{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-sh-2001.pdf","jurisdiction":"Schleswig-Holstein","num_pages":82,"pages":["SCHLESWIG-HOLSTEINISCHER LANDTAG Drucksache 15/1792 15. Wahlperiode 02-04-23 Bericht der Landesregierung Verfassungsschutzbericht 2001 Federf\u00fchrend ist der Innenminister","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein Verfassungsschutzbericht 2001 2","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Vorbemerkung: Der vorliegende Bericht erw\u00e4hnt nicht alle Beobachtungsobjekte der schleswig-holsteinischen Verfassungsschutzbeh\u00f6rde und auch nicht alle Ereignisse des Jahres 2001, sondern nur die bedeutenderen Organisationen und Gruppierungen sowie Geschehnisse. Hinweise auf Vorkommnisse au\u00dferhalb des Landes Schleswig-Holstein wurden aufgenommen, soweit sie f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Berichtes erforderlich sind. Die im Bericht genannten Strafund Gewalttatenzahlen wurden im Berichtsjahr erstmalig nach dem von der Innenministerkonferenz beschlossenen polizeilichen Definitionssystem \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t\" (PMK) erfasst. Das neue Definitionssystem stellt die tatausl\u00f6sende politische Motivation in den Vordergrund. Es umfasst damit sowohl Taten mit erkennbarem extremistischen Hintergrund wie auch solche politisch motivierten Delikte, bei denen (noch) nicht von einem extremistischen Hintergrund gesprochen werden kann. Angesichts der beschriebenen neuen statistischen Erfassung der politisch motivierten Kriminalit\u00e4t wird im vorliegenden Bericht auf eine vergleichende Gegen\u00fcberstellung mit den Zahlen des Jahres 2000 verzichtet. Ebenso nicht enthalten sind die entsprechenden Bundeszahlen, die bis zum Redaktionsschluss noch nicht vorlagen. 3","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode I. VERFASSUNGSSCHUTZ IN SCHLESWIG-HOLSTEIN .................................................6 1 Rechtliche Grundlagen, Aufgaben, Kontrolle .......................................................................................................................6 2 Organisation, Personal, Haushalt...........................................................................................................................................8 II. RECHTSEXTREMISMUS...................................................................................................10 1 \u00dcberblick ....................................................................................................................................................................................10 2 Die Entwicklung im Einzelnen ...............................................................................................................................................11 2.1 Regionale Brennpunkte..................................................................................................................................................... 11 2.1.1 Die Szene um den \"Club 88\" in Neum\u00fcnster.......................................................................................................... 12 2.1.2 Die Kieler Szene ......................................................................................................................................................... 15 2.1.3 Die \"Pinneberger Kameradschaft\" .......................................................................................................................... 16 2.2 Reaktionen auf die Anschl\u00e4ge vom 11. September....................................................................................................... 18 2.3 Gewaltbereitschaft ............................................................................................................................................................. 20 3 Organisationen und unstrukturierte Zusammenschl\u00fcsse im Einzelnen......................................................................22 3.1 Neo-Nationalsozialismus .................................................................................................................................................. 22 3.1.1 \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e. V.\" (HNG)........................ 26 3.2 Rechtsextremistische Skinhead-Szene............................................................................................................................ 26 3.3 \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) ................................................................................................. 28 3.3.1 Wahlen........................................................................................................................................................................ 29 3.3.2 Schulterschluss mit Neo-Nationalsozialisten dauert an ...................................................................................... 29 3.3.3 Innerparteiliche Opposition durch die \"Revolution\u00e4re Plattform\" (RPF).......................................................... 30 3.3.4 Die endg\u00fcltige \u00dcbernahme des schleswig-holsteinischen NPD-Landesverbandes durch Neo-Nationalsozialisten ................................................................................................................................ 31 3.4 \"Deutsche Volksunion\" (DVU)........................................................................................................................................ 33 3.5 \"Die Republikaner\" ............................................................................................................................................................ 35 3.6 \"B\u00fcndnis Rechts\" (BR) ..................................................................................................................................................... 35 3.7 \"Arbeitskreis f\u00fcr deutsche Politik\" (AfdP)..................................................................................................................... 36 4 Verlage........................................................................................................................................................................................36 5 Mitgliederentwicklung der rechtsextremistischen Organisationen und Gruppierungen in Schleswig-Holstein und Gesamtentwicklung im Bundesgebiet 1999 bis 2001 .....................................................38 III. LINKSEXTREMISMUS.......................................................................................................39 1 \u00dcberblick ....................................................................................................................................................................................39 2 Organisationen und Gruppierungen des linksextremistischen Spektrums .................................................................40 2.1 Autonom-anarchistische Szene....................................................................................................................................... 40 2.1.1 Potenzial und \u00f6rtliche Schwerpunkte ..................................................................................................................... 40 2.1.2 Selbstverst\u00e4ndnis und Strategien........................................................................................................................... 41 2.1.2.1 Ideologische Grundlagen................................................................................................................................. 41 2.1.2.2 B\u00fcndnisbestrebungen...................................................................................................................................... 42 2.1.2.3 Gewalt als Mittel zur Verfolgung politischer Ziele ....................................................................................... 42 2.1.2.4 Strukturen und Vernetzung.............................................................................................................................. 45 2.2 \"Rote Hilfe e. V.\" ................................................................................................................................................................ 47 2.3 Dogmatischer Linksextremismus ..................................................................................................................................... 48 3 Aktionsfelder.............................................................................................................................................................................49 3.1 \"Anti-Faschismus\"............................................................................................................................................................ 50 3.2 Anti-Globalisierung ........................................................................................................................................................... 51 4","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 3.3 Anti-Militarismus............................................................................................................................................................... 56 3.4 Anti-Atomkraft ................................................................................................................................................................... 57 4 Strafund Gewalttaten..............................................................................................................................................................59 5 Mitgliederentwicklung der linksextremistischen Organisationen und Gruppierungen in Schleswig-Holstein und Gesamtentwicklung im Bundesgebiet 1999 bis 2001 ......................................................59 IV. EXTREMISTISCHE BESTREBUNGEN VON AUSL\u00c4NDERN .................................60 1 \u00dcberblick ....................................................................................................................................................................................60 2 Islamismus .................................................................................................................................................................................61 2.1 Islamistischer Terrorismus als globale Bedrohung....................................................................................................... 63 2.1.1 Terroranschl\u00e4ge in den USA am 11. September.................................................................................................... 63 2.1.2 Internationales islamistisches Terror-Netzwerk.................................................................................................... 64 2.1.3 Reaktionen islamistischer Organisationen auf die Anschl\u00e4ge vom 11. September......................................... 66 2.1.4 Ausblick...................................................................................................................................................................... 67 2.2 Gewaltgeneigte islamistische Organisationen............................................................................................................... 68 2.2.1 \"Kalifatsstaat\", vormals: \"Verband der islamischen Vereine und Gemeinden e. V., K\u00f6ln\" (ICCB)................ 68 2.2.2 Sonstige gewaltgeneigte islamistische Organisationen ...................................................................................... 69 2.3 Die \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e. V.\" (IGMG) als bedeutendste nicht-militante islamistische Organisation .................................................................................................................... 70 3 \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK)......................................................................................................................................74 3.1 Fortsetzung ihres \"Friedenskurses\"................................................................................................................................ 74 3.2 Organisation und Anh\u00e4ngerschaft ................................................................................................................................. 75 3.3 Aktivit\u00e4ten .......................................................................................................................................................................... 76 3.4 Exekutivma\u00dfnahmen und Strafverfahren........................................................................................................................ 78 3.5 Finanzierung ....................................................................................................................................................................... 78 4 Linksextremistische t\u00fcrkische Organisationen................................................................................................................79 5 Entwicklung der Mitglieder-/Anh\u00e4ngerzahlen der extremistischen Ausl\u00e4nderorganisationen in Schleswig-Holstein und Gesamtentwicklung im Bundesgebiet 1999 bis 2001 ......................................................82 5","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode I. Verfassungsschutz in Schleswig-Holstein 1 Rechtliche Grundlagen, Aufgaben, Kontrolle Verfassungsschutz ist, so Artikel 73 des Grundgesetzes, gemeinsame Aufgabe von Bund und L\u00e4ndern. Das \"Gesetz \u00fcber die Zusammenarbeit des Bundes und der L\u00e4nder in Angelegenheiten des Verfassungsschutzes und \u00fcber das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz\" vom 20. Dezember 1990 beschreibt den gemeinsamen Handlungsrahmen, den die L\u00e4nder f\u00fcr ihre Verfassungsschutzgesetze \u00fcbernommen haben. In Schleswig-Holstein ist dies das \"Gesetz \u00fcber den Verfassungsschutz im Lande Schleswig-Holstein\" vom 23. M\u00e4rz 1991. Daneben hat der Verfassungsschutz die in verschiedenen anderen Gesetzen (unter anderem Personalausweisgesetz, Passgesetz, Datenschutzgesetz) normierten Rechtsvorschriften zu beachten. Enge rechtliche Grenzen setzt z. B. das Gesetz zur Beschr\u00e4nkung des Brief-, Postund Fernmeldegeheimnisses f\u00fcr Eingriffe in diese Grundrechte. Aufgabe des Verfassungsschutzes ist es, die Landesregierung und andere zust\u00e4ndige Stellen \u00fcber Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand und die Sicherheit des Bundes oder der L\u00e4nder zu unterrichten. Bedrohungen dieser Grundwerte sollen bereits im Ansatz und damit im Vorfeld strafrechtlich relevanter Taten erkannt und analysiert werden. Zur Erf\u00fcllung dieser Aufgabe ist er befugt, sachund personenbezogene Informationen zu sammeln und auszuwerten \u00fcber * Bestrebungen, die gegen diese Grundordnung oder den Bestand und die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind oder eine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der Amtsf\u00fchrung von Mitgliedern der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes zum Ziele haben, * Bestrebungen im Geltungsbereich des Grundgesetzes, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der 6","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, * sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht. Unter Bestrebungen im Sinne des Verfassungsschutzgesetzes sind politisch motivierte, zielund zweckgerichtete Verhaltensweisen oder Bet\u00e4tigungen von Organisationen, unorganisierten Gruppen, aber auch von einzelnen Personen zu verstehen, die sich gegen Grundprinzipien der Verfassungsordnung richten. Hinzu kommen muss eine aktiv k\u00e4mpferische, aggressive Haltung gegen\u00fcber diesem Grundbestand von Werten und Rechten unserer freiheitlichen rechtsstaatlichen Verfassung. Derartige Bestrebungen werden als \"extremistisch\" oder \"verfassungsfeindlich\" bezeichnet. Eine nur wertneutrale oder kritische Haltung dem Staat gegen\u00fcber ist nicht Gegenstand der Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Zur Informationsgewinnung ist der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde der Einsatz so genannter nachrichtendienstlicher Mittel erlaubt. Hierzu geh\u00f6ren z. B. der Einsatz von V-Leuten (Vertrauensoder Verbindungsleute), die heimliche Beobachtung (Observation) und das Anfertigen von Bildund Tonaufzeichnungen. Die gewonnenen Informationen sind eine wichtige Grundlage f\u00fcr die politische Auseinandersetzung mit dem Extremismus; mit ihnen k\u00f6nnen aber auch die zust\u00e4ndigen Stellen des Bundes und der L\u00e4nder im Einzelfall Ma\u00dfnahmen treffen und die Gefahrenschwelle bestimmen, jenseits derer Verbotsma\u00dfnahmen zum Schutze der Verfassungsordnung erforderlich sind. So k\u00f6nnen die Erkenntnisse Grundlage sein f\u00fcr Verbote von Vereinen, Verbotsantr\u00e4ge gegen Parteien, Verbote von Versammlungen, Verhinderung finanzieller oder sonstiger F\u00f6rderung, Verweigerung erforderlicher Erlaubnisse (z. B. f\u00fcr Sammlungen, Informationsst\u00e4nde). Derartige Entscheidungen trifft allerdings nicht der Verfassungsschutz. Ihm steht bei seiner Aufgabenerf\u00fcllung keinerlei Exekutivgewalt zu; er ist strikt von der polizeilichen Exekutive getrennt. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben keinerlei polizeilichexekutive Befugnisse. Eine mitwirkende Funktion hat die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde im Bereich des Geheimschutzes. Sie unterst\u00fctzt Beh\u00f6rden und au\u00dferbeh\u00f6rdliche Stellen bei der \u00dcberpr\u00fcfung 7","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode von Geheimnistr\u00e4gern und Personen, die in sicherheitsempfindlichen Bereichen t\u00e4tig sind, und gibt Empfehlungen, wie vertraulich zu behandelnde Unterlagen durch technische oder organisatorische Sicherheitsma\u00dfnahmen gesch\u00fctzt werden k\u00f6nnen. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde unterliegt Kontrollen, die sicherstellen, dass die Aufgaben nur in dem gesetzlich vorgeschriebenen Rahmen wahrgenommen werden. Diese Kontrolle wird in erster Linie vom Parlament durch die Parlamentarische Kontrollkommission, im Einzelfall durch eine Beauftragte oder einen Beauftragten f\u00fcr den Verfassungsschutz, aber auch von den Gerichten, dem Unabh\u00e4ngigen Landeszentrum f\u00fcr Datenschutz, dem Landesrechnungshof und der \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen. 2 Organisation, Personal, Haushalt Der Verfassungsschutz in Schleswig-Holstein ist als eine Abteilung des Innenministeriums organisiert, die sich 2001 in folgende Referate gliederte: * Verwaltung, Rechtsund Grundsatzfragen, Datenschutz, Geheimund Sabotageschutz, * Nachrichtenbeschaffung, * Auswertung Rechtsextremismus, \u00d6ffentlichkeitsarbeit, * Auswertung Linksextremismus, Ausl\u00e4nderextremismus, Spionageabwehr. In der Verfassungsschutzabteilung waren im Berichtsjahr 68 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einschlie\u00dflich Schreibund Verwaltungskr\u00e4ften t\u00e4tig. Im Rahmen des Sicherheitspaketes der Landesregierung wurden durch den Haushalt 2002 insgesamt 15 Planstellen/Stellen f\u00fcr eine Verst\u00e4rkung vor allem des operativen Bereiches bereitgestellt. 8","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 F\u00fcr Sachmittel und Investitionen des Verfassungsschutzes standen im Jahr 2001 1.233.000 DM an Haushaltsmitteln zur Verf\u00fcgung. Die Personalkosten werden bei den entsprechenden Personalkostentiteln des Ministeriums ausgewiesen. 9","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode II. Rechtsextremismus 1 \u00dcberblick Die Gesamtzahl der Angeh\u00f6rigen der rechtsextremistischen Szene ist konstant geblieben (rund 1.450), das Spektrum hat sich aber weiter zu den Kr\u00e4ften hin verschoben, die grunds\u00e4tzlich politische Gewalt akzeptieren. Die \"Deutsche Volksunion\" (DVU) hat weiter Mitglieder eingeb\u00fc\u00dft. Das radikale Lager aus \"Nationaldemokratischer Partei Deutschlands\" (NPD), nicht parteilich gebundenen Neo-Nationalsozialisten und rechtsextrem orientierten Skinheads ist wiederum insgesamt gewachsen, wobei die NPD in Schleswig-Holstein Mitglieder verlor; es hatte 1998 rund 470, im Jahre 2001 rund 700 Anh\u00e4nger. Der Zuwachs kommt nahezu ausschlie\u00dflich aus der Skinhead-Szene, deren Mitgliederzahl seit 1998 von rund 270 auf rund 470 stieg. Diese Entwicklung ist keine schleswig-holsteinische Besonderheit, sie entspricht dem Bundestrend. Bundesweit hat sich die gewaltgeneigte rechtsextremistisch orientierte Subkultur seit 1998 von rund 8.200 auf rund 10.400 K\u00f6pfe vergr\u00f6\u00dfert. Um ihre politische Vereinnahmung konkurrieren nach wie vor NPD und \"Freie neo-nationalsozialistische Kameradschaften\", die sich \u00fcberdies gegenseitig f\u00fcr ihre politischen Aktivit\u00e4ten zu instrumentalisieren versuchen. Die NPD braucht die \"Kameradschaften\", um sich den Zugang zur rechtsextremen Jugend-Szene zu erschlie\u00dfen und von deren Mobilisierungsf\u00e4higkeit f\u00fcr demonstrative Aktionen zu profitieren. Die \"Freien Kameradschaften\" nutzen die Parteiorganisation der NPD soweit wie m\u00f6glich f\u00fcr ihre Zwecke und umgehen so eigenst\u00e4ndige, verbotsgef\u00e4hrdete Vereinsstrukturen. Dieses Spannungsverh\u00e4ltnis f\u00fchrte die Bundespartei im Jahre 2001 in interne Auseinandersetzungen, wesentlich angesto\u00dfen durch die Entwicklung im schleswigholsteinischen Landesverband. Die offen nationalsozialistische Kampfformen anstrebenden j\u00fcngeren Kr\u00e4fte aus dem Umfeld der Hamburger Thomas Wulff und Christian Worch \u00fcbernahmen den Landesverband gegen den nur schwachen Widerstand des Bundesvorstandes. Zahlreiche \u00e4ltere Mitglieder verlie\u00dfen den Landesverband, die Mitgliederzahl sank von rund 220 auf rund 150. Die F\u00fchrungsfunktionen liegen quasi in den H\u00e4nden von \"Freien neo-nationalsozialistischen Kameradschaften\". In keinem anderen Landesverband konnte sich bis10","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 her eine \u00e4hnliche Entwicklung durchsetzen. Sie zeigt, in welchem Sinne sich die Mitglieder im Landesvorstand Schleswig-Holstein eine Weiterarbeit nach einem m\u00f6glichen Verbot der NPD vorstellen. Die Schwerpunkte der neo-nationalsozialistischen und der Skinhead-Szene liegen unver\u00e4ndert im Hamburger Umland, in Neum\u00fcnster, in Kiel und in L\u00fcbeck. Die Gruppe im Raum Pinneberg/Elmshorn ist zumindest teilweise in besonderem Ma\u00dfe gewaltgeneigt. Die Neum\u00fcnsteraner Szene wird wesentlich von dem Bem\u00fchen diszipliniert, keine Handhabe f\u00fcr die Schlie\u00dfung des \"Club 88\" zu bieten. Die \"Kieler Kameradschaft\" hat Verbindungen in Richtung Neum\u00fcnster, zur NPD und ins \"Rotlicht-Milieu\". L\u00fcbecker Neo-Nationalsozialisten bilden den Kreisverband L\u00fcbeck und (\u00fcberwiegend) den Landesvorstand der NPD; das daneben bestehende \"B\u00fcndnis Rechts\" ist im Wesentlichen ein Zeitschriftenund Aktions-Projekt des Dieter Kern. Unter anderem in den Kreisen Pinneberg, Stormarn und Herzogtum Lauenburg haben sich neue, noch lockere Gruppierungen gebildet; andere Gruppen haben sich aufgel\u00f6st oder ihre Aktivit\u00e4ten reduziert. Nach der vorl\u00e4ufigen Polizeistatistik wurden im Berichtsjahr in Schleswig-Holstein 871 Straftaten - \u00fcberwiegend Propagandadelikte - registriert. Davon wurden 63 Delikte als politisch motivierte Gewalttaten ausgewiesen. Zu einem gro\u00dfen Teil handelte es sich dabei um fremdenfeindliche Straftaten. 2 Die Entwicklung im Einzelnen 2.1 Regionale Brennpunkte Der Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein hat sich seit einigen Jahren stark ver\u00e4ndert. Traditionelle Parteien \u00fcben nur noch eine geringe Anziehungskraft aus. Dies gilt in besonderem Ma\u00dfe f\u00fcr j\u00fcngere Generationen. Allm\u00e4hlich ist eine Jugend-Subkultur entstanden, in der der historische Nationalsozialismus enttabuisiert ist und gleichzeitig als Legitimation f\u00fcr die Ausw\u00fcchse einer neuen Alltagskultur herangezogen wird, deren 11","Drucksache 15/ 1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Merkmale Gewalt, Ausl\u00e4nderfeindlichkeit und Hass auf die bestehende Gesellschaftsordnung sind. Diese Entwicklung bekam Mitte der Neunzigerjahre eine besondere Dynamik, als sich die Angeh\u00f6rigen der damals zahlreich verbotenen neo-nationalsozialistischen Organisationen neu formierten, um politische Aktivit\u00e4ten weitgehend ohne staatliche Verbotsm\u00f6glichkeiten weiter zu betreiben. F\u00fchrende Hamburger Neo-Nationalsozialisten entwickelten den Gedanken einer \"Bewegung\" ohne eine Organisation im vereinsrechtlichen Sinne, um den \"Nationalen Widerstand\" zu betreiben und die rechtsextreme SkinheadSzene, der feste politische Bindungen fremd sind, ansprechen zu k\u00f6nnen. Die daraus entwickelte Idee der \"Freien Nationalisten\" ist die geistige Klammer fast aller \"Kameradschaften\". Der von der \"Nationaldemokratischen Partei Deutschlands\" (NPD) ebenfalls seit Mitte der Neunzigerjahre als \"Kampf um die Stra\u00dfe\" aufgenommene Demonstrations-Aktionismus beg\u00fcnstigte diese Entwicklung, weil er auf das Potenzial in den \"Kameradschaften\" angewiesen war, dieses umwarb und ideologisch aufr\u00fcstete. Die Steuerungsinstrumente f\u00fcr eine \"Organisation ohne Organisation\" wurden in erster Linie das \"Aktionsb\u00fcro Norddeutschland\", das \"Freie Info-Telefon\", die Zeitschrift \"Zentralorgan\" und verschiedene damit im Zusammenhang stehende Internet-Projekte. Die gewaltbereite rechtsextreme, fremdenfeindliche Szene sammelt sich in mehr oder weniger strukturierten Zusammenschl\u00fcssen, die h\u00e4ufig als \"Kameradschaften\" bezeichnet werden. Im Berichtsjahr gab es Hinweise auf die Existenz von knapp 20 derartigen Zusammenschl\u00fcssen im Landesbereich. Die Bandbreite reicht von freizeitorientierten Gesinnungsgemeinschaften bis zu \"Kameradschaften\", deren Angeh\u00f6rige sich als \"politische Soldaten\" sehen. Gegenw\u00e4rtig entfaltet allerdings weniger als die H\u00e4lfte der Gruppierungen nach au\u00dfen gerichtete planm\u00e4\u00dfige verfassungsfeindliche Aktivit\u00e4ten. 2.1.1 Die Szene um den \"Club 88\" in Neum\u00fcnster Die Neum\u00fcnsteraner Szene sammelt sich haupts\u00e4chlich um den \"Club 88\". Im Kernbereich umfasst sie mehr als 20 Mitglieder, Zulauf erh\u00e4lt sie aus Jugend-Cliquen haupt12","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 s\u00e4chlich aus den westlich gelegenen Stadtteilen und dem n\u00e4heren Umland. Der Club ist dar\u00fcber hinaus bei besonderen Anl\u00e4ssen Treffpunkt von Neo-Nationalsozialisten und Skinheads aus ganz Norddeutschland und ist mittlerweile aufgrund des Medieninteresses im Jahre 2001 bundesweit bekannt. An den Wochenenden kommen im Durchschnitt etwa 50 Besucher, zur Feier des f\u00fcnfj\u00e4hrigen Bestehens des Clubs am 29. September sollen bis zu 500 Personen den Club aufgesucht haben, darunter auch G\u00e4ste aus D\u00e4nemark, Schweden und der Schweiz. Betreiberin ist die fest in die neonationalsozialistische Szene eingebundene Christiane Dolscheid. Die strategische Bedeutung dieses Projektes des \"Nationalen Widerstandes\" wurde wiederum durch die Unterst\u00fctzung des nach wie vor den gesamten norddeutschen NeoNationalsozialismus dominierenden Christian Worch (Hamburg) deutlich. Das \"Aktionsb\u00fcro Norddeutschland\" erkl\u00e4rte als Sprachrohr der \"Freien Nationalisten\" anl\u00e4sslich des f\u00fcnfj\u00e4hrigen Bestehens des Clubs: \"(...) Denn die nationale Szene braucht Strukturen wie den Club 88! Diese Gastst\u00e4tte hat zumindest im norddeutschen Raum in den vergangenen 5 Jahren ganz erheblich zur informellen Vernetzung beigetragen und das mu\u00df erhalten werden.\" Der Club ist in erster Linie Szene-Treffpunkt und Scharnier zwischen den politischen Aktivisten und der Skinhead-Szene. Strategische Impulse gehen vor allem vom Landesvorsitzenden der schleswig-holsteinischen NPD, Peter Borchert (Neum\u00fcnster), aus, der auch als Sprecher des Clubs auftritt. Er bezeichnete, in offensichtlicher Anlehnung an das im Jahr 2000 verfasste Zukunftskonzept des NPD-Landesverbandes, den \"Club 88\" anl\u00e4sslich einer Demonstration in Eisenach (Th\u00fcringen) als das schlagende Beispiel f\u00fcr eine \"national befreite Zone\". Bem\u00fchungen, den Club zu schlie\u00dfen oder durch demonstrative Aktionen seine Anziehungskraft zu mindern, trafen daher auf hartn\u00e4ckigen und einvernehmlichen Widerstand. Der Club wurde zum Prestigeobjekt f\u00fcr die rechtsextreme Szene, ihr Aufruf ging an alle Sympathisanten: \"Probt den Aufstand der Anst\u00e4ndigen und solidarisiert euch mit den politisch Verfolgten der Bundesrepublik, solidarisiert euch mit dem Club 88.\" 13","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Als Reaktion auf eine am 21. M\u00e4rz gegen den Club aus Anlass des \"Internationalen Tages gegen Rassismus\" beabsichtigte Kundgebung meldete Christian Worch eine Gegendemonstration unter dem Motto \"Toleranz und Zivilcourage auch f\u00fcr den Club 88\" an, bei der ohne aufw\u00e4ndige Mobilisierungsma\u00dfnahmen in der Szene deutlich mehr als 100 Personen durch die Neum\u00fcnsteraner Innenstadt marschierten. Der Club hat st\u00e4ndig mit wirtschaftlichen Problemen zu k\u00e4mpfen, auch insoweit wird immer wieder Solidarit\u00e4t eingefordert. Durch den von einer Person aus dem Umfeld der Betreiberin gegr\u00fcndeten \"Last Resort Versand\", in dem \"Club-88\"Devotionalien erworben werden k\u00f6nnen, wurden der Bekanntheitsgrad erh\u00f6ht und zugleich die finanzielle Lage ein wenig verbessert. Als Werbeveranstaltung diente auch ein Ende Juli im Kreis Herzogtum Lauenburg durchgef\u00fchrtes Fu\u00dfballturnier mit mehr als 150 Teilnehmern aus Norddeutschland. Einige SkinheadKonzerte im norddeutschen Raum wurden als Solidarit\u00e4tsveranstaltungen f\u00fcr den Club organisiert. Auch die Gr\u00fcndung eines F\u00f6rderkreises sollte helfen, die wirtschaftliche Basis zu erhalten. Hierdurch konnte ein gesteigertes Besucheraufkommen erreicht werden. Darunter waren vermehrt Personen aus anderen Bundesl\u00e4ndern, es stieg aber auch der Anteil der Jugendlichen, die sich vom Club angezogen f\u00fchlten. Verst\u00e4rkten Zulauf gab es insbesondere, wenn der Club als Sammelpunkt f\u00fcr die Teilnahme an rechtsextremistischen Veranstaltungen diente, oder im Anschluss an Demonstrationen, auch au\u00dferhalb von Neum\u00fcnster. Die Popularit\u00e4t wurde durch die Teilnehmerzahl an der Feier deutlich, die anl\u00e4sslich des f\u00fcnfj\u00e4hrigen Bestehens des Clubs durchgef\u00fchrt wurde. Seit Beginn des Jahres 2001 konnten Bestrebungen zur Entwicklung von organisatorischen Strukturen im Umfeld des Clubs beobachtet werden. So gibt es Informationen, wonach die bereits im Jahr 2000 bekundete Absicht der Entwicklung der \"jungen nationalen Jugendkultur\" im Raum Neum\u00fcnster umgesetzt wird. Es liegen Hinweise daf\u00fcr vor, dass insbesondere Jugendliche, darunter auch gewaltbereite, planm\u00e4\u00dfig im Sinne der Zielvorstellungen der \"Freien Nationalisten\" indoktriniert werden, um sie dauerhaft zu politisieren. Der Kampf um den Erhalt des Clubs f\u00fchrte im Berichtsjahr zum festeren Zusammenschluss der Szene. Im Jahre 2000 waren noch nahezu alle gr\u00f6\u00dferen Demonstrationen der Neum\u00fcnsteraner Szene von Christian Worch angemeldet worden. Jetzt plante und veranstaltete sie ihre Aktionen selbst und trat auch in der \u00d6ffentlichkeit 14","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 als \"Club 88\" auf. So beteiligten sich z. B. am 8. Juni etwa zehn Personen in einheitlicher uniformartiger \"Club-88\"Bekleidung an einem im Rahmen des Stadtfestes durchgef\u00fchrten Stadtlauf. Im Internet ist der Club mittlerweile umfassend vertreten. Als eigenst\u00e4ndige Gruppe im Netzwerk der \"Freien Nationalisten\" beteiligt er sich aktiv an der Kampagne gegen die neue \"Wehrmachtsausstellung\" und leistet dazu nach eigenen Angaben sowohl finanzielle als auch logistische Unterst\u00fctzung. Die Club-Szene ist deutlich bem\u00fcht, nicht durch Strafoder gar Gewalttaten auf sich aufmerksam zu machen und dadurch Anlass f\u00fcr staatliche Reaktionen zu bieten. Allerdings liefen am sp\u00e4ten Abend des 15. September als Reaktion auf die Terroranschl\u00e4ge des 11. September in den USA zehn mit wei\u00dfen Kutten und Kapuzen bekleidete Personen, die zumindest teilweise dem Umfeld des \"Club 88\" zuzurechnen sind, durch einen Stadtteil von Neum\u00fcnster und skandierten \"Heil bin Laden, wir glauben an dich.\" 2.1.2 Die Kieler Szene Die Entwicklung in Kiel weist Parallelen zu der in Neum\u00fcnster auf. Bis vor wenigen Jahren beschr\u00e4nkte sich der Neo-Nationalsozialismus in beiden St\u00e4dten auf Einzelpersonen. Erst durch die Verfestigung einer rechtsextremistisch orientierten Subkultur konnte sich auch in Kiel in kurzer Zeit eine Szene entwickeln, die in das informelle neo-nationalsozialistische Netzwerk eingebunden ist. Bis Mitte 2000 war in Kiel ein loser Zusammenschluss von rund 60 Personen entstanden, der - abgesehen von rechtsextremistischen Propagandadelikten - zun\u00e4chst keine politischen Aktionen mit Au\u00dfenwirkung betrieb, sondern weitgehend unter sich blieb. Erst nachdem in Kiel ein SkinheadFu\u00dfballturnier mit \u00fcberregionaler Beteiligung durchgef\u00fchrt wurde und es zu gemeinsamen Aktionen mit NPD-Mitgliedern aus Kiel kam, wurde die \"Kieler Kameradschaft\" zu einem aktiven Faktor im Gesamtspektrum der schleswig-holsteinischen \"Freien Nationalisten\". Die f\u00fchrenden Angeh\u00f6rigen der Kieler Szene sind in der Regel Mitglied in der NPD. Dies hat wesentlich zur politischen Festigung vieler Anh\u00e4nger beigetragen. Im Fr\u00fchjahr verst\u00e4rkte der NPD-Kreisverband Kiel/Pl\u00f6n seine Zusammenarbeit mit den \"Freien 15","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Kr\u00e4ften\", unter anderem durch gemeinsame regelm\u00e4\u00dfige Flugblattaktionen. Bis zum Herbst wurden in Kiel etliche dieser Aktionen durchgef\u00fchrt, die allgemein-politische Themen, wie z. B. die Drogenpolitik, den Mazedonien-Einsatz der Bundeswehr oder das Thema \"Denkmalschutz\" aus rechtsextremistischer Sicht aufgriffen. Bis auf eine Aktion sind diese Veranstaltungen durch gewaltbereite Linksextremisten gest\u00f6rt worden, so dass gr\u00f6\u00dfere Polizeieins\u00e4tze erforderlich waren. Ein besonderes Ph\u00e4nomen stellt die rechtsextremistische Kieler Szene im Hinblick auf ihre Kontakte zum \"Rotlicht-Milieu\" dar. Erkl\u00e4rlich wird diese Entwicklung dadurch, dass ein gro\u00dfer Teil der subkulturell gepr\u00e4gten Mitglieder einen bedeutenden allgemeinkriminellen Vorlauf hat, an politischer Arbeit dagegen weniger interessiert ist. Beispielhaft f\u00fcr diese Verflechtung ist das von der Stadt Kiel verbotene Skinhead-Konzert am 7. April. In einer Diskothek im Kieler \"Rotlicht-Viertel\" sollte ein gemeinsames Konzert der an sich unpolitischen Gruppe \"V-Punk\" und der bekannten Skinhead-Band \"Kraftschlag\" durchgef\u00fchrt werden. Das Konzert wurde verboten. Offenbar als Reaktion hierauf fanden in Lexgaard (Kreis Nordfriesland) im Fr\u00fchsommer zwei Ersatzveranstaltungen statt, wobei die Zuh\u00f6rerschaft sowohl aus Angeh\u00f6rigen des \"Rotlicht-Milieus\" als auch aus der \u00fcberregionalen schleswig-holsteinischen Skinhead-Szene bestand. Seit dem Herbst sind die Aktivit\u00e4ten der Kieler Szene stark r\u00fcckl\u00e4ufig. 2.1.3 Die \"Pinneberger Kameradschaft\" Der Gro\u00dfraum Pinneberg geh\u00f6rt seit langem zu den Hochburgen neo-nationalsozialistischer Bestrebungen im Land und stellt auch weiterhin einen Schwerpunkt rechtsextremistischer Gewaltbereitschaft dar. In erster Linie zu nennen ist die so genannte Pinneberger Kameradschaft, die aus einer Gruppe von Skinheads aus dieser Region entstanden ist und unter der Regie ihres Anf\u00fchrers Klemens Otto eine feste neo-nationalsozialistische und militante Ausrichtung erfahren hat. Die Gruppe ist seit etwa zwei Jahren weitgehend selbst\u00e4ndig aktiv und organisierte verschiedene Veranstaltungen mit Teilnehmern aus mehreren Bundesl\u00e4ndern. Sie orientiert sich immer st\u00e4rker am Leitbild 16","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 der britischen militanten Neonazi-Organisation \"Combat 18\" (C 18), die so genannte direkte Aktionen gegen politische Gegner und den Staat propagiert. Im April kam es in Ellerbek (Kreis Pinneberg) zu einem Angriff auf Polizeibeamte. W\u00e4hrend einer Feier von rund 40 Neonazis und Skinheads lieferte sich Klemens Otto eine Schl\u00e4gerei mit einem anderen Teilnehmer. Die von diesem zu Hilfe gerufenen Polizeibeamten wurden niedergeschlagen, einer der beiden Beamten erlitt schwere Verletzungen. Mehrere der anwesenden G\u00e4ste hatten auf den bereits am Boden liegenden Beamten eingetreten und ihn mit F\u00e4usten, Flaschen und St\u00fchlen geschlagen. Der Hauptt\u00e4ter, Mitglied der Elmshorner Szene, wurde im Dezember zu 15 Monaten Haft ohne Bew\u00e4hrung verurteilt. In der Folgezeit kam es immer wieder zu Drohungen gegen die Polizei, verbunden mit dem K\u00fcrzel \"C 18\". Im Juni gab ein Szene-Angeh\u00f6riger aus dem Kreis Pinneberg eine Anzeige im Anzeigenblatt \"AVIS\" unter der Rubrik \"Pers\u00f6nliche Gr\u00fc\u00dfe\" auf: \"Kegelclub Pinneberg Alle Neune 28 gr\u00fc\u00dft seine Gegner aus Itzehoe: (...)\" (Es wurden die Vornamen der Mitarbeiter des dortigen Staatsschutzes genannt.) Und weiter: \"Zieht euch warm an, beim n\u00e4chsten Spiel machen wir euch alle.\" (Die Zahl 28 steht f\u00fcr den zweiten und achten Buchstaben des Alphabets, B und H, die Abk\u00fcrzung f\u00fcr die verbotene Skinhead-Gruppierung \"Blood & Honour\". ) Im August fanden Polizeibeamte bei einem der \"Kameradschaft Pinneberg\" zuzurechnenden Aktivisten Erfassungsbogen mit Namen, Anschriften und Lichtbildern von Politikern, Gewerkschaftsangeh\u00f6rigen, Polizeibeamten und Angeh\u00f6rigen der linken Szene. Im Oktober schm\u00fcckte ein Transparent mit der Aufschrift \"C 18 - die wei\u00dfe Revolution ist die einzige L\u00f6sung! Club 88 Neum\u00fcnster\" den Raum, in dem der Geburtstag eines Aktivisten der \"Kameradschaft Pinneberg\" mit rund 60 Rechtsextremisten gefeiert wurde. Innerhalb der Pinneberger Gruppierung deutet manches darauf hin, dass nicht alle Anh\u00e4nger diesen Weg mitgehen wollen. Auch innerhalb der Neonazi-Szene des Landes sto\u00dfen die Schl\u00e4germentalit\u00e4t einzelner Gruppenmitglieder und ihre Neigung zur allgemein-kriminellen Szene zunehmend auf Unverst\u00e4ndnis. W\u00e4hrend am 13. Januar in Elmshorn noch rund 250 Rechtsextremisten zu einer Demonstration zusammen kamen (die \u00fcber die Region hinausgehende Bedeutung wurde daran deutlich, dass sich Chris17","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode tian Worch als Anmelder und Versammlungsleiter zur Verf\u00fcgung gestellt hatte), konnten im weiteren Verlauf des Jahres \u00e4hnliche Teilnehmerzahlen nicht mehr mobilisiert werden. Im Juli unterst\u00fctzte Worch erneut die \"Kameradschaft\". Als Antwort der Szene auf die Inhaftierung eines f\u00fchrenden Aktivisten nach dessen Angriff auf Polizeibeamte meldete er eine Demonstration unter dem Motto \"Freiheit f\u00fcr alle verfolgten Nationalisten!\" an. Sie wurde letztendlich verboten. Bei einem versuchten Ersatz-Marsch von Personen aus dem Umfeld der \"Pinneberger Kameradschaft\" wurden 21 Personen vor\u00fcbergehend festgenommen. Das offene Bekenntnis zum historischen Nationalsozialismus wurde bei den Aktionen aus Anlass des Todestages von Rudolf He\u00df deutlich. Im Laufe des inzwischen traditionellen \"He\u00df-Aktionsmonats\" August wurden im Kreisgebiet zahlreiche Propagandaaktionen durch Anh\u00e4nger der \"Pinneberger Kameradschaft\" durchgef\u00fchrt (Transparente, Aufkleber und Flugbl\u00e4tter). Mitglieder der \"Kameradschaft\" waren auch an der zentralen \"He\u00df-Kundgebung\" in Wunsiedel (Bayern) am 18. August beteiligt. Am 9. November legte die Gruppe am Ehrenmal in Halstenbek (Kreis Pinneberg) einen Kranz nieder. Die Kranzschleife trug die Aufschrift: \"Ehre den M\u00e4rtyrern vom 9. Nebelung ... Nationale Sozialisten aus Pinneberg\". 2.2 Reaktionen auf die Anschl\u00e4ge vom 11. September Die Terroranschl\u00e4ge in den USA wurden in weiten Teilen der rechtsextremistischen Szene, insbesondere von neo-nationalsozialistisch orientierten Kr\u00e4ften, begr\u00fc\u00dft. Urs\u00e4chlich f\u00fcr diese Reaktion ist der allen rechtsextremistischen Str\u00f6mungen immanente Anti-Amerikanismus, der zugleich Antisemitismus ist und der seine Ursache im wahnhaften Glauben an eine \u00fcberstaatliche j\u00fcdische Weltverschw\u00f6rung hat, die insbesondere vom Kapital der US-amerikanischen Ostk\u00fcste unterst\u00fctzt werde. Die Regierungen der L\u00e4nder der westlichen Welt werden als \"zionistisch gesteuert\" angesehen. Die neo18","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 nationalsozialistischen Kr\u00e4fte lassen dabei ihre geistige N\u00e4he zu militanten Rechtsextremisten der USA offen erkennen. Dies kommt insbesondere in der von ihnen verwendeten und aus den USA stammenden Formulierung \"zionist occupied government\" - abgek\u00fcrzt meist als ZOG f\u00fcr das demokratische Regierungssystem - zum Ausdruck. Der NPD-Rechtsanwalt Horst Mahler kommentierte im ZDF die Ereignisse des 11. September dementsprechend wie folgt: \"Das, was jetzt mit New York und in Washington geschehen ist, ist die Kampfansage an den Globalismus. An die wabernden Finanzmassen, die \u00fcberall die Volkswirtschaften ruinieren, die den V\u00f6lkern die Lebensgrundlagen rauben. Und das hei\u00dft, dass die Macht des Geldes gebrochen werden muss. Und dann ist auch das Judaismus-Problem gel\u00f6st. Das ist nicht die Sache der Juden als Menschen, sondern das ist die Frage der Macht des Geldes, die j\u00fcdische Macht ist.\" Verschiedene Gruppen des neo-nationalsozialistisch gepr\u00e4gten Spektrums des Rechtsextremismus im norddeutschen Raum rechtfertigten die Anschl\u00e4ge ausdr\u00fccklich, darunter auch das L\u00fcbecker \"B\u00fcndnis Rechts\". Die \"Freien Nationalisten\" verk\u00fcndeten auf ihrer \"Widerstand.com\"-Homepage unter der \u00dcberschrift \"BRD-Regierung zieht uns in den One-World-Krieg\": \"Es ist eine \u00fcble Schurkerei, wie etablierte Medien und Politiker, allen voran Kanzler Schr\u00f6der, uns ganz bewusst t\u00e4uschen: Mit den Anschl\u00e4gen in den USA wurde nicht der 'ganzen zivilisierten' Welt der Krieg erkl\u00e4rt, sondern nur jenen, die sich f\u00fcr die 'ganze Welt' halten. Es sind die Feinde der V\u00f6lker, die in den Schaltzentralen der Macht sitzen und die Globalisierung auf allen Ebenen steuern. (...) Die Angriffe vom 11. September 2001 galten nur den USA und ihrer One-World-Politik! (...)\". Die Stellungnahme des schleswig-holsteinischen NPD-Landesverbandes, der als legaler Arm der \"Freien Nationalisten\" angesehen werden kann, zeigt das ideologische Dilemma, in dem sich der Rechtsextremismus seit dem 11. September befindet. Einerseits wurden die Anschl\u00e4ge zwar als \"Befreiungsschlag der freien Welt gegen die imperialistische Politik der USA\" begr\u00fc\u00dft und in der islamischen Welt ein nat\u00fcrlicher B\u00fcndnispartner im weltweiten Freiheitskampf gesehen, andererseits aber wurde wenige Tage sp\u00e4ter ein \"Aktionsprogramm gegen die islamische Bedrohung in unserem Land\" 19","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode verk\u00fcndet, in dem die \"konsequente R\u00fcckf\u00fchrung aller auf deutschem Boden lebenden B\u00fcrger au\u00dfereurop\u00e4ischer Herkunft in ihre Heimatl\u00e4nder innerhalb der n\u00e4chsten 100 Tage\", auch mit Hilfe der Bundeswehr, gefordert wurde. Der Skinhead-Szene, in deren Denken die Fremdenfeindlichkeit im Mittelpunkt steht, konnten derartige, als widerspr\u00fcchlich empfundene \u00c4u\u00dferungen nicht verst\u00e4ndlich gemacht werden. Die von den \"Freien Nationalisten\" propagierten anti-amerikanischen Aktionen fanden keine nennenswerte Resonanz. Die vereinzelt geforderte politische Unterst\u00fctzung des \"arabischen Befreiungskampfes\" wurde bisher nicht erkennbar umgesetzt. 2.3 Gewaltbereitschaft Gewaltbereitschaft durchzieht die gesamte Skinhead-, Neonaziund NPD-Szene im Lande. Was in Skinhead-Cliquen als fremdenfeindliche Gewalt beginnt, wird in rechtsextremistisch verfestigten Gruppen als \"Kampf der wei\u00dfen Rasse\" fortgef\u00fchrt und in neo-nationalsozialistischen \"Kameradschaften\" und in der NPD dann auf die Ebene des \"politischen Kampfes um Deutschland\" gehoben. Diese Entwicklungslinie l\u00e4sst sich in der Musik der rechtsextremistischen Szene verfolgen. Immer wieder wird auch mit dem Gedanken des Terrorismus gespielt, Untergrund-Strukturen lassen sich bisher jedoch nicht erkennen. Das K\u00fcrzel \"C 18\" etwa, das in der Pinneberger Szene gebr\u00e4uchlich ist, soll auch die von der britischen Neonazi-Gruppierung \"Combat 18\" in einem Strategiepapier propagierten \"direkten Aktionen\" anklingen lassen, auszuf\u00fchren entweder in der \"Lone-wolf\"-Taktik oder durch konspirative \"aktive Zellen\". Die \"Turner-Tageb\u00fccher\", ein Roman des US-amerikanischen Rechtsextremisten und Hitler-Verehrers William Pierce, sind in der Szene weit verbreitet. In dem Roman k\u00e4mpft die fiktive Hauptperson Earl Turner, Mitglied einer extrem militanten und rassistischen Gruppierung, mit Mord und Terroranschl\u00e4gen gegen Farbige, Juden und das gesamte politische System der USA. Pierce l\u00e4sst einen Kamikaze-Flieger mit einem Flugzeug in 20","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 das Pentagon st\u00fcrzen und beschreibt die Zerst\u00f6rung von New York, dem \"j\u00fcdisch dominierten und verseuchten Zentrum des Weltkapitals\". Der wegen Polizistenmordes eine lebenslange Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt L\u00fcbeck verb\u00fc\u00dfende Kay Diesner erkl\u00e4rte in einem Interview, das die neonazistischen \"Freien Nationalisten - Nationaler Widerstand Ruhr\" im Internet ver\u00f6ffentlichten, er vermisse nach jetzt 1.407 Tagen im \"Systemkerker\" am meisten die M\u00f6glichkeit, gegen \"dieses ZOG BRD zu k\u00e4mpfen\". Viele begriffen nicht, dass man an dem System nichts \u00e4ndern k\u00f6nne und dass man sich im Krieg dagegen befinde. Diesner forderte: \"Jeder sollte erkennen, wie die Welt da drau\u00dfen wirklich ist. Er kann sich letztendlich nur f\u00fcr unsere Sache entscheiden. Die 'Turner-Tageb\u00fccher' sagen und zeigen alles, was von Wichtigkeit ist. Lasst sie uns in die Tat umsetzen!\" . Auch andere militante Rechtsextremisten berufen sich zunehmend auf US-amerikanische Kampfkonzepte, insbesondere auf die Idee des \"f\u00fchrerlosen Widerstandes\" (leaderless resistance), die als eine Art weiter entwickeltes nationalsozialistisches Werwolf-Konzept f\u00fcr die Macht\u00fcbernahme eingesetzt werden k\u00f6nnte. Die verbotene \"Blood & Honour\"-Organisation hatte bereits 1996 gefordert: \"Wir d\u00fcrfen nicht auf einen eventuell irgendwann mal auftauchenden F\u00fchrer warten, (...) Nein! Jeder ist dazu aufgerufen, etwas zu tun! Leaderless Resistance ist die Devise.\" Der nordrhein-westf\u00e4lische Neo-Nationalsozialist Michael Krick, ein Mitglied der \"Sauerl\u00e4nder Aktionsfront\", die von f\u00fchrenden norddeutschen \"Freien Nationalisten\" als \"Projekt des Nationalen Widerstandes\" bezeichnet wurde, griff im Mai im Rahmen eines auch \u00fcber das Fernsehen verbreiteten Beitrages das Konzept auf: \"Greift das System und ihre Knechte an, wo immer es geht. (...) Auch sie, die gegen unsere Rasse vorgehen und sie zu vernichten suchen. Staatsschmutz, Staatsanw\u00e4lte, Richter haben Namen, Adresse und Familie. (...) Als Vorbild mag uns hierbei die baskische ETA dienen. (...) Zeigt kein Erbarmen, keine Reue. Der wei\u00dfe arische Widerstand lebt. Bildet Zellen nach dem Vorbild des f\u00fchrerlosen Widerstandes. Unterst\u00fctzt die nationalrevolution\u00e4ren Zellen. Sieg oder Walhalla!\". 21","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Diesner genie\u00dft in Teilen der rechtsextremistischen Szene, insbesondere bei den militanten Neonazis, Akzeptanz. In der Vergangenheit \u00e4u\u00dferten diese wiederholt Verst\u00e4ndnis f\u00fcr seine Vorgehensweise. Allerdings f\u00fchlten sich f\u00fchrende Mitglieder der \"Freien Nationalisten\" und der NPD in der Vergangenheit immer wieder veranlasst, auf die Sinnlosigkeit und Erfolglosigkeit terroristischer Konzepte hinzuweisen. 3 Organisationen und unstrukturierte Zusammenschl\u00fcsse im Einzelnen 3.1 Neo-Nationalsozialismus Die Zahl der Anh\u00e4nger au\u00dferparteilicher neo-nationalsozialistischer Bestrebungen ist gegen\u00fcber 2000 bundesweit von rund 2.200 auf rund 2.800 gestiegen. In SchleswigHolstein werden diesem Kreis derzeit rund 80 Personen zugerechnet. Neo-nationalsozialistische Organisationen spielen mit Ausnahme der \"Hilfsgemeinschaft f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e. V.\" derzeit keine Rolle. Seit Mitte der Neunzigerjahre hat sich anstelle der meist verbotenen Organisationen eine Fundamentalopposition mit dem Charakter einer \"Bewegung\" entwickelt. Die entscheidenden Impulse hierf\u00fcr gingen von den fr\u00fcheren Spitzenaktivisten aus dem Bereich der verbotenen Organisationen aus. Unter dem urspr\u00fcnglich von der \"Nationaldemokratischen Partei Deutschlands\" (NPD) gepr\u00e4gten Begriff \"Nationaler Widerstand\" formierte sich unter Anleitung dieses Personenkreises gemeinsam mit Angeh\u00f6rigen der sich allm\u00e4hlich politisierenden Subkultur-Szene und mit Unterst\u00fctzung von Teilen der NPD eine v\u00f6lkisch-revolution\u00e4re Einheitsfront, die sich selbst als \"Freie Nationalisten\" bezeichnet. Gegenw\u00e4rtig sind bei den \"Freien Nationalisten\", die sich manchmal auch \"Freie Kr\u00e4fte\" nennen, zwei unterschiedliche Strategien auf dem Weg zur angestrebten \u00dcberwindung des freiheitlichen Rechtsstaates zu erkennen. Eine Str\u00f6mung setzt auf die Unterwanderung bestehender Organisationen. F\u00fcr sie ist eine Kaderorganisation, wobei gelegent22","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 lich auf das Vorbild der \"Arbeiterpartei Kurdistans\" verwiesen wurde, Vorbedingung f\u00fcr die Erringung politischer Macht. Der Kreis um den L\u00fcbecker J\u00fcrgen Gerg, vor allem unterst\u00fctzt von Teilen der Neum\u00fcnsteraner und Kieler Szene, folgt dieser Strategie. Sie ist in Schleswig-Holstein derart konsequent vertreten worden, dass der hiesige NPDLandesverband tats\u00e4chlich nur noch als legale Aktionsplattform der \"Freien Kr\u00e4fte\" besteht und die urspr\u00fcnglichen NPD-Mitglieder die Macht verloren haben. Versuche des in dieser Frage gespaltenen Bundesvorstandes, diese \"revolution\u00e4ren\" Kr\u00e4fte in die Parteidisziplin einzubinden oder zumindest politisch zu neutralisieren, sind gescheitert. Allerdings wurde der radikalste Bef\u00fcrworter der \"revolution\u00e4ren\" Unterwanderung und Kooperationspartner der schleswig-holsteinischen Aktivisten, Steffen Hupka (SachsenAnhalt), inzwischen aus der Partei ausgeschlossen. Die andere Strategie, die im Wesentlichen durch den nach wie vor den gesamten norddeutschen Neo-Nationalsozialismus dominierenden Christian Worch aus Hamburg repr\u00e4sentiert wird, lehnt die Notwendigkeit des Zur\u00fcckgreifens auf Organisationen dagegen ab und setzt auf die Mobilisierung einer national-revolution\u00e4ren Basisbewegung autonomer \"Kameradschaften\". Worch versucht, die Szene st\u00e4ndig zu besch\u00e4ftigen, in \"Bewegung\" zu halten, und ist zum Motor zahlreicher Demonstrationen geworden. Er r\u00fchmt sich, die Zahl der Demonstrationen von Jahr zu Jahr erh\u00f6ht zu haben. Seine Kritiker werfen ihm vor, damit die deutlich zu erkennende Demonstrationsm\u00fcdigkeit herbeigef\u00fchrt zu haben. Worchs Geringsch\u00e4tzung der NPD spiegelt sich in einem Artikel im \"L\u00fcbschen Aufkl\u00e4rer\" (Nr. 4/2001) wider. Darin bezweifelt er, dass die NPD wirklich eine ernsthafte Politisierung und einen radikalen Aufbruch wolle. Schlie\u00dflich seien es ja die parteifreien Kr\u00e4fte gewesen, die sich von dem vor dem Bundesverfassungsgericht angestrengten Verbotsverfahren nicht h\u00e4tten beeindrucken lassen und es mit Hilfe des Senates des Verfassungsgerichtes, der nun \u00fcber ein Verbot der NPD zu entscheiden habe, geschafft h\u00e4tten, ihr Demonstrationsrecht durchzusetzen. Sofern die Szene nicht auf den Parteiapparat der NPD zur\u00fcckgreift, versucht sie, den notwendigen Zusammenhalt durch Kommunikations-Instrumente sicherzustellen. Unver\u00e4ndert handelt es sich dabei um das \"Nationale und Soziale Aktionsb\u00fcndnis\", die Zeitschrift \"Zentralorgan\", das \"Freie Info-Telefon\", die Internet-Homepage \"Widerstand.com\" sowie das \"Aktionsb\u00fcro Norddeutschland\". 23","Drucksache 15/ 1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Mit diesem Instrumentarium werden Kampagnen unterst\u00fctzt, mit denen die Politikf\u00e4higkeit der \"Freien Kr\u00e4fte\" unter Beweis gestellt werden soll. Au\u00dferhalb der klassischen rechtsextremistischen Politikbereiche, die insbesondere durch eine Glorifizierung des Nationalsozialismus, Diffamierung politischer Gegner sowie Rassismus und Antisemitismus gekennzeichnet sind, werden auch allgemein-politische Themen aufgegriffen. So beteiligten sich schleswig-holsteinische Aktivisten in geringer Zahl an den Anti-CastorDemonstrationen. Das \"Aktionsb\u00fcro\" warb auf der \"Widerstand\"-Internet-Homepage - allerdings ohne gro\u00dfe Resonanz - f\u00fcr eine Protestkampagne, die sich unter dem Motto \"Kehrt Marsch!\" gegen den Einsatz der Bundeswehr bei der Operation \"Essential Harvest\" in Mazedonien richtete. Die Begr\u00fcndung hatte antiimperialistische Grundt\u00f6ne: Bei dem Einsatz in Mazedonien handele es sich nicht um eine Friedensmission, sondern es gehe hierbei um Macht und Profit. Die \"One-World-Strategen\", vertreten durch die Weltpolizei USA, wollten ihren globalen Machtanspruch auch mit milit\u00e4rischen Mitteln demonstrieren und durchsetzen. Auf der Homepage wurden ein Flugblatt und ein Plakat zu dem Thema zum Herunterladen angeboten, die m\u00f6glichst \u00f6ffentlichkeitswirksam verteilt werden sollten. Bereits 1999 hatten \"Freie Nationalisten\" um Thomas Wulff zu Protesten wegen der NATO-Intervention im Kosovo aufgerufen. Die Anti-Globalisierungs-Agitation wurde in der Reaktion auf die Anschl\u00e4ge vom 11. September in den USA weitergef\u00fchrt. In Schleswig-Holstein wurden am 3. November Flugbl\u00e4tter des \"Aktionsb\u00fcros\" zum Thema \"Freiheit der V\u00f6lker\" verteilt. Darin wurde der Stopp des \"US-Bombenterrors\" gegen Afghanistan gefordert: \"Die Kriege der USA sind immer Kriege f\u00fcr die neue Weltordnung. Wir fordern: Freiheit den V\u00f6lkern! Keine deutsche Beteiligung am One-WorldKrieg der USA!\" Wie in jedem Jahr waren norddeutsche \"Freie Nationalisten\" wieder an den Vorbereitungen von \"Rudolf-He\u00df-Gedenkveranstaltungen\" im August beteiligt. Der Hamburger Rechtsanwalt J\u00fcrgen Rieger hatte den zentralen Gedenkmarsch in Wunsiedel (Bayern), dem Begr\u00e4bnisort von He\u00df, angemeldet, der zur Verwunderung der Szene nicht verboten wurde. Als stellvertretende Versammungsleiterin fungierte eine Neo-Nationalsozialistin aus Norderstedt. Als Redner traten Rieger und Wulff auf. Bei der Vorberei24","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 tung der \"He\u00df-Aktionen\" war eine enge Zusammenarbeit der \"Freien Nationalisten\" mit den \"Jungen Nationaldemokraten\" (JN) aus Schleswig-Holstein festzustellen. Das \"Aktionsb\u00fcro Norddeutschland\" bezeichnete das JN-Propagandamaterial als \"offizielles Rudolf-He\u00df-Material\". Die Federf\u00fchrung bei der Erstellung und Verbreitung des Materials lag beim JN-Landesvorsitzenden und Landesgeneralsekret\u00e4r des NPD-Landesverbandes, J\u00fcrgen Gerg. Die Kosten trug der NPD-Landesverband. Ende des Jahres wurde die \u00fcberarbeitete \"Wehrmachtsausstellung\" Ziel einer Kampagne mit dem Motto \"Ruhm und Ehre - Wir verachten euch nicht!\". Die Strategie hatte das Wulff-Umfeld vorgegeben. In der Ausgabe Nr. 12 des \"Zentralorgan\" erschienen unter der \u00dcberschrift \"Der Krieg der Worte - Praktische Hinweise zum Umgang mit organisatorischen Begriffen aus dem Widerstand\" Hinweise f\u00fcr Rechtsextremisten zum Umgang mit Vereinsverboten. Namensgebungen seien \u00fcberfl\u00fcssige Selbstdarstellerei, ebenso wie Gr\u00fcndungserkl\u00e4rungen oder \u00f6ffentlich bekannt gegebene Selbstaufl\u00f6sungen. Sinnvoller sei es, nur noch unter Bezeichnungen wie etwa \"viele freie Nationalisten aus X-Stadt\" oder wechselnden aktionsbezogenen Begriffen wie beispielsweise \"Initiative gegen Drogenfreigabe\" zu agieren. Damit stifte man n\u00fctzliche Verwirrung, mache sich schwerer berechenbar und f\u00fcr das System kaum greifbar. So wurde die Protestkampagne \"gegen die Neuauflage der Anti-Wehrmachtsschau\" als Initiative \"Deutsche Jugend sch\u00fctzt die Ehre deutscher Soldaten der Wehrmacht und Waffen-SS\" benannt. In der Gesamtbetrachtung f\u00e4llt auf, dass die beiden F\u00fchrungsfiguren Worch und Wulff kaum noch gemeinsam auftraten, ihre Konkurrenz-Situation hat sie einander entfremdet. Bezeichnend ist hier eine Presseerkl\u00e4rung des \"Aktionsb\u00fcros\" des Wulff-Umfeldes vom Februar, in der es hei\u00dft: \"Auch in Hamburg marschiert nicht der Worch mit 'seinen' Freien Nationalisten, sondern wir alle gemeinsam - auch Worch.\" 25","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Dieser warf daraufhin dem \"Aktionsb\u00fcro\" vor, den Organisationscharakter der \"Freien Nationalisten\" ver\u00e4ndern zu wollen. Statt auf die \"freiwillige Selbstverpflichtung\" zu bauen, w\u00fcrden nun feste Verbindungen eingefordert. 3.1.1 \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e. V.\" (HNG) Die HNG ist mit rund 550 Mitgliedern, davon rund 25 in Schleswig-Holstein, die gr\u00f6\u00dfte neo-nationalsozialistische Organisation in der Bundesrepublik. In ihren so genannten Gefangenenlisten ist auch der unter anderem wegen des Mordes an einem Polizisten in Schleswig-Holstein 1997 zu lebenslanger Haft verurteilte Neo-Nationalsozialist Kay Diesner aufgef\u00fchrt. In der November-Ausgabe der \"HNG-Nachrichten\" rief der Vorstand zu Weihnachtsgr\u00fc\u00dfen an \"politische Gefangene\" auf. Die Gr\u00fc\u00dfe sollten jedoch so abgefasst sein, dass die \"allein f\u00fcr nationale Deutsche \u00fcberscharfen Zensurw\u00e4chter der Demokratie keinen Anlass zur Beschlagnahme finden\". Zudem sollte auf alle \"TabuThemen, zu denen man sich als Deutscher in diesem System nicht mehr \u00e4u\u00dfern darf\", verzichtet werden. Dazu z\u00e4hlen nach Meinung der Verfasser folgende Begriffe: \"Ausl\u00e4nder, Asylanten, Wiedergutmachungsbetr\u00fcger, Juden/Israel, Staatsterror, Staatsterrorismus, US-Krieg, internationale V\u00f6lkermordzentrale, Weltkriegs-Brandstifter\". Gedankt wurde f\u00fcr Geldund Sachspenden, unter anderem dem rechtsextremistischen SzeneTreff \"Club 88\" in Neum\u00fcnster. 3.2 Rechtsextremistische Skinhead-Szene Die rechtsextremistisch orientierte Subkultur, die sich in erster Linie in der SkinheadBewegung findet, hat erneut mehr Anh\u00e4nger zu verzeichnen. Ihre Zahl ist von rund 360 im Jahr 2000 auf rund 470 im Jahr 2001 gestiegen. Ob und inwieweit dieser Anstieg auch auf eine sensiblere \u00f6ffentliche Wahrnehmung der gewaltbereiten rechtsextremistischen Szene zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, l\u00e4sst sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Die Skinhead-Szene in Schleswig-Holstein ist \u00fcberwiegend eine strukturarme jugendliche Subkultur, deren regionale Schwerpunkte unver\u00e4ndert in Kiel, Neum\u00fcnster und 26","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 dem Randgebiet zu Hamburg liegen. Zudem sind aktivere Personenzusammenschl\u00fcsse in Rendsburg und den umliegenden Gemeinden sowie im Einzugsgebiet von Ratzeburg und Geesthacht, Ahrensburg und Wedel bekannt geworden. Im Berichtsjahr war insbesondere in diesen Gebieten eine zunehmende Einbindung von Teilen der Szene in politische Aktionen wie Demonstrationen und rechtsextremistische Propaganda-Arbeit sowie eine teilweise \u00dcbernahme politischer Strukturen des neo-nationalsozialistischen Lagers zu erkennen. Der Trend einer Vermischung von Skinhead-Gruppierungen mit neo-nationalsozialistisch orientierten \"Freien Nationalisten\" in so genannten Kameradschaften hat sich fortgesetzt. Die NPD \u00fcbt zwar weiterhin eine gewisse Anziehung auf schleswig-holsteinische Skinheads aus. Diese sehen vor allem in NPD-Demonstrationen eine Plattform f\u00fcr die Verkn\u00fcpfung von Provokation und diffuser rechtsextremistischer Weltanschauung - gepr\u00e4gt durch Elemente des Nationalsozialismus, durch Fremdenfeindlichkeit, \u00fcbersteigerten Nationalismus, Antisemitismus. Jedoch ist es der NPD nicht gelungen, in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe aus der Skinhead-Szene Mitglieder zu gewinnen, obwohl es enge pers\u00f6nliche Verbindungen einiger Parteifunktion\u00e4re zur Skinhead-Szene gibt, der sie teilweise zu Beginn ihrer \"politischen Karriere\" selbst angeh\u00f6rten. Es ist weniger die Anlehnung an politische Strukturen des rechtsextremen Lagers, die die Szene pr\u00e4gt. Sie erh\u00e4lt ihre Anziehungskraft vielmehr durch das Angebot von Gemeinschaftsgef\u00fchl, von \"Kameradschaft\", und durch den Ausdruck eines radikalen, aggressiven Lebensgef\u00fchls, gerichtet gegen Fremde, gegen den Staat, gegen die freiheitliche demokratische Mehrheitskultur. Das Selbstverst\u00e4ndnis dieser subkulturellen Szene dr\u00fcckt sich aus im so genannten Rechts-Rock, der Fremdenfeindlichkeit, Gewaltverherrlichung und Provokation mit aggressiver Musik verbindet. NPD und NeoNationalsozialisten haben in den vergangenen Jahren intensiv versucht, diese Musik ideologisch aufzuladen und damit die Subkultur an sich zu binden. 2001 fanden bundesweit 82 (2000: 82) Skinhead-Konzerte sowie 42 (2000: 44) sonstige Musikveranstaltungen mit rechtsextremistischen Liedermachern statt. In Schleswig27","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Holstein fand lediglich ein rechtsextremistisches Skinhead-Konzert statt (2000: 2). Am 6. M\u00e4rz trat in B\u00f6nningstedt (Kreis Pinneberg) die US-amerikanische Band \"Youngland\" vor rund 120 Besuchern auf. Die Veranstaltung verlief st\u00f6rungsfrei. Ein f\u00fcr den 7. April in Kiel geplantes Konzert der rechtsextremistischen Skinhead-Band \"Kraftschlag\" sowie der unpolitischen Kieler Band \"V-Punk\" wurde verboten. Auch bei den sonstigen Musikveranstaltungen war in Schleswig-Holstein lediglich eine Veranstaltung zu verzeichnen. Am 13. Oktober trat in Gro\u00df Offenseth (Kreis Pinneberg) der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende rechtsextremistische Liedermacher Andre L\u00fcders vor rund 60 Skinheads und Neo-Nationalsozialisten - \u00fcberwiegend aus Schleswig-Holstein und Hamburg - auf. Rund 40 (2000: 46) rechtsextremistische Musik-Vertriebe sind bundesweit t\u00e4tig. In Schleswig-Holstein sind derzeit zwei Versandhandel aus Halstenbek diesem Kreis zuzurechnen, die nahezu jede der derzeit bundesweit 103 (2000: 100) aktiven Bands in ihrem Verkaufssortiment haben. In Schleswig-Holstein bestanden in den letzten Jahren drei Bands, zurzeit sind sie nicht aktiv. Daneben existieren in Schleswig-Holstein zwei kleinere Versandhandel, die weitere szenetypische Devotionalien wie Textilien oder \u00e4hnliches anbieten. 3.3 \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) Die NPD zeigte sich nur kurze Zeit von den beim Bundesverfassungsgericht eingebrachten Verbotsantr\u00e4gen beeindruckt und um ein unauff\u00e4lligeres Profil bem\u00fcht. Schnell setzten sich die Kr\u00e4fte durch, die auf keinen Fall die symbiotische Beziehung zu den kompromisslosen \"Freien Nationalisten\" und den Skinheads aufs Spiel setzen wollten und die deshalb weiterhin diese Szene durch zahlreiche Demonstrationen an die Partei binden wollten. Das drohende Parteiverbot schreckte sie nicht. Die NPD ist manchen radikalen Kr\u00e4ften in der Partei ohnehin nur Organisation auf Zeit, die in der \"Bewegung\" der \"Volksgemeinschaft\" \u00fcberwunden werden soll. 28","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 3.3.1 Wahlen Die Wahlen des Jahres verliefen f\u00fcr die NPD erfolglos. Sie beteiligte sich an den Landtagswahlen in Baden-W\u00fcrttemberg und Rheinland-Pfalz am 25. M\u00e4rz sowie an der hessischen Kommunalwahl am 18. M\u00e4rz. In Baden-W\u00fcrttemberg, wo sie in knapp der H\u00e4lfte aller Wahlkreise angetreten war, erreichte sie 0,2 %. In Rheinland-Pfalz erreichte sie 0,5 % und verbesserte sich damit lediglich um 0,1 % gegen\u00fcber der vorangegangenen Landtagswahl. In beiden L\u00e4ndern konkurrierte sie mit den \"Republikanern\". Dramatische Verluste musste sie in Hessen hinnehmen. Dort b\u00fc\u00dfte sie rund zwei Drittel ihrer kommunalen Mandate ein. Selbst in ihren regionalen Hochburgen verlor sie \u00fcber 50 %. Bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus am 21. Oktober erzielte die NPD 0,9 % und gewann damit gegen\u00fcber der letzten Wahl 0,1 % hinzu. Das so genannte OstWest-Gef\u00e4lle blieb im Vergleich zur vorangegangenen Wahl mit 1,6 % in Berlin-Ost und 0,5 % in Berlin-West unver\u00e4ndert. Die NPD hatte in Berlin einen aggressiven und provokanten Wahlkampf gef\u00fchrt. So erkl\u00e4rte der Spitzenkandidat der NPD, Udo Voigt, auf einer im Wahlkampf verbreiteten CD mit dem Titel \"Sturm auf Berlin\", der \"nationale Sturm auf Berlin\" habe begonnen. Die NPD sehe sich als Volksbewegung, die knallhart auf den Putz haue, und als einzige Alternative zu den \"Volksverderbern\" im Abgeordnetenhaus. Sie wolle \"die herrschenden Politiker austauschen, bevor Politkriminelle uns Deutsche gegen Ausl\u00e4nder ausgetauscht haben\". 3.3.2 Schulterschluss mit Neo-Nationalsozialisten dauert an Die NPD f\u00fchrte im Berichtsjahr gemeinsam mit nicht organisierten Neo-Nationalsozialisten, ungeachtet der Verbotsdiskussion, zahlreiche \u00f6ffentliche Veranstaltungen durch und setzte somit den von ihr propagierten \"Kampf um die Stra\u00dfe\" fort. In einer am 21. Juni \u00fcber das Internet verbreiteten Erkl\u00e4rung der Parteif\u00fchrung hie\u00df es hierzu: \"Die NPD-F\u00fchrung l\u00e4sst sich von derlei plumpen Spaltungsversuchen allerdings nicht beeindrucken und steht weiterhin zur punktuellen und the29","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode menbezogenen Zusammenarbeit mit allen im nationalistischen Sinne konstruktiven Kr\u00e4ften.\" Beispielhaft hierf\u00fcr war auch die so genannte Gro\u00dfdemonstration des Nationalen Widerstandes am 1. September in Leipzig. Aufgerufen hierzu hatten neben zahlreichen neo-nationalsozialistischen Zusammenschl\u00fcssen auch Untergliederungen der NPD. Unter den Teilnehmern waren Bundesvorstandsmitglieder der NPD sowie der schleswig-holsteinische Landesgeneralsekret\u00e4r J\u00fcrgen Gerg und der Landesvorsitzende Peter Borchert, die beide die Klammer zum \"freien neo-nationalsozialistischen\" Lager herstellen. F\u00fcr dieses Lager traten Christian Worch und Thomas Wulff (beide Hamburg) als Redner auf. Die Solidarit\u00e4t mit f\u00fchrenden K\u00f6pfen des Neo-Nationalsozialismus wurde ebenso auf der Demonstration am 3. Oktober in Berlin deutlich. Neben Borchert und Worch redete auch der Parteivorsitzende Udo Voigt. Nur durch die Mobilisierung des neo-nationalsozialistischen Lagers gelang es der NPD am 1. Dezember in Berlin, mit rund 3.000 Teilnehmern die gr\u00f6\u00dfte Demonstration des Berichtsjahres durchzuf\u00fchren und die Partei als Speerspitze des \"Nationalen Widerstandes\" darzustellen. 3.3.3 Innerparteiliche Opposition durch die \"Revolution\u00e4re Plattform\" (RPF) Bereits im Jahr 2000 hatte sich unter der Bezeichnung RPF eine innerparteiliche Opposition mit nationalsozialistisch-revolution\u00e4rem Selbstverst\u00e4ndnis gebildet. Zu den treibenden Kr\u00e4ften geh\u00f6rte von Anfang an neben Steffen Hupka aus Sachsen-Anhalt der schleswig-holsteinische NPD-Landesgeneralsekret\u00e4r J\u00fcrgen Gerg. Nachdem der NPDParteivorstand noch im Dezember 2000 einen Unvereinbarkeitsbeschluss bez\u00fcglich der gleichzeitigen Mitgliedschaft von RPF-Mitgliedern in der Partei gefasst hatte, kam es kurz darauf zu einer vom Parteivorstand mitgetragenen Kompromissl\u00f6sung, f\u00fcr die offenbar NPD-Anwalt Horst Mahler den Weg bereitet hatte. Im RPF-Rundbrief (Nr. 3/00) erkl\u00e4rte er, mit dem Unvereinbarkeitsbeschluss habe der Parteivorstand einen \"kapita30","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 len Bock geschossen\". Die RPF-Anh\u00e4nger konnten als Kompromiss ihre Aktivit\u00e4ten in einem Arbeitskreis fortsetzen, der unter Kontrolle des Parteivorstandes stand. Tats\u00e4chlich setzte die RPF jedoch ihre Arbeit unbeeindruckt fort und attackierte weiterhin insbesondere den Parteivorsitzenden Voigt. Im \"Unabh\u00e4ngigen Rundbrief\", der Publikation des Arbeitskreises, wurden dem Parteivorstand unter anderem \"mangelnde charakterliche Eignung, Inkompetenz in der F\u00fchrung, Machtinteressen und Neid\" vorgeworfen. Nachdem der Konflikt mit Voigt und dem schleswig-holsteinischen Landesverband im September eskalierte (siehe dazu unter Nr. II 3.3.4), warf Gerg Voigt die Verbreitung von L\u00fcgen, Verst\u00f6\u00dfen gegen das Parteiengesetz und \"ekelhaft opportunistisches Verhalten\" vor. Nach anhaltenden innerparteilichen Auseinandersetzungen wurde Steffen Hupka schlie\u00dflich aus der NPD ausgeschlossen. Gegen weitere Aktivisten, darunter auch Gerg, wurden Parteiausschlussverfahren eingeleitet. Am 12. Januar 2002 verk\u00fcndete Hupka daraufhin die Aufl\u00f6sung der RPF, erkl\u00e4rte aber gleichzeitig, dass deren Aktivisten ihre Arbeit f\u00fcr den Aufbau einer revolution\u00e4ren Partei, die sie in der jetzigen NPD nicht sehen, fortsetzen werden. 3.3.4 Die endg\u00fcltige \u00dcbernahme des schleswig-holsteinischen NPD-Landesverbandes durch Neo-Nationalsozialisten Der R\u00fcckzug des ehemaligen schleswig-holsteinischen Landesvorsitzenden und Beisitzers im Bundesvorstand, Ingo Stawitz, aus der Partei dokumentiert den Wandel des schleswig-holsteinischen NPD-Landesverbandes zu einer offen neo-nationalsozialistischen Organisation. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern, die sich an den Rand gedr\u00e4ngt f\u00fchlten, erkl\u00e4rte er in einer \"Pressemitteilung ehemaliger NPD-Mitglieder des Landesverbands Schleswig-Holstein\" vom 6. April seinen Parteiaustritt. Dort hie\u00df es, die ersten Mitglieder des Landesverbandes h\u00e4tten sich schweren Herzens dazu entschlossen, dem Parteivorstand und der \u00d6ffentlichkeit ihren Austritt aus der Partei bekannt zu geben. Weitere Mitglieder w\u00fcrden in den n\u00e4chsten Wochen folgen. Ma\u00dfgeblich f\u00fcr diese Entscheidung seien die Ereignisse innerhalb des Landesverbandes in den 31","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode letzten Monaten. Man habe seit ungef\u00e4hr zwei Jahren versucht, die Unterwanderung des Landesverbandes durch \"Freie Nationalisten\" und Aktivisten der \"Revolution\u00e4ren Plattform\" zu verhindern. Dies sei mit dem \"organisatorischen Notstand\", der auf dem Landesparteitag vom 14. Oktober 2000 in T\u00f6nning \u00fcber den Landesverband verh\u00e4ngt worden sei, auch zun\u00e4chst erreicht worden. (Anmerkung: Damals war J\u00fcrgen Gerg zum Landesvorsitzenden gew\u00e4hlt worden.) Den selben Personen sei es jedoch auf dem Landesparteitag am 24. Februar in T\u00f6nning (Anmerkung: Hier unterlag Ingo Stawitz Peter Borchert.) erneut gelungen, eine Mehrheit zustande zu bringen. Dies w\u00e4re - so die Unterzeichner - \"ohne das krasse Fehlverhalten einiger Mitglieder des Parteipr\u00e4sidiums und des NPD-Rechtsbeistands Horst Mahler nicht m\u00f6glich gewesen\". Diese Stellungnahme belegt, dass Voigt und Mahler die \u00dcbernahme von Partei\u00e4mtern durch Neo-Nationalsozialisten tolerieren und deren Einflussnahme auf die Gesamtpartei in Kauf nehmen. W\u00e4hrend Mahler tats\u00e4chlich, offensichtlich gepr\u00e4gt durch seine linksrevolution\u00e4re Vergangenheit, auf die \"revolution\u00e4re Jugend\" setzte und den Wechsel bef\u00fcrwortete, war das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Bundesvorstand und dem Landesverband stets ambivalent. Der Konflikt brach erneut auf, als Borchert entgegen einer Weisung von Voigt als Redner bei einer von \"Freien Nationalisten\" am 1. Mai in Frankfurt/Main veranstalteten Demonstration auftrat und damit deutlich zu erkennen gab, dass er sich vorrangig den \"Freien Kr\u00e4ften\" verpflichtet f\u00fchlt. Borchert wurde daraufhin von der NPD-Bundesf\u00fchrung zeitweilig von seinem Amt als Landesvorsitzender suspendiert. Am 23. September kam es bei einem Parteitag zur Aufstellung der Landesliste f\u00fcr die Bundestagswahl 2002 in Anwesenheit des Bundesvorsitzenden wiederum zum Eklat. Voigt suspendierte noch w\u00e4hrend der Veranstaltung den Landesvorstand um Peter Borchert und J\u00fcrgen Gerg und verh\u00e4ngte erneut den \"organisatorischen Notstand\" \u00fcber den Landesverband. Zur Begr\u00fcndung f\u00fchrte er an, schon im Vorfeld h\u00e4tten sich die Hinweise geh\u00e4uft, dass der Parteitag dazu dienen sollte, \"die Partei im Sinne einer ihren demokratischen Grunds\u00e4tzen widersprechenden Richtung zu beeinflussen und den NPD-Landesverband unter den Einfluss parteifremder Elemente zu bringen\". 32","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Auch dieser Disziplinierungsversuch musste zur\u00fcckgenommen werden. In einem gerichtlichen Verfahren erstritt der Landesvorstand seine Wiedereinsetzung; die Satzung gebe die verh\u00e4ngte Ma\u00dfnahme nicht her. In einer knappen Mitteilung vom 18. Dezember erkl\u00e4rte daraufhin die NPD, das Bundesschiedsgericht habe am 15. Dezember die vom Parteipr\u00e4sidium \u00fcber den neonazistisch dominierten (sic!) Landesverband Schleswig-Holstein am 23. September verh\u00e4ngten Notstandsma\u00dfnahmen, die vom Parteivorstand gebilligt und von den Delegierten des Bundeshauptausschusses unterst\u00fctzt worden seien, wieder aufgehoben. Die andauernden innerparteilichen Auseinandersetzungen f\u00fchrten dazu, dass die Mitgliederzahl der NPD im Jahr 2001 in Schleswig-Holstein von rund 220 auf rund 150 zur\u00fcckging. 3.4 \"Deutsche Volksunion\" (DVU) Die DVU ist bundesweit nach wie vor die gr\u00f6\u00dfte rechtsextremistische Organisation. Ihre Bedeutung ging im Berichtsjahr deutlich zur\u00fcck. Die Mitgliederzahl sank von rund 17.000 (Schleswig-Holstein: rund 700) auf rund 15.000 (Schleswig-Holstein: rund 600). Aufgrund des autokratischen F\u00fchrungsstils des Gr\u00fcnders, Vorsitzenden und Geldgebers der DVU, Dr. Gerhard Frey (M\u00fcnchen), konnte die Partei weiterhin kein parteitypisches Innenleben entwickeln. Ihre Aktivit\u00e4ten beschr\u00e4nken sich seit Jahren im Wesentlichen auf die Teilnahme an Wahlen, um das Protestw\u00e4hlerpotenzial an sich zu binden. Durch aufw\u00e4ndig gef\u00fchrte Wahlk\u00e4mpfe war sie in den Landesparlamenten von Brandenburg, Bremen und Sachsen-Anhalt vertreten. Die nahezu einzige M\u00f6glichkeit zur politischen Mitarbeit in der Partei besteht f\u00fcr DVUMitglieder darin, an den von der Partei zelebrierten Gro\u00dfveranstaltungen, in deren Mittelpunkt Dr. Frey steht, teilzunehmen. Beispielhaft hierf\u00fcr waren so genannte Landesparteitage, die gemeinsam mit mehreren Landesverb\u00e4nden zu Beginn des Jahres 33","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode durchgef\u00fchrt wurden. Dr. Frey l\u00e4sst sich nach derartigen Veranstaltungen regelm\u00e4\u00dfig in seiner eigenen \"National-Zeitung/Deutsche Wochen-Zeitung\" feiern. In der Ausgabe Nr. 7 vom 9. Februar, in der \u00fcber den Landesparteitag in M\u00fcnchen am 3. Februar berichtet wurde, hie\u00df es beispielsweise, Freys Rede habe die \"Hunderte National-Freiheitlichen\" mit Begeisterung erf\u00fcllt und sich zu einer scharfen und schonungslosen Abrechnung mit den alten Parteien gestaltet. Frey habe ausgef\u00fchrt, die anhaltende Hetzkampagne gegen deutsche Rechte w\u00fcrde die DVU nur noch st\u00e4rker machen. Daran k\u00f6nnten auch hinterh\u00e4ltige Machenschaften von Geheimdiensten wie dem so genannten Verfassungsschutz nichts \u00e4ndern. Unertr\u00e4glich sei die \u00dcberfremdungspropaganda von Politbonzen. Politversager der Alt-Parteien w\u00fcrden das eigene Volk nach Strich und Faden bel\u00fcgen und deutsche Interessen verraten. Eine Traditionsveranstaltung der DVU ist das j\u00e4hrliche Treffen in der Passauer Nibelungenhalle. Die Teilnehmerzahl von lediglich rund 1.200 Personen im Jahr 2001 offenbarte eine deutliche Mobilisierungsschw\u00e4che der Partei. In den beiden Vorjahren war die Besucherzahl nahezu doppelt so hoch. Um ihren Anspruch, die st\u00e4rkste politische Kraft im rechtsextremistischen Lager zu sein, zu untermauern, konzentrierte die DVU sich im Berichtsjahr auf die Teilnahme an der Hamburger B\u00fcrgerschaftswahl. Hier fehlten bei der vorangegangenen Wahl im Jahr 1997 nur 190 Stimmen f\u00fcr den Einzug in die B\u00fcrgerschaft. Der Wahlkampf der DVU war wiederum durch ausl\u00e4nderfeindliche Agitation gepr\u00e4gt und sollte Staatsverdrossene und Protestw\u00e4hler ansprechen. Die Wahl wurde f\u00fcr die DVU zum Debakel. Sie erzielte lediglich 0,7 % und verlor damit \u00fcber 4,2 Prozentpunkte. Die Aktivit\u00e4ten der DVU in Schleswig-Holstein beschr\u00e4nken sich zurzeit auf die vereinzelte Durchf\u00fchrung von Stammtischen der Anh\u00e4nger. Der Teilnehmerkreis ist nur klein. 34","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 3.5 \"Die Republikaner\" Die Entwicklung der \"Republikaner\" war weiter r\u00fcckl\u00e4ufig. Die Mitgliederzahl ging zur\u00fcck auf nunmehr rund 11.500 auf Bundesebene und rund 100 in Schleswig-Holstein. Die derzeit mangelnde Anziehungskraft der Partei wird insbesondere an zahlreichen Wahlniederlagen deutlich, vor allem am Stimmenr\u00fcckgang von 9,1 % auf 4,4 % in ihrem Stammland Baden-W\u00fcrttemberg bei der Landtagswahl am 25. M\u00e4rz. Die Partei bietet ein unver\u00e4ndert uneinheitliches Bild. Neben dem Bem\u00fchen der Parteif\u00fchrung, ein betont nationales Profil innerhalb des Verfassungsbogens zu entwickeln, waren auch im Jahr 2001 wieder offen rechtsextremistische \u00c4u\u00dferungen von Funktion\u00e4ren einzelner Landesverb\u00e4nde wahrzunehmen. Der schleswig-holsteinische Landesverband blieb unauff\u00e4llig. 3.6 \"B\u00fcndnis Rechts\" (BR) Das L\u00fcbecker \"B\u00fcndnis Rechts\", urspr\u00fcnglich als Wahlb\u00fcndnis rechtsextremistischer Kr\u00e4fte ins Leben gerufen, ist heute nur noch als Informations-Projekt des Dieter Kern f\u00fcr die neo-nationalsozialistische Szene innerhalb und au\u00dferhalb der NPD aktiv. Kern publiziert mit wenigen Unterst\u00fctzern in geringer Auflage die Brosch\u00fcre \"L\u00fcbscher Aufkl\u00e4rer\", unterh\u00e4lt ein \"Info-Telefon\" und eine Internet-Homepage. Der erkl\u00e4rte Anspruch Kerns f\u00fcr das \"B\u00fcndnis\", das rechtsextremistische Lager zusammenf\u00fchren zu wollen, hat sich insgesamt als unrealistisch erwiesen. Eine gewisse Resonanz finden Kerns Bem\u00fchungen allein im ohnehin existierenden Zweckb\u00fcndnis von NPD und \"Freien neo-nationalsozialistischen Kr\u00e4ften\". Seinem Aufruf zu einer Anti-Castor-Demonstration am 9. Juni in L\u00fcbeck folgten etwa 90 Personen. Ein am 20. Oktober als Gegenveranstaltung zu einer antifaschistischen Protestveranstaltung angemeldeter Aufzug verzeichnete trotz Beteiligung der f\u00fchrenden \"Freien Nationalisten\" Christian Worch und Peter Borchert lediglich 40 Teilnehmer. Die so genannte Gro\u00dfdemonstration des Nationalen Widerstandes am 3. Oktober in Berlin sah Kern als Mitveranstalter neben der NPD. Er trat zusammen mit Worch und 35","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Borchert als Redner auf und verlas Teile eines Redeentwurfs des NPD-Vorstandsmitglieds Horst Mahler. Diesem hatten die Berliner Beh\u00f6rden ein Redeverbot auferlegt. Gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit erzielte Kern mit seiner \"Info-Telefon\"-Ansage vom 12. September, in der er die Terroranschl\u00e4ge vom 11. September als l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Befreiungsaktion bezeichnete und als Folge einer Politik, welche die V\u00f6lker durch Sanktionen f\u00fcr die Interessen einer zionistischen Oligarchie in die Knie zwingen wolle. 3.7 \"Arbeitskreis f\u00fcr deutsche Politik\" (AfdP) Der am Rande des rechtsextremistischen Spektrums angesiedelte AfdP bestand im Jahr 2001 zehn Jahre. Seine T\u00e4tigkeit beschr\u00e4nkte sich weiterhin auf die Durchf\u00fchrung von Wochenendseminaren in Mulmshorn (Niedersachsen) mit verschiedenen Referenten, die meist dem gem\u00e4\u00dfigten rechtsextremistischen Spektrum zuzurechnen waren. 4 Verlage Zurzeit sind in Schleswig-Holstein vier Verlage ans\u00e4ssig, die dem rechtsextremistischen Lager zugeordnet werden k\u00f6nnen. Wie auch schon in den vergangenen Jahren hat der von Dietmar Munier betriebene \"ARNDT-Buchdienst/Europa-Buchhandlung\" mit Firmensitz in Martensrade (Kreis Pl\u00f6n) eine herausgehobene Stellung in Schleswig-Holstein inne. Ein Gro\u00dfteil des Buchund Video-Angebotes des Verlagsund Vertriebsdienstes besteht aus Eigenproduktionen. Im Mittelpunkt des Katalog-Angebotes stehen nationalistische Themen und eine kaum verh\u00fcllte positive Verarbeitung der Zeit des Dritten Reiches. Autoren wie der britische Revisionist David Irving und das NPD-Vorstandsmitglied Horst Mahler werden als Vork\u00e4mpfer f\u00fcr Demokratie und freie Rede dargestellt. Ein j\u00fcngeres Publikum versucht der Verlag offensichtlich durch ein zunehmendes Angebot von CDs rechtsextremistischer Liedermacher und so genannter Rechts-Rock-Gruppen anzusprechen. Die CD \"Totaler Widerstand\" der Gruppe \"Sturmwehr\" ist aktuell ebenso im Programm wie CDs der Gruppen \"Hauptkampflinie\" und \"Kraftschlag\". 36","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Sein Engagement f\u00fcr ein \"Russlanddeutsches Siedlungsprojekt\" im Rahmen seiner Aktion \"Deutsches K\u00f6nigsberg\" bezeichnet Munier, wie sich seinem \"Rundschreiben 3/2001\" entnehmen l\u00e4sst, als \"gro\u00dfe patriotische Aufgabe in unserer geliebten, fremdbesetzten Provinz Ostpreu\u00dfen\". Das Projekt ist nach seinen Angaben in finanziellen Schwierigkeiten. Von geringerer Bedeutung ist die \"Mediengemeinschaft Nord Verlagsgemeinschaftsund Verlagsauslieferungs GmbH\" mit Sitz in Burg (Dithmarschen), die aus dem fr\u00fcheren \"Verlag Tim Schatowitz\" hervorgegangen ist, und deren Vertriebsschwerpunkt inhaltlich ebenfalls auf dem Versand revisionistischer Literatur lag. Im Vergleich zum \"ARNDTBuchdienst\" kann das Angebot als eher begrenzt bezeichnet werden. Gleiches gilt f\u00fcr die in Stafstedt (Kreis Rendsburg-Eckernf\u00f6rde) ans\u00e4ssige \"Versandbuchhandlung Gisela Stiller\", die seit 1993 insbesondere Publikationen des \"Verlages Hohe Warte\" anbietet, in denen antisemitisches und rassistisches Gedankengut der \"Ludendorffer\" verbreitet wird, wobei die Werbung in der Hauptsache in der Schrift \"Mensch und Ma\u00df\" betrieben wird, die dem \"Bund f\u00fcr Gotterkenntnis (Ludendorff) e. V.\" zuzuordnen ist. Der \"Bund f\u00fcr Gotterkenntnis\" selbst ist im Berichtsjahr nicht mit Aktivit\u00e4ten hervorgetreten. Dem Inhaber des \"Verlages f\u00fcr ganzheitliche Forschung und Kultur\" mit Sitz in Vi\u00f6l (Kreis Nordfriesland), Roland Bohlinger, wurde die weitere Gewerbeaus\u00fcbung vom Oberverwaltungsgericht Schleswig untersagt. Ein Sohn des Inhabers hat mittlerweile den Versand der Werke seines Vaters sowie verschiedene Nachdrucke v\u00f6lkischer und nationalsozialistischer Literatur der Zwanzigerund Drei\u00dfigerjahre in seine Verlagsauslieferung \u00fcbernommen. Verst\u00e4rkt wurden Nachdrucke als Ansichtsexemplare an einen gr\u00f6\u00dferen Personenkreis versandt. 37","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode 5 Mitgliederentwicklung der rechtsextremistischen Organisationen und Gruppierungen in Schleswig-Holstein und Gesamtentwicklung im Bundesgebiet 1999 bis 2001 * 1999 2000 2001 NPD/JN 200 220 150 DVU 700 700 600 \"Die Republikaner\" 120 100 100 Sonstige * nicht neo-nationalsozialistische Rechtsextremisten 120 50 50 * \u00fcberwiegend neo-nationalsozialistisch orientierte Rechtsextremisten 40 20 80 Gewaltbereite, insbesondere Skinheads 300 360 470 Gesamt Land 1.480 1.450 1.450 Gesamt Bund 51.400 50.900 49.700 * Nach Abzug so genannter Doppelmitgliedschaften 38","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 III. Linksextremismus 1 \u00dcberblick Linksextremisten verfolgen das Ziel, die bestehende Staatsund Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland, die als kapitalistisch, imperialistisch, rassistisch und faschistisch diffamiert wird, zu beseitigen und jedenfalls perspektivisch durch eine \"klassenlose\" Gesellschaft zu ersetzen. Unterschiedliche Auffassungen bestehen allerdings \u00fcber den Weg dahin: W\u00e4hrend kommunistische Gruppierungen autorit\u00e4r-staatliche Strukturen in einer \u00dcbergangsphase f\u00fcr unabdingbar halten, lehnen Anarchisten den Staat als \"repressiv\" ab und streben unmittelbar eine \"herrschaftsfreie\" Gesellschaft an. Dem Linksextremismus sind bundesweit rund 33.000 Personen zuzurechnen. Den gr\u00f6\u00dften Anteil hiervon stellen dogmatische linksextremistische, das hei\u00dft insbesondere am Marxismus-Leninismus ausgerichtete Gruppierungen. Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr die innere Sicherheit geht im Bereich des Linksextremismus allerdings unver\u00e4ndert von der anarchistisch orientierten autonomen Szene aus. Diesem Spektrum sind trotz auch im Berichtsjahr anhaltender Szene-Diskussionen \u00fcber Organisierung und inhaltliche Ausrichtung unver\u00e4ndert bundesweit rund 6.000 Personen (Schleswig-Holstein: rund 360) zuzurechnen, ein Beleg f\u00fcr die anhaltende Attraktivit\u00e4t der Szene f\u00fcr jugendliche \"Aussteiger\". Aus dem Kreise der Autonomen wurde wiederum eine erhebliche Anzahl von Strafund Gewalttaten ver\u00fcbt. Besonders besorgniserregend sind in Teilen der Szene au\u00dferhalb Schleswig-Holsteins anhaltende Diskussionen \u00fcber die \"Liquidierung verantwortlicher Subjekte\", die verdeutlichen, dass trotz des derzeitigen Fehlens handlungsf\u00e4higer terroristischer Strukturen die Terrorismus-Option im Bereich des Linksextremismus weiterhin latent vorhanden ist. Wie in den Vorjahren spielten auch im Berichtsjahr die \"klassischen\" linksextremistischen Themen \"Anti-Faschismus\", \"Anti-Rassismus\" und \"Anti-Atomkraft\" eine nicht unerhebliche Rolle. Allerdings hat insbesondere das im Jahr 2000 f\u00fcr den gesamten Linksextremismus dominante Aktionsfeld \"Anti-Faschismus\" an Bedeutung eingeb\u00fc\u00dft 39","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode zugunsten des Bet\u00e4tigungsfeldes \"Anti-Globalisierung\". Dogmatische Linksextremisten, insbesondere Trotzkisten, sind bereits seit Ende der Neunzigerjahre nicht ohne Erfolg bem\u00fcht, in der international vernetzten Protestbewegung gegen die zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft und die Liberalisierung des Kapitalverkehrs Fu\u00df zu fassen. Auch in der autonomen Szene werden die M\u00f6glichkeiten, die sich aus einer breiten Protestbewegung f\u00fcr die eigenen verfassungsfeindlichen Ziele ergeben, in zunehmendem Ma\u00dfe wahrgenommen. Vorbehalte gegen eine Zusammenarbeit mit noch vor wenigen Monaten ver\u00e4chtlich als \"reformistisch\" bezeichneten globalisierungskritischen Organisationen treten - auch angesichts der beschr\u00e4nkten eigenen M\u00f6glichkeiten - zunehmend in den Hintergrund. Die gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen am Rande des EUGipfels im Juni in G\u00f6teborg (Schweden) sowie die b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Gewaltexzesse anl\u00e4sslich des G-8-Gipfels im Juli in Genua (Italien) d\u00fcrften ma\u00dfgeblich auf eine starke Beteiligung von Autonomen auch aus der Bundesrepublik Deutschland, darunter auch Teilnehmer aus Schleswig-Holstein, zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Die Anschl\u00e4ge vom 11. September und die hieraus resultierenden milit\u00e4rischen Reaktionen und Ma\u00dfnahmen zur Verbesserung der inneren Sicherheit haben auch zu einer Intensivierung der \"Anti-Militarisierungs\"und \"Anti-Repressions-Arbeit\" gef\u00fchrt. Dieser Trend d\u00fcrfte sich in der n\u00e4heren Zukunft ebenfalls fortsetzen. 2 Organisationen und Gruppierungen des linksextremistischen Spektrums 2.1 Autonom-anarchistische Szene 2.1.1 Potenzial und \u00f6rtliche Schwerpunkte Die militante autonome Szene stellt - wie bereits seit Jahren - den weitaus gr\u00f6\u00dften Teil der gewaltbereiten Linksextremisten. Ihr sind unver\u00e4ndert bundesweit rund 6.000 - landesweit rund 360 - Personen zuzurechnen. Abg\u00e4nge k\u00f6nnen offensichtlich laufend durch protestorientierte j\u00fcngere Menschen ausgeglichen werden, die Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele bejahen. 40","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Hochburgen der militanten autonomen Szene sind im Bundesgebiet Berlin, das RheinMain-Gebiet und Hamburg. In Schleswig-Holstein hat sich im Berichtsjahr die f\u00fchrende Stellung Kiels mit Ausstrahlung auf die gesamte Szene im Land noch verst\u00e4rkt. Weitere nennenswerte linksextremistische autonome Strukturen gibt es in den anderen gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten Flensburg, Neum\u00fcnster und L\u00fcbeck sowie dem Hamburger Randgebiet. 2.1.2 Selbstverst\u00e4ndnis und Strategien 2.1.2.1 Ideologische Grundlagen Die Urspr\u00fcnge der militanten autonomen Szene liegen in der Zeit der studentischen Protestbewegung, die Ende der Sechzigerjahre in unterschiedliche ideologische Richtungen zerfiel. Ein Teil organisierte sich in kommunistischen Parteien Moskauer, maoistischer oder albanischer Pr\u00e4gung, ein anderer Teil wandte sich hingegen einer undogmatischen Str\u00f6mung zu, die sich an anarchistischen Grundvorstellungen orientierte und den Marxismus-Leninismus ebenso ablehnte wie politische oder gesellschaftliche Zw\u00e4nge. Anfangs ging es dabei noch vornehmlich um die Verwirklichung eigener Lebensvorstellungen, die mit einer Verweigerungshaltung gegen\u00fcber dem \"herrschenden System\" verbunden war. Ab Anfang der Achtzigerjahre r\u00fcckte jedoch der aktive gewaltorientierte Kampf gegen den Staat immer st\u00e4rker in den Vordergrund. Autonome orientieren sich an diffusen anarchistischen und kommunistischen Ideologiefragmenten und propagieren den Widerstand gegen Autorit\u00e4ten und die Missachtung von Regularien. Als Konsens wird eine \"antifaschistische\", \"antikapitalistische\" und \"antipatriarchale\" Haltung vorausgesetzt. Perspektivisches Ziel ist eine herrschaftsfreie Gesellschaftsordnung. Die autonome Szene ist eine heterogene Bewegung. Neben einer \"traditionellen\", das hei\u00dft unstrukturierten und sehr aktionistischen Str\u00f6mung gibt es auch Gruppen, die ein gewisses Ma\u00df an Organisierung bef\u00fcrworten und den angestrebten revolution\u00e4ren Pro41","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode zess planm\u00e4\u00dfig verfolgen. Ein Beispiel daf\u00fcr in Schleswig-Holstein ist die Gruppierung \"Avanti - Projekt undogmatische Linke\". 2.1.2.2 B\u00fcndnisbestrebungen Aus taktischen und strategischen Erw\u00e4gungen kommt es immer wieder vor, dass militante Autonome Aktionsb\u00fcndnisse nicht nur mit anderen linksextremistischen Gruppen, sondern auch mit Organisationen des linksdemokratischen Spektrums eingehen, um ihre politischen Einwirkungsm\u00f6glichkeiten zu erh\u00f6hen und aus der Isolierung herauszukommen. Um ein Zustandebringen solcher B\u00fcndnisse nicht zu gef\u00e4hrden, werden dabei zuweilen Gewaltabsichten zur\u00fcckgestellt. Andererseits wird die Akzeptanz militanter Aktionsformen in den jeweils konkreten Situationen sorgf\u00e4ltig ausgelotet. In diesem Lichte sind von Autonomen gegen\u00fcber \"b\u00fcrgerlichen\" B\u00fcndnispartnern erhobene Forderungen nach \"Gleichberechtigung aller Handlungsformen\" zu sehen, die darauf abzielen, das Rechtsbewusstsein demokratischer Protestbewegungen aufzuweichen und den Boden f\u00fcr die Begehung von Gewalttaten vornehmlich aus der Abdeckung gewaltfreier Demonstrationsteilnehmer heraus zu bereiten. 2.1.2.3 Gewalt als Mittel zur Verfolgung politischer Ziele Trotz aller Unterschiede sind sich Autonome einig in der Bereitschaft, zur Durchsetzung politischer Ziele Gewalt anzuwenden. Ein im bundesweit bedeutsamen autonomen Szene-Blatt \"INTERIM\" (Nr. 538 vom 15. November) ver\u00f6ffentlichtes \"militant manifesto\" belegt, dass Militanz ein identit\u00e4tsstiftendes Merkmal der autonomen Szene darstellt: \"(...) Zu unseren Aktionsformen geh\u00f6rt auch die Anwendung politischer Gewalt. Sie ist f\u00fcr uns ein notwendiges, aber nicht hinreichendes Mittel im politischen Kampf. Solange die revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte schwach sind, ist politische Gewalt ein symbolisches Mittel der Propaganda (...). Politische Gewalt (...) schlie\u00dft eine Vielzahl von M\u00f6glichkeiten ein, vom aktiven zivilen Ungehorsam bis hin zu bewaffneten Aktionen. (...) Welche Form welcher Situation angemessen ist, m\u00fcssen diejenigen entscheiden, die sich der Situation gegen\u00fcbersehen.\" 42","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Dass auch die schleswig-holsteinische autonome Szene ein militantes Selbstverst\u00e4ndnis hat, wird - abgesehen von den ihr zuzurechnenden Gewalttaten - ebenfalls deutlich durch eine in der Szene-Zeitschrift \"Enough is enough!\" (Ausgabe Nr. 12, Dezember 2000 - Februar 2001) wiedergegebene \u00c4u\u00dferung eines unter Pseudonym auftretenden Kieler Autonomen im Zusammenhang mit einem Ende Juli/Anfang August 2000 in Forst (Brandenburg) durchgef\u00fchrten \"antirassistischen Grenzcamp\": \"Das, was an Aktionen gelaufen ist, blieb auf dem Niveau des Widerspruchs und der St\u00f6rung. Aber ohne die Option auf direkte Aktion und Sabotage politisch und konzeptionell aufzugeben. (...) Die Medien haben zum Teil \u00fcber uns berichtet als eine Versammlung von zivilcouragierten MenschenrechtlerInnen. Evtl. ist vom Camp nicht ausreichend klargemacht worden, da\u00df wir vor allem auch Staatsfeinde (...) sind.\" Gewalt wird als angeblich erforderliche Reaktion gegen die \"strukturelle Gewalt\" eines \"Systems von Zwang, Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung\" gerechtfertigt. Dementsprechend sind oftmals Polizeibeamte als Repr\u00e4sentanten des \"verhassten Staates\" Ziel gewaltt\u00e4tiger Attacken. So wurden in der \"INTERIM\" (Nr. 526 vom 17. Mai) die schweren Krawalle anl\u00e4sslich des \"revolution\u00e4ren 1. Mai\" in Berlin durchweg als Erfolg gewertet. Die vom Berliner Innensenator und \"seinen Bullen\" angek\u00fcndigte Strategie, die Linksradikalen endg\u00fcltig aus der Stadt zu fegen, sei unter den Augen der Welt\u00f6ffentlichkeit \"erstens in den Steinhagel und zweitens vor die Wand gefahren. Weiter so!\". Der Einsatz von Gewalt zielt offensichtlich darauf ab, eigene Befindlichkeiten auszuleben, wobei das staatliche Gewaltmonopol negiert wird. Auch die Hoffnung, Au\u00dfenstehende zur Nachahmung bewegen zu k\u00f6nnen und so einen gruppendynamischen Prozess auszul\u00f6sen, spielt eine Rolle, wie die o. a. Kommentierung der 1.-Mai-Krawalle weiter zeigt: \"Selbst 9.000 Polizisten haben nicht verhindern k\u00f6nnen, dass etwa 50.000 Pflastersteine geworfen wurden. Von der Zustimmung von Festbesuchern und Stadtteilbewohnern getragen, haben Hunderte einen wirklich sch\u00f6nen und umsichtigen Stra\u00dfenkampf auf das Parkett gelegt.\" 43","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Auch die Terrorismus-Option ist im Bereich Linksextremismus weiterhin latent vorhanden. Am 12. Juni schickte eine \"militante gruppe (mg)\" dem Bonner B\u00fcro des Regierungsbeauftragten f\u00fcr die Entsch\u00e4digung der Zwangsarbeiter, Otto Graf Lambsdorff, ein mit der \u00dcberschrift \"Auch Kugeln markieren einen Schlussstrich\" versehenes Drohschreiben zu, dem eine scharfe Kleinkaliberpatrone beigelegt war. In einer \"Anschlagserkl\u00e4rung\" vom 14. Juni hei\u00dft es: \"Wir haben Gibowski, Gentz und Lambsdorff eine scharfe Patronenkugel pers\u00f6nlich \u00fcber den Postweg geschickt. Diese symbolische Aktion ist Ausdruck unseres militanten Widerstandes gegen die geschichtliche Entsorgungspolitik der Stiftungsinitiative und ihres Schlussstrich-Projektes. Wir haben diesen drei Personen eine Kugel zukommen lassen, um damit unmissverst\u00e4ndlich zu erkl\u00e4ren, dass sie auch perspektivisch f\u00fcr ihre Handlungen und ihr Verhalten zur Verantwortung gezogen werden m\u00fcssen. (...) F\u00fcr uns als militante AktivistInnen steht eine Debatte um den Einsatz von weitergehenden Mitteln an, und zwar eine Debatte in alle erdenklichen Richtungen (...).\" Diese Ank\u00fcndigung setzte die \"militante gruppe (mg)\" mit einem umfangreichen \"DEBATTENVERSUCH\" in der \"INTERIM\" (Nr. 539 vom 29. November) um. Darin begr\u00fcndet sie erneut das Verschicken von scharfen Patronen an Personen und verteidigt die damit transportierte \"immanente Drohung der Liquidation\": \"Wir k\u00f6nnen gesellschaftliche Zust\u00e4nde, die wir aus ganzem Herzen bek\u00e4mpfen wollen, nicht allein an anonymen Strukturen festmachen, wir m\u00fcssen die ma\u00dfgeblichen AkteurInnen identifizierbar und angreifbar machen. (...) Unsere Praxismittel sind mit dem 'st\u00e4ndigen abfackeln von autos' tats\u00e4chlich nicht an ihr Ende gekommen und k\u00f6nnen es auch nicht sein, wenn wir eine Perspektive eines umfassenden revolution\u00e4ren Prozesses f\u00fcr uns in Anspruch nehmen. Die Orientierung an Praxismitteln, die \u00fcber den Rahmen von militanter Politik hinausgehen, schlie\u00dfen notwendigerweise eine intensive Diskussion \u00fcber vergangene und aktuell gef\u00fchrte bewaffnete K\u00e4mpfe ein. (...) Es ist eine Diskussion, wie wir in Etappen von dem Angriff auf materielle Objekte zum Angriff auf verantwortliche Subjekte kommen (...).\" Diese Diskussion hat in Schleswig-Holstein keine gr\u00f6\u00dfere Resonanz gefunden. In einem weiteren Zusammenhang hiermit steht aber sicherlich, dass vor dem Hintergrund der Problematik der Zwangsarbeiterentsch\u00e4digung am 13. September unbekannte T\u00e4ter einen Anschlag auf das Wohnhaus des Liquidators der IG Farben in M\u00f6lln ver\u00fcbten. 44","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Sie warfen mehrere, mit bitumen\u00e4hnlicher Fl\u00fcssigkeit gef\u00fcllte Glasflaschen durch insgesamt drei Fensterscheiben; weitere Glasflaschen zerschellten an der Fassade des Hauses. 2.1.2.4 Strukturen und Vernetzung Das Jahr 2001 hat gezeigt, dass bundesweit angelegte organisatorische Bem\u00fchungen im Bereich der autonomen Szene gescheitert sind. Autonome und Organisation: diese Kombination l\u00e4sst sich offensichtlich nur schwerlich in Einklang bringen. Die Mitgliedsgruppen der \"Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation\" (AA/BO) erkl\u00e4rten anl\u00e4sslich des \"Antifa-Kongresses 2001\" im April in G\u00f6ttingen offiziell die Aufl\u00f6sung der AA/BO, die seit 1992 der bedeutendste autonome Organisationsansatz in Deutschland war. Mit der Aufl\u00f6sung sollte die Einleitung einer Neustrukturierung der autonomen Szene in Gang gesetzt werden. In den Nachbereitungstreffen konnte dieses Anliegen allerdings nicht umgesetzt werden. In einem im November im Internet verbreiteten Beitrag aus der Leipziger Szene-Publikation \"klarofix\" mit dem Titel \"Jedes Ende bedeutet einen Neuanfang\" \u00e4u\u00dfern sich Leipziger Autonome zur Aufl\u00f6sung der AA/BO und zum Zustand der autonomen Szene: \"Was macht der letzte \u00fcberregionale organisatorische Zusammenhang der Radikalen Linken: er l\u00f6st sich einfach auf - mittendrin im Gezeter. Die Transformation der Autonomen Antifa in eine linke Bewegung mit einem Politikansatz, der die kapitalistische Gesellschaft in ihrem gesamten Umfang kritisiert und diese auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte bef\u00f6rdert, ist gescheitert!\" In einem historischen R\u00fcckblick beklagen die Verfasser die Fokussierung der AntifaBewegung auf Aktivit\u00e4ten gegen \"Nazi-Aufm\u00e4rsche\", anstatt einen generellen linksradikalen Ansatz zu verfolgen, das hei\u00dft grundlegende Kritik an den \"herrschenden Verh\u00e4ltnissen\" zu formulieren und \u00fcber Aktionen in die \u00d6ffentlichkeit zu transportieren. 45","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Auch das \"Bundesweite Antifa-Treffen\" (B.A.T.), ein seit 1993 bestehender - jedoch weniger starr ausgerichteter - Organisationsansatz der autonomen Szene, steckt in einer tiefen inhaltlichen Krise, die ebenfalls auf dem Vorwurf basiert, sich lediglich auf den \"reinen Anti-Nazikampf\" zu beschr\u00e4nken. Ob das B.A.T. sich in Zukunft wieder neu strukturieren kann, bleibt abzuwarten. Zwar sind Organisierungsbem\u00fchungen des bundesweiten autonomen Spektrums gescheitert, die Sicherheitsgef\u00e4hrdung durch dieses Lager hat sich deswegen aber nicht verringert, da die Funktionsf\u00e4higkeit lokaler und regionaler Gruppen und deren F\u00e4higkeit zur themenbezogenen \u00fcberregionalen Mobilisierung nicht beeintr\u00e4chtigt wurden. In Schleswig-Holstein wurden autonom-anarchistische Bet\u00e4tigungen schwerpunktm\u00e4\u00dfig von themenbezogenen losen Personenzusammenschl\u00fcssen durchgef\u00fchrt, die sich aus Mitgliedern bestehender Gruppen, zum Teil auch aus verschiedenen Spektren, sowie Einzelpersonen zusammensetzten. Dabei konnten im Rahmen der Reaktionen auf die bewaffneten Auseinandersetzungen in Afghanistan auch engagierte Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler eingebunden werden. Unter den kontinuierlich arbeitenden Gruppen ist weiterhin insbesondere \"Avanti - Projekt undogmatische Linke\" zu nennen. Die im Verfassungsschutzbericht 2000 n\u00e4her beschriebene Gruppierung agiert zu allen relevanten Themenfeldern. In den Bereichen \"Anti-Faschismus\" und \"Anti-Rassismus\" ist \"Avanti\" durch die dominierende Stellung in der Redaktion der Szene-Zeitschrift \"Enough is enough!\" auch publizistisch f\u00fchrend. Ein erneuter Beleg f\u00fcr die extremistische Ausrichtung von \"Avanti\" findet sich in der in der Ausgabe der \"Avanti-Zeitung\" vom 6. Dezember enthaltenen Absage an die im Grundgesetz verankerte und nicht zur Disposition stehende repr\u00e4sentative Demokratie: \"Widerstand (...) kann eine politische Organisation nur dann leisten, wenn sie (...) ihre St\u00e4rke nicht aus Parlamentssitzen, sondern aus einer au\u00dferparlamentarischen Bewegung bezieht.\" Andere feste Gruppen, wie z. B. \"bewegung!\" oder \"Elvira\", fanden kaum \u00f6ffentliche Resonanz. 46","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Zur Verbreitung von Informationen bedienen sich Autonome neben dem klassischen Mittel der Szene-Zeitschriften, wie z. B. der von schleswig-holsteinischen Gruppen herausgegebenen \"Enough is enough!\" oder der 14-t\u00e4gig erscheinenden Kieler Zeitung \"LinX\", des bundesweit verbreiteten Berliner Szene-Blatts \"INTERIM\" sowie der \"Rote Hilfe Zeitung\" auch des Internets. Zahlreiche linksextremistische Gruppierungen sind dort mit eigenen Homepages vertreten. Das Internet dient der Szene zur Selbstdarstellung, als Recherchemedium, zur Vorbereitung von Mobilisierungen und als InformationsNetzwerk bei verschiedenen Kampagnen. Ein Novum war die Nutzung des Internet als Plattform f\u00fcr eine \"Online-Demonstration\" gegen die Beteiligung der Lufthansa an der Abschiebung abgelehnter Asylbewerber. Der Versuch, den Server der Lufthansa durch massenhafte Protest-E-Mails zu \u00fcberlasten und insoweit die Handlungsf\u00e4higkeit des Unternehmens zu beeintr\u00e4chtigen, hatte jedoch keinen Erfolg. Trotz der gestiegenen Akzeptanz des Internet in der linksextremistischen Szene hat sich an der Bedeutung von Vorbereitungstreffen und pers\u00f6nlichen Kontakten nichts ge\u00e4ndert. Der Stellenwert des Internet sollte auch weiterhin nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden. 2.2 \"Rote Hilfe e. V.\" Die \"Rote Hilfe e. V.\" definiert sich selbst als parteiunabh\u00e4ngige, str\u00f6mungs\u00fcbergreifende linke Schutzund Solidarit\u00e4tsorganisation. Sie unterst\u00fctzt nach eigenen Angaben \"nicht alle Opfer des kapitalistischen Systems (...), sondern (...) diejenigen, die den Kampf gegen das System aufgenommen haben. (...) auch diejenigen, die im Knast ihren politischen Kampf beginnen.\" Ihr geh\u00f6ren bundesweit rund 4.000 Mitglieder an, die sich aus dem gesamten linksextremistischen Spektrum rekrutieren. War sie nach ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1975 - in der Tradition ihrer KPD-orientierten Vorg\u00e4ngerin in der Weimarer Zeit - noch weitgehend orthodox-kommunistisch ausgerichtet, so sind heute mehrheitlich Angeh\u00f6rige der gewaltbereiten autonomen Szene vertreten. 47","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Sie gliedert sich in Ortsgruppen mit einem Netz von Kontaktadressen, verf\u00fcgt \u00fcber einen funktionierenden Informationsund Kommunikationsapparat mit engen Kontakten in die gesamte linksextremistische Szene. In Schleswig-Holstein sind der \"Rote Hilfe e. V.\" mit den Ortsgruppen in Kiel und L\u00fcbeck rund 240 Mitglieder zuzurechnen. Nicht nur in Schleswig-Holstein gingen von der \"Rote Hilfe e. V.\" im Vergleich zu fr\u00fcheren Jahren geringere \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten aus. 2.3 Dogmatischer Linksextremismus Unter dem Begriff \"dogmatischer Linksextremismus\" lassen sich linksextremistische Parteien und Gruppierungen zusammenfassen, die sich im Wesentlichen am Marxismus-Leninismus ausrichten. Sie verf\u00fcgen \u00fcber ein Weltbild, das den Anspruch wissenschaftlicher Logik erhebt und geschichtlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ver\u00e4nderungen bestimmte Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten unterlegt, die unausweichlich auf die Abl\u00f6sung der \"b\u00fcrgerlich-kapitalistischen\" Demokratie durch den Sozialismus als \"h\u00f6here\" Gesellschaftsform hinauslaufen. Das Spektrum des dogmatischen Linksextremismus umfasst in Schleswig-Holstein rund 500 Personen, wovon rund 200 der \"Deutschen Kommunistischen Partei\" (DKP) zuzurechnen sind. Die 1968 gegr\u00fcndete DKP war bis zur Wende im Jahre 1989 ein Einflussinstrument der DDR in der Bundesrepublik Deutschland. In der Folgezeit hat die in ideologischer und finanzieller Hinsicht seinerzeit von der SED abh\u00e4ngige Partei stark an Bedeutung und Mitgliedern verloren. Trotz verst\u00e4rkter Mitglieder-Werbekampagnen ist die starke \u00dcberalterung der Partei nicht \u00fcberwunden, der Mitgliederschwund nicht aufzuhalten. Damit steht mittelfristig die bundesweite Pr\u00e4senz der Partei auf dem Spiel. Vor diesem Hintergrund ist das Ziel der DKP, ihre \"politische Eingriffsf\u00e4higkeit\" insbesondere in der Betriebsund Gewerkschaftsarbeit zu erh\u00f6hen, unrealistisch. 48","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Mit eigenen Aktionen ist der schleswig-holsteinische Landesverband der DKP im Berichtsjahr nicht in Erscheinung getreten. Allerdings zeigt die DKP in Schleswig-Holstein auch weiterhin keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, sich bei Protestaktionen anderer - auch autonomer - Gruppierungen zu beteiligen in der Hoffnung, so den eigenen Einfluss zu vergr\u00f6\u00dfern. Zahlreiche Mitglieder der DKP sind in F\u00fchrungsgremien der linksextremistisch beeinflussten \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten\" (VVNBdA) vertreten. Zu den weiteren im Lande vorhandenen dogmatisch-linksextremistischen Organisationen geh\u00f6ren unter anderem die \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD), die aus dem ehemaligen \"Bund Westdeutscher Kommunisten\" (BWK) hervorgegangene \"Arbeitsgemeinschaft Kommunistische Politik von unten in und bei der PDS\" sowie trotzkistische Organisationen wie die \"Sozialistische Alternative VORAN\" (SAV), die \"Sozialistische Arbeitergruppe\" (SAG) und die zurzeit aktivste trotzkistische Organisation \"Linksruck\". Letztere ist bem\u00fcht, bei Demonstrationen zumindest optisch pr\u00e4sent zu sein. Ihre Beteiligung an Kampagnen wie denen gegen die Aufm\u00e4rsche der \"Nationaldemokratischen Partei Deutschlands\" oder die der Anti-Globalisierungsbewegung z. B. in G\u00f6teborg im Juni dienen dem Ziel, anpolitisierte Jugendliche f\u00fcr die eigene Organisation zu gewinnen. 3 Aktionsfelder Wie in den Vorjahren spielten auch im Berichtsjahr die \"klassischen\" linksextremistischen Themen \"Anti-Faschismus\", \"Anti-Rassismus\" und \"Anti-Atomkraft\" eine nicht unerhebliche Rolle. Allerdings hat insbesondere das im Jahr 2000 dominante Aktionsfeld \"Anti-Faschismus\" an Bedeutung eingeb\u00fc\u00dft zugunsten des seit 1999 zunehmend wahrgenommenen Bet\u00e4tigungsfeldes \"Anti-Globalisierung\". Die Anschl\u00e4ge vom 11. September und die hieraus resultierenden milit\u00e4rischen Reaktionen und Ma\u00dfnahmen zur Verbesserung der inneren Sicherheit haben auch zu einer Intensivierung der 49","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode \"Anti-Militarisierungs\"und \"Anti-Repressions-Arbeit\" von Linksextremisten gef\u00fchrt. Diese Trends d\u00fcrften sich in der n\u00e4heren Zukunft fortsetzen. 3.1 \"Anti-Faschismus\" Das starke Engagement von Demokraten in der Bek\u00e4mpfung des Rechtsextremismus f\u00fchrte bereits seit etwa dem Sommer 2000 zu einer erheblichen Verunsicherung der linksextremistischen Szene. Diese f\u00fchlte sich ihres Haupt-Aktionsfeldes beraubt. W\u00e4hrend die revolution\u00e4r-marxistischen Organisationen auch im Berichtsjahr bei ihren Aktivit\u00e4ten gegen Rechtsextremisten B\u00fcndnisse mit demokratischen Gruppen eingingen, suchten Autonome durch ein Abr\u00fccken vom \"staatlichen Anti-Faschismus\" das eigene politische Profil zu sch\u00e4rfen und die in Teilen der Szene zu verzeichnende Lethargie zu \u00fcberwinden. Insgesamt sollte Gewalt als konstituierendes Element autonomer Politik auch im \"Antifa-Kampf\" noch st\u00e4rker in den Vordergrund r\u00fccken. \"Autonome bedenkentr\u00e4ger\" schrieben dazu in der landesweit erscheinenden linksalternativen Zeitschrift \"Gegenwind\" (Nr. 155 - August 2001) unter der \u00dcberschrift \"Nazis von der Stra\u00dfe fegen, aber bitte ohne Besen ...?\": \"(...) nicht wenige von uns empfinden auch \u00fcber attackierte Nazis mehr als klammheimliche Freude. Doch genau dorthin f\u00fchrende Aktionsformen m\u00fcssen dann politisch auch zugelassen werden. (...) W\u00e4re es uns denn lieber, wenn Nazis uns \u00fcberhaupt nicht mehr als (auch potentielle) Bedrohung ihrer Unversehrtheit ansehen? Ist es erstrebenswert im Kampf gegen Nazis ein partnerschaftliches Verh\u00e4ltnis zu Bullen zu haben? (...) Eine linksradikale Antifa (und nur dann ist sie eine 'Antifa') hat sich ein Bewusstsein von sich selbst zu verschaffen. Dies beinhaltet eine Offenheit den verschiedenen Aktionsformen gegen\u00fcber, (...) Das Ziel ist die herrschaftsfreie Gesellschaft, der Kampf gegen Nazis ein Schritt dahin, oder unpolitisch.\" Die \"antifaschistischen\" Bet\u00e4tigungen der autonomen Szene und ihres Umfeldes in Schleswig-Holstein richteten sich in erster Linie gegen Aktivit\u00e4ten der \"Nationaldemokratischen Partei Deutschlands\" (NPD). Ein Schwerpunkt lag in der Bebzw. Verhinderung der \u00fcber Monate hinweg jeden Sonnabend stattfindenden NPD-Flugblattver50","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 teilungen in Kiel. Durch Pr\u00e4senz, \"Besetzung des \u00f6ffentlichen Raumes\" und eigene Flugblattaktionen sollte der so genannte Kampf um die Stra\u00dfe gewonnen werden. Nach gegenseitigen Provokationen und einfachen Behinderungen eskalierten die Auseinandersetzungen \u00fcber k\u00f6rperliche Angriffe und Sachbesch\u00e4digungen bis zu einer Massenschl\u00e4gerei unter Einsatz von St\u00f6cken und Tr\u00e4nengas. \"Anti-Faschismus\" nach linksextremistischem Verst\u00e4ndnis beschr\u00e4nkt sich keineswegs auf den Kampf gegen den Rechtsextremismus, sondern bezieht den Staat, dessen Funktionstr\u00e4ger sowie gesellschaftliche \"Eliten\" in sein Feindbild ein. Diese Ausrichtung beruht auf der klassischen orthodox-kommunistischen Faschismusdoktrin, die auf den ehemaligen Komintern-Generalsekret\u00e4r Dimitroff zur\u00fcckgeht und einen unabdingbaren Zusammenhang zwischen Faschismus und b\u00fcrgerlicher Demokratie konstruiert. Die Ortsgruppe Flensburg der anarchistischen \"Freie ArbeiterInnenUnion\" (FAU) formulierte dies in einem Flugblatt wie folgt: \"Wir werden den Faschismus nur endg\u00fcltig erfolgreich bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen, wenn wir gleichzeitig auch mit diesem System Schlu\u00df machen. Konsequent zu Ende gedacht, hei\u00dft antifaschistischer Kampf sich zu organisieren um sich gemeinsam gegen dieses System zu erheben.\" 3.2 Anti-Globalisierung Die zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft und die Liberalisierung des Kapitalverkehrs haben zur Bildung einer international vernetzten Protestbewegung gef\u00fchrt, die von unterschiedlichsten im Umweltschutz aktiven oder entwicklungspolitisch und anderweitig sozial engagierten Gruppen getragen wird. Diese unterliegen nicht der Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Dessen Aufgabenbereich ist lediglich insoweit ber\u00fchrt, als Linksextremisten eine steuernde Einflussnahme auf die Anti-Globalisierungsbewegung anstreben oder dort militante linksextremistische Handlungskonzepte verankern wollen. Dabei zielen Linksextremisten auch in diesem Aktionsfeld nicht auf Reformen, sondern auf die Beseitigung des \"Systems\" ab. Bestrebungen, in der AntiGlobalisierungsbewegung Fu\u00df zu fassen und diese zu instrumentalisieren, gehen seit 51","Drucksache 15/ 1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode 1999 vornehmlich von Autonomen und den im linksextremistischen Spektrum eigentlich bedeutungslosen Trotzkisten aus. Zunehmend sehen Autonome die Anti-Globalisierungsbewegung als Chance, ihre seit Jahren anhaltende und durch den \"Staats-Anti-Faschismus\" noch verst\u00e4rkte Orientierungskrise zu \u00fcberwinden. Dementsprechend war die Anti-Globalisierungsbewegung bei einem bundesweiten Treffen von Autonomen, das im April in G\u00f6ttingen stattfand, ein Schwerpunktthema. In einem Res\u00fcmee hie\u00df es anschlie\u00dfend im Internet: \"Kaum eine andere Bewegung hat in den letzten Jahren so viel \u00f6ffentliches Interesse erweckt wie die \u00e4u\u00dferst heterogene Anti-Globalisierungsbewegung. Mit militanten Aktionen hat sich hier scheinbar spielend leicht ein antikapitalistischer Widerstand artikuliert, der die nicht gerade vom Erfolg gekr\u00f6nte Antifa vor Neid erblassen lie\u00df. Die schon fast garantierten Riots bei den internationalen Protesten strahlen eine Attraktivit\u00e4t aus, die eine neue, reisefreudige 'Internationalismusbewegung' hervorgebracht hat (...).\" Die Gewaltbejahung Autonomer auch in diesem Aktionsfeld kommt noch deutlicher in einem Flugblatt zum Ausdruck, das nach dem von schweren Ausschreitungen begleiteten G-8-Gipfel in Genua (20. bis 22. Juli) von G\u00f6ttinger Autonomen herausgegeben wurde: \"Ob Banken, Autos, Gesch\u00e4fte oder Polizei: sie anzugreifen ist f\u00fcr die Individuen ein Vorgeschmack auf Revolte und steht in der \u00d6ffentlichkeit als ein Ausdruck, der nicht zu vereinnahmen ist (...), sondern allein durch seine rein negative Ausstrahlung die radikale Kritik an den Verh\u00e4ltnissen vermittelt: radikale Kritik ist immer destruktiv.\" Die B\u00fcndnisstrategie der Autonomen st\u00f6\u00dft innerhalb der globalisierungskritischen Strukturen nicht immer auf Ablehnung. Ein Beispiel bieten Stimmen im deutschen Teil des Netzwerkes \"ATTAC\", das von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden nicht beobachtet wird, dennoch aber als Zielobjekt linksextremistischer Avancen wahrnehmbar geworden ist. Dies wird nicht nur durch eine partiell zu verzeichnende Bereitschaft zur anlassbezogenen Zusammenarbeit mit Autonomen deutlich, sondern gerade auch durch ein problematisches Verh\u00e4ltnis von einzelnen Protagonisten des deutschen Ablegers zur Gewaltfrage. In einem auf der Homepage von \"ATTAC\" ver\u00f6ffentlichten Beitrag verwarf ein 52","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Mitglied des so genannten Koordinierungskreises von \"ATTAC\" die Absage an Gewalt als \"au\u00dferordentlich unhistorische und auch unpolitische Betrachtungsweise\" und stellte klar: \"Nicht die Frage der Mittel entscheidet, wer PartnerInnen sind, sondern die Frage, wer und was bek\u00e4mpft wird. (...) Jedwede Thematisierung der Gewaltfrage in abstrakter Allgemeinheit kann also nur damit beantwortet werden, dass die Militanten und die Militanz zu uns geh\u00f6ren.\" Im Gegensatz zu den lediglich reagierenden und zeitweise unschl\u00fcssig agierenden Autonomen haben Trotzkisten innerhalb der Anti-Globalisierungsbewegung fr\u00fchzeitig und zielstrebig Fu\u00df gefasst und teilweise auch als Geburtshelfer fungiert. Der trotzkistische Einfluss auch auf \"ATTAC\" wird durch den Beitritt zweier trotzkistischer Dachverb\u00e4nde zu dem Netzwerk deutlich. Auch in Schleswig-Holstein sind in einem lokalen Zusammenschluss derartige Einfl\u00fcsse feststellbar. Hier hat sich unter der Bezeichnung \"BASTA - Kieler B\u00fcndnis gegen Neoliberalismus\" ein kontinuierlich themenbezogen arbeitender Zusammenschluss gebildet, an dem nach szene\u00f6ffentlichen Angaben neben Autonomen und orthodoxen Kommunisten ebenfalls zwei trotzkistische Gruppierungen beteiligt sind. \u00dcberschneidungen bestehen zwischen \"BASTA\" und der linksextremistischen Kieler Zwei-Wochen-Schrift \"LinX\", die die \"BASTA\"-Aktivit\u00e4ten publizistisch flankiert. Insbesondere im Vorfeld des EU-Gipfels von G\u00f6teborg im Juni erfolgte die Mobilisierung in einem auffallenden Gleichklang. Auch andere, bundesweit oder international bedeutsame Szene-Medien entwickelten diesbez\u00fcgliche Themenschwerpunkte. Dies gilt insbesondere im Internet, wo sich ein deutscher Ableger des internationalen Informationsnetzwerks \"Indymedia\" etablierte. Die Initiatoren verstehen sich zwar als \"Teil des weltweiten Widerstands gegen die kapitalistische Globalisierung\", geben dar\u00fcber hinaus aber auch anderen linksextremistischen Kampagnen Raum. Der EU-Gipfel von G\u00f6teborg am 15./16. Juni war erstmalig Anlass f\u00fcr eine intensive vorbereitende Thematisierung und Mobilisierung im linksextremistischen Spektrum. Die Resonanz insbesondere unter gewaltbereiten Linksextremisten war \u00fcberraschend gro\u00df; 53","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode der Verlauf der vorangegangenen Gipfelveranstaltungen (Nizza, Davos) hatte den Eindruck vermittelt, dass derartige Ereignisse zwar eine Reizwirkung erzeugen, nicht aber als Kampagnen-Thema mit gro\u00dfer Mobilisierungsf\u00e4higkeit einzusch\u00e4tzen sind. Vom Ausma\u00df der Gewaltt\u00e4tigkeiten in G\u00f6teborg waren offensichtlich nicht nur die Sicherheitsbeh\u00f6rden, sondern wohl auch die Akteure selbst \u00fcberrascht. Bei Gewaltexzessen wurden drei Demonstrationsteilnehmer, darunter ein deutscher, von einem Polizisten angeschossen, eine Person schwedischer Nationalit\u00e4t wurde lebensgef\u00e4hrlich verletzt. In die Stra\u00dfenschlachten waren etwa 1.000 Gewaltt\u00e4ter verwickelt. Es kam zu weit \u00fcber 500 Festnahmen. Aus Schleswig-Holstein waren etwa 25 Autonome nach G\u00f6teborg gereist, die teilweise auch an den Krawallen beteiligt waren. Gewaltbereite Linksextremisten werteten die Begleitumst\u00e4nde dieses Gipfels sehr positiv und als mobilisierende Einstimmung auf den G-8-Gipfel in Genua vom 20. bis 22. Juli. Auch im sonstigen linksextremistischen Spektrum war ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Engagement un\u00fcbersehbar. So verk\u00fcndeten Trotzkisten im Internet, Genua werde \"wie kein anderer Gipfel Zielscheibe einer riesigen Mobilisierung sein\". Angek\u00fcndigt wurde \"eine hei\u00dfe Woche in Genua\". Der Verlauf des Gipfels war von schwersten Ausschreitungen \u00fcberschattet. Trotz passund melderechtlicher Beschr\u00e4nkungen reisten auch deutsche Gewaltbereite nach Genua; aus Schleswig-Holstein wegen des weiten Anreisewegs allerdings nur in geringer Zahl. Der G-8-Gipfel wurde von Linksextremisten in Deutschland mit Resonanzaktionen begleitet, die nach dem Tod eines italienischen Demonstranten vermehrt fortgesetzt wurden. Eine am 23. Juli in Kiel veranstaltete \"Spontan-Demonstration\" brachte das gesamte \u00f6rtliche linksextremistische Spektrum zusammen (\u00fcber 100 Teilnehmer). Es kam mit Ausnahme von Farbbeutelw\u00fcrfen zu keinen weiteren Zwischenf\u00e4llen. Dagegen wurde in Flensburg in der Nacht zum 21. Juli eine massive Sachbesch\u00e4digung mit GenuaBezug ver\u00fcbt: Eine etwa zehnk\u00f6pfige Personengruppe warf eine Glasfront einer Sparkasse ein und brachte themenbezogene Farbschmierereien an. Ann\u00e4hernd gleichzeitig 54","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 hatten zwei Personen eine Steinmauer mit der Parole \"Genua: Wenn ihr keine Menschenleben achtet, achten wir auch nicht eure Gesetze\" beschmiert. Am Abend des 31. Dezember kam es wiederum in Flensburg zu Ausschreitungen durch 40 bis 50 vermummte Personen, nachdem Parolen zum Thema \"Anti-Globalisierung\" gespr\u00fcht worden waren. Eintreffende Polizeibeamte wurden mit Gegenst\u00e4nden beworfen und mit Leuchtmunition beschossen. Bei der anschlie\u00dfenden Festnahme kam es zu Widerstandshandlungen. Viele der Festgenommenen sind als Angeh\u00f6rige der militanten autonomen Szene, zum Teil auch als spezielle Aktivisten der Anti-Globalisierungsbewegung bekannt. Ein Sonderfall innerhalb der militanten linksextremistischen Anti-Globalisierungsproteste stellt die Gruppe \"Autonome Zelle 'in Gedenken an Ulrike Meinhof'\" (AZUM) dar, die dem autonomen Spektrum zuzurechnen ist. Diese tritt seit Mitte 1999 in Hamburg und im s\u00fcdlichen Schleswig-Holstein mit Sachbesch\u00e4digungen und Anschl\u00e4gen in Erscheinung. Die Tatbekennungen kn\u00fcpfen fast ausnahmslos an internationale Konferenzen und \u00e4hnliche Vorg\u00e4nge mit Globalisierungsbezug an. Mit einem versuchten Brandanschlag auf die Polizeistation in B\u00f6nningstedt (Kreis Pinneberg) im Oktober 2000 hat die Gruppe einen qualitativen Sprung von vorausgegangenen eher symbolischen Aktionen zu einer (terroristischen) Katalogstraftat im Sinne des SS 129 a Strafgesetzbuch vollzogen. Die AZUM begr\u00fcndete diesen Anschlag als Teil eines \"Anti-EU-Projekts\"; es gehe darum, \"das Europa der Bullen, Banken und Rassisten anzugreifen\". Bei unver\u00e4ndertem Begr\u00fcndungszusammenhang ist die AZUM bei weiteren Anschl\u00e4gen weitgehend auf ihr fr\u00fcheres Aktionsniveau zur\u00fcckgefallen. Von diesen Aktionen im ersten Halbjahr waren \u00fcberwiegend Bankfilialen in Hamburg betroffen. Die Tatbekennung f\u00fcr den vorerst letzten Anschlag Anfang Juli schlie\u00dft mit der Parole \"Den G-8-Gipfel in Genua angreifen und st\u00f6ren\". 55","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode 3.3 Anti-Militarismus Beim antimilitaristischen Kampf der Linksextremisten bestimmen nicht in erster Linie pazifistische Motive ihr Handeln; f\u00fcr sie ist er vielmehr immanenter Bestandteil des Kampfes gegen Imperialismus und um Sozialismus. Er richtet sich gegen Krieg, NATO, Bundeswehr und Milit\u00e4reins\u00e4tze bzw. die angebliche Gro\u00dfmachtpolitik. Dementsprechend wurden die milit\u00e4rischen Reaktionen der Vereinigten Staaten und ihrer Verb\u00fcndeten auf die Terroranschl\u00e4ge am 11. September von diesem Spektrum fast durchg\u00e4ngig nicht als Akt der Selbstverteidigung angesehen, sondern als Ma\u00dfnahmen zur Sicherung von Macht und Kapitalinteressen \"auf dem R\u00fccken des Gro\u00dfteils der Weltbev\u00f6lkerung\". Mit diesem - auch in Flugbl\u00e4ttern der Szene im Lande vertretenen - Ansatz besteht ein deutlicher Bezugspunkt zu den Globalisierungsprotesten. Allerdings gibt es f\u00fcr alle linksextremistischen Str\u00f6mungen ein Hauptproblem: Es ist ihnen keine positive Identifizierung mit den Gegnern der USA und ihren Verb\u00fcndeten m\u00f6glich, da \"Al Quaida\" und die Taliban ihren Kampf nicht an Zielen von Linksextremisten ausrichten. Das macht auch der Beitrag eines Szene-Angeh\u00f6rigen in der \"jungen Welt\" vom 21. November deutlich: \"Die USA und die NATO suchen sich seit fast 10 Jahren Kriegsgegner, die auch uns - mehr oder weniger - nicht passen. Sie sind nicht sozialistisch oder revolution\u00e4r, sie sind weder antiimperialistisch noch antipatriarchal. F\u00fcr manche sind sie noch schlimmer als die BRD.\" Infolgedessen richtete sich die Agitation von Linksextremisten zun\u00e4chst gegen innenpolitische Aspekte der Ver\u00e4nderungen nach dem 11. September, n\u00e4mlich die administrativen und juristischen Ma\u00dfnahmen zur Erh\u00f6hung der inneren Sicherheit in Deutschland. Dazu gab es zahlreiche Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber das Internet und in Szene-Bl\u00e4ttern mit folgenden Aussagen: Die Regierung nutze die Situation nach dem 11. September, um den Ausbau des \u00dcberwachungsstaates voranzutreiben. Die Pl\u00e4ne dazu h\u00e4tten bereits in den Schubladen gelegen. Die von Linksextremisten initiierten oder beeinflussten Demonstrationen gegen den Krieg in Afghanistan verliefen bundesweit weitestgehend gewaltfrei. In Kiel gab es in 56","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 der Nacht zum 14. November vier Farbschmieraktionen mit linksextremistischem Hintergrund, die ein Zeichen gegen den \"Krieg und die Kriegstreiber\" setzen sollten. Betroffen waren Geb\u00e4ude der Landesverb\u00e4nde der SPD und \"B\u00fcndnis 90/Die Gr\u00fcnen\" sowie des Kreiswehrersatzamtes und des Instituts f\u00fcr Weltwirtschaft. Im Zusammenhang mit einer Vortragsveranstaltung des schleswig-holsteinischen Innenministers in der Hermann-Ehlers-Akademie in Kiel am 20. November zum Thema \"Innere Sicherheit\" kam es zu einer Protestaktion von rund 15 Personen aus dem autonomen Spektrum. In dort verteilten Flugbl\u00e4ttern war zu lesen: \"(...) Otto Schily, der Gesinnungsgenosse des heutigen Referenten, hatte ja schon mit seinem sogenannten zweiten Paket zur Terrorismusbek\u00e4mpfung zum Generalangriff auf die Restbest\u00e4nde antifaschistisch motivierter Gesetzestexte geblasen (...) Schilys Vorpreschen bei der Errichtung der Polizeidiktatur hat f\u00fcr kurze Zeit zu Widerstand gef\u00fchrt, der die sofortige Umsetzung des zweiten Staatsterrorpaketes vorl\u00e4ufig ein wenig bremste. Die wichtigste Komponente allerdings, die versch\u00e4rfte rassistische Stigmatisierung nichteurop\u00e4ischer Menschen, ist durch. (...) Dieser Innenminister hier wird seinen Teil zur Militarisierung der inneren Sicherheit beitragen. Verdeckt wird sein Programm durch die Schei\u00dfhausparole, dass Sicherheit und Freiheit untrennbar miteinander verkn\u00fcpft sind. Der Begriff von Freiheit eines deutschen Innenministers, der sein Handwerk bei Adolfs Erben gelernt hat, besteht in der Abwesenheit von Gegenmacht, wie sein Begriff von Sicherheit in der Anwesenheit eines \u00fcberlegenen polizeilichen Sicherheitsapparates besteht. Dagegen stellen wir unser Prinzip von Freiheit als Abwesenheit von Macht und von Sicherheit als Anwesenheit von Solidarit\u00e4t und Transparenz. Schei\u00df Deutschland!\" 3.4 Anti-Atomkraft Nach vierj\u00e4hriger Pause fanden im M\u00e4rz und November wieder Transporte aufbereiteter Brennelemente von La Hague (Frankreich) in das Zwischenlager im nieders\u00e4chsischen Gorleben statt. Diese waren - wie bereits entsprechende Transporte in den 1990er Jahren - auch f\u00fcr gewaltbereite Linksextremisten Anlass f\u00fcr massive Protestaktionen, die allerdings nicht die St\u00e4rke und Gewaltbereitschaft wie bei fr\u00fcheren CastorTransporten ins Wendland erreichten. Gezeigt hat sich aber, dass Atomm\u00fclltransporte nach Gorleben f\u00fcr die Anti-Atomkraft-Bewegung nach wie vor symboltr\u00e4chtig sind, wo57","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode hingegen andere Castor-Transporte in Deutschland weitgehend unbehelligt durchgef\u00fchrt werden konnten. Linksextremisten verfolgen mit ihren Aktivit\u00e4ten auch in diesem Aktionsfeld das Ziel der \u00dcberwindung der grundgesetzlichen Ordnung. Wer das Ende der friedlichen Nutzung der Kernenergie herbeif\u00fchren will, muss aus Sicht der Autonomen die eigentliche Ursache, das politische System - das hei\u00dft die freiheitliche demokratische Grundordnung - \u00fcberwinden. Dementsprechend \u00e4u\u00dferten sich \"Autonome Gruppen\" in einem Selbstbezichtigungsschreiben mit der \u00dcberschrift \"Kampf dem Castor, Kampf dem Staat\" zu einer offensichtlich koordinierten Serie von Hakenkrallenanschl\u00e4gen im Bundesgebiet gegen Fahrleitungen der Deutschen Bahn AG am fr\u00fchen Morgen des 9. M\u00e4rz unverhohlen zu ihren revolution\u00e4ren Zielen unter anderem wie folgt: \"(...) Nach wie vor ist klar, dass (es) nicht allein um AKWs geht. Selbst nach einem realen Ausstieg in der BRD w\u00fcrde der Widerstand gegen internationale Endlager, Atomstrom aus Osteuropa und die Liberalisierung des Strommarktes weitergehen. Aber auch ohne all das ist dieses System unappetitlich genug. Herrschaft, Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung w\u00e4ren weiter vorhanden und Ziel unseres unvers\u00f6hnlichen Widerstandes. Der Anti-AKW-Kampf ist eine strategische Chance f\u00fcr K\u00e4mpfe in anderen Bereichen, da hier ein wirklicher Erfolg m\u00f6glich ist. Politisch ist diese Auseinandersetzung seit langer Zeit zu unseren Gunsten entschieden, es geht jetzt um die praktische Umsetzung (...).\" Schleswig-Holstein blieb vor dem Castor-Hintergrund von schwereren Straftaten verschont. Die Aktivit\u00e4ten bewegten sich auf dem Niveau von Sachbesch\u00e4digungen oder Ordnungswidrigkeiten. Gleichwohl war die hiesige gewaltbereite linksextremistische Szene in den Castor-Widerstand eingebunden. Ihre militante Position in diesem Zusammenhang wurde in einem Flugblatt deutlich, das auch im Internet eingestellt war: \"(...) Doch es geht uns um mehr, unser Anliegen geht \u00fcber die Gef\u00e4hrdung durch die radioaktive Strahlung hinaus (...) Wir sehen in dem Widerstand gegen die Castor-Transporte die M\u00f6glichkeit, den Pl\u00e4nen von Staat und Kapital kr\u00e4ftig in die Suppe zu spucken. Dass wir da mit staatlich akzeptierten Aktionsformen nicht weit kommen werden, liegt auf der Hand. Wir werden uns nicht an einer von irgendwem diktierten Aktionsform orientieren, sondern je nach Sachlage selbst entscheiden, was wir f\u00fcr richtig halten -- von gewaltfrei bis militant. Es ist alles 'erlaubt', was nicht Menschenleben gef\u00e4hrdet (...).\" 58","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 4 Strafund Gewalttaten In Schleswig-Holstein wurden nach der vorl\u00e4ufigen Polizeistatistik im Jahr 2001 288 Straftaten, davon 184 Gewalttaten, registriert. Es handelte sich im Wesentlichen um Landfriedensbruchsund Widerstandsdelikte, die im Zusammenhang mit Aktionen gegen das Auftreten von Rechtsextremisten sowie vor dem Hintergrund des neuen Aktionsfeldes \"Anti-Globalisierung\" begangen wurden. 5 Mitgliederentwicklung der linksextremistischen Organisationen und Gruppierungen in Schleswig-Holstein und Gesamtentwicklung im Bundesgebiet 1999 bis 2001 1999 2000 2001 Marxisten-Leninisten und sonstige revolution\u00e4re Marxisten 580 500 500 (dogmatischer Linksextremismus) Militante Autonome 360 360 360 Gesamt Land 940 860 860 Gesamt Bund 34.200 33.500 32.900 59","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode IV. Extremistische Bestrebungen von Ausl\u00e4ndern 1 \u00dcberblick Die Anzahl der Mitglieder und Anh\u00e4nger extremistischer oder extremistisch beeinflusster Ausl\u00e4nderorganisationen in Schleswig-Holstein ist mit nahezu 1.950 gegen\u00fcber dem Vorjahr konstant geblieben. Gemessen an den Ende 2001 im Lande registrierten etwa 142.000 Ausl\u00e4ndern bilden sie weiterhin nur eine kleine Minderheit. Im Bereich des Ausl\u00e4nderextremismus auf Landesebene verzeichnete Gewalttaten beschr\u00e4nkten sich wie im Jahr 2000 auf wenige Einzeltaten geringerer Deliktsqualit\u00e4t. Dies darf jedoch nicht \u00fcber eine insbesondere bei Anh\u00e4ngern der \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) oder linksextremistischer t\u00fcrkischer Organisationen nach wie vor vorhandene latente Gewaltbereitschaft hinwegt\u00e4uschen. Die verheerenden Terroranschl\u00e4ge vom 11. September in New York und Washington mit noch nicht absehbaren Folgen trugen auch in Deutschland zu einer erheblichen Versch\u00e4rfung der Sicherheitslage bei. Durch die Aufdeckung terroristischer NetzwerkZellen im Bundesgebiet wurde deutlich, dass islamistische Terroristen Deutschland nicht mehr nur als Ruheund R\u00fcckzugsraum, sondern auch als Vorbereitungsgebiet nutzen. Die Terroranschl\u00e4ge in den USA r\u00fcckten auch die im Bundesgebiet t\u00e4tigen islamistischen Organisationen wieder st\u00e4rker ins \u00f6ffentliche Interesse. Es darf aber nicht verkannt werden, dass die ganz gro\u00dfe Mehrzahl der 3,2 Millionen in Deutschland lebenden Muslime sich nicht an extremistischen Bestrebungen beteiligt und sich von den Attentaten in den USA distanzierte. In Schleswig-Holstein sind gewaltbereite islamistische Organisationen personell nur schwach vertreten. Mit Abstand mitgliederst\u00e4rkste Organisation im islamistischen Spektrum auch in Schleswig-Holstein ist unver\u00e4ndert die nicht-militante \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e. V.\" (IGMG). Sie ist bem\u00fcht, sich als Ansprechpartnerin nicht nur f\u00fcr die Belange ihrer Anh\u00e4nger, sondern der Muslime insgesamt zu pr\u00e4sentieren. Auch im Berichtsjahr 60","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 festzustellende anti-demokratische \u00c4u\u00dferungen lassen wiederholte Beteuerungen der IGMG, sie akzeptiere die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung, als taktisch motiviert erscheinen. Auf der Grundlage der neuen Anti-Terrorgesetze wurde am 8. Dezember mit dem \"Kalifatsstaat\" erstmals eine radikal-islamistische Organisation verboten. Die PKK verf\u00fcgt unver\u00e4ndert \u00fcber straffe Organisationsstrukturen und ein hohes Anh\u00e4ngerund Mobilisierungspotenzial. Sie stellt weiterhin eine latente Bedrohung f\u00fcr die innere Sicherheit dar. Friedensbekundungen und friedfertiges Verhalten ihrer Anh\u00e4nger in der \u00d6ffentlichkeit gingen einher mit wiederholten Drohungen ihrer F\u00fchrung, zum bewaffneten Kampf zur\u00fcckzukehren, sollte die t\u00fcrkische Regierung ihre starre Haltung in der Kurdenfrage nicht aufgeben. Im Mittelpunkt ihrer Aktivit\u00e4ten stand eine noch andauernde \"Identit\u00e4tskampagne\", von der sie sich eine \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber die Aufhebung ihres Bet\u00e4tigungsverbotes in Deutschland erhoffte. Die zur Gewalt neigenden linksextremistischen t\u00fcrkischen Organisationen setzten mit einer Vielzahl \u00f6ffentlichkeitswirksamer Aktionen ihre Solidarit\u00e4tskampagne zugunsten hungerstreikender Gesinnungsgenossen in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen fort. Die Aktivit\u00e4ten k\u00f6nnen aber nicht \u00fcber den desolaten Zustand der Organisationen hinwegt\u00e4uschen. 2 Islamismus Islam ist eine Religion, Islamismus eine Ideologie - diese Definition beschreibt die Grenzziehung f\u00fcr den Aufgabenbereich der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. Deren gesetzlicher Auftrag erstreckt sich nicht auf den Islam und die Religionsaus\u00fcbung der Muslime, sondern beschr\u00e4nkt sich auf die Beobachtung von Bestrebungen, die den Islam absolut setzen, daraus umfassende Machtanspr\u00fcche herleiten und ihn damit f\u00fcr extremistische politische Ziele instrumentalisieren. Dies muss nicht notwendigerweise militante oder gar terroristische Durchsetzungsstrategien einschlie\u00dfen. 61","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Wesentliche Merkmale des Islamismus sind * die Auslegung der islamischen Quellen als alleinige, f\u00fcr alle verbindliche Wahrheit und als vorgegebene Grundlage einer politischen Ordnung, * die Propagierung der Einheit von Staat und Religion, * die Auffassung, die gesamte Rechtsordnung sei ein von Gott gegebenes, von Menschen nicht ab\u00e4nderbares System (Scharia), * und daraus resultierend die Ablehnung von Pluralismus, des Mehrparteiensystems und der in der westlichen Rechtsordnung verb\u00fcrgten Menschenrechte. Dies widerspricht wesentlichen Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, wie der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, dem Recht auf Opposition, der Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte sowie dem Ausschluss jeder Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft. Der Islamismus missbraucht die Religion zur Legitimierung totalit\u00e4rer Herrschaftsanspr\u00fcche. Nur ein geringer Teil der in Deutschland lebenden etwa 3 Millionen Muslime f\u00fchlt sich zu islamistischen Organisationen hingezogen. In vielen F\u00e4llen d\u00fcrften dabei nicht unbedingt die Identifizierung mit den politischen Zielen, sondern eher soziale, religi\u00f6se und kulturelle Bed\u00fcrfnisse im Vordergrund stehen. Insofern muss der rein quantitative Aspekt relativiert werden. Dennoch ist festzustellen, dass die im Bundesgebiet aktiven islamistischen Organisationen mehr als 31.000 Muslime an sich binden. Die Anh\u00e4ngerschaft islamistischer Organisationen stellt somit das gr\u00f6\u00dfte Potenzial innerhalb des Ausl\u00e4nderextremismus dar. Nicht zu vernachl\u00e4ssigen ist auch die islamistische Publizistik, wie nach den Anschl\u00e4gen vom 11. September und insbesondere im Zusammenhang mit dem milit\u00e4rischen Vorgehen der USA gegen Afghanistan deutlich geworden ist. Behauptungen \u00fcber eine gro\u00df 62","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 angelegte Verschw\u00f6rung der christlichen und j\u00fcdischen Welt gegen \"die Muslime\" sind Gemeinplatz der islamistischen Presse. In radikaleren Ver\u00f6ffentlichungen wird sogar die Auffassung vertreten, ein \"V\u00f6lkermord an Muslimen\" stehe bevor; es sei im Rahmen des \"Jihad\" die Pflicht eines jeden Muslims, mit der Waffe gegen \"Ungl\u00e4ubige oder tyrannische Imperialisten\" zu k\u00e4mpfen (\"Akit\" vom 10. und 12. Oktober). Die demagogisch verzerrten und teilweise offensichtlich frei erfundenen Berichte werden auch in Deutschland verbreitet. 2.1 Islamistischer Terrorismus als globale Bedrohung 2.1.1 Terroranschl\u00e4ge in den USA am 11. September Die Terroranschl\u00e4ge vom 11. September machten schlagartig deutlich, dass sich ein international operierendes terroristisches Netzwerk herausgebildet hatte, das zwar in Ans\u00e4tzen bekannt, in seinem strategischen Kalk\u00fcl und aufgrund seiner operativen Unauff\u00e4lligkeit aber allgemein untersch\u00e4tzt worden war. Der Terror herk\u00f6mmlicher Pr\u00e4gung und Erwartung war in gewissem Sinne berechenbar. Er diente der Durchsetzung konkreter politischer Ziele, er war Ultima Ratio kleinerer extremistischer politischer Gruppierungen. Die Anschl\u00e4ge vom 11. September hingegen galten der T\u00f6tung m\u00f6glichst vieler Menschen, das politische Ziel war nichts weniger als die Abl\u00f6sung der s\u00e4kularen Weltordnung durch eine mythisch \u00fcberh\u00f6hte islamistische Ordnung. Der islamistisch begr\u00fcndete Terrorismus gewinnt seine besondere Brisanz daraus, dass er den sektiererisch-religi\u00f6s begr\u00fcndeten Terrorkampf gegen die \"Ungl\u00e4ubigen\" mit politischen und sozialen Heilsversprechungen, innerarabischen oppositionellen Bestrebungen und anti-westlichen, insbesondere anti-amerikanischen und anti-j\u00fcdischen Ressentiments verkn\u00fcpft und sich dadurch eine breite Legitimationsbasis zu verschaffen sucht. 63","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Die Terroranschl\u00e4ge in den USA wurden in der arabischen Welt fast einhellig als unvereinbar mit dem Islam verurteilt; gleichwohl wurde vielfach versucht, die Anschl\u00e4ge als logische Folge einer \"imperialistischen\", angeblich auf eine einseitige Unterst\u00fctzung Israels im Nahost-Konflikt ausgerichteten und damit islamfeindlichen amerikanischen Politik darzustellen. Derartige Empfindungen in der islamischen, vor allem in der arabischen Welt und unter den Muslimen in Deutschland d\u00fcrfen im Rahmen der Bek\u00e4mpfung des islamistischen Terrorismus nicht unber\u00fccksichtigt bleiben. Die Attent\u00e4ter stammten aus arabischen L\u00e4ndern, 15 von ihnen aus Saudi-Arabien. Drei der Flugzeugentf\u00fchrer hielten sich vor den Anschl\u00e4gen in Hamburg auf. Es handelte sich bei ihnen um Studenten, die sich an der Technischen Universit\u00e4t in HamburgHarburg f\u00fcr unterschiedliche Studieng\u00e4nge eingeschrieben hatten. Sie waren weder w\u00e4hrend ihres Studiums noch bei der Polizei besonders aufgefallen. Mohamed Atta und den anderen drei Todespiloten kam eine Schl\u00fcsselrolle zu. Die 15 anderen Attent\u00e4ter waren lediglich Unterst\u00fctzer, die von der genauen Tatausf\u00fchrung, insbesondere dem Selbstmord-Charakter des Unternehmens offenbar keine Kenntnis hatten. \u00dcber die geistigen Wegbereiter der Hamburger Attent\u00e4ter gibt es keine gesicherten Hinweise. Ihre Wandlung zu radikalen Islamisten soll sich Ende der Neunzigerjahre vollzogen haben. Ermittlungsergebnisse belegen Kontakte der Hamburger Zelle zur Organisation des Usama bin Laden in Afghanistan. 2.1.2 Internationales islamistisches Terror-Netzwerk Das in die Attentate in den USA verstrickte weltweite Netzwerk islamistischer Terroristen entstand 1998 auf Initiative Usama bin Ladens unter der Bezeichnung \"Internationale Front f\u00fcr den Jihad ('Heiliger Krieg') gegen Juden und Kreuzfahrer\". \"Kreuzfahrer\" steht dabei allgemein f\u00fcr den Westen und im Besonderen f\u00fcr Amerika. Die Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung der \"Front\" enthielt eine \"Fatwa\" (islamisches Rechtsgutachten), die Muslime in aller Welt verpflichtet, Amerikaner und deren Verb\u00fcndete, sowohl Milit\u00e4rs als auch Zivilisten, zu t\u00f6ten. Damit war die Zielrichtung des \"Heiligen Krieges\" vorgegeben. 64","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Das internationale Netzwerk islamistischer Terroristen setzt sich aus der Ende der Achtzigerjahre von bin Laden gegr\u00fcndeten \"Al Quaida\" (Die Basis) sowie weltweit agierenden Terror-Organisationen und -Zellen zusammen, die in loser Verbindung untereinander stehen. Gegliederte Strukturen mit festgelegten Hierarchien und klaren Entscheidungstr\u00e4gern sind kaum auszumachen. Daher ist es schwierig, dieses Netzwerk aufzukl\u00e4ren. Es beruht wesentlich auf pers\u00f6nlichen Verbindungen, die in Lagern der \"Al Quaida\" in Afghanistan gekn\u00fcpft wurden. Diese ideologisch, milit\u00e4risch und terroristisch ausgebildeten \"Gotteskrieger\" sind zu einem Rekrutierungsreservoir f\u00fcr religi\u00f6s motivierte Terror-Gruppen und -Zellen weltweit geworden. Diese werben vor allem gut ausgebildete junge Muslime an, die Sympathien f\u00fcr bin Laden haben. Die Anwerbung erfolgt zumeist im Umfeld von Moscheen und islamischen Einrichtungen. Das Netzwerk islamistischer Terroristen nutzte verst\u00e4rkt auch das Internet f\u00fcr Propagandaund Kommunikationszwecke. Zahlreiche Web-Seiten im Internet enthielten bis zum 11. September Aufrufe und Instruktionen zum \"Heiligen Krieg\", auch in deutscher Sprache. Innerhalb des Netzwerkes nehmen die organisationsungebundenen \"non-aligned Mudjahedin\" an Bedeutung zu. Unter \"non-aligned Mudjahedin\" sind islamistische Kleingruppen zu verstehen, die \u00fcber vielf\u00e4ltige Kontakte zum weltweiten Netzwerk islamistischer Terroristen verf\u00fcgen, selbst\u00e4ndig agieren und ohne bestimmten Auftrag terroristische Aktionen planen und durchf\u00fchren. Sie bauen die daf\u00fcr ben\u00f6tigte Logistik weitgehend selbst auf und sammeln Informationen \u00fcber das Zielobjekt. Im Gegensatz z. B. zu den Attent\u00e4tern des 11. September haben Angeh\u00f6rige solcher Terror-Zellen h\u00e4ufig einen allgemein-kriminellen Vorlauf. Auch zur Vorbereitung und Finanzierung ihrer Operationen bedienen sie sich krimineller Methoden wie Diebstahl, Scheckkarten-Betrug, Passf\u00e4lschungen und Drogenhandel. Bei den \"non-aligned-Mudjahedin\" kommt es daher zu einer engen Verzahnung von Terrorismus und organisierter Kriminalit\u00e4t. Bereits vor den Anschl\u00e4gen in den USA war es Sicherheitsbeh\u00f6rden in Deutschland und Italien im Dezember 2000 gelungen, in Frankfurt/Main ein Netzwerk von Terroristen zu zerschlagen. Dadurch konnte ein mutma\u00dflicher Anschlag auf den Stra\u00dfburger Weihnachtsmarkt vereitelt werden. Im Dezember erhob die Bundesanwaltschaft vor dem O- berlandesgericht Frankfurt Anklage gegen f\u00fcnf vermutlich aus Algerien stammende und in afghanischen Lagern ausgebildete Islamisten. Die meisten von ihnen hatten sich in 65","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Deutschland um Asyl bem\u00fcht. Bei den Angeklagten handelt es sich um Angeh\u00f6rige von \"non-aligned Mudjahedin\", die enge Verbindungen zu einer \u00e4hnlichen Gruppierung in Italien unterhielten. Schleswig-Holstein war von terroristischen Strukturen bisher nur am Rande, ausstrahlend von Hamburg, ber\u00fchrt. Eine Reihe von Hinweisen deutet auf Reisebewegungen und vereinzelte Rekrutierungsbem\u00fchungen in Schleswig-Holstein hin. 2.1.3 Reaktionen islamistischer Organisationen auf die Anschl\u00e4ge vom 11. September Die in Schleswig-Holstein wie im Bundesgebiet vorhandenen islamistischen Organisationen reagierten - je nach Bef\u00fcrwortung oder Ablehnung von Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele - unterschiedlich auf die terroristischen Anschl\u00e4ge in den USA. Die \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e. V.\" und die der \"Muslimbruderschaft\" zuzurechnenden Organisationen verurteilten die Anschl\u00e4ge bzw. distanzierten sich von ihnen. Das mit bin Laden sympathisierende Umfeld militanter Islamisten begr\u00fc\u00dfte die Terrorakte dagegen zun\u00e4chst mit gro\u00dfer Begeisterung. Die Euphorie wurde bereits nach kurzer Zeit von sp\u00fcrbarer Zur\u00fcckhaltung und Unsicherheit abgel\u00f6st. Ausschlaggebend hierf\u00fcr d\u00fcrfte gewesen sein, nicht ins Blickfeld deutscher Beh\u00f6rden zu geraten. Die Furcht vor Exekutivma\u00dfnahmen und Organisationsverboten f\u00fchrte bei den islamistischen Organisationen zur L\u00e4hmung ihrer \u00f6ffentlichen Aktivit\u00e4ten. Weder nach Beginn der milit\u00e4rischen Operationen der USA am 7. Oktober in Afghanistan noch nach der Bereitstellung von Bundeswehreinheiten f\u00fcr die Region kam es zu nennenswerten Protestaktionen im Bundesgebiet. Auch in Schleswig-Holstein blieben demonstrative Aktionen von extremistischen Ausl\u00e4nderorganisationen aus. Lediglich in L\u00fcbeck und in einigen anderen St\u00e4dten des Landes kam es zu Farbschmierereien mit Pro-Talibanbzw. Pro-bin-Laden-Parolen in t\u00fcrkischer und deutscher Sprache. 66","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 2.1.4 Ausblick Der am 11. September praktizierte Terrorismus in seinen neuen Dimensionen d\u00fcrfte kein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen sein. Die Infrastruktur der \"Al Quaida\" in Afghanistan ist durch den Milit\u00e4reinsatz der USA und ihrer Verb\u00fcndeten zwar weitgehend zerschlagen, dennoch kann davon ausgegangen werden, dass die operative F\u00e4higkeit des internationalen Terror-Netzwerkes noch nicht entscheidend geschw\u00e4cht ist. Sprecher der \"Al Quaida\" wiesen in einem Zeitungsinterview im Dezember darauf hin, der \"Heilige Krieg\" w\u00fcrde fortgesetzt, selbst wenn bin Laden sterben sollte. Unabh\u00e4ngig von seinem Schicksal sind die weltweiten Netzwerk-Strukturen und radikale Islamisten in der Lage, seine \"Mission\" zu erf\u00fcllen. Sie sind f\u00fcr sich handlungsf\u00e4hig und in der Lage, selbst\u00e4ndig Anschl\u00e4ge durchzuf\u00fchren. Darauf deutet auch der versuchte Sprengstoffanschlag auf ein Flugzeug der \"American Airlines\" am 22. Dezember auf dem Flug von Paris nach Miami hin. Das Aufdecken von Netzwerk-Strukturen in Frankfurt und Hamburg durch deutsche Sicherheitsbeh\u00f6rden hat gezeigt, dass islamistische Terroristen Deutschland nicht mehr nur als Ruheund R\u00fcckzugsraum, sondern auch als Basis f\u00fcr internationale Operationen nutzen. Es ist wahrscheinlich, dass sich \u00fcber die bekannt gewordenen Strukturen hinaus noch weitere Angeh\u00f6rige des internationalen terroristischen Netzwerkes im Bundesgebiet aufhalten. Diese k\u00f6nnen durch vielf\u00e4ltige Aktivit\u00e4ten in den \"Heiligen Krieg\" und in die Vorbereitung terroristischer Aktionen eingebunden werden. Vor allem USamerikanische, britische, j\u00fcdische und israelische Einrichtungen in Deutschland unterliegen generell einer erh\u00f6hten Gef\u00e4hrdung. 67","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode 2.2 Gewaltgeneigte islamistische Organisationen 2.2.1 \"Kalifatsstaat\", vormals: \"Verband der islamischen Vereine und Gemeinden e. V., K\u00f6ln\" (ICCB) Der Ende des Jahres verbotene \"Kalifatsstaat\" war die radikalste der im Bundesgebiet t\u00e4tigen islamistischen Organisationen mit etwa 1.100 Anh\u00e4ngern. Die Organisation strebte unter der F\u00fchrung ihres selbsternannten \"Emirs der Gl\u00e4ubigen\" und \"Kalifs der Muslime\", Metin Kaplan, die Beseitigung des t\u00fcrkischen Staatsgef\u00fcges sowie die Einf\u00fchrung einer islamischen Ordnung auf der Grundlage der Scharia an. Ihr Endziel war die Weltherrschaft des Islam unter der F\u00fchrung eines einzigen Kalifen. Der \"Kalifatsstaat\" unterhielt Kontakte zu anderen radikal-islamischen Organisationen, auch zur \"Al Quaida\" und zu den Taliban. Mit R\u00fccksicht auf eine m\u00f6gliche vorzeitige Haftentlassung ihres Verbandsvorsitzenden Kaplan, der seit M\u00e4rz 1999 eine vierj\u00e4hrige Freiheitsstrafe wegen Aufrufs zur T\u00f6tung eines \"Gegenkalifen\" verb\u00fc\u00dft, fanden 2001 kaum nennenswerte \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten des \"Kalifatsstaates\" statt. Seinen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung zog Kaplan allerdings zur\u00fcck, um einer Abschiebung in die T\u00fcrkei zu entgehen. Ihn erwartet in der T\u00fcrkei ein Prozess wegen Hochverrats und m\u00f6glicherweise die Todesstrafe. Offensichtlich vor dem Hintergrund des drohenden Organisationsverbotes distanzierte sich der \"Kalifatsstaat\" \u00fcberraschend vom Terrorismus. In einer Erkl\u00e4rung Kaplans vom 27. September hie\u00df es dazu unter anderem: \"Ein Muslim ist niemals Terrorist und ein Terrorist ist niemals ein Muslim! Denn beide sind zwei verschiedene Angelegenheiten, die einander zuwiderlaufen! Die Soldaten und der Generalstab des 'Kalifatsstaats' d\u00fcrfen niemals diese Prinzipien \u00fcberschreiten und individuelle Handlungen wagen!\" Von den Anschl\u00e4gen in den USA distanzierte sich der \"Kalifatsstaat\" nicht eindeutig. An den Grundprinzipien seiner islamistischen Ideologie hielt er unver\u00e4ndert fest: 68","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 \"Der Islam ist sowohl Religion als auch Staat, sowohl Gottesverehrung als auch die Politik! Er wird sowohl durch den Koran als auch durch das Schwert Geltung erlangen!\" \u00c4hnlich \u00e4u\u00dferten sich Funktion\u00e4re auch auf einer erstmals abgehaltenen Pressekonferenz Anfang November: \"Prinzipiell ist der Islam nicht mit der Demokratie vereinbar.\" Der \"Kalifatsstaat\" wurde am 8. Dezember vom Bundesinnenminister verboten. Das Verbot umfasst auch seine in den Niederlanden ans\u00e4ssige Stiftung \"Diener des Islam\", soweit sie sich in Deutschland bet\u00e4tigt, sowie 19 Teilorganisationen. Der Bundesinnenminister begr\u00fcndete sein Verbot damit, der \"Kalifatsstaat\" und seine Organisationen richteten sich gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung; sie gef\u00e4hrdeten die innere Sicherheit sowie au\u00dfenpolitische Belange der Bundesrepublik Deutschland. Das Verbot wurde am 12. Dezember vollzogen. Beim Vollzug des Verbotes wurden in sieben Bundesl\u00e4ndern 212 Durchsuchungen durchgef\u00fchrt, darunter in 64 Wohnungen von F\u00fchrungsmitgliedern. Schleswig-Holstein war nicht ber\u00fchrt. Die Polizei stellte neben umfangreichen Unterlagen, Materialien und Geldverm\u00f6gen auch zwei Schusswaffen sicher. Die Durchsuchungsaktionen verliefen ohne Widerstand. Rechtlich m\u00f6glich wurde das Verbot des \"Kalifatsstaats\" erst durch die Streichung des Religionsprivilegs im Vereinsgesetz, die am 8. Dezember in Kraft trat. Damit wird Vereinigungen die M\u00f6glichkeit genommen, ihre extremistischen Aktivit\u00e4ten unter dem Schutz der grundgesetzlich gew\u00e4hrleisteten Freiheit der Religionsaus\u00fcbung zu verbergen. 2.2.2 Sonstige gewaltgeneigte islamistische Organisationen Im Bundesgebiet ist eine Reihe weiterer gewaltorientierter islamistischer Organisationen t\u00e4tig. Die wichtigsten davon sind 69","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode * die pro-iranische \"Hizb Allah\" (Partei Gottes) mit rund 700 Anh\u00e4ngern, * die in Deutschland unter der Bezeichnung \"Islamischer Bund Pal\u00e4stina\" (IBP) auftretende \"Islamische Widerstandsbewegung\" (HAMAS) mit rund 250 Anh\u00e4ngern sowie * die algerischen Gruppierungen \"Bewaffnete Islamische Gruppe\" (GIA) und \"Salafiyya Gruppe f\u00fcr die Mission und den Kampf\" (GSPC) mit insgesamt rund 100 Anh\u00e4ngern. Erkl\u00e4rtes Ziel dieser Organisationen ist die Errichtung islamistisch gepr\u00e4gter Ordnungen in ihren Heimatl\u00e4ndern. Dabei bedienen sie sich dort auch terroristischer Mittel. Im Vordergrund der Aktivit\u00e4ten der HAMAS und der \"Hizb Allah\" steht der Kampf gegen Israel. Auf ihr Konto gehen zum Teil \u00e4u\u00dferst folgenschwere Attentate, in j\u00fcngster Vergangenheit vorwiegend durch Selbstmord-Attent\u00e4ter. Die Anh\u00e4ngerschaft islamistischer Organisationen arabischer Herkunft in Deutschland ist deutlich geringer als die t\u00fcrkischer Islamistengruppen. Sie betrachten Deutschland in erster Linie als R\u00fcckzugsgebiet und Ruheraum und halten sich mit \u00f6ffentlichen Aktivit\u00e4ten zur\u00fcck. Von ihren Anh\u00e4ngern gingen bislang keine gewaltsamen Aktionen im Bundesgebiet aus. Anders als in anderen Bundesl\u00e4ndern unterhalten gewaltgeneigte islamistische Gruppierungen in Schleswig-Holstein keine Organisationsstrukturen. Sie verf\u00fcgen im Lande lediglich \u00fcber Einzelanh\u00e4nger. 2.3 Die \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e. V.\" (IGMG) als bedeutendste nicht-militante islamistische Organisation Die IGMG ist mit bundesweit rund 27.000 Anh\u00e4ngern unver\u00e4ndert die mitgliederund finanzst\u00e4rkste islamistische Organisation in Deutschland. Der Vereinsname nimmt unmittelbar Bezug auf die von dem ehemaligen t\u00fcrkischen Ministerpr\u00e4sidenten Necmettin Erbakan formulierte \"Milli-G\u00f6r\u00fcs\"-Ideologie (sinngem\u00e4\u00df \"Nationale Sicht\"), womit im Kern eine volksgemeinschaftlich-islamistisch ausgestaltete Ordnung als Grundlage f\u00fcr 70","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 eine an die Geschichte ankn\u00fcpfende F\u00fchrungsrolle der T\u00fcrkei gemeint ist. Die IGMGAnh\u00e4nger verehren Necmettin Erbakan als Gr\u00fcnder und geistigen F\u00fchrer der \"MilliG\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung. Aufgrund personeller und ideologischer Verquickungen bestehen seit jeher enge Verbindungen zwischen der IGMG und den von Necmettin Erbakan dominierten islamistischen Parteien in der T\u00fcrkei, die wegen der dortigen strikt laizistischen Verfassungsordnung regelm\u00e4\u00dfig von Verboten betroffen waren. Wegen dieser engen Beziehungen ist eine Entscheidung des Europ\u00e4ischen Gerichtshofes f\u00fcr Menschenrechte vom 31. Juli zu einem dieser Verbote, n\u00e4mlich dem 1998 erfolgten Verbot der \"Refah-Partisi\" (RP, \"Wohlfahrtspartei\"), auch f\u00fcr die \"Milli-G\u00f6r\u00fcs\"Strukturen in Deutschland aussagekr\u00e4ftig. Der Urteilsbegr\u00fcndung zufolge hat das RPProgramm eine \"Diskriminierung nach Glaubensrichtungen\" vorgesehen. Die angestrebte Einf\u00fchrung des islamischen Rechts, der Scharia, versto\u00dfe auch gegen die europ\u00e4ische Menschenrechtskonvention. Die IGMG hatte noch im Vorfeld des Verfahrens eine Solidarit\u00e4tsaktion zugunsten Necmettin Erbakans gestartet. Die Nachfolgepartei der RP, die \"Fazilet Partisi\" (FP, \"Tugend-Partei\") wurde vom t\u00fcrkischen Verfassungsgericht am 22. Juni verboten, was die IGMG in einer Presseerkl\u00e4rung als Versto\u00df gegen die Menschenrechte verurteilte. Der Umstand, dass es Necmettin Erbakan nicht gelang, die FP-Abgeordneten geschlossen in die Nachfolgepartei \"Saadet-Partisi\" (\"Gl\u00fccksPartei\") zu \u00fcberf\u00fchren und sich eine weitere Partei als Abspaltung etablierte, deutet auf einen allm\u00e4hlichen Autorit\u00e4tsverlust hin. Dies wird auch Auswirkungen auf die IGMG in Deutschland haben. Im April war es Necmettin Erbakan noch gelungen, seinen seit langem in IGMGF\u00fchrungspositionen t\u00e4tigen Neffen Mehmet Sabri Erbakan als Generalvorsitzenden der Organisation einzusetzen. Die Jahresversammlung mit fast 1.000 Teilnehmern, zu der Medien nicht zugelassen waren, bildete nur die Staffage f\u00fcr die Bekanntgabe und Absegnung der bereits zuvor auf anderer Ebene getroffenen Personalentscheidung. Dieser Vorgang belegt erneut nicht nur die enge personelle Verflechtung mit der F\u00fchrung des islamistischen t\u00fcrkischen Parteienspektrums, sondern auch die fehlende demokratische Binnenstruktur der IGMG. Auch in der t\u00fcrkischsprachigen Presse wurde diese 71","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Verfahrensweise als undemokratisch kritisiert und die IGMG ironisch als \"Familieneinrichtung\" bezeichnet. In ihrer Au\u00dfendarstellung hat die IGMG ihren Kurs fortgesetzt, sich gegen\u00fcber staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen als Ansprechpartner f\u00fcr die Belange des t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Bev\u00f6lkerungsteils und der Muslime insgesamt zu pr\u00e4sentieren. Die Vereinsspitze versucht weiterhin, ein unangreifbares \u00f6ffentliches Erscheinungsbild sicherzustellen, um in den Verfassungsschutzberichten nicht mehr erw\u00e4hnt zu werden. Diese Bem\u00fchungen lassen sich jedoch nicht l\u00fcckenlos durchhalten. Die unver\u00e4ndert als Sprachrohr der IGMG anzusehende Tageszeitung \"Milli Gazete\" hat in einem kurzen Zeitraum mehrfach Positionen Raum gegeben, die mit wesentlichen Grunds\u00e4tzen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung unvereinbar sind. So findet sich in der Ausgabe vom 4./5. August in einem Kommentar zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Lebenspartnerschaftsgesetz eine Passage, in der unter Verletzung der Menschenw\u00fcrde Homosexualit\u00e4t mit der \"Unzucht\" mit Kindern, mit Tieren und mit Toten in Verbindung gebracht wird. Bereits am folgenden Tag wertete die \";Milli Gazete\" die Demokratie gegen\u00fcber der Religion bis zur Beliebigkeit ab: \"Der Islam ist eine Religion g\u00f6ttlichen Ursprungs. (...) Die Demokratie ist eine 'Methode'. Eine Methode unter vielen. (...) So wie man ein Messer zum Brotschneiden benutzen kann, so kann man es auch zum T\u00f6ten benutzen. Dieser Vergleich trifft auch auf die Demokratie zu. (...) Die Methode, mit der man das Leben im Sinne Gottes sicherstellen kann, spielt dabei keine Rolle. Anders ausgedr\u00fcckt: Ein F\u00fchrer, der es aufrichtig auf ein Leben im Sinne Gottes abgezielt hat und der auf demokratischem Wege die F\u00fchrung \u00fcbernommen hat/gew\u00e4hlt wurde, respektiert das Recht, unterdr\u00fcckt nicht, bietet keine Gelegenheit f\u00fcr Unterdr\u00fcckung, auch wenn er ein Sultan oder Kalif ist.\" Demnach kommt der Demokratie kein Eigenwert zu; ein islamischer F\u00fchrer kann auch mit einem undemokratischen Regime eine gerechte Herrschaft aus\u00fcben. Auch andere im Bereich der IGMG verbreitete Publikationen propagieren islamistische Positionen, so z. B. die in Baden-W\u00fcrttemberg erscheinende \"Yeni D\u00fcnya\" (Ausgabe 4/01) in einem Leitartikel: 72","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 \"Wir versprechen, dass wir den Islam erleben und f\u00fcr den Sieg der islamischen Revolution k\u00e4mpfen werden. Wir versprechen, dass wir au\u00dfer der Koran-Ordnung kein anderes System und Regime akzeptieren werden. (...) Solange der Prophet Allahs in unserem Land nicht regiert und wir das Bildungswesen, die Medien und die Universit\u00e4ten bzw. die \u00f6ffentlichen Einrichtungen nicht unter unsere Kontrolle bringen, gibt es f\u00fcr uns Muslime keine Zukunft.\" Diese \u00c4u\u00dferung zielt prim\u00e4r auf die T\u00fcrkei; im Hinblick auf ihre Grunds\u00e4tzlichkeit und im Kontext mit anderen Ausf\u00fchrungen ist der Schluss gerechtfertigt, dass das Fernziel einer islamistischen Umw\u00e4lzung auch f\u00fcr Deutschland verfolgt wird. In einer Brosch\u00fcre der \"Fatih\"-Jugend K\u00f6ln der IGMG (angefallen im November) wird der Islam den Verlockungen der westlichen Jugendkultur gegen\u00fcber gestellt: \"Denn die S\u00f6hne unserer Ahnen, die die Welt tausend Jahre befehligten, sollen nicht den Irrweg einschlagen. Ein Jugendlicher, der den Islam lebt und leben l\u00e4sst, wird sich eines Tages zwangsl\u00e4ufig Gedanken \u00fcber unsere derzeitige Lage machen und Wege daf\u00fcr finden, wie alle Muslime sich als eine Einheit aus dem Sumpf befreien k\u00f6nnen. Uns geht es nicht um Blut oder Leben oder Ruhm, sondern um Leben, Gott, Liebe und Br\u00fcderlichkeit. Junger Freund, mit diesen Empfindungen m\u00f6chten wir auch dich in unseren Reihen begr\u00fc\u00dfen.\" Die Diktion verr\u00e4t, dass hier nicht nur Drogenabstinenz gepredigt wird. Es geht um eine k\u00e4mpferische, feindselige Abgrenzung von einer als \"Sumpf\" empfundenen Gesellschaft, von der es sich zu \"befreien\" gelte. Der Verweis auf die Geschichte l\u00e4sst auf Dominanzstreben schlie\u00dfen. Daran ankn\u00fcpfend soll die \"Einheit\" der Muslime hergestellt werden. Dies spricht nicht f\u00fcr die Akzeptanz einer pluralistischen Gesellschaft im Sinne der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Derartige \u00c4u\u00dferungen begr\u00fcnden Zweifel an der von der IGMG bekundeten Integrationsbereitschaft, die vordergr\u00fcndig auch durch eine intensive Kampagne zur Annahme der deutschen Staatsb\u00fcrgerschaft dokumentiert werden soll. Offen bleibt, wie weit die Integration gehen soll; eine Assimilierung wird jedenfalls ausgeschlossen. Es spricht einiges daf\u00fcr, dass nicht die Integration des Individuums als Staatsb\u00fcrger in die Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik gemeint ist, sondern der Einbau einer islamischen 73","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Gruppenidentit\u00e4t mit eigenen Regeln im Sinne einer Parallelgesellschaft (mit allen negativen sozialen Folgen). Die Anschl\u00e4ge vom 11. September haben die IGMG wegen bef\u00fcrchteter negativer Auswirkungen auf die eigene T\u00e4tigkeit verunsichert. Die Anschl\u00e4ge wurden zwar verurteilt; der Missbrauch der Religion durch die Attent\u00e4ter wurde jedoch auff\u00e4llig ausgespart. Der IGMG-Vorsitzende Erbakan nutzte diesen Anlass in der September-/OktoberAusgabe der IGMG-Publikation \"Milli G\u00f6r\u00fcs-Perspektive\" zu einem geschmacklosen Vergleich mit der Judenverfolgung in der NS-Zeit: Die Anschl\u00e4ge \"d\u00fcrfen nicht die Funktion des Reichstagsbrandes von 1933 bekommen, und es darf ihnen nicht die antiislamische Pogrom-Nacht folgen\". Durch die \u00c4u\u00dferung Erbakans wird der Eindruck vermittelt, die Anschl\u00e4ge seien, sofern \u00fcberhaupt von Muslimen ver\u00fcbt, in der \"westlichen Welt\" willkommen, um eine bestehende islamfeindliche Einstellung auszuleben. In Schleswig-Holstein hat sich die IGMG-Pr\u00e4senz kaum ver\u00e4ndert. IGMG-nahe Vereine mit etwa 500 Mitgliedern in Kiel, Neum\u00fcnster, L\u00fcbeck, Rendsburg und im Hamburger Umland waren \u00f6ffentlich kaum wahrnehmbar. 3 \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) 3.1 Fortsetzung ihres \"Friedenskurses\" Die PKK hielt unver\u00e4ndert an ihrer 1999 von ihrem Vorsitzenden Abdullah \u00d6calan eingeleiteten friedenspolitischen Linie fest. Wiederholt betonten ihre F\u00fchrungsfunktion\u00e4re in \u00f6ffentlichen Stellungnahmen, die PKK bevorzuge den Frieden, sollten jedoch positive Reaktionen der t\u00fcrkischen Regierung auf ihre Forderungen ausbleiben, k\u00f6nne der \"Krieg wieder auf die Tagesordnung kommen\". Sie wiesen darauf hin, dass die Geduld des kurdischen Volkes ihre Grenzen habe und Hoffnungslosigkeit einen st\u00e4rkeren, breit gef\u00e4cherten Aufstand hervorbringen k\u00f6nne. Die PKK schloss auch Selbstmord-Aktionen in den Krisengebieten nicht aus. Als Druckmittel gegen\u00fcber der t\u00fcrkischen Regierung 74","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 dienen der PKK ihre rund 10.000 gr\u00f6\u00dftenteils in den Nord-Irak zur\u00fcckgezogenen Guerilla-K\u00e4mpfer. Mit den Drohungen verfolgt die PKK auch den Zweck, den ausbleibenden Erfolgen ihrer Friedenspolitik gegen\u00fcber ihrer entt\u00e4uschten Anh\u00e4ngerschaft Rechnung zu tragen. Eine R\u00fcckkehr der PKK zu militanten Aktionen in Europa ist vorerst nur bei au\u00dfergew\u00f6hnlichen Vorkommnissen zu erwarten, etwa wenn dem in t\u00fcrkischer Haft befindlichen PKK-Vorsitzenden \u00d6calan etwas zusto\u00dfen sollte oder bei einer existenziellen Bedrohungslage ihrer K\u00e4mpfer im Nord-Irak durch t\u00fcrkisches Milit\u00e4r. Zu den terroristischen Anschl\u00e4gen in den USA bezog die PKK eindeutig Stellung. In einer Erkl\u00e4rung ihres \"Pr\u00e4sidialrates\" hie\u00df es dazu, sie lehne derartige Terrorakte strikt ab, da \"blinde Gewalt\" keine L\u00f6sung darstelle. Die Gewalttaten, die in der Vergangenheit auf das Konto ihrer Partei gingen, seien allerdings nicht vergleichbar mit den Anschl\u00e4gen in den USA. Sie habe stets darauf hingewiesen, dass Gewalt f\u00fcr sie nur so lange legitim sei, so lange dies der L\u00f6sung der Kurdenfrage diene. 3.2 Organisation und Anh\u00e4ngerschaft Bei ihrer T\u00e4tigkeit in Deutschland kann die PKK weiterhin auf rund 12.000, landesweit auf rund 800 Anh\u00e4nger zur\u00fcckgreifen. Sie unternahm gro\u00dfe Anstrengungen, ihre Parteikader und Anh\u00e4nger wieder st\u00e4rker f\u00fcr Aktivit\u00e4ten ihrer Organisation zu motivieren. Eine Kampagne zur Mitgliedergewinnung zielte vor allem darauf ab, ihre \"legale\" Basis zu verbreitern. Zu ihren \"legalen\" Organisationen rechnet die PKK die \"F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland e. V.\" (YEK-KOM) sowie deren europ\u00e4ischen Dachverband \"Konf\u00f6deration kurdischer Vereine in Europa\" (KON-KURD). Der PKK ist es auch 2001 nicht gelungen, die auf ihrem 7. au\u00dferordentlichen Parteikongress im Januar 2000 beschlossene Umwandlung der Organisation in eine Partei mit demokratischen Strukturen entscheidend voranzubringen - wobei es ohnehin fraglich ist, was sie unter Demokratie versteht. Nach wie vor handelt es sich bei ihr um eine zentralistische Organisation mit hierarchischem Aufbau. Neben den \"legalen\" Strukturen h\u00e4lt die PKK weiterhin ihren konspirativ arbeitenden Parteiapparat aufrecht. Er be75","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode stimmt unver\u00e4ndert den politischen Kurs der PKK. Ihre Rolle als Kaderpartei hat sie damit nicht aufgegeben. 3.3 Aktivit\u00e4ten Die PKK machte bei ihrer politischen T\u00e4tigkeit weiterhin auf die Kurdenproblematik aufmerksam. Zentrales Anliegen bei ihren Aktivit\u00e4ten war die Aufhebung ihres Bet\u00e4tigungsverbotes in Deutschland. Diese Zielsetzung verfolgte auch eine im Mai eingeleitete europaweite Kampagne zur Anerkennung der kurdischen Identit\u00e4t (\"Identit\u00e4tskampagne\"). In einer im M\u00e4rz verbreiteten Erkl\u00e4rung ihres \"Pr\u00e4sidialrates\" zu der Initiative hatte die PKK deutlich gemacht, dass die Kurden an einem Punkt angelangt seien, an dem sie bestehende Verbote nicht mehr akzeptierten. Im Mittelpunkt ihrer \"Identit\u00e4tskampagne\" stand eine Unterschriftensammlung unter den in Europa lebenden Kurden. In einer Selbsterkl\u00e4rung mit der \u00dcberschrift \"Auch ich bin ein PKK'ler\" bekannten sich die Unterzeichner zur PKK und forderten die Aufhebung ihres Verbotes. Die Unterschriftenlisten wurden im Rahmen von Demonstrationen und Kundgebungen Parlamenten, Gerichten, Justizbeh\u00f6rden und sonstigen staatlichen Stellen \u00fcbergeben. Vereinzelt kam es dabei zu Exekutivma\u00dfnahmen. In Schleswig-Holstein erfolgten mehrfache \u00dcbergaben von Unterschriftenlisten ebenfalls im Rahmen von Demonstrationen, die von der \"Deutsch-Kurdischen Gesellschaft e. V.\" in Kiel - einem Mitgliedsverein der YEK-KOM - organisiert wurden. Die PKK verfolgte mit ihrer Kampagne das Ziel, eine Vielzahl von Strafverfahren wegen Versto\u00dfes gegen das Vereinsgesetz auszul\u00f6sen, die Justiz zu \u00fcberlasten und dadurch den Sinn ihres Verbotes \u00f6ffentlich zur Diskussion zu stellen. Gro\u00dfe Aufmerksamkeit widmete die PKK auch dem Schicksal \u00d6calans. Im Februar erinnerte sie bundesweit mit Kundgebungen, Demonstrationen, Mahnwachen und Menschenketten an den zweiten Jahrestag seiner Ergreifung (15. Februar 1999 in Kenia). In einer Erkl\u00e4rung wurde seine Verschleppung als versuchte \"Enthauptung der kurdischen Bewegung\" durch ein \"internationales Komplott\" bezeichnet. Die PKK nahm auch die Er\u00f6ffnung seines Verfahrens vor dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte am 28. September in Stra\u00dfburg zum Anlass f\u00fcr zahlreiche Solidarit\u00e4tsbekundungen inner76","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/1792 halb und au\u00dferhalb Deutschlands. Eine Entscheidung in der mehrfach verschobenen Verhandlung steht noch aus. Das kurdische Neujahrsfest \"Newroz\" (21. M\u00e4rz) beging die PKK bundesweit \u00fcberwiegend mit dezentralen Aktionen wie Kundgebungen und Demonstrationen in Form von Fackelz\u00fcgen. Dabei kam es in Berlin und Bielefeld zu kleineren Zwischenf\u00e4llen, als mutma\u00dfliche Anh\u00e4nger der PKK auf Stra\u00dfen Feuer entz\u00fcndeten. Abgesehen von einigen zentralen Veranstaltungen mit mehreren Tausend Teilnehmern fanden die Aktivit\u00e4ten der PKK zum \"Newroz\" vielerorts nicht die Resonanz der Vorjahre. An einer von der \"Deutsch-Kurdischen Gesellschaft e. V.\", dem \u00f6rtlichen YEK-KOM-Verein, organisierten Demonstration der PKK am 20. M\u00e4rz in Kiel nahmen nur rund 150 der 600 bis 800 erwarteten Anh\u00e4nger ihrer Organisation teil. Bei Gro\u00dfveranstaltungen von Kurden im Bundesgebiet war die PKK unver\u00e4ndert in der Lage, gro\u00dfe Teile ihrer Anh\u00e4ngerschaft in Europa zu mobilisieren. Die Gro\u00dfkundgebung am 12. Mai in Dortmund mit rund 35.000 und das \"9. Internationale Kurdenfestival\" am 1. September im M\u00fcngersdorfer Stadion in K\u00f6ln mit rund 45.000 Teilnehmern boten ihr wiederum ein Forum zur Selbstdarstellung. Ungeachtet ihres derzeitigen \"Friedenskurses\", der eine L\u00f6sung der Kurdenfrage ausschlie\u00dflich mit friedlichen Mitteln vorsieht, gedachte die PKK mit bundesund europaweiten Aktivit\u00e4ten wiederum des Jahrestages der Aufnahme ihres bewaffneten Kampfes (15. August 1984). Die \u00f6ffentlichen Aktivit\u00e4ten der PKK verliefen 2001 insgesamt friedlich, sieht man von einigen Vorf\u00e4llen mit ihrer Jugendorganisation \"Union der Jugendlichen aus Kurdistan\" (YCK) ab. Erstmals seit Jahren kam es durch sie in Bremen, Celle, Hamburg, Berlin und Kiel wieder zu militanten Aktionen. Dabei wurden durch brennbare Fl\u00fcssigkeiten Br\u00e4nde auf Fahrbahnen gelegt bzw. kurzfristig Stra\u00dfenblockaden provoziert. 77","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode 3.4 Exekutivma\u00dfnahmen und Strafverfahren Auch 2001 kam es zu einer Reihe von Festnahmen von mit Haftbefehl gesuchten hochrangigen Funktion\u00e4ren der PKK, Anklageerhebungen und Verurteilungen, unter anderem wegen T\u00f6tungsdelikten und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Am 4. April verurteilte das Bremer Landgericht vier Kurden wegen eines im Jahr 1999 begangenen T\u00f6tungsdeliktes an einem kurdischen Ehepaar zu langj\u00e4hrigen Haftstrafen. Die Tat habe der damalige Gebietsverantwortliche der PKK f\u00fcr Bremen angeordnet, der die Heirat der Opfer gegen den Willen der Eltern und ohne Erlaubnis der PKK als unehrenhaft empfunden hatte. Wegen eines 1986 im Auftrag der europ\u00e4ischen F\u00fchrung der PKK ver\u00fcbten Mordes an einem in Hamburg lebenden \"Parteiverr\u00e4ter\" verurteilte das Oberlandesgericht Hamburg am 2. Januar 2002 einen weiteren PKK-Anh\u00e4nger zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Die Exekutivund Strafverfahren deutscher Beh\u00f6rden wurden von der PKK nahestehenden Organisationen heftig kritisiert. In einer Erkl\u00e4rung der YEK-KOM zur Prozesser\u00f6ffnung gegen einen PKK-Funktion\u00e4r im Januar 2001 vor dem Oberlandesgericht Celle hie\u00df es dazu, in keinem europ\u00e4ischen Land au\u00dfer Deutschland gebe es eine \"\u00e4hnliche Kriminalisierung der Kurden und feindselige Haltung gegen\u00fcber jedem, der verd\u00e4chtigt wird, mit der PKK zu sympathisieren\". Die polizeilichen Durchsuchungen in ihren Vereinen bezeichnete die YEK-KOM zudem als \"anti-kurdische und rassistische Haltung\" Deutschlands. 3.5 Finanzierung Die PKK finanziert sich haupts\u00e4chlich \u00fcber Spenden, die sie im Rahmen ihrer j\u00e4hrlichen Spendenkampagnen unter den in Europa lebenden Kurden sammelt. Die Spenden treibt sie zwar mit Nachdruck ein, ein gewaltsames Vorgehen wurde dabei aber nur noch in Einzelf\u00e4llen bekannt. 78","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Bei der Finanzierung ihrer Organisation beschritt die PKK 2001 neue Wege. Dazu d\u00fcrfte die nachlassende Spendenbereitschaft bei ihrer Basis seit der Aufgabe des bewaffneten Kampfes 1999 beigetragen haben. Seit 2001 betreibt sie im verst\u00e4rkten Ma\u00dfe erwerbswirtschaftliche Aktivit\u00e4ten. Grundlage daf\u00fcr ist ein Beschluss der PKK von Anfang 2000, ihre Wirtschaftsaktivit\u00e4ten als eigenst\u00e4ndigen Bereich zu betrachten und die daf\u00fcr erforderlichen Organisationsformen zu schaffen. Auf ihre Initiative hin wurde auf dem \"1. Kurdischen Wirtschaftskongress\" vom 19. bis 21. Januar in Rotterdam (Niederlande) der \"Internationale Kurdische Arbeitgeberverband\" (KARSAZ) mit Sitz in Frankfurt/Main gegr\u00fcndet. Gegen den Verband wurde im November ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der finanziellen Unterst\u00fctzung der PKK eingeleitet. 4 Linksextremistische t\u00fcrkische Organisationen Die zur Gewalt neigenden linksextremistischen t\u00fcrkischen Organisationen wie die \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C), die \"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP) und die \"T\u00fcrkische Kommunistische Partei/MarxistenLeninisten\" (TKP/ML) hielten unver\u00e4ndert an ihren revolution\u00e4ren Zielsetzungen fest. Sie wollen die bestehende Staatsordnung in der T\u00fcrkei durch einen bewaffneten Volkskrieg zerschlagen und durch eine Gesellschaft auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus ersetzen. Hierzu bedienen sie sich in der T\u00fcrkei terroristischer Mittel. Ihre Organisationen in Deutschland sind unver\u00e4ndert kaum handlungsf\u00e4hig. Vor allem bei der DHKP-C, der bedeutendsten der Organisationen, sind nachlassendes Engagement ihrer Anh\u00e4nger und abnehmende Spendenbereitschaft festzustellen. Der Fahndungsdruck der Strafverfolgungsbeh\u00f6rden in einigen europ\u00e4ischen Staaten und in der T\u00fcrkei f\u00fchrte bei der DHKP-C in den letzten Jahren zudem zur Schw\u00e4chung ihrer Leitungsebene. Mehrere ihrer Funktion\u00e4re und Aktivisten wurden 2001 festgenommen, angeklagt und zu langj\u00e4hrigen Haftstrafen wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung nach SS 129 a Strafgesetzbuch und wegen anderer Straftaten verurteilt. Auff\u00e4lligste \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten linksextremistischer t\u00fcrkischer Organisationen waren europaweite Aktionen im Rahmen ihrer am 20. Oktober 2000 begonnenen Solidarit\u00e4tskampagne zugunsten hungerstreikender Gesinnungsgenossen in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen. Als treibende Kraft traten dabei wiederum die DHKP-C, die MLKP sowie zwei von 79","Drucksache 15/1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode ihnen dominierte Komitees, das \"Komitee gegen Isolationshaft\" (IKM) und das \"Solidarit\u00e4tskomitee f\u00fcr die politischen Gefangenen in der T\u00fcrkei\" (DETUDAK), in Erscheinung. Mit einer Vielzahl von Demonstrationen, Spontan-Kundgebungen vor t\u00fcrkischen Generalkonsulaten, Solidarit\u00e4tsveranstaltungen und Besetzungen von deutschen und ausl\u00e4ndischen Einrichtungen machten sie auf die Hungerstreik-Situation in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen aufmerksam. Heraus ragte dabei eine Gro\u00dfdemonstration am 27. Januar in K\u00f6ln mit rund 16.000 Teilnehmern, an der sich erstmals auch die PKK als Mitorganisator beteiligt hatte. Von den Besetzungsaktionen t\u00fcrkischer Linksextremisten waren unter anderem die Redaktionsr\u00e4ume einer t\u00fcrkischen Zeitung, die Nachrichtenagentur Reuters, der NDR in G\u00f6ttingen, die schwedische Handelskammer in D\u00fcsseldorf, der K\u00f6lner Dom sowie Gesch\u00e4ftsstellen der SPD und von \"B\u00fcndnis 90/Die Gr\u00fcnen\" betroffen. Bei den Besetzungen wurden Resolutionen \u00fcbergeben und deren Ver\u00f6ffentlichung verlangt. Auf das gewaltsame Vorgehen t\u00fcrkischer Sicherheitskr\u00e4fte gegen Hungerstreikende am 5. und 13. November in Istanbul reagierten t\u00fcrkische Linksextremisten umgehend mit Protestaktionen in Deutschland und anderen europ\u00e4ischen Staaten. In K\u00f6ln, Frankfurt und Hamburg wurden B\u00fcros und Gesch\u00e4ftsstellen von \"amnesty international\" und der SPD besetzt. Aufforderungen, die R\u00e4umlichkeiten zu verlassen, kamen die beteiligten Personen nicht in allen F\u00e4llen nach. Beim Versuch von 25 Angeh\u00f6rigen der DHKP-C, R\u00e4umlichkeiten des Europ\u00e4ischen Gerichtshofes f\u00fcr Menschenrechte in Stra\u00dfburg zu besetzen, kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Zur Bedeutung ihrer Solidarit\u00e4tskampagne betonte die DHKP-C in einem Flugblatt, das Todesfasten von Gesinnungsgenossen in der T\u00fcrkei sei \"unsere st\u00e4rkste Waffe\". Mehrfach beteiligten sich linksextremistische t\u00fcrkische Gruppierungen 2001 auch an Veranstaltungen anderer Organisationen, unter anderem an den von gewaltsamen Ausschreitungen begleiteten Protestaktionen von Globalisierungsgegnern gegen den G-8-Gipfel vom 20. bis 22. Juli in Genua. In Schleswig-Holstein sind die linksextremistischen t\u00fcrkischen Organisationen kaum noch aktiv. Zu ihren wenigen \u00f6ffentlichen Aktionen z\u00e4hlte die Besetzung einer Kirche in 80","Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode Drucksache 15/ 1792 Elmshorn Ende Dezember durch Anh\u00e4nger der MLKP; sie machten damit auf die Hungerstreik-Situation in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen aufmerksam. 81","Drucksache 15/ 1792 Schleswig-Holsteinischer Landtag - 15. Wahlperiode 5 Entwicklung der Mitglieder-/Anh\u00e4ngerzahlen der extremistischen Ausl\u00e4nderorganisationen in Schleswig-Holstein und Gesamtentwicklung im Bundesgebiet 1999 bis 2001 1999 2000 2001 T\u00fcrkische Organisationen * linksextremistische Gruppen 115 75 70 * islamistische Gruppen 515 510 510 * extrem-nationalistische Gruppen 470 470 470 Kurdische Organisationen 800 800 800 Iranische Organisationen 30 30 30 Arabische Organisationen 70 60 70 Gesamt Land 2.000 1.945 1.950 Gesamt Bund 59.700 58.800 59.100 82"],"title":"Verfassungsschutzbericht 2001","year":2001}
