{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-st-2024.pdf","jurisdiction":"Sachsen-Anhalt","num_pages":176,"pages":["","Inhalt VERFASSUNGSSCHUTZ IN SACHSEN-ANHALT ............................................................... 4 GESETZLICHE GRUNDLAGEN UND FUNKTION ............................................................ 5 SCHWERPUNKTAUFGABEN............................................................................................ 6 ARBEITSWEISE ............................................................................................................... 11 ORGANISATION DER VERFASSUNGSSCHUTZBEH\u00d6RDE ........................................... 11 KONTROLLE DER VERFASSUNGSSCHUTZBEH\u00d6RDE ................................................ 11 \u00d6FFENTLICHKEITSARBEIT UND PR\u00c4VENTION ............................................................13 EXTRA - EXTREMISMUS-AUSSTIEG .............................................................................15 AUSKUNFTSERTEILUNG ................................................................................................16 REDAKTIONELLE HINWEISE ..........................................................................................16 RECHTSEXTREMISMUS ....................................................................................................18 EINLEITUNG ....................................................................................................................19 RECHTSEXTREMISTISCHES PARTEIENSPEKTRUM....................................................23 \"Alternative f\u00fcr Deutschland\" (AfD) Landesverband Sachsen-Anhalt .............................23 \"Die Heimat\" - ehemals \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) Landesverband Sachsen-Anhalt....................................................................................33 \"Der III. Weg\" (III. Weg) .................................................................................................38 PARTEIUNGEBUNDENER, VORNEHMLICH NEONAZISTISCH .....................................43 GEPR\u00c4GTER RECHTSEXTREMISMUS ..........................................................................43 WEITGEHEND UNSTRUKTURIERTES RECHTSEXTREMISTISCHES PERSONENPOTENZIAL ..................................................................................................52 \"NEUE RECHTE\" ..............................................................................................................67 \"Identit\u00e4re Bewegung Deutschland\" (IBD) .....................................................................67 \"Verein f\u00fcr Staatspolitik e. V.\", firmiert unter \"Institut f\u00fcr Staatspolitik\" (IfS) / Aufgel\u00f6stes und neustrukturiertes IfS ............................................................................71 \"REICHSB\u00dcRGER\" UND \"SELBSTVERWALTER\" ............................................................76 EINLEITUNG ....................................................................................................................77 REICHSB\u00dcRGERSZENE .................................................................................................79 VERFASSUNGSSCHUTZRELEVANTE DELEGITIMIERUNG DES STAATES ....................84 BEOBACHTUNGSOBJEKT: DEMOKRATIEFEINDLICHE UND/ODER SICHERHEITSGEF\u00c4HRDENDE DELEGITIMIERUNG DES STAATES ............................85 LINKSEXTREMISMUS ........................................................................................................89 EINLEITUNG ....................................................................................................................90 GEWALTORIENTIERTE LINKSEXTREMISTEN ...............................................................92 \"ROTE HILFE E. V.\" (RH) ............................................................................................... 113 LINKSEXTREMISTISCHES PARTEIENSPEKTRUM ...................................................... 116 \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschland\" (MLPD) .............................................. 116 2","\"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) ................................................................... 119 ISLAMISMUS .....................................................................................................................121 EINLEITUNG ..................................................................................................................122 SALAFISMUS .................................................................................................................125 \"GEMEINSCHAFT DER VERK\u00dcNDIGUNG DER MISSION\" ..........................................132 (URDU: \"TABLIGHI JAMA'AT\", TJ) .................................................................................132 MUSLIMBRUDERSCHAFT (MB) / \"DEUTSCHE MUSLIMISCHE GEMEINSCHAFT E. V.\" (DMG), EHEMALS \"ISLAMISCHE GEMEINSCHAFT IN DEUTSCHLAND E. V.\" (IGD) / HAMAS ...........................................................................................................................134 AUSLANDSBEZOGENER EXTREMISMUS ......................................................................136 EINLEITUNG ..................................................................................................................137 \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (kurdisch: Partiya Karkeren Kurdistan, PKK).........................138 \"Marxistische Leninistische Kommunistische Partei\" (t\u00fcrkisch: \"Marksist Leninist Kom\u00fcnist Parti\", MLKP) ..................................................................................................................144 SCIENTOLOGY ORGANISATION .....................................................................................148 SPIONAGEABWEHR ........................................................................................................152 EINLEITUNG ..................................................................................................................153 NACHRICHTENDIENSTE DER RUSSISCHEN F\u00d6DERATION ......................................154 CHINESISCHE NACHRICHTENDIENSTE .....................................................................155 NACHRICHTENDIENSTE DER ISLAMISCHEN REPUBLIK IRAN .................................157 ANDERE NACHRICHTENDIENSTE ...............................................................................158 HYBRIDE BEDROHUNGEN ...........................................................................................158 SABOTAGE ....................................................................................................................162 CYBERABWEHR............................................................................................................164 WIRTSCHAFTSSCHUTZ................................................................................................166 PROLIFERATIONSABWEHR .........................................................................................168 GEHEIMSCHUTZ ...............................................................................................................170 ANHANG ...........................................................................................................................173 STATISTIK ......................................................................................................................174 BILDNACHWEIS ............................................................................................................175 3","VERFASSUNGSSCHUTZ IN SACHSEN-ANHALT","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt GESETZLICHE GRUNDLAGEN UND FUNKTION Die T\u00e4tigkeit der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder dient dem Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung; sie soll den Bestand und die Sicherheit des Bundes und der L\u00e4nder gew\u00e4hrleisten. Die Aufgaben des Verfassungsschutzes nimmt in unserem Bundesland das Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt als Verfassungsschutzbeh\u00f6rde wahr. Der Verfassungsschutz informiert im Rahmen seines gesetzlichen Auftrags die Landesregierung und andere Stellen. Diese sollen dadurch in die Lage versetzt werden, die erforderlichen Ma\u00dfnahmen ergreifen zu k\u00f6nnen. Ebenso unterrichtet er die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber seine Aufgabenfelder (SS 1 des Gesetzes \u00fcber den Verfassungsschutz im Land Sachsen-Anhalt; nachfolgend VerfSchG-LSA). Sie bestehen in der Sammlung und Auswertung von Informationen, insbesondere von sachund personenbezogenen Ausk\u00fcnften, Nachrichten und Unterlagen \u00fcber 1. Bestrebungen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind oder eine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der Amtsf\u00fchrung der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes oder ihrer Mitglieder zum Ziel haben, 2. fortwirkende Strukturen und T\u00e4tigkeiten der Aufkl\u00e4rungsund Abwehrdienste der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, insbesondere des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit oder des Amtes f\u00fcr Nationale Sicherheit, im Sinne der SSSS 94 bis 99, 129 und 129a des Strafgesetzbuches (StGB), 3. sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht im Geltungsbereich des Grundgesetzes (GG), 4. Bestrebungen im Geltungsbereich des GG, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, 5. Bestrebungen, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung (Art. 9 Abs. 2 GG), insbesondere das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker (Art. 26 Abs. 1 GG) gerichtet sind. Unter Bestrebungen im verfassungsschutzrechtlichen Sinn sind politisch bestimmte, zielund zweckgerichtete Verhaltensweisen in oder f\u00fcr einen Personenzusammenschluss zu verstehen, die sich gegen die zuvor unter den Ziffern 1., 4. und 5. genannten Schutzg\u00fcter richten. Ein Personenzusammenschluss besteht aus mehreren, gemeinsam handelnden Personen. Verhaltensweisen von Einzelpersonen, die nicht in einem oder f\u00fcr einen Personenzusammenschluss handeln, gelten nur als Bestrebung und werden vom Verfassungsschutz beobachtet, wenn sie auf die Anwendung von Gewalt gerichtet sind oder aufgrund ihrer Wirkungsweise geeignet sind, ein Schutzgut des VerfSchG-LSA erheblich zu besch\u00e4digen (SS 5 Abs. 1 VerfSchG-LSA). 5","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt Voraussetzung f\u00fcr das Sammeln und Auswerten von Informationen ist das Vorliegen tats\u00e4chlicher Anhaltspunkte f\u00fcr vorstehend genannte Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten. F\u00fcr das Handeln der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ist es nicht erforderlich, dass eine konkrete Gefahr besteht oder eine begangene Straftat vorliegt. Der Verfassungsschutz wird bereits im Vorfeld konkreter Gefahren oder Straftaten t\u00e4tig. Insbesondere darin kommt auch die Fr\u00fchwarnfunktion des Verfassungsschutzes zum Ausdruck. SCHWERPUNKTAUFGABEN Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung Eine Schwerpunktaufgabe des Verfassungsschutzes besteht nach SS 4 Abs. 1 VerfSchG-LSA im Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, mithin dem Schutz der nicht zur Disposition stehenden Grundprinzipien des Grundgesetzes (GG). In seinem Urteil vom 17. Januar 2017 - 2 BvB 1/13 - f\u00fchrt das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) aus, dass der Begriff der freiheitlichen demokratischen Grundordnung im Sinne von Art. 21 Abs. 2 GG jene zentralen Grundprinzipien umfasst, die f\u00fcr den freiheitlichen Verfassungsstaat schlechthin unentbehrlich sind. Dies sind: Freiheitliche demokratische Grundordnung Prinzip der Demokratieprinzip Rechtsstaatsprinzip Menschenw\u00fcrde (Art. 20 Abs. 1 u. 2 GG) (Art. 20 Abs. 3 GG) (Art. 1 Abs. 1 GG) Sie umfasst \"insbesondere Es umfasst das \"Recht der Damit ist \"die Bindung und die Wahrung personaler B\u00fcrger, in Freiheit und Begrenzung \u00f6ffentlicher Individualit\u00e4t, Identit\u00e4t und Gleichheit durch Wahlen Gewalt zum Schutz indiIntegrit\u00e4t sowie die eleund Abstimmungen die sie vidueller Freiheit\" gemeint, mentare Rechtsgleichbetreffende \u00f6ffentliche Gedie das Gewaltmonopol heit\") (BVerfGE 144, 20 walt personell und sachdes Staates voraussetzt [Rn. 539]) lich zu bestimmen\", der (BVerfGE 144, 20 [Rn. \"M\u00f6glichkeit gleichberech547]). tigter Teilnahme aller B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger am Prozess der politischen Willensbildung\" und der \"R\u00fcckbindung der Aus\u00fcbung der Staatsgewalt an das Volk\" (BVerfGE 144, 20 [Rn. 542f.]) Ihren Ausgangspunkt findet die freiheitliche demokratische Grundordnung in der W\u00fcrde des Menschen (Art. 1 Abs. 1 GG). Die Garantie der Menschenw\u00fcrde umfasst insbesondere die Wahrung personaler Individualit\u00e4t, Identit\u00e4t und Integrit\u00e4t sowie die elementare Rechtsgleichheit. 6","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt Ferner ist das Demokratieprinzip konstitutiver Bestandteil der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Unverzichtbar f\u00fcr ein demokratisches System sind die M\u00f6glichkeit gleichberechtigter Teilnahme aller B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger am Prozess der politischen Willensbildung und die R\u00fcckbindung der Aus\u00fcbung der Staatsgewalt an das Volk (Art. 20 Abs. 1 und 2 GG). F\u00fcr den Begriff der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sind schlie\u00dflich die im Rechtsstaatsprinzip wurzelnde Rechtsbindung der \u00f6ffentlichen Gewalt (Art. 20 Abs. 3 GG) und die Kontrolle dieser Bindung durch unabh\u00e4ngige Gerichte bestimmend. Zugleich erfordert die verfassungsrechtlich garantierte Freiheit des Einzelnen, dass die Anwendung physischer Gewalt den an das Recht gebundenen und gerichtlicher Kontrolle unterliegenden staatlichen Organen vorbehalten ist. Dem entspricht die gesetzliche Aufz\u00e4hlung der Elemente der freiheitlichen demokratischen Grundordnung in SS 5 Abs. 2 VerfSchG-LSA, erg\u00e4nzt um den Verweis auf die in der Landesverfassung konkretisierten Menschenrechte. Spionageabwehr Die Spionageabwehr ist nach SS 4 Abs. 1 Nr. 3 VerfSchG-LSA Aufgabe der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde. Sie besch\u00e4ftigt sich mit der Aufkl\u00e4rung, Abwehr und Verhinderung von Spionageaktivit\u00e4ten fremder Nachrichtendienste. Ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt des Verfassungsschutzes ist die Beobachtung von Bestrebungen, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden. Dazu geh\u00f6ren in erster Linie gewaltbereite extremistische Gruppen mit Auslandsbezug, die von unserem Staatsgebiet aus gewaltsame Aktionen planen und vorbereiten, um die politischen Verh\u00e4ltnisse im Ausland, vordringlich in ihrem Herkunftsland, gewaltsam zu ver\u00e4ndern und dadurch die staatlichen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu den betroffenen Staaten beeintr\u00e4chtigen (SS 4 Abs. 1 Nr. 4 VerfSchG-LSA). Sofern sich Bestrebungen gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, insbesondere das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker richten, unterliegen diese ebenfalls der Beobachtung durch den Verfassungsschutz (SS 4 Abs. 1 Nr. 5 VerfSchG-LSA). Davon erfasst sind Personenzusammenschl\u00fcsse, die darauf abzielen, konfessionelle oder ethnische Gruppen im Ausland zu bek\u00e4mpfen. Mitwirkungsaufgaben Zu den weniger bekannten Aufgaben des Verfassungsschutzes z\u00e4hlt der Bereich der Mitwirkung: Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde gibt Erkenntnisse an andere Stellen weiter und unterst\u00fctzt diese damit bei ihren Entscheidungen nach den jeweiligen Fachgesetzen. Dabei werden bereits vorliegende oder aus Anlass des Mitwirkungsersuchens gewonnene Erkenntnisse an die anfragende Beh\u00f6rde \u00fcbermittelt. Die als Mitwirkungsaufgaben bezeichneten \u00dcberpr\u00fcfungen durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde sind damit ein integraler Bestandteil der Sicherheitsarchitektur und finden ihre rechtliche Grundlage in SS 3 Abs. 2 des Gesetzes \u00fcber die Zusammenarbeit des Bundes und der L\u00e4nder in Angelegenheiten des Verfassungsschutzes und \u00fcber das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BVerfSchG) in Verbindung mit SS 4 Abs. 2 Nr. 1 VerfSchG-LSA sowie den entsprechenden Fachgesetzen. Zweck der \u00dcber- 7","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt pr\u00fcfungen ist es festzustellen, ob aufgrund nachrichtendienstlicher Erkenntnisse sicherheitsrelevante Tatsachen vorliegen, die u. a. der Zuverl\u00e4ssigkeit einer Person, der Gew\u00e4hrung einer Erlaubnis, eines Aufenthaltstitels oder einer Einb\u00fcrgerung entgegenstehen. Dabei ist die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften dazu verpflichtet, den ersuchenden Beh\u00f6rden Auskunft zu erteilen. Die Bewertung der \u00fcbermittelten Ergebnisse obliegt jedoch allein der jeweils anfragenden Beh\u00f6rde. In einzelnen Bereichen, etwa in Anfragen nach dem Aufenthaltsgesetz, teilt die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde dennoch ihre rechtliche Auffassung in einem Votum an die ersuchende Beh\u00f6rde mit. Mitwirkungsaufgaben finden sich in einer Vielzahl von Gesetzen etwa im: Mitwirkungsaufgaben finden sich in einer Vielzahl von Gesetzen, etwa im: - Waffengesetz (WaffG) - Aufenthaltsgesetz (AufenthG) - Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz (StAG) - Luftsicherheitsgesetz (LuftSiG) - Sprengstoffgesetz (SprengG) - Atomgesetz (AtomG) sowie der - Gewerbeordnung (GewO) Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen Den weitaus gr\u00f6\u00dften Teil der Mitwirkungsaufgaben machen die so genannten Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen aus, bei denen die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde im Rahmen eines Erlaubnisverfahrens auf Anfrage hin mitteilt, ob bei ihr Erkenntnisse vorliegen, die gegen eine nach dem Fachgesetz normierte Zuverl\u00e4ssigkeit des Antragstellers sprechen. Durch die im Jahr 2020 eingef\u00fchrte Regelanfrage nach SS 5 Abs. 5 Satz 1 Nr. 4 WaffG erfolgt im Rahmen der Beantragung waffenrechtlicher Erlaubnisse eine verpflichtende Regelanfrage bei der zust\u00e4ndigen Verfassungsschutzbeh\u00f6rde. Das Ziel ist es dabei, Extremisten den legalen Zugriff auf erlaubnispflichtige Waffen und Munition zu erschweren. Aus diesem Grund wurde mit dem 3. Waffenrechts\u00e4nderungsgesetz (WaffR\u00c4ndG) auch das SprengG novelliert. Nach SS 8a Abs. 2 Nr. 3 SprengG besitzen danach Personen die erforderliche Zuverl\u00e4ssigkeit in der Regel nicht, die als Einzelpersonen oder Mitglieder einer Vereinigung Bestrebungen gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung verfolgen, verfolgt haben oder entsprechend unterst\u00fctzend t\u00e4tig geworden sind. Nach SS 34a GewO unterliegen auch Personen, die ein Bewachungsgewerbe betreiben oder in diesem t\u00e4tig sind, einer Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfung. Sowohl f\u00fcr den Gewerbetreibenden sowie f\u00fcr die mit der Leitung eines Betriebes oder einer Zweigniederlassung beauftragten Person als auch f\u00fcr Wachpersonal, das bei der Bewachung von Aufnahmeeinrichtungen und zugangsgesch\u00fctzten Gro\u00dfveranstaltungen eingesetzt werden soll, ist die Mitwirkung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde gesetzlich vorgeschrieben. 8","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt Erteilung von Aufenthaltstiteln und Einb\u00fcrgerungen Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde wirkt ferner bei der erstmaligen Erteilung oder der Verl\u00e4ngerung von Aufenthaltstiteln mit. Zu diesem Zweck \u00fcbermittelt sie den Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden auf Anfrage Erkenntnisse, um festzustellen, ob Versagungsgr\u00fcnde vorliegen (SS 73 Abs. 2 AufenthG). Zudem hat die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ungefragt und unverz\u00fcglich mitzuteilen, wenn nachtr\u00e4glich Versagungsgr\u00fcnde nach SS 5 Abs. 4 AufenthG oder sonstige Sicherheitsbedenken bekannt werden. Hierbei geht der Gesetzgeber davon aus, dass ein Ausweisungsinteresse besonders schwer wiegt, wenn der Ausl\u00e4nder die freiheitliche demokratische Grundordnung oder die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrdet. Zur \u00dcbermittlung von Ausschlussgr\u00fcnden im Sinne des SS 11 StAG \u00fcbermitteln die Einb\u00fcrgerungsbeh\u00f6rden nach SS 37 Abs. 2 StAG vor ihrer Entscheidung die personenbezogenen Daten aller Antragstellenden, die das 16. Lebensjahr vollendet haben, an die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde. \u00dcber etwaige Erkenntnisse hat die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde die Einb\u00fcrgerungsbeh\u00f6rde unverz\u00fcglich zu unterrichten. Anfrageaufkommen im Berichtsjahr Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat im Berichtsjahr 2024 an insgesamt 53.379 Verfahren mitgewirkt. Von diesen Verfahren entfielen 18.082 auf den Bereich des WaffG, 29.040 auf das AufenthG, 3.410 auf das StAG, 2.188 auf den Bereich der GewO, 270 auf das LuftSiG, 340 auf das SprengG und 49 Verfahren auf das AtomG. Prozentual stellt sich das Anfrageaufkommen wie folgt dar: Prozentualer Anteil am Anfrageaufkommen im Jahr 2024 GewO; 4,10% Sonstige (AtomG/LuftSiG/SprengG); 1,23% WaffG; 33,87% AufenthG; StAG; 6,39% 54,40% Entwicklung der Anzahl der Anfragen im Mitwirkungsbereich Die Zahl der Anfragen im Mitwirkungsbereich der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ist im Berichtsjahr leicht zur\u00fcckgegangen. Im Verh\u00e4ltnis zum Vorjahr ist die Gesamtzahl an Anfragen um 2,58 % gesunken, was auf einen R\u00fcckgang bei den Anfragen nach dem AufenthG (- 4,66 %), dem WaffG (- 4,27 %) und dem AtomG/LuftSiG/SprengG (- 16,79 %) zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Ein unverminderter Zuwachs zeichnet sich hingegen f\u00fcr den Bereich des StAG (+ 38,62%) ab; auch die Zahl der Anfragen nach der GewO ist erneut angestiegen (+ 2,72%). 9","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt Entwicklung des Anfrageaufkommens 2023 und 2024 nach Verfahren: 35.000 30.000 25.000 20.000 2023 15.000 2024 10.000 5.000 0 AufenthG StAG WaffG GewO Sonstige Gesamtentwicklung der Anfragen an die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde 2020 bis 2024: 0 10.000 20.000 30.000 40.000 50.000 60.000 2020 37.154 2021 44.440 2022 53.936 2023 54.728 2024 53.379 Nachberichtspflichten Da sicherheitsrelevante Risiken mitunter auch dauerhaft bestehen k\u00f6nnen, sieht die Mehrzahl der mitwirkungspflichtigen Gesetze eine Nachberichtspflicht vor, die die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde dazu verpflichtet, neu gewonnene Erkenntnisse den zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden auch im Nachhinein mitzuteilen. So hat der Verfassungsschutz die zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde unverz\u00fcglich zu informieren, soweit im Nachhinein f\u00fcr die Beurteilung der Zuverl\u00e4ssigkeit bedeutsame Erkenntnisse bzw. f\u00fcr Anfragen nach dem AufenthG Versagungsgr\u00fcnde oder sonstige Sicherheitsbedenken anfallen. Dabei pr\u00fcft die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde im Einzelfall, ob relevante Erkenntnisse an die anfragenden Beh\u00f6rden mitzuteilen sind. Im Berichtsjahr wurden allein zum WaffG 1.160 und zum AufenthG 169 Nachberichte an die jeweiligen Beh\u00f6rden veranlasst. 10","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt ARBEITSWEISE Den gr\u00f6\u00dften Teil seiner Informationen gewinnt der Verfassungsschutz aus offenen Quellen (z. B. Zeitungen, wissenschaftliche Ver\u00f6ffentlichungen, Rundfunkberichte, Interviews, Parteiprogramme und offene Internetinhalte). Da sich hieraus aber nicht immer ein vollst\u00e4ndiges Bild ergibt - z. B. weil nicht alle Extremisten ihre verfassungsfeindlichen Ziele offen propagieren -, darf die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde im Rahmen gesetzlich festgelegter Grenzen auch verdeckte nachrichtendienstliche Mittel zur Informationsbeschaffung einsetzen. Hierzu z\u00e4hlen insbesondere der verdeckte Einsatz von Vertrauenspersonen und Gew\u00e4hrspersonen, Observationen, Bildund Tonaufzeichnungen und die Verwendung von Tarnpapieren und Tarnkennzeichen (SS 7 Abs. 3 VerfSchG-LSA). Zu den nachrichtendienstlichen Mitteln z\u00e4hlt auch die Brief,Postund Telefonkontrolle. Der hiermit verbundene Eingriff in das Grundrecht nach Artikel 10 GG ist nach Ma\u00dfgabe des Gesetzes zur Beschr\u00e4nkung des Brief-, Postund Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10-Gesetz) zul\u00e4ssig. Allerdings d\u00fcrfen solche nachrichtendienstlichen Mittel nur eingesetzt werden, wenn sie angemessen und erforderlich sind, d. h. wenn zuvor alle M\u00f6glichkeiten der offenen Informationsbeschaffung ausgesch\u00f6pft wurden. Sie stehen zudem unter dem Vorbehalt des Grundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit: Von mehreren geeigneten Ma\u00dfnahmen zur Nachrichtengewinnung ist diejenige auszuw\u00e4hlen, die den Betroffenen voraussichtlich am wenigsten in seinen Grundrechten beeintr\u00e4chtigt. ORGANISATION DER VERFASSUNGSSCHUTZBEH\u00d6RDE Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport - Abteilung 4 Verfassungsschutz Abteilungsleiter Jochen Hollmann Referat 41 Referat 42 Referat 43 Referat 44 Grundsatz, Rechtsextremismus, Islamismus, Wirtschaftsschutz, Geheimschutz, Reichsb\u00fcrgerszene, Auslandsbezogener G10, Observation, Querschnittsaufgaben VerfassungsschutzExtremismus, Ermittlungen, relevante Linksextremismus ExtremismusDelegitimierung des pr\u00e4vention Staates KONTROLLE DER VERFASSUNGSSCHUTZBEH\u00d6RDE Eine Reihe von Kontrollmechanismen stellt sicher, dass der Verfassungsschutz sich an seinen gesetzlichen Auftrag und an die f\u00fcr seine T\u00e4tigkeit geltenden Rechtsvorschriften h\u00e4lt. 11","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt Auf parlamentarischer Ebene kontrolliert der Landtag die T\u00e4tigkeit der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde. Diese Aufgabe nimmt das Parlamentarische Kontrollgremium (PKGr) wahr, dessen Zusammensetzung, Aufgaben und Befugnisse in SSSS 24 ff. VerfSchG-LSA geregelt sind. Jeder Eingriff des Verfassungsschutzes in das Brief-, Postund Fernmeldegeheimnis nach Ma\u00dfgabe von Artikel 10 GG muss bei der Innenministerin beantragt werden. Vor dem Vollzug der Ma\u00dfnahme wird diese von einer G 10-Kommission, die vom PKGr bestellt wird, auf ihre Zul\u00e4ssigkeit und Notwendigkeit hin gepr\u00fcft. S\u00e4mtliche Ma\u00dfnahmen der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde - z. B. die Nennung von Personenzusammenschl\u00fcssen und Einzelpersonen in den Verfassungsschutzberichten - unterliegen der gerichtlichen Nachpr\u00fcfung. Jede B\u00fcrgerin und jeder B\u00fcrger, die / der sich durch eine Ma\u00dfnahme des Verfassungsschutzes in ihren / seinen Rechten verletzt sieht, kann dagegen gerichtlich vorgehen. *Parlamentarisches Kontrollgremium (PKGr): Das PKGr kontrolliert die T\u00e4tigkeit des Verfassungsschutzes. Parlamentarische *G 10-Kommission: Sie pr\u00fcft die Kontrolle Zul\u00e4ssigkeit von Eingriffen in das Brief-, Postund Fernmeldegeheimnis nach Ma\u00dfgabe von Artikel 10 GG. *Landesbeauftragte f\u00fcr den Datenschutz Sachsen-Anhalt Verwaltungs*Aufsichtsbeamter nach Artikel 10kontrolle Gesetz *Controlling *Jeder Personenzusammenschluss und Gerichtliche jeder B\u00fcrger, der sich von einer Kontrolle Ma\u00dfnahme des Verfassungsschutzes in seinen Rechten verletzt sieht, kann dagegen klagen. Kontrolle durch die *Presseanfragen \u00d6ffentlichkeit *Anfragen von B\u00fcrgern, Antr\u00e4ge nach dem Informationszugangsgesetz (IZG) 12","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt \u00d6FFENTLICHKEITSARBEIT UND PR\u00c4VENTION Aufgekl\u00e4rte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sind der effektivste Schutz der Demokratie gegen extremistische Bestrebungen und hybride Bedrohungen durch fremde M\u00e4chte. Mit seiner \u00d6ffentlichkeitsarbeit unterst\u00fctzt der Verfassungsschutz daher die faktenbasierte Auseinandersetzung von B\u00fcrgern mit Akteuren, die die freiheitliche demokratische Grundordnung beseitigen wollen. Der Verfassungsschutz steht somit allen Menschen im Land als Informationsdienstleister zur Verf\u00fcgung. So tr\u00e4gt der Verfassungsschutz dem Anspruch Rechnung, als Fr\u00fchwarnsystem der wehrhaften Demokratie zu dienen. Der Verfassungsschutz ist gesetzlich dazu verpflichtet, die \u00d6ffentlichkeit periodisch und aus gegebenem Anlass im Einzelfall \u00fcber extremistische Bestrebungen zu unterrichten (SS 15 Abs. 2 VerfSchG-LSA). Um diesen Auftrag zu erf\u00fcllen, ver\u00f6ffentlicht die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde neben ihrem j\u00e4hrlichen Verfassungsschutzbericht Informationsmaterial zu einzelnen Ph\u00e4nomenbereichen des Extremismus. Im Juni 2024 wurde die unter Federf\u00fchrung des Verfassungsschutzes Sachsen-Anhalt erarbeitete, gemeinsam mit den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden der L\u00e4nder Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Th\u00fcringen herausgegebene Brosch\u00fcre \"Rechtsextremistisch genutzte Immobilien in Ostdeutschland\" ver\u00f6ffentlicht.1 Neben einem Lagebild zur Situation in den ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern enth\u00e4lt die Brosch\u00fcre Handlungsempfehlungen, die sich sowohl an Verantwortungstr\u00e4ger in den Kommunen als auch an private Immobilienbesitzer richten. Die Handreichung kann - wie auch alle anderen Informationsmaterialien des Verfassungsschutzes Sachsen-Anhalt - \u00fcber die auf Seite 15 genannten Kontaktdaten kostenlos bezogen oder auf der Internetseite der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde heruntergeladen werden. Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt wird von Pressevertretern regelm\u00e4\u00dfig zu verschiedenen Themen angefragt. Im Berichtsjahr hat die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde 130 Presseanfragen beantwortet. Dar\u00fcber hinaus bietet die Internetseite regelm\u00e4\u00dfig aktualisierte \u00dcberblicksdarstellungen zur Entwicklung innerhalb der einzelnen Ph\u00e4nomenbereiche des Extremismus.2 Im November 2024 wurde die Informationsreihe \"Was macht der Verfassungsschutz?\" begonnen, die \u00fcber die Aufgaben und Arbeitsweise des Verfassungsschutzes aufkl\u00e4rt.3 In jedem Teil der Reihe wird ein T\u00e4tigkeitsfeld des Verfassungsschutzes mit einer 1 Vgl. hierzu die Pressemitteilung \"Neue Brosch\u00fcre zu rechtsextremistisch genutzten Immobilien in Ostdeutschland\" des Ministeriums f\u00fcr Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt vom 17. Juni 2024. URL: https://presse.sachsen-anhalt.de/ministerium-fur-inneres-und-sport/2024/06/17/neue-broschuere-zu-rechtsextremistisch-genutzten-immobilien-in-ostdeutschland 2 https://mi.sachsen-anhalt.de/verfassungsschutz/themenfelder 3 https://mi.sachsen-anhalt.de/verfassungsschutz/informationsreihe-was-macht-der-verfassungsschutz 13","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt Pressemitteilung und einem Beitrag auf der Homepage der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde n\u00e4her beleuchtet. Mit der Novellierung des Verfassungsschutzgesetzes vom 21. Oktober 2020 hat der Gesetzgeber in SS 4a VerfSchG-LSA klargestellt, dass die Pr\u00e4vention zu den Aufgaben der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde z\u00e4hlt. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde kl\u00e4rt daher mit Vortr\u00e4gen im Rahmen von Informationsund Schulungsveranstaltungen sowie mit Publikationen \u00fcber aktuelle Erscheinungsformen und Strategien des politischen Extremismus in Sachsen-Anhalt auf. Dar\u00fcber hinaus sensibilisiert der Verfassungsschutz staatliche Stellen (z. B. Gerichte, Staatsanwaltschaften und Kommunen) f\u00fcr neue Verhaltensund Vorgehensweisen extremistischer Akteure, um sie dabei zu unterst\u00fctzen, diese fr\u00fchzeitig zu erkennen und angemessen reagieren zu k\u00f6nnen. Im Rahmen seiner Pr\u00e4ventionsarbeit hat der Verfassungsschutz im Berichtsjahr erneut mit zielgruppenorientierten Fachvortr\u00e4gen \u00fcber aktuelle extremistische Entwicklungen informiert. Diese Vortr\u00e4ge richteten sich vor allem an Multiplikatoren in allen Teilen der Landesverwaltung (insbesondere der Polizeiund Justizbeh\u00f6rden), in Bildungseinrichtungen und Kommunen, aber auch an zivilgesellschaftliche Engagierte (z. B. Vereine und B\u00fcrgerinitiativen) und Unternehmen. Im Rahmen seiner Beteiligung an Ausbildungsund Fortbildungsma\u00dfnahmen des Landes und der Kommunen unterrichtete der Verfassungsschutz Bedienstete der \u00f6ffentlichen Verwaltung unter anderem \u00fcber relevante Akteure und Kennzeichen der verschiedenen Ph\u00e4nomenbereiche des politischen Extremismus sowie \u00fcber geeignete Handlungsstrategien im Umgang mit Extremisten. Dar\u00fcber hinaus informierten Referenten der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde auch in \u00f6ffentlichen Vortr\u00e4gen \u00fcber extremistische Bestrebungen, z. B. im Rahmen einer von der Stadt Blankenburg organisierten Informationsveranstaltung zum Thema \"Rechtsextremistische Siedlungsbestrebungen\" am 20. Februar 2024 in Blankenburg OT B\u00f6rnecke und beim Landespr\u00e4ventionstag am 6. November 2024 in Magdeburg. Das Vortragsangebot des Verfassungsschutzes umfasst alle Ph\u00e4nomenbereiche des Extremismus (Rechtsextremismus, Reichsb\u00fcrgerszene, Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates, Linksextremismus, Islamismus, Auslandsbezogener Extremismus). Im Bereich der Spionageabwehr sowie des Wirtschaftsund Wissenschaftsschutzes bietet die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen neben allgemeinen Informationen auch vertrauliche Beratung und Unterst\u00fctzung zum Schutz vor Spionage und Cyberangriffen an. Am 17. Oktober 2024 veranstaltete die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde eine Fachtagung mit dem Titel \"Die wehrhafte Demokratie und ihre Feinde: Verfassungsschutz in unruhigen Zeiten\". Inhaltlicher Schwerpunkt der Tagung war die Frage, mit welchen Herausforderungen das Konzept und die Praxis der wehrhaften Demokratie in Deutschland 75 Jahre nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes konfrontiert ist. An Fachtagung \"Die wehrhafte Demokratie und ihre Feinde\" der Veranstaltung, die im Konferenzsaal am 17. Oktober 2024 in Magdeburg des Landesbetriebs f\u00fcr Hochwasserschutz 14","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt und Wasserwirtschaft (LHW) stattfand, nahmen rund 110 Personen aus Sicherheitsbeh\u00f6rden, der Landesverwaltung und den Kommunen sowie aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft teil. Um im direkten Gespr\u00e4ch mit B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern \u00fcber ihre Arbeit zu informieren, ist die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde auch bei \u00f6ffentlichen Veranstaltungen pr\u00e4sent, die keinen spezifischen sicherheitsbeh\u00f6rdlichen Fokus aufweisen. Beim 23. Sachsen-Anhalt-Tag, der vom 30. August bis 1. September 2024 in Stendal stattfand, sowie beim Landespr\u00e4ventionstag am 6. November 2024 in Magdeburg war der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt durchgehend mit einem eigenen Stand vertreten. Sie haben Interesse an den Informationsangeboten des Verfassungsschutzes? Dann wenden Sie sich bitte direkt an uns: Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt Nachtweide 82 39124 Magdeburg Telefon: +49(0)391/567-3900 E-Mail: verfassungsschutz@mi.sachsen-anhalt.de info.verfassungsschutz@mi.sachsen-anhalt.de oder besuchen Sie uns im Internet unter www.mi.sachsen-anhalt.de/verfassungsschutz Hier finden Sie weitere Informationen und unsere aktuellen Publikationen, die wir Ihnen auch am Ende dieses Berichts vorstellen. EXTRA - EXTREMISMUS-AUSSTIEG Das bei der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde angesiedelte Ausstiegshilfeprogramm EXTRA (Extremismus-Ausstieg) unterst\u00fctzt seit dem Jahr 2014 ausstiegswillige Menschen bei der Deradikalisierung und der L\u00f6sung aus extremistischen Lebensbez\u00fcgen. Die pers\u00f6nliche Unterst\u00fctzung und Begleitung von Rechtsextremisten w\u00e4hrend eines freiwilligen und selbstmotivierten Ausstiegs als Hilfe zur Selbsthilfe bildet den Schwerpunkt der Arbeit von EXTRA. Ziel ist die Abkehr von rechtsextremistischen Einstellungen und Handlungsmustern sowie das L\u00f6sen radikalisierungsbeg\u00fcnstigender (sozialer) Begleitprobleme. Als Angebot im Bereich der terti\u00e4ren Pr\u00e4vention zielt die Arbeit von EXTRA darauf ab, im kooperativen Zusammenwirken mit Ausstiegswilligen nach erkannten Regelverletzungen durch geeignete pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen weitere Regelverletzungen zu vermeiden, pers\u00f6nliche Folgeprobleme zu l\u00f6sen und negative Auswirkungen einer Radikalisierung (f\u00fcr Aussteiger 15","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt ebenso wie f\u00fcr die Gesellschaft) zu verhindern. Damit nimmt EXTRA auch Aufgaben der Pr\u00e4vention zum Schutz vor verfassungsfeindlichen Bestrebungen wahr. EXTRA ist eine gut etablierte und anerkannte Einrichtung in der Beratungslandschaft. Die Mitarbeiter von EXTRA sind wie folgt erreichbar: Kostenfreie Hotline: 0800 - 22 44 101 (24 Stunden erreichbar) E-Mail: extra@mi.sachsen-anhalt.de AUSKUNFTSERTEILUNG Jede B\u00fcrgerin und jeder B\u00fcrger kann unentgeltlich Auskunft \u00fcber die zu seiner Person gespeicherten Daten beantragen. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ist nach SS 14 Abs. 1 VerfSchG-LSA grunds\u00e4tzlich verpflichtet, Auskunft zu erteilen. Geht ein Ersuchen ein, wird der Ersuchende zun\u00e4chst gebeten, eine Kopie seines Personalausweises oder eines entsprechenden Personendokuments zur Identit\u00e4tsfeststellung zu \u00fcbersenden. Dies soll die angefragte Person davor sch\u00fctzen, dass m\u00f6glicherweise andere Personen in ihrem Namen Auskunft verlangen und Daten m\u00f6glicherweise an Unberechtigte \u00fcbermittelt werden. Die Auskunft hat nach SS 14 Abs. 2 VerfSchG-LSA zu unterbleiben, wenn bestimmte, im Gesetz geregelte Ausschlussgr\u00fcnde vorliegen. Dies ist beispielsweise gegeben, wenn durch die Auskunftserteilung eine Gef\u00e4hrdung der Aufgabenerf\u00fcllung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde drohen w\u00fcrde. Im Jahr 2024 gab es 162 Auskunftsersuchen: Auskunft \u00fcber die zur Person gespeicherten Daten 38 Negativauskunft, keine Daten gespeichert 112 Keine Bearbeitung mangels Identifizierung des Ersuchenden 12 Auskunftsersuchen insgesamt 162 REDAKTIONELLE HINWEISE Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde erf\u00fcllt mit diesem Bericht ihre gesetzlichen Unterrichtungspflichten, die in SS 15 Abs. 1 und 2 VerfSchG-LSA normiert sind. Bitte beachten Sie die folgenden redaktionellen Hinweise: Soweit der Verfassungsschutzbericht einzelne Gruppierungen namentlich nennt, handelt es sich - sofern nicht anders erw\u00e4hnt - um F\u00e4lle, bei denen die vorliegenden Erkenntnisse in ihrer Gesamtschau zu der Bewertung gef\u00fchrt haben, dass die Gruppierung verfassungsfeindliche Ziele im Sinne des SS 4 Abs. 1 VerfSchG-LSA verfolgt. Diese Gruppierungen gelten insofern als gesicherte extremistische Bestrebungen, die 16","Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt zielund zweckgerichtet gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung vorgehen (siehe Registeranhang). Allerdings erw\u00e4hnt der Verfassungsschutzbericht nicht alle Gruppierungen, die von der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde des Landes Sachsen-Anhalt beobachtet werden. Insbesondere werden die Gruppierungen nicht erw\u00e4hnt, bei denen lediglich tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr verfassungsfeindliche Bestrebungen vorliegen. Informationen \u00fcber solche Gruppierungen darf die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde nach SS 7 Abs. 2 VerfSchG-LSA sammeln und auswerten. \u00dcber diese Gruppierungen darf sie jedoch nicht \u00f6ffentlich berichten, da von der Unterrichtungspflicht des SS 15 Abs. 2 VerfSchG-LSA nur gesicherte extremistische Bestrebungen erfasst sind. Eine Nennung von sogenannten Verdachtsf\u00e4llen erfolgt daher nicht. Die Nennung von Gruppierungen, die extremistisch beeinflusst sind, dient dem Verst\u00e4ndnis des sachlichen Zusammenhangs. Der Berichtszeitraum umfasst den Zeitraum 1. Januar bis 31. Dezember 2024. Ereignisse vor oder nach diesem Zeitraum werden nur dargestellt, sofern sie f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Gesamtzusammenhangs erforderlich sind. Hinweise auf Geschehnisse au\u00dferhalb Sachsen-Anhalts sind in den Bericht aufgenommen, sofern sie f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Gesamtzusammenhangs erforderlich sind. Die in Anf\u00fchrungszeichen gefassten Textteile sind, so es sich um Zitate handelt, in der Originalschreibweise wiedergegeben. Die jeweiligen Mitgliederzahlen der Personenzusammenschl\u00fcsse sind zum Teil gesch\u00e4tzt und gerundet. Personenund Funktionsbezeichnungen in diesem Bericht gelten jeweils in weiblicher und m\u00e4nnlicher Form. Die Verfassungsschutzberichte der letzten f\u00fcnf Jahre k\u00f6nnen im Internet unter der Adresse: www.mi.sachsen-anhalt.de/verfassungsschutz heruntergeladen oder bei der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde kostenlos angefordert werden. 17","RECHTSEXTREMISMUS","Rechtsextremismus EINLEITUNG Die Beobachtung des Rechtsextremismus als gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die Demokratie hat sich neuen Herausforderungen zu stellen. Die Szene wird j\u00fcnger und digitaler. Rechtsextremisten setzen verst\u00e4rkt auf neue Strategien, um ihre Ideologie zu verbreiten und auszuleben. Zu diesen Strategien geh\u00f6ren: das konsequente Nutzen von Social Media und Internet-Plattformen, das Verschleiern der rechtsextremistischen Ideologie durch das Verwenden unverf\u00e4nglicher Themen (z. B. das Propagieren einer R\u00fcckbesinnung auf \"traditionelle Werte\"), das gezielte Eingreifen in gesellschaftliche Debatten mit rechtsextremistischen Begriffen und Narrativen, um langfristig eine Diskursverschiebung zu erreichen und der Aufbau realweltlicher R\u00e4ume, etwa mit der Nutzung von Objekten. Die hohe Dynamik im Rechtsextremismus spiegelte sich im Berichtsjahr in der Entwicklung des Personenpotenzials wider. Gegen\u00fcber dem Vorjahr hat die Zahl der Personen, die der rechtsextremistischen Szene zugerechnet werden, in allen drei von der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde unterschiedenen Teilbereichen der Szene (Parteien, parteiungebundenes Spektrum, weitgehend unstrukturiertes Personenpotenzial) zugenommen. Insgesamt hat das rechtsextremistische Personenpotenzial im Jahr 2024 um 650 Personen zugenommen. Rechtsextremistisches Personenpotenzial* 2022 2023 2024 Parteien 190 2.345 2.750 \"Alternative f\u00fcr Deutschland\" (AfD)** - 2.210 2.580 \"Die Heimat\" (ehemals \"Nationaldemokrati- < 100 70 70 sche Partei Deutschlands\" (NPD)) \"Der III. Weg\" ca. 45 60 100 \"Neue St\u00e4rke Partei\" ca. 30 ca. 5 - Parteiungebundenes Personenpotenzial 255 250 290 Weitgehend unstrukturiertes Personenpotenzial 900 970 1.110 Summe 1.345 3.565 4.150 Personenpotenzial 1.270 3.350 4.000 (nach Abzug der Mehrfachmitgliedschaften) * Zahlen zum Teil gesch\u00e4tzt und gerundet ** Hierzu werden auch die Mitglieder der der AfD zugeh\u00f6rigen Teilorganisation \"Junge Alternative\" (JA) gez\u00e4hlt. Das traditionelle rechtsextremistische Parteienspektrum wurde in Deutschland jahrzehntelang von der NPD gepr\u00e4gt. Seit den sp\u00e4ten 2000er Jahren befindet sich die Partei in einem anhaltenden Niedergang. Auch die Umbenennung der NPD in \"Die Heimat\" im Jahr 2023 und die personelle Neuaufstellung des Parteivorstandes verlieh ihr nicht die von ihr erhoffte Schubkraft. Sie spielt nur noch eine marginale Rolle und hat kaum politische Erfolge vorzuweisen. Nur wenige Parteistrukturen der \"Heimat\" in Sachsen-Anhalt entwickeln Aktivit\u00e4ten auf Kreisebene. Die neonazistisch ausgerichtete Kleinpartei \"Der III. Weg\" hingegen bem\u00fchte 19","Rechtsextremismus sich im Jahr 2024, ihre Strukturen zu konsolidieren und auf einem moderaten Niveau auszubauen. Beide Parteien setzen auf den Wiederaufbau ihrer Jugendorganisationen und versuchen dadurch neue Mitglieder zu gewinnen. Im Jahr 2024 haben die Aktivit\u00e4ten der \"Jungen Nationalisten\" (JN), der Jugendorganisation der rechtsextremistischen Partei \"Die Heimat\", sichtbar zugenommen. Nach einer l\u00e4ngeren Phase der Inaktivit\u00e4t und Stagnation hat sich ihr Personenpotenzial erh\u00f6ht. In Sachsen-Anhalt l\u00e4sst sich dieses im mittleren zweistelligen Zahlenbereich verorten. Der Ausbau der Jugendorganisation der Partei \"Der III. Weg\", der \"Nationalrevolution\u00e4ren Jugend\" (NRJ), wurde in Sachsen-Anhalt im Berichtsjahr ebenfalls vorangetrieben. Die gezielt an Jugendliche und junge Erwachsene gerichteten Aktivit\u00e4ten der NRJ haben zugenommen. Da die NRJ in Sachsen-Anhalt nicht selbst\u00e4ndig agiert, sondern sich eher als \"Dienstleister\" ihrer Mutterpartei zu bet\u00e4tigen scheint, liegen valide Zahlen zu ihrem Personenpotenzial aktuell nicht vor. Der Partei \"Der III. Weg\" und ihrem Umfeld rechnet die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde in Sachsen-Anhalt aktuell etwa 100 Personen zu. W\u00e4hrend kleinere Parteien wie \"Die Heimat\" an Bedeutung verlieren, hat der Landesverband Sachsen-Anhalt der AfD das rechtsextremistische Parteienspektrum weitgehend monopolisiert. Trotz der offen rechtsextremistischen Ausrichtung der AfD in Sachsen-Anhalt w\u00e4chst die Mitgliederzahl der Partei kontinuierlich; auch die Zustimmungswerte in der Bev\u00f6lkerung steigen stetig an. Bei den Kommunalwahlen am 9. Juni 2024 wurde die Partei st\u00e4rkste Kraft. F\u00fcr die AfD Sachsen-Anhalt traten zum Teil Kandidaten an, die aus anderen traditionell rechtsextremistischen Personenzusammenschl\u00fcssen (z. B. dem Verein \"Weda Elysia e. V.\", der Partei \"Die Heimat\" oder der seit 2009 verbotenen \"Heimattreuen Deutschen Jugend\" [HDJ]) bekannt sind. Die AfD Sachsen-Anhalt pflegt weiterhin enge Verbindungen zu anderen rechtsextremistischen Personenzusammenschl\u00fcssen, insbesondere zu Akteuren der sogenannten \"Neuen Rechten\", z. B. zu dem aufgel\u00f6sten und neustrukturierten \"Institut f\u00fcr Staatspolitik\" (IfS). Wie die AfD Sachsen-Anhalt tritt das IfS zunehmend offensiver auf, auch mit Blick auf die Rolle des IfS als ideologischer Ideengeber und Schulungsort f\u00fcr die \"Neue Rechte\", aber vor allem hinsichtlich der politischen Beratung der AfD. Dabei ist zu konstatieren, dass sich das IfS im Jahr 2024 weiter radikalisierte. Wurde fr\u00fcher noch eine Abgrenzung 20","Rechtsextremismus zu \"traditionellen\" Rechtsextremisten deutlich kommuniziert, sucht das IfS mittlerweile den Kontakt zu ihnen. Im Berichtszeitraum wurde dieser Trend anhand eines Interviews einer f\u00fchrenden Vertreterin des IfS mit dem ehemaligen Vorsitzenden der Partei \"Die Heimat\" und der Unterst\u00fctzung eines mutma\u00dflichen Rechtsterroristen durch das IfS sichtbar. Der parteiungebundene Rechtsextremismus ist mehrheitlich neonazistisch gepr\u00e4gt. Die fehlende strukturelle Stabilit\u00e4t dieses Szenespektrums hielt im Berichtszeitraum weiter an. Personenzusammenschl\u00fcsse, die in diesem Spektrum agieren, blieben stark fluktuierend; es kam regelm\u00e4\u00dfig zu Neuund Umbildungen, die oftmals nur von kurzer Dauer waren. Gerade j\u00fcngere Rechtsextremisten neigen dazu, sich nicht auf eine Gruppenzugeh\u00f6rigkeit festzulegen. Die Folge sind flie\u00dfende \u00dcberg\u00e4nge zwischen den einzelnen rechtsextremistischen Gruppen. Die eher lose und informelle Struktur dieser Gruppierungen erschwert eine exakte Benennung ihres Personenpotenzials. Der erneute Anstieg des Personenpotenzials im parteiungebundenen Spektrum im Jahr 2024 ist insbesondere auf die dynamische Entwicklung der rechtsextremistischen Szene im Harz zur\u00fcckzuf\u00fchren. Vor allem der Zuzug des Neonazis Alexander Deptolla sowie weiterer Rechtsextremisten aus Dortmund (Nordrhein-Westfalen) und die Aktivierung der regionalen Szene sind wichtige Faktoren f\u00fcr diese Entwicklung. Mit Alexander Deptolla gewann die neonazistische Szene in Sachsen-Anhalt wieder eine F\u00fchrungsfigur, die in der Lage ist, die (\u00fcber-)regionale Szene zu konsolidieren, zu vernetzen und junge Menschen an die Szene heranzuf\u00fchren. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde stellte im Berichtsjahr vermehrt fest, dass junge Menschen, h\u00e4ufig auch Minderj\u00e4hrige, in einigen Regionen Sachsen-Anhalts informelle, aktionsorientierte, internetaffine, rechtsextremistische Kleingruppen bildeten. Organisationsbezeichnungen wie \"Jung & Stark\" (JS), \"Deutsche Jugend Voran\" (DJV) oder \"Deutsche Jugend Zuerst\" (DJZ) spiegeln den Charakter der handelnden Akteure wider. Sie existieren in beinahe allen Bundesl\u00e4ndern und vernetzen sich vornehmlich virtuell. Dieses Personenpotenzial ist bislang vor allem durch Teilnahmen an versammlungsrechtlichen Aktionen, die sich gegen Versammlungen und Veranstaltungen im Rahmen des Christopher Street Day (CSD) in Sachsen-Anhalt richteten, in Erscheinung getreten. F\u00fcr ihre Agitation und Mobilisierung bedienen sie sich vornehmlich rechtsextremistischer Feindbilder wie die LGTBQ+-Bewegung oder politische Gegner. Seit dem Sommer 2024 sind diese Gruppierungen bundesweit mit Gewaltund St\u00f6raufrufen sowie Aktionen gegen CSD-Veranstaltungen, insbesondere in Ostdeutschland, aufgefallen. So organisierte ,,JS Sachsen-Anhalt\" eine rechtsextremistische Gegendemonstration am 24. August 2024 in Magdeburg mit etwa 250 Teilnehmern. Mittlerweile pr\u00e4gen Gruppierungen wie JS, DJV und DJZ das unstrukturierte rechtsextremistische Personenpotenzial sowohl in Sachsen-Anhalt als auch bundesweit. Sie haben das Potenzial, junge Menschen in rechtsextremistische Netzwerke zu integrieren und langfristig eine gesellschaftliche Polarisierung zu f\u00f6rdern. Ihr Einfluss wird daher aus den folgenden Gr\u00fcnden aufmerksam beobachtet: 21","Rechtsextremismus Diese Gruppen versuchen, Jugendliche durch vermeintlich patriotische Narrative, kulturelle Identit\u00e4t und den Erhalt von Traditionen anzusprechen. Sie nutzen soziale Medien effektiv zur Verbreitung ihrer Ideologien und zur Rekrutierung. Organisationen wie JS oder DJZ sind nicht nur online aktiv, sondern auch in der realen Welt pr\u00e4sent. Sie organisieren St\u00f6raktionen gegen den politischen Gegner oder Minderheiten und beeintr\u00e4chtigen so das friedliche Miteinander. Sie verbreiten Inhalte, die fremdenfeindlich und menschenverachtend sind, und f\u00f6rdern damit eine antidemokratische Haltung. Die zunehmende Vernetzung solcher Gruppen stellt eine Bedrohung f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung dar. Die Organisation von Musikveranstaltungen war auch im Jahr 2024 ein wichtiger Bestandteil rechtsextremistischer Szeneaktivit\u00e4ten in Sachsen-Anhalt. Seit Jahren ist die Zahl der durchgef\u00fchrten rechtsextremistischen Musikveranstaltungen im Land konstant hoch. Konzerte spielen dabei eine nachgeordnete Rolle; der Schwerpunkt liegt auf der Durchf\u00fchrung von Liederabenden und sonstigen Musikveranstaltungen, in deren Rahmen Livemusik vorgetragen wird. Grunds\u00e4tzlich ist seit Jahren in der rechtsextremistischen Musikszene ein Trend zu kleineren und konspirativen Veranstaltungen festzustellen; die Organisation von \u00f6ffentlich beworbenen Musikveranstaltungen findet kaum noch statt. Ein wesentlicher Grund hierf\u00fcr ist das Bem\u00fchen der Organisatoren, sich staatlichen Ma\u00dfnahmen zu entziehen. Gr\u00f6\u00dfere Konzerte werden mittlerweile haupts\u00e4chlich im Ausland veranstaltet, bei denen auch deutsche Bands, meistens \u00f6ffentlich als \"Special Acts\" beworben, auftreten. Die Beobachtung gewaltbereiter und rechtsterroristischer Strukturen geh\u00f6rt zur Schwerpunktbearbeitung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle (Saale) im Jahr 2019 hat bis heute Auswirkungen auf die Sicherheitslage, da rechtsextremistische Terrorakte m\u00f6gliche Nachahmungst\u00e4ter motivieren. Der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde wurden auch im Jahr 2024 Personen bekannt, die mit der Androhung von antisemitisch motivierten Strafund Gewalttaten mit Bezug auf Synagogen und j\u00fcdische Einrichtungen in Erscheinung getreten sind und sich dabei auf den verurteilten Rechtsterroristen Stephan Balliet bezogen. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde stellte im Berichtsjahr wiederholt Bez\u00fcge und Schnittmengen zwischen der rechtsextremistischen Szene und anderen subkulturell gepr\u00e4gten Szenen wie zu Rockergruppierungen oder zur Fu\u00dfballfanund Hooliganszene fest. Diese Schnittmengen speisen sich aus kriminellen Aktivit\u00e4ten und beziehen sich dabei auch auf rechtsextremistische Ideologieelemente. Die Schnittmenge bleibt ein Sicherheitsrisiko, insbesondere wegen der gegenseitigen Nutzung von personellen und materiellen Ressourcen. Zudem weist das zu betrachtende Personenpotenzial ein hohes Gewaltniveau auf. 22","Rechtsextremismus RECHTSEXTREMISTISCHES PARTEIENSPEKTRUM \"Alternative f\u00fcr Deutschland\" (AfD) Landesverband Sachsen-Anhalt Gr\u00fcndung 2013 Sitz Magdeburg Vorsitz Martin Reichardt (MdB) Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger etwa 2.210* etwa 2.580* Struktur / 14 Kreisverb\u00e4nde, mehrere Ortsgruppen Aufbau \"Junge Alternative Landesverband Sachsen-Anhalt\" (JA-LSA, Jugendorganisation) \"Friedrich-Friesen-Stiftung e. V.\" (parteinahe Stiftung) \"Verein konservativer Kommunalpolitiker Sachsen-Anhalt e. V.\" (VKK-LSA, kommunalpolitische Vereinigung) Ver\u00f6ffentlichungen Kostenlose Zeitschriften der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt (\"Aufbruch\"), der AfD-Fraktion im Stadtrat von Magdeburg (\"Blauer Reiter\"), des AfD-Stadtverbandes Bitterfeld-Wolfen (\"Alternativer Stadtkurier\") und des AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt (\"Blaue Zukunft\"); zahlreiche Onlineangebote Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spenden und Mittel aus der staatlichen Parteienfinanzierung * Hierzu z\u00e4hlen auch die Mitglieder \"Jungen Alternative Sachsen-Anhalt\", die oftmals auch AfDMitglieder sind. Kurzportrait / Ziele Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt (im Folgenden: AfD Sachsen-Anhalt) wurde, wie die Bundespartei, im Jahr 2013 gegr\u00fcndet und zog mit der Landtagswahl 2016 erstmals in den Landtag von Sachsen-Anhalt ein. Seit den Kommunalwahlen des Jahres 2019 ist die AfD in allen Kreistagen sowie in zahlreichen Stadtund Gemeinder\u00e4ten Sachsen-Anhalts in Fraktionsst\u00e4rke vertreten. Bei der Landtagswahl 2021 erhielt die Partei 20,8 Prozent der Zweitstimmen; sie behauptete damit ihre Stellung als st\u00e4rkste Oppositionsfraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt. Als politische Partei strebt die AfD in Sachsen-Anhalt mit der Beteiligung an Wahlen und dem Einwirken auf den gesellschaftlichen Diskurs einen fundamentalen Bruch mit der bestehenden politischen Ordnung an. Die thematischen Schwerpunkte der AfD Sachsen-Anhalt liegen in der Migrations-, Familien-, Identit\u00e4tsund Erinnerungspolitik. In der Au\u00dfenpolitik wirbt die Partei f\u00fcr eine Ann\u00e4herung Deutschlands an die Russische F\u00f6deration. Ideologisch ist die AfD Sachsen-Anhalt der \"Neuen Rechten\" zuzuordnen; ihre Funktionsund Mandatstr\u00e4ger unterhalten aber Verbindungen in das gesamte rechtsextremistische 23","Rechtsextremismus Spektrum, zu \"Reichsb\u00fcrgern\" und zur Delegitimiererszene. Grund der Beobachtung Die AfD Sachsen-Anhalt mitsamt ihrer Teil-, Nebenund Unterorganisationen ist als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft, da sich ihre politische Agitation gegen essentielle Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung richtet. Die Programmatik der AfD Sachsen-Anhalt ist wesentlich von der rassistischen Ideologie des Ethnopluralismus durchdrungen. Dem Ethnopluralismus liegt ein v\u00f6lkisch-abstammungsm\u00e4\u00dfiger Volksbegriff zugrunde. Zentral ist dabei das Idealbild einer V\u00f6lkervielfalt, die sich in jeweils ethnisch weitestgehend homogenen Staaten niederschl\u00e4gt. Diese Vorstellung l\u00e4uft letztlich auf die Schaffung ethnisch reiner Gesellschaften und damit die Ausweisung aller \"Volksfremden\" hinaus. F\u00fchrende Funktionsund Mandatstr\u00e4ger bedienen sich einer d\u00e4monisierenden Wortwahl in Bezug auf Migranten; insbesondere Gefl\u00fcchtete aus islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern werden pauschal als Kriminelle diffamiert. Eine solche Abwertung von Menschengruppen aufgrund ihrer ethnischen oder religi\u00f6sen Identit\u00e4t verst\u00f6\u00dft gegen das Prinzip der Menschenw\u00fcrde nach Artikel 1 Absatz 1 GG. Dar\u00fcber hinaus ist die AfD Sachsen-Anhalt fortw\u00e4hrend bestrebt, das demokratische System der Bundesrepublik Deutschland sowie seine Institutionen und deren Vertreter ver\u00e4chtlich zu machen, um das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in diese fundamental zu erodieren. Insbesondere w\u00e4hrend der Corona-Pandemie haben Funktionsund Mandatstr\u00e4ger der AfD SachsenAnhalt die Bundesrepublik Deutschland immer wieder mit autokratischen oder gar totalit\u00e4ren Regimen gleichgesetzt. Mit solchen Aussagen richtet sich die AfD Sachsen-Anhalt gegen das Demokratieprinzip nach Artikel 20 Absatz 1 GG. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Russlandpolitik Wie schon im Vorjahr blieben das Verh\u00e4ltnis zur Russischen F\u00f6deration und die Kritik an der Russlandpolitik der Bundesrepublik Deutschland auch im Jahr 2024 ein zentrales politisches Thema der AfD Sachsen-Anhalt. So trat der AfD-Kreisverband Saalekreis unter F\u00fchrung von Hans-Thomas Tillschneider (MdL) zur Kommunalwahl 2024 mit der Forderung an, St\u00e4dtepartnerschaften mit russischen St\u00e4dten zu schlie\u00dfen. Damit solle \"ein starkes Zeichen\" gegen die Russlandpolitik der Bundesregierung gesetzt werden. Hans-Thomas Tillschneider und andere Abgeordnete der AfD-Landtagsfraktion in SachsenAnhalt bauten direkte Kontakte zu politischen Vertretern in der Russischen F\u00f6deration weiter aus. Nach einer \u00f6ffentlich \u00fcbertragenen Online-Konferenz zwischen Mitgliedern der AfDLandtagsfraktion und Vertretern des Regionalparlaments der russischen Oblast Kaliningrad reiste im Juli 2024 eine Gruppe mehrerer AfD-Politiker nach Kaliningrad, um unter anderem weitere Kontakte in die russische Politik zu kn\u00fcpfen. Weil sie ein \"Zeichen der deutsch-russischen Freundschaft\" setzen wollten, posierten einige AfD-Politiker auf dem Platz des Sieges 24","Rechtsextremismus in Kaliningrad mit deutsch-russischen Flaggen, was auch von einem russischen Fernsehsender \u00fcbertragen wurde. Bei \u00f6ffentlichkeitswirksamen Auftritten wie diesen verbreiteten Vertreter der AfD, vor allem im Hinblick auf den anhaltenden Krieg Russlands gegen die Ukraine, regelm\u00e4\u00dfig russische Propagandanarrative. Mitte des Jahres gr\u00fcndete der AfD-Landtagsabgeordnete Frank Otto Lizureck mit weiteren AfD-Abgeordneten (unter anderem aus dem Landtag von Sachsen-Anhalt, dem Deutschen Bundestag und dem Europ\u00e4ischen Parlament) die politische Initiative \"Stoppt die Sanktionen!\". Wenngleich bislang ausschlie\u00dflich von AfD-Politikern getragen vermeidet die Initiative, die sich auch \"Bewegung gegen Sanktionen\" nennt, in ihrer Au\u00dfendarstellung offensive Bez\u00fcge zur AfD und versucht sich betont als \u00fcberparteilich darzustellen. Zuletzt rief die AfDFraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt zur Unterst\u00fctzung von \"Stoppt die Sanktionen!\" auf. Die Initiative agitiert vor allem in den sozialen Medien und verbreitet das Narrativ, dass die internationalen Sanktionen an der Russischen F\u00f6deration wirkungslos abprallten, jedoch den Deutschen und der deutschen Wirtschaft durch Energieknappheit, Preissteigerungen und Handelsbeschr\u00e4nkungen massiv schadeten. Negative Meldungen zur Wirtschaftskrise und Inflation in Deutschland werden dabei unmittelbar mit den Sanktionen gegen die Russische F\u00f6deration assoziiert. Mit \"Stoppt die Sanktionen!\" dient die AfD Sachsen-Anhalt zum einen dem Interesse der russischen Staatsf\u00fchrung,4 in der deutschen Bev\u00f6lkerung Zweifel an der Berechtigung und dem Nutzen der internationalen Sanktionspolitik zu sch\u00fcren. Zum anderen zielt die AfD SachsenAnhalt mit ihrer Agitation auf die Diffamierung des gesamten politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland und seiner wesentlichen Vertreter. Die AfD Sachsen-Anhalt warf der Bundesregierung dementsprechend vor, mit ihrer Russlandund Sanktionspolitik der deutschen Bev\u00f6lkerung existenziell schaden zu wollen. Die Argumentation der AfD ist darauf angelegt, bei ihren Anh\u00e4ngern das Vertrauen in die politischen Institutionen und Prozesse der Bundesrepublik Deutschland fundamental zu erodieren und den Eindruck eines unmittelbar bevorstehenden, ultimativen Niedergangs, der Unterdr\u00fcckung und Ausweglosigkeit zu erzeugen. F\u00fcr die exponiertesten Vertreter der Russlandpolitik in der AfD steht eine Glorifizierung des russischen Staates unter Pr\u00e4sident Putin und eine Zur\u00fcckdr\u00e4ngung des US-amerikanischen Einflusses auf Deutschland im Kontext einer antiliberalen Agenda, die letztlich eine Umgestaltung des politischen Systems in Deutschland zum Ziel hat. Anl\u00e4sslich der Wiederwahl Putins zum Pr\u00e4sidenten der Russischen F\u00f6deration hob beispielsweise der AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider einmal mehr den politischen Vorbildcharakter, den Putin f\u00fcr ihn ausstrahlt, hervor. Er w\u00e4re froh, wenn die deutsche Regierung die deutschen Interessen so sehr wahren w\u00fcrde wie Putin die Interessen des russischen Volkes, erkl\u00e4rte Hans-Thomas Tillschneider. Fremdenfeindliche Agitation Die Migrationspolitik blieb weiterhin das Kernthema der AfD Sachsen-Anhalt. Neben einem nahezu kompletten Stopp der Zuwanderung von Asylbewerbern fordert die AfD in diesem 4 Siehe dazu auch das Kapitel \"Spionageabwehr\", S. 160 f. 25","Rechtsextremismus Zusammenhang die millionenfache Abschiebung von in Deutschland lebenden Ausl\u00e4ndern. Insbesondere mit Blick auf Probleme bei der inneren Sicherheit, aber auch etwa bei der Schulund Sozialpolitik, werden Abschiebungen regelm\u00e4\u00dfig als geradezu universeller L\u00f6sungsansatz pr\u00e4sentiert. Der von der AfD Sachsen-Anhalt vertretenen Ideologie des Ethnopluralismus liegt die \u00dcberzeugung zugrunde, dass das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Ethnien in einem Staat zwangsl\u00e4ufig in Konflikte m\u00fcnden muss. Auf dieser ideologischen Grundlage fordert die AfD Sachsen-Anhalt die Ausgrenzung von Menschen aufgrund von Herkunft, Religion5 und rassistischen Kriterien. Damit richtet sich die AfD gegen die in Artikel 3 GG konkretisierte prinzipielle Gleichstellung aller Menschen. Konstitutive Elemente der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, wie die allgemeinen Menschenrechte oder der Minderheitenschutz, werden dadurch zur Disposition gestellt. Funktionsund Mandatstr\u00e4ger der AfD Sachsen-Anhalt lassen keinen Zweifel daran, dass eine R\u00fcckf\u00fchrung von Asylbewerbern ohne g\u00fcltigen Aufenthaltsstatus aus ihrer Sicht nicht ausreichen w\u00fcrde, um den von ihnen angenommenen \"Gro\u00dfen Austausch\" der deutschen Bev\u00f6lkerung zu verhindern. Ausl\u00e4ndern, die sich nach derzeitiger Rechtslage legal in Deutschland aufhalten, soll der Aufenthalt in Deutschland deutlich unangenehmer gestaltet werden, um sie zu einer freiwilligen Ausreise zu bewegen und Deutschland als Zielland f\u00fcr Migration generell unattraktiver erscheinen zu lassen. Der Co-Vorsitzende der AfD-Landtagsfraktion, Ulrich Siegmund, erkl\u00e4rte, eine AfD-gef\u00fchrte Regierung werde Asylbewerbern nur noch Sachleistungen ausstellen und den staatlichen Kontrolldruck auf Menschen mit Migrationshintergrund massiv erh\u00f6hen. Ausl\u00e4nder, Muslime und andere als fremd wahrgenommene Menschen werden von Funktionsund Mandatstr\u00e4gern der AfD Sachsen-Anhalt allein aufgrund der ihnen zugeschriebenen Gruppenzugeh\u00f6rigkeit zu einer existenziellen Gefahr stilisiert; ihnen wird pauschal ein abgewerteter sozialer Status zugeteilt. Eine solche Kategorisierung von Menschengruppen steht den in Artikel 1 GG verankerten Menschenrechten entgegen. Beispielhaft hierf\u00fcr sind die folgenden Aussagen von AfD-Vertretern:6 Sebastian Koch (Mitglied der AfD-Kreistagsfraktion Altmarkkreis-Salzwedel) schrieb am 30. Juli 2024 auf Facebook in Bezug auf einen Pressebericht \u00fcber ein Gewaltverbrechen in Wolmirstedt: \"[...] [D]er Angreifer war wie so oft, kein Deutscher. Mir klingelt es jetzt schon wieder in den Ohren - traumatisiert, psychisch krank, hat Mensch mit Fisch verwechselt. Am Ende haben wir uns mittlerweile daran gew\u00f6hnt, da wir fast t\u00e4glich Meldungen von Messerm\u00e4nnern und Gruppenvergewaltigern lesen m\u00fcssen und 5 So verbreitete der AfD-Kommunalpolitiker Michael Krebs (Mitglied der AfD-Kreistagsfraktion Salzlandkreis) am 8. April 2024 auf Instagram eine Grafik mit der Aussage: \"Der Islam geh\u00f6rt zu Deutschland wie Scheisse auf's Br\u00f6tchen\", was die Ausgrenzung einer gesamten Religionsgemeinschaft und eine eklatante Missachtung der grundgesetzlich garantierten Religionsfreiheit (Artikel 4 Abs. 1 und 2 GG) bedeutet. 6 Die im Folgenden direkt zitierten Belegstellen werden jeweils im Originallaut wiedergegeben, ohne dass gesondert auf Fehler in Rechtschreibung und Grammatik hingewiesen wird. Nicht in Textform darstellbare Inhalte, wie Bilder oder Emoticons, werden durch Anmerkungen und Beschreibungen erl\u00e4utert. 26","Rechtsextremismus niemand spricht es aus! Unbegrenzte und unkontrollierte Zuwanderung hat get\u00f6tet, t\u00f6tet und wird t\u00f6ten...Wir m\u00fcssen endlich daf\u00fcr Sorge tragen, dass wir unsere Menschen davor sch\u00fctzen, bevor es auch dich und deine Familie trifft\". Unter Bezugnahme auf einen weiteren Pressebericht behauptete Sebastian Koch am 20. Juni 2024 in einem Beitrag auf Instagram, es werde ein \"t\u00e4gliche[r] Rassekrieg gegen unsere Kinder, unsere Jugend\" gef\u00fchrt. Martin Reichardt (MdB) schrieb am 25. November 2024 auf der Plattform X (ehemals Twitter): \"[...] Gruppenvergewaltigungen, Morde, sind in Deutschland 2024 allt\u00e4glich geworden. Keine Frau ist mehr sicher, zu keiner Zeit, an keinem Ort. Heute, am 'Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen', \u00fcberschlagen sich Politiker, besonders von Gr\u00fcnen und SPD darin, Frauen vor Gewalt sch\u00fctzen zu wollen. Aber keiner benennt den Grund, warum die Gewalt gegen Frauen explosionsartig zugenommen hat. Wenn sie es t\u00e4ten, m\u00fcssten sie ihre Mitschuld eingestehen, denn sie haben massenweise M\u00e4nner in unser Land geholt, die dem frauenfeindlichen islamistischen Weltbild folgen. [...] Die AfD braucht keinen 'Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen', denn Abschiebungen, der Schutz unserer Grenzen und die R\u00fcckkehr zu Recht und Gesetz ist der beste Schutz von Frauen!\" Auf einen Pressebericht zu einem Gewaltverbrechen in Wolmirstedt Bezug nehmend \u00e4u\u00dferte sich Martin Reichardt am 15. Juni 2024 auf der Plattform X folgenderma\u00dfen: \"Bis in die Kleinst\u00e4dte hinein reicht der Arm des Messerterrors! Der T\u00e4ter hat laut Augenzeugen Migrationshintergrund! Diese neue furchtbare Tat zeigt, dass die gegen unsere Sicherheit gerichtete Politik des Establishments an jedem Ort und zu jeder Zeit jeden von uns bedroht!\" Daniel Roi (MdL) schrieb am 26. November 2024 auf der Plattform X Folgendes: \"Die CDU hat mit der Grenz\u00f6ffnung 2015 und den darauffolgenden Jahren unser Land destabilisiert und daf\u00fcr gesorgt, dass Messerangriffe und Gruppenvergewaltigungen zum schrecklichen Alltag geh\u00f6ren.\" Mit ihrer auf Dauer und st\u00e4ndige Wiederholung angelegten Verbreitung xenophober Agitation befeuert die AfD Sachsen-Anhalt, nicht zuletzt durch eine drastische Wortwahl und die d\u00e4monisierende Bildsprache, offensiv rechtsextremistische Denkund Handlungsweisen unter ihren Anh\u00e4ngern, die ihrer inneren Logik nach letztlich zu Menschenrechtsverletzungen bis hin zu gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen f\u00fchren k\u00f6nnen. Diese Konsequenzen werden teils auch innerhalb der AfD Sachsen-Anhalt bewusst wahrgenommen und thematisiert, wie etwa von Hans-Thomas Tillschneider (MdL) auf einer parteiinternen Tagung der AfD-Landesfachaussch\u00fcsse zum Thema \"Integration, Assimilation, Remigration\" am 4. Februar 2024 in Schnellroda. In seiner Rede warb Hans-Thomas Tillschneider f\u00fcr ein Umdenken der AfD in der Migrationspolitik. Denn die von der Partei geforderte Remigration werde in letzter Konsequenz entweder zu einem B\u00fcrgerkrieg oder zur \"millionenhaften Deportation unter Verletzung von Menschenrechten\" f\u00fchren, attestierte Hans-Thomas Tillschneider. Anstatt Remigration zu fordern, solle die AfD \"mit einem eigenen Integrationsansatz in die Offensive gehen\". Die Partei m\u00fcsse sich auf Menschen mit Migrationshintergrund zubewegen und nicht mehr zwischen deutschund fremdst\u00e4mmig unterscheiden, sondern zwischen patriotisch und unpatriotisch. W\u00e4hrend sich die AfD Sachsen-Anhalt \u00fcber alle Ebenen hinweg geschlossen zur 27","Rechtsextremismus Forderung nach Remigration bekannte, wurde Hans-Thomas Tillschneiders Werben f\u00fcr eine Neuausrichtung der Partei zumindest \u00f6ffentlich durch den Landesverband und seine Mitglieder in keiner Weise rezipiert. In Zusammenhang mit der Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024 erkl\u00e4rte Hans-Thomas Tillschneider, dass Migranten tendenziell psychisch labil seien, weil sie den stabilisierenden Halt und die Orientierung ihrer Herkunftsgesellschaft verloren h\u00e4tten. Zudem steige im Konfliktfall das Gewaltpotenzial \u00fcberproportional, je fremder sich Migranten und die Bev\u00f6lkerung des Aufnahmestaates ethnokulturell seien. F\u00fcr den Magdeburger Attent\u00e4ter seien die Besucher des Weihnachtsmarkts daher nur eine \"austauschbare Menschenkulisse\" gewesen. Hans-Thomas Tillschneider erhob die Forderung, Migration k\u00fcnftig insbesondere anhand kultureller Unterschiede zu regulieren. In diesem Zusammenhang zirkulieren innerhalb der Neuen Rechten unterschiedliche Ans\u00e4tze, den Personenkreis der auszuweisenden Personen st\u00e4rker, als dies nach derzeit geltender Rechtslage m\u00f6glich w\u00e4re, auszuweiten. In Reaktion auf die Amokfahrt veranstaltete die AfD in Sachsen-Anhalt am 23. Dezember 2024 in Magdeburg eine Kundgebung mit anschlie\u00dfender Demonstration, an der etwa 3.500 Personen teilnahmen. Hierbei handelte es sich nach den Teilnehmerzahlen um die mit Abstand gr\u00f6\u00dfte Veranstaltung der AfD Sachsen-Anhalt im Berichtszeitraum. Abgesehen von monatlichen Demonstrationen in Bitterfeld-Wolfen nahm die Bedeutung dieser Form der politischen Kommunikation erkennbar ab. Stattdessen richtete die AfD Sachsen-Anhalt eine Vielzahl an B\u00fcrgerdialogen in verschiedenen Orten im ganzen Bundesland aus. Ver\u00e4chtlichmachung des demokratischen Systems und gewaltverherrlichende \u00c4u\u00dferungen Die AfD Sachsen-Anhalt ver\u00f6ffentlicht durchgehend und in erheblicher Anzahl Aussagen, die darauf ausgerichtet sind, das demokratische System der Bundesrepublik Deutschland, seine Institutionen und deren Vertreter grundlegend ver\u00e4chtlich zu machen. Der Regierung oder anderen demokratischen Institutionen wird totalit\u00e4res, demokratieund menschenfeindliches Handeln vorgeworfen oder die Regierung wird mit historischen Diktaturen wie dem NS-Regime oder der DDR gleichgesetzt. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist eine Rede, die Hans-Thomas Tillschneider (MdL) am 29. Januar 2024 bei einer von ihm angemeldeten Kundgebung unter dem Motto \"F\u00fcr den Erhalt unserer Demokratie - Nie wieder ist jetzt!\" in Querfurt (Saalekreis) gehalten hat. Vor dem Hintergrund von Demonstrationen, die zu Beginn des Jahres 2025 bundesweit in Reaktion auf eine Reportage des Recherchenetzwerks \"CORRECTIV\" \u00fcber das sogenannte \"Potsdamer Treffen\" vom 25. November 20237 durchgef\u00fchrt wurden, erkl\u00e4rte Hans-Thomas Tillschneider, dass von der Regierung gef\u00f6rderte Demonstrationen gegen eine Oppositionspartei einer Demokratie unw\u00fcrdig seien: \"Dass aber die Regierung die Massen aufruft, gegen die Opposition zu demonstrieren, das ist eine astreine Diktatur.\" Die Demonstrationen, so Hans-Thomas Tillschneider, erinnerten ihn an nordkoreanische Milit\u00e4rparaden. Damit setzte Hans-Thomas Tillschneider die Bundesregierung mit der autokratischen F\u00fchrung Nordkoreas gleich. 7 Vgl. hierzu auch S. 69. 28","Rechtsextremismus Indem Funktionsund Mandatstr\u00e4ger der AfD Sachsen-Anhalt in ihren \u00c4u\u00dferungen die demokratische Ordnung zu einer Diktatur und zu einer elementaren Bedrohung f\u00fcr Leib und Leben verzerren, bauen sie ein derart intensives Bedrohungsszenario auf, dass f\u00fcr ihre Zuh\u00f6rer ein gewaltfreier politischer Diskurs angesichts der scheinbar drohenden Diktatur keine rationale Option mehr sein kann. Vereinzelt wird in diesem Zusammenhang auch unmittelbar zur Gewalt gegen den politischen Gegner aufgerufen oder es wird ein gewaltsamer Umsturz herbeigesehnt. So reagierte der AfD-Landtagsabgeordnete Daniel Wald am 1. Juli 2024 auf eine Meldung, wonach ein AfD-Politiker in einer gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzung mit einem politischen Gegner diesen gebissen habe, mit dem folgenden Wortbeitrag auf der Plattform X: \"Richtig so ich h\u00e4tte diesem Nichtsnutz das St\u00fcck Fleisch aus der Wade herausgebissen!\" Der AfD-Kommunalpolitiker Donatus Schmidt (Mitglied der AfD-Stadtratsfraktion Halle) schrieb am 27. April 2024 auf Facebook: \"Diese Regierung und seine Sch\u00e4rgen widern mich maximal an, diese verkappten Drecksfaschisten. Gegen Faschisten darf man in Deutschland ja maximal hetzen. Sehr gut. Also: Zur H\u00f6lle mit diesem Kroppzeug! Keinen Anstand, kein R\u00fcckgrat, keine Zivilisiertheit mehr. Niederstes, asoziales, w\u00fcrdeloses, geisteskrankes Gesindel, allesamt. Im fr\u00fcheren Frankreich h\u00e4tte man l\u00e4ngst schon die Guillotinen gefettet!!! Wo bleibt der Aufstand der wahren Antifaschisten und der Sturm der Pal\u00e4ste dieser faschistoiden Mafia-Gangs, mit Fackeln und Mistgabeln und jeder Menge Wut im Bauch?? Es wird Zeit!\" Kommunalwahlen 2024 Die AfD gewann bei den Kommunalwahlen in Sachsen-Anhalt im Vergleich zum Jahr 2019 deutlich hinzu und wurde insgesamt st\u00e4rkste Kraft. In neun der 14 Landkreise und kreisfreien St\u00e4dte erlangte die AfD jeweils vor der CDU die meisten Stimmen. In Mansfeld-S\u00fcdharz lag der Abstand zur nachfolgenden CDU bei zehn Prozentpunkten. Auf der Ebene der Landkreise und kreisfreien St\u00e4dte erreichte die AfD mit 34 Prozent im Saalekreis das h\u00f6chste und mit 21,2 Prozent in Halle (Saale) das niedrigste Ergebnis (wobei sie auch in Halle (Saale) unter allen Parteien die meisten Stimmen erzielte). Bei der Stadtratswahl in Ilsenburg (Landkreis Harz) erhielt die AfD mit 15,4 Prozent landesweit ihr niedrigstes Ergebnis. In der Gemeinde Schnaudertal (Burgenlandkreis) erreichte sie mit 45,2 Prozent der Stimmen den h\u00f6chsten Wert. In Raguhn-Je\u00dfnitz (Kreis Anhalt-Bitterfeld), wo die AfD seit September 2023 bereits einen hauptamtlichen B\u00fcrgermeister stellt, bildet die AfD fortan mit sieben von insgesamt 20 Stadtr\u00e4ten die st\u00e4rkste Fraktion. Wegen des starken Abschneidens der AfD wurden ihre Mandatstr\u00e4ger auf der Ebene der Kreistage h\u00e4ufig in das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden gew\u00e4hlt, in einzelnen Stadtund Ortschaftsr\u00e4ten auch zu Vorsitzenden. Da in den meisten F\u00e4llen eine rechnerische Mehrheit der \u00fcbrigen Parteien gegen die AfD bestanden h\u00e4tte, wurden die AfD-Vertreter h\u00e4ufig auch mit Stimmen aus anderen Parteien gew\u00e4hlt. Unter den AfD-Kandidaten f\u00fcr die Kommunalwahl befanden sich einige Personen, die der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde bereits wegen ihrer Bez\u00fcge zu anderen rechtsextremistischen Organisationen bekannt waren. Von diesen Kandidaten wurde ein Gro\u00dfteil in die jeweiligen 29","Rechtsextremismus \u00c4mter gew\u00e4hlt. Hierzu z\u00e4hlen z. B. die F\u00fchrungsfigur der rechtsextremistischen Siedlungsbestrebung \"Weda Elysia\", Anja Maria Schulz, die in den Stadtrat von Blankenburg gew\u00e4hlt wurde, und der rechtsextremistische Streamer Carsten Jahn, der ehemals der (inzwischen in \"Die Heimat\" umbenannten) NPD angeh\u00f6rte und bei der Kommunalwahl 2024 f\u00fcr die AfD ein Stadtratsmandat in Oschersleben gewann. In den Stadtrat von Dessau-Ro\u00dflau zogen mit Rene Diedering, der zuvor in der NPD und der rechtsextremistischen Szene in Dessau-Ro\u00dflau aktiv war, Laurens Nothdurft (einem ehemaligen F\u00fchrungsmitglied der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend [HDJ]) und Joachim Nothdurft, der ebenfalls in verschiedenen rechtsextremistischen Personenzusammenschl\u00fcssen aktiv war, gleich drei Personen mit Bez\u00fcgen zu anderen rechtsextremistischen Organisationen ein. Laurens Nothdurft wurde zudem zum Vorsitzenden (Ortsb\u00fcrgermeister) des Ortschaftsrats Ro\u00dflau gew\u00e4hlt. Der eigentlich in der gesamten AfD geltende Unvereinbarkeitsbeschluss8, welcher urspr\u00fcnglich genau einen solchen Personenkreis von einem Engagement in der AfD ausschlie\u00dfen sollte, wird von der AfD Sachsen-Anhalt mit gro\u00dfer Flexibilit\u00e4t umgangen. So gab der Landesvorsitzende Martin Reichardt auf Pressenachfrage bekannt, dass die Unvereinbarkeitsliste auch in Sachsen-Anhalt gelte; allerdings k\u00f6nne der Landesvorstand \"nach sorgsamer Pr\u00fcfung\" der Beitrittskandidaten Ausnahmen beschlie\u00dfen. Die AfD in Sachsen-Anhalt entschied sich somit bewusst f\u00fcr Personen aus anderen extremistischen Organisationen und laut Martin Reichardt seien derartige Entscheidungen im Landesverband unstrittig. Verbindungen zu anderen rechtsextremistischen Akteuren Die AfD Sachsen-Anhalt hat umfangreiche Verbindungen zu einer Vielzahl von rechtsextremistischen Organisationen, die ihrerseits tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr verfassungsfeindliche Bestrebungen aufweisen und oftmals Beobachtungsobjekte der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden sind. So erkl\u00e4rte sich die AfD Sachsen-Anhalt im Sommer 2024 nahezu geschlossen mit dem rechtsextremistischen Compact-Magazin solidarisch. Infolgedessen trat Compact-Chefredakteur J\u00fcrgen Els\u00e4sser u. a. im August 2024 als Gastredner auf dem AfD-Landesparteitag in Magdeburg auf. Die AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt schaltete regelm\u00e4\u00dfig Werbeoder Stellenanzeigen im Compact-Magazin. Inhaltlich verbindet die AfD SachsenAnhalt und das Compact-Magazin nicht zuletzt eine dezidiert prorussische Agenda. Neben einer grunds\u00e4tzlich engen Bindung der AfD Sachsen-Anhalt an Akteure der \"Neuen Rechten\" - z. B. an das aufgel\u00f6ste und umstrukturierte Institut f\u00fcr Staatspolitik (IfS), die Identit\u00e4re Bewegung (IB) und den Verein \"Ein Prozent e. V.\" - bestehen weiterhin einzelne Verbindungen in das gesamte rechtsextremistische Spektrum. Beispielsweise nahmen Mitglieder der AfD-Stadtratsfraktionen Thale und Wernigerode an der rechtsextremistischen Veranstaltung \"Ausbruch 60\" in Budapest (Ungarn) teil. Diese bis 8 Gem\u00e4\u00df SS 2 Abs. 4 der AfD-Bundessatzung k\u00f6nnen Personen, die Mitglied einer extremistischen Organisation sind, nicht Mitglied der Partei sein. 30","Rechtsextremismus zu 60 Kilometer lange Wanderung ist Bestandteil der von Rechtsextremisten j\u00e4hrlich am 12. Februar unter der Bezeichnung \"Tag der Ehre\"9 durchgef\u00fchrten Gedenkveranstaltungen, die der Glorifizierung eines in der Endphase des Zweiten Weltkriegs von Soldaten der deutschen Wehrmacht und der verb\u00fcndeten ungarischen Truppen unternommenen Versuchs des Ausbruchs aus einer Umzingelung durch die Rote Armee dienen. Etliche Teilnehmer sind zu diesem Anlass in historische Uniformen von Wehrmacht und Waffen-SS gekleidet und tragen entsprechende Insignien. Interner Konflikt Nachdem die AfD Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahren nach au\u00dfen hin stets betont geschlossen aufgetreten ist, entwickelte sich im Verlauf des Jahres 2024 ein anhaltender interner Konflikt. Anlass war ein zu dem Landesparteitag am 17. August 2024 in Magdeburg aus Kreisen des AfD-Landesvorstandes eingebrachter Antrag, bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 ausschlie\u00dflich mit einer Landesliste anzutreten und auf die Aufstellung von Direktkandidaten g\u00e4nzlich zu verzichten. Weil die Aufstellung der Landesliste in der Regel ma\u00dfgeblich von der F\u00fchrungsebene der AfD Sachsen-Anhalt bestimmt wird, die Direktkandidaten aber von den in den jeweiligen Wahlkreisen wohnhaften Mitgliedern der AfD gew\u00e4hlt werden, versprach sich der Landesvorstand von einem kompletten Verzicht auf Direktkandidaturen mehr Einfluss und Steuerbarkeit in der Auswahl potenzieller Bundestagsabgeordneter. Einige Mitglieder des AfD-Landesverbandes sahen darin eine einseitige Machtverschiebung zugunsten der \"Funktion\u00e4rselite\" und einen Angriff auf das basisdemokratische Gr\u00fcndungsideal der Partei. Letztlich scheiterten alle Versuche, den Verzicht auf Direktkandidaten durchzusetzen, an der Intervention des AfD-Bundesvorstandes. Der AfD-Landesvorstand reagierte auf seine parteiinternen Kritiker mit Ordnungsstrafen und Ausschlussverfahren, wodurch die einstmals ostentative Geschlossenheit des Landesverbandes sichtbar br\u00fcchig wurde. Der Konflikt innerhalb der AfD Sachsen-Anhalt ist allerdings nicht Ausdruck eines ideologischen Richtungskampfes. Die F\u00fchrung der AfD Sachsen-Anhalt zielt offensichtlich auf eine Transformation ihrer Strukturen hin zu einer strikt hierarchischen und zentral vom Landesvorstand gelenkten Kaderpartei, die ihre Nomenklatura vor allem nach Loyalit\u00e4t ausw\u00e4hlt. Dies steht im Kontext einer Tendenz, die innerhalb der Partei bundesweit zu beobachten war. Zuletzt beschloss die AfD auf ihrem Bundesparteitag am 11. und 12. Januar 2025 in Riesa (Sachsen), ihre bis dahin weitgehend autonom agierende Jugendorganisation \"Junge Alternative\" (JA) neu zu strukturieren und unter die Kontrolle der Parteigremien zu bringen. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Das Jahr 2024 war f\u00fcr die AfD Sachsen-Anhalt von beispiellosen Wahlerfolgen gepr\u00e4gt. Sowohl bei den Wahlen zum Europ\u00e4ischen Parlament als auch bei den Kommunalwahlen konnte die Partei ihre Ergebnisse im Vergleich zu den Wahlen im Jahr 2019 signifikant steigern. W\u00e4hrend die AfD bei der Kommunalwahl in Sachsen-Anhalt mehrere Hundert Mandate 9 Vgl. hierzu auch S. 44 u. 46. 31","Rechtsextremismus gewann, zog mit Arno Bausemer auch ein Mitglied der AfD Sachsen-Anhalt in das EU-Parlament ein. Die Zahl der Parteimitglieder nahm weiterhin zu und stieg von 2.210 im Vorjahr auf 2.580 Mitglieder bis Ende 2024 an. Angesichts ihrer hohen Zustimmungswerte gab die AfD Sachsen-Anhalt f\u00fcr die Landtagswahlen 2026 in Sachsen-Anhalt das Ziel aus, als st\u00e4rkste Partei den Ministerpr\u00e4sidenten stellen zu wollen. Parteiintern trug die AfD Sachsen-Anhalt im Jahr 2024 einen Konflikt um die organisatorische Ausrichtung des Landesverbandes aus, in dem es im Kern um die Frage ging, wie viel Einfluss dem Landesvorstand bei der Auswahl der Bundestagskandidaten zukommen sollte. Ideologische Inhalte waren in diesen Auseinandersetzungen nicht von Bedeutung. In ihrer ideologischen Ausrichtung bleibt die AfD Sachsen-Anhalt geeint; eine Abkehr von ihren extremistischen Positionen ist weiterhin nicht erwartbar. 32","Rechtsextremismus \"Die Heimat\" - ehemals \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) Landesverband Sachsen-Anhalt Gr\u00fcndung Landesverband: 1990 (als Landesverband \"Mitteldeutsche Nationaldemokraten\") Bundesverband: 1964 (Umbenennung: Juni 2023) Sitz Landesverband: postalisch Berlin Bundesverband: Berlin Vorsitz Landesverband: Henry-Kurt Lippold Bundesverband: Frank Franz (Saarland, bis November 2024), Peter Schreiber (Sachsen, ab November 2024) Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land 70 70 Bund 3.000 2.500 Struktur / Elf Kreisverb\u00e4nde Aufbau \"Junge Nationalisten\" (JN, Jugendorganisation) Ver\u00f6ffentlichungen \"Deutsche Stimme\" (DS) (frei verk\u00e4ufliche Zeitschrift des Bundesverbandes, erschient mehrmals j\u00e4hrlich) Internetpr\u00e4senz: https://www.facebook.com/heimat.sachsen.anhalt/ Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge und Spenden Kurzportrait / Ziele \"Die Heimat\" ist die \u00e4lteste aktive Partei des rechtsextremistischen Spektrums in Deutschland. Sie will den demokratischen Verfassungsstaat beseitigen und durch eine institutionell rassistische Gesellschaftsordnung ersetzen, in der von ihr so verstandene ethnisch Nichtdeutsche von der politischen Willensbildung ausgeschlossen sind. Ihre Programmatik ist auf die Beseitigung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung gerichtet und sie ist bestrebt, die Gesellschaft im Sinne ihrer rassistischen, nationalsozialistischen und antisemitischen Vorstellungen zu pr\u00e4gen. Grund der Beobachtung \"Die Heimat\" vertritt ein geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild, dessen ideologisches Kernelement die Idee einer ethnisch homogenen \"Volksgemeinschaft\" ist. Davon ausgehend propagiert sie unverhohlen rassistische und fremdenfeindliche Positionen. Die \"Vier S\u00e4ulen-Strategie\" der Partei, bestehend aus dem \"Kampf um die K\u00f6pfe\", dem \"Kampf um die Stra\u00dfe\", dem \"Kampf um die Parlamente\" und dem \"Kampf um den organisierten Willen\", verdeutlicht seit Jahren das Ziel, den demokratischen Verfassungsstaat systematisch und umfassend zu bek\u00e4mpfen. 33","Rechtsextremismus Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Bundespartei Bundesweit war die Entwicklung der Partei im Jahr 2024 insbesondere von ihrem weiteren Abgleiten in die politische Bedeutungslosigkeit, internen Zerw\u00fcrfnissen und dem R\u00fcckzug des bisherigen Bundesvorsitzenden Frank Franz aus der Parteif\u00fchrung gepr\u00e4gt. Am 23. Januar 2024 schloss das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) \"Die Heimat\" f\u00fcr sechs Jahre von der staatlichen Parteienfinanzierung nach SS 18 des Gesetzes \u00fcber die politischen Parteien (PartG) aus. Das Gericht stellte fest, dass die Partei \"[...] die Schwelle vom blo\u00dfen Bekenntnis der Ablehnung zur Bek\u00e4mpfung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung [\u00fcberschreitet] und [...] auf deren Beseitigung ausgerichtet [ist]\"10. Anders als f\u00fcr ein Parteienverbot sei es laut Gericht f\u00fcr den Finanzierungsausschluss unerheblich, ob f\u00fcr die Umsetzung der verfassungsfeindlichen Ziele \u00fcberhaupt eine Aussicht auf Erfolg bestehe. Der Ausschluss von der staatlichen Parteienfinanzierung versch\u00e4rfte die bereits bestehenden Probleme des Bundesverbandes weiter und d\u00fcrfte dazu beigetragen haben, dass der damalige Parteivorsitzende Frank Franz im Herbst 2024 erkl\u00e4rte, nicht noch einmal f\u00fcr den Vorsitz der Partei zu kandidieren. Frank Franz war es gewesen, der im Jahr 2023 die Umbenennung der damaligen \"NPD\" in \"Die Heimat\" durchsetzen konnte und damit den Versuch unternahm, die Partei zu einer Vernetzungsbewegung innerhalb der rechtsextremistischen Szene \"umzubauen\". Der nunmehr auch gerichtlich beschiedene Bedeutungsverlust der Partei wurde durch das Ergebnis der Europawahl am 9. Juni 2024 eindr\u00fccklich illustriert. Die Partei selbst bezeichnete das Wahlergebnis als \"eine[s] der schlechtesten Wahlergebnisse seit Bestehen unserer nationalen Bewegung\", was zeigt, dass die Partei f\u00fcr potenzielle W\u00e4hler zu einer zunehmend irrelevanten Kraft geworden ist. Zur Bundestagswahl am 23. Februar 2025 trat \"Die Heimat\" gar nicht erst an. Unter diesen schwierigen Vorzeichen fand unter dem Motto \"Alle[s] f\u00fcr die Heimat\" am 22. und 23. November 2024 in Bernsdorf (Sachsen) der erste Bundesparteitag unter dem neuen Parteinamen statt. Inhaltlich dominiert wurde der Parteitag von der Wahl des neuen Bundesvorsitzenden. Als einziger Kandidat trat Peter Schreiber an, der mit 88 Prozent der Stimmen gew\u00e4hlt wurde. Ob es unter dem neuen Vorsitzenden zu einem Wiedererstarken der Partei kommen wird, ist fraglich. Die innerparteilichen Auseinandersetzungen um den im Jahr 2023 eingeleiteten Reformkurs haben sich im Berichtszeitraum fortgesetzt. Eine im Jahr 2023 gegr\u00fcndete Abspaltung der Partei mit dem \"alten neuen\" Namen \"NPD\" um Lennart Schwarzbach (Hamburg) konnte ihre eigenen Strukturen festigen und sich zwischenzeitlich durch Einreichen der Parteiunterlagen beim Bundeswahlleiter als eigenst\u00e4ndige Partei etablieren. Landesverb\u00e4nde bestehen bis10 BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 23. Januar 2024 - 2 BvB 1/19 - Rn. 1 - 510, hier: 507. 34","Rechtsextremismus lang in Hamburg, Baden-W\u00fcrttemberg und im Saarland. In Sachsen-Anhalt ist eine Institutionalisierung der neugegr\u00fcndeten Partei bislang nicht zu beobachten. Landesverband Sachsen-Anhalt Die auf bundespolitischer Ebene vollzogene Spaltung ist in Sachsen-Anhalt noch nicht erkennbar. Dessen ungeachtet konnte die Partei ihre politische Marginalisierung auch in Sachsen-Anhalt nicht stoppen. Im Landesverband der \"Heimat\" organisieren sich rund 70 Mitglieder in haupts\u00e4chlich formal existierenden Kreisverb\u00e4nden. Aktivit\u00e4ten fanden im Berichtsjahr lediglich in Halle (Saale), Wittenberg und Mansfeld-S\u00fcdharz sowie vereinzelt in Magdeburg und im Burgenlandkreis statt. Insbesondere die Kommunalwahlen am 9. Juni 2024 haben erneut gezeigt, dass die Partei in der Fl\u00e4che weiter an Bedeutung verliert. Bei den ersten Wahlen unter ihrem neuen Namen verlor sie eines von bis dahin zwei Kreistagsmandaten in Sachsen-Anhalt und ist seither ausschlie\u00dflich im Kreistag des Burgenlandkreises vertreten. Das Aktivit\u00e4tsniveau des Landesverbandes und der einzelnen Kreisverb\u00e4nde ist unver\u00e4ndert niedrig. \u00d6ffentlichkeitswirksam trat die Partei nur punktuell in Erscheinung. Zwar nahmen vereinzelt Mitglieder an szenetypischen Versammlungen wie Gedenkm\u00e4rschen und Kranzniederlegungen zum Andenken an die Opfer alliierter Bombardierungen deutscher St\u00e4dte im Zweiten Weltkrieg teil; allerdings konnte hierbei weder eine \u00fcbergreifende Mobilisierung noch eine organisations\u00fcbergreifende Vernetzung der Parteimitlieder in der rechtsextremistischen Szene festgestellt werden. Die mobilisierungsstarken Proteste gegen Veranstaltungen zum Christopher Street Day im Sommer 2024 wurden sowohl in Magdeburg als auch in Halle (Saale) eher von den \"Jungen Nationalisten\" (JN) sowie von neugegr\u00fcndeten aktionsorientierten Gruppierungen dominiert. Diesen lokalen Mobilisierungsschw\u00e4chen zum Trotz zeigte sich im Rahmen des rechtsextremistischen Versammlungsgeschehens am Tag nach der Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt vom 20. Dezember 2024 die organisatorische Rolle der Partei f\u00fcr die rechtsextremistische Szene in Deutschland. Ma\u00dfgeblich verantwortlich f\u00fcr die Organisation einer fremdenfeindlichen Versammlung in der Magdeburger Innenstadt am 21. Dezember 2024 war der \"Heimat\"-Funktion\u00e4r Alexander Deptolla,11 der trotz seines Umzuges nach Sachsen-Anhalt weiterhin in der Partei aktiv ist und insbesondere in Dortmund f\u00fcr diese in Erscheinung tritt. Auch die Redebeitr\u00e4ge bei der Versammlung am 21. Dezember 2024 kamen zum gro\u00dfen Teil von Funktion\u00e4ren der Partei, so vom Bundesvorsitzenden Peter Schreiber. Die gro\u00dfe Zahl der bei der Versammlung mitgef\u00fchrten Flaggen der JN deutet darauf hin, dass Mitglieder und Anh\u00e4nger der \"Heimat\" unter den Versammlungsteilnehmern eine dominante Rolle einnahmen. Der Landesverband und seine Kreisverb\u00e4nde sind in den sozialen Netzwerken zwar mit eigenen Pr\u00e4senzen vertreten; hier werden jedoch fast ausschlie\u00dflich Artikel des Partei-Organs \"Deutsche Stimme\" sowie gelegentlich Beitr\u00e4ge der jeweils anderen Kreisverb\u00e4nde geteilt. 11 Zu der Rolle Alexander Deptollas in der rechtsextremistischen Szene Sachsen-Anhalts und zu der Kundgebung am 21. Dezember 2024 in Magdeburg vgl. auch den Abschnitt \"Reorganisation der neonazistischen Szene im Harz unter Alexander Deptolla\", S. 45 ff. 35","Rechtsextremismus \u00dcber die sozialen Netzwerke verbreitet der Landesverband in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden Einsch\u00e4tzungen aktueller politischer Entwicklungen, die fremdenfeindliche \u00c4u\u00dferungen enthalten und das politische System der Bundesrepublik Deutschland ver\u00e4chtlich machen. Vereinzelt berichten der Landesverband und die Kreisverb\u00e4nde \u00fcber interne Veranstaltungen wie Wahlen, Gedenkveranstaltungen oder Weihnachtsfeiern. Derart beworbene Veranstaltungen - selbst zum rechtsextremistischen \"Heldengedenken\", zu dem die Partei 2024 etwa zehn Personen mobilisieren konnte - finden ohne nennenswertes Echo in den sozialen Medien statt. Nicht einmal die JN beteiligte sich im Berichtsjahr an diesen Veranstaltungen und f\u00fchrte stattdessen eigene durch. \"Junge Nationalisten\" (JN) Nachdem die JN in Sachsen-Anhalt im Jahr 2023 in Ermangelung von F\u00fchrungspersonen kaum mehr aktiv gewesen waren, gewannen sie insbesondere ab Mitte des Jahres 2024 an St\u00e4rke und entfalteten Aktivit\u00e4ten im Land. Die zunehmende Anziehungskraft der JN zeigt sich darin, dass es gelingt, in Gebieten, die in den vergangenen Jahren eher durch lose, wenig stabile Personenzusammenschl\u00fcsse gepr\u00e4gt waren, in verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kurzer Zeit feste Strukturen aufzubauen. So gr\u00fcndete sich im Sp\u00e4tsommer 2024 mit der \"Elbjugend\" ein Ableger der JN in Magdeburg, der bereits Anfang des Jahres 2025 eigene Veranstaltungen organisierte (z. B. einen Liederabend mit einem rechtsextremistischen Liedermacher aus Sachsen). Mit \u00f6ffentlichen Aktionen gelang es der JN, zahlreiche neue Mitglieder zu werben. So f\u00fchrten die JN am 6. April 2024 in Lutherstadt Eisleben (Mansfeld-S\u00fcdharz) eine Banneraktion durch, bei der JN-Mitglieder auf dem Marktplatz ein Banner mit der Aufschrift \"ISRAEL MORDET\" entrollten und Pyrotechnik z\u00fcndeten. H\u00f6hepunkt der JN-Aktivit\u00e4ten in Sachsen-Anhalt waren die Demonstrationen gegen CSDVeranstaltungen im Sommer 2024. Die JN meldeten f\u00fcr den 14. September 2024 eine Versammlung gegen den an demselben Tag stattfindenden CSD in Halle (Saale) an, an der sich rund 100 Personen beteiligten. Bei der Versammlung handelte es sich um die gr\u00f6\u00dfte Veranstaltung seit mehreren Jahren, die die JN selbst\u00e4ndig in Sachsen-Anhalt durchf\u00fchren konnten. Unter den Teilnehmern befanden sich zahlreiche JN-Mitglieder aus dem gesamten Bundesgebiet. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die einstige F\u00fchrungsrolle der NPD innerhalb der rechtsextremistischen Szene kann die \"Heimat\" nicht mehr ausf\u00fcllen. Vielmehr ist die Partei mittlerweile nur noch ein marginaler Akteur unter anderen rechtsextremistischen Bestrebungen. Die Bundespartei befindet sich ebenso wie der Landesverband sowohl bei Wahlen als auch im Hinblick auf ihre interne Struktur seit mehreren Jahren in einem best\u00e4ndigen Niedergangsprozess. Ihre Mitgliederzahlen sinken; hinzu kommen finanzielle Probleme, die sich infolge des Ausschlusses der \"Heimat\" von der staatlichen Parteienfinanzierung versch\u00e4rft haben. Zudem m\u00fcndete ein seit 36","Rechtsextremismus Jahren schwelender Richtungsstreit, der im Zuge der Umbenennung in die \"Heimat\" \u00f6ffentlich sichtbar wurde, in der Abspaltung von Parteistrukturen. Die daraus entstandene personelle L\u00fccke konnte bislang kaum gef\u00fcllt werden. Ob der angesto\u00dfene Reformkurs hin zu einer \"Vernetzungsbewegung\" f\u00fcr rechtsextremistische Akteure trotz dieser strukturellen Probleme gelingen oder ob die ehemals gr\u00f6\u00dfte rechtsextremistische Partei weiter in der Bedeutungslosigkeit versinken wird, bleibt abzuwarten. In Sachsen-Anhalt fanden im Berichtszeitraum kaum \u00f6ffentlichkeitswirksame und anschlussf\u00e4hige politische Aktivit\u00e4ten des Landesverbandes und seiner Kreisverb\u00e4nde statt. Aufgrund des sich fortsetzenden Verlusts aktiver Mitglieder existieren die meisten Kreisverb\u00e4nde nur noch \"auf dem Papier\" bzw. in den sozialen Netzwerken. Eine Trendwende ist weiterhin nicht in Sicht. Die JN scheinen sich zunehmend von der Mutterpartei zu l\u00f6sen und unabh\u00e4ngig von dieser zu agieren. Zunehmend gelingt es, mit aktionsorientierten Angeboten insbesondere bei jungen Menschen anschlussf\u00e4hig zu werden. So sind derzeit steigende Mitgliederzahlen der JN zu beobachten. Wie sich die Organisation in Sachsen-Anhalt ausbreitet, bleibt abzuwarten. Ein \u00dcbergang von Personal zwischen der \"Heimat\" und ihrer Jugendorganisation ist bislang jedoch kaum zu beobachten. Dies d\u00fcrfte die strukturellen Probleme der \"Heimat\" in SachsenAnhalt weiter versch\u00e4rfen. 37","Rechtsextremismus \"Der III. Weg\" (III. Weg) Gr\u00fcndung 2013 Sitz Weidenthal (Rheinland-Pfalz) Vorsitz Matthias Fischer (Brandenburg) Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land 60 100 Bund etwa 800 etwa 950 Struktur / Bundesweite Gliederung in vier Landesverb\u00e4nde und 26 Aufbau St\u00fctzpunkte (in Sachsen-Anhalt existieren die St\u00fctzpunkte Anhalt, Magdeburg/Altmark und Burgenlandkreis)12 \"Nationalrevolution\u00e4re Jugend\" (NRJ, Jugendorganisation) Ver\u00f6ffentlichungen http://www.der-dritte-weg.info (Homepage) Soziale Netzwerke (Telegram) Printmedium \"Theorie und Aktion\" (monatlich) Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spenden und Einnahmen aus dem Materialvertrieb Kurzportrait / Ziele Die 2013 gegr\u00fcndete Partei \"Der III. Weg\" ist seit Jahren fest im rechtsextremistischen Spektrum verankert. Die Partei gliedert sich in vier Landesverb\u00e4nde und 26 St\u00fctzpunkte. Die St\u00fctzpunkte sind direkt dem Bundesvorstand der Partei unterstellt, da es keine Kreisverb\u00e4nde gibt. \"Der III. Weg\" versteht sich als eine v\u00f6lkische Weltanschauungspartei innerhalb der nationalen Bewegung. Mit ihrem Auftreten verfolgt die Partei einen ganzheitlichen Ansatz, der sich nicht nur auf parteipolitische Aktionen beschr\u00e4nkt. Grundlage der Parteiaktivit\u00e4ten ist das sogenannte \"Drei-S\u00e4ulen-Konzept\": politischer Kampf, kultureller Kampf und Kampf um die Gemeinschaft. Hierbei spielen thematische Arbeitsgruppen wie Ideologie, Sport, Umwelt und Jugendarbeit eine zentrale Rolle. Diese Arbeitsgruppen sollen alle Lebensbereiche der Parteimitglieder abdecken, eine Verbindung zu anderen Rechtsextremisten schaffen sowie die Werbung von Neumitgliedern forcieren. F\u00fcr die Jugendarbeit wurde die \"Nationalrevolution\u00e4re Jugend\" (NRJ) etabliert. Das Ziel der NRJ ist es, Jugendliche zu indoktrinieren und an die Partei zu binden. Dar\u00fcber hinaus fungiert sie als eine Art Kaderschmiede f\u00fcr neue Parteifunktion\u00e4re (z. B. f\u00fcr k\u00fcnftige \"St\u00fctzpunktleiter\"). Sie dient somit auch der Nachwuchsf\u00f6rderung. 12 Die genannten St\u00fctzpunkte nutzen jeweils eigene Telegramkan\u00e4le. Daneben existiert noch der Telegram-Kanal \"Der III. Weg Harz\". 38","Rechtsextremismus Grund der Beobachtung F\u00fchrungspersonen der Partei sind seit Jahren fest im rechtsextremistischen Spektrum verankert und seit der Gr\u00fcndung der Partei bem\u00fcht, den Strukturaufbau weiter voranzutreiben. Das Parteiprogramm lehnt sich zum Teil an Vertreter des sogenannten \"linken\" Nationalsozialismus an und propagiert ein v\u00f6lkisch-antipluralistisches Menschenund Gesellschaftsbild. Es fordert die Erhaltung und Entwicklung der \"biologischen Volkssubstanz\" und die Schaffung eines \"Deutschen Sozialismus\". \"Der III. Weg\" agitiert insgesamt antisemitisch, ausl\u00e4nderfeindlich und revisionistisch. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Positionierung zum v\u00f6lkerrechtlichen russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und zum Nahost-Konflikt Wie schon in den vorangegangenen Jahren betonte die Partei auch im Jahr 2024 weiterhin \u00f6ffentlich ihre Solidarit\u00e4t mit der Ukraine. So nahmen beispielsweise an mehreren Veranstaltungen von \"Der III. Weg\" in Sachsen-Anhalt \"Kameraden\" aus der Ukraine teil. Dabei handelte es sich h\u00e4ufig um Mitglieder der ukrainischen Organisation \"Sokil\".13 Die radikal antiisraelische und antisemitische Ausrichtung der Partei kommt in ihrer Positionierung zu den milit\u00e4rischen Reaktionen Israels auf den Terrorangriff der HAMAS vom 7. Oktober 2023 zum Ausdruck. \"Der III. Weg\" sieht die Schuld f\u00fcr die Eskalation des Nahostkonflikts seit 2023 allein auf israelischer Seite. Am ersten Jahrestag des HAMAS-Angriffs ver\u00f6ffentlichte die Partei auf ihrer Internetseite einen Beitrag mit dem Titel \"Terrorstaat Israel: Bodenoffensive im Libanon gestartet\". Darin hei\u00dft es: \"Erneut zeigt der Judenstaat also, wie viel er auf internationale Beschl\u00fcsse gibt. Die Partei 'Der III. Weg' setzt sich f\u00fcr das Ende aller Waffenlieferungen nach Israel ein. [...] Es wird kein Frieden im Nahen Osten einkehren, solange Israel weiterhin, unterst\u00fctzt durch die Staaten des Westens, seine imperialistische und von einem alttestamentarischen Auserw\u00e4hltenwahn besessene Gewaltpolitik gegen die autochtonen arabischen Nachbarv\u00f6lker fortsetzen kann.\" Weiter bezeichnet die Partei in dem Beitrag die Bundesrepublik Deutschland \"als \"Besatzungskonstrukt der jud\u00e4oplutokratischen Siegerm\u00e4chte\", welche die \"imperialistischen Aggressionen\" des Staates Israel unterst\u00fctzt. Zudem wird Israel in diesem Zusammenhang ebenfalls als ein \"zionistisches Gebilde\" benannt. \u00dcberregionale Aktivit\u00e4ten Zu Beginn des Jahres 2024 unterst\u00fctzte \"Der III. Weg\" medial sehr aktiv die angek\u00fcndigten 13 \"Sokil\" ist die Jugendorganisation der Partei \"Swoboda\" in der Ukraine. Die Partei \"Swoboda\" wird als nationalistisch und neonazistisch eingesch\u00e4tzt. Sie verwendet als Symbolik eine Wolfsangel. Die Jugendorganisation soll sogenannte paramilit\u00e4rische Camps in der Ukraine durchf\u00fchren, wo Jugendliche neben einer ideologischen Schulung auch eine Ausbildung f\u00fcr den Umgang mit Waffen erhalten. 39","Rechtsextremismus Proteste des Deutschen Bauernverbandes und seiner Landesverb\u00e4nde gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung. Dazu ver\u00f6ffentlichte die Partei auf ihren diversen Internetpr\u00e4senzen und in den sozialen Medien Beitr\u00e4ge und Termine der Protestveranstaltungen. Die Partei nutzte die \u00d6ffentlichkeitswirksamkeit dieser Proteste, um unter dem Deckmantel der von ihr proklamierten \"Solidarit\u00e4t mit dem Bauernstand\" ihre rechtsextremistischen Positionen zu verbreiten und der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich zu machen. Am 1. Mai 2024 f\u00fchrte \"Der III. Weg\" in Sonneberg (Th\u00fcringen) eine Demonstration zum \"Arbeiterkampftag\" durch. An der Versammlung nahmen etwa 170 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet teil, darunter etwa zehn Personen aus dem Landkreis Burgenlandkreis und der Region Anhalt. Auf ihrer Homepage ver\u00f6ffentlichte die Partei am 9. November 2024 einen Text mit dem Titel \"Gedenktag: 9. November - Schicksalstag der Deutschen\", der u. a. auf den Mauerfall am 9. November 1989 Bezug nimmt. In dem Text wird betont, dass \"[d]ie Partei 'Der III. Weg' [...] f\u00fcr einen souver\u00e4nen deutschen Staat ein[tritt]\" und \"die friedliche Wiederherstellung Gesamtdeutschlands in seinen v\u00f6lkerrechtlichen Grenzen\" anstrebt. An diesem Beitrag zeigt sich die gebietsrevisionistische Position der Partei, da \"Der III. Weg\" hier das Staatsgebiet des ehemaligen Deutschen Reiches als \"Gesamtdeutschland\" deklariert, was unter anderem Gebiete des heutigen Polen umfasst. Entwicklung und Aktivit\u00e4ten in Sachsen-Anhalt Nicht \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten In Sachsen-Anhalt f\u00fchrten \"Der III. Weg\" und die NRJ eine Reihe von internen Veranstaltungen durch, die im Nachgang zum Teil auf der Internetseite der Partei dokumentiert wurden. Neben Stammtischen und Wanderungen z\u00e4hlten hierzu insbesondere gemeinsame Trainingseinheiten, die im Raum Magdeburg und Burg (Landkreis Jerichower Land) stattfanden. An diesen Aktivit\u00e4ten beteiligten sich zum Teil Funktion\u00e4re, die sich in der Arbeitsgemeinschaft (AG) \"K\u00f6rper und Geist\"14 engagieren, sowie Mitglieder der JN. Teilweise wurden solche internen Veranstaltungen mit Aktivit\u00e4ten zum Zweck der \u00d6ffentlichkeitsarbeit verbunden. So trafen sich laut Angaben, die auf der Internetseite des \"III. Weg\" ver\u00f6ffentlicht wurden, Angeh\u00f6rige der NRJ am 15. November 2024 im Raum Sangerhausen zu einem gemeinsamen Kampfsporttraining; im Anschluss daran habe man zahlreiche Flugbl\u00e4tter mit dem Titel \"Der III. Weg - Aktiv in deiner Region\" in Briefk\u00e4sten sowie an Passanten verteilt. Eine der wichtigsten internen Veranstaltungen der Partei stellt das j\u00e4hrliche \"Heldengedenken\" am Volkstrauertag dar. Am Wochenende um den 16. und 17. November 2024 f\u00fchrte der St\u00fctzpunkt Burgenlandkreis eine entsprechende \"Gedenkfeier\" auf dem Friedhof in Profen in der Gemeinde Elsteraue (Burgenlandkreis) durch; der St\u00fctzpunkt Magdeburg/Altmark veranstaltete eine \"Heldengedenkfeier\" in Magdeburg. Weitere Veranstaltungen zum \"Heldengedenken\" fanden laut Angaben auf dem Telegram-Kanal \"Der III. Weg Harz\" auf dem Friedhof in Sangerhausen und in Lutherstadt Eisleben (beide Landkreis Mansfeld-S\u00fcdharz) statt. 14 Die AG soll nach Parteiangaben vor allem der \"k\u00f6rperlichen Ert\u00fcchtigung\" der Parteimitglieder dienen. Ihr Fokus liegt auf dem Kampfsportbereich. 40","Rechtsextremismus Ein H\u00f6hepunkt der Parteiarbeit in Sachsen-Anhalt war die Ausrichtung des \"2. Sachsen-Anhalt-Tags\". Dieser fand am 20. Juli 2024 auf dem Grundst\u00fcck von Enrico Marx in Allstedt OT Sotterhausen (Landkreis Mansfeld-S\u00fcdharz)15 mit etwa 50 Personen statt. Unter den Teilnehmern waren sowohl Angeh\u00f6rige der St\u00fctzpunkte Burgenlandkreis und Magdeburg/Altmark als auch Parteimitglieder aus Berlin, Brandenburg und Th\u00fcringen. Zudem waren Vertreter der ukrainischen Organisationen \"Sokil\" und \"Centuria\"16 sowie der spanischen Organisation \"Falange\"17 anwesend. Am Nachmittag erfolgte die Gr\u00fcndung des St\u00fctzpunkts Anhalt. Der bei dem Treffen anwesende Bundesvorsitzende Matthias Fischer betonte, dass sich immer mehr \"national-revolution\u00e4re Aktivisten\" in der Region Anhalt f\u00fcr \"Der III. Weg\" engagierten und aufgrund ihrer \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktionen nunmehr die St\u00fctzpunktgr\u00fcndung vollzogen werde. Auf der Homepage von \"Der III. Weg\" wurde am 31. August 2024 ein Beitrag mit dem Titel \"Europ\u00e4ischer Jugendtag der NRJ in Sachsen-Anhalt\" ver\u00f6ffentlicht, aus dem hervorgeht, dass diese Veranstaltung am 17. August 2024 mit einer Teilnehmerzahl von etwa 30 Personen im Landkreis Jerichower Land durchgef\u00fchrt worden sein soll. Zur Veranstaltung hei\u00dft es unter anderem: \"Um sich Kennenzulernen und besser auszutauschen, wurde mit weiteren nationalistischen Gruppen aus dem europ\u00e4ischen Ausland ein Arbeitstreffen organisiert. Neben Vertretern vom Active Club Dietsland (Niederlande) nahmen auch Aktivisten der Organisation Centuria (Ukraine) teil. Mit einem straffen Programm bestehend aus sportlicher Bet\u00e4tigung, Wettk\u00e4mpfen, Redebeitr\u00e4gen und Organisationsveranstaltungen erwartete alle Teilnehmer ein interessanter Tag im Kreise europ\u00e4ischer Nationalisten.\" Dar\u00fcber hinaus wurde auf der Internetseite von \"Der III. Weg\" berichtet, dass Angeh\u00f6rige der NRJ am 24. August 2024 einen \"Jugendtag\" in Anhalt durchgef\u00fchrt haben. Neben einer Wanderung um einen See seien \u00dcbungen zur Selbstverteidigung trainiert worden. \u00d6ffentliche Aktivit\u00e4ten Wie in den zwei vorangegangenen Jahren betrieben die Parteimitglieder der St\u00fctzpunkte Magdeburg/Altmark, Burgenlandkreis und Anhalt im Jahr 2024 weiterhin eine offensive \u00d6ffentlichkeitsarbeit, sowohl in den sozialen Medien als auch auf der Stra\u00dfe (z. B. Verteilen von Flugbl\u00e4ttern). In der Stadt Zeitz (Burgenlandkreis) war \"Der III. Weg\" am 20. April 2024 und am 19. Oktober 2024 mit einem Informationsstand pr\u00e4sent. Wiederholt traten Mitglieder von \"Der III. Weg\" mit homophoben Aktivit\u00e4ten gegen die 15 Zu den Aktivit\u00e4ten von Enrico Marx vgl. auch den Abschnitt \"Rechtsextremistische Szene im Landkreis Mansfeld-S\u00fcdharz\", S. 47. 16 \"Centuria\" ist eine ukrainische rechtsextremistische und militant auftretende Gruppierung, die 2018 gegr\u00fcndet wurde. Sie verwendet Symbolik aus dem antiken Rom. In Deutschland gibt es die \"Centuria Magdeburg\" mit dem Ziel \u00f6ffentlich zu zeigen, dass ukrainische Jugend im Exil f\u00fcr ihre nationale Identit\u00e4t einsteht. 17 \"Falange\" ist eine neonazistische Partei in Spanien, die sehr gute Kontakte zu anderen neonazistischen Parteien in Europa hat. Sie ist Mitglied der \"European National Front\". 41","Rechtsextremismus LGBTQ+-Community in Erscheinung, so etwa beim CSD am 15. Juni 2024 in K\u00f6then (Landkreis Anhalt Bitterfeld). Im Vorfeld der Veranstaltung wurden durch Polizeikontrollen im Stadtgebiet von K\u00f6then Schmierereien mit homophoben Inhalten, darunter \"Fck CSD\", \"God hate Fags\", \"Pedos Raus\" und \"III.\", festgestellt. In den Mittagsstunden wurden von der Polizei 18 Personen auf dem Marktplatz festgestellt, darunter Anh\u00e4nger der JN, der NRJ sowie der \u00f6rtlichen rechtsextremistischen Szene. Gegen diese Personen wurden von der Polizei Platzverweise erlassen. In den Abendstunden w\u00e4hrend des Aufzuges wurden dar\u00fcber hinaus 10 bis 15 Aufkleber von \"Der III. Weg\" festgestellt. Am 31. August 2024 fand der CSD in Zeitz (Burgenlandkreis) statt. Als Gegenprotest meldete der Leiter des St\u00fctzpunktes Burgenlandkreis am selben Tag auf dem Ro\u00dfmarkt in Zeitz einen Informationsstand unter dem Motto \"Gesunde Familien f\u00f6rdern und sch\u00fctzen\" an, an dem sich bis zu 60 Personen, darunter Mitglieder der Partei aus der Region Anhalt, aus dem Burgenlandkreis und aus Magdeburg, beteiligten. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die Partei \"Der III. Weg\" baute in den letzten Jahren kontinuierlich ihre Strukturen in Sachsen-Anhalt aus. Mittlerweile existieren seit der Gr\u00fcndung des St\u00fctzpunktes Anhalt am 20. Juli 2024 drei St\u00fctzpunkte (Anhalt, Burgenlandkreis und Magdeburg/Altmark). Das Personenpotenzial ist innerhalb des Berichtszeitraums von 60 auf 100 Personen gestiegen. Es bestehen gute Verbindungen zu den St\u00fctzpunkten von \"Der III. Weg\" in Brandenburg und Berlin. \"Der III. Weg\" ist in den sozialen Medien sehr aktiv. Auf insgesamt vier Telegram-Kan\u00e4len berichtete die Partei \u00fcber ihre Aktivit\u00e4ten in Sachsen-Anhalt. Dabei nahm die Berichterstattung \u00fcber das Verteilen von Flugbl\u00e4ttern im gesamten Bundesland einen besonders gro\u00dfen Stellenwert ein. Bei ihren Aktionen konzentrierte sich die Partei im Jahr 2024 eher auf kleinere, dezentrale Veranstaltungen im l\u00e4ndlichen Raum. Aktuell scheint die Partei einen besonderen Fokus auf die Rekrutierung von jungen Menschen zu legen. Der Ausbau der Jugendorganisation NRJ wurde in Sachsen-Anhalt vorangetrieben. Im Jahr 2024 nahmen die gezielt an Jugendliche und junge Erwachsene gerichteten Aktivit\u00e4ten der NRJ weiter zu. Auch das Personenpotenzial der NRJ ist im Berichtszeitraum angestiegen. Die NRJ agiert in Sachsen-Anhalt nicht selbst\u00e4ndig, sondern scheint sich eher als \"Dienstleister\" der Partei zu bet\u00e4tigen. Bei vielen Mitgliedern der Partei besteht eine hohe Kampfsportaffinit\u00e4t. So finden regelm\u00e4\u00dfig Kampfsportveranstaltungen der AG \"K\u00f6rper und Geist\" statt, bei denen laut eigenen Angaben vornehmlich Verteidigungstechniken trainiert werden. Die Agitation gegen Migranten und die LGBTQ+-Community und das Thema \"Familienschutz\" wird die \u00f6ffentliche Agenda der Partei auch in der n\u00e4heren Zukunft bestimmen. Zudem wird \"Der III. Weg\" auch k\u00fcnftig versuchen, Themen wie \"Jugend Voran\", Umweltschutz sowie Heimatliebe zu besetzen und mit sogenannten \"Streifeng\u00e4ngen\" von \"B\u00fcrgerwachen\" versuchen, B\u00fcrgern\u00e4he zu zeigen. 42","Rechtsextremismus PARTEIUNGEBUNDENER, VORNEHMLICH NEONAZISTISCH GEPR\u00c4GTER RECHTSEXTREMISMUS Gr\u00fcndung Neonazistische Organisationen etablierten sich insbesondere in den 1970er Jahren und existieren in Sachsen-Anhalt seit der Wiedervereinigung. Verbreitung Bundesweit Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land 250 290 Bund 8.500 8.50018 Struktur / Die rechtsextremistische Szene hat sich in den letzten Jahren Aufbau modernisiert und passt sich der gesellschaftlichen Entwicklung an. Die heterogene neonazistische Szene in Sachsen-Anhalt agiert weiterhin in aktionsorientierten, regionalen Gruppierungen, die teilweise durch unterschiedliche ideologische Str\u00f6mungen des Rechtsextremismus charakterisiert sind. Gruppenbezeichnungen wie \"Kameradschaften\", \"Aktionsb\u00fcndnisse\" oder \"Bruderschaften\" suggerieren eine Handlungsbereitschaft und deuten auch auf eine Gewaltorientierung hin. Im Berichtsjahr waren regionale Personenzusammenschl\u00fcsse in der Altmark, im Burgenlandkreis, im Raum Anhalt sowie in den Landkreisen Harz und Mansfeld-S\u00fcdharz aktiv. Diese verf\u00fcgen zwar kaum \u00fcber feste Strukturen, sind aber gut miteinander vernetzt, so dass eine gemeinsame Mobilisierung, insbesondere zu einzelnen Veranstaltungen, m\u00f6glich ist. Einzelpersonen mit \u00fcberregionalen und organisations\u00fcbergreifenden Kontakten nehmen in diesen Gruppierungen eine F\u00fchrungsrolle ein. Es bestehen Kontakte zu der rechtsextremistischen Partei \"Der III. Weg\" sowie zahlreiche personelle \u00dcberschneidungen zwischen der parteiungebundenen Szene und den JN.19 Neonazis bilden den gr\u00f6\u00dften Teil der parteiungebundenen rechtsextremistischen Szene. Das Personenpotenzial umfasst dabei sowohl Gruppierungen mit einem subkulturellen \"Einschlag\" als auch Gruppierungen, die f\u00fcr ideologische Varianten des Nationalsozialismus und die \u00dcbernahme neuer Verhaltensweisen aufgeschlossen sind, sowie Gruppierungen, die den historischen Nationalsozialismus verherrlichen. Oft werden die Zusammenschl\u00fcsse vorrangig von einzelnen Akteuren geeint und zur Zusammenarbeit untereinander gesteuert. 18 Die Angabe 8.500 umfasst das gesamte Potenzial parteiunabh\u00e4ngiger bzw. parteiungebundener Strukturen. 19 Vgl. hierzu die Abschnitte \"Der III. Weg\" und \"Die Heimat\" in dem Unterkapitel \"Rechtsextremistisches Parteienspektrum\", S. 33 ff. u. S. 38 ff. 43","Rechtsextremismus Ver\u00f6ffentlichungen Web-Angebote: diverse, teils wechselnde Auftritte in den sozialen Medien (vor allem Instagram, TikTok, X mit verst\u00e4rkter Nutzung von geschlossenen Gruppenchats, aber auch TelegramKan\u00e4le zur Kommunikation mit der \u00d6ffentlichkeit) Publikation: Zeitschrift \"N.S.Heute\" Finanzierung Zumeist unterhalten parteiungebundene Personenzusammenschl\u00fcsse eine sogenannte \"Gruppenkasse\". Es werden mitunter auch Spendengelder gesammelt. Bei Veranstaltungen (z. B. Vortr\u00e4gen, Rechtsschulungen oder Musikveranstaltungen) zahlen Teilnehmer in der Regel einen Unkostenbeitrag bzw. Eintritt. Einige Gruppierungen bewerben eigene Merchandise-Produkte in Form von Bekleidung und Aufklebern. Kurzportrait / Ziele Neonazis stehen in der ideologischen Tradition des historischen Nationalsozialismus. Sie treten bei geschichtstr\u00e4chtigen Ereignissen, vornehmlich aus der Zeit des Dritten Reiches, oder bei der Glorifizierung einzelner prominenter Nationalsozialisten auch \u00f6ffentlichkeitswirksam in Erscheinung (z. B. bei \"Trauerm\u00e4rschen\" zum Gedenken an die Zerst\u00f6rung deutscher St\u00e4dte im Zweiten Weltkrieg, bei dem sogenannten \"Tag der Ehre\" in Ungarn, bei Feiern anl\u00e4sslich des Geburtstags von Adolf Hitler am 20. April, bei Veranstaltungen zum 1. und 8. Mai sowie bei \"Sonnenwendfeiern\" oder anderen Veranstaltungen zum Zweck der germanischen \"Brauchtumspflege\"). Der Neonazismus ist bem\u00fcht, sich den gesellschaftlichen Gegebenheiten, insbesondere im Hinblick auf aktuelle sozialoder gesellschaftspolitische Fragen, stetig anzupassen. Tagespolitische Themen werden in den sozialen Medien und auf der Stra\u00dfe aufgegriffen und zum Zweck der Propagierung des neonazistischen Weltbildes instrumentalisiert. Grund der Beobachtung Neonazistische Gruppierungen zeichnen sich durch eine vor allem von Rassismus und Antisemitismus gepr\u00e4gte Ideologie aus, welche sich am Nationalsozialismus orientiert und somit im Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung steht. Teile der Bev\u00f6lkerung werden als minderwertig angesehen; ihre verfassungsrechtlich verbrieften Grundrechte, wie die Menschenw\u00fcrdegarantie und die Gleichheit vor dem Gesetz, werden ihnen in der Konsequenz abgesprochen. Die geschichtsrevisionistische Umdeutung oder Relativierung des Nationalsozialismus geh\u00f6rt zu den zentralen Ideologemen des deutschen Neonazismus. Aufgrund ihrer Vorstellung von einer antipluralistischen Gesellschaft und einem autorit\u00e4ren Staat, in dem politischen Gegnern als \"Feinden\" das Existenzrecht abgesprochen wird, ist Neonazis eine grunds\u00e4tzliche Gewaltorientierung zuzuschreiben. Gewalt gegen \"Fremde\" und \"Feinde\" wird auf dieser Basis legitimiert. 44","Rechtsextremismus Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Reorganisation der neonazistischen Szene im Harz unter Alexander Deptolla Nachdem der bundesweit bekannte Rechtsextremist Alexander Deptolla, ein Mitbegr\u00fcnder des Kampfsportlabels \"Kampf der Nibelungen\", bereits im Jahr 2023 seinen Lebensmittelpunkt sowie seine Firma \"Tremonia Druck\" in den Landkreis Harz verlagert hatte20, ist er seit Fr\u00fchjahr 2024 offiziell in Halberstadt (Landkreis Harz) gemeldet. Hier gelang es ihm und weiteren (insbesondere aus Dortmund stammenden) Rechtsextremisten im Berichtszeitraum, sich mit langj\u00e4hrigen Protagonisten der regionalen neonazistischen Szene zu vernetzen. Mittlerweile hat sich Alexander Deptolla zu einer relevanten Figur f\u00fcr die gesamte rechtsextremistische Szene Sachsen-Anhalts entwickelt. Alexander Deptolla und seinem Umfeld gelang es im Berichtszeitraum, zunehmend Einfluss auf die seit 2022 regelm\u00e4\u00dfig montags in Halberstadt stattfindenden Versammlungen unter dem Motto \"F\u00fcr die Zukunft unserer Kinder\" zu nehmen. Zum Ende des Jahres 2024 wurden bei diesen Versammlungen regelm\u00e4\u00dfig Banner mit rechtsextremistischen Aussagen gezeigt, rechtsextremistische Parolen gerufen und Gastredner anderer Neonazis um Alexander Deptolla nutzten am 8. April 2024 eine regelm\u00e4\u00dfig stattfindende Versammlung in Halberstadt rechtsextremistischer Personenzusamf\u00fcr eine \"Gedenkaktion\" anl\u00e4sslich des Jahrestags der menschl\u00fcsse eingeladen. Am 8. April Bombardierung der Stadt am Ende des Zweiten Weltkriegs 2024, dem 79. Jahrestag der Bombardierung der Stadt Halberstadt im Zweiten Weltkrieg, nutzten rund 30 zum Teil \u00fcberregional angereiste Rechtsextremisten unter der F\u00fchrung Alexander Deptollas die Versammlung f\u00fcr eine rechtsextremistische Gedenkveranstaltung. In weitgehend einheitlicher schwarzer Kleidung trug die Gruppe ein Transparent mit der Aufschrift \"Wir gedenken der Toten von Halberstadt/ 08.04.1945\" vor sich her. Eine Distanzierung von den rechtsextremistischen Versammlungsteilnehmern von Seiten der Anmelderin oder des Versammlungsleiters gab es nicht. Im Gegenteil, die \"Gedenkaktion\" wurde von der Versammlungsleitung explizit begr\u00fc\u00dft. Seit Herbst 2024 wurde die rechtsextremistische Einflussnahme auf die Versammlung immer deutlicher sichtbar. So f\u00fchrten rechtsextremistische Teilnehmer, die nun regelm\u00e4\u00dfig in einem gemeinsamen \"Block\" an den Versammlungen teilnahmen, ein Transparent mit der Aufschrift \"Staatlich gef\u00f6rderten Terror stoppen. AnRechtsextremistische Versammlungsteilnehmer mit JNTransparent im November 2024 in Halberstadt 20 Vgl. hierzu Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2023. Magdeburg 2024, S. 88. 45","Rechtsextremismus tifagruppen zerschlagen!\" mit. Im November 2024 trat der bundesweit bekannte Rechtsextremist Michael Br\u00fcck (Sachsen), der mittlerweile Pressesprecher der rechtsextremistischen Partei \"Freie Sachsen\"21 ist, als Redner auf. Vertreter der \"Jungen Nationalisten\" (JN)22 beteiligten sich mit einem Banner, auf dem auch das Logo der JN abgebildet war, an der Versammlung. Im gesamten Berichtszeitraum distanzierte sich die Versammlungsleitung weder von den gezeigten Bannern mit eindeutig rechtsextremistischen Aufschriften noch unterband sie die Reden von bundesweit bekannten Rechtsextremisten. Somit gelang es Alexander Deptolla und seinem Umfeld in einem Zeitraum von weniger als einem Jahr, die regelm\u00e4\u00dfig stattfindenden Protestveranstaltungen zun\u00e4chst rechtsextremistisch zu beeinflussen und sie schlie\u00dflich im Sinne ihrer rechtsextremistischen Ideologie zu pr\u00e4gen. Auch abseits des w\u00f6chentlichen Versammlungsgeschehens in Halberstadt f\u00fchrten Alexander Deptolla und sein Umfeld im Jahr 2024 nicht nur zahlreiche rechtsextremistische Szeneveranstaltungen (u. a. Rechtsschulungen, Liederabende und Kranzniederlegungen an f\u00fcr die rechtsextremistische Szene bedeutsamen Jahrestagen) innerhalb Sachsen-Anhalts durch, an denen sich mehrfach Szeneangeh\u00f6rige aus verschiedenen Bundesl\u00e4ndern beteiligten. Angeh\u00f6rige der Gruppe nahmen auch an deutschlandund europaweiten rechtsextremistischen Szeneveranstaltungen wie dem \"Lukov\"-Marsch in Bulgarien und dem \"Tag der Ehre\" in Ungarn, an Vernetzungstreffen der JN in Niedersachsen sowie an Versammlungen der Partei \"Die Heimat\" in ihrer Heimatstadt Dortmund teil. Berichte und Bilder, die diese Veranstaltungen dokumentieren, werden gezielt in den sozialen Netzwerken unter dem Namen \"Harz verteidigen\" geteilt und dienen neben der Verbreitung der eigenen Ideologie auch der Gewinnung neuer, insbesondere junger und internetaffiner Anh\u00e4nger. Bei zahlreichen in den vergangenen Jahren entstandenen Accounts mit Bezeichnungen wie \" [...] verteidigen\" oder \"[...] Revolte\" handelt es sich um eine bundesweit koordinierte Kampagne der rechtsextremistischen Szene, mit der wiedererkennbare und einheitliche Social-Media-Auftritte lokaler rechtsextremistischer Gruppierungen geschaffen werden sollen, die sich untereinander best\u00e4rken. Die Auftritte werden dabei jeweils an lokale Gegebenheiten angepasst. Gruppen mit entsprechenden Accounts existieren beispielsweise auch in den L\u00e4ndern Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Die Vernetzungskraft von Alexander Deptolla zeigte sich in einer ma\u00dfgeblich von ihm organisierten und ausgerichteten versammlungsrechtlichen Aktion, die am 21. Dezember 2024 in Reaktion auf die Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt vom Vortag stattfand. Die Versammlung unter dem Motto \"Gegen den Terror\" wurde mit rund 2.100 Teilnehmern und zahlreichen Bannern, auf denen u. a. die rechtsextremistische Forderung nach \"Remigration\" zu lesen war, in der Magdeburger Innenstadt durchgef\u00fchrt. Zwar waren unter den Teilnehmern auch Personen, die nicht aus dem rechtsextremistischen Spektrum stammten 21 Wie Alexander Deptolla war auch Michael Br\u00fcck in der Dortmunder Neonazi-Szene aktiv gewesen, bevor er seinen Lebensmittelpunkt nach Ostdeutschland verlagerte. Zu der Partei \"Freie Sachsen\" und Br\u00fccks Rolle siehe S\u00e4chsisches Staatsministerium des Innern und Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Sachsen (Hrsg.): S\u00e4chsischer Verfassungsschutzbericht 2023. Dresden 2024, S. 41 ff. 22 Zur JN siehe S. 36. 46","Rechtsextremismus und die Versammlung bereits kurz nach Beginn wieder verlie\u00dfen; doch war ein Kern von mehreren hundert Rechtsextremisten auf der Versammlung festzustellen, die nicht allein aus SachsenAnhalt stammten, sondern bundesweit angereist waren. Am Abend nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt Die Teilnehmer kamen zum am 20. Dezember 2024 versammelten sich hunderte Neonazis zu einer gro\u00dfen Teil aus dem Umfeld fremdenfeindlichen Kundgebung in der Magdeburger Innenstadt. der Partei \"Die Heimat\" und der JN, was auch anhand der im Rahmen der Kundgebung gezeigten Flaggen und Transparente erkennbar war. Mit dieser Kundgebung organisierte Alexander Deptolla innerhalb eines Tages eine der bundesweit gr\u00f6\u00dften rechtsextremistischen Versammlungen des Jahres 2024. Die Pr\u00e4senz der Bundesvorsitzenden der rechtsextremistischen Parteien \"Die Heimat\" und \"DIE RECHTE\", Peter Schreiber (Sachsen) und Christian Worch (Mecklenburg-Vorpommern), sowie der bundesweit bekannten Rechtsextremisten Sascha Krolzig (Nordrhein-Westfahlen), Thorsten Heise, Sebastian Schmidtke und Christian Klar (alle Th\u00fcringen) bei der Versammlung illustriert Alexander Deptollas Bedeutung innerhalb der rechtsextremistischen Szene. Rechtsextremistische Szene im Landkreis Mansfeld-S\u00fcdharz Aktivit\u00e4ten der Szene um Enrico Marx Als rechtsextremistischer Veranstaltungsort hat das Grundst\u00fcck des Rechtsextremisten Enrico Marx in Allstedt OT Sotterhausen f\u00fcr die Szene an Attraktivit\u00e4t verloren. Die Zahl der Veranstaltungen in dem Objekt nahm im Berichtszeitraum deutlich ab. Trotzdem fanden dort weiterhin Musikund Sportveranstaltungen, Sonnenwendfeiern sowie Veranstaltungen der JN und der Partei \"Der III. Weg\" statt. Anders als in den Vorjahren wurden diese Veranstaltungen allerdings nicht vorab angek\u00fcndigt, denn die Zunahme von staatlichen Ma\u00dfnahmen und damit verbundene finanzielle Einbu\u00dfen zwangen die Veranstalter zur Konspiration. Als Beispiele f\u00fcr Veranstaltungen, die in dem Objekt stattfanden, sind neben dem \"2. SachsenAnhalt-Tag\" von \"Der III. Weg\" am 20. Juli 2024 zwei Feiern am 4. Februar 2024 und am 9. M\u00e4rz 2024 von Personen der lokalen rechtsextremistischen Szene und aus benachbarten Bundesl\u00e4ndern mit einer Personenanzahl im niedrigen zweistelligen Bereich zu nennen. Aktivit\u00e4ten zum Questenfest Das allj\u00e4hrlich zu Pfingsten in der Gemeinde S\u00fcdharz OT Questenberg stattfindende Questenfest wird seit Jahren auch von Rechtsextremisten unterschiedlicher Str\u00f6mungen - sowohl von Neonazis als auch von Personen der \"Neuen Rechten\" - aufgesucht. Die Queste23 wird von den rechtsextremistischen Besuchern mit der germanischen Mythologie in Verbindung gebracht und daher zum Anlass genommen, Brauchtumspflege \u00f6ffentlich darzustellen. 23 Die Queste besteht aus einem etwa zehn Meter hohen Baumstamm, an dem ein Kranz aus Reisig befestigt ist. An den Enden des Kreuzes werden Reisigb\u00fcndel (die Quasten) befestigt. Die Queste wird mit der germanischen Mythologie in Verbindung gebracht, denn sie \u00e4hnelt der Irminsul (Irmens\u00e4ule). Die Urspr\u00fcnge und der eigentliche Sinn des Questenfestes sind bis heute unklar. 47","Rechtsextremismus Das teilnehmende rechtsextremistische Personenpotenzial lag im Jahr 2024 im mittleren zweistelligen Bereich. Es wurden Rechtsextremisten aus Baden-W\u00fcrttemberg, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Th\u00fcringen vor Ort festgestellt. Das Questenfest ist ein Anlaufpunkt f\u00fcr verschiedene kleinere rechtsextremistische Personengruppen und Einzelpersonen, die das Fest f\u00fcr sich begehen und sich vor Ort begegnen. So wurden beispielsweise am 18. Mai 2024 an der \"Alten Schule Questenberg\" mehrere Personen in v\u00f6lkischer Kleidung festgestellt. Unter ihnen befand sich Jens Lange (Mitglied der AfD), der Besitzer dieser Immobilie. In den Nachmittagsstunden des 19. Mai 2024 (Pfingstsonntag) hielt sich eine Gruppe von Angeh\u00f6rigen der JA Sachsen-Anhalt im Bereich der Burgruine Questenberg auf. Auf dem Telegram-Kanal \"Junge Alternative Sachsen-Anhalt\" wurde ein Gruppenfoto hierzu gepostet; demnach hatten etwa 15 Angeh\u00f6rige der JA den Aufstieg zur Queste absolviert. Ebenfalls am 19. Mai 2024 trat der v\u00f6lkische Liedermacher \"Andi Hoffnung\" (Sachsen) in der Gastst\u00e4tte \"Zur Queste\" auf. Diese Musikveranstaltung besuchten in der Spitze bis zu 80 Personen, darunter mehrere Rechtsextremisten wie Marla Svenja Liebich (Sachsen) und Mitglieder der JA Sachsen-Anhalt. Am 20. Mai 2024 (Pfingstmontag) begann in den Mittagsstunden der Umzug mit den Traditionsfahnen zur Queste. Unter den Teilnehmenden war der bekannte Rechtsextremist Nikolai Nehrling (Niedersachen) mit Familienangeh\u00f6rigen. Rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten von Marla Svenja Liebich 24 Nachdem Marla Svenja Liebich im Juli 2023 vom Amtsgericht Halle (Saale) wegen Delikten wie Volksverhetzung, Beleidigung, Hausfriedensbruch und \u00fcbler Nachrede zu einer Haftstrafe von anderthalb Jahren ohne Bew\u00e4hrung verurteilt worden war,25 nahmen ihre Aktivit\u00e4ten im Berichtsjahr weiter ab. Bis M\u00e4rz 2024 nahm sie weiter an ihren turnusm\u00e4\u00dfig angemeldeten Versammlungen in der Stadt Halle (Saale) teil. Danach wurden diese von einem langj\u00e4hrigen Mitstreiter geleitet. Inhaltlich waren die Versammlungen weiterhin von der Stimmungsmache gegen Migranten und scharfer Kritik an der Politik der Bundesregierung gepr\u00e4gt. Die Teilnehmerzahlen bei den Versammlungen lagen im niedrigen zweistelligen Bereich. Die von Marla Svenja Liebich in den vergangenen Jahren f\u00fcr samstags angemeldeten Versammlungen unter dem Motto \"Die Revolution ist noch nicht zu Ende\" fanden seit dem Sommer nicht mehr statt. Aktivit\u00e4ten zum Jahrestag alliierter Luftangriffe auf Magdeburg im Zweiten Weltkrieg Wie bereits im Jahr zuvor kam es auch am 16. Januar 2024 nicht zu einer organisations\u00fcbergreifenden gr\u00f6\u00dferen Kundgebung der rechtsextremistischen Szene anl\u00e4sslich des Jahrestags der Bombardierung Magdeburgs im Zweiten Weltkrieg. Stattdessen wurden vereinzelt kleinere dezentrale Aktionen wie Kranzniederlegungen oder Mahnwachen durchgef\u00fchrt. In 24 Seit November 2024 ist Sven Liebich nach dem Gesetz \u00fcber die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag Marla Svenja Liebich zu nennen. 25 Am 2. August 2024 best\u00e4tigte das Landgericht Halle die Entscheidung des Amtsgerichts, woraufhin Marla Svenja Liebich gegen die Entscheidung Revision einlegte. Die von Marla Svenja Liebich eingelegte Revision wurde vom Oberlandesgericht Naumburg am 14. Mai 2025 verworfen. Somit ist das Urteil des Amtsgericht Halle (Saale) rechtskr\u00e4ftig. 48","Rechtsextremismus den Abendstunden des 16. Januar 2024 fanden sich z. B. rund 30 Angeh\u00f6rige der lokalen rechtsextremistischen Szene zu einer unangemeldeten Gedenkaktion auf dem Magdeburger Domplatz ein, um dort Kerzen zu entz\u00fcnden. An dieser Aktion beteiligten sich auch Alexander Deptolla und weitere Szeneangeh\u00f6rige aus dem Landkreis Harz. V\u00f6lkische Siedlungsbestrebungen Im Rahmen der Beobachtung rechtsextremistischer Aktivit\u00e4ten sind der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde sogenannte v\u00f6lkische Siedlungsbestrebungen bekannt geworden. V\u00f6lkische Siedlungsbestrebungen sind begrifflich bisher nicht abschlie\u00dfend definiert. Es gibt Gemeinschaften, die ihre \u00dcberzeugungen ohne Anspruch auf eine politisch-gesellschaftliche Umgestaltung ausleben; sie gelten nicht als verfassungsfeindliche Bestrebungen. Daneben k\u00f6nnen f\u00fcr den Verfassungsschutz relevante rechtsextremistische Siedlungsbestrebungen detektiert werden. Derartige Bestrebungen liegen vor, wenn Akteure aus dem rechtsextremistischen Spektrum gezielt versuchen, R\u00fcckzugsr\u00e4ume zu schaffen, indem geografische Gebiete durch Zuzug und/oder ideologische/kulturelle Pr\u00e4gung vereinnahmt werden. V\u00f6lkische Siedler pflegen eine naturorientierte, \u00f6kologische Lebensweise und lassen sich daher vorrangig in l\u00e4ndlich gepr\u00e4gten Gebieten nieder. Sie vertreten zumeist nationalistische, rassistische, antisemitische und/oder homophobe Ansichten. Einige rechtsextremistische Akteure der v\u00f6lkischen Siedlungsbestrebungen k\u00f6nnen der \"Anastasia-Bewegung\" zugerechnet werden, einer esoterisch-\u00f6kologischen, neu-religi\u00f6sen Bewegung, die urspr\u00fcnglich aus Russland stammt und seit einigen Jahren versucht, auch in Deutschland lokale Strukturen, sogenannte \"Familienlandsitze\", aufzubauen. Die \"AnastasiaBewegung\" ist ein sehr heterogenes internationales Netzwerk, das sich aus verschiedenen Einzelpersonen und Organisationen zusammensetzt. Die ideologische Grundlage der Bewegung bildet die zehnb\u00e4ndige \"Anastasia\"-Buchreihe von Wladimir Megre, die ein v\u00f6lkisches und antisemitisches Weltbild propagiert. So wird beispielsweise in der Romanreihe das Narrativ der j\u00fcdischen Weltverschw\u00f6rung aufgegriffen, wenn dort behauptet wird: \"Die meisten Ver\u00f6ffentlichungen zum Thema 'Juden', die mir in die H\u00e4nde gefallen sind, haben auf mich einen recht primitiven Eindruck gemacht. Fast alle laufen auf die Feststellung der gleichen Tatsachen hinaus: 'Die Juden haben die Presse verschiedener L\u00e4nder unter ihre Kontrolle gebracht'; 'das Fernsehen ist von Grund auf j\u00fcdisch'; 'der Geldfluss in der Welt wird zum gr\u00f6\u00dften Teil von Juden kontrolliert'. Das ist alles so, keine Frage, auch im heutigen Russland. Aber dies allein ist nicht mehr als eine Feststellung von Tatsachen.\"26 Ein Akteur der \"Anastasia\"-Siedlungsbestrebungen in Deutschland ist der Verein \"Weda Elysia e. V.\" (Weda Elysia) mit Sitz in Blankenburg, Ortsteil Wienrode (Landkreis Harz). Der Verein, dem etwa 20 Personen angeh\u00f6ren, strebt den Aufbau einer eigenen FamilienlandsitzSiedlung an und hat zu diesem Zweck die ehemalige Dorfsch\u00e4nke im Ortskern von Wienrode erworben, um diese zu renovieren und zu einem Kulturzentrum auszubauen. Im Mai 2023 wurde auf diesem Gel\u00e4nde eine \"Kaffeeund Trachtenstube\" er\u00f6ffnet, die in selbstorganisierten Veranstaltungen mit eingebunden ist. In seiner Publikation \"Weda Elysia - Fahrt ins Para26 Wladimir Megre: Anastasia. Band 8.1: Neue Zivilisation. G\u00fcllesheim 2005, S. 138. 49","Rechtsextremismus dies\" macht der Verein unmissverst\u00e4ndlich deutlich, dass er sich auf Wladimir Megres \"Anastasia\"-Buchreihe beruft. \"Weda Elysia\" strebt nach einem \"autarken Leben\" in der Siedlungsgemeinschaft, nach einer R\u00fcckkehr zu einem urspr\u00fcnglichen, freien und individuellen Leben im Einklang mit der Natur. Die als \"unfrei\" empfundene Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland wird als negativer Gegenpol zu der Utopie einer unabh\u00e4ngigen FamilienlandsitzSiedlung wahrgenommen. Aus der Perspektive der Anh\u00e4nger des Vereins steht die ausschlie\u00dflich positive, sinnerf\u00fcllte Welt von \"Weda Elysia\" einer g\u00e4nzlich von Leid und Krieg gepr\u00e4gten, von b\u00f6sen Hintergrundm\u00e4chten beherrschten Au\u00dfenwelt gegen\u00fcber. Ein derart simplifizierendes Schwarz-Wei\u00df-Denken ist ein typisches Merkmal extremistischer Argumentationsmuster. \"Weda Elysia\" strebt eine politisch-gesellschaftliche Ver\u00e4nderung der Gesellschaft an. Auf mehreren Ebenen, sowohl politisch als auch zivilgesellschaftlich, versucht der Verein, seinen Einfluss auf die lokale Gemeinschaft zu vergr\u00f6\u00dfern, um den Ruf eines K\u00fcmmerers vor Ort zu erwerben. Der Verein pflegt Kontakte zu anderen Rechtsextremisten, z. B. zu Funktionsund Mandatstr\u00e4gern der AfD Sachsen-Anhalt. Auch im Jahr 2024 setzte der Verein seine Bem\u00fchungen fort, aktiv am politischen und gesellschaftlichen Leben in Wienrode teilzuhaben, um seine Akzeptanz in der Bev\u00f6lkerung vor Ort zu erh\u00f6hen. Bereits im November 2023 war es Anja Maria Schulz, einem f\u00fchrenden Mitglied von \"Weda Elysia\", bei einer Erg\u00e4nzungswahl des Ortschaftsrates von Wienrode gelungen, ein Mandat zu erringen. Bei der Kommunalwahl am 9. Juni 2024 konnte sie dieses Mandat verteidigen und dar\u00fcber hinaus einen Sitz im Stadtrat Blankenburg f\u00fcr die AfD-Fraktion erlangen. \u00dcberdies gewann ein weiteres Mitglied von \"Weda Elysia\" bei der Kommunalwahl ein Mandat im Ortschaftsrat von Wienrode. Mit zahlreichen vermeintlich unpolitischen Veranstaltungen (z. B. einem Maitanz, einer Kr\u00e4uterwanderung, einem Lindenfest, Liederabenden und einem Julmarkt), die vornehmlich im \"Haus Lindenquell\" und auf dem dazugeh\u00f6rigen Gel\u00e4nde stattfanden, trat \"Weda Elysia\" im Berichtszeitraum erneut \u00f6ffentlich in Erscheinung. Dar\u00fcber hinaus setzte der Verein sein Engagement gegen den Bau von Windkraftanlagen in der Harzregion fort. Mitglieder von \"Weda Elysia\" wirken in dem Verein \"Sch\u00f6ne Harzer Heimat\" mit, der seinen Widerstand gegen die Nutzung von Windenergie im Harz mit dem Naturund Artenschutz begr\u00fcndet. \"Weda Elysia\" ist erkennbar darum bem\u00fcht, eine f\u00fchrende Rolle als zivilgesellschaftlicher Akteur gegen Windenergie in der Harzregion zu \u00fcbernehmen. Mit der Besetzung umweltpolitischer Themen versucht der Verein, seine rechtsextremistische Ideologie verschleiert zu transportieren und in der Gesellschaft zu verankern. 50","Rechtsextremismus Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die neonazistische Szene in Sachsen-Anhalt war in den vergangenen Jahren von informellen Personenzusammenschl\u00fcssen gepr\u00e4gt. Diese Gruppierungen treten kurzlebig und oft zun\u00e4chst nur im virtuellen Raum in Erscheinung. Der Einsatz sozialer Medien spielt mittlerweile eine zentrale Rolle f\u00fcr die Rekrutierung neuer Szeneangeh\u00f6riger. Insbesondere bei Instagram, TikTok und Telegram sind Chatgruppen aktiv, die f\u00fcr Aktionen und Demonstrationen mobilisieren und damit vor allem eine jugendliche Klientel ansprechen. Das Personenpotenzial der neonazistischen Szene ist im Jahr 2024 angestiegen. Grund hierf\u00fcr ist vor allem der Zuzug bekannter Szeneangeh\u00f6riger nach Sachsen-Anhalt, die die regionalen Szenen in Sachsen-Anhalt reaktivieren, mobilisieren und neue, meist junge Anh\u00e4nger f\u00fcr die Szene rekrutieren. Ein weiterer Grund f\u00fcr den Anstieg des Personenpotenzials d\u00fcrfte das Erstarken der JN und der NRJ sein, die als Jugendorganisationen der in SachsenAnhalt aktiven neonazistischen Parteien \"Die Heimat\" und \"Der III. Weg\" als eine Art Scharnier zum parteiungebundenen Spektrum der neonazistischen Szene fungieren. Beiden Organisationen gelang es, in den letzten Monaten vornehmlich sehr junge Akteure f\u00fcr ihre Aktivit\u00e4ten zu gewinnen. Bei \u00f6ffentlichen Veranstaltungen zeigen sich die engen Vernetzungen innerhalb der Szene. Unter dem Eindruck der Amokfahrt vom 20. Dezember 2024 in Magdeburg gelang es der neonazistischen Szene in Sachsen-Anhalt unter F\u00fchrung Alexander Deptollas, eine zentrale Gro\u00dfveranstaltung mit deutschlandweiter und organisations\u00fcbergreifender Mobilisierung zu organisieren. Somit scheint es, als habe die Szene insbesondere dank der Pr\u00e4senz derart organisationsstarker Einzelpersonen nach mehreren Jahren organisatorischer Schw\u00e4che wieder die F\u00e4higkeit entwickelt, \u00fcberregional f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Versammlungen in Sachsen-Anhalt zu mobilisieren. Ob die in den Vorjahren gezeigte Mobilisierungsschw\u00e4che der Szene damit nachhaltig \u00fcberwunden wird, l\u00e4sst sich noch nicht beurteilen. 51","Rechtsextremismus WEITGEHEND UNSTRUKTURIERTES RECHTSEXTREMISTISCHES PERSONENPOTENZIAL (Gewaltbereiter Rechtsextremismus / Rechtsterrorismus) Gr\u00fcndung Im Zuge der Erosion der bis dahin klar abgrenzbaren Erscheinungsformen des Rechtsextremismus in Gestalt von Neonazis, Parteienspektrum und Skinheads der 1990er Jahre bildete sich in den letzten Jahren eine als vielschichtig zu charakterisierende Szene heraus, die sich unterschiedlicher Aktionsund Organisationsformen bedient. Verbreitung Bundesweit Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land 970 1.100 Bund 17.000 18.000 Struktur / Neben gewaltbereiten Einzelpersonen tritt das weitgehend unAufbau strukturierte Personenpotenzial in regional verankerten Personenzusammenschl\u00fcssen oder virtuellen Gruppen auf, teilweise mit \u00fcberregionaler Vernetzung. Es sind dabei auch regionale Strukturformen festzustellen, die urspr\u00fcnglich in der neonazistischen Szene vorherrschten oder denen der Rockerszene \u00e4hneln. Die in diesem Spektrum verorteten Rechtsextremisten treten mit dem Planen und Durchf\u00fchren von Versammlungen, Konzerten, Liederabenden oder anderen Szeneveranstaltungen in Erscheinung. Daf\u00fcr nutzen sie \u00fcberwiegend soziale Netzwerke und Messengerdienste zum Zwecke der schnellen Mobilisierung. Ver\u00f6ffentlichungen Messengerdienste und soziale Netzwerke Kurzportrait / Ziele Das Personenpotenzial der weitgehend unstrukturierten rechtsextremistischen Szene weist ein sehr heterogenes Erscheinungsbild auf und bedient diverse Aktionsfelder. Es zeichnet sich durch eine hohe Gewaltbereitschaft aus. Die Personenzusammenschl\u00fcsse dieses Spektrums der rechtsextremistischen Szene handeln mitunter wie tempor\u00e4r angelegte Projekte. Im Zuge der zu beobachtenden Verj\u00fcngung der Szene ist eine Zunahme der aktionsorientierten Motivation zu verzeichnen, da gerade bei j\u00fcngeren Szeneangeh\u00f6rigen Aktivit\u00e4ten mit \"Erlebnischarakter\" im Vordergrund stehen. In diesem Zusammenhang gewinnt auch der Kampfsport als Bet\u00e4tigungsfeld der Szene zunehmend an Bedeutung. Grund der Beobachtung Das Weltbild der weitgehend unstrukturierten rechtsextremistischen Szene wird unver\u00e4ndert von antidemokratischen, rassistischen, antisemitischen, fremdenfeindlichen sowie Gewalt 52","Rechtsextremismus gegen Ausl\u00e4nder und politisch Andersdenkende bef\u00fcrwortenden Ideologiebestandteilen gepr\u00e4gt. Dies wird in Aktionen, Strafund Gewalttaten, zahlreichen Liedtexten einschl\u00e4giger Musikgruppen oder auch Programmen und Manifesten offen zum Ausdruck gebracht. Gerade die Liedtexte fungieren als wichtiges Medium, um rechtsextremistische und zum Teil gewaltbef\u00fcrwortende Inhalte zu verbreiten. Unver\u00e4ndert stehen auch vermehrt Kampfsportveranstaltungen im Vordergrund, bei denen vor allem jungen Menschen die Ideologieelemente der Szene nahegebracht und zum Teil auch Hemmschwellen in Bezug auf das Anwenden von Gewalt abgebaut werden sollen. All dies steht im Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Daneben sind es gewaltbereite Einzelpersonen und klandestin organisierte Kleinstgruppen aus dem weitgehend unstrukturierten rechtsextremistischen Spektrum, welche mit der Androhung, Planung oder Aus\u00fcbung von schweren Gewalttaten in den Fokus der Sicherheitsbeh\u00f6rden geraten. In derartigen F\u00e4llen nimmt die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde neben einer origin\u00e4r sachund strukturorientierten Auswertung von Informationen auch eine gezielt pers\u00f6nlichkeitsorientierte Auswertung vor, die R\u00fcckschl\u00fcsse auf m\u00f6gliche Gef\u00e4hrdungsszenarien zul\u00e4sst. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Rechtsterrorismus Stephan Balliet Der Rechtsterrorist Stephan Balliet ver\u00fcbte am 9. Oktober 2019 einen Anschlag auf die Synagoge in Halle (Saale), bei dem er in unmittelbarer N\u00e4he der Synagoge zwei Menschen ermordete. Am 21. Dezember 2020 verurteilte ihn das Oberlandesgericht (OLG) Naumburg zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschlie\u00dfender Sicherungsverwahrung. Aufgrund einer am 12. Dezember 2022 ver\u00fcbten Geiselnahme und versuchten Flucht aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Burg (Landkreis Jerichower Land) wurde Stephan Balliet am 27. Februar 2024 vom Landgericht (LG) Stendal zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde geht unver\u00e4ndert davon aus, dass rechtsextremistische Terrorakte in die gewaltbereite rechtsextremistische Szene wirken und Nachahmer entsprechend motivieren k\u00f6nnen. Auch im Jahr 2024 wurden der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Personen bekannt, die mit der Androhung von antisemitisch motivierten Strafund Gewalttaten mit Bezug auf Synagogen und j\u00fcdische Einrichtungen in Erscheinung getreten sind und sich dabei in Teilen auch auf verurteilte Rechtsterroristen wie Stephan Balliet bezogen haben. Der Fokus der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ist insbesondere auf Personen gerichtet, die etwa in den sozialen Netzwerken mit Sympathiebekundungen und Nachahmungsfantasien auffallen. Am 8. Oktober 2024 - dem Tag vor dem f\u00fcnften Jahrestag des Anschlags auf die Synagoge in Halle (Saale) - stellten die Sicherheitsbeh\u00f6rden fest, dass bislang unbekannte T\u00e4ter ein Hakenkreuz u. a. auf die Gedenktafel des ehemaligen \"Kiez D\u00f6ner\", eines der Tatorte des Anschlags, geschmiert hatten. 53","Rechtsextremismus Ralf Wohlleben Der wegen Beihilfe zum Mord in neun F\u00e4llen zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilte NSU-Unterst\u00fctzer Ralf Wohlleben ist seit dem 9. Januar 2023 unver\u00e4ndert in der JVA Burg inhaftiert. Am 2. November 2022 hatte der Bundesgerichtshof (BGH) die Entscheidung des OLG M\u00fcnchen vom 1. September 2022 best\u00e4tigt, dass Ralf Wohlleben die nach Abzug der Zeiten in der Untersuchungshaft verbliebene Restfreiheitsstrafe noch verb\u00fc\u00dfen muss. In der rechtsextremistischen Szene genie\u00dft Ralf Wohlleben weiterhin einen Ruf als M\u00e4rtyrer und \"politischer Gefangener\". Seit dem Beginn seiner Inhaftierung in der JVA Burg hat die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde wiederkehrend Solidarit\u00e4tsbekundungen und Solidarit\u00e4tsveranstaltungen mit Spendenaktionen f\u00fcr Ralf Wohlleben innerhalb der rechtsextremistischen Szene registriert. Zudem erreichten Ralf Wohlleben w\u00e4hrend seiner Haftzeit mehrere Briefe und Postkarten von Rechtsextremisten. Gewaltbereite rechtsextremistische Jugendgruppen Aktuell beobachtet die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde eine Verj\u00fcngung der weitgehend unstrukturierten rechtsextremistischen Szene und eine Zunahme der aktionsorientierten Motivation der in diesem Spektrum agierenden Gruppen und Personen. Im Jahr 2024 sind sowohl in SachsenAnhalt als auch bundesweit Gruppierungen mit sehr jungen, aktionsorientierten und internetaffinen Personen in Erscheinung getreten, die sich insbesondere \u00fcber die sozialen Medien vernetzten und so einen niedrigschwelligen Einstieg in die rechtsextremistische Szene fanden. \"Jung & Stark\" (JS), \"Deutsche Jugend Voran\" (DJV) und \"Deutsche Jugend Zuerst\" (DJZ) Einigen dieser Gruppierungen gelang es innerhalb k\u00fcrzester Zeit, eine beachtliche Zahl von Mitgliedern zu erreichen und diese zur Teilnahme an Veranstaltungen sowie bisweilen zu Gewalttaten zu bewegen. Sie firmieren beispielsweise unter den Namen \"Jung & Stark\" (JS) oder \"Deutsche Jugend voran\" (DJV) und waren im Berichtszeitraum in nahezu allen Bundesl\u00e4ndern pr\u00e4sent. Gruppen wie JS und DJV setzen sich vor allem aus jungen, h\u00e4ufig minderj\u00e4hrigen Menschen zusammen, die zuvor oftmals noch nicht in der rechtsextremistischen Szene in Erscheinung getreten waren. F\u00fcr ihre Agitation und Mobilisierung bedienen sich diese Personenzusammenschl\u00fcsse vornehmlich klassischer rechtsextremistischer Feindbilder wie \"die Antifa\" oder die LGBTQ+-Bewegung. So betonten sie zu Beginn des \"Pride Month\"27 im Juni 2024 z. B. die \"Widernat\u00fcrlichkeit\" alternativer Lebensmodelle und sexueller Orientierungen. Ihre eigene Peergroup stellten sie hingegen als \"Speerspitze der deutschen Jugend\" dar, die sich (durch aggressive St\u00f6raktionen) gegen die \"Propagierung\" dieser Lebensentw\u00fcrfe wendet. In Sachsen-Anhalt ist bislang kein organisatorischer Anschluss dieser Gruppen an bestehende rechtsextremistische Organisationen wie die JN oder die Partei \"Der III. Weg\" erkennbar. Vielmehr scheinen sie sich als weitgehend eigenst\u00e4ndiges Ph\u00e4nomen innerhalb der rechtsextremistischen Szene zu etablieren. M\u00f6gliche Gr\u00fcnde hierf\u00fcr sind die bislang fehlende Bereitschaft ih27 W\u00e4hrend des \"Pride Month\" feiert die LGBTQ+ Community die eigene Identit\u00e4t und ihren Kampf gegen die Diskriminierung sexueller Minderheiten. Die Urspr\u00fcnge des \"Pride Month\" liegen in den New Yorker \"Stonewall riots\", die am 18. Juni 1969 begonnen hatten. 54","Rechtsextremismus rer Mitglieder, sich in feste Strukturen und Hierarchien einzuordnen, sowie deren hohe Aggressivit\u00e4t und enormer Konsum von Alkohol im Rahmen versammlungsrechtlicher Aktionen. Gleichwohl f\u00e4llt es diesen Gruppierungen h\u00e4ufig schwer, angek\u00fcndigte Aktionen konsequent umzusetzen. In Sachsen-Anhalt lie\u00dfen sich im Berichtszeitraum insbesondere zwei Bet\u00e4tigungsfelder dieser Personenzusammenschl\u00fcsse identifizieren: Zum einen die Agitation gegen die LGBTQ+-Bewegung, wo es dem lokalen Ableger \"Jung & Stark Sachsen-Anhalt\" (JS ST) am 24. August 2024 gelang, 250 Teilnehmer zu einer Gegendemonstration zum CSD in Magdeburg zu mobilisieren. Zum anderen ist die Konfrontation mit dem politischen Gegner relevant. So meldeten Gruppierungen aus dem JS-Umfeld insbesondere in der zweiten H\u00e4lfte des Jahres 2024 zunehmend Versammlungen an, die sich gegen \"Linksextremismus\" und \"linke Gewalt\" richteten. Mitglieder von JS sind im Jahr 2024 beispielsweise mit dem Mitf\u00fchren sogenannter Schutzbewaffnung in Form von Schlagschutzhandschuhen oder Zahnschutz aufgefallen. In Chatgruppen ver\u00f6ffentlichten sie Gewaltaufrufe gegen den politischen Gegner, die von dem gr\u00f6\u00dften Teil der Gruppenmitglieder akzeptiert oder unterst\u00fctzt wurden. Personen, die dem politisch linken Spektrum zugerechnet werden, traten die Gruppenmitglieder h\u00e4ufig provozierend und konfrontationssuchend gegen\u00fcber. Das hohe Gewaltpotenzial einiger dieser Jugendgruppen l\u00e4sst sich am Beispiel des am 14. Dezember 2024 in Berlin erfolgten Angriffs mehrerer Jugendlicher aus Halle (Saale) auf die Betreuer eines SPD-Infostandes verdeutlichen. Die Tatverd\u00e4chtigen waren der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zuvor nicht bekannt. Im Rahmen der retrograden Ermittlungen lie\u00dfen sich jedoch virtuelle Bezugspunkte zu JS ST erkennen. Personen aus dem Kreis der Tatverd\u00e4chtigen verorteten sich zudem selbst in der \"Deutschen Jugend Zuerst Halle (Saale)\", die von der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde bis dahin als rein virtuelle Erscheinungsform bewertet wurde. Auch f\u00fchrten die Ermittlungen zu weiteren jugendlichen Personen aus dem Raum Halle (Saale), die nur wenige Monate zuvor in verschiedenen, zum Teil wiederkehrenden, personellen Zusammensetzungen an anderen politisch motivierten Strafund Gewalttaten beteiligt waren. Diese ereigneten sich vornehmlich auf Bahnh\u00f6fen und standen mutma\u00dflich im Zusammenhang mit Anreisen zu bzw. Abreisen von Versammlungen der rechtsextremistischen Szene. Es d\u00fcrfte sich daher um Aktionen handeln, die weniger geplant waren, sondern sich vielmehr aus der Situation heraus und bedingt durch die geringe Hemmschwelle der Personen zur Gewalt entwickelt haben. \"Pedo Hunting\" P\u00e4dophile sind seit langem ein Feindbild von Rechtsextremisten; es l\u00e4sst sich nahezu in allen rechtsextremistischen Str\u00f6mungen finden. Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Konsenses zum Thema Kindeswohl und der sozialen Marginalisierung von p\u00e4dophil veranlagten Menschen versuchen Rechtsextremisten, mit der Vereinnahmung des Agitationsfeldes P\u00e4dophilie in die Mitte der Gesellschaft hineinzuwirken. Bereits in der Vergangenheit wurde das Thema von 55","Rechtsextremismus der rechtextremistischen Szene u. a. mit dem Slogan \"Todesstrafe f\u00fcr Kindersch\u00e4nder\" aufgegriffen. Aktuell wird das Thema nun - wie im Fall der \"Pedo Hunters\" - von einer sich verj\u00fcngenden, aktionsund erlebnisorientierten rechtsextremistischen Szene aufgegriffen. Der Verfassungsschutz beobachtete im Berichtsjahr vermehrt Aktivit\u00e4ten von in kleinen Gruppen agierenden Jugendlichen, die sich selbst als \"Pedo Hunters\" bezeichnen. Diese Gruppen gehen mit Outing-Aktionen oder Beleidigungen und Bedrohungen im virtuellen Raum gegen vermeintliche P\u00e4dophile vor und begehen dabei zum Teil auch Straftaten. So kam es am 14. September 2024 in Ilsenburg (Landkreis Harz) zu einer gef\u00e4hrlichen K\u00f6rperverletzung. Hier soll eine Gruppe von zum Teil minderj\u00e4hrigen Personen zwei aus ihrer Sicht p\u00e4dophile M\u00e4nner gezielt auf ein abgelegenes Grundst\u00fcck gelockt und dort zusammengeschlagen und die Tat zudem gefilmt und verbreitet haben. Die Tatverd\u00e4chtigen waren der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zuvor nicht als Rechtsextremisten bekannt. M\u00f6gliche Beteiligung von Rechtsextremisten am Krieg in der Ukraine Der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde sind seit Beginn des v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 keine Rechtsextremisten aus Sachsen-Anhalt bekannt geworden, die nachweislich zum Zwecke der aktiven Beteiligung an Kampfhandlungen in die Ukraine ausgereist sind. Gleichwohl sind der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Personen bekannt, die zumindest Verbindungen und Bez\u00fcge zu dem auf der Seite der Ukraine k\u00e4mpfenden \"Regiment Asow\" und der \"Misanthropic Division\" aufweisen. Bei der \"Misanthropic Division\" handelt es sich um ein internationales neonazistisches Netzwerk, das bereits vor Ausbruch des Krieges Rechtsextremisten aus ganz Europa rekrutiert haben soll, um an bewaffneten Kampfhandlungen gegen die prorussischen Separatisten in der Ukraine teilzunehmen. Auch der Rechtsextremist Raik Nestler aus Wei\u00dfenfels (Burgenlandkreis) ist der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde mit langj\u00e4hrigen engen Verbindungen zur \"Misanthropic Division\" bekannt. Im Berichtszeitraum gab es Hinweise, dass Raik Nestler noch im Jahr 2024 Kontakte in die Ukraine unterhalten haben soll. Eine weitere Verbindung besteht offenkundig zwischen der rechtsextremistischen Partei \"Der III. Weg\"28 und dem in der Ukraine k\u00e4mpfenden \"Regiment Asow\". So soll ein Mitglied der Partei aus Sachsen-Anhalt im Fr\u00fchjahr 2024 zu der Teilnahme an einer Wanderung mit Sanit\u00e4tsausbildung aufgerufen haben, mit dem Hinweis, dass die eigenommenen Teilnahmegeb\u00fchren dem \"Regiment Asow\" zukommen sollen. Dar\u00fcber hinaus lassen sich bei Veranstaltungen der Partei \"Der III. Weg\" auch Bez\u00fcge zu anderen rechtsextremistischen Gruppierungen aus der Ukraine oder solchen mit einem Bezug zur Ukraine erkennen. Rechtsextremisten in Sicherheitsbeh\u00f6rden Am 1. Juli 2024 ver\u00f6ffentlichte das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz den nunmehr dritten Lagebericht \"Rechtsextremisten in Sicherheitsbeh\u00f6rden\", der auch die Bereiche der \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" sowie der \"Verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates\" erfasst.29 Die Datengrundlage des Lageberichts sind s\u00e4mtliche F\u00e4lle, die im Zeitraum vom 28 Zu \"Der III. Weg\" siehe auch S. 38 ff. 29 Vgl. Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz: Lagebericht Rechtsextremisten in Sicherheitsbeh\u00f6rden. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\", \"Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates\". K\u00f6ln 2024. 56","Rechtsextremismus 1. Juli 2021 bis 31. Dezember 2022 bekannt geworden sind. Der Bericht weist f\u00fcr das gesamte Bundesgebiet 364 Personen aus, bei denen konkrete Anhaltspunkte f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung vorliegen, die den Ph\u00e4nomenbereichen Rechtsextremismus, Reichsb\u00fcrgerszene und Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates zugerechnet werden konnten. F\u00fcr Sachsen-Anhalt wurden vier F\u00e4lle erfasst. Rechtsextremisten und Waffen Gerade subkulturell gepr\u00e4gte und gewaltbereite Rechtsextremisten weisen h\u00e4ufig eine besondere Affinit\u00e4t zu Waffen auf. Waffen haben in der rechtsextremistischen Szene aus milieuspezifischen und insbesondere ideologischen Gr\u00fcnden eine gro\u00dfe Bedeutung. Die f\u00fcr diese Szene typische Kombination einer menschenverachtenden Weltanschauung mit einer niedrigen Hemmschwelle zur Anwendung von Gewalt und einer Faszination f\u00fcr Waffen stellt ein Bedrohungspotenzial dar, wie die rechtsterroristischen Aktivit\u00e4ten des NSU und die Taten von Halle (Saale), Kassel und Hanau (Hessen) sowie die Verurteilung von Mitgliedern der rechtsterroristischen \"Gruppe S.\" gezeigt haben. Auch f\u00fcr den aktuellen Berichtszeitraum ist davon auszugehen, dass Rechtsextremisten an Schie\u00dftrainings im Inund Ausland teilgenommen haben. Gerade im osteurop\u00e4ischen Ausland haben Rechtsextremisten die M\u00f6glichkeit, das Schie\u00dfen mit vollautomatischen Kriegswaffen zu trainieren. Aber selbst in Deutschland stehen ihnen privat betriebene Schie\u00dfst\u00e4nde offen, wo sie mit eigenen legal erworbenen Schusswaffen oder dort vorgehaltenen Leihwaffen schie\u00dfen k\u00f6nnen. Einige Rechtsextremisten kennen auch pers\u00f6nlich legale Waffenbesitzer, die mit ihnen trainieren und hierf\u00fcr die Schusswaffen auf dem Schie\u00dfstand zur Verf\u00fcgung stellen. Dass private Schie\u00dfstandbetreiber oder Sch\u00fctzenvereine Rechtsextremisten gezielt unterst\u00fctzen, hat die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde bislang nicht festgestellt. Gerade um die M\u00f6glichkeiten des sportlichen Schie\u00dfens wahrnehmen zu k\u00f6nnen, d\u00fcrften es viele Rechtsextremisten bei solchen Veranstaltungen vermeiden, ihre ideologische Einstellung offen zu artikulieren. Daneben verzeichnet die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde immer noch eine hohe Anzahl an Rechtsextremisten mit waffenrechtlichen Erlaubnissen, die sie zum Besitz von erlaubnispflichtigen und mithin \"scharfen\" Schusswaffen berechtigen. Soweit der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ausreichend mitteilbare Erkenntnisse zu diesen Personen vorliegen, werden die zust\u00e4ndigen Waffenbeh\u00f6rden auf der Grundlage von SS 18 Abs. 1 VerfSchG-LSA hier\u00fcber informiert. In einzelnen F\u00e4llen hat die zust\u00e4ndige Untere Waffenbeh\u00f6rde daraufhin bereits die waffenrechtlichen Erlaubnisse entzogen. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde erlangt zudem regelm\u00e4\u00dfig Informationen \u00fcber Rechtsextremisten, die illegal im Besitz von erlaubnispflichtigen Schusswaffen sind oder die aktiv versuchen, an solche Waffen zu gelangen. So durchsuchte die Polizei im Zusammenhang mit dem Verdacht auf illegalen Waffenbesitz am 6. April 2024 die Wohnung eines Mannes aus Halle (Saale), nachdem dieser Zeugenaussagen zufolge am Fenster seiner Wohnung mit einem \"schwarzen Sturmgewehr\" gestanden und fremdenfeindliche Parolen gerufen haben soll. Es handelte sich um eine Attrappe. Zugleich stellte die Polizei aber eine offenbar selbst hergestellte Sprengvorrichtung, ein Schriftst\u00fcck mit menschenverachtender Gedankenwelt und NSDevotionalien fest. Der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde war die Person zuvor nicht bekannt. 57","Rechtsextremismus In einem anderen Fall hat die Polizei am 30. Mai 2024 die Wohnung eines Jugendlichen aus Gardelegen (Altmarkkreis Salzwedel) durchsucht, da dieser zuvor in sozialen Netzwerken mit \u00c4u\u00dferungen zu rechtsterroristischen Attent\u00e4tern und einer gesteigerten Waffenaffinit\u00e4t aufgefallen war. Zudem soll er eine Person mit einer Armbrust bedroht haben. Im Rahmen der Durchsuchung konnten diverse Hinweise auf eine gefestigte rechtsextremistische Ideologie festgestellt werden. Zudem fand die Polizei in der Wohnung diverse erlaubnisfreie Schusswaffen. Der in demselben Haushalt lebende Vater des Jugendlichen war Inhaber einer waffenrechtlichen Erlaubnis und Besitzer einer erlaubnispflichtigen Pistole, die nebst Munition aufgrund des frei herumliegenden Schl\u00fcssels f\u00fcr den Waffenschrank auch von dem Jugendlichen h\u00e4tte in Besitz genommen werden k\u00f6nnen. Waffe und Munition wurden nach einer Erkenntnismitteilung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde an die zust\u00e4ndige Waffenbeh\u00f6rde von dort eingezogen. Rechtsextremisten und Kampfsport Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat in den zur\u00fcckliegenden Jahren ein gesteigertes Interesse am Kampfsport innerhalb der rechtsextremistischen Szene beobachten k\u00f6nnen. Gemeinsame Kampfsporttrainings und die kollektive Unterst\u00fctzung von Kampfsportlern aus der rechtsextremistischen Szene bei nicht extremistischen Wettbewerben k\u00f6nnen als Ausdruck einer erlebnisorientierten Szenekultur betrachtet werden, die gerade auf Jugendliche und Heranwachsende anziehend wirkt. Die Entwicklung folgt dabei zum einen der Faszination der Szene f\u00fcr Kampf und M\u00e4nnlichkeit, aber auch der in Teilen der j\u00fcngeren rechtsextremistischen Szene popul\u00e4rer werdenden Hingabe zu einer gesunden Lebensweise und sportlichen Ert\u00fcchtigung, die mit der v\u00f6lkischen Idealvorstellung von einem \"gesunden Volksk\u00f6rper\" begr\u00fcndet wird. Der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde bekannte Rechtsextremisten f\u00fchren wiederkehrend Kampfsporttrainings in kleineren Gruppen durch, die in der Regel konspirativ geplant und f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit nicht feststellbar sind. Gerade in solchen Trainings steht indes nicht der sportliche Charakter im Vordergrund, sondern eher die Vorbereitung auf einen m\u00f6glichen Stra\u00dfenkampf. Rechtsextremistisch gepr\u00e4gte oder von Rechtsextremisten gezielt unterwanderte Kampfsportschulen sind der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde bislang nicht bekannt geworden. Ein relativ neues Ph\u00e4nomen der rechtsextremistischen Kampfsportszene in Deutschland ist die Herausbildung von sogenannten \"Active Clubs\" (AC). Diese allgemeine Bezeichnung steht f\u00fcr eine Art von eigentlich unpolitischen und unabh\u00e4ngigen lokalen Fitnessund Freizeitvereinen, die sich in der Regel auf sportliche Aktivit\u00e4ten und Gemeinschaftserlebnisse konzentrieren. In Europa wurden seit etwa 2023 und in Deutschland seit Anfang 2024 vermehrt erste Versuche einer Etablierung des Ph\u00e4nomens rechtsextremistischer ACs festgestellt. Rechtsextremistische Gruppen missbrauchen das AC-Konzept, um mit sportlichen Aktivit\u00e4ten (z. B. organisierte Kampfsporttrainings, Wanderungen und gemeinschaftliche Veranstaltungen) neue Mitglieder zu rekrutieren und ihre verfassungsfeindliche Ideologie zu verbreiten. Hierf\u00fcr werden Einzelpersonen im Rahmen eines offenen Netzwerkansatzes dazu ermutigt, eigene lokale Gruppen zu gr\u00fcnden und selbst\u00e4ndig zu betreiben. Der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde wurden im Berichtszeitraum Hinweise in den sozialen Netzwerken zu einem mutma\u00dflichen \"Active Club S\u00fcdharz\" und einem m\u00f6glichen AC mit der Bezeichnung \"Active Club District 901\" im Raum Lutherstadt Wittenberg bekannt. Realweltliche Aktivit\u00e4ten oder eine anderweitige Resonanz in der \u00f6rtlichen rechtsextremistischen Kampfsportszene konnten bislang nicht festgestellt werden. 58","Rechtsextremismus Rechtsextremistische Kampfsportveranstaltungen in Sachsen-Anhalt sind der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde im Berichtszeitraum nicht bekannt geworden. Jedoch lassen sich vermehrte Teilnahmen von bekannten Rechtsextremisten als K\u00e4mpfer an unpolitischen Kampfsportveranstaltungen feststellen. In einem Fall zeigte sich ein K\u00e4mpfer nach seinem Kampf mit Bekleidungsst\u00fccken des rechtsextremistischen Kampfsportlabels \"Kampf der Nibelungen\", das von dem bekannten Neonazi Alexander Deptolla30 aus Halberstadt (Landkreis Harz) verantwortet wird. Im Berichtszeitraum wurde der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde bekannt, dass ein der rechtsextremistischen Kampfsportszene zugerechneter Rechtsextremist als \"Spezialist f\u00fcr interkulturelle Erziehung\" in einer mit der Betreuung von unbegleiteten minderj\u00e4hrigen Ausl\u00e4ndern beauftragten sozialen Einrichtung besch\u00e4ftigt ist. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat die ihr zu dieser Person vorliegenden Erkenntnisse an das zust\u00e4ndige Jugendamt \u00fcbermittelt, das daraufhin die Pr\u00fcfung eines T\u00e4tigkeitsausschlusses eingeleitet hat. Ein Lichtbild zeigte den Rechtsextremisten im Kreis anderer hinl\u00e4nglich bekannter und gewaltbereiter Rechtsextremisten nach einem von diesen offenbar durchgef\u00fchrten Kampfsportoder Kraftsporttraining. Auch diese Personen sind auf dem Lichtbild anhand der Aufdrucke \"The White Race\" oder \"Kampf der Nibelungen\" auf ihrer Bekleidung zweifelsohne als Rechtsextremisten zu erkennen. Verbindungen zu anderen Subkulturen Rockerszene Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Sachsen-Anhalt stellte im Berichtszeitraum wiederholt Bez\u00fcge und Schnittmengen zwischen der rechtsextremistischen Szene und der Rockerszene fest, die sich u. a. in der Teilnahme von Rechtsextremisten an Veranstaltungen der Rockerszene und umgekehrt manifestierten. Hier sind insbesondere die Rockergruppierungen \"MC Division 39 Magdeburg\" und \"Freeway Rider's MC Mittel/Elbe\" hervorzuheben, die aufgrund der personellen Schnittmenge sowie der Anzahl und Art ihrer rechtsextremistischen Veranstaltungen als rechtsextremistische Personenzusammenschl\u00fcsse eingestuft werden. Auch im Jahr 2024 stellte die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde diverse rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten des \"MC Division 39 Magdeburg\" in deren Clubhaus in Magdeburg-Rothensee fest. Dasselbe gilt f\u00fcr den \"Freeway Rider's MC Mittel/Elbe\", der aus dem gleichnamigen Chapter der rechtsextremistischen Gruppierung \"Brigade 8\" hervorgegangen ist. Als relevantes Ereignis des \"Freeway Rider's MC Mittel/Elbe\" ist die Trauerfeier f\u00fcr den verstorbenen Pr\u00e4sidenten des Clubs, den langj\u00e4hrigen Rechtsextremisten Henry Behr31, am 18. Oktober 2024 in Gr\u00e4fenhainichen (Landkreis Wittenberg) und in Bitterfeld-Wolfen (Landkreis AnhaltBitterfeld) hervorzuheben. Zu den bis zu 300 Teilnehmern der Veranstaltung z\u00e4hlten \u00fcberwiegend Rechtsextremisten und Mitglieder von Rockerclubs aus Sachsen-Anhalt und anderen Bundesl\u00e4ndern. Rechtsextremismus und Fu\u00dfball Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde stellt regelm\u00e4\u00dfig personelle Schnittmengen zwischen der rechtsextremistischen Szene und der Hooliganszene fest, vor allem, wenn bekannte Rechtsextremisten erkennbar und aktiv in der Hooliganszene auftreten oder Mitglieder von Hooliganoder 30 Vgl. hierzu S. 45 ff. 31 Henry Behr (*1982) war der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde seit Anfang der 2000er Jahre als Rechtsextremist bekannt. Er ist am 9. September 2024 verstorben. 59","Rechtsextremismus Fangruppierungen mit Straftaten der politisch motivierten Kriminalit\u00e4t -rechtsin Erscheinung treten. Zumeist steht jedoch nicht der politische Aktivismus im Vordergrund, sondern vielmehr der Hang zur Gewaltaus\u00fcbung oder die Provokation \"gegnerischer\" Fans. Ein Beispiel f\u00fcr die Schnittmenge der Fu\u00dfballfanszene zum Rechtsextremismus ist eine politisch motivierte Gewalttat, die sich am 2. Februar 2024 auf dem Bahnhof in K\u00f6then (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) ereignete. Dort soll ein 28-j\u00e4hriger Syrer, der als Mitarbeiter eines Sicherheitsunternehmens bei einem Fu\u00dfballspiel des 1. FC Magdeburg eingesetzt war, aus einer Personengruppe mit Fu\u00dfballfanbekleidung heraus zun\u00e4chst fremdenfeindlich beleidigt, zu Boden geschlagen und sodann am Boden liegend weiter angegriffen worden sein. Die T\u00e4ter konnten vor dem Eintreffen der Polizei vom Tatort fl\u00fcchten. Rechtsextremistische Musik Rechtsextremistische Musik dient neben ihrer identit\u00e4tsstiftenden Funktion als Lockmittel, um Jugendliche oder junge Erwachsene an die rechtsextremistische Szene sowie deren Ideologie heranzuf\u00fchren und zu binden. Diese Art Musik hat somit unver\u00e4ndert eine herausragende Bedeutung f\u00fcr die Bildung und den Bestand der gewaltbereiten rechtsextremistischen Szene. Inhaltlich vermitteln die Texte, offen oder unterschwellig, rechtsextremistische Feindbilder und Fragmente einer nationalistischen, fremdenfeindlichen, antisemitischen und antidemokratischen Ideologie, die auf rechtsextremistische Gruppierungen und deren Sympathisanten wie auch auf szenefremde Jugendliche wirken. Rechtsextremistische Musikveranstaltungen in Sachsen-Anhalt In Sachsen-Anhalt wurden im Berichtsjahr insgesamt vier (2023: zehn) rechtsextremistische Konzerte und 17 (2023: 26) Liederabende organisiert, von denen zwei Liederabende verhindert werden konnten. Dar\u00fcber hinaus wurden 18 (2023: 20) sonstige Musikveranstaltungen32 registriert, in deren Verlauf es zur Darbietung von Livemusik kam. Eine sonstige Veranstaltung konnte verhindert werden. Die Teilnehmerzahlen bewegten sich dabei sowohl bei Konzerten als auch bei Liederabenden und sonstigen Veranstaltungen durchschnittlich im mittleren zweistelligen Bereich. Im bundesweiten Vergleich ist Sachsen-Anhalt besonders bei der Anzahl von rechtsextremistischen Liederabenden und sonstigen Musikveranstaltungen mit Darbietung von Live-Musik stets im oberen Drittel zu verorten. Die Zahl der Musikveranstaltungen ist in Sachsen-Anhalt seit Jahren konstant hoch. Wie in den Vorjahren war festzustellen, dass die Musikveranstaltungen gr\u00f6\u00dftenteils in R\u00e4umlichkeiten stattfanden, die sich in privatem Besitz befinden. Musikgruppen und Liedermacher In Sachsen-Anhalt sind insgesamt 21 rechtsextremistische Musikgruppen und sieben Liedermacher bekannt, von denen elf Gruppen und zwei Liedermacher im Jahr 2024 nicht aktiv in Erscheinung traten. Die aktiven Musikgruppen sowie die Liedermacher spielten im Berichtszeitraum nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern traten auch bundesweit auf. 32 Hierzu z\u00e4hlen u. a. Veranstaltungen, bei denen die Musikdarbietung eine untergeordnete Rolle spielte und nur zur musikalischen Umrahmung diente. 60","Rechtsextremismus Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang \"Phil von FLAK\" alias Philipp Neumann (Landkreis Stendal), der insgesamt bei 21 Veranstaltungen im Bundesgebiet auftrat. Damit geh\u00f6rt er bundesweit zu den aktivsten Liedermachern der gesamten rechtsextremistischen Musikszene. \"Phil von FLAK\" spielte eigenen Angaben zufolge beispielsweise im Zeitraum vom 1. bis zum 3. November 2024 jeden Abend in dem bundesweit bekannten rechtsextremistischen Szeneobjekt \"Gasthaus Eiserner L\u00f6we\" in der Gemeinde Auengrund in Th\u00fcringen. Ein weiterer bundesweit auftretender Liedermacher aus Sachsen-Anhalt ist \"Der Vision\u00e4r\" alias Bj\u00f6rn Pessel (Landkreis B\u00f6rde). Dieser hatte im Jahr 2024 neben Auftritten in SachsenAnhalt auch Auftritte in den Bundesl\u00e4ndern Sachsen, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Insgesamt wurden im Berichtszeitraum vier Alben von rechtsextremistischen Bands aus Sachsen-Anhalt ver\u00f6ffentlicht. Die Band \"Elbroiber\" aus Magdeburg ver\u00f6ffentlichte am 14. April 2024 das Album \"Es ist an uns\" mit zw\u00f6lf neuen Liedern. Inhaltlicher Schwerpunkt des Albums sind die aktuelle Politik sowie die Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Corona-Pandemie. Die Band \"Stahlkappenglanz\" (Landkreis Mansfeld-S\u00fcdharz und Salzlandkreis) ver\u00f6ffentlichte am 30. April 2024 das Album \"Radau aus Glatzen-Anhalt\", welches insgesamt 13 neue Lieder enth\u00e4lt. \"SkinFront\", eine rechtsextremistische Band aus dem Raum Wei\u00dfenfels (Burgenlandkreis), ver\u00f6ffentlichte im November 2024 ein neues Album mit dem Titel \"Auge um Auge\", das elf Lieder enth\u00e4lt. Die neue Band \"Eisernes Gebet\" aus dem Raum DessauRo\u00dflau ver\u00f6ffentlichte am 20. September 2024 ihr Deb\u00fctalbum \"F\u00fcr die Freiheit\" mit insgesamt zehn Liedern bei dem rechtsextremistischen Versandhandel \"Front Records\" (Th\u00fcringen). Inhaltlich befasst sich das Album u. a. mit der Verehrung deutscher Soldaten beider Weltkriege und dem Thema Migration. Insbesondere in dem Lied \"Migration\" zeigt sich die rassistische Einstellung der Band. Darin hei\u00dft es: Das Album \"F\u00fcr die Freiheit\" der Band \"Eisernes Gebet\" \"Keine Mutter sicher, keine Oma, keine Ziege. Keine Kontrolle mehr, zu lang mussten sie sich verbiegen. Millionen hergeholt, \u00fcber Grenzen und \u00fcbers Meer. Biologisch gest\u00f6rtes Volk, ein Zur\u00fcck gibt es bald nicht mehr.\" Rechtsextremistische Vertriebsszene Innerhalb der rechtsextremistischen Szene gibt es immer wieder Bestrebungen, \u00fcber diverse Vertriebsorganisationen einen Geldund Warentransfer zu etablieren. Die jeweiligen Vertriebe f\u00fchren ein zielgruppenorientiertes Angebot, das unter anderem Tontr\u00e4ger und Merchandise-Produkte rechtsextremistischer Musikgruppen sowie Bekleidung mit szenebezoge61","Rechtsextremismus nen Aufdrucken (insbesondere einschl\u00e4gige Ziffernund Buchstabencodes oder entsprechende Parolen) umfasst.33 Diese Angebote richten sich vor allem an die subkulturell gepr\u00e4gte Szene. F\u00fcr die eher neonazistisch orientierte Zielgruppe finden sich dagegen vermehrt positive Bez\u00fcge zur Wehrmacht bzw. eine Verherrlichung und Romantisierung derselben oder es ist eine Zuordnung zu rechtsextremistischen Parteien oder Gruppierungen erkennbar. Dar\u00fcber hinaus bietet z. B. der Onlineshop \"Phalanx Europa\" (Kohorte UG, Sachsen), der der \"Identit\u00e4ren Bewegung\" (IB)34 zugerechnet wird, ein zielgruppenorientiertes Angebot f\u00fcr Personen der sogenannten \"Neuen Rechten\" an. Hier sind die verschiedenen Motive subtiler und h\u00e4ufig pseudointellektuell; f\u00fcr Au\u00dfenstehende sind sie nicht immer eindeutig als Produkte der rechtsextremistischen Szene erkennbar. Beispielsweise werden T-Shirts mit Aufdrucken von \"Reconquista\", \"Still not loving Antifa!\" oder \"Islamists not welcome\" zum Kauf angeboten. Der Vertrieb der angebotenen Produkte erfolgt haupts\u00e4chlich \u00fcber Online-Plattformen, vereinzelt im station\u00e4ren Handel. Die unkomplizierte Abwicklung des Warenvertriebs sowie die erheblich gesteigerte Reichweite sind entscheidend f\u00fcr den Erfolg dieser Vertriebsmodelle. K\u00e4ufer profitieren in hohem Ma\u00dfe von der erh\u00f6hten Verf\u00fcgbarkeit der Produkte und der Anonymit\u00e4t des Erwerbsprozesses, was die Hemmschwelle f\u00fcr den Kauf solcher Artikel senkt. In den vergangenen Jahren sind verschiedene Bekleidungslabels entstanden, die insbeT-Shirt aus dem Repertoire sondere die Anh\u00e4nger der subkulturellen rechtsextremistides Labels \"Isegrim-Fashion\". schen Szene ansprechen sollen. Als Beispiel hierf\u00fcr ist das im Burgenlandkreis ans\u00e4ssige Label \"Isegrim-Fashion\" zu nennen.35 Bekleidungslabels wie \"Isegrim-Fashion\" sind darauf ausgelegt, durch ein modernes und klientelnahes Erscheinungsbild sowohl eine Markenwiedererkennung (Brand Recognition) zu f\u00f6rdern als auch die Zugeh\u00f6rigkeit zur Szene zu verdeutlichen. Sie tragen somit zur St\u00e4rkung des Gemeinschaftsgef\u00fchls in der rechtsextremistischen Szene bei. Im Berichtszeitraum wurden neue rechtsextremistische Vertriebe in Sachsen-Anhalt bekannt. So zog beispielweise der Rechtsextremist Nils Budig von Th\u00fcringen in den Landkreis Mansfeld-S\u00fcdharz. Er ist Inhaber und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der K\u00fcsten Textil UG (haftungsbeschr\u00e4nkt), die eine Vielzahl von Onlinevertrieben, darunter \"Johnny Zahngold\", \"Front Records\", \"Wewelsburg Records\" sowie \"Gjallarhorn Klangschmiede\" und \"Frontmusik\" umfasst. 33 Einen \u00dcberblick \u00fcber die g\u00e4ngigsten Codes, Symbole und Bekleidungsmarken finden Sie in der Brosch\u00fcre \"Kennzeichen des Rechtsextremismus\" sowie in dem dazugeh\u00f6rigen Plakat. Beides kann bei der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde kostenfrei bestellt oder auf der Internetseite der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde heruntergeladen werden: https://mi.sachsen-anhalt.de/verfassungsschutz/publikationen/publikationen-rechtsextremismus. 34 Zur IB vgl. den Abschnitt \"Neue Rechte\", S. 67 ff. 35 Vgl. Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2023. Magdeburg 2024, S. 118 ff. 62","Rechtsextremismus Ein weiterer rechtsextremistischer Vertrieb ist die im Burgenlandkreis ans\u00e4ssige Druckerei \"Erichs Druckbude\", die auch einen angeschlossenen Onlineversandhandel betreibt. Dieser Vertrieb verkauft u. a. Waren mit aufgedruckten Motiven, die der germanischen Mythologie zuzuordnen sind. Deren Symbolik wird von der rechtsextremistischen Szene nach wie vor als Erkennungszeichen genutzt. Neben einem Kissen mit dem \"Wotansknoten\"36 wird in dem Shop auch eine Im Onlineshop von \"Erichs Druckbude\" angebotenes Uhr angeboten, deren Abbild die w\u00e4hrend Kissen, auf dem ein \"Wotansknoten\" abgebildet ist. der NS-Zeit von der SS genutzte und deshalb in der neonazistischen Szene verehrte Wewelsburg in der N\u00e4he von Paderborn (Nordrhein-Westfalen) zeigt. Im Sommer 2024 verstarb der Inhaber des rechtsextremistischen Vertriebs \"Heimdall-Versand\". Nach seinem Tod wurde der Vertrieb von dem Inhaber des rechtsextremistischen Musiklabels und Versandhandels \"OPOS Records\" mit Sitz in Brandenburg \u00fcbernommen. Im Herbst 2024 wurde der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ein Vertrieb im Landkreis Harz bekannt, der an einem Stand in der N\u00e4he des \"Hexentanzplatzes\" in Thale, in einem Objekt in Quedlinburg und im Onlinehandel Feuerk\u00f6rbe f\u00fcr den Outdoorbereich vertreibt. Das Warensortiment enth\u00e4lt u. a. Feuerk\u00f6rbe mit rechtsextremistischen Symbolen wie der \"Schwarzen Sonne\", der Aufschrift \"Harz verteidigen\" (einem Leitspruch der rechtsextremistischen Szene im Harz)37 oder dem Logo der mittlerweile inaktiven neonazistischen Gruppierung \"Harzrevolte\"38. Von einem Vertrieb im Landkreis Harz angebotener Feuerkorb, auf dem die \"Schwarze Sonne\" abgebildet ist. Rechtsextremistisch genutzte Immobilien Immobilien, die von rechtsextremistischen Akteuren genutzt werden, dienen der Szene als zentrale R\u00fcckzugsorte, Anlaufstellen und Sammelpunkte f\u00fcr eine Vielzahl von Aktivit\u00e4ten. Dazu z\u00e4hlen unter anderem Schulungen, Vortragsabende, Parteiversammlungen, Konzerte sowie Sportund Kampfsportveranstaltungen. Diese Immobilien sind nicht nur f\u00fcr die interne Vernetzung und Stabilisierung der Szene von gro\u00dfer Bedeutung; sie erleichtern auch die Verankerung rechtsextremistischer Akteure in den jeweiligen Gemeinden oder St\u00e4dten. Sie 36 Der \"Wotansknoten\" wird u. a. von neonazistischen Gruppen als Ersatzsymbol f\u00fcr das Hakenkreuz verwendet. 37 Der Leitspruch wird von der rechtsextremen Szene im Harz insbesondere f\u00fcr Vernetzungsbestrebungen genutzt. 38 Die \"Harzrevolte\" hat sich im Jahr 2023 aufgel\u00f6st. Vgl. hierzu Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2023. Magdeburg 2024, S. 87. 63","Rechtsextremismus erm\u00f6glichen es der Szene, ihre Pr\u00e4senz und Ideologien sowohl regional als auch \u00fcberregional auszubauen. Dar\u00fcber hinaus haben Szeneimmobilien eine wichtige wirtschaftliche Funktion f\u00fcr den organisierten Rechtsextremismus. Insbesondere Gewerbeimmobilien, die f\u00fcr den Handel mit rechtsextremistischen Devotionalien oder die Produktion rechtsextremistischer Musik genutzt werden, tragen zur finanziellen Stabilit\u00e4t der Szene bei. Auch gastronomische Einrichtungen, die von oder f\u00fcr Rechtsextremisten betrieben werden, spielen eine entscheidende Rolle, da sie nicht nur Kapital generieren, sondern auch zur Vernetzung innerhalb der rechtsextremistischen Szene beitragen.39 Ein Beispiel f\u00fcr ein bekanntes Szeneobjekt in Sachsen-Anhalt war das \"Lokal 18\" in Naumburg (Burgenlandkreis), das sich bis zum Jahr 2023 als fester Anlaufpunkt f\u00fcr Rechtsextremisten etabliert hatte. Aufgrund einer Gewerbeuntersagung gegen den Betreiber wurde der Schankbetrieb Ende 2023 eingestellt, was letztlich zur Schlie\u00dfung dieses Szenetreffpunkts f\u00fchrte. Im Jahr 2024 wurde das Lokal endg\u00fcltig aufgegeben; die markante Lokalbeschilderung mit dem in schwarz-wei\u00df-roter Farbe gehaltenen Emblem \"Lokal 18\" an den Glasfl\u00e4chen wurde entfernt. Ein weiteres Beispiel f\u00fcr ein bekanntes Szeneobjekt in Sachsen-Anhalt stellt die Gastst\u00e4tte \"Zum Sch\u00e4fchen\" in Steigra Ortsteil Schnellroda (Saalekreis) dar. Im Berichtszeitraum wurde das Objekt f\u00fcr \u00fcberregionale Veranstaltungen (u. a. der AfD und des aufgel\u00f6sten und neustrukturierten \"Instituts f\u00fcr Staatspolitik\" (IfS)) genutzt. Seit einigen Jahren entwickelt sich dieses Lokal zunehmend zu einem zentralen Veranstaltungsund Vernetzungsort f\u00fcr Rechtsextremisten des neurechten Spektrums mit medialem und politischem Einfluss. Wie in den Vorjahren war auch im aktuellen Berichtszeitraum ein Zuwachs an Szeneimmobilien in Sachsen-Anhalt zu verzeichnen. Im Vergleich zu den Entwicklungen in anderen ostdeutschen Fl\u00e4chenl\u00e4ndern stellt die Situation in Sachsen-Anhalt jedoch keinen Sonderfall dar; vielmehr ist ein kontinuierlicher Anstieg im gesamten ostdeutschen Raum messbar. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen Anstieg sind vielf\u00e4ltig. In Ostdeutschland entwickelt sich die rechtsextremistische Szene aktuell sehr dynamisch. Neben der Bildung neuer rechtsextremistischer Personenzusammenschl\u00fcsse und dem st\u00e4ndigen Bestreben der Szene, neue Immobilien zu generieren, hat insbesondere der Umstand, dass die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde im Jahr 2023 den AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft hat, zu einem signifikanten Zuwachs der Szeneimmobilien in Sachsen-Anhalt gef\u00fchrt. 39 Vgl. hierzu auch Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt u. a. (Hrsg.): Rechtsextremistisch genutzte Immobilien in Ostdeutschland. Lagebild und Handlungsempfehlungen f\u00fcr Kommunen und Immobilienbesitzer. Magdeburg u. a. 2024, S. 7 f. (URL: https://mi.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Politik_und_Verwaltung/MI/MI/3._Themen/Verfassungsschutz/Referat_44/Rechtsextremistisch_genutzte_Immobilien.pdf). 64","Rechtsextremismus Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t -rechts(PMK -rechts-) Die vom Landeskriminalamt (LKA) Sachsen-Anhalt erfasste Zahl der Straftaten, die der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t (PMK) -rechtszuzurechnen sind, dient den Sicherheitsbeh\u00f6rden als wichtiger Indikator f\u00fcr die Beurteilung der Gewaltbereitschaft des Rechtsextremismus. Im Jahr 2024 war mit insgesamt 2.920 (2023: 2.036) Straftaten im Bereich der PMK -rechtsein deutlicher Anstieg (+ 43,4 % gegen\u00fcber dem Vorjahr) zu verzeichnen. Die Deliktsgruppe der Propagandastraftaten macht mit 2.223 (2023: 1.318) wie in den Vorjahren den mit Abstand gr\u00f6\u00dften Teil der PMK -rechtsaus. Nachdem die Zahl der rechtsmotivierten Gewaltstraftaten in den Jahren 2022 (111) und 2023 (123) deutlich angestiegen war, ist sie im Jahr 2024 auf 106 Delikte zur\u00fcckgegangen. Die an dem starken Anstieg der Gesamtzahl rechts motivierter Straftaten ablesbare Radikalisierungsdynamik hat somit nicht zu einer erh\u00f6hten Gewaltneigung der rechtsextremistischen Szene gef\u00fchrt. Antisemitisch motivierte Strafund Gewalttaten Die Terroranschl\u00e4ge der HAMAS auf Israel am 7. Oktober 2023 sowie der damit eskalierende Nahostkonflikt zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern hatten im Jahr 2024 ph\u00e4nomen\u00fcbergreifend Einfluss auf die Entwicklung der in Deutschland registrierten antisemitischen Straftaten. In Sachsen-Anhalt weist die statistische Erhebung des LKA im Bereich der PMK -rechtsf\u00fcr das Berichtsjahr 97 antisemitische Straftaten aus. Damit hat die Zahl dieser Delikte das zweite Jahr in Folge abgenommen (2023: 109). Im Berichtsjahr 2024 wurde abermals eine Vielzahl von Sachbesch\u00e4digungen an j\u00fcdischen Einrichtungen und Gedenkst\u00e4tten gemeldet. Dabei wurden in den meisten F\u00e4llen verbotene rechtsextremistische Symbole an den Tatorten hinterlassen und Gegenst\u00e4nde besch\u00e4digt oder entwendet. In Halberstadt (Landkreis Harz) hinterlie\u00dfen unbekannte T\u00e4ter an den Gedenksteinen des Denkmals \"Steine der Erinnerung und der Verpflichtung\" mehrere Hakenkreuze sowie die Schriftz\u00fcge \"Schei\u00df Juden\" und \"Hitler an die Macht\". Auch Synagogen geh\u00f6ren zu den Orten, die immer wieder angegriffen werden. So besch\u00e4digten unbekannte T\u00e4ter am 5. M\u00e4rz sowie am 21. Juni 2024 die Fassade der ehemaligen Synagoge in der Lutherstadt Eisleben (Verein Eisleber Synagoge e. V.), indem sie mit schwarzer Spr\u00fchfarbe rechtsextremistische Symbole auftrugen. Im Oktober 2024 wurde die Entwendung mehrerer sogenannter \"Stolpersteine\" zur Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Zeitz (Burgenlandkreis) und Halle (Saale) gemeldet. Fremdenfeindlich motivierte Strafund Gewalttaten Die Zahl der fremdenfeindlich motivierten Straftaten blieb im Jahr 2024 mit insgesamt 699 Delikten auf dem Niveau des Vorjahres (2023: 701). Im Berichtszeitraum gaben mehrere \u00f6ffentlichkeitswirksame Vorf\u00e4lle und Straftaten unter Beteiligung von Personen mit Migrationshintergrund den Ansto\u00df f\u00fcr eine Reihe fremdenfeindlich motivierter Propagandaund Gewaltstraftaten. Fremdenfeindlich motivierte Straftaten werden der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde fast t\u00e4glich bekannt. 65","Rechtsextremismus Straftaten gegen den politischen Gegner Die konfrontative, mitunter gewaltorientierte Haltung von Rechtsextremisten gegen\u00fcber Personen, die als politische Gegner identifiziert werden, entl\u00e4dt sich in unterschiedlichen Formen: in Angriffen auf Mitglieder und Einrichtungen politischer Parteien, in der Zerst\u00f6rung von Wahlplakaten, in verbalen und k\u00f6rperlichen Auseinandersetzungen im Rahmen von versammlungsrechtlichen Aktionen sowie in Form der Verbreitung von Drohmails oder Drohschreiben. Die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner ist ein zentraler Bestandteil rechtsextremistischer Agitation und wird im Vorfeld von Wahlen besonders sichtbar. Im Rahmen der Europawahl am 9. Juni 2024 und der gleichzeitig in Sachsen-Anhalt stattfindenden Kommunalwahlen boten sich der rechtsextremistischen Szene zahlreiche Gelegenheiten, um offen oder im Verborgenen gegen den politischen Gegner zu agieren. Dabei standen die Parteien \"Die Linke\" und \"B\u00fcndnis 90/Die Gr\u00fcnen\" besonders im Fokus. So wurden am 17. Mai 2024 in Halle (Saale) drei Stadtratskandidaten von \"B\u00fcndnis 90/ Die Gr\u00fcnen\" im Rahmen des Stra\u00dfenwahlkampfs von drei bislang unbekannten Tatverd\u00e4chtigen bedroht und u. a. mit den Worten \"Weg mit dem gr\u00fcnen Pack\" und \"Die gr\u00fcnen Viecher m\u00fcsste man eigentlich alle verbrennen\" beleidigt. Die abwertende Haltung sowie die Wortwahl im Kontext des Wahlkampfes lassen Anhaltspunkte f\u00fcr eine rechtsextremistische Einstellung und Tatmotivation erkennen. Am 20. Mai 2024 wurde in Magdeburg das Aufh\u00e4ngen von Wahlplakaten der Partei \"DIE LINKE\" von zwei unbekannten m\u00e4nnlichen Personen gest\u00f6rt. Die M\u00e4nner riefen den Gesch\u00e4digten von der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite die Worte \"Man sollte euch und eure Plakate verbrennen!\" zu. Anschlie\u00dfend verharrten die Beschuldigten kurzzeitig vor Ort und nahmen eine von den Gesch\u00e4digten als bedrohlich wahrgenommene Position ein. In der Nacht zum 3. Juni 2024 brachten unbekannte T\u00e4ter in der Lutherstadt Eisleben (Landkreis Mansfeld-S\u00fcdharz) einen Aufkleber der rechtsextremen Partei \"Der III. Weg\" auf dem privaten Briefkasten eines Mitglieds des Landesvorstandes der Partei \"DIE LINKE\" an. Auf dem Aufkleber ist eine dunkel gekleidete, vermummte Person mit einer Schleuder zu sehen. Oberhalb des Motivs ist der Slogan \"ANTIFA-BANDEN ZERSCHLAGEN\" abgebildet. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die Zahl der Straftaten im Bereich PMK -rechtshat im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen. Da viele der Tatverd\u00e4chtigen der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zuvor nicht bekannt gewesen waren, schl\u00e4gt sich dieser Zuwachs zum Teil auch in einem Anstieg des weitgehend unstrukturierten rechtsextremistischen Personenpotenzials nieder. Die asylfeindliche und antisemitische Propaganda sowie die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner standen erneut im Zentrum der Agitation dieses Spektrums der rechtsextremistischen Szene. Die Verj\u00fcngung der rechtsextremistischen Szene hat dazu beigetragen, dass diese verst\u00e4rkt soziale Medien und Messengerdienste zum Zweck der Planung von gr\u00f6\u00dferen Veranstaltungen oder Aktionen nutzt, teils im Rahmen von nur tempor\u00e4r bestehenden bzw. \"projektbezogenen\" Gruppen. Dies erschwert den Sicherheitsbeh\u00f6rden die Bewertung der Mobilisierungsund Gef\u00e4hrdungspotenziale erheblich. Auch k\u00fcnftig wird es die Hauptaufgabe der Sicherheitsbeh\u00f6rden sein, fr\u00fchzeitig tats\u00e4chliche Gewaltabsichten und Gewaltank\u00fcndigungen sowie Radikalisierungstendenzen im virtuellen Raum zu erkennen. 66","Rechtsextremismus \"NEUE RECHTE\"40 \"Identit\u00e4re Bewegung Deutschland\" (IBD) Gr\u00fcndung Oktober 2012 (Am 11. Oktober 2012 wurde die Facebook-Seite \"Identit\u00e4re Bewegung Deutschland\" eingerichtet.) Verbreitung Bundesweit Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land 15 10 Bund 500 450 Struktur / Der Verein IBD e. V. ist bundesweit aktiv. Er gliedert sich in ReAufbau gionalgruppen wie die IB Sachsen-Anhalt (IB ST) und lokale IBD-Gruppen (Ortsgruppen). Zudem betreibt er identit\u00e4re Projekte. Ver\u00f6ffentlichungen Homepage, soziale Netzwerke und Blogs; Materialversand \"Phalanx\" Finanzierung Spenden, Merchandising, Gr\u00fcndung und F\u00fchrung von Unternehmen Kurzportrait / Ziele Die IBD geriert sich als Bewegung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, welche die eigene Kultur beziehungsweise das eigene Volk vor den vermeintlichen Gefahren von Multikulturalismus, Masseneinwanderung und Identit\u00e4tsbeziehungsweise Werteverlust bewahren will. Sie betrachtet sich eigenen Aussagen zufolge als deutscher Ableger der rechtsextremistischen Bewegung \"Generation Identitaire\" (GI)41 aus Frankreich. Die IBD ist in der realen und virtuellen Welt gleicherma\u00dfen vertreten. Mithilfe der intensiven Nutzung des Internets (soziale Netzwerke, Messenger-Dienste, Foren, Video-Plattformen) f\u00fcr die Dokumentation ihrer Aktionen versucht die IBD, eine breite \u00d6ffentlichkeit herzustellen, ohne dabei auf eine hohe Anzahl von Aktivisten angewiesen zu sein. Die Aktionen und Veranstaltungen der IBD waren in den letzten Jahren allerdings wenig geeignet, ein gr\u00f6\u00dferes Publikum anzusprechen oder eine gr\u00f6\u00dfere mediale Aufmerksamkeit zu generieren. H\u00e4ufig waren die f\u00fcr die sozialen Medien produzierten Bilder wichtiger als das eigentliche Ereignis. So zeigten sich Mitglieder der IBD u. a. dabei, wie sie D\u00e4cher erklommen, Rauchpatronen z\u00fcndeten und Banner entrollten. Wenngleich asylund migrationsfeindliche Agitation den Hauptfokus dieser Aktionen bildet, ist die IBD grunds\u00e4tzlich bereit, ihre Aktionen inhaltlich an das aktuelle politische Geschehen anzupassen. Die Selbstdarstellung der IBD ist \"popkultu40 Darunter wird ein informelles Netzwerk von Gruppierungen, Einzelpersonen und Organisationen verstanden, in dem rechtskonservative bis rechtsextremistische Kr\u00e4fte zusammenwirken, um anhand unterschiedlicher Strategien antiliberale sowie antidemokratische Positionen in Gesellschaft und Politik durchzusetzen. 41 Wurde am 3. M\u00e4rz 2021 per Dekret des franz\u00f6sischen Innenministers aufgel\u00f6st. 67","Rechtsextremismus rell\" gepr\u00e4gt, ihre Botschaften sind klar und einfach, ihre Wortwahl ist provokant und pseudointellektuell. Ihre Aktivisten geben sich jung und modern; demgem\u00e4\u00df ist ihre verfassungsfeindliche Gesinnung nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Die IBD, als eine Vertreterin der \"Neuen Rechten\", steht f\u00fcr einen modernisierten Rechtsextremismus, der mit einem Themenkomplex aus Anti-Islam, Anti-Asyl und Anti-Establishment versucht, auf diese Weise Anschluss an gesellschaftliche Kreise zu erhalten. Begriffe wie Rasse und Volksgemeinschaft werden durch unverf\u00e4ngliche Begriffe wie Ethnie, Identit\u00e4t und Kultur ersetzt. Grund der Beobachtung Die IBD orientiert sich ideologisch an den Theorien der \"Neuen Rechten\" und vertritt programmatisch einen ethnopluralistischen42, antiliberalen und kollektivistischen Ansatz. Beim Ethnopluralismus handelt es sich um eine modernisierte Variante v\u00f6lkischer Ideologie. Das Konzept billigt ethnischen Gruppen in r\u00e4umlicher Trennung vorgeblich ihre Eigenst\u00e4ndigkeit zu, zielt aber tats\u00e4chlich anhand von Kollektivmerkmalen wie Kultur, Herkunft und Geschichte auf die Betonung ethnisch bzw. rassisch begr\u00fcndeter Gruppenunterschiede ab. Eine Zuwanderung von \"Fremden\", die nicht Teil dieser \"ethnokulturellen Identit\u00e4t\" sind, wird grunds\u00e4tzlich abgelehnt. Die stattfindende Migration wird seitens der IBD mit der Verschw\u00f6rungstheorie des \"Bev\u00f6lkerungsaustausches\" erkl\u00e4rt: Kern dieser Verschw\u00f6rungstheorie ist die Behauptung, dass mithilfe der Migrationsbewegungen nach Europa die \"autochthone\" Bev\u00f6lkerung Europas bewusst durch Zuwanderer ersetzt werden soll. Dieser Entwicklung soll mit \"Remigration\" entgegengewirkt werden. In seiner sozialwissenschaftlichen Anwendung beschreibt der Begriff \"Remigration\" lediglich die (freiwillige) R\u00fcckwanderung von Menschen in ihr Heimatland, aus dem sie urspr\u00fcnglich migriert sind. Die IBD hat sich diesen Begriff in den vergangenen Jahren angeeignet und versteht unter \"Remigration\" allerdings, dass eine gro\u00dfe Zahl von Menschen ausl\u00e4ndischer Herkunft Deutschland verlassen soll, durchaus auch unter Zwang. So stellt der von der IBD gepr\u00e4gte Ausdruck eine Missachtung der Menschenw\u00fcrdegarantie des Art. 1 Abs. 1 GG dar. Die \"Identit\u00e4ren\" inszenieren sich als die wahren Verteidiger von Vielfalt und Freiheit gegen die angebliche Gleichmacherei vermeintlich linker Ideologen. In ihrer Kritik zeigt sich ein \u00fcbersteigerter Nationalismus, der das Individuum weitgehend negiert und stattdessen kollektivistisch die Volksgemeinschaft in den Mittelpunkt stellt. Die IBD propagiert die Aufl\u00f6sung der EU und die Bildung eines Europas der \"identit\u00e4ren Nationalstaaten\", die selbstbestimmt koexistieren. Hier besteht eine Verbindung zu der von der Partei \"Die Heimat\" erhobenen Forderung nach einem \"Europa der Vaterl\u00e4nder\". In der und f\u00fcr die IBD engagieren sich auch Personen, die einen Vorlauf im traditionellen Rechtsextremismus aufweisen. 42 Dass die IBD ethnopluralistische Positionen und damit \"der Sache nach einen v\u00f6lkisch-abstammungsm\u00e4\u00dfigen Volksbegriff\" vertritt, best\u00e4tigte im Oktober 2022 ein Urteil des Verwaltungsgerichts K\u00f6ln (AZ 13 K 4222/18). 68","Rechtsextremismus Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum \"Identit\u00e4re Bewegung Deutschland\" (IBD) Seit April 2024 ist der vormalige Leiter der IB Chemnitz, Vincenzo Richter, neuer Vereinsvorsitzender und somit auch neuer Bundesvorsitzender der IBD. Bisheriger Vorsitzender war Philip Thaler aus Sachsen-Anhalt. Mit der Neubesetzung des Bundesvorsitzes entwickelte sich das bereits im November 2023 in Chemnitz er\u00f6ffnete \"IBD-Zentrum\" hin zu einem der wichtigsten Treffund Veranstaltungsorte der IBD in Deutschland. Die IBD f\u00fchrte im Jahr 2024 einzig die Kampagne \"Remigration jetzt\" durch. Der Begriff der \"Remigration\" wurde im Berichtsjahr \u00f6ffentlich breit diskutiert, nachdem das Recherchenetzwerk \"CORRECTIV\" im Januar 2024 eine Reportage \u00fcber ein am 25. November 2023 veranstaltetes Treffen in Potsdam ver\u00f6ffentlicht hatte. Der \u00d6sterreicher Martin Sellner, das f\u00fchrende Gesicht der IB, hatte bei diesem Treffen u. a. in Anwesenheit von Funktionsund Mandatstr\u00e4gern der AfD \u00fcber seine Pl\u00e4ne zur \"Remigration\" referiert.43 Anl\u00e4sslich des Reformationstages am 31. Oktober 2024 erkl\u00e4rte die IBD das Datum zum \"Remigrationstag\". So \"schlugen\" Vertreter der IBD an der Schlosskirche in Wittenberg symbolisch \"95 Thesen f\u00fcr Remigration\" an. Eine dieser Thesen lautete: \"Die Remigration ist moralische Pflicht, die Massenauswanderung zerst\u00f6rt die Herkunftsl\u00e4nder, die Masseneinwanderung zerst\u00f6rt Europa.\" Mit zwei Aktionen reagierte die IBD auf den islamistischen Anschlag in Solingen (NordrheinWestfalen) vom 23. August 2024.44 Aktivisten der IBD verklebten in Solingen Plakate mit dem Aufdruck \"Klingenstadt Solingen, Zentrum der Messermigration\".45 In Dresden, vor einer Anwaltskanzlei, errichteten sie drei \"Gr\u00e4ber\" mit blutigen Kreuzen und stellten Poster mit der Aufschrift \"Ihr Blut klebt auch an unseren H\u00e4nden\" auf. Aus Sicht der IBD tr\u00e4gt die Anwaltskanzlei eine Mitschuld, dass der T\u00e4ter nicht abgeschoben wurde. Auch die Amokfahrt auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg am 20. Dezember 2024 wurde von der IB thematisiert. Rechtsextremistische Akteure sehen in dem Anschlag eine Best\u00e4tigung f\u00fcr ihre Annahme, dass Menschen mit Migrationshintergrund und Asylsuchende eine Gefahr f\u00fcr die Sicherheit in Deutschland darstellen. Die einzig logische Konsequenz sei deren gro\u00dfangelegte Abschiebung (\"Remigration\"). Mit Aktionen in \u00d6sterreich, den Niederlanden, der Schweiz und in D\u00e4nemark versuchte die IB, die Amokfahrt f\u00fcr ihre ideologischen Zwecke zu instrumentalisieren. 43 Vgl. hierzu bereits Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2023. Magdeburg 2024, S. 133. 44 Bei dem Anschlag t\u00f6tete ein Syrer drei Menschen. Der T\u00e4ter sollte bereits in der Vergangenheit nach Bulgarien abgeschoben werden. 45 \"Klingenstadt\" ist seit dem 19. M\u00e4rz 2012 der offizielle Namenszusatz Solingens. 69","Rechtsextremismus Demonstrationsgeschehen In Wien fand am 20. Juli 2024 eine Kundgebung der \"Identit\u00e4ren Bewegung \u00d6sterreich\" (IB\u00d6) unter dem Motto \"Kritik an der Wiener Migrationspolitik\" statt, an der etwa 500 Personen teilnahmen. Unter den Teilnehmenden waren auch Angeh\u00f6rige der neurechten Szene Sachsen-Anhalts. Sonstiges Die der IB\u00d6 zuzurechnende \"Aktion 451\"46 entstand im November 2023 in Wien. Nach eigenen Angaben ist die \"Aktion 451\" ein Zusammenschluss von Studenten mit dem Ziel, \"alle dissidenten Studenten im deutschsprachigen Raum zu vernetzen und zu mobilisieren\". Seit ihrer Gr\u00fcndung initiierte das Format zahlreiche Lesekreise in \u00d6sterreich und Deutschland. In Sachsen-Anhalt fand ein erster Lesekreis der \"Aktion 451\" am 7. Oktober 2024 in Halle (Saale) statt. \"Identit\u00e4re Bewegung Sachsen-Anhalt\" (IB ST) Die IB ST war im Berichtszeitraum weiterhin inaktiv. In Schkopau (Saalekreis) wird eine Immobilie von IBD-Funktion\u00e4ren genutzt. Im Fr\u00fchsommer 2024 postete das identit\u00e4re Netzwerk \"Action Radar Europe\" ein Foto, welches zeigt, dass dort ein Vernetzungstreffen mit IB-Gruppen aus anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern stattgefunden hat. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Der IB-eigene \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktionismus hat im Berichtsjahr abgenommen. Um Akzeptanz in der neurechten Szene sicherzustellen, wird die IBD ihren Aktionismus als Mittel des politischen Kampfes bewusst weiterhin einsetzen und zu verst\u00e4rken versuchen. Sie hofft, auf diese Weise breitere gesellschaftliche R\u00e4ume anzusprechen, um so an Bedeutung zu gewinnen. Die IBD hat sich zu einem Wirtschaftsunternehmen entwickelt. Eine Vielzahl von Unternehmergesellschaften, f\u00fcr die Personen der ersten Generation der IBD t\u00e4tig sind, hat sich in den vergangenen Jahren gegr\u00fcndet und fest etabliert. Die IBD wird ihre unternehmerischen T\u00e4tigkeiten fortsetzen und intensivieren. Ein Teil des Personenpotenzials der IBD ist inzwischen in anderen Personenzusammenschl\u00fcssen, wie etwa in der \"Jungen Alternative\" (JA) oder der AfD,47 gebunden. 46 Der Name wurde in Anlehnung an Ray Bradburys dystopischen Roman \"Fahrenheit 451\" gew\u00e4hlt. 47 Zur AfD und JA vgl. auch den Abschnitt \"Rechtsextremistisches Parteienspektrum\", S. 23 ff. 70","Rechtsextremismus \"Verein f\u00fcr Staatspolitik e. V.\", firmiert unter \"Institut f\u00fcr Staatspolitik\" (IfS) / Aufgel\u00f6stes und neustrukturiertes IfS Gr\u00fcndung 2000 Sitz / Verbreitung Steigra OT Schnellroda (Landkreis Saalekreis) Mitglieder / bundesweit ca. 10 (2023: etwa 15) Anh\u00e4nger Struktur / Einzelpersonen Aufbau Vorstandsmitglieder/Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer: \"Menschenpark Veranstaltungs UG\": G\u00f6tz Kubitschek (Schnellroda) \"Metapolitik Verlags UG\": Erik Lehnert (Brandenburg) Ver\u00f6ffentlichungen Homepage, soziale Netzwerke, Podcasts, \"Sezession im Netz\" (SiN), Publikation \"Sezession\" Finanzierung Erl\u00f6se aus Veranstaltungen und dem Verkauf von Publikationen, Spenden Kurzportrait / Ziele Das IfS ist eine private, nichtuniversit\u00e4re Einrichtung und wurde nach eigenen Angaben im Jahr 2000 unter anderem von G\u00f6tz Kubitschek gegr\u00fcndet. Innerhalb des Netzwerks der Neuen Rechten nimmt das IfS die Rolle eines \"geistigen Gravitationszentrums\"48 ein. Der \"Verein f\u00fcr Staatspolitik e.V.\", offizieller Tr\u00e4ger des IfS, wurde von den Vorsitzenden Erik Lehnert und G\u00f6tz Kubitschek am 17. April 2024 liquidiert. Die Aufl\u00f6sung wurde auf zwei Mitgliederversammlungen am 28. Februar 2024 und am 20. M\u00e4rz 2024 beschlossen. Bereits am 28. Februar 2024 erfolgte die Gr\u00fcndung der \"Menschenpark Veranstaltungs UG\",49 deren alleiniger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer G\u00f6tz Kubitschek ist. Am 29. Februar 2024 gr\u00fcndete Erik Lehnert die \"Metapolitik Verlags UG\", deren Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer er ist. Beide neugegr\u00fcndeten Unternehmergesellschaften weisen personelle \u00dcbereinstimmungen mit dem ehemaligen IfS auf; auch ihre Adresse - G\u00f6tz Kubitscheks Rittergut in Schnellroda - ist mit der des IfS identisch. Die vollzogene Neustrukturierung des \"aufgel\u00f6sten und neustrukturierten IfS\" (weiterhin kurz IfS genannt) ist auch f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit sichtbar. So wird die bisherige Website des IfS (staatspolitik.de) nunmehr vom \"Verlag Antaios\" betrieben. Die Impressen der Zeitschrift \"Sezession\" sowie der SiN weisen die \"Metapolitik Verlags UG\" als neuen Herausgeber aus. Kernthema des IfS ist die \"staatspolitische Ordnung\", die es in folgende Arbeitsgebiete unterteilt: \"Staat und Gesellschaft\", \"Politik und Identit\u00e4t\", \"Zuwanderung und Integration\", \"Erziehung und Bildung\", \"Krieg und Krise\" sowie \"\u00d6konomie und \u00d6kologie\". Diese werden sowohl 48 Backes, Uwe: Zum Weltbild der Neuen Rechten in Deutschland. In: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.): Analysen & Argumente Nr. 321. Sankt Augustin 2018. S. 8. 49 Der Begriff \"Menschenpark\" geht auf den im Jahr 1999 im Suhrkamp-Verlag erschienenen Essay \"Regeln f\u00fcr den Menschenpark\" des Philosophen Peter Sloterdijk zur\u00fcck. 71","Rechtsextremismus in Veranstaltungen (wie Akademien, die nach der Umstrukturierung nun als \"Studientage\" bezeichnet werden) als auch in Publikationen aufgegriffen50. Unter den Ver\u00f6ffentlichungen des IfS ragt die Zeitschrift \"Sezession\" besonders hervor, da sie innerhalb der neurechten Szene sehr bekannt und wirkm\u00e4chtig ist. Sie erscheint aktuell sechsmal im Jahr. Zu ihrem Autorenstamm z\u00e4hlen mehrere Personen, die dem Rechtsextremismus zuzurechnen sind. Das IfS will zugunsten einer Diskursverschiebung nach \"rechts\" eine vermeintlich linke Hegemonie in Gesellschaft und Politik aufbrechen. Der \"Raum des Sagbaren\" soll ausgedehnt werden. Das IfS strebt nach Deutungshoheit im vorpolitischen und nach Einfluss im parlamentarischen Raum. St\u00e4rker als viele andere rechtsextremistische Gruppierungen setzt das IfS auf die Schrift als Mittel zur Verbreitung der eigenen Ideologie. Grund der Beobachtung Die vom IfS herausgegebenen Schriften und die \u00c4u\u00dferungen seiner f\u00fchrenden Vertreter zeichnen sich durch rassistische und biologistische Sichtweisen aus. Den Wesenskern der Ideologie des IfS stellt (wie auch im Falle der IBD) der Ethnopluralismus dar. In unmittelbarem Zusammenhang mit seiner ethnopluralistischen Agitation steht die Ausl\u00e4nderund Islamfeindlichkeit des IfS. Das IfS diskriminiert ausgew\u00e4hlte Personengruppen, wenn es diesen pauschal negative Eigenschaften zuschreibt und die pers\u00f6nliche Identit\u00e4t im Sinne des Art. 2 GG sowie die Gleichheitsrechte nach Art. 3 GG abspricht. Die pauschale Ver\u00e4chtlichmachung von ethnischen und kulturellen Minderheiten verst\u00f6\u00dft au\u00dferdem gegen das Prinzip der Unantastbarkeit der Menschenw\u00fcrde nach Art. 1 Abs. 1 GG. Die vom IfS propagierte Vorstellung von einem \"deutschen Volk\" jenseits des im Grundgesetz als der Gesamtheit der deutschen Staatsangeh\u00f6rigen definierten Staatsvolkes impliziert eine Herabsetzung von eingeb\u00fcrgerten Staatsangeh\u00f6rigen zu Deutschen \"zweiter Klasse\". Das IfS richtet sich damit gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. In seiner Rolle als \"think tank\" der \"Neuen Rechten\" unterh\u00e4lt das IfS eine Vielzahl von Kontakten und Beziehungen zu anderen neurechten Gruppen und Personen. Insbesondere besteht eine enge Bindung an den rechtsextremistischen Verlag \"Antaios\"51 und an Funktionsund Mandatstr\u00e4ger der Partei AfD. Das IfS ist somit bestrebt, Dritte mit seinem extremistischen Denken und Handeln zu beeinflussen. Dabei scheut es eine teils offensive, teils subversive Pflege und Verbreitung verschw\u00f6rungsideologischer Argumentationsmuster nicht. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Im Jahr 2024 war das IfS weiterhin prim\u00e4r publizierend t\u00e4tig. Die gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit und Reichweite entfaltete es mit Beitr\u00e4gen in der SiN. Hier ver\u00f6ffentlichte das IfS eine Mischung aus bereits in der Zeitschrift \"Sezession\" publizierten Artikeln, Nachbetrachtungen zu Veranstaltungen und Meinungsbeitr\u00e4gen zum tagespolitischen Geschehen. 50 Beispielweise die \"Wissenschaftliche Reihe\" oder das \"Staatspolitische Handbuch\" des IfS. 51 Inhaber und Verlagsleiter ist G\u00f6tz Kubitschek. 72","Rechtsextremismus Dar\u00fcber hinaus f\u00fchrte das IfS regelm\u00e4\u00dfig Veranstaltungen durch, von denen insbesondere die \"Akademie\"-Tagungen (\"Studientage\") innerhalb der neurechten Szene gro\u00dfen Anklang fanden. Sie sind Personen unter 35 Jahren vorbehalten, was die Bedeutung des IfS als ideologisches Schulungsund Nachwuchszentrum der \"Neuen Rechten\" unterstreicht. Vom 16. bis 18. Februar 2024 richtete das IfS seine j\u00e4hrlich stattfindende \"Winterakademie\", diesmal zum Thema \"Ru\u00dfland\", aus. Etwa 150 Personen fanden den Weg nach Schnellroda. Die gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit erhielt die am letzten Tag der \"Akademie\" veranstaltete Podiumsdiskussion mit Bj\u00f6rn H\u00f6cke (Vorsitzender der AfD-Fraktion im Th\u00fcringer Landtag) und Christoph Berndt (Vorsitzender der AfD-Fraktion im Landtag von Brandenburg). Besprochen wurde hierbei nicht das Thema Russland, sondern unter anderem die Situation der jeweiligen AfD-Landesverb\u00e4nde vor den Landtagswahlen, ein am 13. Februar 2024 vom Bundesministerium des Innern und f\u00fcr Heimat (BMI) vorgestelltes Ma\u00dfnahmenpaket gegen Rechtsextremismus sowie eine vermeintliche Abh\u00e4ngigkeit des Verfassungsschutzes von der Politik. Vom 20. bis 22. September 2024 f\u00fchrte das IfS in Schnellroda \"Studientage\" zum Thema \"Menschenpark\" durch. IfS-erfahrene Referenten trugen zum Thema vor. An der Veranstaltung nahmen etwa 130 Personen teil. Neben den \"Akademien\" (\"Studientagen\") mit explizitem Schulungscharakter, die eher an einen exklusiveren Teil der \"Neuen Rechten\" adressiert sind, haben sich auch die einem gr\u00f6\u00dferen Teilnehmerkreis zug\u00e4nglichen \"Sommerfeste\" als Vernetzungsund Kooperationsplattform \u00fcber das neurechte Milieu hinaus etabliert. Im Berichtsjahr fand das \"Sommerfest\" des IfS am 13. und 14. Juli 2024 mit \u00fcber 500 Teilnehmern in Schnellroda statt, darunter der bekannte Rechtsextremist Martin Sellner (\"Identit\u00e4re Bewegung \u00d6sterreich\"). Der programmatische H\u00f6hepunkt des Sommerfests war eine Podiumsdiskussion mit den AfD-Landesvorsitzenden aus Sachsen, Th\u00fcringen und Brandenburg, die die \"Bedeutung der drei Ost-Wahlen, den Umgang mit dem B\u00fcndnis Sarah Wagenknecht, d[ie] Schwere der Repressionen sowie m\u00f6gliche Koalitionen\" thematisierte. Der Vorsitzende des AfD-Landesverbandes Th\u00fcringen, Bj\u00f6rn H\u00f6cke, bezeichnete die Veranstaltung als den Wahlkampfauftakt f\u00fcr die AfD Th\u00fcringen. Kontakte nach \u00d6sterreich Das IfS hat sein Engagement in \u00d6sterreich im Berichtszeitraum weiter verst\u00e4rkt. G\u00f6tz Kubitschek hielt sich am 24. Januar 2024 im Castell Aurora in Steyregg (\u00d6sterreich) und am 25. Januar 2024 in Wien in den R\u00e4umen der \"\u00d6sterreichischen Landsmannschaft\" (\u00d6LM)52 auf. G\u00f6tz Kubitschek sprach bei beiden Terminen \u00fcber die Lage in Deutschland seit der Ver\u00f6ffentlichung der \"CORRECTIV\"-Reportage \u00fcber das sogenannte \"Potsdamer Treffen\" vom 25. November 2023. Vom 12. bis 14. April 2024 f\u00fchrte das IfS gemeinsam mit dem \"Freiheitlichen Akademikerverband Steiermark\" (FAV Steiermark) eine \"Fr\u00fchjahrsakademie 2024\" zum Thema \"Europa vor 52 Die \u00d6LM ist ein \u00f6sterreichischer Vertriebenenverband und Nachfolgerin des 1938 aufgel\u00f6sten \"Deutschen Schulvereins\", der mit Schulbauten die deutschen Volksgruppen dort f\u00f6rderte, wo sie in den Kronl\u00e4ndern der ehemaligen \u00f6sterreichischen Reichsh\u00e4lfte in der Bev\u00f6lkerungsminderheit waren. 73","Rechtsextremismus der Trendwende - Rechte zwischen Anspruch und Wirklichkeit\" mit 75 Teilnehmern in K\u00e4rnten (\u00d6sterreich) durch. Die \"Akademien\" in \u00d6sterreich sind thematisch an die \"Akademien\" in Schnellroda angelehnt. Die Vortragenden geh\u00f6ren dem Referentenstamm des IfS an. G\u00f6tz Kubitschek folgte am 12. September 2024 einer Einladung der \"Aktion 451\"53 zu einer Vortragsveranstaltung zum Thema \"Menschenpark\". Hier stellte er Peter Sloterdijks Buch \"Regeln f\u00fcr den Menschenpark\"54 vor. Am 13. September 2024 war G\u00f6tz Kubitschek zu Gast bei der vierten \"Patagonischen Nacht\" in Wien. Mit der \"Patagonischen Nacht\" wird dem franz\u00f6sischen Schriftsteller Jean Raspail, einem Vordenker der Neuen Rechten, gedacht, dessen B\u00fccher im Verlag Antaios angeboten werden. Die \"Runde der Chefredakteure\", ein gemeinsames Projekt \"alternativer\" Medien aus \u00d6sterreich, lud G\u00f6tz Kubitschek am 17. Oktober 2024 zu einer Ausgabe anl\u00e4sslich des einj\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums des Formats nach Wien ein. G\u00f6tz Kubitschek war bereits im September 2023 Gast in der ersten Ausgabe der \"Runde der Chefredakteure\". Die Runde sprach unter anderem \u00fcber die Wirkm\u00e4chtigkeit von \"alternativen Medien\", die Folgen des islamistischen Anschlags in Solingen vom 23. August 2024 und \u00fcber den Zuwachs f\u00fcr \"heimattreue\" Parteien in \u00d6sterreich und Deutschland. Ver\u00f6ffentlichungen und weitere Ereignisse In einem Artikel in der SiN missbilligte G\u00f6tz Kubitschek die staatlichen Ma\u00dfnahmen rund um die rechtsterroristische Gruppe \"S\u00e4chsische Separatisten\" (Sachsen). Im Kontext des Artikels wurde im Nachgang das \"Hafttagebuch\" eines der Beschuldigten ver\u00f6ffentlicht. In einem Livestream mit dem damaligen Vorsitzenden der Partei \"Die Heimat\"55, Frank Franz (Saarland), distanzierte sich G\u00f6tz Kubitscheks Ehefrau Ellen Schenke-Kubitschek56 von \"altrechten\" Strukturen und der zugeh\u00f6rigen Ideologie. Das IfS habe seit Bestehen ca. 5.000 junge Menschen geschult und Verschiedentliche davon abhalten k\u00f6nnen, in die altrechte Bewegung abzudriften. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Auf der ideologischen Ebene hat das IfS nach dessen formaler Aufl\u00f6sung und Neustrukturierung in Form der Unternehmergesellschaften \"Menschenpark Veranstaltungs UG\" und \"Metapolitik Verlags UG\" keine inhaltliche Neuausrichtung oder einen programmatischen Wechsel vollzogen. Die Ver\u00e4nderungen haben prim\u00e4r rechtlichen Charakter. 53 Der \"Identit\u00e4ren Bewegung \u00d6sterreich\" zuzurechnen. Vgl. hierzu auch S. 70. 54 Vgl. hierzu Anm. 49 (S. 71). 55 Zu der Partei \"Die Heimat\" vgl. auch S. 33 ff. 56 Die Autorin ver\u00f6ffentlicht unter \"Ellen Kositza\", ihrem fr\u00fcheren Namen. 74","Rechtsextremismus Im Berichtszeitraum konnte G\u00f6tz Kubitschek seine einflussreiche Position innerhalb der neurechten Szene weiter festigen. Ihm billigt die neurechte Szene, insbesondere die AfD, eine Art Beraterund Expertenrolle zu. Die offene Unterst\u00fctzung eines mutma\u00dflichen Rechtsterroristen stellt eine neue Qualit\u00e4t mit Blick auf die Radikalisierung des IfS dar und untergr\u00e4bt unmittelbar die Aussagen von Ellen Schenke-Kubitschek im Interview mit dem ehemaligen Vorsitzenden der Partei \"Die Heimat\", wonach das IfS sich von \"altrechten\" Strukturen und der zugeh\u00f6rigen Ideologie distanziert. 75","\"REICHSB\u00dcRGER\" UND \"SELBSTVERWALTER\"","\"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" EINLEITUNG Das allgemeine Gef\u00e4hrdungspotenzial der Reichsb\u00fcrgerszene blieb auch im Jahr 2024 unver\u00e4ndert hoch. Versinnbildlicht wurde dies durch den Auftakt der Prozesse gegen die 27 Hauptbeschuldigten der Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reu\u00df vor dem OLG Stuttgart, dem OLG Frankfurt am Main und dem OLG M\u00fcnchen im Fr\u00fchjahr und Sommer 2024. Den Angeklagten wird u. a. die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (SS 129a StGB) vorgeworfen.57 Im Berichtsjahr blieb das Personenpotenzial der Reichsb\u00fcrgerszene in Sachsen-Anhalt mit 700 Personen (2023: 700) unver\u00e4ndert auf einem hohen Niveau. Von den insgesamt 700 \"Reichsb\u00fcrgern\" und \"Selbstverwaltern\" sind fast 30 Prozent in Gruppierungen (wie z. B. dem \"K\u00f6nigreich Deutschland\" [KRD], dem \"Vaterl\u00e4ndischen Hilfsdienst\" [VHD] oder der \"Gemeine S\u00fcdharz\") aktiv. Bei den \u00fcbrigen Szeneangeh\u00f6rigen handelt es sich in der Regel um Einzelpersonen, die in der Kommunikation mit \u00c4mtern und Beh\u00f6rden als sogenannte \"Vielschreiber\" auftreten. Mit einer Vielzahl von Schreiben, die reichsb\u00fcrgertypische Argumentationsund Sprachmuster beinhalten, versuchen sie, beh\u00f6rdliches Handeln in ihrem Sinne zu beeinflussen und Beh\u00f6rdenmitarbeiter einzusch\u00fcchtern. Etwa acht Prozent der Reichsb\u00fcrgerszene in Sachen-Anhalt werden als gewaltbereit eingestuft. Diese Kategorie umfasst gewaltt\u00e4tige Szeneangeh\u00f6rige sowie Personen, die durch gewaltbef\u00fcrwortende Aussagen oder Drohungen aufgefallen sind. Neun Prozent aller \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" in Sachsen-Anhalt sind gleichzeitig der rechtsextremistischen Szene zuzurechnen. Nach der Durchf\u00fchrung umfangreicher staatlicher Exekutivma\u00dfnahmen im November 2023 und Oktober 2024 gegen das KRD entfaltete dieses im Berichtszeitraum in Sachsen-Anhalt keine Aktivit\u00e4ten mehr. Anders als in den Vorjahren standen der Gruppe in Sachsen-Anhalt w\u00e4hrend des gesamten Berichtsjahres keine nutzbaren Immobilien zur Verf\u00fcgung. Insgesamt 57 Mitglieder dieser Gruppierung hatten im Jahr 2022 geplant, den Deutschen Bundestag zu st\u00fcrmen und in der Bundesrepublik Deutschland die Macht zu \u00fcbernehmen. 77","\"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" musste das KRD im Jahr 2024 infolge der staatlichen Ma\u00dfnahmen einen schwerwiegenden Bedeutungsverlust hinnehmen. Die Gruppe \"Gemeine S\u00fcdharz\" mit etwa 25 Mitgliedern, vornehmlich aus dem Bereich des Landkreises Mansfeld-S\u00fcdharz, hat sich im Jahr 2024 zur aktivsten \"Reichsb\u00fcrger\"-Gruppierung in Sachsen-Anhalt entwickelt. Diese Gruppierung f\u00e4llt vor allem mit reichsb\u00fcrgertypischen Schreiben an verschiedene staatliche Institutionen auf, in denen sie z. B. behauptet, dass ausschlie\u00dflich die \"Gemeine S\u00fcdharz\" verwaltungsrechtlich befugt sei, \"Ma\u00dfnahmen\" gegen ihre Mitglieder zu erlassen. 78","\"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" REICHSB\u00dcRGERSZENE (\"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\") Gr\u00fcndung Die seit Jahren agierende Reichsb\u00fcrgerszene hat ihren Ursprung in der in den 1980er Jahren bestehenden \"Kommissarischen Reichsregierung\" (KRR) um Wolfgang Ebel (+, Berlin). Verbreitung Quantitative Schwerpunktregionen in Sachsen-Anhalt sind der Salzlandkreis und der Landkreis Mansfeld-S\u00fcdharz Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land 700 70058 Bund 25.000 26.00059 Struktur / Die Reichsb\u00fcrgerszene ist sehr heterogen, zersplittert und Aufbau vielschichtig. Sie l\u00e4sst sich in \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" unterscheiden. Als \"Reichsb\u00fcrger\" bezeichnen sich Einzelpersonen und verschiedene Gruppierungen, die sich als Angeh\u00f6rige eines \"Deutschen Reiches\" w\u00e4hnen. Bei den \"Selbstverwaltern\" handelt es sich um eine heterogene Gruppe von Einzelpersonen, die im Gegensatz zu den \"Reichsb\u00fcrgern\" nicht vom Weiterbestehen des Deutschen Reiches \u00fcberzeugt sind, sondern behaupten, sie k\u00f6nnten durch eine Erkl\u00e4rung aus der Bundesrepublik Deutschland ausscheiden oder dass diese gar nicht existent sei. Entsprechend seien sie nicht mehr deren Gesetzen unterworfen. Manche \"Selbstverwalter\" rufen sogar eigene \"Staatsgebilde\" aus. Neben den Einzelakteuren existieren eine Vielzahl an Kleinstund Kleingruppen sowie virtuelle Netzwerke und dar\u00fcber hinaus auch \u00fcberregional agierende Personenzusammenschl\u00fcsse. Ver\u00f6ffentlichungen Diverse, teils wechselnde Web-Angebote Soziale Medien wie Facebook, Homepages, Messenger-Dienste wie Telegram Kurzportrait / Ziele Kennzeichnend f\u00fcr die Reichsb\u00fcrgerszene sind gemeinhin folgende Behauptungen: Die Bundesrepublik Deutschland sei kein echter Staat im v\u00f6lkerrechtlichen Sinn, sondern eine Firma mit staats\u00e4hnlichen Strukturen, eine \"BRD-GmbH\". Es handele sich um ein reines \"Verwaltungsund Firmenkonstrukt\". Die Bundesrepublik Deutschland sei nicht unabh\u00e4ngig. Die Bundesrepublik Deutschland sei juristisch nicht existent, also illegal. 58 Davon sind etwa 9 Prozent der rechtsextremistischen Szene zuzurechnen; 8 Prozent sind gewaltorientiert. 59 Davon sind etwa 5 Prozent der rechtsextremistischen Szene zuzurechnen; 10 Prozent sind gewaltorientiert. 79","\"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" Hingegen bestehe das Deutsche Reich v\u00f6lkerrechtlich fort; oft wird auf die Grenzen von 1937 verwiesen. Allerdings sei das Reich immer noch besetzt. Um ihre Behauptung zu untermauern, dass Deutschland kein souver\u00e4ner Staat sei, verweisen \"Reichsb\u00fcrger\" meist auf die Milit\u00e4rpr\u00e4senz der USA, die eines bevorzugten Feindbilder der Szene darstellen. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" streben den Aufbau pseudostaatlicher Strukturen an und sind daher bem\u00fcht, eigene Verwaltungsstrukturen zu schaffen. Szeneakteure stellen zu diesem Zweck u. a. eigene Legitimationspapiere aus, geben sich selbst Regierungs\u00e4mter o- der rufen pseudostaatliche Beh\u00f6rden ins Leben. Grund der Beobachtung \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" erkennen die Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland nicht an. Sie versto\u00dfen damit gegen das Rechtsstaatsprinzip nach Art. 20 Abs. 3 des GG. Einige Szeneakteure (z. B. das KRD) propagieren dar\u00fcber hinaus eine antidemokratische Ideologie und richten sich somit gegen das Demokratieprinzip nach Art. 20 Abs. 1 und 2 GG. Zudem k\u00f6nnen sich Bestrebungen von \"Reichsb\u00fcrgern\" und \"Selbstverwaltern\" gegen den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes und, soweit sie im Einzelfall mit gebietsrevisionistischen Forderungen verbunden sind, auch gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richten. Zuweilen werden auch antisemitische Verschw\u00f6rungsideologien bis hin zur Holocaust-Leugnung verbreitet. \u00dcberregionale Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Die bundesweite Veranstaltungsreihe \"Das Gro\u00dfe Treffen der 25+1 Bundesstaaten\" wurde im Jahr 2024 fortgesetzt. Sie dient der \u00fcberregionalen Vernetzung der Reichsb\u00fcrgerszene und fordert ideologisch die R\u00fcckkehr zum Kaiserreich und zu dessen Verfassung von 1871. Zum dritten \"Gro\u00dfen Treffen der Bundesstaaten\" versammelten sich am 6. April 2024 etwa 950 \"Reichsb\u00fcrger\" in Gera (Th\u00fcringen), bei dem ein namhafter Rechtsextremist aus Th\u00fcringen eine Rede hielt. Auch Peter Fitzek, der selbsternannte K\u00f6nig des KRD, wurde im Rahmen der Versammlung festgestellt. Am 31. August 2024 fand das vierte Treffen mit rund 500 Szeneangeh\u00f6rigen in M\u00fcnchen (Bayern) statt. Ein Organisator dieser Veranstaltungen ist der aus Sachsen-Anhalt stammende Reichsb\u00fcrger Thiemo Althaus (Landkreis B\u00f6rde), der auch als einer der Protagonisten der \"Stillen Proteste\"60 gilt. Die Versammlungsreihe stellt mittlerweile das gr\u00f6\u00dfte sich wiederholende bundesweite Vernetzungstreffen der Reichsb\u00fcrgerszene dar. 60 Siehe unten, S. 81 f. 80","\"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" Aktive Gruppierungen der Reichsb\u00fcrgerszene in Sachsen-Anhalt Gruppierungen nehmen in der Reichsb\u00fcrgerszene einen bedeutenden Stellenwert ein, da sie sowohl virtuell als auch in der realen Welt zweckund zielgerichtet agieren. Die Reichsb\u00fcrgerszene unterliegt permanenten strukturellen Ver\u00e4nderungen und ist anpassungsf\u00e4hig. \"K\u00f6nigreich Deutschland\" (KRD)61 Nach den bundesweiten Ma\u00dfnahmen verschiedener Beh\u00f6rden - u. a. der Bundesanstalt f\u00fcr Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und der Staatsanwaltschaft Dresden - gegen das KRD im November 2023 und Oktober 2024, bei denen dem KRD auch der Zugriff auf dessen ehemalige \"Zentrale\", das Objekt in Lutherstadt Wittenberg, entzogen wurde, waren keine Aktivit\u00e4ten der Gruppierung im Berichtsjahr in Sachsen-Anhalt mehr feststellbar. Allerdings zog die Berufungsverhandlung gegen Peter Fitzek am Landgericht Dessau-Ro\u00dflau gro\u00dfe Aufmerksamkeit auf sich. Peter Fitzek war zuvor im Juli 2023 vom Amtsgericht Wittenberg wegen vors\u00e4tzlicher K\u00f6rperverletzung und Beleidigung zu einer Haftstrafe von acht Monaten ohne Bew\u00e4hrung verurteilt worden und hatte anschlie\u00dfend Berufung eingelegt. Im Rahmen der Berufungsverhandlung sprach Peter Fitzek dem Gericht die Zust\u00e4ndigkeit ab und argumentierte reichsb\u00fcrgertypisch. Die Verhandlung wurde durchg\u00e4ngig von seinen Anh\u00e4ngern im Zuschauerraum begleitet und protokolliert. Das Landgericht Dessau-Ro\u00dflau best\u00e4tigte das vorangegangene Urteil und Peter Fitzek legte im Anschluss unverz\u00fcglich Revision gegen diese Entscheidung ein.62 Insgesamt kann konstatiert werden, dass das KRD durch die verschiedenen restriktiven Ma\u00dfnahmen der unterschiedlichen Beh\u00f6rden stark geschw\u00e4cht ist. Lediglich ein Objekt in Halsbr\u00fccke (Sachsen) ist dem KRD zur Nutzung verblieben. Ein im November 2024 dort durchgef\u00fchrter \"Tag der offenen T\u00fcr\" erzeugte bei potenziellen Anh\u00e4ngern kaum Interesse. Auch die im Jahr 2023 mit hoher Frequenz durchgef\u00fchrten Wanderungen der Teilorganisation des KRD \"Der Leuchtturm\" lie\u00dfen im Verlauf des Berichtsjahres deutlich nach. \"Samtgemeinde Alte Marck\" Die \"Samtgemeinde Alte Marck\" trat im Berichtsjahr gelegentlich in Erscheinung. Vereinzelt verschickten Anh\u00e4nger der Gruppierung Schreiben an Beh\u00f6rden, in denen behauptet wurde, dass f\u00fcr sie ausschlie\u00dflich die Gesetze des Deutschen Kaiserreiches gelten w\u00fcrden und die bundesdeutschen Beh\u00f6rden f\u00fcr sie daher nicht zust\u00e4ndig seien. Meist war den Schreiben ein \"Heimathschein\" der \"Samtgemeinde\" beigef\u00fcgt, um diese Behauptung zu untermauern. \"Stiller Protest\" Im Jahr 2024 setzten sich die bereits seit dem Jahr 2020 stattfindenden regelm\u00e4\u00dfigen Versammlungen von \"Reichsb\u00fcrgern\" in der Ortslage Gr\u00f6ningen, OT Heynburg (Landkreis B\u00f6rde) an der B 81 zun\u00e4chst fort. Die beteiligten \"Reichsb\u00fcrger\" schwenkten bei diesen Ver61 Das BMI hat das KRD am 13. Mai 2025 verboten. 62 Im M\u00e4rz 2025 verwarf das OLG Naumburg die Revision Peter Fitzeks gegen das Urteil des Amtsgerichts Wittenberg vom Juli 2023, welches damit rechtskr\u00e4ftig ist. 81","\"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" sammlungen vornehmlich Reichsflaggen am Stra\u00dfenrand. Die Teilnehmerzahlen sanken allerdings im Laufe des ersten Halbjahres in einen einstelligen Bereich; seit August 2024 finden die Versammlungen in Heynburg daher nicht mehr statt. An der B 86 in Sangerhausen (Landkreis Mansfeld-S\u00fcdharz) hingegen wurden die wiederkehrenden Versammlungen von \"Reichsb\u00fcrgern\" weitergef\u00fchrt, auch wenn sie ebenfalls nur sehr geringe Teilnehmerzahlen aufwiesen. Ebenso wurden gleichgelagerte Versammlungen in anderen Bundesl\u00e4ndern wie Brandenburg oder Niedersachsen personell unterst\u00fctzt. \"Gemeine S\u00fcdharz\" Im Landkreis Mansfeld-S\u00fcdharz blieb die Gruppierung \"Gemeine S\u00fcdharz\" sehr aktiv. Laut \"Gr\u00fcndungsurkunde\" wurde die \"Gemeine S\u00fcdharz\" Ende 2022 von sieben Personen ins Leben gerufen. Inzwischen werden etwa 25 Reichsb\u00fcrger der Gruppierung zugerechnet, die auch in anderen Landkreisen und au\u00dferhalb Sachsen-Anhalts wohnen. Typisch f\u00fcr diese Gruppierung ist das Versenden von Schreiben, in denen Beh\u00f6rden mitgeteilt wird, dass diese nicht zust\u00e4ndig seien, da ausschlie\u00dflich die \"Gemeine S\u00fcdharz\" verwaltungsrechtlich befugt sei, Ma\u00dfnahmen gegen\u00fcber ihren Anh\u00e4ngern zu veranlassen. Herauszuheben ist ein Schreiben an den Th\u00fcringer Landesbeauftragten f\u00fcr Datenschutz und die Informationsfreiheit, der aufgefordert wurde, personenbezogene Daten von Angeh\u00f6rigen der \"Gemeine S\u00fcdharz\" in allen Verwaltungsregistern zu l\u00f6schen. \"Vaterl\u00e4ndischer Hilfsdienst\" (VHD) Der VHD ist eine Unterorganisation der \"Reichsb\u00fcrger\"-Organisation \"Bismarcks Erben/ Ewiger Bund\", deren Aufgabe es sein soll, \"Verwaltungsstrukturen\" wie \"Melde\u00e4mter\" aufzubauen, um nach der vom VHD angestrebten Reaktivierung der Rechtsordnung des Deutschen Kaiserreiches \"arbeitsf\u00e4hig\" zu sein. Die Strategie zielt also nicht darauf, Auseinandersetzungen mit der staatlichen Verwaltung zu f\u00fchren, wie dies f\u00fcr andere Gruppierungen der Szene charakteristisch ist, sondern auf den Aufbau der eigenen Handlungsf\u00e4higkeit. Die Gruppierung orientiert ihre regionale Gliederung an den historischen Armeekorpsbereichen, wie sie in der Zeit des Deutschen Kaiserreiches bestanden. Der VHD-Ableger in Sachsen-Anhalt agiert unter der Bezeichnung \"IV. Armeekorpsbezirk\". Die Gruppierung traf sich im Jahr 2024 mehrfach an verschiedenen Orten Sachsen-Anhalts, z. B. in Dessau-Ro\u00dflau OT Ro\u00dflau und Wernigerode. Bei den \"Hilfsdiensttreffen\" des \"IV. Armeekorpsbezirks\" sollen nach eigenen Angaben Interessenten beschult, Auszeichnungen verliehen und sogenannte \"Eidesleistungen\" vollzogen worden sein. Mit \"Eidesleistungen\" verpflichtet man sich, f\u00fcr die Interessen des VHD einzutreten. Zumeist ist damit die \u00dcbertragung von Funktionen innerhalb der Organisation verbunden. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die Reichsb\u00fcrgerszene entfaltete im Berichtsjahr erneut vielf\u00e4ltige Aktivit\u00e4ten sowohl in der Realwelt als auch im virtuellen Raum. In Sachsen-Anhalt stabilisierte sich die Anzahl der Anh\u00e4nger dieses Ph\u00e4nomenbereichs auf einem hohen Niveau. 82","\"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" Zudem kann weiter ein hohes Interesse an der Vernetzung innerhalb der Szene festgestellt werden. Hierzu bietet das Internet mit seinen Social-Media-Kan\u00e4len und Online-Foren, vor allem auf Telegram, eine bestm\u00f6gliche Basis. Diese digitale Vernetzung wirkt sich aber auch in der realen Welt aus. Beispielhaft daf\u00fcr sind die \"Gro\u00dfen Treffen der Bundesstaaten\" zu nennen, die von den Teilnehmenden zum pers\u00f6nlichen Kennenlernen und Austausch genutzt werden. Ein Schwerpunkt der T\u00e4tigkeit der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ist weiterhin die Beobachtung von \"Reichsb\u00fcrgern\" und \"Selbstverwaltern\", die \u00fcber eine waffenrechtliche Erlaubnis verf\u00fcgen und sich waffenaffin zeigen. Etwa vier Prozent des Personenpotenzials in Sachsen-Anhalt sind in Besitz einer waffenrechtlichen Erlaubnis. Im Rahmen seiner Mitwirkungspflichten bei waffenrechtlichen Zuverl\u00e4ssigkeitspr\u00fcfungen nach SS 5 WaffG hat der Verfassungsschutz die Unteren Waffenbeh\u00f6rden \u00fcber seine (mitteilbaren) Erkenntnisse unterrichtet.63 Die Waffenbeh\u00f6rden pr\u00fcfen eigenst\u00e4ndig, ob das Versagen einer beantragten oder der Entzug einer bereits erteilten waffenrechtlichen Erlaubnis auf der Basis dieser Erkenntnisse rechtlich m\u00f6glich ist. 63 Siehe dazu auch Kapitel 1, Abschnitt \"Mitwirkungsaufgaben\", S. 7 ff. 83","VERFASSUNGSSCHUTZRELEVANTE DELEGITIMIERUNG DES STAATES","Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates BEOBACHTUNGSOBJEKT: DEMOKRATIEFEINDLICHE UND/ODER SICHERHEITSGEF\u00c4HRDENDE DELEGITIMIERUNG DES STAATES Die Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Corona-Pandemie f\u00fchrten im Fr\u00fchjahr 2020 zu tiefgreifenden Einschr\u00e4nkungen des \u00f6ffentlichen Lebens. In der Folge entwickelte sich ein dynamisches Protestgeschehen in Gestalt regelm\u00e4\u00dfiger Versammlungen, die auf dem H\u00f6hepunkt der Proteste im Januar 2022 landesweit von \u00fcber 18.000 Teilnehmern besucht wurden. Neben den von der Versammlungsund Meinungsfreiheit ausdr\u00fccklich gedeckten Unmutsbekundungen bildete sich dabei auch eine Form des Protests heraus, der auf eine verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates zielt. Verfassungsschutzrelevant ist die von einem Personenzusammenschluss betriebene Delegitimierung des Staates, wenn sie eine Reihe von Kriterien erf\u00fcllt. Hierzu z\u00e4hlt die st\u00e4ndige und pauschale verfassungsschutzrelevante Agitation gegen staatliche Institutionen und insbesondere demokratisch legitimierte Repr\u00e4sentanten des Staates, ohne dass die Kritik konkretisiert und eine mit der Demokratie vertr\u00e4gliche Alternative aufgezeigt wird. Kennzeichnend f\u00fcr eine derartige Agitation sind u. a. systematische Beschimpfungen, Verd\u00e4chtigungen, Verleumdungen und Verunglimpfungen, aber auch Gleichsetzungen der Bundesrepublik Deutschland mit Diktaturen. Ein weiteres Kriterium des Ph\u00e4nomenbereichs ist die Gef\u00e4hrdung der \u00f6ffentlichen Sicherheit in Form von Gewaltandrohungen gegen Vertreterinnen und Vertreter der parlamentarischen Demokratie oder auch Blockadeund Sabotageaktionen gegen staatliche Einrichtungen sowie lebenswichtige Infrastruktur und Versorgungseinrichtungen. Die Szene legitimiert Gewaltund Widerstandshandlungen, indem sie sich auf ein falsch verstandenes Widerstandsrecht nach Art. 20 Abs. 4 GG gegen aus ihrer Sicht illegitime staatliche Ma\u00dfnahmen bezieht. Personenzusammenschl\u00fcsse, die dem Ph\u00e4nomenbereich der Verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates zuzurechnen sind, verbreiten dar\u00fcber hinaus Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen, die oft mit digital verbreiteter Misund Desinformation64 einhergehen. Kennzeichen ihrer Agitation sind eine ausgepr\u00e4gte Elitenfeindlichkeit einerseits und ein kategorisches \"Freund-Feind-Denken\" andererseits. Die hierin zum Ausdruck kommende dualistische Sichtweise der Szene kann eine katalysatorische Wirkung in Bezug auf die Radikalisierung ihrer Anh\u00e4ngerschaft entfalten. Ein Gro\u00dfteil der Kommunikation und damit auch der Vernetzung und Radikalisierung erfolgt \u00fcber soziale Medien und Messengerdienste. Insbesondere Telegram nahm im Berichtszeitraum eine zentrale Funktion f\u00fcr die Organisation, Mobilisierung und Information der Szene der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates ein. 64 Der Begriff \"Desinformation\" beschreibt das gezielte und wissentliche Verbreiten von falschen Informationen mit dem Ziel, die Adressaten in die Irre zu f\u00fchren. Dies ist zu unterscheiden von falschen o- der irref\u00fchrenden Informationen, die irrt\u00fcmlich bzw. ohne T\u00e4uschungsabsicht entstehen und verbreitet werden (Misinformation). Desinformation wird von nicht-staatlichen Akteuren aus dem Inund Ausland sowie von ausl\u00e4ndischen staatlichen Akteuren aus unterschiedlichen Motivationen heraus eingesetzt. In dem vorliegenden Kapitel bezieht sich der Begriff der Desund Misinformation auf das Agieren nicht-staatlicher Akteure im Inland. 85","Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates Im Berichtjahr lag das Personenpotenzial der Delegitimiererszene in Sachsen-Anhalt bei rund 90 Personen. Entwicklungen im Berichtszeitraum Im Vergleich zu den Vorjahren trat die Szene infolge von Fragmentierungsprozessen weniger konturiert in Erscheinung. Ihre Aktivit\u00e4ten entfalteten insgesamt eine geringere Resonanz. Das Personenpotenzial des Ph\u00e4nomenbereichs hat im Berichtszeitraum abgenommen. Ein Grund f\u00fcr diese Entwicklung ist die Abwanderung von Szeneakteuren, die in den Vorjahren noch der Delegitimiererszene zuzurechnen waren, zum Rechtsextremismus und zur Reichsb\u00fcrgerszene. Diese Entwicklung wurde seit der zweiten Jahresh\u00e4lfte 2024 insbesondere in Halberstadt (Landkreis Harz) sichtbar: Waren die dort w\u00f6chentlich stattfindenden \"Montagsdemonstrationen\" zuvor noch von Personen gepr\u00e4gt, die dem Ph\u00e4nomenbereich \"Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates\" zugerechnet wurden, werden sie seit Herbst 2024 von der rechtsextremistischen Szene dominiert. Die Proteste der Delegitimiererszene wiesen im Berichtsjahr einen stark ritualisierten Charakter auf und wurden \u00fcberwiegend von einer kleinen Personengruppe getragen, die es nicht vermochte, ein nicht-extremistisches Klientel zu mobilisieren. Dies zeigte etwa die Beteiligung von Akteuren der Delegitimiererszene an den Protestaktionen von Landwirten gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung im ersten Quartal 2024: Das Vorhaben der Szene, die Proteste ideologisch zu instrumentalisieren, scheiterte; sie konnte keinen bestimmenden Einfluss auf die Kundgebungen der Landwirte entfalten. Den konstant niedrigen Teilnehmendenzahlen bei Protesten versuchte die Delegitimiererszene mit Vernetzungsbestrebungen und der Vermischung von extremistischen Ideologemen zu begegnen. Insbesondere bei Telegram war eine l\u00e4nderund ph\u00e4nomenbereichs\u00fcbergreifende Zusammenarbeit zu beobachten. Die Teilnehmenden der Proteste verbreiteten h\u00e4ufig pro-russische Narrative und unternahmen den Versuch, sich als neue Friedensbewegung zu inszenieren. Diese Bem\u00fchungen waren wenig erfolgreich. Das Hauptaktionsfeld der Delegitimiererszene im Berichtszeitraum bildete das Teilen von Inhalten in sozialen Netzwerken, insbesondere bei Telegram: Die dort verbreiteten Inhalte enthalten h\u00e4ufig pro-russische Narrative und weisen einen hohen Grad an Desund Misinformation auf; sie werden von einigen Akteuren der Delegitimiererszene \u00e4u\u00dferst aggressiv und mit gesteigerter Vehemenz ge\u00e4u\u00dfert. Aufgrund der r\u00fcckl\u00e4ufigen Teilnehmendenzahlen und m\u00f6glicherweise auch aufgrund der Selbstidentifikation der Delegitimiererszene als \"Friedenbewegung\" stellte sich das Protestgeschehen weitgehend st\u00f6rungsfrei und geordnet dar. Nur vereinzelt kam es zu versammlungstypischen Delikten. 86","Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates Aktive Gruppierungen \"Bewegung Halle\" Die \"Bewegung Halle\" ist nach wie vor dem Ph\u00e4nomenbereich Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates zuzuordnen, auch wenn die extremistische Intensit\u00e4t der ge\u00e4u\u00dferten Inhalte im Vergleich zu anderen Gruppen der Szene geringer ist. Sie organisiert die Montagsproteste in Halle (Saale), die \u00fcber den Berichtszeitraum hinweg eine konstant hohe zweistellige bis niedrige dreistellige Teilnehmendenzahl aufwiesen. Bei einer dieser Versammlungen, die die Gruppe am 18. M\u00e4rz 2024 durchf\u00fchrte, bezeichnete eine Rednerin die Regierung als \"Unrechtsregime\" und die Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Corona-Pandemie als \"Corona-Terror\". Einen Videozusammenschnitt, mit dem die \"Bewegung Halle\" eine ihrer Kundgebungen dokumentierte, unterlegte die Gruppierung mit einem Lied der rechtsextremistischen Band \"Sleipnir\". Im Zusammenhang mit der Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt vom 20. Dezember 2024 \u00e4u\u00dferte sich die Gruppe demokratiefeindlich und gegen das Rechtsstaatsprinzip gerichtet. So nahm eine Rednerin der Gruppe die Amokfahrt f\u00fcr die Forderung zum Anlass, dass \"alle korrupten Figuren aus s\u00e4mtlichen Regierungen\" entfernt werden m\u00fcssten: \"Durch Wahlen werden wir diese Figuren nicht los. Und wenn Wahlen etwas \u00e4ndern w\u00fcrden, w\u00e4ren sie l\u00e4ngst verboten. [...] Was haben wir denn f\u00fcr eine Wahl? Wir haben die Wahl, in einem v\u00f6llig korrumpierten System Figuren zu w\u00e4hlen, die alles im Sinn haben, aber nicht das Interesse der Deutschen vertreten. Sie machen genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich tun sollten. Und das machen sie mit Absicht. Das ist nicht Dummheit und Unverm\u00f6gen - das ist auch reichlich vorhanden - sondern es ist zielgerichtete Sabotage an diesem Land.\" Zum einen macht die \"Bewegung Halle\" Politikerinnen und Politiker ver\u00e4chtlich, etikettiert diese pauschal als korrupt und gegen das Wohl des deutschen Volkes gerichtet. Andererseits wird deutlich, dass die Gruppe die parlamentarische Demokratie ablehnt, zu der Wahlen als konstituierendes Element z\u00e4hlen. \"Bernburg steht auf e. V.\" (\"Bernburg steht auf\") Der Verein \"Bernburg steht auf\" verst\u00f6\u00dft in besonders ausgepr\u00e4gter Weise, in Form von st\u00e4ndiger agitatorischer Ver\u00e4chtlichmachung des Staates und seiner Vertreter ohne Sachbezug, gegen das Demokratieprinzip. Beschimpfungen, Verd\u00e4chtigungen, Verleumdungen, Unterstellungen und Verunglimpfungen treten h\u00e4ufig und mit Vehemenz auf. Zu Beginn des Jahres 2024 versuchte \"Bernburg steht auf\", auf die Protestaktionen der Landwirte Einfluss zu nehmen. Wie bereits im Vorjahr beteiligte sich der Verein zudem an einem Treffen von \"Reichsb\u00fcrgern\". Hierbei handelte es sich um das \"Gro\u00dfe Treffen der 25+1 Bundesstaaten\", das am 6. April 2024 in Gera (Th\u00fcringen) stattfand.65 65 Vgl. hierzu auch das Kapitel \"Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter\", S. 80. 87","Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates Screenshot der mittlerweile abgeschalteten Homepage des Vereins \"Bernburg steht auf\": Die Gruppe dokumentierte hier ihre Teilnahme an der \"Reichsb\u00fcrger\"-Kundgebung \"Das Gro\u00dfe Treffen der 25+1 Bundesstaaten\" am 6. April 2024 Gera (Th\u00fcringen) Mutma\u00dflich in Reaktion auf die Ver\u00f6ffentlichung des Verfassungsschutzberichtes SachsenAnhalt f\u00fcr das Jahr 2023, in dem \"Bernburg steht auf\" erstmals genannt wurde, ging die Homepage der Gruppe offline. Der \u00f6ffentlich einsehbare Telegram-Kanal des Vereins wird seither nicht weiter mit Informationen bedient. Bewertungen, Tendenzen, Ausblick Die Relevanz des Beobachtungsobjekts \"Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates\" hat im Berichtszeitraum weiter abgenommen; der R\u00fcckgang des Mobilisierungspotenzials der Delegitimiererszene in Sachsen-Anhalt hat sich fortgesetzt. Die Teilnehmendenzahlen der von den relevanten Akteuren organisierten Versammlungen sind konstant niedrig; seit dem Auslaufen der Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Corona-Pandemie sto\u00dfen diese Versammlungen kaum noch auf Resonanz im nichtextremistischen Teil der Bev\u00f6lkerung. Neben dem Bedeutungsverlust der Corona-Thematik ist die hohe Anschlussf\u00e4higkeit der in der Szene verbreiteten Verschw\u00f6rungsideologien f\u00fcr Narrative und Denkmuster, die f\u00fcr die Ph\u00e4nomenbereiche Rechtsextremismus und Reichsb\u00fcrgerszene typisch sind, ein Grund f\u00fcr diese Entwicklung: Einige Einzelpersonen, die sich w\u00e4hrend der Corona-Pandemie radikalisiert und in Gruppierungen der Delegitimiererszene engagiert haben, propagieren mittlerweile rechtsextremistische oder \"Reichsb\u00fcrger\"-Ideologeme und werden daher von der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde den Ph\u00e4nomenbereichen Rechtsextremismus oder Reichsb\u00fcrgerszene zugerechnet. Die schwindende Mobilisierungsf\u00e4higkeit geht indes nicht mit einer abnehmenden Radikalit\u00e4t der verbliebenen Anh\u00e4nger des Ph\u00e4nomenbereichs einher. Im Gegenteil: Die extremistische Intensit\u00e4t der \u00c4u\u00dferungen von Szeneangeh\u00f6rigen ist weiter hoch. Insbesondere die Wortbeitr\u00e4ge auf Telegram-Kan\u00e4len versto\u00dfen gegen das Demokratieprinzip. Es ist daher erforderlich, die Aktivit\u00e4ten der verfassungsschutzrelevanten Delegitimiererszene weiterhin zu beobachten. 88","LINKSEXTREMISMUS","Linksextremismus EINLEITUNG Linksextremismus als heterogenes Ph\u00e4nomen stellt ein Sammelbecken f\u00fcr unterschiedliche Str\u00f6mungen dar, die jeweils gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind. Bei aller Vielschichtigkeit wissen sich Linksextremisten in der Verabsolutierung der menschlichen Fundamentalgleichheit einig, aus der sie radikale Konsequenzen ziehen. Das Ziel ist die totale Befreiung des Menschen aus allen gesellschaftlichen, politischen oder sozio-\u00f6konomischen Zw\u00e4ngen und die Errichtung einer herrschaftsbzw. klassenlosen Ordnung. In dem Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Freiheit und Gleichheit haben sich mit der Zeit die unterschiedlichsten Str\u00f6mungen innerhalb des Linksextremismus herausgebildet. Je nach Ansatz soll das Ziel einer Gesellschaftsformation der Freien und Gleichen auf dem Wege der Diktatur einer zentralistischen (Einheits-)Partei, einer dezentralen Selbstorganisation oder durch die Abschaffung jeglicher Staatsund Herrschaftsstrukturen erreicht werden. Diese Methoden widersprechen den Werten und Verfahrensregeln des demokratischen Verfassungsstaates, dessen Bestand Linksextremisten angreifen und auf revolution\u00e4rem Wege \u00fcberwinden wollen. Alle linksextremistischen Str\u00f6mungen lassen sich auf die ideengeschichtlichen Ideologiefamilien des Kommunismus auf der einen und des Anarchismus auf der anderen Seite zur\u00fcckf\u00fchren. W\u00e4hrend beide Ideologiefamilien in der Vorstellung von einer befreiten Gesellschaft als utopisches Endziel \u00fcbereinstimmen, unterscheiden sie sich doch in der Vorstellung davon, wie dies zu erreichen sei. So schlie\u00dfen anarchistische Ideologien aus ihrem \u00fcbersteigerten Gleichheitspostulat auf einen absoluten Freiheitsgedanken im Sinne einer herrschaftslosen Gesellschaft. Damit lehnen Anarchisten jedwede staatliche Ordnung ab. Anarchisten verzichten darauf, einen systematischen Theorieentwurf f\u00fcr die kommende Utopie zu entwickeln, und beschr\u00e4nken sich stattdessen auf eine umfassende Anti-Haltung gegen\u00fcber der bestehenden Ordnung. W\u00e4hrend der Anarchismus den Wert der individuellen Freiheit verabsolutiert, strebt der Kommunismus eine Ausweitung des Gleichheitspostulats auf s\u00e4mtliche gesellschaftliche Lebensbereiche an. Zu diesem Zweck soll das bestehende politische System auf revolution\u00e4rem Wege zerschlagen und von einer \"Diktatur des Proletariats\" abgel\u00f6st werden. Demnach w\u00fcrde eine \"proletarische Avantgarde\" in einer \u00dcbergangsphase des Sozialismus den Staat zum Absterben bringen und an seiner Stelle schlie\u00dflich eine klassenlose (Welt-)Gesellschaft etablieren. Die Auseinandersetzungen mit der Frage, wie die Revolution letztlich zu organisieren sei, begr\u00fcnden das ungebrochene Theoriebewusstsein kommunistischer Gruppierungen, die zur Beantwortung meist auf die geistigen V\u00e4ter des Kommunismus wie Marx, Lenin, Trotzki, Stalin oder Mao zur\u00fcckgreifen. Aus dieser sehr unterschiedlichen Gewichtung der Werte Freiheit und Gleichheit ergeben sich immer wieder fundamentale ideologische Konflikte zwischen kommunistischen Gruppierungen und linksextremistischen Akteuren, die eher in der Tradition des Anarchismus stehen. Eine Zusammenarbeit gibt es wiederum dort, wo soziale Problemlagen f\u00fcr die revolution\u00e4ren Ziele eingespannt und im Sinne einer vorgeschobenen Gesellschaftskritik instrumentalisiert werden k\u00f6nnen. 90","Linksextremismus Linksextremistisches Personenpotenzial* 2022 2023 2024 Gewaltorientierte Linksextremisten 295 295 295 Nicht gewaltorientierte Linksextremisten 305 385 385 Gesamt 600 680 680 *Zahlen zum Teil gesch\u00e4tzt und gerundet Das linksextremistische Personenpotenzial in Sachsen-Anhalt bewegte sich im Jahr 2024 auf dem gleichen Niveau wie im Vorjahr. Insgesamt werden 680 Personen dem linksextremistischen Spektrum in Sachsen-Anhalt zugeordnet, wobei von personellen Schnittmengen zwischen Anh\u00e4ngern des gewaltorientierten Linksextremismus und den Mitgliedern des \"Rote Hilfe e. V.\" auszugehen ist. 91","Linksextremismus GEWALTORIENTIERTE LINKSEXTREMISTEN Gr\u00fcndung Ende der 1970er Jahre als Ausl\u00e4ufer der Studentenbewegung, der Sponti-Szene und der Punk-Subkultur; seit Anfang der 1990er Jahre in allen Bundesl\u00e4ndern Sitz / Schwerpunktregionen in Magdeburg und Halle (Saale) Verbreitung Bundesweite Verteilung mit lokalen Hochburgen, vorwiegend in Gro\u00dfst\u00e4dten Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land 295 295 Bund 11.200 11.200 Struktur / Gewaltorientierte Linksextremisten bilden keine strukturelle EinAufbau heit, sondern sind heterogen aufgestellt. Zum \u00fcberwiegenden Teil pr\u00e4gen Autonome dieses Spektrum des Linksextremismus. Ihrem Selbstverst\u00e4ndnis entsprechend sind Autonome hierarchiefeindlich; festgef\u00fcgte Organisationen bzw. Strukturen lehnen sie ab. Weitere gewaltorientierte Akteure sind Antiimperialisten und Anarchisten. W\u00e4hrend Antiimperialisten weitgehend feste Strukturen pr\u00e4ferieren, bilden innerhalb des anarchistischen Spektrums lediglich organisationsgebundene Anarchisten feste Strukturen aus; hier vor allem die Anarchosyndikalisten. Sie organisieren sich in Form von Gewerkschaften, vertreten dabei jedoch anarchistische Prinzipien. Ver\u00f6ffentlichungen Szenebezogene Blogs und Netzwerke (\"de.indymedia\", \"riseup\", \"noblogs\", \"blackblogs\", \"systemli\") sowie Accounts in sozialen Medien Zeitschrift \"Gefangenen Info\" der Gruppierung \"Netzwerk Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen\" Finanzierung Spenden, Solidarit\u00e4tskonzerte oder -partys f\u00fcr anlassbezogene Aktionen und Kampagnen, insbesondere f\u00fcr \"Opfer staatlicher Repressionen\", Einnahmen aus dem Barbetrieb in den linksextremistischen Szeneobjekten. Kurzportrait / Ziele Aus der Bandbreite kommunistischer und anarchistischer Ideologien begr\u00fcndet sich die Heterogenit\u00e4t der linksextremistischen Szene. Deren einzelne Str\u00f6mungen lassen sich nicht nur nach den zugrunde gelegten Weltbildern und Zielen unterscheiden, sondern vor allem nach der Wahl der Mittel und der damit einhergehenden Strategie. Innerhalb der linksextremistischen Szene Sachsen-Anhalts lassen sich insgesamt drei Spektren unterscheiden: Autonome und Postautonome sowie Antiimperialisten und Anarchisten. (Post-)Autonome Autonome bilden den Schwerpunkt im gewaltorientierten Linksextremismus. Dies gilt sowohl f\u00fcr das Personenpotenzial als auch f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis der Szene zur Gewalt. Autonome beziehen ihr Selbstverst\u00e4ndnis nicht aus einem spezifischen Ideologiekonstrukt. Vielmehr ist 92","Linksextremismus die Szene von einer weitreichenden Theoriefeindlichkeit und Anti-Haltung gepr\u00e4gt, die nicht zuletzt auf einem diffusen Verst\u00e4ndnis von Anarchismus und Kommunismus aufbaut. Autonome setzen die bedingungslose Freiheit des Individuums in den Mittelpunkt ihres Handelns. Im Zuge dieser \"Politik der ersten Person\" bek\u00e4mpfen sie alles, was ihrem pers\u00f6nlichen Freiheitsempfinden entgegensteht. Vor diesem Hintergrund lehnen Autonome Hierarchien und jede Form von Herrschaft konsequent ab. Was sie verbindet, ist eine Form des subjektiven und emotionalen Empfindens, das vor allem in der Affirmation von Gewalt zum Ausdruck kommt. Gewalt und Militanz sind dementsprechend nicht nur ein strategisches Mittel, sondern pr\u00e4gendes Element der Szene. Eine Demonstration ist f\u00fcr Autonome daher erst ein Erfolg, wenn es zu Ausschreitungen und Angriffen auf die Polizei und den politischen Gegner kommt. Den scheinbar spontan ver\u00fcbten Gewalttaten bei Demonstrationen gehen h\u00e4ufig konkrete Planungen voraus, so dass etwa im Verlauf der Aufmarschstrecke Steindepots angelegt oder Vermummungsgegenst\u00e4nde und Wurfgeschosse mitgef\u00fchrt werden. Autonome schaffen es mittlerweile jedoch immer seltener, dieses kollektive Moment der Militanz auf die Stra\u00dfe zu tragen. Stattdessen fokussieren autonome Gruppen heute st\u00e4rker auf klandestine Aktionen. Daf\u00fcr schlie\u00dfen sich einzelne Akteure anlassbezogen zu Aktionsgruppen zusammen, um (Brand-)Anschl\u00e4ge gegen symboltr\u00e4chtige Objekte wie Fahrzeuge, Geb\u00e4ude oder sensible Infrastruktur zu planen und auszuf\u00fchren. Es kommt zu teils erheblichen Sachsch\u00e4den und immer h\u00e4ufiger werden dabei schwere und schwerste Verletzungen von Menschen in Kauf genommen. Die offene Gewaltbereitschaft und die fehlende inhaltliche Breite zeugen von einer zunehmenden Selbstbezogenheit der Autonomen. In Reaktion auf die ideologische Bedeutungslosigkeit, die fehlende Einflussnahme sowie Anschlussf\u00e4higkeit der Autonomen bildete sich die postautonome Bewegung heraus. Diese formieren sich vorwiegend in \u00fcberregionalen Netzwerken, sind marxistisch gepr\u00e4gt und suggerieren nach au\u00dfen einen ideologischen Minimalkonsens. Ihr Ziel ist ein revolution\u00e4rer Umsturz, also nicht nur die Abschaffung des Kapitalismus, sondern auch die \u00dcberwindung des demokratischen Verfassungsstaates als dessen vermeintlich inh\u00e4rente Herrschaftsform. Mit einer breiten B\u00fcndnispolitik bringen sie linksextremistische Akteure unterschiedlicher ideologischer Pr\u00e4gung zusammen. Dazu instrumentalisieren Postautonome auf der einen Seite eine gro\u00dfe Zahl gesellschaftlicher Protestbewegungen mit dem Ziel, den \u00f6ffentlichen Diskurs zu beeinflussen. Auf der anderen Seite arbeiten sie mit gewaltorientierten Autonomen zusammen. Auch wenn sie sich vordergr\u00fcndig nicht an gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen beteiligen, so sehen sie in der Gewalt ein legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele. Mit dieser Positionierung nehmen Postautonome eine Scharnierfunktion ein. Antiimperialisten Anders als die Autonomen orientieren sich Antiimperialisten ideologisch an einem dogmatischen Kommunismus. Kleinster gemeinsamer Nenner sind hierbei die weltanschaulichen Grundlagen des Marxismus-Leninismus. F\u00fcr Antiimperialisten steht nicht die Freiheit des Individuums im Mittelpunkt, sondern das kollektive Moment des Klassenkampfes. Daher argumentieren Antiimperialisten in festgefahrenen Polarisierungskategorien: auf individueller Ebene in einem Dualismus von ausgebeuteten Arbeitern und ausbeutenden Kapitalisten, im weltpolitischen Rahmen zwischen unterdr\u00fcckten V\u00f6lkern und unterdr\u00fcckenden Staaten. Ideologisch stehen die Antiimperialisten deshalb eher den kommunistischen Parteien nahe, w\u00e4hrend sie strategisch wie die Autonomen das Mittel der Gewalt und damit auch militante Aktionsformen zur Durchsetzung ihrer Ziele w\u00e4hlen. 93","Linksextremismus Anarchisten Anarchisten berufen sich nicht auf ein starres Ideologiegeb\u00e4ude; charakteristisch ist eine Vielzahl an Str\u00f6mungen, die mehr oder weniger stringent nebeneinander existieren. W\u00e4hrend alle Anarchisten mit der verabsolutierten Freiheit und Einsichtsf\u00e4higkeit des Individuums die prinzipielle Realisierbarkeit einer herrschaftslosen Ordnung begr\u00fcnden, unterscheiden sie sich hinsichtlich der Stellung des Individuums, der Frage der Gewalt und ihres Organisationsgrades. Zu differenzieren ist dabei zwischen einem individualistischen und einem kollektivistischen sowie zwischen einem pazifistischen und einem aufst\u00e4ndischen Anarchismus. Bislang konnte jedoch einzig der gewerkschaftlich organisierte Anarchosyndikalismus eine f\u00fcr die linksextremistische Szene relevante Stringenz entwickeln. Grund der Beobachtung Da gewaltorientierte Linksextremisten die Prinzipien Freiheit und Gleichheit verabsolutieren, betrachten sie jede Form staatlicher Herrschaft als illegitim, so auch den demokratischen Rechtsstaat. Missst\u00e4nde in der Demokratie sollen nicht gel\u00f6st, sondern mitsamt der freiheitlichen Verfassungsordnung abgeschafft werden. Unabh\u00e4ngig von den divergierenden Zielen sehen alle Akteure und Gruppen dieser Szene Gewalt als ein legitimes Mittel an. Diese politisch bestimmten Verhaltensweisen - insbesondere das Ablehnen des staatlichen Gewaltmonopols bei gleichzeitigem Bef\u00fcrworten von Gewalt, um die eigenen politischen Ziele durchzusetzen - sind mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbar. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Aktive Gruppierungen Die gewaltorientierte linksextremistische Szene in Sachsen-Anhalt l\u00e4sst sich sowohl ideologisch als auch strukturell in mehrere regionale Zentren einordnen. Diese liegen vor allem in den St\u00e4dten Magdeburg und Halle (Saale). Im Berichtsjahr waren haupts\u00e4chlich folgende Gruppierungen aktiv: \"Zusammen K\u00e4mpfen\" (ZK) ZK ist eine antiimperialistische Gruppe aus Magdeburg, die sich seit 2008 als \"Teil der weltweit k\u00e4mpfenden revolution\u00e4ren Linken\" versteht. Im Sinne eines dogmatischen Verst\u00e4ndnisses vom Kommunismus fu\u00dfen die ideologischen Grundlagen von ZK vor allem auf den Schriften von Marx und Lenin. Dementsprechend sieht sich ZK als Teil eines Versuchs der \"Selbstorganisation unserer Klasse zur \u00dcberwindung von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung weltweit\", wie es in der Selbstdarstellung hei\u00dft. ZK geh\u00f6rte urspr\u00fcnglich zu einem Netzwerk antiimperialistischer Gruppen, die sich in den Jahren 2010 und 2011 auch in Berlin und Stuttgart zusammenfanden, deren Strukturen sich jedoch einzig in Magdeburg erhalten konnten. Von sogenannten \"Magdeburger Verh\u00e4ltnissen\" ist szeneintern die Rede, wenn es um den Dogmatismus geht, mit dem ZK den Antiimperialismus gegen konkurrierende Str\u00f6mungen im Linksextremismus durchzusetzen versucht. Dies zeigte sich einmal mehr in den Reaktionen von ZK auf den im Berichtsjahr fortdauernden Nahostkonflikt. Als eine der ersten dogmati94","Linksextremismus schen Gruppen in der Bundesrepublik Deutschland hatte ZK unmittelbar nach dem Terrorangriff der HAMAS auf Israel vom 7. Oktober 2023 diesen als \"legitimen Widerstand\" deklariert und seither wiederholt die Kooperation mit israelfeindlichen und antisemitischen Akteuren gesucht. Bisher engagiert sich die Gruppe vornehmlich im linksextremistischen Szeneobjekt \"F52\" und versucht hier, eine Art \"Nachbarschaftshilfe\" zu etablieren. \"Netzwerk Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen\" (Netzwerk) Das Netzwerk versteht sich als Initiative von Gruppen und Einzelpersonen, welche die \"Solidarit\u00e4t mit den politischen Gefangenen\" im Inund Ausland st\u00e4rken, sich zu diesem Zweck vernetzen und f\u00fcr die Freiheit \"politischer Gefangener\" k\u00e4mpfen wollen. Als \"politische Gefangene\" begreift das Netzwerk vorwiegend verurteilte linksextremistische Straft\u00e4ter, deren Taten eine politische Motivation zugrunde liegt und deren Betreuung im Fokus der Gruppierung steht. Dies gilt insbesondere f\u00fcr Gefangene in der T\u00fcrkei mit Bez\u00fcgen zu der dort aktiven linksextremistischen Organisation \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKPC). Das Netzwerk hat Ortsgruppen in Magdeburg, Hamburg und Berlin. Es ist seit 2009 Herausgeber der Publikation \"Gefangenen Info\", die urspr\u00fcnglich als Organ der Solidarit\u00e4tsarbeit f\u00fcr inhaftierte Mitglieder der linksterroristischen \"Rote Armee Fraktion\" (RAF) entstanden war. Auf der Grundlage eines antiimperialistischen Weltbildes, das sich aus einem orthodoxen Marxismus-Leninismus speist, lehnt das Netzwerk den demokratischen Rechtsstaat als \"Instrument der Klassenherrschaft\" ab. Das Justizwesen und insbesondere Justizvollzugsanstalten (in der Sprache des Netzwerks \"Klassenjustiz\" bzw. \"Kn\u00e4ste\") dienten laut dem Netzwerk der Verfolgung, Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung politischer Gegner. Die Magdeburger Ortsgruppe des Netzwerks ist weitgehend mit dem antiimperialistischen Spektrum der linksextremistischen Szene in der Landeshauptstadt verwoben. \"Kiezkommune Stadtfeld\" Die \"Kiezkommune Stadtfeld\" ist eine Arbeitsgemeinschaft (AG) der FAU in Magdeburg und organisiert f\u00fcr den Magdeburger Stadtteil \"Stadtfeld\" eine Nachbarschaftshilfe in Form von Beratungsterminen, Essensausgaben und Spielenachmittagen. Die \"Kiezkommune\" ist hierbei Teil einer anarchistischen Freiraumstrategie, mit der die \"revolution\u00e4re Bestrebung nach Selbstverwaltung\" im urbanen Raum praktisch realisiert werden soll. Das Ziel der Kommune ist es demnach, eine niedrigschwellige Organisationsm\u00f6glichkeit zu bieten, um \u00fcber den eigenen Bereich hinaus Menschen anzusprechen, ohne sogleich den anarchistischen Hintergrund zu offenbaren. F\u00fcr die linksextremistische Szene in Magdeburg kann das Angebot der \"Kiezkommune Stadtfeld\" als unmittelbare Konkurrenz zur 95","Linksextremismus Nachbarschaftshilfe von ZK im Szeneobjekt \"F52\"66 gesehen werden. Der Versuch, eine von ZK und der Kiezkommune gemeinsam getragene Nachbarschaftsstrategie zu entwickeln, war 2020 gescheitert. \"Frauenkampftag.SFO\" (FKT) Die Gruppe FKT aus Magdeburg versteht sich als \"Basisgruppe f\u00fcr Frauen zur klassenk\u00e4mpferischen Organisation\" und ist dem Spektrum der Antiimperialisten zuzuordnen. Bis Ende 2019 waren die Anh\u00e4nger der Gruppe noch Teil eines szene\u00fcbergreifenden B\u00fcndnisses, ehe es hier zu internen Differenzen kam. Seither versucht FKT, eine \"materialistisch\"67 fundierte Variante des Feminismus zu etablieren: Im Unterschied zu liberalen oder queerfeministischen Ans\u00e4tzen will die Gruppe eine dezidiert sozialistische Perspektive innerhalb des Feminismus aufzeigen. Zugleich betont FKT den \"internationalistischen\" Aspekt des materialistischen Feminismus, was sich im Berichtszeitraum in der Beteiligung der Gruppe an Solidarit\u00e4tsaktionen mit den Pal\u00e4stinensern im fortdauernden Nahostkonflikt zeigte. \"Roter Aufbau Burg\" (RAB) Bei dem RAB handelt es sich um eine kommunistische Gruppe aus Burg (Jerichower Land), die jedoch \u00fcberwiegend in der linksextremistischen Szene Magdeburgs organisiert ist und dort mit Aktionen in Erscheinung tritt. Bis zum Ende des Jahres 2017 agierte der RAB noch unter dem Namen \"Antifaschistische Aktion Burg\", war aber bereits zu dieser Zeit marxistisch gepr\u00e4gt. Nachdem sich die Gruppe an den Protesten des \"Roten Aufbau Hamburg\" gegen den G20-Gipfel beteiligt hatte, trat sie anschlie\u00dfend ebenfalls unter dem Label des \"Roten Aufbau\" auf. Im Sinne des marxistischen Klassenkampfes versucht der RAB, \"linke revolution\u00e4re Politik einer breiten Masse zug\u00e4nglich zu machen\", und initiiert dementsprechend niedrigschwellige Organisationsund Aktionsangebote wie etwa das \"Offene antifaschistische Treffen Magdeburg und Umgebung\" oder das \"Antifa Fu\u00dfball Turnier\". Dabei ist eine organisatorische und ideologische N\u00e4he zum B\u00fcndnis \"Perspektive Kommunismus\"68 zu erkennen. 66 Siehe hierzu auch S. 95. 67 Der von Karl Marx und Friedrich Engels gepr\u00e4gte historische Materialismus geht davon aus, dass politische und gesellschaftliche Prozesse ma\u00dfgeblich von den Produktionsverh\u00e4ltnissen (d. h. von der Entwicklung der materiellen Produktivkr\u00e4fte) bestimmt werden. 68 Die \"Perspektive Kommunismus\" ist eine Plattform antiimperialistischer Gruppen des gewaltorientierten Linksextremismus, mit der seit 2014 eine bundesweite Vernetzung innerhalb des dogmatischen Linksextremismus erreicht werden soll. Das erkl\u00e4rte Ziel ist die St\u00e4rkung einer kommunistischen Bewegung, die \"auf ideologischer, kultureller und politischer Ebene eine reale Gegenmacht zur Macht von Staat und Kapital aufbaut\". 96","Linksextremismus \"Freie Arbeiter*innen-Union\" (FAU) Die 1977 gegr\u00fcndete FAU versteht sich als eine anarchistisch organisierte Gewerkschaft, die im \"weltweiten Kampf der Anarchosyndikalisten\" in der \"Internationalen ArbeiterInnen Assoziation\" eingebunden ist. Ideologisch zielt der Anarchosyndikalismus auf die Abschaffung jeglicher Herrschaft von Menschen \u00fcber den Menschen. Regierungen, Parlamente oder Gesetze werden dementsprechend als Instrumente zur Unterdr\u00fcckung der nat\u00fcrlichen Freiheit wahrgenommen. Die Aktivit\u00e4ten der FAU sind vor allem gegen den Staat als Herrschaftsapparat gerichtet. Den Schwerpunkt dieser Aktivit\u00e4ten bilden eine mittelbare Gewerkschaftsarbeit und die Bereitstellung von Hilfsangeboten f\u00fcr (potenzielle und bestehende) Mitglieder bei Arbeitslosigkeit oder Streiks einerseits sowie der Aufbau revolution\u00e4rer Gewerkschaftsund Betriebsgruppen andererseits. Entsprechend der Zielstellung, die bestehende staatliche Ordnung zu \u00fcberwinden, kooperiert die FAU auch mit gewaltorientierten Linksextremisten. Vor diesem Hintergrund unterscheidet sich die FAU deutlich von den etablierten Gewerkschaften. In Sachsen-Anhalt existieren Ortsgruppen in Magdeburg und Halle (Saale). \"Offenes Antifaplenum\" (OAP) Das OAP pr\u00e4sentiert sich als ein loser Zusammenschluss und Anlaufpunkt f\u00fcr alle \"antifaschistisch interessierten Menschen\" innerhalb der linksextremistischen Szene von Halle (Saale). Programmatischer Kern des OAP sind eine ideologiekritische Grundhaltung und die bedingungslose Solidarit\u00e4t mit dem Staat Israel, den die Gruppe als \"Garant[en] j\u00fcdischer Selbstbestimmung in einer antisemitischen Welt, als Konsequenz aus den deutschen Verbrechen w\u00e4hrend des Nationalsozialismus\" betrachtet. Charakteristisch f\u00fcr die ideologiekritische und proisraelische Ausrichtung des OAP ist, dass sich die antifaschistische Agenda der Gruppe nicht nur gegen den politischen Gegner auf der rechtsextremistischen Seite, sondern auch gegen Vertreter des \"politischen Islam\" sowie gegen antiimperialistisch beeinflusste Gruppen in der linksextremistischen Szene richtet. Der Treffpunkt des OAP ist das Szeneobjekt \"Reil78\", das der Nutzerverein \"KubultubuRebell e. V.\" \u00fcber die eigens gegr\u00fcndete \"Reile Haus GmbH\" der Stadt Halle (Saale) nach einem Mehrheitsbeschluss des Stadtrates vom 25. September 2024 abkaufte. Ein Gro\u00dfteil der Finanzierung des Kaufs der einstmals besetzten Villa f\u00fcr 300.000 Euro wurde vom \"Mietsh\u00e4user Syndikat\"69 bereitgestellt. Die Betreiber des \"Reil78\" warben im Anschluss an die Unterzeichnung des Kaufvertrags mit verschiedenen Aktionen f\u00fcr Direktkredite. \"Solidarit\u00e4tsnetzwerk Halle (Saale)\" (Solinetz) Seit Januar 2024 agiert eine Ortsgruppe des \"Solidarit\u00e4tsnetzwerks\" in Halle (Saale). Bei dem \"Solidarit\u00e4tsnetzwerk\" handelt es sich um eine Vorfeldorganisation des \"Kommunistischen Aufbaus\" (KA). Der KA ist eine autorit\u00e4re Kaderorganisation innerhalb des dogmatischen Linksextremismus und verfolgt den \"Kampf f\u00fcr die Befreiung der Arbeiterklasse\", die durch den \"Sturz des Kapitalismus in der sozialistischen Revolution\" erreicht werden soll. 69 Das \"Mietsh\u00e4user Syndikat\" ist eine Graswurzelbewegung, die mit Mikrokrediten selbstorganisierte Hausprojekte unterst\u00fctzt. 97","Linksextremismus Diese Prinzipien bezieht der KA aus der Ideologie des Marxismus-Leninismus. Als vorl\u00e4ufiges Ziel strebt der KA die Gr\u00fcndung einer neuen kommunistischen Partei an. Die Strategie des KA besteht neben der ideologischen Schulung ihrer Kader vor allem in der Etablierung einer kommunistischen \"Massenpolitik\". Daf\u00fcr unterh\u00e4lt der KA eine Frauensowie eine Jugendorganisation: \"Kommunistische Frauen\" und \"Kommunistische Jugend\". Daneben versucht der KA, seinen Einfluss auf die \"Massen\" durch Vorfeldorganisationen zu erweitern. Als \u00fcbergeordnetes Konstrukt dient hierbei die \"F\u00f6deration klassenk\u00e4mpferischer Organisationen\" (FKO) mit den ihr untergeordneten Gruppen \"Internationale Jugend\", \"Betriebskampf\", \"Frauenkollektiv\", \"Studierendenkollektiv\" sowie dem besagten \"Solidarit\u00e4tsnetzwerk\". Alle genannten Organisationen sind zu dem Zweck gegr\u00fcndet worden, ein \"revolution\u00e4res Bewusstsein\" im Sinne des Marxismus-Leninismus in allen Teilbereichen der Gesellschaft zu entwickeln und zugleich geeignete Kader f\u00fcr eine zuk\u00fcnftige kommunistische Partei zu gewinnen. Die historischen Anleihen an die \"Massenpolitik\" innerhalb der DDR sind hierbei unverkennbar und direkte Folge der marxistisch-leninistischen Ideologie. Mit der Gr\u00fcndung einer Hallenser Ortsgruppe des \"Solidarit\u00e4tsnetzwerks\" wollen Akteure aus dem Organisationsgeflecht des KA ihren Einfluss auf die Saale-Stadt ausdehnen, um dort dogmatische, antiimperialistische Positionen innerhalb der linksextremistischen Szene zu etablieren. \"Antifaschistische Aktion Salzwedel\" (AAS) Die AAS agiert seit 2009 in der Hansestadt Salzwedel (Altmarkkreis Salzwedel) als ein loser Zusammenschluss stetig wechselnder Einzelpersonen. In ihrem theorieund hierarchiefeindlichen Auftreten entspricht die AAS dem Selbstverst\u00e4ndnis der Autonomen. Sich selbst bezeichnen die Protagonisten schlichtweg als \"linksradikale Gruppe\". Mit dem \"Autonomen Zentrum Kim Hubert\" des \"Kultur & Courage e.V.\" verf\u00fcgt die AAS \u00fcber ein linksextremistisches Szeneobjekt, das sie als \"autonomen Freiraum\" nutzt und in dem sie Konzerte, Kneipenabende oder Vortragsveranstaltungen durchf\u00fchrt. Das \"Kim Hubert\" ist von zentraler Bedeutung f\u00fcr die gewaltorientierte linksextremistische Szene im Norden Sachsen-Anhalts und im angrenzenden Wendland in Niedersachsen. Aktionsschwerpunkte Wenngleich viele Aktionen der gewaltorientierten linksextremistischen Szene einen rituellen Charakter haben (z. B. die j\u00e4hrlichen \"revolution\u00e4ren\" Demonstrationen zum 1. Mai), sind ihre Aktionsschwerpunkte immer auch Ausdruck aktueller politischer und gesellschaftlicher Problemlagen. So zog die Szene angesichts des fortdauernden Nahostkonflikts im Jahr 2024 weiterhin verst\u00e4rkt den \"Internationalismus\" als Begr\u00fcndungszusammenhang f\u00fcr ihre Aktionen heran. Die Festnahme der ehemaligen RAF-Terroristin Daniela Klette am 26. Februar 98","Linksextremismus 2024 und die Auslieferung einer linksextremistischen Person am 28. Juni 2024 an die ungarischen Justizbeh\u00f6rden im Zusammenhang mit den gewaltt\u00e4tigen Angriffen auf mutma\u00dfliche Rechtsextremisten am sogenannten \"Tag der Ehre\" in Budapest im Februar 2023 dienten als Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr zahlreiche Solidarit\u00e4tsaktionen im Aktionsfeld der \"Antirepression\". Die einzelnen Aktionsfelder k\u00f6nnen jedoch niemals isoliert voneinander betrachtet werden; vielmehr bedingen sie sich gegenseitig. So ist z. B. die antikapitalistische Motivation bei allen Aktionen der linksextremistischen Szene pr\u00e4sent, da der \"Antikapitalismus\" den ideologischen Kern des Linksextremismus bildet. Antikapitalismus Der Antikapitalismus ist das zentrale Aktionsfeld im Linksextremismus. Dabei bek\u00e4mpfen sowohl Kommunisten als auch Anarchisten den Kapitalismus nicht allein als Wirtschaftsordnung, sondern stets auch als eine Herrschaftsform. Den Kampf gegen den Kapitalismus verstehen Linksextremisten daher als Kampf gegen die demokratische Staatsund Gesellschaftsordnung. Die jeweiligen Strategien und bevorzugten Handlungsfelder linksextremistischer Akteure variieren je nachdem, was genau eine Gruppe unter dem kapitalistischen System versteht und welche konkrete Utopie sie diesem entgegensetzt. Vor allem Gruppierungen aus dem antiimperialistischen und dogmatischen Spektrum bedienen sich marxistischer Ideologieelemente, mit denen sie alle gesellschaftlichen Konflikte als Auswuchs eines allumfassenden \"Klassenkampfes\" deuten. Die marxistische Grundlage schafft einen Konsens, auf dessen Basis verschiedene Gruppen aus dem dogmatischen Spektrum zueinanderfinden k\u00f6nnen. So riefen auch im Jahr 2024 unterschiedliche kommunistische und antiimperialistische Gruppen zur \"revolution\u00e4ren 1. Mai-Demonstration\" auf. Unter dem Motto \"Von Magdeburg nach Gaza, ArbeiterInnensolidarit\u00e4t hei\u00dft Klassenkampf!\" stand die Veranstaltung ganz im Zeichen des Kriegs im Nahen Osten. Neben den Akteuren des 1.-Mai-B\u00fcndnisses70 nahmen erstmals auch Gruppen wie \"Young Struggle Dessau\",71 \"Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend\" (SDAJ) sowie trotzkistische Gruppierungen teil. Doch obgleich die Beteiligung mit 165 Personen etwas gr\u00f6\u00dfer ausfiel als im Vorjahr (2023: 100), wurde einmal mehr die mangelnde Anschlussf\u00e4higkeit der extremistischen Positionen des antiimperialistischen Spektrums an zivilgesellschaftliche Diskurse deutlich. So hatte die Jugendorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) eine angeblich im Vorfeld ge\u00e4u\u00dferte Zusage f\u00fcr ein gemeinsam getragenes Demonstrationsb\u00fcndnis zum 1. Mai 2024 aufgrund der einseitigen propal\u00e4stinensischen und israelfeindlichen Positionierung der antiimperialistischen Gruppen wieder zur\u00fcckgezogen. Scharfe Kritik \u00fcbte daraufhin die Gruppe 70 Hierzu z\u00e4hlen die Gruppen RAB, ZK, DKP, das Netzwerk und FKT. 71 Zu der Gruppierung \"Young Struggle\" vgl. das Kapitel \"Auslandsbezogener Extremismus\", S. 144 ff. 99","Linksextremismus FKT, die dem DGB mangelnde \"Pal\u00e4stinasolidarit\u00e4t\" vorwarf. Die Auseinandersetzung kulminierte schlie\u00dflich darin, dass Anh\u00e4nger der Gruppe \"Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t Magdeburg\" - an der auch FKT beteiligt ist - am 1. Mai die Er\u00f6ffnungsrede des \"DGB-Festes\" st\u00f6rten und Flugbl\u00e4tter verteilten, auf denen sie den DGB aufforderten, \"sich endlich gegen die deutsche Unterst\u00fctzung des Genozids in Gaza und das Schlachten in der Ukraine zu positionieren.\" Auch innerhalb der linksextremistischen Szene agierten die dogmatischen und antiimperialistischen Gruppen weitgehend isoliert. So organisierte die Magdeburger Ortsgruppe der \"Freien Arbeiter*innen-Union\", die dem undogmatischen und anarchistischen Szeneteil zuzurechnen ist, zum \"Tag der Arbeit\" erstmals eine eigenst\u00e4ndige Demonstration und versammelte sich ab 9 Uhr in Magdeburg-Neustadt unter dem Motto \"Klasse.Kampf.Kultur. F\u00fcr die soziale Revolution!\". Mit knapp 100 Teilnehmern zeigten sich die Organisatoren in einem Interview mit der linksextremistischen Tageszeitung \"junge Welt\" zufrieden. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Beteiligung vieler neuer und junger Anh\u00e4nger d\u00fcrften in der Nachbarschaftsarbeit der \"Freien Arbeiter*innen-Union\" mit der \"Kiezkommune Stadtfeld\" im Szeneobjekt \"Stadtteilladen Mitmischen\" sowie in der Zusammenarbeit mit studentischen Hochschulgruppen liegen. Jenseits dieser grunds\u00e4tzlichen Form der antikapitalistischen Agitation versuchen Linksextremisten regelm\u00e4\u00dfig, gesellschaftliche Problemlagen aufzugreifen, um diese als Auswuchs des \"kapitalistischen Systems\" zu pr\u00e4sentieren. So ist seit mehreren Jahren zu beobachten, wie Linksextremisten feministische Forderungen aufnehmen, um diese mit einer linksextremistischen Ideologie zu verbinden und damit f\u00fcr sich nutzbar zu machen. Von besonderer Bedeutung ist hierbei der 8. M\u00e4rz als Internationaler Frauentag. War in Magdeburg seit 2021 eine Spaltung des Demonstrationsgeschehens zwischen einem \"proletarischen\" Feminismus und einem \"Queerfeminismus\" festzustellen72, so hatte das \"proletarische\" - d. h. antiimperialistische - Lager f\u00fcr das Berichtsjahr keine eigene Kundgebung angemeldet. Stattdessen beteiligte sich dieses Spektrum an der queerfeministischen Demonstration des \"Achter M\u00e4rz B\u00fcndnis Magdeburg\"73, die am Willy-Brandt-Platz unter dem Motto \"Gegen Krieg, Krise & Gewalt - Solidarit\u00e4t mit FLINTAs weltweit\" stattfinden sollte. Dabei betonte das B\u00fcndnis im Vorfeld, dass Parteiund Nationalflaggen unerw\u00fcnscht seien. Dies sorgte f\u00fcr Auseinandersetzungen innerhalb der linksextremistischen Szene, da die antiimperialistische Gruppe FKT diese Vorgaben als einseitige Parteinahme gegen Pal\u00e4stina wahrnahm. Sie rief stattdessen dazu auf, die Pal\u00e4stinafahne als Zeichen f\u00fcr die \"Freiheit Pal\u00e4stinas als feministisches Anliegen\" auf der Demonstration zu schwenken. Daraufhin war eine Separierung der einzelnen linksextremistischen Spektren zu beobachten: W\u00e4hrend sich im vorderen Block des Demonstrationszuges vorwiegend Personen mit einem anarchistischen bzw. autonomen Selbstverst\u00e4ndnis sammelten und hierbei Parolen wie \"Zwingt die Macker in die Knie - Feminismus, Anarchie\" oder \"FLINTA*s, Lesben bildet Banden - Ziele sind genug vorhanden\" riefen, sammelten sich im hinteren Teil des Aufzugs die Antiimperialisten. Mit einer Vielzahl von Pal\u00e4stinafahnen und Demonstrationsplakaten wie \"Freiheit f\u00fcr Daniela\"74, \"POC woman have to fight both patriarchy and white feminism\" oder \"Frauen greift zur roten Fahne - dem Imperialismus keine Gnade\" sollte der Frauentag gezielt mit Fragen des Antiimperialismus bzw. der daran anschlie\u00dfenden Pal\u00e4stinasolidarit\u00e4t verbunden werden. 72 Zu den ideologischen Hintergr\u00fcnden der Spaltung vgl. Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2022. Magdeburg 2023. 73 An dem B\u00fcndnis beteiligen sich auch Linksextremisten. 74 Siehe unten S. 106. 100","Linksextremismus Gleichwohl war hier insgesamt eine erste (Wieder-)Ann\u00e4herung der verschiedenen feministischen Akteure innerhalb der linksextremistischen Szene Magdeburgs zu beobachten, die sich im Laufe des Berichtsjahres weiter verstetigte. Im Rahmen der Kampagne \"Nicht eine weniger!\" organisierte die Gruppierung FKT gemeinsam mit der Magdeburger Ortsgruppe von \"ZORA\"75 mehrere Veranstaltungen zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November 2024. Die Kampagne begann mit einem \"Frauen-Gefangenenschreibtag\" im Szeneobjekt \"Infoladen Stadtfeld\" am 26. Oktober 2024, dem verschiedene Filmabende, Stammtische, Gedenkveranstaltungen und ein Selbstverteidigungskurs folgten. Die Kampagne fand ihren Abschluss mit einer Demonstration am 25. November 2024 durch die n\u00f6rdliche Magdeburger Innenstadt. Diese verlief mit etwa 150 Teilnehmern st\u00f6rungsfrei. Am 3. Oktober 2024 organisierten Magdeburger Linksextremisten des antiimperialistischen Spektrums eine Demonstration zum Thema \"Heraus zum 3. Oktober: F\u00fcr Sozialismus und Volksmacht\" durch Magdeburg-Stadtfeld, an die sich eine Kundgebung auf dem Olvenstedter Platz anschloss. Ziel beider Veranstaltungen war es, an den sogenannten \"Tag der Annexion der Deutschen Demokratischen Republik\" zu erinnern und unter dem Motto \"H\u00e4userkampf ist Klassenkampf\" die Gentrifizierung im Stadtviertel als Symptom des Kapitalismus zu problematisieren, wie die Gruppe RAB in ihrem Ank\u00fcndigungsschreiben deutlich machte. Die darin enthaltenen szenetypischen Forderungen nach der Abschaffung des Privateigentums und der Vorbereitung der Revolution verdeutlichten einmal mehr die Ablehnung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sowie die Gewaltorientierung der beteiligten Akteure: \"Der Kapitalismus ist nicht in der Lage gute Lebensbedingungen und eine fl\u00e4chendeckende Grundversorgung mit sch\u00f6nem und leistbarem Wohnraum zu gew\u00e4hrleisten. Das System steht einer am Gemeinwohl orientierten Gesellschaftsordnung im Wege. (...) Daher f\u00fchrt kein Weg an Organisierung und dem langfristigen Aufbau revolution\u00e4rer Gegenmacht vorbei. Wir m\u00fcssen (...) Akteure von Gentrifizierung und staatlicher Repression zur Zielscheibe von Angriffen machen.\" Beide Veranstaltungen, an denen sich neben dem RAB u. a. auch die linksextremistischen Gruppen ZK, FKT und das \"Solidarit\u00e4tsnetzwerk Halle (Saale)\" beteiligten, verliefen mit insgesamt 85 Teilnehmern st\u00f6rungsfrei. Auch die Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024 f\u00fchrten linksextremistische Gruppierungen des antiimperialistischen Spektrums entsprechend ihres geschlossenen dogmatischen Weltbildes auf den Kapitalismus zur\u00fcck. So negierte die 75 Zu der Organisation \"ZORA\" vgl. das Kapitel \"Auslandsbezogener Extremismus\", S. 144 ff. 101","Linksextremismus Gruppe ZK in einem Internetbeitrag vom 27. Dezember 2024 eine individuelle Letztverantwortung des T\u00e4ters und sah stattdessen vermeintlich systemische Kr\u00e4fte am Werk: \"Fest steht, dass der Anschlag sich nicht gegen die herrschende Ordnung richtete, sondern ihr dient. Er richtet sich in Konsequenz gegen die Arbeiterklasse. Die Ausbeuterklasse kann und will den Terror nicht verhindern.\" Im Sinne einer marxistisch-leninistischen Ideologie wurde diese Behauptung zu der Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlung verdichtet, dass die Sicherheitsbeh\u00f6rden der Bundesrepublik Deutschland im Interesse der Regierung die Strafverfolgung des T\u00e4ters bewusst vernachl\u00e4ssigt h\u00e4tten. Dies sei Ausdruck einer \"politische[n] Strategie, bei der gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzungen eher gef\u00f6rdert als unterdr\u00fcckt werden.\" Das dahinter liegende Ziel sei es, \"ein allgemeines Gef\u00fchl der Unsicherheit in der Bev\u00f6lkerung zu erzeugen und die Menschen dazu zu bringen, Sicherheit in einer starken Regierung zu suchen.\" Dabei erf\u00fcllten laut ZK Anschl\u00e4ge wie der in Magdeburg eine systemerhaltende Funktion, in dem sie \"ein gesellschaftliches 'Wir' im Sinne der B\u00fcrgerlichen (...) schaffen, das vom Klassenantagonismus absieht und die Aufmerksamkeit auf einen 'gemeinsamen' Feind (z. B. auf 'Sozialschmarotzer' oder 'Kulturfremde') lenkt.\" In diesem Sinne sei der \"Terror\" ein \"Grundbestandteil der imperialistischen Gesellschaft und Herrschaft\": \"Entweder wird Terror von der herrschenden Klasse direkt als Herrschaftsmethode angewendet, von ihr gebilligt oder von ihr als Konsequenz hervorgebracht.\" ZK sieht die Bundesrepublik Deutschland diesbez\u00fcglich in einer historischen Kontinuit\u00e4t mit dem NSRegime, da \"der Terror Mittel der Machtaus\u00fcbung in der Weimarer Republik, im NS und auch in der BRD\" sei. Dagegen habe die DDR ihre Einwohner vor Terror besch\u00fctzt; die Erkl\u00e4rung von ZK gipfelt daher in der Forderung nach der Machtergreifung der Arbeiterklasse: \"In Magdeburg und dem gesamten Gebiet der DDR haben die Menschen 40 Jahre lange erfahren, was es hei\u00dft, in Sicherheit vor faschistischem Terror zu leben. Nur die Arbeiterklasse an der Macht kann konsequent und nachhaltig vor Gewalt und Terror sch\u00fctzen. Wer den Terror beenden will, muss etwas gegen den Kapitalismus tun, welcher den Terror erst hervorbringt. Die effektivste Terrorbek\u00e4mpfung bleibt der Kampf f\u00fcr den Sozialismus.\" Das Zitat zeigt eindr\u00fccklich, dass Geschichtsrevisionismus ein wesentlicher Bestandteil der politischen Agitation des antiimperialistischen Spektrums ist. In szenetypischer Weise wird die autorit\u00e4r regierte DDR hier als Idealbild einer gelungenen sozialistischen Herrschaftsform und als Gegenmodell zu einer vermeintlichen Terrorherrschaft in der Bundesrepublik Deutschland verkl\u00e4rt. 102","Linksextremismus Antifaschismus Neben der Kritik am Kapitalismus ist der \"Kampf gegen den Faschismus\" traditionell einer der wichtigsten Aktionsschwerpunkte im gewaltorientierten Linksextremismus. Dabei ist es f\u00fcr Linksextremisten zun\u00e4chst unerheblich, ob es sich bei dem politischen Gegner tats\u00e4chlich um Rechtsextremisten handelt. Wer unter das Feindbild des \"Faschisten\" f\u00e4llt, bestimmt die Szene eigenm\u00e4chtig. Linksextremisten k\u00f6nnen dadurch stets neue Feindbilder generieren, um damit ebenso neue Angriffsziele f\u00fcr eine grunds\u00e4tzliche Gewaltorientierung auszumachen. Die inhaltliche Unbestimmtheit des Feindbildes erlaubte es der linksextremistischen Szene in der Vergangenheit regelm\u00e4\u00dfig, die ideologischen und strategischen Differenzen zwischen Kommunisten und Anarchisten, Parteifunktion\u00e4ren und Autonomen unter der roten und schwarzen Fahne der \"Antifaschistischen Aktion\" einzuebnen. So kamen am 19. Januar 2024 die verschiedenen Spektren der linksextremistischen Szene in Magdeburg zu einer \"antifaschistischen Vorabenddemonstration\" anl\u00e4sslich des Jahrestags der Zerst\u00f6rung der Stadt durch alliierte Luftverb\u00e4nde im Zweiten Weltkrieg zusammen. Obwohl die Bedeutung des Jahrestags f\u00fcr die rechtsextremistische Szene seit Jahren schwindet und gro\u00dfe Veranstaltungen ausbleiben, hindert dieser Umstand die linksextremistische Szene nicht daran, den \"konsequenten Antifaschismus\" allj\u00e4hrlich selbst dann auf die Stra\u00dfe zu tragen, wenn gar keine rechtsextremistischen Gedenkm\u00e4rsche angemeldet sind. Vor diesem Hintergrund appellierte der RAB in seinem Aufruf daran, die innerlinken Gr\u00e4ben zu \u00fcberwinden und eine \"antifaschistische Einheitsfront\" zu bilden. Tats\u00e4chlich beteiligten sich mit 220 Personen sowohl Gruppen aus dem anarchistischen als auch aus dem antiimperialistischen Spektrum der Szene an der Demonstration. Angesichts der neuerlichen Geschlossenheit der Szene im Aktionsfeld des \"Antifaschismus\" res\u00fcmierte auch das undogmatische Spektrum: \"Die Schlagrichtung war klar: Trotz einiger Differenzen innerhalb der Szene steht der gemeinsame Feind, der mit Wort und Tat bek\u00e4mpft werden muss, rechts!\" 103","Linksextremismus In der linksextremistischen Szene von Halle (Saale) hingegen konnte ein gemeinsam getragenes Feindbild die Spaltungstendenzen nicht verdecken. Seit Anfang 2024 sehen sich die proisraelischen Autonomen der Stadt mit dogmatischen Linksextremisten konfrontiert, die in der Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt eine propal\u00e4stinensische bzw. antizionistische Haltung vertreten und in der Folge auch mit propal\u00e4stinensischen Gruppen des Auslandsbezogenen Extremismus kooperieren.76 Dabei zeigt sich die Auseinandersetzung zwischen den verfeindeten Lagern vor allem anhand der Ausdeutung des Antifaschismus. W\u00e4hrend die proisraelischen Autonomen auch die Bek\u00e4mpfung des Antisemitismus als Teil der \"Antifaschistischen Aktion\" verstehen, bleiben die propal\u00e4stinensischen Gruppen in ihrem Verst\u00e4ndnis von Faschismus dem marxistisch-leninistischen Ideologiegeb\u00e4ude der 1920er und 1930er Jahre verhaftet. Der Holocaust und die damit einhergehende Staatsgr\u00fcndung Israels werden hierbei ausgeblendet. Vor diesem Hintergrund verstehen die propal\u00e4stinensischen Gruppen ihre antizionistische Haltung als Ausdruck eines \"klassenbewussten Antifaschismus\", der sich gegen jede Form von \"Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung\" richtet. Erstmalig sichtbar wurde das Konfliktpotenzial w\u00e4hrend der Vorabenddemonstration zum \"Tag der Arbeit\", die das \"Solinetz\" unter dem Motto \"Milliard\u00e4re st\u00fcrzen! Kriegstreiber entwaffnen! Sozialismus erk\u00e4mpfen!\" am 30. April 2024 in Halle (Saale) organisierte. Aufgrund der Dominanz proisraelischer Akteure innerhalb der linksextremistischen Szene von Halle (Saale) war das \"Solinetz\" auf Anreisen ausw\u00e4rtiger Gruppen angewiesen. Tats\u00e4chlich folgten dem Aufruf eine Vielzahl von Personen aus dem Organisationsgeflecht des \"Kommunistischen Aufbaus\" (KA) aus Leipzig (Sachsen) sowie mit \"Young Struggle\" und \"Handala Leipzig\" auch Gruppen des Auslandsbezogenen Extremismus. Noch vor Beginn der Versammlung erschien unangemeldet eine Gruppe schwarzgekleideter und vermummter Personen aus dem autonomen und ideologiekritischen Spektrum am Ausgangsort der Demonstration, um augenscheinlich gegen die propal\u00e4stinensischen Teilnehmer vorzugehen. Auf den Transparenten waren Parolen wie \"Antifa hei\u00dft Solidarit\u00e4t mit Israel\" oder \"Terrorfinanzierung stoppen - Defund UNRWA\" zu lesen. Bereits zu diesem Zeitpunkt war das proisraelische Lager dem propal\u00e4stinensischen zahlenm\u00e4\u00dfig unterlegen, so dass eine Blockade oder St\u00f6rung der Vorabenddemonstration nicht umgesetzt werden konnte. Stattdessen wurden die Versammlungen der beiden Lager von der Polizei abgeschirmt; die proisraelische Gruppe wurde anschlie\u00dfend aus dem Versammlungsraum begleitet, ohne dass es zu weiteren St\u00f6rungen kam. Die Versammlung des \"Solinetzes\" war hingegen auf 130 Personen angewachsen. Mit einer Vielzahl von Pal\u00e4stinafahnen wurde ein Aufzug durch die Hallenser Innenstadt durchgef\u00fchrt; hierbei wurden auch israelfeindliche Parolen wie \"From the River to the Sea - Palestine will be free!\" skandiert. Dementsprechend werteten die Organisatoren des \"Solinetzes\" die Vorabenddemonstration als Erfolg: Zum einen habe man den Angriffen der \"rechten Zionisten\" standgehalten; zum anderen sei es erstmals m\u00f6glich gewesen, eine klassenk\u00e4mpferische Position in Halle (Saale) zu etablieren. Das proisraelische Lager dagegen sah sich im Nachgang best\u00e4tigt: \"Zumindest in ihren antiisraelischen Vernichtungsw\u00fcnschen k\u00f6nnten sich die Antisemiten des \"Solidarit\u00e4tsnetzwerks\" aber mit NPD, \"Drittem Weg\" und Co. die Hand reichen. In diesem Sinn: Gegen jeden Antisemitismus!\" 76 Vgl. hierzu S. 136 ff. 104","Linksextremismus Seither nahm innerhalb der lokalen autonomen Szene die Furcht vor einer wachsenden Pr\u00e4senz propal\u00e4stinensischer Gruppen in Halle (Saale) und einer Kooperation dieser Akteure mit antiimperialistischen Gruppen in Magdeburg zu. Aufgrund der ideologischen Auseinandersetzungen um den Nahostkonflikt fand in den letzten Jahren innerhalb der linksextremistischen Szene in Sachsen-Anhalt keine St\u00e4dte \u00fcbergreifende Kooperation statt. Bei einem letzten Aufeinandertreffen der Szeneteile aus Magdeburg und Halle (Saale) w\u00e4hrend einer Demonstration in K\u00f6then (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) im Jahr 2018 war es zu Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern des OAP und der mittlerweile nicht mehr bestehenden antiimperialistischen Gruppe \"Rote Arbeiterjugend Magdeburg\" (RAJ) innerhalb eines gemeinsam besuchten Demonstrationszugs gekommen.77 Mit der Etablierung eines propal\u00e4stinensischen Szenespektrums in Halle (Saale) in Form des \"Solinetzes\" fanden die Antiimperialisten aus Magdeburg nunmehr einen B\u00fcndnispartner, mit dem sie in einen Austausch treten und sich bei Demonstrationen in beiden St\u00e4dten gegenseitig unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Die Anh\u00e4nger des autonomen und ideologiekritischen Spektrums in Halle (Saale) setzten im Berichtsjahr dagegen alles daran, die proisraelische Deutungshoheit zu behaupten. Daf\u00fcr deklarierten sie die propal\u00e4stinensischen Akteure im Allgemeinen und das \"Solinetz\" im Besonderen fortan als politische Gegner. Insofern wandten sie hier die gleiche Abwehrstrategie wie in der Auseinandersetzung mit genuinen Rechtsextremisten an. Im Sinne der \"antifaschistischen Recherche\" beobachteten Anh\u00e4nger des OAP etwa propal\u00e4stinensische Demonstrationen in Halle (Saale), um f\u00fchrende Akteure und weitere Vernetzungsbestrebungen zu dokumentieren. In der Folge wurden die beiden Objekte \"Keimzelle\"78 und \"Karola/Konvoi\"79 mit der Parole \"Schei\u00df Antisemiten\" bespr\u00fcht und damit als Treffort des propal\u00e4stinensischen Spektrums markiert. Ferner behaupteten die Anh\u00e4nger des autonomen und ideologiekritischen Spektrums eine personelle und logistische \u00dcberschneidung zwischen den propal\u00e4stinensischen Akteuren und der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Vor diesem Hintergrund kam es w\u00e4hrend der Jahresausstellung der Absolventen der Kunsthochschule am 13. Juli 2024 zu einer k\u00f6rperlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Anh\u00e4ngern der verfeindeten Szeneteile. In Reaktion darauf organisierten Teile des autonomen und ideologiekritischen Spektrums eine Kundgebung unter dem Motto \"Antisemiten runter vom Campus\", mit der sie gegen den \"antisemitischen \u00dcbergriff\" protestierten. Das propal\u00e4stinensische Spektrum sprach hingegen von einer rassistischen Gewalttat. Auch Wochen nach dem Vorfall wurde das Gel\u00e4nde der Kunsthochschule wiederholt mit Parolen wie \"Antisemiten silencen\" und \"the mossad gets you too\" bespr\u00fcht. Insgesamt sahen sich die Autonomen in Halle (Saale) einer Entwicklung innerhalb der linksextremistischen Szene ausgesetzt, die sie als \"antisemitische Internationale\" bzw. als \"linke Querfront mit Islamisten\" bezeichneten. In einem Aufruf f\u00fcr eine Demonstration des OAP am 12. Oktober 2024 hie\u00df es dementsprechend: 77 Vgl. Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2018. Magdeburg 2019, S. 117 f. 78 Das Objekt \"Keimzelle\" wird von propal\u00e4stinensischen Gruppen sowie vor allem von Personen aus dem Kunstund Kulturmilieu genutzt. 79 Der Tr\u00e4gerverein des Objekts (\"Jugendund Kulturverein Halle\") wird \u00fcberwiegend von Studierenden der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle betrieben. 105","Linksextremismus \"Bei der 'Israelfrage' ist man sich von den Neonazis der Jungen Nationalisten und des Dritten Wegs \u00fcber die Studentenschaft namhafter Hochschulen wie FU Berlin oder der hiesigen Burg Giebichenstein, bis hin zu autorit\u00e4r-kommunistischen Sekten wie Young Struggle einig.\" Aus Sicht der Autonomen in Halle (Saale) sind demnach alle Br\u00fccken auf dem Weg zu einem minimalen Aktionskonsens innerhalb der linksextremistischen Szene eingerissen. Antirepression Der Kampf gegen eine vermeintliche Unterdr\u00fcckung durch staatliche Institutionen ist eines der charakteristischen Aktionsfelder gewaltorientierter Linksextremisten und ihrer Unterst\u00fctzerkreise. Die linksextremistische Szene sieht den Staat als ein \"Repressionsinstrument\" der Herrschenden zur Verhinderung eines revolution\u00e4ren Prozesses. Rechtsstaatliche Ma\u00dfnahmen, insbesondere der Justizund Polizeibeh\u00f6rden, seien daher \"Repression\" und dienten der Herrschaftssicherung, gegen die sich die Szene in regionalen und \u00fcberregionalen \"Solidarit\u00e4tsnetzwerken\" organisiert. Die wichtigste und gr\u00f6\u00dfte Organisation innerhalb dieser Netzwerke ist der Verein \"Rote Hilfe e. V.\" (RH). Dieser unterst\u00fctzt im Rahmen der \"Antirepression\" linksextremistische Straft\u00e4ter vollumf\u00e4nglich, w\u00e4hrend entsprechende Gerichtsverfahren als \"politische Verfahren\" und inhaftierte Szeneangeh\u00f6rige als \"politische Gefangene\" deklariert werden. Vor diesem Hintergrund verbindet das Aktionsfeld der \"Antirepression\" die linksextremistische Szene selbst \u00fcber ideologische und strategische Gr\u00e4ben hinweg. Im Berichtsjahr 2024 diente u. a. die Festnahme der ehemaligen RAF-Terroristin Daniela Klette als Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr Solidarit\u00e4tsaktionen im Aktionsfeld der \"Antirepression\". Daniela Klettes Festnahme am 26. Februar 2024 in Berlin-Kreuzberg stie\u00df vor allem im antiimperialistischen Spektrum der linksextremistischen Szene Magdeburgs auf Resonanz. So organisierte die Magdeburger Ortsgruppe des \"Netzwerks Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen\" am 8. Juni 2024 einen Solidarit\u00e4tsund Informationsabend f\u00fcr Daniela Klette im Magdeburger Szeneobjekt \"Infoladen Stadtfeld\", bei dem ein von Daniela Klette eigens f\u00fcr das \"Netzwerk\" geschriebener Text verlesen wurde. Das \"Netzwerk\" organisiert seit Jahren auf regionaler und \u00fcberregionaler Ebene Aktionen und Veranstaltungen, mit denen es seine Solidarit\u00e4t mit der RAF und ihren ehemaligen Mitgliedern bekundet. Am 18. Juni und am 10. November 2024 reisten Magdeburger Linksextremisten nach Vechta (Niedersachsen), um an den Solidarit\u00e4tskundgebungen f\u00fcr die dort inhaftierte Daniela Klette teilzunehmen. Im Mobilisierungsaufruf des \"Netzwerks\" wurden Daniela Klettes Haftbedingungen und die angebliche \"Repression gegen Ariane von der Gruppe 'Solidarit\u00e4t mit Daniela'\" kritisiert, da ihr vom Bundesgerichtshof ein Besuchsverbot erteilt worden sei. Schlie\u00dflich fand am 14. Dezember 2024 im \"Infoladen Stadtfeld\" eine weitere Solidarit\u00e4tsveranstaltung f\u00fcr Daniela Klette statt, die mit einem Gedenken an die RAFTerroristin Ulrike Meinhof verbunden wurde. Diese w\u00e4re am 7. Oktober 2024 90 Jahre alt geworden. Das der Veranstaltungsank\u00fcndigung beigef\u00fcgte Kurzportr\u00e4t von Meinhof bringt die Verkl\u00e4rung und die uneingeschr\u00e4nkte Unterst\u00fctzung der RAF innerhalb der antiimperialistischen Szene Magdeburgs zum Ausdruck: \"Wichtig ist, Ulrike als 106","Linksextremismus k\u00e4mpferische Linke zu begreifen, die keinen 'Selbstmord' begangen hat und die RAF nicht als 'Terrorgruppe' darzustellen.\" Dar\u00fcber hinaus waren im Berichtsjahr in der linksextremistischen Szene Sachsen-Anhalts verschiedene Solidarit\u00e4tsaktionen mit weiteren linksextremistischen Gewaltt\u00e4tern zu verzeichnen, die sich haupts\u00e4chlich an der Auslieferung einer sich selbst als non-bin\u00e4r identifizierenden linksextremistischen Person am 28. Juni 2024 nach Ungarn entz\u00fcndeten. Die Person wird beschuldigt, sich im Februar 2023 an gewaltt\u00e4tigen Angriffen auf politische Gegner im Kontext der rechtsextremistischen Gedenkveranstaltung \"Tag der Ehre\" in Budapest beteiligt zu haben. Anl\u00e4sslich der Auslieferung organisierte die Gruppe \"ZORA Magdeburg\" eine Kundgebung am 3. Juli 2024 unter dem Motto \"Solidarit\u00e4t mit Maja! Gerechtigkeit f\u00fcr alle politischen Gefangenen\" auf dem Wilhelmstedter Platz, an der sich u. a. die Gruppen FKT, \"Anarchistische Bewegung Magdeburg\", \"ZORA Dessau\" und \"Young Struggle Berlin\" mit Redebeitr\u00e4gen beteiligten, welche die \"Repressionen\" der deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden beklagten und das Ende der Bundesrepublik forderten. So hie\u00df es im Redebeitrag der antiimperialistischen Gruppe FKT: \"Die BRD ist ein autorit\u00e4rer Staat, dessen Existenz nicht erst seit 1989 auf dem Kampf gegen den Sozialismus beruht. Deshalb erkl\u00e4rt die BRD alle, die sich ernsthaft f\u00fcr den Aufbau einer besseren Welt einsetzen, zu Terroristen. [...] Wenn wir ein Ende der Repressionen fordern, dann fordern wir also ganz logisch das Ende der BRD. Wir fordern Freiheit f\u00fcr alle politischen und sozialen Gefangenen, f\u00fcr Maja, f\u00fcr Lina, f\u00fcr Daniela. [...] Ein Ende dem Imperialismus, nieder mit jedem kapitalistisch-organisierten Staat - alle Macht dem Proletariat!\" Auch in Halle (Saale) organisierten verschiedene linksextremistische Akteure Solidarit\u00e4tsaktionen mit Bezug zum sogenannten \"Budapest-Komplex\". Das B\u00fcndnis \"Budapest Antifascist Solidarity Committee\" (BASC) veranstaltete am 26. Mai 2024 im Szeneobjekt \"Reil78\" einen Vortrag, der unter dem Titel \"Der Budapest-Komplex - Von Haft, Flucht und drohender Auslieferung nach Ungarn\" die Geschehnisse der \u00dcberfallserie vom 9. bis 11. Februar 2023 in Budapest anl\u00e4sslich des \"Tags der Ehre\" rekapitulierte. Das BASC hatte sich unmittelbar nach den ersten Verhaftungen der Beschuldigten mit dem Ziel gegr\u00fcndet, Solidarit\u00e4tsstrukturen f\u00fcr die in den \"Budapest-Komplex\" involvierten und zum Teil untergetauchten Linksextremisten aufzubauen. Das OAP veranstaltete am 30. Juni 2024 in Halle (Saale) eine Solidarit\u00e4tsdemonstration unter dem Motto \"Keine Auslieferung von Antifaschist*innen\". W\u00e4hrend im Aktionsfeld der \"Antirepression\" f\u00fcr gew\u00f6hnlich verschiedene linksextremistische Gruppen und Akteure miteinander kooperieren, wurde dieser Aktionskonsens auf die Probe gestellt, als auch Anh\u00e4nger der dogmatischen Gruppen \"Solinetz\" und SDAJ an der Demonstration teilnehmen wollten. Nachdem das OAP darauf verzichtet hatte, diese Gruppen von der Veranstaltung auszuschlie\u00dfen, gaben sich die Organisatoren jedoch im Nachgang selbstkritisch: \"Die zunehmende Raumnahme autorit\u00e4rer und antisemitischer Strukturen sehen wir als absolut unvereinbar mit jeglichem Streben nach einer emanzipatorischen Gesellschaft, frei von herabw\u00fcrdigenden Konstrukten, wie v\u00f6lkischer Zugeh\u00f6rigkeiten oder der Beschr\u00e4nkungen auf Geschlecht, Sexualit\u00e4t oder Herkunft. [...] 107","Linksextremismus Wir h\u00e4tten gerne ein Zeichen gegen die Teilnahme erw\u00e4hnter Personen gesetzt, es fehlte uns jedoch [...] an ausreichender Entschlossenheit\". Die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit innerhalb der linksextremistischen Szene von Halle (Saale) war damit un\u00fcbersehbar geworden. Internationalismus Der \"Internationalismus\" ist - neben dem \"Antikapitalismus\", dem \"Antifaschismus\" und der \"Antirepression\" - eines der zentralen Aktionsfelder f\u00fcr gewaltorientierte Linksextremisten unterschiedlicher Str\u00f6mungen. Im linksextremistischen Kontext bezeichnet \"Internationalismus\" eine politische Agenda, die darauf abzielt, die \u00dcberwindung der bestehenden Herrschaftsverh\u00e4ltnisse durch internationale Solidarisierung und Kooperation mit \"allen revolution\u00e4ren Kr\u00e4ften\" herbeizuf\u00fchren. Im Berichtsjahr wurden die Aktivit\u00e4ten der linksextremistischen Szene Sachsen-Anhalts im Aktionsfeld \"Internationalismus\" weiterhin ma\u00dfgeblich von den Reaktionen auf den Nahostkonflikt bestimmt, der mit dem Terrorangriff der HAMAS auf Israel am 7. Oktober 2023 eskaliert war. Die Aktivit\u00e4ten der propal\u00e4stinensisch eingestellten, dogmatischen und antiimperialistischen Szeneteile in Magdeburg, Halle (Saale) und Dessau-Ro\u00dflau nahmen dabei abermals eine herausgehobene Stellung ein, wobei sich das Versammlungsgeschehen haupts\u00e4chlich in der Landeshauptstadt Magdeburg konzentrierte. Antiimperialistische Akteure aus Magdeburg organisierten am 17. Februar, am 15. und 17. Mai, am 27. September sowie am 16. November 2024 propal\u00e4stinensische Kundgebungen. Neben extremistischen Gruppen wie ZK, RAB, FKT, DKP Magdeburg-Sch\u00f6nebeck, \"Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t Magdeburg\" und \"Handala Leipzig\" sowie den \"Young Struggle\" - und \"ZORA\"-Ortsgruppen aus Magdeburg bzw. Dessau-Ro\u00dflau beteiligten sich auch zahlreiche nichtextremistische Personen an den Versammlungen. In den linksextremistischen Mobilisierungsaufrufen und Redebeitr\u00e4gen dieser Kundgebungen wurden vor allem das milit\u00e4rische Vorgehen der israelischen Streitkr\u00e4fte im Gazastreifen und die Unterst\u00fctzung Israels durch westliche Regierungen kritisiert. Zudem wurde eine angebliche systematische und rassistisch motivierte Unterdr\u00fcckung von Pal\u00e4stinensern und von sogenannten \"pal\u00e4stinasolidarischen\" Meinungs\u00e4u\u00dferungen in Deutschland behauptet. Unter R\u00fcckgriff auf antizionistische und antikolonialistische Narrative wurde der Staat Israel wiederholt und pauschal als \"Besatzungsmacht\" und \"Terrorregime\" verunglimpft. Demgegen\u00fcber wurden die Pal\u00e4stinenser unterschiedslos als \"unterdr\u00fccktes Volk\" charakterisiert, das sich in einem \"legitimen Widerstandskampf\" gegen den \"Imperialismus, Kolonialismus und Faschis108","Linksextremismus mus\" des kapitalistischen Westens befinde. Die terroristischen Strategien und Methoden pal\u00e4stinensischer Gruppen wie HAMAS, PFLP80 und DFLP81, die sich auch gegen Zivilisten auf beiden Seiten des Konflikts richten, wurden stillschweigend toleriert oder in verkl\u00e4renden Formulierungen wie der folgenden verteidigt: \"Das pal\u00e4stinensische Volk hat das Recht auf Widerstand in all seinen Formen, sei es durch gewaltfreien Protest, Boykott oder bewaffneten Kampf.\" Neben der Organisation von Demonstrationen war im Aktionsschwerpunkt der \"Pal\u00e4stinasolidarit\u00e4t\" eine Verlagerung hin zu niedrigschwelligen, diskursiven Veranstaltungsformaten zu beobachten, die eine breitere \u00d6ffentlichkeit ansprechen und der Werbung neuer Anh\u00e4nger dienen sollten. Insbesondere die Gruppe \"Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t Magdeburg\", die dem antiimperialistischen Spektrum der linksextremistischen Szene zuzuordnen ist, organisierte im Berichtsjahr regelm\u00e4\u00dfig sogenannte \"Pal\u00e4stina-Infost\u00e4nde\" an verschiedenen Orten im Magdeburger Stadtgebiet, mit denen sie \u00fcber den von ihr behaupteten \"anhaltenden V\u00f6lkermord in Gaza\" informieren wollte. Dabei sammelten die Anh\u00e4nger der Gruppe Spenden ein, verteilten \"Infomaterial\" der israelfeindlichen und in Teilen antisemitischen BDS-Bewegung82 sowie eine selbst erstellte Brosch\u00fcre. In dieser Brosch\u00fcre wird dem Staat Israel durchg\u00e4ngig die Legitimit\u00e4t abgesprochen, indem dieser als das Resultat des \"kolonialen Projekts\" der zionistischen Bewegung und einseitig als vermeintlicher Aggressor gegen\u00fcber der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung und den angrenzenden Staaten charakterisiert wird. Auch den Terrorangriff der HAMAS auf Israel am 7. Oktober 2023 verharmlost und rechtfertigt die Brosch\u00fcre, indem sie auf Diskursmuster der T\u00e4ter-Opfer-Umkehr zur\u00fcckgreift und den Angriff als legitime milit\u00e4rische Aktion darstellt. Dar\u00fcber hinaus bet\u00e4tigten sich im Berichtszeitraum auch Akteure des anarchistischen Spektrums im Aktionsschwerpunkt der \"Pal\u00e4stinasolidarit\u00e4t\"; dabei lieferten sie Anhaltspunkte f\u00fcr eine Unterst\u00fctzung der BDS-Bewegung. So veranstaltete die anarchistisch orientierte \"Kiezkommune Stadtfeld\" eine Veranstaltungsreihe zum Thema \"Widerstand verboten? Pal\u00e4stinaDiskurse in der deutschen Linken\" mit prominenten Unterst\u00fctzern der BDS-Kampagne. Militanzund Gewaltpotenzial Der gewaltorientierte Linksextremismus stellt sich nach den vom LKA Sachsen-Anhalt erhobenen Daten der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t (PMK) -linkswie folgt dar: Die Zahl der links motivierten Straftaten ist im Berichtszeitraum von 358 Delikten im Jahr 2023 auf 280 Delikte im Jahr 2024 zur\u00fcckgegangen. Ein gegenl\u00e4ufiger Trend war bei den Gewaltstraften zu beobachten: Die Zahl dieser Delikte hat sich im Berichtszeitraum verdoppelt. Waren 2023 noch 13 links motivierte Gewaltstraftaten ver\u00fcbt worden, lag die Zahl dieser F\u00e4lle im Jahr 2024 bei 26 Delikten. 80 \"Popular Front for the Liberation of Palestine\" (Volksfront zur Befreiung Pal\u00e4stinas). 81 \"Democratic Front for the Liberation of Palestine\" (Demokratische Front zur Befreiung Pal\u00e4stinas). 82 Die Abk\u00fcrzung \"BDS\" steht f\u00fcr \"Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen\" (engl. \"Boycott, Divestment and Sanctions\"). Dabei handelt es sich um eine internationale Bewegung, die den Boykott und R\u00fcckzug von Investitionskapital sowie Sanktionen gegen den Staat Israel fordert. Sie wird seit 2019 vom Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV) als Verdachtsfall beobachtet. 109","Linksextremismus Vor allem in Halle (Saale) hielt die Serie von Brandanschl\u00e4gen auf die von Linksextremisten ausgemachten politischen Gegner im Jahr 2024 unvermindert an. Dabei konnte abermals ein mittelbarer Zusammenhang zwischen \"antifaschistischer Recherche\" und linksextremistischen Gewalttaten beobachtet werden. So z\u00fcndete etwa eine bisher unbekannte Person am 14. Januar 2024 den PKW eines Anh\u00e4ngers der \"Bewegung Halle\"83 an, nachdem jener wiederholt \"geoutet\"84 worden war. Neben der \"Bewegung Halle\" steht auch der rechtsextremistisch beeinflusste Kampfsport seit mehreren Jahren im Fokus gewaltorientierter Linksextremisten. So wurden am 26. M\u00e4rz 2024 die R\u00e4umlichkeiten des kurz vor der geplanten Er\u00f6ffnung stehenden Kampfsportstudios \"Gladiator Fight Academy\" angez\u00fcndet. Auf der linksextremistischen Plattform Indymedia.org wurde der Brandanschlag mit den Worten \"Ostergr\u00fc\u00dfe an Gladiator Fight Academy\" kommentiert. Das Hauptziel militant antifaschistischer Gewalttaten blieben im Berichtszeitraum jedoch weiterhin Anh\u00e4nger des rechtsextremistischen AfD-Landesverbandes Sachsen-Anhalt85. In den Morgenstunden des 15. April 2024 wurden zwei Firmenfahrzeuge eines Umzugsunternehmens in Hohenweisen (Saalekreis) in Brand gesetzt. Durch das sich ausbreitende Feuer wurden insgesamt sechs Firmenfahrzeuge und ein Privatfahrzeug besch\u00e4digt. Bei dem Inhaber des Unternehmens handelt es sich um einen AfD-Kreistagsabgeordneten, der bereits seit mehreren Jahren im Fokus gewaltorientierter Linksextremisten insbesondere aus Halle (Saale) steht. In der Nacht des 13. Mai 2024 wurde in Halle (Saale) das Privathaus eines AfD-Kommunalpolitikers angegriffen. Die unbekannten T\u00e4ter warfen einen Brandsatz und einen Stein auf den Eingangsbereich des Einfamilienhauses. Noch w\u00e4hrend der polizeilichen Aufnahme des Vorfalls warfen die T\u00e4ter auf der R\u00fcckseite des Hauses eine Scheibe mit einem weiteren Stein ein. Auf einem damit umwickelten Papier war die Drohung geschrieben: \"Schei\u00df AfDFascho\" sowie \"einer von 19\". Bei der Kommunalwahl am 9. Juni 2024 in Halle (Saale) kandidierten auf der AfD-Liste 19 Personen f\u00fcr den Stadtrat. Daneben sah sich die linksextremistische Szene mit der Gr\u00fcndung einer Reihe von subkulturell rechtsextremistisch gepr\u00e4gten Jugendgruppen konfrontiert.86 Diese fanden sich vor allem zu zentral organisierten Gegenprotesten anl\u00e4sslich des \"Christopher Street Day\" zusammen, so auch am 24. August 2024 in Magdeburg. Vor diesem Hintergrund riefen gewaltorientierte Linksextremisten dazu auf, den \"antifaschistischen Selbstschutz\" zu organisieren, d. h. den politischen Gegner im Umfeld des CSD anzugreifen. So kam es im Verlauf des Demonstrationsgeschehens zu \u00fcberfallartigen Angriffen an verschiedenen Orten im Magdeburger Stadtgebiet durch autonome Kleingruppen, in deren Folge einzelne Personen aus dem rechtsext83 Zu der Gruppe \"Bewegung Halle\" vgl. S. 87. 84 Das \"Outen\" politischer Gegner geh\u00f6rt seit langem zu den Vorgehensweisen der gewaltorientierten linksextremistischen Szene. Linksextremistische Akteure sp\u00e4hen pers\u00f6nliche Daten insbesondere von vermeintlichen oder tats\u00e4chlichen Rechtsextremisten aus, um diese dann zum Zwecke der Stigmatisierung im Internet zu ver\u00f6ffentlichen. 85 Zur AfD Sachsen-Anhalt vgl. S. 23 ff. 86 Vgl. hierzu S. 54 ff. 110","Linksextremismus remistischen Spektrum im Krankenhaus behandelt werden mussten. Ein Gro\u00dfteil der Mobilisierung im Vorfeld ging von der Initiative \"North East Antifacists\" aus - eine sozialrevolution\u00e4re autonome Gruppe aus Berlin, zu der die linksextremistische Szene aus Magdeburg seit Jahren Kontakte pflegt. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Der Strukturwandel innerhalb der gewaltorientierten linksextremistischen Szene SachsenAnhalts setzte sich auch 2024 fort. Dieser \u00e4u\u00dferte sich in einer Ausdifferenzierung sowohl der Akteure als auch der Aktionsfelder. Zum einen traten in den beiden Zentren des gewaltorientierten Linksextremismus im Land, Magdeburg und Halle (Saale), neue Gruppierungen und B\u00fcndnisse in Erscheinung. Zum anderen gewannen - neben den fortgesetzten Aktivit\u00e4ten zur \"Pal\u00e4stinasolidarit\u00e4t\" - auch andere traditionelle Aktionsfelder des Linksextremismus wie \"Antikapitalismus\", \"Antifaschismus\" und \"Antirepression\" wieder vermehrt an Bedeutung. In Halle (Saale) deutet sich nach der Etablierung einer Ortsgruppe des \"Solidarit\u00e4tsnetzwerks\" und den daraus resultierenden Verwerfungen innerhalb der linksextremistischen Szene eine Entwicklung an, die auch in anderen Bundesl\u00e4ndern zu beobachten ist: die Marginalisierung der proisraelischen Szeneausrichtung. Vor allem unter jungen Szeneanh\u00e4ngern zeichnet sich eine Renaissance des dogmatischen Linksextremismus ab, der in seinem marxistisch-leninistischen Antiimperialismus seit jeher gegen Israel gerichtet ist. Zudem erhalten auch unter Anh\u00e4ngern des undogmatischen Spektrums (Autonome und Anarchisten) postkoloniale Denkans\u00e4tze Zuspruch, die in Israel ein \"Unterdr\u00fcckungsregime\" des \"wei\u00dfen Westens\" sehen. Angesichts dieser Entwicklungen gelingt es den proisraelischen Autonomen immer seltener, ihre Vorstellung von einer \"befreiten Gesellschaft\" mit dem Engagement gegen Antisemitismus bzw. f\u00fcr Israel zu rechtfertigen. In der nahen Zukunft ist daher mit weiteren Auseinandersetzungen um die ideologische Deutungshoheit innerhalb der linksextremistischen Szene in Halle (Saale) zu rechnen. Demgegen\u00fcber waren im Berichtszeitraum in Magdeburg trotz weiterhin bestehender ideologischer Differenzen zwischen den anarchistisch und den antiimperialistisch orientierten Szeneteilen vermehrt Ans\u00e4tze einer Zusammenarbeit erkennbar. Diese Kooperationsbem\u00fchungen lie\u00dfen sich haupts\u00e4chlich in den Aktionsfeldern \"Antifaschismus\", \"Antirepression\" und \"Internationalismus\" mit dem Schwerpunkt \"Kurdistansolidarit\u00e4t\" beobachten und wurden vorwiegend von j\u00fcngeren Szeneanh\u00e4ngern und insbesondere von linksextremistischen Gruppierungen mit Auslandsbezug getragen. Ob sich diese Ann\u00e4herung der verschiedenen Szeneteile in der Zukunft fortsetzen wird und so die Mobilisierungsschw\u00e4che der vergangenen Jahre dauerhaft \u00fcberwunden werden kann, bleibt abzuwarten. Angesichts einer hochdynamischen Lage in der nationalen und internationalen Politik bieten sich auch im Verlauf des Jahres 2025 vielfache Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr Aktivit\u00e4ten der linksextremistischen Szene in Sachsen-Anhalt. So kann eine etwaige Versch\u00e4rfung der Migrationspolitik der neuen Bundesregierung zu einem Mobilisierungsschub nicht nur im zivilgesellschaftlichen Spektrum, sondern auch bei linksextremistischen Gruppierungen f\u00fchren. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den Fall der Verabschiedung von Gesetzen und Ma\u00dfnahmen zur St\u00e4rkung der 111","Linksextremismus Justizund Sicherheitsbeh\u00f6rden. Im Aktionsfeld der \"Antirepression\" k\u00f6nnten linksextremistische Akteure in Sachsen-Anhalt auch die Verfahren gegen die ehemalige RAF-Terroristin Daniela Klette sowie gegen die beschuldigten Linksextremisten im \"Antifa-Ost-Verfahren\" und im \"Budapest-Komplex\" verst\u00e4rkt zum Anlass f\u00fcr Protestaktionen und Straftaten nehmen. Dar\u00fcber hinaus wird das Mobilisierungspotenzial der lokalen linksextremistischen Szene in den Aktionsfeldern des \"Internationalismus\" und \"Antimilitarismus\" von den weiteren Entwicklungen im Nahostkonflikt, in Syrien und in der Ukraine beeinflusst. 112","Linksextremismus \"ROTE HILFE E. V.\" (RH) Gr\u00fcndung 1975 In Sachsen-Anhalt seit 1996 mit der ersten RH-Ortsgruppe in Halle (Saale) existent Sitz / Sitz des Bundesverbandes: G\u00f6ttingen (Niedersachsen) Verbreitung Bundesweite Verbreitung Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land 350 350 Bund 13.700 14.400 Struktur / Bundesweit existieren rund 50 Ortsgruppen. Aufbau Die lokalen Gruppen w\u00e4hlen auf Mitgliederversammlungen ihre Abgesandten f\u00fcr die Bundesdelegiertenkonferenz; diese tritt mindestens alle zwei Jahre zusammen. Der Bundesvorstand wird f\u00fcr die Dauer von zwei Jahren gew\u00e4hlt und organisiert als oberstes Organ der RH deren bundesweite Arbeit. Er tagt mindestens zweimal j\u00e4hrlich, verwaltet die Finanzen des Vereins und gibt dessen Zeitung heraus. In Sachsen-Anhalt existieren Ortsgruppen in Halle (Saale), Magdeburg und Salzwedel (Altmarkkreis Salzwedel). Ver\u00f6ffentlichungen Web-Angebot: www.rote-hilfe.de Publikationen: \"Die Rote Hilfe\" (quartalsweise) Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spenden Vertrieb von B\u00fcchern, Brosch\u00fcren, Informationsmaterial Kurzportrait / Ziele Die RH ist nach ihrem Selbstverst\u00e4ndnis eine \"parteiunabh\u00e4ngige, str\u00f6mungs\u00fcbergreifende linke Schutzund Solidarit\u00e4tsorganisation\" zur Unterst\u00fctzung von Personen, die nach ihrer Auffassung in der \"Bundesrepublik Deutschland aufgrund ihrer politischen Bet\u00e4tigung verfolgt werden\". Dabei vertritt die RH kein eigenst\u00e4ndiges weltanschauliches Programm; sie ist jedoch ein bedeutender Bestandteil der linksextremistischen Szene und wirkt organisations\u00fcbergreifend. Die RH stellt die Sicherheitsund Justizbeh\u00f6rden als Teile eines umfassenden Repressionsapparates dar, mit dem der Staat ihm politisch missliebige Personen unterdr\u00fccke, kriminalisiere und letztlich wegsperre. Dadurch spricht sie der Bundesrepublik Deutschland die Eigenschaft als Rechtsstaat ab und sieht in ihr stattdessen ein Willk\u00fcrregime. Die RH unterst\u00fctzt Linksextremisten in Ermittlungsund Strafverfahren sowie im Strafvollzug. Erkennt die RH eine Person als \"Unterst\u00fctzungsfall\" an, so beteiligt sie sich an Prozessund Anwaltskosten (sowie Strafund Bu\u00dfgeldern) und vermittelt erforderlichenfalls anwaltliche Unterst\u00fctzung. Zudem organisiert die RH Kampagnen, die auf die Diskreditierung von Sicherheitsund Justizbeh\u00f6rden zielen. Im Rahmen von Schulungen gibt die RH Szeneangeh\u00f6rigen 113","Linksextremismus Handlungsempfehlungen zur Minimierung des Risikos einer Strafverfolgung im Anschluss an begangene Straftaten. Grund der Beobachtung Da gewaltorientierte Linksextremisten die Prinzipien Freiheit und Gleichheit verabsolutieren, betrachten sie jede Form staatlicher Herrschaft als illegitim, so auch den demokratischen Rechtsstaat. Missst\u00e4nde in der Demokratie sollen nicht gel\u00f6st, sondern mitsamt der freiheitlichen Verfassungsordnung abgeschafft werden. Unabh\u00e4ngig von den divergierenden Zielen sehen alle Akteure und Gruppen dieser Szene Gewalt als ein legitimes Mittel an. Diese politisch bestimmten Verhaltensweisen - insbesondere das Ablehnen des staatlichen Gewaltmonopols bei gleichzeitigem Bef\u00fcrworten von Gewalt, um die eigenen politischen Ziele durchzusetzen - sind mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbar Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Neben der Bearbeitung individueller Unterst\u00fctzungsf\u00e4lle steht vor allem die allgemeine \"Antirepressionsarbeit\" im Fokus der RH. Im Berichtsjahr waren au\u00dferdem verschiedene Veranstaltungen der RH deren 100-j\u00e4hrigem Bestehen gewidmet. So ver\u00f6ffentlichte die RH im Jahr 2024 den Film \"Solidarit\u00e4t verbindet - 100 Jahre Rote Hilfe\" sowie eine dazugeh\u00f6rige Wanderausstellung. Sowohl der Film als auch die Wanderausstellung wurden von den jeweiligen RH-Ortsgruppen in Magdeburg, Halle (Saale) und Salzwedel gezeigt. In Salzwedel f\u00fchrte die AAS gemeinsam mit der Ortsgruppe der RH am 18. M\u00e4rz 2024 eine Veranstaltung im Szeneobjekt \"AZ Kim Hubert\" unter dem Motto \"Rechtshilfetipps - Was tun wenn's brennt?!\" durch. In demselben Objekt organisierte die RH-Ortsgruppe am 16. August 2024 die Auff\u00fchrung eines Theaterst\u00fccks, das unter dem Titel \"Bei den Linken\" das Verh\u00e4ltnis zwischen Migranten und der linksextremistischen Szene behandelte und dabei f\u00fcr eine grenzenlose Bewegungsfreiheit in Europa warb. Beide Veranstaltungen fanden im Rahmen des 100-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums der RH statt. In Reaktion auf die Auslieferung einer linksextremistischen Person nach Ungarn im Zusammenhang mit den gewaltt\u00e4tigen Angriffen auf mutma\u00dfliche Rechtsextremisten am sogenannten \"Tag der Ehre\" in Budapest im Februar 2023 organisierte die Hallenser RH-Ortsgruppe am 20. Juli 2024 eine Solidarit\u00e4tskundgebung zum Thema \"Bring Back Maja\". Dabei zeigte sich jedoch, dass der im Berichtsjahr in Halle (Saale) entflammte Szenekonflikt zwischen dogmatischen, propal\u00e4stinensischen Gruppen auf der einen Seite und autonomen, proisraelisch gepr\u00e4gten Gruppierungen auf der anderen Seite auch die Aktivit\u00e4ten der Szene im Aktionsfeld der \"Antirepression\" zunehmend \u00fcberlagerte. Als sich Anh\u00e4nger des \"Solinetzes\" und 114","Linksextremismus weitere propal\u00e4stinensisch orientierte Akteure an der Versammlung der RH beteiligen wollten, wurde dies von den proisraelisch eingestellten Autonomen, die den Gro\u00dfteil der Teilnehmer stellten, vehement abgelehnt. Um eine k\u00f6rperliche Auseinandersetzung zwischen den Anh\u00e4ngern beider Lager zu verhindern, mussten diese zwischenzeitlich von Polizeikr\u00e4ften voneinander getrennt werden. Aufgrund der angespannten Lage sagten die Organisatoren den urspr\u00fcnglich geplanten Aufzug durch die Innenstadt ab. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Der Strukturwandel in der linksextremistischen Szene war in den letzten Jahren auch in der Entwicklung der RH zu beobachten. So d\u00fcrfte der massive Mitgliederzuwachs im Vorjahr auf den sich abzeichnenden Generationswechsel im gewaltorientierten Linksextremismus zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Dementsprechend bleibt die RH weiterhin einer der wichtigsten Stabilit\u00e4tsfaktoren f\u00fcr die Szene. Mit ihrer gut vernetzten Struktur und der finanziellen Unterst\u00fctzung potenzieller Strafund Gewaltt\u00e4ter tr\u00e4gt sie zu einer Konsolidierung der gesamten Szene bei. Dabei bietet die RH eine Organisationsorientierung f\u00fcr jene Linksextremisten, die gemeinschaftlich aktiv sein wollen, ohne jedoch in die formalen Strukturen einer Partei eingebunden zu sein. Entscheidend f\u00fcr den Erfolg der RH ist vor allem ihre ideologische Flexibilit\u00e4t, so dass ihre Unterst\u00fctzung jedem potenziellen Gewaltt\u00e4ter gilt, solange dieser nur eine linksextremistische Zielsetzung verfolgt. Sie begr\u00fcndet damit einen ideologischen Rahmen, der die Legitimit\u00e4t des demokratischen Verfassungsstaates systematisch infrage stellt und dabei Gewalt als politisches Mittel bef\u00fcrwortet. Gleichwohl zeigen die j\u00fcngsten Entwicklungen in Halle (Saale), dass die RH an integrierender Kraft eingeb\u00fc\u00dft hat und selbst in ihrem traditionellen Aktionsfeld der \"Antirepression\" nur begrenzt in der Lage ist, die ideologischen Gr\u00e4ben zwischen den verschiedenen Szeneteilen zu \u00fcberbr\u00fccken. 115","Linksextremismus LINKSEXTREMISTISCHES PARTEIENSPEKTRUM \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschland\" (MLPD) Gr\u00fcndung 1982 In Sachsen-Anhalt seit 1992 mit einzelnen Strukturen existent Sitz / Bund: Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen) Verbreitung Bundesweite Verbreitung Sachsen-Anhalt: angegliedert im Landesverband Elbe/Saale (Sachsen-Anhalt und Sachsen) Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land 15 15 Bund 2.800 2.800 Struktur / Parteivorsitzende: Gabi Fechtner (Nordrhein-Westfalen) Aufbau Vorsitzender des Landesverbandes Elbe/Saale: J\u00f6rg Weidemann (Leipzig) Die Partei ist in vier Organisationsebenen gegliedert. Betriebsund Wohngebietsgruppen bilden die erste Ebene der Partei. Die zweite Organisationsebene stellen die Ortsgruppen dar. Danach folgt der Kreisverband. Als letzte Ebene folgen die derzeit acht Landesverb\u00e4nde. Der Jugendverband \"REBELL\" ist die Jugendorganisation der MLPD. Ver\u00f6ffentlichungen Web-Angebote: www.mlpd.de, www.rf-news.de Publikationen: \"Rote Fahne\" (RF) (zweiw\u00f6chentlich) \"Lernen und K\u00e4mpfen\" (LuK) (mehrmals j\u00e4hrlich) \"Rebell\" (zweimonatlich) Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spenden Angesichts ihres vergleichsweise geringen politischen Einflusses verf\u00fcgt die MLPD \u00fcber ein \u00fcberdurchschnittlich hohes Parteiverm\u00f6gen. Kurzportrait / Ziele Die MLPD ist eine maoistisch-stalinistisch ausgerichtete Partei, die sich an den Lehren von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao orientiert. Ihrem Verst\u00e4ndnis nach kann der Kapitalismus nicht reformiert werden; er muss daher revolution\u00e4r durch einen \"echten\" Sozialismus abgel\u00f6st werden. \u00dcber die Mitgliedschaft ihrer Angeh\u00f6rigen in Gewerkschaften versucht die MLPD Einfluss auf die Arbeiter als \"Subjekt des Klassenkampfes\" zu erlangen. Sie unterst\u00fctzt h\u00e4ufig die Forderungen von Gewerkschaften bei Streiks, verbindet deren Ziele aber jeweils mit ihrer eigenen, fundamentalen Kapitalismuskritik und der Forderung nach einer kommunistischen Gesellschaft. 116","Linksextremismus Grund der Beobachtung Die MLPD versteht sich als Repr\u00e4sentantin einer radikal linken und revolution\u00e4ren Perspektive des \"echten\" Sozialismus. Bereits in der Pr\u00e4ambel ihrer Parteistatuten formuliert sie ihr grundlegendes Ziel: \"de[n] revolution\u00e4re[n] Sturz der Diktatur des Monopolkapitals\". Daf\u00fcr strebt sie die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft als \u00dcbergang zur klassenlosen kommunistischen Gesellschaft an. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum In Sachsen-Anhalt ist die MLPD mit Kontaktadressen in Magdeburg, Halle (Saale), DessauRo\u00dflau und Bitterfeld-Wolfen (Anhalt-Bitterfeld) vertreten. Ausgehend von diesen Ortsgruppen versucht die MLPD mit einer Vielzahl von Kundgebungen, ihre revolution\u00e4ren Ideen auf die Stra\u00dfe zu tragen. So fanden auch im Berichtsjahr 2024 in Magdeburg und Halle (Saale) regelm\u00e4\u00dfig (Montags-)Kundgebungen statt, bei denen die Beteiligten mit einem sogenannten \"offenen Mikrofon\" aktuelle politische Themen diskutierten. Dar\u00fcber hinaus meldete die Hallenser Ortsgruppe der MLPD f\u00fcr den 24. Februar 2024 eine Kundgebung mit dem Thema \"Sofortige Beendigung des Ukraineund des Nahost-Krieges\" in Halle (Saale) an. Redner am Mikrofon forderten laut \"Rote Fahne News\"87 im Wesentlichen, dass \"die Arbeiter, einfachen Leute und alle demokratisch gesinnten Menschen in der Ukraine sowohl das Selenskij-Regime st\u00fcrzen als auch gegen die russischen Invasoren k\u00e4mpfen m\u00fcssen, um den Krieg zu beenden.\" Eine der Reden m\u00fcndete in gewaltbef\u00fcrwortende Forderungen wie: \"Waffen in die H\u00e4nde der Arbeiter, ja! Aber Nein zu Waffenlieferungen an das Selenskij-Regime.\" Die MLPD-Ortsgruppen in Magdeburg und Halle (Saale) versuchten im Berichtszeitraum mit verschiedenen Kundgebungen, W\u00e4hler f\u00fcr die Europawahl am 9. Juni 2024 zu gewinnen. Mit insgesamt 13.551 W\u00e4hlerstimmen blieb die Partei allerdings politisch marginalisiert. Auch bei den gleichzeitig stattfindenden Kommunalwahlen konnte die MLPD weder in Magdeburg noch in Halle (Saale) ein Mandat im Stadtrat erringen. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Aufgrund ihrer politischen und gesellschaftlichen Isolation ist davon auszugehen, dass die MLPD die von ihr seit Jahren vertretene ideologische Linie auch zuk\u00fcnftig beibehalten wird. Obwohl die Partei stetig auf der Suche nach neuen und vor allem jungen Mitgliedern ist, gelingt es ihr nicht, ihre weitgehende Isolation zu durchbrechen. Vielmehr werden MLPD-Vertreter aufgrund ihrer dogmatischen Positionen von Versammlungen und anderen Veranstaltungen h\u00e4ufig ausgeschlossen. Eine Au\u00dfenwirkung k\u00f6nnen sie lediglich dort entfalten, wo andere Akteure der linksextremistischen Szene eine \u00e4hnlich dogmatische Ideologie auf ge87 https://www.rf-news.de/2024/kw08. 117","Linksextremismus meinsamen Aktionsfeldern verfolgen. Im Berichtsjahr kooperierten MLPD-Vertreter insbesondere mit Magdeburger Linksextremisten des antiimperialistischen Spektrums im Rahmen der \"Pal\u00e4stinasolidarit\u00e4t\". 118","Linksextremismus \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) Gr\u00fcndung 1968 In Sachsen-Anhalt seit 1997 mit einzelnen Parteigruppen existent Sitz / Sitz des Bundesverbandes: Essen (Nordrhein-Westfalen) Verbreitung bundesweite Verbreitung Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land 15 15 Bund 2.765 2.765 Struktur / Parteivorsitzender: Patrick K\u00f6bele (Essen, Nordrhein-Westfalen) Aufbau Die Partei gliedert sich in Grund-, Kreis-, Bezirksund/oder Landesorganisationen sowie eine Bundesorganisation. In SachsenAnhalt existieren \u00f6rtliche Strukturen vor allem in Halle (Saale) und Magdeburg. Innerhalb der Parteigesamtstruktur ist der Status einer Bezirksbzw. Kreisorganisation nicht erreicht. Daher verf\u00fcgt die DKP in Sachsen-Anhalt lediglich \u00fcber einen so genannten \"Koordinierungsrat\". Die \"Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend\" (SDAJ) ist die Jugendorganisation der DKP und mit mehreren Ortsgruppen in Sachsen-Anhalt aktiv. Ver\u00f6ffentlichungen Web-Angebot: www.dkp.de Publikationen: UZ - \"Unsere Zeit\" (w\u00f6chentlich) \"Marxistische Bl\u00e4tter\" (zweimonatlich) \"POSITION\" (Magazin der SDAJ, zweimonatlich) Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spenden Kurzportrait / Ziele Die DKP ist eine marxistisch-leninistische Kernorganisation. Die Partei versteht sich als politische Nachfolgerin der 1956 vom Bundesverfassungsgericht verbotenen \"Kommunistischen Partei Deutschlands\" (KPD). Ihr Ziel ist die Errichtung einer sozialistischen bzw. kommunistischen Gesellschaft durch einen revolution\u00e4ren Bruch mit den kapitalistischen Machtund Eigentumsverh\u00e4ltnissen. Als Richtschnur ihres politischen Handelns bekennt sie sich zur Ideologie von Marx, Engels und Lenin. Grund der Beobachtung Die DKP strebt langfristig einen Systemwechsel in Richtung einer kommunistischen Gesellschaftsordnung an. In einem klassenk\u00e4mpferisch-revolution\u00e4ren Akt sollen die kapitalistischen Eigentumsund Machtverh\u00e4ltnisse, der Parlamentarismus und der politisch-gesellschaftliche Pluralismus \u00fcberwunden werden. Gewaltanwendung wird dabei nicht ausgeschlossen. 119","Linksextremismus Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Die DKP bem\u00fcht sich, durch Teilnahme an diversen Demonstrationen und Veranstaltungen sowie durch die Ver\u00f6ffentlichung von Stellungnahmen zu aktuellen politischen Themen in der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sent zu sein. Aufgrund ihrer geringen Mitgliederzahl ist die DKP auf eine Zusammenarbeit mit weiteren linksextremistischen Kr\u00e4ften in Sachsen-Anhalt angewiesen. Die DKP-Gruppe Magdeburg/Sch\u00f6nebeck lud gemeinsam mit der SDAJ am 20. Juli 2024 zu einer Vortragsveranstaltung in das linksextremistische Szeneobjekt \"Infoladen Stadtfeld\" ein. Unter dem Titel \"Frag eine Brigadistin\" berichtete eine \"Genossin aus Berlin\" von den Erfahrungen ihrer Kuba-Reise mit der SDAJ im Sommer 2023. Am 19. Oktober 2024 f\u00fchrte die Hallenser Ortsgruppe des SDAJ zusammen mit dem \"Solidarit\u00e4tsnetzwerk Halle\" eine St\u00f6raktion anl\u00e4sslich der Beteiligung der Bundeswehr an der Jobmesse in Halle (Saale) durch. Mit einem Transparent \"Kein Mensch, kein Cent der Bundeswehr!\" demonstrierten die beiden kommunistischen Gruppen im Rahmen der Kampagne \"Eure Kriege ohne uns\" auch gegen eine m\u00f6gliche Wiedereinf\u00fchrung der Wehrpflicht. Die DKP trat bei der Europawahl 2024 an und erzielte insgesamt 14.951 Stimmen, was einem Anteil von 0,0 % entspricht. In Sachsen-Anhalt erhielt sie 642 Stimmen (0,1 %). Die geringe Bedeutung der DKP h\u00e4lt damit unvermindert an. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Wie im Vorjahr entfaltete die DKP in Sachsen-Anhalt auch im aktuellen Berichtsjahr wieder vermehrt Aktivit\u00e4ten. Diese waren einerseits auf ihre Verbindungen in das antiimperialistische Spektrum des gewaltorientierten Linksextremismus in Magdeburg und in Halle (Saale) zur\u00fcckzuf\u00fchren. Andererseits trat die DKP vor allem durch die verschiedenen Ortsgruppen ihrer Jugendorganisation SDAJ in Erscheinung. In Sachsen-Anhalt k\u00f6nnen die Strukturen der Partei somit als verl\u00e4ngerter Arm des antiimperialistischen Spektrums gesehen werden. Es bleibt jedoch weiterhin unwahrscheinlich, dass sich diese Entwicklung zuk\u00fcnftig auch in einer gemeinsamen Beteiligung an Wahlen niederschlagen wird, da gewaltorientierte Linksextremisten aus dem antiimperialistischen Spektrum die von der DKP verfolgte Strategie der Parlamentsorientierung zur \u00dcberwindung des demokratischen Systems ablehnen. 120","ISLAMISMUS","Islamismus EINLEITUNG Der Begriff \"Islamismus\" bezeichnet eine spezifische Form des politischen Extremismus. Unter Berufung auf die Religion des Islam zielt der Islamismus auf die teilweise oder vollst\u00e4ndige Abschaffung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Der Islamismus ist von der \u00dcberzeugung gepr\u00e4gt, dass Religion nicht nur eine pers\u00f6nliche, quasi private Angelegenheit ist, sondern auch das \u00f6ffentliche gesellschaftliche Leben sowie die politische Ordnung eines Staates bestimmen oder zumindest in Teilen regeln soll. Diese von Gott gewollte und somit \"wahre\" (und zugleich absolute) Ordnung rangiere in ihrer Wertigkeit vor allen von Menschen gemachten Ordnungssystemen. Im Islamismus lassen sich verschiedene Str\u00f6mungen feststellen. Diese unterscheiden sich teilweise hinsichtlich ihrer ideologischen Pr\u00e4missen, ihrer geographischen Orientierung, ihrer Strategien und der Wahl ihrer Mittel. Sie k\u00f6nnen sich aber auch \u00fcberschneiden, zum Beispiel in der Str\u00f6mung des sogenannten Jihadsalafismus, die Ideologieelemente des Salafismus mit dem Jihadismus zu einer gewaltorientierten und k\u00e4mpferischen Str\u00f6mung vereint. Grunds\u00e4tzlich sind im islamistischen Spektrum die folgenden ideologischen Str\u00f6mungen zu unterscheiden: Die Anh\u00e4nger islamistisch-terroristischer Gruppierungen wie der aus dem Gazastreifen heraus aktiven pal\u00e4stinensischen HAMAS88 oder der libanesischen \"Hizb Allah\"89, deren Ziel die Vernichtung des j\u00fcdischen Staates Israel ist, sind im Wesentlichen auf ihre Herkunftsregionen fokussiert und wenden schwerpunktm\u00e4\u00dfig dort terroristische Gewalt an. So genannte legalistische Str\u00f6mungen versuchen, \u00fcber politische und gesellschaftliche Einflussnahme eine nach ihrer Interpretation islamkonforme Ordnung durchzusetzen. Salafisten orientieren sich ausschlie\u00dflich an einem wortgetreuen Verst\u00e4ndnis von Koran und Sunna90 nach ihrer Interpretation sowie am Vorbild der Gef\u00e4hrten Mohammeds, den so genannten \"rechtschaffenen Altvorderen\" (arabisch: al-salaf as-salih). Sie vertreten dabei einen Exklusivit\u00e4tsanspruch, beanspruchen die einzig \"wahren\" Muslime zu sein und lehnen die geschichtliche Entwicklung der Religion des Islam sowie ihre vielschichtige Aus\u00fcbung und Interpretation seitens der Muslime ab. Zahlreiche wichtige Ziele von Islamismus/Salafismus stehen im Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung, wie in folgender \u00dcbersicht deutlich wird: 88 Das BMI hat mit Verf\u00fcgung vom 2. November 2023 ein Bet\u00e4tigungsverbot in Deutschland u. a. f\u00fcr die Terrororganisation HAMAS ausgesprochen; die Teilorganisation \"Samidoun Deutschland\" wurde gleichzeitig verboten und aufgel\u00f6st. 89 Das BMI hat mit Verf\u00fcgung vom 26. M\u00e4rz 2020 die Vereinigung Hizb Allah mit einem Bet\u00e4tigungsverbot belegt. 90 Zur Nachahmung empfohlene Handlungsweisen und Aussagen des Propheten Mohammed. 122","Islamismus Gottesherrschaft Volkssouver\u00e4nit\u00e4t Gottesherrschaft Volkssouver\u00e4nit\u00e4t Sakrale Texte als Legislative auf der Basis Gesetzesgrundlage parlamentarischer Demokratie Sakrale Grundlage politiVerantwortlichkeit der Rescher Macht (Machtkongierung gegen\u00fcber demozentration, Unantastbarkeit kratisch verfassten Gesetder Religionsgelehrten, zen und der Verfassung Oppositionsverbot, Unab(Abw\u00e4hlbarkeit der Regie\u00e4nderlichkeit g\u00f6ttlicher Gerung, \u00c4nderung von Gesetze) setzen) Totalit\u00e4rer WahrheitsanMeinungsfreiheit, Werspruch tepluralismus, Mehrparteienprinzip, Recht auf Opposition Privilegierung einer beReligionsfreiheit, Gleichbestimmten islamischen Relirechtigung, Recht auf freie gionsaus\u00fcbung Pers\u00f6nlichkeitsentfaltung Im besonderen Fokus der \u00d6ffentlichkeit stehen islamistische Bestrebungen immer dann, wenn sie in Gestalt des terroristischen Islamismus bzw. Jihadismus zu Tage treten. So waren auch im Jahr 2024 islamistische Anschl\u00e4ge in Deutschland zu verzeichnen. Ereignisse dieser Art machen die im Prinzip seit Jahren bestehende Gef\u00e4hrdungslage deutlich. Bei der Gefahrenabwehr und Strafverfolgung auf diesem Feld arbeiten die Sicherheitsund Justizbeh\u00f6rden im Rahmen ihrer jeweiligen Aufgaben und Befugnisse eng zusammen. Im Berichtsjahr hat die Bearbeitung von Hinweisen auf (mutma\u00dfliche) Jihadisten erneut dazu gef\u00fchrt, dass die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde in einzelnen F\u00e4llen gem\u00e4\u00df SS 19 VerfSchG-LSA Informationen an die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden \u00fcbermittelt hat, damit letztere die entsprechenden strafrechtlichen Ermittlungen aufnehmen konnten. Wie schon den in vorangegangenen Berichtsjahren handelte es sich dabei haupts\u00e4chlich um Hinweise auf Personen mit Migrationshintergrund, bei denen eine Bet\u00e4tigung in jihadistischen Gruppen anzunehmen ist, die als Kriegsparteien im syrischen B\u00fcrgerkrieg aktiv waren. Bei der Beobachtung jihadistischer Bestrebungen liegt ein Augenmerk des Verfassungsschutzes auf der tats\u00e4chlichen oder m\u00f6glichen R\u00fcckkehr von Personen, welche sich freiwillig in das Jihadgebiet begeben und dort terroristischen Gruppen angeschlossen hatten. Dies trifft insbesondere auf Personen zu, die aus ihren (europ\u00e4ischen) Heimatl\u00e4ndern in das \"Kalifatsgebiet\" des IS gereist waren und sich dort dem IS angeschlossen hatten. Nach der weitgehenden milit\u00e4rischen Niederlage der IS-Jihadisten sind viele dieser Personen in Gefangenenlagern vor allem in Nordsyrien festgesetzt worden. Eine unkontrollierte Aufl\u00f6sung dieser Lager, die angesichts der aktuellen politischen Entwicklung in Syrien nicht unwahrscheinlich 123","Islamismus ist, k\u00f6nnte zu einer R\u00fcckkehr der derzeit dort Inhaftierten in ihre jeweiligen Heimatl\u00e4nder f\u00fchren. In diesem Fall w\u00e4re zu kl\u00e4ren, ob und inwieweit diese Personen weiterhin einer islamistischen Ideologie anh\u00e4ngen, ob von ihnen eine Gef\u00e4hrdung ausgeht und wie erforderlichenfalls darauf beh\u00f6rdlich reagiert werden sollte. Im Gegensatz zu Jihadisten sind legalistische, nicht gewaltorientierte islamistische Gruppen bestrebt, durch Missionierung Anh\u00e4nger f\u00fcr ihre Auslegung des Islam zu gewinnen. Im Zentrum ihrer Bem\u00fchungen stehen nicht Zwang und Gewalt, sondern \u00dcberzeugungsarbeit und Versuche der Einflussnahme. Mit karitativer und politischer Lobbyarbeit versuchen sie, die Gesellschaft im Sinne ihrer Ideologie zu beeinflussen. Es handelt sich mithin um einen langfristigen, gleichsam evolution\u00e4ren Prozess, der in der Gesellschaft oftmals nicht angemessen wahrgenommen und in seinen m\u00f6glichen Auswirkungen zumindest untersch\u00e4tzt wird. Denn auch der legalistische Islamismus strebt die Errichtung einer islamischen Theokratie an, in der die Scharia die Grundlage der Rechtsordnung bildet und eine vermeintlich von Gott gewollte Ordnung \u00fcber allen von Menschen gemachten Regeln steht. Mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sind diese Bestrebungen daher nicht vereinbar. Das in den letzten Jahren zu verzeichnende Anwachsen des Bev\u00f6lkerungsanteils mit muslimischer Religionszugeh\u00f6rigkeit bietet den Anh\u00e4ngern legalistischer Str\u00f6mungen verst\u00e4rkt die Gelegenheit, f\u00fcr ihre \u00dcberzeugungen zu werben. Der Gefahr, dass ihre Vorstellungen und Ideologien auf breitere Akzeptanz sto\u00dfen, ist entgegenzuwirken. Dies gilt umso mehr, als die Bereitschaft Einzelner, sich f\u00fcr einen jihadistischen Weg zu entscheiden, zumindest mittelbar \u00fcber eine Befassung mit legalistischen Ideologieelementen gef\u00f6rdert werden kann. Relevant sind insoweit auch Predigten, die in Sachsen-Anhalt in Moscheen und Gebetsraumen gehalten wurden und werden. In einem kleineren Teil der Predigten konnten Elemente extremistischer Ideologien festgestellt werden. Antisemitismus ist ein wesentliches Element in der Ideologie des gesamten islamistischen Spektrums. Unter Antisemitismus versteht man die politisch, sozial, rassistisch oder religi\u00f6s begr\u00fcndete Feindschaft gegen\u00fcber Juden. Dieser Antisemitismus \u00e4u\u00dfert sich teils latent, teils offen und oft im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt in Form von Israelfeindlichkeit. Im Jahr 2024 kam es im Zusammenhang mit der israelischen Reaktion auf den Terrorangriff der HAMAS auf Israel am 7. Oktober 2023 zu zahlreichen \u00c4u\u00dferungen von Israelfeindlichkeit und Antisemitismus. Die h\u00e4ufigste Art der \u00c4u\u00dferung war die Verbreitung von gewaltverherrlichendem und volksverhetzendem antiisraelischem Propagandamaterial. Im Mai 2024 wurde beispielsweise bekannt, dass ein in Halle (Saale) wohnhafter pal\u00e4stinensischst\u00e4mmiger deutscher Rapper den Terrorangriff der HAMAS auf Israel bejubelt hat. In einem Lied begr\u00fc\u00dfte er die Gewalttaten dieser terroristisch-islamistischen Organisation. Das islamistische Personenpotenzial in Sachsen-Anhalt liegt unver\u00e4ndert bei etwa 400 Personen. 124","Islamismus SALAFISMUS Gr\u00fcndung Urspr\u00fcnge in Entwicklungen der islamischen Welt besonders im 18. und 19. Jahrhundert Verbreitung Schwerpunkte in Nordrhein-Westfalen und in Ballungszentren; in Sachsen-Anhalt landesweit, doch ohne gefestigte Strukturen Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land 105 105 Bund 10.500 10.500 Struktur / In Sachsen-Anhalt sind einzelne Aktivisten feststellbar Aufbau Ver\u00f6ffentlichungen Web-Angebote, soziale Netzwerke Finanzierung Spenden Kurzportrait / Ziele Beim \"Salafismus\" handelt es sich um eine besonders strikte und unduldsame Str\u00f6mung innerhalb des islamistischen Spektrums. Der Begriff des \"Salafismus\" lehnt sich an das Selbstverst\u00e4ndnis von Salafisten an, wonach Handlungen und Anschauungen des Propheten Muhammad und der drei nachfolgenden Generationen \"rechtschaffener Altvorderer\" bereits jetzt und heute als verbindlich zu gelten haben und nicht erst dann, wenn ein \"islamischer Staat\" errichtet worden ist. Die fr\u00fchislamische Gemeinde (vom 7. bis 9. Jh. u.Z.) wird nicht nur als das \"Goldene Zeitalter\" des Islam idealisiert, sondern dar\u00fcber hinaus als vorbildliche Richtschnur betrachtet, der detailgetreu und kompromisslos zu folgen ist. Dieser R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit der Salafisten hin zu einem vormodernen Lebenswandel liegt die Vorstellung zugrunde, dass das damalige \"Goldene Zeitalter\" in der heutigen modernen Gesellschaft wiederholt werden muss, so dass dem Islam wieder zur alten St\u00e4rke verholfen werden kann. Voraussetzung hierf\u00fcr ist aus salafistischer Sicht die Umgestaltung von Staat und Gesellschaft nach dem Vorbild der fr\u00fchislamischen Gemeinde. Grund der Beobachtung Das verfassungsschutzrelevante salafistische Spektrum wird in die Kategorien \"jihadistischer Salafismus\" und \"politischer Salafismus\" unterteilt. Beiden Str\u00f6mungen gemein sind ideologische Grundlagen und die grunds\u00e4tzliche Bef\u00fcrwortung von Gewalt. Die \u00dcberg\u00e4nge zwischen den Str\u00f6mungen sind flie\u00dfend. Politische Salafisten vermeiden offene Aufrufe zur Gewalt; sie wollen die Gesellschaft von innen heraus durch Missionierung islamkonform umgestalten. Jihadistische Salafisten fordern die unmittelbare Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihrer Ziele. Beiden Str\u00f6mungen ist gemein, dass sie die islamische Religion als Ideologie verstehen, die es kompromisslos durchzusetzen gilt. Die von Gott vorgeschriebenen Regeln sollen \u00fcber allem stehen. Die salafistische Ideologie steht damit im grunds\u00e4tzlichen Widerspruch zu den im Grundgesetz verankerten Grunds\u00e4tzen der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, der freien Religionsaus\u00fcbung und der allgemeinen Gleichberechtigung. 125","Islamismus Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum In mehreren Moscheen Sachsen-Anhalts traten im Berichtsjahr vereinzelt Prediger auf, die die salafistische Ideologie propagierten. In diesen Predigten wird h\u00e4ufig ein vermeintlicher Opferstatus der Muslime herausgestellt und behauptet, Muslime w\u00fcrden vom deutschen Staat aufgrund ihrer Religion pauschal diskriminiert. Die Bedienung eines solchen simplen Freund-Feind-Schemas kann eine gegen Nichtmuslime gerichtete Grundstimmung erzeugen. Diese kann wiederum dazu geeignet sein, individuelle Radikalisierungsverl\u00e4ufe in Gang zu setzen oder zu verst\u00e4rken. Als besonders relevant haben sich dar\u00fcber hinaus im Internet verbreitete Beitr\u00e4ge salafistischer Prediger erwiesen. Vor allem junge Profilinhaber, die dem Salafismus anh\u00e4ngen, konsumierten und verbreiteten vermehrt Inhalte insbesondere saudi-arabischer Prediger. In der Regel handelt es sich um Versatzst\u00fccke von Predigten, die h\u00e4ufig segregationsf\u00f6rdernd sind und ein geschlossenes, salafistisch-wahhabitisches Weltbild des Profilnutzers offenbaren. Besonders h\u00e4ufig vertreten sind die Kleriker Badr Bin Nader Al-Meshari, Khalid bin Muhammad bin Hamad Al-Rashed und Muhammad bin Ibrahim Al-Luhaidan. Einziger deutscher Vertreter ist oftmals der im Zusammenhang mit dem 2013 verbotenen salafistischen Netzwerk \"DawaFFM\" bekannt gewordene Abdellatif Rouali.91 Neben den genannten saudi-arabischen Klerikern waren im Berichtszeitraum auch vermehrt Inhalte des arabisch-amerikanischen Salafisten Ahmed Musa Jibril feststellbar. Ahmed Musa Jibril ist stets bem\u00fcht, dem Jihad einen moralischen, politischen und theologischen Unterbau zu verleihen. Die Predigten werden in englischer Sprache aufgezeichnet und durchaus reichweiDer salafistische Prediger Ahmed Musa Jibril in einer seiner Videobotschaften tenstark verbreitet. In ihnen bedient sich Ahmed Musa Jibril der wesentlichen ideologischen Bausteine des Salafismus : Opfernarrativ und Schwarz-Wei\u00df-Denken ebenso wie der permanente Kampf gegen die \"Ungl\u00e4ubigen\" (arabisch: kuffar) - sofern erforderlich auch bis zum eigenen Tod -, einhergehend mit der Fokussierung auf das Versprechen der Fahrt ins Paradies, welches im Jenseits auf den \"rechtgeleiteten\" Muslim warte. Nachweislich wurde einer der Terroristen des Terroranschlags in London am 3. Juni 2017 mit acht Toten und 48 Verletzten durch die Rezeption von Ahmed Musa Jibrils Botschaften radikalisiert. Die zum Teil unterschwelligen, mitunter aber auch offen bis an die Strafbarkeitsgrenze eingestreuten jihadistischen Inhalte stehen den Grunds\u00e4tzen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sowie den Gedanken der Aufkl\u00e4rung diametral entgegen. Sie sind ein Beleg f\u00fcr den erheblichen Radikalisierungsgrad der beobachteten Profilinhaber. 91 Zu DawaFFM siehe z.B. Verfassungsschutzbericht Hessen, S. 183. 126","Islamismus Ein von Salafisten seit langem genutztes Mittel der Einflussnahme sind Kampagnen salafistischer Missionierung (arabisch: Da'wa). Im Berichtszeitraum traten Akteure aus mehreren Bundesl\u00e4ndern, darunter auch Sachsen-Anhalt, mit einer neuen Kampagne in Erscheinung: einem Flyerprojekt mit dem Titel \"Was danach?\". Dieses Da'wa-Projekt verfolgt das Ziel, jeden Menschen in Deutschland zum Islam \"einzuladen\". Es richtet sich prim\u00e4r an Nicht-Muslime, um diese zum Islam zu f\u00fchren. Zudem sollen Muslime in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz in ihrem Glauben gest\u00e4rkt werden und den Weg zum \"wahren\" Islam finden. Um den \"wahren\" Islam in m\u00f6glichst viele deutsche Haushalte zu transportieren, sollten 20 Millionen Brosch\u00fcren und Flyer verteilt werden; zudem wurden Beitr\u00e4ge auf der Website der Kampagne und in sozialen Medien publiziert. Schwerpunktm\u00e4\u00dfig sollen die Brosch\u00fcren und Flyer in Briefk\u00e4sten geworfen, in der \u00d6ffentlichkeit ausgelegt und an Schulen verteilt werden. Sie beinhalten allgemeine und f\u00fcr die Missionierungsarbeit \u00fcbliche Themen, wie z. B. Antworten auf die Frage, ob der Koran von Gott komme, wie man die Wahrheit erkenne und warum man sich mit solchen Fragen besch\u00e4ftigen sollte. \u00dcber einen Instagram-Account wurden Verteilaktionen im Bundesgebiet und Bestelloptionen ver\u00f6ffentlicht. Das bundesweit angelegte Da'wa-Projekt ist ohne Zweifel dem salafistischen Spektrum zuzuordnen. So konnten auf der Website Beitr\u00e4ge festgestellt werden, die die Todesstrafe als angemessene Form der Bestrafung propagieren. Zudem wurde ein Instagram-Beitrag mit einem jihadistischen Nashid gepostet, das den M\u00e4rtyrertod glorifiziert und die Bek\u00e4mpfung der Feinde des Islam mit Waffengewalt sowie das \"Schlachten\" von Verr\u00e4tern thematisiert. Die vermittelten Inhalte des Da'wa-Projekts bedienen salafistische Themenkomplexe und weisen auch jihadistische Inhalte auf. Eine wesentliche Rolle in der Kampagne spielte die inzwischen mit einem Vereinsverbot belegte \"Deutschsprachige Muslimische Gemeinschaft e. V.\" (DMG) in Braunschweig (Niedersachsen), die als Herausgeberin der Publikationen auftrat und im Impressum der Kampagnen-Website aufgef\u00fchrt wurde. 127","Islamismus Islamistischer Terrorismus und jihadsalafistische Organisationen Das von den deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden identifizierte islamistisch-terroristische Personenpotenzial (itP) belief sich 2024 auf rund 1.660 Personen (2023: 1.700). In Sachsen-Anhalt lag dieses Personenpotenzial, wie schon im Jahr zuvor, im mittleren zweistelligen Bereich. \u00dcber das itP werden gewaltbereite Extremisten im Bereich Islamismus/islamistischer Terrorismus, also (Einzel-)Personen, zu denen Hinweise auf eine pers\u00f6nliche Gewaltbereitschaft vorliegen, unabh\u00e4ngig von ihrer Organisationszugeh\u00f6rigkeit erfasst. Hierunter befinden sich zahlreiche Jihadisten bzw. Mitglieder und Unterst\u00fctzer von islamistisch-terroristischen Vereinigungen, die aus ihren jeweiligen Herkunftsl\u00e4ndern (insbesondere Syrien) nach Deutschland geflohen sind. Jihadistische Terrororganisationen wie der \"Islamische Staat\" (IS), dessen Ableger \"Islamischer Staat Provinz Khorasan\" 92 (ISPK) oder \"al-Qaida\" zuzurechnende Organisationen sehen in ihrem Kampf f\u00fcr die Errichtung eines \"Gottesstaates\" mit terroristischer Gewalt ein Mittel gegen \"Ungl\u00e4ubige\" und gegen von ihnen als korrupt betrachtete Regime in der islamischen Welt. Ihre terroristische Agenda ist teilweise global und bedroht folglich die gesamte internationale Staatengemeinschaft. Logo des IS Der IS war auch 2024 die bekannteste der jihadsalafistischen Organisationen, die in der Vergangenheit auch Jugendliche aus Sachsen-Anhalt angezogen hatte. Neben den 2024 in Deutschland ver\u00fcbten Anschl\u00e4gen, die die Terrororganisation zum Teil f\u00fcr sich reklamiert hat,93 war der IS auch bem\u00fcht, eine st\u00e4ndige Drohkulisse aufrecht zu erhalten. So ver\u00f6ffentlichte zum Beispiel eine IS-nahe Plattform am 29. M\u00e4rz 2024 ein Bild, welches die M\u00fcnchner Allianz-Arena am Tag eines Bundesliga-Fu\u00dfballspiels als m\u00f6gliches Anschlagsziel definierte. Ein bedeutsamer Teil der Radikalisierungsund Rekrutierungsprozesse im jihadsalafistischen Bereich erfolgt im digitalen Raum und zielt dabei grunds\u00e4tzlich auf eher junge Personen ab. Neben jungen Heranwachsenden befinden sich zum Teil auch minderj\u00e4hrige Personen darunter. Bei diesem Personenkreis handelt es sich in der Regel um ein ideologisch noch nicht gefestigtes und somit relativ leicht zu beeinflussendes und emotionalisierbares Klientel. Durch geschickte strategische Anpassungen an die Mediennutzung junger Menschen kann jihadistische Propaganda in relativ kurzer Zeit zu sehr schnellen Radikalisierungsverl\u00e4ufen f\u00fchren, einschlie\u00dflich der Bereitschaft, islamistisch motivierte Gewalttaten im Sinne von SS 89a StGB zu begehen. Besonders h\u00e4ufig sind diese Online-Rekrutierungen dem IS zuzuordnen, aber auch andere salafistisch-jihadistische Gruppierungen (wie z. B. al-Qaida) kommen hierbei in Betracht. Nach einer ersten Anbahnung in den sozialen Medien nehmen Salafisten vorzugsweise \u00fcber Messengerdienste bzw. in deren geschlossenen Chatgruppen Kontakt zu radikalisierten Personen auf. Neben islamistischer Propaganda werden hier u. a. auch Anleitungen f\u00fcr Anschl\u00e4ge geteilt sowie Kontakte zu Mitgliedern von terroristischen 92 Khorasan ist eine historische Region in Zentralasien im Gebiet der heutigen Staaten Afghanistan, Iran, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. 93 So reklamierte der IS den Solinger Messeranschlag vom 23. August 2024 f\u00fcr sich. 128","Islamismus Gruppierungen und Operateuren hergestellt, die in die Strukturen jihadistisch-terroristischer Vereinigungen eingebunden sind. \u00dcber Recherchen in sozialen Medien wurde dem Verfassungsschutzverbund Anfang 2022 ein jihadistisches Instagram-Profil bekannt. Weitere umfangreiche Ermittlungen ergaben, dass es sich bei dem Nutzer dieses Profils um einen damals 15-j\u00e4hrigen Kosovo-Albaner aus Halle (Saale) handelte. Dieser radikalisierte sich in den Folgejahren weiter und geh\u00f6rte zu einer Gruppe junger Jihadisten, die zeitweilig in der Telegram-Chatgruppe \"Wilayah Almania\"94 aktiv war. In dieser Chatgruppe wurden u. a. Propagandamaterial des IS, Anleitungen zur Herstellung von Sprengstoffvorrichtungen, Anschlagsplanungen sowie grausame Hinrichtungsvideos verbreitet. Zwei weitere Mitglieder dieser Telegram-Gruppe wurden Anfang September 2022 verhaftet, da sie jeweils einen Anschlag planten. Hier sollte auf Empfehlung eines (sich mutma\u00dflich in Afghanistan aufhaltenden) IS-Mitglieds ein Angriff auf Polizeibeamte erfolgen. Das Hanseatische OLG hat mit Urteil vom 9. Oktober 2023 die beiden Personen zu einer Haftstrafe verurteilt. Aufgrund der anhaltenden Kontakte des in Halle (Saale) wohnenden Kosovo-Albaners zu den beiden Verurteilten und einer sich weiter abzeichnenden Radikalisierung erfolgte eine Erkenntnismitteilung des Verfassungsschutzes Sachsen-Anhalt an die zust\u00e4ndige Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde, die im Berichtsjahr zu einer Ausweisung des Betroffenen f\u00fchrte. Seiner Ausreiseverpflichtung kam der Betroffene im Januar 2025 nach. Gegen zwei mutma\u00dfliche IS-Anh\u00e4nger aus Sachsen-Anhalt wurden wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland gem\u00e4\u00df SSSS 129a, 129b StGB im Vorjahr eingeleitete Ermittlungsverfahren weitergef\u00fchrt. Am 25. Juni 2024 hat die Bundesanwaltschaft aufgrund eines Haftbefehls des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 12. Juni 2024 einen in Stendal amtlich gemeldeten, zumeist aber in Magdeburg sich aufhaltenden irakischen Staatsangeh\u00f6rigen in G\u00fctersloh von Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) festnehmen lassen. Der Beschuldigte ist der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland (SS 129a Abs. 1 Nr. 1 StGB, SS 129b Abs. 1 S\u00e4tze 1 und 2 StGB) dringend verd\u00e4chtig. In dem Haftbefehl wird ihm im Wesentlichen zur Last gelegt, sich zwischen 2014 und 2017 im Irak als K\u00e4mpfer f\u00fcr den IS bet\u00e4tigt zu haben. Er war verschiedenen Kampfeinheiten zugewiesen und wurde hierf\u00fcr vom IS bezahlt.95 Die Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt vom 20. Dezember 2024 wurde im gesamten Spektrum islamistischer Gruppen intensiv diskutiert. Da bereits kurz nach dem Anschlag \u00f6ffentlich bekannt geworden war, dass es sich bei dem Tatverd\u00e4chtigen um einen Apostaten handelt, haben terroristische Organisationen wie z. B. der IS nicht, wie sonst \u00fcblich, versucht, die Urheberschaft f\u00fcr den Anschlag f\u00fcr sich zu beanspruchen. Nichtsdestotrotz wurde das Ereignis in diesen Gruppen grunds\u00e4tzlich positiv bewertet. In Magdeburg kam es am Ort der Amokfahrt zu Freudenbekundungen einzelner mutma\u00dflicher Sympathisanten der 94 \u00dcbersetzt: Region/Gebiet Deutschland. 95 Am 2. Januar 2025 erhob die Bundesanwaltschaft vor dem Staatsschutzsenat des OLG D\u00fcsseldorf eine entsprechende Anklage gegen den Betroffenen. 129","Islamismus islamistischen Szene. In diesem Zusammenhang wurden gegen vier Syrer und eine aus Afghanistan stammende Person Ermittlungsverfahren wegen der Billigung von Straftaten gem\u00e4\u00df SS 140 StGB eingeleitet. Die Verfahren wurden eingestellt. Islamisten innerhalb und au\u00dferhalb von Sachsen-Anhalt haben die hohe mediale Aufmerksamkeit f\u00fcr die Amokfahrt sowie dessen breite Rezeption in den sozialen Medien genutzt, indem sie die Tat f\u00fcr ihre eigenen ideologischen Zwecke instrumentalisierten. Das gezielte propagandistische Aufgreifen der Amokfahrt durch die islamistische Szene kann zur Folge haben, dass die grunds\u00e4tzliche Gef\u00e4hrdung der \u00f6ffentlichen Sicherheit durch irrational handelnde oder emotionalisierte Einzelt\u00e4ter bzw. alleinhandelnde T\u00e4ter und die damit verbundene M\u00f6glichkeit von nicht kalkulierbaren Handlungsweisen, insbesondere im Zusammenhang mit \u00f6ffentlichen Veranstaltungen, auf hohem Niveau weiter aufrechterhalten wird. Im Berichtsjahr waren vergleichbare Vorgehensweisen insbesondere nach den islamistisch motivierten Anschl\u00e4gen in Mannheim am 31. Mai 2024 und Solingen am 23. August 2024 festzustellen. So wurde beispielsweise der Anschlag in Mannheim in der achten Ausgabe 2024 des islamistischen Online-Magazins \"Inspire GUIDE\" auf mehreren Seiten als legitime Form des Widerstands gegen islamfeindliche Str\u00f6mungen in Deutschland dargestellt. Das Magazin glorifizierte den mutma\u00dflichen Attent\u00e4ter und rief zu \u00e4hnlichen Gewalttaten bzw. terroristischen Anschl\u00e4gen auf. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Deutschland steht unver\u00e4ndert im Fokus unterschiedlicher terroristischer Organisationen, allen voran des sogenannten IS. Hierbei kommt ein breites Spektrum potenzieller Ziele in Betracht, wobei sogenannte \"weiche\" und symbolhafte Ziele im Vordergrund stehen. J\u00fcdische Personen und Einrichtungen unterliegen einer besonderen Gef\u00e4hrdung. Somit ist die Gef\u00e4hrdungslage durch den IS in Deutschland und Europa auch 2025 abstrakt hoch. Das wahrscheinlichste Anschlagsszenario stellen weiterhin durch jihadistische Propaganda inspirierte Einzelt\u00e4ter oder Kleingruppen dar. In den letzten Jahren war haupts\u00e4chlich der Einsatz von leicht zu beschaffenden und einzusetzenden Tatmitteln (vor allem Hiebund Stichwaffen) zu beobachten. Grunds\u00e4tzlich ist aber die gesamte Bandbreite terroristischer Tatbegehungsweisen einzukalkulieren. Aus dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien im Dezember 2024 k\u00f6nnten sich auch f\u00fcr den IS neue Handlungsspielr\u00e4ume ergeben, was sich mittelbar auch auf die Sicherheitslage in Deutschland auswirken k\u00f6nnte. Eine herausragende Rolle f\u00fcr die Bedrohung durch den IS d\u00fcrften insbesondere die \u00fcberwiegend in den Kurdengebieten verorteten IS-Gefangenenlager mit potenziell zehntausenden IS-Anh\u00e4ngern spielen, von denen einige auch aus Deutschland kommen. Es besteht eine realistische Gefahr, dass bewaffnete Konflikte in Syrien zu unkontrollierten \"Befreiungen\" von Jihadisten aus den kurdischen Gef\u00e4ngnissen f\u00fchren. Ein besonderes Sicherheitsrisiko f\u00fcr Deutschland und damit auch f\u00fcr Sachsen-Anhalt stellen in diesem Zusammenhang m\u00f6gliche R\u00fcckkehrer aus kurdischer Haft dar, die w\u00e4hrend ihres jahrelangen Aufenthaltes in der Region weiter ideologisch indoktriniert und im Umgang mit Waffen und Sprengstoff geschult wurden oder Kampferfahrungen sammeln konnten. Zu 130","Islamismus dem entsprechenden Personenkreis z\u00e4hlt auch eine aus Sachsen-Anhalt stammende Person. Dar\u00fcber hinaus ist eine weitere Zunahme der Propagandaund Rekrutierungsaktivit\u00e4ten in den sozialen Medien sowie eine verst\u00e4rkte Kommunikation \u00fcber Messengerdienste bzw. in deren geschlossenen Chatgruppen zu erwarten, da der Salafismus auf nach Orientierung suchende Menschen eine hohe Anziehungskraft aus\u00fcbt. Auf l\u00e4ngere Sicht d\u00fcrfte sich diese Entwicklung auch in Sachsen-Anhalt quantitativ manifestieren. Dieser Einsch\u00e4tzung liegt zum einen die Zunahme der aus muslimisch gepr\u00e4gten Kulturkreisen stammenden Einwohner von Sachsen-Anhalt zugrunde, von denen ein gewisser Prozentsatz eine N\u00e4he zum Salafismus aufweist. Zum anderen ist die bereits seit Jahren zu beobachtende Anziehungskraft charismatischer salafistischer Prediger der Rekrutierung von salafistischem Nachwuchs f\u00f6rderlich. Dies betrifft auch nach Orientierung suchende Jugendliche sowohl mit als auch ohne Migrationshintergrund. 131","Islamismus \"GEMEINSCHAFT DER VERK\u00dcNDIGUNG DER MISSION\" (URDU: \"TABLIGHI JAMA'AT\", TJ) Gr\u00fcndung 1926 in Britisch-Indien Verbreitung Drei religi\u00f6se Zentren in Pakistan, Indien und Bangladesch; in Deutschland keine offizielle Niederlassung Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land mittlere zweistellige Zahl mittlere zweistellige Zahl Bund 550 550 Struktur / In Deutschland koordinieren zentrale Akteure \u00fcber informelle KonAufbau takte in einem hierarchisch aufgebauten Netzwerk die Arbeit der TJ Ver\u00f6ffentlichungen - Finanzierung Spenden Kurzportrait / Ziele Die TJ ist eine transnationale Massenbewegung mit etwa 12 Millionen Anh\u00e4ngern weltweit. Sie orientiert sich eng an dem Islamverst\u00e4ndnis der islamischen Fr\u00fchzeit. Im Jahr 2017 kam es auf der F\u00fchrungsebene der TJ zu einem offenen Streit um die Einf\u00fchrung von Reformen. Die darauf einsetzenden Spaltungstendenzen zwischen Gegnern und Bef\u00fcrwortern f\u00fchrte zu schweren Konflikten innerhalb der internationalen TJ-Zentren. Der Schwerpunkt der Aktivit\u00e4ten der TJ in Deutschland liegt weiterhin auf der Gewinnung neuer Anh\u00e4nger sowie der Missionierung und ideologischen Schulung der Mitglieder. Grund der Beobachtung Die TJ propagiert eine w\u00f6rtliche Auslegung des Korans und der Sunna, eine rigorose Abgrenzung gegen\u00fcber Nichtmuslimen und eine Ausgrenzung von Frauen von der politischen und gesellschaftlichen Teilhabe. Die Ablehnung der weltlichen Prinzipien und die Abgrenzung gegen\u00fcber Nichtmuslimen beg\u00fcnstigen die Bildung von Parallelgesellschaften und f\u00f6rdern individuelle Radikalisierungsprozesse. Das Erreichen eines auf den in der Scharia enthaltenen Rechtsvorschriften basierenden Lebens ist das erkl\u00e4rte Ziel der TJ. Damit gehen von der TJ Bestrebungen aus, die sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. 132","Islamismus Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Ausgangspunkt der Aktivit\u00e4ten der TJ in Sachsen-Anhalt sind verschiedene Moscheen im Bundesland. Im Berichtsjahr sprachen Anh\u00e4nger der TJ im Rahmen der Kontaktaufnahme erneut Einladungen zu Gebeten, Moscheebesuchen oder anderen Veranstaltungen aus. Zielgruppen waren einerseits Muslime mit vermeintlich unzureichender Beachtung der Glaubensriten und anderseits Nichtmuslime. Die Anh\u00e4nger der TJ aus Sachsen-Anhalt sind an das globale Netzwerk der TJ angeschlossen. Sie beteiligen sich an Missionierungsreisen im Inund Ausland. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Im Berichtsjahr blieb die Anh\u00e4ngerzahl der TJ in Sachsen-Anhalt weitestgehend unver\u00e4ndert. Die TJ ist aber weiterhin bestrebt, mit der Ausweitung ihrer Missionierungst\u00e4tigkeit neue Anh\u00e4nger zu werben. 133","Islamismus MUSLIMBRUDERSCHAFT (MB) / \"DEUTSCHE MUSLIMISCHE GEMEINSCHAFT E. V.\" (DMG), EHEMALS \"ISLAMISCHE GEMEINSCHAFT IN DEUTSCHLAND E. V.\" (IGD) / HAMAS Gr\u00fcndung MB: 1928 in \u00c4gypten DMG (IGD): 1958 HAMAS: 1987 Verbreitung Hauptsitz der DMG in K\u00f6ln (Nordrhein-Westfalen) In Sachsen-Anhalt landesweit Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land niedrige zweistellige Zahl niedrige zweistellige Zahl Bund 1.450 1.450 Struktur / Die im Jahr 2018 in DMG umbenannte IGD geh\u00f6rte zu den Gr\u00fcnAufbau dungsmitgliedern der \"F\u00f6deration islamischer Organisationen in Europa\" (FIOE), die als Sammelbecken f\u00fcr Organisationen der MB in Europa gilt Ver\u00f6ffentlichungen Web-Angebote, soziale Netzwerke Finanzierung Spenden Kurzportrait Die MB gilt als \u00e4lteste und einflussreichste organisierte sunnitische islamistische Bewegung. Zahlreiche islamistische Organisationen, zum Beispiel die DMG in Deutschland und die terroristische pal\u00e4stinensische HAMAS, sind aus der MB hervorgegangen. Programmatischer Kernpunkt der MB ist die Einheit von Religion und Staat. Ihr Ziel ist die schrittweise Durchsetzung islamischer Rechtsvorschriften (Scharia). Gewaltanwendung wird dabei nicht ausgeschlossen, doch nicht vorrangig angestrebt. In mehreren islamischen L\u00e4ndern ist die MB verboten worden. Die MB lehnt demokratische Staatssysteme ab, agiert aber pragmatisch. Ihre meist gebildeten und eloquenten Vertreter engagieren sich h\u00e4ufig gesellschaftlich, um Einfluss zu gewinnen. Vertreter der MB stellen nach au\u00dfen hin demokratische Prinzipien nicht in Frage und erwecken h\u00e4ufig den Anschein, eine vergleichsweise \"moderate\" Islamauslegung zu vertreten. Die DMG ist die wichtigste und zentrale Organisation von Anh\u00e4ngern der MB in Deutschland. Ihr Ziel ist es, sich als anerkannter Ansprechpartner zum Thema Islam zu etablieren. Zu diesem Zweck werden offene Bekenntnisse zur MB m\u00f6glichst vermieden. Als Reaktion auf den Ausbruch der ersten \"Intifada\" (\"Aufstand\") der Pal\u00e4stinenser im Dezember 1987 schlossen sich die pal\u00e4stinensischen Anh\u00e4nger der urspr\u00fcnglich \u00e4gyptischen MB zur HAMAS zusammen. In ihrer Charta von 1988 bekennt sich die Organisation zu dem Ziel, auf dem gesamten Gebiet \"Pal\u00e4stinas\" einen islamischen Staat zu errichten - auch durch F\u00fchrung eines bewaffneten Kampfes. Unter \"Pal\u00e4stina\" versteht die HAMAS dabei das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan, welches somit auch das Territorium des Staates Israel umfasst. 134","Islamismus Grund der Beobachtung Aus Sicht der MB sollten die von Gott vorgeschriebenen Regeln \u00fcber allem stehen. Die Ideologie der MB steht damit im Widerspruch zu den im Grundgesetz verankerten Grunds\u00e4tzen der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, der Religionsaus\u00fcbung sowie der allgemeinen Gleichberechtigung. Bez\u00fcglich der HAMAS ist festzustellen, dass sie bereits vor dem Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 f\u00fcr zahlreiche Selbstmordattentate und Raketenangriffe auf israelisches Territorium verantwortlich war. Ihre Aktivit\u00e4ten richten sich somit gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung und sind geeignet, sowohl deutsche Interessen im Ausland als auch israelische und j\u00fcdische Interessen im Inland zu gef\u00e4hrden. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Vereinzelt traten in Moscheen Prediger auf, die ideologische Standpunkte der MB propagierten. Die Erw\u00e4hnung einschl\u00e4giger Aktivit\u00e4ten im Land in den Verfassungsschutzberichten des Landes Sachsen-Anhalt seit 2017 f\u00fchrte offensichtlich zur Zur\u00fcckhaltung bei den \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen von Anh\u00e4ngern der MB. Ein dominierender Einfluss von MB-Anh\u00e4ngern auf den Vorstand eines Moscheevereins war bis 2020 wahrnehmbar. Bewertung, Tendenzen, Ausblick In Sachsen-Anhalt gibt es nach wie vor Personen, die der Ideologie der MB folgen. Die in Sachsen-Anhalt aktiven MB-Anh\u00e4nger sind gr\u00f6\u00dftenteils Pers\u00f6nlichkeiten, die f\u00fchrende Funktionen in ihren jeweiligen Gemeinden innehaben. Ihr Ziel ist letztlich die Abschaffung der Demokratie und die Gr\u00fcndung eines auf religi\u00f6sen Regeln basierenden Gottesstaates. Sie sind bestrebt, das Gedankengut der MB weiter zu verbreiten, und bem\u00fcht, sich dabei als gem\u00e4\u00dfigte Muslime darzustellen. Es besteht unver\u00e4ndert die Gefahr, dass die Selbstinszenierung der MB-Anh\u00e4nger als vertrauensw\u00fcrdige zivilgesellschaftliche Akteure bei Verantwortungstr\u00e4gern in Kommunen, Land, Kirchen und Zivilgesellschaft verf\u00e4ngt und zu Fehleinsch\u00e4tzungen f\u00fchren kann. Mitarbeiter von Beh\u00f6rden, Kirchen und zivilgesellschaftlichen Organisationen sind daher gehalten, kritisch darauf zu achten, wem sie eine Plattform als Gespr\u00e4chspartner bieten. Als besonders problematisch erweist sich dabei die Tatsache, dass die MB gezielt akademisch ausgebildete Personen akquiriert, die \u00fcber einen entsprechenden Intellekt und oftmals auch \u00fcber \u00fcberdurchschnittliche rhetorische F\u00e4higkeiten verf\u00fcgen. Diese F\u00e4higkeiten und die Tatsache, dass die MB in Deutschland gewaltlos agiert, l\u00e4sst MB-Anh\u00e4nger in den Augen von Politikern, der \u00f6ffentlichen Verwaltung und von anderen gesellschaftlichen Akteuren (wie z. B. Kirchen) oftmals als seri\u00f6se, vertrauensw\u00fcrdige Gespr\u00e4chspartner erscheinen, insbesondere dann, wenn die Bez\u00fcge der agierenden Personen zur MB nicht bekannt sind. 135","AUSLANDSBEZOGENER EXTREMISMUS","Auslandsbezogener Extremismus EINLEITUNG Auslandsbezogener Extremismus ist ein Sammelbegriff f\u00fcr sicherheitsgef\u00e4hrdende und extremistische Bestrebungen von ausl\u00e4ndischen Organisationen und von ihren von Deutschland aus agierenden Strukturen, die nicht religi\u00f6s motiviert sind. Im Bereich des auslandsbezogenen Extremismus finden sich Ideologieelemente sowohl aus dem Rechtsund Linksextremismus als auch aus dem Separatismus. Die Aktivit\u00e4ten extremistischer Organisationen mit Auslandsbezug in Deutschland werden stark von der Situation in den jeweiligen Herkunftsl\u00e4ndern bestimmt. Ihr Ziel ist zumeist die radikale Ver\u00e4nderung der politischen Verh\u00e4ltnisse in diesen L\u00e4ndern, was in vielen F\u00e4llen auch mittels Gewalt erreicht werden soll. Deutschland gilt den meisten Organisationen im Bereich des auslandsbezogenen Extremismus als R\u00fcckzugsraum. Der Verfassungsschutz beobachtet diese Organisationen, wenn sie durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden (SS 4 Abs. 1 Nr. 4 VerfSchG-LSA) oder ihre Aktivit\u00e4ten gegen das Prinzip der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung gerichtet sind (SS 4 Abs. 1 Nr. 5 VerfSchG-LSA). In Sachsen-Anhalt tritt vorrangig die \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) mit nennenswerten Strukturen in Erscheinung. Die Aktivit\u00e4ten ihrer Anh\u00e4nger beschr\u00e4nken sich im Allgemeinen auf das Sammeln von Spendengeldern sowie die Organisation und Durchf\u00fchrung von anlassbezogenen Kundgebungen, Demonstrationen und anderen Aktionen. Regelm\u00e4\u00dfig nehmen PKK-Anh\u00e4nger aus Sachsen-Anhalt an allj\u00e4hrlichen zentralen Gro\u00dfveranstaltungen wie dem \"Newroz-Fest\" oder dem \"Internationalen Kurdistanfestival\" teil. Diese Ereignisse werden von der PKK zur Propagierung ihrer politischen Forderungen (Anerkennung der kurdischen Identit\u00e4t und Autonomie, Aufhebung des PKK-Verbots) genutzt. Daneben waren im Jahr 2024 in Sachsen-Anhalt mit den Gruppierungen \"Young Struggle\" (YS) und \"ZORA\" in Dessau-Ro\u00dflau sowie einer eigenst\u00e4ndigen \"ZORA\"-Ortsgruppe in Magdeburg die Jugendund Umfeldorganisationen der t\u00fcrkischen \"Marxistischen Leninistischen Kommunistischen Partei\" (MLKP) aktiv. Diese sind aufgrund ihrer dogmatischen Ausrichtung eng mit den antiimperialistischen Gruppen der linksextremistischen Szene Sachsen-Anhalts verbunden. So beteiligten sich YSund ZORA-Anh\u00e4nger im Berichtsjahr wiederholt an Demonstrationen in den linksextremistischen Aktionsfeldern \"Antifaschismus\" und \"Internationalismus\" mit den Schwerpunkten \"Pal\u00e4stina\"und \"Kurdistansolidarit\u00e4t\" in Magdeburg, Halle (Saale) und Dessau-Ro\u00dflau; zum Teil organisierten sie diese Versammlungen sogar. Trotz fehlender MLKP-Strukturen in Sachsen-Anhalt und einer \u00fcberschaubaren Anh\u00e4ngerschaft der Ortsgruppen von YS bzw. \"ZORA\" in Dessau-Ro\u00dflau und Magdeburg haben sich diese im Berichtsjahr ideologisch und organisatorisch weiter gefestigt und konnten durch strategische Kooperationen mit anderen dogmatischen Gruppen das Versammlungsgeschehen in beiden St\u00e4dten pr\u00e4gen. 137","Auslandsbezogener Extremismus \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (kurdisch: Partiya Karkeren Kurdistan, PKK) Weitere ehemalige \"Volkskongress Kurdistans\" (kurdisch: Kongra Gele Kurdistan, und bestehende KONGRA GEL) Bezeichnungen \"Freiheitsund Demokratiekongress\" (kurdisch: Kongreya Azadi u Demokrasiya Kurdistane, KADEK) \"Gemeinschaften der Kommunen Kurdistans\" (kurdisch: Koma Komalen Kurdistane, KKK) \"Vereinigte Gemeinschaften Kurdistans\" (kurdisch: Koma Civaken Kurdistan, KCK) Gr\u00fcndung 27. November 1978 in der T\u00fcrkei Verbreitung Sitz der Parteif\u00fchrung in den Kandil-Bergen/Nord-Irak; Verbreitung in Kurdistan (Teile der T\u00fcrkei, Syriens, Iraks und Irans) sowie Europa, dort vertreten durch den \"Kongress der kurdischen demokratischen Gesellschaft Kurdistans in Europa\" (kurdisch: Kongreya Civaken Demokratik a Kurdistaniyen li Ewropa, (KCDK-E)). Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land etwa 250 etwa 250 Bund etwa 15.000 etwa 15.000 Struktur / Das h\u00f6chste Entscheidungsorgan der PKK sind die \"Vereinigten Aufbau Gemeinschaften Kurdistans\" (kurdisch: Koma Civaken Kurdistan, KCK) mit ihrem Pr\u00e4sidenten Abdullah \u00d6calan sowie den Co-Vorsitzenden Bese Hozat und Cemil Bayik. Deren Weisungen werden von regelm\u00e4\u00dfig wechselnden F\u00fchrungskadern an die Basis weitergegeben. Die PKK unterteilt das Bundesgebiet in neun Regionen (Eyalet), die wiederum in 30 verschiedene Gebiete (B\u00f6lge) aufgeteilt sind. Sachsen-Anhalt findet sich hierbei im Gebiet Sachsen bzw. in der \u00fcbergeordneten Region Berlin wieder. Zur Umsetzung ihrer Vorgaben bedient sich die PKK-F\u00fchrung in Europa und Deutschland der \u00f6rtlichen kurdischen Kulturvereine. Diese Vereine sind zu einem gro\u00dfen Teil in der Dachorganisation \"Konf\u00f6deration der Gemeinschaften Kurdistans in Deutschland e. V.\" (kurdisch: Konfederasyona Civaken Kurdistaniyen li Almanya, KON-MED) organisiert. Diesem Dachverband sind wiederum f\u00fcnf regional zust\u00e4ndige F\u00f6derationen untergeordnet. PKK-nahe Vereine auf dem Gebiet Sachsen-Anhalts werden von der \"Freien Kurdistan F\u00f6deration Ostdeutschland\" (kurdisch: Federasoyna Kurdistaniyen Azad li Rojhilate Almayna, FED-KURD) vertreten, so auch der Verein \"Mesopotamien Kulturhaus e.V.\" in Halle (Saale). Die kurdischen 138","Auslandsbezogener Extremismus Vereine dienen den PKK-Anh\u00e4ngern als Anlaufstelle und Treffpunkt. \u00dcberdies versucht die PKK mit Hilfe von Massenorganisationen, in denen sich PKK-Anh\u00e4nger entsprechend ihrer Berufsund Interessengruppen zusammenfinden, Kurden weiter an die Partei zu binden. Besonders hervorzuheben sind hierbei die Jugendorganisation \"Komalen Ciwan\"/\"Ciwanen Azad\" bzw. deren europ\u00e4ische Jugenddachorganisation \"Tevgera Ciwanen Soresger\" (TCS), die \"Kurdische Frauenbewegung in Europa\" (kurdisch: Tevgera Jinen Kurd li-Ewropaye, TJK-E) und die Studentenorganisation \"Verband der Studierenden aus Kurdistan\" (kurdisch: Yekitiya Xwendekaren Kurdistan, YXK). Die Mitglieder beziehungsweise Anh\u00e4nger dieser Organisationen bilden ein gro\u00dfes Mobilisierungspotenzial f\u00fcr die zahlreichen Veranstaltungen der PKK. Zudem rekrutiert die PKK insbesondere in den Jugendorganisationen ihren Nachwuchs f\u00fcr den bewaffneten Kampf in den kurdischen Siedlungsgebieten. Ver\u00f6ffentlichungen PKK-Nachrichtenagentur \"Ajansa Nuceyan a Firate\" (ANF), Publikationen: \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" (Y\u00d6P) \"Serxwerbun\" (Unabh\u00e4ngigkeit) u. a. Finanzierung Spenden (j\u00e4hrlich ca. 16 Mio. Euro), Einnahmen aus dem Verkauf von kurdischen Publikationen und Eintrittskarten f\u00fcr diverse Gro\u00dfveranstaltungen, Mitgliedsbeitr\u00e4ge von der PKK nahestehenden Vereinen. Kurzportr\u00e4t / Ziele Abdullah \u00d6calan gr\u00fcndete gemeinsam mit weiteren Protagonisten im Jahr 1978 die marxistisch ausgerichtete PKK, deren urspr\u00fcngliches Ziel die Schaffung eines unabh\u00e4ngigen kurdischen Staates auf den Gebieten S\u00fcdostanatolien, Nord-Irak sowie in Teilen des westlichen Iran und des n\u00f6rdlichen Syrien bestand. In dem Selbstverst\u00e4ndnis, alleiniger Interessenvertreter der kurdischst\u00e4mmigen Bev\u00f6lkerung zu sein, rief Abdullah \u00d6calan 1984 zur Durchsetzung dieses Ziels zum bewaffneten Kampf gegen den t\u00fcrkischen Staat auf. Hierf\u00fcr unterh\u00e4lt die PKK seither die \"Guerillaverb\u00e4nde der Volksverteidigungskr\u00e4fte\" (HPG). Es kam zu zahlreichen terroristischen Anschl\u00e4gen innerhalb und au\u00dferhalb der T\u00fcrkei, auch gegen t\u00fcrkische Einrichtungen in Deutschland. Die PKK sowie ihre Nachfolgeorganisationen unterliegen seit 1993 in Deutschland einem Bet\u00e4tigungsverbot. Seit 2002 ist die PKK dar\u00fcber hinaus von der Europ\u00e4ischen Union (EU) als terroristische Organisation gelistet, wobei der Beschluss zur Listung im Jahr 2019 neu gefasst bzw. begr\u00fcndet wurde. Eine im April 2022 von der PKK eingereichte Klage beim Europ\u00e4ischen Gerichtshof (EuGH) gegen die Auff\u00fchrung auf der EU-Terrorliste wurde am 14. Dezember 2022 vom EuGH abgewiesen. Mit der Verhaftung Abdullah \u00d6calans im Jahr 1999 r\u00fcckte die PKK zwar von ihren separatistischen Zielen ab; sie bem\u00fcht sich seither um eine autonome Selbstverwaltung der Kurden innerhalb der bestehenden L\u00e4ndergrenzen. Dennoch versucht sie weiterhin ihre Ziele auch 139","Auslandsbezogener Extremismus mit Hilfe von schweren Gewalttaten, einschlie\u00dflich der T\u00f6tung von Menschen, zu erreichen. So ver\u00fcbten zuletzt am 23. Oktober 2024 zwei PKK-Anh\u00e4nger auf dem Gel\u00e4nde eines t\u00fcrkischen Konzerns f\u00fcr Luftfahrttechnik in Ankara einen Selbstmordanschlag, bei dem f\u00fcnf Menschen ums Leben kamen und 22 verletzt wurden. W\u00e4hrend die PKK auf dem Gebiet der T\u00fcrkei nach wie vor terroristische Anschl\u00e4ge durchf\u00fchrt, bem\u00fcht sie sich in Europa um ein gewaltfreies Auftreten. Europa und insbesondere Deutschland stellen f\u00fcr die PKK eine unverzichtbare r\u00fcckw\u00e4rtige Basis dar, aus der die Organisation den Gro\u00dfteil ihrer personellen und finanziellen Ressourcen sch\u00f6pft. Zur Propagierung ihrer Ideologie nutzt die PKK auch ihre j\u00e4hrlich wiederkehrenden zentralen Gro\u00dfveranstaltungen, f\u00fcr die sie in der Vergangenheit teils tausende Anh\u00e4nger mobilisieren konnte. Das insgesamt in der Bundesrepublik Deutschland vorhandene Mobilisierungspotenzial kann dabei deutlich \u00fcber die genannte Anh\u00e4ngerzahl hinausgehen. Grund der Beobachtung Trotz ihres Kurswechsels Mitte der neunziger Jahre zu einem weitgehend friedlichen Verhalten in Deutschland stellt die PKK, insbesondere wegen ihrer fortw\u00e4hrenden Bereitschaft, zu gewaltorientierten Aktionen zur\u00fcckzukehren, nach wie vor eine Bedrohung der inneren Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland dar. Dar\u00fcber hinaus setzt die PKK ihre Ziele besonders in den kurdischen Siedlungsgebieten weiterhin mit Waffengewalt durch. Mit diesem Verhalten gef\u00e4hrdet sie die ausw\u00e4rtigen Belange der Bundesrepublik Deutschland im Sinne des SS 4 Abs. 1 Nr. 4 VerfSchG-LSA. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Wiederkehrendes Veranstaltungsgeschehen Am 11. Januar 2024 fand in Paris die allj\u00e4hrliche Gedenkdemonstration anl\u00e4sslich des Jahrestags des Attentats auf die PKK-Aktivistinnen Sakine Cansiz, Fidan Dogan und Leyla Saylemez statt.96 Diese Veranstaltung bildet jedes Jahr den Auftakt der etablierten PKK-Gro\u00dfveranstaltungen. Die Teilnehmerzahl d\u00fcrfte sich entgegen den Aussagen der Veranstalter (30.000) tats\u00e4chlich im mittleren vierstelligen Bereich bewegt haben. Zu der Demonstration waren zahlreiche Busse aus Deutschland angereist. Neben der Veranstaltung in Paris kam es auch 96 Die drei Frauen wurden am 9. Januar 2013 in Paris erschossen. Leyla Saylemez stammte aus Halle (Saale) und war zuletzt als Funktion\u00e4rin in der PKK-Jugend bekannt. 140","Auslandsbezogener Extremismus in deutschen St\u00e4dten zu Gedenkveranstaltungen (u. a. in Berlin, Frankfurt am Main, Dresden). In Halle (Saale) wurde in diesem Kontext am 9. Januar 2024 eine Kundgebung unter dem Motto \"Jahrestag der Ermordung von Sakine Cansiz, Fidan Dogan und Leyla Saylemez\" durchgef\u00fchrt, an der etwa 45 Personen teilnahmen. Der Teilnehmerkreis bestand neben PKK-Anh\u00e4ngern zu einem gro\u00dfen Teil aus Anh\u00e4ngern der linksextremistischen Szene. Am 17. Februar 2024 wurde in K\u00f6ln (Nordrhein-Westfalen) die ebenfalls j\u00e4hrlich stattfindende Demonstration anl\u00e4sslich des Jahrestags der Festnahme Abdullah \u00d6calans am 15. Februar 1994 durchgef\u00fchrt. An der Veranstaltung nahmen etwa 14.500 Personen teil. Eine Anreise mit eigens organisierten Bussen war auch aus Sachsen-Anhalt vorgesehen. Eine solche gemeinsame Anreise war auch f\u00fcr das am 23. M\u00e4rz 2024 in Frankfurt am Main (Hessen) organisierte \"Newroz\"-Fest angek\u00fcndigt. An der Veranstaltung unter dem Motto \"Newroz bedeutet Freiheit, deine Freiheit bedeutet unsere Freiheit\" nahmen insgesamt etwa 35.000 Personen teil. Bereits am 17. M\u00e4rz 2024 veranstaltete die kurdische Gemeinde in Halle (Saale) eine \"Newroz\"-Feier mit etwa 470 Teilnehmenden. F\u00fcr eine Teilnahme am \"Internationalen Kurdistanfestival\" am 21. September 2024 in Frankfurt am Main konnten 20.000 Personen mobilisiert werden. Geplante Busabfahrtszeiten f\u00fcr Teilnehmer aus Sachsen-Anhalt konnten den PKK-nahen kurdischen Medien entnommen werden. Der KCDK-E organisierte am 16. November 2024 in K\u00f6ln eine Gro\u00dfdemonstration unter dem Motto \"Free \u00d6calan\". Von zun\u00e4chst 15.000 erwarteten Teilnehmern nahmen letztlich etwa 7.500 Personen teil. Unter diesen befanden sich auch Angeh\u00f6rige der linksextremistischen Szene Sachsen-Anhalts. Kurdistansolidarit\u00e4t Der Sturz Bashar Al Assads97 in Syrien durch die Hai'at Tahrir asch-Scham (HTS)98 wirkte sich auch auf die kurdischen Selbstverwaltungsgebiete (\"Rojava\") in Nordsyrien und - mit Blick auf die hier lebende, gro\u00dfe syrische Diaspora - ebenso auf die Sicherheitslage in Deutschland aus. Bislang ist nicht absehbar, inwieweit eine neue syrische Regierung die Interessen der Kurden in Syrien ber\u00fccksichtigen wird. Aufgrund dieser unklaren Situation f\u00fcr die syrisch-kurdischen Siedlungsgebiete f\u00fchrte die PKK im Dezember 2024 zahlreiche Kundgebungen im Bundesgebiet durch, um auch hier auf die unsichere Situation in Syrien aufmerksam zu machen. Dabei traten in Sachsen-Anhalt insbesondere linksextremistische Gruppen mit versammlungsrechtlichen Aktionen in Erscheinung, darunter mit einer Demonstration am 14. Dezember 2024 anl\u00e4sslich des bundesweiten Aktionstags der Initiative \"RiseUpForRojava\". Im Zusammenhang mit diesem Aktionstag wurden auch das t\u00fcrkische Generalkonsulat in Frankfurt am Main und am 16. Dezember 2024 das Brandenburger Tor besetzt. Unter dem Schlagwort der \"Kurdistansolidarit\u00e4t\" waren bereits am 22. Februar 2024 etwa 30 Personen u. a. aus Sachsen-Anhalt in das \"AGORA-Geb\u00e4ude\" des Europarats in Stra\u00dfburg 97 Pr\u00e4sident in Syrien von 2000 bis Dezember 2024. 98 Ehemaliges B\u00fcndnis von Milizen in Syrien; Nachfolger der als islamistische Terrororganisation eingestuften \"Jabhat al-Nusra\". 141","Auslandsbezogener Extremismus (Frankreich) eingedrungen und hatten an dessen Fassade Banderolen mit dem Bildnis Abdullah \u00d6calans entrollt. Bei der R\u00e4umung des Geb\u00e4udes durch die Polizei kam es zu Widerstandshandlungen. Strafverfahren gegen PKK-Funktion\u00e4re Die Mitgliedschaft in der PKK ist gem\u00e4\u00df SSSS 129a, b StGB strafbar, weshalb insbesondere PKK-F\u00fchrungsfunktion\u00e4re in Deutschland regelm\u00e4\u00dfig angeklagt und verurteilt werden. Unter anderen verurteilte am 22. M\u00e4rz 2024 das OLG Frankfurt am Main einen PKK-Gebietsleiter wegen mitgliedschaftlicher Beteiligung an einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Vereinigung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren. Er soll seit 2019 als hauptamtlicher Kader der PKK t\u00e4tig gewesen sein und in dieser Zeit unter anderem das PKK-Gebiet Sachsen geleitet haben, zu dem auch der Bereich Sachsen-Anhalt geh\u00f6rt. Am 21. November 2024 wurden in Sachsen-Anhalt zwei PKK-F\u00fchrungspersonen aufgrund eines Haftbefehls des OLG Naumburg wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in bzw. Unterst\u00fctzung einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Vereinigung gem\u00e4\u00df SSSS 129 a, b StGB festgenommen. Dar\u00fcber hinaus wurden Durchsuchungen an mehreren Objekten durchgef\u00fchrt. Bewertung/Tendenzen/Ausblick Mit Blick auf die deutschlandweit bedeutsamen Gro\u00dfveranstaltungen konnte die PKK erneut zahlreiche Anh\u00e4nger mobilisieren. Auch fanden bei politischen oder milit\u00e4rischen Ereignissen in den kurdischen Siedlungsgebieten bundesweit zahlreiche anlassbezogene Demonstrationen und Kundgebungen statt. Im Gegensatz dazu zeigten sich die PKK-Anh\u00e4nger in Sachsen-Anhalt mit \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktionen weiterhin zur\u00fcckhaltend. Versammlungen mit Bez\u00fcgen zur PKK wurden, wie bereits in der j\u00fcngeren Vergangenheit, zumeist von Anh\u00e4ngern der linksextremistischen Szene initiiert. Gleichwohl werden nach wie vor auch hier Spendengelder und Mitgliedsbeitr\u00e4ge von der PKK eingesammelt und PKK-Presseartikel verkauft. Ebenso verdeutlicht die Festnahme zweier PKK-F\u00fchrungspersonen im Berichtsjahr, dass die Organisation offenbar unvermindert Aktivit\u00e4ten in Sachsen-Anhalt entfaltet. Auch f\u00fcr eine Teilnahme an bundesweit zentralen PKK-Veranstaltungen lassen sich Anh\u00e4nger aus Sachsen-Anhalt motivieren. Die PKK wird sich weiterhin mit einem weitgehend gewaltfreien Auftreten in Deutschland darum bem\u00fchen, die \u00f6ffentliche Meinung \u00fcber ihre Organisation in ihrem Sinne zu beeinflussen. Auch wird sie auf politischer Ebene weiter daran arbeiten, ihre Einstufung als terroristische Vereinigung zu revidieren. Der Anschlag der PKK im Oktober 2024 in der T\u00fcrkei macht allerdings erneut ihr unver\u00e4ndert vorhandenes Gewaltpotenzial deutlich. Wenngleich die PKK-F\u00fchrung in Deutschland weiterhin zum Gewaltverzicht aufruft, wurden die Attent\u00e4ter von vielen PKK-Anh\u00e4ngern als Helden gefeiert, die angeblich aus Selbstverteidigungsgr\u00fcnden handeln mussten. In Anbetracht der anhaltenden K\u00e4mpfe im Nordirak wird die PKK ihre Rekrutierungsbem\u00fchungen voraussichtlich fortsetzen. Vor allem junge Anh\u00e4nger der in Sachsen-Anhalt im Bereich der \"Kurdistansolidarit\u00e4t\" aktiven Gruppen geh\u00f6ren zur Zielgruppe der Rekrutierer. 142","Auslandsbezogener Extremismus Sollte sich die Entwicklung in den selbstverwalteten kurdischen Gebieten in Nordsyrien gegen die Interessen der PKK richten, wird auch dort der Bedarf an neuen K\u00e4mpfern weiter auf einem hohen Niveau bleiben. Im Berichtszeitraum entfalteten die Anh\u00e4nger der PKK in Sachsen-Anhalt im Hinblick auf Veranstaltungen und Versammlungen nur geringe Aktivit\u00e4ten. Dennoch k\u00f6nnen bedeutende politische Entwicklungen in den kurdischen Siedlungsgebieten aufgrund einer hohen Emotionalisierung jederzeit eine gro\u00dfe Anzahl von Anh\u00e4ngern und Unterst\u00fctzern f\u00fcr \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktionen mobilisieren. Ende Februar 2025 hat Abdullah \u00d6calan aus der Haft heraus dazu aufgerufen, die PKK aufzul\u00f6sen und den bewaffneten Kampf zu beenden. Mit einer im Mai 2025 im Nordirak eigens daf\u00fcr einberufenen Konferenz kamen die Delegierten dieser Forderung nach und fassten den Beschluss, die PKK aufzul\u00f6sen und die K\u00e4mpfe einzustellen. Dieser Schritt sch\u00fcrte Hoffnungen auf eine L\u00f6sung des Kurdenkonflikts. Ob allerdings alle Anh\u00e4nger der PKK der Entscheidung folgen werden, bleibt fraglich, da \u00e4hnliche Friedensgespr\u00e4che bereits 2015 gescheitert waren. 143","Auslandsbezogener Extremismus \"Marxistische Leninistische Kommunistische Partei\" (t\u00fcrkisch: \"Marksist Leninist Kom\u00fcnist Parti\", MLKP) Gr\u00fcndung 1994 in der T\u00fcrkei Verbreitung T\u00fcrkei, Kurdistan (Teile der T\u00fcrkei, Syriens, Iraks und Irans) sowie Europa Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land - niedrige zweistellige Zahl Bund etwa 600 etwa 600 Struktur / Die MLKP agiert sowohl in der T\u00fcrkei als auch in Deutschland Aufbau konspirativ und ist nach eigenen Angaben in der Basis in Zellen organisiert. Geleitet wird sie von einer Funktion\u00e4rsgruppe. In der T\u00fcrkei verf\u00fcgt die MLKP mit den \"Bewaffneten Einheiten der Armen und Unterdr\u00fcckten\" (FESK) \u00fcber einen bewaffneten Arm, der dort wiederholt Anschl\u00e4ge ver\u00fcbt hat. Zu den Umfeldorganisationen der MLKP in Deutschland z\u00e4hlen die \"Konf\u00f6deration der unterdr\u00fcckten Migranten in Europa\" (AvEG-Kon) und die \"F\u00f6deration der Arbeitsmigrant/innen in Deutschland e. V.\" (AGIF). Au\u00dferdem sind in Deutschland die MLKP-Jugendorganisation \"Young Struggle\" und die Umfeldorganisation f\u00fcr junge Frauen \"ZORA\" mit mehreren Ortsgruppen aktiv. In Sachsen-Anhalt existieren eine \"Young Struggle\"und eine \"ZORA\"-Ortsgruppe in Dessau-Ro\u00dflau, die 2023 aus der linksextremistischen Gruppierung \"Offensive Jugend Dessau\" (OJD) hervorgegangen sind. Au\u00dferdem ist in Magdeburg eine eigenst\u00e4ndige \"ZORA\"-Ortsgruppe aktiv. Alle drei Gruppen sind eng mit dogmatischen Gruppen der linksextremistischen Szene SachsenAnhalts verbunden. Ver\u00f6ffentlichungen \"Atilim\" (Zeitung, w\u00f6chentlich) \"Partinin Sesi (Parteizeitung, zweimonatlich) Finanzierung Spenden, Einnahmen aus dem Verkauf von Publikationen und Eintrittskarten f\u00fcr Veranstaltungen Kurzportr\u00e4t / Ziele Die MLKP strebt in der T\u00fcrkei die gewaltsame Zerschlagung der staatlichen Ordnung und die Errichtung eines kommunistischen Gesellschaftssystems (Diktatur des Proletariats) an. Dabei beruft sich die MLKP auf die Lehren von Marx und Engels, erg\u00e4nzt durch ideologische Leitlinien von Lenin und Stalin, und versteht sich als politische Vorhut des Proletariats der t\u00fcrkischen und kurdischen Nation sowie der nationalen Minderheiten. Zum Erreichen ihrer Ziele bedient sich die MLKP in der T\u00fcrkei auch terroristischer Mittel. Sie ist daher in der T\u00fcrkei als Terrororganisation verboten und operiert im Verborgenen. Die MLKP unterst\u00fctzt die 144","Auslandsbezogener Extremismus PKK und hat gemeinsam mit dieser f\u00fcr den Kampf gegen den IS99 mobilisiert. In Deutschland agiert die MLKP in der Regel mittels ihrer Umfeldorganisationen. Anstelle ihrer in der T\u00fcrkei operierenden \"Kommunistischen Jugendorganisation\" (KG\u00d6) ist f\u00fcr die MLKP in Deutschland die Jugendgruppe \"Young Struggle\" (YS) aktiv. Die Organisation wurde 2010 in Stuttgart (Baden-W\u00fcrttemberg) gegr\u00fcndet und fungiert als Dachverband f\u00fcr alle MLKP-Jugendorganisationen in Europa. YS ist best\u00e4ndig bem\u00fcht, Mitglieder f\u00fcr sich und die MLKP zu gewinnen und sucht zu diesem Zweck die Zusammenarbeit mit linksextremistischen Gruppen aus dem dogmatischen und antiimperialistischen Spektrum. YS steht der Gruppe \"ZORA\" nahe, die sich als antikapitalistische Frauenorganisation im Kampf gegen das Patriarchat und die Klassengesellschaft versteht. Anders als in anderen linksextremistischen Organisationen mit T\u00fcrkei-Bezug sind in den Gruppierungen YS und ZORA nicht nur Personen mit t\u00fcrkischem oder kurdischem Hintergrund, sondern auch Jugendliche ohne Migrationshintergrund organisiert. Dies trifft auch auf die YSund ZORA-Gruppen in Sachsen-Anhalt zu. Grund der Beobachtung Wenngleich die MLKP in Deutschland bislang gewaltfrei agiert, werden ihre terroristischen Aktivit\u00e4ten in der T\u00fcrkei durch ihre Aktivit\u00e4ten hierzulande unterst\u00fctzt. Mit ihrem Verhalten gef\u00e4hrdet die MLKP daher die ausw\u00e4rtigen Belange der Bundesrepublik Deutschland im Sinne des SS 4 Abs. 1 Nr. 4 VerfSchG-LSA. Dar\u00fcber hinaus bestehen Anhaltspunkte daf\u00fcr, dass die Aktivit\u00e4ten der Jugendund Umfeldorganisationen der MLKP, insbesondere von YS und ZORA, Bestrebungen darstellen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des SS 4 Abs. 1 Nr. 1 VerfSchG-LSA gerichtet sind. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Nachdem die antiimperialistische Gruppierung OJD im Jahr 2023 in den Dessau-Ro\u00dflauer Ortsgruppen von YS und ZORA aufgegangen war, pr\u00e4gten deren Anh\u00e4nger im Berichtsjahr 2024 weiterhin das linksextremistische Versammlungsgeschehen in Dessau-Ro\u00dflau. Dabei schlug sich der Auslandsbezug zur t\u00fcrkischen MLKP, der ihrer organisatorischen Neuausrichtung zugrunde lag, auch in den Aktivit\u00e4ten dieser Gruppierungen nieder. So f\u00fchrte die YS-Ortsgruppe in Dessau-Ro\u00dflau am 3. Januar 2024 eine Gedenkveranstaltung f\u00fcr zwei MLKP-K\u00e4mpfer durch, die ein Jahr zuvor bei einem t\u00fcrkischen Luftangriff im kurdischen Autonomiegebiet \"Rojava\" ums Leben gekommen waren. Zudem forderte \"YS Dessau\" anl\u00e4sslich des \"Internationalen Tags der politischen Gefangenen\" am 18. M\u00e4rz 2024 \"Freiheit f\u00fcr die Genoss:innen der SGDF\". Hierbei handelt es um die \"F\u00f6deration sozialistischer Jugend99 Zum IS vgl. auch das Kapitel \"Islamismus\", S. 128 ff. 145","Auslandsbezogener Extremismus verb\u00e4nde in der T\u00fcrkei\" (\"Sosyalist Genclik Dernekleri Federasyonu\"), die am Aufbau der administrativen Selbstverwaltung in \"Rojava\" mitgewirkt hat und enge Verbindungen zur MLKP unterh\u00e4lt. Am 8. Juni 2024 nahmen Anh\u00e4nger der Ortsgruppen von YS und ZORA in Dessau-Ro\u00dflau au\u00dferdem am \"Ivana-Hoffmann-Festival\" in Duisburg (Nordrhein-Westfalen) teil, einer allj\u00e4hrlichen \"M\u00e4rtyrer-Gedenkveranstaltung\" von MLKP und YS. Ivana Hoffmann war Anh\u00e4ngerin beider Organisationen und wurde 2015 im Alter von 19 Jahren als erste Deutsche im bewaffneten Kampf gegen den IS in Syrien get\u00f6tet. F\u00fcr YS und die MLKP in Deutschland hat Ivana Hoffmann eine enorme symbolische und identit\u00e4tsstiftende Bedeutung; sie wird mit regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrenden Veranstaltungen anl\u00e4sslich ihres Geburtsund Todestages als \"unsterbliche M\u00e4rtyrerin\" gefeiert. Das \"Ivana-Hoffmann-Festival\" 2024 stand unter dem Motto \"Jin, Jiyan, Azadi! - Frauen k\u00e4mpfen international!\"100 und verlief mit mehreren hundert Teilnehmern st\u00f6rungsfrei. Dar\u00fcber hinaus beteiligten sich die Dessauer Ortsgruppen von YS und ZORA im Berichtszeitraum an verschiedenen Aktionen und Veranstaltungen, die ihre ideologische Verortung im dogmatischen, antiimperialistischen Linksextremismus belegen. So organisierte \"YS Dessau\" f\u00fcr den 27. April 2024 eine Demonstration zum \"Tag der Arbeit\" unter dem Motto \"Gegen ihre Regierungen! Die Zukunft geh\u00f6rt uns\". Mit rund 100 Personen blieb die Zahl der Teilnehmer im Rahmen der vorangegangenen Jahre. Aus Magdeburg beteiligten sich die Anh\u00e4nger der linksextremistischen Gruppen \"Roter Aufbau Burg\" und \"Offenes Antifaschistisches Treffen Magdeburg und Umgebung\"; aus Leipzig reisten die Ortsgruppen von YS sowie des \"Kommunistischen Aufbaus\" an. Insgesamt verlief die Demonstration st\u00f6rungsfrei. Auch an den linksextremistischen Demonstrationen, die von anderen dogmatischen Gruppen in Halle (Saale) und Magdeburg anl\u00e4sslich des \"Tags der Arbeit\" organisiert wurden, beteiligten sich YS-Anh\u00e4nger aus Dessau. So mobilisierte \"YS Dessau\" f\u00fcr die Vorabenddemonstration des \"Solidarit\u00e4tsnetzwerks\" (Solinetz) in Halle (Saale), die am 30. April 2024 unter dem Motto \"Milliard\u00e4re st\u00fcrzen! Kriegstreiber entwaffnen! Sozialismus erk\u00e4mpfen!\" stattfand, und reiste mit mehreren Anh\u00e4ngern zur \"revolution\u00e4ren 1. Mai-Demonstration\", die von verschiedenen kommunistischen und antiimperialistischen Gruppen in Magdeburg organisiert wurde.101 100 \"Jin Jiyan Azadi\" bedeutet sinngem\u00e4\u00df \u00fcbersetzt: \"Frauen, Leben, Freiheit\". Die Parole entstand w\u00e4hrend der Proteste in Iran im Herbst 2022 nach dem Tod der kurdischst\u00e4mmigen Iranerin Jina Mahsa Amini, den die Protestierenden auf die gewaltsame Festnahme durch iranische Sicherheitskr\u00e4fte zur\u00fcckf\u00fchrten. Sp\u00e4ter wurde die Parole auch von Gruppierungen \u00fcbernommen, die der PKK nahestehen. Mittlerweile wird sie von den unterschiedlichsten Gruppierungen und Organisationen genutzt. 101 Vgl. hierzu auch das Kapitel \"Linksextremismus\", S. 99. 146","Auslandsbezogener Extremismus Neben der regelm\u00e4\u00dfigen Beteiligung an den Versammlungen von YS veranstaltete \"ZORA Dessau\" am 17. August 2024 erstmals ein sogenanntes \"Pal\u00e4stina Cafe\". Ziel dieses Veranstaltungsformats sollte es laut Ank\u00fcndigung sein, als \"ein Ort des Widerstands und der unerm\u00fcdlichen Solidarit\u00e4t\" in \"Vortr\u00e4gen und Diskussionen [...] die Historie auf[zu]arbeiten und \u00fcber die Schrecken [zu] sprechen, die in Pal\u00e4stina tagt\u00e4glich seit dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert geschehen.\" Mit den etablierten israelfeindlichen Narrativen des antiimperialistischen Spektrums wurde Israel ein \"Genozid\" an \"den Pal\u00e4stinensern\" vorgeworfen, w\u00e4hrend der Terrorangriff der HAMAS vom 7. Oktober 2023 unerw\u00e4hnt blieb. Mangels Au\u00dfenwirkung wurde das Veranstaltungsformat nicht fortgesetzt. Auch die Magdeburger ZORA-Ortsgruppe trat im Berichtsjahr verst\u00e4rkt bei Aktionen der linksextremistischen Szene in Magdeburg in Erscheinung. So war sie im Oktober und November 2024 zusammen mit der Gruppierung \"Frauenkampftag.SFO\" in die Organisation der Kampagne \"Nicht eine weniger!\" eingebunden, die sich auf den \"Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen\" am 25. November 2024 bezog.102 Bewertung, Tendenzen, Ausblick Im Berichtsjahr trat die MLKP in Sachsen-Anhalt weiterhin ausschlie\u00dflich \u00fcber ihre Jugendund Umfeldorganisationen YS und ZORA in Erscheinung. Trotz fehlender Parteistrukturen und einer \u00fcberschaubaren Anh\u00e4ngerschaft der Dessauer und Magdeburger Ortsgruppen von YS bzw. ZORA konnten sich diese im Berichtsjahr ideologisch und organisatorisch weiter festigen. Neben dem organisatorischen Auslandsbezug dieser Gruppen zur MLKP kam dabei ihre ideologische Verortung im dogmatischen und antiimperialistischen Spektrum der linksextremistischen Szene zum Ausdruck. \u00c4hnlich wie im Fall von kommunistisch orientierten Gruppen ohne Auslandsbezug sind die Aktivit\u00e4ten von YS und ZORA auf der ideologischen Grundlage des Marxismus-Leninismus gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland gerichtet; sie zielen auf die Umw\u00e4lzung des demokratischen Rechtsstaats in eine sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaftsordnung auch mit gewaltvollen Mitteln ab. In der Zukunft ist weiterhin mit eigenst\u00e4ndigen und gemeinschaftlichen Agitationsund Versammlungsaktivit\u00e4ten der Dessauer und Magdeburger Ortsgruppen von YS bzw. ZORA zu rechnen. Neben dem traditionellen linksextremistischen Aktionsfeld des \"Antifaschismus\" bieten hier vor allem etwaige politische Ma\u00dfnahmen einer neuen Bundesregierung in der Migrationskontrolle sowie in der R\u00fcstungsund Verteidigungspolitik zahlreiche Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr Aktivit\u00e4ten in den Aktionsfeldern \"Antirassismus\" und \"Antimilitarismus\". 102 Zu der Gruppierung \"Frauenkampftag.SFO\" sowie zu der Kampagne \"Nicht eine weniger!\" vgl. das Kapitel \"Linksextremismus\", S. 97 u. 101. 147","SCIENTOLOGY ORGANISATION","Scientology Organisation SCIENTOLOGY ORGANISATION Gr\u00fcndung 1954 von Lafayette Ronald Hubbard (1911-1986) in den USA; 1970 erste Niederlassung in Deutschland Sitz Los Angeles (USA) Mitglieder / 2023 2024 Anh\u00e4nger Land einstellige Zahl einstellige Zahl Bund 3.600 3.600 Struktur / Die SO ist streng hierarchisch organisiert. Nachfolger des 1986 Aufbau verstorbenen Gr\u00fcnders L. Ron Hubbard ist David Miscavige, der die Organisation bis heute als Vorsitzender des Religious Technology Centers (RTC) steuert. Der Dachverband in Deutschland ist die \"Scientology-Kirche Deutschland\" (SKD) mit Sitz in M\u00fcnchen. Die lokalen Niederlassungen gliedern sich in sieben sogenannte Kirchen (Orgs), mehrere kleinere Missionen und zwei sogenannte Celebrity Centres in M\u00fcnchen und D\u00fcsseldorf. Gro\u00dfe und repr\u00e4sentative Orgs mit \u00fcberregionaler Bedeutung, die m\u00f6glichst alle Dienstleistungen der SO unter einem Dach anbieten, werden als \"Ideale Orgs\" bezeichnet. Im Rahmen der \"Ideal-Org\"-Kampagnen will die SO weltweit in St\u00e4dten, die sie zur Erreichung ihrer Ziele als politisch und wirtschaftlich bedeutsam erachtet, \"Ideale Orgs\" aufbauen bzw. bestehende Einrichtungen vergr\u00f6\u00dfern. Dieser Aufbau wird allein aus Spenden finanziert. Derzeit existieren drei \"Ideale Orgs\" in Deutschland: in Berlin, Hamburg und Stuttgart. Die SO verf\u00fcgt \u00fcber einen eigenen Geheimdienst, das \"Office of Special Affairs\" (OSA), welches gegen SO-kritische Positionen und Personen vorgehen soll. Es ist davon auszugehen, dass die SO mithilfe des OSA zielgerichtet personenbezogene Informationen zu ihren Kritikern und Gegnern sammelt und diese in gerichtlichen Verfahren oder f\u00fcr Diffamierungskampagnen nutzt. Der \"Church\"-Bereich (d.h. der Bereich der ideologischen und indoktrin\u00e4ren Kernarbeit) ist neben den Tarnorganisationen \"World Institute of Scientology Enterprise\" (WISE) und \"Association for Better Living and Education\" (ABLE) eine der wichtigsten organisatorischen S\u00e4ulen der SO. Mit Hilfe dieser und anderer Tarnund Nebenorganisationen - wie bspw. \"The Way to Happiness Foundation\" (TWTH-Foundation), \"Sag NEIN zu Drogen - Sag JA zum Leben\", \"Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V.\" (KVPM) - soll der Schein einer attraktiven, humanit\u00e4ren und sozialen Organisation gewahrt werden. Da diese Nebenund Tarnorganisationen auf den ersten Blick einen Zusammenhang mit der SO nicht erkennen lassen, wird hier\u00fcber versucht, sich in unterschiedliche gesellschaftliche und politische Themen einzubringen, um die Ideologie der SO in die Gesellschaft zu tragen. Hierbei besteht grunds\u00e4tzlich die Gefahr, dass Veranstaltungen der Nebenund Tarnorganisationen nicht als Aktivit\u00e4t der SO 149","Scientology Organisation erkannt werden und daher unwissentlich auf Kontaktangebote der SO eingegangen wird. 103 104 Kurzportrait / Ziele Gem\u00e4\u00df der als unver\u00e4nderlich und bindend angesehenen Ideologie von Hubbard verfolgt die SO das Ziel, einen \"Clear-Planeten\" zu erschaffen: In diesem angestrebten Idealzustand sollen alle Menschen Teil der scientologischen Gemeinschaft sein. Die SO strebt danach, eine Weltordnung zu etablieren, in der die Werte und Ansichten von Scientology universelle Geltung haben. Dieses System steht im direkten Widerspruch zum verfassungsrechtlich verankerten Gleichheitsprinzip, da die SO eine Einteilung der Menschen in Kategorien wie \"Aberrierte\" (Nicht-Scientologen), \"Nichtaberrierte\" (Scientologen) und geistig Gest\u00f6rte vornimmt, wobei letztere in ihren Menschenrechten eingeschr\u00e4nkt werden sollen. Um die scientologische \"Ethik\" durchzusetzen, strebt die SO danach, Einfluss auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik auszu\u00fcben. Grund der Beobachtung Seit 1997 wird die SO von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden beobachtet. Ihre Lehre zielt auf die Einschr\u00e4nkung oder Au\u00dferkraftsetzung wesentlicher Grundund Menschenrechte (etwa der Unantastbarkeit der Menschenw\u00fcrde, der Meinungsfreiheit und der Gleichheit aller vor dem Gesetz) ab. Dar\u00fcber hinaus strebt die SO eine Gesellschaft ohne allgemeine und gleiche Wahlen an. W\u00e4hrend die Organisation ihre extremistischen Ziele nach au\u00dfen verbergen will oder leugnet, vertritt sie diese unverstellt gegen\u00fcber ihren Anh\u00e4ngern und offenbart dabei ihr totalit\u00e4res Programm. Mit der Entscheidung des OVG M\u00fcnster vom 12. Februar 2008 ist die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Beobachtung durch den Verfassungsschutz best\u00e4tigt worden. 103 Das \"S\" steht f\u00fcr \"Scientology\". Das untere ARC-Dreieck steht f\u00fcr \"Affinit\u00e4t\", \"Realit\u00e4t\" und \"Kommunikation\" (\"Communication\"); das obere KRC-Dreieck steht f\u00fcr \"Wissen\" (\"Knowledge\"), \"Verantwortung\" (\"Responsibility\") und \"Kontrolle\" (\"Control\"). 104 Das Scientology-Kreuz entstand 1954. L. Hubbard fand den grundlegenden Entwurf f\u00fcr das Sonnenkreuz der Scientology in einer alten spanischen Mission in Arizona. 150","Scientology Organisation Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die SO setzte im Berichtszeitraum weiterhin auf bew\u00e4hrte Methoden, um ihre Ziele zu erreichen, und erschloss sich zus\u00e4tzlich neue Bereiche im digitalen Raum. Die Organisation bem\u00fcht sich nach wie vor intensiv darum, gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen, ihre Mitgliederzahl zu vergr\u00f6\u00dfern und ihre finanziellen Ressourcen auszubauen. Besonders junge Erwachsene stehen im Fokus ihrer Rekrutierungsversuche. Dennoch wird die SO ihrem Ziel, eine scientologische Gesellschaft in Sachsen-Anhalt zu etablieren, nicht n\u00e4herkommen. Es gelingt ihr weiterhin nicht, in Sachsen-Anhalt Mitglieder zu gewinnen oder stabile Strukturen aufzubauen. 151","SPIONAGEABWEHR","Spionageabwehr EINLEITUNG Spionage zielt darauf, auf illegale Weise sch\u00fctzenswerte, geheimhaltungsbed\u00fcrftige und geheim gehaltene Informationen aus anderen bzw. \u00fcber andere Staaten zu gewinnen oder Einfluss auf die T\u00e4tigkeit staatlicher Beh\u00f6rden auf allen Ebenen zu nehmen. Der Begriff umfasst nachrichtendienstliches Agieren fremder M\u00e4chte zum Zweck des verdeckten und illegalen Erkundens und Beschaffens nicht\u00f6ffentlicher Informationen zu politischen Entscheidungsprozessen sowie zu wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und milit\u00e4rischen Potenzialen eines anderen Staates. Dies soll dem spionierenden Staat einen Informationsvorsprung verschaffen. Als eine der f\u00fchrenden Exportnationen mit Standorten zahlreicher Unternehmen der Spitzentechnologie sowie aufgrund ihrer geostrategischen Lage und ihrer bedeutenden Position innerhalb der Europ\u00e4ischen Union (EU) und der NATO ist die Bundesrepublik Deutschland ein priorit\u00e4res Aufkl\u00e4rungsziel f\u00fcr Nachrichtendienste fremder Staaten. Die Aufgabe der Spionageabwehr ist es daher, sich mit der Aufkl\u00e4rung, der Abwehr und der Pr\u00e4vention von Spionageaktivit\u00e4ten fremder Nachrichtendienste zu besch\u00e4ftigen. Sie sammelt Informationen \u00fcber geheimdienstliche Aktivit\u00e4ten und wertet sie aus. Die gesetzliche Grundlage daf\u00fcr bildet SS 4 Abs. 1 Nr. 3 VerfSchG-LSA. Im Rahmen der sogenannten \"360-Grad-Bearbeitung\" geht sie allen Anhaltspunkten f\u00fcr sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten im Geltungsbereich des Grundgesetzes f\u00fcr eine fremde Macht nach. Hierbei besteht eine enge Kooperation mit dem BfV, den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden der L\u00e4nder, dem Bundesamt f\u00fcr den milit\u00e4rischen Abschirmdienst (BAMAD) und allen anderen Sicherheitsbeh\u00f6rden. Da die T\u00e4tigkeit von Nachrichtendiensten im Zielland von der jeweiligen Spionageabwehr beobachtet wird, werden Angeh\u00f6rige von Nachrichtendiensten h\u00e4ufig unter dem Schutz des Diplomatenstatus oder der konsularischen Immunit\u00e4t in den Auslandsvertretungen der fremden Staaten untergebracht. Man spricht von sogenannten Legalresidenturen. Um an vertrauliche Informationen zu gelangen, setzen ausl\u00e4ndische Nachrichtendienste nicht nur eigenes Personal ein; sie sind zudem darum bem\u00fcht, B\u00fcrger des Gastlandes f\u00fcr ihre Zwecke zu gewinnen und zu steuern. Diese Vorgehensweise ist als Agentenf\u00fchrung bekannt. Abseits dieser \"klassischen\" Form der Spionage haben nachrichtendienstlich gesteuerte Ma\u00dfnahmen im Internet in den vergangenen Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Dabei werden verschiedene Kan\u00e4le genutzt, um die politischen und gesellschaftlichen Diskurse in den Ziell\u00e4ndern zu beeinflussen. Die Strategien reichen von Cyberangriffen bis zur Beeinflussung von sozialen Medien, in denen sogenannte \"Trollfabriken\" Meinungen und Fakten mit \"Fake News\" vermischen. In Kurznachrichtendiensten k\u00f6nnen sogenannte \"Robots\" in erheblichem Umfang tendenzi\u00f6se Meinungen verbreiten. Ein weiteres Mittel ist das \"Leaken\" von Daten, also das Ver\u00f6ffentlichen vertraulicher personenbezogener Informationen, die oftmals illegal erbeutet wurden. Mit dem \"Leaken\" dieser Daten sollen die Betroffenen blo\u00dfgestellt, ihres Einflusses beraubt oder l\u00e4cherlich gemacht werden. H\u00e4ufig werden die erbeuteten Dateien zudem mit Malware versehen und somit einer \"zweiten Nutzung\" zugef\u00fchrt. Die Russische F\u00f6deration, die Volksrepublik China und die Islamische Republik Iran gelten im Wesentlichen als Hauptakteure sicherheitsrelevanter Aktivit\u00e4ten gegen Deutschland und das Bundesland Sachsen-Anhalt. 153","Spionageabwehr Im Hinblick auf Auslandsreisen, insbesondere in die Russische F\u00f6deration und die Volksrepublik China, besteht f\u00fcr deutsche Staatsangeh\u00f6rige die Gefahr, das Interesse der Nachrichtendienste der jeweiligen Staaten zu wecken. Dies kann insbesondere Firmenvertreter und Angeh\u00f6rige des \u00d6ffentlichen Dienstes betreffen. Erfahrungen in der Vergangenheit haben gezeigt, dass immer wieder Reisende mit vermeintlichen Vorw\u00fcrfen zu Fehlverhalten angesprochen und kompromittierende Situationen geschaffen werden, um Druck auszu\u00fcben und in diesem Kontext f\u00fcr nachrichtendienstliche T\u00e4tigkeiten zu werben bzw. die Preisgabe von Informationen zu erwirken. Ebenso muss bei solchen Reisen mit der M\u00f6glichkeit gerechnet werden, dass mitgef\u00fchrte Unterlagen und Technik (Mobiltelefone, Laptops etc.) im Interesse eines Nachrichtendienstes ausspioniert werden. NACHRICHTENDIENSTE DER RUSSISCHEN F\u00d6DERATION Alle Handlungsfelder der deutschen Politik, die einen Bezug zur Russischen F\u00f6deration aufweisen, - vor allem die Au\u00dfen-, Sicherheits-, B\u00fcndnisund Wirtschaftspolitik - sind von Interesse f\u00fcr die russischen Nachrichtendienste. Aufkl\u00e4rungsma\u00dfnahmen russischer Nachrichtendienste richten sich speziell gegen politische Mandatstr\u00e4ger, Denkfabriken, Nichtregierungsorganisationen und Vereine mit Bez\u00fcgen zu Russland oder anderen osteurop\u00e4ischen Staaten. Mittels Propaganda und der Verbreitung von Desinformation, die insbesondere \u00fcber staatliche Institutionen, staatlich gelenkte Medien und soziale Netzwerke gestreut wird, versuchen russische Nachrichtendienste, Einfluss auf Willensbildungsprozesse auszu\u00fcben, Misstrauen gegen\u00fcber staatlichen Institutionen zu erzeugen und die politische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland auf diese Weise langfristig zu destabilisieren. Die drei ma\u00dfgeblichen Nachrichtendienste sind: der Auslandsnachrichtendienst Sluschba Wneschnei Raswedki (SWR), der Inlandsnachrichtendienst Federalnaja Sluschba Besopasnosti (FSB) und der milit\u00e4rische Nachrichtendienst Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (GRU). Diese Nachrichtendienste verf\u00fcgen \u00fcber weitreichende gesetzliche Befugnisse und unterst\u00fctzen die Interessen ihrer Regierung mittels offener und verborgener Ma\u00dfnahmen. Neben den Ministerien f\u00fcr Verteidigung, Inneres und Justiz sowie weiteren Sicherheitsbeh\u00f6rden geh\u00f6ren sie zum unmittelbaren Einflussbereich des russischen Staatspr\u00e4sidenten. Im Kontext des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wurden in den letzten Jahren zahlreiche russische Botschaftsangeh\u00f6rige aus der Bundesrepublik Deutschland ausgewiesen. Angeh\u00f6rige der russischen Nachrichtendienste, die in Deutschland (aus der Botschaft in Berlin und dem Generalkonsulat in Bonn heraus) weiterhin aktiv sind, missbrauchen ihren diplomatischen Status und das Vertrauen ihrer nicht selten arglosen Kontaktpersonen. Geschickte Gespr\u00e4chsf\u00fchrung erm\u00f6glicht es ihnen oft, an schutzbed\u00fcrftige Informationen zu gelangen. Wenn Kontaktpersonen als wertvoll und informationsreich erachtet werden, wird versucht, die bisherigen Kontakte zu vertiefen und konspirative Elemente einzuf\u00fchren. Offene Telefonate werden vermieden, konspirative Treffen im Voraus festgelegt und pers\u00f6nliche Zuwendungen intensiviert. Um Informationen abzusch\u00f6pfen, bauen Nachrichtendienstangeh\u00f6154","Spionageabwehr rige vertrauensvolle und freundschaftliche Verbindungen auf. Dazu werden Bitten um Zusammenstellung unverf\u00e4nglicher Informationen ge\u00e4u\u00dfert, denen konkrete, mit Sachoder Geldleistungen honorierte Beschaffungsauftr\u00e4ge folgen k\u00f6nnen. Die dabei von Vertretern konsularischer oder diplomatischer Vertretungen ge\u00e4u\u00dferte Aufforderung zur absoluten Verschwiegenheit kennzeichnet eine konspirative, nachrichtendienstliche Verbindung. Seit dem Beginn des v\u00f6lkerrechtswidrigen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat sich die Bedrohung durch m\u00f6gliche nachrichtendienstliche Aktivit\u00e4ten gegen politische, wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Einrichtungen und Organisationen auch in Sachsen-Anhalt erh\u00f6ht. Besonders Ministerien und nachgeordnete Beh\u00f6rden des Landes sind potenzielle Ziele russischer Spionageaktivit\u00e4ten. Die russische Regierung flankiert ihr milit\u00e4risches Vorgehen in der Ukraine und die Aktivit\u00e4ten ihrer Nachrichtendienste im Cyberraum mit Desinformationsund Propagandakampagnen, welche die NATO und \"den Westen\" als eigentliche Aggressoren darstellen und Zweifel an der Legitimit\u00e4t und Integrit\u00e4t der ukrainischen Regierung hervorzurufen versuchen, um die europ\u00e4ische Unterst\u00fctzung der Ukraine zu diskreditieren und als sch\u00e4dlich f\u00fcr Europa selbst darzustellen.105 Vor allem russischst\u00e4mmige und pro-russisch eingestellte Personen im Westen sind eine wichtige Zielgruppe der Kampagnen. Die russische Regierung nutzt seit langem soziale Netzwerke und staatliche Medien, einschlie\u00dflich Russia Today (RT) und Sputnik, um Desinformation und Propaganda zu verbreiten - auch in Deutschland. Diese Medienh\u00e4user berichten nicht journalistisch unabh\u00e4ngig, sondern stehen unter der Kontrolle des russischen Staates, der sie direkt f\u00fcr Desinformationskampagnen einsetzt. CHINESISCHE NACHRICHTENDIENSTE Die politische F\u00fchrung der Volksrepublik China (VRC) hat klar definierte Ziele f\u00fcr die politische und wirtschaftliche Entwicklung Chinas, darunter das Erlangen strategischer Vorteile, die F\u00f6rderung der eigenen wirtschaftlichen Interessen und die Positionierung als f\u00fchrende Industrienation weltweit. Die Aufgabe der Nachrichtendienste ist es, das Erreichen dieser Ziele durch Informationsgewinnung in Politik, Milit\u00e4r, Wirtschaft und Wissenschaft zu unterst\u00fctzen und damit die geostrategischen Ambitionen der VRC zu f\u00f6rdern. Die Angeh\u00f6rigen der Nachrichtendienste agieren konspirativ und h\u00e4ufig getarnt als Journalisten, Studierende oder Diplomaten, die in den amtlichen Vertretungen der VRC in der Bundesrepublik Deutschland eingesetzt werden. Die VRC verf\u00fcgt \u00fcber folgende Nachrichtendienste: den zivilen Inund Auslandsnachrichtendienst Ministry of State Security - Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit (MSS), das Ministry of Public Security - Ministerium f\u00fcr \u00d6ffentliche Sicherheit (MPS) und den milit\u00e4rischen Nachrichtendienst Military Intelligence Directorate - Direktorium f\u00fcr den Milit\u00e4rischen Nachrichtendienst (MID). 105 Siehe auch den Abschnitt \"Hybride Bedrohungen\", S. 158 ff. 155","Spionageabwehr Zudem unterh\u00e4lt die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) mehrere parteieigene funktionale Nachrichtendienste:106 Das \"B\u00fcro 610\" dient der weltweiten \u00dcberwachung der Meditationsbewegung \"Falun Gong\". Das International Liaison Department of the Central Committee of the Communist Party of China (IDCPC) sammelt Tatsachen und Erkenntnisse \u00fcber Partnerparteien sowie Kontrahenten der KPCh und wertet diese aus. Das United Front Work Department (UFWD) bindet Mitglieder und Nicht-Mitglieder der KPCh innerhalb der VRC und weltweit an die Interessen der KPCh und sorgt f\u00fcr die Umsetzung der Parteilinie. Die chinesische Regierung versucht, gezielt Einfluss auf politische und wissenschaftliche Akteure anderer Staaten zu nehmen und universell g\u00fcltige Menschenrechte zu relativieren. Dies geschieht unter anderem \u00fcber die Konfuzius-Institute (KI), die teilweise den Hochschulen der Ziell\u00e4nder angegliedert und organisatorisch eng mit ihnen verflochten sind. Derzeit gibt es 19 chinesische KI in Deutschland. Nach eigener Aussage f\u00f6rdern sie die chinesische Sprache und Kultur im Ausland. Sie versuchen zwar offiziell den Anschein der Unabh\u00e4ngigkeit zu erwecken, unterliegen aber tats\u00e4chlich einer direkten politischen Einflussnahme. Die weltweit t\u00e4tigen KI waren bis 2020 dem \"Hanban\"107, einer nachgeordneten Beh\u00f6rde des chinesischen Erziehungsministeriums, zugeordnet. Um den Anschein der Unabh\u00e4ngigkeit zu erwecken, sind die KI im Juni 2020 in die \"Beijing Chinese international Education Foundation (CIEF)\" \u00fcberf\u00fchrt worden. Mit der gleichzeitigen Gr\u00fcndung des \"Center for Language Education and Cooperation (CLEC)\" am bisherigen Sitz und als Nachfolger von \"Hanban\" zeigte sich jedoch, dass damit inhaltlich und personell keine nennenswerte Neuausrichtung der Institutionen verbunden ist. Es ist davon auszugehen, dass die N\u00e4he der KI zur KPCh weiterhin bestehen bleibt und eine Entideologisierung der KI nicht zu erwarten ist. KI gef\u00e4hrden vielmehr auch weiterhin die akademische Freiheit in Forschung und Lehre und werden als wichtige politische Einflussakteure und Instrumente der Machtprojektion der KPCh im Ausland aktiv bleiben. Ein weiterer Aufgabenschwerpunkt chinesischer Nachrichtendienste ist das Aussp\u00e4hen und die Unterwanderung von oppositionellen Kr\u00e4ften, die von der chinesischen Regierung unter der Bezeichnung \"F\u00fcnf Gifte\"108 als staatsfeindlich beschrieben werden. Die KPCh nimmt innerstaatliche Konflikte mit Oppositionellen und nationalen Minderheiten als Bedrohung der staatlichen Sicherheit wahr. Nach wie vor von gro\u00dfer Bedeutung ist das geostrategische Projekt \"Neue Seidenstra\u00dfe\" bzw. die \"Belt and Road Initiative\" (BRI), mit der die chinesische Staatsf\u00fchrung das Ziel verfolgt, den Zustrom von Rohstoffen in die VRC zu befl\u00fcgeln und den eigenen Warenabsatz zu 106 Ein funktionaler Nachrichtendienst ist eine Organisation, die Spionage betreibt, ohne Nachrichtenoder Geheimdienst zu sein. 107 \"Hanban\" ist die chinesische Abk\u00fcrzung f\u00fcr \"Staatliches F\u00fchrungsgruppenb\u00fcro f\u00fcr die internationale Verbreitung der chinesischen Sprache\". 108 Dies sind die Meditationsbewegung Falun Gong, die Demokratiebewegung, die Bewegungen f\u00fcr Autonomie in den Provinzen Tibet und Xinjiang sowie Bef\u00fcrworter eines unabh\u00e4ngigen Taiwan. 156","Spionageabwehr verbessern. Die BRI bildet den geologistischen Rahmen f\u00fcr die Umsetzung der von der Staatsf\u00fchrung vorgegebenen Strategie \"Made in China 2025\". Es gilt, die westliche Innovationsdominanz zu \u00fcbertreffen und bis zum Jahr 2049 die globale Marktund Technologief\u00fchrerschaft zu erreichen. Die VRC beabsichtigt daher, die Schl\u00fcsselindustrien (wie beispielsweise neue Informationstechnologien, Luftund Raumfahrt, neue Energien und alternative Antriebe) auszubauen. Die Partnerl\u00e4nder der BRI nehmen ihre wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit von der VRC, die sich aus der Vorfinanzierung der Errichtungsund Ausbaukosten von H\u00e4fen, Autobahnen und weiteren gro\u00dfen Infrastrukturprojekten durch chinesische Kredite ergibt, oftmals bewusst in Kauf. NACHRICHTENDIENSTE DER ISLAMISCHEN REPUBLIK IRAN Das vorrangige Interesse der iranischen Nachrichtendienste gilt der Bek\u00e4mpfung und Aussp\u00e4hung von im Inund Ausland lebenden bzw. t\u00e4tigen oppositionellen Personen und Gruppierungen, zu denen insbesondere der \"Nationale Widerstandsrat Iran\" und sein ehemals milit\u00e4rischer Arm, die \"Volksmodschahedin Iran-Organisation\", sowie monarchistische und kurdische Gruppierungen z\u00e4hlen. Es gibt seit Jahren Hinweise auf staatsterroristische Aktivit\u00e4ten der iranischen Regierung in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Als Hauptakteur nachrichtendienstlicher Aktivit\u00e4ten gegen die Bundesrepublik Deutschland gilt oft das Ministry of Intelligence of the Islamic Republic of Iran (MOIS). Die Revolutionsgarden der Iranian Revolutionary Guard Corps (IRGC) betreiben ebenfalls ihren eigenen Nachrichtendienst, das Revolutionary Guard Intelligence Directorate (RGID), und verf\u00fcgen mit den Quds Force \u00fcber Spezialeinheiten f\u00fcr milit\u00e4rische Kommandoaktionen und Staatsterrorismus. Die Aussp\u00e4hungsaktivit\u00e4ten der Quds Force richten sich insbesondere gegen (pro-)j\u00fcdische bzw. (pro-)israelische Institutionen und Unternehmen sowie einzelne exponierte, f\u00fcr diese Einrichtungen t\u00e4tige Personen. F\u00fchrende Politiker Irans haben Israel wiederholt zum Feindstaat erkl\u00e4rt und \u00f6ffentlich mit der Vernichtung des israelischen Staates gedroht. Iranisch unterst\u00fctzte Terrororganisationen wie Hizbollah und HAMAS greifen Israel mit Waffengewalt an. In der Bundesrepublik Deutschland wurden in den letzten Jahren wiederholt geheimdienstliche Aussp\u00e4hungsaktivit\u00e4ten und Cyberangriffe iranischer Nachrichtendienste festgestellt. Das so genannte \"Mabna Institut\", eine Cyberangriffseinrichtung der iranischen Revolutionsw\u00e4chter (Pasdaran), setzte die 2016 begonnenen Angriffsaktivit\u00e4ten fort und bedrohte sachsen-anhaltische Institutionen und deren ausl\u00e4ndische Partner. Neben einem expliziten nachrichtendienstlichen Risiko besteht weiterhin die Gefahr, dass Iran Personen mit doppelter Staatsangeh\u00f6rigkeit bei Einreisen willk\u00fcrlich inhaftiert, um dies als politisches Druckmittel zu nutzen. 157","Spionageabwehr ANDERE NACHRICHTENDIENSTE Die Nachrichtendienste Nordafrikas sowie des Nahen und Mittleren Ostens werden in Deutschland neben den angef\u00fchrten L\u00e4ndern haupts\u00e4chlich gegen Oppositionelle ihrer Heimatl\u00e4nder aktiv, speziell dann, wenn diese sich in Deutschland gegen die Regierungen ihrer Herkunftsl\u00e4nder engagieren.109 Im Zusammenhang mit nachrichtendienstlich relevanten Vorg\u00e4ngen auf deutschem Boden ist ein verst\u00e4rktes Agieren der Nachrichtendienste der T\u00fcrkei zu beobachten. Der Inund Auslandsnachrichtendienst Milli Istihbarat Teskilati (MIT) nimmt in der t\u00fcrkischen Sicherheitsarchitektur eine zentrale Rolle ein. Den Schwerpunkt seiner Arbeit bildet die Aufkl\u00e4rung der \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) und der sogenannten G\u00fclen-Bewegung. T\u00fcrkische Stellen machen den im Oktober 2024 verstorbenen islamischen Prediger Fethullah G\u00fclen und dessen Anh\u00e4nger f\u00fcr den im Sommer 2016 gegen die t\u00fcrkische Regierung unternommenen Putschversuch verantwortlich. Im Fokus t\u00fcrkischer Nachrichtendienste sind weltweit weitere Personen und Organisationen, die aus t\u00fcrkischer Sicht als extremistisch oder terroristisch beurteilt werden. HYBRIDE BEDROHUNGEN Die kombinierte Anwendung konventioneller und nicht-konventioneller Mittel im gesamten Spektrum ziviler bis hin zu (para-) milit\u00e4rischen Ma\u00dfnahmen kennzeichnet hybride Bedrohungen. Im Regelfall zeichnen sie sich durch die gezielte Verschleierung der eigenen Urheberschaft aus. Hybride Aktivit\u00e4ten fremder Staaten zielen darauf ab, das gesellschaftliche und politische Gef\u00fcge eines anderen Landes nachhaltig zu schw\u00e4chen. In den letzten Jahren sind diese Aktivit\u00e4ten zu einem bedeutenden Mittel im Kampf um Einfluss und Vorherrschaft im globalen Gef\u00fcge geworden. Der Einsatz von Desinformationskampagnen stellt ein herausragendes Instrument hybrider Strategien dar. Mit der gezielten Verbreitung von Desinformationen wird versucht, Politik, Gesellschaft oder bestimmte Personengruppen anderer L\u00e4nder zu beeinflussen. Zielrichtung solcher Kampagnen ist die Infragestellung freiheitlicher, demokratischer Werte sowie des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland und anderen westlichen Staaten. Das Internet bietet ideale Bedingungen f\u00fcr entsprechende Initiativen zur Verbreitung irref\u00fchrender Informationen. Online ausgel\u00f6ste und gesteuerte Aktionen lassen sich vergleichsweise kosteng\u00fcnstig durchf\u00fchren und sind leicht zu verschleiern; oft bleiben die Urheber unentdeckt und agieren anonym oder mit falschen Identit\u00e4ten. Die Urheber und Protagonisten von Desinformationskampagnen verbreiten gezielt und wissentlich falsche Nachrichten und 109 F\u00fcr Informationen zu nachrichtendienstlichen Aktivit\u00e4ten im Zusammenhang mit Migrationsbewegungen von Fl\u00fcchtlingen aus dem Nahen Osten und Nordafrika nach Deutschland vgl. Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Aktivit\u00e4ten extremistischer Akteure im Zusammenhang mit Fl\u00fcchtlingen. Eine Handreichung f\u00fcr hauptund ehrenamtlich T\u00e4tige in der Fl\u00fcchtlingshilfe. Magdeburg 2015, S. 41ff. Die Brosch\u00fcre kann unter https://mi.sachsen-anhalt.de/verfassungsschutz/publikationen/publikationen-tagungsbaende/ heruntergeladen oder bestellt werden. 158","Spionageabwehr Erz\u00e4hlungen in den sozialen Medien mit dem Ziel, deren Nutzer in die Irre zu f\u00fchren und auf diese Weise Schaden anzurichten. Ziel dieser hybriden Ma\u00dfnahmen ist es, das Vertrauen in staatliche Stellen zu untergraben, Politiker und demokratische Prozesse ver\u00e4chtlich zu machen oder gesellschaftliche Konfliktlinien zu vertiefen. Offene, pluralistische und demokratische Gesellschaften, die ein breites Meinungsspektrum zulassen und gerade nicht - wie es in Autokratien geschieht - den Meinungskorridor verengen, sind besonders anf\u00e4llig f\u00fcr solche Einflussoperationen. Es bedarf daher einer aufmerksamen \u00d6ffentlichkeit, um diesen Bedrohungen entgegentreten zu k\u00f6nnen. Im Jahr 2024 waren erneut Drohnen\u00fcberfl\u00fcge \u00fcber sachsen-anhaltische Truppen\u00fcbungspl\u00e4tze zu verzeichnen, auf denen ukrainische Soldaten ausgebildet wurden. Diese Aktivit\u00e4ten deuten auf gezielte hybride Operationen hin. Ziel der Aussp\u00e4hungsaktivit\u00e4ten d\u00fcrfte es insbesondere sein, Informationen \u00fcber Ausstattung und Verhalten der ukrainischen Soldaten zu gewinnen und gleichzeitig politische Unsicherheit zu sch\u00fcren. Sie sind Ausdruck einer Strategie, die milit\u00e4rische, technische und psychologische Mittel kombiniert, um die politische Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Ukraine zu untergraben. Russische Desinformation im Kontext Hybrider Bedrohungen und des Angriffskrieges gegen die Ukraine Die Russische F\u00f6deration versucht seit Jahren, den \u00f6ffentlichen Diskurs in westlichen Demokratien durch die Verbreitung von Desinformation in ihrem Sinne zu beeinflussen. Sie ist bestrebt, die politische und \u00f6ffentliche Meinung in Deutschland und anderen Staaten durch das Verbreiten von Desinformation, Propaganda sowie durch weitere Versuche illegitimer Einflussnahme zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Hierf\u00fcr bedient sie sich auch bestimmter Medien, die Teil ihres staatlichen Propagandaapparates sind. Die eindeutige Zuordnung solcher Kampagnen zu staatlichen Stellen der Russischen F\u00f6deration ist zwar oft nicht m\u00f6glich; jedoch liefern Vorgehensweisen, thematische Aspekte und beteiligte Akteure starke Indizien f\u00fcr mutma\u00dflich von staatlichen Institutionen der Russischen F\u00f6deration beabsichtigte und koordinierte Desinformationskampagnen. Seit dem Beginn des v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffskriegs der Russischen F\u00f6deration gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 haben Desinformationskampagnen ein bisher nicht gekanntes Ausma\u00df erreicht. In diesem Kontext traten zum einen vermehrt offizielle russische Stellen als Akteure der Verbreitung von Desinformation auf, die s\u00e4mtliche verf\u00fcgbaren Kommunikationsmittel nutzten (z. B. offizielle Presseerkl\u00e4rungen des Au\u00dfenministeriums, eigene Kan\u00e4le in sozialen Medien und Webseiten der russischen Botschaften). Zum anderen verbreiteten staatsnahe russische Medien gezielt Falschinformationen, Desinformation und Propaganda. Aufgrund der durch Sanktionen bedingten Einschr\u00e4nkung der Reichweite russischer staatsnaher Medien in Europa, die z. B. das Auslandsprogramm von Russia Today \"RT DE\" betrifft, intensivierte sich die Verbreitung pro-russischer Desinformation und Propaganda \u00fcber Accounts in sozialen Medien. In Westeuropa lebende Personen, die dem russischen Angriffskrieg und der aktuellen russischen Regierung unkritisch gegen\u00fcberstehen, erweisen sich als wertvolle Multiplikatoren f\u00fcr die Verbreitung dieser Narrative und Propaganda. Im Berichtszeitraum erreichten beispielsweise Telegram-Kan\u00e4le wie \"Neues aus 159","Spionageabwehr Russland\" und \"Russl\u00e4nder & Friends\", Youtube-Kan\u00e4le wie \"InfraRot Medien\" sowie Webseiten wie \"Anti-Spiegel\" und \"SouthFront\", die der Verbreitung pro-russischer Desinformation im deutschsprachigen Raum dienen, hohe Followerbzw. Abonnentenzahlen. Dabei sind zwei verschiedene Ausrichtungen von Desinformationskampagnen erkennbar: (1) Die zielgerichtete Verbreitung von Propaganda und Desinformationen gegen\u00fcber der eigenen Bev\u00f6lkerung (einschlie\u00dflich im Ausland lebender Staatsb\u00fcrger) erfolgt in dem Bestreben, den Krieg gegen die Ukraine als Reaktion auf vermeintliche Bedrohungen der Russischen F\u00f6deration weiterhin zu legitimieren. Hierbei werden die NATO und der Westen als eigentliche Aggressoren dargestellt, w\u00e4hrend der \u00dcberfall auf die Ukraine als legitimer Akt zur Verteidigung russischer Sicherheitsinteressen pr\u00e4sentiert wird. Gleichzeitig wird die milit\u00e4rische und politische \u00dcberlegenheit des eigenen Staates betont, w\u00e4hrend die westlichen Staaten als schwach dargestellt werden. Das Ziel besteht darin, eine hohe Zustimmung der russischen Bev\u00f6lkerung zum Vorgehen in der Ukraine zu sichern. So wurde beispielsweise die Behauptung verbreitet, die Ukraine betreibe gemeinsam mit westlichen Staaten geheime Biowaffenlabore in Grenzn\u00e4he zu Russland. Dieses Narrativ wurde \u00fcber staatlich kontrollierte Medien sowie soziale Netzwerke weit verbreitet und diente dazu, eine direkte Bedrohungslage zu konstruieren, um den Krieg als notwendige Verteidigungsma\u00dfnahme darzustellen. Erg\u00e4nzend dazu wurden angebliche milit\u00e4rische Erfolge Russlands betont und wirtschaftliche sowie gesellschaftliche Krisen westlicher L\u00e4nder \u00fcberh\u00f6ht dargestellt, um das Bild eines starken Russlands gegen\u00fcber einem angeblich zerfallenden Westen zu erzeugen. (2) Im Hinblick auf die internationale Wahrnehmung besteht das Bestreben der russischen Regierung darin, die Deutungshoheit \u00fcber die Bewertung des Angriffskriegs gegen die Ukraine aufrecht zu erhalten und negative Reaktionen der Staatengemeinschaft gegen\u00fcber Russland sowie eine ideelle und materielle Unterst\u00fctzung der Ukraine seitens ausl\u00e4ndischer Akteure zu erschweren oder zu vereiteln. Hybride Ma\u00dfnahmen haben auch zum Ziel, den inneren Zusammenhalt der EU und der NATO zu destabilisieren und m\u00f6gliche Spaltungslinien in den westlichen Gesellschaften zu vertiefen. In diesem Zusammenhang werden gezielt Desinformationen \u00fcber westliche Waffenlieferungen verbreitet, etwa durch die Behauptung, diese w\u00fcrden in die H\u00e4nde extremistischer Gruppen gelangen oder den illegalen Waffenhandel befeuern. \u00dcber soziale Medien und alternative Nachrichtenseiten werden solche Narrative verst\u00e4rkt, um Zweifel an der Wirksamkeit und Legitimit\u00e4t der westlichen Unterst\u00fctzungspolitik zu sch\u00fcren. Gleichzeitig greifen russische Akteure kontroverse politische Debatten innerhalb der EU - beispielsweise \u00fcber Energieabh\u00e4ngigkeit, Migrationspolitik oder Haushaltsfragen - auf und verst\u00e4rken diese gezielt, um das Bild eines zerstrittenen und geschw\u00e4chten Westens zu f\u00f6rdern. Ziel ist es, die internationale Solidarit\u00e4t mit der Ukraine zu unterminieren und politischen Druck auf westliche Entscheidungstr\u00e4ger zu erzeugen. Durch aufwendig strukturierte Ma\u00dfnahmen betreibt Russland im politischen Bereich gezielte Einflussnahme. Ein Beispiel ist die Plattform \"Voice of Europe\", die sich als internationales Nachrichtenportal ausgab, tats\u00e4chlich aber Inhalte verbreitete, die mit den au\u00dfenpolitischen 160","Spionageabwehr Zielen Russlands \u00fcbereinstimmten. Im Vorfeld der Europawahl am 9. Juni 2024 wurde diese Operation, die sich unter anderem an Abgeordnete und Kandidaten des Europ\u00e4ischen Parlaments richtete, von mehreren europ\u00e4ischen Sicherheitsdiensten - darunter auch das BfV - identifiziert und gestoppt. Infolgedessen verh\u00e4ngte die EU am 27. Mai 2024 Sanktionen gegen das beteiligte Unternehmen und mehrere zugeh\u00f6rige Personen. Ein weiteres Beispiel ist die sogenannte \"Doppelg\u00e4nger''-Kampagne - eine langfristig angelegte, technisch anspruchsvolle Einflussoperation mit russischem Ursprung. Seit Anfang 2022 werden dabei gezielt Falschinformationen und Propaganda verbreitet, indem Internetseiten etablierter Medien nachgebildet oder vermeintlich unabh\u00e4ngige Nachrichtenseiten aufgebaut werden. Trotz EU-Sanktionen gegen zwei der verantwortlichen Firmen im Jahr 2023 wurden die Aktivit\u00e4ten fortgesetzt. Ziel ist es, durch vorget\u00e4uschte Glaubw\u00fcrdigkeit bestimmte Narrative im \u00f6ffentlichen Diskurs zu verankern. Zur Verst\u00e4rkung der Reichweite werden Inhalte \u00fcber automatisierte Konten - etwa im Netzwerk des Kurznachrichtendienstes X - weiterverbreitet. Auch im Kontext der Europawahl 2024 wurde auf diesem Weg gezielt Desinformation zu polarisierenden Themen in den deutschen Informationsraum eingespeist. Der sachsen-anhaltische Landesverband der AfD hat eine Kampagne mit dem Namen \"Stoppt die Sanktionen!\" gestartet, die sich gegen die wirtschaftlichen Sanktionen der EU und Deutschlands gegen\u00fcber Russland richtet.110 Im Zentrum der Kampagne steht die Forderung nach einem Ende der Wirtschaftssanktionen, deren Nutzen und Rechtfertigung durch den Einsatz von Desinformation bestritten wird. Die Kampagne verbreitet das Narrativ, Deutschland schade mit den Sanktionen und der durch sie bewirkten Verschlechterung der Handelsbeziehungen zur Russischen F\u00f6deration seinen nationalen Interessen. Der Website der Initiative kann entnommen werden, dass es sich bei der Initiative, entgegen der Behauptung des Landesverbandes der AfD, nicht um eine \u00fcberparteiliche Initiative handelt: Alle 19 als Unterst\u00fctzer aufgef\u00fchrten Politiker sind Mitglieder der AfD. Was k\u00f6nnen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger gegen Desinformation tun? Desinformation entfaltet vor allem dadurch ihre Wirkung, dass ihre wahrheitswidrigen Inhalte bewusst emotionalisieren und dann von vielen Menschen ungepr\u00fcft und unkritisch weiterverbreitet werden. Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Widerstandskraft im Informationsraum sind Kernelemente eines wirksamen Schutzes. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde gibt folgende Handlungsempfehlungen, um nicht Opfer von Desinformation zu werden: In den sozialen Medien verbreitete Informationen sollten nicht ungepr\u00fcft weitergeleitet, sondern zun\u00e4chst kritisch hinterfragt werden. Es ist bekannt, dass Meldungen umso h\u00e4ufiger geteilt werden, je emotionaler oder dramatischer sie formuliert sind. Desinformationskampagnen zielen genau darauf ab, dass sich falsche Meldungen und Nachrichten viral verbreiten und so Verunsicherung sch\u00fcren und \u00c4ngste ausl\u00f6sen - ohne dass deren Wahrheitsgehalt hinterfragt wird. Beteiligen Sie sich nicht an der Verbreitung fragw\u00fcrdiger oder zweifelhafter Inhalte! 110 Vgl. hierzu auch den Abschnitt \"'Alternative f\u00fcr Deutschland' (AfD) Landesverband Sachsen-Anhalt\" in dem Kapitel \"Rechtsextremismus\", S. 25. 161","Spionageabwehr Leiten Sie Informationen nicht blindlings weiter! Seri\u00f6se Berichterstattung zeichnet sich durch Unabh\u00e4ngigkeit und Faktenbasiertheit aus. Unabh\u00e4ngige Medien recherchieren ihre Meldungen und bieten zus\u00e4tzliche Informationen, Hintergrundinformationen und Faktenchecks an. Bei Unsicherheiten geben sie oft Hinweise darauf, dass Bildund Videomaterial oder Berichte aus Krisengebieten nicht unabh\u00e4ngig \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nnen. Desinformation hingegen erfolgt gezielt, ist parteiisch und verbirgt oft den wahren Urheber. Hinterfragen Sie Quellen und Urheber kritisch. Nutzen Sie Faktenchecks und lesen Sie Informationen aufmerksam durch. Vergleichen Sie Inhalte mit anderen vertrauensw\u00fcrdigen Quellen, wie den Nachrichtensendern sowie Tagesund Wochenzeitungen. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat im Vorfeld der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 vor einer Zunahme von Desinformationskampagnen gewarnt. Mit Informationen auf ihrer Internetseite sowie mit einer Pressemitteilung im Rahmen der Informationsreihe \"Was macht der Verfassungsschutz?\"111 sensibilisierte die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die Gefahr der Manipulation des demokratischen Willensbildungsprozesses durch hybride Einflussnahmeaktivit\u00e4ten fremder Staaten.112 SABOTAGE Die Russische F\u00f6deration hat im Zuge ihres v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffskriegs gegen die Ukraine abstrakt den \"Westen\" und seine freiheitliche Lebensweise zum Feind erkl\u00e4rt. Aufgrund der \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen russischer Spitzenpolitiker m\u00fcssen die Staaten der EU und der NATO davon ausgehen, dass es zu hybriden Bedrohungen und staatlich gelenkten oder beeinflussten Ma\u00dfnahmen in ihren L\u00e4ndern kommen kann. Von besonderer Bedeutung sind dabei m\u00f6gliche Sabotageaktionen, die von russischen oder prorussisch eingestellten Personen ausgehen, welche von russischen Nachrichtendiensten angeworben oder mittelbar rekrutiert wurden. Der Begriff Sabotage ist nicht zwingend an das Agieren von Nachrichtendiensten gebunden. Unter 111 Vgl. hierzu den Abschnitt \"\u00d6ffentlichkeitsarbeit und Pr\u00e4vention\" in dem Kapitel \"Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt\", S. 13 ff. 112 \"Desinformation und hybride Bedrohungen: Eine Gefahr f\u00fcr die demokratische Willensbildung\", URL: https://mi.sachsen-anhalt.de/verfassungsschutz/informationsreihe-was-macht-der-verfassungsschutz/teil-2-desinformation-und-hybride-bedrohungen-eine-gefahr-fuer-die-demokratische-willensbildung. 162","Spionageabwehr Sabotage ist die absichtliche und zielgerichtete Beeintr\u00e4chtigung von milit\u00e4rischen oder politischen Prozessen oder von Produktionsabl\u00e4ufen zu verstehen. Dazu k\u00f6nnen das Besch\u00e4digen oder Zerst\u00f6ren wichtiger Anlagen und Einrichtungen (beispielsweise im Bereich kritischer Infrastrukturen) z\u00e4hlen. Der St\u00f6rungshandlung ist zun\u00e4chst nicht anzusehen, dass es eine Sabotagehandlung sein k\u00f6nnte, die ein fremder Nachrichtendienst beauftragt hat. Sie kann sich als Sachbesch\u00e4digung, Brandstiftung oder andere sch\u00e4digende Straftat darstellen und im Zusammenhang mit anderen Straftaten (z. B. nachrichtendienstlicher Aussp\u00e4hung) auftreten. Im Juli 2024 gingen in mehreren europ\u00e4ischen Staaten Pakete, die per Luftfracht versendet wurden oder werden sollten, in Flammen auf. Es handelte sich dabei mutma\u00dflich um Sabotageaktionen des russischen Milit\u00e4rnachrichtendienstes GRU. Einer dieser Vorf\u00e4lle ereignete sich am Flughafen Leipzig/ Halle, wo ein mit Zeitz\u00fcnder und hochentz\u00fcndlichen Brennstoffen pr\u00e4parierter Brandsatz in Flammen aufging. F\u00fcr die Umsetzung von Sabotageaktionen bedient sich der GRU h\u00e4ufig sogenannter \"LowLevel-Agenten\". Damit sind Personen ohne nachrichtendienstlichen Hintergrund gemeint, die niedrigschwellig und \u00fcber Kontaktpersonen und -netzwerke zur Verschleierung des nachrichtendienstlichen Hintergrunds angeworben und f\u00fcr vergleichsweise einfache Operationen im nachrichtendienstlichen Interesse eingesetzt werden. Den Akteuren ist ihre Einbindung in nachrichtendienstliche Aktionen in der Regel nicht bekannt. Die Motivation zur \u00dcbernahme von Auftr\u00e4gen liegt \u00fcblicherweise in finanziellen Interessen oder patriotischen Haltungen, die ausgenutzt werden. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen hat die EU gegen Personen, die aus ihrer Sicht an der Steuerung russischer Sabotageaktivit\u00e4ten in Europa beteiligt sind, Sanktionen verh\u00e4ngt.113 In Sachsen-Anhalt sind Straftaten gegen Kritische Infrastrukturen bekannt geworden, die die Qualit\u00e4t von Sabotage erreicht haben. Ein konkreter Nachweis f\u00fcr einen nachrichtendienstlichen Hintergrund liegt allerdings in keinem dieser F\u00e4lle vor. Seit 2022 warnt der Verfassungsschutz vor der Sabotage Kritischer Infrastrukturen. Diese sind ein potenzielles Angriffsziel von Saboteuren, die von russischen Geheimdiensten beauftragt worden sind. Hierzu ver\u00f6ffentlichte das BfV am 26. Juli 2024 einen \"Sicherheitshinweis 113 Als Beispiel sei hier auf den GRU-Oberst Denis Smolyaninov und die GRU-Einheit 29155 verwiesen. Der Rat der Europ\u00e4ischen Union begr\u00fcndet die Sanktionierung von Denis Smolyaninov u. a. wie folgt: \"Denis Alexandrovich Smolyaninov ist ein Oberst der GRU, der auf psychologische Kriegsf\u00fchrung spezialisiert ist. [...] Er nutzt Telegram-Kan\u00e4le, um Desinformation zu verbreiten, auch in der Ukraine. \u00dcber soziale Medien rekrutiert er Agenten f\u00fcr Sabotageakte in der Union und andere Aktivit\u00e4ten zur Schaffung von Spannungen zwischen NATO-L\u00e4ndern. Die GRU ist verantwortlich f\u00fcr die aktive Vorbereitung von Explosionen, Brandstiftung und Sch\u00e4den der Infrastruktur auf dem Gebiet der Union, um Waffenlieferungen in die Ukraine zu verlangsamen, Zwietracht zu s\u00e4en und den Anschein zu schaffen, dass in Europa Unzufriedenheit in Bezug auf die Unterst\u00fctzung der Ukraine herrscht. [...]\" (Beschluss 2024/3174 des Rates der Europ\u00e4ischen Union vom 16. Dezember 2024 zur \u00c4nderung des Beschlusses 2024/2643 \u00fcber restriktive Ma\u00dfnahmen angesichts der destabilisierenden Aktivit\u00e4ten Russlands, URL: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=OJ:L_202403174). 163","Spionageabwehr f\u00fcr die Wirtschaft\", der auf der Homepage des BfV heruntergeladen werden kann.114 Auf der Homepage des Verfassungsschutzes Sachsen-Anhalt steht das Informationsblatt \"Schutz vor Sabotage\" in deutscher und englischer Sprache zum Download zur Verf\u00fcgung.115 CYBERABWEHR Unternehmen, Beh\u00f6rden und wissenschaftliche Institutionen sind t\u00e4glich mit Cyberangriffen konfrontiert. Sie k\u00f6nnen staatlich geduldet, unterst\u00fctzt oder sogar gelenkt sein. Fremde Nachrichtendienste sowie andere fremde staatliche oder staatlich unterst\u00fctzte Cyberakteure bauen ihre Cyberf\u00e4higkeiten immer st\u00e4rker aus. Sie nutzen den Cyberraum als Operationsgebiet, um verborgene Informationen zu erlangen oder ihre Opfer mittels Ransomware zu erpressen.116 Die fortschreitende Digitalisierung aller Lebensbereiche kommt dem Interesse fremder Nachrichtendienste entgegen. Grunds\u00e4tzlich kann jedes Ger\u00e4t mit Zugang zum Internet von Cyberakteuren identifiziert und angegriffen werden. Autorit\u00e4re Regierungen sind bestrebt, ihre Staaten auch im Internet abzuschotten und Vernetzungsm\u00f6glichkeiten unter ihre Kontrolle zu bringen. Aus dieser umfassenden \u00dcberwachung kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass von diesen Staaten ausgehende Cyberangriffe nicht unbemerkt bleiben und von den jeweiligen Regierungen daher entweder blo\u00df geduldet oder sogar unterst\u00fctzt werden. Eine der wirksamsten Cyberangriffsmethoden stellt nach wie vor das \"Phishing\" dar, bei dem die Zielperson dazu verleitet wird, Kennwort und Passwort an die unbekannten Angreifer weiterzuleiten, die daraufhin Zugriff auf interne IT-Netzwerke erhalten. Auf der Homepage der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde finden Sie Handlungsempfehlungen zum Schutz vor \"Phishing\".117 Cyberangriffe der Russischen F\u00f6deration Russische Nachrichtendienste unterhalten Organisationseinheiten, die Cyberangriffe gegen Ziele in der Ukraine, in EUund NATO-Staaten durchf\u00fchren. Sie nutzen den Cyberraum zur Unterst\u00fctzung der mittelund langfristigen Absichten der Regierung, aber auch um (Wirtschafts-)Spionage und Sabotage zu betreiben. Daneben gibt es in der Russischen F\u00f6deration Cyberakteure, die staatlich gegr\u00fcndet oder staatlich unterst\u00fctzt, bisweilen auch nur staatlich geduldet sind und die aus kriminellen, nachrichtendienstlichen oder politisch-aktivistischen Motiven gegen europ\u00e4ische und deutsche Ziele handeln. Die Russische F\u00f6deration und ihre Unterst\u00fctzer begreifen den Cyberraum als zus\u00e4tzliches milit\u00e4risches Operationsgebiet, auf dem es gilt, empfindliche Schl\u00e4ge gegen feindliche Infrastrukturen auszuf\u00fchren. 114 https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2024/2024-07-26-sicherheitshinweis-schutz-vor-sabotage.html. 115 https://mi.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Politik_und_Verwaltung/MI/MI/3._Themen/Verfassungsschutz/Referat_44/WiSchu_Sabotageschutz.pdf. 116 Als Ransomware werden Schadprogramme bezeichnet, die den Zugriff auf Daten und Systeme einschr\u00e4nken oder verhindern und diese Ressourcen nur gegen Zahlung eines L\u00f6segeldes (englisch \"ransom\") wieder freigeben. 117 https://mi.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Politik_und_Verwaltung/MI/MI/3._Themen/Verfassungsschutz/Referat_44/WiSchu_Schutz_vor_Phishing.pdf. 164","Spionageabwehr Die Staaten der NATO und der EU unterst\u00fctzen die Ukraine in ihrem Kampf zur Erhaltung ihrer Staatlichkeit und wurden daher verst\u00e4rkt von russischen Cyberakteuren angegriffen, insbesondere mittels sogenannter DDoS-Attacken,118 die Internetseiten f\u00fcr mehrere Stunden stilllegen k\u00f6nnen. Wenngleich die tats\u00e4chlichen Folgen solcher Angriffe (wie etwa Einschr\u00e4nkungen bei Online-Services) minimal sind, k\u00f6nnen sie mittelfristig eine destabilisierende Wirkung entfalten: Mit DDoS-Angriffen gegen staatliche Homepages werden eGovernmentDienste dem Zugriff der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger entzogen; die Sichtbarkeit solcher Angriffe kann au\u00dferdem Zweifel an der Sicherheit digitaler Prozesse hervorrufen oder verst\u00e4rken und damit mittelbar auch das Vertrauen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in den demokratischen Rechtsstaat negativ beeinflussen. Wie bereits im Vorjahr griff der prorussische Cyberakteur \"NoName057\" auch im Jahr 2024 das Online-Portal des Landes Sachsen-Anhalt an, allerdings ohne gr\u00f6\u00dfere Sch\u00e4den zu verursachen. Hochschulen und Universit\u00e4ten unterliegen einer besonderen Gef\u00e4hrdung. Aufgrund ihrer offenen IT-Netze und einer Vielzahl von Nutzern, die sich von au\u00dfen in die Hochschulnetze einloggen m\u00fcssen, bieten sich Angreifern oft viele M\u00f6glichkeiten, um die IT-Infrastrukturen von Hochschuleinrichtungen zu infiltrieren. Cyberangriffe aus der Volksrepublik China Die VRC hat in den letzten Jahren ihre Sicherheitsgesetzgebung zu Lasten von in China t\u00e4tigen ausl\u00e4ndischen Unternehmen, Besucherinnen und Besuchern und der eigenen Bev\u00f6lkerung versch\u00e4rft. Es gelingt ihr, sensible personenbezogene Daten und Unternehmensdaten in ihren Machtbereich zu ziehen. Im Berichtszeitraum wurde bekannt, dass chinesische Nachrichtendienste zur Nachrichtengewinnung das vorherrschende \"Staubsaugerprinzip\", die Gewinnung aller verf\u00fcgbaren Informationen \u00fcber die Ziell\u00e4nder und ihre relevanten Ziele, um eine Komponente erweitern konnten. Ein Unbekannter hatte auf der Plattform Github ein gr\u00f6\u00dferes Konvolut an Dateien ver\u00f6ffentlicht, das anhand des chinesischen Unternehmens \"i-Soon\" die Industrialisierung der Cyberspionage nachweist. \"i-Soon\" hatte demnach eigenst\u00e4ndig Cyberspionage betrieben und seine illegal erbeuteten Informationen den chinesischen Nachrichtendiensten zum Kauf angeboten. Eine technische Spezialit\u00e4t chinesischer Cyberspionageakteure besteht darin, Sicherheitsl\u00fccken in der hardwarenahen Software von veralteten und von den Herstellern nicht mehr unterst\u00fctzten Netzwerk-Komponenten auszunutzen, um sensible Datenverkehre auszuleiten. Die sachsen-anhaltische Spionageabwehr ging Hinweisen aus dem Verfassungsschutzverbund auf betroffene sachsen-anhaltische Unternehmen nach. 118 Ein DDoS-Angriff (engl. Distributed-Denial-of-Service-Attack) ist eine technisch niederschwellige Form des Cyberangriffs, bei dem in der Regel ein Internetdienst von einer Vielzahl von gekaperten Servern aus angegriffen wird, was zur \u00dcberlastung und damit zur Nichtverf\u00fcgbarkeit des Internetdienstes f\u00fchrt. 165","Spionageabwehr Die Bundesregierung f\u00fchrte zu derartigen Cyberangriffen der APT119-Gruppen 15 und 31 ein offizielles Verfahren zur Bestimmung der Urheberschaft der Angriffe durch, bei dem die obersten, fachlich mit der Cyberabwehr betrauten Bundesbeh\u00f6rden - BfV, Bundesamt f\u00fcr Sicherheit in der Informationstechnik und Bundesnachrichtendienst (BND) - ihre Expertise zusammenf\u00fchren. Im Ergebnis dieses Attribuierungsverfahrens wurden die Nachrichtendienste der VRC als T\u00e4terorganisationen identifiziert. Das Ausw\u00e4rtige Amt bestellte daraufhin erstmals in der Geschichte der diplomatischen Beziehungen beider Staaten den chinesischen Botschafter ein. WIRTSCHAFTSSCHUTZ Der Wirtschaftsschutz hat gem\u00e4\u00df SS 4a VerfSchG-LSA die Aufgabe, die sachsen-anhaltische Bev\u00f6lkerung, Unternehmen, Beh\u00f6rden sowie Einrichtungen der Wissenschaft und der Forschung \u00fcber Mittel und Methoden zu informieren, mit denen sich fremde Nachrichtendienste illegal Know-how verschaffen oder Sabotageakte ver\u00fcben. Zudem informiert er \u00fcber Extremismus, Cyberangriffe und Staatsterrorismus sowie \u00fcber deren m\u00f6gliche Auswirkungen f\u00fcr Unternehmen, Forschungseinrichtungen und andere Institutionen. Er ber\u00e4t, informiert und sensibilisiert Unternehmen, Wirtschaftsverb\u00e4nde, Forschungseinrichtungen, Hochschulen und andere Institutionen, um diese dabei zu unterst\u00fctzen, eigenverantwortlich und effektiv Ma\u00dfnahmen gegen Ausforschung (insbesondere Wirtschaftsspionage), Sabotage und andere sch\u00e4dliche Einwirkungen fremder Staaten und Nachrichtendienste zu ergreifen. Mitarbeiter von Unternehmen, die im Au\u00dfendienst t\u00e4tig sind und Auslandsdienstreisen unternehmen m\u00fcssen, unterliegen der st\u00e4rksten Gef\u00e4hrdung, von fremden Nachrichtendiensten offen oder verdeckt angesprochen und ausgeforscht zu werden. Dies gilt ganz besonders f\u00fcr autorit\u00e4r regierte Staaten wie Russland, Iran, Nordkorea und China und andere Staaten mit besonderen Sicherheitsrisiken (SmbS). Diese setzen auch im Ausland zahlreiche Mittel und Methoden ein, um nicht nur auf legalem Wege vertrauliche Informationen, strategische Erkenntnisse und wertvolles Know-how zu erhalten. Wirtschaftsschutz gegen chinesische Aktivit\u00e4ten In ihrem erkl\u00e4rten Bestreben, bis zur Mitte dieses Jahrhunderts zur weltweit f\u00fchrenden Technologieund Wirtschaftsmacht zu werden, setzt die VRC gezielt unlautere Methoden des Wissensund Technologietransfers ein. Die VRC verfolgt das Fernziel, aus der wirtschaftlichen Abh\u00e4ngigkeit von Staaten eine politische zu generieren und in deren Souver\u00e4nit\u00e4t einzugreifen. Milliardenschwere Direktinvestitionen werden nach wie vor f\u00fcr den legalen Knowhow-Erwerb genutzt. F\u00fcr die gesellschaftliche, wirtschaftliche und milit\u00e4rische Zukunft sind die \"Emerging Technologies\" (z. B. K\u00fcnstliche Intelligenz, Nanotechnologie, additive Fertigungsverfahren, Quantentechnologie) von gro\u00dfer Bedeutung: Das sind zukunftsweisende Technologien, deren Einsatz in den Bereichen der milit\u00e4rischen und der R\u00fcstungsforschung sprunghafte Forschungsfortschritte verspricht. Die innerchinesische Wissenschaftsstrategie der \"zivil-milit\u00e4rischen Fusion\" tr\u00e4gt dem Begehren in besonderer Weise Rechnung. Anders als an deutschen Universit\u00e4ten existieren milit\u00e4rische und zivile Forschungseinrichtungen auf demselben Campus. Zivile Forschungsergebnisse sollen nach dieser Zielsetzung unmittelbar 119 Advanced Persistent Threat = Fortgeschrittene nachhaltige Bedrohung. Eine besonders hartn\u00e4ckige in Netzwerken und Rechnern eingenistete Spionageoder sonstige Schadsoftware. 166","Spionageabwehr der milit\u00e4rischen Forschung zuflie\u00dfen. Um die gesteckten Ziele im Bereich der Zukunftstechnologien zu erreichen, setzt die VRC auf verschiedene Methoden des Know-how-Erwerbs. Eine seit Jahren wichtige Strategie ist dabei der Kauf westlicher Unternehmen. Als Ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen (ADI) bezeichnet man den sonst \u00fcblichen Erwerb oder Teilerwerb von deutschen Unternehmen durch ausl\u00e4ndische Investoren, deren Firmensitz oder der des Mutterkonzerns sich nicht in einem EUMitgliedstaat befindet. Insbesondere die chinesische Botschaft unterst\u00fctzt solche strategisch wichtigen Erwerbsvorhaben mit entsprechender Medienarbeit und greift dabei stark in innerdeutsche Belange ein. Zur Vorsorge und zum Schutz kritischer Infrastrukturen sowie f\u00fcr die Sicherheit der f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland bedeutsamen Unternehmen wurden daher gesetzliche Regelungen geschaffen. Wenn Akteure au\u00dferhalb der EU ein solches Unternehmen erwerben m\u00f6chten, greift ein staatliches Pr\u00fcfverfahren. Die au\u00dfenwirtschaftsrechtliche Investitionspr\u00fcfung in Deutschland wird durch das Au\u00dfenwirtschaftsgesetz (AWG) und die Au\u00dfenwirtschaftsverordnung (AWV) geregelt. Das Bundesministerium f\u00fcr Wirtschaft und Energie (BMWE) ist die f\u00fcr die Investitionspr\u00fcfung zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde. Die \u00dcbernahme von Unternehmen aus strategisch wichtigen oder sensiblen Industriesektoren wird damit zum Schutz nationaler und europ\u00e4ischer Sicherheitsinteressen erschwert. Im Vorfeld von Unternehmensk\u00e4ufen, die einer Investitionspr\u00fcfung bed\u00fcrfen, bietet der Wirtschaftsschutz an, den Ver\u00e4u\u00dferer entsprechend zu sensibilisieren. Pr\u00e4ventionsarbeit des Wirtschaftsschutzes Die in Sachsen-Anhalt t\u00e4tigen Unternehmen und Institutionen k\u00f6nnen bei Bedarf kostenfrei Beratungen und Gespr\u00e4che mit dem Wirtschaftsschutz in Anspruch nehmen. Sollten dem Wirtschaftsschutz konkrete oder abstrakte Gef\u00e4hrdungshinweise vorliegen, geht er selbst\u00e4ndig auf die Betroffenen zu. Im Rahmen seiner Pr\u00e4ventionsarbeit sucht der Wirtschaftsschutz insbesondere Kontakt zu kleinen und mittleren Unternehmen und wirbt im Rahmen von Informationsund Sensibilisierungsgespr\u00e4chen daf\u00fcr, Risiken und Bedrohungen durch fremde Nachrichtendienste ernst zu nehmen und Schutzma\u00dfnahmen zu ergreifen. Wichtige Medien f\u00fcr die Sensibilisierung von Unternehmen und des dort besch\u00e4ftigten Personals sind auch Informationsbl\u00e4tter des Wirtschaftsschutzes zu speziellen Einzelthemen - z. B. Sicherheit auf Gesch\u00e4ftsreisen (mit Checkliste), Schutz vor Social Engineering; Spionage in Wissenschaft und Forschung, Schutz vor Phishing -, die gemeinsam im Verfassungsschutzverbund entwickelt worden sind. Diese k\u00f6nnen auch auf der Homepage des Verfassungsschutzes heruntergeladen werden.120 Der Wirtschaftsschutz ist mit den Sicherheitsbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder, den Industrieund Handelskammern in Sachsen-Anhalt, mit Wirtschaftsverb\u00e4nden sowie wissenschaftlichen Lehrund Forschungseinrichtungen vernetzt, um Wissen, Analysen und Warnmeldungen aus dem gesamten Verfassungsschutzverbund und im Interesse der Sicherheit 120 Unter dem Link https://mi.sachsen-anhalt.de/verfassungsschutz/publikationen. Fokussiert wird in diesen Publikationen u. a. auf das Agieren von \"Innent\u00e4tern\", also von Personen, die entweder in ein Unternehmen eingeschleust oder aus ihm f\u00fcr Aussp\u00e4hzwecke geworben werden (siehe Informationsblatt \"Bedrohung durch Innent\u00e4ter\"). Unternehmen, Beh\u00f6rden und Wissenschaftsinstitutionen k\u00f6nnen dieses Sicherheitsrisiko mit Hilfe eines \"Pre-Employment Screening\", einem datenschutzkonformen Personencheck von Bewerberinnen und Bewerbern, vermeiden (siehe hierzu das das Informationsblatt \"Pre-Employment Screening\"). 167","Spionageabwehr von Wirtschaft und Forschung zu teilen. Allen sachsen-anhaltischen Unternehmen, Unternehmensverb\u00e4nden, Forschungsund Wissenschaftseinrichtungen steht der Wirtschaftsschutz mit seinem Informationsangebot in Form von Publikationen, Sensibilisierungen und Vortr\u00e4gen kostenfrei zur Verf\u00fcgung. Weitergehende Angebote k\u00f6nnen im Rahmen eines pers\u00f6nlichen Kontaktes erarbeitet werden. Treten Sie mit uns in Kontakt: Telefon: 0391/567 3900 E-Mail: wirtschaftsschutz@mi.sachsen-anhalt.de PROLIFERATIONSABWEHR Die Weiterverbreitung atomarer, biologischer und chemischer Massenvernichtungswaffen sowie bestimmter Tr\u00e4gersysteme (Raketen, Drohnen etc.) und des daf\u00fcr erforderlichen Know-hows bedrohen den Frieden und unterliegen in der Bundesrepublik Deutschland der Exportkontrolle. Die Finanzierung der Proliferation unterliegt einem strengen Sanktionsregime. Die Exportkontrolle fu\u00dft auf mehreren internationalen Vertr\u00e4gen, welche die Bundesrepublik Deutschland ratifiziert hat. Als Beispiel sei hier das Chemiewaffen\u00fcbereinkommen genannt. Mit der Durchf\u00fchrung der Exportkontrollen sind die Zollbeh\u00f6rden beauftragt. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden stellen jedoch immer wieder fest, dass f\u00fcr den illegalen Export von sensiblen G\u00fctern verdeckte Methoden eingesetzt werden, die auf das Wirken von fremden Nachrichtendiensten schlie\u00dfen lassen. Die Nachrichtendienste der Staaten Indien, Iran, Nordkorea, Pakistan, Syrien und der VRC stehen im Verdacht, Proliferation zu betreiben o- der logistisch und personell Unterst\u00fctzung zu leisten. Auch die Russische F\u00f6deration setzt nachrichtendienstliche Mittel ein, um an sensible G\u00fcter zu gelangen, die den in Reaktion auf den v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine gegen Russland verh\u00e4ngten Wirtschaftssanktionen unterliegen. Hierzu z\u00e4hlen insbesondere hochentwickelte Industrieg\u00fcter, die, wie z. B. Mikrochips, f\u00fcr die russische R\u00fcstungsproduktion von gro\u00dfer Bedeutung sind. Um illegale Exporte durchzuf\u00fchren, verschleiern proliferatorische Akteure beispielsweise die tats\u00e4chlichen Endnutzer einer sensiblen Ware und beschaffen sie \u00fcber Umweglieferl\u00e4nder wie die VRC oder die Nachbarn von Risikostaaten wie Iran, Pakistan, Nordkorea oder Syrien. Zudem werden Tarnfirmen und Strohm\u00e4nner genutzt.121 Mitarbeit der Bev\u00f6lkerung Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat nach SS 4 Abs. 1 Nr. 3 VerfSchG-LSA den gesetzlichen Auftrag, Ausk\u00fcnfte, Nachrichten und Unterlagen \u00fcber geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht zu sammeln und auszuwerten. Damit sie ihren Auftrag erf\u00fcllen kann, ist sie auch auf die Mithilfe der Bev\u00f6lkerung angewiesen. Menschen k\u00f6nnen sich ungewollt in nachrichtendienstliche Aktivit\u00e4ten verstricken. Aufgrund eines Versto\u00dfes gegen ihnen nicht bekannte Gesetze im Ausland k\u00f6nnten sie in das Visier 121 Weitere Hinweise zum Thema Proliferation finden Sie in der Brosch\u00fcre \"Proliferation. Wir haben Verantwortung\", die von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder herausgegeben wird. Sie kann im Internet unter https://mi.sachsen-anhalt.de/verfassungsschutz/publikationen/publikationen-spionage-und-proliferationsabwehr/ heruntergeladen oder als Druckschrift per E-Mail bei wirtschaftsschutz@mi.sachsen-anhalt.de angefordert werden. 168","Spionageabwehr fremder Nachrichtendienste geraten und zur Mitarbeit gezwungen werden. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde kann Menschen, die bereits im Interesse fremder Staaten nachrichtendienstlich t\u00e4tig geworden sind, dabei helfen, sich aus einer ausweglos erscheinenden Situation zu befreien. Da die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden nicht (wie die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden) dem Legalit\u00e4tsprinzip unterliegen, sind sie nicht verpflichtet, die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden \u00fcber Hinweise auf Spionagedelikte zu informieren. Voraussetzung ist die freiwillige Aufgabe der nachrichtendienstlichen T\u00e4tigkeit und eine umfassende Offenbarung. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde sichert allen Hilfesuchenden Vertraulichkeit zu. Dasselbe gilt f\u00fcr die \u00dcbermittlung etwaiger Verdachtsmomente sowie von Informationen \u00fcber m\u00f6gliche Sicherheitsvorf\u00e4lle und Cyberangriffe. Die Spionageabwehr des Landes Sachsen-Anhalt ist zu erreichen unter: Telefon: 0391/567 3900 E-Mail: wirtschaftsschutz@mi.sachsen-anhalt.de Die Spionageabwehr bietet allen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern, Unternehmen, Interessenverb\u00e4nden, Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Beh\u00f6rden Sensibilisierungen zu den Themen Spionageabwehr, Wirtschaftsschutz und Cyberabwehr an. 169","GEHEIMSCHUTZ","Geheimschutz GEHEIMSCHUTZ Allgemeines Verschlusssachen (VS) sind Tatsachen, Gegenst\u00e4nde oder Erkenntnisse, die - unabh\u00e4ngig von ihrer Darstellungsform - geheim zu halten und entsprechend ihrer Schutzbed\u00fcrftigkeit mit einem der Geheimhaltungsgrade STRENG GEHEIM, GEHEIM, VS-VERTRAULICH oder VS-NUR F\u00dcR DEN DIENSTGEBRAUCH zu kennzeichnen sind. Alle Institutionen des Bundes und der L\u00e4nder m\u00fcssen sich darauf verlassen k\u00f6nnen, dass Informationen, deren Kenntnisnahme von Unbefugten den Bestand oder lebenswichtige Interessen der Bundesrepublik Deutschland und ihrer L\u00e4nder gef\u00e4hrden k\u00f6nnen, als im staatlichen Interesse geheim zu haltende Informationen wirkungsvoll gesch\u00fctzt werden. Jeder, dem eine VS anvertraut oder zug\u00e4nglich gemacht worden ist, tr\u00e4gt die pers\u00f6nliche Verantwortung f\u00fcr ihre sichere Aufbewahrung und vorschriftsm\u00e4\u00dfige Behandlung sowie f\u00fcr die Geheimhaltung ihres Inhalts gem\u00e4\u00df den Bestimmungen der Verschlusssachenanweisung f\u00fcr das Land Sachsen-Anhalt (VSA). Geheimschutz im \u00f6ffentlichen Bereich Personeller Geheimschutz Mit dem personellen Geheimschutz soll verhindert werden, dass Personen mit Sicherheitsrisiken Zugang zu VS erhalten. Das hierzu genutzte Instrument ist die Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von Personen, die mit einer sicherheitsempfindlichen T\u00e4tigkeit betraut werden sollen. Die Verantwortung f\u00fcr diese Sicherheitsma\u00dfnahmen liegt bei den zust\u00e4ndigen Stellen. Im \u00f6ffentlichen Bereich des Landes ist die zust\u00e4ndige Stelle in der Regel die Besch\u00e4ftigungsbeh\u00f6rde. Die zust\u00e4ndige Stelle bestellt zur Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben einen Geheimschutzbeauftragten und einen Vertreter. Das Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsverfahren ist im Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsund Geheimschutzgesetz des Landes Sachsen-Anhalt (S\u00dcG-LSA) geregelt. Die Mitwirkung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Sachsen-Anhalts beruht auf SS 4 Abs. 2 Nr. 1 VerfSchG-LSA in Verbindung mit SS 4 Abs. 3 S\u00dcG-LSA. Gr\u00fcnde, die einem Einsatz in einer sicherheitsempfindlichen T\u00e4tigkeit entgegenstehen, k\u00f6nnen sich insbesondere ergeben aus: Zweifeln an der Zuverl\u00e4ssigkeit (z. B. aufgrund von Straftaten, Drogenoder Alkoholmissbrauch); Gef\u00e4hrdungen durch Anbahnungsund Werbungsversuche fremder Nachrichtendienste (z. B. im Falle einer \u00dcberschuldung, da dies ein Ansatzpunkt sein kann, um den Betroffenen gegen Geldzahlung zu einer Verletzung seiner Pflichten zu veranlassen); 171","Geheimschutz Zweifeln am Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung (z. B. wegen extremistischer Bet\u00e4tigung). Die Frage, ob sich aus einem derartigen Umstand tats\u00e4chlich ein Sicherheitsrisiko ergibt, ist in jedem Einzelfall unter Ber\u00fccksichtigung der Art der vorgesehenen sicherheitsempfindlichen T\u00e4tigkeit zu pr\u00fcfen. Eine Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung darf nur mit ausdr\u00fccklicher vorheriger Zustimmung des Betroffenen erfolgen. Materieller Geheimschutz Der materielle Geheimschutz befasst sich mit technischen und organisatorischen Sicherheitsvorkehrungen, die verhindern oder zumindest erschweren sollen, dass Unbefugte an gesch\u00fctzte Informationen gelangen. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat hierbei die Aufgabe, \u00f6ffentliche Stellen und geheimschutzbetreute Unternehmen des Landes zu beraten, wie sie am besten technische Sicherungsma\u00dfnahmen planen und durchf\u00fchren k\u00f6nnen. 172","ANHANG","Anhang STATISTIK Extremistisches Personenpotenzial in Sachsen-Anhalt 2022 2023 2024 Rechtsextremisten Parteigebundener Rechtsextremismus (Parteien) 190 2.345 2.750 Weitgehend unstrukturierter, meist subkulturell ge900 970 1.110 pr\u00e4gter Rechtsextremismus Parteiungebundener Rechtsextremismus 255 250 290 Summe: 1.345 3.565 4.150 Gesamt (nach Abzug der Mehrfachmitgliedschaften): 1.270 3.350 4.000 Reichsb\u00fcrgerszene (inkl. Rechtsextremisten inner650 700 700 halb dieser Szene) Delegitimiererszene 100 90 Linksextremisten Gewaltorientierte Linksextremisten 295 295 295 Nicht gewaltorientierte Linksextremisten 305 385 385 Gesamt: 600 680 680 Islamisten 400 400 400 PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) 250 250 250 Summe 3.170 5.480 6.120 174","Anhang BILDNACHWEIS Seite 14 MI LSA Seite 23 Logo AfD Landesverband Sachsen-Anhalt Seite 33 Logo \"Die Heimat\" Seite 38 Logo \"Der III. Weg\" Seite 45 t.me/HalberstadtOffiziell t.me/harzverteidigen Seite 47 MI LSA Seite 50 https://wedaelysiabuch.wordpress.com/ Seite 54 https://www.instagram.com/js_sachsenanhalt/ https://www.tiktok.com/@djv_sotlzedeutschejugend Seite 61 https://opos-records.com Seite 62 https://isegrim-fashion.com/herren/t-shirts/307/t-shirt-schwarz-traditional Seite 63 https://www.erichs-druckbude.de/produkt/kissen/ https://storage.e.jimdo.com/cdn-cgi/image/quality=85,fit=scaledown,format=auto,trim=110;0;110;0,width=640,height=640/image/ 55677177/50c10cdc-845a-4ad5-a726-5a7db9c5f30c.jpg Seite 67 Logo IBD Seite 71 Logo IfS Seite 82 https://www.hilfsdienst.net/ Seite 87 https://bewegunghalle.de/ Seite 88 bernburg-steht-auf-ev.de Seite 95 https://political-prisoners.net/ https://www.instagram.com/kiezkommune_stadtfeld/ Seite 96 https://www.instagram.com/frauenkampftag.sfo/ https://www.instagram.com/roter.aufbau.burg/ Seite 97 https://www.instagram.com/fau_halle/ https://www.instagram.com/oaphalle/ Seite 98 https://komaufbau.org/ (3x) Seite 99 http://zusammenkaempfen.bplaced.net/ Seite 101 https://www.instagram.com/zora_magdeburg/ Seite 102 http://zusammenkaempfen.bplaced.net/ Seite 103 wikimedia.org https://www.instagram.com/redmediakollektiv/ Seite 106 https://www.instagram.com/infoladen.stadtfeld/ Seite 108 https://www.instagram.com/redmediakollektiv/ (3x) Seite 113 Logo \"Rote Hilfe\" Seite 114 https://www.facebook.com/profile.php?id=100064863450950 Seite 116 Logo MLPD Seite 119 Logo DKP Seite 126 https://www.youtube.com/watch?v=SvA0Y6zp5wc Seite 127 https://www.instagram.com/wd_dawa/ (3x) Seite 128 Logo IS Seite 132 Logo TJ Seite 138 Logo PKK 175","Anhang Seite 140 https://firatnews.com Seite 144 Logo MLKP Seite 145 Logo YS Logo ZORA Seite 146 https://www.instagram.com/youngstruggle_dessau/ Seite 147 https://www.instagram.com/zora_dessau/ Seite 150 Logo und Zeichen SO 176"],"title":"Verfassungsschutzbericht 2024","year":2024}
