{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-nw-1995.pdf","jurisdiction":"Nordrhein-Westfalen","num_pages":122,"pages":["Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Presseinformation............................................................................... 3 Vorwort ................................................................................................ 6 1 Entwicklungen im Extremismus 1995............................................. 8 1.1 Rechtsextremismus......................................................................................8 1.1.1 Entwicklungstendenzen .....................................................................8 1.1.2 Mitgliederzahlen...............................................................................15 1.1.3 Bericht des Justizministeriums NRW ...............................................16 1.2 Linksextremismus und -terrorismus ............................................................16 1.2.1 Linksextremismus: Entwicklungstendenzen.....................................16 1.2.2 Linksextremistischer Terrorismus: Entwicklungstendenzen.............19 1.2.3 Mitgliederzahlen...............................................................................22 1.2.4 Bericht des Justizministeriums NRW ...............................................22 1.3 Ausl\u00e4nderextremismus und -terrorismus.....................................................23 1.3.1 Entwicklungstendenzen ...................................................................23 1.3.2 Mitgliederzahlen...............................................................................28 1.4 Politisch motivierte Strafund Gewalttaten..................................................29 1.4.1 Fremdenfeindliche Straftaten...........................................................29 1.4.2 Politisch motivierte Gewalttaten.......................................................34 1.5 Scientology - eine Aufgabe f\u00fcr den Verfassungsschutz? ............................36 2 Rechtsextremismus ....................................................................... 38 2.1 Rechtsextremistische Organisationen, Gruppierungen und Str\u00f6mungen....38 2.1.1 Deutsch-Europ\u00e4ische Studiengesellschaft (DESG) .........................38 2.1.2 Deutsche Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH).....................................38 2.1.3 Deutsche Volksunion (DVU) ............................................................42 2.1.4 Deutsches Kulturwerk Europ\u00e4ischen Geistes e.V. (DKEG) .............46 2.1.5 Die Republikaner (REP)...................................................................47 2.1.6 F\u00f6rderkreis B\u00fcndnis Deutschland/\"Runde Tische\" von Rechtsextremisten ....................................................................................53 2.1.7 Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e.V. (GFP)....................................58 2.1.8 Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) ........................60 2.1.9 Nationaldemokratischer Hochschulbund (NHB)...............................65 2.1.10 Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei/Auslandsund Aufbauorganisation (NSDAP/AO) .............................................................65 NSDAP/ AO-Chef Lauck in Hitler-Pose.............................................................67 2.1.11 Neonazismus .................................................................................67 2.1.11.1 Junge Nationaldemokraten (JN).........................................72 2.1.11.2 Sauerl\u00e4nder Aktionsfront (SAF)..........................................75 2.1.11.3 Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V. (HNG) ..........................................................78 2.1.11.4 Deutsche Nationalisten (DN) ..............................................79 2.1.11.5 Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF) ...........79 1","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 2.1.11.6 \"Heimatschutzkorps der Waffen SS in OWL\" (HSK/OWL) .79 2.1.11.7 Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP) - verboten -....80 2.1.11.8 Nationalistische Front (NF) - verboten - .............................81 2.1.11.9 Wiking-Jugend (WJ) - verboten -........................................83 2.1.12 \"Neue Rechte\" ...............................................................................84 2.1.12.1 Junge Freiheit (JF) .............................................................86 2.1.12.2 \"Junge Freiheit\" - Leserkreise und Sommeruniversit\u00e4ten...97 2.1.12.3 Staatsbriefe ........................................................................99 2.1.12.4 Deutsches Kolleg .............................................................103 2.1.12.5 Europa Vorn aktuell, Europa Vorn spezial, \"hoppla!\" .......107 2.1.12.6 Nation und Europa - Deutsche Rundschau ......................112 2.1.12.7 Sleipnir - Zeitschrift f\u00fcr Kultur, Geschichte und Politik......114 2.1.13 Rechtsextremistische Skinheads .................................................116 2","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Presseinformation Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen - Pressereferat - D\u00fcsseldorf, 29.04.1996 PRESSEINFORMATION Verfassungsschutzbericht 1995 Innenminister Kniola: Rechtsextremisten und NRW-REPS haben an Bedeutung verloren - PKK man\u00f6vriert sich ins Abseits Das Innenministerium teilt mit: \"Rechtsextremistische Parteien und Neonazis haben an Bedeu tung verloren, die Aktivit\u00e4ten intellektueller Rechts extremisten der sogenannten \"Neuen Rechten\" haben zugenommen\", erkl\u00e4rte der nordrhein-westf\u00e4lische Innenminister FranzJosef Kniola heute (29.04.) bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts des Landes Nordrhein-Westfalen f\u00fcr das Jahr 1995 in D\u00fcsseldorf. Die Mi\u00dferfolge und Mitgliederverluste bei den Repu blikanern (REP) in NRW f\u00fchrt Kniola auf die innerpartei lichen Auseinandersetzungen zwischen Sch\u00f6nhuber und dem neuen Parteivorsitzenden Schlierer zur\u00fcck. Sch\u00f6nhuber habe sich vehement f\u00fcr eine \u00d6ffnung zu anderen rechtsextremistischen Parteien eingesetzt, Schlie rer halte an einer formalen Abgrenzung fest. \"Am rechtsextre mistischen Charakter der REPs hat sich nichts ge\u00e4ndert\", betonte Kniola und zitierte ein Urteil des O- berver waltungsgerichts in M\u00fcnster vom Dezember 1995, in dem den REP die Errichtung einer eigenen Parteistiftung wegen ihres rechtsextremen Charakters versagt wurde. Die Mitgliederzahl sei in Nordrhein-Westfalen von 2.400 auf h\u00f6chstens 1.700 gesunken. Den Versuch, \"Runde Tische\" der vereinten Rechten zu schaf fen, bezeichnete Kniola als eine Reaktion auf die Schw\u00e4che der Republikaner. Der Einsatz von Franz Sch\u00f6nhuber als politisches Zugpferd f\u00fcr die \"Runden Tische\" \u00e4ndere nichts an deren Bedeutungslosigkeit. F\u00fcr die Gr\u00fcndung einer vereinten rechten Partei sieht der nordrhein-westf\u00e4lische Innenminister keinerlei Perspektive. Die Entwicklung bei den Neonazis sei 1995 zwiesp\u00e4ltig verlaufen. Nach dem Verbot und der Aufl\u00f6sung der FAP im Fr\u00fchjahr 1995 seien die Sauerl\u00e4nder Aktionsfront (SAF) und die Jungen Nationaldemokraten, die Jugendorganisa tion der NPD, die letzten nennenswerten Zusammenschl\u00fcsse von Neonazis. Viele Aktivisten aus der Szene h\u00e4tten re signiert. Der verbliebene harte Kern agiere jedoch ohne feste organisatorische Strukturen und hochkonspirativ. \"Auff\u00e4llig ist die enge Zusammenarbeit zwischen nie derl\u00e4ndischen Neonazis und Neonazis aus Nordrhein-Westfa len\", so Kniola. Der Minister sieht eine zunehmende Militanz in der geschrumpften Neonazi-Szene. Einen Rechtsterrorismus gebe es allerdings nicht. \"Daf\u00fcr gibt es derzeit keine Anhaltspunkte\", erkl\u00e4rte der Minister. 3","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Besondere Sorge bereitet dem Innenminister die Entwicklung bei den gewaltbereitden Linksextremisten. Kniola sieht ein Zusammenwachsen des bisherigen RAF-Umfelds mit j\u00fcngeren gewaltbereiten Autonomen. Die Antiimperialistische Zelle (AIZ), die 1995 Bomben anschl\u00e4ge auf die Wohnh\u00e4user von CDU-Bundestagsabge ordneten ver\u00fcbt hat, sei ein Beispiel f\u00fcr die wach sende Gewaltbereitschaft. Die AIZ selbst sei allerdings nach ihren Bekenntnissen zum B\u00fcndnis mit islamischen Fundamen talisten innerhalb der linksextremistischen Szene vollst\u00e4ndig isoliert. \"Die AIZ des Jahres 1995 hat keine Zukunft\", so Kniola. Nach der Verhaftung von zwei Tat verd\u00e4chtigen m\u00fcsse abgewartet werden, ob die AIZ ihren Irrweg fortsetze. Zum \"antiimperialistischen Widerstand\" rechnet Kniola auch die sogenannte Kurdistan-Solidarit\u00e4t. Dabei handele es sich um die organisierte Unterst\u00fctzung der PKK durch ge waltbereite Linksextremisten. Alle Schl\u00fcsselfunktionen seien von Angeh\u00f6rigen des RAF-Umfelds oder von gewalt bereiten Antiimperialisten besetzt. Die gef\u00e4hrlichste extremistische Organisation von Ausl\u00e4ndern ist f\u00fcr Kniola nach wie vor die kurdische Arbeiterpartei PKK. Die PKK setzte 1995 ihre Doppelstrategie von Anschlagswellen und \u00f6ffentlichen Friedensbekundungen fort. \"Die PKK ist unberechenbar. Einen Dialog zu ihren Bedin gungen kann und wird es nicht geben\", befand der Minister. Trotz aller Demonstrationen der St\u00e4rke man\u00f6vriere sich die PKK in eine ausweglose Situation. Ohne einen Verzicht auf Gewalt werde die PKK keine Fortschritte erzielen. Kniola warnte vor einer Gleichsetzung der PKK mit den in Deutschland lebenden Kurden. Diese unterst\u00fctzen die PKK nur zu einem kleinen Teil. Auch das neue Satellitenfernsehen der PKK unter dem Namen MED-TV k\u00f6nne keine politischen Ver\u00e4nderungen bewirken. Die PDS, insbesondere den Landesverband Nordrhein-Westfa len, sieht Kniola als ein Sammelbecken von Linksextremisten unterschiedlicher Herkunft. Bemerkenswert sei die Verflechtung mit dem Bund Westdeutscher Kommunisten, dem linksextremisti schen GNN-Verlag in K\u00f6ln und mit militanten Autonomen. Der Minister erinnerte an die Beteiligung eines schwarzen Blockes an der PDSGegendemonstration am Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1995. \"Die PDS im Westen ist nicht die gleiche Partei wie die PDS in Ostdeutschland\", so Kniola. \"Die weltweiten Kommunikationsm\u00f6glichkeiten des Inter Net werden auch von Extremisten genutzt\", berichtete Kniola. Auf ausl\u00e4ndischen Rechnern sei Propaganda abrufbar, die in Deutschland verboten sei. So biete der Revisionist Ernst Z\u00fcndel aus Kanada Dokumente an, in denen der Holocaust geleugnet werde, wie z.B. den Leuchter-Report. Der NS-Kampfruf des amerikanischen Neonazis Gary Rex Lauck sei 1995 erstmals \u00fcber das InterNet verbreitet worden. Die verbotene links extremistische Untergrundzeitschrift \"radikal\" werde von den Niederlanden eingespeist. Auch das InterNet-Angebot der PDS vermittelt einen elektronischen Direktzugang zu \"radikal\". \"Da technische oder rechtliche Beschr\u00e4nkungen keine Abhilfe schaffen k\u00f6nnen\", so Kniola, \"mu\u00df man den m\u00fcndigen B\u00fcrger bef\u00e4higen, mit derartiger Pro paganda kritisch umzugehen.\" Zu diesem Zweck soll nach dem Willen des Ministers demn\u00e4chst auch der nordrheinwestf\u00e4lische Verfassungsschutz seine Informationen im InterNet anbieten. Eine elektronische e-mail-Adresse ist bereits eingerichtet: 4","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 info@mail.verfassungsschutz.nrw.de oder verfassungsschutz.nrw.@t-online.de Unter dieser Adresse kann der ca. 300 Seiten starke NRWVerfassungsschutzbericht 1995 schon jetzt angefordert werden. Im \u00fcbrigen ist der Bericht ab sofort in der Mailbox des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen unter der Telefonnum mer 0211/135294 abrufbar. 5","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Vorwort Franz-Josef Kniola Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen Erhebliche Wandlungen und Umbr\u00fcche sind 1995 im Rechts-, Linksund Ausl\u00e4nderextremismus festzustellen. Rechtsextremistische Parteien und Neonazis haben 1995 an Bedeutung verloren. Die \"Republikaner\" (REP) mu\u00dften Mi\u00dferfolge bei Wahlen und Mitgliederverluste aufgrund innerparteilicher Auseinandersetzungen hinnehmen. Der Versuch, \"Runde Tische\" der vereinten Rechten zu schaffen, ist als eine Reaktion auf die Schw\u00e4che der REP zu verstehen. Der Einsatz des ehemaligen REPBundesvorsitzenden als politisches Zugpferd f\u00fcr die \"Runden Tische\" \u00e4ndert nichts an deren Bedeutungslosigkeit. Die Entwicklung bei den Neonazis verlief 1995 zwiesp\u00e4ltig. Nach dem Verbot und der Aufl\u00f6sung der FAP im Fr\u00fchjahr 1995 sind die Sauerl\u00e4nder Aktionsfront (SAF) und die Jungen Nationaldemokraten, die Jugendorganisation der NPD, die letzten nennenswerten Zusammenschl\u00fcsse von Neonazis. Viele Aktivisten aus der Szene haben resigniert. Der verbliebene harte Kern agiert jedoch ohne feste organisatorische Strukturen und hochkonspirativ. Auff\u00e4llig ist die enge Zusammenarbeit zwischen niederl\u00e4ndischen Neonazis und Neonazis aus Nordrhein-Westfalen. Es gibt Hinweise auf eine zunehmende Militanz in der geschrumpften Neonazi-Szene. Einen Rechtsterrorismus gibt es allerdings nicht. W\u00e4hrend rechtsextremistische Parteien und Neonazis an Bedeutung verloren, nahmen die Aktivit\u00e4ten intellektueller Rechtsextremisten der sogenannten \"Neuen Rechten\" zu. Es gelang ihnen, in der \u00d6ffentlichkeit Resonanz mit Kampagnen zu erzielen, bei denen der rechtsextremistische Hintergrund verschleiert wurde. Besondere Sorge bereiten mir aktuelle Entwicklungen bei den gewaltbereiten Linksextremisten: Das bisherige RAF-Umfeld w\u00e4chst mit j\u00fcngeren gewaltbereiten Autonomen zusammen, die revolution\u00e4re Gewalt bejahen. Die Antiimperialistische Zelle (AIZ), die 1995 Bombenanschl\u00e4ge auf die Wohnh\u00e4user von CDUBundestagsabgeordneten ver\u00fcbt hat, ist ein Beispiel f\u00fcr die vorhandene Gewaltbereitschaft innerhalb eines sogenannten \"antiimperialistischen Widerstands\". Die AIZ selbst ist allerdings nach ihren Bekenntnissen zum B\u00fcndnis mit islamischen 6","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Fundamentalisten innerhalb der linksextremistischen Szene vollst\u00e4ndig isoliert. Nach der Verhaftung von zwei Tatverd\u00e4chtigen mu\u00df abgewartet werden, ob die AIZ ihren Irrweg fortsetzt. Zum \"antiimperialistischen Widerstand\" rechne ich auch die organisierte Unterst\u00fctzung der PKK durch gewaltbereite Linksextremisten. Der PDS-Landesverband Nordrhein-Westfalen ist ein Sammelbecken von Linksextremisten unterschiedlicher Herkunft. Bemerkenswert sind Verflechtungen mit dem Bund Westdeutscher Kommunisten, dem linksextremistischen GNN-Verlag in K\u00f6ln und mit militanten Autonomen. So beteiligte sich ein schwarzer Block an der PDS-Gegendemonstration am Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1995. Allerdings ist die PDS im Westen nicht die gleiche Partei wie die PDS in Ostdeutschland. Die gef\u00e4hrlichste extremistische Organisation von Ausl\u00e4ndern ist nach wie vor die kurdische Arbeiterpartei PKK. Sie setzte 1995 ihre Doppelstrategie von Anschlagswellen und \u00f6ffentlichen Friedensbekundungen fort und ist daher unberechenbar. Einen Dialog zu ihren Bedingungen kann und wird es nicht geben. Trotz aller Demonstrationen der St\u00e4rke man\u00f6vriert sich die PKK in eine ausweglose Situation. Ohne einen Verzicht auf Gewalt sind keine Fortschritte zu erzielen. Ich warne allerdings vor einer Gleichsetzung der PKK mit den in Deutschland lebenden Kurden. Nur ein kleiner Teil von ihnen unterst\u00fctzt die PKK. Zu den neuartigen Herausforderungen des Verfassungsschutzes geh\u00f6rt auch die zunehmende Nutzung weltweiter Kommunikationsm\u00f6glichkeiten von Extremisten. Im Internet verbreiten Rechtsextremisten auf ausl\u00e4ndischen Computern Propagandamaterial, das in Deutschland verboten ist. So bietet der Revisionist Ernst Z\u00fcndel aus Kanada Dokumente an, in denen der Holocaust geleugnet wird. Der \"NS-Kampfruf\" des amerikanischen Neonazis Lauck wurde 1995 erstmals \u00fcber das Internet verbreitet. Die verbotene linksextremistische Untergrundzeitschrift \"radikal\" wird in den Niederlanden eingespeist. Auch das Internet-Angebot der PDS vermittelt einen elektronischen Direktzugang zu \"radikal\". Da technische oder rechtliche Beschr\u00e4nkungen keine Abhilfe schaffen k\u00f6nnen, mu\u00df m\u00fcndigen B\u00fcrgern die M\u00f6glichkeit geboten werden, mit derartiger Propaganda kritisch umzugehen. Zu diesem Zweck wird der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen seine Informationen demn\u00e4chst auch im Internet anbieten. D\u00fcsseldorf, im Mai 1996 Franz-Josef Kniola 7","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 1 Entwicklungen im Extremismus 1995 1.1 Rechtsextremismus 1.1.1 Entwicklungstendenzen Im Laufe des Jahres 1995 zeichneten sich die folgenden bemerkenswerten Entwicklungen im Rechtsextremismus ab: * Ein zun\u00e4chst fortdauernder Niedergang der Partei \"Die Republikaner\" (REP), u.a. ablesbar an einer deutlichen Wahlschlappe bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. * Rege Einigungsbem\u00fchungen um sogenannte \"Runde Tische\" von Rechtsextremisten, in NRW vornehmlich betrieben von der Deutschen Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH) und der NPD. * Resignation in der Neonazi-Szene nach dem Verbot der FAP und nach zahlreichen Verurteilungen von Neonazi-F\u00fchrern. * Neuformierung eines geschrumpften Kerns der Neonazis bei der Sauerl\u00e4nder Aktionsfront (SAF) und bei den Jungen Nationaldemokraten (JN) im Zusammenwirken mit niederl\u00e4ndischen Neonazis. * Auslieferung des amerikanischen Neonazis Gary Rex Lauck, Leiter der NSDAP/AO, von D\u00e4nemark an die Bundesrepublik Deutschland. * Zunehmende publizistische Aktivit\u00e4ten der rechtsextremistischen \"Neuen Rechten\" unter anderem: * Beeinflussung der \u00f6ffentlichen Diskussion zum 50. Jahrestag des Kriegsendes durch Rechtsextremisten und Revisionisten, * \u00dcbernahme von Gedankengut der \"Neuen Rechten\" durch traditionelle Rechtsextremisten, * Strategiedebatte \u00fcber die Beeinflussung der \u00f6ffentlichen Meinung und von kleineren demokratischen Parteien, * antisemitische Tendenzen, * Diffamierung von Andersdenkenden, kritischen Journalisten, mi\u00dfliebigen Funktionstr\u00e4gern und Verfassungsorganen. Niedergang der REP Der Niedergang der REP im Wahljahr 1994 setzte sich auch 1995 fort. Die Abl\u00f6sung des langj\u00e4hrigen Parteivorsitzenden Franz Sch\u00f6nhuber durch den Fraktionsvorsitzenden im Landtag Baden-W\u00fcrttemberg, Dr. Rolf Schlierer, brachte den REP 1995 keinen Aufwind. Insbesondere bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 14. Mai 1995 erreichten die REP nur 0,8 % und verfehlten damit sogar die 1 %-Grenze f\u00fcr die staatliche Parteienfinanzierung. Dieses Ergebnis markierte einen vorl\u00e4ufigen Tiefpunkt. Einher damit ging ein best\u00e4ndiger Verlust von frustrierten Mitgliedern. Der Landesverband schrumpfte bis Ende 1995 auf eine Mitgliederzahl von maximal 1.700. Die Schw\u00e4che der REP 1995 hatte parteiinterne, aber auch allgemeinpolitische Gr\u00fcnde. Die faktische Spaltung der Partei in Anh\u00e4nger des fr\u00fcheren Parteivorsitzenden Sch\u00f6nhuber und in Anh\u00e4nger des neuen Parteivorsitzenden Schlierer 8","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 konnte nicht \u00fcberwunden werden. Dieser Streit wurde von Sch\u00f6nhuber nachhaltig unter dem Mantel der tiefen Sorge um das Wohlergehen der Partei gesch\u00fcrt. In Artikeln und Briefen warb Sch\u00f6nhuber f\u00fcr eine \u00d6ffnung der REP f\u00fcr eine Zusammenarbeit mit anderen rechtsextremistischen Parteien und Organisationen. Sch\u00f6nhuber machte \u00f6ffentlich seinen Nachfolger Schlierer f\u00fcr Wahlniederlagen der Partei verantwortlich und hielt sich erkennbar f\u00fcr eine Abl\u00f6sung bereit. Gleichzeitig mit seinen parteiinternen Attacken suchte Sch\u00f6nhuber das B\u00fcndnis mit fr\u00fcheren Gegnern aus anderen rechtsextremistischen Organisationen. Sch\u00f6nhuber unterst\u00fctzte offenkundig die bundesweiten Initiativen zur Bildung \"Runder Tische\". So lie\u00df er in der Zeitung \"Nation und Europa\" ein Interview ver\u00f6ffentlichen und schrieb dort im Rahmen einer st\u00e4ndigen Kolumne seit Oktober 1995 selbst. Die Zeitschrift \"Nation und Europa\" wird von DLVH-Funktion\u00e4ren herausgegeben, darunter auch von dem fr\u00fcheren Sch\u00f6nhuber-Kronprinzen Harald Neubauer, von dem er sich seinerzeit im Streit getrennt hatte. Sch\u00f6nhuber best\u00e4tigte im nachhinein die Einsch\u00e4tzung, da\u00df die damaligen Abgrenzungsbeschl\u00fcsse der REP gegen Rechtsextremisten von ihm selbst nicht ernst gemeint waren und ausschlie\u00dflich taktischen Charakter hatten. Demgegen\u00fcber hielten der neue Parteivorsitzende Schlierer und der amtierende Bundesvorstand der REP an einer strikten Abgrenzung fest. Der Bundesvorstand lehnte auch jede Teilnahme der REP an den sogenannten \"Runden Tischen\" ab. Schlierer setzte offenkundig darauf, die REP beim W\u00e4hler nicht durch eine offene Zusammenarbeit mit anderen Rechtsextremisten zu diskreditieren. Der Landesverband Nordrhein-Westfalen unterst\u00fctzte die strikte Abgrenzung des Bundesvorstands gegen\u00fcber anderen Rechtsextremisten. Auch der \u00fcberraschende R\u00fccktritt des NRW-Landesvorsitzenden Goller nach der verheerenden Wahlniederlage der REP bei der NRW-Landtagswahl 1995 \u00e4nderte an diesem Kurs des Landesverbandes nichts. Goller f\u00fchrte f\u00fcr seinen R\u00fcckzug pers\u00f6nliche Gr\u00fcnde an. Den kommissarischen Landesvorsitz \u00fcbernahm zun\u00e4chst seine damalige Stellvertreterin Ursula Winkelsett, die auch als stellvertretende Bundesvorsitzende der REP dem Bundesvorstand angeh\u00f6rte. Auf einem Landesparteitag am 18. November 1995 wurde Winkelsett zur neuen ordentlichen Landesvorsitzenden gew\u00e4hlt. Trotz einer starken Machtposition blieb Winkelsett jedoch umstritten. Ihre Wahl zur neuen Landesvorsitzenden fiel knapp aus: Der Gegenkandidat errang 44 % der Delegiertenstimmen. Es bleibt abzuwarten, ob die REP ihren Abw\u00e4rtstrend nach dem Erfolg bei der Landtagswahl in Baden-W\u00fcrttemberg am 24. M\u00e4rz 1996 umkehren k\u00f6nnen. \"Runde Tische\" und Einigungsbestrebungen rechtsextremistischer Parteien Bundesweit versuchten Vertreter rechtsextremistischer Parteien, insbesondere der DLVH, und von Splitterparteien, \u00fcber \"Runde Tische\" eine Neuformierung des rechtsextremistischen Spektrums zu betreiben. Seit dem Herbst 1995 beteiligte sich auch die NPD, speziell in NRW, an diesen Einigungsbestrebungen. Die DVU nahm an den \"Runden Tischen\" nicht teil, da sie in NRW als politisch aktive Organisation nicht existiert. Von den REP beteiligten sich in NRW nur einzelne Mitglieder, die sich inzwischen von der Partei getrennt haben. 9","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Die Initiative zu den \"Runden Tischen\" war vom REP-Landesverband Th\u00fcringen ausgegangen, der am 1. Juni 1995 ein sogenanntes \"Eisenacher Signal\" gemeinsam mit Vertretern anderer Parteien verabschiedet hatte. Das \"Eisenacher Signal\" ist als isolierte Initiative einer Parteigliederung zu bewerten, die stark auf den e- hemaligen Parteivorsitzenden Sch\u00f6nhuber fixiert war. Keine andere Parteigliederung der REP hat die Initiative aufgenommen. Alle \"Runden Tische\" und \u00e4hnliche Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen wurden von der DLVH initiiert und angesto\u00dfen. Organisatorisch m\u00fcndeten die \"Runden Tische\" in Nordrhein-Westfalen in die Gr\u00fcndung eines Koordinierungsausschusses mit der Bezeichnung \"F\u00f6rderkreis B\u00fcndnis Deutschland\". An diesem F\u00f6rderkreis beteiligte sich auch die NPD und gew\u00e4hrte logistische Unterst\u00fctzung. Die partei\u00fcbergreifenden Veranstaltungen entwickelten sich in NordrheinWestfalen chronologisch wie folgt: * Runder Tisch am 10. Juni 1995 in Bergisch Gladbach und Verabschiedung eines \"Rheinischen Appells\", * Runder Tisch am 2. September 1995 in Pulheim und Verabschiedung einer \"Pulheimer Erkl\u00e4rung\"; Gr\u00fcndung des F\u00f6rderkreises B\u00fcndnis Deutschland, * Autorenlesung von Sch\u00f6nhuber am 8. November 1995 in Overath, * Herausgabe der ersten Ausgabe einer Zeitung mit dem Titel \"Forum B\u00fcndnis Deutschland\" im Januar 1996 und eine weitere Sch\u00f6nhuber-Veranstaltung im M\u00e4rz 1996. Langfristiges Ziel der Initiatoren der \"Runden Tische\" war es, die Voraussetzungen f\u00fcr die sp\u00e4tere Gr\u00fcndung einer vereinigten rechten Partei zu schaffen. Von diesem Ziel sind die \"Runden Tische\" weit entfernt. Es gelang nirgendwo, eine nennenswerte Au\u00dfenwirkung zu erzeugen. Zum anderen hat der Ausgang der Landtagswahl in Baden-W\u00fcrttemberg im M\u00e4rz 1996 die REP im rechtsextremistischen Lager gest\u00e4rkt. Das System der \"Runden Tische\" ist ohne Perspektive, wenn die REP sich nicht daran beteiligen. Die \"Runden Tische\" umfassen nach dem derzeitigen Stand nur ein schmales Segment zwischen NPD und \u00e4lteren und j\u00fcngeren REP-Abspaltungen. Dies d\u00fcrfte keinesfalls ausreichen, um das Spektrum der rechtsextremistischen Parteien neu zu formieren. Resignation und Neuformierung eines geschrumpften Kerns der Neonazis Das Verbot der neonazistischen FAP am 22. Februar 1995 durch das Bundesministerium des Innern und die sofortige Aufl\u00f6sung durch die Polizei f\u00fchrten zu neuer Resignation in der Neonazi-Szene. Die FAP hatte zwar derartige Ma\u00dfnahmen bereits seit langem erwartet und verschiedene M\u00f6glichkeiten zur Fortsetzung der politischen Arbeit diskutiert. Faktisch wurden aber Aktivisten und Sympathisanten der FAP von dem Verbot hart getroffen. Die bis dahin gr\u00f6\u00dfte neonazistische Gruppierung stellte ihre Aktivit\u00e4ten sangund klanglos ein. Ein Teil der Aktivisten zog sich aus der politischen Arbeit zur\u00fcck, darunter auch der damalige Landesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der FAP in Nordrhein-Westfalen. In einigen St\u00e4dten treffen sich verbliebene Aktivisten der FAP zu unregelm\u00e4\u00dfigen Stammtischen, gezielte politische Aktivit\u00e4ten gehen von diesen Treffen jedoch nicht mehr aus. 10","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Nach wie vor sind fr\u00fchere FAP-Aktisten kurzfristig f\u00fcr neonazistische Kundgebungen zu mobilisieren. Aktionen von Neonazis finden sp\u00e4testens seit dem Verbot der FAP organisations\u00fcbergreifend statt. Die staatlichen Verbote haben insoweit ein Zusammenwachsen der Szene und teilweise eine \u00dcberwindung der Zersplitterung bewirkt. Beispiele f\u00fcr derartige \u00fcbergreifende Aktionen von Neonazis nach dem FAP-Verbot waren * Aufm\u00e4rsche im Rahmen der He\u00df-Aktionswoche im August 1995 in Schneverdingen/Niedersachsen und in Roskilde/D\u00e4nemark, * die Beteiligung von deutschen Neonazis an der \"Ijzerbedevaart\" in Diksmuide/ Belgien im August 1995, 11","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 * eine gemeinsame Kundgebung von deutschen und niederl\u00e4ndischen Neonazis im Oktober 1995 in Sittard/Niederlande. Die f\u00fchrenden Aktivisten der Neonazi-Szene verhalten sich zunehmend konspirativ und entwickeln zunehmend militantere Vorstellungen. Insofern haben die staatlichen Ma\u00dfnahmen 1995 die Zahl der aktiven Neonazis verringert. Der verbliebene harte Kern ist jedoch nach wie vor aktionsf\u00e4hig und schottet sich nachhaltig ab, um den Sicherheitsbeh\u00f6rden keinerlei Einblick zu gew\u00e4hren. Die gr\u00f6\u00dfte verbliebene Neonazi-Gruppierung in Nordrhein-Westfalen ist die Sauerl\u00e4nder Aktionsfront (SAF), die sich seit 1992 aus einer Gruppe von Skinheads im Hochsauerlandkreis entwickelt hat. Ein gro\u00dfer Teil der SAF-Aktivisten geh\u00f6rte bis zum Verbot der FAP an. Die SAF ist lose strukturiert, so da\u00df Gerichte in der Vergangenheit keine Organisation im strafrechtlichen Sinne feststellen konnten. Aktivisten der SAF haben 1995 engere Kontakte zur niederl\u00e4ndischen FAP gekn\u00fcpft und f\u00fchrten seitdem gemeinsame Aktionen mit niederl\u00e4ndischen Neonazis durch. Gleichzeitig entwickelten sich die Jungen Nationaldemokraten (JN), die Jugendorganisation der NPD, zu einer eindeutig neonazistischen Organisation. Einerseits fanden dort einige fr\u00fchere Aktivisten der FAP Aufnahme und betrieben die Nationalen Infotelefone Rheinland und Westfalen unter dem Namen JN weiter. Andererseits entwickelten die JN 1995 eigene politische und programmatische Vorstellungen, wie z.B. vom Bild des politischen Soldaten, also eindeutig neonazistisches Gedankengut. Am Volkstrauertag 1995 organisierten die JN eine organisations\u00fcbergreifende Kundgebung in Burg bei Solingen, zu der kurzfristig ca. 60 Teilnehmer mobilisiert werden konnten. \u00e4hnlich der SAF hat die JN politische Kontakte zu niederl\u00e4ndischen Neonazis. So beteiligten sich im Oktober 1995 auch JNAktivisten an der gemeinsamen Kundgebung von deutschen und niederl\u00e4ndischen Neonazis in Sittard, eine weitere JN-Kundgebung mit niederl\u00e4ndischen Neonazis fand am 30. M\u00e4rz 1996 in Echten/ Niederlande statt. Gleichzeitig demonstrierte die niederl\u00e4ndische FAP mit Angeh\u00f6rigen der SAF in Leerdam/Niederlande. 1994 und 1995 wurden zahlreiche Neonazi-Funktion\u00e4re in Strafverfahren angeklagt und verurteilt, teilweise zu Freiheitsstrafen ohne Bew\u00e4hrung: * Friedhelm Busse (FAP), * Michael Swierczek (Nationale Offensive), * Christian Sennlaub (Nationale Offensive), * Christian Worch (Nationale Liste und GdNF), * Meinolf Sch\u00f6nborn (Nationalistische Front), * Michael Petri (Deutsche Nationalisten), * Arnulf Priem (Wotans Volk), * Bela Ewald Althans (Revisionist), * Sascha Chaves-Ramos (Deutsche Nationalisten). * Thorsten Heise (FAP). Diese Strafverfahren wirkten auf die Neonazi-Szene verunsichernd und abschreckend. Auslieferung und Anklage des Leiters der NSDAP/AO 12","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Der Leiter der NSDAP/AO, Gary Rex Lauck, wurde im M\u00e4rz 1995 in D\u00e4nemark auf Ersuchen deutscher Beh\u00f6rden verhaftet und am 5. September 1995 an die Bundesrepublik Deutschland ausgeliefert. Er befindet sich seitdem in Haft. Der Beginn der Hauptverhandlung wegen Verbreitens von Propagandamaterial verfassungswidriger Organisationen ist f\u00fcr Mai 1996 vorgesehen. Die Verhaftung und Auslieferung von Lauck durch die d\u00e4nischen Beh\u00f6rden signalisiert eine ver\u00e4nderte Einstellung gegen\u00fcber Neonazipropaganda von Ausl\u00e4ndern, die bisher auf d\u00e4nischem Boden gefahrlos agieren konnten. \"Neue Rechte\": Erfolge im Kampf um die \"kulturelle Hegemonie\" W\u00e4hrend rechtsextremistische Parteien 1994/95 durch Wahlniederlagen geschw\u00e4cht und Neonazis durch Verbote und Strafverfahren verunsichert wurden, gelang es der \"Neuen Rechten\", 1995 ihre Themen \u00f6ffentlichkeitswirksam im Sinne des Strebens nach \"kultureller Hegemonie\" zu verbreiten. Zum 50. Jahrestag des Kriegsende am 8. Mai 1945 beeinflu\u00dfte die \"Neue Rechte\" die \u00f6ffentliche Diskussion um die Bedeutung dieses Tages. Mit einem Appell unter dem Motto \"Wider das Vergessen\" thematisierte sie \u00f6ffentlich die Frage, ob es sich beim 8. Mai um einen Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft oder um den \"Beginn von Vertreibungsterror und neuer Unterdr\u00fcckung im Osten und den Beginn der Teilung unseres Landes\" handele. Dieser Appell, zu dessen Unterzeichnern neben Pers\u00f6nlichkeiten demokratischer Parteien auch Rechtsextremisten geh\u00f6rten, und die nachfolgende \u00f6ffentliche Diskussion wurde im gesamten rechtsextremistischen Spektrum als gro\u00dfer Erfolg bewertet. Mit Genugtuung wurde registriert, da\u00df es erstmals gelungen sei, auch Vertreter demokratischer Parteien zu einer Zusammenarbeit zu bewegen. 1995 haben zunehmend traditionelle Rechtsextremisten Gedankengut der \"Neuen Rechten\" \u00fcbernommen. Vereinzelt haben sich alteingef\u00fchrte rechtsextremistische Publikationen zu Vorstellungen der \"Neuen Rechten\" bekannt. Dies gilt z.B. f\u00fcr die Monatsschrift \"Nation und Europa\", die seit mehr als 40 Jahren existiert. Aber auch rechtsextremistische Organisationen, wie z.B. die neonazistische JN, entwickeln zunehmend der artige Vorstellungen. So bekannten sich insbesondere die JN 1995 zum Ethnopluralismus, einem typischen Begriff der \"Neuen Rechten\", mit der die Unterscheidung der Menschen nach v\u00f6lkischen Kriterien umschrieben wird. 13","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Innerhalb der \"Neuen Rechten\" entwickelte sich 1995 nach einem Bericht in der \"Jungen Freiheit\" (Nr. 48/95) eine intensive Strategiedebatte \u00fcber die aktuellen und zuk\u00fcnftigen Ziele der eigenen politischen Arbeit. Danach ist keinesfalls kurzfristig die Gr\u00fcndung einer \"nationalkonservativen\" Partei beabsichtigt, aktuell gehe es allenfalls um M\u00f6glichkeiten zur Beeinflussung kleinerer demokratischer Parteien wie der F.D.P. oder des rechten Randes der Union. Vorerst gehe es vor allem um \"kulturelle Hegemonie\" zur Eroberung von Meinungsf\u00fchrerschaft in der \u00f6ffentlichen Diskussion. Dies k\u00f6nne einerseits durch Kampagnen wie zum 8. Mai geschehen, andererseits wurde auch erwogen, die Zeitung \"Die Welt\" zu einem \"nationalkonservativen\" Blatt umzufunktionieren. Deutliche antisemitische Ausf\u00e4lle waren in mehreren Zeitschriften der sogenannten \"Neuen Rechten\" festzustellen, wie z.B. in den Staatsbriefen, in der Jungen Freiheit und in Europa Vorn. Teilweise wurden die j\u00fcdischen Opfer der Massen14","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 vernichtung in Form von Satiren ver\u00e4chtlich gemacht, teilweise kommentierte man die Auswanderungs\u00fcberlegungen besorgter Juden mit den Worten \"... und tsch\u00fc\u00df\". Die Junge Freiheit entwickelte 1995 nachhaltig und gezielt eine Technik zur Verunglimpfung mi\u00dfliebiger Personen. Dies geschah teilweise in der Form von Kolumnen, teilweise in Form von redaktionellen Beitr\u00e4gen. Ziel waren immer Personen, deren politische Auffassung mit denen der \"Neuen Rechten\" und der Jungen Freiheit nicht \u00fcbereinstimmte. Die Auseinandersetzung wurde nicht mit sachlicher Kritik, sondern mit pers\u00f6nlicher Diffamierung gef\u00fchrt. Ziel derartiger wiederholter Attacken waren u.a. die Journalisten K\u00fcppersbusch, Wickert, Bednarz, die Politiker Friedbert Pfl\u00fcger, Heidemarie Wieczorek-Zeul und Hertha D\u00e4ubler-Gmelin. Neben diesen personenbezogenen Attacken h\u00e4uften sich in der Jungen Freiheit 1995 verunglimpfende und diffamierende Angriffe gegen Verfassungsorgane wie den Bundestag und das Bundesverfassungsgericht. Der Bundestag stand seit jeher im Mittelpunkt der institutionellen Kritik, da Junge Freiheit und \"Neue Rechte\" ein elit\u00e4r gef\u00fchrtes und autorit\u00e4res Staatswesen anstreben. Das Bundesverfassungsgericht als H\u00fcter der Grundrechte war verst\u00e4rkt Gegenstand einer diffamierenden Berichterstattung. 1.1.2 Mitgliederzahlen Die Mitgliederzahlen der rechtsextremistischen Organisationen und Gruppierungen (ein schlie\u00dflich rechtsextremistischer Skinheads) betrug Ende 1995 in Nordrhein-Westfalen 6.300. Sie verringerten sich gegen\u00fcber 1994 durch Parteiaustritte, durch Karteibereinigungen bei den Parteien sowie durch die Verbote neonazistischer Organisationen. Nicht alle bis zum Verbot organisierten Neonazis haben jedoch mit dem Verbot ihre Aktivit\u00e4ten eingestellt. Einige treten in sog. autonomen Gruppen, als \"sonstige Neonazis\" bezeichnet, in Erscheinung, wobei zahlenm\u00e4\u00dfige \u00dcberschneidungen mit dem Komplex der militanten Rechtsextremisten auftreten. Diese werden durch Abzug von Doppelmitgliedschaften ber\u00fccksichtigt. Tabelle: Mitgliederzahlen der wichtigsten Organisationen und Gruppierungen im Rechtsextremismus (einschlie\u00dflich rechtsextremistische Skinheads) in NRW 1995 und 1994 15","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Bei allen genannten Mitgliederzahlen handelt es sich um ungef\u00e4hre Angaben. 1.1.3 Bericht des Justizministeriums NRW Die Justizbeh\u00f6rden des Landes Nordrhein-Westfalen sind, wie schon in den Vorjahren, auch 1995 in erheblichem Ma\u00dfe mit Strafverfahren, deren Gegenstand Straftaten im Zusammenhang mit extremistischen Umtrieben waren, befa\u00dft worden. Ein erheblicher Anteil ist dabei insbesondere erneut hinsichtlich der Verfahren wegen rechtsextremistischer Aktivit\u00e4ten zu verzeichnen, wenngleich die Anzahl einschl\u00e4giger Verfahren gegen\u00fcber dem Vorjahr erneut deutlich zur\u00fcckgegangen ist. Bei den Staatsanwaltschaften des Landes sind im Jahre 1995 insgesamt 2.082 (1994: 3.172) einschl\u00e4gige Verfahren neu anh\u00e4ngig geworden. In dieser Zeit ist in 284 (368) Verfahren gegen 401 (541) Personen Anklage erhoben bzw. Antrag auf Erla\u00df eines Strafbefehls gestellt worden. Rechtskr\u00e4ftig verurteilt wurden 260 (330) Personen; 25 (27) Angeklagte wurden freigesprochen. Gegen 137 (123) Personen wurde das Verfahren von dem erkennenden Gericht eingestellt bzw. die Untersuchung auf nicht einschl\u00e4gige Straftaten beschr\u00e4nkt. 1.2 Linksextremismus und -terrorismus 1.2.1 Linksextremismus: Entwicklungstendenzen Die Entwicklungen im Linksextremismus waren 1995 gepr\u00e4gt durch: * Zusammenwachsen des militanten linksextremistischen Spektrums. Dabei spielten folgende \u00fcbergreifende Themen eine wichtige Rolle: 16","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 * Solidarit\u00e4t mit den \"radikal\"-Herausgebern und eine bundesweite AntiRepressionskampagne, * Kampagne f\u00fcr den US-Journalisten Mumia Abu-Jamal, * Kurdistan-Solidarit\u00e4t zugunsten der PKK. * Entwicklung der PDS zu einem Sammelbecken f\u00fcr Linksextremisten unterschiedlicher Herkunft in Nordrhein-Westfalen. * Stabilisierung der DKP auf niedrigem Niveau. Militante Linksextremisten (einschlie\u00dflich Autonome) Die Entwicklung im Bereich des gewaltbereiten linksextremistischen Spektrums l\u00e4\u00dft inzwischen eine klare Trennung zwischen * Autonomen, * terroristischem Umfeld und * sonstigen militanten Gruppierungen revolution\u00e4rer Antiimperialisten, dem sogenannten antiimperialistischen Widerstand, kaum mehr zu. Insbesondere Kampagnen, wie z.B. nach den Exekutivma\u00dfnahmen gegen die Untergrundschrift \"radikal\" oder nach dem Proze\u00df gegen Mumia Abu-Jamal in den USA, verdeutlichen die Vermischung bisher eigenst\u00e4ndiger Szenen. Sp\u00e4testens seit 1995 ist eine systematische Unterscheidung zwischen \u00fcberwiegend \u00f6rtlich agierenden Autonomen und einem bundesweit strukturierten terroristischen Umfeld nicht mehr m\u00f6glich. Den \"klassischen\" autonomen Gruppen mit ausschlie\u00dflich anarchistischer Ausrichtung lassen sich oftmals nur noch \u00f6rtlich begrenzte Aktionen zuordnen. Kampagnen f\u00fchren zusammen Bundesweite Kampagnen und die Bem\u00fchungen zum Aufbau von Strukturen, z.B. im Sinne der von der \"Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation\" (AA/BO), m\u00fcssen dagegen Gruppen aus allen drei oben genannten Bereichen zugerechnet werden. Dieser Proze\u00df des Zusammenwachsens einer militanten linksextremistischen Szene ist das Ergebnis zweier Entwicklungen, die seit mehreren Jahren andauern. So hat sich das fr\u00fchere terroristische Umfeld - sp\u00e4testens seit dem Gewaltverzicht der RAF-Kommandoebene - st\u00e4rker mit autonomen und antiimperialistischen Themen befa\u00dft und das B\u00fcndnis au\u00dferhalb der bisherigen Orientierungen auf die RAF gesucht. Andererseits f\u00fchrten die Bem\u00fchungen des autonomen Spektrums um \u00fcber\u00f6rtliche und bundesweite Koordinierung und Organisierung zwangsl\u00e4ufig zur Zusammenarbeit mit Personen und Gruppen des terroristischen Umfelds. Dieser Proze\u00df fand seinen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt in den \u00fcber greifenden Kampagnen des Jahres 1995. Solidarit\u00e4t mit der \"radikal\" und PKK So wurden die Durchsuchungen und Verhaftungen am 13. Juni 1995 wegen Herstellung der Untergrundzeitschrift \"radikal\" als ein Angriff des Staates gegen alle linksradikalen Zusammenh\u00e4nge aufgefa\u00dft. Die bundesweite AntirepressionsKampagne hiergegen dauert bis heute an. Die Kampagne gegen die Hinrichtung des Journalisten Mumia Abu-Jamal in den USA war von Anfang an auf eine bundesweite Mobilisierung \u00fcber das militante Lager hinaus angelegt. \u00e4hnliches gilt f\u00fcr 17","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 die best\u00e4ndig zunehmenden Aktivit\u00e4ten deutscher Linksextremisten zugunsten der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Die Steuerung dieser bundesweiten Kampagnen zur \"KurdistanSolidarit\u00e4t\" liegt ausschlie\u00dflich in den H\u00e4nden von militanten Gruppen und Personen. Die Mehrheit der landesweit agierenden Personen stammt aus dem fr\u00fcheren Umfeld der RAF. Die Kampagne zur \"KurdistanSolidarit\u00e4t\" selbst zielt auch auf die Mobilisierung von nicht militanten Linksextremisten, um eine gr\u00f6\u00dfere Medienwirkung zu erzielen. Faktisch ist deren Einflu\u00df gering, Aktionen und Themen zur \"Kurdistan-Solidarit\u00e4t\" werden ausschlie\u00dflich von militanten Linksextremisten bestimmt. Besondere Bedeutung bei der Neuformierung des militanten Spektrums kommt einigen Gruppen des sogenannten Antiimperialistischen Widerstands zu, in denen junge Antiimperialisten und \u00e4ltere RAF-Umfeld-Personen bundesweit miteinander kommunizieren. Als Konsequenz dieser Entwicklung wird im folgenden der Oberbegriff \"Militante Linksextremisten\" verwendet. Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), insbesondere Landesverband NRW Auf der 12. Landesversammlung der PDS in NRW am 9./10. Dezember 1995 in K\u00f6ln wurde die Umbenennung des Landesverbandes (Streichung des Zusatzes \"Linke Liste\") beschlossen. Bei der Bewertung der PDS m\u00fcssen folgende Bereiche unterschieden werden: * der Landesverband Nordrhein-Westfalen und die anderen Landesverb\u00e4nde in den alten L\u00e4ndern, * die Landesverb\u00e4nde in den neuen L\u00e4ndern, * die Gesamtpartei, * Plattformen und Gruppen innerhalb der Gesamtpartei (z. B. \"Kommunistische Platt form\" oder \"Gemeinschaft Junger GenossInnen in und bei der PDS\"). F\u00fcr die PDS in Nordrhein-Westfalen haben sich 1995 die Erkenntnisse verdichtet, da\u00df die Partei sich bewu\u00dft als linksextremistisches Sammelbecken versteht. Auch 1995 wurden in Nordrhein-Westfalen gegen die PDS keine nachrichtendienstlichen Mittel eingesetzt. Die Einsch\u00e4tzung des Landesverbandes beruht weiterhin auf der Auswertung von \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Informationen und Erkenntnissen, die aus der Beobachtung anderer linksextremistischer Parteien und Gruppen gewonnen werden. Unver\u00e4ndert hoch ist der Anteil von PDS-Angeh\u00f6rigen in Nordrhein-Westfalen, die einer extremistischen Gruppierung angeh\u00f6ren oder angeh\u00f6rt haben. Sie stammen aus den Bereichen des \"orthodoxen\" Marxismus-Leninismus, aus Gruppen der \"Dogmatischen Neuen Linken\" und auch aus der autonomen Szene. Besondere Bedeutung haben Angeh\u00f6rige des \"Bundes Westdeutscher Kommunisten\" (BWK). Die Aktivit\u00e4ten von BWK-Angeh\u00f6rigen im Landesverband der PDS haben zu einer Kontroverse innerhalb des Landesverbandes und mit dem Bundesvorstand gef\u00fchrt. Bemerkenswert sind hierbei insbesondere die personellen \u00dcberschneidungen mit dem GNN-Verlag in K\u00f6ln (GNN: Gesellschaft f\u00fcr Nachrichtenerfassung 18","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 und Nachrichtenverbreitung, Verlagsgesellschaft Politische Berichte mbH), der dem BWK zuzurechnen ist. Die Publikationen und Aktionen des PDSLandesverbandes NRW zeigen eine bemerkenswerte N\u00e4he zum militanten linksextremistischen Spektrum. Anhaltspunkte f\u00fcr verst\u00e4rkte Kontakte zu militanten Linksextremisten bot die Rolle der PDS bei der Gegenveranstaltung zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1995 in D\u00fcsseldorf. Die Gegendemonstration wurde in erheblichem Umfang von Personen und Gruppen aus der autonomen Szene getragen. Als \u00d6ffnung in diesen Bereich hinein mu\u00df auch die Einrichtung eines \"B\u00fcro f\u00fcr st\u00e4ndige Einmischung\" in den R\u00e4umen des Landesb\u00fcros der PDS in D\u00fcsseldorf gewertet werden. Neben der Organisation der Demonstration am 3. Oktober beteiligte sich das B\u00fcro u.a. auch aktiv an den Diskussionen zu autonomen Hausbesetzungen in D\u00fcsseldorf. Eine Mailboxnachricht des B\u00fcros vom November 1995 schlo\u00df mit den Worten: \"Die Nazis morden, der Staat schiebt ab: das ist das gleiche Rassistenpack!\" Bereits im November 1994 entschied der Landesverband, trotz guter Ergebnisse bei der Europaund der Bundestagswahl 1994 und trotz eines Unterst\u00fctzungsangebotes der DKP, sich nicht an der NRW-Landtagswahl im Mai 1995 zu beteiligen. Die PDS gab f\u00fcr den Verzicht auf die Wahlbeteiligung organisatorische Gr\u00fcnde an. Deutsche Kommunistische Partei (DKP) Die DKP sieht das Jahr 1995 als Periode weiterer Stabilisierung an und geht mit Optimismus in die Zukunft. Trotz des schwachen Abschneidens bei der Landtagswahl am 14. Mai 1995 gewichtet die DKP den von ihr erlangten Stimmengewinn f\u00fcr sich positiv. Wie schon 1994 und in den Jahren zuvor war das Verh\u00e4ltnis der DKP zur PDS ein Hauptpunkt innerparteilicher Diskussionen. Das Verh\u00e4ltnis blieb wie in der Vergangenheit gepr\u00e4gt von grunds\u00e4tzlichen Differenzen, die jedoch eine intensive Zusammenarbeit in Teilbereichen nicht ausschlossen. Hinsichtlich der Unterst\u00fctzung bei Wahlen handelt es sich dabei um eine sehr einseitige Beziehung zugunsten der PDS, die sich von der DKP unterst\u00fctzen l\u00e4\u00dft, ohne eine erkennbare ad\u00e4quate Gegenleistung zu erbringen. 1.2.2 Linksextremistischer Terrorismus: Entwicklungstendenzen Die Entwicklungen im Bereich des linksextremistischen Terrorismus wurden 1995 im wesentlichen bestimmt durch: * Sprengstoffanschl\u00e4ge der Antiimperialistischen Zelle (AIZ) auf die Wohnh\u00e4user von Bundestagsabgeordneten und einen Anschlag auf das peruanische Konsulat in D\u00fcsseldorf, * das Ausbleiben weiterer Anschl\u00e4ge und Grundsatzerkl\u00e4rungen der RAF Kommandoebene, * den anhaltenden Zerfall des bisherigen RAF-Umfeldes und * einen Anschlag der terroristischen Vereinigung \"Rote Zora\" auf die L\u00fcrssenWerft in Lemwerder bei Bremen. 19","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Antiimperialistische Zelle (AIZ) Die AIZ steigerte ihre Anschl\u00e4ge nach Zahl und Gef\u00e4hrlichkeit im Vergleich zu 1994. Die von der AIZ 1995 ver\u00fcbten Sprengstoffanschl\u00e4ge entsprachen einem Angriffstypus, den sie selbst in ihren Erkl\u00e4rungen als \"potentiell t\u00f6dliche Bedrohung\" beschreibt, \"wo die Eliten wohnen/arbeiten\". Ideologisch bekr\u00e4ftigte sie mehrfach ihre Verbundenheit mit islamisch-fundamentalistischen Kr\u00e4ften. Diese Position und die Gef\u00e4hrdung Unbeteiligter isolierte die AIZ fast vollst\u00e4ndig innerhalb des militanten Spektrums. Die AIZ ver\u00fcbte 1995 vier Sprengstoffanschl\u00e4ge, davon drei auf die Wohnh\u00e4user von derzeitigen und ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten: 20","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 * am 22. Januar in Wolfsburg gegen den ehemaligen MdB und Parlamentarischen Staatssekret\u00e4r Dr. Volkmar K\u00fchler, derzeit Vorsitzender der DeutschMarokkanischen Gesellschaft, * am 23. April in Erkrath/Kreis Mettmann gegen MdB Dr. Theodor Blank, * am 17. September in Siegen gegen MdB Paul Breuer, Verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, * am 23. Dezember in D\u00fcsseldorf gegen das peruanische Konsulat, dessen Honorarkonsul der Inhaber der Baufirma Heitkamp ist. Bei allen Anschl\u00e4gen entstand - zum Teil erheblicher - Sachschaden. In einer sechsseitigen Grundsatzerkl\u00e4rung vom 13. Juli 1995 legte die AIZ die Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen nun von ihr praktizierten Angriffstyp dar und bezeichnete ihn - trotz der negativen Kritik aus dem linksextremistischen Spektrum - ausdr\u00fccklich als verallgemeinerungsf\u00e4hig. Am 10. Februar 1996 wurden zwei Studenten als mutma\u00dfliche Angeh\u00f6rige der AIZ verhaftet. Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, da\u00df die AIZ weiterhin handlungsf\u00e4hig ist. RAF-Kommandoebene Nach ihrer letzten Grundsatzerkl\u00e4rung aus dem Jahr 1994 ist die RAF weder mit einer weiteren Erkl\u00e4rung noch mit einem neuen Terroranschlag in Erscheinung getreten. Das von ihr propagierte Konzept einer \"Gegenmacht von unten\" hat allerdings im militanten linksextremistischen Spektrum auch im Jahr 1995 keinen Widerhall gefunden. Die RAF hat jedoch bisher weder eine \"Aufl\u00f6sungserkl\u00e4rung\" heraus gegeben, noch den bewaffneten Kampf endg\u00fcltig aufgegeben. Daher ist weiterhin von der Existenz einer handlungsf\u00e4higen terroristischen Vereinigung auszugehen. Angesichts mehrerer freigelassener RAF-H\u00e4ftlinge h\u00e4tte die RAF derzeit keinen \u00e4u\u00dferen Anla\u00df, den bewaffneten Kampf wieder aufzunehmen. Aufl\u00f6sung des bisherigen RAF-Umfelds Das bisherige RAF-Umfeld l\u00f6st sich zunehmend auf. RAF-Umfeld, militante Autonome und revolution\u00e4re Antiimperialisten entwickeln sich zu einem militanten linksextremistischen Spektrum. Die seit der Deeskalationserkl\u00e4rung der RAF von April 1992 beobachtete Spaltung des RAF-Umfeldes in \"Hardliner\" und Bef\u00fcrworter der vom RAFKommandobereich vertretenen Deeskalation hat sich auch im Jahr 1995 nicht vertieft. Kritische Diskussionen entz\u00fcndeten sich eher an militanten Aktionen anderer Gruppen, wie z.B. der AIZ. Ein gemeinsames Ziel im bisherigen RAF-Umfeld bildete auch 1995 wieder die Forderung nach der \"Freilassung aller politischen Gefangenen\". Da 1995 mehrere RAF-H\u00e4ftlinge aus der Haft entlassen worden sind, konzentriert sich diese Forderung derzeit jedoch im wesentlichen auf die sog. \"Hardliner\" unter den RAFH\u00e4ftlingen. 21","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Revolution\u00e4re Zellen (RZ)/Rote Zora Am 1. Juni 1995 wurde der mit internationalem Haftbefehl gesuchte mutma\u00dfliche terroristische Gewaltt\u00e4ter Johannes Weinrich, der als eines der f\u00fchrenden Mit glieder in der Anfangszeit der terroristischen Vereinigung \"Revolution\u00e4re Zellen\" (RZ) gilt, in der N\u00e4he von Aden/Jemen festgenommen und am 4. Juni 1995 an die Bundesrepublik ausgeliefert. Seit Ende Februar 1996 steht Weinrich in Berlin wegen Verdachts der Beteiligung an dem Sprengstoffanschlag auf das franz\u00f6sische Kulturinstitut Maison de France im Jahr 1983 vor Gericht. In der Nacht zum 24. Juli 1995 ver\u00fcbte eine terroristische Frauengruppe \"Rote Zora\" einen Sprengstoffanschlag auf die L\u00fcrssen-Werft GmbH & Co. in Lemwerder bei Bremen, f\u00fcr den sie in einer sechsseitigen Taterkl\u00e4rung die Verantwortung \u00fc- bernahm. Anschl\u00e4ge der terroristischen Vereinigungen \"RZ\" und \"Rote Zora\" sind auch in Zukunft nicht auszuschlie\u00dfen. Ein mutma\u00dfliches fr\u00fcheres Mitglied der \"Roten Zora\", das mit Haftbefehl gesucht worden war, stellte sich am 25. Oktober 1995 nach acht Jahren in der Illegalit\u00e4t der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Die Frau wurde bis zur Hauptverhandlung auf freien Fu\u00df gesetzt. 1.2.3 Mitgliederzahlen Die Mitgliederzahl der wichtigsten linksextremistischen Parteien und Gruppierungen betrug 1995 in NRW 4.770. Diese Zahl ist gegen\u00fcber dem Stand von 1994 aufgrund der Zuw\u00e4chse bei DKP und PDS geringf\u00fcgig erh\u00f6ht. Eine auch nur sch\u00e4tzungsweise Angabe von Mitgliedern und Sympathisanten der Marxistischen Gruppe (MG) ist derzeit nicht m\u00f6glich, weil diese Gruppierung extrem konspirativ t\u00e4tig ist und auch Kontakt mit anderen linksextremistischen Gruppen meidet. Die folgende Tabelle enth\u00e4lt daher keine Angabe zu MG-Mitgliedern. Tabelle: Mitgliederzahlen der wichtigsten Organisationen und Gruppierungen im Linksextremismus in NRW 1995 und 1994 Bei allen genannten Mitgliederzahlen handelt es sich um ungef\u00e4hre Angaben. 1.2.4 Bericht des Justizministeriums NRW 22","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Die Staatsanwaltschaften in Nordrhein-Westfalen haben 1995 wegen Straftaten, deren Ursprung dem Bereich des Linksextremismus zuzuordnen sind, insgesamt 1.246 (1994: 1.300) Verfahren neu eingeleitet. In der Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 1995 ist in 259 (187) Verfahren gegen 303 (234) Personen Anklage erhoben bzw. Antrag auf Erla\u00df eines Strafbefehls gestellt worden. 175 (103) Angeklagte wurden rechtskr\u00e4ftig verurteilt; 23 (11) Angeklagte wurden freigesprochen. Gegen 79 (63) Personen wurde das Verfahren von dem erkennenden Gericht eingestellt bzw. die Untersuchung auf nicht einschl\u00e4gige Straftaten beschr\u00e4nkt. 1.3 Ausl\u00e4nderextremismus und -terrorismus 1.3.1 Entwicklungstendenzen Im Ausl\u00e4nderextremismus und -terrorismus pr\u00e4gten das Jahr 1995 * mehrere Wellen von PKK-Gewalttaten im Februar, Juli und September, * Friedensangebote von PKK-Chef \u00d6calan, denen Anfang 1996 Gewaltandrohungen gegen deutsche T\u00fcrkei-Touristen folgten, * islamisch-extremistische Gruppierungen, die die Kandidaturen ihrer t\u00fcrkischen Parteien finanziell und personell bei den t\u00fcrkischen Parlamentswahlen am 24. Dezember 1995 unterst\u00fctzten. Arbeiterpartei Kurdistans - Partiya Karkeren Kurdistane - PKK Auch im zweiten Jahr nach dem Bet\u00e4tigungsverbot f\u00fcr die PKK setzte die Partei ihre Arbeit unvermindert fort. Die PKK verabschiedete auf ihrem 5. Parteikongre\u00df im Winter 1995 ein \"Neues Programm\" sowie eine neue Satzung. Als Begr\u00fcndung f\u00fchrt sie an, da\u00df dies notwendig geworden sei, um dem eigenen Wachstum und den Ver\u00e4nderungen in Kurdistan und in der ganzen Welt Rechnung zu tragen. Programm und Satzung sollten die Prinzipien des revolution\u00e4r-militanten Lebens deutlich machen. Die Partei ist von ihrer alleinigen Ausrichtung auf den Generalsekret\u00e4r \u00d6calan und ihrer Radikalit\u00e4t nicht abger\u00fcckt. Doppelstrategie Im Ringen um internationale Anerkennung setzte die PKK ihre Strategie fort, friedliche Bem\u00fchungen besonders herauszustellen und von ihr initiierte Gewaltaktionen zu leugnen. Wie in den Vorjahren warb die PKK vordergr\u00fcndig auf gewaltfreie Weise f\u00fcr ihre Ziele und bot sich als Ansprechpartner f\u00fcr die Kurdenfrage an. So betonte \u00d6calan immer wieder, da\u00df er den Frieden liebe und nur durch \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde gezwungen sei, den Kampf mit dem t\u00fcrkischen Gegner zu f\u00fchren. Er gab dabei vor, da\u00df er es nicht in der Hand habe, wenn die Kurden ihre Betroffenheit spontan in gewaltt\u00e4tigen Aktionen entluden. Damit versuchte er zu verschleiern, da\u00df bisher keine gewaltt\u00e4tigen Aktionen ohne seine Billigung stattfanden. Bei einem Gespr\u00e4ch des CDU-Bundestagsabgeordneten Lummer mit \u00d6calan Anfang November 1995 in Syrien sagte \u00d6calan nach Angaben Lummers zu, seine in Deutschland im Untergrund lebenden PKK-Aktivisten zur Gewaltfreiheit aufzuru23","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 fen. Ferner bot \u00d6calan an, in Zukunft mit deutschen Polizeibeh\u00f6rden bei der Bek\u00e4mpfung der internationalen Drogenkriminalit\u00e4t zusammenzuarbeiten. Noch Anfang des Jahres 1995 hatte \u00d6calan die Aktivisten der nordrheinwestf\u00e4lischen Regionen aufgefordert, mehr Aktionen durchzuf\u00fchren. Er erkl\u00e4rte, da\u00df zu Hause die K\u00e4mpfer ihr Leben riskierten, w\u00e4hrend die \"K\u00e4mpfer\" in der Bundesrepublik in B\u00fcrokratie und Verwaltung gel\u00e4hmt seien. Karriere durch Gewalt Auch Anfang 1996 sprach \u00d6calan wiederum Drohungen aus, die er damit begr\u00fcndete, da\u00df seine Friedensangebote in Deutschland ohne Resonanz seien. Ein innerparteilicher Aufstieg kann nur durch erfolgreiche Gewaltaktionen erfolgen. Nach \u00fcber Kassette oder Video \u00fcbermittelten abgelesenen stundenlangen Beschimpfungen sind alle Aktivisten so beeindruckt, da\u00df die Motivation zu Anschl\u00e4gen nicht hoch genug eingesch\u00e4tzt werden kann. Anschl\u00e4ge schwei\u00dfen die Parteiaktivisten zusammen und f\u00fchren ihr neue Aktivisten zu. Drohszenarien schaden der Akzeptanz der PKK bei den westeurop\u00e4ischen Staaten. Daher erkl\u00e4rt \u00d6calan die Anschl\u00e4ge als spontane Reaktionen Betroffener. Parteiaktivisten und Sympathisanten wissen jedoch, da\u00df die Partei hinter den Anschl\u00e4gen zum Tourismusboykott oder hinter den Brandanschl\u00e4gen auf t\u00fcrkische Einrichtungen in Deutschland stand; bezeichnenderweise rechneten sie alle Anschl\u00e4ge der PKK zu, auch wenn nicht alle von der PKK durchgef\u00fchrt wurden. Friedliche Demonstrationen zu Werbezwecken Friedlich verlaufende Gro\u00dfdemonstrationen nutzte die PKK, um gezielt Werbung f\u00fcr die Partei zu machen. Der friedliche Charakter der Demonstration sollte dazu beitragen, die PKK bei Repr\u00e4sentanten deutscher politischer Institutionen und in der deutschen \u00d6ffentlichkeit als vermeintlich demokratische politische Kraft zu e- tablieren. Die Organisation erhofft sich nach wie vor von Deutschland eine Vermittlerrolle gegen\u00fcber der T\u00fcrkei. So wie die PKK den politischen Dialog sucht, so demonstriert sie ihre Pr\u00e4senz durch gewaltt\u00e4tige Aktionen. 24","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Anschlagwellen 1995 Seit 1993 \u00fcberzog die PKK Deutschland in unregelm\u00e4\u00dfigen Ab st\u00e4nden mit Gewaltaktionen. Dies setzte sie 1995 mit mehreren Wellen von Anschl\u00e4gen auf \u00fc- berwiegend t\u00fcrkische Einrichtungen fort: * Februar/M\u00e4rz 1995: bundesweit mehr als 100 Anschl\u00e4ge auf t\u00fcrkische Einrichtungen, davon 45 in Nordrhein-Westfalen * Juli/ August 1995: bundesweit mehr als 50 Brandanschl\u00e4ge auf t\u00fcrkische Einrichtungen, 23 davon in Nordrhein-Westfalen, * 21.-24. November 1995: 5 Brandanschl\u00e4ge auf t\u00fcrkische Einrichtungen und 1 Brandanschlag auf eine Polizeiwache (alle Anschl\u00e4ge in Nordrhein-Westfalen), 25","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 * 25. und 26. November 1995: gewaltt\u00e4tige Demonstrationen in Essen und K\u00f6ln, * 9. M\u00e4rz und 16. M\u00e4rz 1996: gewaltt\u00e4tige Demonstrationen in Bonn, Dortmund und an Grenz\u00fcberg\u00e4ngen zu Belgien und den Niederlanden. Verst\u00e4rkt wurden 1995 staatliche Ma\u00dfnahmen gegen die PKK eingesetzt: * Verbot des \"Kurdistan Informationsb\u00fcros\" (KIB), K\u00f6ln, am 2. M\u00e4rz 1995, * Durchsuchung der vermutlichen Ersatz/Nachfolgeorganisation \"Kurdistan Informationszentrum\" (KIZ) am 30. November 1995 in K\u00f6ln, * Durchsuchung der \"Informationsstelle Kurdistan\" am 30. November 1995 in Bonn als mutma\u00dfliche Einrichtung deutscher Linksextremisten zur Unterst\u00fctzung der PKK, * Durchsuchung und Schlie\u00dfung des PKK-gesteuerten AGRI-Verlages am 1. Juni 1995 in K\u00f6ln, * Durchsuchung der F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland (YEK-KOM) am 20. Juni 1995 in Bochum, * Schlie\u00dfung zahlreicher \u00f6rtlicher kurdischer Vereine au\u00dferhalb NordrheinWestfalens. Aus der Sicht der PKK war das Bet\u00e4tigungsverbot f\u00fcr die PKK sowie das Verbot der PKK-Unterst\u00fctzerorganisationen in Deutschland Ausdruck daf\u00fcr, da\u00df die Bundesregierung an der Seite der T\u00fcrkei die Kurden unterdr\u00fcckt. Bewertung und Ausblick Die Parallelit\u00e4t von Gewaltt\u00e4tigkeiten einerseits und Friedens\u00e4u\u00dferungen andererseits entsprechen dem Konzept der PKK, ihrem Alleinvertretungsanspruch nach innen und nach au\u00dfen Geltung zu verschaffen. In der \u00d6ffentlichkeit wurde vielfach damit argumentiert, da\u00df dieses Verhalten der PKK unlogisch sei, da sie sich damit jegliche Sympathien verscherze und es ihr gerade darauf ankommen m\u00fcsse, sich die Sympathien zu erhalten. Dieses Wohlverhalten entspr\u00e4che unserer Logik, aber nicht der der Partei \u00d6calans. Wichtig ist f\u00fcr ihn der innerparteiliche Zusammenhalt. Hierzu ist St\u00e4rke notwendig. St\u00e4rke mu\u00df demonstriert werden. Wenn die Partei durch Gewaltverzicht, den sie teilweise propagiert, nicht vorankommt, ist es notwendig, St\u00e4rke durch Gewalt zu demonstrieren. Faktisch sind f\u00fcr \u00d6calan die Interessen der PKK wichtiger als politische L\u00f6sungen, das Parteiinteresse rangiert vor den nationalen Interessen der Kurden. Ansonsten m\u00fc\u00dfte \u00d6calan bef\u00fcrchten, da\u00df ihm seine Anh\u00e4nger davonlaufen. Gleicherma\u00dfen kann er damit auch seine Kritiker und Rivalen kleinhalten. Da\u00df dieses Konzept aufgeht, belegt die euphorische Stimmung der PKKAnh\u00e4nger, die die Krawalle in Dortmund geradezu als Sieg feierten. Sie sehen \u00d6calan als gro\u00dfen Taktiker, dem es nach den Krawallen mit einer \"beruhigenden Rede\" im Med-TV am 20. M\u00e4rz 1996 gelungen sei, die Polizei in Sicherheit zu wiegen, w\u00e4hrend die PKK die n\u00e4chsten Aktionen plane. Nach allen Erfahrungen und nach den j\u00fcngsten widerspr\u00fcchlichen \u00c4u\u00dferungen \u00d6calans mu\u00df in Zukunft mit neuen Wellen von Gewaltaktionen gerechnet werden. Erst Ende M\u00e4rz 1996 hat \u00d6calan in internen Aufrufen verk\u00fcndet, da\u00df Deutschland jetzt bezahlen m\u00fcsse, weil es anfange, Kurden umzubringen. Aber die PKK w\u00fcrde Gleiches mit Gleichem vergelten. 26","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Devrimci Halk Kurtulus Partisi-Cephesi (DHKP-C) (bisher: Devrimci Sol) Aus dem Karatas-Fl\u00fcgel der Devrimci Sol hat sich inzwischen eine Organisation mit eigenem Namen gebildet. Die 1992 ausgebrochenen K\u00e4mpfe zwischen zwei verfeindeten Fl\u00fcgeln, in deren Folge zuletzt im November 1994 ein Angeh\u00f6riger des Oppositionsfl\u00fcgels in Bergisch-Gladbach auf offener Stra\u00dfe erschossen worden war, scheinen trotz fortbestehender Spannungen abzuflauen. Die \u00fcberwiegende Zahl der Anh\u00e4nger steht hinter der von dem Devrimci Sol-F\u00fchrer Dursun Karatas als Nachfolgeorganisation gebildeten DHKP-C, die sich 1995 erneut durch Gewaltaktionen gegen t\u00fcrkische Einrichtungen hervortat. Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs (IGMG, bisher: AMGT) Die bisherige AMGT - Vereinigung der neuen Weltsicht - hat sich inzwischen in IGMG umbenannt. Die IGMG setzt sich neben ihren satzungsgem\u00e4\u00dfen Aufgaben f\u00fcr die politischen Ziele der islamisch-extremistischen t\u00fcrkischen Refah-Partei (Wohlfahrtspartei) ein, die das pluralistisch-laizistische System in der T\u00fcrkei abschaffen und einen theokratischen Staat errichten will. Bei den Wahlen am 24. Dezember 1995 wurde die Refah-Partei mit mehr als 20 % der Stimmen erstmals st\u00e4rkste Fraktion in der t\u00fcrkischen Nationalversammlung. Zu ihren Abgeordneten geh\u00f6ren der langj\u00e4hrige Europavorsitzende und ein weiterer F\u00fchrungsfunktion\u00e4r der IGMG. Dieser relative Erfolg in der T\u00fcrkei hat die Er27","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 wartungshaltung der Anh\u00e4nger der IGMG offenbar jedoch nicht befriedigt, sondern Irritation und Unzufriedenheit in der Anh\u00e4ngerschaft ausgel\u00f6st, die durch die Nicht Ber\u00fccksichtigung bei der Regierungsbildung noch zus\u00e4tzlich gef\u00f6rdert worden sind. Islamische arabische Extremisten Die islamischen extremistischen arabischen Organisationen hatten 1995 weiterhin Zulauf. In der \u00d6ffentlichkeit gaben sie sich moderat, um die ideologischen Gegens\u00e4tze zu westlichen Demokratievorstellungen zu verdecken. Um den Einflu\u00dfbereich unter den hier lebenden Muslimen zu festigen und auszudehnen, wurden vielf\u00e4ltige Aktivit\u00e4ten entwickelt, so z.B die Schaffung von Gebetsund Versammlungsr\u00e4umen, Freizeitangebote, soziale Hilfestellungen und die Unterst\u00fctzung von Hilfsprojekten in den Herkunftsl\u00e4ndern. Auf diese Weise soll ein Forum f\u00fcr die weitere Verbreitung religi\u00f6s verbr\u00e4mter Ideologien geschaffen werden, die den Islam als politische Waffe mi\u00dfbrauchen und die im Widerspruch zu Grundlagen unserer Verfassung steht. Islamische Heilsfront (FIS) Aus den b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Auseinandersetzungen in Algerien flohen Funktion\u00e4re der FIS vor dem Verfolgungsdruck ins Ausland. Einige davon, auch ranghohe Funktion\u00e4re, leben in Deutschland. Ihre Gesamtzahl ist jedoch nach wie vor nur gering. Es gibt keine ausgepr\u00e4gte Organisationsstruktur. Mitte Oktober 1995 sorgte ein in den Medien verbreitetes Interview mit einem angeblichen Vertreter der FIS in Deutschland f\u00fcr Aufsehen, da dieser auch mit Aktionen auf deutschem Boden drohte, sofern es zu Anklagen deutscher Beh\u00f6rden gegen Angeh\u00f6rige der FIS k\u00e4me. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Interviews wurde die Drohung von dem in NRW lebenden \"Auslandssprecher\" der FIS nachdr\u00fccklich dementiert. Er wandte sich entschieden gegen eine derartige Darstellung und betonte, da\u00df man vielmehr den Dialog suche. Es gibt derzeit keine Anzeichen daf\u00fcr, da\u00df die FIS in Deutschland Anschl\u00e4ge ver\u00fcben will. 1.3.2 Mitgliederzahlen Die Zahl der Mitglieder extremistischer Ausl\u00e4nder-Organisationen lag in NordrheinWestfalen 1995 bei knapp 16.000. Gegen\u00fcber 1994 stieg die Mitgliederzahl aufgrund der Zuw\u00e4chse bei den beiden islamisch-extremistischen Organisationen AD\u00dcTDF und IGMG und der beiden linksextremistischen Organisationen PKK und MLKP an. Gemessen an den rund zwei Millionen in Nordrhein-Westfalen lebenden Ausl\u00e4ndern blieb der Anteil der Mitglieder extremistischer Ausl\u00e4nder-Organisationen mit 0,8 % gering. Bei den Mitgliedern dieser Organisationen handelt es sich nur teilweise um gewaltorientierte Personen. Aus aktuellen politischen Anl\u00e4ssen gelingt es den extremistischen Ausl\u00e4nder-Organisationen allerdings immer wieder, \u00fcber den Kreis ihrer Mitglieder hin aus in betr\u00e4chtlichem Umfang Sympathisanten zu mobilisieren. Bei den im folgenden genannten Mitgliederzahlen handelt es sich um ungef\u00e4hre, teilweise gesch\u00e4tzte Angaben. 28","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Tabelle: Mitgliederzahlen der wichtigsten Organisationen und Gruppierungen extremistischer Ausl\u00e4nder in NRW 1995 und 1994 *) 1994 unter \"Sonstige\" 1.4 Politisch motivierte Strafund Gewalttaten 1.4.1 Fremdenfeindliche Straftaten Insgesamt 654 fremdenfeindliche Straftaten registrierten die Polizeibeh\u00fcrden in Nordrhein-Westfalen im Jahr 1995 *). *) Die Zahlen der fremdenfeindlichen Straftaten in Nordrhein-Westfalen werden vom Landeskriminalamt NRW erhoben und st\u00e4ndig aktualisiert. Durch nachtr\u00e4gliche Erkenntnisse k\u00f6nnen sich Ver\u00e4nderungen ergeben. Die folgenden statistischen Daten geben den Stand vom 12. Februar 1996 wieder. Die Polizeibeh\u00f6rden bezeichnen als \"Fremdenfeindliche Straftaten\" solche Delikte, die in der Zielrichtung gegen Personen begangen werden, denen T\u00e4ter (aus intoleranter Haltung heraus) aufgrund ihrer tats\u00e4chlichen oder vermeintlichen Nationalit\u00e4t, Volkszugeh\u00f6rigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft oder aufgrund ihres \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbildes ein Bleibeoder Aufenthaltsrecht in der Wohnumgebung oder in der gesamten Bundesrepublik bestreiten 29","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 oder gegen sonstige Personen oder Institutionen/Objekte/Sachen begangen werden, bei denen T\u00e4ter aus fremdenfeindlichen Motiven heraus handeln. Gewalttaten sind ein Teil der fremdenfeindlichen Straftaten. Sie umfassen folgende Deliktbereiche: T\u00f6tung, K\u00f6rperverletzung, Brandstiftung, Landfriedensbruch, gewaltt\u00e4tige Sachbesch\u00e4digung. Erneut ist ein deutlicher R\u00fcckgang gegen\u00fcber den Vorjahren 1994 (1.038), 1993 (2.385) und 1992 (1.774) festzustellen. Prozentual betr\u00e4gt dieser R\u00fcckgang gegen\u00fcber 1994 37,0 %, 1993 72,6 % und 1992 63,1 %. Die Zahl der Gewalttaten unter den fremdenfeindlichen Straftaten in NRW betrug 1995 139. Gegen\u00fcber 221 Gewalttaten im Jahr 1994 betrug der R\u00fcckgang 37,1 %, gegen\u00fcber 1993 73,4 % und gegen\u00fcber 1992 74,9 %. Die Entwicklung in den Monaten des Jahres 1995 verlief uneinheitlich: Nach dem Tiefstand im Januar mit 39 Straftaten gab es bis M\u00e4rz zun\u00e4chst einen Anstieg auf 72 und danach einen langsamen R\u00fcckgang auf 37 Straftaten im August und September. Nach einem erneuten Anstieg im Oktober ging die Zahl der Straftaten bis Dezember wieder zur\u00fcck. Tabelle: Fremdenfeindliche Strafund Gewalttaten in NRW 1995 30","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Entwicklung in den Deliktgruppen Die fremdenfeindlichen Straftaten verteilten sich in den Jahren 1992 bis 1995 folgenderma\u00dfen auf die einzelnen Deliktbereiche: Deliktbereiche 1995 1994 1993 1995 Differenz 95/94 in % 1 T\u00f6tungsdelikte 1 2 7 3 - (davon Versuche) (1) (2) (5) 2 K\u00f6rperverletzungs98 143 264 169 -31,5 delikte 3 Brandanschl\u00e4ge 10 11 70 109 -9,1 4 Landfriedensbr\u00fcche 0 0 1 16 - 5 Gewaltt\u00e4tige Sach30 65 181 256 -53,8 besch\u00e4digung-en 1-5 Zwischensumme 139 221 523 553 -37,1 Gewalttaten 6 Sonstige Sachbe16 31 90 163 -48,4 sch\u00e4digung-en 7 Propagandadelikte 104 184 496 343 -43,5 8 N\u00f6tigungen / Be95 185 557 288 -48,6 drohungen 9 Sonstige 300 417 746 427 -28,1 1-9 SUMME 654 1.038 2.385 1.774 -37,0 Get\u00f6tete und ver1995 1994 1993 199 Differenz letzte Personen 5 95/94 in % Get\u00f6tete 0 0 6 1 - Verletzte 104 140 312 135 -25,7 Die Entwicklung der fremdenfeindlichen Straftaten in den einzelnen Deliktgruppen verlief unterschiedlich: w\u00e4hrend die Brandanschl\u00e4ge mit 9,1 % nur geringf\u00fcgig zur\u00fcckgingen, gingen die gewaltt\u00e4tigen Sachbesch\u00e4digungen um 53,8 % zur\u00fcck. Durch fremdenfeindliche Straftaten wurden in NRW 1995 wie im Vorjahr keine Menschen get\u00f6tet. Allerdings gab es einen T\u00f6tungsversuch. Verletzt wurden 1995 in NRW 104 Personen bei 98 K\u00f6rperverletzungsdelikten. Die Zahl der Verletzten ging damit gegen\u00fcber 1994 um 25,7 % zur\u00fcck. Mit 45,9 % geh\u00f6rten fast die H\u00e4lfte aller Delikte zu den \"Sonstigen\" (Volksverhetzung, Beleidigung u.a.). Fremdenfeindliche Straftaten in NRW 1991 bis 1995 In dem Diagramm der fremdenfeindlichen Straftaten (Diagramm nicht in der WWW-Fassung) in NRW seit 1991 wird die seit Juni 1993 r\u00fcckl\u00e4ufige Entwicklung deutlich. Durch Fanaltaten ausgel\u00f6ste Anschlagwellen wie zwischen 1991 und 1993 gab es seitdem nicht mehr. Allerdings hat sich der R\u00fcckgang der fremdenfeindlichen Straftaten 1994/95 gegen\u00fcber 1993/94 verlangsamt. 31","Januer #1 Februar #1 M\u00e4rz #1 April 91 Mail 91 Junl #1 ui August #1 September #1 Oktuber #1 Kanember #1 Dezember #1 Januor #2 Februar ga M\u00e4rz 912 April 92 Mai 92 Juni 9 \"ug WE Sapteemibr gg Oltokzer pz EEE Hovember 72 Dezember #2 Januar93 | Fehrwar 93 M\u00e4rz #3 April 93 Kai 9 Juni 93 Juli 93 August 93 September #3 Oktober #3 Howerber 33 Dezember og IE Januar 94 Februar 94 M\u00e4rz 94 April 94 Mal 94 Juni ma | Juli 94 August Di September ga Oktober 94 November 94| Derember 94 Januor 93 Februor 95 M\u00e4r: 95 April #5 Mal #5 Juni 95 Juli 95 August 95 September 95 Oktober 73 Howemlkor 95 Dezemker 95","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Insgesamt stellte die Polizei bisher 438 Tatverd\u00e4chtige fest. Darunter dominieren wie in den Vorjahren weiterhin M\u00e4nner mit 392 von 438 Tatverd\u00e4chtigen gegen\u00fcber 46 Frauen. Nur 2,8 % der ermittelten Tatverd\u00e4chtigen agierten \u00fcber\u00f6rtlich. Tabelle: Altersstruktur der Tatverd\u00e4chtigen 1995 Bei der Altersstruktur entf\u00e4llt mit 39,7 % der gr\u00f6\u00dfte Anteil auf die Tatverd\u00e4chtigen, die 30 Jahre und \u00e4lter sind. Von den 438 Tatverd\u00e4chtigen geh\u00f6rten 18 (4,1 %) einer rechtsextremistischen Gruppe oder Organisation an; 39 (8,9 %) waren Skinheads. Die weit \u00fcberwiegende Zahl der Tatverd\u00e4chtigen geh\u00f6rte keiner Gruppe oder Organisation an. Allerdings hatten mehr als die H\u00e4lfte der Tatverd\u00e4chtigen schon einmal politisch motivierte (89 F\u00e4lle, 20,3 %) oder sonstige Straftaten (146 F\u00e4lle, 33,3 %) ver\u00fcbt. Hohe Freiheitsstrafen im Solinger Mordproze\u00df 33","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Mit der Verurteilung der vier Angeklagten zu langj\u00e4hrigen Freiheitsstrafen ist am 13. Oktober 1995 der Proze\u00df um den am 29. Mai 1993 ver\u00fcbten Brandanschlag auf ein von T\u00fcrken bewohntes Mehrfamilienhaus in Solingen zu Ende gegangen. Bei dem Anschlag waren zwei Frauen und drei Kinder ums Leben gekommen und sieben weitere Personen zum Teil schwer verletzt worden. Der 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts (OLG) D\u00fcsseldorf sprach die Angeklagten des f\u00fcnffachen Mordes, des 14fachen Mordversuchs und der besonders schweren Brandstiftung schuldig. Christian R. (19), Felix K. (18) und Christian B. (22) wurden zu der nach Jugendstrafrecht h\u00f6chsten Freiheitsstrafe von 10 Jahren verurteilt. Der zur Tatzeit schon dem Erwachsenenstrafrecht unterliegende Markus G. (25) erhielt eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Reaktionen auf das Urteil Die \"Nationalen Infotelefone\" (NIT; siehe Nr. 2.2.7) Hamburg, Schleswig-Holstein und Berlin reagierten bereits kurz nach der Urteilsverk\u00fcndung mit Sonderansagen. Seit dem Abend des 13. Oktober forderten die NIT Hamburg, Westfalen und Schleswig-Holstein in fast wortgleichen Sonderansagen dazu auf, \"an diesem Wochenende nicht zu Hause zu bleiben, sondern mit phantasievollen Aktionen der Wut und Emp\u00f6rung \u00fcber das Urteil Ausdruck zu verleihen\". Die f\u00fcr den 15. Oktober in Hamburg und D\u00fcsseldorf angemeldeten Demonstrationsz\u00fcge gegen die \"Fehlurteile\" von Solingen wurden verboten und fanden nicht statt. Anmelder f\u00fcr den Demonstrationszug in D\u00fcsseldorf war der ehemalige FAPLandesvorsitzende von Hamburg. Im Anschlu\u00df an die Urteilsverk\u00fcndung kam es in Solingen zu mehreren anonymen Anrufen, in denen Bombendrohungen gegen die Familie Genc ausgesprochen wurden. 1.4.2 Politisch motivierte Gewalttaten Mit insgesamt 556 Gewalttaten ist 1995 in NRW gegen\u00fcber dem Vorjahr (456 F\u00e4lle) ein Anstieg der politisch motivierte Gewalttaten um 18 % zu verzeichnen (LKA NRW, Stand: 18. Januar 1996 ).W\u00e4hrend die Fallzahlen bei T\u00f6tungsund K\u00f6rperverletzungsdelikten sowie gewaltt\u00e4tigen Sachbesch\u00e4digungen zur\u00fcckgingen, nahmen Brand-/Sprengstoffanschl\u00e4ge sowie Landfriedensbruchdelikte zu. Gef\u00e4hrliche Eingriffe in den Bahnverkehr wurden wieder registriert. TABELLE: Politisch motivierte Gewalttaten nach Deliktgruppen 1995 und 1994 34","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Bei der Betrachtung nach der Motivation der Gewalttaten zeigen sich gegens\u00e4tzlich Entwicklungen: W\u00e4hrend die fremdenfeindlichen, rechtsextremistischen und linksextremistischen Gewalttaten deutlich zur\u00fcckgingen, stiegen die Gewalttaten extremistischer Ausl\u00e4nder massiv an. Dieser Anstieg ist haupts\u00e4chlich auf die Brandanschl\u00e4ge und gewaltt\u00e4tigen Demonstrationen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zur\u00fcckzuf\u00fchren Ein T\u00f6tungsversuch Im Fall des registrierten T\u00f6tungsdelikts beschimpfte ein 54j\u00e4hriger Deutscher am 8. Juni 1995 in einer Gastst\u00e4tte in Castrop-Rauxel aus fremdenfeindlichen Beweggr\u00fcnden einen pakistanischen Gast und verletzte diesen anschlie\u00dfend durch Messerstiche im Brustbereich. Gegen den Beschuldigten wurde Haftbefehl wegen versuchten Totschlages erlassen. TABELLE: Politisch motivierte Gewalttaten nach Motivbereichen 1995 (1994 in Klammern) 35","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 1.5 Scientology - eine Aufgabe f\u00fcr den Verfassungsschutz? In den letzten Jahren sind die Praktiken der Scientology-Organisation zunehmend Gegenstand der \u00f6ffentliche Diskussion geworden. Die nordrhein-westf\u00e4lische Landesregierung hat dies bereits fr\u00fchzeitig zum Anla\u00df genommen, im Rahmen ihrer \u00d6ffentlichkeitsarbeit nicht nur auf das Wirken von Scientology und die damit f\u00fcr den Einzelnen verbundenen Gefahren sondern auch auf konkrete Hilfsangebote f\u00fcr Betroffene und deren Angeh\u00f6rige hinzuweisen. Sie hat sich dar\u00fcber hinaus daf\u00fcr eingesetzt, die vorhandenen rechtlichen M\u00f6glichkeiten, insbesondere des Vereins-, des Steuer-, des Ordnungsund des Strafrechts auszusch\u00f6pfen, um zu verhindern, da\u00df Scientology Menschen, die sich ein Mehr an Lebensgl\u00fcck und eine Verbesserung ihrer pers\u00f6nlichen Situation durch die Mitgliedschaft bei Scientology versprechen, wirtschaftlich ausbeutet und in psychische Abh\u00e4ngigkeit treibt. Den Lehren des Scientology-Gr\u00fcnders Hubbard ist die Zielsetzung von Scientology zu entnehmen, Mitglieder in alle Bereiche von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft einzuschleusen und Einflu\u00df auf Entscheidungstr\u00e4ger in diesen Bereichen zu nehmen. Ziel ist es, Staat, Gesellschaft und Wirtschaft an den grundrechtswidrigen scientologischen Prinzipien auszurichten und das ausbeuterische scientologische System dauerhaft zu installieren. Die Theorien des Scientology-Gr\u00fcnders Hubbard stehen im Widerspruch zu demokratischen Grundvorstellungen wie etwa dem Rechtsstaatprinzip, der Rechtswegegarantie sowie der Bindung der Rechtsprechung an Gesetz und Recht. Pers\u00f6nlichkeitsrechte Einzelner sind f\u00fcr Hubbard teilbar. Das Grundrecht der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung existiert nach seiner Sicht der Dinge f\u00fcr Kritiker nicht. Dies hat den Innenminister des Landes NordrheinWestfalen veranla\u00dft, im Rahmen der St\u00e4ndigen Konferenz der Innenminister und - senatoren der L\u00e4nder wiederholt auf eine bundesweite Beobachtung der Scientology-Organisation durch den Verfassungsschutz zu dr\u00e4ngen. 36","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Im Rahmen ihrer Konferenz am 15. Dezember 1995 haben die Innenminister und - senatoren beschlossen, die Beobachtung der Scientology-Organisation durch den Verfassungsschutz weiter zu pr\u00fcfen. Bei dieser Pr\u00fcfung ist das vom Innenministerium Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegebene Gutachten des Politikwissenschaftlers Dr. Hans-Gerd Jaschke zu ber\u00fccksichtigen, das seit Ende Dezember 1995 vorliegt. In dem Gutachten werden die Auswirkungen der Anwendung scientologischen Gedankenguts auf eine pluralistische Gesellschaft oder Teile von ihr in einem freiheitlich demokratisch verfa\u00dften Rechtsstaat untersucht. In dem als Brosch\u00fcre des Innenministeriums Nordrhein-Westfalen herausgegebenen Gutachten kommt der Gutachter zusammenfassend zu dem Ergebnis: \"Eine ganze Reihe von Indizien spricht daf\u00fcr, da\u00df Scientology l\u00e4ngerfristig verfassungsfeindliche Zielsetzungen vertritt und als totalit\u00e4re Organisation Ber\u00fchrungspunkte mit dem politischen Extremismus aufweist. Allerdings mu\u00df diese Einsch\u00e4tzung auf Vorl\u00e4ufigkeit bestehen, denn eine Vielzahl von empirischen Fragen ist beim gegenw\u00e4rtigen Forschungsund Diskussionsstand noch zu wenig gekl\u00e4rt. Erst weitergehende Informationen und Analysen der Mitgliederund Organisationsstruktur, die Hinweise auf die Intensit\u00e4t des verfassungsfeindlichen Denkens bei Scientology und seine Verbreitung in der Anh\u00e4ngerschaft geben, k\u00f6nnten n\u00e4here Aufschl\u00fcsse und Kl\u00e4rungen erbringen.\" Vor diesem Hintergrund hat die Konferenz der Ministerpr\u00e4sidenten der L\u00e4nder am 7. M\u00e4rz 1996 unter anderem eine fortlaufende Pr\u00fcfung beschlossen, ob der Aufgabenbereich des Verfassungsschutzes durch die Aktivit\u00e4ten der ScientologyOrganisation er\u00f6ffnet ist. 37","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 2 Rechtsextremismus 2.1 Rechtsextremistische Organisationen, Gruppierungen und Str\u00f6mungen 2.1.1 Deutsch-Europ\u00e4ische Studiengesellschaft (DESG) Gr\u00fcndung: 1972 Sitz: Hamburg Mitglieder: 1995: ca. 70 1994: ca. 70 (bundesweit) Publikationen: DESG-inform; 10-11 Ausgaben im Jahr; Auflage ca. 300 Junges Forum; erscheint unregelm\u00e4\u00dfig Die DESG wurde 1972 von einem NPD-Funktion\u00e4r gegr\u00fcndet. Mit der Gr\u00fcndung versuchte ein seit den 60er Jahren unter verschiedenen Bezeichnungen (\"Die Legion\", \"DeutschEurop\u00e4ische Gesellschaft\", \"Sababurg-Runde\") bestehender Seminarkreis junger Akademiker sich ein Forum zu schaffen und \u00fcber Schriften und Vortragsveranstaltungen einen neuen Nationalismusbegriff in den Rechtsextremismus einzubringen. Die beiden Publikationen DESG-inform und Junges Forum erscheinen im Verlag Deutsch-Europ\u00e4ischer Studien GmbH in Hamburg. \"DESG-inform\" berichtet ausf\u00fchrlich \u00fcber inund ausl\u00e4ndische rechtsextremistische Organisationen und will damit als Informationsb\u00f6rse dienen. Daneben stellt sie gelegentlich Ver\u00f6ffentlichungen der \"Neuen Rechten\" aus dem Inund Ausland vor. In der Rubrik \"Ethnopluralismus\" wird aus einem biologistischen Verst\u00e4ndnis sozialer Zusammenh\u00e4nge abgeleitet, da\u00df beim Zusammenleben von Angeh\u00f6rigen verschiedener \"Volksgruppen\" zwangsl\u00e4ufig unl\u00f6sbare Konflikte entstehen m\u00fc\u00dften, die gegenw\u00e4rtig zu einem \"Kampf der europ\u00e4ischen V\u00f6lker um Identit\u00e4t und Selbstbestimmungsrecht\" (Anzeige der DESG-inform in Junge Freiheit u.a. Nr. 50/95) f\u00fchrten. \"DESG-inform\" inseriert regelm\u00e4\u00dfig in der Wochenzeitung \"Junge Freiheit\" (JF) (siehe Nr. 2.1.12.1). In der Schriftenreihe \"Junges Forum\" publiziert die DESG in loser Folge einzelne, umfangreichere Abhandlungen, die den rechtsextremistischen Ans\u00e4tzen der \"Neuen Rechten\" ein theoretisches Fundament geben sollen. Ausgaben der Reihe \"Junges Forum\" erschienen zuletzt im Herbst 1994 und zum Jahreswechsel 1994/95. In Nordrhein-Westfalen sind 1995 keine sonstigen Aktivit\u00e4ten der DESG bekannt geworden. 2.1.2 Deutsche Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH) Gr\u00fcndung 38","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Landesverband NRW: 26. Oktober 1991 Bund: 3. Oktober 1991 Sitz NRW: H\u00fcrth Bund: Villingen-Schwenningen Vorsitzende NRW: Markus Beisicht Bund: Harald Neubauer, J\u00fcrgen Sch\u00fctzinger, Ingo Stawitz Mitglieder NRW: 1995: ca. 160 1994: ca. 160 Bund: 1995: ca. 900 1994: ca. 900 Publikation: Rhein-Ruhr-Blitz, \"Nationale Zeitung f\u00fcr Nordrhein-Westfalen. Vereinigt mit den DomSpitzen\"; Auflage 7.000; erscheint unregelm\u00e4\u00dfig, im Jahr 1995 nur 1 Ausgabe Die DLVH wurde am 3. Oktober 1991 von Mitgliedern der Deutschen AllianzVereinigte Rechte (DA), einem Zusammenschlu\u00df ehemaliger Mitglieder der REP, der NPD und der DVU gegr\u00fcndet. Sie versteht sich als Sammlungsbewegung \"aller nationalen Kr\u00e4fte\". Sie hat 1995 einige Neonazi-Funktion\u00e4re aufgenommen, die von Organisationsverboten betroffen waren. Organisation Die DLVH verf\u00fcgt nicht in allen L\u00e4ndern \u00fcber Landesverb\u00e4nde. Der organisatorische Aufbau der Partei stagniert. Unter den bestehenden Landesverb\u00e4nden bildet Nordrhein-Westfalen (hier insbesondere K\u00f6ln) einen Schwerpunkt. Der NRW-Landesvorsitzende Markus Beisicht aus K\u00f6ln ist Beisitzer im Bundesvorstand der DLVH. Gleichberechtigte Bundesvor sitzende sind Harald Neubauer aus M\u00fcnchen, J\u00fcrgen Sch\u00fctzinger aus Villingen-Schwenningen und Ingo Stawitz aus Kiel. Stawitz war seit 1992 f\u00fcr die DVU im Landtag SchleswigHolstein. W\u00e4hrend der Legislaturperiode wechselte er zur DLVH. Bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein am 24. M\u00e4rz 1996 blieb die DLVH mit 0,2 % bedeutungslos. Die DLVH ist personell mit der \"Neuen Rechten\" verflochten. Die Herausgeber von \"Nation und Europa - Deutsche Rundschau\" (siehe Nr. 2.1.12.6) sind Harald Neubauer (DLVH-Bundesvorsitzender) und Peter Dehoust (Beisitzer im DLVHBundesvorstand). Der DLVHFunktion\u00e4r Manfred Rouhs aus K\u00f6ln ist Herausgeber von \"Europa Vorn\" (siehe Nr. 2.1.12.5). Politische Ziele 39","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Das Parteiprogramm der DLVH lehnt sich sprachlich und ideologisch an das NPDProgramm an. Es enth\u00e4lt Anhaltspunkte f\u00fcr eine nationalistische, rassistische und v\u00f6lkischkollektivistische Grundhaltung, die mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbar ist. Die DLVH lehnt eine \"multikulturelle Gesellschaft\" ab und fordert eine \"Ausl\u00e4nderpolitik, die den berechtigten Schutzinteressen des deutschen Volkes entspricht\". Daneben offenbart sie deutliche Tendenzen zur Relativierung der NS-Verbrechen. In der Asylthematik sowie in der Ablehnung der EU und des Vertrags von Maastricht agitiert die DLVH \u00e4hnlich wie REP, DVU und NPD. W\u00e4hrend sie die fortschreitende Einigung Europas mit \"Gleichmacherei\", \"\u00dcberfremdung\" und \"Bevormundung\" gleichsetzt, stellt sie die Anwesenheit von \"Asylanten\" als \"zerst\u00f6rerisch\" f\u00fcr das deutsche Volk dar. \"Rhein-Ruhr-Blitz\" und \"DomSpitzen\" zusammengelegt Auch in K\u00f6ln sind die politischen Aktivit\u00e4ten der DLVH stark zur\u00fcckgegangen. Die Herausgabe der \"DomSpitzen\", Nachrichten aus der K\u00f6lner Ratsfraktion der DLVH, wurde im Herbst 1995 mit der Ausgabe 34 ganz eingestellt. Nachdem die DLVH aufgrund des schlechten Wahlergebnisses im Oktober 1994 aus dem K\u00f6lner Stadtrat ausschied und damit finanzielle Mittel (wie Aufwandsentsch\u00e4digungen, Fraktionsmittel) verlor, wurde die Zeitung zun\u00e4chst nur noch viertelj\u00e4hrlich herausgegeben. Im September 1995 erschien erstmals wieder seit dem Herbst 1994 die Publikation des Landesverbandes NRW der DLVH, \"Rhein-RuhrBlitz\". Es handelt sich um die 3. Ausgabe dieser Publikation. Sie tr\u00e4gt aber die Nummer 35, bildet also den Anschlu\u00df an die letzte Ausgabe der \"DomSpitzen\". In der \u00dc- berschrift bezeichnet sie sich als \"Nationale Zeitung f\u00fcr NordrheinWestfalen. Vereinigt mit den DomSpitzen\". DLVH betreibt Einigung von Rechtsextremisten Die DLVH hat 1995 besonders in NRW ihre politischen Aktivit\u00e4ten auf Veranstaltungen zur Einigung von Rechtsextremisten konzentriert. Sie hoffte, nach den Niederlagen der REP bei den Wahlen 1994/95 deren entt\u00e4uschte Mitglieder und Anh\u00e4nger an sich binden zu k\u00f6nnen. Dabei setzte sie vor allem auf Anh\u00e4nger des fr\u00fcheren REP-Vorsitzenden Sch\u00f6nhuber und hoffte auf einen Spaltungsproze\u00df bei den REP. Im Juni 1995, knapp einen Monat nach der Wahlschlappe der REP bei der Landtagswahl in NRW, initiierte die DLVH den ersten von mehreren sogenannten \"Runden Tischen\" (siehe Nr. 2.1.6), an denen Mitglieder verschiedener rechtsextremistischer Organisationen teilnahmen. Organisatorisch und personell hat die DLVH von diesen Aktivit\u00e4ten bisher aber nicht profitiert. Entwicklungen und Ereignisse 1995 Keine Teilnahme an der NRW-Landtagswahl Die schlechten Ergebnisse bei den NRW-Kommunalwahlen 1994 veranla\u00dften die DLVH, nicht zu der Landtagswahl in NRW im Mai 1995 anzutreten. Zu einer fl\u00e4chendeckenden Kandidatur w\u00e4re die Partei in NRW personell und organisatorisch auch nicht in der Lage gewesen. Offiziell begr\u00fcndete die DLVH den Verzicht auf die Wahlteilnahme damit, da\u00df sie \"die rechten Kr\u00e4fte nicht zersplittern\" wolle. Zwei DLVH-Mitglieder, die in K\u00f6ln und Hagen als Einzelkandidaten (nicht als DLVH40","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Mitglieder) zur NRW-Landtagswahl am 14. Mai 1995 antraten, erhielten in K\u00f6ln 80 und in Hagen 78 Stimmen. Politische Aktivit\u00e4ten reduziert Abgesehen von den Einigungsbestrebungen reduzierte die DLVH 1995 in NRW ihre politischen Aktivit\u00e4ten gegen\u00fcber 1994 erheblich. Im April 1995 gab der Landesverband NRW ein Flugblatt mit dem Titel \"Schlu\u00df mit dem Beschi\u00df - F\u00fcr eine inl\u00e4nderfreundliche Politik!\" heraus, in dem sie sich gegen \"ungebremste Masseneinwanderung\" ausspricht. Zum 50. Jahrestag des 8. Mai 1945 verbreitete die DLVH einen Aufkleber mit dem Inhalt \"8. Mai 1945 Millionen Erschlagene, Vertriebene, Vergewaltigte ... Trauern - statt feiern!\" Wie andere Rechtsextremisten versuchte sie damit, den 8. Mai zur revisionistischen Aufrechnung zu nutzen. 41","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Ausblick Die DLVH hat nach dem Verlust aller Mandate bei den NRWKommunalwahlen 1994 in der rechtsextremistischen Parteienlandschaft weiter an Bedeutung verloren. Als DLVH tritt sie in der \u00d6ffentlichkeit kaum noch in Erscheinung. Sie konzentriert sich besonders in NRW auf ihre Einigungsbem\u00fchungen durch \"Runde Tische\" bzw. durch den F\u00f6rderkreis B\u00fcndnis Deutschland und hofft, auf diesem Wege doch noch Einflu\u00df im rechtsextremistischen Lager gewinnen zu k\u00f6nnen. Nach der zu erwartenden Stabilisierung der REP infolge des g\u00fcnstigen Ergebnisses bei der Landtagswahl 1996 in Baden-W\u00fcrttemberg ist diese Strategie wenig erfolgversprechend. 2.1.3 Deutsche Volksunion (DVU) Gr\u00fcndung Landesverband NRW: 11. Februar 1989 Bund: 5. M\u00e4rz 1987 Sitz NRW: Hamm Bund: M\u00fcnchen Vorsitzende Bund: Dr. Gerhard Frey NRW: Hans-Dieter Wiegr\u00e4fe Mitglieder Bund: 1995: ca. 15.000 1994: ca. 20.000 Land: 1995: ca. 3.000 1994: ca. 3.300 Publikationen: Deutsche Wochen-Zeitung/Deutscher Anzeiger (DWZ/DA); Auflage 22.000; erscheint w\u00f6chentlich Deutsche National-Zeitung (DNZ); Auflage 36.000; erscheint w\u00f6chentlich Die Partei wurde im M\u00e4rz 1987 in M\u00fcnchen auf Initiative Dr. Frey's zusammen mit der NPD unter dem Namen Deutsche Volksunion - Liste D (DVU-Liste D) zum Zweck der Wahlteilnahme gegr\u00fcndet. Die Umbenennung in Deutsche Volksunion (DVU) fand im Februar 1991 durch Satzungs\u00e4nderung statt. Organisation Die DVU tritt in Nordrhein-Westfalen nicht mit Aktionen oder durch Teilnahme an Wahlen in Erscheinung. Die Politik der Partei kommt ausschlie\u00dflich in den Wochenzeitungen ihres Bundesvor sitzenden Dr. Frey zum Ausdruck, der seine Partei streng zentralistisch, dirigistisch und autorit\u00e4r f\u00fchrt. Bis auf den R\u00fcckgang der 42","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Mitgliederzahlen sind bei der DVU in den letzten Jahren keine Ver\u00e4nderungen eingetreten. Umfrage, Parteibeitritt und Zeitungsabonnement in einer \"Anzeige\"; hier z.B. aus der \"Deutschen Nationalzeitung\" vom 13.1.1995 Finanzen Neben Mitgliedsbeitr\u00e4gen und Spenden finanziert sich die DVU durch den Zeitungskonzern ihres Bundesvorsitzenden und auch aus Mitteln der staatlichen Teilfinanzierung der Parteien, sofern sie an Wahlen teilnahm und die hierf\u00fcr erforderlichen 0,5 % (bei Europaund Bundestagswahl) bzw. 1 % (bei Landtagswahlen) der abgegebenen W\u00e4hlerstimmen erhalten hat. Anl\u00e4\u00dflich der Gro\u00dfveranstaltung der DVU am 30. September 1995 in Passau wurde verbreitet, die Partei habe 8,5 Mio. DM Schulden. Eine wichtige Einnahmequelle f\u00fcr Dr. Frey stellt der Verkauf seiner Wochenzeitungen dar, in denen er massiv f\u00fcr B\u00fccher, M\u00fcnzen, Medaillen, Schallplatten und Videokassetten mit politischem Inhalt wirbt, die \u00fcber seinen \"Freiheitlichen Buchund Zeitschriftenverlag GmbH\" (FZ-Verlag) bezogen werden k\u00f6nnen. Diese Verquickung von Partei und den wirtschaftlichen Interessen Dr. Frey's darf nicht \u00fcbersehen werden. Politische Ziele Aus dem bewu\u00dft allgemein gehaltenen Parteiprogramm der DVU ist die rechtsextremistische Grundhaltung nicht ohne weiteres erkennbar. Im Mittelpunkt steht die Durchsetzung \"nationaler Interessen\", die in Thesen wie \"Bewahrung der deutschen Identit\u00e4t\" und \"Kein Verzicht auf deutsche Interessen\" zum Aus druck kommt. Ans\u00e4tze von Fremdenfeindlichkeit finden sich in Forderungen nach \"Be43","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 grenzung des Ausl\u00e4nderanteils\" und \"Stopp dem zunehmenden Ausl\u00e4nderstrom\". Die rechtsextremistische Grundhaltung der Partei wird aber deutlich in den Wochenzeitungen (DWZ/DA und DNZ) des Bundesvorsitzenden, in denen permanent Agitation gegen Ausl\u00e4nder betrieben wird. Hinzu kommen sich st\u00e4ndig wiederholend die Themen Revisionismus (siehe Nr. 2.1.14) und \"Umerziehung\". Entwicklung und Ereignisse 1995 Die DVU trat nicht zu der NRW-Landtagswahl am 14. Mai 1995 an. Frey investierte nur in den \u00fcberschaubaren Wahlkampf in Bremen und Bremerhaven. Die Bem\u00fchungen waren nur teilweise von Erfolg gekr\u00f6nt: Nach ihrem Mi\u00dferfolg bei der B\u00fcrgerschaftswahl am 14. Mai in Bremen konnte sich die DVU am 24. September bei der Wahl zur Bemerhavener Stadtverordnetenversammlung mit 5,7 % (2.665 Stimmen) knapp behaupten. Sie blieb damit stark unter dem Ergebnis von 10 % im Jahre 1991 und ist nicht mehr mit f\u00fcnf, sondern mit drei Abgeordneten vertreten. Sie ist damit nicht mehr die drittst\u00e4rkste Fraktion und verlor sogar den Fraktionsstatus. 44","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Nach dem Wahlkampf in Bremerhaven konzentrierte Frey alle Kr\u00e4fte in SchleswigHolstein, wo sich die Partei am 24. M\u00e4rz 1996 an der Landtagswahl beteiligte. Die Voraussetzungen hierf\u00fcr waren zun\u00e4chst schlecht: Im November 1995 beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Kiel Unterlagen der DVU im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens wegen Veruntreuung von Fraktionsgeldern. Die Kieler DVUFraktion wird verd\u00e4chtigt, Fraktionsmittel an die DVU-Parteizentrale im M\u00fcnchen weitergeleitet zu haben. Im Jahre 1992 war die DVU mit 6,3 % in den Kieler Landtag ein gezogen. Ein Jahr sp\u00e4ter zerbrach die Fraktion wegen Streitereien mit der Parteif\u00fchrung. Ein Teil der DVU-Mitglieder trat zur DLVH \u00fcber. Der Wiedereinzug der DVU in den Kieler Landtag scheiterte bei der Wahl am 24. M\u00e4rz 1996 mit 4,3 % Dennoch ist dieses 45","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Ergebnis ein beachtlicher Erfolg, der ihr umfangreiche Zuwendungen aus der staatlichen Parteienfinanzierung sichert. Kein Hinweis auf Teilnahme an den Einigungsbestrebungen Neue Abgrenzungsbeschl\u00fcsse Die DVU beteiligte sich nicht an den von unterschiedlichen Parteien, Organisationen und Einzelpersonen initiierten Einigungsbestrebungen im rechtsextremistischen Lager. An l\u00e4\u00dflich ihres Bundesparteitages am 15. Juli 1995, also einen Monat nach den ersten \"Runden Tischen\", verabschiedete sie neue Abgrenzungsbeschl\u00fcsse. Anl\u00e4\u00dflich der traditionellen Gro\u00dfveranstaltung in Passau erkl\u00e4rte Dr. Frey zum Thema \"Einheit der Rechten\", es gebe keine Alternative zur DVU. Wiederaufnahme der Kontakte zu Schirinowskij Zur L\u00f6sung aller Probleme bieten DNZ und DWZ/DA den als Oppositionsf\u00fchrer bezeichneten Vorsitzenden der Liberal-Demokratischen Partei Ru\u00dflands (LDPR), Wladimir Schirinowskij, an, den sie als \"Garant des Friedens\" vorstellen. Er und Dr. Frey hatten sich nach langer Pause Mitte Juli in Moskau erneut getroffen. In den Wochenzeitungen Frey's wurde hierzu eine angeblich gemeinsame Erkl\u00e4rung ver\u00f6ffentlicht. Am Schlu\u00df findet sich ein Hinweis auf Schirinowskij's Buch, \"Was ich wirklich will\", selbstverst\u00e4ndlich erh\u00e4ltlich in Frey's Verlag. An der Gro\u00dfveranstaltung der DVU am 30. September in Passau konnte Schirinowskij nicht teilnehmen, weil er keine Einreiseerlaubnis erhalten hatte. Stattdessen wurde ein Gru\u00dfwort verlesen, dessen Authentizit\u00e4t nicht eindeutig ist. Ausblick Bisher entwickelte die DVU nur dort politische Aktivit\u00e4ten, wo sie in L\u00e4nderoder Stadtparlamenten vertreten war. Da dies in Nordrhein-Westfalen nicht der Fall ist, ist k\u00fcnftig mit politischen Aktivit\u00e4ten der DVU weiterhin nicht zu rechnen. 2.1.4 Deutsches Kulturwerk Europ\u00e4ischen Geistes e.V. (DKEG) Gr\u00fcndung: 1950 Sitz: M\u00fcnchen Mitglieder Bund 1995: 30 1994: 30 Pr\u00e4sident: Dr. Karl G\u00fcnter Stempel Das DKEG mit Sitz in M\u00fcnchen wurde 1950 auf Initiative eines ehemaligen NSKulturfunktion\u00e4rs gegr\u00fcndet. Pr\u00e4sident ist seit 1971 Karl G\u00fcnter Stempel. Organisatorisch gliedert sich das DKEG in sogenannte Pflegest\u00e4tten, die in eigener Regie Veranstaltungen abhalten. Das DKEG entwickelte in Nordrhein-Westfalen 1995 keine Aktivit\u00e4ten, verf\u00fcgt jedoch \u00fcber zwei Pflegest\u00e4tten in Bielefeld und Steinhagen. Ziele waren die \"Neubildung volkshaften Selbstverst\u00e4ndnisses und Selbstbewu\u00dftseins\" und die \"Pflege volkshaft konservativer Literatur\". Gem\u00e4\u00df seiner Satzung 46","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 will das DKEG die \"aus eigenem Lebensraum und seiner Charakterund Sch\u00f6pferbildung entstehende Kunst\" f\u00f6rdern. Dementsprechend versammelten sich in seinen Reihen viele Dichter und Schriftsteller, die sich einst in die Dienste des NSStaates gestellt hatten und denen das DKEG nach 1945 ein Forum bot. Eine Veranstaltung mit einer gewissen Au\u00dfenwirkung in NRW war bis 1993 eine jeweils im November stattfindende \"Gedenkstunde zu Ehren der Toten beider Weltkriege\" auf dem Friedhof in H\u00f6velhof/Kreis Paderborn. Nach massiven St\u00f6rungen 1993 hat man 1994 die Veranstaltung verlegt und 1995 ganz darauf verzichtet. Veranstaltungen des DKEG sind 1995 in NRW nicht bekannt geworden. Grenz\u00fcberschreitende Zusammenarbeit Ein namensgleiches Kulturwerk besteht in \u00d6sterreich in der Form von zwei juristischen Personen. 1976 war das DKEG \u00d6sterreich zun\u00e4chst verboten worden. Daraufhin gr\u00fcndete sich am 23. Januar 1977 in Wien die \"Deutsche Kulturgemeinschaft\" (DKG). Nachdem der \u00f6sterreichische Verfassungsgerichtshof am 23. Juni 1977 das Verbot des \u00f6sterreichischen DKEG aufgehoben hat, bestehen DKEG und das urspr\u00fcnglich als Ersatzorganisation gegr\u00fcndete DKG nebeneinander mit selber Zielsetzung und selbem Personenkreis. Die \"Pflegst\u00e4tte Klagenfurt\" des \u00f6sterreichischen DKEG wurde nach internen Streitigkeiten aufgel\u00f6st. An ihrer Stelle wurde als eigenst\u00e4ndige Regionalorganisation das \"Kulturwerk \u00d6sterreich e.V., Landesgruppe K\u00e4rnten\" gegr\u00fcndet. Dieses \"Kulturwerk\" f\u00fchrte vom 30. September bis 5. Oktober 1995 in Sirnitz/\u00d6sterreich die vierten \"K\u00e4rntner Kulturtage\" durch. Zentrales Motto war \"50 Jahre danach. Hoffnung f\u00fcr die Zukunft geben.\" An dieser Veranstaltung nahmen auch ca. 20 deutsche Rechtsextremisten teil. Im Rahmen dieser \"Kulturtage\" wurde auch eine Fahrt zum \"gro\u00dfen Soldatentreffen auf dem Ulrichsberg\" bei Klagenfurt durchgef\u00fchrt. Die als \"Ulrichsberg-Treffen\" bekannte Veranstaltung war in letzter Zeit nach Einsch\u00e4tzung \u00f6sterreichischer Beh\u00f6rden ein Treffpunkt internationaler, auch deutscher Rechtsextremisten. An ihrem Rande fand auch eine Veranstaltung ehemaliger SS-Angeh\u00f6riger statt. Die zunehmende Zusammenarbeit von deutschen und \u00f6sterreichischen Rechtsextremisten macht eine engere Zusammenarbeit von deutschen und \u00f6sterreichischen Beh\u00f6rden erforderlich. 2.1.5 Die Republikaner (REP) Gr\u00fcndung Landesverband NRW: 1984 Bundesverband: 1983 Sitz Landesverband NRW: D\u00fcsseldorf (laut Satzung); Gesch\u00e4ftsstelle in Senden Bundesverband: Berlin 47","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Vorsitzende NRW: Ursula Winkelsett Bund: Dr. Rolf Schlierer Mitglieder NRW: 1995: ca. 1.700 1994: ca. 2.500 Bund: 1995: ca. 17.000 1994: ca. 20.000 Publikation der Bundespartei: \"Der Republikaner\" erschien 1995 zweimonatlich Publikation des Landesverbandes NRW: \"NRW-Report Informationsschrift f\u00fcr Mitglieder\" her ausgegeben von Winkelsett; soll viertelj\u00e4hrlich erscheinen (bisher: Ausgabe 1 von Juli/Aug. 95, Ausgabe 2 von Okt./Nov. 95) Lokale Publikationen (Beispiele) \"DO REPort\" \"Gelsenkirchener Info-REPort\" \"Leverkusener Reptilchen\" Zustand des Landesverbandes Zu Beginn des Jahres 1995 war die Situation des REPLandesverbandes NRW von den Auswirkungen der empfindlichen Nieder lagen im Wahljahr 1994 sowie den parteiinternen Querelen als Folge der Entmachtung des ehemaligen Bundesvorsitzenden Sch\u00f6nhuber und der Wahl von Dr. Schlierer zum neuen Bundesvorsitzenden gepr\u00e4gt. F\u00fcr die Wahlniederlagen der Partei und deren politische Ausrichtung machten sich gegenseitig Sch\u00f6nhuber, der nach wie vor in NRW \u00fcber eine gro\u00dfe Zahl von Anh\u00e4ngern verf\u00fcgt, und der Bundesvorstand verantwortlich. Organisation Die Landesgesch\u00e4ftsstelle in D\u00fcsseldorf mu\u00dfte aus finanziellen Gr\u00fcnden Ende September 1995 geschlossen werden. Am Wohnsitz der neuen Landesvorsitzenden Winkelsett wurde das Parteib\u00fcro des Landesverbandes NRW eingerichtet. Die Untergliederungen des Landesverbandes sind in weiten Teilen nur stark eingeschr\u00e4nkt funktionst\u00fcchtig und entwickeln im allgemeinen nur wenige nennenswerte Aktivit\u00e4ten in der \u00d6ffentlichkeit. Die strukturellen Probleme in einer Reihe von Bezirksund Kreisverb\u00e4nden sind un\u00fcbersehbar. Die Zahl der inaktiven Kreisverb\u00e4nde nahm gegen\u00fcber 1994 zu. Landesparteitag w\u00e4hlte neue Vorsitzende Mitte 1995 trat \u00fcberraschend der NRW-Landesvorsitzende Uwe Goller aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden von seinen Partei\u00e4mtern zur\u00fcck. Die stellvertretende Landesvorsitzende Winkelsett \u00fcbernahm die kommissarische Leitung des Landesverbandes. Der Landesparteitag am 18. November 1995 in Lippstadt/Cappel diente vor allem der Neuwahl des Landesvorstands. Winkelsett wurde zur neuen Landesvorsitzenden gew\u00e4hlt. Allerdings erhielt sie nur 53 % der Delegiertenstimmen, w\u00e4hrend 44 % f\u00fcr den Vorsitzenden des \"Republikanischen Bundes der \u00f6ffentlich Be48","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 diensteten\" (RepBB) stimmten. Winkelsett hatte es schon als kommissarische Landesvorsitzende und in der Zeit als stellvertretende Landesvorsitzende verstanden, die innerparteiliche Macht bei sich zu konzentrieren. Sie gilt als ausgewiesene Gegnerin Sch\u00f6nhubers. Im REP-Landesverband NRW existiert allerdings weiterhin eine starke innerparteiliche Opposition, die sich vor allem aus Sch\u00f6nhuberAnh\u00e4ngern rekrutiert. Der Parteitag wurde mit dem Hinweis auf angeblich \"anreisende Chaoten\" vorzeitig beendet. Mitglieder Die Mitgliederzahl des REP-Landesverbandes NRW ging 1995 gegen\u00fcber 1994 erheblich zur\u00fcck. Es ist au\u00dferdem davon auszugehen, da\u00df bei einem erheblichen Teil der Ende 1995 ca. 1.700 Mitglieder die Beitragszahlungsmoral gering ist und von diesem Personenkreis satzungsgem\u00e4\u00df ein Teil ausgeschlossen werden m\u00fc\u00dfte. Mitgliederzahlen der REP in NRW von 1989 bis 1995 1989 3.500 1990 1.500 1991 1.500 1992 2.100 1993 2.500 1994 2.500 1995 2.100 (Fr\u00fchjahr) 1995 unter 2.000 (Sommer) 1995 1.700 (Ende) Urs\u00e4chlich daf\u00fcr d\u00fcrften die entt\u00e4uschenden Ergebnisse bei den Wahlen des Jahres 1994, bei der Landtagswahl in NRW am 14. Mai 1995 und die Querelen um den politischen Kurs der Partei sein. Symptomatisch f\u00fcr die tiefe Entt\u00e4uschung bei den Funktion\u00e4ren und einfachen Mitgliedern im Landesverband NRW sind die Parteiaustritte namhafter Funktion\u00e4re, z. B. des ehemaligen stellvertretenden Landesvorsitzenden, der im M\u00e4rz 1995 die Partei verlie\u00df und die Gr\u00fcndung des Landesverbandes NRW der Partei \"Die Freiheitlichen\" vorbereitete. Die ausgetretenen REP-Mitglieder sind - soweit erkennbar und von der Gr\u00fcndung \"Der Freiheitlichen\" abgesehen - nicht weiter politisch aktiv. Jedenfalls waren bei den anderen rechts extremistischen Parteien und Organisationen keine Zuw\u00e4chse, sondern ebenfalls Mitgliederverluste oder Stagnation festzustellen. Auch die Beteiligung an den \"Runden Tischen\" war im Verh\u00e4ltnis zu den Mitgliederverlusten der REP gering. Offenbar haben sich die ausgetretenen REP-Mitglieder entt\u00e4uscht zur\u00fcckgezogen. 49","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Finanzen Erkl\u00e4rtes Ziel der REP war es, bei der Landtagswahl am 14. Mai 1995 ein landesweites Ergebnis von mindestens 1 % zu erzielen, um weiterhin an der staatlichen Parteienfinanzierung beteiligt zu sein. Damit sollte \"die finanzielle Grundlage f\u00fcr die Weiterarbeit\" geschaffen werden. Nachdem dieses Ziel mit 0,8 % deutlich verfehlt wurde, ist der Landesverband \"ausschlie\u00dflich auf eigene Einnahmen angewiesen. Unser Ziel ist es, in den n\u00e4chsten Jahren die Strukturen unseres Verbandes aufrechtzuerhalten und die Parteiarbeit zu intensivieren - das alles kostet Geld.\" (NRW-Report, Ausgabe 1, Juli/Aug. 1995). Finanziell steht der NRW-Landesverband vor zwei Problemen: - durch die Mitgliederverluste sinkt das Beitragsaufkommen; - durch das schlechte Ergebnis bei der Landtagswahl 1995 unterhalb der Erstattungsgrenze entfallen die staatlichen Mittel. Ende 1995 befand sich der REP-Bundesverband in einem finanziellen Engpa\u00df, weil die erwarteten staatlichen Mittel verloren waren. Das Parteiorgan \"Der Republikaner\" erschien deshalb im Dezember 1995 nicht, wie gewohnt, im Zeitungsformat und vierseitig, sondern nur als beidseitig bedrucktes DIN A4-Flugblatt. Die REP erhielten f\u00fcr 1994 keine staatliche Finanzierung, weil sie es vers\u00e4umt hatten, rechtzeitig bis zum 1. Dezember 1994 die Festsetzung der staatlichen Mittel f\u00fcr 1994 zu beantragen. Dagegen hatten der Bundesverband und die Landesverb\u00e4nde der REP Klagen erhoben. Das Verwaltungsgericht K\u00f6ln hat die Klage der REP Ende Februar 1996 abgewiesen, womit die REP rund 2,3 Mio. DM endg\u00fcltig verloren. Den REP stehen f\u00fcr 1995 aufgrund der staatlichen Finanzierung der Parteien rund 4,8 Mio. DM zu. Nach Aufrechnung mit noch offenen Forderungen aus dem Jahre 1994 erh\u00e4lt der Bundesverband 2,2 Mio. DM. Der REPLandesverband NRW mu\u00df parteiintern sogar 128.300 DM zur\u00fcckzahlen, weil er bei der NRW-Landtagswahl 1995 unter der Finanzierungs-Grenze geblieben ist. Nach Auszahlung der staatlichen Mittel f\u00fcr 1995 bezeichneten der Bundesund die Landesvorsitzende den Engpa\u00df der Bundespartei als \u00fcberwunden. Nach au\u00dfen wird die finanzielle Lage allerdings dramatisiert und als Folge staatlicher Schikanen dargestellt. Ereignisse und Entwicklungen Fremdenfeindliche Agitation Die Ausl\u00e4nderund Asylbewerberthematik ist nach wie vor eines der herausragenden Agitationsfelder der REP. Sie wird im wesentlichen unter dem Gesichtspunkt der angeblichen Gefahr des Untergangs des deutschen Volkes gesehen. F\u00fcr gesellschaftliche Mi\u00dfst\u00e4nde werden direkt oder indirekt Ausl\u00e4nder und vor allem Asylbewerber verantwortlich gemacht. In seiner Rede auf dem Landesparteitag NRW am 18. November 1995 pl\u00e4dierte Dr. Schlierer f\u00fcr die Streichung des Asylrechts aus dem Grundgesetz, damit das deutsche Volk dar\u00fcber bestimmen k\u00f6nne, wer sich in Deutschland aufhalten d\u00fcrfe und wer nicht. 50","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Der stellvertretende Bundesvorsitzende und Vorsitzende des Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg, Christian K\u00e4s, erkl\u00e4rte in seiner Rede auf dem Landesparteitag am 3. Oktober 1995 in Stuttgart: \"Doch unsere Politiker demontieren uns Deutsche als Herren im eigenen Haus, wo immer sie k\u00f6nnen. Ausl\u00e4nderwahlrecht heute f\u00fcr Kommunen, morgen f\u00fcr das ganze Land auf Biegen und Brechen. W\u00e4hlbarkeit f\u00fcr Ausl\u00e4nder, ausl\u00e4ndische Beamten. Wie verr\u00fcckt mu\u00df dieser Staat eigentlich noch werden, bis er von alleine in die Luft fliegt? 1992 haben wirmit der Forderung nach Abschaffung des Asylgrundrechts Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt. Unsere Forderung ist noch lange nicht erf\u00fcllt. Wir mahnen sie heute st\u00e4rker an als je. So kann es nicht weitergehen ... Wir wollen nicht mehr der Schauplatz sein f\u00fcr die multiethnischen Phantasien unserer Regierungen, wir wollen nicht mehr die Opfer steigender ausl\u00e4ndischer und antideutscher Gewalt sein. Wir stehen nicht mehr zur Verf\u00fcgung als Tummelplatz aller Rassen und V\u00f6lker dieser Welt und deshalb wiederholen wir den alten Ruf nach dem Ende der Massenzuwanderung so laut und so ungebrochen, da\u00df es auch im letzten Negerkral in Afrika klar sein mu\u00df: Deutschland will sie nicht ...\". K\u00e4s sieht \"schon heute ... \u00fcberall in Deutschland die Feldzeichen des Islam, die Minarette und Moscheen der Feinde aller Traditionen und Werte des Abendlandes. ... F\u00fcr uns ist jeder Quadratmeter europ\u00e4ischen Bodens heiliges christliches Land. ... Also Christentum: K\u00e4mpfe oder gehe unter.\" Neue Niederlage bei der NRW-Landtagswahl Bei der Landtagswahl in NRW am 14. Mai 1995 setzte sich die Reihe der REPWahlniederlagen seit Anfang 1994 fort. Der REPLandesverband beteiligte sich in 105 von 151 Wahlkreisen mit dem Ziel, landesweit mindestens 1 % der Stimmen zu erhalten, um die weitere Teilhabe an der Parteienfinanzierung zu sichern. Die Zahl der Wahlkampfaktivit\u00e4ten war allerdings deutlich geringer als in den Wahlk\u00e4mpfen des Vorjahres. Zur\u00fcckzuf\u00fchren ist dies vermutlich auf die knappen finanziellen Mittel des Landesverbandes und die fehlende Motivation der Mitglieder. Ein geplantes Landtagswahlprogramm wurde nicht ver\u00f6ffentlicht, bei der Wahlwerbung wurde Material aus den Wahlk\u00e4mpfen des Jahres 1994 verwendet. Die REP konnten vereinzelt zwar in Wahlkreisen bis zu 2,4 % der Stimmen erringen, verfehlten mit landesweit 0,8 % ihr Wahlziel jedoch deutlich. Dieses Ergebnis wurde von der Partei als entt\u00e4uschend bezeichnet und f\u00fchrte zu einer weiteren Verschlechterung der Stimmung in der Mitgliedschaft. Wahlerfolg in Baden-W\u00fcrttemberg 1996 Bei der Landtagswahl in Baden-W\u00fcrttemberg am 24. M\u00e4rz 1996 gelang es den REP, mit 9,1 % der W\u00e4hlerstimmen (1992: 10,9 %) erneut in den Landtag einzuziehen. Dieser Wahlerfolg durchbrach die Serie von Niederlagen bei Kommunalund Landtagswahlen in den letzten Jahren bzw. bei der Europaund der Bundestagswahl in 1994. Bei der am gleichen Tag stattfindenden Landtagswahl in Rheinland-Pfalz scheiterten die REP zwar an der 5 %-Grenze, sie konnten ihr Wahlergebnis aber auf 3,5 % ( 1991: 2,0 %) steigern. Querelen auf Bundesebene Die Auseinandersetzung zwischen dem ehemaligen REP-Bundesvor sitzenden Sch\u00f6nhuber und seinem Nachfolger Schlierer versch\u00e4rfte sich im Laufe des Jahres 1995 zunehmend, obwohl Schlierer sich bem\u00fchte, die innerparteilichen Quere51","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 len vor der f\u00fcr die Zukunft der Partei bedeutsamen Landtagswahl in BadenW\u00fcrttemberg am 24. M\u00e4rz 1996 zu d\u00e4mpfen. Am 16. November 1995 trat Sch\u00f6nhuber aus der Partei aus. Er bezichtigte Schlierer eines \"Schmusekurses\", der \"Anbiederung an die etablierten Parteien.\" Er warf ihm vor, die Partei zu einer \"Stuttgarter L\u00e4ndlepartei\" heruntergewirtschaftet zu haben. Schlierer seinerseits bezeichnet Sch\u00f6nhubers Austritt \"als zwangsl\u00e4ufige Konsequenz einer l\u00e4ngeren Entwicklung, in deren Verlauf sich Sch\u00f6nhuber zunehmend von dem von der Partei f\u00fcr richtig befundenen Kurs entfernt hat.\" REP lehnen \"Runde Tische\" ab Der Vorstand des Landesverbandes NRW und der Bundesvorstand vertreten einen Kurs der strikten Abgrenzung gegen\u00fcber anderen rechtsextremistischen Organisationen. Sie lehnen \"Runde Tische\" entschieden ab und drohen Parteimitgliedern f\u00fcr den Fall ihrer Teilnahme an derartigen Veranstaltungen Konsequenzen an. In der Partei verbliebene Anh\u00e4nger Sch\u00f6nhubers wenden sich aber gegen die ihrer Meinung nach gescheiterte Abgrenzungspolitik der REP. So haben trotz der eindeutigen Positionsbestimmungen des Bundesvorstands und des Landesvorstands NRW einige \"Republikaner\" an derartigen Veranstaltungen teilgenommen. Das \"Intern-Info\" \u00fcber die erste Sitzung des Koordinierungsausschusses des \"Runden Tisches Rheinland\" am 21. Oktober 1995 nennt zwei \"Republikaner\" als Mitglieder des Sprecherrats. Auch au\u00dferhalb der \"Runden Tische\" suchten einzelne Funktion\u00e4re der REP auf \u00f6rtlicher Ebene nach Formen der Kooperation mit Angeh\u00f6rigen anderer rechtsextremistischer Parteien. (Siehe hierzu Kapitel 2.1.6 \"F\u00f6rderkreis B\u00fcndnis Deutschland/Runde Tische von Rechtsextremisten\".)) Oberverwaltungsgericht M\u00fcnster verweigert Genehmigung f\u00fcr REP-Stiftung REP-Stiftung Gefahr f\u00fcr Gemeinwohl Das Oberverwaltungsgericht M\u00fcnster hat mit Urteil vom 8. Dezember 1995 den Anspruch der REP auf Genehmigung der \"FranzSch\u00f6nhuber-Stiftung\" versagt, weil sie das Gemeinwohl gef\u00e4hrde. Das Gericht hat festgestellt, da\u00df die Stiftung \"im Falle ihrer Genehmigung das Gebot der Achtung der Menschen w\u00fcrde, das Verbot der Diskriminierung der Rasse, der Sprache, der Abstammung oder des Glaubens sowie das Demokratieprinzip als Verfassungsrechtsg\u00fcter gef\u00e4hrden\" w\u00fcrde. Grundlage dieser Feststellung seien insbesondere asylbewerberfeindliche Ver\u00f6ffentlichungen von Untergliederungen der Partei, Angriffe gegen die Daseinsberechtigung staatstragender Einrichtungen sowie diffamierende \u00c4u\u00dferungen in bezug auf Funktions tr\u00e4ger des Staates und anderer Parteien, die mit dem Unrechtsregime des Nationalsozialismus auf eine Stufe gestellt w\u00fcrden. Damit werde ihre verfassungsrechtliche Legitimation verneint. Schlie\u00dflich werde die Wiederbegr\u00fcndung der parlamentarischen Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland und des parteienstaatlichen Pluralismus als Resultat der alliierten Besatzungszeit ver\u00e4chtlich gemacht. Bei der Bewertung des Stiftungszwecks hat das Gericht sich au\u00dfer auf die vom Innenministerium NRW vorgetragenen Argumente und vorgelegten Materialien 52","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 auch auf die Verfassungsschutzberichte des Bundes und vieler L\u00e4nder aus den Jahren 1993 und 1994 gest\u00fctzt. Der REP-Bundesvorsitzende Schlierer bezeichnete die Urteilsbegr\u00fcndung auf einer Bundesvorstandssitzung als f\u00fcr die Partei \"t\u00f6dlich\". Die REP wollen deshalb den Rechtsweg bis zur letzten Instanz beschreiten. Au\u00dferdem ist beabsichtigt, den Namen der Stiftung zu \u00e4ndern und die Stiftung als Verein mit Sitz in Berlin anzumelden. Ausblick Der Wahlerfolg der REP bei der Landtagswahl 1996 in BadenW\u00fcrttemberg wird die Position des REP-Bundesvorsitzenden st\u00e4rken und den weiteren Niedergang der Partei m\u00f6glicherweise aufhalten. An den Einigungsversuchen von Rechtsextremisten werden sich die REP weiterhin wahrscheinlich nicht beteiligen, weil der Bundesvorsitzende den Wahlerfolg auch als Best\u00e4tigung seiner Abgrenzungspolitik sehen wird. 2.1.6 F\u00f6rderkreis B\u00fcndnis Deutschland/\"Runde Tische\" von Rechtsextremisten Erneute Einigungsbestrebungen nach Wahlniederlagen Die schlechten Ergebnisse der rechtsextremistischen Parteien bei den Wahlen 1994 und 1995 f\u00fchrten zu erneuten Einigungsbestrebungen im rechtsextremistischen Lager. Die traditionelle Zersplitterung sollte durch Gespr\u00e4che an sogenannten \"Runden Tischen\" \u00fcberwunden werden. Am Anfang dieser Entwicklung stand das \"Eisenacher Signal\", mit dem das Pr\u00e4sidium des REPLandesverbandes Th\u00fcringen am 1. Juni 1995 zur Schaffung \"vieler Runder Tische\" aufrief, \"damit das Jahr 1995/96 f\u00fcr die deutsche Rechte ein Jahr der Vers\u00f6hnung, \u00d6ffnung und Erneuerung wird! Nur gemeinsam l\u00e4\u00dft sich eine fl\u00e4chendeckende, schlagkr\u00e4ftige und glaubw\u00fcrdige politische Alternative zum Bonner Parteienkartell aufbauen, auf die viele Deutsche warten. Dieses B\u00fcndnis f\u00fcr Deutschland gilt es vorzubereiten - auf jeder Ebene und \u00fcberall! Eisenach - ein Modell f\u00fcr alle Patrioten\". Rheinischer Appell Diese vom REP-Bundesvorstand mi\u00dfbilligte Initiative wurde in NordrheinWestfalen von der DLVH aufgegriffen. Bereits am 10. Juni 1995 fand in BergischGladbach eine Veranstaltung \"Runder Tisch der Konservativen und Demokratischen Rechten im Rheinland\" statt. Eingeladen hatten der DLVHLandesvorsitzende Markus Beisicht sowie der DLVH-Funktion\u00e4r und Herausgeber der Publikation \"Europa Vorn\", Manfred Rouhs. Die ca. 70 Teilnehmer verabschiedeten einen Rheinischen Appell (Dokument siehe unten), der zur Sammlung an \"Runden Tischen\" und zur Vorbereitung eines \"B\u00fcndnisses f\u00fcr Deutschland\" aufrief. Pulheimer Erkl\u00e4rung Ein weiterer, von der DLVH initiierter \"Runder Tisch der Rechten im Rheinland\" fand am 2. September 1995 in Pulheim statt. Der Teilnehmerkreis entsprach dem 53","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 des ersten \"Runden Tisches\". Es wurde folgende \"Pulheimer Erkl\u00e4rung\" verabschiedet, die inhaltlich an den \"Rheinischen Appell\" ankn\u00fcpft: \"Die gravierenden Mi\u00dfst\u00e4nde in Deutschland und das Unverm\u00f6gen der Altparteien, diese zu beseitigen, machen eine starke und zukunftsorientierte Rechtspartei dringend erforderlich. Doch der deutschen Rechten droht der Sturz in die dauerhafte Bedeutungslosigkeit. Hierf\u00fcr sind die L\u00fcgenund Ha\u00dfkampagnen unserer politischen Gegner nur bedingt verantwortlich. Jahrelanger Schlingerkurs und unn\u00f6tige Querelen in den eigenen Reihen haben uns von Millionen W\u00e4hlern entfremdet und auch die Leidensf\u00e4higkeit der Treuesten \u00fcberfordert. Resignation und Frustration machen sich breit. Wir brauchen jetzt ein kraftvolles Signal der Vers\u00f6hnung und B\u00fcndelung aller seri\u00f6sen Kr\u00e4fte von Rechts. Es mu\u00df Schlu\u00df sein mit dem Gegeneinander eigentlich Gleichgesinnter. Nur wenn die vern\u00fcnftigen Patrioten zusammenfinden, kann der Zerfall gestoppt werden und eine neue Aufbruchstimmung entstehen.\" F\u00f6rderkreis B\u00fcndnis Deutschland Auf dem Treffen in Pulheim wurde ein Koordinierungsausschu\u00df gegr\u00fcndet, der im Oktober 1995 den \"F\u00f6rderkreis B\u00fcndnis Deutschland\" ins Leben rief. Der F\u00f6rderkreis setzt sich aus Vertretern aller teilnehmenden Parteien zusammen und hat die Aufgabe, die begonnene B\u00fcndnispolitik vorw\u00e4rts zu treiben. Er bezeichnet sich als \"notwendige Erg\u00e4nzung zur bestehenden rechten Szene in NRW ... Unter Beibehaltung einer vorerst lockeren Struktur dient unsere Arbeit der Vernetzung und Koordination rechter Politik und der Geschlossenheit demokratischer Patrioten\". Die Einheit der vern\u00fcnftigen Patrioten sei Grundvoraussetzung f\u00fcr den Aufbau einer starken, offensiven und glaubw\u00fcrdigen rechten Alternative zum Altparteienkartell. Der F\u00f6rderkreis wende sich zuvorderst an die \"rechte Szene\". \"Hier wollen wir zur B\u00fcndelung, Vernetzung und Vers\u00f6hnung der Patrioten beitragen.\" Im Januar 1996 erschien die erste Ausgabe der Zeitung des F\u00f6rderkreises mit dem Titel \"Forum B\u00fcndnis Deutschland\". In dem Artikel auf der Titelseite wird das Schreckensbild der multikulturellen Gesellschaft gemalt. Au\u00dferdem wird unter anderem die \"Pulheimer Erkl\u00e4rung\" mit dem Aufruf zu ihrer Unterst\u00fctzung abgedruckt. Autorenlesung mit Sch\u00f6nhuber Die Einigungsbem\u00fchungen gipfelten am 18. November 1995 in einer Veranstaltung in Overath bei K\u00f6ln mit dem ehemaligen REP-Bundesvorsitzenden Sch\u00f6nhuber. Um die Neutralit\u00e4t aller nach au\u00dfen hervorzuheben, trat als Einlader keine der beteiligten Parteien, sondern die Publikation \"Europa Vorn\" des DLVHLandesvorstandsmitglieds Manfred Rouhs auf. Die Veranstaltung wurde, offensichtlich auf Wunsch Sch\u00f6nhubers, nicht als \"Runder Tisch\", sondern als Autorenlesung angek\u00fcndigt. An der Veranstaltung nahmen ca. 200 Personen teil. Bevor Sch\u00f6nhuber mit der Autorenlesung beginnen konnte, bat Beisicht um Unterschriften f\u00fcr die \"Pulheimer Erkl\u00e4rung\". Formal machte er darauf aufmerksam, da\u00df es sich nicht um eine parteipolitische Veranstaltung, sondern um eine Autorenlesung handele. Er hob aber gleichzeitig hervor, da\u00df DLVH, NPD, REP, DVU, \"Freiheitliche\" und \"Aufbruch '94\" ihre Vertreter zu dieser Veranstaltung entsandt h\u00e4tten, machte die Veranstaltung so doch noch zu einem \"Runden Tisch\". W\u00e4h54","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 rend der Veranstaltung wurden Beitrittserkl\u00e4rungen des \"F\u00f6rderkreises B\u00fcndnis Deutschland\" verteilt. In seinem Vortrag widersprach Sch\u00f6nhuber den Meldungen, er sei der Initiator und Betreiber der \"Runden Tische\". Ihm sei es lediglich um die Vorstellung seines Buches \"In Acht und Bann\" gegangen. Er sei aber nicht aus der Partei ausgetreten, um Privatperson zu werden, sondern um einen neuen Anfang zu machen und mit einer neuen Rechten einen sp\u00e4ten Erfolg zu haben. Er sehe keinen Sinn in einem Zusammenschlu\u00df der rechten Organisationen, da diese stigmatisiert und nicht in der Lage seien, miteinan der auszukommen, obwohl sich ihre Programme glichen. Denkbar sei nur ein langer Weg \u00fcber die Bildung einer rechten \"Au\u00dferparlamentarischen Opposition\". Sch\u00f6nhuber hat damit die von ihm fr\u00fcher als REPBundesvorsitzender aus der Position vermeintlicher St\u00e4rke heraus vertretene Politik der Abgrenzung gegen\u00fcber anderen rechtsextremistischen Organisationen verlassen. W\u00e4hrend der anschlie\u00dfenden Diskussion meinte Sch\u00f6nhuber, um gemeinsame Strukturen entstehen lassen zu k\u00f6nnen, m\u00fcsse auf Ortsebene Aufbauarbeit geleistet wer den. Erst wenn sich die Basis zusammengerauft habe, k\u00f6nne man an die Gr\u00fcndung einer neuen Partei denken. Er selbst strebe keinen Parteivorsitz mehr an. Sch\u00f6nhuber und DLVH treiben Einigung voran St\u00fctzpfeiler der Einigungsbestrebungen sind der ehemalige REPBundesvorsitzende Sch\u00f6nhuber sowie die DLVH-Mitglieder Neubauer und Dehoust, die zugleich Herausgeber der Publikation \"Nation und Europa-Deutsche Rundschau\" sind. Markus Beisicht leistete zwar die Vorarbeit zur Gr\u00fcndung des regionalen \"F\u00f6rderkreises B\u00fcndnis Deutschland\", kann im Kreis der Vorgenannten aber nicht als gleichberechtigter Partner auftreten. Bei \"Nation und Europa - Deutsche Rundschau\" ist Sch\u00f6nhuber inzwischen fest etabliert. Er ist dort seit Oktober 1995 regelm\u00e4\u00dfiger Kolumnist und nutzt diese Kolumne zur Verbreitung seiner neuen Positionen. Sch\u00f6nhuber meinte anl\u00e4\u00dflich der Veranstaltung in Overath, um die \"Medienblockade\" zu \u00fcberwinden, m\u00fc\u00dften regional \u00dcberlegungen zur Bildung von Medienzentren angestellt werden. Durch Nutzung eigener Publikationen und die Beeinflussung oder Schaffung regionaler Rundfunksender sei diese Blockade zu \u00fcberwinden. Ben\u00f6tigt w\u00fcrden Organe f\u00fcr die Intelligenz und f\u00fcr Dumme. Menschen m\u00fc\u00dften immer erst \u00fcberzeugt werden. 55","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 NPD beteiligt sich auch Der \"F\u00f6rderkreis B\u00fcndnis Deutschland\" wird inzwischen auch vom NPDLandesverband Nordrhein-Westfalen getragen. Der Landesverband sprach sich bis zum Herbst 1995 noch strikt gegen die Teilnahme an \"Runden Tischen\" aus. Das \u00e4nderte sich nach dem Haftantritt des NPD-Bundesvorsitzenden G\u00fcnter Deckert im November 1995. Seitdem ruht das als \"B\u00fcndnis Deutschland\" seit Jahren bestehende Einigungsprojekt der NPD. Die Schw\u00e4chung des autorit\u00e4ren damaligen Bundesvorsitzenden st\u00e4rkte offenbar Kr\u00e4fte, die eher zu einer Zusammenarbeit bereit sind. REP-Bundesund Landesvorstand NRW lehnen \"Runde Tische\" ab 56","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Der Vorstand des REP-Landesverbandes NRW unterst\u00fctzt den strikten Abgrenzungskurs des REP-Bundesvorsitzenden Schlierer gegen\u00fcber anderen rechtsextremistischen Organisationen. Anl\u00e4\u00dflich einer Klausurtagung von Funktion\u00e4ren des Landesverbandes betonte der stellvertretende Landesvorsitzende und Beisitzer im Bundesvorstand, auf Versammlungen m\u00fcsse klipp und klar erkl\u00e4rt werden, da\u00df das Thema \"Vereinigte Rechte\" mit der Er\u00f6rterung durch den Bundesvorstand abgeschlossen sei. Wer jetzt noch an \"Runden Tischen\" teilnehme, m\u00fcsse mit einem Parteiausschlu\u00dfverfahren rechnen. In einer Pressemitteilung distanzierte sich der REP-Bundesvorstand vom \"Eisenacher Signal\" und lehnte \"weiterhin jede Ann\u00e4herung, jede Absprache oder jede andere Form von Zusammenarbeit mit Parteien oder Gruppierungen\" der \"Alten Rechten\" ab. Er k\u00fcndigte den Parteimitgliedern Konsequenzen an, die sich an \"Runden Tischen\" beteiligen oder das \"Eisenacher Signal\" weiter verbreiten. Ausblick Die \"Runden Tische\" sind eine Reaktion auf die Schw\u00e4che der rechtsextremistischen Parteien bei den Wahlen 1994/95. Sie werden weiterhin ohne Beteiligung der gro\u00dfen Parteien REP und DVU stattfinden. Die M\u00f6glichkeit der Gr\u00fcndung einer Vereinigten Rechten als Partei h\u00e4ngt von der \u00dcberzeugungskraft Sch\u00f6nhubers und dem Einigungswillen aller Beteiligten ab. Denkbar ist eine Fortsetzung der \"Runden Tische\" im Sinne kultureller Hegemonie mit dem Ziel, verst\u00e4rkt nationalistisches Gedankengut in die \u00f6ffentliche Diskussion zu bringen. # Dokument: Rheinischer Appell beschlossen am 10. Juni 1995 \"Hochrangige Funktionstr\u00e4ger sowie Aktivisten der Republikaner, der DVU, der Deutschen Liga, der Nationaldemokraten, vom Aufbruch'94, der Freiheitlichen, der B\u00fcrger, der DSU, sowie parteiungebundene Pers\u00f6nlichkeiten aus dem Rheinland trafen sich am 10. Juni 1995 in Bergisch-Gladbach auf Einladung des Deutsche Liga-Landesvorsitzenden RA Markus Beisicht und des Europa Vorn-Herausgebers Manfred Rouhs zu einem ersten 'Runden Tisch der Konservativen und Demokratischen Rechten im Rheinland', um \u00fcber die B\u00fcndelung der versprengten Kr\u00e4fte von Rechts zu beraten. Die Versammlung, an der \u00fcber 80 Personen teilnahmen, verabschiedete einstimmig folgende Erkl\u00e4rung: Rheinischer Appell Die j\u00fcngsten Landtagswahlen haben gezeigt, die potentiellen W\u00e4hler sind rechter Zwietracht im parteipolitischen Bereich \u00fcberdr\u00fcssig. Geringe Stimmenzahlen f\u00fcr die antretenden Rechtsparteien und Flucht in die Wahlenthaltung sind die Folge. Man kann nicht glaubhaft den Anspruch erheben, die Einheit Deutschlands vollenden und dem ganzen Volk dienen zu wollen, wenn man nicht einmal die Einheit der Gleichgesinnten erreicht, die dazu bereit sind. Die heute Versammelten sind sich einig, da\u00df eine in Zukunft einheitlich auftretende politische Rechte den zu erwartenden harten Kampf bestehen und Erfolge erringen kann. Um die Einheit aller Patrioten (rechtzeitig) vorzubereiten, sollen ab sofort \u00fcberall lokal, regional und letztendlich bundesweit unter dem Motto 'Ein Herz f\u00fcr Deutschland' Runde Tische einberufen werden mit dem Ziel, ungeachtet fr\u00fcherer Auseinandersetzungen jede Person und jede Str\u00f6mung solidarisch zu st\u00fctzen, die auf eine Sammlung der de- # J1995_RAP 57","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 mokratischen Rechten hinwirkt. Schafft viele Runde Tische, damit das Jahr 1995/96 f\u00fcr die deutsche Rechte ein Jahr der Vers\u00f6hnung, \u00d6ffnung und Erneuerung wird!Jahresbericht 1995 Nur gemeinsam l\u00e4\u00dft sich eine fl\u00e4chendeckende, schlagkr\u00e4ftige und glaubw\u00fcrdige politische Alternative zum Bonner Altparteienkartell aufbauen, auf die unz\u00e4hlige Deutsche warten. Dieses B\u00fcndnis f\u00fcr Deutschland gilt es vorzubereiten - auf jeder Ebene und \u00fcber all! Die Anwesenden verst\u00e4ndigten sich ferner, den Meinungsaustausch auf weiteren Zusammenk\u00fcnften fortzusetzen sowie den Kreis zu erweitern.\" 2.1.7 Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e.V. (GFP) Gr\u00fcndung: 1960 Sitz: M\u00fcnchen Leiter: Dr. Rolf Kosiek Mitglieder NRW: 1995: 30 1994: 30 Bund: 1995: 400 1994: 400 Publikation: Das freie Forum; erscheint viertelj\u00e4hrlich; gesch\u00e4tzte Auflage: 700 Die GFP ist ein von ehemaligen SS-Offizieren und NSDAP-Funktion\u00e4ren 1960 anl\u00e4\u00dflich der Frankfurter Buchmesse gegr\u00fcndeter eingetragener Verein. Der fr\u00fchere NPD-\"Chefideologe\" Dr. Rolf Kosiek leitet die GFP offiziell seit 1972. Dem Verein geh\u00f6ren \u00fcberwiegend Verleger, Redakteure, Schriftsteller und Buchh\u00e4ndler an. Seit 1975 f\u00fchrt die GFP j\u00e4hrliche Kongresse durch, deren Vortr\u00e4ge jeweils in einem Sammelband ver\u00f6ffentlicht wurden. Auf dem j\u00e4hrlichen Kongre\u00df nehmen laut GFP \"Wissenschaftler, Schriftsteller und Politiker zu aktuellen geistig-politischen Fragen Stellung\". Die Veranstaltungen sind nicht \u00f6ffentlich. Eine Teilnahme ist nur auf Einladung oder f\u00fcr Besucher nur mittels B\u00fcrgschaft m\u00f6glich. Neben dieser Zentralveranstaltung wirkt die GFP im Bundesgebiet durch Arbeitskreise, die Vortragsveranstaltungen zu \"Problemen der Gegenwart\" organisieren. In Nordrhein-Westfalen besteht ein Arbeitskreis, der zumindest im Januar und Oktober 1995 Tagungen in Barkhausen/Porta-Westfalica mit insgesamt ca. 100 bzw. 150 Teilnehmern abhielt. 58","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Revisionistische Zielsetzung Die GFP verfolgt revisionistische Ziele (siehe Nr. 2.1.14 Revisionismus), die als Eintreten f\u00fcr Meinungsund Forschungsfreiheit verschleiert werden. In einem GFP-Flugblatt hei\u00dft es z.B.: \"Die Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik (GFP) setzt sich satzungsgem\u00e4\u00df f\u00fcr die Freiheit der Meinungs\u00e4u\u00dferung und der historischen Forschung ein.\" Tats\u00e4chlich wird aber die deutsche Kriegsschuld bestritten und eine einseitige Geschichtsschreibung behauptet. Zu solchen Themen will die GFP Material sammeln und in ihrer Vierteljahresschrift \"Das freie Forum\" ver\u00f6ffentlichen. Aktivit\u00e4ten Der 8. Mai war f\u00fcr die GFP - wie f\u00fcr das gesamte rechtsextremistische Lager - ein zentrales Thema im Jahr 1995. Der allj\u00e4hrliche GFP-Kongre\u00df fand 1995 vom 5. bis 7. Mai in Aalen unter dem Leitwort \"Deutschland 50 Jahre nach Kriegsende - Ein neuer Anfang mu\u00df her!\" mit rund 300 Teilnehmern statt. Unter den Rednern aus dem Inund Ausland waren auch Andreas Molau, ehemaliger verantwortlicher Redakteur des Kulturteils der Jungen Freiheit (siehe Nr. 2.1.12.1), der fr\u00fchere NPDVorsitzende Adolf von Thadden und der DLVH-Funktion\u00e4r und Mitherausgeber von \"Nation und Europa\" (siehe Nr. 2.1.12.6), Harald Neubauer. GFP auf dem Weg zur \"Neuen Rechten\" In der Kongre\u00df-Brosch\u00fcre 1995 hat das Thema 8. Mai breiten Raum. Nach Abdruck des Manifestes wird unter der \u00dcberschrift \"Entschlie\u00dfung zur Meinungsfreiheit\" ausgef\u00fchrt: \"... Der Machtzuwachs der Linken in den letzten Wahlen und die Debatten zum 8. Mai 1945 haben unter der sogenannten Mitte zu einer enormen Beschleunigung 59","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 der Entwicklung gef\u00fchrt, die Bundesrepublik Deutschland in einen sozialistischen, totalit\u00e4ren Linksstaat zu verwandeln, in dem die Umerziehungsparolen Staatsgrundlage werden sollen. \u00c4nderung des Grundgesetzes ohne Mitwirkung des Souver\u00e4ns, Sondergesetze, Politisierung der Justiz, Diffamierungskampagnen in der gleichgeschalteten Presse, mangelnde Toleranz gegen\u00fcber Andersdenkenden haben zu einer v\u00f6lligen Abkehr von freiheitlich-demokratischen Grunds\u00e4tzen des alten Grundgesetzes gef\u00fchrt und gef\u00e4hrden die deutsche Identit\u00e4t ebenso wie die von denselben Kreisen angestrebte Aufl\u00f6sung des deutschen Volkes in einer multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft. Die Mitgliederversammlung der GFP wendet sich gegen diese volksund staatsgef\u00e4hrdende Entwicklung, weist auf deren Gefahren hin und ruft alle Patrioten zum geistigen Widerstand gegen diese Bestrebungen auf. Sie fordert die Beibehaltung der freiheitlichdemokratischen Grundordnung mit der dieser zugrunde liegenden politischen Toleranz.\" Ausblick Die GFP hat sich von einer Vereinigung herk\u00f6mmlicher Rechtsextremisten alter Parteien, wie z.B. der NPD, zu einer Institution entwickelt, die typische Elemente der \"Neuen Rechten\" propagiert. Dazu geh\u00f6rt das Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung bei gleichzeitiger Diffamierung der pluralistischen Gesellschaft als Ergebnis von Umerziehung und Manipulation. 2.1.8 Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) Gr\u00fcndung: 1964 Sitz NRW: Bochum-Wattenscheid Bund: Stuttgart Vorsitzende NRW: Udo Holtmann Bund: G\u00fcnter Deckert; seit M\u00e4rz 1996 Udo Voigt Mitglieder NRW: ca. 600 ca. 650 Bund: ca. 4.000 ca. 4.500 Publikationen: Deutsche Stimme; erscheint monatlich; Auflage ca. 50.000 Deutsche Zukunft - Landesspiegel NRW; erscheint monatlich; Auflage ca. 5.000 Kontakt - F\u00fchrungsbrief des NPD-Landesverbandes NRW, erscheint unregelm\u00e4\u00dfig; Auflage ca. 500 Dortmunder Stimmen; Schrift des NPD-Kreisverbandes Dortmund, erscheint viertelj\u00e4hrlich, Auflage ca. 500 Organisation Die NPD gliedert sich in 15 Landesverb\u00e4nde, Berlin und Brandenburg bilden einen gemeinsamen Landesverband. Der nordrhein-westf\u00e4lische Landesverband verf\u00fcgt \u00fcber 54 Kreisverb\u00e4nde, ist damit nominell in allen kreisfreien St\u00e4dten und Kreisen vertreten. Aber nur ein halbes Dutzend Kreisverb\u00e4nde hat mit 20 bis maximal 40 60","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Mitgliedern die notwendige organisatorische Kraft f\u00fcr politische Aktivit\u00e4ten. Etwa 20 Kreisverb\u00e4nde haben h\u00f6chstens 5 Mitglieder, einige Kreisverb\u00e4nde stehen nur auf dem Papier, werden von anderen Kreisverb\u00e4nden mit betreut. Finanzen Nach Jahren angespannter Finanzsituation ist eine Verbesserung der Finanzlage der Bundespartei durch Erbschaft und Spenden der Parteimitglieder festzustellen. Die nordrhein-westf\u00e4lische NPD ist schon seit Jahren finanziell in der Lage, in Bochum eine eigene Gesch\u00e4ftsstelle zu f\u00fchren. Politische Ziele Die NPD vertritt Vorstellungen von einem autorit\u00e4ren F\u00fchrerstaat sowie einen \u00fc- bersteigerten Nationalismus, verbunden mit einem v\u00f6lkischen und rassistischen Kollektivismus. In der Publizistik der Partei und ihrer Mandatstr\u00e4ger kommen Mi\u00dfachtung und Ablehnung oberster Verfassungswerte, insbesondere der parlamentarischen Demokratie, des Mehrparteiensystems und der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t zum Ausdruck. Entwicklungen und Ereignisse Einigungsbestrebungen der NPD gescheitert Im Verlaufe des Jahres 1995 zeigte sich die NPD zun\u00e4chst konsolidiert und politisch handlungsf\u00e4hig. Sie wertete die Publizit\u00e4t um die revisionistischen Aktivit\u00e4ten ihres damaligen Parteivorsitzenden Deckert offenbar positiv und versuchte, Angeh\u00f6rige anderer rechtsextremistischer Gruppierungen anzusprechen. Deckert beabsichtigte, mit einer Sammlungsbewegung \"B\u00fcndnis Deutschland\" einen Einigungsproze\u00df der rechtsextremistischen Parteien unter seiner F\u00fchrung in Gang zu setzen. Mit den in der NPD-Zeitung \"Deutsche Stimme\" (10/11-1994) formulierten \"Leitgedanken einer partei\u00fcbergreifenden Opposition\" lud die NPD \"alle zum Handeln entschlossenen nationalen Kr\u00e4fte, seien es Republikaner, DVU-Anh\u00e4nger, Mitglieder von jugendlichen Aktionsgruppen und einfach unabh\u00e4ngige Individualisten, dazu ein, \u00fcber eine neue nationale Fundamentalopposition und \u00fcber die Gr\u00fcndung zielgerichteter Aktionsgemeinschaften im Rahmen von einem B\u00fcndnis Deutschland nachzudenken und zu diskutieren.\" Deckerts Bem\u00fchungen blieben aber im rechtsextremistischen Lager ohne Resonanz. Der NPDLandesvorsitzende Holtmann lastete im M\u00e4rz 1995 das Scheitern den REP und der DVU an, die er als \"Scheinrechte\" bezeichnete. Das Scheitern des NPDB\u00fcndnisversuchs zeigt, da\u00df die NPD im rechtsextremistischen Lager nicht die n\u00f6tige Integrationskraft und -wirkung hat. 61","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Seit Herbst beteiligt sich die NPD aber am \"F\u00f6rderkreis B\u00fcndnis Deutschland\" und stellt dem F\u00f6rderkreis die NPDGesch\u00e4ftsstelle zur Verf\u00fcgung (siehe Nr. 2.1.6). Landesparteitag am 19. M\u00e4rz 1995 Am 19. M\u00e4rz 1995 fand in Essen der 31. ordentliche Landesparteitag der nordrhein-westf\u00e4lischen NPD statt. An der Veranstaltung nahmen ca. 120 Personen teil, darunter 49 Delegierte. Unter den G\u00e4sten waren ca. 35 Mitglieder und Anh\u00e4nger der im Februar 1995 verbotenen FAP. Rechtsextremistische Agitation zum 8. Mai Die NPD und die Jungen Nationaldemokraten (JN) nutzten den 50. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht (8. Mai 1945) f\u00fcr ihre rechtsextremistische 62","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Agitation gegen die Bundesrepublik Deutschland. In einem Flugblatt unter der \u00dc- berschrift \"Wir feiern nicht!! Schlu\u00df mit der Befreiungsl\u00fcge!\" hei\u00dft es u.a. \"Wir Nationaldemokraten wollen deshalb mit dieser Kampagne aktiven Widerstand gegen die st\u00e4ndige Dem\u00fctigung und Bevormundung unseres Volkes leisten und das Bild eines vor fremden Gnaden zu Kreuze kriechenden Deutschlands in der Welt\u00f6ffentlichkeit wieder gerade r\u00fccken. Wir Nationaldemokraten werden uns nicht in das uns aufgedr\u00e4ngte B\u00fc\u00dferhemd zw\u00e4ngen lassen. Wir fordern vielmehr: Schlu\u00df mit der Befreiungsl\u00fcge!\" Eine zun\u00e4chst f\u00fcr den 8. Mai beabsichtigte Kranzniederlegung mit Fackelzug in Dortmund war vom Polizeipr\u00e4sidenten verboten worden. Auf der Fahrt zum Veranstaltungslokal einer statt dessen vorgesehenen Gedenkfeier in einer Gastst\u00e4tte in Dortmund legten NPD-Mitglieder am Kriegerdenkmal in Castrop-Rauxel einen Kranz nieder. An der Gedenkfeier beteiligten sich rund 90 NPD-Anh\u00e4nger. Angek\u00fcndigt hatten sowohl NPD als auch JN weit mehr Aktionen, die aber nicht stattfanden. Bundesparteitag am 10./11. Juni Unter dem Motto \"Deutschland wir leben\" f\u00fchrte die NPD am 10. und 11. Juni 1995 in Neukirchen (Bayern) ihren 26. ordentlichen Bundesparteitag durch. Der Parteitag stand ganz im Zeichen des umstrittenen und wegen Volksverhetzung verurteilten Vorsitzenden Deckert. Noch demonstrierte der Parteitag uneingeschr\u00e4nkte Solidarit\u00e4t mit dem ohne Gegenkandidaten mit 92,3 % der Delegiertenstimmen wiedergew\u00e4hlten Parteivorsitzenden. Eine kritische Auseinandersetzung mit der revisionistischen und antisemitischen Agitation Deckerts fand nicht statt. Kerns\u00e4tze seiner Schlu\u00dfansprache waren u.a. \"... Die NPD ist die einzige Sachverwalterin der deutsch-nationalen Interessen ohne Wenn und Aber. Wir bekennen uns zur deutschen Kulturnicht als \u00dcber-Kultur, aber wir lassen sie auch nicht zur 'Hollywood-Kultur' herunterziehen. Das ist keine Absage an die Kulturleistungen anderer V\u00f6lker. Nicht wir, sondern die Multikulti-Fanatiker vernichten Kultur.... Wogegen wir uns wehren, ist die andauernde \u00dcberfremdung, die nichts anderes als systematische Landnahme bedeutet. Wer ein Heimatland hat, der geh\u00f6rt dorthin....\". Deckert als Volksverhetzer Diese Rede bildete den vorl\u00e4ufigen Schlu\u00dfstein einer NPD-Hetzkampagne, in deren Verlauf gegen Deckert als NPD-Vorsitzender und Schriftleiter der Parteizeitung wegen des Verdachts der Volksverhetzung ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. In diesem Zusammenhang wurde am 8. M\u00e4rz 1995 gem\u00e4\u00df Beschlu\u00df des Amtsgerichts Stuttgart die NPD-Gesch\u00e4ftsstelle in Stuttgart durchsucht; s\u00e4mtliche Exemplare der vom NPD-Parteivorstand monatlich herausgegebenen Parteizeitung \"Deutsche Stimme\", Ausgabe 12/94, wurden beschlagnahmt. Diese Ausgabe enthielt unter der Rubrik \"Randbemerkung\" einen Artikel mit der \u00dcberschrift \"Mit den W\u00f6lfen heulen? Nein!!\". In dem Artikel hie\u00df es u.a. \u00fcber den Revisionisten Thies Christophersen: \"Thies hat das unglaubliche Vergehen begangen, seine Erinnerungen an seine Zeit im KZ. Auschwitz, wo er schwer kriegsbesch\u00e4digt abgestellt wurde, um mit H\u00e4ftlingen Feldversuche zur Herstellung von k\u00fcnstlichen Buna durchzuf\u00fchren. Da Thies weder Vergasungen von Lagerinsassen gesehen, noch geh\u00f6rt hat, ist er davon \u00fcberzeugt, da\u00df solche auch nicht geschehen sind.\" 63","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Der Bundesgerichtshof hatte in einem anderen Verfahren wegen Volksverhetzung eine Verurteilung Deckerts zu einer einj\u00e4hrigen Freiheitsstrafe auf Bew\u00e4hrung aufgehoben. Deckert hatte den Massenmord an Juden in den Gaskammern der Konzentrationslager durch das Nazi-Regime geleugnet. Das Landgericht Karlsruhe verurteilte Deckert am 21. April 1995 nunmehr zu zwei Jahren ohne Bew\u00e4hrung. Seit November 1995 verb\u00fc\u00dft Deckert diese zweij\u00e4hrige Haftstrafe. Amtsenthebung und Wiedereinsetzung Deckerts Am 30. September 1995 setzte das Pr\u00e4sidium der NPD den Parteivorsitzenden Deckert ab. Zu der Unruhe wegen der aggressiven Revisionismus-Kampagne Deckerts und wegen seines versch\u00e4rften Antisemitismusses, die viele Funktion\u00e4re schon seit l\u00e4ngerem verunsichert hatte, kamen Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten Deckerts bei der Behandlung von Verm\u00f6genswerten der Partei. Das NPD-Schiedsgericht gab am 15. November allerdings einer Beschwerde des Betroffenen statt und best\u00e4tigte Deckert in seinen Partei\u00e4mtern. Anschlie\u00dfend erkl\u00e4rte der Parteivorstand in seiner Sitzung am 13. Januar 1996 das Schiedsgerichtsverfahren f\u00fcr erledigt. In einer Presseerkl\u00e4rung hei\u00dft es dazu: \"Der Parteivor stand reagiert damit auf die Inhaftierung von G\u00fcnter Deckert, die es diesem unm\u00f6glich macht, sich gegen Anschuldigungen zur Wehr zu setzen. Unabh\u00e4ngig davon erteilt der Parteivorstand G\u00fcnter Deckert eine schwere R\u00fcge wegen der satzungswidrigen Handlungen und Unterlassungen. Der Parteivorstand stellt fest, da\u00df es im Parteivorstand weiterhin strittig ist, ob die Vorg\u00e4nge urspr\u00fcnglich eine Amtsenthebung rechtfertigten oder nicht.\" Knappe Mehrheit f\u00fcr neuen Bundesvorsitzenden Am 23. M\u00e4rz 1996 w\u00e4hlte ein au\u00dferordentlicher Bundesparteitag in Bad D\u00fcrkheim den bayerischen NPDLandesvorsitzenden Udo Voigt zum neuen Bundesvorsitzenden. Voigt erhielt 88, Deckert 83 Stimmen. Deckert kandidierte trotz seiner Inhaftierung. Er konnte allerdings an dem Parteitag nicht teilnehmen, weil er keinen Hafturlaub erhielt. Zu zwei der drei stellvertretenden Vorsitzenden wurden Deckert und der NRWLandesvorsitzende Holtmann gew\u00e4hlt. Der neue Parteivorsitzende will sich vor allem auf die St\u00e4rkung der Jugendarbeit der JN und auf die Selbstdarstellung der Partei in den neuen Medien konzentrieren. Au\u00dferdem will die NPD erneut versuchen, einen Einigungsproze\u00df der rechtsextremistischen Parteien in Gang zu setzen mit dem Ziel, zur n\u00e4chsten Bundestagswahl mit einer einheitlichen Liste antreten zu k\u00f6nnen. Nach der Wahl des Parteivorsitzenden verlie\u00dfen die dem Deckert-Fl\u00fcgel zugeh\u00f6renden Delegierten in gro\u00dfer Zahl den Parteitag. Dies f\u00fchrte dazu, da\u00df bei der Wahl der weiteren Vorstandsmitglieder die Kandidaten der Deckert-Gegner die erforderlichen Mehrheiten erhielten und somit einige der fr\u00fcheren Parteivorstandmitglieder nicht mehr dem Partei vorstand angeh\u00f6ren. NPD-intern umstritten: Auschwitz leugnen oder verharmlosen? Die Amtsenthebung und Wiedereinsetzung Deckerts offenbart einen Richtungsstreit, der sich bereits seit l\u00e4ngerer Zeit ab zeichnete. Die Deckert-Anh\u00e4nger stehen weiterhin hinter der Politik ihres Parteivorsitzenden und sehen unbeirrbar ihre Partei im politischen Aufwind. Die Deckert-Gegner hingegen werfen dem Partei64","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 vorsitzenden seinen revisionistischen Aktionismus und seinen autorit\u00e4ren F\u00fchrungsstil vor. Au\u00dferdem glauben sie, da\u00df seine zahlreichen Strafverfahren dem Ansehen der Partei in der \u00d6ffentlichkeit schaden. Der politisch-strategische Richtungsstreit innerhalb der NPD wird an einem Artikel eines NPD-Parteivorstandsmitglieds in Europa Vorn, Nr. 78 vom 1. Dezember 1994, deutlich, in dem es unter anderem hei\u00dft: \"Ein immer wieder diskutiertes Beispiel zeigt dies: Diejenigen, die andere in's Gef\u00e4ngnis schicken, wenn sie geplante Massenmorde in Auschwitz bestreiten, und diejenigen, die dieses Risiko des Gef\u00e4ngnisses auf sich nehmen, haben ein sehr \u00e4hnliches Geschichtsbild. Beide sind n\u00e4mlich davon \u00fcberzeugt, da\u00df diese Frage sehr wichtig ist. Ein v\u00f6llig anderes Geschichtsbild hat z.B. Jean-Marie Le Pen. Er h\u00e4lt Auschwitz f\u00fcr eine 'Randerscheinung des zweiten Weltkrieges' und damit nicht f\u00fcr bemerkenswert. Die Frage des Geschichtsbildes lautet also: Ist Auschwitz so wichtig, da\u00df der Nachweis \u00fcber soundsoviele Millionen umgebrachter Juden oder der Nachweis, da\u00df geplanter Massenmord nicht oder in geringerem Umfang stattfand, einen nennenswerten Einflu\u00df auf die \u00dcberzeugung hat? Wird aus einem Massenmord-Bestreiter ein Anh\u00e4nger der multikulturellen Gesellschaft, wenn ihm nach gewiesen wird, da\u00df nicht vier oder sechs, sondern zehn Millionen Juden fabrikm\u00e4\u00dfig ermordet wurden? K\u00f6nnte es sein, da\u00df es Leute gibt, die ein Interesse daran haben, da\u00df m\u00f6glichst umfangreich \u00fcber Auschwitz diskutiert wird? Und k\u00f6nnte es sein, da\u00df diejenigen, die sich an dieser Diskussion beteiligen, den ersteren auf den Leim gehen?\". Der Artikel macht deutlich, da\u00df innerhalb der NPD nicht die Leugnung des Holocaust strittig ist, sondern der Stellenwert, den Deckert diesem Thema beigemessen hat. Der Verfasser h\u00e4lt es f\u00fcr geschickter, das Wissen um die industrielle T\u00f6tung von Menschen als geschichtliche Randerscheinung aus der Erinnerung zu tilgen. Bemerkenswert ist, da\u00df der Artikel nicht im NPDParteiorgan erschien, sondern im Blatt des DLVH-Funktion\u00e4rs Manfred Rouhs. Ausblick Der F\u00fchrungswechsel an der NPD-Spitze hat den Richtungsstreit \u00fcber den Umgang mit dem Thema Revisionismus offen zutage treten lassen. Die knappe Mehrheit f\u00fcr den neuen Bundesvorsitzenden Voigt zeigt, da\u00df sich in der NPD zwei nahezu gleich starke Fl\u00fcgel gegen\u00fcberstehen. Wenn sich Voigt behauptet, d\u00fcrfte die revisionistische Agitation der NPD etwas zur\u00fcckgenommen werden. Au\u00dferdem scheint bei ihm die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit anderen Rechtsextremisten gr\u00f6\u00dfer zu sein. 2.1.9 Nationaldemokratischer Hochschulbund (NHB) Die 1987 gegr\u00fcndete Studentenorganisation der NPD ist bedeutungslos geworden. Ausgaben der NHB-Schrift \"Vorderste Front\", auf deren Herausgabe sich die NHB-Aktivit\u00e4ten zuletzt beschr\u00e4nkten, wurden 1995 nicht bekannt. Mitglieder des NHB sind in NRW ebenfalls nicht bekannt. 2.1.10 Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei/Auslandsund Aufbauorganisation (NSDAP/AO) 65","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Faktisch ist die NSDAP/AO ein Propagandavertrieb in den USA, der die deutsche Neonazi-Szene beliefert, ohne jedoch selbst eine deutsche politische Gruppierung zu sein. Politische Ziele Die NSDAP/AO will eine aus den USA gesteuerte \"Untergrundorganisation im heutigen Deutschland\" sein, die ihre Gesinnungsgenossen \"im besetzten Deutschland\" durch nationalsozialistische Schriften, entsprechende Tontr\u00e4ger und durch andere Propagandamittel in ihrem \"schweren Kampf um ein nationalsozialistisches Deutschland\" unterst\u00fctzt und anleitet. Das Ziel ihrer politischen Aktivit\u00e4ten definiert der Organisationsleiter und Gr\u00fcnder der NSDAP/AO, der amerikanische Staatsb\u00fcrger Gary Rex Lauck, wie folgt: \"Die NSDAP/AO erstrebt die Zulassung der NSDAP als eine wahlberechtigte Partei in Deutschland. Endziel unseres Strebens ist die Schaffung eines nationalsozialistischen Staates in einem freien, souver\u00e4nen und neuvereinigten gro\u00dfdeutschen Reich und die Errichtung einer neuen Ordnung auf einer rassischen Grundlage in der ganzen arischen Welt.\" Organisation Das von Lauck propagierte \"Zellensystem\" konnte er in der Praxis nie realisieren. Nach heutigem Kenntnisstand beziehen einzelne Personen der NS-Szene zwar unter konspirativen Umst\u00e4nden das Propagandamaterial von Lauck, um es in ihrem Umfeld zu verteilen. Die Materialbestellungen und -lieferungen erfolgen jeweils mit fiktiver oder ohne Absenderangabe mit der Post. Es gelingt gelegentlich, derartige Sendungen abzufangen. Die NSDAP/AO hat in Deutschland keine politische Organisationsstruktur aufbauen k\u00f6nnen. Lauck hat keinen erkennbaren Einflu\u00df auf die T\u00e4tigkeit seiner Gesinnungsgenossen in Deutschland. Lauck versorgt insbesondere die deutsche Neonazi-Szene mit von ihm hergestelltem NS-Propagandamaterial. Bei dem in den USA straf frei hergestellten Material handelt es sich im wesentlichen um die bis zur Ausgabe Juli/August 1995 zweimonatlich erschienene Schrift \"NS-Kampfruf\" sowie um Hakenkreuzaufkleber mit volksverhetzenden und zum Rassenha\u00df aufrufenden Parolen. Das von Lauck gelieferte Propagandamaterial wird von ihm gerne genutzt. W\u00e4hrend die sogenannten \"Spuckis\" bei gelegentlichen Klebeaktionen durch ihre eindeutig nationalsozialistischen Embleme und Forderungen den Normalb\u00fcrger schockieren sollen, dient die Schrift \"NS-Kampfruf\" mehr der internen ideologischen Agitation. Letztendlich dient dieses Propagandamaterial den deutschen Neonazi-Gruppen als Erg\u00e4nzung ihrer eigenen Aktivit\u00e4ten. NS-Kampfruf In der letzten Ausgabe von Juli/August 1995 des \"NS-Kampfrufes\" wird ganz offen zu einem Anschlag auf den Generalbundesanwalt Kay Nehm aufgerufen. Unter seinem Foto steht: \"Kay Nehm (54), Generalbundesanwalt: Verantwortlich f\u00fcr die jetzige Terrorwelle gegen die Untergrundk\u00e4mpfer im Reichsgebiet. Eines Tages werden diese Polit66","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 bonzen ihrer absolut notwendigen Beseitigung hinzugef\u00fchrt werden! F\u00dcR DAS SYSTEM KEINEN MILLIMETER BODEN, SONDERN NEUN MM.\" \u00dcber die Aufforderung wurde in der deutschen Presse breit berichtet. In rechtsextremistischen Kreisen fand sie keine Resonanz. Diese bisher letzte Ausgabe war die 2. Ausgabe nach Lauck's Verhaftung im M\u00e4rz 1995. Auch die NSDAP/AO publiziert inzwischen im Internet. Der Propaganda-Apparat der NSDAP/AO funktioniert auch ohne Lauck weiter. Lauck in Haft Lauck wurde am 20. M\u00e4rz 1995 auf Ersuchen der Staatsanwaltschaft Hamburg in D\u00e4nemark festgenommen und am 05. September 1995 an die Bundesrepublik ausgeliefert. Erstmalig wurde ein Neonazi von der d\u00e4nischen Regierung zur Strafverfolgung ausgeliefert. Damit zeichnet sich eine ver\u00e4nderte Gangart gegen\u00fcber Neonazis aus dem Ausland ab, die die Meinungsfreiheit in D\u00e4nemark propagandistisch mi\u00dfbrauchen. NSDAP/ AO-Chef Lauck in Hitler-Pose 2.1.11 Neonazismus 67","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Die Neonazis kn\u00fcpfen mit ihren politischen Vorstellungen an Weltanschauung, Programm und Machtanspruch des Nationalsozialismus an. Sie sind stark zersplittert und tief getroffen durch staatliche Ma\u00dfnahmen (Versammlungsverbote, Organisationsverbote, Strafurteile gegen Neonazi-F\u00fchrer). Faktisch ist die Zugeh\u00f6rigkeit zu bestimmten Gruppen unwichtig geworden und die staatlichen Verbote haben die traditionelle Zersplitterung \u00fcberwunden. Verbotene Organisationen Seit Ende 1992 verbot das Bundesministerium des Innern folgende NeonaziOrganisationen: * \"Nationalistische Front\" (NF), * \"Deutsche Alternative\" (DA), * \"Nationale Offensive\" (NO), * \"Wiking Jugend\" (WJ), * \"Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei\" (FAP) im Februar 1995; die Innenminister und -senatoren der L\u00e4nder verboten im Rahmen ihrer regionalen Zust\u00e4ndigkeit: * \"Freundeskreis Freiheit f\u00fcr Deutschland\" (FFD), * \"Nationale Liste\" (NL) , * \"Deutscher Kameradschaftsbund Wilhelmshaven\" (DKB), * \"Nationaler Block\" (NB), * \"Heimattreue Vereinigung Deutschlands\" (HVD), * \"Direkte Aktion/Mitteldeutschland\". Diese Organisationsverbote und die Verbote angemeldeter \u00f6ffentlicher Versammlungen haben die Szene verunsichert. Die Verurteilungen einiger F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten der Szene zu empfindlichen Freiheitsstrafen haben abgeschreckt und vielfach Resignation ausgel\u00f6st. Neue Strategieversuche der Neonazis Einige wenige F\u00fchrungskader haben das Ziel, eine bundesweite \"rechte autonome\" Szene, \u00e4hnlich der \"linken autonomen\" Szene zu schaffen. Andere Struktur\u00fcberlegungen, die bei aller \"Autonomie\" doch noch eine straffe Hierarchie von einem \"\u00c4ltestenrat\" als \"Elite der nationalen Bewegung\" \u00fcber den \"Rat der anerkannten F\u00fchrer\" auf Regionalebene bis zur Basis garantieren sollte, blieben Makulatur. Voraussetzung f\u00fcr eine effektive Zusammenarbeit ohne ein organisatorisches Ger\u00fcst sind moderne Kommunikationsmittel wie Infotelefone, Mobiltelefone, CBFunkger\u00e4te, Mailboxen. Diese Vernetzung durch Kommunikationsmittel des jeweils neuesten technischen Standes nimmt zu, wie die Vorbereitung und Durchf\u00fchrung der \"Rudolf-He\u00df-Aktionswoche\" vom 12. bis 20. August 1995 zeigte. Aktionsb\u00fcndnisse 68","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 \u00d6ffentlichkeitswirksame Aktionen der Szene fanden 1995 an l\u00e4\u00dflich der \"RudolfHe\u00df-Aktionswoche 1995\" und der j\u00e4hrlichen \"Ijzerbedevaart\" am 26./27. August 1995 in Diksmuide/Belgien statt. In Sittard/Niederlande kam es am 14. Oktober 1995 zu einer unangemeldeten Demonstration deutscher und niederl\u00e4ndischer Neonazis, die sich gegen die Verhaftung und Auslieferung des Leiters der NSDAP/AO, Lauck, richtete. An dieser Demonstration, die von der Polizei gewaltsam aufgel\u00f6st wurde, beteiligten sich ca. 40 Neonazis, darunter der ehemalige nordrhein-westf\u00e4lische FAP Landesvorsitzende Siegfried Borchardt. He\u00df-Aktionen 1995 Den Abschlu\u00df und H\u00f6hepunkt der \"He\u00dfAktionswoche\" bildeten zwei Aufm\u00e4rsche von Neonazis, jeweils am 19. August 1995, in Schneverdingen (Niedersachsen) und in Roskilde (D\u00e4nemark). In Schneverdingen versammelten sich ca. 250 Teilnehmer der rechten Szene auf dem dortigen Friedhof. Von dort aus marschierten sie durch den Ort. Der Aufmarsch war ma\u00dfgeblich organisiert von dem ehemaligen nieders\u00e4chsischen Landesvorsitzenden der verbotenen FAP. In Roskilde/D\u00e4nemark f\u00fchrten ca. 150 Neonazis aus mehreren Staaten, darunter 20 - 25 aus Deutschland, unter ihnen Christian Worch, ehemaliger Funktion\u00e4r der verbotenen \"Nationalen Liste\" (NL) und Friedhelm Busse, ehemaliger Bundesvorsitzender der FAP, einen Gedenkmarsch durch. Nach gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen mit etwa 400 Gegendemonstranten schritt die d\u00e4nische Polizei ein und l\u00f6ste die Demonstration auf. 69","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Neonazi-Schrift \"Freie-Stimme\"(Nr.4/95, S.17) fordert zur Zusammenarbeit mit schwedischen Rechtsextremsten auf. Die \"He\u00df-Aktionswoche\" hat gezeigt, da\u00df die Neonazi-Szene trotz genereller Verbote ihrer angemeldeten Aktionen in der Lage ist, ihre Anh\u00e4ngerschaft zu mobilisieren. \"Ijzerbedevaart\" am 26./27. August 1995 in Diksmuide/Belgien Die seit 1927 im belgischen Diksmuide zum Gedenken an die gefallenen Flamen des Ersten Weltkrieges durchgef\u00fchrte \"Ijzerbedevaart\" war auch 1995 Anla\u00df f\u00fcr ein Treffen zahlreicher Rechtsextremisten aus Belgien, den Niederlanden, Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland. Zu einem sogenannten internationalen Kameradschaftstreffen am 26. August in Diksmuide fanden sich ca. 500 Rechtsextremisten, vorwiegend Skinheads, ein. Die deutschen Teilnehmer, unter ihnen u.a. der ehemalige Bundesvorsitzende der FAP, Friedhelm Busse, sein Stellvertre70","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 ter und ehemalige Landesvorsitzende NRW, Siegfried Borchardt, der damalige Bundesvorsitzende der NPD, G\u00fcnter Deckert, sowie der Bundesvorsitzende der JN, Holger Apfel, bildeten mit weiteren rund 250 Personen das gr\u00f6\u00dfte Kontingent. W\u00e4hrend dieses Treffens skandierten alkoholisierte Teilnehmer wiederholt \"Sieg Heil\", \"Ausl\u00e4nder raus\" und zeigten den \"Hitler-Gru\u00df\". Die belgischen Einsatzkr\u00e4fte griffen ein und nahmen einige Personen fest. Daraufhin kam es zu heftigen gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen, die bis in die sp\u00e4ten Abendstunden anhielten. Rund 150 festgenommene deutsche Rechtsextremisten wurden am 27. August am Grenz\u00fcbergang Aachen-Lichtenbusch nach Deutschland abgeschoben. Die eigentliche Gedenkveranstaltung am 27. August, an der ca. 15.000 Personen teilnahmen, verlief ohne Zwischenf\u00e4lle. Anti-Antifa (Tendenz neuer \"Einblick\"?) Als Reaktion auf die sich im Jahr 1992 h\u00e4ufenden t\u00e4tlichen Angriffe autonomer Linker auf Personen der rechtsextremistischen Szene rief der Hamburger Neonazi und ehemalige Funktion\u00e4r der verbotenen \"Nationale Liste\" (NL), Christian Worch, im Fr\u00fchjahr 1992 die \"Anti-Antifa\" ins Leben. Hierbei handelt es sich nicht um eine rechtsextremistische Organisation sondern um eine politische Strategie f\u00fcr Ma\u00dfnahmen von Neonazis gegen ihre politischen Gegner. Worch verfolgt mit der \"AntiAntifa\" medienwirksame \" Aufkl\u00e4rungsarbeit\" \u00fcber den politischen Gegner. (N\u00e4here Angaben siehe Verfassungsschutzbericht NRW 1993, S. 17 und 1994, S. 53). Bisher bedeutendste Aktion der \"Anti-Antifa\" war die Herausgabe der Publikation \"Der Einblick\" zur Jahreswende 1993/1994. Darin wurden die Namen von 151 Personen und zahlreiche Informationen zu Objekten abgedruckt. Die Schrift rief zu Aktionen gegen \"roten Terror\" auf und drohte den genannten Personen unruhige N\u00e4chte an. Das Amtsgericht Gro\u00df-Gerau (Hessen) verurteilte die beiden verantwortlichen Herausgeber der Schrift am 31. Januar 1995 zu Freiheitsstrafen von einem Jahr mit Bew\u00e4hrung und 4.000 DM Geldstrafe bzw. zwei Jahren ohne Bew\u00e4hrung. Die Sammlung pers\u00f6nlicher Daten wird \u00f6rtlich und \u00fcber\u00f6rtlich fortgesetzt. Die I- dee, zu gegebener Zeit eine neue Publikation wie den Einblick herauszugeben, kursiert in der Szene. Neonazi Peter Naumann Am 15. August 1995 \u00fcbergab der militante Neonazi Peter Naumann Beamten des Bundeskriminalamtes und \"Panorama\"-Redakteuren ein Sturmgewehr, diverse Handgranaten jugoslawischer Herkunft, 2,5 kg Schwarzpulver, Blendgranaten, eine selbsthergestellte Sprengvorrichtung sowie mehrere Z\u00fcndmittel. In weiteren von Naumann ge\u00f6ffneten Depots in Hessen und Niedersachsen wurden bis zum 18. August 1995 \u00fcber 50 kg Sprengstoff, eine Pistole, erhebliche Mengen Munition sowie diverse Sprengz\u00fcnder sicher gestellt. Naumann will die jetzt \u00fcbergebenen Depots nach eigenen Angaben vor Jahren ohne Wissen anderer Personen angelegt haben. Naumann war am 14. Oktober 1988 vom OLG Frankfurt/Main zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren und 6 Monaten verurteilt worden. Er hatte 1978 einen Sprengstoffanschlag auf eine antifaschistische Gedenkst\u00e4tte in Rom sowie Sprengstoffanschl\u00e4ge auf Sendeeinrichtungen in Deutschland im Zusammenhang mit der 71","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Ausstrahlung der Fernsehserie \"Holocaust\" begangen und 1982 versucht, eine rechtsterroristische Vereinigung zu gr\u00fcnden. Naumann verbreitete seit Anfang September 1995 eine \"Erkl\u00e4rung der k\u00e4mpferischen Gewaltfreiheit\". Kern dieser Erkl\u00e4rung ist sein Appell an die Sicherheitsbeh\u00f6rden, \"mit den Parteiund Organisationsverboten\" aufzuh\u00f6ren; erg\u00e4nzend f\u00fchrt er aus \"sie nehmen den volksund heimatverbundenen Menschen sonst die letzten legalen Bet\u00e4tigungsm\u00f6glichkeiten. Treiben Sie junge Menschen nicht weiter in die politisch Ausweglosigkeit!\" Dar\u00fcber hinaus wendet sich der Aufruf an die \"volkstreuen und heimatverbundenen Kameraden\" mit den Aufrufen \"La\u00dft Euch nicht provozieren\", \"Vorw\u00e4rts zu einer neuen Offensive der k\u00e4mpferischen Gewaltfreiheit!\" In diesen Zusammenhang stellt er die Bekanntgabe seiner Waffenund Sprengstoffdepots, die er nicht als \"wertloses Lippenbekenntnis\" sondern als \"Zeichen der Bereitschaft zum Verzicht auf Gewaltanwendung im politischen Kampf\" gewertet wissen will. Die Generalbundesanwaltschaft hat gegen Naumann ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung gem\u00e4\u00df SS 129a StGB und des Versto\u00dfes gegen das Waffenbzw. Sprengstoffgesetz eingeleitet. Aktion wie Erkl\u00e4rung sind aber in der Szene kaum zur Kenntnis genommen oder gar verstanden worden. Das liegt mit daran, da\u00df Naumann in die Szene nicht fest integriert war, weder als F\u00fchrernoch als Identifikationsfigur. Mit einer kommentierenden Stellungnahme schlo\u00df sich Meinolf Sch\u00f6nborn, ehemaliger Vorsitzender der verbotenen \"Nationalistischen Front\" (NF), der Erkl\u00e4rung Naumanns an. Diese Erkl\u00e4rung war im wesentlichen von taktischen \u00dcberlegungen Sch\u00f6nborns bestimmt, der sich eine g\u00fcnstigere Ausgangslage f\u00fcr seinen Strafproze\u00df erhoffte. Diese Rechnung ging allerdings nicht auf. Eine dauerhafte politische Zusammenarbeit zwischen Sch\u00f6nborn und Naumann hat sich nicht ergeben. 2.1.11.1 Junge Nationaldemokraten (JN) Gr\u00fcndung: 1969 Sitz NRW: Bochum-Wattenscheid Bund: Bochum-Wattenscheid Vorsitzende NRW: Achim Ezer Bund: Holger Apfel Mitglieder NRW: 1995: ca. 1994: 40 ca. 40 Bund: 1995: ca. 150 1994: ca. 150 Publikationen: Einheit und Kampf - Die systemalternative Zeitschrift; erscheint zweimonatlich; Auflage 4.000 Der Aktivist - Nationalistisches Infoblatt des JN-Bundesvorstandes; erscheint un72","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 regelm\u00e4\u00dfig; Auflage 1.000 Junge Deutsche Stimme als Beilage zur NPD-Zeitung \"Deutsche Stimme\" Die NPD-Jugendorganisation JN ist mit rund 150 Mitgliedern der derzeit gr\u00f6\u00dfte und aktivste Zusammenschlu\u00df j\u00fcngerer Rechtsextremisten. Sie entwickelt sich zunehmend zu einer Nahtstellenorganisation zwischen NPD, Neonazis und anderen rechtsextremistischen Partei en. Die JN betreiben in NRW die Nationalen Infotelefone (NIT) Rheinland und Westfalen. Anschlu\u00dfinhaber sind ehemalige Aktivisten der verbotenen FAP. Selbstdarstellung und politische Ziele In der \"Jungen Deutschen Stimme\" vom 6. Juni 1995 stellen sich die JN folgenderma\u00dfen selbst dar: \"Wir sind die Jugend f\u00fcr Deutschland Die Jungen Nationaldemokraten verstehen sich als eine weltanschaulichgeschlossene Jugendbewegung neuen Typs mit revolution\u00e4rer Ausrichtung und strenger innerorganisationeller Disziplin , deren Aktivisten hohe Einsatzund Opferbereitschaft abverlangt wird. Wir bewegen uns dementsprechend nicht im Schattendasein der NPD, sondern entwickeln vielmehr als revolution\u00e4re Bewegung f\u00fcr junge Nationalisten zwischen 14 und 35 Jahren autonome konzeptionelle Vorstellungen ... Nur wenn der Mehrheit der Jugend bewu\u00dft wird, da\u00df es eine Alternative zum herrschenden System gibt, k\u00f6nnen politische Ver\u00e4nderungen in der Zukunft Realit\u00e4t werden. Diese Realit\u00e4t zu schaffen, ist Aufgabe und Ziel unserer Mitglieder und unserer Freundeskreise. ... Unser Ziel ist es, so viele Widerstandszellen wie m\u00f6glich zu bilden. Aber nicht um jeden Preis! Bei der Auswahl neuer Kameradinnen und Kameraden sind unsere Basisgruppen angewiesen, strenge Ma\u00dfst\u00e4be anzulegen. ... Unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr unsere Ziele ist eine fest geschlossene, homogene Jugendbewegung, in der Spie\u00dfb\u00fcrgertum und Standesd\u00fcnkel nichts zu suchen haben. Vielmehr versuchen wir, mit den uns gegebenen M\u00f6glichkeiten die Voraussetzungen f\u00fcr eine intensive Kameradschaft zu schaffen. Unser Trend geht zum gemeinschaftlichen Miteinander - wir sind die Keimzelle der Volksgemeinschaft aller Deutscher. Wir sind das neue Deutschland.\" Unverkennbar ist die neue Richtung der JN, n\u00e4mlich aus dem \"Schattendasein der NPD\" herauszutreten und sich in Sprache und Struktur dem Neonazismus immer weiter anzun\u00e4hern. Zur Realisierung des Vorsatzes, \"bei der Auswahl neuer Kameradinnen und Kameraden strenge Ma\u00dfst\u00e4be anzulegen\", liegen Erkenntnisse vor, da\u00df mittlerweile etliche fr\u00fchere WJund FAP-Mitglieder Anschlu\u00df an die JN gefunden haben. Ereignisse 1995 73","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Am 2. und 3. September 1995 veranstalteten die JN im NPD/JNSchulungszentrum in Kl\u00f6tze (Sachsen-Anhalt) ihren Bundeskongre\u00df. An der Tagung, die unter dem Motto \"Soziale Gerechtigkeit durch soziale Tatgemeinschaft\" stand, nahmen ca. 90 Personen teil. Neuwahlen fanden nicht statt. Der JNVorsitzende Holger Apfel berichtete \u00fcber eine positive Mitgliederentwicklung und machte deutlich, da\u00df es gelungen sei, wieder \"den Kristallisationskern des jungen nationalen Aufbruchs\" darzustellen. Hauptredner der Veranstaltung war Dr. Reinhold Oberlercher, einer der radikalsten Vordenker der deutschen rechtsextremistischen Szene. Ihren Landeskongre\u00df veranstalteten die nordrhein-westf\u00e4lischen JN am 14. Oktober 1995 in Dortmund. An der Veranstaltung nahmen ca. 70 Personen teil, davon ca. 20 JN-Mitglieder; die \u00fcbrigen Teilnehmer waren Sympathisanten im Alter von etwa 18-20 Jahren. Achim Ezer wurde in seinem Amt als Landesvorsitzender best\u00e4tigt. Am 26. November 1995 f\u00fchrten die JN eine Heldengedenkfeier mit Kranzniederlegung an einer Kriegergedenkst\u00e4tte in Burg bei Solingen durch. An der Veranstaltung nahmen ca. 6o Personen teil. Neben JNund NPD-Mitgliedern waren auch Anh\u00e4nger anderer rechtsextremistischer Gruppierungen und viele junge Skinheads anwesend. Zu Zwischenf\u00e4llen kam es nicht. Den 2. Europ\u00e4ischen Kongre\u00df der Jugend unter dem Motto \"Nie wieder Imperialismus!-Nie wieder Krieg!Europ\u00e4ischer Nationalismus bis zum Sieg!\" f\u00fchrten die JN am 16. Dezember 1995 in Gerach (Kreis Bamberg) durch. An der Veranstaltung nahmen ca. 250 Personen im Alter zwischen etwa 17 und 25 Jahren aus Deutschland, \u00d6sterreich, Irland, Kroatien, Griechenland, Gro\u00dfbritannien, Spanien und Rum\u00e4nien teil. Der JN-Bundesvor sitzende erkl\u00e4rte den Imperialismus, Kapitalismus, Liberalismus und Kommunismus zu den Hauptfeinden der Nationalisten, die unter dem Deckmantel der Demokratie ihr falsches Spiel betrieben. In dem Einladungsschreiben der JN zum Europakongre\u00df der Jugend hei\u00dft es u.a. \"als zukunftsgewandte deutsche Nationalisten achten wir die Eigenst\u00e4ndigkeit, Vielfalt und Souver\u00e4nit\u00e4t aller V\u00f6lker. F\u00fcr die Weltherrschaftsbestrebungen imperialer Gro\u00dfm\u00e4chte, falsche Ideologien, Wirtschaftsimperialismus multinationaler Konzerne, kleinkarierte Chauvinisten und den liberalistischen Einheitsbrei einer multikulturellen Gesellschaft bleibt da kein Platz. Wir leben in dem Bewu\u00dftsein, da\u00df gerade heute nur im gemeinsamen Kampf aller nationalistischen Gruppen in ganz Europa und der Solidarit\u00e4t der V\u00f6lker die Auseinandersetzung mit den imperialistischen Kr\u00e4ften des MaastrichtEuropas aufgenommen werden kann, um die Zentralisierung Europas zu einem multikulturellen Vielv\u00f6lkerstaat wirklich effektiv zu verhindern.\" 74","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Publikation \"Einheit und Kampf\" Die bisher als Mitteilungsblatt der JN herausgegebene Publikation \"Einheit und Kampf\" folgt der Wandlung von der reinen Jugendorganisation der NPD zu einer Neonazi-Organisation. Die Zeitschrift l\u00e4\u00dft mittlerweile eine neonazistische Tendenz erkennen. Zur neuen vierk\u00f6pfigen Redaktion geh\u00f6ren ein ehemaliger Funktion\u00e4r der verbotenen FAP sowie ein fr\u00fcherer Funktion\u00e4r der ebenfalls verbotenen NF, der JN-Pressesprecher und der JN-Bundesvorsitzende Holger Apfel. Die \"systemalternative Zeitschrift\" - so der Untertitel - erscheint im NIZ-Verlag (= Nationales Informations Zentrum) des Jan Zobel. In der \"Einleitung\" auf Seite 2 der Ausgabe Nr. 14 hei\u00dft es u.a.: \"Gerade in Zeiten staatlicher Progromstimmung wird es zwingend notwendig sein, in der Zukunft in noch verst\u00e4rkte rem Ma\u00dfe politische Kaderarbeit zu leisten und einen Kader \u00fcberzeugter Aktivisten auf zubauen, der sich fundamental dem etablierten System entgegenstellt und eine Systemalternative auf zeigt. F\u00fcr alle im nationalen Widerstand befindlichen Aktivisten gilt es, da\u00df Leitbild des politischen Soldaten zu verk\u00f6rpern. Des politischen Soldaten, der von seinen Idealen angetrieben wird, unzweideutig handelt, wenn es gilt, unseren gemeinsamen Auftrag zu verteidigen.\" (Fehler \u00fcbernommen) . Ausblick 1996 Die eigenst\u00e4ndige Entwicklung der JN wird sich 1996 fortsetzen. Neben neonazistischen Tendenzen wird insbesondere zu verfolgen sein, ob Themen der \"Neuen Rechten\" auch von den JN verst\u00e4rkt aufgegriffen werden. 2.1.11.2 Sauerl\u00e4nder Aktionsfront (SAF) 75","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Gr\u00fcndung: 1991 Schwerpunkte: Hochsauerlandkreis, Kreis Siegen, Kreis Olpe Anh\u00e4nger: ca. 60 Publikation: Freie Stimme Die Entstehung der \"Sauerl\u00e4nder Aktionsfront\" (SAF) geht auf das Jahr 1991 zur\u00fcck, als in den Bereichen Winterberg, Korbach, Frankenberg und Meschede drei Skinheadgruppen existierten. Sie zeigten das damals bei Skinheads typische \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild. Die Organisation eines Skinhead-Konzerts 1991 markiert den Beginn der SAF als einer politischen Gruppierung. Durch das Konzert war die SAF in Skinheadkreisen weiter bekannt geworden. In der Folgezeit fanden politische Stammtische statt. Im Vordergrund standen Ausl\u00e4nderund Asylpolitik und Ansichten \u00fcber das Dritte Reich. Gewalt sah man all gemein nicht als geeignetes Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele an. Die urspr\u00fcngliche Skinheadgruppe hatte sich zu einem losen Zusammenschlu\u00df von Rechtsextremisten mit neonazistischem Kern entwickelt. Organisationsstrukturen im vereinsoder parteirechtlichen Sinn bestanden nicht. Neben der Bezeichnung \"Sauerl\u00e4nder Aktionsfront\" entstand 1992 der Begriff \"Nationale Jugend\" (NJ). Heute ist der Kreis von ca. 60 Aktivisten der SAF zum Teil personengleich mit ehemaligen Angeh\u00f6rigen der verbotenen FAP aus dem Hochsauerlandkreis/Raum Siegen. 1994 wurde die Bezeichnung \"Nationale Jugend\" (NJ) durch die Bezeichnung Nationalistische-Autonomie-Basis (NAB) ersetzt. Seit Ende Dezember 1995 versuchen SAF-Aktivisten, durch die Verbreitung von Flugschriften mit der Absenderangabe \"Unabh\u00e4ngige Freiheitliche Vereinigung\" (UFK) ihre rechtsextremistische Agitation fortzusetzen. Die \u00c4nderungen der Bezeichnungen sollen dazu dienen, die Sicherheitsbeh\u00f6rden zu verwirren. Aktivit\u00e4ten und Ereignisse 1995 Anl\u00e4\u00dflich des dritten Todestages des SAF-Gr\u00fcnders (1992 t\u00f6dlich verungl\u00fcckt) fand am 5. August 1995 in Willingen-Usseln eine Gedenkveranstaltung statt, an der etwa 80 Personen des rechtsextremistischen Spektrums - \u00fcberwiegend aus NordrheinWestfalen - teilnahmen, darunter Angeh\u00f6rige der SAF, der verbotenen FAP, der verbotenen \"Nationale Liste\" (NL) und der verbotenen \"Deutsche Alternative\" (DA). Bei einem von der SAF veranstalteten Skinhead-Konzert am 27. Mai 1995 in Meschede mit etwa 80 Teilnehmern kam es nach Konzertende durch Skinheads zu K\u00f6rperverletzungen zum Nachteil von f\u00fcnf deutschen Jugendlichen. Weitere Auseinandersetzungen wurden von der Polizei unterbunden. Aktivisten der SAF nahmen auch 1995 an \u00fcber\u00f6rtlichen rechtsextremistischen Veranstaltungen, auch im Ausland, teil. Exekutivma\u00dfnahmen gegen die SAF Im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens hat die Staatsanwaltschaft Dortmund gegen zwei Beschuldigte Anklage wegen Volksverhetzung in Tateinheit mit Sachbe76","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 sch\u00e4digung erhoben. Soweit nicht die Ermittlungen aus Rechtsgr\u00fcnden oder deshalb eingestellt werden mu\u00dften, weil T\u00e4ter nicht ermittelt werden konnten, hat sie gesonderte Ermittlungsverfahren eingeleitet und diese an die zust\u00e4ndige Staatsanwaltschaft abgegeben. Den Nachweis der Bildung einer kriminellen Vereinigung konnte die Staatsanwaltschaft nicht f\u00fchren, da die hierzu erforderliche Organisationsstruktur einer Vereinigung nicht festgestellt werden konnte. SAF-Aktivisten geben die Schrift \"Freie Stimme\" heraus Die Schrift \"Freie Stimme\" wurde erstmalig im Herbst 1994 im Raum Siegen bekannt. Bislang sind sieben Ausgaben erschienen. Gegen die Inhaber der Postf\u00e4cher der Redaktion und den Herausgeberkreis der Schrift sind bei den Staatsanwaltschaften Arnsberg und Siegen Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung (SS 130 StGB) u. a. Straftatbest\u00e4nde anh\u00e4ngig. Die derzeitige Auflagenh\u00f6he der Schrift \"Freie Stimme\" liegt bei etwa 2.000 Exemplaren. Die Finanzierung der nicht sehr aufwendig erstellten Schrift erfolgt \u00fc- berwiegend durch Verkaufserl\u00f6s (1 Einzelexemplar = 3 DM), aber auch durch Spenden. Bezieher der Schrift sind u. a. auch neonazistische Funktion\u00e4re im gesamten Bundesgebiet, die ihre Gruppierungen durch gr\u00f6\u00dfere Bestellungen versorgen. Seit Herbst 1995 werden auch Flugschriften mit der Kontaktadresse \"Freie Stimme\" verbreitet. 77","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 2.1.11.3 Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V. (HNG) Gr\u00fcndung: 1979 Sitz: Frankfurt/Main Vorsitzende: Ursula M\u00fcller, Mainz Mitglieder NRW: 1995: ca. 70 1994: ca. 80 Bund: 1995: ca. 300 1994: ca. 350 Publikation: \"Nachrichten der HNG\"; erscheint monatlich; Auflage ca. 400 Nach dem Verbot neonazistischer Organisationen stellt die HNG ein letztes \"legales Sammelbecken\" der bundesdeutschen Neonaziszene dar und ist mit ihren ca. 300 Mitgliedern die personenm\u00e4\u00dfig st\u00e4rkste Organisation dieser Szene. Ziel der HNG ist laut Satzung die materielle und ideelle Betreuung inhaftierter Gesinnungsgenossinnen/en. Unter F\u00fchrung der NS-Aktivistin Ursula M\u00fcller aus Mainz betreut die HNG \"nationale politische Gefangene\" im Inund Ausland. In den \"Nachrichten der HNG\" werden in jeder Ausgabe eine Gefangenenliste, Briefe inhaftierter Gefangener und Namen der Gefangenen ver\u00f6ffentlicht, die Briefkontakte mit ihren Gesinnungsgenossen in Freiheit w\u00fcnschen. Dar\u00fcber hinaus informiert die Schrift \u00fcber bundesweite Aktionen der rechtsextremistischen Szene, wie z.B. \u00fcber den j\u00e4hrlichen \"Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsch\", \u00fcber die die Szene interessierende Gerichtsverhandlungen und ver\u00f6ffentlicht Artikel f\u00fchrender Aktivisten der rechtsextremistischen/neonazistischen Szene. In der Ausgabe Juni 1995 denunzierte man eine Bundestagsabgeordnete der PDS. Neben einem Foto wurden alle pers\u00f6nlichen Daten der Abgeordneten einschlie\u00dflich ihrer Telefon-Nr. aus dem Bundeshaus genannt. Die Leser der Schrift wurden u.a. aufgefordert, 78","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 \"dieser Volksvertreterin klarzumachen, da\u00df auch nationalgesinnte Menschen ein Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung und politische Bet\u00e4tigung haben\". Die Leser wurden aufgefordert, der Redaktion weitere \"sogen. Antifaschisten\" zu benennen oder sie \u00f6ffentlich zu machen. An der Jahreshauptversammlung 1995 der HNG in Leun-Bissenburg (Hessen) nahmen ca. 150 Personen, \u00fcberwiegend aus dem Umfeld verbotener Organisationen, teil. 2.1.11.4 Deutsche Nationalisten (DN) Gr\u00fcndung NRW: Auch 1995 keine Gr\u00fcndung in NRW Bund: Juli 1993 Sitz Bund: Mainz Vorsitzender: Michael Petri Mitglieder Bund: 1995: ca. 70 1994: ca. 100 Die DN ist eine der Kleinstgruppen, in die die Neonaziszene in der Bundesrepublik Deutschland aufgesplittert ist. Sie verf\u00fcgte Anfang 1995 \u00fcber Landesverb\u00e4nde in Bayern, Berlin, Hessen und Th\u00fcringen. In NRW rechnen sich einige Neonazis den DN zu, ein Landes verband wurde aber auch 1995 nicht gegr\u00fcndet. Der DNBundesvorsitzende, Michael Petri, war zuvor Vorsitzender des Landesverbandes Rheinland-Pfalz der im Dezember 1992 verbotenen \"Deutschen Alternative\" (DA). Seit dem 29. September 1995 findet vor dem Landgericht Koblenz ein Proze\u00df gegen Petri u.a. wegen Fortf\u00fchrung der 1992 verbotenen Vereinigung \"Deutsche Alternative\" (DA) statt. Sollte es in diesem Verfahren zu einer Verurteilung i.S. der Anklage kommen, w\u00e4re die DN als Nachfolgeorganisation der DA ebenfalls verboten. 2.1.11.5 Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF) Die GdNF war bis zum Tod des damaligen Neonazi-F\u00fchrers Michael K\u00fchnen am 25. April 1991 ein Sammelbecken seiner Anh\u00e4ngerschaft. Danach handelte es sich um ein anonymes Redaktionskollektiv, das aus den Niederlanden die unregelm\u00e4\u00dfig erscheinende Schrift \"Die Neue Front\" vertrieb, von der 1995 keine Ausgabe festgestellt werden konnte. Der f\u00fchrende deutsche Neonazi Christian Worch aus Hamburg wurde vom Landgericht Frankfurt a.M. am 30. November 1994 zu 2 Jahren Freiheitsstrafe ohne Bew\u00e4hrung verurteilt wegen Fortf\u00fchrung der verbotenen \"Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten\" (ANS/NA). Das erkennende Gericht sah die \"Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front\" (GdNF), in der Worch eine f\u00fchrende Stellung hatte, als Nachfolgeorganisation der ANS/NA an. Das Urteil ist inzwischen rechtskr\u00e4ftig. Worch trat Anfang 1996 seine Haft an. 2.1.11.6 \"Heimatschutzkorps der Waffen SS in OWL\" (HSK/OWL) 79","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Bei einer Durchsuchungsaktion gegen Mitglieder der rechtsextremistischen Wehrsportgruppe \"Heimatschutzkorps der Waffen SS in OWL\" (HSK/OWL) am 28. September 1995 an insgesamt 12 Wohnorten im Regierungsbezirk Detmold und in Wittenberg/Sachsen-Anhalt wurde umfangreiches Material, darunter mehrere Langund Kurzwaffen, \u00dcbungshandgranaten sowie komplette Uniformausr\u00fcstungen sichergestellt. Der Polizeiaktion waren umfangreiche Ermittlungen vorausgegangen. Der Polizei lag u.a. ein Videofilm \u00fcber wehrsport\u00e4hnliche \u00dcbungen im Jahr 1993 vor. Ihre Aktivit\u00e4ten waren bereits vor der Polizeiaktion eingestellt worden; die Mitglieder waren seit langem bekannt. Hitlergru\u00df bei Bei Wehrsport\u00fcbungen mit Waffen 2.1.11.7 Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP) - verboten - Gr\u00fcndung: 1979; verboten durch Verf\u00fcgung des Bundesministeriums des Innern vom 22. Februar 1995 Sitz: NRW zuletzt: Bonn Bund zuletzt: M\u00fcnchen (Wohnsitz des ehemaligen Bundesvorsitzenden) Bundesgesch\u00e4ftsstelle: zuletzt Berlin Vorsitzende NRW zuletzt: Siegfried Borchardt Bundzuletzt: Friedhelm Busse Mitglieder zuletzt 1994 NRW: 160 Bund: 430 Publikation zuletzt: Standarte; eingestellt im Januar 1995 Die FAP wurde mit Verf\u00fcgung des Bundesministeriums des Innern vom 22. Februar 1995 nach dem Vereinsgesetz verboten. Die Verbotsverf\u00fcgung ist rechtskr\u00e4ftig. 80","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Zu einer letzten \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktion vor dem Verbot der FAP kam es am 28. Januar 1995 in Herdorf/Rheinland-Pfalz, wo sich ca. 110 Personen, \u00fcberwiegend Aktivisten aus NRW, zu einer Vortragsveranstaltung trafen, die vorzeitig von der Polizei aufgel\u00f6st wurde. Fortsetzungsaktivit\u00e4ten Es konnten bis heute weder zahlenm\u00e4\u00dfig relevante \u00dcbertritte von ehemaligen FAP-Mitgliedern in die NPD - wie vom ehemaligen Bundesvorsitzenden Friedhelm Busse f\u00fcr den Verbotsfall propagiert - noch die Bildung von autonomen Strukturen - wie vom ehemaligen Landesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer NRW favorisiert - festgestellt werden. Zwar treffen sich ehemalige Funktion\u00e4re, Mitglieder und Sympathisanten der e- hemaligen aktiven Kreisverb\u00e4nde in Essen, Duisburg und K\u00f6ln, doch irgendwelche zielgerichteten politischen Aktivit\u00e4ten fanden nicht statt. Einzelne bisherige Funktion\u00e4re haben sich zu r\u00fcckgezogen und neue \"F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten\" sind nicht erkennbar. Dennoch ist der verbliebene kleine Personenkreis von NeonaziAktivisten jederzeit mobilisierbar f\u00fcr Aktionen. Dabei bedarf es auch keines politischen Hintergrundes, Hauptsache es \"passiert etwas\". So haben FAP-Aktivisten - auch bisherige FAP-F\u00fchrer - an \u00fcberregionalen Veranstaltungen teilgenommen, wie z.B. an der Sommersonnenwendfeier der \"Danmarks Nationalsocialistiske Bevaegelse\" (DNSB) am 1. Juli 1995 in Kopenhagen, den \"Rudolf-He\u00df-Treffen\" am 19. August 1995 in Roskilde/D\u00e4nemark sowie in Schneverdingen/Niedersachsen, an der all j\u00e4hrlich im belgischen Diksmuide stattfindenden \"Ijzerbedevaart\" am 26. August 1995 sowie an einer von niederl\u00e4ndischen Neonazis am 14. Oktober 1995 in Sittard/Niederlande organisierten Demonstration gegen die Verhaftung und Auslieferung des Leiters der NSDAP/AO, Lauck. 2.1.11.8 Nationalistische Front (NF) - verboten - Die neonazistische NF um Meinolf Sch\u00f6nborn ist heute faktisch nicht mehr existent. Zwar hat Sch\u00f6nborn seit dem Verbot vom 26. November 1992 immer wieder durch vollmundige Ver\u00f6ffentlichungen in unregelm\u00e4\u00dfig erscheinenden \"Berichten zur Lage\" politische Konzepte und die Fortsetzung seines politischen Kampfes propagiert. Tats\u00e4chlich handelt es sich bei dem Personenkreis, der sich in dem Objekt Detmold-Pivitsheide aufh\u00e4lt, nur noch um eine kleine Gruppe von ca. f\u00fcnf bis zehn Personen. Die Aktivit\u00e4ten in und um dieses Objekt lie\u00dfen 1995 stark nach, insbesondere seitdem Sch\u00f6nborns Versuch gescheitert war, ein Haus in D\u00e4nemark zur neuen NF-Zentrale auszubauen. Sch\u00f6nborn finanziell am Ende Die finanzielle Situation Sch\u00f6nborn's ist seit dem NF-Verbot und dem D\u00e4nemarkDesaster schwierig. Die betr\u00e4chtlichen finanziellen Aufwendungen f\u00fcr das Geb\u00e4ude in Detmold-Pivitsheide mu\u00df er alleine aufbringen. Zur Kostendeckung ist er daher st\u00e4ndig auf der Suche nach F\u00f6rderern. Der haupts\u00e4chlich f\u00fcr diesen Zweck gegr\u00fcndete F\u00f6rderkreis \"Junges Deutschland\" d\u00fcrfte aber deutlich weniger als 1.000 DM monatlich einbringen. 81","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Sch\u00f6nborn begann Mitte 1995 eine sog. \"propagandistische\" Fr\u00fchjahrsoffensive \"Tat\". Er versandte unaufgefordert bundesweit Flugbl\u00e4tter mit der Bitte um weitere Verbreitung. Unter einer Postfachadresse in Arnheim/Niederlande k\u00f6nnen Interessenten f\u00fcr 10 DM weiteres Flugblattmaterial bestellen. F\u00fcr 80 DM erhielt man das \"Deutsche Grundsatzprogramm\" und weiteres Propagandamaterial, wie z.B. sogenannte Lebensborn-Hefte. Die \"Deutsche Grundsatzerkl\u00e4rung\" beinhaltet im Kern abstruse politische Forderungen revisionistischen, \"v\u00f6lkischen\" und ausl\u00e4nderfeindlichen Inhalts. Die \"Lebensborn\"Heftchen-\"Leitheft f\u00fcr Deutsche Ordnung\" vermitteln unverbl\u00fcmt nationalsozialistisches Gedankengut. Nachfolgend wenige Beispiele aus den dort besonders hervorgehobenen \"Leitgedanken\": \"- Die Gruppe und Gemeinschaft geht immer vor! 82","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 - Der Deutsche Geist ist zu wahren! - Ich bin stolz auf meine deutsche Abstammung! - Ich zeuge nur Kinder unserer Art! - Ich meide alles Artfremde!\" Insgesamt verlief die Propagandaaktion f\u00fcr Sch\u00f6nborn unbefriedigend. Sch\u00f6nborn und Naumann Seine bisher letzte \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktion startete Sch\u00f6nborn mit seiner Stellungnahme zur \"Erkl\u00e4rung der k\u00e4mpferischen Gewaltfreiheit\" von Peter Naumann vom 14. August 1995. Die Neonazis m\u00fc\u00dften \"dem Versuch, uns zur Unzeit zu einem Kampf zu provozieren, der von Anfang an darauf angelegt ist, da\u00df wir ihn verlieren!\" entgegensteuern. Diese Stellungnahme war im wesentlichen von taktischen \u00dcberlegungen Sch\u00f6nborn's bestimmt, der sich eine g\u00fcnstigere Ausgangslage f\u00fcr seinen Strafproze\u00df erhoffte. Sch\u00f6nborn zur Haft verurteilt Sch\u00f6nborn und zwei weitere Neonazis mu\u00dften sich seit dem 7. September 1995 vor dem Landgericht Dortmund u.a. wegen des Vorwurfs, die verbotene NF fortgef\u00fchrt zu haben, verantworten. Am 8. November 1995 verurteilte das Landgericht Dortmund Sch\u00f6nborn zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten. Zwei weitere Angeklagte erhielten jeweils zehn Monate Freiheitsstrafe ohne Bew\u00e4hrung. Das Gericht befand die drei Neonazis f\u00fcr schuldig, die organisatorischen Strukturen der verbotenen NF in ihrem Kern aufrechterhalten und somit gegen SS 20 Vereinsgesetz versto\u00dfen zu haben. Das Urteil, obwohl wegen Revision noch nicht rechtskr\u00e4ftig, hat vor allem bei Sch\u00f6nborn tiefe Resignation ausgel\u00f6st. Die Entwicklung im Jahr 1995 hat gezeigt, da\u00df die Gruppe um Sch\u00f6nborn keinen bestimmenden Einflu\u00df mehr auf die bundesdeutsche rechtsextremistische/neonazistische Szene aus\u00fcbt. Mit der baldigen Aufl\u00f6sung des ehemaligen NF-Zentrums in DetmoldPivitsheide ist zu rechnen. 2.1.11.9 Wiking-Jugend (WJ) - verboten - Die WJ wurde am 10. November 1994 vom Bundesministerium des Innern verboten. Zu diesem Zeitpunkt war die WJ mit ca. 400 Mitgliedern die st\u00e4rkste neonazistische Jugendorganisation. Das Verbot hat die damaligen WJ-Mitglieder stark verunsichert. \u00dcber den Verbleib dieses rechtsextremistischen Potentials liegen keine verl\u00e4\u00dflichen Informationen vor. Es ist nicht auszuschlie\u00dfen, das einige den Weg zu anderen rechtsextremistischen Gruppen gefunden haben, ohne dabei eine neue Mitgliedschaft einzugehen. Nach dem Verbot war auf Funktion\u00e4rsebene eine \u00dcbernahme der Mitglieder der WJ in die JN angeregt worden. Die Mit gliederzahlen der JN oder anderer Neonazi-Gruppen haben sich aber seit dem Verbot der WJ nicht wesentlich vergr\u00f6\u00dfert. Nach dem Verbot der WJ konnten keine neuen Organisationsstrukturen festgestellt werden, die darauf schlie\u00dfen lassen, da\u00df die Organisation unter einem anderen Namen ihre T\u00e4tigkeiten fortgesetzt hat. 83","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 2.1.12 \"Neue Rechte\" 1995 haben rechtsextremistische Publikationen sich zunehmend zur \"Neuen Rechten\" bekannt oder sind ihr zuzurechnen: z.B. * Junge Freiheit * Staatsbriefe * Europa Vorn * Nation und Europa * Sleipnir Zum Umfeld der \"Neuen Rechten\" geh\u00f6ren noch weitere Vereinigungen und Publikationen, die an anderen Stellen in diesem Jahresbericht genannt werden: DESG, GFP und andere. Der Verfassungsschutzbericht NRW 1994, Seite 112 ff, f\u00fchrte in das Ph\u00e4nomen \"Neue Rechte\" ein, nannte die wesentlichen Elemente, die insbesondere im Gedankengut der Konservativen Revolution wurzeln und beschrieb die Strategie, zun\u00e4chst metapolitisch die kulturelle Hegemonie zu erringen. Die politische und die soziologische Wissenschaft besch\u00e4ftigt sich mit einer \"Grauund Braunzone\" (Sarkowicz) zwischen Konservativismus und Rechtsextremismus, versucht sich auch mit Definitionen wie \"Br\u00fcckenspektrum\" (Pfahl-Traughber) oder \"Scharnier\" (Gessenharter), um eine Entwicklung zu beschreiben, in deren Verlauf eine Gruppe \u00fcberwiegend junger Intellektueller, oft gerade dem studentischen Leben entwachsen, Schritt f\u00fcr Schritt versucht, verstaubte, antidemokratische Vorstellungen von der Rolle des Menschen in einer Gesellschaft zu neuem Leben zu erwecken und dabei die Grenze zwischen Konservativismus und Rechtsextremismus zu verwischen. Der Verfassungsschutz ist da gefordert, wo diese Gruppe Vorstellungen artikuliert, die den Rahmen des Grundgesetzes verlassen, Vorstellungen z.B., die sich vom Parlamentarismus lossagen und Andersdenkende ver\u00e4chtlich machen, die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz in Frage stellen. Im Jahr 1995 ist besonders deutlich geworden, da\u00df dabei auf vielen B\u00fchnen agiert wird. Das geh\u00f6rt zur Strategie. Strategiediskussion der \"Neuen Rechten\" Es wurden 1995 in Kreisen der \"Neuen Rechten\" aber auch strategische \u00dcberlegungen angestellt, wie eine Beteiligung an der organisierten politischen Willensbildung m\u00f6glich w\u00e4ren. Die JF berichtet in der Ausgabe 48/95 \u00fcber eine Veranstaltung, bei der einer der Mitinitiatoren des Aufrufs \"8. Mai 1945 - Gegen das Vergessen\" referiert habe, folgendes: \"Die neue deutsche Rechte denkt langfristig und handelt strategisch ... Schwilk berichtete in diesem Zusammenhang von den bekanntesten Versuchen von konservativer Seite, den Meinungsbildungsproze\u00df im eigenen Sinne zu beeinflussen: dem Plan, die Tageszeitung Die Welt zu einem rechtskonservativen Blatt zu machen, der Herausgabe des Bandes 'Die selbstbewu\u00dfte Nation' sowie vom 'Appell wider das Vergessen' zum 8. Mai 1945.\" Dazu f\u00fchrte die JF weiter aus: 84","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 \"\u00c4hnliche Aktivit\u00e4ten sind auch f\u00fcr die Zukunft geplant. Sogar eine eigene Parteigr\u00fcndung ist einkalkuliert, wenn auch nicht kurzfristig.\" Die vom Referenten skizzierten strategischen Optionen gingen davon aus, \"da\u00df f\u00fcr eine echte Ver\u00e4nderung eine entsprechende geistige Vorarbeit notwendig ist ... Noch sei die Zeit nicht reif f\u00fcr eine Parteigr\u00fcndung ... Au\u00dferdem fehle der konservativen Rechten in Deutschland derzeit ein charismatischer Frontmann nach dem Muster von J\u00f6rg Haider ...\" \"Die Gr\u00fcndung einer eigenen Partei ist f\u00fcr Schwilk\", so die JF, \"aber nur eine von drei Varianten f\u00fcr die Umsetzung rechter Politik. Zu den anderen beiden Varianten z\u00e4hlen das Eindringen rechter Kr\u00e4fte in die Unionsparteien und die 'Umpolung der FDP auf einen nationalliberalen Kurs'. Gef\u00f6rdert werden kann die rechtskonservative Mobilisierung zun\u00e4chst auch durch lose Gruppierungen und 85","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Gespr\u00e4chskreise, die dann sp\u00e4ter zu Keimzellen f\u00fcr eine neue Partei werden k\u00f6nnten.\" Solche Gespr\u00e4chskreise, die \"JF-Leserkreise\", betrachtet die JF bereits heute als Teil des \"Projekts Junge Freiheit\". Ziele der \"Neuen Rechten\": Medien, Parteien, Zirkel Soweit Publikationen und Autoren sich offen zur \"Neuen Rechten\" bekennen, ist eine kritische Auseinandersetzung m\u00f6glich. Dies ist fast unm\u00f6glich, wo konspirativ und unter Verschleierung der wahren Ziele Einflu\u00df und Macht angestrebt wird. Dies geschieht beispielsweise durch Beeinflussung innerparteilicher Prozesse in der F.D.P. durch Au\u00dfenstehende. So beteiligte sich die extremistische \"Neue Rechte\" an der Diskussion um Nationalliberalismus im Berliner F.D.P.Landesverband und versuchte auf demokratisch gesinnte Nationaliberale einzuwirken. Ein weiteres Bet\u00e4tigungsfeld der extremistischen \"Neuen Rechten\" sind konspirativ und logen\u00e4hnlich strukturierte Zirkel, zu denen gezielt Gleichgesinnte geladen werden. Hinter gr\u00fcnde und Vernetzung derartiger Denkzirkel werden sogar den Teilnehmern gegen\u00fcber verschleiert. Derartige Zirkel existieren einerseits im Umfeld von Zeitschriften wie Junge Freiheit oder Staatsbriefe, andererseits unabh\u00e4ngig hiervon. Typisch f\u00fcr derartige Zirkel der \"Neuen Rechten\" sind folgende Kennzeichen: * Gezielte Ansprache von konservativen Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens, * Steuerung durch Leitungspersonen mit rechtsextremistischen Vorl\u00e4ufen, * Akademische Bildung, * Elit\u00e4rer Anspruch f\u00fcr die Umgestaltung Deutschlands, * Einbindung von Funktionstr\u00e4gern aus Staat, Politik und Wirtschaft, * Finanzielle Ressourcen, * Ausschlu\u00df der \u00d6ffentlichkeit, kein Austausch von personenbezogenen Daten, * Referenten und Diskussionsthemen aus dem Spektrum der \"Neuen Rechten\", wie z.B. Umerziehung als Voraussetzung des BRD-Systems, EuropaAblehnung, \u00f6kologisch bem\u00e4ntelte Ausl\u00e4nderfeindlichkeit . 2.1.12.1 Junge Freiheit (JF) Gr\u00fcndung: 1986 Herausgeber: Junge Freiheit Verlag GmbH & Co., Berlin Erscheinungsweise: seit Januar 1994 w\u00f6chentlich Auflage: zwischen 10.000 und 15.000 Die Junge Freiheit hat Redaktion und Sitz des Verlags 1995 von Potsdam nach Berlin verlegt. Die genaue Auflage der Wochenzeitung gibt die JF nicht bekannt. Sie d\u00fcrfte zwischen 10.000 und 15.000 Exemplaren liegen. 86","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Unklarheit besteht auch \u00fcber die Finanzierung der Zeitung. Aus den Einnahmen durch Abonnements, freien Verkauf und Inserate lassen sich die Kosten wahrscheinlich nicht decken. Unklar bleibt auch, wie neue Aktivit\u00e4ten im Jahre 1995 finanziert wurden und in Zukunft finanziert werden. Beobachtung durch den Verfassungsschutz NRW Derzeit werden keine nachrichtendienstlichen Mittel bei der Beobachtung der JF durch den Verfassungsschutz NRW eingesetzt. Das Verwaltungsgericht D\u00fcsseldorf erkl\u00e4rte deshalb ein von der JF angestrengtes Verfahren in der Hauptsache f\u00fcr gegen standslos. Beobachtung bedeutet im Falle der JF, da\u00df die Zeitschrift gelesen und bewertet (ausgewertet) und die Ergebnisse dieser Auswertung ver\u00f6ffentlicht werden. Der Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel w\u00e4re aber in Zukunft m\u00f6glich, wenn z.B. konspirative Strukturen erkennbar werden sollten. Projekt JF: Wochenzeitung und andere Aktivit\u00e4ten Au\u00dfer der Herausgabe der Wochenzeitung \"Junge Freiheit\" sind auch weitere publizistische Aktivit\u00e4ten von Redaktion und Verlag zu beachten. Zu nennen sind hier: * der Pressespiegel JF-Intern, * der JF-B\u00fccherdienst, * die Herausgabe einer JF-\u00d6sterreich-Ausgabe. Diese neuen Aktivit\u00e4ten sind 1995 hinzugetreten. Festzustellen ist also eine offensive Erweiterung des Gesamtprojekts Junge Freiheit, das zumindest teilweise erhebliche Mehrkosten verursachen mu\u00df. Organisatorisch von der JF getrennt gibt es weitere Aktivit\u00e4ten - JF-Leserkreise und die - JF-Sommeruniversit\u00e4t (siehe Nr. 2.1.12.2). Diese Bestandteile des Projekts wirken scheinbar selbst\u00e4ndig, sie sind tats\u00e4chlich aber nur arbeitsteilig. W\u00e4hrend die Zeitung selbst sich mehr und mehr zur\u00fcck nimmt, antidemokratisches Gedankengut z.B. \u00fcberwiegend \u00fcber Anspielungen transportiert, treten in Leserkreisen oder der Sommeruniversit\u00e4t Rechtsextremisten auf, die vertiefen, was die Zeitung taktisch offen l\u00e4\u00dft. Die einzelnen Aspekte f\u00fcgen sich dann zum Gesamtbild. Weiterhin tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht rechtsextremistischer Bestrebungen bei der Wochenzeitung Zum Jahresanfang 1995 wurde die Redaktion der JF auf mehreren Positionen umbesetzt. Gleichzeitig konnte durch die Einrichtung neuer Ressorts das Themenspektrum der Berichterstattung erweitert werden. Obwohl f\u00fcr den Austausch einiger Redakteure keine inhaltlichen Gr\u00fcnde genannt wurden, war damit doch eine Z\u00e4sur verbunden: seit diesem Zeitpunkt ist das Bem\u00fchen der Redaktion fest87","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 stellbar, extremistische Positionen, die allerdings nach wie vor festzustellen sind, noch geschickter als bis dahin zu tarnen. Themenschwerpunkte der JF 1995 Themenschwerpunkte der JF waren 1995: * der 8. Mai, * Revisionismus, * Vorw\u00fcrfe \"Umerziehung\" und \"Vergangenheitsbew\u00e4ltigung\", * Political Correctness (PC), * Konservative Revolution, * Antiparlamentarismus, * Bestrebungen gegen Grundrechte. Agitation zum 8. Mai Als \"den ersten gro\u00dfen \u00f6ffentlichkeitswirksamen Erfolg junger konservativer Intelligenz\" (JF 18/95) bezeichnet der JF-Chefredakteur die Debatte um den 8. Mai. Tats\u00e4chlich gelang es den von der JF als \"Nationalkonservativen\" Bezeichneten dabei, einen ganzen Themenkomplex zu dominieren. \u00dcber die strategischen Motive im Umgang mit dem Thema 8. Mai schreibt der Chefredakteur: \"Eine solche Auseinandersetzung dauert lange. Ihr Erfolg ist zuerst nicht durch den Einzug von rechten Parteien in Parlamente gekennzeichnet ... Sie beginnt da durch, da\u00df die Themen wechseln. Wer fragt, f\u00fchrt - eine alte Wahrheit. Und wer die Fragen bestimmt, \u00fcber die diskutiert wird, bestimmt die Diskussionen. Die Debatte \u00fcber den 8. Mai ist von jungen Nationalkonservativen initiiert worden.\" (JF 20/95). Gro\u00df aufgemachte Artikel zum Thema 8. Mai 1945 leugnen ausdr\u00fccklich und ohne R\u00fccksicht auf den Widerspruch zu historischen Tatsachen, da\u00df der 8. Mai Symbol f\u00fcr die Befreiung vom Nationalsozialismus ist. 88","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Vollends vereinnahmt wird das historische Datum in JF-Ausgabe 18/95 vom 5. Mai 1995. Unter der \u00dcberschrift \"Kein Grund zum Feiern\" ist ein Beitrag abgedruckt, der urspr\u00fcnglich zum 40. Jahrestag des Kriegsendes verfa\u00dft wurde. Darin wird der Zweite Weltkrieg als Kampf um die Existenz des deutschen Volkes dargestellt: \"Deutschland, das deutsche Volk hatten sechs Jahre lang im gewaltigsten Krieg aller Zeiten um die Existenz gek\u00e4mpft. Die Tapferkeit und Opferbereitschaft der Soldaten, die Charakterst\u00e4rke und Unersch\u00fctterlichkeit der Frauen und M\u00e4nner im Bombenhagel des alliierten Luftterrors, die Tr\u00e4nen der M\u00fctter, der Waisen - wer die Erinnerung daran zuschanden macht, l\u00e4hmt unseren Willen zur Selbstbehauptung ...\" Der 8. Mai 1945 sei \"ein Tag des Elends, der Qual, der Trauer\" gewesen. Revisionismus Politisches Ziel der JF ist u.a. ein gro\u00dfdeutsches Reich; die Vereinigung 1989 hat f\u00fcr sie nur vorl\u00e4ufigen Charakter. So schreibt der JF-Chefredakteur wiederum im Zusammenhang mit dem 8. Mai: \"Jene, die den Appell 'Wider das Vergessen' unter schrieben haben, hat in ihrer politischen Leidenschaft eines getrieben: die \u00dcberzeugung, da\u00df die Deutsche Einheit das Hauptziel der Politik zu sein hat und da\u00df Deutschland erst frei ist, wenn es geeint ist\" (JF 15/95). Es handelt sich hierbei um eine von anderen Rechtsextremisten bekannte Erscheinungsform des geographischen Revisionismus (siehe 2.1.14), durch die das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker (Art. 26 GG) gef\u00e4hrdet werden k\u00f6nnte. \u00c4hnlich Vorstellungen finden sich zum Beispiel auch in den Schulungsunterlagen des Deutschen Kollegs (siehe 2.1.12.4). \"Umerziehung\" und \"Vergangenheitsbew\u00e4ltigung\" als Agitationsthemen Typisch f\u00fcr revisionistische, rechtsextremistische Propaganda ist auch die Agitation zu den Themen \"Umerziehung\" und \"Vergangenheitsbew\u00e4ltigung\", mit der die freiheitliche Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland auch in der JF als aufgezwungen und somit als illegitim dargestellt wird. So wurde in der Kampagne zum 8. Mai behauptet, es sei \"die deutsche Katastrophe\" gewesen, \"als 1945 'die Amerikaner kamen' und die Umerziehung einsetzte\" (JF 16/95). In demselben Argumentationszusammenhang steht auch der Vorwurf, die notwendige Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte werde als \"zwanghafte Vergangenheitsbew\u00e4ltigung\" \u00fcbertrieben. Ein JFStammautor schreibt dazu in Ausgabe 16/95: \"Der Bu\u00dfbetrieb in diesem Land wird umso unwiderstehlicher, je l\u00e4nger einer den Bew\u00e4ltigungsm\u00fchlen unseres Bildungssystems ausgesetzt war. Trauer kann da zur Arbeit werden und um ein halbes Jahrhundert versp\u00e4teter Widerstand zur fixen Idee\". Ein Bericht \u00fcber das \"Denkmal f\u00fcr den unbekannten Wehrmachtsdeserteur\" in Erfurt (Ausgabe 36/95) tr\u00e4gt die entr\u00fcstete \u00dcberschrift: \"VB-Mehrheit hat ihren Willen durchgesetzt\", wobei VB in der JF die h\u00e4ufig verwendete Abk\u00fcrzung f\u00fcr Vergangenheitsbew\u00e4ltigung ist. Der \"P.C.\" - Vorwurf Im Kampf der JF um die kulturelle Hegemonie wird an zahlreichen Stellen behauptet, in der Bundesrepublik Deutschland gebe es keine wirkliche Presse-, Mei89","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 nungsund Wissenschaftsfreiheit, man d\u00fcrfe nicht mehr tabulos diskutieren. St\u00e4ndig wird in der JF beklagt, die 68er-Generation wache \u00fcber sprachliche Tugend und erzwinge in unserer Republik \"political correctness\". So stellt sich der T\u00e4ter als Opfer dar. Die angeblich notwendige Abwehr von \"political correctness\" soll die eigenen extremistischen Auffassungen gegen Kritik immunisieren. Gleichzeitig werden in der JF Andersdenkende (z.B. Wickert, Ziel, K\u00fcppersbusch, Pfl\u00fcger) systematisch ver\u00e4chtlich gemacht, vor allem dann, wenn diese wegen ihrer kritischen Haltung zu rechtsextremistischen Bestrebungen ins Blickfeld der JF geraten. Dadurch gewinnen zahlreiche JF-Artikel, in denen Andersdenkende mit einer zum Teil deren Menschenw\u00fcrde verachtenden Aggressivit\u00e4t bek\u00e4mpft werden, auch die Qualit\u00e4t von Anhaltspunkten f\u00fcr Bestrebungen gegen deren Meinungsfreiheit. Dies gilt auch dann, wenn die JF daf\u00fcr das Stilmittel der Satire imitiert oder mi\u00dfbraucht. So hei\u00dft es unter der \u00dcberschrift \"Deutsche Unarten: Doppelnamen\" (JF 46/95): \"Hat sich eigentlich schon einmal jemand dar\u00fcber Gedanken gemacht, warum immer die gr\u00f6\u00dften Schnepfen einen Doppelnamen haben? Es ist ja durchaus in Ordnung, wenn eine Frau nicht den Namen ihres Ehemannes annehmen will, wenn dieser M\u00fcller, Eickel oder Pfl\u00fcger hei\u00dft. Das versteht jeder. Aber warum behalten sie dann nicht einfach ihren Namen? Warum m\u00fcssen Kombinationen wie M\u00fcllerThurgau, Wanne-Eickel oder Friedbert-Pfl\u00fcger dabei herauskommen? Vor allem bei Politikerinnen sind Doppelnamen \u00e4u\u00dferst popul\u00e4r. Herta D\u00e4ubler-Gmelin, bei der schon jede einzelne Komponente zum Erzeugen von \u00dcbelkeit ausreicht, sieht auch so aus, wie ihr Name klingt. Oder was ist mit Heidemarie Wieczorek-Zeul? Selbst ein krankes Gehirn k\u00f6nnte keinen abscheulicheren Namen erfinden.\" PC-Kampagne der JF (hier z.B. aus der Ausgabe17/96 vom 26.4.96) Umwertung von Begriffen: \"konservativ\", \"Nation\", \"Demokratie\" Die Methode der Umwertung von Begriffen l\u00e4\u00dft sich anschaulich verdeutlichen am Umgang der JF mit den Begriffen \"konservativ\", \"Nation\" und \"Demokratie\". 90","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Die JF bezeichnet sich selbst als \"konservative Wochenzeitung\" (so z. B. der Chefredakteur in JF 4/95). In Ausgabe 8/95 vertritt einer der Stammautoren der JF die Auffassung, \"Konservativen in Deutschland\" sei es bisher versagt geblieben, \"sich durch eigene Massenmedien oder erfolgreiche Parteien vertreten zu lassen\". Hier zeigt sich, da\u00df in der JF mit dem Begriff \"konservativ\" Positionen des demokratischen Spektrums in der Regel nicht gemeint sein k\u00f6nnen. Einen Hinweis darauf, wie die JF den Begriff \"konservativ\" tats\u00e4chlich ausf\u00fcllen will, liefert das \"JFLeitthema\" der \"Konservativen Revolution\". Arthur Moeller van den Bruck, einer der in der JF am meisten zitierten Vordenker der Konservativen Revolution, definiert \"konservativ\" als Gegenpol zu \"liberal\": \"Der Feind des konservativen Menschen ist der liberale Mensch.\" Moeller van den Bruck hat seine Position eindeutig erkl\u00e4rt; er wollte durch den \"Kampf gegen den Liberalismus\" die Ideen der \"Aufkl\u00e4rung\" bek\u00e4mpfen, die in der Weimarer Reichsverfassung durch die Festschreibung von Gleichheits - und Freiheitsrechten sowie durch die zentrale Rolle des Parlaments zum Tragen kamen. In Ausgabe 20/95 fordert der JF-Chefredakteur, da\u00df sich Konservative und \"Neue Rechte\" auch verst\u00e4rkt um die Bedeutung von \"Demokratie\" k\u00fcmmern m\u00fc\u00dften: \"Der Begriff 'Demokratie' mu\u00df von nationaler Seite gehalten werden\". Die Richtung weist auch hier die JF: in einem Satireversuch (Ausgabe 49/95) wird behauptet, schon Kinder w\u00fcrden heutzutage mit \"einer eisernen Hand ... so zurecht(ge)schleift, da\u00df sie zu unserer Demokratie passen\". Damit wird die bestehende, verfassungsm\u00e4\u00dfige Demokratie als der Natur des Menschen nicht entsprechend diffamiert. Unter \"Demokratie\" wird also auf \"nationaler\" Seite laut JF etwas anderes verstanden, als der unbefangene Leser mit diesem Begriff verbindet. Diese Erkenntnis erm\u00f6glicht auch R\u00fcckschl\u00fcsse auf die in der JF geforderte \"Neubesetzung\" des Begriffs \"Nation\" (siehe oben): die angestrebte \"Nation\" w\u00fcrde dem Demokratieprinzip, wie es im Grundgesetz verankert ist, wohl kaum entsprechen. Die Konservative Revolution als Leitlinie der JF Sowohl in qualitativer wie in quantitativer Hinsicht dominieren als Leitlinie der JF Positionen der Konservativen Revolution, sie werden insbesondere von Redaktion und Stammautoren teils ausdr\u00fccklich und offen, teils aber auch versteckt und nur mittelbar eingebracht. In Ausgabe 25/95 wurde eine Artikelserie \" Portr\u00e4ts der Konservativen Revolution\" mit einem Kommentar (\"Zur Einf\u00fchrung\") er\u00f6ffnet. Darin erkl\u00e4rte ein Redakteur: \"Die Konservative Revolution ist ... die modernste Form, rechts zu sein. Diesen weithin unerkannt und unverstanden gebliebenen Aspekt von 'Modernit\u00e4t', der der au\u00dfer parlamentarischen Rechten der Zwischenkriegszeit eigen war, gilt es zun\u00e4chst herauszuarbeiten, wenn die Ideen der Konservativen Revolution tats\u00e4chlich Eingang in die gegenw\u00e4rtige politische Debatte finden sollen ... Erst die Einsicht in die Aktualit\u00e4t der Konservativen Revolution bietet Anla\u00df f\u00fcr eine zeitgem\u00e4\u00dfe intellektuelle Auseinandersetzung mit ihr ... Die Junge Freiheit will mit ihrer Reihe 'Portr\u00e4ts der Konservativen Revolution' einen ersten Zugang zu einem zeitgem\u00e4\u00dfen Verst\u00e4ndnis dieses Denkens er\u00f6ffnen ... Nur wenn sich eine Weltanschauung praktisch umsetzen l\u00e4\u00dft, wird aus Weltanschauung Weltverantwortung im besten Wortsinne. Hieran hat es den Kopfarbeitern der Konservativen Revolution fast durchweg gemangelt. Gerade eine Neue Rechte, die in die Verantwortung dr\u00e4ngt, hat sich auch dieser Aufgabe zu stellen.\" Dieses Bekenntnis zu den Positionen der Konservativen Revolution und die erkl\u00e4rte Absicht , deren 91","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 praktische Umsetzung zu unterst\u00fctzen, begr\u00fcnden den Verdacht von Bestrebungen gegen wesentliche Bestandteile der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Auch au\u00dferhalb der Artikelserie wurden Portr\u00e4ts von Personen ver\u00f6ffentlicht, die der Konservativen Revolution zuzurechnen sind. H\u00e4ufig wird in der JF f\u00fcr das \"Jahrbuch zur Konservativen Revolution\" geworben. In mehreren JF-Ausgaben der Jahres 1995, erstmalig in JF 11/95 unter der \u00dcberschrift \"Jede Mark eine Konservative Revolution\", wird zu Spenden f\u00fcr die Pflege des Grabes von Arthur Moeller van den Bruck geworben. Zwar fehlt ein Beitrag \u00fcber Moeller van den Bruck in der Portr\u00e4tserie zur Konservativen Revolution; die JF portr\u00e4tierte jedoch bereits zu seinem 70. Todestag ausf\u00fchrlich jenen \"bedeutenden Protagonisten der Konservativen Revolution\" (JF 21/95), der 1919 als Reaktion u.a. auf das in der JF so bezeichnete \"Versailler Diktat\" (!) Mitbegr\u00fcnder des \"Juni-Klubs\", einer \"Keimzelle der jungkonservativen Bewegung\", gewesen sei. Das Engagement der JF ist in diesem Beitrag nicht zu \u00fcbersehen. Erg\u00e4nzt wurde das Portr\u00e4t durch den Abdruck der Todesanzeige und Textausz\u00fcge aus seinen Schriften. Dabei vermeidet es die JF, diejenigen markanten Zitate wiederzugeben, die die Unvereinbarkeit von Moeller van den Brucks Ideen mit der heutigen freiheitlichen demokratischen Grundordnung eindeutig belegen. Es pa\u00dft viel mehr zur Strategie der JF, ihre Leser behutsam und scheinbar unangreifbar an die eigentlichen Ziele der mit gro\u00dfem Aufwand dargestellten Protagonisten heranzuf\u00fchren. Neben Positionen, die der Konservativen Revolution entliehen wurden, ist vereinzelt, aber auffallend regelm\u00e4\u00dfig, auch eine Bezugnahme auf Ideengeber des italienischen Faschismus (z.B. Pareto, Mosca) festzustellen, die in der JF \"Nonkonformisten \" genannt werden. Antiparlamentarismus Zu den regelm\u00e4\u00dfigen Themen der JF geh\u00f6rt auch ein fundamentaler Antiparlamentarismus. Der in rechtsextremistischen Kreisen bekannte Rechtsanwalt und JFStammautor Klaus Kunze, der sich bereits in fr\u00fcheren Artikeln (siehe Verfassungsschutzbericht NRW 1994, Seite 142/143) unmi\u00dfverst\u00e4ndlich gegen den Grundsatz der Verantwortlichkeit der Regierung gegen\u00fcber dem Parlament ausgesprochen hatte , versuchte auch 1995, das parlamentarische System als undemokratisch zu diskreditieren, um den N\u00e4hrboden f\u00fcr die Verwirklichung seiner Forderungen zu bereiten. Er schreibt unter anderem: \"Der Parlamentarismus als Regierungsform fu\u00dft eben nur idealiter auf demokratischen Gedanken\" (JF 2/95), oder: \"Im Bonner Parlamentarismus machen die Parteien in Parlamenten die Gesetze, w\u00e4hlen einen regierenden Kanzler und bestimmen die Verfassungsrichter. Sie haben die Macht, die Grenzen ihrer Kompetenz selbst zu ziehen. Dieses System nennen sie Demokratie, und wer Demokrat ist, definieren sie rechtsverbindlich unter Mithilfe eigens daf\u00fcr besch\u00e4ftigter B\u00fcrokraten\" (9/95). Dabei verdreht er die verfassungsrechtlichen Gegebenheiten. Er ignoriert die tats\u00e4chlich vorhandene Legitimation der Parlamentarier durch allgemeine, freie, gleiche, geheime und direkte Wahl. Er l\u00e4\u00dft unber\u00fccksichtigt, da\u00df die obersten Verfassungsgrunds\u00e4tze, hier ins besondere das Rechtsstaatsprinzip und das f\u00fcr die Gesetzgebungskompetenz der L\u00e4nder bedeutende Bundesstaatsprinzip, wegen Artikel 79 GG nicht der Disposition der Parlamente unterliegen. 92","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Der Verdacht, da\u00df der fundamentale Antiparlamentarismus schlie\u00dflich dem Ruf nach einem autorit\u00e4r gef\u00fchrten Staat dient, wird durch eine aktuelle Buchver\u00f6ffentlichung \"Mut zur Freiheit, Ruf zur Ordnung\" erh\u00e4rtet. Darin pl\u00e4diert Kunze f\u00fcr die philosophische Richtung des Dezisionismus, ein in Carl Schmitts Rechtsphilosophie dem Gesetzesdenken entgegenstehendes Entscheidungsdenken, f\u00fcr das nicht rechtsstaatliche Verfahren, sondern das eigene unbedingte Wollen ma\u00dfgebend ist, und das im politischen Bereich die Entstehung autorit\u00e4rer und totalit\u00e4rer Strukturen beg\u00fcnstigen kann. Die antiparlamentarischen Bestrebungen in der JF sch\u00f6pfen auch aus Moeller van den Brucks Ausf\u00fchrungen, der \u00fcber das Parlament der Weimarer Republik schrieb: \"Wir glauben allerdings, da\u00df die Zeit des Parlamentarismus vor\u00fcber ist. ... Und am Ende ist es gut so, da\u00df Deutschland f\u00fcr den Parlamentarismus - zu gut ist.\" Moeller van den Bruck verwendet auch die Bezeichnung \"Schwatzbude\" f\u00fcr das Parlament. Agitation gegen Institutionen und Funktionstr\u00e4ger der freiheitlichen Demokratie Auch das Oberverwaltungsgericht (OVG) M\u00fcnster besch\u00e4ftigte sich mit Kunzes antiparlamentarischer und antidemokratischer Agitation. Bereits mehrfach vertrat Kunze die Partei \"Die Republikaner\" als Rechtsanwalt sowie die \"Junge Freiheit\". Zuletzt wies das OVG am 8. Dezember 1995 eine Klage der \"Republikaner\" auf Genehmigung einer parteinahen Stiftung ab. In seinem Urteil zitierte das OVG u.a. einen Schriftsatz Kunzes als Beleg f\u00fcr einen Widerspruch zum Demokratieprinzip. Das Gericht stellte fest, durch Kunzes \u00c4u\u00dferung, \"Was wei\u00df schon der Beklagte (das Land NRW), was wissen seine verbeamteten, der Regierungspartei angeh\u00f6rigen Mitarbeiter vom Gemeinwohl im verfassungsrechtlichen Sinne? Keineswegs wirft der Parteipolitiker im Moment seiner Wahl sein Wolfsfell ab und mutiert pl\u00f6tzlich zu einem friedlichen Schaf, das die Parlamentswiese abgrast, auf der Suche nach der blauen Blume des Gemeinwohls.\", w\u00fcrden \"die staatlichen Funktionstr\u00e4ger verunglimpft, indem ihnen ausnahmslos eine nicht am Gemeinwohl orientierte Handlungsweise, die aber gerade die Essenz staatlichen Handelns ausmacht, unterstellt wird. Diese Diffamierungen offenbaren die Tendenz, das Vertrauen in die (personellen) Strukturen der Legislative und der Exekutive zu ersch\u00fcttern und sie als Teil der staatlichen Ordnung zumindest in Frage zu stellen, und sie ignorieren, da\u00df die Amtswalter, die gem\u00e4\u00df Art. 20 Abs. 3 GG an Recht und Gesetz gebunden sind, eine - wenn auch mehrfach mediatisierte - demokratische Legitimation besitzen ...\". 93","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Kunzes Ausf\u00fchrungen in seinem Schriftsatz entsprechen seinen regelm\u00e4\u00dfigen Ver\u00f6ffentlichungen als JFStammautor. Somit ist der Verdacht einer rechtsextremistischen Bestrebung schon gerichtlich erh\u00e4rtet. Bestrebungen gegen Grundrechte Gleichheitsgrundrechte werden abgelehnt In einem Interview mit einer anderen Wochenzeitschrift erkl\u00e4rte der JFChefredakteur im April 1995: \"Autoren der Konservativen Revolution sind dort auch heute noch interessant, wo sie sich skeptisch ... gegen\u00fcber gleichmacherischen Tendenzen \u00e4u\u00dfern.\" Er \u00fcbernimmt damit von Moeller van den Bruck die Einteilung in \"h\u00f6herwertige Menschen\" und \"min derwertige Bestandteile des Volkes\", die Unterscheidung \"zwischen wertlosem und wertvollem Leben\" eines Ed94","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 gar Julius Jung oder die gegen den Gleichheitsgrundsatz bei Wahlen gerichteten Auffassungen von Othmar Spann, der ver\u00e4chtlich anmerkte: \"Jeder einzelne ist ein gleichwertiges Atom, Nietzsche und sein Stiefelputzer haben dieselbe Stimme\". Gegen den Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz als Ergebnis der Franz\u00f6sischen Revolution richtet sich ein Artikel in Nummer 15/95: die \"Egalit\u00e4tsarithmetik des 18. Jahrhunderts, die seither weder liberte' noch fraternite' gef\u00f6rdert hat, sondern stets die identit\u00e4re Einschmelzung der Vielzuvielen in Allzu gleiche\" sei Unfug. Dieser Artikel stammt von derselben Stammautorin , die in JF 11/92 die Vorbildfunktion von Ideengebern des italienischen Faschismus hervorgehoben und sp\u00e4ter ihr rassistisch gepr\u00e4gtes Menschenbild offenbart hatte: \"Die Natur, deren Teil auch die Menschenwelt ist, gliedert sich offenkundig nach Gradualit\u00e4t, Qualit\u00e4t, Funktionalit\u00e4t\" (JF 38/94). Freiheitsgrundrechte Auch Freiheitsgrundrechte sind Angriffsziel der JF, ganz im Sinne Moeller van den Brucks (\"Der Liberalismus ist der Ausdruck einer Gesellschaft, die sich aus den minderwertigen Bestandteilen des Volkes zusammensetzt\", \"An Liberalismus gehen die V\u00f6lker zugrunde\") und Edgar Julius Jungs, der befand, da\u00df der \"Individualist ... gesellschaftlich minderwertig\" sei. Der von rechtsextremistischen Parteien und Organisationen bekannte, oft eher plumpe Angriff auf konstitutive Bestandteile der freiheitlichen demokratischen Grundordnung ist allerdings nicht das Instrument der JF. Stattdessen wird mit Anspielungen, Suggestionen und Vergleichen gearbeitet. So werden in vielen JFArtikeln verschiedene Auspr\u00e4gungen individueller Lebensgestaltung verspottet; beispielsweise enth\u00e4lt ein Comic (JF 16/95) den Dialog: \"... die T\u00e4towierungen gefallen Dir wohl, wie?\" - \"Na ja! Um ehrlich zu sein ... ich dachte eigentlich , das w\u00e4ren tier\u00e4rztliche Pr\u00fcfstempel!\" Agitation gegen das Grundrecht auf Asyl Besonders betroffen ist durch Ver\u00f6ffentlichungen der JF das Asylgrundrecht. Der Agitation gegen das Recht auf Asyl wird die wahrheitswidrige Behauptung der \"ungebremsten Massenzuwanderung\" (JF 48/95) zugrunde gelegt. In Ausgabe 28/95 zitiert die JF dazu wohlwollend-ausf\u00fchrlich \u00c4u\u00dferungen, die bereits in den Verfassungsschutzbericht 1994 des Bundesministeriums des Innern als Beleg f\u00fcr Fremdenfeindlichkeit bei der Partei \"Die Republikaner\" Eingang gefunden hatten: \"Der Massenzuwanderung wurde viel zu sp\u00e4t und nur \u00e4u\u00dferst halbherzig entgegengetreten. Dabei wurde noch verkannt, da\u00df das Hauptproblem nicht die materielle Belastung unseres Staates, sondern die kulturelle Auszehrung unseres Volkes ist.\" In dem selben Artikel klingt auch die Diffamierung fremder, hier lebender Menschen als Umweltsch\u00e4dlinge (schon eine fr\u00fchere Schlagzeile in JF 33/94 lautete: \"\u00d6ko-Wahnsinn Einwanderung\") wieder an: \"Wie viele Menschen vertr\u00e4gt das Land? Das ist eine Frage der Physik und der Biologie und - wie wir heute wissen - auch der \u00d6kologie.\" Solche Versuche, soziale Zusammenh\u00e4nge biologistisch zu erkl\u00e4ren, sind typisch f\u00fcr rechtsextremistische, rassistisch motivierte Agitation nicht nur gegen Freiheits-, sondern auch gegen Gleichheitsgrund rechte. Sonstige Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht rechtsextremistischer Bestrebungen 95","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Ver\u00e4chtlichmachung von Minderheiten am Beispiel der Aids-Kranken Auch unabh\u00e4ngig vom ideologischen Hintergrund der Konservativen Revolution bieten zahlreiche Artikel der JF typische Anhaltspunkte f\u00fcr rechtsextremistische Bestrebungen. Dazu geh\u00f6rt die Ver\u00e4chtlichmachung von Minderheiten. Die JFAusgabe 1/95 enth\u00e4lt dazu ein besonders menschenverachtendes Beispiel; dort hei\u00dft es auf Seite 20: \"Krankheiten bei Mensch und Tier hatten 1994 eine gro\u00dfe Bedeutung. Als Folge der Schweinepest wurden in Niedersachsen 700.000 gesunde Tiere vorsorglich notgeschlachtet. Die betroffenen Bauern bezeichnen die Aktion als Riesensauerei. Die Zahl der AIDS-F\u00e4lle stieg 1994 von 2,5 auf 4 Millionen\". Unausgesprochen wird hier die W\u00fcrde von Menschen angetastet und deren Recht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit infrage gestellt. Eine geistige N\u00e4he zu den Euthanasieprogrammen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ist unverkennbar. Auf Seite 2 derselben Ausgabe wird eine aus der NS-Zeit bekannte \"Ballastkosten\"-Argumentation angedeutet, die in der JF schon im Jahr 1994 hinsichtlich der hier lebenden Ausl\u00e4nder gef\u00fchrt wurde: \"Und stehen ungez\u00fcgelte Sexualit\u00e4t, die Ausbreitung von AIDS und der Kollaps des Gesundheitsund Sozialsystems nicht wenigstens in mittelbarem Zusammenhang?\" Verunglimpfung der Opfer des Nationalsozialismus Unter der \u00dcberschrift \"Gedenken satt\" (JF 6/95) werden auch die Opfer des Nationalsozialismus verunglimpft: \"... Der n\u00e4chste Gedenktag bietet einen bizarren Filmstreifen, das Leben eines j\u00fcdischen B\u00e4ckers, der nicht schl\u00e4ft und immerzu in seinen Backofen stiert; die Kamera suggeriert, seine Brote seien Menschenleiber, seine Ehefrau erz\u00e4hlt, scheel\u00e4ugig dreinblickend, von ihrer Jugend in Polen. Auch Oberrohrstock Bednarz vom WDR ist mit von der Holocaust-Partei ... Der n\u00e4chste Sendetag bringt einen Oberrabbiner: 'Ich war dabei. Frauen und Kinder wurden lebend in die Krematorien gejagt. M\u00e4nner brannten langsamer, Frauen hatten mehr Fett und brannten schneller.' ... Bundespr\u00e4sident Herzog verschm\u00e4ht den christlichen Gottesdienst und zieht die Synagoge vor ... Das kleine dicke WDRDummerchen fordert zum millionsten Mal: 'Lernen! Daraus lernen!' - Bleibt die Frage, was.\" Derartige Artikel zeigen, da\u00df die Aussage des JF-Chefredakteurs in Ausgabe 7/95, eine deutsche Rechte m\u00fcsse eine klare Trennung zu denjenigen vollziehen, die den \"verbrecherischen Charakter\" der NS-Herrschaft nicht anerkennen, f\u00fcr die JF tats\u00e4chlich keine grunds\u00e4tzliche Bedeutung hat. Personelle Verbindungen Tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht rechtsextremistischer Bestrebungen ergeben sich bei der Bewertung der JF nicht nur aus den publizierten Inhalten, sondern auch aus personellen Querverbindungen. In einem als \"Das neue Kursbuch der deutschen Rechten\" bezeichneten Sammelband \"Opposition f\u00fcr Deutschland\" erscheinen als Verfasser, neben einem verurteilten Holocaust-Leugner und zwei DLVH-Funktion\u00e4ren, mehrere JFStammautoren. Herausgeber des Buches ist ein ehemaliger JF-Redakteur (bis 1994), der seit 1995 in der rechtsextremistischen Zeitschrift \"Nation und Europa\" (siehe Nr 2.1.12.6) schreibt. Einer der JF-Stammautoren war bei der \"Freien Deutschen Sommeruniversit\u00e4t\" Referent zum Thema \"Das Verh\u00e4ltnis der Konservativen Revolution zu Ru\u00dfland\". 96","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Der Bericht eines fr\u00fcheren JF-Redakteurs (bis 1994) \u00fcber diese Veranstaltung, abgedruckt in der Zeitschrift \"Staatsbriefe\" (Ausgabe vom Oktober 1995), nennt auch die \u00fcbrigen Referenten, zu denen mehrere Rechtsextremisten z\u00e4hlten. Inserate rechtsextremistischer Gruppierungen Die JF ver\u00f6ffentlichte 1995 zahlreiche Inserate rechtsextremistischer Gruppierungen, zum Beispiel der Partei \"Die Republikaner\" (siehe Nr. 2.1.5) oder der DESG (siehe Nr. 2.1.1). Diese Tatsache begr\u00fcndet in der Regel zwar nicht selbst\u00e4ndig den Verdacht rechtsextremistischer Bestrebungen, da abgedruckte Inserate nur eingeschr\u00e4nkt in der Verantwortung der Publikation liegen; jedoch runden die Inserate das Gesamtbild der JF ab und unterstreichen damit die aus der Auswertung der publizierten Inhalte gewonnenen Erkenntnisse. Die wiederholten Inserate der \"Republikaner\" in der JF lassen an gegenseitige Unterst\u00fctzung denken: die JF hat ihrerseits mehrfach in der Mitgliederzeitung \"Der Republikaner\" um neue Abonnenten geworben. Dar\u00fcber hinaus inserieren eine Vielzahl Kleingruppen und Verlage, von denen auch rechtsextremistische Publikationen vertrieben werden. Hinweis auf Veranstaltungen des \"Deutschen Kollegs\" In der Ausgabe 2/92 der Jungen Freiheit wurde wohlwollend redaktionell f\u00fcr das Deutsche Kolleg (siehe Nr. 2.1.12.4) geworben. 2.1.12.2 \"Junge Freiheit\" - Leserkreise und Sommeruniversit\u00e4ten Zielsetzung Seit Beginn des Jahres 1995 ver\u00f6ffentlicht die Zeitschrift \"Junge Freiheit\" (JF) keine Inserate ihrer Leserkreise mehr. Dennoch ist die von der JF bestimmte Funktion der Leserkreise als \"Teil einer Offensive, in deren Mittelpunkt das Projekt Junge Freiheit steht\" (JF 27/94), nach wie vor g\u00fcltig. Ein JFRedakteur sprach noch in Ausgabe 46/95 von \"unseren Leserkreisen\". \u00dcber einzelne Leserkreise wurde zudem 1995 in der JF ausf\u00fchrlich berichtet. Die Leserkreise dienen der JF als Instrument (JF 27/94): \"Im ... Ringen der Jungen Freiheit um ... den Ausbau des konservativen Anteils an der politischen Debatte wird dem Einfallsreichtum und Einsatzwillen der Leserkreisteilnehmer eine entscheidende Bedeutung zukommen.\" Die bei der JF festgestellten tats\u00e4chlichen Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht rechtsextremistischer Bestrebungen gelten somit unmittelbar f\u00fcr die Bewertung der JFLeserkreise. Massiver Einflu\u00df der JF auf die Leserkreise Die Redaktion der JF hat in der Vergangenheit in einem \"Leserkreis-Zirkular\" organisatorische Unterst\u00fctzung angeboten und auf die Arbeit einzelner Kreise massiven Einflu\u00df genommen; zumindest in einem Fall wurde der Leiter eines Leserkreises vom JF-Chefredakteur eingesetzt. Es steht fest, da\u00df die JF-Redaktion auch Adressen von Abonnenten zur Verf\u00fcgung gestellt hat. Gegen\u00fcber Leserkreis-Teilnehmern erkl\u00e4rte der JFChefredakteur die Notwendigkeit von \u00d6ffent97","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 lichkeitsarbeit durch Versammlungen einerseits und die Bildung von \"Eliten\" in kleineren Zirkeln andererseits. \"JF-Sommeruniversit\u00e4t\" und \"Freie Deutsche Sommeruniversit\u00e4t\" Seit 1993 veranstaltete die JF j\u00e4hrlich eine sogenannte \"JF-Sommeruniversit\u00e4t\". Der monatliche Pressedienst JF-intern k\u00fcndigte bereits eine entsprechende Veranstaltung im Jahr 1996, diesmal in \u00d6sterreich, an. Als Zielgruppe wurden regelm\u00e4\u00dfig besonders die Leiter von JF-Leserkreisen angesprochen. Ein ehemaliger JF-Redakteur berichtete sp\u00e4ter in der rechtsextremistischen Monatsschrift \"Staatsbriefe\" (Ausgabe 10/95), die \"Sommeruniversit\u00e4t der Jungen Freiheit\" sei \"mangels Teilnehmern und infolge eines organisatorischen Fiaskos\" nach zwei Tagen abgebrochen worden. Statt dessen habe nach internen Querelen als Abspaltung, jedoch \"in personeller und ideeller Kontinuit\u00e4t\", eine sog. \"Freie Deutsche Sommeruniversit\u00e4t\" stattgefunden. Wegen der ausdr\u00fccklich betonten \"Kontinuit\u00e4t\" d\u00fcrften zu den Teilnehmern der \"Freien Deutschen Sommeruniversit\u00e4t\" 1995 zahlreiche Leiter von JF-Leserkreisen geh\u00f6rt haben. Die Sommeruniversit\u00e4ten werden nicht-\u00f6ffentlich durchgef\u00fchrt. \"Reichsgedanke mit Begeisterung propagiert\" Der \"Staatsbriefe\"-Meldung zufolge wurde bei der Freien Deutschen Sommeruniversit\u00e4t \"zur Besch\u00e4mung der reichsvergessenen Deutschen\" der \"Reichsgedanke\" aufgriffen und \"mit Begeisterung propagiert\". Der in rechtsextremistischen Kreisen bekannte Reinhold Oberlercher verbreitete in einem Vortrag u.a. die Vorstellung von einer \"v\u00f6lkischen Revolution\" und einem gro\u00dfdeutschen \"Reich\": \"Europa wird nach einer v\u00f6lkischen Revolution von au\u00dfereurop\u00e4ischen Landnehmern befreit sein ... Die deutschen Staaten werden zu einem einheitlichen, gemeingermanischen Reich aller deutschen St\u00e4mme verschmelzen und erstmals in der Geschichte den gesamtdeutschen Nationalstaat verwirklichen ... Das deutsche Siedlungsgebiet in B\u00f6hmen und M\u00e4hren f\u00e4llt an das Deutsche Reich ... Das europ\u00e4ische Realv\u00f6lkerrecht im allgemeinen und die Reichsgenossenschaftsordnungen (Reichsv\u00f6lker recht) im besonderen werden Vertreibungen milit\u00e4risch sanktionieren und r\u00fcckg\u00e4ngig machen, vereinbarte ethnische Entmischungen dagegen v\u00f6lkerrechtlich sch\u00fctzen und ethnische Verschmutzung unter kategorischen Prohibitiv ('Bilde kein V\u00f6lkergemisch und verwerfe jedes V\u00f6lkergemisch als Unnation') stellen.\" (siehe auch Nr. 2.1.12.3). Zu den Referenten dieser Veranstaltung geh\u00f6rten auch ein Redakteur der rechtsextremistischen Zeitschrift \"Nation und Europa\" und einer der JF-Stammautoren, dessen Doppelrolle legt den Schlu\u00df nahe, da\u00df auch nach Abspaltung der \"Freien Deutschen Sommeruniversit\u00e4t\" von der \"JF-Sommeruniversit\u00e4t\" die Interessen und politischen Ziele nicht weit auseinanderliegen. JF-Leserkreise in NRW Aus Nordrhein-Westfalen sind in fr\u00fcheren Inseraten unter verschiedenen Bezeichnungen JF-Leserkreise aus Aachen, Bielefeld, Bonn, K\u00f6ln, M\u00fcnster und dem Ruhrgebiet in Erscheinung getreten. 98","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Der \"JF-Leserkreis im Ruhrgebiet\", der neuerdings auch unter der Bezeichnung \"Junges Forum\" auftritt, existiert mindestens seit 1992 und hat seitdem zahlreiche nicht\u00f6ffentliche Vortragsveranstaltungen durchgef\u00fchrt. Der Leserkreis hatte im September 1995 einen ehemaligen Spitzenfunktion\u00e4r der rechts extremistischen Partei \"Die Republikaner\" zum Vortrag gebeten. Im Oktober 1995 fand in Bochum eine Vortragsund Diskussionsveranstaltung dieses Leserkreises statt. Unter den 100 - 150 Teilnehmern befanden sich mehrere Mitglieder und Funktion\u00e4re verschiedener rechtsextremistischer Parteien und Organisationen sowie Personen mit entsprechenden Vorl\u00e4ufen. In dem Vortrag wurde die Auffassung vertreten, Zuwanderung k\u00f6nne auch Bereicherung sein und stelle innerhalb Europas kein Problem dar. Fremde, au\u00dfereurop\u00e4ische Kulturen jedoch zerst\u00f6rten die Basis unseres Rechtssystems. Es m\u00fcsse zum Beispiel beim Kindergeld das \"Privileg der nationalen Pr\u00e4ferenz\" gelten. Es bed\u00fcrfe nicht einer neuen Partei, sondern einer \"Bewegung\" durch alle relevanten Gruppen der Gesellschaft. Stelle eine Partei zum Beispiel die Frage, ob Kindergeld nur f\u00fcr Deutsche gezahlt werden solle, werde sie als rechtsextremistisch abgestempelt. Komme diese Frage aus einer Bewegung heraus, k\u00f6nne die Gesellschaft nicht daran vorbei. In der JF 44/95 wurde ausf\u00fchrlich \u00fcber diese Veranstaltung und den Vortrag berichtet. Allerdings deutete der JF-Bericht die nationalistisch und rassistisch motivierten Forderungen in dem Vortrag nur an. Dieses Beispiel verdeutlicht das gewollte Zusammenwirken der Zeitschrift mit ihren Leserkreisen: w\u00e4hrend man sich bei der Publikation bem\u00fcht, Ziele, die als Anhaltspunkte f\u00fcr rechtsextremistische Bestrebungen erkannt werden k\u00f6nnten, zu verschleiern, k\u00f6nnen \u00fcber die Leserkreise deutlichere Botschaften vermittelt werden. Dachorganisationen der Leserkreise In einer Vertriebenenzeitschrift wurde der Termin der Bochumer Veranstaltung in der Werbeanzeige sogenannter \"Konservativer Gespr\u00e4chsund Arbeitskreise\" (KGAK) ver\u00f6ffentlicht, die von einem \"KGAK-Sprecherrat\" koordiniert werden. Offensichtlich haben sich in dieser Dachorganisation mehrere JF-Leserkreise zusammengeschlossen, darunter aus Nordrhein-Westfalen die Kreise in Bielefeld und im Ruhrgebiet. Da bereits fr\u00fcher ein \"Koordinationskreis\" als organisatorischer \u00dcberbau von JF-Leserkreisen bekannt geworden ist, k\u00f6nnte es sich bei dem \"KGAK-Sprecherrat\" um eine Neuformierung handeln. M\u00f6glicher weise hat sich damit aber auch - parallel zur Spaltung der \"JFSommeruniversit\u00e4t\" - eine neue Dachorganisation als Abspaltung gebildet. 2.1.12.3 Staatsbriefe Gr\u00fcndung: 1990 Herausgeber: Dr. Hans-Dietrich Sander, M\u00fcnchen Verlag: Morsak Verlag OHG, Grafenau (Bayern) Erscheinungsweise: monatlich Auflage: ca. 1.000 99","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Entwicklung 1995 Im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens gegen den Herausgeber der Staatsbriefe wegen des Verdachts einer Straftat nach SS 130 StGB wurden im November 1995 s\u00e4mtliche Exemplare der JuniAusgabe der Staatsbriefe beschlagnahmt. Auch in dieser Ausgabe waren die insbesondere an Juden begangenen Massenmorde in starkem Ma\u00dfe angezweifelt und dadurch das nationalsozialistische Unrecht verharmlost worden: \"Der Unterschied zwischen den V\u00f6lkermordverbrechen anderer Nationen und dem angeblich in deutschem Namen begangenen vermeintlichen V\u00f6lkermord des Dritten Reiches an den Juden, der eine solch unterschiedliche Behandlung der T\u00e4terv\u00f6lker erm\u00f6glicht, ist einfach beim Namen genannt: die angebliche Einzigartigkeit dessen, was mit dem Namen Auschwitz verbunden wird.\" Aktionsfelder In fast jeder Ausgabe der Staatsbriefe ist rassistisch motivierte Fremdenfeindlichkeit festzustellen. In weitaus st\u00e4rke rem Ma\u00dfe als bei anderen rechtsextremistischen Publikationen vergleichbaren Anspruchs fanden sich dabei im Jahre 1995 zahl reiche Artikel mit antisemitischer Zielsetzung, in denen nicht nur allgemein Angeh\u00f6rige j\u00fcdischen Glaubens diffamiert, sondern insbesondere auch die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen verh\u00f6hnt wurden. Gleichzeitig wurden h\u00e4ufig die Greueltaten der NS-Gewaltherrschaft verharmlost und teilweise auch geleugnet. In einem Artikel der Ausgabe von Oktober 1995 wurde die industrialisierte Form der Massenvernichtung von Menschen w\u00e4hrend der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mit Hilfe eines Vokabulars umschrieben, das angeblich einer ingenieurwissenschaftlichen Disziplin entlehnt war. Der Text ist technologisch v\u00f6llig unsinnig. Es geht nur um eine besonders abscheuliche Variante der Ver\u00e4chtlichmachung der Opfer. Der Verfasser war als Ole Caust bezeichnet, was phonetisch dem Holocaust entspricht. Der menschenverachtende Ansatz dieses Artikels wird an folgenden Textausz\u00fcgen besonders deutlich: \"Dem Leser der Staatsbriefe sei zun\u00e4chst kurz erl\u00e4utert, welche Aufgabe die Verfahrenstechnik hat. Diese Technik befa\u00dft sich, grob gesagt, mit Prozesse genannten Vorg\u00e4ngen zur rationellen Umwandlung von Stoffen zur Erzeugung von G\u00fctern wie etwa reine Industriefette (RIF), aber auch mit der fabrikm\u00e4\u00dfigen Entsorgung von Altlasten, die zum Beispiel in Form von Asche oder Schlacke dem nat\u00fcrlichen Kreislauf wieder zuzuf\u00fchren sind.\" Von pr\u00e4disponierten Lesern d\u00fcrfte \"RIF\", w\u00e4hrend des Krieges als Kurzbezeichnung der \"Reichsstelle f\u00fcr Industrielle Fette und Waschmittel\" auf die damalige Einheitsseife gepr\u00e4gt, als Abk\u00fcrzung f\u00fcr \"Reines Juden-Fett\" verstanden werden; diese zweite Bedeutung wurde in der Nachkriegszeit kolportiert. Auf die Selektionsrampen in den Konzentrationslagern anspielen soll der Satz \"Das Rampen von F\u00fchrungsgr\u00f6\u00dfen (Sollwerten) ist \u00fcbrigens ein wichtiger Teil eines Prozesses.\" Aus der \"Verfahrenstechnik\", wie der Text suggerieren soll, stammt der Begriff \"Rampen\" jedenfalls nicht. 100","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 In besonders zynischer Weise wird die Tatsache aufgegriffen, da\u00df manche KZH\u00e4ftlinge vor ihrer eigenen Ermordung zur Unterst\u00fctzung der Massenvernichtung gezwungen wurden; dabei wurden ihnen alkoholische Getr\u00e4nke verabreicht, ohne die der psychischen Qual niemand h\u00e4tte standhalten k\u00f6nnen: \"Er w\u00e4hnenswert ist lediglich noch das von hoher sicherheitstechnischer und sozialer Verantwortung getragene Bewu\u00dftsein der Anlagenbetreiber. Das Bedienungspersonal durfte w\u00e4hrend der Arbeit nicht nur essen, trinken und rauchen (!), sondern wurde auch, teils aus sozialer F\u00fcrsorge, teils aus Sorge wegen Industriespionage regelm\u00e4\u00dfig ausgewechselt und durch neue Kr\u00e4fte ersetzt.\" Weitere, \u00e4hnlich zynische Anspielungen und entsprechend zielgerichtete Wortspielereien enthalten die folgenden Textpassagen: \"Wie durch ein Wunder stie\u00df der Autor bei der Besch\u00e4ftigung mit der speziell in explosionsgef\u00e4hrdeten Betriebsst\u00e4tten sowie in station\u00e4ren als auch mobilen Entsorgungsanlagen angewandten Verfahrenstechnik l\u00e4ngst vergangener Zeiten auf ein singul\u00e4res Ph\u00e4nomen, das hier nur angedeutet werden kann, da es in zentralen Fragen noch der Kl\u00e4rung harrt und deshalb intensiver, fach\u00fcbergreifender Forschung bedarf. Ein Vergleich mit den technischen Wunderwerken der Antike ... bietet sich an und ist nach vorerst \u00fcberschl\u00e4giger Aufrechnung durchaus statthaft.\" 101","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 \"... gen\u00fcgte bei der Beschickung eines Prozesses wie etwa in Befeuerungsanlagen oder Seifensiedereien ein holophrastisches \"Rein!\", um Prozesse stark kaustischer oder oxidierender Natur anzukurbeln.\" \"Schon aber rennen Industrielle dem Autor die T\u00fcre ein, allen voran die Hersteller von Lampenschirmen und D\u00fcngemitteln.\" Wegen dieses Artikels hat das Innenministerium NRW Anzeige bei der zust\u00e4ndigen Staatsanwaltschaft erstattet. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. Verbindungen zur Sommeruniversit\u00e4t Im Jahr 1995 wurden die Staatsbriefe erstmals als Forum der sogenannten \"Freien Deutschen Sommeruniversit\u00e4t\" genutzt, die aus der \"Sommeruniversit\u00e4t\" der Zeitschrift Junge Freiheit (JF) hervorgegangen ist. Ein fr\u00fcherer JF-Redakteur, der bis etwa Ende 1994 auch die JF-Leserkreise betreut hatte, ver\u00f6ffentlichte in der Oktober-Ausgabe der Staatsbriefe einen Bericht \u00fcber die erste Veranstaltung der \"Freien Deutschen Sommeruniversit\u00e4t\". Abgedruckt wurde auch ein von Dr. Reinhold Oberlercher dort gehaltener Vortrag \"Vorherrschaft und Vorknechtschaft\", in dem er behauptet, Deutschland und Europa seien einer \"US-Gesamtknechtschaft\" unterworfen. \"Europa insgesamt\" werde erst \"nach einer v\u00f6lkischen Revolution von au\u00dfer europ\u00e4ischen Landnehmern befreit sein. Die Staatsgrenzen innerhalb des Kontinents werden an den R\u00e4ndern der rechtm\u00e4\u00dfigen Siedlungsr\u00e4ume der V\u00f6lker verlaufen ... Das deutsche Siedlungsgebiet in B\u00f6hmen und M\u00e4hren\" falle dann \"an das Deutsche Reich\". Nach einer von Oberlercher erwarteten \"transatlantisch-v\u00f6lkischen Revolution\" sollten dann \"nach Ma\u00dfst\u00e4ben des europ\u00e4ischen Herkommens\" sogenannte \"transatlantische Doppelnationen\", etwa \"DeutschlandDeutschamerika\" oder \"EnglandNeuengland\" entstehen, \"alle europ\u00e4ischen Nationen w\u00e4ren dann transatlantische Spangenv\u00f6lker\". Er kommt zu dem Ergebnis: \"Weil die gemeingermanische transatlantische Volkstumsspange, verst\u00e4rkt durch die sondergermanischen Doppelv\u00f6lker, die st\u00e4rkste homogene Machtanh\u00e4ufung darstellen wird, ist sie zur Vormacht vorbestimmt.\" Mit diesen Ausf\u00fchrungen, in denen Oberlercher eine von ihm angestrebte deutsche Hegemonie zu begr\u00fcnden versucht, richtet er sich gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Bereits in fr\u00fcheren Ausgaben der Staatsbriefe hatte Oberlercher seinen \"Entwurf eines HundertTage-Programms der nationalen Notstandsregierung in Deutschland\" (Ausgabe 1/1993) und einen sogenannten \"Reichsverfassungsentwurf\" (Ausgabe 1/92) ver\u00f6ffentlicht, die bereits im Verfassungsschutzbericht NRW 1994 behandelt wurden. Ideologe Oberlercher zwischen Staatsbriefen und Junger Freiheit Oberlerchers Pr\u00e4senz sowohl in den Staatsbriefen als auch bei den JFLeserkreisen im Zusammenhang mit der \"Sommeruniversit\u00e4t\" macht eine Besonderheit im Bereich der \"Neuen Rechten\" plastisch: die Vertreter extremistischer Positionen sind nicht auf ein Publikationsorgan fixiert und suchen Kontakte nach allen Seiten. Das Projekt \"Junge Freiheit\" zum Beispiel besteht nach Aussagen der Redaktion aus der Zeitung und den Leserkreisen. Die Zeitung versucht in letzter Zeit, keine allzu deutlichen Anhaltspunkte f\u00fcr rechtsextremistische Bestrebungen zu bieten. Sie ist sehr darum bem\u00fcht, Beitr\u00e4ge von Vertretern des rechten demokratischen Spektrums zu ver\u00f6ffentlichen. Offen rechtsextremistische Inhalte verlagern sich zwar noch nicht restlos, aber mehr und mehr in sogenannte Leser102","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 kreise, die sich zwar \u00fcber ihren Namen entweder der JF oder aber den Staatsbriefen zuordnen, die aber \u00fcber personelle Identit\u00e4ten und Fluktuation Grenzen verwischen. Rechtsextremisten wie Oberlercher sind die Bindeglieder zwischen einer Zeitung, wie der JF, und der Volksverhetzung der Staatsbriefe. Wer einzelne Publikationsorgane der \"Neuen Rechten\" isoliert betrachtet, wird dem Ph\u00e4nomen nicht gerecht. Erst die Sicht des Geflechts l\u00e4\u00dft die Gefahren deutlich wer den, wenn Demokraten letztlich Extremisten hoff\u00e4hig machen. Leserkreise der Zeitschrift \"Staatsbriefe\" In einer Meldung der Zeitschrift \"Staatsbriefe\" (Ausgabe vom Juli 1995) erw\u00e4hnte deren Herausgeber \"Treffen mit Lesern\". Dabei handelt es sich vermutlich um mehr oder weniger fest strukturierte Leserkreise. Jedenfalls ist 1995 in NordrheinWestfalen ein \"Staatsbriefe\"-Leserkreis im Raum Ostwestfalen-Lippe in Erscheinung getreten. Dieser Leserkreis f\u00fchrte im Juni 1995 eine Vortragsund Diskussionsveranstaltung in Herford durch. Zu den ca. 30 - 40 Teilnehmern geh\u00f6rten zahlreiche Neonazis, darunter auch der einschl\u00e4gig bekannte Christian Worch aus Hamburg. Bei dieser Veranstaltung referierte der ehemalige Vorsitzende der verbotenen rechtsextremistischen \"Deutschen Alternative\", Frank H\u00fcbner. Er regte die Gr\u00fcndung lokaler W\u00e4hlergemeinschaften an, deren politische Zielsetzung von au\u00dfen nicht erkennbar sein d\u00fcrfe. Im Hinblick auf staatliche Ma\u00dfnahmen (Vereinsverbote) war man einm\u00fctig der Auffassung, da\u00df zunehmender Druck die \"Spreu vom Weizen\" trennen werde und diejenigen \u00fcbrig blieben, die auch zu gewaltsamen Aktionen bereit seien. 2.1.12.4 Deutsches Kolleg Ursprung im \"Junge Freiheit\"-Leserkreis Berlin Laut \"Berlin-Brandenburger Zeitung\" von Anfang 1995 ist das Deutsche Kolleg aus einem fr\u00fcheren \"Junge Freiheit\"Leserkreis in Berlin hervorgegangen. Es handele sich um einen \"Kreis von Nationalen, die sich als 'Konservative Revolution\u00e4re', 'Neue APO' oder 'Nationale Linke' der geistigen Auseinandersetzung mit den festgefahrenen politischen Begrifflichkeiten 'rechts/links' sowie deren Inhalte bzw. weltanschaulichen Grundund Gegens\u00e4tze besch\u00e4ftigt\" (mehrere Grammatikfehler \u00fcbernommen). Die Angaben deuten die geistige N\u00e4he zu den einem Randbereich der Konservativen Revolution zugerechneten \"Nationalrevolution\u00e4ren\" an. F\u00fcr diese Zuordnung finden sich in den Unterlagen zum Deutschen Kolleg weitere Anhaltspunkte. So versucht man auch Kritikans\u00e4tze aus dem \"linken\" Lager im Rahmen einer \"Querfrontstrategie\" aufzunehmen und mit den eigenen rechtsextremistischen L\u00f6sungsans\u00e4tzen zu beantworten. Der ma\u00dfgebliche Initiator des Deutschen Kollegs, Dr. Reinhold Oberlercher, ist ein ehemaliger Aktivist des \"Sozialistischen Deutschen Studentenbundes\" (SDS). Er versucht seit Jahren, insbesondere durch regelm\u00e4\u00dfige Artikel in der rechts extremistischen Monatsschrift \"Staatsbriefe\", sich mit provokanten Thesen als Vordenker des \"nationalen Lagers\" zu profilieren. Ziel: Ausbildung politischer Kader f\u00fcr den \"Machtergriff\" 103","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 In \"Europa Vorn\" (Ausgabe Nr. 81 vom 15. Februar 1995) erhielt Oberlercher erstmals Gelegenheit, das Deutsche Kolleg ausf\u00fchrlich vorzustellen. Er nennt darin als vorrangiges Ziel die Ausbildung politischer Kader: \"Vor jedem Machtergriff einer neuen Elite steht ihr Wortergriff, und dessen Voraussetzung ist ein neuer Machtbegriff samt aller seiner Folgebegriffe und deren politisch-programmatischer Konsequenzen ...\". Schulungskampagne zur \"Reichsb\u00fcrgerkunde\" Nachdr\u00fccklich wirbt er in diesem Artikel f\u00fcr seine \"Schulungskampagne\", die im Deutschen Kolleg in Berlin \"institutionalisiert\" werde. Dort k\u00f6nnten \"Schulungsmappen\" angefordert werden, \"die autonomen Wortergreifungsgruppen des nationalen Lagers k\u00f6nnen die Schulungen selber in ihrer Region organisieren oder sie vom 'Deutschen Kolleg' in Berlin organisieren lassen.\" Die Teilnehmer an seinen Schulungen sieht Oberlercher als Multiplikatoren, denen nach einer Lehrprobe durch das Deutsche Kolleg eine sogenannte \"Reichsdozentur\" erteilt werde. Das Deutsche Kolleg werde \"sich darum bem\u00fchen, m\u00f6glichst viele Kursteilnehmer bis zur Dozentur zu f\u00fchren, um dem Deutschen Volke eine wachsende Anzahl von politischen, gesellschaftlichen und philosophischen Lehrern bereitzustellen\". Die von Oberlercher in \"Europa Vorn\" angebotene Schulungsmappe f\u00fcr den Einf\u00fchrungskurs \"Reichsb\u00fcrgerkunde\" enth\u00e4lt im wesentlichen eine Lageanalyse (\"Zerlegung der Lage\"), seinen \"Reichsverfassungsentwurf\", die \"10 Ziele des Nationalen Lagers\" und den \"Entwurf eines Hundert-Tage-Programms der Nationalen Notstandsregierung in Deutschland\" sowie didaktische Hilfen und Lernzielbeschreibungen. Einige dieser Texte hatte Oberlercher bereits in der Zeitschrift \"Staatsbriefe\" ver\u00f6ffentlicht. Der \"Reichsverfassungsentwurf\" - Skizze eines totalit\u00e4ren \"Deutschen Reiches\" im \"hergebrachten Lebensraum\" Der sogenannte \"Reichsverfassungsentwurf\" (siehe auch Verfassungsschutzbericht NRW 1994, S. 148) skizziert ein totalit\u00e4res, antipluralistisches Staatsgebilde mit ungleichem Klassenwahlrecht und sieht die ethnopluralistisch begr\u00fcndete Diskriminierung des \"Fremden\" nach Herkunft und Rasse vor. Es hei\u00dft dort in Artikel 2: \"Das Deutsche Volk anerkennt die Verschiedenheit aller V\u00f6lker und Menschen. Es achtet das Recht eines jeden Volkes, die eigene Abstammung, Rasse und Sprache sowie seine eigenen Anschauungen \u00fcber Religion, Politik und Wirtschaft zu bevorzugen und das Fremde zu benachteiligen. Es duldet keine Gleichmacherei.\" In Artikel 3 wird die aus dem \"Dritten Reich\" bekannte \"Lebensraum\"Forderung aufgegriffen: \"Das Deutsche Volk hat das Recht auf seinen hergebrachten Lebensraum in Europa und auf gebietliche Unversehrtheit seines Vaterlandes. Rechtm\u00e4\u00dfiger Siedlungsraum des Deutschen Volkes ist unabtretbar.\" Da\u00df diese Forderung auf ein \"Gro\u00df deutsches Reich\" zielt, wird deutlich in Artikel 10 (\"Die Hauptst\u00e4dte des Deutschen Reiches sind Berlin, Wien und Z\u00fcrich\"). Die der \"Schulungsmappe\" des Deutschen Kollegs beigef\u00fcgte Landkarte (\"Mitteleurop\u00e4isches Reich deutscher Nation\" - \"Deutsches Reich\") konkretisiert Anspr\u00fcche auf fremdes Staatsgebiet f\u00fcr den \"hergebrachten Lebensraum\" und unter streicht damit die Bestrebungen des Deutschen Kollegs gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker (Art. 26 GG, SS 3 Abs. 1 Nr. 4 VSG NW). 104","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 \"100-Tage-Programm\" als Anleitung f\u00fcr Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft einer \"Notstandsregierung\" Nach Oberlerchers \"Stufenmodell\" m\u00fcssen vor der \"Wiedererrichtung des Deutschen Reiches\" mit Hilfe des \"Reichsverfassungsentwurfs\" die Schritte \"Ausbildung\", \"Wortergreifung\", \"Machtergreifung\" und dann die Umsetzung seines \"100Tage-Programms\" durch eine \"nationale Notstandsregierung\" erfolgen (siehe auch Verfassungsschutzbericht NRW 1994, S. 148). Das \"100-Tage-Programm\" fordert \u00e4u\u00dferst menschenrechtswidrige, nationalistische, totalit\u00e4re und rechtsstaatsfeindliche Ma\u00dfnahmen, die eine Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft der \"Notstandsregierung\" bedeuten w\u00fcrden und auch ansonsten mit s\u00e4mtlichen wesentlichen Bestandteilen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung unvereinbar w\u00e4ren: \"Brechung der Gesetzesherrschaft durch Wiedereinsetzung der Deutschen in ihr Recht\", \"Wiederherstellung von Krieg und Frieden als v\u00f6lkerrechtlicher Begriffe wie als au\u00dfenpolitischer Realit\u00e4ten\", \"Freir\u00e4umung aller Asylantenunterk\u00fcnfte und Ausweisung der Asylbewerber, \"K\u00fcndigung aller von Ausl\u00e4ndern belegten Sozialwohnungen\", \"Beendigung der Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigung\", \"Entlastung der deutschen Volksschule von Hilfsund Fremdsch\u00fclern, um sie der deutschen Kultur zu r\u00fcckzugeben\" usw. Reichsverfassungsentwurf ... 105","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 ... und Karte aus den Schulungsunterlagen des Deutschen Kollegs Querfrontstrategie Die von Oberlercher formulierten \"10 Ziele des Nationalen Lagers\" verdeutlichen den Versuch einer Querfrontstrategie. Sie greifen durchaus - wenn auch nicht als Schwerpunkt - lager\u00fcbergreifende Unzufriedenheit auf: \" 1. Die Arbeitslosigkeit beseitigen! 2. Die Wohnungsnot und Obdachlosigkeit beseitigen! 3. Mitteldeutschland planvoll wiederaufbauen! 106","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 4. Natur und Umwelt des Deutschen Volkes retten! 5. Den Rauschgiftkrieg gewinnen! 6. Das organisierte Verbrechen zerschlagen! 7. Recht, Staat und Souver\u00e4nit\u00e4t wiederherstellen! 8. Das Verkehrschaos aufheben! 9. Das Sozialund Gesundheitswesen erneuern! 10. Die deutsche Kulturkatastrophe verhindern!\" Sp\u00e4testens die erg\u00e4nzenden \"strategisch-taktischen Hinweise\" belegen jedoch die restlose Vereinnahmung der \"10 Ziele\" f\u00fcr rechtsextremistische Bestrebungen: \"Es sind aus schlie\u00dflich Leistungen f\u00fcr das Deutsche Volk zu verlangen. Auf Wahrung und Mehrung von Wohl und Nutzen hat jeder Regierende einen Eid. Die Nichterbringung der Leistungen f\u00fcr die Deutschen ist also Eidbruch. Jede Leistung an Ausl\u00e4nder ist Nichterbringung m\u00f6glicher Leistung f\u00fcr den Souver\u00e4n und ebenfalls Eidbruch.\" Die \"Schulungskampagne\" findet Resonanz Auf der Freien Deutschen Sommeruniversit\u00e4t fand Oberlercher \u00fcberwiegend Zustimmung. Im rechtsextremistischen Thule-Mailboxnetz wurden die Vorstellungen von Oberlercher rege diskutiert. Einzelnen Kritikern seiner Modelle, die ihm Realit\u00e4tsferne oder seine marxistische Vergangenheit vorhalten, stehen \u00fcberwiegend zustimmende und interpretierende \u00c4u\u00dferungen entgegen. \"Schulungsgruppen deutschlandweit\" Aus einem \"Rundschreiben an Freunde und F\u00f6rderer\" des Deutschen Kollegs vom \"06.VII.95\" geht hervor, da\u00df \"Schulungsgruppen deutschlandweit\" aufgebaut worden. Unter insgesamt neun deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten werden aus NordrheinWestfalen Bielefeld, K\u00f6ln und D\u00fcsseldorf genannt. Der Rundbrief wirbt auch f\u00fcr die \"Freie Deutsche Sommeruniversit\u00e4t\": \"Sie steht in der Tradition der 1. und 2. JFSommeruniversit\u00e4t und wird vom Deutschen Kolleg mitorganisiert ...\". Ziel: Vernetzung der rechtsextremistischen Szene Die bisher bekannten Tatsachen zeigen, da\u00df das Deutsche Kolleg neben der \"Schulung der nationalen Intelligenz\" ein weiteres Ziel hat, n\u00e4mlich die Schaffung organisations\u00fcbergreifender Kontakte. Die Informationen zum Deutschen Kolleg belegen, da\u00df dabei nicht nur organisatorisch, d.h. \u00fcber Veranstaltungen und Personen, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht Gemeinsamkeiten der Publikationen \"Europa Vorn\" und \"Junge Freiheit\" einschlie\u00dflich ihrer Leserkreise, der \"JFSommeruniversit\u00e4t\" und der \"Freien Deutschen Sommeruniversit\u00e4t\" sowie durch die Zeitschrift \"Staatsbriefe\" und ihre Leserkreise auch der Neonaziszene zusammenflie\u00dfen. 2.1.12.5 Europa Vorn aktuell, Europa Vorn spezial, \"hoppla!\" Gr\u00fcndung: 1987 (Europa Vorn), 1994 (\"Hoppla!\"). Herausgeber: Manfred Rouhs, K\u00f6ln (DLVH). 107","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Verlag: Eigenverlag Manfred Rouhs. Erscheinungsweise: Europa Vorn aktuell erscheint ca. zweimal pro Monat, Europa Vorn spezial ist 1995 nur einmal erschienen, \"Hoppla!\" ist 1995 zweimal erschienen. Auflage: Europa Vorn aktuell und Europa Vorn spezial: unbekannt, \"Hoppla!\": weit \u00fcber 10.000. Europa Vorn und die \"Neue Rechte\" Unter der \u00dcberschrift \"Deutschlands Neue Rechte\" warb die Zeitschrift Europa Vorn im Jahr 1995 in einem Flugblatt um neue Abonnenten und stellte ihre Ziele vor. Europa Vorn betrachtet sich als \"die bekannteste und mit Abstand meistverkaufte deutsche Zeitschrift der europ\u00e4ischen Neuen Rechten\". Propagiert wird Rassismus, getarnt durch ein sogenanntes \"Prinzip der V\u00f6lkerfreiheit\": \"Die Neue Rechte vertritt die Auffassung, da\u00df jedes Volk die M\u00f6glichkeit haben soll, gem\u00e4\u00df seinen kulturellen Besonderheiten zu leben. Kurden und Franzosen, Iren und Deutsche, Engl\u00e4nder und Flamen, Ukrainer und Basken usw. - ihnen allen soll das Recht auf Wahrung der Nationalen Identit\u00e4t in einem eigenen Staat zugestanden werden.\" Mit dem Schlagwort \"Prinzip der V\u00f6lkerfreiheit\" bekennt Europa Vorn sich allerdings nicht zu den im Grundgesetz verankerten Menschen rechten, denn \"Freiheit\" wird mit diesem Schlagwort nur f\u00fcr V\u00f6lker in ihrer jeweiligen Gesamtheit gefordert. Die rassistische Komponente des sogenannten \"Prinzips der V\u00f6lkerfreiheit\" (im Sinne einer ethnischen Differenzierung) wird in einem eigenen Staat\" schon angedeutet. Deutlicher wird der Text einige S\u00e4tze sp\u00e4ter: \"Europa Vorn wendet sich gegen die Masseneinwanderung von Ausl\u00e4ndern und Asylanten nach Deutschland. ... das Bonner Polit-Establishment will Deutschland abschaffen und an dessen Stelle einen multikriminellen gesamteurop\u00e4ischen Staat der Wirtschafts-Technokraten errichten.\" Die zu Werbezwecken verfa\u00dfte Grundsatzerkl\u00e4rung in dem o.a. Flugblatt enth\u00e4lt Aussagen, die dem Gedankengut der \"Konservativen Revolution\" entnommen wurden: die Diffamierung des Liberalismus (\"Gift des Liberalismus\"), die Forderung nach einer \"organischen Demokratie\" und die Bek\u00e4mpfung einer angeblichen \"Herrschaft der Mittelm\u00e4\u00dfigen\" (dieser Slogan bezieht sich unverkennbar auf das \"konservativ-revolution\u00e4re\" Standardwerk \"Die Herrschaft der Minderwertigen\" von Edgar Julius Jung); sie lassen rassistisch motivierte Fremdenfeindlichkeit erkennen. Entsprechend hei\u00dft es in Europa Vorn - Ausgabe Nr. 95 vom 15. Dezember 1995: \"Auch die Einwanderungsfrage ist \u00f6kologischer Natur. Deutschland, schwer \u00fcberbev\u00f6lkert, kann keine Menschen mehr aufnehmen, es mu\u00df Menschen abgeben. Wer, wie die Gr\u00fcnen, nach 'Bleiberecht f\u00fcr alle' schreit, ist kein \u00d6kologe und macht unsere Heimat zum V\u00f6lkerschlachtfeld. Sprechen wir es unverbl\u00fcmt aus: Deutschland den Deutschen! Wem sonst? Wer g\u00e4be die Losung aus: 'China den Deutschen'? Oder 'die T\u00fcrkei den Chinesen'?, 'Serbien den Moslems'?, 'Israel der Menschheit'?\" Antisemitismus und Rassismus 108","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Antisemitismus zeigt sich an anderer Stelle in derselben Europa Vorn - Ausgabe. Ein kurzer Bericht \u00fcber Angeh\u00f6rige j\u00fcdischer Gemeinden in \u00d6sterreich, die aus Sorge \u00fcber rechtsextremistische Bestrebungen Auswanderungsabsichten legten, ist \u00fcberschrieben mit der h\u00f6hnischen Aufforderung \"und tsch\u00fc\u00df ...\". Europa Vorn enth\u00fcllt in Ausgabe Nr. 81 in \u00fcberraschend primitiver Weise und selten deutlich rassistische Vorstellungen: \"F\u00fcr mich ist es unvorstellbar, mit einer Frau von nicht-europ\u00e4ischer Herkunft eine Verbindung einzugehen, weil ich solche Frauen als sexuell unattraktiv empfinde. Mir w\u00e4re eine widerspenstige, schwierige Europ\u00e4erin, mit der ich mich alle paar Wochen streiten m\u00fc\u00dfte, zehnmal lieber als eine devote, bildh\u00fcbsche Thail\u00e4nderin, die in ihrem eigenen Land dem Heiratsmarkt verlorengeht und bei uns in Deutschland eigentlich nichts verloren hat.\" 109","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Europa Vorn sch\u00fcrt Gewalt In einem Kommentar zu fremdenfeindlichen Attentaten in \u00d6sterreich, der sich auch mit der Situation in Deutschland befa\u00dft, schreibt ein Europa Vorn - Redakteur zynisch: \"Unorganisierte Brandanschl\u00e4ge auf Ausl\u00e4nder entspringen der Fremdenfurcht ... Die organisierten Anschl\u00e4ge sind eine Antwort auf das NSVerbot und teilweise langj\u00e4hrige Haft strafen wegen einschl\u00e4giger Meinungs\u00e4u\u00dferungsdelikte; nur das Anschlagsziel wird von der Ablehnung Fremden gegen\u00fcber vorgegeben, nicht die Entscheidung zum Terror an sich.\" Der Redakteur schreibt weiter: \"Gewalt ist kein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung im demokratischen Rechtsstaat. Zur Demokratie geh\u00f6rt allerdings auch die Anerkennung des Rechtes auf politische Bet\u00e4tigung und freie Meinungs\u00e4u\u00dferung f\u00fcr jeden, der die allgemeinen Gesetze achtet.\" Im Februar 1995 erhielt das \"Deutsche Kolleg\" in Europa Vorn (Ausgabe Nr. 81) Gelegenheit, ausf\u00fchrlich f\u00fcr seine Schulungskampagne zu werben und die zugeh\u00f6rige Schulungsmappe f\u00fcr einen Einf\u00fchrungskurs \"Reichsb\u00fcrgerkunde\" unter Angabe der Bezugsadresse vorzustellen. Die einzige 1995 erschienene Ausgabe von Europa Vorn spezial tr\u00e4gt den Titel \"Kulturzerst\u00f6rung ist V\u00f6lkermord\". Das zugeh\u00f6rige Titelbild deutet bereits die rassistische Grundtendenz an: Eine blonde, wei\u00dfe Frau wird von einem Angreifer gepackt, der als dunkles, z\u00e4hnefletschendes, krallenbewehrtes Monstrum dargestellt wird. Mit Hilfe der Jugendzeitschrift \"Hoppla!\", die 1995 entgegen urspr\u00fcnglicher Absichten nur zweimal erschienen ist, sollen die in Europa Vorn vertretenen Gedanken Jugendlichen vermittelt werden. In den beiden Ausgaben des Jahres 1995 ist der Versuch besonders auff\u00e4llig, Jugendliche mit Rechtsextremisten, die angeblich wegen einer \"nationalen\" politischen, gegen eine \"multikulturelle Gesellschaft\" gerichteten Meinung verfolgt w\u00fcrden, zu solidarisieren: \"Du bist gefordert, gegen diesen Irrsinn etwas zu tun! K\u00e4mpfe mit uns f\u00fcr das \u00dcber leben Deutschlands!\" 110","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Seit ungef\u00e4hr Juni 1995 betreibt der Herausgeber von Europa Vorn, Manfred Rouhs, das \"Europa Vorn - Infotelefon\". Die wenigen dort bereitgehaltenen Mitteilungen gehen im wesentlichen insbesondere hinsichtlich ihrer Qualit\u00e4t und der Themenauswahl nicht \u00fcber die Informationen in der Zeitschrift Europa Vorn hinaus. Es d\u00fcrfte sich hierbei um einen Versuch von Rouhs handeln, auch dieses Medium zur Werbung f\u00fcr Europa Vorn und den daran angeschlossenen Buchund CD-Versand einzusetzen. Europa Vorn und Runde Tische Der Herausgeber und DLVH-Funktion\u00e4r Rouhs warb auch in seiner Zeitschrift f\u00fcr eine Einigung der \"demokratischen Rechtsparteien\". Die Namen der Unterzeichner der \"Pulheimer Erkl\u00e4rung\", einem Appell zur \"Vers\u00f6hnung und B\u00fcndelung\" al111","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 ler sogenannten \"seri\u00f6sen Kr\u00e4fte von rechts\", wurden regelm\u00e4\u00dfig von Europa Vorn gesammelt und ver\u00f6ffentlicht. Am 19. November 1995 veranstaltete Europa Vorn in Marialinden (Rheinisch-Bergischer Kreis) eine Autorenlesung mit dem e- hemaligen Bundesvorsitzenden der Partei \"Die Republikaner\", Franz Sch\u00f6nhuber. Bereits vor seinem Parteiaustritt hatte Sch\u00f6nhuber durch ein Interview die Zeitschrift Europa Vorn spezial als Forum nutzen k\u00f6nnen. 2.1.12.6 Nation und Europa - Deutsche Rundschau Gr\u00fcndung: 1951 Herausgeber: Peter Dehoust, Harald Neubauer, Adolf von Thadden Verlag: Nation Europa Verlag GmbH, Coburg Erscheinungsweise: monatlich Auflage: 16.000 (gesch\u00e4tzt) Die Zeitschrift Nation und Europa hat sich in den letzten Jahren von einem Organ des klassischen Rechtsextremismus in eine Zeitschrift mit Themen der \"Neuen Rechten\" entwickelt. Fremdenfeindliche Agitation Konstantes Merkmal der Monatszeitschrift \"Nation und Europa - Deutsche Rundschau\" (NE) war auch im Jahr 1995 die fremden feindliche Agitation. Zu diesem Zweck erscheint in jeder NEAusgabe unter der Rubrik \"Gewalt gegen Deutsche\" eine Sammlung von Kurzmeldungen anderer Zeitungen, in denen \u00fcber einzelne Straftaten von Ausl\u00e4ndern gegen Deutsche berichtet wird. NE versucht mit dieser konzentrierten Zusammenstellung, ein Zerrbild der tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnisse zu zeichnen und Fremdenha\u00df zu sch\u00fcren: \"Multikultureller - multikrimineller Alltag\". Die nationalistische Zielsetzung von NE ist \u00fcberdeutlich: \"...Wohnungen, Arbeitspl\u00e4tze, Versorgungsleistungen, Infrastrukturen aller Art stehen in Deutschland vorrangig den Deutschen zu. Wirtschaft hat wieder Volkswirtschaft zu sein ...\". \"... eine beispiellose \u00dcberfremdung durch Scheinasylanten, Wohlstandsnomaden und Goldsucher aus aller Welt, insgesamt eine bewu\u00dfte Mi\u00dfachtung nationaler Interessen - das entzieht unserem Volk die Lebensgrundlage.\" (Ausgabe 10/95) In Ausgabe 3/95 schreibt ein Redakteur unter der \u00dcberschrift \"Bedrohung Islam\", dem Schwerpunktthema dieses Heftes: Die 'Weltinsel Europa' war immer wieder 112","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 in den letzten f\u00fcnfzehnhundert Jahren Objekt islamischer Expansion. Moslemische Heere standen vor Tours und an den Toren Wiens ... mit einer Blutspur der Verw\u00fcstung ... Schon heute ragen in jeder gr\u00f6\u00dferen und mittleren deutschen Stadt die Minaretts auf, aber noch sehen viel zu wenige Bundesb\u00fcrger darin ein Alarmzeichen. Sollte die islamische Zeitbombe demn\u00e4chst detonieren, wissen wir wenigstens, an wen wir uns zu halten haben.\" Agitation gegen Freiheitsund Gleichheitsgrundrechte Zum Zwecke der Agitation gegen den Liberalismus als tragendes Merkmal der freiheitlichen demokratischen Grundordnung wird auch in NE Arthur Moeller van den Bruck, einer der Protagonisten der Konservativen Revolution, ins Gespr\u00e4ch gebracht (\"An Liberalismus gehen die V\u00f6lker zugrunde\"). In Ausgabe 2/95 schreibt ein Redakteur: \"Das 'Recht der jungen V\u00f6lker' - so ein Buchtitel von Moeller van den Bruck - steht wieder auf der Tagesordnung der Weltpolitik. Doch dazu bedarf es noch mancher Kurskorrektur, mancher Neubesinnung auf altbew\u00e4hrte ideologische Konstanten ...\". Revisionismus - Agitation um die Bedeutung des Kriegsendes vor 50 Jahren Ein markanter Themenschwerpunkt bei NE war 1995, wie auch in anderen rechtsextremistischen Publikationen, der 50. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai. Die Schlagzeile auf der Titelseite der MaiAusgabe war eindeutig: \"8. Mai 1945 - Befreit ... von Leib und Leben, Hab und Gut\". In dem Artikel eines NE-Stammautors hei\u00dft es dazu: planvoll herbeigef\u00fchrte Entm\u00fcndigung im Wege der alliierten 'Umerziehung', als ein Akt der vors\u00e4tzlichen geistigen Verkr\u00fcppelung eines ganzen Volkes ... In den zur\u00fcckliegenden Jahrzehnten sind die Deutschen ihrer Geschichte wie ihres Rechtes beraubt worden und von den Siegern des Weltkrieges zusammen mit deren einheimischen Vollzugsbeauftragten in einen Schuldund S\u00fchnekomplex hineingedr\u00e4ngt worden, der alle Merkmale abnormen Verhaltens bei den Betroffenen erkennen l\u00e4\u00dft. Solche zustimmenden Beitr\u00e4ge begleiteten in NE den Abdruck des Aufrufes \"Gegen das Vergessen\", den neben Mitgliedern einiger demokratischer Parteien auch Rechtsextremisten unterzeichnet hatten (siehe Nr. 2.1.12.1). Bereits in der NEAusgabe vom April 1995 (Titel: \"50 Jahre Kriegsende: Schlu\u00df mit der Selbstgei\u00dfelung!\") wurde \"Ein Manifest zum 8. Mai 1995\" der rechtsextremistischen \"Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik (GFP) e.V.\" mit dem Kernsatz \"Der 8. Mai 1945 war f\u00fcr die Deutschen kein Tag der 'Befreiung'\" ver\u00f6ffentlicht. Bem\u00fchungen um Einigung der Rechtsextremisten Auf dem Bundesparteitag der DLVH erkl\u00e4rte der NEMitherausgeber Dehoust, er reise zwischen M\u00fcnchen, M\u00fcnster und Th\u00fcringen hin und her und bem\u00fche sich um die Durchf\u00fchrung von \"Runden Tischen\". Anl\u00e4\u00dflich einer solchen, vom \"Nation-Europa-Freunde e.V.\" am 6. Juli 1995 in M\u00fcnchen organisierten Veranstaltung referierte er vor ca. 200 Personen zum Thema \"Das Elend und neue Chancen der politischen Rechten in Deutschland\". Als Ziel der Veranstaltung wurde in der Einladung angegeben, der \"Nation-EuropaFreunde e.V.\" wolle \"das Gespr\u00e4ch unter Gleichgesinnten in Gang bringen durch Dialog und Vertrauensbildung\". 113","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Seit Oktober 1995 r\u00e4umt NE dem ehemaligen Bundesvorsitzenden der REP, Franz Sch\u00f6nhuber, eine eigene Kolumne ein und unterstreicht damit ihre Bem\u00fchungen, eine Einigung rechtsextremistischer Kr\u00e4fte herbeizuf\u00fchren. Der \"Buchdienst Nation Europa\" - Revisionismus, Antisemitismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus Der \"Buchdienst Nation Europa\" gibt einmal j\u00e4hrlich den Prospekt \"B\u00fcchersuchlicht\" heraus, in dem ein breites Spektrum rechtsextremistischer Literatur vorgestellt und jeweils kurz kommentiert wird. Zu einem Buch \u00fcber den Zweiten Welt krieg hei\u00dft es im Prospekt \"B\u00fcchersuchlicht\": \"Dieser repr\u00e4sentative Querschnitt beweist, wie damals gedacht wurde und da\u00df die 'Gleichschaltung' nicht so stark war wie heute. Vor allem aus dem 'V\u00f6lkischen Beobachter', 'Reich' und 'Schwarzen Korps' sind bezeichnende Darstellungen zusammengestellt ...\". Auch f\u00fcr antisemitische Literatur wird geworben, etwa f\u00fcr das Buch \"Die Ideologie der neuen Weltordnung\", in dem unter Zugrundelegung der \"Protokolle der Weisen von Zion\", eines antisemitischen Falsifikats, behauptet wird, die Juden strebten die Weltherrschaft an. Schon die Ideale der - angeblich von j\u00fcdischen Agenten unterst\u00fctzten - Franz\u00f6sischen Revolution, \"Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\", seien \"nur Teil oder Anfang eines langfristigen Planes gewesen ....\". 2.1.12.7 Sleipnir - Zeitschrift f\u00fcr Kultur, Geschichte und Politik Gr\u00fcndung: 1995 Herausgeber: Andreas R\u00f6hler, Peter T\u00f6pfer GbR 114","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Verlag: Verlag der Freunde, Berlin Erscheinungsweise: zweimonatlich Auflage: unbekannt \"Sleipnir - Zeitschrift f\u00fcr Kultur, Geschichte und Politik\" erscheint seit Anfang des Jahres 1995 zweimonatlich im \"Verlag der Freunde\" (VdF) mit Sitz in Berlin. Der Name \"Sleipnir\" stammt aus der nordischen Mythologie, so hei\u00dft dort das achtbeinige Pferd Odins (auch Wotan genannt). Schwerpunkte: Revisionismus und Antisemitismus Ein besonderes Merkmal dieser Zeitschrift ist dabei der hohe Anteil revisionistischer und antisemitischer Artikel. Vertreten ist auch hier der \"Staatsbriefe\"-Autor und Initiator des \"Deutschen Kollegs\", Dr. Reinhold Oberlercher, der in Ausgabe 2/95 die Verharmlosung und Leugnung des Holocaust verteidigt. Ein anderer Autor schreibt in Ausgabe 1/95: \"Wenn es die b\u00f6sen Nazis nicht gegeben h\u00e4tte, m\u00fc\u00dfte man sie erfinden. Und genau das wird dann auch getan: Es wird erfunden. Es wird gesponnen und aufgebauscht ... Und daher mu\u00df es Revisionismus, oder besser: Revision, geben: um all die M\u00fcllcontainer voller Schwachsinn, die jeden Tag, der vergeht, \u00fcber die E- poche des Krieges wieder und wieder heruntergen\u00f6lt werden, ein f\u00fcr alle Male zu entsorgen.\" In derselben Ausgabe hei\u00dft es an anderer Stelle: \"Schlie\u00dflich sitzen die verbrecherischen j\u00fcdischen Terroristen hinter den Kulissen an den Schalthebeln der Macht. Der Wille der Juden ist Gesetz. Die Judenmacht ist der neue 'Gott' des korrumpierten Abendlandes\". In der Erstausgabe wurde auch ein Vortrag des Holocaustleugners Germar Scheerer geb. Rudolf ver\u00f6ffentlicht, den dieser am 8. Oktober 1994 bei der \"Europa-Burschenschaft Arminia Z\u00fcrich zu Heidelberg e.V.\" gehalten hatte. Darin hatte er u.a. ausgef\u00fchrt, der \"Holocaust-Glaube\" sei de facto \"die Machtgrundlage der links-internationalistischen, liberal-extremistischen Eliten der BRD\". Querfrontstrategie 115","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Unter zahlreichen Rechtsextremisten waren in den ersten Sleipnir-Ausgaben vereinzelt auch linksgerichtete Autoren vertreten. Es ist dazu nicht bekannt, ob deren Beitr\u00e4ge aus anderen Publikationen \u00fcbernommen und ohne ihr Einverst\u00e4ndnis abgedruckt wurden oder ob sie \u00fcber die rechtsextremistische Ausrichtung der Zeitschrift bewu\u00dft im Unklaren gelassen wurden. Vermutlich sollte die Aufnahme solcher Beitr\u00e4ge, etwa von Egon Krenz, die Funktion erf\u00fcllen, die Verbreitung rechtsextremistischen Gedankenguts als Bestandteil eines angeblich pluralistischen Diskussionsprozesses im Sinne der Meinungsvielfalt zu verharmlosen und Angriffe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mit Hilfe einer Querfrontstrategie (siehe Nr. 2.1.12.4) f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Bezugnahme auf die Konservative Revolution Die Einbeziehung einzelner linksgerichteter Autoren hat aber dar\u00fcber hinaus noch eine zweite Funktion: das Blatt will sich einen nationalrevolution\u00e4ren Anstrich geben. Auch solche rechtsextremistischen Kreise sollen sich angesprochen f\u00fchlen, die Nationalrevolution\u00e4re auch in der Konservativen Revolution orten. \"Empfehlung\" rechtsextremistischer Literatur Das Angebot des eigenen Buchdienstes belegt eindeutig rechtsextremistische Bestrebungen: unter verschiedenen Rubriken, zum Bei spiel \"Revisionismus\", werden zahlreiche einschl\u00e4gige Werke ausdr\u00fccklich \"empfohlen\" (z.B. in Heft 2). Als Eigenproduktionen des VdF sind bisher - au\u00dfer Sleipnir - nur drei B\u00fccher erschienen, die aber ausschlie\u00dflich von rechts extremistischen Autoren stammen. Unter den angebotenen Tontr\u00e4gern befinden sich zahlreiche Schallplatten mit Texten aus der NS-Zeit. Publikationen mit strafbarem Inhalt beschlagnahmt Im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens wurden im November 1995 die Wohnungen der VdF-Gesellschafter durchsucht. Dabei konnten rund 2.000 SleipnirExemplare und 300 weitere Publikationen mit strafbarem Inhalt sichergestellt werden, darunter die Druckschrift \"Die Zeit l\u00fcgt\" des Nationalsozialisten Otto Ernst Remer, \"Die Auschwitz-L\u00fcge\" von Thies Christophersen, der \"Leuchter-Report\" sowie mehrere NS-Propagandafilme. Nach Durchsuchung und Beschlagnahme erschien Sleipnir zum Jahresende als Notausgabe. Im Angebot des VdF-Buchdienstes waren die Angaben zu beschlagnahmten Publikationen geschw\u00e4rzt, teil weise aber so unvollst\u00e4ndig, da\u00df bestimmte Autorennamen oder Titel erkennbar blieben. Es sollte angedeutet werden, da\u00df der Verlag an der Verbreitung der beschlagnahmten Titel auch weiterhin festhalten will. Aus diesem Grund wurde sp\u00e4ter das ge\u00e4nderte VdF-Buchdienstangebot in der ersten Ausgabe des Jahres 1996 mit dem Hinweis versehen: \"Eine Auswahl: weitere Titel werden an Historiker bzw. zu beruflichen Zwecken geliefert\". Die strafrechtlichen Vorschriften sollen umgangen werden, indem Interessenten diese Sprachregelung f\u00fcr die Bestellung einschl\u00e4giger Literatur mehr oder weniger deutlich vorgegeben wird. 2.1.13 Rechtsextremistische Skinheads 116","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Die Anzahl der sich durch die \u00e4u\u00dferliche Erscheinung zur rechtsextremistischen Skinheadszene bekennenden Jugendlichen ist weiterhin r\u00fcckl\u00e4ufig. Dies l\u00e4\u00dft sich u.a. mit dem in den letzten Jahren stark angewachsenen Druck seitens der Sicherheitsbeh\u00f6rden und der \u00d6ffentlichkeit erkl\u00e4ren. Offenbar haben die Skinheads auf Grund ihres aggressiven Verhaltens aber auch unter den Jugendlichen wenig Resonanz hervorgerufen. Viele Skinheads tendieren wieder zu den Anf\u00e4ngen ihrer Bewegung, das bedeutet: Sie sind politisch v\u00f6llig desinteressiert, wenden sich der Skabzw. Reggae-Musik zu und vom bisherigen Kerngehalt der \"OI\"-Musik (\"strength-through-joy\"/\"Kraft durch Froide\") ab. Kommerzialisierung Die Musikkultur der Skinheads ist inzwischen vielmehr gepr\u00e4gt von einem infolge der spezifisch jugendlichen Bed\u00fcrfnisse in nennenswertem Umfang entstandenen Markt und seiner Bedienung durch massive kommerzielle Interessen. Soziale \u00c4chtung sowie eine Welle der Indizierung der Lieder durch die Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Schriften haben f\u00fcr den kommerziellen Erfolg flexibler und innovativer Skinmusik-Unternehmer eine neue Funktion erhalten. Dem Skin-Business ist an der Wahrung und Ausweitung der Absatzm\u00f6glichkeiten gelegen. So werden die neueren Skin-Liedtexte - z.T. mit anwaltlicher Hilfe - entsch\u00e4rft, wenn auch zuweilen im \"Schwarzmarkthandel\" gerade umgekehrt die \u00c4chtung und (drohende) Indizierung die weitere Verbreitung und den Verkauf \"unter dem Ladentisch\" sowie auf SkinKonzerten und Treffs (Merchandising) offenbar anzukurbeln vermag - der \"Thrill\" der Indizierung mit umsatzsteigernder Wirkung. Der \"B\u00f6hse-Onkelz\"-Effekt, die \"L\u00e4uterung\" und gesellschaftliche Rehabilitierung dieser Band, kann als Beispiel f\u00fcr die im wesentlichen kommerziell motivierte Tendenz zur M\u00e4\u00dfigung eines Gro\u00dfteils der Bands genannt werden. In neuerer Zeit ist festzustellen, da\u00df manche Bands der Selbstkontrolle deutscher Skinmusikverlage durch Produktion im Ausland ausweichen. Staatliche Sanktionsma\u00dfnahmen gegen\u00fcber den Jugendlichen wie etwa Versammlungsverbote (z.B. f\u00fcr Skin-Konzerte), die bereits in der Neonazi-Szene zu erheblichen Aggressionen gef\u00fchrt hatten, gingen am Problem, trotz der anarchischen Lebenseinstellung der Skinheads und ihrer Neigung, Gewalt als Konfliktl\u00f6ser zu sehen, vorbei. Durch die Ausweitung der gesellschaftlichen \u00c4chtung auf die sehr viel gr\u00f6\u00dfere Skin-Szene werden tendenziell die prim\u00e4r unpolitischen Jugendlichen geradewegs in die H\u00e4nde der Rechtsextremisten getrieben. Bei einer Befragung von Jugendlichen aus der SkinheadSzene haben sich fast nirgendwo Anhaltspunkte f\u00fcr gefestigte rechtsextremistische Einstellungen ergeben. Der Wandel in der Skinmusik-Szene ist gekennzeichnet durch eine Schwerpunktverlagerung der noch vorhandenen rechtsextremistischen Komponenten von den Skinheads als Musikkonsumenten und jugendkulturellen Peer-Groups auf die Drahtzieher und Akteure (Gesch\u00e4ftsleute, Band-Mitglieder, Szene-F\u00fchrer), wobei unerheblich ist, ob die rechtsextremistische Instrumentalisierung dieses Marktes und der Konsumenten mehr aus politischagitatorischen, mehr aus kommerziellen Motiven oder zu gleichen Teilen erfolgt. 117","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Ver\u00e4nderung der Texte Der Skinmusik-Manager Torsten Lemmer (\"Funny Sounds and Vision GmbH\" sowie \"Creative Zeiten Verlags und Vertriebs GmbH\") besch\u00e4ftigt sich in einem Buch mit der gesellschaftlichen und politischen Bedeutung der Skin-Musik, von ihm auch als \"nonkonforme rechte Musik\" bezeichnet. Er wirft den rechtsextremistischen Organisationen und den meinungsbildenden Publikationen vor, \"Rechtsrock\" nicht in der notwendigen Weise gef\u00f6rdert zu haben. Gerade rechte Rockmusik aber sei ein \"strategisch wichtiges Instrument\", um junge Leute an die \"rechte\" Politik her anzuf\u00fchren. Lediglich auf unterer Funktion\u00e4rsebene der Neonazis seien in der Vergangenheit bundesweit Kontakte gekn\u00fcpft worden. Die Rechtsrockmusiker aber h\u00e4tten \"mehr Jugendliche auf nationale Inhalte aufmerksam machen und begeistern k\u00f6nnen, als dies in den letzten 40 Jahren eine Partei vermocht\" habe. Lemmer pl\u00e4diert f\u00fcr eine Erweiterung des rechten Musik-Repertoires (Techno-, Discound \"selbstironische Bl\u00f6delmusik\", Tontr\u00e4ger mit Texten zu Sportereignissen). Er hebt die Notwendigkeit von Live-Konzerten hervor und fordert, \"eine Diskussion zu entfachen, damit die Presse wieder verst\u00e4rkt \u00fcber den Rechtsrock\" berichte. Zudem k\u00f6nne \"rechte Musik\" im \"Rahmen des B\u00fcrgerfunks\" angeboten werden. Ein Blick auf neuere Skinmusik-Produktionen best\u00e4tigt diese ebenso offensive wie lukrative Anpassung an die Gegebenheiten (vor dem Hintergrund bisheriger staatlicher Gegenma\u00dfnahmen) in Richtung zwar rechtsextremistischer, jedoch m\u00f6glichst nicht mehr strafrechtsrelevanter \"Light\"-Versionen. Ob sich - als Strategie der \"Vergangenheitsbew\u00e4ltigung\" mit Blick auf Persilscheine durch die Beh\u00f6rden - eine Tendenz zur Zur\u00fcckhaltung, zum moderaten Spiel mit der Ambivalenz bzw. zur Tarnung politischer Botschaften als \u00c4quivalent f\u00fcr die bisherige skin-typische explizite \"H\u00e4rte\" (gewaltfixierter Fremdenha\u00df u.a.) herausbildet, bleibt abzuwarten. Hinweise hierauf bieten jedenfalls einige Liedtexte. Fremdenfeindlichkeit - Agitation gegen '\u00dcberfremdung' Zum Beispiel hei\u00dft es 1995 in dem Liedtext \"Die Flut\" der Gruppe Rheinwacht : \"Die Flut der Fremden zog schnell ins Land Und wir Deutschen hatten es zu sp\u00e4t erkannt Kann man hier denn noch existieren? Ohne gleich sein Gesicht zu verlieren Refrain Wann ist Deutschland in ihrer Hand? Wann werden wir aus unserer Heimat verbannt? Wann k\u00f6nnen wir Deutschen in Freiheit leben? Denn daf\u00fcr w\u00fcrden wir alles geben Die Politik hatte es in ihrer Hand Und die Jugend dr\u00fcckten sie an die Wand Unsere Meinung durften wir nicht frei machen Denn unseren Schrei \u00fcbert\u00f6nten sie mit lachen Refrain Man wei\u00df nicht mehr weiter in diesem Land Eine bestimmte Masse nimmt wohl \u00fcberhand 118","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 Sie werden unseren Traum zerbrechen Von Freiheit kann man dann nicht mehr sprechen Refrain Zu viele sind bereits bei uns im Land Und sie werden hier auch noch anerkannt Ihr sagt jetzt wir sind \"Nazischweine\": Doch mit unserer Meinung stehen wir nicht alleine!\" (CD \"Lieber tot als ohne Ehre\", Endstufe Records, 1995) Konzerte als Kristallisationspunkte Skinhead-Konzerte \u00fcben nach wie vor eine gro\u00dfe Sogwirkung auf die Skinheadszene aus. Nachdem die Konzerte mit Beteiligung rechtsextremistischer Bands auf Grund staatlicher Gegenma\u00dfnahmen 1994 verst\u00e4rkt ins Ausland verlegt wurden, zeigt die Bilanz f\u00fcr 1995 wiederum einen deutlichen Anstieg in Deutschland. Die Organisatoren der Konzerte reagierten mit konspirativen Verhaltensweisen auf bef\u00fcrchtete Exekutivma\u00dfnahmen. Sie meldeten h\u00e4ufig die Konzerte bei den zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden nicht mehr als solche an, sondern gaben sie unverf\u00e4nglich als private Feiern aus. Die Veranstaltungstermine wurden nur \"Insidern\" kurzfristig mitgeteilt. Die Veranstaltungsorte, bei denen es sich bevorzugt um Privatgrundst\u00fccke handelte, wurden vorab meist nicht bekannt gegeben, sondern es wurden lediglich Treffpunkte mitgeteilt. Von dort leiteten die Organisatoren die anreisenden Teilnehmer zu den eigentlichen Veranstaltungsbzw. Ausweichorten, die in l\u00e4ndlichen Gegenden liegen. Bei den Skinhead-Konzerten handelt es sich in der Regel nicht um rechtsextremistische Kundgebungen, sondern in erster Linie um die Musikveranstaltungen einer spezifischen jugendlichen, allerdings weitgehend ge\u00e4chteten Subkultur. Strafbare Handlungen sind damit nicht zwangsl\u00e4ufig verbunden. Dennoch kommt es zuweilen w\u00e4hrend und nach Konzerten zu Gewaltt\u00e4tigkeiten. In NRW veranstalteten Aktivisten der \"Sauerl\u00e4nder Aktionsfront\" (SAF) SkinKonzerte. Am 13. Mai 1995 fand in H\u00f6rstel-Bevergern, Kreis Steinfurt, ein Konzert der rechtsextremistischen Skinhead-Band \"Endstufe\" aus Bremen und vier weiterer Bands mit etwa 700 Teilnehmern statt, das bis auf kleinere Rangeleien zwischen Skinheads und etwa 50 angereisten Personen der linksextremistischen Szene friedlich verlief. Die Veranstaltung wurde von dem Skinmusikmanager Lemmer sowie von einem Skinhead und NPD-Aktvisten aus Rheine organisiert. Fanzines Anl\u00e4\u00dflich eines Skinhead-Treffens am 2. September 1995 in Nordwalde, Kreis Steinfurt, wurde die Nr. 1 eines Fanzine's mit dem Titel \"Amok - Texte f\u00fcr terminale T\u00e4ter\" sichergestellt, dessen Herausgeber o.g. Skinhead ist. In dem Fanzine sind neben Interviews mit verschiedenen SkinheadBands auch Presseberichte wiedergegeben, die sich mit dem rechts extremistischen Spektrum im Raum Rhei119","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 ne befassen. Die Auswahl des beziehungsreichen Untertitels \"Texte f\u00fcr terminale T\u00e4ter\" des Fanzines \"Amok\" l\u00e4\u00dft den Eindruck entstehen, da\u00df der Herausgeber vom Leserkreis generell eine zielgerichtete, finale Entschlossenheit zu Gewalthandlungen erwartet. Eine Aufforderung zu derartigen Straftaten beinhaltet zu mindest ein Artikel der \"Anti-Antifa\" Rheine, in dem unmi\u00dfverst\u00e4ndlich zu Aktionen gegen einen \"Aussteiger\" aus der rechtsextremistischen Szene und namentlich genannten Personen der \"Antifa\"-Szene in Rheine aufgerufen wird. Die Staatsanwaltschaft M\u00fcnster hat bereits gegen den Herausgeber Anklage wegen \u00f6ffentlicher Aufforderung zu Straftaten erhoben. Weitere Ausgaben sind bislang nicht bekannt geworden. Dar\u00fcber hinaus wurde Anfang 1996 hier die erste Ausgabe des deutschen Skinheadmagazins \"Doitsche Offensive\" bekannt. Es enth\u00e4lt u.a. auch Interviews mit Skinhead-Bands aus Nordrhein-Westfalen. Die Herausgeber stammen offensichtlich aus Baden-W\u00fcrttemberg. Von dem im Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1994 erw\u00e4hnten Fanzine \"Moonstomp\" sind bislang sechs Ausgaben bekannt geworden. Die derzeitige Auflagenh\u00f6he liegt bei etwa 600 St\u00fcck. Herausgeber ist nach wie vor ein Aktivist der SAF. Gegen den Herausgeber ist derzeit ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts einer Straftat nach SSSS 86, 86a StGB in Zusammenhang mit der Ausgabe Nr. 4 anh\u00e4ngig. Der Verfahrensausgang ist noch nicht bekannt. In \"Moonstomp\" Nr. 6 erw\u00e4hnt ist die Nr. 1 des Fanzines \"Info Riot\" aus Oberhausen, das Konzertberichte und Plattenbesprechungen bietet. Das seit April 1993 unregelm\u00e4\u00dfig erscheinende, f\u00fcr die Skinmusik-Szene jedoch bedeutende professionelle Fanzine \"Moderne Zeiten\" (MZ), herausgegeben von Creative Zeiten Verlags und Vertriebs GmbH, enth\u00e4lt neben Berichten \u00fcber Bands und Konzerte, Leserbriefen etc. auch Angebote zu Produkten des Skin-Marktes wie z.B. T-Shirts (\"Deutsche Musik\" - Bissiger Hund mit Kettenhalsband, \"Neue Werte - 100 % deutsch\"), Renee-Fotokalender als auch Videos (\"F\u00fchrergeburtstage 1933 - 1945; \"Adolf Hitlers letzte Tage - Die Schlacht um die Reichskanzlei\", \"Wotans Wiederkehr - Neuer Kult um alte G\u00f6tter\"). Eine ganz wesentliche Funktion hat \"Moderne Zeiten\" jedoch im Vertrieb von Tontr\u00e4gern der Skinmusik. Herausgeber der entsprechenden MZ-Vertriebsliste ist die Creative Zeiten Verlags und Vertriebs GmbH MZ-Vertrieb. So wurde z.B. in \"Moderne Zeiten\" vom September 1995 \"Kraft f\u00fcr Deutschland\" von 1990 (Rebelles Europeens, Brest) offeriert, ein Titel, der auf dem Index der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Schriften steht. Verantwortlich im Sinne des Presserechts und weiterer Gesellschafter der Creative Zeiten Verlag und Vertrieb GmbH ist der Herausgeber des ehemaligen Skinhead-Fanzines \"Frontal\" aus Essen. Verlage und Vertriebe der Skinhead-Szene Ein Gro\u00dfteil des inzwischen heftig boomenden SkinKommerzes dreht sich um Torsten Lemmer, den fr\u00fcheren Manager der aufgel\u00f6sten - nach neueren Mitteilungen in Fanzines jedoch inzwischen in alter Besetzung wieder formierten - SkinheadBand \"St\u00f6rkraft\" und Ex-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der nicht mehr existierenden \"Freien W\u00e4hlergemeinschaft\" (FWG) D\u00fcsseldorf. Lemmer hat als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der 120","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 \"Funny Sounds and Vision Produktionsund Handelsgesellschaft mbH\" (FSV) (Produktionen u.a. der Gruppen \"Rheinwacht\", \"Schlagzoig\", \"Siegeszug\", \"WMBl\u00f6ker\" und \"08/15\") sowie der \"Creative Zeiten Verlags und Vertriebs GmbH\" (CZ) (mit Sitz zun\u00e4chst in D\u00fcsseldorf, sp\u00e4ter in Langenfeld) mit der Produktion und dem Verkauf von Tontr\u00e4gern zum Preis von etwa 25 bis 30 DM pro CD, der Veranstaltung von Skinkonzerten und dem Fanzine \"Moderne Zeiten\" (Einzelpreis 4 DM) nicht unerhebliche Gewinne er zielt. Der Jahresumsatz d\u00fcrfte eine sechsbis siebenstellige Summe erreichen. Im CZ-Gesellschaftsvertrag vom 22. April 1993 wurde Lemmer seine Stellung als Gesellschafter und die damit verbundene T\u00e4tigkeit als Angestellter bei einem von einem ehemaligen Mitglied der FWG zun\u00e4chst in D\u00fcsseldorf betriebenen Verlag 121","Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 1995 gestattet. Nachdem der Druck aus der Bev\u00f6lkerung und von der \"linken\" Seite immer gr\u00f6\u00dfer wurde, wechselten beide mit ihren Verlagen nach Langenfeld. Von der \"Division of FSV\": \"Dr. Records\" wurde \"Zerschlag Deine Ketten\" der Band \"Sturmwehr\" produziert. deg Lemer, der das$Gesch\u00e4ft mit der Skinheadmusmk weiterhin forciert, steht in scharfer Konkurrenz zur Firma \"Rock-o-Rama\" in Br_hl, einer schon traditionull (B\u00f6hse Onkelz, Skrewdriver) herausragenden Adresse f\u00fcr den Skinmusik-Vertrieb, daoen auch im internationalen Gescx\u00e4ft t\u00e4tyger Inhaber nach eigenen\"Angaben ausschlimDliae kommerzielle Interewsen verfolgt onf bei der Oi-Musik mit ihren verringerten Auftrittsm\u00f6glichkeiten der Bands nicht das \"gro\u00dfe Geld\" vardiene. Solcheslei Distanzierung ist den \"nationamen\" Tontr\u00e4geovertrieben fremd. Sie werden betrieben von Funktionaeren rechtsextremistischer Parteien und Organisationenl insbesondere der NPD, die ihre gewerbliche Bet\u00e4tigung mit rechtsextremistischer Agmtition verquicken. Beispielhaft zu nennen ist hier der Dieter Koch Verlag, Sprockh\u00f6vel. Das Musikangebot von Koch, JN-Funktion\u00e4r und Mitglied der NPD, enth\u00e4lt u.a. unter dem Namen \"Kampftrupp - t\u00e4towiert, kahl und\"brutal\" eine CD f\u00dc'fcr 15 DM mit dem Hinweis \"Drei gute Lieder - Projekt vom Enowarnwng-Chef Steve\". Dabei d\u00fcrfte es,sich$um den Bandleaees der Wuppertaler Oi-Band #Entwarn 122"],"title":"Verfassungsschutzbericht 1995","year":1995}
