der Festnahme \u00d6calans wurde im Berichtsjahr am 17. Februar in K\u00f6ln abgehalten. Die zentrale Newrozfeier57 in Frankfurt am Main/Hessen am 57 Das kurdische Neujahrsfest Newroz wird von der PKK umgedeutet als Symbol des kurdischen Befreiungskampfes. Es wird von den PKK-nahen Organisationen in Deutschland traditionell mit einer zentralen Gro\u00dfveranstaltung gefeiSeite 174","VIII Extremismus mit Auslandsbezug 23. M\u00e4rz mit ca. 35 000 Teilnehmenden und das 32. Internationale Kurdische Kulturfestival am 21. September ebenda mit etwa 20 000 Teilnehmenden zeigten, dass die Mobilisierungsf\u00e4higkeit der PKK-Anh\u00e4ngerschaft in Deutschland und dem benachbarten Ausland nicht gesunken ist, und dass nach wie vor lange Busanreisen in Kauf genommen werden. Im Zuge von bundesweiten Protestwellen hielten PKK-Anh\u00e4ngerinnen und -Anh\u00e4nger in Kiel und L\u00fcbeck im gesamten Berichtsjahr zahlreiche Kundgebungen ab, z. B. im Rahmen der PKK-Kampagne \"Freiheit f\u00fcr Abdullah \u00d6calan und eine politische L\u00f6sung der kurdischen Frage\" sowie in Gedenken an die iranische Protestbewegung unter dem Motto\"Jin Jiyan Azadi\" (\"Frau, Leben, Freiheit\"), die sich 2022 an dem Tod einer jungen Kurdin im Gewahrsam der iranischen Sittenpolizei entz\u00fcndet hatte. Auf lokaler Ebene feierte die PKK-Anh\u00e4ngerschaft auch den Geburtstag \u00d6calans am 4. April und den Jahrestag der Aufnahme des bewaffneten Kampfes der PKK am 15. August im DKTM Kiel58 sowie den Jahrestag der Parteigr\u00fcndung am 1. Dezember in einem Kieler Veranstaltungssaal59. Erneut veranstaltete die PKK-Anh\u00e4ngerschaft im Februar des Berichtsjahres einen zweit\u00e4gigen \"Langen Marsch\" durch Kiel; zeitgleich hielten auch die PKK-nahen Jugendorganisationen TCS und TekoJin in vielen anderen St\u00e4dten Europas \"Lange M\u00e4rsche\" mit der Forderung nach Freiheit f\u00fcr Abdullah \u00d6calan ab. Das Versammlungsgeschehen der PKK-Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein verlief im Berichtsjahr im Wesentlichen auflagenkonform und friedlich. Lediglich bei einer Versammlung mit Beteiligung von kurdischst\u00e4mmigen PKK-Sympathisierenden am 27. Juli in Kiel kam es nach verbalen Provokationen durch t\u00fcrkischst\u00e4mmige Passantinnen und Passanten zu einer Konfrontation, bei der die Polizei die Beteiligten trennen musste. 2.1.1 Finanzierung PKK-naher Organisationen Die PKK finanziert sich durch monatliche Spenden ihrer Anh\u00e4ngerschaft, durch den Verkauf von Publikationen und von Eintrittskarten f\u00fcr Veranstaltungen, in erster Linie aber durch eine j\u00e4hrliche Spendenkampagne. Dabei sch\u00e4tzt die Organisation die jeweilige finanzielle Leistungsf\u00e4higkeit und legt im Voraus die Spendensumme f\u00fcr jede kurdisch-st\u00e4mmige Familie fest. Das Einsammeln der Spenden - in Deutschland j\u00e4hrlich Gesamtsummen im unteren zweistelligen Millionenbereich - verl\u00e4uft konspirativ, weil sowohl das Einsammeln als auch das Geben von Geldspenden an die PKK verboten und strafbewehrt sind. Gegen\u00fcber den potenziellen Spenderinnen und Spendern geben die ert, bei der sich folkloristische Elemente mit politischer Propaganda vermischen. 58 ANF vom 19.08.2024 , https://anfdeutsch.com/aktuelles/15-august-feiern-in-vielen-europaischen-stadten-43294, zuletzt abgerufen am 24.10.2024 59 ANF vom 01.12.2024, https:// firatnews.com/avrupa/46-yil-kutlamalari-seferberlik-ruhuyla-rojava-ya-sahip-cikalim-205827, zuletzt abgerufen am 03.12.2024 Seite 175","VIII Extremismus mit Auslandsbezug Spendensammelnden h\u00e4ufig an, das Geld sei f\u00fcr die Ausr\u00fcstung und den Lebensunterhalt der Guerillatruppen in den Kampfgebieten im Nahen Osten bestimmt. Es wird allerdings auch f\u00fcr die Aufrechterhaltung der PKK-Strukturen in Europa und f\u00fcr die PKK-nahen Medien verwendet. 2.1.2 Reaktionen auf Ereignisse in der T\u00fcrkei Mit der im Oktober 2023 begonnenen Kampagne \"Freiheit f\u00fcr Abdullah \u00d6calan und eine politische L\u00f6sung der kurdischen Frage\" versuchte die PKK-Anh\u00e4ngerschaft, durch zahlreiche Aktionen in Europa mittelbar Einfluss auf die t\u00fcrkische Regierung zu nehmen. So beteiligten sich vier PKK-Anh\u00e4ngerinnen und -Anh\u00e4nger aus L\u00fcbeck, die sich als Mitglieder des DKTM Kiel zu erkennen gaben, vom 15. bis 19. April in Stra\u00dfburg/Frankreich an einer Mahnwache im Rahmen dieser Kampagne60. Die Wahlergebnisse pro-kurdischer Kandidatinnen und Kandidaten bei den t\u00fcrkischen Kommunalwahlen am 31. M\u00e4rz wurden von kurdisch-st\u00e4mmigen Personen aus L\u00fcbeck mit einem Autokorso gefeiert. Als die t\u00fcrkische Regierung dann in einigen kurdisch dominierten Kommunen die Wahlsieger zun\u00e4chst nicht anerkannte, protestierte in Kiel die Anh\u00e4ngerschaft der PKK gemeinsam mit der MLKP-Jugendorganisation Young Struggle und bezeichnete dies als \"Erdogans Putsch gegen den kurdischen Willen\" in der T\u00fcrkei. Am 23. Oktober des Berichtsjahres setzte in der t\u00fcrkischen Kurdenpolitik eine sehr dynamische Entwicklung ein, die sich aber in Europa zumindest kurzfristig nicht auf das Verhalten der extremistischen Organisationen auswirkte: \u00dcberraschend thematisierte der Vorsitzende der rechten Koalitionspartei MHP die M\u00f6glichkeit, dass der zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilte PKK-Gr\u00fcnder Abdullah \u00d6calan freikommen k\u00f6nnte, um eine politische L\u00f6sung des Kurdenkonflikts zu vermitteln. Eine Bedingung daf\u00fcr sei aber, dass die PKK ihre Waffen niederlege. Am selben Tag gestatteten die t\u00fcrkischen Beh\u00f6rden nach mehr als drei Jahren kompletter Kontaktsperre erstmals wieder einem Familienangeh\u00f6rigen, \u00d6calan im Gef\u00e4ngnis zu besuchen. Diesen Kontakt zu \u00d6calan hatte die PKK-Anh\u00e4ngerschaft seit Jahren eingefordert. In den PKK-nahen Medien berichtete der Besucher, Abdullah \u00d6calan sei bei guter Gesundheit und verhandlungsbereit f\u00fcr eine politische L\u00f6sung der \"Kurdenfrage\". Ebenfalls am 23. Oktober drangen zwei Attent\u00e4ter in Ankara/T\u00fcrkei in ein staatliches R\u00fcstungsunternehmen ein und t\u00f6teten bzw. verletzten zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die t\u00fcrkische Regierung ordnete den Anschlag der PKK zu und lie\u00df als Vergeltung Luftangriffe auf die kurdisch dominierten Gebiete in Nordsyrien und im Nordirak fliegen, u. a. auch auf die R\u00fcckzugsgebiete der PKK-F\u00fchrung. Am 25. Oktober 60 Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika vom 08.04.2024, https://www.ozgurpolitika.com/haberi-3-bin-kisiyle-cpt-onune-187977, zuletzt abgerufen am 03.12.2024 Seite 176","VIII Extremismus mit Auslandsbezug bekannte sich laut Bericht der PKK-nahen Nachrichtenagentur ANF eine Sondereinheit der PKK-Guerilla HPG zu dem Anschlag: \"Die Aktion sei von einem autonomen Team der HPG-Sondereinheit \"Tabura Nemiran\" durchgef\u00fchrt worden und als \"Warnung gegen die genozidale Praxis und Massaker in Kurdistan sowie die Isolationspolitik der t\u00fcrkischen Staatsmacht\" zu werten, hie\u00df es am Freitag in einer vom zentralen Hauptquartier der HPG herausgegebenen Mitteilung. Sie sei von langer Hand geplant gewesen und st\u00fcnde nicht im Zusammenhang mit der aktuellen politischen Debatte um einen m\u00f6glichen Dialogprozess zwischen dem PKK-Begr\u00fcnder Abdullah \u00d6calan und der t\u00fcrkischen Regierung.\"61 Die PKK-Europaf\u00fchrung KCDK-E und der Dachverband KON-MED riefen zu fl\u00e4chendeckenden Protesten gegen die Bombardierung kurdischer Gebiete mit zivilen Opfern auf. Die PKK-Anh\u00e4ngerschaft in Kiel und das Defend-Kurdistan-B\u00fcndnis (s. unten unter 2.1.3) folgten diesem Aufruf mit einer Versammlung am 26. Oktober. Ende Oktober best\u00e4tigte der t\u00fcrkische Staatspr\u00e4sident Erdogan das Angebot, Abdullah \u00d6calan zu begnadigen, falls sich die PKK von der Gewalt abwende. Gleichzeitig wurden einige t\u00fcrkische Kommunen, denen gew\u00e4hlte kurdisch-st\u00e4mmige B\u00fcrgermeisterinnen und B\u00fcrgermeister vorstanden, unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt. Gegen diese Zwangsverwaltung formierten sich auch in Deutschland Proteste, bei denen sich die PKK-Anh\u00e4ngerschaft mit nicht-extremistischen t\u00fcrkischen Oppositionsgruppen verb\u00fcndete. Der hochrangige PKK-F\u00fchrungsfunktion\u00e4r Murat Karayilan bezweifelte in mehreren Presseerkl\u00e4rungen die Ernsthaftigkeit der Regierungsangebote und beharrte auf dem Fortbestand der bewaffneten Miliz: \"Solange die Identit\u00e4tsrechte des kurdischen Volkes nicht anerkannt werden, ist es nicht m\u00f6glich, die Guerilla aus dem Spiel zu nehmen. Die Guerilla ist die Willenskraft des kurdischen Volkes. Sie ist die strategische Kraft des Freiheitskampfes. Die Guerilla ist die einzige Garantie gegen die Angriffe auf unser Volk in allen Teilen Kurdistans.\"62 Eine lang geplante Gro\u00dfdemonstration in K\u00f6ln am 16. November, die den Abschluss der PKK-Kampagne \"Freiheit f\u00fcr \u00d6calan und eine politische L\u00f6sung der kurdischen Frage\" bilden sollte, wurde von weniger als 10 000 Personen besucht. In dem Demonstrationszug wurde auch ein Transparent gezeigt, das die Attent\u00e4ter vom 23. Oktober glorifizierte. Die PKK-Anh\u00e4ngerschaft aus Schleswig-Holstein reiste mit mehreren Reisebussen zu der Versammlung an. 61 ANF vom 25.10.2024, https://anfdeutsch.com/kurdistan/hpg-bekennen-sich-zu-angriff-in-ankara-44031, zuletzt abgerufen am 25.10.2024 62 ANFdeutsch vom 30.11.2024, https://anfdeutsch.com/hintergrund/karayilan-die-guerilla-hat-eine-mission-44437, zuletzt abgerufen am 03.12.2024 Seite 177","VIII Extremismus mit Auslandsbezug Am 27. Dezember durfte erstmals seit rund 10 Jahren eine Delegation der pro-kurdischen DEM-Partei \u00d6calan im Gef\u00e4ngnis zu einem mehrst\u00fcndigen Gespr\u00e4ch besuchen. In der Folge f\u00fchrten die Delegationsmitglieder weitere Gespr\u00e4che mit wichtigen Akteuren der t\u00fcrkischen Politik. Die DEM-Partei \u00e4u\u00dferte die vorsichtige Hoffnung auf \"eine neue \u00c4ra\" f\u00fcr die demokratische L\u00f6sung der Kurdenfrage. Die PKK-Anh\u00e4ngerschaft in Europa, auch in Schleswig-Holstein, zeigte jedoch keine augenf\u00e4llige Reaktion. In den PKK-nahen Medien wurden unver\u00e4ndert der Stellenwert und die milit\u00e4rischen Erfolge der Guerilla glorifiziert. 2.1.3 Wirken der PKK in die deutsche \u00d6ffentlichkeit, Rekrutierung Vom 3. bis 8. September des Berichtsjahres veranstaltete das linksextremistisch beeinflusste B\u00fcndnis Rheinmetall Entwaffnen (im Folgenden: RME) ein \"antimilitaristisches\" Protestcamp auf dem Gel\u00e4nde des Volksparks Gaarden (im Volksmund: Werftpark) in Kiel. Nach den Planungen von RME sollten sich Demonstrationen und direkte Aktionen gegen Bundeswehrstandorte sowie R\u00fcstungsproduzenten und deren Zulieferunternehmen in Kiel und Umgebung richten. In einem Communique63 bekannte sich RME zur PKK: \"Inmitten des Leids, des Todes und der Zerst\u00f6rung, die die negative Maschine des globalen Kapitalismus produziert, zeigt uns die PKK, dass es ein Prinzip des Lebens, der Solidarit\u00e4t und der gegenseitigen Hilfe gibt, das bedingungslos ist. Es basiert nicht auf Parametern von Ethnizit\u00e4t und Herkunft und seine Logik liegt nicht darin begr\u00fcndet, Macht zu erhalten oder Einfluss auszubauen, sondern darin, menschlich zu sein und zu bleiben, auch wenn die Welt \u00fcber uns einst\u00fcrzt. [...] Nieder mit dem deutschen Imperialismus! Es lebe Kurdistan!\" Bereits weit im Voraus warben PKK-nahe Medien f\u00fcr eine Beteiligung an dem Camp, weil R\u00fcstungsg\u00fcter aus Deutschland auch in die T\u00fcrkei exportiert und von den t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4ften gegen Kurdinnen und Kurden eingesetzt w\u00fcrden. In den Demonstrationsz\u00fcgen, die am 6. und am 7. September von dem RME-Camp ausgingen, vermischten sich Parolen der \"Kurdistansolidarit\u00e4t\" mit Solidarit\u00e4tsbekundungen f\u00fcr den pal\u00e4stinensischen Kampf gegen Israel. Kurdischst\u00e4mmige PKK-Anh\u00e4ngerinnen und -Anh\u00e4nger beteiligten sich an den Versammlungen ebenso wie autochthone deutsche \"Internationalistinnen\" und \"Internationalisten\" und pro-pal\u00e4stinensische Akteure. In den Aufz\u00fcgen wurden Symbole aus dem Organisationsgeflecht der PKK, z. B. Fahnen der TJK-E und der YPG, neben Fahnen und Transparenten der MLKP-Jugendorganisationen 63 https://rheinmetallentwaffnen.noblogs.org/post/2024/08/14/communique-von-rheinmetall-entwaffnen-stoppt-den-krieg-in-rojava/ vom 14.08.2024, zuletzt abgerufen am 25.102024 Seite 178","VIII Extremismus mit Auslandsbezug Young Struggle und zahlreicher unterschiedlicher linksextremistischer Organisationen wie DKP, SDAJ, Kommunistischer Aufbau, Antifa, IL und pal\u00e4stinensischen Fahnen gezeigt. Das RME-Camp bot der PKK-Anh\u00e4ngerschaft die M\u00f6glichkeit, sich mit den zahlreichen unterschiedlichen Akteuren des linken Spektrums intensiv zu vernetzen. Die PKK-nahe Nachrichtenagentur ANF berichtete t\u00e4glich ausf\u00fchrlich \u00fcber Aktivit\u00e4ten und Ziele des RME-Camps. zusammengesetztes PKK-Symbol, getragen von Teilnehmenden der Abschlussdemonstration des RME-Camps am 07.09.2024 in Kiel64 Am 27. Oktober richteten deutsche und kurdische Angeh\u00f6rige eines so genannten Defend-Kurdistan-B\u00fcndnisses erneut gemeinsam eine Gedenkveranstaltung f\u00fcr einen jungen deutschen Kieler aus, der als Guerillak\u00e4mpfer der HPG am 16. Oktober 2019 bei einem t\u00fcrkischen Luftangriff in Syrien get\u00f6tet wurde. F\u00fcr diese Veranstaltung warb u. a. das B\u00fcndnis Rheinmetall Entwaffnen in den sozialen Netzwerken. Bei \"Defend Kurdistan\" handelt es sich nach eigener Darstellung um ein \"internationalistisches Netzwerk in Solidarit\u00e4t mit Freiheitsk\u00e4mpfen in Kurdistan\"65: \"Das Solidarit\u00e4tsnetzwerk Defend Kurdistan Entstand Nach Einer Erfolgreichen Friedensdelegationsreise Nach S\u00fcdkurdistan Unter Dem Namen Defend Kurdistan Im Jahr 2021. Im Jahr 2022 Haben Wir Beschlossen, Defend Kurdistan Zu Einem Netzwerk Der Kurdistan-Solidarit\u00e4tsbewegung Zu Entwickeln, Die In Deutschland Eine Jahrzehntelange Tradition Hat. Das Netzwerk Bezieht Seine St\u00e4rke Aus Einer Basis Von Lokalen Solidarit\u00e4tskomitees, B\u00fcndnissen Und Plattformen.\" [Schreibweise im Original] 64 Quelle: https://kurdistansolikiel.noblogs.org; zuletzt abgerufen am 25.10.2024 65 https://defend-kurdistan.com/ueber-uns/ zuletzt abgerufen am 16.01.2025 Seite 179","VIII Extremismus mit Auslandsbezug Im Internet bekennt sich \"Defend Kurdistan\" zur Ideologie des PKK-Gr\u00fcnders Abdullah \u00d6calan, mobilisiert f\u00fcr PKK-nahe Demonstrationen und stellt den Kampf der PKK-Guerillatruppen ausf\u00fchrlich positiv dar. Bei ihrer Rekrutierung f\u00fcr die Guerillatruppen zielt die PKK inzwischen vermehrt auf junge Menschen ohne ethnischen kurdischen Hintergrund ab. Die PKK-Jugendzeitschrift Sterka Ciwan (deutsch: \"Stern der Jugend\") ver\u00f6ffentlichte im April des Berichtsjahres einen Aufruf an deutschsprachige junge Frauen, sich der PKK-Guerilla anzuschlie\u00dfen oder mit militanten Aktionen (\"Verbrennt ihre Autos\") \"\u00fcberall, wo es Faschismus und Faschisten gibt\", t\u00e4tig zu werden: \"Jede Aktion ist wichtig, allerdings ist die wichtigste Aktion der Beitritt in die Reihen der Freiheitsguerilla.\"66 2.2 Aktivit\u00e4ten der \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung F\u00fcr die in Vereinen organisierte \u00dclk\u00fcc\u00fc-Szene ist ein aktives Vereinsleben von zentraler Bedeutung. Gemeinsame und \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten dienen dazu, die Mitglieder auch weiterhin an den Verein zu binden und attraktiv f\u00fcr potenzielle neue Mitglieder zu wirken. \u00d6ffentliche Veranstaltungen sind f\u00fcr die Vereine unter anderem notwendig, um Spendengelder zu generieren. Ein f\u00fcr den in Kiel ans\u00e4ssigen Verein j\u00e4hrlich stattfindendes Ereignis ist beispielsweise der \"T\u00fcrkische Tag\", welcher auch im Berichtsjahr wieder im Kieler Werftpark ausgerichtet wurde. Hierbei handelt es sich um ein gro\u00dfes, allgemein wahrnehmbares Fest mit kulturellen und politischen Darbietungen. Aufgrund der \u00f6ffentlichen Wahrnehmbarkeit nehmen immer wieder Personen teil, welche nicht zur klassischen \u00dclk\u00fcc\u00fc-Klientel geh\u00f6ren. Als G\u00e4ste waren Vertreter von anderen \u00dclk\u00fcc\u00fc-Vereinen sowie die T\u00fcrkische Generalkonsulin aus Hamburg vor Ort. Solche Veranstaltungen sind eine M\u00f6glichkeit, die eigene Ideologie in einer harmlos wirkenden Form einer breiten \u00d6ffentlichkeit zu pr\u00e4sentieren. Eine weitere zum Teil \u00f6ffentliche Veranstaltung wurde vom \u00f6rtlichen Verein in L\u00fcbeck in Form eines Konzertes organisiert, an welchem mehrere Hundert Personen teilnahmen. Der in Neum\u00fcnster beheimatete Ortsverein der seit 2022 kein Vereinslokal hat, konnte auch im Berichtsjahr keine neuen R\u00e4ume zur eigenen Nutzung generieren. Da die in Kiel, L\u00fcbeck und Neum\u00fcnster bestehenden Vereine allesamt dem Dachverband AD\u00dcTDF angeh\u00f6ren, bleibt der Neum\u00fcnsteraner Verein auch ohne eigene R\u00e4umlichkeiten in die bundesweiten Strukturen eingebunden. 66 Sterka Ciwan, Ausgabe April 2024, S. 15 f., \"Dem Faschismus keine Chance geben!\". Bei der YJA-STAR handelt es sich um die Fraueneinheit der PKK-Guerilla. Seite 180","VIII Extremismus mit Auslandsbezug 2.3 Aktivit\u00e4ten der MLKP Im Berichtsjahr entfalteten die MLKP-Anh\u00e4ngerinnen und -Anh\u00e4nger ihre \u00fcblichen Aktivit\u00e4ten, wie einerseits die Teilnahme an Demonstrationen mit Themen, welche durchaus eine gesellschaftliche Akzeptanz erfahren, sowie andererseits die Organisation von internen Veranstaltungen. So organisierte die MLKP auch im Berichtsjahr mehrere interne Veranstaltungen, bei denen unter anderem der gefallenen K\u00e4mpferinnen und K\u00e4mpfer der Partei gedacht wurde oder f\u00fcr die Freilassung von in der T\u00fcrkei inhaftierten Aktivisten geworben wurde. F\u00fcr alle Teilund Nebenorganisationen der MLKP ist die M\u00e4rtyrerverehrung elementarer Bestandteil der Ideologie. Hierbei zeigt sich immer wieder, dass der bewaffnete Kampf f\u00fcr die Mitglieder einen erheblichen Stellenwert hat. Die im Vorjahr erstmalig \u00f6ffentliche wahrnehmbare Jugendgruppe Young Struggle zeigte im Berichtsjahr insbesondere Interesse an dem Rheinmetall Entwaffnen-Camp in Kiel (siehe auch Ziffer 2.1.3). So wurde im Voraus und im Verlauf des Camps intensiv f\u00fcr eine Teilnahme daran geworben. Auch im Zuge der organisierten Demonstrationen war Young Struggle durch Fahnen und Transparente pr\u00e4sent. Der Frauenverband SKB organisierte im Berichtsjahr eine interne Veranstaltung zum Internationalen Frauentag am 8. M\u00e4rz, um insbesondere auf die Situation von Frauen in der T\u00fcrkei aufmerksam zu machen. Bei einer Betrachtung der Aktionen der MLKP sowie ihrer Vorfeldund Nebenorganisationen zeigt sich, dass bestimmte Themen, welche unverf\u00e4nglich erscheinen, \u00f6ffentlich pr\u00e4sent gemacht werden und andere Themen eher in internen Veranstaltungen thematisiert werden. So richteten sich beispielsweise Veranstaltungen f\u00fcr LGBTIQ-Rechte oder das Gedenken an die Opfer eines Terroranschlags aus dem Jahr 2015 in Suruc/T\u00fcrkei an die breite \u00d6ffentlichkeit. Auf der anderen Seite organisierte die MLKP rein interne Veranstaltungen zur Feier des 30j\u00e4hrigen bewaffneten Kampfes der MLKP in der T\u00fcrkei oder zur Unterst\u00fctzung von inhaftierten MLKP-Mitgliedern. Die MLKP sowie ihre Jugendorganisation Young Struggle entfalten ihre Aktivit\u00e4ten in Schleswig-Holstein konstant und mit einem regionalen Schwerpunkt auf dem Gro\u00dfraum Kiel. 2.4 Reaktionen aus dem s\u00e4kularen auslandsbezogenen Extremismus auf internationale Konflikte Auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine reagierte die PKK kaum und vermied eine einseitige Parteinahme. Auch aus der t\u00fcrkisch-rechtsextremistischen Szene in Schleswig-Holstein waren im Berichtszeitraum in diesem Kontext keine nennenswerten Reaktionen zu beobachten. Abgesehen von der Beteiligung an eindeutig pro-pal\u00e4stinensisch ausgerichteten Aufz\u00fcgen im Rahmen des RME-Camps bezog die PKK-Anh\u00e4ngerschaft in Schleswig-Holstein in ihren Versammlungen im Berichtsjahr keine Stellung zum Nahostkonflikt. Seite 181","VIII Extremismus mit Auslandsbezug Ende November des Berichtsjahres nahmen \u00fcberraschend islamistische Milizen der islamistischen Organisation Hai'at Tahrir Ash-Sham (Komitee zur Befreiung der Levante - HTS) die syrische Gro\u00dfstadt Aleppo ein und r\u00fcckten damit nah an kurdisch dominierte Siedlungsgebiete heran. Die PKK machte den t\u00fcrkischen Staat f\u00fcr das Erstarken dieser islamistischen Milizen verantwortlich und \u00e4u\u00dferte die Bef\u00fcrchtung, dass die HTS mit Unterst\u00fctzung der T\u00fcrkei auch die kurdisch dominierten Siedlungsgebiete in Nordund Ostsyrien (\"Rojava\") erobern k\u00f6nnte. Die Europaf\u00fchrung der PKK rief ihre Anh\u00e4ngerschaft zu einer Protestwelle auf67. In Kiel, wie in anderen deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten, demonstrierte daraufhin die lokale PKK-Anh\u00e4ngerschaft mehrfach gegen eine m\u00f6gliche t\u00fcrkische oder islamistische Besatzung Rojavas. Am 8. Dezember eroberte die HTS die syrische Hauptstadt Damaskus, st\u00fcrzte das Assad-Regime und \u00fcbernahm die Regierungsverantwortung in Syrien. Der Regimewechsel beeinflusste auch die Nahostpolitik von Russland und den USA, die jeweils seit der Zeit des syrischen B\u00fcrgerkrieges noch milit\u00e4rische Pr\u00e4senz in Syrien unterhielten. Vor dem Hintergrund dieser grundlegend ver\u00e4nderten internationalen Rahmenbedingungen meldeten die PKK und ihre syrische Zweigorganisation PYD den Anspruch an, an der politischen Neuordnung Syriens mitzuwirken: \"Sie [die HTS] haben mitgeteilt, dass sie die Kurden nicht angreifen w\u00fcrden. Bisher haben sie dieses Versprechen auch gehalten. Auf der anderen Seite greifen uns die von der T\u00fcrkei kontrollierten Gruppen st\u00e4ndig an. Laut den j\u00fcngsten Erkl\u00e4rungen der HTS sollen alle bewaffneten Kr\u00e4fte in Syrien zusammengeschlossen werden. Wir lehnen das nicht v\u00f6llig ab. Wir wollen auch nicht, dass Syrien zerf\u00e4llt. [...] Wir k\u00f6nnen uns mit [dem HTS-Anf\u00fchrer] Dscholani einigen, wenn die T\u00fcrkei ihre Finger von Syrien nimmt und ihre Spaltungsversuche einstellt.\"68 F\u00fcr die Sicherheitslage in Deutschland bleibt es auf jeden Fall relevant, dass jegliche Bedrohung der Gebietsoder Machtverh\u00e4ltnisse in Rojava geeignet ist, intensive Protestwellen seitens der PKK-Anh\u00e4ngerschaft und solidarischer linker Kreise, z. B. von Defend Kurdistan, in Europa auszul\u00f6sen. 67 ANFdeutsch, 01.12.2024, https://anfdeutsch.com/aktuelles/kcdke-e-im-geist-von-kobane-rojava-verteidigen-44460; zuletzt abgerufen am 03.12.2024 68 ANFdeutsch, 25.12.2024, https://anfdeutsch.com/rojava-syrien/-44783; w\u00f6rtliches Zitat des PYD-Vertreters Salih Muslim aus dem ANF-Artikel \"Salih Muslim: 'Wir sind Teil Syriens und wollen Teil der L\u00f6sung sein\" Seite 182","VIII Extremismus mit Auslandsbezug 3 Mitgliederentwicklung Mitgliederentwicklung im Ph\u00e4nomenbereich Extremismus mit Auslandsbezug in Schleswig-Holstein 2020-2024 2020 2021 2022 2023 2024 Linksextremistische Personen kurdischer 700 700 700 700 700 Volkszugeh\u00f6rigkeit Linksextremistische Personen t\u00fcrkischer 15 15 15 15 15 Volkszugeh\u00f6rigkeit Rechtsextremistische Personen t\u00fcrkischer 400 400 400 400 400 Volkszugeh\u00f6rigkeit Gesamt 1 115 1 115 1 115 1 115 1 115 Seite 183","Seite 184","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr Seite 185","Seite 186","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr 1 \u00dcberblick Ausl\u00e4ndische Nachrichtendienste betreiben mit hohem organisatorischem und finanziellem Aufwand Spionage und Sabotage in Deutschland, denn das politisch gut vernetzte, wissenschaftsund wirtschaftsstarke Deutschland ist ein wichtiges Aufkl\u00e4rungsziel. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Schleswig-Holstein geht aufgrund ihres gesetzlichen Auftrages gem\u00e4\u00df SS 5 Abs. 1 Nr. 2 LVerfSchG jedem Spionageverdacht nach, unabh\u00e4ngig, von welchem Staat er ausgeht. Alle sachund personenbezogenen Informationen \u00fcber sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht im Geltungsbereich des Grundgesetzes werden gesammelt und ausgewertet. Hierbei arbeitet der schleswig-holsteinische Verfassungsschutz in l\u00e4nder\u00fcbergreifenden F\u00e4llen mit dem Bundesamt und den Landes\u00e4mtern f\u00fcr Verfassungsschutz, sowie der Wirtschaft zusammen. Regelm\u00e4\u00dfiger Austausch und Vernetzung gew\u00e4hrleisten eine koordinierte und professionelle Aufgabenerf\u00fcllung. Die schleswig-holsteinische Spionageabwehr ist in folgende Fachbereiche gegliedert und stellt dadurch eine zielgerichtete Bearbeitung ihrer umfangreichen Aufgaben sicher: * Spionageabwehr * Proliferationsbek\u00e4mpfung * Wirtschaftsschutz * Cyberabwehr. Die Intervention ausl\u00e4ndischer Staaten in Deutschland zur Beeinflussung und illegitimen Durchsetzung ihrer Interessen unterhalb der Schwelle einer offenen milit\u00e4rischen Auseinandersetzung wird als hybride Kriegsf\u00fchrung bezeichnet oder insgesamt auch unter dem Begriff der hybriden Bedrohung zusammengefasst. Dabei kommen unterschiedlichste Taktiken zum Einsatz, wie zum Beispiel Desinformationskampagnen und Cyberangriffe. Auch eine Verunsicherung der \u00d6ffentlichkeit z.B. durch Drohnen\u00fcberfl\u00fcge \u00fcber kritischen Infrastrukturen kann Teil einer gezielten hybriden Bedrohung sein. Die Beobachtung und das Berichten \u00fcber entsprechende Aktivit\u00e4ten ist Teil der gemeinsamen Bearbeitung dieses komplexen Themengebietes durch deutsche Sicherheitsbeh\u00f6rden. Insbesondere im Zusammenhang mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat dieses Arbeitsfeld besondere Bedeutung gewonnen (siehe 2.). Die Spionageabwehr Schleswig-Holsteins bearbeitet au\u00dferdem das Thema der Proliferationsbek\u00e4mpfung. Ziel ist die Aufkl\u00e4rung und Verhinderung von Versuchen sogenannter Risikol\u00e4nder, Massenvernichtungswaffen (ABC-Waffen) und deren Tr\u00e4gersysteme zu Seite 187","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr beschaffen. Produkten, welche sowohl zivil, als auch milit\u00e4risch nutzbar sind, kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu (sog. Dual-Use G\u00fcter), da diese vermeintlich einfacher zu beschaffen sind. Aber auch wissenschaftlicher Fortschritt auf anderen Gebieten ist ein begehrtes Aufkl\u00e4rungsziel. Staaten wie der Iran, Nordkorea, Pakistan, Syrien, Russland und China bem\u00fchen sich nach wie vor, entsprechende Produkte, Technologien und wissenschaftliches Know-how zu erlangen. Um Angriffspunkten wie dem Know-how-Transfer mittels Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftlern oder der Umgehung von Exportkontrollen entgegenzuwirken, tragen die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden mit einem Paket an unterschiedlichen Ma\u00dfnahmen dazu bei, derartige Beschaffungsaktivit\u00e4ten aufzukl\u00e4ren und zu verhindern (siehe 3.). Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt der Spionageabwehr in Schleswig-Holstein ist der Wirtschaftsschutz. Eine der Hauptaufgaben in diesem T\u00e4tigkeitsfeld ist es, hiesige Unternehmen vor geheimen, illegalen Informationsabfl\u00fcssen, Manipulationen und Sabotage durch Extremisten oder ausl\u00e4ndische Dienste zu bewahren. Pr\u00e4ventiv informiert und sensibilisiert der Fachbereich Wirtschaftsschutz die Unternehmen \u00fcber die zahlreichen Angriffsm\u00f6glichkeiten und Methoden der Angreifer. Zur Erstellung von entsprechenden Hinweisen und Handlungsempfehlungen werden aktuelle Entwicklungen und neue Tendenzen fortlaufend beobachtet und ausgewertet. Das Pr\u00e4ventionsangebot umfasst die Organisation und Durchf\u00fchrung \u00f6ffentlicher Veranstaltungen zum Thema Wirtschaftsschutz, Gastbeitr\u00e4ge auf Sicherheitskonferenzen bis hin zu Einzelgespr\u00e4chen mit den Unternehmen. Der Fachbereich Wirtschaftsschutz ist durch regelm\u00e4\u00dfigen Austausch und Informationsangebote an die Wirtschaft ein gut vernetzter Ansprechpartner (siehe 4.). Cyberspionage und -sabotage stellen eine besondere Herausforderung im Arbeitsfeld der Spionageabwehr dar. Entsprechende Aktivit\u00e4ten geh\u00f6ren zum Standardwerkzeug zahlreicher Nachrichtendienste. Auch im Berichtsjahr war wieder eine Zunahme der Bedrohungen im Cyberraum zu beobachten. Dazu trugen auch die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine bei. Die \u00dcberpr\u00fcfung von Hinweisen zu m\u00f6glichen elektronischen Angriffen und insbesondere die Sensibilisierung von gef\u00e4hrdeten Unternehmen und \u00f6ffentlichen Einrichtungen in Schleswig-Holstein sind wichtige Aufgaben der Cyberabwehr (siehe 5.). Insgesamt unterst\u00fctzt der Schleswig-Holsteinische Verfassungsschutz in Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder die schleswig-holsteinischen Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Beh\u00f6rden und Verb\u00e4nde pr\u00e4ventiv durch Aufkl\u00e4rung und Information und leistet so einen Beitrag zum Schutz der heimischen Wirtschaft und der inneren Sicherheit. Der fortlaufende Kontakt und Austausch mit Ansprechpartnern aus Beh\u00f6rden, Wirtschaft, Forschung und Milit\u00e4r gew\u00e4hrleistet Seite 188","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr eine effektive und bedarfsorientierte Aufgabenerf\u00fcllung und ist ein stetiges Anliegen der schleswig-holsteinischen Spionageabwehr (siehe 6.). 2 Spionageabwehr Aufgabe der Spionageabwehr ist es, Aktivit\u00e4ten ausl\u00e4ndischer Geheimdienste auf dem Hoheitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland zu identifizieren, deren Methoden zu verstehen und geeignete Gegenma\u00dfnahmen zu ergreifen. Ein wichtiger Baustein, gegen die Bundesrepublik gerichtete ausl\u00e4ndische nachrichtendienstliche Operationen zu verhindern, ist, Verschlusssachen, sensible Einrichtungen und Informationen gegen Spionage und Sabotage, aber auch gegen andere nachrichtendienstliche Bedrohungen zu sch\u00fctzen. Die Bundesrepublik Deutschland ist mit erheblichen und komplexen Bedrohungen durch aggressiv operierende ausl\u00e4ndische Geheimdienste - darunter Russland, die Volksrepublik China, der Iran und Nordkorea - konfrontiert. Dar\u00fcber hinaus beteiligen sich auch andere ausl\u00e4ndische staatliche und nichtstaatliche Akteure aktiv daran, der Bundesrepublik Deutschland, ihrer Bev\u00f6lkerung und ihren Institutionen zu schaden. Aufgrund der geopolitischen Entwicklungen ist die Spionageabwehr ein dynamisches und sich st\u00e4ndig wandelndes Feld. Gesellschaftliche und technologische Ver\u00e4nderungen erfordern es, sich methodisch anzupassen, um den fortentwickelten Spionageaktivit\u00e4ten ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste entgegentreten zu k\u00f6nnen. Auch die hergebrachten Spionagemethoden dienen ausl\u00e4ndischen Nachrichtendiensten als n\u00fctzliche und hilfreiche Informationsquellen. Dazu z\u00e4hlen der Einsatz von Agenten als menschliche Quellen, das Einschleusen von Spionen in sensible und sch\u00fctzenswerte Organisationen oder der Einsatz von technischen Ma\u00dfnahmen wie Cyberangriffen. Die neuen globalen Bedrohungen, z. B. hybride Kriegsf\u00fchrung, haben deutlich gemacht, wie wichtig eine starke Vernetzung zwischen dem milit\u00e4rischen Bereich, den Strafverfolgungsbeh\u00f6rden, den Nachrichtendiensten und der Polizei ist. Hybride Kriegsf\u00fchrung Ist eine breite, komplexe und anpassungsf\u00e4hige Kombination konventioneller und nicht-konventioneller Mittel sowie offener und verdeckter milit\u00e4rischer, paramilit\u00e4rischer und ziviler Ma\u00dfnahmen. Potentielle Spionageziele k\u00f6nnen bereits pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen ergreifen, um potenzielle Bedrohungen und Angriffe ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste fr\u00fchzeitig zu erkennen und zu verhindern, bevor sie Schaden anrichten k\u00f6nnen. Diese zentralen Aspekte der proaktiven Spionageabwehr k\u00f6nnen sein: Seite 189","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr Risikobewertung: Im ersten Schritt ist eine gr\u00fcndliche Analyse der Bedrohungen und m\u00f6glicher Schwachstellen erforderlich. Organisationen sollten regelm\u00e4\u00dfig ihre Sicherheitslage bewerten und potenzielle Angreifer sowie deren Methoden identifizieren. Schulung und Sensibilisierung: Schulung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Sicherheitsfragen, um verd\u00e4chtige Aktivit\u00e4ten zu erkennen und zu melden. Ein starkes Sicherheitsbewusstsein innerhalb der Organisation kann dazu beitragen, InsiderBedrohungen und unabsichtliche Leaks zu minimieren. Technologische Ma\u00dfnahmen: Der Einsatz moderner Technologien, wie z.B. IDS-Systeme (Intrusion Detection Systeme), Firewalls und Verschl\u00fcsselung, kann helfen, unbefugten Zugriff auf sensible Informationen zu erschweren und zu verhindern. \u00dcberwachung und Analyse: Kontinuierliche \u00dcberwachung von Netzwerken und Kommunikationskan\u00e4len erm\u00f6glicht es, Anomalien fr\u00fchzeitig zu erkennen. Die Analyse von Daten kann helfen, Muster zu identifizieren, die auf m\u00f6gliche Spionageaktivit\u00e4ten hindeuten. Zusammenarbeit und Informationsaustausch: Der Austausch von Informationen \u00fcber Bedrohungen und Sicherheitspraktiken mit anderen Organisationen und Beh\u00f6rden kann die Effektivit\u00e4t der Spionageabwehr erh\u00f6hen. Notfallpl\u00e4ne Die Entwicklung, Erprobung und regelm\u00e4\u00dfige Evaluierung von Notfallpl\u00e4nen ist entscheidend, um im Falle eines Sicherheitsvorfalls schnell und effektiv reagieren zu k\u00f6nnen. F\u00fcr den Verfassungsschutzverbund spielt die nationale, aber auch die internationale Zusammenarbeit eine wesentliche Rolle, da viele Bedrohungen grenz\u00fcberschreitend sind. Der fr\u00fchzeitige Austausch von Informationen und Best Practices im Verbund und mit befreundeten ausl\u00e4ndischen Partnerdiensten hilft, potenzielle Risiken fr\u00fchzeitig zu erkennen und gemeinsame sowie hilfreiche Gegenma\u00dfnahmen zu initiieren. Seite 190","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr 2.1 Drohnen\u00fcberfl\u00fcge \u00fcber dem Truppen\u00fcbungsplatz Putlos (Kreis Ostholstein) In den letzten Jahren ist die technologische Entwicklung von Drohnen insbesondere in Bereichen wie Miniaturisierung, Sensorik, Einsatz von K\u00fcnstlicher Intelligenz und Batterietechnologie stark vorangeschritten. Drohnen sind leistungsf\u00e4higer, vielseitiger einsetzbar und kosteng\u00fcnstiger geworden. Auch ausl\u00e4ndische Nachrichtendienste nutzen zunehmend Drohnen f\u00fcr Spionageund Sabotagezwecke. Drohnen bieten eine kosteng\u00fcnstige und effektive M\u00f6glichkeit, Informationen zu sammeln, \u00dcberwachungen durchzuf\u00fchren und sogar gezielte Angriffe auszuf\u00fchren, ohne dass menschliche Agenten direkt involviert sind. So k\u00f6nnen schwer zug\u00e4ngliche Gebiete \u00fcberwacht und sensible Informationen erfasst werden. Die Entwicklung und der Einsatz solcher Technologien bergen daher gro\u00dfe Gefahren f\u00fcr die Sicherheit von sch\u00fctzenswerten Einrichtungen auch auf schleswig-holsteinischem Territorium. Mit den zahlreichen Vorteilen geht auch eine Vielzahl an Risiken einher: Drohnen k\u00f6nnen unbemerkt in sensiblen Luftraum gelangen, z. B. \u00fcber kritischen Infrastrukturen wie Wasserund Energieversorgern, Kommunikationsnetzen, aber auch Verkehrssystemen, die f\u00fcr das Funktionieren der Infrastruktur unerl\u00e4sslich sind. F\u00fcr die Spionageabwehr ist dies zunehmend ein relevantes Thema, insbesondere im Kontext von m\u00f6glichen Spionageund Sabotageaktivit\u00e4ten. Der seit Februar 2022 andauernde Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine stellt auch Deutschland immer wieder vor neue Aufgaben und Herausforderungen. Als Zeichen der Solidarit\u00e4t und der Unterst\u00fctzung liefert Deutschland nicht nur Waffen in die Ukraine, sondern bildet hierzulande auch deren Soldatinnen und Soldaten an westlichen Waffensystemen aus. Seit Ausbruch des Krieges werden auf dem Truppen\u00fcbungsplatz im schleswig-holsteinischen Putlos zahlreiche Angeh\u00f6rige der ukrainischen Armee ausund fortgebildet. Seit Bekanntwerden wurden am Standort in Putlos eine Reihe von Drohnen\u00fcberfl\u00fcgen unbekannter Herkunft registriert. Es steht zu vermuten, dass russische Nachrichtendienste diese Technik f\u00fcr Aussp\u00e4hungsaktivit\u00e4ten auf dem Truppen\u00fcbungsplatz genutzt haben. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnten die Drohnen\u00fcberfl\u00fcge dazu gedient haben, die Mobilfunkdaten der Ukrainerinnen und Ukrainer auszusp\u00e4hen. \u00c4hnlich gelagerte Sachverhalte wurden au\u00dferdem auf Truppen\u00fcbungspl\u00e4tzen in anderen Bundesl\u00e4ndern (Rheinland-Pfalz und Bayern) festgestellt. Auch dort hielten sich Angeh\u00f6rige der ukrainischen Armee zu Ausbildungsma\u00dfnahmen auf. Seite 191","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr 2.2 Drohnen\u00fcberfl\u00fcge \u00fcber dem ChemCoast Park in Brunsb\u00fcttel (Kreis Dithmarschen) Im August des Berichtsjahres wurden vermehrt Drohnen\u00fcberfl\u00fcge unbekannter Herkunft \u00fcber dem Industrieareal ChemCoast Park Brunsb\u00fcttel festgestellt. Die Drohnen flogen mit hoher Geschwindigkeit und in gro\u00dfer H\u00f6he \u00fcber die Anlagen kritischer Infrastruktur, darunter ein Kernkraftwerk und ein LNG-Terminal. Bei den \u00dcberfl\u00fcgen konnten frei im Handel erh\u00e4ltliche Drohnen aber auch sogenannte Starrfl\u00fcgler identifiziert werden. Ob diese Drohnen\u00fcberfl\u00fcge Russland zuzuschreiben sind, ist derzeit ungekl\u00e4rt. Denkbare Absichten k\u00f6nnten sein, wichtige Informationen \u00fcber Deutschlands F\u00e4higkeit zur Drohnenabwehr oder zu m\u00f6glicherweise vorhandenen Schwachstellen zu erlangen. Der Einsatz von Drohnen kann auch Verunsicherung und Besorgnis innerhalb der Bev\u00f6lkerung hervorrufen, dass unsere kritischen Infrastrukturen nicht ausreichend gesch\u00fctzt sein k\u00f6nnten. Die Staatsanwaltschaft Flensburg hat deshalb Ermittlungen wegen des Verdachts der Agentent\u00e4tigkeit zu Spionageund Sabotagezwecken eingeleitet. Diese Vorkommnisse f\u00fchren zu verst\u00e4rkten Sicherheitsma\u00dfnahmen an Flugh\u00e4fen, Hafenanlagen sowie an weiteren lebenswichtigen Einrichtungen. Regierungen und Unternehmen erarbeiten entsprechende Sicherheitsl\u00f6sungen, die von der Entwicklung von Abwehrsystemen bis hin zu gesetzlichen Regelungen reichen. 3 Proliferationsbek\u00e4mpfung Als Proliferation bezeichnet man die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, so genannte ABC - Waffen (atomare, biologische, chemische Waffen) bzw. der zu ihrer Herstellung verwendeten Produkte, einschlie\u00dflich des daf\u00fcr erforderlichen Know-hows sowie von entsprechenden Waffentr\u00e4gersystemen. Die Proliferationsbek\u00e4mpfung umfasst Ma\u00dfnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Aufgabe des Verfassungsschutzes ist es hierbei, Aktivit\u00e4ten, die mit der Proliferation in Verbindung stehen k\u00f6nnten, zu \u00fcberpr\u00fcfen. Solche Aktivit\u00e4ten k\u00f6nnen Beschaffungsbem\u00fchungen fremder Staaten f\u00fcr entsprechende sensitive G\u00fcter sein. Aber auch die Finanzierung solcher Beschaffungsgesch\u00e4fte ist ein wesentlicher Bestandteil der Proliferationsaktivit\u00e4ten. Proliferateure nutzen h\u00e4ufig Schwachstellen (Rechtsl\u00fccken, komplexe Unternehmensstrukturen, falsche Dokumentationen, Einsatz von Kryptow\u00e4hrungen) aus, um Gelder zu beschaffen und zu verschieben und finanzielle Seite 192","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr Transaktionen durchzuf\u00fchren. Geeignete pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen von Finanzbeh\u00f6rden, u. a. die st\u00e4rkere \u00dcberwachung von Finanzstr\u00f6men, Datenanalyse und Risikobewertung erschweren es den Proliferateuren, Gelder zu beschaffen und zu verschieben, wodurch die Kapazit\u00e4t der Proliferationsnetzwerke verringert wird. Gerade finanzielle Informationen liefern eine Vorwarnung vor Versuchen, sensible G\u00fcter und Materialien illegal zu transferieren. Auf der Grundlage von Meldungen verd\u00e4chtiger Transaktionen durch Finanzinstitute k\u00f6nnen Transporte entdeckt und unterbunden werden. Jede Warenbewegung ist an eine Finanztransaktion gekoppelt. Entsprechende Finanzermittlungen k\u00f6nnen somit die Geldstr\u00f6me verfolgen, um hinter die Erkl\u00e4rungen zu schauen, Proliferationsnetzwerke zu analysieren und Vermittler zu identifizieren. Diese gewonnenen Informationen helfen den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden bei der Aufdeckung und Enttarnung von entsprechenden Beschaffungsnetzwerken. Auch Unternehmen aus Schleswig-Holstein d\u00fcrften im Fokus von Proliferationsnetzwerken stehen, insbesondere aufgrund ihrer technologischen Expertise und der Verf\u00fcgbarkeit von Dual-Use G\u00fctern (Produkte, die sowohl f\u00fcr zivile als auch milit\u00e4rische Zwecke verwendet werden k\u00f6nnen). Schleswig-Holstein ist bekannt f\u00fcr seine fortschrittlichen Technologien in Bereichen wie Maschinenbau, erneuerbarer Energien, Maritimer Wirtschaft und der R\u00fcstungsindustrie. Diese Technologien k\u00f6nnen potenziell f\u00fcr die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen oder deren Tr\u00e4gersystemen genutzt werden. Um sich vor diesen Risiken zu sch\u00fctzen, sollten deutsche Unternehmen proaktive Ma\u00dfnahmen ergreifen, einschlie\u00dflich der Implementierung robuster Compliance-Programme, Schulungen zur Sensibilisierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sorgf\u00e4ltiger \u00dcberpr\u00fcfung von Gesch\u00e4ftspartnern und Lieferketten. Oftmals werden die wahren proliferationsrelevanten Absichten ihrer Gesch\u00e4ftspartner verschleiert, so dass die Gefahr besteht, sich strafbar zu machen, wenn Liefervertr\u00e4ge abgeschlossen werden. Der Fachbereich der Spionageabwehr des schleswig-holsteinischen Verfassungsschutzes unterst\u00fctzt die heimischen Industrieunternehmen dabei, das notwendige Problembewusstsein zu sch\u00e4rfen und m\u00f6gliche Risiken zu minimieren. 3.1 Gastwissenschaftler Die Zusammenarbeit mit Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftlern aus sensitiven Staaten wie Iran, Syrien, Pakistan, Nordkorea und China kann f\u00fcr Forschungseinrichtungen und wissenschaftliche Institutionen verschiedene Risiken mit sich bringen. Diese Risiken sind insbesondere relevant, wenn es um Forschung in Bereichen geht, die potenziell f\u00fcr milit\u00e4rische Anwendungen oder die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen genutzt werden k\u00f6nnen. Dabei k\u00f6nnen die nachfolgend aufgef\u00fchrten Aspekte f\u00fcr Forschungseinrichtungen und wissenschaftliche Institutionen gefahrentr\u00e4chtig sein: Seite 193","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr Know-how-Transfer/Spionagegefahr: Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler k\u00f6nnten versuchen, vertrauliche Informationen oder sch\u00fctzenswerte Technologien zu stehlen, die f\u00fcr ihre Herkunftsl\u00e4nder von strategischem Interesse sind. Dies k\u00f6nnte insbesondere die Bereiche Technologie, Verteidigung und Biowissenschaften betreffen. Missbrauch von Forschungsergebnissen Ergebnisse aus Forschungsprojekten k\u00f6nnten in Produkten oder Entwicklungen verwendet werden, die z.B. gegen internationale Abkommen zur Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen versto\u00dfen. Sicherheitsrisiken: Die Anwesenheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus L\u00e4ndern mit fragw\u00fcrdigen Menschenrechtspraktiken oder milit\u00e4rischen Expansionsambitionen kann Sicherheitsbedenken aufwerfen, sowohl f\u00fcr die Institution als auch f\u00fcr andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Rechtliche und regulatorische Herausforderungen: In der Zusammenarbeit mit Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftlern aus sensitiven L\u00e4ndern (Nordkorea, Iran, Syrien, Pakistan und China) sind rechtliche Regularien zu beachten, insbesondere im Hinblick auf Exportkontrollen und nationale Sicherheitsvorschriften. Rufsch\u00e4digung: Sollte eine Forschungseinrichtung oder eine wissenschaftliche Institution in einen Skandal verwickelt werden, der mit der Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sensiblen Staaten zusammenh\u00e4ngt, k\u00f6nnte dies das Ansehen der Institution erheblich sch\u00e4digen und zu einem Verlust des Vertrauens bei Partnern und F\u00f6rderern f\u00fchren. Um diese Risiken zu minimieren, sollten Forschungseinrichtungen oder wissenschaftliche Institutionen strenge Auswahlkriterien f\u00fcr Gastwissenschaftlerinnen oder Gastwissenschaftler festlegen, umfassende Hintergrundpr\u00fcfungen durchf\u00fchren, sowie klare Richtlinien f\u00fcr den Umgang mit sensiblen Technologien und Informationen implementieren. Zudem ist es wichtig, Schulungen zur Sensibilisierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzubieten und ein Bewusstsein f\u00fcr damit einhergehende Gefahren zu schaffen. Seite 194","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr 3.2 Grundlagenforschung Auch die wissenschaftliche Grundlagenforschung, die oft in Bereichen wie Physik, Chemie, Biologie und Ingenieurwissenschaften durchgef\u00fchrt wird, kann ein Ziel f\u00fcr Spionageaktivit\u00e4ten sein, denn gerade Grundlagenforschung kann zu Entdeckungen f\u00fchren, die f\u00fcr Unternehmen oder Staaten von strategischem Interesse sind. Viele Ergebnisse aus der Grundlagenforschung k\u00f6nnen sowohl f\u00fcr zivile als auch f\u00fcr milit\u00e4rische Anwendungen genutzt werden. Dies macht sie besonders attraktiv f\u00fcr Akteure, die an milit\u00e4rischen Technologien interessiert sind. Die globale Anwendbarkeit wissenschaftlicher Forschungsergebnisse f\u00fchrt oft zu Kooperationen zwischen Institutionen aus verschiedenen L\u00e4ndern. Dies kann das Risiko erh\u00f6hen, dass sensible Informationen in L\u00e4nder gelangen, die m\u00f6glicherweise nicht die gleichen ethischen Standards oder Sicherheitsvorkehrungen haben. Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler oder Forscherinnen und Forscher aus sensitiven Staaten mit weniger strengen Exportkontrollen k\u00f6nnten versuchen, Zugang zu sensiblen Daten oder Technologien zu erhalten, um diese f\u00fcr eigene Zwecke zu nutzen. Dies kann auch durch Cyberangriffe geschehen, bei denen versucht wird, vertrauliche Daten zu stehlen. Diese Angriffe k\u00f6nnen sowohl von staatlichen Akteuren als auch kriminellen Organisationen ausgehen. In vielen F\u00e4llen sind Forscherinnen und Forscher m\u00f6glicherweise nicht ausreichend \u00fcber die Risiken informiert oder geschult, was dazu f\u00fchren kann, dass sie unbewusst sensible Informationen preisgeben oder unsichere Praktiken anwenden. Um das Risiko von Spionage im Bereich der Grundlagenforschung zu minimieren, sollten Forschungseinrichtungen und wissenschaftliche Institutionen daher die Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz und anderen Sicherheitsbeh\u00f6rden intensivieren, um sich \u00fcber m\u00f6gliche Schwachstellen und das Erfordernis, diese zu beseitigen, klar zu werden. Der Verfassungsschutz in Schleswig-Holstein hat im Berichtsjahr mit 22 durchgef\u00fchrten Sensibilisierungsma\u00dfnahmen bei Forschungseinrichtungen und wissenschaftlichen Institutionen zu einer Erh\u00f6hung des entsprechenden Problembewusstseins beigetragen. 4 Wirtschaftsschutz und Wirtschaftsspionage Neben guten Hafenanbindungen sowie der r\u00e4umlichen N\u00e4he zu Hamburg und den skandinavischen L\u00e4ndern bilden die Landwirtschaft, die maritime Wirtschaft, die erneuerbaren Energien sowie die Forschungsund Entwicklungslandschaft in Schleswig-Holstein eine ideale Grundlage f\u00fcr einen interessanten Wirtschaftsstandort. In der Vergangenheit hat sich deshalb im n\u00f6rdlichsten deutschen Bundesland eine zunehmend repr\u00e4sentative Hochtechnologielandschaft entwickelt, die im internationalen Ausland gro\u00dfes Ansehen genie\u00dft, aber auch Begehrlichkeiten weckt, wenn es um das Absch\u00f6pfen von Know-how geht. Seite 195","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr Der pr\u00e4ventive Wirtschaftsschutz des Verfassungsschutzes ist ein wichtiger Ansprechpartner f\u00fcr die Wirtschaftsunternehmen in Schleswig-Holstein, da besonders der Mittelstand in einer globalisierten Welt zunehmend internationalen Risiken ausgesetzt ist. Die Kernaufgabe des Verfassungsschutzes im Bereich des Wirtschaftsschutzes besteht darin, die wirtschaftlichen Interessen und die Sicherheit von Unternehmen und Institutionen vor Bedrohungen zu sch\u00fctzen, die aus extremistischen, terroristischen oder nachrichtendienstlichen Aktivit\u00e4ten resultieren k\u00f6nnen. Einige spezifische Aspekte dieser Aufgabe sind: 1. Fr\u00fchzeitige Identifikation von Bedrohungen: Der Verfassungsschutz beobachtet und analysiert potenzielle Bedrohungen f\u00fcr die Wirtschaft, einschlie\u00dflich Spionage, Sabotage und andere kriminelle Aktivit\u00e4ten, die von extremistischen Gruppen oder ausl\u00e4ndischen Staaten ausgehen k\u00f6nnen. 2. Informationsbeschaffung und -analyse: Der Verfassungsschutz sammelt Informationen \u00fcber Aktivit\u00e4ten, die die wirtschaftliche Sicherheit gef\u00e4hrden k\u00f6nnten und wertet diese aus, um Unternehmen und die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber Risiken zu informieren. 3. Beratung und Unterst\u00fctzung: Der Verfassungsschutz bietet Unternehmen und Institutionen Beratung und Unterst\u00fctzung an, um sie \u00fcber Sicherheitsma\u00dfnahmen und Strategien zur Risikominderung aufzukl\u00e4ren. Dies kann Schulungen, Workshops, Fachvortr\u00e4ge und Informationsmaterialien umfassen. 4. Zusammenarbeit mit anderen Beh\u00f6rden: Der Verfassungsschutz arbeitet eng mit anderen nationalen und internationalen Sicherheitsbeh\u00f6rden, Wirtschaftsverb\u00e4nden und Unternehmen zusammen, um Informationen auszutauschen und gemeinsame Strategien zur Bek\u00e4mpfung von Bedrohungen zu entwickeln. 5. Pr\u00e4vention von Wirtschaftsspionage: Eine zentrale Aufgabe ist die Pr\u00e4vention von Wirtschaftsspionage, bei der vertrauliche Informationen und Technologien von Unternehmen gestohlen werden. Der Verfassungsschutz hilft, geeignete Schutzma\u00dfnahmen zu entwickeln. 6. Monitoring von extremistischen Aktivit\u00e4ten: Der Verfassungsschutz \u00fcberwacht extremistische Gruppen und deren Aktivit\u00e4ten, die potenziell die wirtschaftliche Stabilit\u00e4t und Sicherheit gef\u00e4hrden k\u00f6nnten und ergreift Ma\u00dfnahmen, um diesen Bedrohungen zu begegnen. 7. Sensibilisierung der Wirtschaft: Der Verfassungsschutz f\u00f6rdert das Bewusstsein f\u00fcr Sicherheitsrisiken in der Wirtschaft und ermutigt Unternehmen proaktive Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um sich vor Bedrohungen zu sch\u00fctzen. Seite 196","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr Durch diese Ma\u00dfnahmen tr\u00e4gt der Verfassungsschutz dazu bei, die wirtschaftliche Sicherheit Deutschlands / Schleswig-Holsteins zu gew\u00e4hrleisten und die Integrit\u00e4t von Unternehmen und Institutionen zu sch\u00fctzen. Ausl\u00e4ndische Nachrichtendienste nutzen Wirtschaftsspionage hingegen zur illegalen Beschaffung von vertraulichen Informationen eines Unternehmens durch Dritte, oft mit dem Ziel, Wettbewerbsvorteile f\u00fcr deren heimische Unternehmen zu erlangen. Dies kann durch verschiedene Methoden geschehen, wie z.B. durch den Einsatz von technischen Ma\u00dfnahmen wie zielgerichteten Cyberangriffen, das Abh\u00f6ren von Telekommunikationsund Informationskan\u00e4len oder auch das Aussp\u00e4hen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ein weiteres Mittel fremder Nachrichtendienste, an Informationen zu kommen, ist nach wie vor, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem Unternehmen zu einer m\u00f6glichen Zusammenarbeit anzuwerben (Innent\u00e4ter). 4.1 \u00dcberregionale Wirtschaftsschutzkonferenz in Bremen durchgef\u00fchrt Ein weiteres Instrument in der Bek\u00e4mpfung von Wirtschaftsspionage durch ausl\u00e4ndische Nachrichtendienste ist der Zusammenschluss und die Abhaltung von gemeinsamen Wirtschaftsschutzkonferenzen. Zusammen mit den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und dem Gastgeber in Bremen, dem Wirtschaftsschutzreferat des BfV, sowie dem Sicherheitsverband Allianz f\u00fcr Sicherheit in der Wirtschaft Norddeutschland e.V., fand am 16. April in Bremen eine Wirtschaftsschutzkonferenz statt. Die anwesenden 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden vor Ort \u00fcber die aktuellen Herausforderungen des Wirtschaftsschutzes informiert. Aufgrund des positiven Anklangs wird das Veranstaltungsformat auch im Jahr 2025 angeboten werden. 4.2 Rheinmetall Entwaffnen-Camp in Kiel Unter dem Motto \"Kiel entwaffnen - R\u00fcstungsindustrie versenken\" haben Antimilitaristinnen und Antimilitaristen aus verschiedenen L\u00e4ndern in der Zeit vom 03. bis 08. September ein Protestcamp in Kiel-Gaarden ausgerichtet, mit dem Ziel, auf die Problematik der R\u00fcstungsproduktion und deren Auswirkung auf globale bewaffnete Konflikte aufmerksam zu machen. Dabei sollte gezielt gegen die in der Landeshauptstadt Kiel ans\u00e4ssigen Milit\u00e4rund R\u00fcstungsunternehmen vorgegangen werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Protestcamps forderten eine Abr\u00fcstung und eine friedliche Konfliktl\u00f6sung. Beim letzten Protestcamp 2022 in Kassel kam es zu gr\u00f6\u00dferen Ausschreitungen von Aktivistinnen und Aktivisten des B\u00fcndnisses \"Rheinmetall entwaffnen\". Aufgrund dieser Erfahrungen ging der Wirtschaftsschutz des Verfassungsschutzes in Schleswig-Holstein im Vorfeld des Protestcamps proaktiv auf die betroffenen UnternehSeite 197","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr men zu und sensibilisierte die Firmenverantwortlichen entsprechend. Ziel war es, auf die mit dem Protestcamp einhergehenden Gefahren hinzuweisen, sowie m\u00f6gliche und effektive Schutzma\u00dfnahmen aufzuzeigen. Dieses Ziel wurde erreicht: letztlich f\u00fchrte das Zusammenspiel von Hinweisen des Verfassungsschutzes, eigenverantwortlichen Sicherungsma\u00dfnahmen der Firmen und konsequenter Polizeiarbeit dazu, dass allen Unternehmen und deren Personal gravierende Sch\u00e4den erspart blieben. 5 Cyberabwehr Im Rahmen der Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder erhielt der Fachbereich Cyberabwehr des Verfassungsschutzes in Schleswig-Holstein auch im Berichtsjahr wieder Hinweise auf Verdachtsf\u00e4lle von Wirtschaftsspionage und -sabotage durch elektronische Angriffe (Cyberangriffe) auf Unternehmen, Beh\u00f6rden und Bildungseinrichtungen aus Schleswig-Holstein. Diese Hinweise wurden gepr\u00fcft und die Betroffenen im Rahmen des gesetzlichen Auftrages informiert bzw. sensibilisiert. Cyberangriffe Als Cyberangriffe werden gezielt durchgef\u00fchrte Ma\u00dfnahmen mit und gegen Infrastrukturen der Informationstechnologie (IT) bezeichnet. Cyberangriffe werden sowohl von Cyberkriminellen, als auch durch fremde Nachrichtendienste oder in deren Auftrag ausgef\u00fchrt. Lt. der Bitkom-Studie \"Wirtschaftsschutz 2024\"69 haben sich im Berichtsjahr die prozentualen Anteile ausl\u00e4ndischer nachrichtendienstlicher Angriffe am Gesamtaufkommen in Deutschland im Vergleich zu den letzten zwei Vorjahren mehr als verdoppelt bzw. sogar fast verdreifacht. Verschiedene staatlich gesteuerte Hackerund APT-Gruppierungen f\u00fchren diese Angriffe durch und nutzen die erbeuteten Daten f\u00fcr ihre Zwecke, wie z. B. f\u00fcr Spionage, Sabotage, Manipulation, Desinformationskampagnen und Devisenbeschaffung. Solche Angriffe fallen in den Zust\u00e4ndigkeitsbereich der Cyberabwehr des Verfassungsschutzes. APT (Advanced Persistent Threat) APT (Advanced Persistent Threat, \u00fcbersetzt: fortgeschrittene andauernde Bedrohung) bezeichnet nach der Definition des BSI gut ausgebildete, typischerweise staatlich gesteuerte Angreifer, die zum Zweck der Spionage oder Sabotage \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg sehr gezielt ein Netz oder System angreifen, sich unter Umst\u00e4nden darin bewegen und/oder ausbreiten und so Informationen sammeln oder Manipulationen vornehmen. 69 https://www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Studie-Wirtschaftsschutz Seite 198","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr Der Verfassungsschutz Schleswig-Holsteins f\u00fchrte im Berichtsjahr zahlreiche Sensibilisierungsgespr\u00e4che und Vortragsveranstaltungen durch, um auf die Gefahren von Cyberangriffen durch staatlich gesteuerte Akteure hinzuweisen und f\u00fcr die Methoden der Angreifer zu sensibilisieren. 5.1 Aktivit\u00e4ten ausl\u00e4ndischer Dienste: DDoS-Angriffe Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine finden in Deutschland vermehrt Cyberangriffe auf staatliche Stellen und Wirtschaftsunternehmen statt. Im Berichtsjahr erregten besonders sogenannte DDoS-Angriffe immer wieder die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit. \u00dcberlastungsangriffe (DDoS - Distributed Denial of Service) Bei \u00dcberlastungsangriffen (DDoS - Distributed Denial of Service) wird ein Server gezielt mit so vielen Anfragen geflutet, dass das angegriffene System die Aufgaben nicht mehr bew\u00e4ltigen kann und im schlimmsten Fall einen Systemabsturz erleidet. Bei einem DDoS-Angriff kommen anstelle von einzelnen Systemen eine Vielzahl von unterschiedlichen Systemen in einem gro\u00dffl\u00e4chig koordinierten Angriff zum Einsatz. Durch eine hohe Anzahl der gleichzeitig angreifenden Rechner, sind die Angriffe besonders wirksam. In der Folge sind die angegriffenen Server mit ihren Internetseiten oder -diensten nicht mehr erreichbar. Die Auswirkungen der Angriffe sind allerdings nur von begrenzter Dauer und sie hinterlassen in der Regel keine bleibenden Sch\u00e4den an den angegriffenen IT-Infrastrukturen. In diesem Zusammenhang hatten im Dezember des Berichtsjahres Angreiferinnen und Angreifer mit russischem Hintergrund offenbar durch eigene Meldungen auf Social-Media ihre vermeintlichen Erfolge deutlich \u00fcbertrieben und \u00fcberzogen dargestellt. So waren lt. \u00f6ffentlicher Berichterstattung beispielsweise bei zwei vermeintlich erfolgreich angegriffenen Bundesbeh\u00f6rden (Die Bundesbeauftragte f\u00fcr Datenschutz und Informationsfreiheit, Bundesnetzagentur) noch nicht einmal Auswirkungen des Angriffs bemerkt worden. Im Gegensatz zum vorherigen Jahr entfalteten DDoS-Angriffe im Berichtsjahr in Schleswig-Holstein keine relevante Wirkung. 5.2 Aktivit\u00e4ten ausl\u00e4ndischer Dienste: Phishing In den letzten Jahren konnte stetig eine Zunahme von Phishing-Angriffen beobachtet werden und dieser Trend h\u00e4lt lt. dem Bericht des BSI zur \"Lage der IT-Sicherheit in Deutschland 2024\"70 weiter an. Dies ist aus Sicht der Angreiferinnen und Angreifer durchaus verst\u00e4ndlich, denn der Aufwand ist gering und die Anwendungsbreite hoch. 70 https://www.bsi.bund.de/DE/Service-Navi/Publikationen/Lagebericht/lagebericht_node.html Seite 199","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr Auch in Schleswig-Holstein ist von einer zahlreichen Nutzung dieser Angriffsmethode durch fremde Nachrichtendienste auszugehen. Die am weitesten verbreitete Methode ist dabei das E-Mail-Phishing. Die Angreiferinnen und Angreifer f\u00e4lschen daf\u00fcr den Absender der E-Mail, um ihr Legitimit\u00e4t zu verleihen. H\u00e4ufig werden daf\u00fcr E-Mailadressen von bekannten IT-Dienstleistern und Serviceanbietern verwendet. Die gef\u00e4lschten E-Mails werden immer professioneller. Sie enthalten eine pers\u00f6nliche Anrede und sehen den echten E-Mails der seri\u00f6sen Anbieter t\u00e4uschend \u00e4hnlich. Phishing Unter Phishing versteht man den Diebstahl pers\u00f6nlicher, vertraulicher Daten, durch gef\u00e4lschte E-Mails, Textnachrichten, Telefonanrufe oder Websites. Dabei orientieren sich die Angreiferinnen und Angreifer oft an aktuellen Ereignissen oder Themen, die Verunsicherung bei den Empf\u00e4ngerinnen und Empf\u00e4ngern ausl\u00f6sen sollen. Beim E-Mail-Phishing wird oft ein Vorwand wie Datenschutzanfragen, Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen, Service\u00e4nderungen, Datenaktualisierung oder Kontoeinschr\u00e4nkungen genutzt, der die Empf\u00e4ngerin oder den Empf\u00e4nger dazu verleiten soll, auf den, in der E-Mail enthaltenen, malizi\u00f6sen Anhang oder Link zu klicken. In diesem Anhang befindet sich Schadsoftware, welche durch den Klick zur Ausf\u00fchrung kommt. Beim Klick auf einen malizi\u00f6sen Link werden die Empf\u00e4ngerinnen und Empf\u00e4nger beispielsweise auf pr\u00e4parierte Webseiten geleitet, um dort vertrauliche Daten wie Logins und Passw\u00f6rter zum angeblichen Zweck der Aktualisierung ihrer Kundendaten einzugeben. Auf diese Weise verschafft sich die Angreiferin oder der Angreifer dann Zugriff auf die pers\u00f6nlichen Daten der Empf\u00e4ngerin oder des Empf\u00e4ngers. In den E-Mails wird h\u00e4ufig damit gedroht, dass ansonsten eine Sperrung des Kundenkontos innerhalb eines kurzen Zeitraums erfolgen werde. So soll bei den Empf\u00e4ngern ein Handlungsdruck erzeugt werden, damit diese ohne vorherige \u00dcberpr\u00fcfung auf den entsprechenden Anhang oder Link klicken. Phishing ist aktuell die h\u00e4ufigste Methode f\u00fcr Cyberangriffe. Lt. dem BSI Lagebericht71 wurde eine Zunahme von Phishing-Angriffen unter missbr\u00e4uchlicher Nutzung von Markennamen bekannter Streamingdienste beobachtet. Inhaltlich wurden dabei unerlaubtes Accountsharing, \u00c4nderung von Preisen, Nutzungsund Zahlungsbedingungen thematisiert. Aufgrund der allgegenw\u00e4rtigen Pr\u00e4senz dieser Themen in Medien und Gesellschaft war die Arglosigkeit der Opfer hoch und die Angriffskampagnen entsprechend erfolgreich. Unter anderem ist der Zuwachs erfolgreicher Phishing-Angriffe im Berichtszeitraum lt. dem BSI auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren. 71 https://www.bsi.bund.de/DE/Service-Navi/Publikationen/Lagebericht/lagebericht_node.html Seite 200","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr Folgen eines erfolgreichen Phishing-Angriffs k\u00f6nnen sein, dass die erbeuteten Zugangsdaten f\u00fcr weitere Angriffe, z.B. den Versand weiterer Phishing-Mails vom E-Mailkonto des Opfers aus, verwendet werden. E-Mails m\u00fcssen demnach nicht zwangsl\u00e4ufig vertrauensw\u00fcrdig sein, wenn man glaubt, den Absender oder die Absenderin der E-Mail zu kennen, weil es sich um die E-Mailadresse einer Freundin, eines Freundes oder einer Kollegin, eines Kollegen handelt. Dar\u00fcber hinaus kann das erbeutete E-Mail-Konto zur Erlangung des Zugriffs auf weitere Internetdienste und -services des Opfers genutzt werden (z.B. Zahlungsdienste, digitale Marktpl\u00e4tze oder soziale Medien). Dies ist insbesondere dann m\u00f6glich, wenn dort die gehackte E-Mailadresse als R\u00fccksetzadresse f\u00fcr das Passwort hinterlegt ist. Im Fokus stehen \u00fcberwiegend politische Mandatstr\u00e4gerinnen und Mandatstr\u00e4ger, Unternehmensmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, sowie Kundinnen und Kunden von Banken, Bezahlsystemen und Online-H\u00e4ndlern. Ferner werden erbeutete sensible Daten der Opfer mitunter f\u00fcr weitere Aktivit\u00e4ten, wie den Datenhandel im Darknet missbraucht. Diese Entwicklungen zeigen, dass B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, Beh\u00f6rden und Unternehmen gut beraten sind, geeignete Vorkehrungen zu treffen, um erfolgreiche Angriffe auf ihre Daten und Systeme zu vermeiden oder aber im Ernstfall vorbereitet zu sein, um nicht ausgeliefert und kopflos, sondern planvoll und besonnen zu handeln. Daf\u00fcr empfiehlt sich beispielsweise ein geeignetes Risikomanagement sowie eine Notfallplanung. Risikomanagement und Notfallplan Risikomanagement zielt darauf ab, Risiken zu identifizieren, zu bewerten, zu bearbeiten und zu \u00fcberwachen. Daf\u00fcr muss zun\u00e4chst analysiert werden, in welchen Bereichen akute Risiken bestehen und wo jeweils die wichtigen und sensiblen Bereiche liegen. Oftmals ist es beispielsweise das bestehende Know-how, welches den Wert eines Unternehmens ausmacht und daher besonders sch\u00fctzenswert ist. Nachdem die wichtigsten G\u00fcter identifiziert sind, k\u00f6nnen Ma\u00dfnahmen ergriffen werden, um diese Teile besonders zu sch\u00fctzen oder abzusichern. Solche Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnen sehr vielf\u00e4ltig sein und m\u00fcssen regelm\u00e4\u00dfig dahingehend \u00fcberpr\u00fcft werden, ob sie noch effektiv sind oder an einen ver\u00e4nderten Schutzbedarf angepasst werden m\u00fcssen. Beispiele k\u00f6nnen die Einrichtung technischer Analyseverfahren, die Festlegung von Meldewegen oder eine sehr restriktive Handhabung bei der Vergabe von Berechtigungen und Zug\u00e4ngen in der Unternehmens-IT sein. Im Rahmen eines Notfallplans sollte au\u00dferdem vorher m\u00f6glichst genau festgelegt werden, welche Ma\u00dfnahmen im Falle eines Cyberangriffs zu treffen sind, um ein planvolles Handeln im Ernstfall sicherzustellen. Seite 201","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr 5.3 IT-Worker aus Nordkorea Im Oktober des Berichtsjahres warnte das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV) mit dem \"Sicherheitshinweis f\u00fcr die Wirtschaft 02/2024\" vor dem Einsatz getarnter IT-Fachkr\u00e4fte aus Nordkorea, die ihre Dienste durch Telearbeit weltweit anbieten. Als Teil offensiver Cyberoperationen der nordkoreanischen Nachrichtendienste ist deren Hauptziel die Devisenbeschaffung f\u00fcr das eigene Regime. Hintergrund des Hinweises ist die weltweite Feststellung eines erh\u00f6hten Aufkommens von nordkoreanischen IT-Fachkr\u00e4ften in der Wirtschaft, welche ihre Besch\u00e4ftigung durch gef\u00e4lschte Identit\u00e4ten erlangt haben. So werden bei der Bewerbung gef\u00e4lschte oder gestohlene Daten und Dokumente (Adressen, P\u00e4sse, Zeugnisse), sowie gestohlene oder durch KI-Programme oder Bildbearbeitungssoftware manipulierte Bilder verwendet. Ihr nordkoreanischer Standort wird gegen\u00fcber den Auftraggebern durch die Nutzung von virtuellen privaten Netzwerken (VPN) oder Proxy Accounts professionell verschleiert. Flankierend werden Fake-Profile auf g\u00e4ngigen Social-Media-Plattformen und Messenger-Diensten zur Steigerung der Glaubw\u00fcrdigkeit gepflegt. Die Gefahren beim Einsatz solcher IT-Fachkr\u00e4fte liegen in deren tiefgehendem Einblick in Firmen Know-how und der M\u00f6glichkeit zur Manipulation und Sabotage. So wurde bereits mit der Ver\u00f6ffentlichung von unternehmensinternem Quelltext gedroht oder direkt nach Erhalt der Arbeitsmittel Schadsoftware im Unternehmensnetzwerk platziert. Unabh\u00e4ngig von der Eigengef\u00e4hrdung sollten sich Unternehmen dar\u00fcber im Klaren sein, dass sie mit der Besch\u00e4ftigung nordkoreanischer IT-Fachkr\u00e4fte direkt das Regime bei der Devisenbeschaffung unterst\u00fctzen und damit mittelbar zur Finanzierung des nordkoreanischen Nuklearund Raketenprogramms beitragen. In diesem Zusammenhang k\u00f6nnen Reputationsverluste bei Bekanntwerden auftreten oder sogar juristische Konsequenzen aufgrund von Sanktionsverletzungen drohen. In Schleswig-Holstein konnten im Berichtszeitraum keine entsprechenden Vorkommnisse festgestellt werden. Der Hinweis des Bundesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz enth\u00e4lt Handlungsempfehlungen f\u00fcr Personalund IT-Sicherheitsverantwortliche und ist auf der Internetseite (https://www.verfassungsschutz.de) unter der Rubrik \"Service > Publikationen\" zu finden. 5.4 Abgrenzung Cyberspionage zur Internetkriminalit\u00e4t Cyberangriffe werden sowohl von Kriminellen, zur Begehung von Straftaten, als auch von Nachrichtendiensten durchgef\u00fchrt. Nachrichtendienste nutzen gezielte Cyberangriffe zur Cyberspionage, -sabotage und illegalen Devisenbeschaffung. Unabh\u00e4ngig vom Akteur, sind die notwendigen technischen Gegenma\u00dfnahmen meist identisch. Eine genaue T\u00e4terzuordnung ist f\u00fcr Betroffene oft schwierig, aber auch nachrangig, da zur Beseitigung des Schadens, unabh\u00e4ngig von den Verursachern, meist sehr \u00e4hnliche Ma\u00dfSeite 202","IX Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr nahmen getroffen werden m\u00fcssen. Ohnehin steht f\u00fcr das Opfer nach einem Angriff die schnelle Wiederherstellung der gesch\u00e4ftlichen Handlungsf\u00e4higkeit an erster Stelle. Die Cyberabwehr des Verfassungsschutzes bearbeitet Cyberangriffe fremder Nachrichtendienste im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags zur Spionageabwehr und wird beim Vorliegen konkreter Hinweise auf eine nachrichtendienstliche Beteiligung aktiv. F\u00fcr Cyberangriffe im Bereich der Internetkriminalit\u00e4t (Cybercrime) ist die Polizei zust\u00e4ndig. Das Landeskriminalamt des Landes Schleswig-Holstein betreibt daf\u00fcr die Zentrale Ansprechstelle Cybercrime (ZAC). Diese steht als Ansprechpartner f\u00fcr betroffene Beh\u00f6rden und Unternehmen zur Verf\u00fcgung. 6 Verfassungsschutz als Ansprechpartner Die Fachbereiche Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde in Schleswig-Holstein fungieren als verl\u00e4ssliche Partner im Rahmen des nationalen Wirtschaftsschutzes. Neben individuellen Sensibilisierungsma\u00dfnahmen f\u00fcr einzelne Unternehmen und Unternehmensverb\u00e4nde werden kostenfreie Vortragsveranstaltungen im Rahmen von Sensibilisierungskampagnen f\u00fcr Interessierte angeboten. Die Fachbereiche bieten dar\u00fcber hinaus auch bei zahlreichen Veranstaltungen zu Sicherheitsthemen M\u00f6glichkeiten zur Kontaktaufnahme. Zur umfassenden Erf\u00fcllung des gesetzlichen Auftrages sind die Fachbereiche Spionageabwehr, Proliferation, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr auch auf Hinweise von Einzelpersonen und Wirtschaftsunternehmen angewiesen. Um zur Erkenntnisgewinnung, Aufkl\u00e4rung und T\u00e4terzuordnung bei z. B. Cyber-Angriffen die notwendigen technischen Analysen durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen, ist es erforderlich, eine Vielzahl von konkreten Vorf\u00e4llen auszuwerten. Leider scheuen sich insbesondere betroffene Wirtschaftsunternehmen immer noch davor, Cyber-Angriffe bei den Sicherheitsbeh\u00f6rden zu melden, weil die Furcht vor einem \u00f6ffentlichen Bekanntwerden gro\u00df ist. Der damit m\u00f6glicherweise verbundene Imageund Reputationsverlust birgt f\u00fcr die Unternehmen auch die Gefahr von zus\u00e4tzlichem wirtschaftlichen Schaden. Entgegen dieser Bef\u00fcrchtungen unterliegt ein vertrauliches Gespr\u00e4ch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aller Fachbereiche h\u00f6chster Diskretion. Die Hinweise und Fragen der Wirtschaft, der Wissenschaft oder anderer betroffener Stellen werden durch den Verfassungsschutz stets vertraulich behandelt und nicht ohne Zustimmung weitergegeben. Die Fachbereiche Spionageabwehr, Proliferationsbek\u00e4mpfung, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr stehen Einzelpersonen, Unternehmen und auch Beh\u00f6rden als vertrauliche Ansprechpartner jederzeit zur Verf\u00fcgung. Weitere Informationen zum Verfassungsschutz und speziell zu den Arbeitsfeldern der einzelnen Fachbereiche erhalten Sie unter: www.schleswig-holstein.de/verfassungsschutz oder \u00fcber die Telefonnummer: 0431/988-3500. Seite 203","Seite 204","X Hintergrund Seite 205","Seite 206","X Hintergrund 1 Verfassungsschutz in Schleswig-Holstein 1.1 Der Verfassungsschutz als Fr\u00fcherkennungsund Fr\u00fchwarnsystem Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland - das Grundgesetz (GG) - gibt den Rahmen unseres demokratischen Rechtsstaates vor. Um die in ihr verankerten Werte wirksam verteidigen zu k\u00f6nnen, muss sich unsere Demokratie wehrhaft gegen\u00fcber Personen oder Organisationen zeigen, die bestrebt sind, wesentliche Verfassungsgrunds\u00e4tze zu beseitigen. Den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden der L\u00e4nder und des Bundes kommt hierbei eine besondere Bedeutung und zentrale Aufgabe zu. Sie sollen Bedrohungen durch politischen Extremismus, Terrorismus sowie durch Spionageaktivit\u00e4ten bereits im Vorfeld polizeilicher Zust\u00e4ndigkeiten erkennen, bewerten und die politisch Verantwortlichen, die Polizei, andere staatliche Stellen und die \u00d6ffentlichkeit dar\u00fcber unterrichten. Hierdurch sollen diese Stellen in die Lage versetzt werden, rechtzeitig m\u00f6gliche Gefahren f\u00fcr unser demokratisches System zu erkennen und gegebenenfalls Ma\u00dfnahmen zu ergreifen. Der Verfassungsschutz wird daher auch als Fr\u00fcherkennungsund Fr\u00fchwarnsystem der wehrhaften Demokratie bezeichnet. Dem Verfassungsschutz selbst stehen dabei keine polizeilichen Befugnisse zu. Er kann z. B. weder Durchsuchungen oder Festnahmen veranlassen, noch selbst durchf\u00fchren. Im Rahmen der jeweils geltenden Rechtsvorschriften besteht jedoch die M\u00f6glichkeit und gegebenenfalls die Verpflichtung, einzelne Erkenntnisse an Polizeibeh\u00f6rden und Staatsanwaltschaften zu \u00fcbermitteln. 1.2 Gesetzlicher Auftrag und Aufgaben Die Aufgaben und Befugnisse der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden sind gesetzlich geregelt. Das Gesetz \u00fcber die Zusammenarbeit des Bundes und der L\u00e4nder in Angelegenheiten des Verfassungsschutzes und \u00fcber das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BVerfSchG) gibt den gesetzlichen Rahmen f\u00fcr die Zusammenarbeit von Bund und L\u00e4ndern vor und ist au\u00dferdem Rechtsgrundlage f\u00fcr das T\u00e4tigwerden des Bundesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV). Dar\u00fcber hinaus haben alle L\u00e4nder eigene Verfassungsschutzbeh\u00f6rden und entsprechende Gesetze. F\u00fcr Schleswig-Holstein ist dies das Gesetz \u00fcber den Verfassungsschutz im Lande Schleswig-Holstein (LVerfSchG). Die Aufgabe der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Schleswig-Holstein ist in SS 1 LVerf-SchG geregelt. Danach obliegt es ihr, die Landesregierung und andere zust\u00e4ndige Stellen \u00fcber Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung sowie f\u00fcr den Bestand und die Sicherheit des Bundes und der L\u00e4nder zu unterrichten. Seite 207","X Hintergrund Freiheitliche demokratische Grundordnung Vereinfacht ausgedr\u00fcckt beschreibt der Begriff der freiheitlichen demokratischen Grundordnung die vom Grundgesetz vorgegebene demokratische Ordnung sowie die verfassungsm\u00e4\u00dfigen Prinzipien, die unver\u00e4nderbar sind. Konkret benannt sind in SS 6 Abs. 2 Nr. 1 bis 7 LVerfSchG unter anderem die Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechten, die Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, die Gewaltenteilung sowie die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der Verwaltung und die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte. T\u00e4tigkeiten der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Zur Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben sammelt die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde sachund personenbezogene Informationen \u00fcber - Bestrebungen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind oder eine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der Amtsf\u00fchrung von Mitgliedern der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes zum Ziele haben, - sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten im Geltungsbereich des Grundgesetzes f\u00fcr eine fremde Macht, - Bestrebungen im Geltungsbereich des Grundgesetzes, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden und - Bestrebungen im Geltungsbereich dieses Gesetzes, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, insbesondere gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind, und wertet diese aus. Begriff der Bestrebung Nach SS 6 Abs. 1 LVerfSchG sind Bestrebungen politisch motivierte, zielund zweckgerichtete Verhaltensweisen oder Bet\u00e4tigungen einer Gruppierung oder Organisation, die sich unter anderem gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. Zielund zweckgerichtet meint hierbei, dass eine gewisse Ernsthaftigkeit, Dauerhaftigkeit und Zielstrebigkeit im Hinblick auf die Beseitigung eines wesentlichen Elementes der freiheitlichen demokratischen Grundordnung vorliegen muss. Es muss also unter anderem erkennbar sein, dass das Ziel oder der Zweck einer Organisation beispielsweise die Abschaffung unseres demokratischen Systems, der Aufbau eines Gottesoder F\u00fchrerstaates oder eine Anarchie ist. Der Begriff der Bestrebung kann auch das Verhalten von Einzelpersonen einschlie\u00dfen, allerdings nur dann, wenn dieses Verhalten auf die Seite 208","X Hintergrund Anwendung von Gewalt gerichtet oder wenn es dazu geeignet ist, die in SS 5 LVerfSchG genannten Schutzg\u00fcter schwerwiegend zu gef\u00e4hrden. Zudem hat der Landesgesetzgeber in SS 6 Abs. 4 LVerfSchG die sogenannte Aggressionsklausel aufgenommen. Diese besagt, dass eine Bestrebung nach der Ma\u00dfgabe dieses Gesetzes eine aktiv k\u00e4mpferische, aggressive Haltung gegen\u00fcber der bestehenden Verfassungsordnung voraussetzt. Die Bestrebung muss planvoll das Funktionieren dieser Ordnung beeintr\u00e4chtigen und im weiteren Verlauf diese Ordnung selbst beseitigen wollen. Mitwirkungsaufgaben Weiterhin obliegen der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Mitwirkungsaufgaben, die in SS 5 Abs. 2 LVerfSchG festgelegt sind. Hierbei handelt es sich um die \u00dcberpr\u00fcfung von Personen, - denen im \u00f6ffentlichen Interesse geheimhaltungsbed\u00fcrftige Tatsachen, Gegenst\u00e4nde oder Erkenntnisse anvertraut werden, - die an sicherheitsempfindlichen Stellen von lebensoder verteidigungswichtigen Einrichtungen besch\u00e4ftigt sind. - Des Weiteren obliegt der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde die Mitwirkung bei technischen Sicherheitsma\u00dfnahmen zum Schutz von im \u00f6ffentlichen Interesse geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Tatsachen, Gegenst\u00e4nden oder Erkenntnissen. (Weitere Mitwirkungsaufgaben siehe 1.7 und 1.8 des Kapitels.) Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ist nach den im LVerfSchG festgeschriebenen Aufgaben und den sich daraus ergebenden Befugnissen ein Nachrichtendienst. Sie versteht sich als Sicherheitsbeh\u00f6rde, die relevante Informationen sammelt, auswertet und diese den zust\u00e4ndigen Stellen zur Verf\u00fcgung stellt. Vorfeldaufkl\u00e4rung Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darf bereits im Vorfeld t\u00e4tig werden, um die Gefahren der in SS 5 Abs. 1 LVerfSchG genannten Bestrebungen so rechtzeitig aufzukl\u00e4ren, dass durch die Weitergabe der dabei gewonnenen Informationen, beispielsweise an die Politik, geeignete Ma\u00dfnahmen zur Abwehr dieser Gefahren ergriffen werden k\u00f6nnen. Entsprechend darf der Verfassungsschutz gem\u00e4\u00df SS 7 Abs. 1 LVer-fSchG bereits t\u00e4tig werden, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht einer solchen Bestrebung oder T\u00e4tigkeit - etwa gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung - vorliegen. Im Gegensatz zur Polizei ist das Vorliegen eines Anfangsverdachts einer Straftat f\u00fcr das T\u00e4tigwerden der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde nicht erforderlich. Seite 209","X Hintergrund Grundsatz der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit Jede Ma\u00dfnahme der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde unterliegt dem Grundsatz der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit (SS 7 Abs. 2 LVerfSchG). So hat die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde von mehreren m\u00f6glichen und geeigneten Ma\u00dfnahmen diejenige zu treffen, die nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Allgemeinheit voraussichtlich am wenigsten beeintr\u00e4chtigt. Eine Ma\u00dfnahme ist zudem nur so lange zul\u00e4ssig, bis ihr Zweck erreicht ist oder sich zeigt, dass er nicht erreicht werden kann. Dies ist n\u00f6tig, weil durch die T\u00e4tigkeit der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde in wesentliche Grundrechte der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger eingegriffen wird. Durch die Regelungen in SS 7 Abs. 2 LVerfSchG wird sichergestellt, dass jede ergriffene Ma\u00dfnahme der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde im Einzelfall nicht au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zum angestrebten Zweck - bspw. der rechtm\u00e4\u00dfigen Informationsgewinnung und Weitergabe zur Aufgabenerf\u00fcllung - steht. Befugnisse zur Informationsbeschaffung: Die Arbeitsweise des Verfassungsschutzes Der Verfassungsschutz darf - so sieht es SS 8 Abs. 1 LVerfSchG vor - zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben Informationen erheben und verarbeiten. Hierf\u00fcr stehen grunds\u00e4tzlich zwei verschiedene M\u00f6glichkeiten der Informationserhebung zur Verf\u00fcgung: die offene Informationsbeschaffung und die verdeckte Informationserhebung mithilfe sogenannter nachrichtendienstlicher Mittel. Der \u00fcberwiegende Teil der vom Verfassungsschutz verarbeiteten Informationen wird offen erhoben. Informationen lassen sich vielf\u00e4ltig gewinnen, beispielsweise im Rahmen von Recherchen im Internet, \u00fcber Printmedien und die Auswertung von Tonund Bildtr\u00e4gern (beispielsweise CDs und DVDs). Auch andere Beh\u00f6rden werden zu dort vorliegenden Informationen angefragt. Die verdeckte Informationsbeschaffung ist demgegen\u00fcber besonders geregelt. SS 8 Abs. 2 LVerfSchG legt fest, welche nachrichtendienstlichen Mittel der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zur Verf\u00fcgung stehen und unter welchen Voraussetzungen sie eingesetzt werden d\u00fcrfen. Zu den wesentlichen nachrichtendienstlichen Mitteln, die der Verfassungsschutz einsetzen kann, geh\u00f6ren demnach: - der Einsatz von verdeckten Ermittlern, Vertrauensund Gew\u00e4hrspersonen, - die Observation und damit verbunden die verdeckte Anfertigung von Bildund Videoaufnahmen, - das verdeckte Aufkl\u00e4ren des Internets, - die Verwendung von Legenden (fingierten biografischen oder gewerblichen Angaben) sowie die Erstellung und Verwendung von Tarnpapieren und -kennzeichen, Seite 210","X Hintergrund - die Beobachtung des Funkverkehrs und - die Postund Fernmelde\u00fcberwachung nach dem Artikel 10-Gesetz. Alle durch nachrichtendienstliche Mittel gewonnenen Informationen sind eng an den Zweck der Erhebung gebunden und m\u00fcssen bei Wegfall des Zwecks unverz\u00fcglich gel\u00f6scht werden. Zudem gilt f\u00fcr alle diese Ma\u00dfnahmen das oben bereits beschriebene Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeitsprinzip. Dar\u00fcber hinaus ist der Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel gem\u00e4\u00df SS 8 Abs. 4 LVerfSchG unzul\u00e4ssig, wenn sich herausstellt, dass ausschlie\u00dflich solche Informationen erhoben werden, die die Intimund Privatsph\u00e4re - im Gesetz als Kernbereich privater Lebensgestaltung bezeichnet - einer Person betreffen. Die Ma\u00dfnahme muss dann entweder ausgesetzt oder beendet werden. 1.3 Organisation des Verfassungsschutzes Der Verfassungsschutzverbund der Bundesrepublik Deutschland umfasst insgesamt 17 Beh\u00f6rden: 16 Landesbeh\u00f6rden und das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz als Zentralstelle. Die Landesbeh\u00f6rden sind entweder als eigenst\u00e4ndige nachgeordnete Landes\u00e4mter organisiert oder Teil des jeweiligen Innenministeriums. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Schleswig-Holstein ist eine Abteilung des Ministeriums f\u00fcr Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport mit Sitz in der Landeshauptstadt Kiel. Sie ist in 8 Referate untergliedert, die unter anderem f\u00fcr die Informationsbeschaffung, die Auswertung nach Ph\u00e4nomenbereichen, den Geheimschutz, die Observation und die sogenannten Massendatenverfahren sowie f\u00fcr Grundsatzfragen, Datenschutz, IT und \u00d6ffentlichkeitsarbeit der Abteilung zust\u00e4ndig sind. Insgesamt sind derzeit etwa 140 Mitarbeiter f\u00fcr die Verfassungsschutzabteilung t\u00e4tig. F\u00fcr Sachmittel und Investitionen standen im Berichtsjahr rund 1 328 000Euro zur Verf\u00fcgung. 1.4 Kontrolle des Verfassungsschutzes Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Schleswig-Holstein hat sich zum Ziel gesetzt, so viel Transparenz wie m\u00f6glich zu gew\u00e4hrleisten und die Geheimhaltung auf das notwendige Ma\u00df zu beschr\u00e4nken. Zudem unterliegt sie einer mehrschichtigen, rechtsstaatlichen Kontrolle. Seite 211","X Hintergrund Allgemeine Dienstund Fachaufsicht Ein Teil dieser Kontrolle ist die allgemeine Dienstund Fachaufsicht im Ministerium f\u00fcr Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport. Dabei erstreckt sich die Dienstaufsicht gem\u00e4\u00df SS 15 Abs. 1 Landesverwaltungsgesetz (LVerwG) auf die innere Ordnung, die allgemeine Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung und die Personalangelegenheiten der Beh\u00f6rde, w\u00e4hrend die Fachaufsicht gem\u00e4\u00df SS 15 Abs. 2 LVerwG die rechtm\u00e4\u00dfige und zweckm\u00e4\u00dfige Wahrnehmung der Verwaltungsangelegenheiten der Beh\u00f6rde umfasst. Parlamentarische Kontrolle Ein weiterer und wesentlicher Teil der Kontrolle des Verfassungsschutzes obliegt dem Schleswig-Holsteinischen Landtag. Sie umfasst zum einen die allgemeine parlamentarische Kontrolle durch alle Mitglieder des Landtages, die diese zum Beispiel durch Kleine und Gro\u00dfe Anfragen aus\u00fcben. Zum anderen erfolgt die parlamentarische Kontrolle durch das Parlamentarische Kontrollgremium (PKG) und die G10-Kommission. Die Aufgaben und die Zusammensetzung des PKG sind in SS 26 LVerfSchG festgelegt. Es besteht aus Abgeordneten des Landtages, die zu Beginn jeder Wahlperiode jeweils durch die Mehrheit der Mitglieder des Landtages gew\u00e4hlt werden. Diesen berichtet die Innenministerin oder der Innenminister als Teil der Landesregierung sowohl \u00fcber die allgemeinen T\u00e4tigkeiten der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde, als auch \u00fcber Vorg\u00e4nge von besonderer Bedeutung. Die Aufgaben und die Zusammensetzung der G 10-Kommission regelt SS 26a LVerf-SchG in Verbindung mit SS 15 des Gesetzes zur Beschr\u00e4nkung des Brief-, Postund Fernmeldegeheimnisses (G 10). F\u00fcr die Dauer der Wahlperiode bestimmt der Landtag eine Vorsitzende oder einen Vorsitzenden mit der Bef\u00e4higung zum Richteramt und zwei beisitzende Mitglieder. Die G 10-Kommission pr\u00fcft die Zul\u00e4ssigkeit und die Notwendigkeit von Beschr\u00e4nkungsma\u00dfnahmen nach dem G 10, also Ma\u00dfnahmen der \u00dcberwachung des Brief-, Postund Telekommunikationsverkehrs, und ist bei weiteren gesetzlich geregelten Ma\u00dfnahmen von vergleichbarer Eingriffstiefe zu beteiligen. Hierdurch wird sichergestellt, dass die T\u00e4tigkeit des Verfassungsschutzes nicht nur in ihrer Gesamtheit, sondern auch im Einzelfall vom Parlament \u00fcberpr\u00fcft wird. Kontrolle durch den Datenschutzbeauftragten und den Landesrechnungshof Neben den parlamentarischen Gremien obliegt die Kontrolle des Verfassungsschutzes noch zwei weiteren Stellen. Das Unabh\u00e4ngige Landeszentrum f\u00fcr Datenschutz kontrolliert auf eigene Initiative die Datenverarbeitung in schleswig-holsteinischen Beh\u00f6rden. Seite 212","X Hintergrund Stellt es dabei Verst\u00f6\u00dfe gegen das Datenschutzrecht fest, werden diese beanstandet und ggf. die Beseitigung der M\u00e4ngel gefordert. Die Zusammenarbeit mit dem Unabh\u00e4ngigen Landeszentrum f\u00fcr Datenschutz wird durch die beh\u00f6rdliche Datenschutzbeauftragte oder den beh\u00f6rdlichen Datenschutzbeauftragten der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde des Landes Schleswig-Holstein unterst\u00fctzt. Die oder der beh\u00f6rdliche Datenschutzbeauftragte hat zudem umfassende eigene Kontrollrechte und eine Beratungsfunktion, die zur Einhaltung der datenschutzrechtlichen Bestimmungen beitragen. Zum anderen erfolgt eine Aufsicht durch den Landesrechnungshof. Dieser hat nach Artikel 64 der Verfassung des Landes Schleswig-Holstein die Aufgabe, die gesamte Haushaltsund Wirtschaftsf\u00fchrung des Landes zu \u00fcberwachen. Hierzu geh\u00f6rt auch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde als Teil des Ministeriums f\u00fcr Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport. Kontrolle durch Gerichte und die \u00d6ffentlichkeit Daneben unterliegt die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde als Teil der Landesverwaltung der gerichtlichen Kontrolle sowie der Kontrolle durch die \u00d6ffentlichkeit. Letztere erfolgt dabei u. a. durch die Medien, die in ihrer Berichterstattung auch den Verfassungsschutz thematisieren. Weiterhin haben B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger nach SS 25 LVerfSchG die M\u00f6glichkeit, Auskunft \u00fcber die zu ihrer Person in Dateien des Verfassungsschutzes gespeicherten Informationen zu erhalten. Im Berichtszeitraum sind auf dieser Grundlage insgesamt 116 Auskunftsersuchen an den Verfassungsschutz Schleswig-Holstein gestellt worden (2023: 77; 2022: 107). Die F\u00e4lle, in denen der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Erkenntnisse vorliegen, sind dabei besonders arbeitsintensiv. 1.5 Zusammenarbeit von Polizei und Verfassungsschutz Die Aufgaben und Befugnisse einer Verfassungsschutzbeh\u00f6rde unterscheiden sich von der einer Polizeibeh\u00f6rde. SS 2 Abs. 2 LVerfSchG legt fest, dass der Verfassungsschutz keiner polizeilichen Dienststelle angegliedert werden darf. Zudem ist in SS 9 LVerfSchG vorgeschrieben, dass der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde keine polizeilichen Befugnisse zustehen. Au\u00dferdem darf die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde die Polizei auch nicht um Ma\u00dfnahmen bitten, zu denen sie selbst nicht befugt ist. Der Verfassungsschutz ist - im Gegensatz zu den Strafverfolgungsbeh\u00f6rden, insbesondere der Polizei - nicht dem Legalit\u00e4tsprinzip unterworfen, nach dem Polizei und Justiz Straftaten verfolgen m\u00fcssen, wenn sie von ihnen Kenntnis erlangen. F\u00fcr den Verfassungsschutz gelten vielmehr das Opportunit\u00e4tsprinzip und die damit verbundenen Mitteilungspflichten. Seite 213","X Hintergrund Diese organisatorische und funktionelle Abgrenzung von Polizei und Verfassungsschutz wird als Trennungsgebot bezeichnet. Es ist ein Resultat aus den Erfahrungen mit der Arbeitsweise von Geheimdiensten in Diktaturen, z. B. im Dritten Reich. Um den Missbrauch von verdeckt erhobenen Informationen zu verhindern, sind Polizeibeh\u00f6rden seither nicht mit den gleichen gesetzlichen Befugnissen eines Nachrichtendienstes und umgekehrt die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden nicht mit exekutiven, polizeilichen Befugnissen ausgestattet. Au\u00dferdem d\u00fcrfen nachrichtendienstlich gewonnene Informationen nur unter den gesetzlichen Voraussetzungen des SS 19 Abs. 1, Abs. 2 Nr. 1 und 2 LVerfSchG an die Polizei weitergegeben werden (sogenanntes informationelles Trennungsprinzip). Unter Beachtung dieser geltenden Rechtsgrundlagen arbeiten die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde und die Polizei eng zusammen. Die Zusammenarbeit beschr\u00e4nkt sich dabei nicht nur auf Schleswig-Holstein, sondern erfolgt bundesweit in verschiedenen Gremien, wie dem Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) zur Bek\u00e4mpfung des islamistischen Terrorismus sowie dem gemeinsamen Extremismusund Terrorismusabwehrzentrum (GETZ) zur Bek\u00e4mpfung des Rechts-, Linksund Ausl\u00e4nderextremismus sowie der Spionage. GTAZ und GETZ sind dabei keine eigenen Beh\u00f6rden, sondern stellen Informationsund Kommunikationsplattformen f\u00fcr die beteiligten Sicherheitsbeh\u00f6rden dar. So sollen ph\u00e4nomenbezogene Bedrohungsund Gef\u00e4hrdungslagen erkannt und alle beteiligten Beh\u00f6rden in die Lage versetzt werden, entsprechend darauf zu reagieren. 1.6 Informationsaustausch mit anderen \u00f6ffentlichen Stellen Zu den Aufgaben des Verfassungsschutzes z\u00e4hlt neben der Unterrichtung der Landesregierung auch die Unterrichtung anderer zust\u00e4ndiger Stellen \u00fcber Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung. Die Voraussetzungen f\u00fcr die \u00dcbermittlung von Informationen an andere Stellen sind in SS 19 LVerfSchG geregelt. Ganz grunds\u00e4tzlich d\u00fcrfen Erkenntnisse, die nicht personenbezogen sind, dann an andere Beh\u00f6rden oder Stellen \u00fcbermittelt werden, wenn diese f\u00fcr die Aufgabenerf\u00fcllung der empfangenden Stellen erforderlich sein k\u00f6nnen (SS 19 Abs. 1 LVerfSchG). Hierbei k\u00f6nnte es sich beispielsweise um Erkenntnisse zu relevanten Vereinen und Organisationen handeln. Bei der \u00dcbermittlung personenbezogener Informationen an andere \u00f6ffentliche oder sonstige Stellen gelten besondere Regelungen. SS 19 Abs. 2 Nr. 5 LVerfSchG sieht vor, dass diese Informationen nur dann \u00fcbermittelt werden d\u00fcrfen, wenn dies zum Schutz vor Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung unverzichtbar ist. Zus\u00e4tzlich entscheidet \u00fcber die \u00dcbermittlung die Leiterin oder der Leiter der Verfassungsschutzabteilung. Seite 214","X Hintergrund 1.7 Geheimund Sabotageschutz, Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen Im Bereich Geheimund Sabotageschutz obliegen der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde gesetzliche Mitwirkungsaufgaben. Sie f\u00fchrt Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen im Auftrag von Landesbeh\u00f6rden durch, ist angefragte Stelle in Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungsverfahren und unterst\u00fctzt auch durch Beratung und Normensetzung den Schutz staatlicher Verschlusssachen. Verschlusssachen sind Angelegenheiten aller Art, die eines besonderen Schutzes gegen Kenntnisnahme durch Unbefugte bed\u00fcrfen. Daher ist die Verbreitung der Verschlusssachen nur auf einen eng begrenzten Personenkreis beschr\u00e4nkt, bei dem jeweils gew\u00e4hrleistet sein muss, dass keine Anhaltspunkte bestehen, die Zweifel an der Zuverl\u00e4ssigkeit bei der Wahrnehmung der sicherheitsempfindlichen T\u00e4tigkeit begr\u00fcnden. Hierzu werden im Rahmen des personellen Geheimschutzes Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durchgef\u00fchrt, die in sicherheitsempfindlichen Bereichen eingesetzt sind. Weiterhin wird der Schutz von Verschlusssachen durch Ma\u00dfnahmen des materiellen Geheimschutzes realisiert. Ziel ist die Absicherung von Arbeitsbereichen, in denen Verschlusssachen bearbeitet werden. Es werden bauliche, organisatorische, elektronische und informationstechnische Geheimschutzma\u00dfnahmen f\u00fcr VS-Arbeitsbereiche, VS-IT-R\u00e4ume/-Bereiche, VS-Aktensicherungsr\u00e4ume, VS-Sicherheitsbereiche und abh\u00f6rgesch\u00fctzte bzw. abh\u00f6rsichere R\u00e4ume festgelegt. Hierf\u00fcr ist die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde beratend hinzuzuziehen. Auf Veranlassung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde kann erg\u00e4nzend das Bundesamt f\u00fcr Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) im Rahmen von Beratung, Schulung und technischer Pr\u00fcfung mitwirken. 1.7.1 Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen sind Verfahren zur \u00dcberpr\u00fcfung von Personen, die von den jeweils zust\u00e4ndigen Stellen mit einer sicherheitsempfindlichen T\u00e4tigkeit betraut werden sollen. Art und Umfang der \u00dcberpr\u00fcfungen regelt hierbei das Landessicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetz. Im Berichtszeitraum betrug die Zahl der neu durchgef\u00fchrten Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen f\u00fcr Landesbeh\u00f6rden 278 (2023: 212); dies entspricht einer prozentualen Steigerung von 31 Prozent. Der Gesamtbestand an sicherheits\u00fcberpr\u00fcften Personen innerhalb der Landesverwaltung und bei geheimschutzbetreuten Unternehmen stieg bis zum Jahresende auf 2 319 (2023: 2.143) an. Der vergleichsweise deutliche zahlenm\u00e4\u00dfige Anstieg der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen wird auf die gegenw\u00e4rtige Bedrohungslage ausgehend vom russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zur\u00fcckgef\u00fchrt. Es ist zu erwarten, dass dieser Trend sich auch im Jahr 2025 fortsetzt. Hier wird insbesondere im kommunalen Bereich die Zahl der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen im Hinblick auf die zivile Verteidigung und die zivile Alarmplanung deutlich ansteigen. Bereits zum Jahresanfang 2025 zeichnete sich eine signifikante Steigerung der Zahl der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen ab. Seite 215","X Hintergrund Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen 2020 bis 2024 2500 2319 2078 2143 2057 1955 2000 1500 1000 500 231 212 278 132 156 0 2020 2021 2022 2023 2024 Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfte Personen insgesamt neu durchgef\u00fchrte Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen im personellen Sabotageschutz Im Lichte der hybriden Kriegsf\u00fchrung Russlands gegen NATO-Staaten und ihre Verb\u00fcndeten gewinnt auch der personelle Sabotageschutz wieder zunehmend an Bedeutung. Ziel des personellen Sabotageschutzes ist, das Risiko von Sabotageakten an lebenswichtigen Einrichtungen durch potenzielle Innent\u00e4terinnen und Innent\u00e4tern zu minimieren. Das Instrument der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung soll verhindern, dass Personen, von denen eine Gef\u00e4hrdung ausgeht, in sensiblen Bereichen besch\u00e4ftigt werden. Die \u00dcberpr\u00fcfung erfolgt jedoch nur bei Personen, die innerhalb von lebensoder verteidigungswichtigen Einrichtungen an sicherheitsempfindlichen Stellen besch\u00e4ftigt werden sollen und die tats\u00e4chlich auf die Funktionsf\u00e4higkeit der Einrichtungen Einfluss nehmen k\u00f6nnen. Einrichtungen sind erst dann lebenswichtig, wenn deren Beeintr\u00e4chtigung aufgrund der ihnen anhaftenden Eigengefahr die Gesundheit oder das Leben gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung erheblich gef\u00e4hrden k\u00f6nnen oder sie f\u00fcr das Funktionieren des Gemeinwesens unverzichtbar sind. Dazu geh\u00f6ren z. B. Kommunikationsstrukturen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten. Seite 216","X Hintergrund 1.7.2 Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen Am Beispiel der Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen zeigt sich einmal mehr deutlich, dass ein moderner und leistungsstarker Verfassungsschutz eine wichtige Funktion innerhalb der deutschen Sicherheitsarchitektur wahrnimmt. Aktuelle Erkenntnisse, analytische Kompetenz und gut gepflegte Datenbanken sind hierf\u00fcr eine zwingende Voraussetzung. Wie bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung erfolgen auch die \u00dcberpr\u00fcfungsverfahren aufgrund spezieller gesetzlicher Grundlagen. Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen werden nach Ma\u00dfgabe des Atomgesetzes, Luftoder Hafensicherheitsgesetzes, Sprengstoff-, Waffenund Jagdgesetzes sowie der Gewerbeordnung f\u00fcr das Bewachergewerbe durchgef\u00fchrt. Die zust\u00e4ndigen (i. d. R. kommunalen) Fachbeh\u00f6rden entscheiden im Rahmen ihrer eigenen Zust\u00e4ndigkeiten \u00fcber die Erteilung, Versagung oder Entziehung entsprechender Erlaubnisse. Die normierten Mitwirkungspflichten der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde verfolgen den Zweck, Sabotageakte abzuwehren und den Einsatz von extremistischen Personen in besonders sensiblen Bereichen zu verhindern oder diesen eine waffenrechtliche Erlaubnis zu entziehen. Ebenso gilt es zu verhindern, dass solche Personen in besonders sensiblen Bereichen eingesetzt werden. und diesen Zugang zu Waffen und/oder Sprengstoffen zu erschweren. Kernkraftwerke und der Luftverkehr wurden nicht erst nach den Terroranschl\u00e4gen des 11. September 2001 als besonders sabotagegef\u00e4hrdete Bereiche betrachtet. Vor diesem Hintergrund wird das dort besch\u00e4ftigte Personal seit jeher sogenannten Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen unterzogen. Hiermit soll das Gef\u00e4hrdungsrisiko im Zusammenhang mit kritischen Infrastrukturen vermindert werden. Die Durchf\u00fchrung der Verfahren erfolgen jedoch nur teilweise automatisiert und sind daher z. T. sehr zeitaufw\u00e4ndig. Seit dem Jahr 2020 werden alle Inhaberinnen und Inhaber waffenoder jagdrechtlicher Erlaubnisse auf Veranlassung der Waffenund Jagdbeh\u00f6rden sowohl bei Antragstellung als auch turnusm\u00e4\u00dfig unter Beteiligung des Verfassungsschutzes auf ihre Zuverl\u00e4ssigkeit hin \u00fcberpr\u00fcft. Die Anfragen der kommunalen Jagdund Waffenbeh\u00f6rden k\u00f6nnen vom Verfassungsschutz nur teilautomatisiert bearbeitet werden. Zum Jagdund Waffenrecht lagen dem Verfassungsschutz im Berichtszeitraum insgesamt 19 638 Anfragen der kommunalen Beh\u00f6rden vor (2023: 23 952). Seite 217","X Hintergrund Zu den weiteren Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungsverfahren: - Zum sogenannten Bewacherregister nach SS 34a Gewerbeordnung, worin eine Regelabfrage von Bewachungspersonal vorgesehen ist, lagen dem Verfassungsschutz im Berichtszeitraum insgesamt 3 099 Anfragen vor (2023: 2 617). - Zum Luftsicherheitsrecht lagen dem Verfassungsschutz im Berichtszeitraum insgesamt 1 334 Anfragen (2023: 1 278) der Luftsicherheitsbeh\u00f6rde vor. - Zum Atomgesetz lagen dem Verfassungsschutz im Berichtszeitraum insgesamt 569 Anfragen (2023: 1 798) vor. - Zum Sprengstoffgesetz lagen dem Verfassungsschutz im Berichtszeitraum insgesamt 262 Anfragen (2023: 226) der kommunalen Waffenbeh\u00f6rden sowie der Staatlichen Unfallkasse Nord vor. Zum Hafensicherheitsgesetz lagen dem Verfassungsschutz im Berichtszeitraum insgesamt 39 Anfragen (2023: 90) des Landespolizeiamtes vor. 1.8 Mitwirkung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde bei Aufenthaltsund Einb\u00fcrgerungsverfahren Das Aufenthaltsgesetz regelt die Einreise, den Aufenthalt, die Erwerbst\u00e4tigkeit und die Aufenthaltsbeendigung von Ausl\u00e4ndern aus dem nichteurop\u00e4ischen Ausland. Es dient damit der Steuerung und Begrenzung des Zuzugs von Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern in die Bundesrepublik. Das Gesetz umfasst auch sicherheitsrelevante Vorschriften. Dazu geh\u00f6ren die Mitwirkungsaufgaben der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde bei der Erteilung von Aufenthaltstiteln (z. B. Visum, Aufenthaltsoder Niederlassungserlaubnis). Aus diesem Grund \u00fcbermitteln die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden in einem automatisierten technischen Beteiligungsverfahren die Daten von Personen, die einen Aufenthaltstitel beantragen, an die Sicherheitsbeh\u00f6rden. Durch dieses Mitwirkungsverfahren kann festgestellt werden, ob Versagungsgr\u00fcnde - beispielsweise seitens der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde - gegen die Erteilung eines Aufenthaltstitels oder sonstige Sicherheitsbedenken vorliegen. Die gleichen Sicherheitsanforderungen werden an Einb\u00fcrgerungsbewerberinnen und -bewerber gestellt. So fragen die Einb\u00fcrgerungsbeh\u00f6rden bei den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden an, ob zu der Einb\u00fcrgerungsbewerberin bzw. dem -bewerber Erkenntnisse vorliegen, die zur Versagung der Einb\u00fcrgerung f\u00fchren k\u00f6nnten. Da die Einb\u00fcrgerung politische Partizipation, rechtliche Gleichstellung und weitere M\u00f6glichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe erm\u00f6glicht und die Eingeb\u00fcrgerten gleichberechtigte B\u00fcrgerinnen oder B\u00fcrger werden, dient die Beteiligung des Verfassungsschutzes mit der M\u00f6glichkeit des Ausschlusses von Extremistinnen und Extremisten dem Schutz der freiheitlichen Seite 218","X Hintergrund demokratischen Grundordnung, des Bestandes und der Sicherheit des Bundes und des Landes Schleswig-Holstein. Im Rahmen des Aufenthaltsbzw. Einb\u00fcrgerungsrechts lagen dem Verfassungsschutz im Berichtszeitraum insgesamt 51 523 Anfragen der kommunalen Beh\u00f6rden vor (2023: 54 643). Hierbei handelte es sich um 41 358 Anfragen im Zusammenhang mit dem Aufenthaltsrecht und 10 165 Anfragen im Zusammenhang mit dem Einb\u00fcrgerungsrecht. In Schleswig-Holstein besteht seit 2007 eine regelm\u00e4\u00dfig tagende Arbeitsgruppe, an der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Fachaufsicht der Staatsangeh\u00f6rigkeits-, Zuwanderungsund Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden, der Polizei, des Bundesamtes f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge und der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde teilnehmen. Ziel der Arbeitsgruppe ist, diejenigen Einzelf\u00e4lle einer eingehenden Pr\u00fcfung zu unterziehen, die besondere Sicherheitsrelevanz haben. Durch diese enge beh\u00f6rden\u00fcbergreifende Zusammenarbeit soll - entsprechend der gesetzlichen Vorgaben - die Einleitung aufenthaltsbeendender Ma\u00dfnahmen gepr\u00fcft und gegebenenfalls initiiert werden. Im Berichtszeitraum konnte festgestellt werden, dass sich der Schwerpunkt der F\u00e4lle mit sicherheitsrelevanten Erkenntnissen im Wesentlichen aus Personen zusammensetzt, die dem islamistischen Spektrum zuzurechnen waren. 1.9 Kontakt Sie m\u00f6chten Kontakt zur Verfassungsschutzbeh\u00f6rde aufnehmen, haben Anregungen, Fragen oder Kritik oder wollen sich \u00fcber Bewerbungsm\u00f6glichkeiten informieren? Sie erreichen die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde unter: Telefon: 0431 - 988 3500 Email: VerfassungsschutzSchleswig-Holstein@im.landsh.de . 2 Merkmale verfassungsfeindlicher Bestrebungen 2.1 Ph\u00e4nomen\u00fcbergreifende Merkmale verfassungsfeindlicher Bestrebungen 2.1.1 Antisemitismus Antisemitismus findet sich in nahezu allen Ph\u00e4nomenbereichen verfassungsfeindlicher Bestrebungen als ideologisches Element. Insbesondere werden antisemitische Stereotype im Rechtsextremismus und Islamismus aufgegriffen. Antisemitismus ist die Ablehnung von J\u00fcdinnen und Juden, die sich bis hin zum Hass gegen\u00fcber J\u00fcdinnen und Juden ausdr\u00fccken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Seite 219","X Hintergrund Wort und Tat gegen j\u00fcdische oder nichtj\u00fcdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen j\u00fcdische Gemeindeinstitutionen oder religi\u00f6se Einrichtungen. Dar\u00fcber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als j\u00fcdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein. Antisemitismus umfasst alle Aspekte judenfeindlicher Ideologie. Er l\u00e4sst sich seit mehr als 2 000 Jahren in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung geschichtlich nachweisen und findet sich neben dem Rechtsextremismus auch in anderen extremistischen Ph\u00e4nomenbereichen. Antisemitismus pr\u00e4gt viele Argumentationsmuster der Szene beziehungsweise schwingt mal offen, mal in subtiler Form stets mit. Er ist und bleibt wesentlicher Bestandteil rechtsextremistischer Bestrebungen. Im Rahmen eines sogenannten sekund\u00e4ren Antisemitismus, dessen Grundelemente die Leugnung des Holocausts und die Negierung des Existenzrecht des Staates Israel darstellen, sind vor allem der Nahostkonflikt und das Ziel der in muslimischen Augen n\u00f6tigen \"Befreiung Pal\u00e4stinas\" aus den H\u00e4nden des \"Okkupators\" Israel bei allen islamistischen Str\u00f6mungen ein wichtiges Thema. Die Geschichte des Konflikts wird dabei propagandistisch verkl\u00e4rt und als Beweis f\u00fcr eine Doppelmoral des Westens bzw. eine angebliche j\u00fcdischchristliche Unterdr\u00fcckung des Islams angef\u00fchrt. Islamistinnen und Islamisten vertreten daher immer auch eine antisemitische Grundauffassung, deren Auspr\u00e4gung jedoch variieren kann. Auch in Teilen des Linksextremismus und Extremismus mit Auslandsbezug steigerten sich infolge des eskalierenden Nahost-Konfliktes pro-pal\u00e4stinensische Solidarit\u00e4tsbekundungen hin zu antisemitischen \u00c4u\u00dferungen. Insbesondere die dogmatischen linksextremistischen Organisationen DKP und SDAJ sowie die t\u00fcrkisch-linksextremistischen Organisationen MLKP und Young Struggle kritisierten die Politik Israels in einer antisemitischen Wortwahl und sprachen Israel das Recht auf Selbstverteidigung ab. 2.1.2 Queerfeindlichkeit Queerfeindlichkeit ist ein ideologisches Element vor allem im Rechtsextremismus und im Islamismus, findet sich jedoch auch in anderen Extremismusbereichen. Dabei bezeichnet Queerfeindlichkeit eine soziale Aversion, Diskriminierung, Herabw\u00fcrdigung oder Aggressivit\u00e4t gegen queere oder als solche wahrgenommenen Personen und deren Identit\u00e4t und Lebensweisen. Queere Personen weichen in ihren sexuellen Orientierungen von der Heterosexualit\u00e4t ab und zeigen nichtbin\u00e4re oder mit dem Geburtsgeschlecht nicht \u00fcbereinstimmenden Geschlechtsidentit\u00e4ten. Queerfeindlichkeit stellt einen Unterfall von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit dar und umfasst beispielsweise Homophobie, Biphobie und Transphobie. Seite 220","X Hintergrund Die Ablehnung queerer Lebensweisen ist nicht neu in der Agitation von Extremisten, entsprechende Aussagen finden seit vielen Jahren Verbreitung in den Szenen. Dabei werden unterschiedliche Argumente bem\u00fcht, um queere Menschen zu verurteilen. \u00c4hnliche Argumentationsmuster werden \u00fcber die Grenzen einzelner extremistischer Felder hinweg genutzt. Die Ablehnung von Diversit\u00e4t im Hinblick auf sexuelle Orientierungen sowie Partnerschaftsund Familienmodelle ist keine genuin rechtsextremistische Position. Dennoch bildet die rechtsextremistische Weltanschauung die Basis f\u00fcr ein v\u00f6lkisches Familienverst\u00e4ndnis, nach dem Heterosexualit\u00e4t und die damit verbundene traditionelle Kernfamilie als alternativlos und biologisch \"nat\u00fcrlich\" angesehen wird. Rechtsextremisten dr\u00fccken ihre Ablehnung moderner Geschlechterverst\u00e4ndnisse und Familienmodelle aus, indem sie das Thema ideologisch besetzen und mit ihrem von Rassismus und Nationalismus gepr\u00e4gten Weltbild verkn\u00fcpfen. Oftmals wird in diesem Zusammenhang ein angeblicher \"Volkstod\" heraufbeschworen, welcher nur durch eine traditionelle ethnisch deutsche Familie abzuwenden sei. Die Ablehnung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt moderner demokratischer Gesellschaften, insbesondere der Homosexualit\u00e4t und Transidentit\u00e4t, ist ein festes Element islamistischer Ideologien. In diesem Feindbild repr\u00e4sentiert sich f\u00fcr Islamisten vor allem die von ihnen abgelehnte bzw. zu bek\u00e4mpfende liberale, s\u00e4kulare Gesellschaft. Daher finden queerfeindliche Narrative entsprechende Verbreitung innerhalb der islamischen Szene. Menschen aus der LGBTQ+-Szene sowie deren Symbole und Orte waren in den letzten Jahren wiederholt Ziel islamistischer Anschl\u00e4ge. Im Bereich der \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung (t\u00fcrkischer Rechtsextremismus) ist grunds\u00e4tzlich keine direkte ideologische Befassung mit den Themen Homooder Transsexualit\u00e4t und queere Identit\u00e4t bekannt. Da die \u00dclk\u00fcc\u00fc-Ideologie allerdings sehr stark auf eine Reinheit und \u00dcberh\u00f6hung der t\u00fcrkischen Rasse (Turkv\u00f6lker) zielt und dabei Werte wie St\u00e4rke und M\u00e4nnlichkeit hervorhebt, muss angenommen werden, dass innerhalb der Szene mindestens eine latente Queerfeindlichkeit vorherrscht. Dies l\u00e4sst sich unter anderem daran festmachen, dass innerhalb der organisierten \u00dclk\u00fcc\u00fc-Szene bspw. im Zuge von Veranstaltungen oft eine klare Trennung nach Geschlechtern vorgenommen wird, was daf\u00fcr spricht, dass in dem Weltbild der \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung keine Abweichung von traditionellen m\u00e4nnlichen und weiblichen Rollenbildern m\u00f6glich ist. In der Ideologie der PKK wurde urspr\u00fcnglich jegliche Aus\u00fcbung von Sexualit\u00e4t durch Guerillak\u00e4mpferinnen und -k\u00e4mpfer sowie Kaderangeh\u00f6rige als Verrat am Kriegertum betrachtet und wurde in den 1990er Jahren durch die parteiinterne Todesstrafe geahndet.72 Vermutlich ging es der PKK nicht darum, Sexualit\u00e4t in heteronormative Bahnen zu lenken, sondern grunds\u00e4tzlich um den Vorrang des Kollektivs vor den individuellen 72 Siehe z. B. in der Presse so genannter \"Bunkermord\" in Bremen, BGH-Urteil vom 20.02.2002, 5 StR 538/01 Seite 221","X Hintergrund Interessen, um bedingungslosen Gehorsam und das Abschneiden aller pers\u00f6nlichen Bindungen des Individuums, damit effektiv und ausschlie\u00dflich f\u00fcr die Partei gek\u00e4mpft wird. Explizite \u00c4u\u00dferungen zum Thema Homound Transsexualit\u00e4t oder queere Identit\u00e4t in ideologischen Papieren der PKK und aktuelle queerfeindliche Straftaten durch PKK-Anh\u00e4ngerinnen und -Anh\u00e4nger sind hier nicht bekannt. 2.2 Ph\u00e4nomenbezogene Merkmale des Rechtsextremismus Unter dem Begriff Rechtsextremismus werden Bestrebungen verstanden, die sich gegen wesentliche Schutzg\u00fcter der freiheitlichen demokratischen Grundordnung richten und die Abschaffung des demokratischen Staates zugunsten einer autorit\u00e4r gef\u00fchrten \"Volksgemeinschaft\" verfolgen. Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten versuchen dieses Ziel auch unter Anwendung von Gewalt umzusetzen. Ablehnung des Demokratieund Rechtsstaatsprinzips Nach rechtsextremistischem autorit\u00e4ren Staatsverst\u00e4ndnis soll der Staat intuitiv nach dem vermeintlich \u00fcbereinstimmenden Willen des Volkes handeln. Das f\u00fchrt dazu, dass der Einzelne zugunsten der sogenannten Volksgemeinschaft zur\u00fcckstehen und sich unterordnen muss, da Staat und Volk eine Einheit bilden. F\u00fchrerprinzip Die Vorstellung einer \"Volksgemeinschaft\" hebelt eine pluralistische Gesellschaft aus und ebnet dem F\u00fchrerprinzip den Weg, wenn ein angeblicher Volkswille als Ideal vorgegeben wird und nicht im Diskurs gesellschaftlicher Gruppen demokratisch, pluralistisch gefunden wird. Das Mehrparteienprinzip sowie das Recht auf Aus\u00fcbung einer parlamentarischen Opposition w\u00fcrden damit hinf\u00e4llig. Wer zur Volksgemeinschaft geh\u00f6rt, erg\u00e4be sich allein aus der biologisch-ethnischen Abstammung. Biologisch-ethnische Abstammung als zentrales Ideologieelement Diese Haltung ist ein zentrales Element rechtsextremistischer Ideologie, aus der gleichzeitig eine Legitimation hergeleitet wird, die biologisch-ethnische Abstammung \u00fcber die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte zu stellen, und geht einher mit einer gleichzeitigen Abwertung anderer Ethnien. Seite 222","X Hintergrund Ideologie der Ungleichwertigkeit Die eigene biologisch-ethnische Abstammung und das eigene Volk werden elit\u00e4r \u00fcberh\u00f6ht, Angeh\u00f6rige anderer Ethnien oder auch Religionen werden abgewertet und ausgegrenzt. Geschichtsrevisionismus Neben einer antidemokratischen Grundhaltung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus geh\u00f6ren Geschichtsrevisionismus, also die ideologisch motivierte Umdeutung historischer Fakten, sowie Antisemitismus zur rechtsextremistischen Weltanschauung. 2.3 Ph\u00e4nomenbezogene Merkmale des Islamismus und islamistischem Terrorismus Im Gegensatz zum Islam als Religion ist der Islamismus eine religi\u00f6s begr\u00fcndete extremistische Ideologie und seine zahlreichen Str\u00f6mungen sind grunds\u00e4tzlich (in verschiedener Auspr\u00e4gung) verfassungsfeindlich. Durch ihre extremistische Islamauslegung richten sich alle Islamistinnen und Islamisten klar gegen die Grunds\u00e4tze der freiheitlichen demokratischen Grundordnung wie Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, Trennung von Staat und Religion, freie Meinungs\u00e4u\u00dferung und allgemeine Gleichberechtigung. Absolutheitsanspruch Aus dem Universalit\u00e4tsanspruch des Islams leiten Islamistinnen und Islamisten das \u00fcbergeordnete Ziel einer Islamisierung der ganzen Welt ab. Zugrunde liegt dabei die tiefe \u00dcberzeugung, die einzige und \u00fcberlegene Wahrheit zu kennen und verpflichtet zu sein, diese in Wort und Tat allen Menschen n\u00e4herzubringen. \u00dcberdies betrachtet der Islamismus den Islam als ein absolutes und umfassendes Ordnungssystem, das alle Bereiche des Lebens - private wie \u00f6ffentliche - durchdringt und regelt. Ziel eines islamischen Gottesstaates auf Grundlage der Scharia Islamistische Str\u00f6mungen streben in letzter Konsequenz danach, den demokratischen Rechtsstaat durch einen Gottesstaat auf Basis der Scharia zu ersetzen - einer Sammlung islamischer Rechtsvorschriften, die unter anderem k\u00f6rperliche Strafen wie das Abtrennen von Gliedma\u00dfen (Hadd-Strafen) enth\u00e4lt. W\u00e4hrend jihadistisch motivierte Personen dies vorwiegend durch den bewaffneten Kampf erreichen wollen, agieren sogenannte legalistische Gruppierungen eher auf gesellschaftspolitischer Ebene und versuchen, ihrem Ziel durch eine ideologische Durchdringung der Gesellschaft mittels religi\u00f6ser Missionierung (da'wa), sozialem Engagement und politischer Einflussnahme auf l\u00e4ngerfristige Sicht n\u00e4herzukommen. Seite 223","X Hintergrund Tauhid/Tawhid (Glaube an die Einheit Gottes) Das Tauhid-Konzept beschreibt die Lehre von der absoluten \"Einheit und Einzigartigkeit Gottes\". Daraus leiten islamistische Str\u00f6mungen ab, dass Gott (Allah) der einzig legitime Souver\u00e4n ist und die von ihm erschaffene und im Koran beschriebene Weltordnung als einzig \"wahre\" und absolute Ordnung \u00fcber allen menschengemachten Gesetzen steht bzw. diese ersetzt. Ein bildlicher Ausdruck dieses Prinzips ist der nach oben weisende ausgestreckte Zeigefinger (\"Tauhid-Finger\"). Ausgrenzung und Takfir (Exkommunizierung) Viele islamistische Str\u00f6mungen vertreten einen religi\u00f6sen Exklusivit\u00e4tsanspruch und grenzen andere Glaubensrichtungen strikt aus - mitunter sogar andere islamistische Str\u00f6mungen, die von ihrer eigenen Ideologie abweichen. Das im Salafismus propagierte Konzept der \"Loyalit\u00e4t und Lossagung\" (al-wala' wa-l-bara') fordert u. a. dazu auf, den Umgang mit Nicht-Musliminnen und -Muslimen zu meiden und kann bei einer radikalisierten Einstellung auch zum takfir f\u00fchren, d. h. dem systematischen Absprechen des Muslim-Seins. Der exklusive Absolutheitsanspruch im Islamismus kreiert dar\u00fcber hinaus ein duales Weltbild, aus dem im jihadistischen Spektrum abgeleitet wird, dass alle Nicht-Musliminnen und -Muslime generell als Feinde zu bek\u00e4mpfen seien. Jihad Der arabische Begriff \"Jihad\" bedeutet im origin\u00e4ren Wortsinn etwa \"Anstrengung, M\u00fche\" und soll Musliminnen und Muslime zu verst\u00e4rkter Religionsaus\u00fcbung motivieren (\"gro\u00dfer Jihad\"). Das Konzept des \"kleinen Jihad\" (religionsrechtlich die Beschreibung von M\u00f6glichkeiten islamischer Gemeinschaften, sich im Angriffsfall gegen Feinde zu verteidigen) wird hingegen von jihadistisch motivierten Personen missinterpretiert. Sie leiten daraus eine universelle Legitimation ab, alle \"Ungl\u00e4ubigen\" und Andersgl\u00e4ubigen aktiv zu bek\u00e4mpfen, da der Islam sowohl durch den \"ungl\u00e4ubigen\" Westen als auch durch nach ihrer Auffassung korrumpierte Regierungen islamischer Staaten einem st\u00e4ndigen Angriff ausgesetzt sei. Manche Islamistinnen und Islamisten deuten den militanten \"kleinen Jihad\" sogar als die individuelle Pflicht einer bzw. eines jeden muslimischen Gl\u00e4ubigen und bezeichnen ihn als die \"sechste S\u00e4ule\" des islamischen Glaubens. R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit/Ideal der \"frommen Altvorderen\" Ein wesentliches, vorwiegend im Salafismus vorliegendes Merkmal ist die Glorifizierung der Fr\u00fchzeit des Islams und die Orientierung an dieser aus salafistischer Sicht \"reinen\" und unverf\u00e4lschten religi\u00f6sen Ur-Gemeinschaft, indem wortgetreu die origin\u00e4re heilige Schrift (Koran) und die Traditionen des Propheten Muhammad (sunna) befolgt werden. Die Bezeichnung der salafistischen Str\u00f6mung leitet sich daher vom arabischen Terminus \"as-Salaf as-Salih\" ab - in etwa \"die frommen Altvorderen\". Seite 224","X Hintergrund Antisemitismus und Israelfeindlichkeit Im Rahmen eines sogenannten sekund\u00e4ren Antisemitismus, dessen Grundelemente die Leugnung des Holocausts und die Negierung des Existenzrecht des Staates Israel darstellen, sind vor allem der Nahostkonflikt und das Ziel der in muslimischen Augen n\u00f6tigen \"Befreiung Pal\u00e4stinas\" aus den H\u00e4nden des \"Okkupators\" Israel bei allen islamistischen Str\u00f6mungen ein wichtiges Thema. Die Geschichte des Konflikts wird dabei propagandistisch verkl\u00e4rt und als Beweis f\u00fcr eine Doppelmoral des Westens bzw. eine angebliche j\u00fcdisch-christliche Unterdr\u00fcckung des Islams angef\u00fchrt. Islamistinnen und Islamisten vertreten daher immer auch eine antisemitische Grundauffassung, deren Auspr\u00e4gung jedoch variieren kann. 2.4 Ph\u00e4nomenbezogene Merkmale des Linksextremismus Linksextremismus ist ein Sammelbegriff f\u00fcr alle Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, die auf einer Verabsolutierung der Werte von Freiheit und sozialer Gleichheit beruhen, wie sie sich insbesondere in den Ideologien des Kommunismus und Anarchismus wiederfinden. Verfassungsfeindliche Zielsetzungen Linksextremistische Organisationen, Gruppierungen und Parteien stellen eine Gefahr f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung dar. Ihre unterschiedlichen Str\u00f6mungen und Ideologien haben das gemeinsame Ziel, die bestehende, durch das Grundgesetz vorgegebene Staatsund Gesellschaftsordnung revolution\u00e4r zu \u00fcberwinden. An ihre Stelle soll eine sozialistische, kommunistische oder anarchistisch-herrschaftsfreie Gesellschaftsform treten. Linksextremisten erkennen die parlamentarische Demokratie als bestehende Staatsform nicht an. Vielmehr wird diese Staatsform als Ausformung des ihrer Ansicht nach kapitalistischen Systems angesehen. Ziel ist daher deren Abschaffung. Unterschiede bestehen, je nach ideologischer Ausrichtung in den Wegen, die zu diesem Ziel f\u00fchren sollen. Alle Versuche, eine entsprechend angestrebte Gesellschaftsform in die Realit\u00e4t umzusetzen und zu etablieren, f\u00fchrten zu keinem dauerhaften Erfolg. Linksextremistische Ideologie Der linksextremistischen Ideologie liegen Theorien von Leitfiguren zugrunde, die je nach Str\u00f6mung in unterschiedlichem Ausma\u00df und zum Teil auch voneinander abweichenden Interpretationen einflie\u00dfen. Im Linksextremismus lassen sich grob zwei Str\u00f6mungen unterscheiden. Die undogmatischen, meist in losen Zusammenh\u00e4ngen und sich nur an Ideologiefragmenten bedienenden Linksextremisten stellen den Gro\u00dfteil des gewaltorientierten Personenpotenzials. Die Grunds\u00e4tze der dieses Spektrum beeinflussenden Lehren, insbesondere des Seite 225","X Hintergrund Anarchismus und Kommunismus sowie die Erkenntnisse des Marxismus, werden nicht als verbindliche Glaubenss\u00e4tze verstanden. Vielmehr kann kontinuierlich eine Anpassung an die aktuelle politische Situation und die heute bestehende Lebenswirklichkeit erfolgen. Die dogmatisch ausgerichteten Linksextremisten in Parteien und partei\u00e4hnlichen Strukturen orientieren sich dagegen an starren Glaubenss\u00e4tzen innerhalb ihrer Ideologie. Insbesondere den dogmatischen Personenzusammenschl\u00fcssen dient das Bekenntnis zum Marxismus-Leninismus als \"wissenschaftliche\" Ableitung zum revolution\u00e4ren Handeln. Damit folgen sie der vermeintlich wissenschaftlichen Lehre von Karl Marx (18181883) und Friedrich Engels (1820-1895), nach der der Kommunismus die endg\u00fcltige und vollkommene aller Wirtschaftsund Gesellschaftsformen ist. Konkrete Hinweise und Vorgaben f\u00fcr die Ausgestaltung der neuen Gesellschaftsbzw. Wirtschaftsordnung gaben sie nicht. Infolgedessen entwickelten verschiedene kommunistische Politiker und Philosophen Theorien und Strategien, wie der Umsturz und die Neugestaltung der Gesellschaft gelingen k\u00f6nnten. Wladimir Iljitsch Uljanow - besser bekannt als Lenin (1870-1924) - begr\u00fcndete die These, nach der der Sozialismus als eine eigenst\u00e4ndige Entwicklungsphase zwischen Kapitalismus und Kommunismus besteht. Lenin passte den Marxismus an die Bedingungen im Russland des beginnenden 20. Jahrhunderts an und entwickelte ihn so weiter. Von entscheidender Bedeutung sind im Leninismus die Strategie und Taktik der Revolution. Eine kleine Gruppe von Berufsrevolution\u00e4ren habe als zentrale F\u00fchrung das Proletariat zu leiten und durch Agitation und Propaganda zum sozialistischen Klassenbewusstsein sowie zur bewussten revolution\u00e4ren Aktion zu f\u00fchren. In der praktischen Umsetzung zeigte sich die Diskrepanz zwischen dem wissenschaftlichen Bewusstsein der Berufsrevolution\u00e4re und dem Alltagsbewusstsein der Bev\u00f6lkerung. Die Masse der Werkt\u00e4tigen wurde dadurch grundlegend von politischen Entscheidungen ausgeschlossen. In Schleswig-Holstein werden die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) und ihre Umfeldorganisationen dieser grundlegenden Ideologie zugeordnet. Josef W. Stalin (1879-1953) propagierte nach Lenins Tod den \"Aufbau des Sozialismus in einem Land\". Er reduzierte die marxistische Theorie auf ein Dogmensystem, das haupts\u00e4chlich der Rechtfertigung der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse im Sinne der Kommunistischen Partei diente. Dieses System f\u00fchrte zur Beseitigung aller b\u00fcrgerlichen Freiheiten und Rechtsgarantien und damit zu einem umfassenden Terror gegen weite Bev\u00f6lkerungskreise. Heute wird die stalinistische Politik von linksextremistischen Gruppierungen \u00fcberwiegend kritisch gesehen und abgelehnt. Seite 226","X Hintergrund Die von Leo Trotzki (1879-1940) vertretenen Ansichten stellten keine tats\u00e4chliche Abspaltung vom Kommunismus sowjetischer Pr\u00e4gung dar. Die Lehre Trotzkis betonte die sozialistische Weltrevolution und kritisierte das autorit\u00e4re Parteimodell in der Sowjetunion als \"b\u00fcrokratisch entartet\". Die trotzkistische Lehre setzt dabei auf eine direkte Demokratie durch die Errichtung der \"Diktatur des Proletariats\" in Gestalt der R\u00e4tedemokratie und das Beharren auf den proletarischen Internationalismus. Insgesamt spielte Trotzki f\u00fcr die politische Entwicklung in der Sowjetunion eine betr\u00e4chtliche Rolle, er bef\u00fcrwortete offen die Anwendung von Gewalt als legitimes revolution\u00e4res Mittel, auch gegen die eigenen Kampfgenossen. In Schleswig-Holstein existieren die trotzkistischen Gruppen Sozialistische Alternative (SAV) und Marx 21. Der Maoismus verband seit dem Sieg Mao Tsetungs (1893-1976) in China 1949 die grundlegenden Gedanken des Marxismus-Leninismus mit traditionell chinesischen Elementen. Im Gegensatz zu Lenin vertrat Mao die Strategie der \"Umzingelung der St\u00e4dte durch das Land\". Mao schrieb den Bauern die tragende Rolle der Revolution und Hauptst\u00fctze des Kommunismus in China zu. Diese Ideen Mao Tsetungs werden heute nicht mehr als die alleinige Sch\u00f6pfung Maos angesehen. Sie werden als \"die Kristallisation der kollektiven Weisheit der Kommunistischen Partei Chinas\" bezeichnet, um ihren Inhalt nach den politischen Erfordernissen jeweils neu bestimmen zu k\u00f6nnen. Die gr\u00f6\u00dfte Gruppierung dieser ideologischen Ausrichtung ist die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschland (MLPD), die auch Anh\u00e4nger in Schleswig-Holstein hat. Dem Anarchismus liegt eine philosophisch-politische Lehre zugrunde, die darauf zielt, die Gesellschaft vom Staat zu befreien. Jegliche politische Macht soll vernichtet werden. Dabei differenzieren Anarchistinnen und Anarchisten nicht zwischen demokratisch und diktatorisch organisierten Staaten. Der Staat an sich gilt als das Problem. Die Verweigerung von Hierarchie und Unterordnung f\u00fchrt zu einem prinzipiellen Misstrauen gegen\u00fcber jeder Organisationsform. Anarchistinnen und Anarchisten bilden deshalb zumeist lediglich lose strukturierte Gruppierungen. An die Stelle des Staates soll k\u00fcnftig eine freie Vereinigung von Einzelpersonen und Gruppen ohne Zwangsorganisationen treten, ohne geschriebene Gesetze, Polizei, Milit\u00e4r, Gerichte oder Gef\u00e4ngnisse. In einer solchen Gesellschaft sollen die Menschen aufgrund freiwilliger Vertr\u00e4ge harmonisch miteinander leben. Die anarchistische Gesellschaft ist auf der Basis v\u00f6lliger Freiwilligkeit geordnet. In Schleswig-Holstein geh\u00f6ren dazu die Graswurzelbewegung und die Freie Arbeiterinnenund Arbeiter-Union (FAU). Seite 227","X Hintergrund Besetzung von gesellschaftlich anerkannten Themenfeldern zur Zielerreichung Schwerpunkte linksextremistischer Agitation liegen grunds\u00e4tzlich auf den Themenfeldern Antifaschismus und Antirassismus sowie Antikapitalismus und Antirepression. Entsprechende Begriffsbestimmungen nach linksextremistischem Verst\u00e4ndnis befinden sich im Teil Linksextremismus dieses Berichts. Linksextremisten nutzen f\u00fcr ihre Themenfelder positiv besetzte Begriffe, die im zivilgesellschaftlichen Spektrum anerkannt sind und somit eine hohes Anschlusspotenzial an dieses Spektrum haben. Sie deuten diese positiv besetzten Begriffe auf ihre extremistische Zielsetzung und versuchen dar\u00fcber, b\u00fcrgerliches Personenpotenzial f\u00fcr ihre Zwecke zu gewinnen. 2.5 Ph\u00e4nomenbezogene Merkmale extremistischer Bestrebungen mit Auslandsbezug Die Aktivit\u00e4ten der extremistischen Organisationen mit Auslandsbezug in Deutschland werden ma\u00dfgeblich beeinflusst durch die aktuellen Ereignisse in den jeweiligen Herkunftsl\u00e4ndern und durch die Vorgaben der dortigen zentralen Organisationseinheiten. Das Handeln in Deutschland ist vorrangig darauf ausgerichtet, die jeweiligen Hauptorganisationen in den Heimatl\u00e4ndern zu unterst\u00fctzen, sei es durch Geldspenden, Rekrutierung neuer Mitglieder, Vorhalten eines R\u00fcckzugsraumes f\u00fcr politisch verfolgte Organisationsmitglieder sowie durch Lobbyarbeit und Einflussnahme auf die \u00f6ffentliche Meinung. Der Begriff Extremismus mit Auslandsbezug fasst unterschiedliche Bestrebungen zusammen, die ihren Ursprung jeweils in politischen, sozialen oder ethnischen Konflikten in L\u00e4ndern au\u00dferhalb Deutschlands haben, und die nicht prim\u00e4r aus islamistischer Motivation handeln. Es geht dabei also nicht um ein einheitliches, tendenziell untereinander b\u00fcndnisf\u00e4higes Spektrum, sondern um sehr unterschiedliche, teilweise gegenl\u00e4ufige Bestrebungen. Einige dieser Bestrebungen sind gepr\u00e4gt durch Ideologieelemente aus dem Linksextremismus und beziehen sich auf universelle kommunistische bzw. sozialistische Vordenkerinnen und Vordenker wie Marx und Lenin, so beispielsweise die t\u00fcrkisch-linksextremistische Marxistische Leninistische Kommunistische Partei (MLKP). Bei einigen extremistischen Gruppierungen mit Auslandsbezug aus dem linken Spektrum ist die urspr\u00fcngliche sozialistische oder kommunistische Ausrichtung inzwischen in den Hintergrund getreten und durch eigene Ideologieelemente und Forderungen modifiziert worden, so beispielsweise bei der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Bei anderen extremistischen Bestrebungen mit Auslandsbezug finden sich Ideologieelemente des Rechtsextremismus in Form von Rassismus und einer nationalistischen Pr\u00e4gung, die der eigenen Volksgruppe einen deutlich h\u00f6heren Wert beimisst als anderen Ethnien. Die Vordenkerinnen und Vordenker der jeweiligen Ideologie stammen in der Seite 228","X Hintergrund Regel aus der jeweiligen Volksgruppe, die sie ideologisch \u00fcberh\u00f6hen, beispielsweise Nihal Atsiz f\u00fcr die \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung. Der Begriff \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung, umgangssprachlich auch oft als \"Graue W\u00f6lfe\" bezeichnet, wird hier synonym verwendet f\u00fcr t\u00fcrkischen Rechtsextremismus. Obwohl die Aktivit\u00e4ten dieser extremistischen Organisationen sich nicht prim\u00e4r gegen die Bundesrepublik Deutschland richten, sind sie f\u00fcr die \u00e4u\u00dfere und innere Sicherheit Deutschlands problematisch: Eine Unterst\u00fctzung von Organisationen, die im Ausland gewaltt\u00e4tig und terroristisch agieren, von deutschem Boden aus gef\u00e4hrdet ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik und schadet der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Das gewaltsame Austragen von Konflikten verschiedener Migrantengruppen untereinander innerhalb der Bundesrepublik Deutschland beeintr\u00e4chtigt die innere Sicherheit, missachtet das staatliche Gewaltmonopol und gef\u00e4hrdet die verfassungsm\u00e4\u00dfigen Rechte der jeweiligen Opfer. In Schleswig-Holstein sind hinsichtlich des Extremismus mit Auslandsbezug vor allem die Wechselwirkungen der mitgliederst\u00e4rksten Beobachtungsobjekte mit Bezug zur T\u00fcrkei, n\u00e4mlich der PKK und des t\u00fcrkischen Rechtsextremismus/\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung relevant. Die PKK wird vom Verfassungsschutz in erster Linie beobachtet, weil sie ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrdet. Dies \u00e4u\u00dfert sich dergestalt, dass sie im Ausland ihre politischen Ziele mit milit\u00e4rischer und terroristischer Gewalt verfolgt und diese Gewaltanwendung durch Spendensammlungen und Rekrutierungen in Deutschland f\u00f6rdert. Obwohl die PKK in Europa seit Jahren auf spektakul\u00e4re Gewaltaktionen verzichtet, um sich im politischen Raum als seri\u00f6se Interessenvertretung f\u00fcr kurdische Belange zu profilieren, gef\u00e4hrdet ihre T\u00e4tigkeit auch die innere Sicherheit Deutschlands: Durch einen fl\u00e4chendeckend vorhandenen Kaderapparat und eigene Medien kann die PKK kurzfristig Tausende von Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern zu Protestwellen vorgegebener Intensit\u00e4t mobilisieren. Nach dem Verst\u00e4ndnis der PKK umfasst das von ihr sogenannte friedliche Protestverhalten auch Straftaten wie zum Beispiel Hausund Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und gef\u00e4hrliche Eingriffe in den Verkehr. Gewaltt\u00e4tige Ausschreitungen - vor allem gegen rechtsextremistische t\u00fcrkische Personen - im Rahmen von Versammlungslagen werden von den PKK-nahen Organisationen in Deutschland ebenso billigend in Kauf genommen wie Sachbesch\u00e4digungen und Brandanschl\u00e4ge gegen t\u00fcrkische Objekte durch sogenannte Apoistische Jugendinitiativen. Der Begriff \"apoistisch\" nimmt Bezug auf den PKK-Gr\u00fcnder Abdullah \u00d6calan, der von seinen Anh\u00e4ngern verehrend \"Apo\" - Kurdisch f\u00fcr \"Onkel\" und abk\u00fcrzend f\u00fcr \"Abdullah\" - genannt wird. \"Apoistisch\" bedeutet folglich \"\u00d6calan-treu\". Der Begriff \"Apoistische Jugendinitiative\" wird regelm\u00e4\u00dfig in Bekennungen zu Straftaten auf der Internetseite der PKK-Jugendorganisation verwendet. Seite 229","X Hintergrund Der t\u00fcrkische Linksextremismus umfasst ein breites Spektrum an verschiedenen Organisationen und Parteien. In Schleswig-Holstein ist vorwiegend die MLKP vertreten. Ihre Ideologie ist kommunistisch mit einer marxistisch-leninistischen Auspr\u00e4gung. F\u00fcr die meisten der t\u00fcrkisch linksextremistischen Organisationen gilt Deutschland als R\u00fcckzugsraum, weshalb dort grunds\u00e4tzlich keine gewaltsamen Aktionen durchgef\u00fchrt werden. Allerdings wird \u00fcber die Mitglieder von Deutschland aus finanzielle und logistische Unterst\u00fctzung f\u00fcr gewaltsame Aktionen in der T\u00fcrkei geleistet. Dadurch gef\u00e4hrden sie ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland. Die \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung zeichnet sich durch einen \u00fcbersteigerten Nationalismus aus, welcher insbesondere in der Forderung nach einer Vereinigung aller Turkv\u00f6lker in einem gemeinsamen Staat zum Ausdruck kommt. Die Anh\u00e4nger der \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung sehen im T\u00fcrkentum eine \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber anderen V\u00f6lkern und Nationen. Damit geht eine rassistische Grundhaltung einher. Die \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung richtet sich gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, insbesondere gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker. F\u00fcr die Bewegung sind vor allem Themen, welche ihren Ursprung in der T\u00fcrkei haben, von Interesse. Hierzu spielen insbesondere au\u00dfenpolitische sowie wirtschaftliche und historische Themen eine Rolle. Der s\u00e4kulare pal\u00e4stinensische Extremismus in Form der Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas (PFLP) ist durch eine marxistisch-leninistische Ideologie gepr\u00e4gt. Deutschland ist f\u00fcr die PFLP kein Operationsgebiet mehr f\u00fcr terroristische Aktionen, sondern wird lediglich als Raum f\u00fcr propagandistische Zwecke und Spendenwerbung genutzt, um die Organisation im Ausland zu unterst\u00fctzen. Dadurch gef\u00e4hrdet sie ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland. 2.6 Ph\u00e4nomenbezogene Merkmale der Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter Reichsb\u00fcrgerinnen und Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter stellen eine eigene Form des politischen Extremismus dar. Sie weisen nur in Teilen Bez\u00fcge zum Rechtsextremismus auf. Reichsb\u00fcrgerinnen und Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter erkennen aus unterschiedlichen Motiven und mit unterschiedlichen Begr\u00fcndungen die Bundesrepublik Deutschland und damit auch die freiheitliche demokratische Grundordnung nicht an. Reichsb\u00fcrgerinnen und Reichsb\u00fcrger st\u00fctzen ihre Argumentation auf das \"Deutsche Reich\", das nach ihrer Auffassung fortbesteht. Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter hingegen stellen nicht unbedingt auf das \"Deutsche Reich\" ab, verwenden aber \u00e4hnliche Argumentationsmuster. Teilweise beanspruchen sie eigene \"Hoheitsgebiete\", die sie \"selbst verwalten\". Seite 230","X Hintergrund Ablehnung des Demokratieund Rechtsstaatsprinzips F\u00fcr Reichsb\u00fcrgerinnen und Reichsb\u00fcrger sowie Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter gibt es den Staat Bundesrepublik Deutschland nicht. Seine Rechtsordnung, insbesondere das Grundgesetz seien unverbindlich. Demokratie, Parlamentarismus, das Mehrparteiensystem und das Gewaltmonopol des Staates werden abgelehnt. Aus ihrer Ideologie leiten sie ein umfassendes Widerstandsrecht gegen staatliche Ma\u00dfnahmen ab. Diese nach au\u00dfen auch aggressiv-k\u00e4mpferisch getragene Grundhaltung macht die Reichsb\u00fcrgerund Selbstverwalterszene zu einem Feind der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. In Verbindung mit der auff\u00e4llig hohen Affinit\u00e4t zu Waffen geht von der Reichsb\u00fcrgerund Selbstverwalterszene ein latent hohes Gefahrenpotenzial aus. In zahlreichen teilweise verbal-aggressiv formulierten Schreiben mit pseudojuristischen Argumenten an Beh\u00f6rden bestreiten sie die Existenz der Bundesrepublik. Stattdessen verwenden sie Bezeichnungen wie \"BRiD\"73 oder \"BRD-GmbH\"74 Mit solchen und \u00e4hnlichen Abk\u00fcrzungen will die Szene unterstreichen, dass sie die Bundesrepublik Deutschland nicht f\u00fcr einen souver\u00e4nen Staat h\u00e4lt und erkl\u00e4rt, staatliche Beh\u00f6rden und Kommunen seien privatrechtliche Firmen oder Unternehmen. Als vermeintliche Belege dieser Behauptungen wird auf entsprechende Ausz\u00fcge aus \u00f6ffentlichen Firmenregistern hingewiesen, in denen auch Beh\u00f6rden eingetragen sind. Mit derartigen Schreiben versuchen Reichsb\u00fcrgerinnen und Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter, sich rechtlichen Pflichten gegen\u00fcber dem Staat zu entziehen, um haupts\u00e4chlich Steuern, Geb\u00fchren und Abgaben nicht zu zahlen. Dar\u00fcber hinaus werden teilweise Beh\u00f6rden und gezielt deren Besch\u00e4ftigte unter Druck gesetzt und eingesch\u00fcchtert, indem ihnen mit Schadenersatzforderungen, Bu\u00dfgeldern oder Zwangsma\u00dfnahmen gedroht wird, falls sie nicht machen, was in den einschl\u00e4gigen Schreiben der Szene steht. Nicht selten berufen sich Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter dabei auf eine eigene Rechtsprechung und Gerichtsbarkeit, die bei Nichtbefolgung ihrer Anliegen t\u00e4tig werde. Den Beh\u00f6rden werden zudem Fristen f\u00fcr eine Reaktion gesetzt. Lassen die Beh\u00f6rden die Frist verstreichen, wird dies als Zustimmung gewertet. Vermeintlich legitimiert aufgrund ihrer Ideologie nimmt die Szene ein Widerstandsund Notwehrrecht f\u00fcr sich in Anspruch. Beh\u00f6rdliche (Vollstreckungs-) ma\u00dfnahmen sind demzufolge rechtswidrige Angriffe, denen man auch mit Gewalt begegnen darf. 73 Abk\u00fcrzung f\u00fcr \"Bundesrepublik in Deutschland\" 74 Abk\u00fcrzung f\u00fcr \"Bundesrepublik Deutschland-GmbH\" Seite 231","X Hintergrund B\u00fcrger sind nur \"Personal\" Anf\u00e4nglich beriefen sich Reichsb\u00fcrgerinnen und Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter darauf, dass die Bundesrepublik Deutschland kein Staat sei und dessen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger nur \"Personal\" einer unter Besatzung der Alliierten stehenden GmbH seien. Die \"Betriebszugeh\u00f6rigkeit\" zu dieser privatrechtlichen Firma w\u00fcrde mit dem Personalausweis dokumentiert. G\u00e4be man den Personalausweis bei den Beh\u00f6rden ab, so steige man aus der Bundesrepublik aus. Das Innenministerium Schleswig-Holstein reagierte darauf bereits im Jahr 2017 mit der Einf\u00fchrung einer sogenannten Aufbewahrungsgeb\u00fchr. Mit Einf\u00fchrung der Geb\u00fchr ging die Anzahl der zur Verwahrung abgegebenen Personalausweise drastisch zur\u00fcck. Dennoch ist die Differenzierung zwischen dem \"Menschen\" auf der einen Seite und der durch Ausstellung einer Geburtsurkunde oder eines Personalausweises k\u00fcnstlich geschaffenen \"juristischen Person\" auf der anderen Seite weiterhin ein g\u00e4ngiges Argument der Szene. Regelm\u00e4\u00dfig wird geschlussfolgert, der \"Mensch\" sei nicht f\u00fcr Forderungen an die \"juristische Person\" zust\u00e4ndig. 2.7 Ph\u00e4nomenbezogene Merkmale der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates Verunglimpfung demokratischer Prozesse Delegitimiererinnen und Delegitimierer machen den demokratischen Rechtsstaat, dessen Entscheidungen und seine Repr\u00e4sentantinnen und Repr\u00e4sentanten ver\u00e4chtlich. Die Szene verunglimpft demokratische Prozesse und setzt unter anderem in diffamierender Weise den parlamentarisch-demokratischen Rechtsstaat mit der NS-Diktatur gleich. Staatliche Ma\u00dfnahmen werden als illegitim gesehen. Die Delegitimiererszene leitet daraus ein Widerstandsrecht ab, das die Androhung von Gewalt und Sabotageaktionen miteinschlie\u00dft. Verbale Agitation, Drohungen und realweltliche Aktionen zielen auf eine Delegitimierung des Staates ab. Sie richten sich aktiv-k\u00e4mpferisch gegen das Demokratieund Rechtsstaatsprinzip und gef\u00e4hrden die Sicherheit des Staates. Seite 232","X Hintergrund Keine einheitliche Ideologie und kein Gegenentwurf zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung Delegitimiererinnen und Delegitimierer verf\u00fcgen \u00fcber keine einheitliche neue oder hergebrachte Ideologie. Sie greifen auf einzelne Elemente unterschiedlicher Ideologien zur\u00fcck und verfolgen keinen klar definierten politisch-gesellschaftlichen Gegenentwurf zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Dies unterscheidet sie im Kern von den bislang bekannten verfassungsfeindlichen Bestrebungen wie dem Rechtsextremismus, dem Linksextremismus, dem Salafismus, der Reichsb\u00fcrgerbewegung oder dem Extremismus mit Auslandsbezug. Rekurs auf Verschw\u00f6rungstheorien Die Szene nutzt nahezu durchg\u00e4ngig Versatzst\u00fccke verschiedenster Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen. Oftmals weisen diese Theorien antisemitische Narrative und Ressentiments auf. Delegitimiererinnen und Delegitimierer eint eine deutlich ausgepr\u00e4gte Elitenfeindlichkeit und ein absolutes \"Freund-Feind-Denken\". Der R\u00fcckgriff auf Verschw\u00f6rungstheorien entfaltet dabei eine erhebliche katalysatorische Wirkung. Einige Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger halten zum Beispiel die Corona-pandemie f\u00fcr ein Konstrukt, eine internationale Verschw\u00f6rung p\u00e4dophiler Eliten, um eine weltweite Diktatur zu errichten. Fake News Zur vermeintlichen Nachvollziehbarkeit ihrer verfassungsfeindlichen Bestrebung verbreiten Delegitimiererinnen und Delegitimierer in erheblichem Umfang falsche Nachrichten. F\u00fcr die sogenannten Fake News nutzen sie in der Regel den Messengerdienst Telegram. Diese Aufforderungen und Aussagen belegen, dass das Gewaltmonopol des Staates, das parlamentarische System und rechtsstaatliche Verfahren ver\u00e4chtlich gemacht und abgelehnt werden. Die kontinuierliche Agitation der Delegitimiererinnen und Delegitimierer, die dar\u00fcber hinaus auch Verst\u00f6\u00dfe gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung aufweist, zielt auf eine breite Akzeptanz in der b\u00fcrgerlichen Mitte der Gesellschaft und damit im Ergebnis auf eine Destabilisierung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Seite 233","Seite 234","XI Liste der im Bericht genannten extremistischen Organisationen 1 Rechtsextremistische Organisationen - Aryan Circle (AC) - Bollstein Kiel - Der III. Weg - Die Heimat (HEIMAT) - Die Rechte - Identit\u00e4re Bewegung (IB) - Junge Nationalisten (JN) - Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) - Nordfeuer - V\u00f6lkisch-nationalistischer Personenzusammenschluss (ehemals \"Fl\u00fcgel\") in der AfD - W\u00e4hlergemeinschaft Heimat Neum\u00fcnster (WHN) 2 Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter - Indigenes Volk Germaniten (IVG) - Internationale Organisation V\u00f6lkerrecht (IOV) - K\u00f6nigreich Deutschland (KRD) - Wahlkommission der K\u00f6niglich Preu\u00dfischen Provinz Schleswig-Holstein (WKSH) Seite 235","XI Liste der im Bericht genannten extremistischen Organisationen 3 Islamistische und islamistisch-terroristische Organisationen - al-Qaida/Kern-al-Qaida (AQ) - AMAL - an-Nahda - DMG-B Deutschsprachige muslimische Gemeinschaft Braunschweig e. V. - DMG Deutsche Muslimische Gemeinschaft e. V. - ECFR European Council for Fatwa and Research x - Furkan-Gemeinschaft (Furkan Egitim ve Hizmet Vakfi) - Generation Islam (GI) - HAMAS (Harakat al-Muqawama al-Islamiyya; \"Islamische Widerstandsbewegung\") - \"Qassam-Brigaden\" - HIA Hizb-i Islami Afghanistan (Islamische Partei Afghanistan) - Hizb Allah/Hisbollah - Hizb ut-Tahrir (HuT; Partei der Befreiung) - HTS Hai'at Tahrir ash-Sham (Komitee zur Befreiung der Levante) - IGS Islamische Gemeinschaft der Schiitischen Gemeinden Deutschlands e. V. - Islamischer Staat (IS; vormals \"Islamischer Staat im Irak und Gro\u00dfsyrien\" - ISIS) - Islamischer Staat Provinz Khorasan (ISPK) - Islamisches Zentrum Hamburg (IZH) - Muslimbruderschaft/Muslimbr\u00fcder (MB; al-Ikhwan al-Muslimun) - Palestine Liberation Organization (PLO; Pal\u00e4stinensische Befreiungsorganisation) Seite 236","XI Liste der im Bericht genannten extremistischen Organisationen - Pal\u00e4stinensischer Islamischer Jihad (PIJ) - Realit\u00e4t Islam (RI) - Samidoun (Solidarit\u00e4tsnetzwerk f\u00fcr pal\u00e4stinensische Gefangene) - Tablighi Jama'at (TJ; Missionierungsgesellschaft) - T\u00fcrkische Hizbullah 4 Linksextremistische Organisationen - Antifa Kiel - Antifa Neum\u00fcnster - Antifa Pinneberg - Autonome Antifa-Koordination Kiel (AAKK) - Basis Antifa L\u00fcbeck - Deutsche Kommunistische Partei (DKP) - Freie Arbeiterinnenund Arbeiter-Union (FAU) - Graswurzelbewegung - Interventionistische Linke (IL) - La Rage - Marx21 - Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) - Rote Hilfe e.V. (RH) - Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) - Sozialistische Alternative (SAV) - TurboKlimaKampfGruppe (TKKG) Seite 237","XI Liste der im Bericht genannten extremistischen Organisationen 5 Extremistische Organisationen mit Auslandsbezug (nicht islamistisch) - Arbeiterpartei Kurdistans (Partiya Karkeren Kurdistane, PKK) - Bewegung der jungen k\u00e4mpferischen Frauen (Jinen Ciwan en Tekoser - Teko-Jin) - Bund Sozialistischer Frauen (Sosyalist Kadinlar Birligi, SKB) - Demokratischer Gesellschaftskongress der Kurd*innen in Europa (Kongreya Civaken Demokratik a Kurdistaniyen Li Ewropa, KCDK-E) - Demokratische Kurdische Gemeinde Zentrum Neum\u00fcnster e. V. (DKTM Neum\u00fcnster) - Einheit der freien Frau (Yekitiya Jinen Azad - YJA-STAR) - F\u00f6deration Demokratisches Gesellschaftszentrum der Kurdinnen in Nord Deutschland e. V. (Federasyona Civaka Demokratik a Kurdistaniyan le Bakure Alman, FED-DEM) - F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-Demokratischen Idealistenvereine (Avrupa Demokratik \u00dclk\u00fcc\u00fc T\u00fcrk Dernekleri Federasyonu, AD\u00dcTDF) - Freiheitsfalken Kurdistans (Teyrebazen Azadiya Kurdistan, TAK) - Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (Koma Civaken Kurdistan, KCK) - Konf\u00f6deration der Gemeinschaften Mesopotamiens in Deutschland (KON-MED) - Kurdisches Gemeindezentrum Schleswig-Holstein e. V. (DKTM Kiel) - Kurdische Frauenbewegung in Europa (Tevgera Jinen Kurd a Ewrupaye - TJK-E) - Marxistische Leninistische Kommunistische Partei (MLKP) - Partei der Demokratischen Union (Partiya Yekitiya Demokrat, PYD) - Partei der Nationalistischen Bewegung (Milliyetci Hareket Partisi, MHP) - Patriotisch revolution\u00e4re Jugendbewegung (Tevgera Ciwanen Welatparez u Soresger, TCS) Seite 238","XI Liste der im Bericht genannten extremistischen Organisationen - Vereinte Revolution\u00e4re Bewegung der V\u00f6lker (Halklarin Birlesik Devrim Hareketi, HBDH) - Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas (Popular Front for the Liberation of Palestine, PFLP) - Volksverteidigungskr\u00e4fte (Hezen Parastina Gel, HPG) - Volksverteidigungseinheiten (Yekineyen Parastina Gel, YPG) - Young Struggle (YS) Seite 239"],"title":"Verfassungsschutzbericht 2024","year":2024}
