{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-ni-2005.pdf","jurisdiction":"Niedersachsen","num_pages":260,"pages":["","","Vorwort Liebe Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger, auch im Jahr 2005 war die Hauptaufgabe des Nieders\u00e4chsischen Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz (NLfV), politischen Extremismus sorgf\u00e4ltig zu beobachten und durch gezielte Informationsbeschaffung bek\u00e4mpfen zu helfen. Sowohl die Beobachtung des Rechtsextremismus als auch des islamistischen Extremismus und Terrorismus stellten im Berichtszeitraum erneut die beiden Arbeitsschwerpunkte des NLfV dar. Ein weiterer Schwerpunkt lag im Bereich des Linksextremismus. Die nieders\u00e4chsischen Sicherheitsbeh\u00f6rden messen der konsequenten Kontrolle der rechtsextremistischen Musikszene und der neonazistischen Kameradschaften eine besondere Bedeutung zu. Zu diesem Zweck hat die Landesregierung die Pr\u00e4vention und Aufkl\u00e4rung \u00fcber rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten intensiviert. Die vom Nieders\u00e4chsischen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz konzipierte Wanderausstellung \"Demokratie sch\u00fctzen - Verfassungsschutz gegen Rechtsextremismus\" leistet hierzu einen unverzichtbaren Beitrag in den Kommunen und vor allem in den Schulen unseres Landes und dient auch der Aufkl\u00e4rung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Dar\u00fcber hinaus f\u00fchrt seit Mai 2004 das Nieders\u00e4chsische Kultusministerium - parallel zur \u00d6ffentlichkeitsarbeit des NLfV in den Schulen - in intensiver Zusammenarbeit mit dem NLfV, eine landesweite Aufkl\u00e4rungskampagne durch. Ihr Ziel ist, Lehrkr\u00e4fte und andere Multiplikatoren \u00fcber die Absichten von Rechtsextremisten im Internet und in der Musikszene zu informieren und sie f\u00fcr die geistig-politische Auseinandersetzung mit dem militanten Rechtsextremismus \"fit\" zu machen. Auch Eltern sollen sensibilisiert werden. Der intensiven Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsund den Schulbeh\u00f6rden ist es zu verdanken, dass 2005 die geplante CD-Verteilaktion von Rechtextremisten auf den Schulh\u00f6fen in Niedersachsen gescheitert ist. Ans\u00e4tze von Rechtsextremisten um den Hamburger Neonazi RIEGER, die Liegenschaft Heisenhof in D\u00f6rverden als Treff und Tagungsst\u00e4tte zu entwickeln, konnten die Kommunalund Landesbeh\u00f6rden im Berichtszeitraum erfolgreich unterbinden. Das neue Gemeinsame Informationsund Analysezentrum des LKA Niedersachsen und des NLfV, das GIAZ Polizei und Verfassungsschutz Niedersachsen, leistete bei der Bew\u00e4ltigung der von diesem Objekt ausgehenden Gefahrenlagen wertvolle Informationsb\u00fcndelung. Neben dem Rechtsextremismus stellt auch in Niedersachsen die Beobachtung islamistisch-extremistischer Gruppierungen weiterhin eine zentrale Aufgabe des Verfassungsschutzes dar.","Dabei gilt auch f\u00fcr den Berichtszeitraum 2005 die Feststellung: Niedersachsen ist nach wie vor kein Schwerpunktland extremistischer Aktivit\u00e4ten von Ausl\u00e4ndern. Gleichwohl richtet sich das besondere Augenmerk des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes weiterhin auf die Aktivit\u00e4ten islamistischer Organisationen in Niedersachsen. Auch die Bek\u00e4mpfung der Gewaltbereitschaft von Autonomen und anderen militanten Linksextremisten bleibt eine unverzichtbare Aufgabe von Verfassungsschutz und Polizei. Der Linksextremismus stellt einen mit dem Islamismus und dem Rechtsextremismus vergleichbaren Schwerpunkt dar. Die bedrohlichste Erscheinungsform des Linksextremismus ist nach wie vor das Spektrum der so genannten Autonomen und sonstigen gewaltbereiten Linksextremisten. Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich es nicht vers\u00e4umen, den Mitarbeitern des NLfV, aber auch der anderen nieders\u00e4chsischen Sicherheitsbeh\u00f6rden nachdr\u00fccklich f\u00fcr ihre oftmals schwierige, im Berichtszeitraum wiederum sehr erfolgreiche Arbeit f\u00fcr die Sicherheit unseres Bundeslandes zu danken. Uwe Sch\u00fcnemann Nieders\u00e4chsischer Minister f\u00fcr Inneres und Sport","Rechtsextremismus Linksextremismus Ausl\u00e4nderextremismus Scientology Spionageabwehr Geheimu. Wirtschaftsschutz Verfassungsschutz in Niedersachsen Anhang, Abk\u00fcrzungs-, Stichwortund Ortsverzeichnis","INHALTS\u00dcBERSICHT RECHTSEXTREMISMUS............................................................................................. 9 Mitglieder-Potenzial ............................................................................................................... 9 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK) mit extremistischem Hintergrund ....................... 10 Einf\u00fchrung............................................................................................................................. 14 Aktuelle Entwicklungen in Niedersachsen .......................................................................... 17 \"Heisenhof\"........................................................................................................................... 20 Intellektualisierungsbem\u00fchungen im Rechtsextremismus ................................................. 20 Rechtsextremistischer Geschichtsrevisionismus ................................................................... 23 Rechtsextremistische Skinheads und sonstige gewaltbereite Rechtsextremisten ............ 28 Szenezeitschriften (Fanzines) ......................................................................................... 31 Rechtsextremistische Musikszene .................................................................................. 32 Aktivit\u00e4ten nieders\u00e4chsischer Skinhead-Bands ............................................................. 35 Rechtsextremistische Konzerte.................................................................................... 37 Nutzung des Internets durch Rechtsextremisten ................................................................ 39 Neonazistische Kameradschaften ........................................................................................ 40 Entstehungsgeschichte ................................................................................................... 41 Ideologie ......................................................................................................................... 42 Kameradschaften in Niedersachsen............................................................................... 44 \u00dcberregionale Aktivit\u00e4ten von Kameradschaften........................................................ 46 Verbote neonazistischer Vereinigungen ............................................................................. 49 Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e. V. (HNG) ............................................................................................................................. 51 Rechtsextremistische Parteien .............................................................................................. 53 Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD)...................................................... 53 Junge Nationaldemokraten (JN) ................................................................................. 64 Deutsche Volksunion (DVU) ........................................................................................... 67 Die Republikaner (REP)................................................................................................... 71 Exilregierung Deutsches Reich ............................................................................................. 75 LINKSEXTREMISMUS .............................................................................................. 77 Mitglieder-Potenzial ............................................................................................................. 77 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK) mit extremistischem Hintergrund ....................... 78 Einf\u00fchrung............................................................................................................................. 82 Autonome und sonstige gewaltbereite Linksextremisten ................................................. 84 Urspr\u00fcnge und Ziele ....................................................................................................... 84 Antideutsche/Antinationale ........................................................................................... 86 Autonome Organisierungsbem\u00fchungen ...................................................................... 87 Regionale Spaltungen und Vernetzungen................................................................... 88","Medien der autonomen Szene ...................................................................................... 90 Aktionsfelder Antifaschismus und Antirassismus ......................................................... 92 Einflussnahme von Linksextremisten auf die Proteste gegen Globalisierung und Neoliberalismus .................................................................. 96 Einflussnahme von Linksextremisten auf die Proteste gegen Kernenergie................ 98 Verfassungsfeindlicher Hintergrund des Widerstandes gegen den Castor-Transport .......................................................................................... 99 Beteiligung von Linksextremisten bei den Protesten gegen den Castor-Transport ........................................................................................ 101 Die Linkspartei.PDS ............................................................................................................. 104 Deutsche Kommunistische Partei (DKP)............................................................................. 108 Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) ..................................................... 112 Freie Arbeiterinnenund Arbeiter-Union/Internationale ArbeiterInnen Assoziation (FAU/IAA) .................................................................................................. 114 Linksruck .............................................................................................................................. 115 Rote Hilfe e. V. (RH) ............................................................................................................ 117 Antirevisionistische Publikationen ..................................................................................... 121 RotFuchs ........................................................................................................................ 121 offen-siv - Zeitschrift f\u00fcr Sozialismus und Frieden ..................................................... 123 AUSL\u00c4NDEREXTREMISMUS................................................................................. 125 Mitglieder-/Anh\u00e4nger-Potenzial ........................................................................................ 125 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK) mit extremistischem Hintergrund .................. 125 Einf\u00fchrung........................................................................................................................... 129 Islamismus als politische Weltanschauung .................................................................. 130 Die terroristische Dimension des Islamismus, der islamistische Terrorismus ............. 132 Mediale Verbreitung islamistischer Positionen........................................................... 134 Weitere extremistische Ausl\u00e4nderorganisationen...................................................... 135 Muslimbruderschaft (MB) ................................................................................................... 137 Tablighi Jamaat (TJ) ............................................................................................................ 142 Ansar al-Islam (Unterst\u00fctzer des Islam) ............................................................................. 144 Islamische Befreiungspartei (Hizb ut-Tahrir al-Islami, HuT) ............................................. 146 Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e. V. (IGMG) ............................................................ 149 Der Kalifatsstaat (Hilafet Devleti) ..................................................................................... 156 Schiitischer Islamismus ........................................................................................................ 158 Hizb Allah (Partei Gottes) ................................................................................................... 160 Volkskongress Kurdistans (KONGRA GEL) - ehemals Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) / Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ................. 162 Devrimci Sol (Dev Sol) / DHKP-C und THKP-C-Devrimci Sol .............................................. 172 T\u00fcrkische Kommunistische Partei / Marxisten-Leninisten (TKP/ML)................................. 174","Volksmodjahedin Iran-Organisation (MEK) / Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) ... 177 Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) ............................................................................ 180 SCIENTOLOGY - ORGANISATION (SO) ................................................................ 183 Zielsetzung und verfassungsfeindliche Bestrebungen ..................................................... 183 Organisation ........................................................................................................................ 185 Scientology in Deutschland und Niedersachsen................................................................ 186 Hinweistelefon .................................................................................................................... 187 SPIONAGEABWEHR .............................................................................................. 188 Einf\u00fchrung........................................................................................................................... 188 Geheimdienste der Russischen F\u00f6deration ........................................................................ 189 Chinesische Geheimdienste ................................................................................................ 190 Geheimdienste aus Staaten des Nahen und Mittleren Ostens ......................................... 193 Proliferation und illegaler Wissenstransfer ....................................................................... 193 Spionage im Bereich der Kommunikationstechnik ........................................................... 195 GEHEIMUND WIRTSCHAFTSSCHUTZ................................................................. 197 Personeller Geheimschutz .................................................................................................. 197 Materieller Geheimschutz .................................................................................................. 197 Beratung .............................................................................................................................. 198 Wirtschaftsspionage und Wirtschaftsschutz...................................................................... 198 DER VERFASSUNGSSCHUTZ IN NIEDERSACHSEN .............................................. 201 Besch\u00e4ftigte......................................................................................................................... 201 Haushalt ............................................................................................................................... 201 Mitwirkungsaufgaben des NLfV ........................................................................................ 201 Projektorganisation Gemeinsames Informationsund Analysezentrum Polizei und Verfassungsschutz Niedersachsen (GIAZ Niedersachsen) .............................. 204 Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel ............................................................................ 204 Nachrichtendienstliches Informationssystem (NADIS) ...................................................... 205 Auskunftsersuchen von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern .......................................................... 207 Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Ministeriums f\u00fcr Inneres und Sport sowie des NLfV ............................................................................... 207 ANHANG ............................................................................................................... 211 Definition der Arbeitsbegriffe ........................................................................................... 211 Nieders\u00e4chsisches Verfassungsschutzgesetz (NVerfSchG) ................................................ 215 ABK\u00dcRZUNGSVERZEICHNIS ................................................................................. 241 STICHWORTVERZEICHNIS .................................................................................... 244 ORTSVERZEICHNIS................................................................................................ 253","Rechtsextremismus 9 RECHTSEXTREMISMUS Mitglieder-Potenzial Rechtsextremismus-Potenzial1 Bundesrepublik 2004 2005 Deutschland Subkulturell gepr\u00e4gte und sonstige gewaltbereite 10.000 10.400 Rechtsextremisten2 Neonazis3 3.800 4.100 Parteien: 23.800 21.500 NPD 5.300 6.000 DVU 11.000 9.000 REP4 7.500 6.500 Sonstige Organisationen 4.300 4.000 Summe 41.900 40.000 Nach Abzug von Mehrfachmitgliedschaften5 40.700 39.000 Niedersachsen6 2004 2005 Subkulturell gepr\u00e4gte und sonstige 980 930 gewaltbereite Rechtsextremisten Neonazis 365 365 Parteien: 1.710 1.530 NPD 460 580 DVU 800 730 REP 450 220 Sonstige Organisationen7 230 100 Summe 3.285 2.925 Nach Abzug von Mehrfachmitgliedschaften 3.130 2.825 1 Die Zahlenangaben sind zum Teil gesch\u00e4tzt und gerundet. 2 Die meisten subkulturell gepr\u00e4gten und sonstigen gewaltbereiten Rechtsextremisten (haupts\u00e4chlich Skinheads) sind nicht in Gruppen organisiert. In die Statistik sind nicht nur tats\u00e4chlich als T\u00e4ter/Tatverd\u00e4chtige festgestellte Personen einbezogen, sondern auch solche Rechtsextremisten, bei denen lediglich Anhaltspunkte f\u00fcr Gewaltbereitschaft gegeben sind. 3 Nach Abzug von Mehrfachmitgliedschaften innerhalb der Neonazi-Szene. Bei der Anzahl der Gruppen werden nur diejenigen neonazistischen Gruppierungen und diejenigen der rund 160 Kameradschaften erfasst, die ein gewisses Ma\u00df an Organisierung aufweisen. 4 Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle Mitglieder der REP verfassungsfeindliche Ziele verfolgen oder unterst\u00fctzen. 5 Die Mehrfachmitgliedschaften im Bereich der Parteien und sonstigen rechtsextremistischen Organisationen wurden vom gesamten Personenpotenzial abgezogen. 6 Die f\u00fcr den Bund eingef\u00fcgten Fu\u00dfnoten 1 bis 5 gelten entsprechend auch f\u00fcr Niedersachsen. 7 Das Personenpotenzial der Deutschen Partei (50) ist, wie bei den Zahlen f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland, bei den Sonstigen Organisationen erfasst.","10 Rechtsextremismus Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK) mit extremistischem Hintergrund - rechts Die Erfassung der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t ist Aufgabe der Polizei. Seit dem Jahr 2001 wird die Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t nach dem von der Innenministerkonferenz beschlossenen Kriminalpolizeilichen Meldedienst \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t\" (KPMD-PMK) bundeseinheitlich erfasst. Die Gesamtzahl der mit politisch motiviertem Hintergrund begangenen Straftaten im Ph\u00e4nomenbereich \"Rechts\" betrug im Jahr 2005 in Niedersachsen 1.574 Delikte. Im Vergleich zum Vorjahr, in dem 1.457 Straftaten ver\u00fcbt wurden, bedeutet dies ein Anstieg um etwa 8 %. F\u00fcr den gleichen Zeitraum ist eine \u00e4hnlich hohe prozentuale Steigerung bei den rechtsextremistischen Straftaten (um etwa 9 % von 1.399 auf 1.518 Taten) festzustellen. Die Tendenz kontinuierlicher Steigerungen bei den Gewaltdelikten vergangener Jahre hielt auch 2005 an. Im Vergleich zum Jahr 2004, in dem 103 Gewalttaten begangen wurden, kam es im Jahr 2005 zu 119 ver\u00fcbten Taten dieser Kategorie. Bei diesen Straftaten handelt es sich \u00fcberwiegend um einfache und gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzungen. Beispielsweise hat am 6. Mai 2005 ein Angeh\u00f6riger der rechtsextremistischen Szene w\u00e4hrend eines Sch\u00fctzenfestes in Breese i.d. Marsch mehrfach mit erhobenem Arm (Hitlergru\u00df) die Tanzfl\u00e4che \u00fcberquert und wurde daraufhin auf sein Verhalten durch einen Veranstaltungsgast angesprochen und zurechtgewiesen. Dieser wurde nach Verlassen der Veranstaltung beim Einsteigen in ein Taxi durch den Rechtsextremisten abgefangen und mehrfach zu Boden gesto\u00dfen. Die Steigerung um 15 % bei den \"sonstigen extremistischen Straftaten\" im Bereich \"Rechts\" (von 1.212 Taten im Jahr 2004 auf 1.399 im Jahr 2005) beruhte auf dem Anstieg bei den Propagandadelikten um 19 % (von 825 Taten im Jahr 2004 auf 980 im Jahr 2005). Die intensive gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit dem Thema \"Rechtsextremismus\" verbunden mit Aktionsprogrammen hat zu einer zunehmenden Sensibilisierung der Gesellschaft und damit einhergehend einem gesteigerten Anzeigeverhalten sowie in der Konsequenz erh\u00f6hten Fallzahlen gef\u00fchrt. An dem Programm \"Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage\" haben bisher in Niedersachsen 49 Schulen teilgenommen. Die Durchf\u00fchrung entsprechender Veranstaltungen erfolgt zum Teil mit Unterst\u00fctzung der polizeilichen Fachdienststellen vor Ort. Erw\u00e4hnenswert ist auch das polizeiliche \"Modellprojekt Jugendarbeit zur Intensivierung der Pr\u00e4vention gegen Rechts (Pr\u00e4GeRex)\". Anteil der Erfassungsdavon nicht davon PMK extremistischen bereich extremistisch extremistisch Straftaten PMK-rechts 1574 56 1518 96,40%","Rechtsextremismus 11 \u00dcbersicht \u00fcber die Gewalttaten und sonstigen Straftaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - rechts\" in Niedersachsen8 Gewalttaten: 2004 2005 T\u00f6tungsdelikte 0 0 Versuchte T\u00f6tungsdelikte 0 0 K\u00f6rperverletzungen 86 96 Brandstiftungen 7 4 Herbeif\u00fchren einer Sprengstoffexplosion 0 0 Landfriedensbr\u00fcche 0 2 Gef\u00e4hrl. Eingriffe in Bahn-, Luft-, Schiffs- 3 3 und Stra\u00dfenverkehr Freiheitsberaubung 1 0 Raub 1 2 Erpressung 0 0 Widerstandsdelikte 5 12 insgesamt 103 119 Sonstige Straftaten: Sachbesch\u00e4digungen 73 47 N\u00f6tigungen/Bedrohungen 15 13 Propagandadelikte 825 980 St\u00f6rung der Totenruhe 3 8 Andere Straftaten, insbesondere 380 351 Volksverhetzung (davon terroristisch) (0) (0) insgesamt 1.296 1.399 Straftaten insgesamt 1.399 1.518 8 Die Zahlen basieren auf Angaben des Landeskriminalamtes Niedersachsen (LKA NI). Die Darstellung der Gewalttaten im L\u00e4ndervergleich weicht von diesen Zahlen geringf\u00fcgig ab, da das LKA NI eine so genannte lebende Statistik f\u00fchrt. Das hei\u00dft, dass Nacherfassungen/Aktualisierungen f\u00fcr Vorjahre vorgenommen werden und der Zahlenbestand insoweit \u00c4nderungen unterliegt.","12 Rechtsextremismus \u00dcbersicht \u00fcber die Gewalttaten und sonstigen Straftaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - rechts\" in der Bundesrepublik Deutschland9 Gewalttaten: 2004 2005 T\u00f6tungsdelikte 0 0 Versuchte T\u00f6tungsdelikte 6 2 K\u00f6rperverletzungen 640 816 Brandstiftungen 37 14 Herbeif\u00fchren einer Sprengstoffexplosion 2 3 Landfriedensbr\u00fcche 25 39 Gef\u00e4hrl. Eingriffe in Bahn-, Luft-, Schiffs- 6 9 und Stra\u00dfenverkehr Freiheitsberaubung 2 0 Raub 9 23 Erpressung 5 6 Widerstandsdelikte 44 46 insgesamt 776 958 Sonstige Straftaten: Sachbesch\u00e4digungen 243 445 N\u00f6tigungen/Bedrohungen 97 90 Propagandadelikte 8.337 10.881 St\u00f6rung der Totenruhe 20 30 Andere Straftaten, insbesondere 2.578 2.957 Volksverhetzung insgesamt 11.275 14.403 Straftaten insgesamt 12.051 15.361 9 Die Zahlen basieren auf Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA).","Rechtsextremismus 13 Gewalttaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - rechts\"10 Gewalttaten 2004 2005 Baden-W\u00fcrttemberg 67 71 Bayern 42 77 Berlin 56 48 Brandenburg 105 97 Bremen 1 9 Hamburg 9 20 Hessen 25 25 Mecklenburg-Vorpommern 21 28 Niedersachsen 101 119 Nordrhein-Westfalen 116 121 Rheinland-Pfalz 17 24 Saarland 7 15 Sachsen 63 89 Sachsen-Anhalt 71 107 Schleswig-Holstein 41 55 Th\u00fcringen 34 53 Gesamt 776 958 10 Die Zahlen basieren auf Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA). Die Darstellung der Gewalttaten in der Tabelle f\u00fcr Niedersachsen weicht von diesen Zahlen geringf\u00fcgig ab, da das Landeskriminalamt eine so genannte lebende Statistik f\u00fchrt. Das hei\u00dft, dass Nacherfassungen/Aktualisierungen f\u00fcr Vorjahre vorgenommen werden und der Zahlenbestand insoweit \u00c4nderungen unterliegt.","14 Rechtsextremismus Einf\u00fchrung Der von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden entwickelte Arbeitsbegriff des politischen Extremismus orientiert sich an der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, das in seinen Verbotsurteilen gegen die Sozialistische Reichspartei (SRP) 1952 und die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) im Jahr 1956 die Wesensmerkmale der freiheitlichen demokratischen Grundordnung bestimmte: - Grundund Menschenrechte, - Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, - Gewaltenteilung, - Verantwortlichkeit der Regierung, - Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der Verwaltung, - Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte sowie das - Mehrparteienprinzip mit dem Recht auf Bildung und Aus\u00fcbung einer Opposition. Ein Personenzusammenschluss wird von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden als extremistisch bewertet, wenn sich seine politisch bestimmten Bestrebungen gegen diese Wesensmerkmale der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung richten. Rechtsund Linksextremismus unterscheiden sich ideengeschichtlich durch ein unterschiedliches Verh\u00e4ltnis zu den Werten der Aufkl\u00e4rung und der Franz\u00f6sischen Revolution. W\u00e4hrend es Linksextremisten aufgrund der \u00f6konomischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem ausschlie\u00dfen, dass die Gleichheit der Menschen in einer parlamentarischen Demokratie realisiert werden kann, negieren Rechtsextremisten das in Artikel 3 des Grundgesetzes postulierte Gleichheitsprinzip grunds\u00e4tzlich. In historischer Perspektive fallen sie damit hinter die Werte der Franz\u00f6sischen Revolution zur\u00fcck. Die Bezugnahme auf Symbole der germanischen Mythologie, z. B. durch rechtsextremistische Skinheads, bringt dies zum Ausdruck. Linksextremisten hingegen verabsolutieren das Gleichheitspostulat und schr\u00e4nken damit die universelle G\u00fcltigkeit der Freiheitsund Individualrechte ein. Beiden Spielarten des Extremismus gemein ist ihr antipluralistischer Charakter, der aus einem abweichende Meinungen negierenden absoluten Wahrheitsanspruch resultiert. Der Sammelbegriff Rechtsextremismus bezeichnet kein in sich geschlossenes Weltbild. Mit dem Begriff Rechtsextremismus werden vielmehr Ideologieelemente erfasst, die in unterschiedlicher Intensit\u00e4t und mit unterschiedlicher Sto\u00dfrichtung der weltanschaulichen \u00dcberzeugung von einer Ungleichwertigkeit der Menschen Ausdruck verleihen. Zu","Rechtsextremismus 15 nennen sind im Einzelnen: - Aggressive menschenverachtende Fremdenfeindlichkeit, - Antisemitismus, - Rassismus, - Unterscheidung von \"lebenswertem\" und \"lebensunwertem\" Leben, - \u00dcberh\u00f6hung des eigenen Volkes bei gleichzeitiger Abwertung anderer Nationen und V\u00f6lker (Nationalismus), - Vorstellung einer rassisch verstandenen homogenen Volksgemeinschaft (Volksgemeinschaftsdenken), - Individualrechte verneinendes, dem F\u00fchrerprinzip verpflichtetes Kollektivdenken (v\u00f6lkischer Kollektivismus), - Behauptung nat\u00fcrlicher Hierarchien (Biologismus), - Betonung des Rechts des St\u00e4rkeren (Sozialdarwinismus), - Ablehnung demokratischer Regelungsformen bei Konflikten, - \u00dcbertragung milit\u00e4rischer Prinzipien auf die zivile Gesellschaft (Militarismus), - Geschichtsrevisionismus (Relativierung oder Leugnung der Verbrechen des Nationalsozialismus), - Ethnopluralismus11 (Forderung nach strikter r\u00e4umlicher und kultureller Trennung verschiedener Ethnien). Die Ideologieelemente Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus sind die Zentralkategorien des Rechtsextremismus. Mit fremdenfeindlich wird die Ablehnung all dessen bezeichnet, was als fremd bewertet und aus der Gesellschaft ausgegrenzt wird. Ausl\u00e4nder, insbesondere Muslime, und Obdachlose k\u00f6nnen ebenso Opfer fremdenfeindlicher Ablehnung und Aggression werden wie Behinderte und Homosexuelle. Fremdenfeindliche Positionen sind bei jeder rechtsextremistischen Organisation nachweisbar; sie stellen das Grundelement rechtsextremistischen Denkens dar. Der Rassismus-Begriff nimmt Bezug auf die Rassenideologie des Nationalsozialismus, die die Selektion und Vernichtung von Millionen Menschen rassenbiologisch begr\u00fcndete. Rassisten leiten aus genetischen Merkmalen der Menschen eine naturgegebene soziale Rangordnung ab. Sie unterscheiden zwischen wertvollen und minderwertigen menschlichen \"Rassen\". 11 Ethnopluralismus bedeutet (w\u00f6rtlich): Vielfalt von sprachlich-kulturell einheitlichen Volksgruppen und V\u00f6lkern. Der rechtsextremistische Charakter einer \"ethnopluralistischen\" Konzeption ergibt sich aus der weltanschaulichen Fixierung auf \"Ethnien\": Der B\u00fcrger existiert nicht als Individuum im Sinne des Grundgesetzes mit unver\u00e4u\u00dferlichen Menschenrechten, sondern nur als Bestandteil des Kollektivs, dem ethnisch definierten Volk als Subjekt der Geschichte.","16 Rechtsextremismus Der Antisemitismus tritt im Rechtsextremismus in verschiedenen Varianten in Erscheinung. Antisemitische Positionen werden sowohl religi\u00f6s als auch kulturell und rassistisch begr\u00fcndet. H\u00e4ufig korrespondieren sie mit verschw\u00f6rungstheoretischen Ans\u00e4tzen. Vor dem historischen Hintergrund der systematischen Judenvernichtung durch den Nationalsozialismus (Holocaust12) sind antisemitische Einstellungsmuster ein Gradmesser f\u00fcr die Verfestigung eines rechtsextremistischen Weltbildes. Sie zeugen von ideologischer N\u00e4he zum historischen Nationalsozialismus und sind h\u00e4ufig mit revisionistischen Positionen verbunden. Antisemitische Positionen sind ein Kennzeichen fast aller rechtsextremistischen Organisationen. Die Spannbreite reicht von den Vernichtungsphantasien in den Texten rechtsextremistischer Skinhead-Musik und dem offen artikulierten Judenhass des rechtsextremistischen Anwalts Horst MAHLER bis zu einem neuen sekund\u00e4ren Antisemitismus, z. B. in der Nationalzeitung des DVU-Vorsitzenden FREY, der sich nicht trotz, sondern wegen der Judenvernichtung entwickelt hat. Der Begriff Neonazismus, eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr Neooder neuer Nationalsozialismus, der h\u00e4ufig als Synonym f\u00fcr Rechtsextremismus verwendet wird, bezeichnet Bestrebungen, die sich weltanschaulich auf den historischen Nationalsozialismus beziehen. Hierzu z\u00e4hlen in erster Linie die neonazistischen Kameradschaften und Organisationen wie die Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige (HNG). Innerhalb der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) ist das Spektrum, das eine nationalsozialistische Wiederbelebung anstrebt, st\u00e4rker geworden, seitdem sich die Partei gegen\u00fcber Kameradschaftsangeh\u00f6rigen ge\u00f6ffnet hat. Die ebenfalls als Synonyme f\u00fcr rechtsextremistische Bestrebungen verwendeten Begriffe Faschismus oder Neofaschismus sind in zweifacher Hinsicht ungeeignet; zum einen handelt es sich um Kampfbegriffe aus den Zeiten des Kalten Krieges, mit denen die Bundesrepublik Deutschland von der DDR in die Tradition des Nationalsozialismus ger\u00fcckt werden sollte, zum anderen verbindet sich mit diesen Begriffen die Vorstellung vom italienischen Faschismus Mussolinis, der als antidemokratische Bewegung ohne Rassismus vom deutschen Nationalsozialismus erheblich abwich. 12 Der Begriff bedeutet Massenvernichtung (vom griech. holocaustos = \"v\u00f6llig verbrannt\").","Rechtsextremismus 17 Aktuelle Entwicklungen in Niedersachsen Die rechtsextremistische Subkultur, die in der Skinhead-Musik ihren deutlichsten Ausdruck findet, die neonazistischen Kameradschaften und die NPD bestimmen weiterhin das Erscheinungsbild und die Virulenz des Rechtsextremismus in Niedersachsen und auf Bundesebene. Zwischen diesen drei Bereichen des Rechtsextremismus, die sich im Grad ihrer Politisierung unterscheiden, bestehen Wechselwirkungen. Der Wirkungsradius der rechtsextremistischen Musikszene erstreckt sich weit \u00fcber das rechtsextremistische Personenpotenzial hinaus. Jugendliche kommen \u00fcber die volksverhetzenden, rassistischen und antisemitischen Botschaften der Skinhead-Musik h\u00e4ufig erstmals mit dem Rechtsextremismus in Ber\u00fchrung. Untersuchungen13 zeigen, dass die Hassbotschaften dieser Musik nicht ohne Folgen f\u00fcr das Denken und das Verhalten charakterlich noch ungefestigter junger Menschen bleiben, auch wenn sie sich keiner rechtsextremistischen Organisation anschlie\u00dfen. Die neonazistischen Kameradschaften und die NPD haben die identit\u00e4tsstiftende Wirkung und die Werbewirksamkeit der rechtsextremistischen Musik erkannt. Mit Konzerten und eigens f\u00fcr diese Zwecke produzierten CDs versuchen sie, Jugendliche an den organisierten Rechtsextremismus heranzuf\u00fchren. In Niedersachsen ist es den Sicherheitsbeh\u00f6rden gelungen, im Rahmen der Gefahrenabwehr die Durchf\u00fchrung von strafrechtlich relevanten Konzerten so weit zu erschweren, dass sich ihre Anzahl seit Jahren auf einem relativ niedrigen Niveau bewegt. 2005 wurden lediglich f\u00fcnf rechtsextremistische Konzerte in Niedersachsen durchgef\u00fchrt (2004: 7). Auf Bundesebene hingegen war im Berichtszeitraum ein weiterer deutlicher Anstieg zu registrieren. Die Verbreitung der Musik \u00fcber das Internet kann nur schwer einged\u00e4mmt werden, zumal Vertriebe, die volksverhetzende Titel im Angebot f\u00fchren, vom Ausland aus mit Zielrichtung auf den deutschen Markt operieren. Welche Bedeutung der Versandhandel inzwischen erreicht hat, l\u00e4sst sich daran ablesen, dass die Anzahl rechtsextremistischer Musikvertriebe von 50 im Jahr 2003 auf gegenw\u00e4rtig rund 75 angestiegen ist. Vier dieser Vertriebe gehen ihren Gesch\u00e4ften in Niedersachsen nach. F\u00fcr die Pr\u00e4ventionst\u00e4tigkeit hat diese Entwicklung zur Konsequenz, dass die repressiven Ma\u00dfnahmen des Staates durch Aufkl\u00e4rungsarbeit und die geistige Auseinandersetzung mit den Botschaften der rechtsextremistischen Szene 13 Andreas Marneros: Blinde Gewalt. Rechtsradikale Gewaltt\u00e4ter und ihre zuf\u00e4lligen Opfer. Frankfurt am Main 2005","18 Rechtsextremismus erg\u00e4nzt wurden und weiter erg\u00e4nzt werden m\u00fcssen. Von dieser Zielsetzung geleitet hat das Nieders\u00e4chsische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (NLfV) die vom Nieders\u00e4chsischen Innenminister am 1. Dezember er\u00f6ffnete Wanderausstellung \"Verfassungsschutz gegen Rechtsextremismus\" konzipiert, die in allen Teilen des Landes zu sehen sein wird. Dar\u00fcber hinaus f\u00fchrt das NLfV regelm\u00e4\u00dfig Informationsund Fortbildungsveranstaltungen \u00fcber den Rechtsextremismus f\u00fcr Lehrer und Sch\u00fcler durch. In Niedersachsen sind unver\u00e4ndert etwa zwanzig Kameradschaften aktiv. Hinter dieser seit einigen Jahren konstanten Zahl verbirgt sich eine hohe Fluktuation. Im gleichen Ma\u00dfe, wie sich bestehende Kameradschaften aufl\u00f6sen, entstehen an anderer Stelle des Landes neue Zusammenschl\u00fcsse. Infolge dessen haben sich die regionalen Schwerpunkte im Verlaufe der letzten Jahre mehrfach verschoben. Als Schwerpunktbereiche k\u00f6nnen derzeit das \u00f6stliche Niedersachsen sowie die R\u00e4ume Hannover und Osnabr\u00fcck bezeichnet werden. Die Fluktuation bedeutet, dass sich die meisten Kameradschaftsangeh\u00f6rigen nicht dauerhaft in der rechtsextremistischen Szene engagieren. Andererseits muss es besorgt machen, dass sich immer wieder junge Menschen bereit finden, eine Kameradschaft zu gr\u00fcnden oder sich ihr anzuschlie\u00dfen. Offensichtlich \u00fcbt der Kameradschaftsgedanke eine Attraktivit\u00e4t auf bestimmte Jugendliche aus. Mit den Gr\u00fcnden hierf\u00fcr setzt sich die Pr\u00e4ventionsarbeit gegen Rechtsextremismus auseinander. In den \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern sind die dortigen Kameradschaftsmitglieder weltanschaulich wesentlich gefestigter und in einem ungleich st\u00e4rkeren Ma\u00dfe von einem neonazistischen politischen Handlungswillen bestimmt als nieders\u00e4chsische Szeneangeh\u00f6rige. W\u00e4hrend die Anzahl von Neonazis in Niedersachsen mit 365 Personen konstant blieb, war auf Bundesebene ein weiterer deutlicher Anstieg des neonazistischen Potenzials von 3.800 auf 4.100 Neonazis zu verzeichnen, nachdem es ein Jahr zuvor bereits einen Zuwachs um fast 30 % gegeben hatte. Die NPD versucht, sich mit dem Selbstverst\u00e4ndnis der f\u00fchrenden Kraft einer \"Volksfront von rechts\" sowohl die rechtsextremistische Subkultur als auch die neonazistischen Kameradschaften politisch nutzbar zu machen. Der Wahlerfolg der Partei im September 2004 in Sachsen hat diese Strategie beg\u00fcnstigt, wie am deutlichen Mitgliederzuwachs auf Bundesund Landesebene abzulesen ist. Bundesweit geh\u00f6ren der NPD mittlerweile 6.000 Mitglieder (Vorjahr: 5.300) an, davon 580 (Vorjahr: 460) in Niedersachsen. Auf das gewachsene Interesse von jungen Rechtsextremisten an der NPD ist es zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass sich das Durchschnittsalter","Rechtsextremismus 19 der Parteimitglieder weiter verringert hat. Bei der Bundestagswahl hat die NPD zwar lediglich 1,6 % der Zweitstimmen erringen k\u00f6nnen, in absoluten Zahlen bedeutet dies jedoch, dass immerhin 748.568 B\u00fcrger eine Partei gew\u00e4hlt haben, die offen neonazistische Positionen vertritt. Die NPD sieht sich durch dieses Ergebnis, durch das sie Wahlkampfkostenerstattung erh\u00e4lt, in ihrer Strategie einer \u00d6ffnung gegen\u00fcber den neonazistischen Kameradschaften best\u00e4rkt. Sie wird ihre jugendspezifische Werbestrategie unter Einsatz von CDs und Jugendzeitschriften fortsetzen. Die NPD hat jedoch noch keinen steuernden Einfluss auf die neonazistischen Kameradschaften und die rechtsextremistische Subkultur erlangt. Beide Bereiche des Rechtsextremismus folgen einer eigendynamischen Entwicklung. Die trotz sich fortsetzender Mitgliederverluste nach wie vor bundesweit mitgliederst\u00e4rksten rechtsextremistischen Parteien Deutsche Volksunion (DVU) und Republikaner (REP) sind f\u00fcr das Erscheinungsbild des Rechtsextremismus von nachrangiger Bedeutung. Die REP sind in Hinsicht auf eine Zusammenarbeit mit der NPD in sich zerstritten. In Niedersachsen f\u00fchrte dies zum Austritt ehemals f\u00fchrender Funktion\u00e4re, die sich zum Teil f\u00fcr die in Hannover, Celle und L\u00fcneburg mit Blick auf die Kommunalwahl gegr\u00fcndeten Sozialpatriotischen B\u00fcndnisse engagieren. Mit 220 verbliebenen Parteimitgliedern ist der auch finanziell geschw\u00e4chte nieders\u00e4chsische Landesverband der REP nicht mehr kampagnef\u00e4hig. Die DVU ist auch im Jahr 2005 in Niedersachsen \u00f6ffentlich nicht in Erscheinung getreten. Auf Bundesebene wird die Partei wegen der Kooperation mit der NPD im Rahmen des so genannten Deutschland-Paktes weiterhin zu beachten sein. Eigenst\u00e4ndige ideologische Akzente indes setzt die DVU nicht. Die Entwicklung der Deutschen Partei (DP), der in Niedersachsen ca. 50 Mitglieder angeh\u00f6ren, stagniert. Die Erfolglosigkeit hat zu einer Aufspaltung der DP in zwei sich heftig befehdende Lager gef\u00fchrt, in Bef\u00fcrworter und strikte Gegner einer B\u00fcndnispolitik mit anderen rechtsextremistischen Organisationen. Der nieders\u00e4chsische Landesverband lehnt eine Zusammenarbeit mit der NPD ab. Einen eher obskuren Charakter hat die Exilregierung Deutsches Reich, die der Bundesrepublik Deutschland die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit abspricht und deren Mitglieder sich als Staatsangeh\u00f6rige des juristisch angeblich fortbestehenden Deutschen Reiches mit \"eigenen\" Ausweispapieren \"legitimieren\". Von Bedeutung f\u00fcr die Entwicklung des Rechtsextremismus ist die Organisation nicht.","20 Rechtsextremismus \"Heisenhof\" Ein Thema, das die Diskussion \u00fcber den Rechtsextremismus in Niedersachsen seit 2004 pr\u00e4gte, war die Ersteigerung des Heisenhofs, einer ehemaligen Bundeswehrliegenschaft in D\u00f6rverden (Landkreis Verden), durch die in London ans\u00e4ssige Wilhelm Tietjen Stiftung14 f\u00fcr Fertilisation Ltd. Ihr Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer (Director), der langj\u00e4hrige rechtsextremistische Aktivist und Rechtsanwalt J\u00fcrgen RIEGER15, Hamburg, hatte bis 1997 in einer rechtsextremistischen Tagungsst\u00e4tte in Hetendorf (Landkreis Celle) regelm\u00e4\u00dfig rechtsextremistische Veranstaltungswochen durchgef\u00fchrt. Im Berichtszeitraum machte der bef\u00fcrchtete Ausbau des Heisenhofs zu einem Veranstaltungszentrum \u00fcber erste Versuche hinaus keine Fortschritte. Zu diesem \"Stillstand\" hat starker demokratischer Protest aus der Region beigetragen, der nicht zuletzt von der besonderen Aufmerksamkeit und dem konstruktiven Zusammenwirken \u00f6rtlicher und \u00fcberregionaler Beh\u00f6rden unterst\u00fctzt wurde. So haben beispielsweise die Sicherheitsbeh\u00f6rden insgesamt ihre Pr\u00e4senz im Bereich der Liegenschaft deutlich verst\u00e4rkt. Dar\u00fcber hinaus wurde ein st\u00e4ndiger Informationsaustausch der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden initiiert und im Berichtszeitraum erfolgreich fortgef\u00fchrt. Innerhalb der rechtsextremistischen Szene wurde keine Werbung f\u00fcr das Objekt betrieben, weder als Anlaufstelle noch f\u00fcr Veranstaltungen. Die Rechtsextremisten, die sich im Verlaufe des Jahres auf dem Heisenhof vor\u00fcbergehend aufgehalten haben, rekrutierten sich aus dem \u00f6rtlichen Bereich und geh\u00f6ren der NPD/Junge Nationaldemokraten an. Intellektualisierungsbem\u00fchungen im Rechtsextremismus Anders als die meisten Gruppierungen des organisierten Rechtsextremismus, die das politische Geschehen mit plakativen fremdenfeindlichen, antisemitischen, rassistischen und nationalistischen Aussagen begleiten, ist ein kleinerer 14 Der im Jahr 2002 verstorbene Wilhelm Tietjen war SS-Angeh\u00f6riger aus Bremen und hat nach 1945 mit B\u00f6rsengesch\u00e4ften Verm\u00f6gen erworben. 15 Der 1946 geborene RIEGER ist seit Ende der 60er Jahre als Rechtsextremist aktiv. Er war und ist in zahlreichen rechtsextremistischen Zirkeln und Organisationen f\u00fchrend t\u00e4tig, u. a. in der Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik (GFP). Seit 1989 ist er Vorsitzender der rechtsextremistischen Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgem\u00e4\u00dfer Lebensgestaltung e. V. und Schriftleiter ihrer Nordischen Zeitung.","Rechtsextremismus 21 Kreis rechtsextremistischer Intellektueller seit Beginn der achtziger Jahre um eine ideologische \u00dcberh\u00f6hung rechtsextremistischer Positionen bem\u00fcht. Ziel dieser Bem\u00fchungen ist es, geistigen Einfluss auf die rechtsextremistische Szene und langfristig auf die Gesellschaft insgesamt zu gewinnen. Als Voraussetzung f\u00fcr den langfristig beabsichtigten Systemwechsel wird eine kulturelle Vorherrschaft angestrebt. Diese Variante des Rechtsextremismus wird oft mit dem Begriff \"Neue Rechte\"16 umschrieben. Die \"Neue Rechte\" verbirgt ihre fremdenfeindliche Grundtendenz in dem von ihr propagierten Konzept des Ethnopluralismus. Der f\u00fchrende Vertreter dieses Denkansatzes ist der Vertreter der franz\u00f6sischen Nouvelle Droite (Neue Rechte) Alain de Benoist, ein Philosoph, dessen Schriften von deutschen Rechtsextremisten umfassend rezipiert werden. De Benoist betrachtet V\u00f6lker als \"organische Gemeinschaften\", die sich von Fremdbestimmung befreien m\u00fcssten. Ausgehend von der homogenen Ethnie lehnen von ihm beeinflusste Vertreter der \"Neuen Rechten\" Einwanderung als \"volksgemeinschaftssch\u00e4dlich\" ab. Das Konzept des Ethnopluralismus stellt die kulturellen Unterschiede der Menschen in den Vordergrund und propagiert die kulturelle, m\u00f6glichst aber auch r\u00e4umliche Trennung ethnischer Gruppen. Neben verschiedenen rechtsextremistischen Publikationen wie Nation & Europa, nation24.de - Das patriotische Magazin oder Sleipnir widmen sich insbesondere rechtsextremistische Theoriezirkel der Strategieund Theoriebildung. So versteht sich das 1994 in Berlin gegr\u00fcndete und bis 2004 gemeinsam von MAHLER, Reinhold OBERLERCHER und Uwe MEENEN betriebene Deutsche Kolleg (DK) als \"Denkorgan des Deutschen Reiches\". Zwischen MAHLER einerseits und OBERLERCHER und MEENEN andererseits ist es zum Bruch gekommen mit der Folge, dass die Schulungen des Deutschen Kollegs seitdem ohne MAHLER durchgef\u00fchrt werden. MAHLER benutzt die enge Verbindung zur Vorsitzenden des seit 1963 bestehenden Collegium Humanum - Akademie f\u00fcr Umwelt und Lebensschutz e. V. (CH), Ursula HAVERBECKWETZEL, um eigene Seminare in den Vereinsr\u00e4umen des CH in Vlotho (NRW) durchzuf\u00fchren. In Schulungsveranstaltungen und Theorieseminaren wird die Reichsidee propa16 Die mit dem Begriff der \"Neuen Rechten\" umschriebene ideologische Str\u00f6mung kn\u00fcpft an eine akademisch-intellektuelle Auspr\u00e4gung antidemokratischen Denkens an, die sich auf die \"Konservative Revolution\" - eine intellektuelle Str\u00f6mung antidemokratischen Denkens in der Weimarer Republik - beruft. Der Begriff wird aber nicht einheitlich verwendet. Manche Autoren erfassen mit diesem Begriff den um Theoriebildung bem\u00fchten Teil des Rechtsextremismus in seiner Gesamtheit.","22 Rechtsextremismus giert; Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus stellen grundlegende ideologische Konstanten dieser Schulungsarbeit dar. Eine \u00e4hnliche Ausrichtung vertritt die 2000 gegr\u00fcndete NPDnahe Deutsche Akademie, die organisations\u00fcbergreifend in Schulungen, Seminaren sowie Sommerund Winterakademien rechtsextremistische \"staatstheoretische Bildungsarbeit\" anbietet. Zum neuen Vorsitzenden der Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e. V. (GFP), die als gr\u00f6\u00dfte rechtsextremistische Kulturvereinigung in Deutschland bezeichnet werden kann, wurde im April der s\u00e4chsische NPD-Fraktionsmitarbeiter und fr\u00fchere Braunschweiger Waldorflehrer Andreas MOLAU (* 1968) gew\u00e4hlt. Von seiner Wahl verspricht sich die Organisation eine Verj\u00fcngung und neue theoretische Impulse. In welche Richtung MOLAU die GFP zu f\u00fchren gedenkt, machte er in einer Rede auf dem vom 8. bis 10. April in Bayreuth durchgef\u00fchrten \"Deutschen Kongress\" der Organisation deutlich: \"Wir sind nicht verpflichtet, die Geschichtsl\u00fcgen der Sieger und ihrer deutschen Helfershelfer zu glauben, ... wir m\u00fcssen nicht die gleiche Schuldliteratur lesen, ... wir k\u00f6nnen unsere Kinder ... loslassen, denn es gibt nationale Jugendb\u00fcnde, die einen freiheitlichen Impuls pflegen. Wir k\u00f6nnen eine Gegengesellschaft aufbauen, und wir m\u00fcssen das tun. Jeder Einzelne, der aus dem Wahnsinn ausschert, ist ein Stachel im Fleisch der gro\u00dfen Gleichschalter. Wir m\u00fcssen uns selbst befreien!\" Die GFP unterh\u00e4lt Kontakte zu anderen rechtsextremistischen Organisationen, so zur NPD, zur Deutschen Studiengemeinschaft (DSG), zur Deutschen Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH), zum Deutschen Rechtsb\u00fcro sowie zum Schutzbund f\u00fcr das Deutsche Volk. Durch die Wahl MOLAUs zum Vorsitzenden der GFP d\u00fcrfte sich die Zusammenarbeit mit der NPD noch weiter intensivieren. Auch das bedeutendste rechtsextremistische Theorieorgan, die in einer Auflagenh\u00f6he von 18.000 Exemplaren verbreitete Zeitschrift Nation & Europa - Deutsche Monatshefte (N & E), bewegt sich immer st\u00e4rker auf die NPD zu. N & E unterst\u00fctzt die von der NPD propagierte \"Volksfront von rechts\". Einige ihrer Verlagsangeh\u00f6rigen und Autoren sind f\u00fcr die NPD t\u00e4tig, so Karl RICHTER, der neben seiner T\u00e4tigkeit als Redakteur bei N & E von","Rechtsextremismus 23 der s\u00e4chsischen NPD-Landtagsfraktion als wissenschaftlicher Mitarbeiter besch\u00e4ftigt ist. In der Doppelausgabe 7-8/2005 wurde er als Stabschef von Peter MARX, dem stellvertretenden NPD-Parteivorsitzenden, NPD-Fraktionsgesch\u00e4ftsf\u00fchrer und Bundeswahlkampfleiter, vorgestellt. Der Mitherausgeber von N & E Harald NEUBAUER kandidierte in Sachsen als Nicht-Parteimitglied auf Platz 2 der NPD-Landesliste f\u00fcr den Bundestag. Sowohl NEUBAUER als auch RICHTER sind dar\u00fcber hinaus bei dem Bildungswerk f\u00fcr Heimat und nationale Identit\u00e4t e. V. der NPD als Funktion\u00e4re t\u00e4tig. Rechtsextremistischer Geschichtsrevisionismus Mit dem Begriff Geschichtsrevisionismus wird eine Str\u00f6mung innerhalb des Rechtsextremismus bezeichnet, die sich auf die Leugnung oder Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen und der deutschen Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges konzentriert. Revisionistische Positionen sind in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung bei nahezu allen rechtsextremistischen Organisationen nachweisbar. Sie bilden die historische Komponente des rechtsextremistischen Selbstverst\u00e4ndnisses. Revisionisten im engeren Sinne sind bestrebt, die Urteile der Geschichtswissenschaft von einem vermeintlich wissenschaftlichen Standpunkt aus zu revidieren. Die Arbeit der sich wissenschaftlich gerierenden Revisionisten ist auf die Delegitimierung der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland gerichtet.17 Auch wenn er die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland zum Gegenstand hat, ist der Geschichtsrevisionismus eine internationale Erscheinung. Die wichtigsten Revisionisten sind Ausl\u00e4nder oder agieren zumindest vom Ausland aus. Die ideologische Klammer ihrer Zusammenarbeit bildet eine eng mit revisionistischen Positionen verbundene antisemitische Grundeinstellung. Als der iranische Pr\u00e4sident Mahmoud Ahmadinedschad den Holocaust im Dezember zum Mythos erkl\u00e4rte, nahmen f\u00fchrende Revisionisten seine Ausf\u00fchrungen zum Anlass, um die Durchf\u00fchrung einer Revisionismus-Konferenz in Teheran vorzuschlagen. Im Iran stie\u00df dieser Vorschlag auf positive Resonanz. Die Nutzung des Internets als Kommunikationsplattform 17 Ausf\u00fchrliche Informationen \u00fcber die Vorgehensweise der Revisionisten und Portr\u00e4ts der wichtigsten Revisionisten finden sich auf der f\u00fcr den Schulunterricht empfehlenswerten Internetseite www.h-ref.de (Holocaust-Referenz. Argumente gegen Auschwitzleugner).","24 Rechtsextremismus f\u00fcr weltweite Kontakte und gemeinsame Aktivit\u00e4ten ist f\u00fcr Revisionisten heute selbstverst\u00e4ndlich. In der Regel benutzen sie ausl\u00e4ndische Internetprovider, um einer m\u00f6glichen Strafverfolgung in Deutschland zu entgehen. Daneben werden revisionistische Schriften weiterhin in Druckform durch verschiedene Verlage verbreitet. Zu nennen ist z. B. der Grabert-Verlag, dessen Leiter Wigbert GRABERT die Verantwortung f\u00fcr den Zweiten Weltkrieg in einem Beitrag f\u00fcr den zweimonatlich erscheinenden revisionistischen Euro-Kurier - Aktuelle Buchund Verlags-Nachrichten (Nr. 4/2005) \"den Feindm\u00e4chten des Ersten Weltkriegs\" zuschreibt. Zu den bekanntesten revisionistischen Dokumenten z\u00e4hlen der \"Leuchter Report\" und das \"Rudolf Gutachten\". Beide pseudowissenschaftlichen Studien wurden zur Verteidigung angeklagter Revisionisten erstellt. Der deutschst\u00e4mmige US-Amerikaner Fred A. LEUCHTER behauptet in dem 1988 ver\u00f6ffentlichten, nach ihm benannten Report, dass die massenhafte Vernichtung von Juden im Konzentrationslager Auschwitz technisch nicht m\u00f6glich gewesen sei. Das seit 1991 verbreitete \"Gutachten\" des deutschen Chemikers Germar RUDOLF bestreitet ebenfalls auf pseudowissenschaftlicher Basis das Vorhandensein der Gaskammern im Konzentrationslager Auschwitz. RUDOLF, der f\u00fcr zahlreiche weitere revisionistische Publikationen verantwortlich zeichnet, wurde am 15. November aufgrund eines internationalen Haftbefehls wegen Volksverhetzung von den USA nach Deutschland ausgeliefert, wo er seither inhaftiert ist.18 Der von den belgischen Beh\u00f6rden bereits 2002 verbotene, in Antwerpen ans\u00e4ssige Verlag Vrij Historisch Onderzoek (V.H.O.) der Br\u00fcder Siegfried und Herbert VERBEKE verbreitet revisionistische Literatur \u00fcber das Internet auch nach Deutschland. Aufgrund eines europ\u00e4ischen Haftbefehls, u. a. wegen Volksverhetzung, wurde Siegfried VERBEKE im August in den Niederlanden verhaftet und am 1. November nach Deutschland ausgeliefert. Auf der Internetseite des V.H.O. wird der Holocaust offen geleugnet: \"Nat\u00fcrlich zeigen alle verf\u00fcgbaren Dokumente und Sachbeweise, da\u00df es keinen Befehl f\u00fcr einen Massenmord an den Juden gab, auch keinen Plan, keine Finanzmittel, keine Tatwaffen - n\u00e4mlich keine Gaskammern - und keine Opfer - [es] gibt n\u00e4mlich keine einzige Leiche, an der durch Autopsie ein Tod durch Vergasung festgestellt wurde\". 18 Das Landgericht Stuttgart verurteilte Germar RUDOLF bereits am23.06.1995 u. a. wegen Volksverhetzung zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten ohne Bew\u00e4hrung. Grundlage des Urteils waren seine Aktivit\u00e4ten im Zusammenhang mit der Erstellung des \"Rudolf-Gutachtens\".","Rechtsextremismus 25 Die NPD solidarisierte sich mit VERBEKE und bat mit der Parole \"Unterst\u00fctzt die freie Meinungs\u00e4u\u00dferung - Unterst\u00fctzt Siegfried Verbeke\" auf ihrer Internetseite um finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihn. Von den Verhaftungen weltweit agierender HolocaustLeugner im Jahr 2005 waren neben Siegfried VERBEKE und Germar RUDOLF auch die international f\u00fchrenden Revisionisten Ernst Z\u00dcNDEL und David IRVING betroffen. IRVING, der am 11. November in \u00d6sterreich festgenommen wurde, propagiert in seinen B\u00fcchern und Vortr\u00e4gen, dass in deutschen Konzentrationslagern keine Massenvernichtungen durch Giftgas durchgef\u00fchrt worden seien. Seine zahlreichen, in wissenschaftlicher Form abgefassten, seri\u00f6s anmutenden Schriften werden in umfangreicher Form auch \u00fcber das Internet verbreitet. Gerade in Bezug auf seine Ver\u00f6ffentlichungen besteht die Gefahr, dass Sch\u00fcler, die im Internet recherchieren, um Referate \u00fcber den Nationalsozialismus zu verfassen, durch IRVINGs Darstellungen zu revisionistischen Sichtweisen gelangen. IRVINGs Werk ist nicht durchgehend revisionistisch. Die milit\u00e4risch-historischen Forschungsergebnisse aus der Fr\u00fchphase seiner T\u00e4tigkeit wurden auch von Historikern weitgehend akzeptiert. Der am 1. M\u00e4rz von Kanada nach Deutschland abgeschobene deutsche Staatsangeh\u00f6rige Ernst Z\u00dcNDEL muss sich seit dem 8. November vor dem Amtsgericht Mannheim verantworten. Ihm wird zur Last gelegt, im Internet auf seiner Homepage \"ZUNDELSITE\" sowie mit der Herausgabe der Publikation Germania-Rundbrief den nationalsozialistischen V\u00f6lkermord an den Juden systematisch geleugnet bzw. verharmlost zu haben. Z\u00dcNDEL wird u. a. vom Hamburger Rechtsextremisten und Rechtsanwalt RIEGER verteidigt. In der rechtsextremistischen Szene in Niedersachsen findet der Prozess gegen den bereits 1958 nach Kanada ausgewanderten Revisionisten nur geringe Resonanz. In Hannover bekundeten am 10. November einige Rechtsextremisten Z\u00dcNDEL \u00f6ffentlich ihre Sympathie. W\u00e4hrend einer Kundgebung zeigten sie ein Bettlaken mit der Aufschrift \"Keine L\u00fcge kann ewig leben! M. L. King. FREIHEIT f\u00fcr Ernst Z\u00fcndel\". Auch der \u00f6sterreichische Revisionist Walter OCHENSBERGER solidarisierte sich mit Z\u00dcNDEL. Er bezeichnete ihn als \"Symbol f\u00fcr den unbeugsamen Wahrheitswillen des menschlichen Geistes\". OCHENSBERGER gibt die viertelj\u00e4hrlich erscheinende Publikation PHOENIX heraus. Die auch in Deutschland verbreitete Schrift beinhaltet rassistische, antisemitische und holocaustleugnende Artikel. Von den USA aus agiert der Rechtsextremist Gary Rex LAUCK, der den Nationalsozialismus in offener Form verherr-","26 Rechtsextremismus licht und als bekennender Hitler-Anh\u00e4nger neben neonazistischem Schriftgut auch f\u00fcr die Verbreitung revisionistischen Gedankenguts sorgt. LAUCK ist Leiter der in Lincoln (Nebraska, USA) ans\u00e4ssigen Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei/Auslandsund Aufbauorganisation (NSDAP/ AO). In seiner viertelj\u00e4hrlich erscheinenden Publikation NSKampfruf, in der er insbesondere rassistische und antisemitische Positionen verbreitet, erscheinen immer wieder auch revisionistische Beitr\u00e4ge. Den Schwerpunkt der Aktivit\u00e4ten LAUCKs bildet das Internet. Die Internetseite der NSDAP/AO ist in vielen Sprachen abrufbar und bietet eine Vielzahl von Propagandamaterialien zum Kauf an. Der am 9.11.2003 gegr\u00fcndete Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten (VRBHV) verfolgt ausschlie\u00dflich revisionistische Zielsetzungen und kann als die derzeit bedeutendste revisionistische Organisation in Deutschland gelten. Vorsitzender des in Vlotho (NRW) ans\u00e4ssigen Vereins ist der Schweizer Revisionist Bernhard SCHAUB. Zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern z\u00e4hlen Robert FAURISSON, J\u00fcrgen GRAF, Frederick THOBEN, Gerd HONSIK, Manfred ROEDER, Germar RUDOLF, Wilhelm ST\u00c4GLICH, Ernst Z\u00dcNDEL, Frank RENNICKE und Hans-Dietrich SANDER. Stellvertretende Vorsitzende ist Ursula HAVERBECK-WETZEL, die zugleich die ebenfalls in Vlotho ans\u00e4ssige Bildungsst\u00e4tte Collegium Humanum leitet. Das CH gibt die alle zwei Monate erscheinende Publikation Stimme des Gewissens - Lebensschutz-Informationen (LSI) heraus. Schriftleiter dieser Publikation ist der Niedersachse Ernst-Otto COHRS. Eine enge Verbindung besteht zwischen der CH-Vorsitzenden HAVERBECK-WETZEL und MAHLER, auf dessen Initiative die Gr\u00fcndung des VRBHV wesentlich zur\u00fcckgeht. MAHLER gilt dar\u00fcber hinaus als Initiator der Reichsb\u00fcrgerbewegung (RBB), der Vertreter verschiedener rechtsextremistischer Gruppierungen wie das Deutsche Kolleg (DK), CH und VRBHV angeh\u00f6ren. Zur Jahreswende 2004/2005 propagierte die Reichsb\u00fcrgerbewegung unter MAHLERs Verantwortung in Braunschweig einen \"Aufstand f\u00fcr die Wahrheit\" und verteilte Flugbl\u00e4tter mit antisemitischen und revisionistischen Inhalten. Der \"Aufstand f\u00fcr die Wahrheit\" kn\u00fcpft an die Auseinandersetzung um den Wechsel des ehemaligen Waldorf-Lehrers MOLAU zur NPD-Fraktion in Sachsen an. In dem am 30.11.2004 verteilten Flugblatt wird u. a. behauptet, \"dass Rudolf He\u00df ... nach 46-j\u00e4hriger v\u00f6lkerrechtswidriger Gefangenschaft ermordet worden ist ..., um die L\u00fcge der Feinde des Reiches zu sch\u00fctzen, dass Adolf Hitler f\u00fcr den Zweiten Weltkrieg verantwortlich sei\" sowie","Rechtsextremismus 27 \"dass die Weltjudenheit schon am 24. M\u00e4rz 1933 dem Deutschen Reiche den 'Heiligen Krieg' erkl\u00e4rt und im August 1933 einen weltweiten h\u00f6chst wirksamen Handelsund Finanzboykott organisiert hat\". Das Berliner Landgericht verurteilte MAHLER am 12. Januar wegen Volksverhetzung zu einer neunmonatigen Freiheitsstrafe ohne Bew\u00e4hrung. Im September 2002 hatte MAHLER in den R\u00e4umen der NPD in Berlin einen Schriftsatz im Rahmen des NPD-Verbotsverfahrens verteilen lassen, in dem er den Hass auf Juden als etwas Normales, als \"unertr\u00e4gliches Zeichen eines intakten spirituellen Immunsystems\" bezeichnet hatte. In enger Verbindung mit MAHLER steht der in Australien ans\u00e4ssige Frederick THOBEN. Er unterh\u00e4lt das Adelaide-Institute, das als weltweiter Multiplikator f\u00fcr revisionistisches Gedankengut gelten kann. Die halbj\u00e4hrlich in Illfeld (Th\u00fcringen) durchgef\u00fchrten Lesertreffen der Zeitschrift Recht und Wahrheit, die sich revisionistischen Themenstellungen widmen, stehen unter der Leitung des ehemaligen NPD-Vorsitzenden und verurteilten Holocaust-Leugners G\u00fcnter DECKERT. Der bisherige Herausgeber der rechtsextremistischen Publikation Recht und Wahrheit, Georg Albert BOSSE, ist am 2. Januar verstorben. BOSSE wurde mehrfach wegen Leugnung der systematischen Judenvernichtung verurteilt. Bis Sommer 2001 hatte er seinen Wohnsitz in Wolfsburg. Neuer Herausgeber der revisionistischen Zeitschrift Recht und Wahrheit ist Armin M\u00dcHLBAUER. Das von Klaus HOFFMANN geleitete, in Niedersachsen ans\u00e4ssige Freundschaftsund Hilfswerk Ost (FHWO) vertritt in seinem Organ der Ostbote geschichtsund gebietsrevisionistische Positionen. Hoffmann war nach Angaben des Bundeswahlleiters bis 1994 stellvertretender Landesvorsitzender der NPD. Auf dem Verbandstag des FHWO wurde am 23. Oktober in Schatensen eine von HOFFMANN verfasste Resolution verabschiedet, in der eine objektive und ungeschm\u00e4lerte Geschichtsdarstellung gefordert wird. Gegen HOFFMANN wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, weil er zehn Exemplare der revisionistischen Brosch\u00fcre \"Die neue Sicht von","28 Rechtsextremismus Auschwitz\" des \u00d6sterreichers Wieland K\u00d6RNER bestellt hatte. K\u00d6RNERs Schrift hat in der rechtsextremistischen Szene gro\u00dfe Verbreitung gefunden und zur Einleitung zahlreicher Ermittlungsverfahren gef\u00fchrt. Rechtsextremistische Skinheads und sonstige gewaltbereite Rechtsextremisten Das Personenpotenzial der rechtsextremistischen Skinheads einschlie\u00dflich der Straft\u00e4ter, die rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten zu verantworten haben, hat sich auf Bundesebene gegen\u00fcber dem Vorjahr von 10.000 auf ca. 10.400 vergr\u00f6\u00dfert. In Niedersachsen hielt demgegen\u00fcber der seit 2002 zu registrierende r\u00fcckl\u00e4ufige Trend an. Das gewaltbereite Potenzial verringerte sich um 50 auf 930 Personen. Die regionalen Schwerpunkte bilden die R\u00e4ume Braunschweig/ Salzgitter, das Bremer Umland, das Stadtgebiet und die Region Hannover, Hildesheim, L\u00fcneburg, Northeim, Soltau/Schneverdingen sowie Tostedt. Der Ursprung der Skinhead-Bewegung liegt in Gro\u00dfbritannien, wo sich Ende der sechziger Jahre in der Arbeiterschicht eine jugendliche Subkultur herausbildete. Ihre soziale Herkunft stellten die Skinheads durch ihre Kleidung (Springerstiefel, Jeans und T-Shirt) heraus, die zusammen mit der Bomberjacke noch heute als szenetypisches Outfit gilt. Das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild soll der Ablehnung b\u00fcrgerlicher Lebensformen Ausdruck verleihen und war als Kampfansage gegen die etablierten sozialen Schichten zu verstehen. Weitere Attribute der Skinhead-Bewegung waren ein gegen die bestehende Gesellschaftsordnung gerichteter Antiintellektualismus, ein M\u00e4nnlichkeitskult und eine aggressive Gewaltbereitschaft. Diese Eigenschaften machten die Skinhead-Bewegung f\u00fcr eine rechtsextremistische Beeinflussung durch Organisationen wie British Movement oder die British National Party anf\u00e4llig. Ende der siebziger Jahre verst\u00e4rkte sich diese Tendenz noch, als die steigende Arbeitslosigkeit in Gro\u00dfbritannien zu wachsender Fremdenfeindlichkeit f\u00fchrte. Zu diesem Zeitpunkt trat die Skinhead-Bewegung erstmals auch in Deutschland in Erscheinung. Sie wurde \u00fcber Angeh\u00f6rige der britischen Streitkr\u00e4fte in das Bundesgebiet importiert. Zudem versorgten sich deutsche Punks mit britischen Szenemagazinen (Fanzines), in denen ausf\u00fchrlich \u00fcber die Skinhead-Bewegung berichtet wurde. Anders als in ihrem Herkunftsland rekrutierte sich die deutsche Skinhead-Szene nicht ausschlie\u00dflich aus der Arbeiterschicht. Gleichwohl kamen die Szeneangeh\u00f6rigen","Rechtsextremismus 29 vornehmlich aus sozialen Randgruppen. Ungeachtet der f\u00fcr Skinheads typischen Aversion gegen politische Arbeit geriet auch in Deutschland ein Teil der Szene unter rechtsextremistischen politischen Einfluss. Organisationen wie die Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten (ANS/NA) des 1991 verstorbenen Neonazis Michael K\u00dcHNEN oder die 1995 verbotene Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP), deren nieders\u00e4chsischer Landesvorsitzender Thorsten HEISE19 selbst Skinhead war, versuchten sich dieses Personenpotenzial politisch zu erschlie\u00dfen. Heute bildet die rechtsextremistische Skinhead-Bewegung ein wichtiges Rekrutierungsfeld f\u00fcr die NPD und die neonazistischen Kameradschaften. Das Weltbild rechtsextremistischer Skinheads in Deutschland ist von rassistischer Fremdenfeindlichkeit, hemmungsloser Gewaltbereitschaft und unreflektierter Verherrlichung des Nationalsozialismus gepr\u00e4gt. Die Symbolik der Szene spiegelt diese Grundeinstellung wider. Kleidungsst\u00fccke und T\u00e4towierungen zeugen von der Verbundenheit mit dem Nationalsozialismus. Abk\u00fcrzungen wie ZOG, 14 words und Rahowa20 oder Zahlencodes wie 18, 28 oder 8821 bringen das weltanschauliche Bekenntnis in verklausulierter Form zum Ausdruck. Szenel\u00e4den und Internetvertriebe f\u00fchren szenetypische Artikel. Bestimmend f\u00fcr das Erscheinungsbild der meisten Skinheads ist neben der szenetypischen Kleidung der kahl geschorene Kopf, der der Subkultur den Namen gegeben hat. Wegen der Anfeindungen, die sie hiermit in der \u00d6ffentlichkeit auf sich ziehen, verzichten inzwischen allerdings nicht wenige Skinheads darauf, sich ihren Kopf rasieren zu lassen. M\u00e4nnlichkeitsrituale wie exzessiver Alkoholkonsum und offen zur Schau gestellte Frauenfeindlichkeit sind weitere Merkmale der Skinhead-Bewegung. Die meisten Skinheads sind zwischen 15 und 20 Jahre alt; das Einstiegsalter liegt teilweise sogar noch darunter. Der Anteil von M\u00e4nnern betr\u00e4gt nahezu 90 %. 19 HEISE ist u. a. wegen Vergehen gegen das Waffengesetz sowie das Versammlungsgesetz, wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung in Tateinheit mit N\u00f6tigung und wegen Volksverhetzung vorbestraft. 20 ZOG ist eine antisemitische Formel und bedeutet Zionist Occupied Government (zionistisch beherrschte Regierung). Die 14 words, h\u00e4ufig nur mit der Zahl 14 wiedergegeben, sind der Code f\u00fcr eine 14 W\u00f6rter umfassende Losung des amerikanischen Rechtsextremisten David Lane von der Gruppe The Order. In deutscher \u00dcbersetzung lautet der Satz: \"Wir m\u00fcssen die Existenz unseres Volkes sichern und eine Zukunft f\u00fcr unsere wei\u00dfen Kinder\". Rahowa steht f\u00fcr Racial Holy War (Heiliger Rassenkrieg). 21 Die Ziffern bezeichnen die Stelle eines Buchstaben im Alphabet. Mit 18 werden die Initialien von Adolf Hitler wiedergegeben, mit 88 verbinden Eingeweihte die verbotene nationalsozialistische Gru\u00dfformel \"Heil Hitler\", und 28 steht f\u00fcr die in Deutschland verbotene Organisation Blood & Honour.","30 Rechtsextremismus Konflikte mit Angeh\u00f6rigen von ihnen verachteter sozialer Gruppen wie Ausl\u00e4nder, Obdachlose, Behinderte, Homosexuelle oder als \"Zecken\" titulierte linksorientierte politische Gegner werden oft mittels k\u00f6rperlicher Gewalt auf der Stra\u00dfe ausgetragen. \"Gewalt ist keine L\u00f6sung, aber ein verdammt gutes Argument!\" erkl\u00e4rte ein Skinhead in einem Interview mit dem Fanzine Ratat\u00f6sk (Ausgabe 4, S. 38) das militante Selbstverst\u00e4ndnis der Szene. Die Gewaltbereitschaft der rechtsextremistischen SkinheadSzene in Niedersachsen zeigt z. B. folgende Straftat: Am 11. Februar schlug ein Skinhead in Moringen einen Angeh\u00f6rigen der linken Szene nieder und trat anschlie\u00dfend mit Springerstiefeln auf den am Boden Liegenden ein. Das Opfer erlitt einen Nasenbeinsowie einen Schl\u00fcsselbeinbruch. War die englische Skinhead-Bewegung in ihrer Anfangsphase als jugendliche Protestbewegung gegen soziale Ausgrenzung zu charakterisieren, so entwickelte sie sich im Laufe der Zeit zu einer in sich differenzierten internationalen Subkultur, die nicht nur in Gro\u00dfbritannien und Deutschland, sondern auch in den skandinavischen L\u00e4ndern, in S\u00fcdund Osteuropa sowie den USA vertreten ist. Neben den rechtsextremistischen Skinheads gibt es Str\u00f6mungen mit anderer politischer Ausrichtung wie die Redskins und die SHARP-Skins22 sowie die vorrangig subkulturell orientierte gro\u00dfe Gruppe der Oi!-Skins23. In einer Szenezeitschrift wird ein Oi-Skin definiert als \"ein dem Alkohol nicht abgeneigter Arbeiter, der sich keine Meinung aufdr\u00e4ngen l\u00e4sst und sein Maul aufrei\u00dft. Er l\u00e4sst sich trotz staatlicher Repression den Spa\u00df am Leben nicht vermiesen.\" (Foier frei!, Ausgabe 18, S.8) Die Oi-Skin-Bewegung und die rechtsextremistische Skinhead-Szene sind nicht trennscharf zu unterscheiden. Oi-SkinKonzerte werden auch von rechtsextremistischen Skinheads besucht. Unter den Beobachtungsauftrag des Verfassungsschutzes fallen ausschlie\u00dflich rechtsextremistische Skinheads. Von nationalsozialistischem Gedankengut und dem Glauben an die \u00dcberlegenheit der wei\u00dfen Rasse ist die Blood & Honour-Bewegung (B&H) gepr\u00e4gt. Der 1993 verstorbene 22 Die antirassistischen SHARP-Skins (Skinheads Against Racial Prejudice) und die linksorientierten Redskins entstanden 1987 bzw. 1993 in den USA. In Deutschland geh\u00f6ren beiden Str\u00f6mungen nur wenige Personen an. 23 Die Str\u00f6mung der Oi!-Skins umfasst den \"spa\u00dforientierten\" Teil der Skinhead-Bewegung. Der Name leitet sich von einem Slang-Ausdruck aus dem Londoner East End her. Mit \"Oi, Oi, Oi\" anstelle des traditionellen \"one, two, three\" z\u00e4hlte die Skinhead-Band Cockney Rejects ihre Songs an.","Rechtsextremismus 31 Frontmann der Skinhead-Band Skrewdriver Ian Stuart DONALDSON gr\u00fcndete die Organisation unter dem Eindruck eines Films \u00fcber die Hitler-Jugend mit der Zielsetzung, dem rechtsextremistischen Teil der Skinhead-Szene eine Organisation zu geben. Die international ausgerichtete Bewegung verf\u00fcgt \u00fcber Untergliederungen auf Landesebene. Solche Divisionen existieren mittlerweile auf allen Kontinenten. Die 1994 gegr\u00fcndete B&H-Division Deutschland wurde am 14.08.2000 durch den Bundesinnenminister verboten. Das Verbot erfasste drei nieders\u00e4chsische Sektionen: \"Niedersachsen\", \"Nordmark\" und \"Weser-Ems\". In Niedersachsen bestehen keine B&H-Strukturen mehr. An den im benachbarten Ausland und in Gro\u00dfbritannien durchgef\u00fchrten B&H-Konzerten nehmen auch einzelne nieders\u00e4chsische Rechtsextremisten teil. Einen weiteren Zweig der Skinhead-Bewegung mit \"politischem\" Anspruch bilden die 1986 in den USA entstandenen Hammerskins. Ziel der Organisation ist es, alle wei\u00dfen rechtsextremistischen Skinheads in einer so genannten Hammerskin-Nation zu vereinigen. Ihr Symbol, zwei gekreuzte H\u00e4mmer, steht f\u00fcr \"Kraft und St\u00e4rke der wei\u00dfen Arbeiterbewegung\". In Deutschland traten Hammerskins erstmals 1991 in Brandenburg in Erscheinung. In Niedersachsen spielt die Hammerskin-Bewegung, die bundesweit nur wenig mehr als 100 Mitglieder z\u00e4hlt, kaum eine Rolle. Szenezeitschriften (Fanzines) Der Begriff Fanzine ist der englischen Sprache entlehnt und setzt sich aus den Worten \"Fan\" und \"Magazine\" zusammen. Er bezeichnet Info-Hefte, wie sie in vielen Subkulturen typisch sind. Fanzines sind weder eine Erfindung der Skinhead-Szene noch ausschlie\u00dflich in ihr zu finden. Zu den Inhalten dieser Fanzines geh\u00f6ren Informationen \u00fcber Musikgruppen und Tontr\u00e4ger-Neuerscheinungen, Verlaufsberichte von Konzerten und Partys und nicht zuletzt Interviews mit Szeneangeh\u00f6rigen. Die Auflagenh\u00f6he der Fanzines hat in Einzelf\u00e4llen bis zu 15.000 Hefte pro Ausgabe betragen. Diese Gr\u00f6\u00dfenordnung ist jedoch die Ausnahme. In der Regel \u00fcberschreitet die Auflagenh\u00f6he einige hundert Exemplare nicht. Die Erscheinungsform reicht von einem wenige Seiten umfassenden, kopierten Heft bis hin","32 Rechtsextremismus zur hundertseitigen Hochglanzbrosch\u00fcre. Die Bedeutung der Fanzines f\u00fcr die Szene hat abgenommen, seitdem immer mehr Informationen \u00fcber das Internet verbreitet werden. Bundesweit wurden 2005 etwa 20 Fanzines registriert. In Niedersachsen sind die Fanzines Violence (Braunschweig) und Final Destination (Emden) erschienen. Rechtsextremistische Musikszene Die rechtsextremistische Skinhead-Musik ist Integrationsfaktor und wichtigstes Ausdrucksmittel der subkulturell gepr\u00e4gten rechtsextremistischen Szene zugleich. Die Musiktexte vermitteln in plakativer, zum Teil hetzerischer Form rassistische, fremdenfeindliche und antisemitische Positionen. Der Kontakt mit der auf emotionale Wirkung zielenden Musik kann der Beginn einer Entwicklung sein, der zu einer immer st\u00e4rkeren Identifizierung mit der rechtsextremistischen Szene f\u00fchrt. Der Psychiater Andreas Marneros, der bei zahlreichen Gerichtsverfahren gegen rechtsextremistische Gewaltt\u00e4ter als Gutachter in Erscheinung getreten ist, kommt aufgrund seiner beruflichen Erfahrungen zu folgendem Urteil: \"Die rechtsextremistische Musik wirkt auf diese jungen, einfachen, eingeschr\u00e4nkten Gem\u00fcter wie eine Droge. Sie putscht auf, sie macht aggressiv, sie er\u00f6ffnet Wege, die zum Abgrund f\u00fchren.\"24 Diese Entwicklung wird durch den Besuch von Konzerten beg\u00fcnstigt, deren Gestaltung darauf gerichtet ist, das Gemeinschaftsgef\u00fchl der Teilnehmer zu st\u00e4rken und Informationen auszutauschen. Besonders angesprochen f\u00fchlen sich Jugendliche, die ihre soziale Situation in den Liedtexten widergespiegelt sehen und nach Integration in eine Gruppe Gleichgesinnter streben. Strategisch denkende rechtsextremistische F\u00fchrungspersonen haben die Bedeutung der Musik schon vor der Verteilung der Schulhof-CD mit dem Titel \"Anpassung ist Feigheit\" erkannt. Sie setzen dieses Medium gezielt ein, um Jugendliche f\u00fcr die Szene der neonazistischen Kameradschaften zu gewinnen oder um das Wahlverhalten von Erstw\u00e4hlern zu beeinflussen. Die NPD brachte im Bundestagswahlkampf eine Schulhof-CD mit dem Titel \"Der Schrecken aller linken Spie\u00dfer und Pauker!\" als Werbemittel 24 Andreas Marneros: a. a. O., S. 213.","Rechtsextremismus 33 zum Einsatz. Dieser Weg der Werbung d\u00fcrfte auch deshalb aussichtsreich sein, weil der Bekanntheitsgrad einzelner rechtsextremistischer Musikproduktionen weit \u00fcber das vom Verfassungsschutz beobachtete rechtsextremistische Spektrum hinausreicht. \u00dcber das Internet kann die gesamte Bandbreite einschl\u00e4giger Titel heruntergeladen werden. Diese Form der Verbreitung rechtsextremistischer Musik stellt eine besondere Herausforderung f\u00fcr Pr\u00e4ventionsarbeit dar. Die Namen vieler Bands verdeutlichen das ideologische Verh\u00e4ltnis der Szene zum Nationalsozialismus. Bandnamen wie Nordfront, Bataillon 500, Hauptkampflinie, Division Wiking, Endl\u00f6ser oder Blitzkrieg zeigen den Bezug zum \"Dritten Reich\", aber auch die Aggressivit\u00e4t der Szene. Andere Bands haben ihren Namen der germanisch-heidnischen Mythologie entlehnt: Einherjer, Sleipnir, Donnerhall, Walhalla Patriots oder Thor sind nur einige Beispiele hierf\u00fcr. Viele Bands bestehen nur f\u00fcr kurze Zeit. Teilweise handelt es sich um Projekte von Mitgliedern mehrerer Bands, die sich - mitunter nach nur einer gemeinsamen Produktion - wieder aufl\u00f6sen. Die Produzenten rechtsextremistischer Musik sind wegen des staatlichen Verfolgungsdrucks dazu \u00fcbergegangen, Liedtexte mit politischen Aussagen vor der Ver\u00f6ffentlichung auf Tontr\u00e4gern von Rechtsanw\u00e4lten auf ihre m\u00f6gliche strafrechtliche Relevanz \u00fcberpr\u00fcfen zu lassen. Sie versuchen auf diese Weise das finanzielle Risiko, das ihnen im Falle von Einziehungsund Beschlagnahmebeschl\u00fcssen droht, zu mindern. Die rechtsextremistische Skinhead-Band Kraftschlag hat ein Lied von der CD \"Trotz Verbot nicht tot\" aus dem Jahr 1992 in einer strafrechtlich unverf\u00e4nglichen Form auf der 2005 erschienenen CD \"Die wilden Jahre, Hits vom Index 89-95\" neu ver\u00f6ffentlicht. In der \"Originalversion\" lautete der Text: \"Es fliegen die Stiefel genauso wie die F\u00e4uste, niemand kann sie b\u00e4ndigen, die deutsche Kraftschlag-Meute. Ihr Linken in Deutschland, hier werdet Ihr nicht alt, Kraftschlag, Kraftschlag im Zeichen der Gewalt. Ihr Linken in Deutschland, hier werdet Ihr nicht alt, Kraftschlag, Kraftschlag ist Kraft durch Gewalt.\" Die ver\u00e4nderte Version enth\u00e4lt folgende Liedzeilen: \"Es fliegen die Stiefel, es ballen sich die F\u00e4uste, niemand kann sie b\u00e4ndigen, die deutsche Kraftschlag-Meute. Ihr Linken sollt wissen, in Deutschland wird es kalt, Kraftschlag, Kraftschlag es durch die Stra\u00dfen hallt. Ihr Linken sollt wissen, in Deutschland wird es kalt, Kraftschlag, Kraftschlag es durch die Stra\u00dfen hallt.\"","34 Rechtsextremismus Etwa ein Zehntel der Neuerscheinungen ist als strafrechtlich relevant einzustufen. Die Produktion dieser CDs erfolgt fast ausschlie\u00dflich im Ausland. Insbesondere amerikanische und skandinavische Vertriebe \u00fcbernehmen die Produktion von Tontr\u00e4gern, mit denen einschl\u00e4gige Bands in volksverhetzender Weise rechtsextremistisches Gedankengut verbreiten. Die Diskussionen in Internetforen zeigen, dass der Besitz solcher CDs prestigetr\u00e4chtig ist und der Profilierung dient. Ein Beispiel f\u00fcr eine solche Produktion ist die 2005 ver\u00f6ffentlichte CD \"Vorw\u00e4rts f\u00fcr Deutschland\" der aus MecklenburgVorpommern stammenden Band Bataillon 500. Das Lied \"Freiheit\" wird mit Ausschnitten aus einer Rede des nationalsozialistischen Propagandaministers Joseph Goebbels eingeleitet. Die sich anschlie\u00dfenden Textzeilen lauten: \"Ich glaube an das Reich und an den deutschen Sieg. Ich glaube an mein Volk und an den wei\u00dfen Rassenkrieg. Ich glaube an den F\u00fchrer, er war Deutschlands gr\u00f6\u00dfter Sohn. Ich glaube an die Wiedergeburt der wei\u00dfen Nation.\" Das Booklet des Tontr\u00e4gers zeigt einen Soldaten in Wehrmachtsuniform vor einem halb verdeckten Hakenkreuz sowie eine Abbildung Adolf Hitlers, auf der ebenfalls ein Hakenkreuz zu erkennen ist. Nicht nur die Musik selbst ist von Militanz gepr\u00e4gt, auch die Werbung f\u00fcr die CDs auf den Internetseiten der rechtsextremistischen Vertriebe erfolgt in aggressivem Ton. F\u00fcr die CD \"Die Antwort auf's System\" der Gruppe X.x.X. wirbt der rechtsextremistische Witwe Bolte-Versand (WB-Versand) folgenderma\u00dfen: \"Hass braucht keinen Namen. Hass ben\u00f6tigt ein Ventil. Und dieses Ventil ist in diesem Falle zweifelsohne die Musik. Die St\u00fccke auf dieser brandneuen Scheibe sind genau das richtige Ventil, um den Weihnachtsmann r\u00fcckw\u00e4rts den Kamin hinaufzujagen. ... Text und Musik sind ein Schlag in die Fresse des Systems.\" Zentrale Bedeutung f\u00fcr die Verbreitung rechtsextremistischer CDs haben jene rechtsextremistischen Musikvertriebe erlangt, die ihr Angebot in der Regel \u00fcber das Internet offerieren. Die Anzahl der f\u00fcr die deutsche Szene relevanten","Rechtsextremismus 35 Vertriebe hat von 50 im Jahr 2003 auf mittlerweile rund 75 Vertriebe zugenommen. In Niedersachsen sind die Vertriebe Front Records (Gittelde), Reichsversand (Buxtehude), Der Versand (G\u00f6ttingen) und Nordic Flame (Seevetal) ans\u00e4ssig. Aktivit\u00e4ten nieders\u00e4chsischer Skinhead-Bands Gegen\u00fcber dem Vorjahr verringerte sich die Anzahl nieders\u00e4chsischer Skinhead-Bands von zehn auf sieben Gruppen: Agitator (G\u00f6ttingen), Division Wiking (Lehrte), Donnerhall (Peine), Gigi & Die braunen Stadtmusikanten (Meppen), Cherusker (Osnabr\u00fcck) sowie Nordfront und Terroritorium aus dem Raum Hannover. Damit entwickelte sich die rechtsextremistische Bandszene in Niedersachsen r\u00fcckl\u00e4ufig - entgegengesetzt zum Bundestrend. Von einer Entwarnung kann aber dennoch nicht gesprochen werden, da auch die nieders\u00e4chsische Bandszene einem steten Wechsel unterliegt. Bundesweit war 2005 ein deutlicher Anstieg von 106 auf ca. 125 Bands zu verzeichnen. Die in der rechtsextremistischen Szene stark gefragte, aus drei Personen bestehende Gruppe Nordfront tritt h\u00e4ufig auch au\u00dferhalb Niedersachsens auf. Im Mai ver\u00f6ffentlichte die Band bereits ihre vierte CD. Der Werbetext, mit dem die \"Jahre der Schande\" betitelte CD im RockNord Shop angepriesen wurde, vermittelt einen plastischen Eindruck von der Art der musikalischen Darbietung und von der Wertsch\u00e4tzung der Band in der rechtsextremistischen Szene: \"Die Norddeutschen lassen es hier richtig krachen. Ein Hammer in Sachen Rechtsrock ist diese Scheibe durchweg. Es ist der Hass der 'W.s.r.'25 mit dem spielerischen K\u00f6nnen der 'Dunklen Macht' gepaart worden und dabei rausgekommen ist ein Meilenstein 'deutscher Tonkunst' mit in-die-Fresse-Texten in Sachen 'Sozialkritik'. Deutschland zieh Dich warm an, Nordfront kommen!!! Das beste Album ihrer Bandgeschichte.\" Die 16 Lieder der CD widmen sich den f\u00fcr die rechtsextremistische Musik typischen Themenbereichen Deutsches Reich und deutsches Volk, Vaterland, \u00dcberfremdung und Verherrlichung des Soldatentums. Die Werbetexte kokettieren mit einer m\u00f6glichen Indizierung der CD, um den Verkauf zu f\u00f6rdern. Eine Indizierung der rechtsextremistischen CD ist 25 \"W.s.r.\" = Werft sie raus. Laut Beschluss des AG Pinneberg vom 13. Februar 2002 erf\u00fcllt das bereits auf der Deb\u00fct-CD ver\u00f6ffentlichte Lied \"Werft sie raus\" den Strafbestand der Volksverhetzung. Der menschenverachtende Text des Liedes stachelt zum Hass gegen Teile der Bev\u00f6lkerung auf.","36 Rechtsextremismus bislang nicht erfolgt. Wie Nordfront absolvierte auch die ebenfalls aus der Region Hannover stammende Band Terroritorium im Jahr 2005 zahlreiche Konzertauftritte. Terroritorium hat bislang erst einen Tontr\u00e4ger - die CD \"Wir sagen nein\" - ver\u00f6ffentlicht. Eine zweite CD befand sich zum Jahresende in Vorbereitung, wie auf der seit dem 15. Dezember neu gestalteten Homepage der Skinhead-Band angek\u00fcndigt wurde. Die Bandmitglieder bekennen sich zu ihrer nationalistischen Gesinnung. Die Musik wird von ihnen bewusst als Transportmittel f\u00fcr politische Botschaften genutzt: \"Musik ist eine unserer st\u00e4rksten Waffen und die effektivste M\u00f6glichkeit, sich Geh\u00f6r zu verschaffen\", heben die Bandmitglieder in einer Selbstdarstellung auf der eigenen Homepage in fett gedruckten Lettern hervor. In den Liedtexten der Band \u00fcberwiegen revisionistische Positionen. W\u00e4hrend von der Lehrter Skinhead-Band Division Wiking, deren aktuelle CD \"Gewand der Wahrheit\" aus dem Jahr 2004 stammt, keine Aktivit\u00e4ten ausgingen, ver\u00f6ffentlichte die G\u00f6ttinger Band Agitator zum Jahresende ihre erste eigene CD mit dem Titel \"Die Stra\u00dfen sind frei!\" beim WB-Versand des Neonazis und NPD-Vorstandsmitgliedes Thorsten HEISE. Das wichtigste Magazin f\u00fcr rechtsextremistische Musik, die Zeitschrift RockNord, stellt ihren Lesern die Band mit folgenden Worten vor: \"Agitator kommen aus Niedersachsen. Sie beschreiben ihr Verh\u00e4ltnis zum politischen Gegner als gespannt. Im Gegensatz zu vielen Nachwuchskombos aus dem RAC-Bereich26 zeigen die 'musikalischen \u00dcberzeugungst\u00e4ter' Ecken und Kanten, pfeifen auf loyale Konsens-Antworten und liefern statt hohler Phrasen schlagfertige Bescheidenheit\". (RockNord, Nr. 118-119, August 2005, S. 34) Den weltanschaulichen Standpunkt der Bandmitglieder spiegelt der Refrain des Songs \"Das Lied\" der CD \"Die Stra\u00dfen sind frei!\" wider: \"Denn ich bin mit Leib und Seele Nazi, und ich wei\u00df mit Sicherheit, f\u00fcr mich kann's nichts Sch\u00f6neres geben, ich bleib Nazi, f\u00fcr alle Zeit.\" Neben der Produktion der ersten eigenen CD beteiligte 26 RAC = Rock Against Communism","Rechtsextremismus 37 sich die 2005 sehr aktive Band an zwei weiteren CDs. Zum Sampler \"Zur\u00fcck zu den Wurzeln\" steuerten Agitator und die Skinhead-Bands Oidoxie aus Nordrhein-Westfalen sowie Gegenschlag aus Hessen jeweils sechs Lieder bei. Am Ende des Jahres ver\u00f6ffentlichte Agitator gemeinsam mit der bayerischen Skinhead-Band Nordwind die CD \"... a very WHITE x-mas\", deren Beitr\u00e4ge - rechtsextremistische Interpretationen bekannter Weihnachtslieder - laut Werbetext \"zum Pogen unter dem Tannenbaum einladen\". Die CD gelangte allerdings erst nach dem Weihnachtsfest in den rechtsextremistischen Musikvertrieb. Die CD \"Gigi & Die braunen Stadtmusikanten\" (Untertitel: \"Braun is beautiful!\") aus dem Jahr 2004 ist die bislang einzige Ver\u00f6ffentlichung der gleichnamigen Formation. Hinter der Bezeichnung Gigi verbirgt sich Daniel GIESE, der ma\u00dfgeblich an den Bands Saccara und Stahlgewitter beteiligt war. Wenn in Foren oder Szenezeitschriften von Konzerten dieser Bands berichtet wird, dann bezieht sich dies auf Auftritte von GIESE, der gemeinsam mit wechselnden Musikern alte Lieder von Stahlgewitter spielt. Stahlgewitter selbst ist seit zwei Jahren inaktiv. Rechtsextremistische Konzerte An der Strategie zur Durchf\u00fchrung von Skinhead-Konzerten hat sich gegen\u00fcber den Vorjahren nichts ge\u00e4ndert. Konzerte werden nach wie vor vornehmlich in kleineren Orten durchgef\u00fchrt. Raumanmietungen erfolgen h\u00e4ufig unter der Angabe, eine von Musikdarbietungen umrahmte Geburtstagsfeier durchf\u00fchren zu wollen. Um Exekutivma\u00dfnahmen der Polizei zu unterlaufen, planen manche Konzertveranstalter doppelgleisig mit einer zweiten Veranstaltungsst\u00e4tte. Im Notfall werden die Besucher dann konspirativ per SMS \u00fcber einen neuen Treff zum Ersatzort umdirigiert. Die Aufl\u00f6sung von Konzerten hat f\u00fcr den Veranstalter erhebliche finanzielle Verluste zur Folge, da Zahlungen an die bereits angereisten Bands zu leisten sind, ohne dass diesen Kosten Einnahmen gegen\u00fcberstehen. Sofern bereits Eintrittsgelder entrichtet worden sind, m\u00fcssen diese in der Regel zur\u00fcckerstattet werden. Als Reaktion auf die staatlichen Ma\u00dfnahmen zeichnet sich ein Trend zur Verlagerung gr\u00f6\u00dferer Konzerte ins Ausland ab. Zu nennen sind neben Gro\u00dfbritannien, wo allj\u00e4hrlich im September unter Beteiligung auch nieders\u00e4chsischer Skinheads die Ian-Stuart-Memorial-Konzerte veranstaltet werden, Belgien, Elsass-Lothringen und das \u00f6sterreichische Bundesland Vorarlberg. Solche Gro\u00dfkonzerte, zu denen Teilnehmer aus","38 Rechtsextremismus vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern anreisen, verst\u00e4rken die internationale Verflechtung der rechtsextremistischen SkinheadSzene. 2005 sind in Niedersachsen f\u00fcnf Skinhead-Konzerte bekannt geworden. Die durchschnittliche Besucherzahl lag bei 120 Personen. Im Gegensatz zur Entwicklung in Niedersachsen war auf Bundesebene ein weiterer deutlicher Anstieg auf 193 Konzerte zu verzeichnen. Die bisherige H\u00f6chstzahl von 137 Konzerten in 2004 wurde damit weit \u00fcbertroffen. Die Schwerpunktregionen sind Sachsen, Th\u00fcringen und BadenW\u00fcrttemberg. Der Anstieg auf Bundesebene ist darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass Konzerte zunehmend auf Privatgel\u00e4nde und im Zusammenhang mit NPD-Veranstaltungen stattfinden. So wurde die rechtsextremistische Musikveranstaltung mit dem gr\u00f6\u00dften Zulauf am 2. April in P\u00f6\u00dfneck (Th\u00fcringen) im Anschluss an den NPD-Landesparteitag durchgef\u00fchrt. Mehr als 1000 Rechtsextremisten fanden sich zum Abschiedskonzert von Michael \"Lunikoff\" REGENER, dem Frontmann der verbotenen rechtsextremistischen Skinhead-Band Landser, ein, der kurz darauf eine mehrj\u00e4hrige Haftstrafe antreten musste. In Niedersachsen wurden rechtsextremistische Musikveranstaltungen in Tostedt und in Br\u00f6ckel (Landkreis Celle) durchgef\u00fchrt. In Tostedt wohnten am 29. Januar 190 Rechtsextremisten den Auftritten der Skinhead-Bands Confident of Victory (Brandenburg) und Civico 88 (Italien) bei. Am 26. M\u00e4rz fand ein f\u00fcr den Gro\u00dfraum Hannover angek\u00fcndigtes Skinhead-Konzert mit den Bands ARMCO (Italien), Last Riot (Sachsen), Lions Pride (Belgien) und After the Fire (Niederlande) in Br\u00f6ckel statt. Das Konzert wurde von 130 Rechtsextremisten besucht. Die Polizei erteilte vier Platzverweise; gegen zwei Personen wurden wegen des Zeigens des HitlerGru\u00dfes Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Aufkl\u00e4rungsarbeit und das konsequente Einschreiten der nieders\u00e4chsischen Sicherheitsbeh\u00f6rden erschweren die Organisation von rechtsextremistischen Musikveranstaltungen erheblich. Die Durchf\u00fchrung von drei Konzerten konnte verhindert werden. In einer Hildesheimer Gastst\u00e4tte sollte am 3. Dezember ein Konzert mit f\u00fcnf Bands stattfinden. Der Wirt, der von einer Geburtstagsfeier ausgegangen war, widerrief den Mietvertrag, nachdem ihn die Polizei \u00fcber den eigentlichen Zweck der Veranstaltung aufgekl\u00e4rt hatte. Daraufhin verbot die Polizei das Abspielen von Musik. Zu diesem Zeit-","Rechtsextremismus 39 punkt waren bereits mehr als 200 Rechtsextremisten und die Mitglieder der Skinhead-Band Nordfront anwesend. Ein am 10. Dezember in Bad Essen im Parkhotel als Einweihungsfeier geplantes Konzert mit den Skinhead-Bands Rachezug (Hessen), Cherusker, Gegenschlag und Words of Anger (Schleswig-Holstein) wurde von der Gemeinde verboten. Die Polizei richtete Kontrollstellen ein und stellte die Personalien der trotz Konzertverbot anreisenden Besucher fest. Im Gegensatz zur Entwicklung im Bereich der Skinhead-Konzerte hat die Anzahl von rechtsextremistischen Liederund Balladenabenden in Niedersachsen deutlich zugenommen. Nach drei Liederund Balladenabenden in 2004 mit durchschnittlich 55 Teilnehmern wurden in 2005 acht Veranstaltungen dieser Art registriert. In der Regel handelte es sich um das musikalische Rahmenprogramm von Vortragsund NPD-Veranstaltungen oder Geburtstagsund Grillfeiern. Die Liederabende wurden von durchschnittlich 85 Personen besucht. Nutzung des Internets durch Rechtsextremisten Das Internet hat als Kommunikationsmittel f\u00fcr Rechtsextremisten weiter zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die Anzahl der von deutschen Rechtsextremisten betriebenen Homepages betrug Ende 2005 1.000 Seiten27. Das Internet bietet Rechtsextremisten die M\u00f6glichkeit, in abgeschotteten, durch Passwort gesch\u00fctzten Bereichen miteinander zu kommunizieren. Zum Teil gelingt es ihnen auf diese Weise, Organisationsverbote zu unterlaufen und internationale Kontakte zu kn\u00fcpfen. Zudem erreichen \u00e4u\u00dferst fremdenfeindliche und antisemitische Botschaften \u00fcber das Internet einen Adressatenkreis, der weit \u00fcber das von den Verfassungsschutz\u00e4mtern beobachtete rechtsextremistische Personenpotenzial hinausreicht. Gerade auf Jugendliche \u00fcben die interaktiven Internetdienste eine besondere Faszination aus. Der Einstieg in rechtsextremistische Zusammenh\u00e4nge ist leicht m\u00f6glich, Gleichgesinnte sind schnell gefunden. Die Nutzung des Internets in der ganzen Bandbreite seiner M\u00f6glichkeiten setzt beim Anwender allerdings eine gewisse Grundkenntnis und kommunikative F\u00e4higkeiten 27 Gesamtzahl rechtsextremistischer Seiten im Internet; Bands, Parteien, Kameradschaften und sonstige rechtsextremistische Organisationen zusammengerechnet. (Quelle BfV, Dezember 2005)","40 Rechtsextremismus voraus. Der Umgang mit Musiktauschb\u00f6rsen (Downloads von MP3-Dateien), Foren, Chats (IRC, Messenger) und im Mailversand mit der Verschl\u00fcsselungssoftware PGP28 geh\u00f6ren heute zu dem auch in der rechtsextremistischen Skinhead-Szene verbreiteten Standard. Die M\u00f6glichkeiten des Internets sind von der rechtsextremistischen Skinhead-Musikszene l\u00e4ngst erkannt worden. Sie nutzt das Internet verst\u00e4rkt zur Selbstdarstellung und zur Verbreitung ihrer Produkte. Die meisten der bekannten Skinhead-Bands betreiben eine eigene Homepage, \u00fcber die Liedtexte und Musikst\u00fccke herunterzuladen sind. Insbesondere ausl\u00e4ndische Bands und Musiktauschb\u00f6rsen bieten \u00fcber das Internet Lieder und Texte mit strafrechtlich relevanten Inhalten an. Internetforen sind f\u00fcr die Skinhead-Szene von zunehmender Bedeutung. Die verschiedenen Foren f\u00f6rdern den Zusammenhalt durch den Austausch von Informationen und dienen der szeneinternen Kommunikation. Von den ca. 25 Foren sind als bedeutendste das Wikinger Forum, das Hatecore-Forum sowie das Nationale Forum zu nennen. Die ca. 830 Mitglieder des f\u00fcr die Szene meinungsbildenden Wikinger Forums haben sich zu \u00fcber 1.200 Themen mit rund 30.000 Beitr\u00e4gen ge\u00e4u\u00dfert. Das verbindende Element der Kommunikation in diesen Foren ist die rechtsextremistische Einstellung. Neonazistische Kameradschaften Das neonazistische Personenpotenzial ist auf Bundesebene seit Jahren kontinuierlich angestiegen. 2005 war ein erneuter Zuwachs von 3.800 auf 4.100 Personen zu beobachten. Diese Entwicklung wird von der \u00d6ffentlichkeit mit Besorgnis registriert, weil sich in ihr die zunehmende Ideologisierung junger Rechtsextremisten insbesondere im Osten Deutschlands dokumentiert. Neonazis sind in ihrer Weltanschauung gefestigter als subkulturell orientierte Rechtsextremisten. Die Pr\u00e4ventionsarbeit in diesem Bereich des Rechtsextremismus gestaltet sich deshalb weit schwieriger. 28 Abk. f\u00fcr Pretty Good Privacy, ein im Internet f\u00fcr die gesch\u00fctzte \u00dcbermittlung von Datens\u00e4tzen verwendetes Datenverschl\u00fcsselungssystem.","Rechtsextremismus 41 Im Gegensatz zur Zunahme auf Bundesebene ist die Entwicklung in Niedersachsen unver\u00e4ndert. Dem neonazistischen Spektrum sind unver\u00e4ndert 365 Rechtsextremisten zuzurechnen. Entstehungsgeschichte Um die in der ersten H\u00e4lfte der neunziger Jahre verf\u00fcgten Verbote verschiedener neonazistischer Organisationen (s. \u00dcbersicht) zu unterlaufen, entwickelten hiervon betroffene Neonazianf\u00fchrer wie Thomas WULFF29, Christian WORCH30 und Thorsten HEISE31 mit den neonazistischen Kameradschaften eine Organisationsform ohne greifbare verbotsf\u00e4hige formale Strukturen und Mitgliedschaften. Die Kameradschaften sind neben einzeln oder in Cliquen agierenden Neonazis Bestandteil der so genannten freien nationalen Strukturen, weshalb sich Kameradschaftsmitglieder h\u00e4ufig auch als Freie Nationalisten bezeichnen, die \"\u00fcber alle Parteigrenzen und Organisationszw\u00e4nge hinweg \u00fcberall dort aktiv ... werden, wo es dem Kampf um Deutschland nutzt.\" (Internet: Autorenkollektiv: Leitfaden \"Freier Nationalist - Mein Selbstverst\u00e4ndnis\", Stand 26. Januar) Urspr\u00fcnglich waren die f\u00fcnf bis 25 Mitglieder umfassenden Kameradschaften als Kristallisationspunkte neonazistischer Agitation und Aktion auf \u00f6rtlicher Ebene konzipiert. Im Verlaufe der letzten zehn Jahre hat sich das Kameradschaftsmodell ausdifferenziert und damit zum Teil von den urspr\u00fcnglichen Intentionen entfernt. W\u00e4hrend in den \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern ideologisch gefestigte Kameradschaften dominieren, ist das Erscheinungsbild der nieders\u00e4chsischen Kameradschaften eher heterogen. Ihre Aktivit\u00e4ten sind sehr viel h\u00e4ufiger gruppenzentriert und weniger au\u00dfenorientiert. So genannte Mischkameradschaften aus rechtsextremistischen Skinheads und Neonazis, wie sie das Erscheinungsbild in Niedersachsen pr\u00e4gen, engagieren sich weniger intensiv und dauerhaft als Kameradschaften, deren Mitglieder von einer gefestigten neonazistischen Weltanschauung geleitet sind. 29 WULFF war Vorsitzender der verbotenen neonazistischen Gruppierung Nationale Liste (NL). 30 WORCH war stellvertretender Vorsitzender der verbotenen neonazistischen Gruppierung Nationale Liste (NL). 31 HEISE war nieders\u00e4chsischer Landesvorsitzender der verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP).","42 Rechtsextremismus Bei der Entwicklung von Pr\u00e4ventionsans\u00e4tzen sind diese regionalspezifischen Unterschiede zu beachten. Die Kameradschaften rekrutieren ihre Mitglieder aus den \u00f6rtlichen unstrukturierten rechtsextremistischen Szenen. Die Kontaktaufnahme erfolgt zumeist aufgrund pers\u00f6nlicher Bekanntschaft oder bei szenerelevanten Gemeinschaftsveranstaltungen. Von besonderer Bedeutung sind die Skinhead-Konzerte, durch die an rechtsextremistischer Musik interessierte, charakterlich noch ungefestigte Jugendliche h\u00e4ufig erstmals in direkten Kontakt mit Neonazis treten. In Niedersachsen ist diese Rekrutierungsm\u00f6glichkeit wegen der geringen Anzahl von zudem noch konspirativ durchgef\u00fchrten Konzerten nicht in vergleichbarem Ma\u00dfe gegeben wie in anderen Bundesl\u00e4ndern. Das Einstiegsalter liegt bei etwa 16 Jahren; die Mehrheit der Kameradschaftsmitglieder geh\u00f6rt zur Altersgruppe der 20bis 25-J\u00e4hrigen. Frauen spielen in der auf \"M\u00e4nnlichkeitstugenden\" (St\u00e4rke, Kampf) fixierten neonazistischen Szene eine nur untergeordnete Rolle. Ihr Anteil betr\u00e4gt in Niedersachsen lediglich etwa 10 %. Sehr selten nehmen sie F\u00fchrungsfunktionen wahr. Von besonderer Bedeutung f\u00fcr die Bildung und den Bestand einer Kameradschaft ist ein Anf\u00fchrer. F\u00fcr seine Akzeptanz sind Kontakte zur \u00fcberregionalen rechtsextremistischen Szene wichtig, die es ihm erm\u00f6glichen, als \u00f6rtlicher bzw. regionaler Multiplikator f\u00fcr szenerelevante Informationen, z. B. Demonstrationsund Konzerttermine, zu fungieren. Das Kontaktnetz des Kameradschaftsf\u00fchrers, die Intensit\u00e4t und die Qualit\u00e4t seiner Beziehungen zu rechtsextremistischen Organisationen und F\u00fchrungsfiguren, aber auch sein Wille zur Gestaltung und Organisation sind entscheidend f\u00fcr den internen Rang und die Ausrichtung einer Kameradschaft. Die Aktionsb\u00fcros, die von der neonazistischen Szene zur \u00fcberregionalen Koordination der Aktivit\u00e4ten eingerichtet wurden, haben wegen der in den letzten Jahren deutlich gewachsenen Ausbreitung der modernen Kommunikationsmittel Mobiltelefon und Internet an Bedeutung verloren. Das von Hamburg aus operierende, f\u00fcr die Vernetzung der Kameradschaften im norddeutschen Bereich zust\u00e4ndige Aktionsb\u00fcro Nord beschr\u00e4nkt sich inzwischen ausschlie\u00dflich auf Internetpr\u00e4senz. Ideologie In ideologischer Hinsicht eint die Kameradschaftsmitglieder das unterschiedlich ausgepr\u00e4gte Bekenntnis zum historischen Nationalsozialismus.","Rechtsextremismus 43 Aus den \u00fcbereinstimmenden Ideologieelementen und Feindbildern resultiert das politische Zusammenwirken der neonazistischen Kameradschaften mit der NPD. Beide Str\u00f6mungen des Rechtsextremismus streben die Errichtung einer Volksgemeinschaft an. Mit dem Begriff Volksgemeinschaft verbindet sich die Vorstellung von einer die Individualrechte negierenden totalit\u00e4ren Herrschaftsform, in der Klassenund Parteiengegens\u00e4tze aufgehoben sein sollen. Diese Zielvorstellung teilen sie mit dem historischen Nationalsozialismus. Aus dem gemeinsamen Ziel der Errichtung einer Volksgemeinschaft erwachsen zugleich aber auch erhebliche Differenzen zwischen den so genannten Freien Nationalisten und der NPD. Aus Sicht einiger Nationalisten akzeptiert die NPD durch die Beteiligung an Wahlen die Spielregeln einer parlamentarischen Demokratie und begeht damit Verrat an der Zielsetzung, die bestehende Gesellschaftsordnung auf revolution\u00e4rem Wege durch eine Volksgemeinschaft zu ersetzen. Die Eintritte f\u00fchrender Neonazis wie WULFF und HEISE in die NPD l\u00f6sten \u00fcberdies in Teilen des neonazistischen Spektrums die Besorgnis aus, dass sie von der als Systempartei bezeichneten NPD instrumentalisiert werden sollten. Dennoch konnte die NPD in den Wahlk\u00e4mpfen des Jahres 2005 auf die Unterst\u00fctzung gro\u00dfer Teile der Nationalisten zur\u00fcckgreifen. Das taktische Kalk\u00fcl und die inhaltlichen Differenzen dieser Zusammenarbeit verdeutlicht folgende im Internet verbreitete Grundsatzerkl\u00e4rung: \"Wir lehnen dieses System mit all seinen kranken gegen das eigene Volk gerichteten Ausw\u00fcchse ab. Wir wollen dieses asoziale System nicht reformieren, sondern abschaffen und ersetzen! ... Viele nationale Aktivisten, die sich auf Grund ihrer systemfeindlichen Haltung nicht in Parteien organisiert haben, sehen ... (aber) in der Unterst\u00fctzung der NPD bei Wahlen eine M\u00f6glichkeit, die Akzeptanz nationaler Standpunkte in der Bev\u00f6lkerung zu testen und die eigene Basisarbeit zu intensivieren. ... Probleme mit dem Kurs der Partei, mit Kandidaten, deren Weltbild von uns nur als feindlich wahrgenommen werden kann, ... spielen bei diesen \u00dcberlegungen keine Rolle.\" (Grundsatzerkl\u00e4rung: Warum unterst\u00fctzen freie nationale Strukturen die NPD im Wahlkampf, Internet-Ausdruck vom 20. Oktober) Die Kooperation zwischen den Freien Nationalisten und der NPD weist also Bruchlinien auf. Das Abschneiden der NPD bei zuk\u00fcnftigen Wahlen d\u00fcrfte die Akzeptanz der Zusammenarbeit ma\u00dfgeblich beeinflussen.","44 Rechtsextremismus Kameradschaften in Niedersachsen Von den bundesweit ca. 160 aktiven neonazistischen Kameradschaften sind dem NLfV etwa 20 in Niedersachsen bekannt. Das neonazistische Potenzial in Niedersachsen umfasst insgesamt 365 Rechtsextremisten. Im Unterschied zu den Kameradschaften in den neuen Bundesl\u00e4ndern, bei denen - der urspr\u00fcnglichen Konzeption entsprechend - in der Regel die politische Agitation im Vordergrund steht, kennzeichnet die nieders\u00e4chsischen Kameradschaften eher eine diffuse rechtsextremistische Weltanschauung und nicht ein besonderer Wille zum koordinierten politischen Handeln. Insofern hat sich der Kameradschaftsgedanke in Niedersachsen gegen\u00fcber den Vorstellungen und Zielsetzungen des Organisationsmodells weitgehend verselbstst\u00e4ndigt. Die in der Vergangenheit aktive Kameradschaft Weserbergland, die zu Beginn des Jahres durch ein Strafverfahren gegen ein f\u00fchrendes Mitglied erneut in den Blickpunkt der \u00d6ffentlichkeit r\u00fcckte, gab zwischenzeitlich bekannt, dass sie sich vor dem Hintergrund einer zunehmenden \"Kriminalisierung ihrer Mitglieder\" und einem m\u00f6glicherweise bevorstehenden Verbotsverfahren k\u00fcnftig lediglich als organisationsund strukturlose Plattform des \"nationalen Widerstandes\" in den Regionen Hannover, Deister, Schaumburg, Hameln, Nienburg und Ostwestfalen versteht. Ehemals f\u00fchrende Kameradschaftsmitglieder bet\u00e4tigen sich seither nur noch als Einzelaktivisten f\u00fcr die NPD und deren Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten. \u00dcber vereinzelte Klebeaktionen, einen Infotisch und eine Demonstration mit geringer Beteiligung ist dieses Engagement im Jahr 2005 nicht hinausgegangen. Mittlerweile ist die Kameradschaft mit eigener Homepage wieder im Internet vertreten und \"hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem volksfeindlichem System und der menschenfeindlichen Gesellschaft in diesem Lande etwas entgegenzusetzen.\" (Fehler aus dem Original \u00fcbernommen) (Internet-Ausdruck vom 28.03.2006) Der Kameradschaft Nationalrevolution\u00e4re Alternative Neuhaus/Elbe, die sich mittlerweile in Nationale Sozialisten Neuhaus/Elbe umbenannt hat und Verbindungen zum bundesweit agierenden Kampfbund Deutscher Sozialisten (KDS)32 unterh\u00e4lt, geh\u00f6ren weniger als zehn Personen an. Dennoch gehen von dieser Gruppierung vielf\u00e4ltige politische Aktivit\u00e4ten aus. Neben der Teilnahme an Demonstrationen der Nationalisten entwirft, produziert und verbreitet die Kameradschaft Propagandamaterial in Form von Plakaten und","Rechtsextremismus 45 Flugbl\u00e4ttern, gibt mit dem Neuhauser Sturm ein regelm\u00e4\u00dfig erscheinendes eigenes Informationsblatt heraus und f\u00fchrte am 23. April - allerdings ohne \u00f6ffentliche Resonanz - eine Standkundgebung zum Thema \"Volksgemeinschaft statt Sozialabbau\" durch. Die B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr Zivilcourage Hildesheim verbreitete anl\u00e4sslich ihres einj\u00e4hrigen Bestehens im Internet, sie habe im Rahmen ihrer \"\u00d6ffentlichkeitsarbeit\" innerhalb eines Jahres ca. 100.000 Flugbl\u00e4tter verteilt. Dar\u00fcber hinaus versucht die Gruppierung - ebenso wie ihr im Juli gegr\u00fcndeter Ableger, die B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr Zivilcourage Celle -, mit zeitgeschichtlichen und aktuellen Beitr\u00e4gen politisch-ideologische Au\u00dfenwirkung zu erzielen, die sie \u00fcber das Internet verbreitet. Die f\u00fcr diese Zwecke eingerichtete eigene Homepage wendet sich mit einer eigenen Rubrik an Jugendliche. In Celle machte am 2. September eine Gruppe Rechtsextremisten mit einer St\u00f6raktion gegen eine Wahlkampfveranstaltung der SPD auf sich aufmerksam. Zw\u00f6lf in schwarz gekleidete und in Marschformation angetretene Rechtsextremisten, die einschl\u00e4gige Parolen skandierten, gaben sich als Nationaler Widerstand Celle zu erkennen. Zu dieser Gruppe geh\u00f6rten auch Mitglieder der B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr Zivilcourage. Ebenfalls auf politisch-ideologische Au\u00dfenwirkung gerichtet sind die Aktivit\u00e4ten der Kameradschaft Gifhorn und der Snevernjungs aus Schneverdingen. Beide Kameradschaften ver\u00f6ffentlichten auf ihren Internetseiten Erlebnisberichte \u00fcber die Teilnahme an Veranstaltungen oder Demonstrationen der rechtsextremistischen Szene, CDund Buchbesprechungen. Die Kameradschaft Gifhorn tritt auch unter den Bezeichnungen Widerstand Gifhorn oder Freie Nationalisten Gifhorn in Erscheinung. Die Kameradschaft Salzgitter versucht auf anderem Wege, \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Bereits seit 32 Der KDS wurde am 1. Mai 1999 gegr\u00fcndet. Ziel der ca. 50 Mitglieder starken nationalrevolution\u00e4ren Organisation ist es, linke und rechte revolution\u00e4re Kr\u00e4fte auf der Basis eines Bekenntnisses zu Volk und Heimat zu einem B\u00fcndnis zusammenzufassen. Seit etwa 2000 bezeichnen sich deutsche Rechtsextremisten insbesondere aus dem Umfeld der neonazistischen Kameradschaften als nationalrevolution\u00e4r bzw. als \"nationale Sozialisten\". Sie versuchen mit einer so genannten Querfrontstrategie an urspr\u00fcnglich linke Konzepte und Theorien anzukn\u00fcpfen.","46 Rechtsextremismus mehreren Jahren tritt eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl rechtsextremistischer Jugendlicher unter dieser Bezeichnung bei Demonstrationen auf. Regelm\u00e4\u00dfige Treffen oder Veranstaltungen finden nicht statt, weshalb nicht von einer Kameradschaft im urspr\u00fcnglichen Sinne gesprochen werden kann. Vielmehr handelt es sich um eine Bezeichnung, unter der die gesamte neonazistische Szene im Raum Salzgitter und Umgebung auftritt, wenn sie von f\u00fchrenden Aktivisten f\u00fcr Gro\u00dfereignisse wie Demonstrationen mobilisiert wird. Bei Demonstrationen ist auch regelm\u00e4\u00dfig die von HEISE gegr\u00fcndete und gef\u00fchrte Kameradschaft Northeim vertreten. Die Kameradschaftsund Schulungsabende, die fr\u00fcher von einem relativ gro\u00dfen Personenkreis besucht wurden, haben seit dem Umzug HEISEs nach Fretterode in Th\u00fcringen f\u00fcr die Szene an Bedeutung verloren. Strukturen, die auf engen pers\u00f6nlichen Kontakten von Rechtsextremisten zu HEISE basieren, bestehen aber unver\u00e4ndert fort. Der regionale Schwerpunkt hat sich allerdings von Niedersachsen nach Th\u00fcringen verschoben. An den Gemeinschaftsveranstaltungen der Kameradschaft nehmen aber nach wie vor auch Rechtsextremisten aus dem s\u00fcdnieders\u00e4chsischen Raum teil. Die Kameradschaft Honour & Pride fiel erstmals im Zusammenhang mit einem am 29. Januar in Braunschweig veranstalteten Skinhead-Konzert auf. Einige Teilnehmer trugen T-Shirts mit dem Kameradschaftsnamen und den Zus\u00e4tzen Braunschweig und Nordharz, woraus ersichtlich wird, dass die Gruppierung im s\u00fcd\u00f6stlichen Niedersachsen angesiedelt ist. Die Aktivit\u00e4ten der Kameradschaft konzentrieren sich auf die rechtsextremistische Musikund Veranstaltungsszene, politische Aktivit\u00e4ten wurden bisher nicht beobachtet. Am 30. Juli veranstaltete die Kameradschaft in Salzgitter ein \"nationales\" Fu\u00dfballturnier, an dem ca. 150 Personen teilnahmen. \u00dcber das Turnier wurde u. a. auf der Internetseite der B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr Zivilcourage Celle berichtet. Ebenso wie Skinhead-Konzerte dienen auch solche Gemeinschaftsveranstaltungen der F\u00f6rderung des Zusammenhalts innerhalb der Szene. Bei dieser Gelegenheit werden Kontakte gekn\u00fcpft und gepflegt, Informationen ausgetauscht und nicht selten auch weltanschaulich noch nicht gefestigte Szeneanh\u00e4nger durch die Vermittlung eines Gemeinschaftsgef\u00fchls eingebunden. \u00dcberregionale Aktivit\u00e4ten von Kameradschaften Die Freien Nationalisten f\u00fchrten im Jahr 2005 in Niedersachsen zwar keine eigenst\u00e4ndigen Demonstrationen durch, sie beteiligten sich aber an den von der NPD durchgef\u00fchrten","Rechtsextremismus 47 Aufz\u00fcgen in Verden, Braunschweig, Oldenburg, Langwedel und G\u00f6ttingen. Kameradschaftsmitglieder aus Niedersachsen nahmen au\u00dferdem an den Demonstrationen anl\u00e4sslich der Jahrestage der Bombardierung von Magdeburg und Dresden am 15. Januar und 13. Februar teil. Ferner beteiligten sie sich an den rechtsextremistischen Kundgebungen, die am 1. Mai in Leipzig aus Anlass des Tages der Arbeit und am 8. Mai in Berlin aus Anlass des 60. Jahrestages der deutschen Kapitulation durchgef\u00fchrt wurden. Von besonderer Bedeutung f\u00fcr den Zusammenhalt der neonazistischen Szene auf \u00fcberregionaler Ebene sind die Veranstaltungen, die allj\u00e4hrlich zum Gedenken an den Hitler-Stellvertreter Rudolf He\u00df durchgef\u00fchrt werden. Im Mittelpunkt dieser Aktivit\u00e4ten steht seit Jahren eine zentrale Kundgebung in Wunsiedel, der Grabst\u00e4tte von He\u00df, der 1987 im Spandauer Kriegsgef\u00e4ngnis Selbstmord beging. Die neonazistische Szene bezweifelt die offizielle Darstellung der Todesumst\u00e4nde und verehrt He\u00df als einen M\u00e4rtyrer des Friedens, der einem Komplott der britischen Au\u00dfenpolitik zum Opfer gefallen sei, so der seit 2004 erscheinende Taschenkalender des \"nationalen Widerstandes\". Die vom Hamburger Rechtsanwalt und Neonazi RIEGER bereits zum f\u00fcnften Mal in Wunsiedel f\u00fcr den 20. August geplante Kundgebung wurde unter Berufung auf die am 1. April in Kraft getretenen \u00c4nderungen des Versammlungsgesetzes und des Strafgesetzbuches verboten. Den neuen rechtlichen Bestimmungen zufolge macht sich strafbar, wer \u00f6ffentlich oder in einer Versammlung den \u00f6ffentlichen Frieden in einer die W\u00fcrde der Opfer verletzenden Weise dadurch st\u00f6rt, dass er die nationalsozialistische Willk\u00fcrherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt. Als Reaktion auf die f\u00fcr die rechtsextremistische Szene offensichtlich \u00fcberraschende gerichtliche Verbotsbest\u00e4tigung wurden in mehreren deutschen St\u00e4dten kurzfristig Demonstrationen angemeldet. Infolge des Verbots einer solchen Ersatzveranstaltung in Magdeburg f\u00fchrten Neonazis, die hiervon auf der Anreise \u00fcberrascht worden waren, am 20. August in Peine eine nicht angemeldete Kundgebung durch, an der sich ca. 500 Rechtsextremisten aus dem Saarland, Baden-W\u00fcrttemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen beteiligten. Auf dem Weg skandierten sie Parolen wie \"Rudolf He\u00df - M\u00e4rtyrer f\u00fcr Deutschland\" oder \"Ruhm und Ehre der Waffen-SS\". Zu einer weiteren Veranstaltung mit \u00fcberregionaler Bedeutung hat sich mittlerweile das \"Heldengedenken\" im","48 Rechtsextremismus brandenburgischen Halbe entwickelt. In Halbe, dem Ort der letzten Kesselschlacht des Zweiten Weltkrieges, befindet sich die gr\u00f6\u00dfte Kriegsgr\u00e4berst\u00e4tte auf deutschem Boden. Der vom Hamburger Neonazi WORCH f\u00fcr den 12. November angemeldete Demonstrationsaufzug stand unter dem Motto \"Ruhm ist: Mitgedacht zu werden, wenn an ein ganzes Volk gedacht wird\". Aufgrund der Blockade der Aufmarschstrecke durch ca. 1.000 Gegendemonstranten konnte die Demonstration nicht wie geplant durchgef\u00fchrt werden. Die Teilnehmerzahl blieb mit 1.700 Rechtsextremisten hinter den Erwartungen der Veranstalter zur\u00fcck.","Rechtsextremismus 49 Verbote neonazistischer Vereinigungen Verbotsverf\u00fcg. Vereinigung Verbotsbeh\u00f6rde 26.11.1992 Nationalistische Front (NF) Bundesministerium des Innern 08.12. 1992 Deutsche Alternative (DA) Bundesministerium des Innern 18.12.1992 Deutscher Nieders\u00e4chsisches Kameradschaftsbund (DKB) Innenministerium 21.12.1992 Nationale Offensive (NO) Bundesministerium des Innern 07.06.1993 Nationaler Block (NB) Bayerisches Staatsministerium des Innern 08.07.1993 Heimattreue Vereinigung Innenministerium Deutschlands (HVD) des Landes Baden-W\u00fcrttemberg 25.08.1993 Freundeskreis Freiheit f\u00fcr Innenministerium Deutschland (FFD) des Landes Nordrhein-Westfalen 10.11.1994 Wiking Jugend e.V. (WJ) Bundesministerium des Innern (auf Initiative des Nieders\u00e4chsischen Innenministeriums) 24.02.1995 Freiheitliche Deutsche Bundesministerium Arbeiterpartei (FAP) des Innern (auf Initiative des Nieders\u00e4chsischen Innenministeriums) 22.02.1995 Nationale Liste (NL) Beh\u00f6rde f\u00fcr Inneres Hamburg 12.05.1995 Direkte Aktion/MittelInnenministerium des deutschland (JF) Landes Brandenburg 22.07.1996 Skinheads Allg\u00e4u Bayerisches Staatsministerium des Innern","50 Rechtsextremismus 14.08.1997 Kameradschaft Oberhavel Innenministerium des Landes Brandenburg 09.02.1998 Heide-Heim e.V. und HeideNieders\u00e4chsisches heim e.V. Innenministerium 10.08.2000 Hamburger Sturm Beh\u00f6rde f\u00fcr Inneres Hamburg 12.09.2000 Blood & Honour -Division Bundesministerium Deutschland des Innern mit Jugendorganisation White Youth 03.04.2001 Skinheads S\u00e4chsische Schweiz S\u00e4chsisches (SSS) mit Skinheads S\u00e4chsische Staatsministerium Schweiz - Aufbauorganisatides Innern onen und Nationaler Widerstand Pirna 07.03.2003 B\u00fcndnis nationaler Sozialisten Innenministerium des f\u00fcr L\u00fcbeck Landes Schleswig-Holstein 19.12.2003 Fr\u00e4nkische Aktionsfront Bayerisches Staatsministerium des Innern 07.03.2005 Kameradschaft Tor Innensenator des \"M\u00e4delgruppe\" der KameLandes Berlin radschaft Tor 07.03.2005 Berliner Alternative S\u00fcd-Ost Innensenator des (BASO) Landes Berlin 12.04.2005 Kameradschaft Hauptvolk mit Innenministerium des Untergruppierung \"Sturm 27\" Landes Brandenburg 14.07.2005 Alternative Nationale StrausInnenministerium des berger DArt Piercing und Landes Brandenburg Tattoo Offensive (ANSDAPO)","Rechtsextremismus 51 Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e. V. (HNG) Sitz: Frankfurt a.M. Vorsitzende: Ursula M\u00dcLLER (Mainz) Mitglieder 2004 2005 Bund: 600 600 Niedersachsen: 60 55 Publikation: Nachrichten der HNG (monatl., Aufl. 600 Exemplare) Die 1979 gegr\u00fcndete und seit 1991 von Ursula M\u00dcLLER aus Mainz geleitete HNG ist seit Jahren die mitgliederst\u00e4rkste neonazistische Organisation. Wegen ihrer organisations\u00fcbergreifenden Ausrichtung kommt ihr eine integrierende Funktion f\u00fcr die neonazistische Szene zu. \u00dcber regionale Untergliederungen verf\u00fcgt die Organisation nicht. Mit Ausnahme der Hauptversammlung, die am 16. April unter Beteiligung von 140 Mitgliedern im bayerischen Gremsdorf stattfand, f\u00fchrt die HNG keine Veranstaltungen durch. Die T\u00e4tigkeit der Organisation konzentriert sich auf die Betreuung inhaftierter deutscher und ausl\u00e4ndischer Neonazis mit dem Ziel, ein Abwenden von der neonazistischen Szene zu verhindern. Insofern laufen die Aktivit\u00e4ten der Organisation den Bem\u00fchungen staatlicher Aussteigerhilfen zuwider, die rechtsextremistischen Straft\u00e4ter zum Ausstieg aus der Szene verhelfen m\u00f6chte. Jede Ausgabe der monatlich erscheinenden Publikation Nachrichten der HNG enth\u00e4lt zur Kontaktvermittlung eine Liste mit den Namen inhaftierter Rechtsextremisten, darunter auch nieders\u00e4chsische Rechtsextremisten. Feste Bestandteile einer Ausgabe sind dar\u00fcber hinaus Briefe von Gefangenen an die Schriftleitung, Berichte \u00fcber rechtsextremistische Aktionen und Kommentare zu Gerichtsurteilen und staatlichen Ma\u00dfnahmen im Zusammenhang mit rechtsextremistischen Aktivit\u00e4ten. In jeder Ausgabe erkl\u00e4rt die HNG, ihr gehe es darum, \"die Eingriffe des BRD-Regimes in die politischen Grundfreiheiten national denkender Menschen m\u00f6glichst l\u00fcckenlos zu","52 Rechtsextremismus dokumentieren ..., um die Verantwortlichen sp\u00e4ter einmal zur Rechenschaft ziehen zu k\u00f6nnen\". Neben den festen Rubriken enthalten die Nachrichten der HNG redaktionelle Beitr\u00e4ge, die der ideologischen Aufr\u00fcstung des neonazistischen Lagers dienen. So werden in der Februar-Ausgabe die \"anglo-amerikanischen Bomben-Terrorangriffe\" des Zweiten Weltkrieges in zynischer Form mit der Flutkatastrophe in S\u00fcdostasien verglichen. Die in einem von der Ausl\u00e4nderbeauftragten der Bundesregierung herausgegebenen Buch enthaltenen Vorschl\u00e4ge zur Integration von Ausl\u00e4ndern kommentieren die HNG-Nachrichten im April mit den Worten: \"Das unerw\u00fcnschte in Deutschland ist der Deutsche! Das Verbot alles Deutschen, das W\u00fcnschenswerteste allen antideutschen Minusseelen.\"33 Ganz in der Tradition des historischen Nationalsozialismus besch\u00e4ftigt sich die Mai-Ausgabe mit dem \"Muttertum\" und der Rolle der \"deutschen Frau (als) Tr\u00e4gerin der Zukunft ... des Volkes\". In dem aus Anlass des Jahrestages des N\u00fcrnberger Kriegsverbrecherprozesses ver\u00f6ffentlichten Beitrag \"\u00dcber Galgen w\u00e4chst kein Gras\" ist vom Auftakt der angeblich unrechtm\u00e4\u00dfigen Verfolgung \"national-denkender\" Menschen die Rede. Der in N\u00fcrnberg zu lebenslanger Haft verurteilte Hitler-Stellvertreter Rudolf He\u00df ist f\u00fcr die HNG die Symbolfigur der \"unterdr\u00fcckten Freiheit in Deutschland\". Jede Ausgabe der HNG-Nachrichten enth\u00e4lt ein Foto des Hitler-Stellvertreters. Aus dem Bekenntnis zu He\u00df und damit zum historischen Nationalsozialismus leitet die HNG ihren selbstgestellten Auftrag zur Betreuung rechtsextremistischer Gefangener ab. 33 Schreibweise im Original","Rechtsextremismus 53 Rechtsextremistische Parteien Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) Sitz Bund: Berlin Niedersachsen: L\u00fcneburg Vorsitzende Bund: Udo VOIGT Niedersachsen: Ulrich EIGENFELD Mitglieder 2004 2005 Bund: 5.300 6.000 Niedersachsen: 460 580 Publikationen Bund: Deutsche Stimme (monatlich, Aufl. 21.000 Exemplare) Niedersachsen: Niedersachsen-Spiegel (viertelj\u00e4hrlich, Auflagenh\u00f6he nicht bekannt) Die NPD wurde am 28.11.1964 in Hannover als \"Sammlung des nationalen Lagers\" von Vertretern der Deutschen Partei, der Gesamtdeutschen Partei/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten und der Deutschen Reichspartei (DRP) gegr\u00fcndet. Die DRP, die zu diesem Zeitpunkt gr\u00f6\u00dfte rechtsextremistische Partei, stand in der Tradition der 1952 wegen ihrer Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus vom Bundesverfassungsgericht verbotenen Sozialistischen Reichspartei. In den Jahren 1966 bis 1968 gelang der NPD der Einzug in sieben Landesparlamente. In Niedersachsen erreichte sie bei der Landtagswahl von 1967 7 % der Stimmen. Das Scheitern bei der Bundestagswahl des Jahres 1969 mit 4,3 % der Stimmen leitete einen Abstieg der Partei ein. Ihr Mitgliederstand verringerte sich von 28.000 im Jahr 1969 auf 8.500 im Jahr 1978. Den absoluten Tiefpunkt markierte das Jahr 1995, als der NPD nach parteiinternen Auseinandersetzungen um den wegen rechtsextremistischer Delikte zu einer mehrj\u00e4hrigen Haftstrafe verurteilten Parteivorsitzenden G\u00fcnter DECKERT nur noch 2.800 Mitglieder angeh\u00f6rten. Erst die \u00dcbernahme des Parteivorsitzes durch den bayerischen NPD-Funktion\u00e4r Udo VOIGT im Jahre 1996 leitete eine Aufw\u00e4rtsentwicklung ein. VOIGT \u00f6ffnete die vergangenheitsbezogene und \u00fcberalterte Partei f\u00fcr Neonazis und","54 Rechtsextremismus rechtsextremistische Skinheads. Die NPD nutzte das Parteienprivileg, um parteiungebundenen Neonazis Demonstrationsspielraum zu verschaffen. Insbesondere bei den Kundgebungen gegen die so genannte Wehrmachtsausstellung wirkten NPD-Mitglieder und Freie Nationalisten zusammen. Infolge dieser \u00d6ffnungspolitik stieg die Mitgliederzahl vor\u00fcbergehend auf 6.500. Dieser Prozess war begleitet von einer immer st\u00e4rker ausgepr\u00e4gten neonazistischen Akzentuierung der programmatischen Positionen. Das von Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die NPD angestrengte Verbotsverfahren hatte zur Folge, dass die Mitgliederzahl auf 5.000 Personen sank, nicht zuletzt weil die NPD-F\u00fchrung die Zusammenarbeit mit den neonazistischen Kr\u00e4ften aus verfahrenstaktischen Gr\u00fcnden reduzierte. Nach dem Scheitern des Verbotsverfahrens begann eine neue Phase der Zusammenarbeit mit den Freien Nationalisten. F\u00fchrende Neonazis gelangten auf dem Bundesparteitag des Jahres 2004 in den Bundesvorstand der NPD. Im Bem\u00fchen, das gesamte rechtsextremistische Spektrum hinter sich zu sammeln, propagierte die NPD auf demselben Parteitag den \"Kampf um den organisierten Willen\", der durch die Anfang 2005 im \"Deutschland-Pakt\" zwischen der NPD und der DVU vereinbarte Zusammenarbeit bei Wahlen erg\u00e4nzt wird. Organisation und Mitgliederentwicklung Der Einzug der NPD in den S\u00e4chsischen Landtag im September 2004 steigerte die Attraktivit\u00e4t der Partei im rechtsextremistischen Lager, die sich auch in einem Mitgliederzuwachs in allen Bundesl\u00e4ndern niederschlug. Am Ende des Jahres geh\u00f6rten der NPD 6.000 Mitglieder (2004: 5.300) an. St\u00e4rkste Untergliederung ist mit 1.000 Mitgliedern der in 25 Kreisverb\u00e4nden organisierte s\u00e4chsische Landesverband. In Sachsen profitierte die NPD von verfestigten rechtsextremistischen Strukturen im nicht parteigebundenen Bereich. Allerdings d\u00fcrften sich die Ende des Jahres vollzogenen Austritte von drei Landtagsabgeordneten aus Fraktion und Partei aufgrund interner Konflikte, die einen innerparteilichen Gegensatz zwischen Funktion\u00e4ren, die aus Ostbzw. Westdeutschland stammen, widerspiegeln, negativ auf die weitere Mitgliederentwicklung des s\u00e4chsischen Landesverbandes auswirken. In Mecklenburg-Vorpommern haben die zahlreichen Eintritte von Nationalisten nach Einsch\u00e4tzung des rechtsextremistischen St\u00f6rtebeker-Netzes dazu gef\u00fchrt, dass","Rechtsextremismus 55 \"das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis innerhalb der Partei quasi umgekippt (ist) und die alten Parteikader quasi entmachtet wurden\". (Internet-Ausdruck vom 13.01.2006) Neben Nationalisten sind der NPD im Verlaufe des Jahres auch ehemalige Mitglieder der Republikaner beigetreten, die ihre politische \"Heimat\" aus Entt\u00e4uschung \u00fcber die zunehmende Bedeutungslosigkeit der REP verlassen haben. Auch der nieders\u00e4chsische Landesverband profitierte vom Wahlerfolg der NPD in Sachsen. Er steigerte seinen Mitgliederstand von 460 auf rund 580 Personen. Der nieders\u00e4chsische Landesverband ist in die neun Unterbezirke Braunschweig, Wolfsburg/Gifhorn, G\u00f6ttingen, Hannover, L\u00fcneburg, Stade, Oldenburg, Osnabr\u00fcck und Emsland/Bentheim untergliedert. Auf dem 41. Landesparteitag in Syke-Heiligenfelde wurden am 5. Juni in Anwesenheit des Bundesvorsitzenden VOIGT Ulrich EIGENFELD als Landesvorsitzender sowie Manfred B\u00d6RM, Adolf DAMMANN und Friedrich PREU\u00df als stellvertretende Landesvorsitzende in ihren \u00c4mtern best\u00e4tigt. Als neugew\u00e4hlte Beisitzer r\u00fcckten Daniel HUBERT aus dem Unterbezirk G\u00f6ttingen sowie Thomas WARNAT und Frank BLOHME aus dem Unterbezirk Hannover in den Landesvorstand auf. BLOHME wurde au\u00dferdem die Funktion des Landespressesprechers \u00fcbertragen. Unter den 140 Delegierten des \u00fcberdurchschnittlich gut besuchten Landesparteitages befanden sich zahlreiche junge Parteimitglieder. Ihre Teilnahme kann als ein Zeichen daf\u00fcr gewertet werden, dass die Werbung der NPD innerhalb der unstrukturierten rechtsextremistischen Szene Wirkung zeigt. Ideologie und Strategie In ihren theoretischen Schriften umschreibt die NPD ihr politisches Endziel, die Schaffung einer ethnisch homogenen Volksgemeinschaft, mit Begriffen wie \"Gemeinschaft der Angeh\u00f6rigen des deutschen Volkes im nat\u00fcrlichen, ethnischen Sinne\"34. Mit der 1997 konzipierten Drei-S\u00e4ulen-Strategie - \"Kampf um die Stra\u00dfe, Kampf um die K\u00f6pfe und Kampf um die Parlamente\" - arbeitet die NPD an der Verwirklichung dieser Bestrebungen, die die demokratisch verfasste Ordnung der Bundesrepublik Deutschland ersetzen soll. Der Begriff Volksgemeinschaft bezeichnet die Gleichschaltung nach innen durch die Ausgrenzung von Minderheiten und 34 Profil - Nationaldemokratische Schriftenreihe, Folge 12, S. 20.","56 Rechtsextremismus politisch Andersdenkenden, um nach au\u00dfen Geschlossenheit und Schlagkraft zu gewinnen. Der einzelne Mensch ist in einer solchen Ordnung dem von einem F\u00fchrer konstruierten Willen des Volkes unterworfen, ohne dass er Individualrechte f\u00fcr sich beanspruchen kann (v\u00f6lkischer Kollektivismus). Dem antiindividualistischen und antipluralistischen Ansatz des v\u00f6lkischen Kollektivismus verleiht der s\u00e4chsische Landtagsabgeordnete J\u00fcrgen GANSEL theoretischen Ausdruck: \"Zwischen den abstrakten Polen von 'Mensch' und 'Menschheit' wollen wir das Volk als gewachsene Lebensund Solidargemeinschaft wieder in den Mittelpunkt der identit\u00e4ren Selbstverortung r\u00fccken.\" (J\u00fcrgen GANSEL: Internet-Beitrag vom 5. Mai \u00fcber das Wesen und Wollen der Dresdner Schule) Ebenso eindeutig formulierte der stellvertretende Bundesvorsitzende Holger APFEL auf einer Kundgebung aus Anlass des Todestages von He\u00df am 20. August in N\u00fcrnberg: \"Wir sind stolz darauf, Deutsche zu sein. Nichts f\u00fcr uns, alles f\u00fcr Deutschland.\"35 Vor diesem weltanschaulichen Hintergrund ist es nicht \u00fcberraschend, dass sich f\u00fchrende Parteifunktion\u00e4re positiv \u00fcber Hitler \u00e4u\u00dfern. Der Parteivorsitzende VOIGT, der Hitler in einem Interview mit der Wochenzeitung Junge Freiheit bereits im vergangenen Jahr als \"gro\u00dfen Staatsmann\" bezeichnet hatte, bekr\u00e4ftigte sein Urteil in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt vom 12. Februar mit den Worten: \"Nur ein gro\u00dfer Staatsmann kann gro\u00dfe Verbrechen begehen.\" Der s\u00e4chsische Landtagsabgeordnete MENZEL \u00e4u\u00dferte in einem Beitrag des ARD-Magazins Kontraste am 22. September unzweideutig: \"Ich halte den F\u00fchrer nach wie vor f\u00fcr einen gro\u00dfen Staatsmann, vielleicht einen der gr\u00f6\u00dften, den wir je gehabt haben. Dazu stehe ich.\" An Ausf\u00fchrungen von f\u00fchrenden Parteimitgliedern l\u00e4sst sich aufzeigen, dass die Volksgemeinschaft auf revolution\u00e4rem Weg, d. h. durch Beseitigung der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung, herbeigef\u00fchrt werden soll. Der Mitarbeiter der s\u00e4ch35 Die \u00c4u\u00dferung APFELs erinnert an Losungen aus dem Dritten Reich wie: \"Du bist nichts, dein Volk ist alles.\" (Einleitung des Handbuchs M\u00e4del im Dienst, Potsdam 1934)","Rechtsextremismus 57 sischen Landtagsfraktion Karl RICHTER entwickelte im rechtsextremistischen Theorieorgan Nation & Europa folgende Perspektive: \"Verbrauchte, \u00fcberlebte Regime k\u00f6nnen ungleich schneller und im Normalfall auch 'unblutiger' entsorgt werden als unter totalit\u00e4rem Vorzeichen. ... H\u00f6chste Zeit also f\u00fcr Abhilfe zu sorgen - zun\u00e4chst in den Parlamenten, dann in der Regierung.\" (Nation & Europa, Nr. 2/2005, S. 9) In einem Interview mit dem Stader Tageblatt vom 8. September erkl\u00e4rte der stellvertretende nieders\u00e4chsische Landesvorsitzende DAMMANN unumwunden, Ziel seiner Bewegung sei die \"Beseitigung der parlamentarischen Demokratie\". F\u00fcr ihn ist die Bundesrepublik das Produkt der Besatzungsm\u00e4chte und das Grundgesetz das \"Zeichen der Fremdherrschaft\". Wie die \u00c4u\u00dferungen DAMMANNs erkennen lassen, korrespondiert die ideologische N\u00e4he zum Nationalsozialismus mit revisionistischen Positionen zur NS-Diktatur. Um ihren in dieser weltanschaulichen Tradition stehenden politischen Zielen Legitimation zu verleihen, suggeriert die NPD, die historische Wahrheit \u00fcber die nationalsozialistische Vergangenheit sei von den Siegerm\u00e4chten und ihren \"Gesch\u00f6pfen\", den demokratischen Parteien, systematisch verf\u00e4lscht worden. Der Parteivorsitzende VOIGT f\u00fchrte im Parteiorgan Deutsche Stimme hierzu aus: \"Wenn wir die Macht haben, wird es wieder Forschungsund Meinungsfreiheit geben und da wird die Geschichte sicher noch einmal aufgerollt werden m\u00fcssen, um sich vom Siegerdiktat zu befreien.\" (Deutsche Stimme, Nr. 12/2005, S. 3) Sein Stellvertreter APFEL bezeichnete die Bundesrepublik in einer Rede auf einer NPD-Demonstration am 8. Mai in Berlin als \"Canossa-Republik\" und forderte ein Ende der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung. Die Bundesrepublik sei eine \"L\u00fcgenrepublik\", der man nur abgrundtiefe Abscheu entgegenbringen k\u00f6nne. F\u00fcr sich zog APFEL daraus die Schlussfolgerung: \"Ich sch\u00e4me mich ein Bundesrepublikaner zu sein! ... Wir sind stolz, Deutsche zu sein!\" Das Volksgemeinschaftsdenken, das Bestreben, die Gesellschaft als Volksgemeinschaft ethnisch \"gleichzuschalten\", pr\u00e4gt auch die wirtschaftspolitischen Positionen der NPD. Der fortschreitenden Globalisierung begegnet sie mit dem","58 Rechtsextremismus Konzept einer raumorientierten Volkswirtschaft. Unter der \u00dcberschrift \"Die Nation als soziale Schutzund Solidargemeinschaft\" umriss J\u00fcrgen GANSEL in der Deutschen Stimme das Gegenkonzept der NPD zur Globalisierung: \"Angesichts dieser Entwicklung weiterhin ausl\u00e4ndische Arbeitsplatzdiebe und Sozialschnorrer ins Land zu holen, anstatt die begrenzten Arbeitspl\u00e4tze und Sozialleistungen in Form eines v\u00f6lkischen Sozialkompromisses nur Volksangeh\u00f6rigen zukommen zu lassen, kann nur als politkriminell bezeichnet werden.\" (Deutsche Stimme, Nr. 12/2005, S. 17) Fremdenfeindliche Argumentationsmuster, wie sie in GANSELs Ausf\u00fchrungen und in der permanenten Forderung, in Deutschland lebende Ausl\u00e4nder in die Heimat zur\u00fcckzuf\u00fchren, zum Ausdruck kommen, durchziehen die politische Propaganda der NPD ebenso wie antisemitische Positionen. Der stellvertretende Vorsitzende des nordrhein-westf\u00e4lischen Landesverbandes Claus CREMER wurde wegen Volksverhetzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt, weil er auf einer Demonstration am 26.06.2004 in Bochum, die unter dem Motto \"Keine Steuergelder f\u00fcr den Synagogenbau - f\u00fcr Meinungsfreiheit\" stand, behauptet hatte, Menschen j\u00fcdischen Glaubens billigten den sexuellen Missbrauch von Kindern. Die NPD bem\u00fcht sich parallel zur Forcierung der Zusammenarbeit mit den Freien Nationalisten und der DVU um eine Intellektualisierung ihres politischen Ansatzes. Die f\u00fcr diese Zwecke eingerichtete Dresdner Schule, die eine Antwort auf die marxistische Frankfurter Schule vergangener Zeiten darstellen soll, machte allerdings bislang keine Fortschritte. Durch die Wahl des stellvertretenden Chefredakteurs der Deutschen Stimme Andreas MOLAU zum Vorsitzenden der rechtsextremistischen Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik (GFP) ergibt sich f\u00fcr die Partei eine weitere M\u00f6glichkeit, auf das parteiungebundene rechtsextremistische intellektuelle Spektrum einzuwirken. Den Intellektualisierungsbem\u00fchungen d\u00fcrften angesichts der Sozialstruktur der Parteimitgliedschaft nicht nur in Niedersachsen Grenzen gesetzt sein. \"Volksfront von rechts\" Der am 15. Januar auf dem Bundesparteitag der DVU von den Parteivorsitzenden VOIGT und Dr. Gerhard FREY zwischen der NPD und der DVU vereinbarte \"Deutschland-Pakt\" stellt eine Erweiterung der von der NPD und den Freien Nati-","Rechtsextremismus 59 onalisten seit 2004 verfochtenen \"Volksfront von rechts\" dar. Das Abkommen legt fest, welche der beiden Parteien des rechtsextremistischen Lagers bei Landtags-, Bundestagsund Europawahlen kandidieren soll. Der \"Deutschland-Pakt\" wird vom nieders\u00e4chsischen Landesverband der NPD konsequent umgesetzt. Die Delegierten eines am 10. Juli durchgef\u00fchrten au\u00dferordentlichen Landesparteitages nominierten den Bremer Landesvorsitzenden der DVU Siegfried TITTMANN, der seine Partei als Abgeordneter in der Bremer B\u00fcrgerschaft vertritt, auf Platz zwei der Landesliste f\u00fcr die Bundestagswahl im September. Platz vier nahm Hans-Gerd WIECHMANN ein, der bis Anfang des Jahres den Landesverband der Republikaner gef\u00fchrt hatte. Obwohl die Parteivorsitzenden immer wieder betonen, dass sich beide Parteien in den Grundzielen einig seien, gibt es nach wie vor politisch-ideologische Differenzen, insbesondere in Hinsicht auf die Zusammenarbeit mit den Freien Nationalisten. In einer am 4. Februar auf der Internetseite der DVU verbreiteten Erkl\u00e4rung verk\u00fcndete FREY, er werde bei der Zusammenarbeit mit der NPD \"kein Jota vom bisherigen Kurs abweichen\". Dieser lasse sich auf die Kurzformel bringen: \"Ja zum Grundgesetz - Knallhart gegen Gewalt - Nein zum Nazismus und Neonazismus.\" Wenngleich sich die NPD bereits vor Jahren den Freien Nationalisten ge\u00f6ffnet hat und zum Teil eng mit ihnen kooperiert, besteht zu ihnen ein grunds\u00e4tzliches ideologisches Spannungsverh\u00e4ltnis. Die Teilnahme der NPD an Wahlen st\u00f6\u00dft bei vielen parteiungebundenen Rechtsextremisten auf Ablehnung. Im Internetforum \"Freier Widerstand\" riefen Neonazis am 10. August zum Boykott der Bundestagswahlen auf. F\u00fcr die Verfasser, die sich selbst als Freie Nationale Sozialisten bezeichneten, ist die NPD eine mit CDU und SPD vergleichbare \"BRD-Partei\" mit der Aufgabe, m\u00f6glichst viele Gegner an das \"unsinnige\" parlamentarische System zu binden. Der Ausgang der Bundestagswahl wurde im Forum \"Freier Widerstand\" am 18. September als Blamage f\u00fcr die NPD bewertet. Die Autoren solidarisierten sich mit dem Vorsitzenden der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN), Stefan ROCHOW, der das B\u00fcndnis zwischen DVU und NPD in einem Internetbeitrag als \"rechts-reaktion\u00e4res, nationalund sozialdemagogisches B\u00fcndnis\" bezeichnet hatte. Sie forderten: \"Keine Volksfront mit der Reaktion! Keine Stimme der Demokratie! Solidarit\u00e4t mit allen revolution\u00e4ren Nationalsozialisten in der NPD!\"","60 Rechtsextremismus Auch der fr\u00fchere NPD-Theoretiker J\u00fcrgen SCHWAB kritisierte am 23. Mai in einem vom Sprecherrat der Deutschen Akademie unterzeichneten Aufruf, der \"neue Kurs\" der NPD scheine immer mehr dem BRD-Parlamentarismus und somit dem kapitalistischen System verpflichtet. SCHWAB beklagte, dass die nationalrevolution\u00e4ren Kr\u00e4fte in der NPD in die Defensive geraten seien. Der Neonazi Christian WORCH sah die NPD in einem Beitrag f\u00fcr das Internetforum \"Freier Widerstand\" in einem problematischen Spagat zwischen DVU und Neonazis begriffen. Bleibe der Erfolg von Sachsen singul\u00e4r, werde die NPD wieder den Kampf um die Stra\u00dfe aufnehmen m\u00fcssen. Dort aber liege die Kernkompetenz der Neonazis. Die Partei lasse bislang die notwendige Kooperationsbereitschaft vermissen. F\u00fcr eine Zusammenarbeit gelte jedoch \"F\u00fcr nix gibt's nix!\" Aktivit\u00e4ten und Demonstrationen Den im Rahmen ihrer Drei-S\u00e4ulen-Strategie propagierten \"Kampf um die Stra\u00dfe\" setzte die NPD in intensiver Form fort. 2005 wurden auf Bundesebene ca. 60 Demonstrationen und \u00f6ffentliche Kundgebungen mit NPD-Bezug festgestellt. Die gr\u00f6\u00dfte Veranstaltung war eine von der Jugendorganisation der NPD, den JN und dem Berliner Landesverband der NPD aus Anlass des Kriegsendes am 8. Mai in der deutschen Hauptstadt organisierte Kundgebung. An der Demonstration, die unter dem Motto \"60 Jahre Befreiungsl\u00fcge - Schlu\u00df mit dem Schuldkult\" durchgef\u00fchrt wurde, beteiligten sich insgesamt rund 3.300 Rechtsextremisten, darunter auch Vertreter befreundeter rechtsextremistischer Organisationen aus Rum\u00e4nien, Spanien, Griechenland, \u00d6sterreich, S\u00fcdtirol, Belgien, Schweden, Norwegen, Finnland und aus S\u00fcdafrika. Als Redner traten neben VOIGT und APFEL der rechtsextremistische Liedermacher Frank RENNICKE, der inzwischen verstorbene ehemalige REP-Vorsitzende Franz SCH\u00d6NHUBER und der DVU-Vorsitzende FREY auf. Unter den Demonstrationsteilnehmern befand sich eine Vielzahl bekannter Rechtsextremisten. Ein weiteres Gro\u00dfereignis mit organisations\u00fcbergreifender Bedeutung ist der j\u00e4hrliche \"Trauermarsch\" der Jungen Landsmannschaft Ostpreu\u00dfen (JLO) zum Gedenken an die Zerst\u00f6rung Dresdens im","Rechtsextremismus 61 Jahre 1945, der am 13. Februar unter der Schirmherrschaft der NPD stattfand. An der revisionistisch ausgerichteten Demonstration nahmen 5.000 Personen aus den Reihen der Freien Nationalisten, der NPD und anderer rechtsextremistischer Organisationen teil. Die Teilnehmerzahl hat sich damit gegen\u00fcber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Aus Niedersachsen beteiligten sich u. a. Mitglieder der NPD-Unterbezirke Hannover, Osnabr\u00fcck und G\u00f6ttingen sowie Angeh\u00f6rige der Kameradschaft Northeim. Aktivit\u00e4ten in Niedersachsen Das Zusammenspiel mit den Freien Nationalisten gestaltet sich in den einzelnen Unterbezirken der NPD unterschiedlich. W\u00e4hrend in einigen Unterbezirken wie Osnabr\u00fcck eine enge Zusammenarbeit entstanden ist, wird in eher traditionalistisch ausgerichteten Unterbezirken eine engere Kooperation mit militant auftretenden Kameradschaftsangeh\u00f6rigen nur eingegangen, wenn die Vorherrschaft der NPD akzeptiert wird. Anderenfalls wird eine Zusammenarbeit kategorisch abgelehnt. Auf dem Landesparteitag am 5. Juni wurde deutlich, dass die Veranstaltung von Demonstrationen innerhalb der Partei u.a. wegen der Kosten, wegen fehlender Teilnahmebereitschaft und wegen bef\u00fcrchteter negativer Berichterstattung \u00fcber das Auftreten der Kameradschaften nicht unumstritten ist. Erst in einer Kampfabstimmung entschied sich der Landesverband mit einer nur knappen Mehrheit f\u00fcr die weitere Durchf\u00fchrung von Demonstrationen. Damit war die Voraussetzung gegeben, um die im Jahr 2004 begonnene Kampagne \"Sozialabbau, Rentenklau, Korruption - Nicht mit uns\" des nieders\u00e4chsischen Landesverbandes fortzusetzen. Da die NPD ihre eigenen Mitglieder in Niedersachsen nur unzureichend mobilisieren kann, war sie bei der Durchf\u00fchrung der Demonstrationen auf die Unterst\u00fctzung der parteiungebundenen Kr\u00e4fte angewiesen. Aus diesem Grunde bestimmte das Auftreten der neonazistischen Kameradschaften das Demonstrationsbild bei den vier von der NPD angemeldeten Aufm\u00e4rschen am 2. April in Verden, am 18. Juni in Braunschweig, am 3. September in Oldenburg und am 29. Oktober in G\u00f6ttingen. Wie wenig belastbar das Verh\u00e4ltnis zwischen der NPD und","62 Rechtsextremismus den Freien Nationalisten ist, wurde im Zusammenhang mit der Demonstration in G\u00f6ttingen deutlich. Von der Bef\u00fcrchtung geleitet, dass die Redebeitr\u00e4ge des Freien Nationalisten Dieter RIEFLING aus Hildesheim, in denen der Nationalsozialismus gerechtfertigt wurde, das Ansehen der NPD als Wahlpartei sch\u00e4digen w\u00fcrden, verh\u00e4ngte der Landesverband ein inzwischen wieder aufgehobenes Redeverbot \u00fcber RIEFLING f\u00fcr NPD-Veranstaltungen. Die Freien Nationalisten reagierten auf diese Ma\u00dfnahme mit der Aufk\u00fcndigung der Zusammenarbeit. In einer am 29. November auf der Homepage des Widerstandes Nord im Internet verbreiteten Erkl\u00e4rung stellten sie fest: \"Wir stellen die Zusammenarbeit mit dem NPD-Landesverband Niedersachsen bei Demonstrationen und Saalveranstaltungen mit sofortiger Wirkung solange ein, wie das vom Landesvorstand mit knapper einfacher Mehrheit verh\u00e4ngte Redeverbot gegen Kamerad Dieter Riefling Bestand hat.\" Die Freien Nationalisten lasteten das Vorgehen gegen RIEFLING dem nieders\u00e4chsischen Landesvorsitzenden Ulrich EIGENFELD an, den sie als Reaktion\u00e4r und Spalter der Bewegung bezeichneten. Die Erkl\u00e4rung schlie\u00dft mit der Aufforderung, die NPD Niedersachsen solle genau \u00fcberlegen, ob ein Landesvorsitzender EIGENFELD noch tragbar sei. Die Konfliktlinien der Auseinandersetzung verlaufen allerdings auch durch die NPD selbst, denn auf der Unterst\u00fctzerliste des Aufrufes f\u00fcr RIEFLING befanden sich auch die Namen von NPDund JN-Mitgliedern. Der Unterbezirk Stade entwickelte im Berichtszeitraum, wie bereits in den Vorjahren, die meisten Aktivit\u00e4ten. Neben Mahnwachen und zahlreichen Infost\u00e4nden im Zusammenhang mit dem Bundestagswahlkampf f\u00fchrte der Unterbezirk mehrere Vortragsveranstaltungen mit bekannten rechtsextremistischen Referenten wie RIEGER und Udo PAST\u00d6RS (Mecklenburg-Vorpommern) oder WIECHMANN aus L\u00fcneburg durch. Der ehemalige Landesvorsitzende der REP WIECHMANN, der sich der NPD im Verlaufe des Jahres immer st\u00e4rker angen\u00e4hert hatte, fungierte auch als Redner auf Demonstrationen. Der NPD-Unterbezirk Osnabr\u00fcck konnte den ehemaligen Rechtsterroristen Peter NAUMANN und den rechtsextremistischen Publizisten Reinhold OBERLERCHER f\u00fcr Vortragsveranstaltungen gewinnen. OBERLERCHER referierte im Dezember im Parkhotel in Bad Essen \u00fcber das Thema \"Wenn Systeme brechen - Klassenkampf, Rassenkampf und Volkskrieg?\". Das Parkhotel steht seit Jahresende im Blickpunkt des \u00f6ffentlichen Interesses, weil die \u00d6ffentlichkeit annahm,","Rechtsextremismus 63 der P\u00e4chter, der sich im Bundestagswahlkampf f\u00fcr die NPD engagiert hatte, werde es als Tagungsund Veranstaltungsst\u00e4tte der NPD nutzen. Nach einem Eigent\u00fcmerwechsel wurde der Pachtvertrag 2006 gek\u00fcndigt. Beteiligung an Wahlen Die Euphorie, die nach dem erfolgreichen Abschneiden bei der Landtagswahl in Sachsen im September 2004 im rechtsextremistischen Lager vorherrschte, erhielt durch die Ergebnisse bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen einen erheblichen D\u00e4mpfer. Konnte die NPD bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein immerhin noch 1,9 % der Zweitstimmen erreichen und somit in den Genuss der Wahlkampfkostenerstattung gelangen, so war das Ergebnis von 0,9 % bei der Landtagswahl im Mai in Nordrhein-Westfalen ern\u00fcchternd f\u00fcr die Partei. Der Wahlkampf offenbarte die organisatorischen Schw\u00e4chen dieser Landesverb\u00e4nde. Bis zur Aufnahme des Wahlkampfes waren die Landesverb\u00e4nde in der \u00d6ffentlichkeit kaum wahrgenommen worden und h\u00f6chstens durch innerparteiliche Querelen und Auseinandersetzungen mit der regionalen Neonaziszene in Erscheinung getreten. Den Bundestagswahlkampf gestaltete die NPD aufw\u00e4ndig. Sie konnte auf die finanzielle Unterst\u00fctzung der DVU zur\u00fcckgreifen, die nach den Absprachen des \"DeutschlandPaktes\" auf eine Teilnahme an der Wahl verzichtet hatte. Als Wahlkampfmittel setzte die Partei neben Plakaten, Flugbl\u00e4ttern und Infost\u00e4nden auch eine Wahlkampfzeitung ein. Thematisch setzte die NPD auf Parolen wie \"Schnauze voll? L\u00fcgner abstrafen\", \"Quittung f\u00fcr Hartz IV\", \"Fremdarbeiter stoppen\" und \"EU abw\u00e4hlen\". F\u00fcr bundesweite Aufmerksamkeit sorgte die Verteilung einer so genannten Schulhof-CD mit dem Titel \"Der Schrecken aller linken Spie\u00dfer und Pauker!\". Der Einsatz solcher CDs zeigte, dass inzwischen auch die NPD die propagandistische Wirkung szenetypischer Musik f\u00fcr die Vermittlung rechtsextremistischer Positionen erkannt hatte. Im Bem\u00fchen, einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Personenkreis anzusprechen, spiegeln die auf der CD pr\u00e4sentierten 13 Lieder die Bandbreite der unter Jugendlichen g\u00e4ngigen Musikstilrichtungen wider. Die strafrechtlich nicht relevanten Texte sollen Jugendliche emotionalisieren, um sie auf diesem Wege f\u00fcr die \"Idee des nationalen Widerstandes\" zu gewinnen. In Niedersachsen kam die Schulhof-CD in kleiner Anzahl in den St\u00e4dten Dassel, Duderstadt, Garbsen, Hemmingen, Holzminden, Oldenburg, Osnabr\u00fcck, Pattensen, Stade und Wolfenb\u00fcttel zur Verteilung.","64 Rechtsextremismus Dem amtlichen Endergebnis zufolge konnte die NPD bei der Bundestagswahl 748.568 Zweitstimmen (1,6 %) und 857.777 Erststimmen (1,8 %) auf sich vereinen. Im alten Bundesgebiet erzielte die Partei 1,1 % der Zweitstimmen, in den neuen Bundesl\u00e4ndern hingegen 3,6 % der Stimmen. Durch das \u00dcberschreiten der 0,5-%-H\u00fcrde erh\u00e4lt sie die f\u00fcr die NPD wichtige Wahlkampfkostenerstattung. Ihr bestes Landesergebnis erreichte die NPD erwartungsgem\u00e4\u00df mit einem Stimmenanteil von 4,9 % in Sachsen. \u00dcberdurchschnittlich schnitt sie auch in Th\u00fcringen mit 3,7 % und in Mecklenburg-Vorpommern mit 3,5 % der Zweitstimmen ab. Ihr schlechtestes Ergebnis erzielte sie in NordrheinWestfalen mit 0,8 %. In Niedersachsen erhielt die von Kameradschaftsmitgliedern und unorganisierten Skinheads unterst\u00fctzte NPD-Liste 62.294 Erststimmen (1,3 %) und 59.728 Zweitstimmen (1,3 %). Die besten Ergebnisse erzielte die Partei in den Wahlkreisen, in denen sie durch Aktionen in besonderer Weise auf sich aufmerksam gemacht hatte. So konnte der stellvertretende Landesvorsitzende Adolf DAMMANN im Wahlkreis Stade-Cuxhaven 2.924 Erststimmen (2 %) f\u00fcr sich verbuchen. Im Wahlkreis Rotenburg-Verden kam der NPD-Kandidat Dr. Rigolf HENNIG36 auf 3.031 Erststimmen (1,7 %). Junge Nationaldemokraten (JN) F\u00fcr den Parteivorsitzenden VOIGT hatten die JN die Funktion eines Bindegliedes zwischen NPD, rechtsextremistischen Kameradschaften und anderen Neonazis. Im Verlauf des gegen die NPD angestrengten Verbotsverfahrens kamen die Aktivit\u00e4ten der JN auf Bundesebene weitgehend zum Erliegen. Die fr\u00fchere Funktion der Jugendorganisation, den subkulturellen Raum f\u00fcr die NPD zu erschlie\u00dfen, wird inzwischen von der NPD selbst wahrgenommen. Jugendliche Rechtsextremisten treten der NPD ohne den Umweg \u00fcber die JN direkt bei. 36 HENNIG vertritt als Schriftleiter des \"Reichsboten\" revisionistische und antisemitische Thesen. In der Ausgabe Nr. 6 schrieb er unter dem Titel \"Hitler und das Dritte Reich\", der F\u00fchrer habe die W\u00fcnsche seines Volkes erf\u00fcllt. Nach dem Krieg sei aber das gef\u00e4lschte Geschichtsbild des industriellen Massenmordes an Juden verbreitet worden.","Rechtsextremismus 65 Als Folge dieser Entwicklung verzeichnen die JN seit Jahren bundesweit einen Mitgliederr\u00fcckgang. Der Organisation geh\u00f6rten zum Jahresende noch rund 350 Personen an. Auf dem am 26. November in Chemnitz durchgef\u00fchrten Bundeskongress der Organisation wurde der bisherige Vorsitzende Stefan ROCHOW in seinem Amt best\u00e4tigt. Als seine Stellvertreter fungieren Alexander NEIDLEIN (BadenW\u00fcrttemberg) und Philipp VALENTA (Sachsen-Anhalt). Die bisherigen Vorstandsmitglieder aus Niedersachsen, Florian CORDES und Daniel F\u00dcRSTENBERG, sind nicht mehr mit F\u00fchrungsaufgaben auf Bundesebene betraut. Der Bundesvorsitzende ROCHOW f\u00fchrte in einer auf den Internetseiten des JN-Bundesvorstandes am 28. November verbreiteten Grundsatzerkl\u00e4rung aus: \"Schwerpunkt unserer Arbeit in den n\u00e4chsten zwei Jahren wird die Akzentuierung und Sch\u00e4rfung unseres eigenen Profils sein. Aktionismus und Kaderschulung werden die Hauptschwerpunkte unserer Arbeit sein m\u00fcssen... . Wir sind einerseits integraler Bestandteil der NPD und unterst\u00fctzen damit kooperativ unsere Partei in ihren Vorhaben. Andererseits sollten wir durch den konsequenten Ausbau der JN jungen Menschen einen gesch\u00fctzten Raum bieten, in welchem eigene Politik betrieben werden kann und auch konstruktive Kritik an der Mutterpartei entstehen kann, damit wir nicht nur als sprachloses Anh\u00e4ngsel der NPD wahrgenommen werden.\" Die Formulierung, dass \"auch konstruktive Kritik an der Mutterpartei entstehen kann\", ist vor dem Hintergrund eines Schriftwechsels zwischen SCHWAB und ROCHOW zu sehen. ROCHOW hatte die eigene Partei am 11. August in einem an SCHWAB gerichteten offenen Brief angegriffen: \"Ich brauche Dir nicht sagen, wie es um die geistige Denkbereitschaft im nationalen Lager bestellt ist. Selbst in den F\u00fchrungsetagen des nationalen Lagers, ausdr\u00fccklich die NPD eingeschlossen, wird man eine sachliche und weiterf\u00fchrende Diskussion in dieser Frage nicht zufriedenstellend f\u00fchren k\u00f6nnen. Der Populismus und das Hinterherhecheln nach Stimmungen und kurzfristig angelegten Erfolgen \u00fcberwiegt leider noch das Denken dieser Herren. Eine langangelegte Strategie wird hier nicht zu erwarten sein, da klare Weltanschauungen der Kurzfristigkeit im Denken weichen mu\u00dften.\" (Internet-Ausdruck vom 11.08.2005)","66 Rechtsextremismus Heftige Kritik \u00fcbte ROCHOW an der \"Volksfront von rechts\": \"Die sogenannte rechte Volksbewegung aus NPD und DVU ist sicherlich auf den ersten Blick ein unterst\u00fctzungsw\u00fcrdiger Ansatz, weil man glauben k\u00f6nnte, hier entsteht eine starke nationale Kraft, welche die Probleme der Zukunft bew\u00e4ltigen kann. Leider ist dieses Ziel schon im Ansatz gescheitert...\" ROCHOW, der wie SCHWAB einen nationalrevolution\u00e4ren Kurs vertritt, wurde wegen dieser Verlautbarung vom stellvertretenden Parteivorsitzenden Peter MARX ger\u00fcgt. MARX bezeichnete die Ausf\u00fchrungen am 20. August auf der Internetseite des NPD-Bundesverbandes \u00f6ffentlich \"als groben politischen Unfug und Zeichen mangelnder politischer Reife\". ROCHOW schwenkte anschlie\u00dfend wieder auf die offizielle Parteilinie ein. Der Vorgang zeigt die faktische Bedeutungslosigkeit der JN in der derzeitigen NPD-Strategie. Auch in Niedersachsen ist der parteiinterne Stellenwert der JN gesunken. Hatten Aktivisten der NPD/JN Verden noch bis zur Jahresmitte eine weitere Ausgabe der Jugendzeitschrift Der Rebell an Schulen verteilt, so kam die Kampagne \"Den Nationalismus in die Schule tragen\" im Verlaufe des Jahres zum Erliegen. Der R\u00fcckgang der Aktivit\u00e4ten erkl\u00e4rt sich mit dem Fortzug des damaligen JN-St\u00fctzpunktleiters Sascha SCH\u00dcLER und internen Querelen. Am 1. Mai f\u00fchrten die JN in B\u00fcckeburg einen Aufzug mit anschlie\u00dfender Kundgebung unter dem Motto \"Die Forderung nach Arbeit ist berechtigt - ein neues System bietet neue M\u00f6glichkeiten\" durch, an der rund 50 Extremisten teilnahmen. Am 8. Oktober beteiligten sich wiederum knapp 50 Personen aus dem Spektrum der unorganisierten Kameradschaftsszene an einer Demonstration der JN in Langwedel/Daverden, die unter dem Motto \"Stoppt die Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t in Langwedel\" durchgef\u00fchrt wurde. Zu den Kundgebungsteilnehmern sprachen der Hamburger Neonazi Alexander HOHENSEE, WIECHMANN und ein Angeh\u00f6riger der Kameradschaft Hamm.","Rechtsextremismus 67 Deutsche Volksunion (DVU) Sitz Bund: M\u00fcnchen Niedersachsen: Burgdorf Vorsitzende Bund: Dr. Gerhard FREY (M\u00fcnchen) Niedersachsen: Dieter WIEGR\u00c4FE (Burgdorf) Mitglieder 2004 2005 Bund: 11.000 9.000 Niedersachsen: 800 730 Publikationen: National-Zeitung/Deutsche-Wochen-Zeitung (w\u00f6chentlich, Auflage ca. 41.000 Exemplare) Die DVU wurde 1987 in M\u00fcnchen gegr\u00fcndet. Sie ging aus dem bis heute bestehenden Verein DVU e. V. hervor, der 1971 als organisatorisches Sammelbecken f\u00fcr ehemalige NPD-Mitglieder entstanden war, nachdem die NPD 1969 den Einzug in den Bundestag knapp verfehlt hatte. Bis 1991 trug die DVU den Namenszusatz Liste D. Partei und Verein verdanken ihre Existenz dem M\u00fcnchener Verleger Dr. Gerhard FREY (*1933), der die Partei seit ihrer Gr\u00fcndung zentralistisch und im autokratischen Stil f\u00fchrt. Auf dem Bundesparteitag der DVU am 15. Januar in M\u00fcnchen wurde er mit 99,3 % der Stimmen ein weiteres Mal im Amt des Parteivorsitzenden best\u00e4tigt. FREYs Vorgaben bestimmen ihre politischen Erkl\u00e4rungen und die Personalauswahl auch bis zur untersten Organisationsebene. Die Beachtung der Grunds\u00e4tze einer innerparteilichen Demokratie ist nicht erkennbar. Die finanzielle Abh\u00e4ngigkeit der Partei von ihrem Vorsitzenden st\u00e4rkt die Position FREYs zus\u00e4tzlich. Dem auf dem Bundesparteitag vorgestellten Finanzbericht zufolge ist die DVU mit ca. zwei Millionen Euro bei dem Million\u00e4r FREY verschuldet. Dieser handelt dabei nicht uneigenn\u00fctzig, sondern verbindet sein parteipolitisches Engagement mit seinen finanziellen Interessen als Unternehmer. Die politisch weitgehend inaktiven Parteimitglieder bilden einen festen Kundenstamm f\u00fcr die Produkte seiner Medienunternehmen DSZ - Druckschriften und Zeitungsverlag (DSZ-Verlag) sowie FZ - Freiheitlicher Buchund Zeitschriftenverlag (FZ-Verlag), dem der Deutsche Buchdienst als Vertrieb deutsch-nationaler und rechtsextremistischer B\u00fccher und Devotionalien angeschlossen ist. Der DVU ist nicht zuletzt wegen des finanziellen Engage-","68 Rechtsextremismus ments FREYs mehrfach der Einzug in Landesparlamente gelungen. Ihren gr\u00f6\u00dften Wahlerfolg erzielte die Partei 1998, als sie bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 12,9 % der Stimmen erreichte. Derzeit ist die DVU mit sechs Abgeordneten im brandenburgischen Landtag vertreten. Das Abgeordnetenmandat in der Bremer B\u00fcrgerschaft nimmt der Landesvorsitzende Siegfried TITTMANN37 wahr. Absprachegem\u00e4\u00df verzichtete die DVU zugunsten der NPD auf eine eigenst\u00e4ndige Teilnahme an der Bundestagswahl. Stattdessen kandidierten 15 Parteimitglieder auf den Landeslisten der NPD. Organisationsstruktur Der Bundesverband der DVU untergliedert sich in 16 Landesverb\u00e4nde. Auf regionaler Ebene bestehen als Unterbau faktisch weitgehend funktionslose Kreisverb\u00e4nde und so genannte politische Stammtische, aus denen sich Kreisverb\u00e4nde bilden sollen. \u00dcber eine Nachwuchsorganisation verf\u00fcgt die DVU nicht. Der 1988 gegr\u00fcndete nieders\u00e4chsische Landesverband befindet sich weiterhin in einem desolaten Zustand. Die Mitgliederzahl geht parallel zur Entwicklung auf Bundesebene seit Jahren zur\u00fcck und liegt derzeit bei ca. 730 Mitgliedern. \u00d6ffentlich tritt die DVU in Niedersachsen nicht in Erscheinung. Ein organisatorischer Schwerpunkt ist nicht erkennbar. Auf dem am 13. M\u00e4rz in Rhade durchgef\u00fchrten gemeinsamen Parteitag der Landesverb\u00e4nde Niedersachsen, Bremen und Hamburg wurde Dieter WIEGR\u00c4FE von den nieders\u00e4chsischen Teilnehmern zum neuen Vorsitzenden des nieders\u00e4chsischen Landesverbandes gew\u00e4hlt. Programmatik Die im DSZ-Verlag in einer Auflagenh\u00f6he von ca. 41.000 Exemplaren erscheinende National-Zeitung (NZ) ist das inoffizielle Parteiorgan der DVU. In ihrer Berichterstattung spiegeln sich in suggestiver Form die fremdenfeindlichen, antisemitischen, antiamerikanischen und revisionistischen Positionen der DVU wider. Die Autoren achten zwar darauf, die Schwelle zur Strafbarkeit nicht zu \u00fcberschreiten, dramatisieren in ihren Beitr\u00e4gen politische und soziale Probleme aber bewusst in einer die Fakten ignorierenden manipulativen 37 Die DVU profitiert von einer Besonderheit des Bremer Wahlrechts. Die 5-%Sperrklausel wird f\u00fcr die St\u00e4dte Bremen und Bremerhaven getrennt gewertet. W\u00e4hrend die DVU in Bremen lediglich 1,4 % der Stimmen erzielte, erreichte sie in Bremerhaven 7,1 %.","Rechtsextremismus 69 Weise, um die Vorurteilsstrukturen der Leserschaft f\u00fcr rechtsextremistische Zielsetzungen zu mobilisieren. Insbesondere Muslime und Juden sind Ziele verunglimpfender Pauschalurteile. Einen Schwerpunkt der Berichterstattung des Jahres 2005 bildeten fremdenfeindliche Artikel \u00fcber den von der T\u00fcrkei angestrebten EU-Beitritt. Die Ausschreitungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Frankreich im Oktober und November wurden unter der Angst sch\u00fcrenden \u00dcberschrift \"Heute brennt Paris, morgen Berlin? Frankreich zeigt, was Deutschland droht\" folgenderma\u00dfen kommentiert: \"Die Aufnahme der T\u00fcrkei in die EU ist folgenschwer und vor nachfolgenden Generationen nicht zu verantworten. Im Unterschied zu damals haben wir es auch nicht mehr mit einem Weltreich zu tun, sondern die T\u00fcrkei ist ein bankrotter Staat mit Rekord-Inflation und totaler \u00dcberschuldung. ... Welch ein Irrsinn, zumal weitere zwei Millionen T\u00fcrken, die nach einem EU-Beitritt zu uns str\u00f6mten, Deutschland und den so genannten EU-Raum gesellschaftlich und politisch v\u00f6llig ver\u00e4ndern und verfremden w\u00fcrden; und zwar nicht zum Positiven: Denn dass in der T\u00fcrkei nach wie vor gefoltert und gemordet wird, best\u00e4tigt jede Menschenrechtsorganisation...\" (NZ, Nr. 46, vom 11.11.2005, S. 1) Die rei\u00dferischen \u00dcberschriften zahlreicher weiterer Artikel zielen auf die \u00dcberfremdungs\u00e4ngste der Leserschaft, wie folgende Beispiele zeigen: \"Bald alle Deutschen arbeitslos? - Die Invasion ausl\u00e4ndischer Schwarzarbeiter\" (NZ, Nr. 15, vom 08.04.2005, S. 1), \"Kommen Millionen Afrikaner zu uns? Vor V\u00f6lkerwanderung nach Deutschland\" (NZ, Nr. 45, vom 04.11.2005, S. 1) und \"Pl\u00fcnderung der Rentenkasse - Renten runter - noch mehr Geld f\u00fcr Fremde\" (NZ, Nr. 35, vom 26.08.2005, S. 1). Der 60. Jahrestag des Kriegsendes gab Anlass, die f\u00fcr die NZ charakteristische Propagierung geschichtsrevisionistischer Positionen noch zu intensiveren. Die DVU leugnet die Existenz des Holocausts zwar nicht, aber sie relativiert die nationalsozialistischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch wiederholte Vergleiche mit den Opfern des alliierten Luftkrieges. Damit verbindet die DVU Vorw\u00fcrfe gegen Politiker,","70 Rechtsextremismus lieber das Kriegsende als \"Befreiung\" zu feiern als der Opfer zu gedenken, um so die Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland zu delegitimieren. Im Zusammenhang mit dem 60. Jahrestag der Bombardierung Dresdens merkte die NZ in diesem Sinne an: \"Am 13. Februar j\u00e4hrt sich das zum Himmel schreiende alliierte Terror-Bombardement auf Dresden zum 60. Male. Etablierte Politiker werden nicht m\u00fcde, die schrecklichen Ereignisse des 13. Februar 1945 zu verharmlosen. Vielmehr bereitet man sich auf bombastische 'Befreiungs'-Feierlichkeiten zum 8. Mai vor.\" (NZ, Nr. 6, vom 04.02.2005, S. 6) Eine antisemitische Grundeinstellung, ein sekund\u00e4rer Antisemitismus, verbirgt sich hinter der stereotyp wiederholten Behauptung, Juden bzw. Israel w\u00fcrden Deutschland durch den permanenten Hinweis auf die nationalsozialistischen Verbrechen zu ungerechtfertigten finanziellen Leistungen und zu politischem Entgegenkommen n\u00f6tigen: \"Die etablierten Parteien brauchen sich ... bei der Einschr\u00e4nkung der Juden-Einwanderung nicht zu f\u00fcrchten... Dass diese Milliarden Euro verschlingende Massenimmigration von Personen, die keinerlei Bezug zum deutschen Volk, der deutschen Kultur oder der deutschen Sprache haben, den Nutzen unseres Vaterlandes nicht mehrt, ist ohnehin klar. Man wundert sich, welche Wege einer absurden 'Wiedergutmachung' die in der Bundesrepublik herrschenden Parteien suchen.\" (NZ, Nr. 2, vom 07.01.2005, S. 4) Zusammenarbeit mit rechtsextremistischen Organisationen Hatte FREY in den vergangenen Jahren noch eine Zusammenarbeit mit der NPD mit der Begr\u00fcndung abgelehnt, die NPD verfolge einen nationalrevolution\u00e4ren und nicht einen nationaldemokratischen Kurs, unterzeichnete er am 15. Januar zusammen mit dem Vorsitzenden der NPD, VOIGT, ein als \"Deutschland-Pakt\" bezeichnetes Wahlb\u00fcndnis. Das bis Ende 2009 geltende Abkommen sieht vor, dass DVU und NPD bei Bundestags-, Europaund Landtagswahlen nicht gegeneinander antreten. Demnach kandidiert die DVU bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (2006), den B\u00fcrgerschaftswahlen in Bremen (2007) und Hamburg (2008) sowie den Landtagswahlen in Th\u00fcringen und Brandenburg (beide 2009). Dar\u00fcber hinaus tritt sie bei der Europawahl (2009) an.","Rechtsextremismus 71 Wenngleich sich FREY einem Bericht der Zeitschrift Nation & Europa zufolge im September auf einem Bundeskongress der NPD in Sachsen f\u00fcr eine Verl\u00e4ngerung des Paktes \u00fcber 2009 aussprach, darf nicht dar\u00fcber hinweggesehen werden, dass es nach wie vor deutliche Unterschiede zwischen beiden Parteien gibt: W\u00e4hrend die b\u00fcrgerlich auftretende DVU vorgibt, im Rahmen der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung zu handeln, strebt die NPD eine revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung der Gesellschaft zur Volksgemeinschaft an. Neben pers\u00f6nlichen Eitelkeiten und Machtkalk\u00fcl k\u00f6nnten diese politischen Differenzen eine Bruchstelle des B\u00fcndnisses zwischen NPD und DVU markieren. Die Republikaner (REP) Sitz Bund: Berlin Niedersachsen: Hannover Vorsitzende Bund: Dr. Rolf SCHLIERER Niedersachsen: Hans-J\u00fcrgen KIRSTE (seit 11. Juni) Mitglieder 2004 2005 Bund: 7.500 6.500 Niedersachsen: 450 220 Publikationen: Zeit f\u00fcr Protest (zweimonatl., Aufl. ca. 10.000) Die 1983 gegr\u00fcndete Partei Die Republikaner pr\u00e4gte in der zweiten H\u00e4lfte der achtziger Jahre die \u00f6ffentliche Wahrnehmung des Rechtsextremismus in Deutschland. Die Wahlerfolge dieser Zeit waren auf die von den REP vor dem Hintergrund steigender Asylbewerberzahlen mit fremdenfeindlichen Aussagen bestrittenen Wahlk\u00e4mpfe zur\u00fcckzuf\u00fchren. Als diese Thematik nach der Wiedervereinigung in den Hintergrund r\u00fcckte, konnte sich die Partei nicht mehr in gleicher Weise profilieren und verlor zunehmend an Bedeutung. Ein starker R\u00fcckgang der Mitgliederzahlen, schlechte Wahlergebnisse und eine desolate Finanzlage kennzeichneten die ab Mitte der neunziger Jahre einsetzende Phase des Niedergangs. Hinzu kamen st\u00e4ndige pers\u00f6nliche Auseinandersetzungen auf allen Parteiebenen, die h\u00e4ufige personelle Ver\u00e4nderungen nach sich zogen und einen einheitlichen politischen Kurs erschwerten.","72 Rechtsextremismus Der seit 1994 amtierende Bundesvorsitzende Dr. Rolf SCHLIERER muss sich trotz seiner Wiederwahl auf dem Bundesparteitag 2004 verst\u00e4rkt mit Kritikern aus den eigenen Reihen auseinander setzen, die seit Jahren f\u00fcr eine Lockerung des strikten Abgrenzungskurses der REP gegen\u00fcber anderen rechtsextremistischen Parteien eintreten38. Dies hat den seit Jahren bestehenden innerparteilichen Konflikt versch\u00e4rft, der eine nicht unerhebliche Anzahl von Parteiaustritten und die faktische Aufl\u00f6sung einzelner Landesverb\u00e4nde nach sich gezogen hat. Der Hamburger Landesverband ver\u00f6ffentlichte am 8. Januar eine Pressemitteilung, in der er seine Aufl\u00f6sung bekannt gab und mitteilte, dass der gesamte Landesvorstand der NPD beigetreten sei. Gegen\u00fcber dem Vorjahr hat sich die Mitgliederzahl des nieders\u00e4chsischen Landesverbandes von 450 auf 220 Personen halbiert. Organisatorisch ist der Landesverband in vier Bezirksverb\u00e4nde und Kreisverb\u00e4nde untergliedert: Von den durch den Mitgliederschwund geschw\u00e4chten Kreisverb\u00e4nden gehen allerdings nur noch sporadisch Impulse aus. Es gelang dem nieders\u00e4chsischen Landesverband nicht einmal, die erforderliche Anzahl von Unterst\u00fctzungsunterschriften f\u00fcr die Zulassung zur Bundestagswahl zu sammeln. Der erst im M\u00e4rz 2004 zum Landesvorsitzenden gew\u00e4hlte Hans-Gerd WIECHMANN, der f\u00fcr eine Ann\u00e4herung der REP an andere rechtsextremistische Organisationen eintrat, konnte sich mit dieser Position nicht durchsetzen. Er gab daraufhin sein Amt auf und trat nach heftigen Auseinandersetzungen aus der Partei aus. Parteifunktion\u00e4re und zahlreiche einfache Mitglieder, die den REP keine Zukunftsperspektive mehr zubilligten, schlossen sich seinem Schritt an. Auf Initiative WIECHMANNs und anderer ehemaliger REP-Mitglieder entstanden in Hannover, Celle und L\u00fcneburg parteiunabh\u00e4ngige und organisations\u00fcbergreifende Patriotische B\u00fcndnisse. Die Patriotischen B\u00fcndnisse, denen auch Vertreter der NPD angeh\u00f6ren, beabsichtigen eine Teilnahme an der nieders\u00e4chsischen Kommunalwahl im September 2006. Zum neuen nieders\u00e4chsischen Landesvorsitzenden wurde auf dem Landesparteitag am 11. Juni in Verden Hans-J\u00fcrgen KIRSTE gew\u00e4hlt. Die weiteren Vorstandsmitglieder verf\u00fcgen kaum \u00fcber politische Erfahrung in F\u00fchrungspositionen der REP. 38 In der Weiterf\u00fchrung des Ruhstorfer Beschlusses von 1990 bestimmt das Veitsh\u00f6chheimer Bekenntnis, das auf dem Bundesparteitag am 27./28.11.2004 verabschiedet wurde, die Trennlinie zu Organisationen \"die unseren Staat oder die freiheitliche demokratische Grundordnung beseitigen wollen ... Daher kommen insbesondere gemeinsame Aktivit\u00e4ten mit der NPD bei deren derzeitigen Zielen oder gar mit nationalsozialistischen Organisationen und deren Umfeld ... nicht in Betracht.\"","Rechtsextremismus 73 Bundesweit traten die REP lediglich in 9 von 16 Bundesl\u00e4ndern zur Wahl an. Mit 0,6 % der Zweitstimmen erzielten sie dasselbe Ergebnis wie im Jahre 2002. Die Partei hat damit zwar das Minimalziel, den Erhalt der staatlichen Teilfinanzierung zu sichern, erreicht. Sie ist aber in allen Bundesl\u00e4ndern von der NPD deutlich \u00fcberholt worden. Die REP charakterisieren sich selbst als national-konservative Partei innerhalb des demokratischen Parteienspektrums. Tats\u00e4chlich bestehen nach wie vor Anhaltspunkte f\u00fcr rechtsextremistische Bestrebungen. Hervorzuheben ist in dieser Hinsicht die in ihrer Eindimensionalit\u00e4t und Monokausalit\u00e4t fremdenfeindliche Erkl\u00e4rung von Arbeitsmarktund Sozialproblemen mit der Anwesenheit von ausl\u00e4ndischen Staatsb\u00fcrgern. Best\u00e4ndig wird das durch die Realit\u00e4ten nicht abgedeckte Schreckensszenario von einer Massenzuwanderung heraufbeschworen. In einer Pressemitteilung zum \"Tag der Integration\" am 25. September z. B. forderte SCHLIERER einen \"'Tag der R\u00fcckwanderung' als Symbol des Umsteuerns in der v\u00f6llig verfehlten deutschen Einwanderungspolitik\" und begr\u00fcndete dies wie folgt: \"Diente das sog. Zuwanderungsgesetz wirklich einer an deutschen Interessen ausgerichteten Steuerung der Einwanderung, d\u00fcrfte es bei brutto neun Millionen Arbeitslosen nicht einen einzigen 'Neuzuwanderer' mehr geben. Stattdessen l\u00e4uft die Masseneinwanderung auf den deutschen Arbeitsmarkt und in die Sozialsysteme ungebremst weiter. Angesichts leerer Kassen wird das binnen kurzem zum Kollaps und zu schweren inneren Konflikten f\u00fchren...Erst wenn das Zuwanderungsgesetz durch ein R\u00fcckf\u00fchrungsgesetz und der 'Tag der Integration' durch einen 'Tag der R\u00fcckwanderung' ersetzt wird, werden wir die strukturellen Probleme unseres Landes in den Griff bekommen k\u00f6nnen.\" (Pressemitteilung Nr. 61/05 vom 23.09.2005) Die v\u00f6lkisch gepr\u00e4gte fremdenfeindliche Argumentation der REP kommt im Parteiprogramm des Berliner Landesverbandes zum Ausdruck: \"Die seit Jahren anhaltende Masseneinwanderung f\u00fchrt nicht nur zu untragbaren wirtschaftlichen Lasten und innerem Unfrieden, sondern zur Ver\u00e4nderung und letztlich Aufl\u00f6sung unseres Volkes. Das ist Hochverrat.\"","74 Rechtsextremismus Die weltweit ver\u00fcbten islamistischen Terroranschl\u00e4ge werden von den REP zum Anlass genommen, um vor den Folgen einer durch Fakten nicht gedeckten \"Massenzuwanderung\" muslimischer B\u00fcrger zu warnen. In einer Pressemitteilung des Bundesvorstandes wird von Terrorgefahren als \"Folge der muslimischen Masseneinwanderung und der multikulturellen Gleichg\u00fcltigkeit\" gesprochen und geschlussfolgert: \"Wer grenzenlos islamische Einwanderung duldet, holt sich den potenziellen Feind ins eigene Haus - und wer diese Einwanderer unkontrolliert gew\u00e4hren l\u00e4\u00dft, ohne sie zur Assimilation zu veranlassen, spielt mit dem Leben der B\u00fcrger.\" (Pressemitteilung Nr. 44/05 vom 08.07.2005) Pauschalverd\u00e4chtigungen dieser Art sind geeignet, den muslimischen Bev\u00f6lkerungsanteil in seiner Gesamtheit zu verunglimpfen. Eine zweite Konstante programmatischer Verlautbarungen der REP stellen revisionistische Positionen dar. In einer Rede auf einer Parteiveranstaltung am 9. Februar in Geisenhausen (Bayern) bezeichnete SCHLIERER das \"Dogma von der Einzigartigkeit deutscher Verbrechen\" als \"historische L\u00fcge, die ebenso wie der Popanz der rechtsextremistischen Bedrohung benutzt werde, um die Deutschen dauerhaft emotional und moralisch unter Druck zu setzen\". In einer Pressemitteilung der REP wurden die Ausf\u00fchrungen des Parteivorsitzenden wie folgt zusammengefasst: \"Schlierer erinnerte daran, da\u00df in der Nacht zum Aschermittwoch vor 60 Jahren Dresden von anglo-amerikanischen Terrorbombern in Schutt und Asche gelegt wurde, w\u00e4hrend Millionen Deutsche auf der Flucht vor dem W\u00fcten der sowjetischen Soldateska gewesen seien. 1945 sei f\u00fcr Deutschland kein Jahr der Befreiung, sondern ein Jahr der katastrophalen Niederlage gewesen... Deutschland brauche mit seiner langen demokratischen Tradition, die weit in die Geschichte zur\u00fcckreiche, weder 'Umerziehung' noch moralische Lektionen aus Amerika.\" (Pressemitteilung Nr. 08/2005 vom 09.02.2005) Unter der \u00dcberschrift \"Volk am Nasenring - Die Deutschen m\u00fcssen Nationalmasochismus und Selbstha\u00df \u00fcberwinden\" war zum gleichen Zeitpunkt in der Parteizeitung Zeit f\u00fcr Protest zu lesen: \"Der ritualisierte offizielle Gedenkbetrieb, ...ist der vorl\u00e4ufige H\u00f6hepunkt einer Orgie des Selbsthasses, ... Die NS-Ver-","Rechtsextremismus 75 brechen waren furchtbar, aber nicht 'einzigartig'.\" (Zeit f\u00fcr Protest, Nr. 1-2/2005) Die Leugnung der Einzigartigkeit, d. h. die Relativierung der NS-Verbrechen und die Forderung nach einem Ende der Diskussionen um die nationalsozialistische Vergangenheit, bilden das Kernst\u00fcck der revisionistischen Agitation der REP. In ihrer Intensit\u00e4t und drastischen Wortwahl zeigt sich das nach wie vor vorhandene rechtsextremistische Gedankengut und die grunds\u00e4tzlich ablehnende Haltung der REP gegen\u00fcber dem im Grundgesetz verankerten Demokratieprinzip. Der von SCHLIERER verwendete Begriff \"Umerziehung\" zieht die Legitimit\u00e4t der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung in Zweifel. Die Einf\u00fchrung des Grundgesetzes erscheint in dieser Sichtweise als Ausdruck alliierter Machtpolitik und die Bundesrepublik Deutschland als ein nicht souver\u00e4ner fremdbestimmter Staat. Exilregierung Deutsches Reich Am 08.05.2004 fand in Hannover die Gr\u00fcndungsveranstaltung der Gruppierung Exilregierung Deutsches Reich statt. Initiator der Gruppierung ist Norbert Rudolf SCHITTKE aus Hildesheim, der als selbsternannter \"Reichskanzler\" agiert. Als \"Leiter des Presseund Informationsamtes\" der Exilregierung fungiert Uwe BRADLER39. Die Exilregierung spricht der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland die Legitimit\u00e4t ab: \"Das Grundgesetz ist nicht - wie absichtlich behauptet wird - vom deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossen worden. Es ist \u00fcberhaupt nicht vom deutschen Volk beschlossen worden. Aus diesem Grunde ist es keine deutsche Verfassung, sondern ein alliiertes und oktroyiertes Gesetz f\u00fcr ein besetztes Gebiet.\" (Internet-Ausdruck vom 05.04.2006) 39 BRADLER war bis 2004 Anh\u00e4nger der Kommissarischen Reichsregierung (KKR) um den Berliner Rechtsextremisten Wolgang Gerhard G\u00fcnter EBEL, die aufgrund der geringen Akzeptanz EBELs im rechtsextremistischen Spektrum an Bedeutung verloren hat. Bei der Exilregierung handelt es sich um eine Absplitterung der urspr\u00fcnglichen KRR.","76 Rechtsextremismus Aus Sicht der Mitglieder der Exilregierung, die sich als \"Reichsb\u00fcrger\" bezeichnen, besteht das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 auf Grundlage der Weimarer Verfassung v\u00f6lkerrechtlich fort und ist lediglich handlungsunf\u00e4hig. Die Exilregierung hat sich die Reorganisation des Deutschen Reiches und die Abl\u00f6sung des \"Provisoriums BRD\", d. h. die \u00dcberwindung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, zum Ziel gesetzt. Den Mitgliedern der \"provisorischen Regierung von Deutschland\", gemeint ist die Bundesregierung, wird \"landesverr\u00e4terisches Handeln\" und \"Ausbeutung des Staatsvolkes\" durch Veruntreuung und Vergeudung von Geldern vorgeworfen. Die Bundesregierung betreibe \"die bewusste Vermischung des gesamtdeutschen Staatsvolkes mit Einwanderern aus allen L\u00e4ndern der Erde zur Steigerung der Kriminalit\u00e4t und Verunsicherung des deutschen Staatsvolkes\". (Internet-Ausdruck vom 05.04.2006) In der \u00d6ffentlichkeit treten die Mitglieder der Gruppierung als \"Reichsb\u00fcrger\" schon seit l\u00e4ngerem mit selbstentworfenen Dokumenten, wie \"Reichspersonenausweisen\" oder \"Reichsf\u00fchrerscheinen\" in Erscheinung, die gegen eine Geb\u00fchr bei den daf\u00fcr eingerichteten \"Meldestellen\" der Exilregierung oder \u00fcber die Internetseite erworben werden k\u00f6nnen und auch zur internen Legitimation f\u00fcr die Veranstaltungen der Exilregierung eingesetzt werden. Derzeit werden von der Gruppierung ca. 80 Personen als Mitglieder gef\u00fchrt. Der aktive Kern besteht aus etwa zehn Personen.","Linksextremismus 77 LINKSEXTREMISMUS Mitglieder-Potenzial Linksextremismus-Potenzial40 Bundesrepublik 2004 2005 Deutschland Marxisten-Leninisten und andere 25.700 25.400 revolution\u00e4re Marxisten41 Autonome und sonstige gewaltbereite 5.500 5.500 Linksextremisten42 Summe 31.200 30.900 Nach Abzug der Mehrfachmitgliedschaften 30.800 30.600 Die Linkspartei. PDS43 65.800 61.600 Niedersachsen44 2004 2005 Marxisten-Leninisten und andere 470 470 revolution\u00e4re Marxisten Autonome und sonstige gewaltbereite 710 700 Linksextremisten Summe 1.180 1.170 Die Linkspartei. PDS45 725 725 40 Die Zahlenangaben sind zum Teil gesch\u00e4tzt und gerundet. 41 Einschlie\u00dflich Kommunistischer Plattform (KPF) und weiterer linksextremistischer Gruppen in der Linkspartei. PDS. 42 In die Statistik sind nicht nur tats\u00e4chlich als T\u00e4ter/Tatverd\u00e4chtige festgestellte Personen einbezogen, sondern auch solche Linksextremisten, bei denen lediglich Anhaltspunkte f\u00fcr Gewaltbereitschaft gegeben sind. Erfasst sind nur Gruppen, die feste Strukturen aufweisen und \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum aktiv waren. Das Mobilisierungspotenzial der \"Szene\" umfasst zus\u00e4tzlich mehrere tausend Personen. 43 Die Linkspartei PDS ist wegen ihres ambivalenten Erscheinungsbildes gesondert ausgewiesen. Es ist davon auszugehen, dass nicht alle Mitglieder linksextremistische Ziele verfolgen oder unterst\u00fctzen. 44 Die f\u00fcr den Bund eingef\u00fcgten Fu\u00dfnoten gelten entsprechend auch f\u00fcr Niedersachsen. Auf den Abzug von Mehrfachmitgliedschaften in H\u00f6he von ca. 2 % wie beim Bund ist verzichtet worden. 45 Die Beobachtung der PDS wurde in Niedersachsen im Jahr 2003 begonnen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde lediglich die Kommunistische Plattform in der Linkspartei. PDS (KPF) beobachtet.","78 Linksextremismus Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK) mit extremistischem Hintergrund - links Die Erfassung der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t ist Aufgabe der Polizei. Seit dem Jahr 2001 wird die Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t nach dem von der Innenministerkonferenz beschlossenen Kriminalpolizeilichen Meldedienst \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t\" (KPMD-PMK) bundeseinheitlich erfasst. Die linksextremistischen Straftaten stiegen um etwa 56 % von 316 Taten im Jahr 2004 auf 492 Taten im Jahr 2005. Der signifikante Anstieg spiegelt sich vor allem in der Kategorie der \"Gewalttaten\", in der eine Deliktszunahme um rund 122 % (von 83 F\u00e4llen im Jahr 2004 auf 184 Straftaten im Jahr 2005) registriert wurde, wider. Auch in der Kategorie der \"sonstigen extremistischen Straftaten\" war ein Anstieg in diesem Ph\u00e4nomenbereich festzustellen (von 233 Taten im Jahr 2004 auf 308 Taten im Jahr 2005). Dieser beruht unter anderem auf einer Zunahme bei Verst\u00f6\u00dfen gegen das Versammlungsgesetz (von 56 im Jahr 2004 auf 68 im Jahr 2005) und bei Propagandadelikten (von 15 im Jahr 2004 auf 31 im Jahr 2005). Urs\u00e4chlich f\u00fcr den Anstieg der Gewalttaten war die vermehrte Begehung von Landfriedensbr\u00fcchen, K\u00f6rperverletzungen und gef\u00e4hrlichen Eingriffen in den Bahnverkehr im Zusammenhang mit demonstrativen Ereignissen der rechtsextremistischen Szene und damit verbundenen Gegendemonstrationen sowie strafrechtlich relevanten Aktionen gegen den im November durchgef\u00fchrten Castor-Transport. Bei dem \u00fcberwiegenden Teil der Straftaten im Jahr 2005 (124 Delikte) handelte es sich wie auch im Jahr 2004 (126 Delikte) um den Tatbestand der Sachbesch\u00e4digung. Im Bereich der PMK-Links wurde die Strafvorschrift des SS 86a StGB (Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen) haupts\u00e4chlich durch das Schmieren oder Einritzen von Hakenkreuzen verwirklicht, womit Personen des linken Spektrums ihre Ablehnung gegen\u00fcber dem Nationalsozialismus zum Ausdruck bringen wollten. Dar\u00fcber hinaus kam es aus Anlass der am 18. September durchgef\u00fchrten Bundestagswahlen zu einem erh\u00f6hten Straftatenaufkommen. T\u00e4ter aus dem linken Spektrum zerst\u00f6rten Wahlkampfmittel rechter Parteien oder besch\u00e4digten diese, indem Hakenkreuzdarstellungen u.\u00e4. angebracht wurden. Im Bereich des linksextremistischen Spektrums ist insgesamt festzustellen, dass die Aktionsfelder \"Antifaschismus\" und \"Konfrontation gegen Rechts\" nach wie vor Schwerpunkte darstellen. Seit 2002 steigt der Anteil der extremistischen Kriminalit\u00e4t \"Links\" an der Gesamtzahl der politisch motivierten Delikte: (2002 : 12 %, 2003 : 14 %, 2004 : 17 %, 2005 : 24 %) ErfassungsPMK davon nicht davon Anteil der bereich extremistisch extremistisch extremistischen Straftaten PMK-links 766 274 492 64,20%","Linksextremismus 79 \u00dcbersicht \u00fcber die Gewalttaten und sonstigen Straftaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - links\" in Niedersachsen46 Gewalttaten: 2004 2005 T\u00f6tungsdelikte 0 0 Versuchte T\u00f6tungsdelikte 0 0 K\u00f6rperverletzungen 32 60 Brandstiftungen 6 5 Herbeif\u00fchren einer Sprengstoffexplosion 0 0 Landfriedensbr\u00fcche 28 58 Gef\u00e4hrl. Eingriffe in Bahn-, Luft-, Schiffsoder Stra\u00dfenverkehr 3 30 Freiheitsberaubung 0 0 Raub 3 6 Erpressung 0 1 Widerstandsdelikte 11 24 insgesamt 83 184 Sonstige Straftaten: Sachbesch\u00e4digungen 126 124 N\u00f6tigungen/Bedrohungen 3 17 Andere Straftaten 104 167 (davon terroristisch) (0) (0) insgesamt 233 308 Straftaten insgesamt 316 492 46 Die Zahlen basieren auf Angaben des Landeskriminalamtes Niedersachsen (LKA NI). Die Darstellung der Gewalttaten im L\u00e4ndervergleich weicht von diesen Zahlen geringf\u00fcgig ab, da das LKA NI eine so genannte lebende Statistik f\u00fchrt. Das hei\u00dft, dass Nacherfassungen/Aktualisierungen f\u00fcr Vorjahre vorgenommen werden und der Zahlenbestand insoweit \u00c4nderungen unterliegt.","80 Linksextremismus \u00dcbersicht \u00fcber die Gewalttaten und sonstigen Straftaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - links\" in der Bundesrepublik Deutschland47 Gewalttaten: 2004 2005 T\u00f6tungsdelikte 0 0 Versuchte T\u00f6tungsdelikte 0 1 K\u00f6rperverletzungen 226 391 Brandstiftungen 31 29 Herbeif\u00fchren einer Sprengstoffexplosion 0 0 Landfriedensbr\u00fcche 144 298 Gef\u00e4hrl. Eingriffe in Bahn-, Luft-, Schiffs19 53 oder Stra\u00dfenverkehr Freiheitsberaubung 0 0 Raub 12 13 Erpressung 1 1 Widerstandsdelikte 88 110 insgesamt 521 896 Sonstige Straftaten: Sachbesch\u00e4digungen 490 713 N\u00f6tigungen/Bedrohungen 19 42 Andere Straftaten 410 654 insgesamt 919 1.409 Straftaten insgesamt 1.440 2.305 47 Die Zahlen basieren auf Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA).","Linksextremismus 81 Gewalttaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - links\"48 Gewalttaten 2004 2005 Baden-W\u00fcrttemberg 31 44 Bayern 27 107 Berlin 155 124 Brandenburg 22 17 Bremen 0 2 Hamburg 16 19 Hessen 18 20 Mecklenburg-Vorpommern 22 14 Niedersachsen 81 184 Nordrhein-Westfalen 48 32 Rheinland-Pfalz 8 74 Saarland 4 3 Sachsen 55 108 Sachsen-Anhalt 13 61 Schleswig-Holstein 12 87 Th\u00fcringen 9 0 Gesamt 521 896 48 Die Zahlen basieren auf Angaben des Bundeskriminalamtes. Die Darstellung der Gewalttaten in der Tabelle f\u00fcr Niedersachsen weicht von diesen Zahlen geringf\u00fcgig ab, da das Landeskriminalamt eine so genannte lebende Statistik f\u00fchrt. Das hei\u00dft, dass Nacherfassungen/Aktualisierungen f\u00fcr Vorjahre vorgenommen werden und der Zahlenbestand insoweit \u00c4nderungen unterliegt.","82 Linksextremismus Einf\u00fchrung F\u00fcr die Ideologie des deutschen Linksextremismus sind die beiden ideengeschichtlichen Grundstr\u00f6mungen des 19. Jahrhunderts, Marxismus und Anarchismus, grundlegend. Linksextremisten greifen die in der Franz\u00f6sischen Revolution proklamierten Werte Freiheit und Gleichheit in radikaler Zuspitzung auf und wollen den Menschen aus Abh\u00e4ngigkeiten befreien und - insbesondere Anarchisten - jegliche Herrschaftsverh\u00e4ltnisse abschaffen. Das Streben nach Gleichheit kennzeichnet den entscheidenden Unterschied zum Rechtsextremismus, der als Ideologie der Ungleichheit bezeichnet werden kann. Kommunismus, der f\u00fcr die Anh\u00e4nger der marxistischen Lehre die h\u00f6chste Form der gesellschaftlichen Entwicklung darstellt, und Anarchismus unterscheiden sich in der Bewertung der Freiheitsrechte. W\u00e4hrend der \u00fcbersteigerte Gleichheitsbegriff kommunistisch ausgerichteter Organisationen individuelle Freiheitsrechte \u00fcberdeckt, lehnen anarchistische Gruppierungen staatliche Organisation und damit Machtstrukturen (Hierarchien) generell ab. Beide Richtungen orientieren sich an der Utopie einer klassenoder herrschaftsfreien Ordnung, d. h. der vollkommenen Befreiung des Menschen von allen gesellschaftlichen, politischen, \u00f6konomischen und kulturellen Zw\u00e4ngen. Anarchisten, die in ihrem konkreten politischen Handeln diesen utopischen Entwurf vorzuleben versuchen (\"Aufhebung der Herrschaft des Menschen \u00fcber den Menschen\"), lehnen auf Zwang beruhende Zwischenstadien zur Realisierung dieser klassenlosen Gesellschaft wie die von Kommunisten geforderte Diktatur des Proletariats ab. Kommunistische Gruppierungen haben sich den Sturz des bestehenden politischen Systems und die Errichtung einer Diktatur des Proletariats unter F\u00fchrung einer \"proletarischen Avantgarde\" als Ziel gesetzt. Das utopische Endziel dieser Gruppierungen ist die klassenlose kommunistische Gesellschaft. Marxistisch-leninistische Organisationen wie die Deutsche Kommunistische Partei (DKP), die MarxistischLeninistische Partei Deutschlands (MLPD) und die Kommunistische Plattform (KPF) der Linkspartei.PDS halten an der Idee einer Revolution der Arbeiterklasse fest, der die Diktatur des Proletariats folgt. Demgegen\u00fcber propagieren anarchistische Gruppierungen die \u00dcberwindung des bestehenden politischen Systems auf dem Wege massenhaften zivilen Widerstands49 und vorbildhafter Selbstorganisation. Linksext49 Ziviler Ungehorsam ist insbesondere bei den \"gewaltfreien\" Anarchisten der Versto\u00df gegen ein Gesetz aus Gewissensgr\u00fcnden, wobei bewusst in Kauf genommen wird, daf\u00fcr bestraft zu werden.","Linksextremismus 83 remistische Organisationen stimmen darin \u00fcberein, dass ein revolution\u00e4rer Umsturz das internationale Zusammenwirken revolution\u00e4rer Kr\u00e4fte erfordert (Internationalismus). Mitte 2005 beschloss die in Linkspartei.PDS umbenannte Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) zusammen mit der nichtextremistischen Partei Arbeit & soziale Gerechtigkeit - Die Wahlalternative (WASG), innerhalb der folgenden zwei Jahre ein gemeinsames Projekt der Linken in Deutschland auf den Weg zu bringen. Aufgrund der Zusammenarbeit bei der Bundestagswahl im September konnte die Linkspartei.PDS mit 8,7 % der Zweitstimmen ihr Ergebnis gegen\u00fcber 2002 mehr als verdoppeln. Seit dem Einzug in den Bundestag versuchen vor allem Vertreter der Linkspartei.PDS die Fusion mit der WASG zu forcieren, um bei k\u00fcnftigen Wahlen ihre eigenen Schw\u00e4chen in den alten Bundesl\u00e4ndern auszugleichen. W\u00e4hrend die Linkspartei.PDS auf Bundesebene weiterhin deutlich Mitglieder verloren hat (mit einem R\u00fcckgang von 66.000 auf 62.000), konnte sie ihren Mitgliederstand in Niedersachsen bei 725 Personen halten. Demgegen\u00fcber haben die kommunistischen Parteien DKP (4.500 Mitglieder) sowie die MLPD (2.300 Mitglieder) nur noch eine nachrangige Bedeutung. Auch bei Wahlen erzielten sie nur marginale Ergebnisse. Inhaltlich verharrten sie in \u00fcberkommenen theoretischen Diskussionen. Bedrohlichste Erscheinungsform des Linksextremismus f\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden ist nach wie vor das Spektrum der so genannten Autonomen und sonstigen gewaltbereiten Linksextremisten. Autonome nutzen demokratische Protestformen h\u00e4ufig als \"Trittbrettfahrer\", wobei sie oft \u00e4u\u00dferst gewaltt\u00e4tig auftreten - etwa bei Gegendemonstrationen zu rechtsextremistischen Versammlungen.","84 Linksextremismus Autonome und sonstige gewaltbereite Linksextremisten Anh\u00e4nger 2004 2005 Bund50: 5.500 5.500 Niedersachsen: 710 710 Publikationen Bund: INTERIM (vierzehnt\u00e4gig) radikal (unregelm\u00e4\u00dfig) Phase 2 (etwa viertelj\u00e4hrlich) Niedersachsen: vers beaux temps, Hannover (etwa viertelj\u00e4hrl.) EinSatz!, G\u00f6ttingen (unregelm\u00e4\u00dfig) g\u00f6ttinger Drucksache, G\u00f6ttingen (unregelm\u00e4\u00dfig) Alhambra, Oldenburg (monatlich) Fight back!, Braunschweig (unregelm\u00e4\u00dfig) Die Zwille, Osnabr\u00fcck (monatlich) Urspr\u00fcnge und Ziele Die Entstehungsgeschichte der autonomen Bewegung51 reicht in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts zur\u00fcck, in denen die radikalen und militanten Teile der Studentenbewegung in zwei Hauptrichtungen zerfielen. Auf der einen Seite bildeten sich so genannte K-Gruppen heraus, deren Vertreter die Theorien der sozialistischen \"Klassiker\" wie Marx, Engels, Lenin und Mao dogmatisch auslegten. Die Aktivit\u00e4ten dieser so genannten K-Gruppen waren von der \u00dcberzeugung getragen, dass nur eine disziplinierte, zentralistisch ausgerichtete Partei als Vorhut der Arbeiterklasse das Ziel der sozialistischen Revolution verwirklichen k\u00f6nne. 50 darunter 5.000 Autonome 51 Eine Charakterisierung autonomen Selbstverst\u00e4ndnisses findet sich in Schultze, Thomas/Gross, Almut: Die Autonomen: Urspr\u00fcnge, Entwicklung und Profil der autonomen Bewegung; Hamburg (1997): \"Die Autonomen stellen ein Konglomerat vornehmlich aus Spontund Italo-'Verschnitten' dar. Schlagw\u00f6rter der autonomen Bewegung, die unterschiedlich gef\u00fcllt werden, sind: Selbstbestimmung, Politik der 1. Person, kollektive und Ich-Identit\u00e4t, Solidarit\u00e4t, Aktion vor Theorie, keine Hierarchien, sozialrevolution\u00e4r, allt\u00e4gliche Ver\u00e4nderungen, Unabh\u00e4ngigkeit... und diverse Anti-Einstellungen wie Antiimperilalismus und Antifaschismus. Eine positive Bestimmung f\u00e4llt meistens schwerer und bezieht sich auf Freir\u00e4ume und gegenkulturelle Entw\u00fcrfe in Musik und Kunst, im Zusammenleben und -arbeiten.\"","Linksextremismus 85 Autonome Linksextremisten andererseits, die sich auch als undogmatische Linke verstanden, strebten zwar wie die Vertreter der orthodoxen K-Gruppen die sozialistische Revolution an. Sie beantworteten die \"Organisationsfrage\" aber ganz anders. Statt eine staatliche Ordnung herbeizuf\u00fchren, sprachen sich die autonomen Linksextremisten f\u00fcr die Selbstorganisation des Zusammenlebens aus, eine \"herrschaftsfreie Gesellschaft\". Auch heute noch ist es gemeinsames Ziel der autonomen Gruppierungen, den Staat und seine Institutionen gewaltsam abzuschaffen und durch eine \"herrschaftsfreie Gesellschaft\" zu ersetzen. Die autonome Bewegung ist nicht wie kommunistische Organisationen von einer einheitlichen Ideologie gepr\u00e4gt. Sie verkn\u00fcpfen Elemente sowohl kommunistischer als auch anarchistischer Theoretiker miteinander. Die verschiedenen Gruppen der autonomen Bewegung bilden sich vorrangig \u00fcber ihren politischen oft auch militanten Aktionismus. Ihre Aktionsund Themenfelder orientieren sich dabei zu einem erheblichen Teil an aktuellen politischen Ereignissen und Problemfeldern, um den autonomen Widerstand in der \u00d6ffentlichkeit besser zu vermitteln. Mit der Ver\u00e4nderung der politischen Agenda haben sich auch die Aktionsfelder der autonomen Bewegung entwickelt. So engagieren sich deren Anh\u00e4nger - wie auch in den vergangenen Jahren - in den Themenfeldern Antifaschismus und Antirassismus. Die Aktionsfelder Anti-Globalisierung und Anti-Castor stellen f\u00fcr die Autonomen weiterhin keinen Schwerpunkt dar. Zentrales Aktionsfeld ist der der \u00d6ffentlichkeit am besten vermittelbare \"Antifaschismus-Kampf\". Insbesondere auf diesem Gebiet zeigen Autonome eine hohe Aggressivit\u00e4t und Gewaltbereitschaft. Autonome f\u00fchren dabei in der Regel keine eigenen Veranstaltungen durch, sondern beteiligen sich an demokratischen Protestveranstaltungen. Wie im Vorjahr reagierte die autonome Szene auch im Jahr 2005 auf Propagandaaktivit\u00e4ten von Rechtsextremisten in der Region Rotenburg/Verden. Die teilweise gewaltt\u00e4tigen Aktivit\u00e4ten der autonomen Szene richteten sich landesweit gegen rechtsextremistische Versammlungen. Die autonome Szene ist nach wie vor geschw\u00e4cht durch interne Auseinandersetzungen \u00fcber grunds\u00e4tzliche Fragen ihrer ideologischen Ausrichtung. Eine entscheidende Rolle spielt hierbei die Konfrontation zwischen den so genannten Antideutschen/Antinationalen und den Antiimperialisten. Generell ist nach wie vor eine allgemeine Mobilisierungsschw\u00e4che in der autonomen Szene zu beobachten, die auf Erm\u00fcdungserscheinungen durch die Vielzahl der in Niedersachsen, aber auch bundesweit durchgef\u00fchrten auto-","86 Linksextremismus nomen Veranstaltungen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Bei intensiver Vorarbeit einzelner autonomer Gruppierungen - vor allem in G\u00f6ttingen und Hannover - lie\u00dfen sich im Berichtsjahr verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viele Autonome f\u00fcr Aktionen mobilisieren. Nach wie vor gibt es in der autonomen Szene keine einheitliche Meinung \u00fcber die seit 2001 anhaltende so genannte Militanz-Debatte. Dabei geht es um die Frage, inwieweit Gewalt gegen Personen in der politischen Auseinandersetzung gerechtfertigt ist. W\u00e4hrend autonome Zusammenschl\u00fcsse grunds\u00e4tzlich die Aus\u00fcbung von Gewalt gegen Sachen als Mittel der politischen Auseinandersetzung bef\u00fcrworten, lehnen sie die Aus\u00fcbung von gezielter Gewalt gegen Personen (personenbezogene Anschl\u00e4ge) mehrheitlich ab. Die Zahl der extremistisch motivierten Gewaltdelikte hat sich fast verdoppelt; diese erhebliche Steigerung geht auf Straftaten gegen Polizeibeamte und Rechtsextremisten bei Aktionen gegen rechtsextremistische Demonstrationen z. B. in B\u00fcckeburg, Braunschweig, Oldenburg und G\u00f6ttingen zur\u00fcck. Antideutsche/Antinationale Unter den Linksextremisten vertreten so genannte Antideutsche eine Str\u00f6mung, die durch ihre uneingeschr\u00e4nkte Solidarit\u00e4t mit dem j\u00fcdischen Volk und dem israelischen Staat sowie den USA zu einem tief greifenden Bruch in der linksextremistischen Szene gef\u00fchrt hat. Antideutsche definieren ihre Gegnerschaft zum Staat insbesondere dar\u00fcber, dass sie allen Deutschen Antisemitismus und den Wunsch nach Gro\u00dfmachtstreben unterstellen. Vertreter dieser Richtung unterst\u00fctzen den milit\u00e4rischen Einsatz der USA und ihrer Verb\u00fcndeten im Irak sowie die Politik Israels, die sie als \"Kampf gegen den Islamismus\" betrachten. W\u00e4hrend Autonome Nation und Staat bisher als Konstrukte b\u00fcrgerlicher Herrschaft grunds\u00e4tzlich ablehnten, fordern Antideutsche in ihrer uneingeschr\u00e4nkt israelfreundlichen Haltung f\u00fcr alle Juden eine nationalstaatliche Basis. Im Kampf gegen Antisemitismus verdienen ihrer Auffassung nach die USA Dank, weil sie Deutschland vom Nationalsozialismus befreit haben und Israel sch\u00fctzen. Die Kritik am deutschen Staat, der nach Auffassung der Antideutschen Antisemitismus hervorbringe, m\u00fcndet in der Forderung nach Aufl\u00f6sung des bestehenden politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. So \u00e4u\u00dferte die Autonome Antifa Nordost (AA/NO) aus Berlin in einem Internetbeitrag vom 31.Januar 2005:","Linksextremismus 87 \"Nicht die Neonazis sind das Problem; das Problem ist Deutschland. Deshalb fordern wir auch 60 Jahre nach Niederschlagung des Nationalsozialismus wieder die v\u00f6llige Demilitarisierung von Deutschland, ein Verbot von jeglichen Vertriebenenverb\u00e4nden und dass Deutschland wieder unter die Kontrolle der Alliierten gestellt wird.\" Den inhaltlichen Widerspruch, einerseits ein vermeintlich imperialistisches Deutschland zu bek\u00e4mpfen und andererseits die USA - aus Sicht der meisten Linksextremisten der Inbegriff des Imperialismus - zu unterst\u00fctzen, ignorieren Antideutsche. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der linksextremistischen Szene lehnt diese Auffassung ab. Mit ihrem bedingungslosen Eintreten f\u00fcr den israelischen Staat und gegen Pal\u00e4stina befinden sich die Antideutschen im Widerspruch zu den so genannten Antiimperialisten52. Die gegens\u00e4tzlichen Positionen haben sich als un\u00fcberbr\u00fcckbar erwiesen, so dass sich im Jahr 2004 selbst langj\u00e4hrige Antifa-Gruppen in Berlin, K\u00f6ln und G\u00f6ttingen gespalten bzw. aufgel\u00f6st haben. Autonome Organisierungsbem\u00fchungen Die Organisierungsdebatte der autonomen Szene geht zur\u00fcck auf ein Grundsatzpapier der im Mai 2004 wegen ideologischer Differenzen \"aufgel\u00f6sten\" G\u00f6ttinger Autonomen Antifa [M] (AA[M]) aus dem Jahr 1991. Darin kritisierte die Gruppe, dass die Unverbindlichkeit autonomer Strukturen eine kontinuierliche Praxis verhindere und die Autonomen damit zu einem bedeutungslosen Nischenund Gettodasein verdamme. Daher seien verbindliche Organisationsstrukturen in der autonomen Szene notwendig. Obwohl hierarchische und b\u00fcrokratische Strukturen nach dem autonomen Selbstverst\u00e4ndnis prinzipiell abgelehnt werden, gr\u00fcndeten autonome Gruppen aus dem gesamten Bundesgebiet im Jahr 1992 die Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO). Nachdem sich diese infolge einer inhaltlichen und strukturellen Krise im Fr\u00fchjahr 2001 aufgel\u00f6st hatte, gelang es der autonomen Szene nicht mehr, eine neue Bundesorganisation aufzubauen. Entsprechend gibt die autonome Szene heute organisatorisch ein zerrissenes Bild ab. Im Rahmen antifaschistischer Aktionen bilden sich jedoch vermehrt anlassund themenbezogene regionale B\u00fcndnisse (Regios) und Vernetzungen. 52 Antiimperialisten lehnen alle Bestrebungen eines Staates ab, \"imperialen\" Einfluss auf andere L\u00e4nder oder V\u00f6lker zu nehmen.","88 Linksextremismus Regionale Spaltungen und Vernetzungen Ehemalige Aktivisten der Antifaschisten Aktion Hannover [AAH] gr\u00fcndeten im Januar zusammen mit Anh\u00e4ngern anderer linksextremistischer Gruppen in Hannover die neue Gruppierung Politik.Organisation.Praxis [P.O.P.]. Grund f\u00fcr die Abspaltung von der [AAH] waren pers\u00f6nliche und ideologische Differenzen innerhalb der Gruppe. Im Februar gr\u00fcndete sich daraufhin die [AAH] ebenfalls neu. In ihren im Internet ver\u00f6ffentlichten Grundsatzerkl\u00e4rungen dokumentieren beide Gruppierungen ihren system\u00fcberwindenden Ansatz. Ideologische Konstante bildet auch hier der \"Kampf gegen den Faschismus\". Ziel der \"neuen\" [AAH] ist ihrer Grundsatzerkl\u00e4rung zufolge: \"Eine Gesellschaft ohne Staat(en), von der Basis her organisiert und direkt verwaltet und damit vom Bewusstsein aller getragen. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft, in der dem Faschismus alle sozialen, ideologischen und psychologischen Grundlagen entzogen sind.\" (Antifaschistische Aktion Hannover [AAH] im Februar 2005) In ihrer im Internet ver\u00f6ffentlichten Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung propagiert die [P.O.P.] die \u00dcberwindung des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland \u00fcber den Weg einer \"sozialen Revolution\": \"Festzuhalten ist, dass jede revolution\u00e4re Organisation langfristig in der Lage sein muss, wirkliche Ver\u00e4nderungen auch durchsetzen zu k\u00f6nnen, wir wollen den Klassenkampf heute, morgen, bis zum Ziel. ... Pop is the way to communism! F\u00fcr die soziale Revolution! F\u00fcr den Kommunismus!\" W\u00e4hrend die [AAH] einen eher aktionsorientierten revolution\u00e4ren Ansatz verfolgt, versteht sich die [P.O.P.] mit ihren Betrachtungen zu aktuellen politischen Ereignissen als \"Denkfabrik\". Die bereits seit 1998 bestehende Antifa 300053 schloss sich im November der Organisation AVANTI - Projekt undogma53 Nach eigenen Angaben ist die Antifa 3000 aus der Zusammenarbeit im B\u00fcndnis gegen das ehemalige rechtsextremistische Schulungsund Tagungszentrum Hetendorf, Landkreis Celle, hervorgegangen. Die Bezeichnung 3000 leitet sich aus der ehemaligen Postleitzahl der Stadt Hannover ab.","Linksextremismus 89 tische Linke als Ortsgruppe Hannover (Avanti Hannover) 54 an. Ihre im Internet ver\u00f6ffentlichte Erkl\u00e4rung offenbart ihre grundlegende Gegnerschaft zum politischen System: \"Unsere \u00dcberzeugung war und ist, dass die heutige Gesellschaft revolution\u00e4r ver\u00e4ndert werden muss und dass die hierf\u00fcr notwendige gesellschaftliche Gegenmacht nicht allein aus spontanen Bewegungen bestehen kann, sondern die Beteiligung revolution\u00e4rer Organisationen braucht.\" Eine im Bereich der Autonomen einflussreiche bundesweite B\u00fcndnisstruktur scheint sich aus der Gruppierung AVANTI - Projekt undogmatische Linke jedoch nicht zu entwickeln. Vielmehr ist sie ein weiteres Beispiel f\u00fcr die in der autonomen Szene typischen lokalen und regionalen Vernetzungsbem\u00fchungen. Bereits im Jahr 2004 hatte sich die Autonome Antifa [M] (AA[M]) aus G\u00f6ttingen aufgrund ideologischer Differenzen innerhalb der Gruppe aufgel\u00f6st. Im Jahr 2005 haben sich die daraus hervorgegangenen drei neuen Gruppierungen - Antifaschistische Linke International (A.L.I.), - Antifa I Aktion & Kritik sowie - Redical M ungeachtet punktueller Zusammenarbeit mit jeweils eigenst\u00e4ndigen Aktionen in der linksextremistischen Szene verfestigt. So initiierte die Redical M am 22. Januar in G\u00f6ttingen eine Demonstration unter dem Motto \"Get out of control - innere Aufr\u00fcstung sabotieren\", zu der auch A.L.I. und Antifa I Aktion & Kritik aufriefen. Ziel der Veranstaltung war es, an die \"Proteste gegen Sozialraub\" anzukn\u00fcpfen und die \"antikapitalistischen Positionen\" zu st\u00e4rken. Die Beteiligung von etwa 150 \u00fcberwiegend dem linksextremistischen autonomen Spektrum zuzurechnenden Personen deutet auf eine f\u00fcr eine regionale Veranstaltung relativ hohe Mobilisierungsf\u00e4higkeit. Die Rede der Redical M, die auch im Internet ver\u00f6ffentlicht wurde, endete mit: \"Kapitalismus abschaffen! F\u00fcr den Kommunismus!\" In einer im Vorfeld ver\u00f6ffentlichten Brosch\u00fcre begr\u00fcndet die Redical M ihre Forderung nach Abschaffung des Systems mit grundlegender Kapitalismuskritik: 54 AVANTI - Projekt undogmatische Linke ist nach eigener Aussage eine Organisation, die haupts\u00e4chlich zu den Themenfeldern Antimilitarismus, Soziales, Antirassismus und Antifaschismus Stellung bezieht. Ortsgruppen bestehen neben Kiel und L\u00fcbeck mittlerweile auch in Flensburg, Hamburg, Norderstedt und seit November 2005 in Hannover. AVANTI - Projekt undogmatische Linke steht in keiner Verbindung zum Avanti e. V. Osnabr\u00fcck.","90 Linksextremismus \"Wenn die kapitalistische Verwertungsgesellschaft keinerlei Verwendung f\u00fcr alle jene hat, die sich nicht Profit bringend einsetzen lassen, liegt hier das Hauptproblem. Denn in der kapitalistischen Verwertungsgesellschaft liegt die Grundlage f\u00fcr Rationalisierungen, Entlassungen, Lohnk\u00fcrzungen und das Niederrei\u00dfen des Sozialstaates nach Ende der Systemkonkurrenz. Alles in allem also unserer Meinung nach gen\u00fcgend Gr\u00fcnde eine f\u00fcr Abschaffung dieses Systems zu sein.\" (Fehler aus dem Original \u00fcbernommen) (get out of control - INNERE AUFR\u00dcSTUNG SABOTIEREN; kam im Dezember 2004 im G\u00f6ttinger Raum zur Verteilung) Als aktivste der drei Gruppierungen protestierte die A.L.I. im Juli gegen die von der Bundesregierung als \"Agenda 2010\" ver\u00f6ffentlichten Ma\u00dfnahmen zur Reform des Sozialstaates. Anl\u00e4sslich einer Vortragsveranstaltung in G\u00f6ttingen kritisierte sie in einem Flugblatt den Vorsitzenden der Kommission zur nachhaltigen Finanzierung der Sozialversicherungssysteme als \"Hauptverantwortlichen des Sozialabbaus\". In dem Flugblatt hei\u00dft es: \"Kein Raum f\u00fcr R\u00fcrup! Unsere Reformbilanz hei\u00dft Widerstand! The only solution: Revolution!\". Medien der autonomen Szene Das Internet hat in der autonomen Szene nicht zuletzt wegen der Kommunikationsm\u00f6glichkeit \u00fcber Mailinglisten und Diskussionsforen als Propagandaund Informationsinstrument eine herausragende Bedeutung. Trotz der Attraktivit\u00e4t der modernen Medien sind die regional und \u00fcberregional erscheinenden Publikationen bei der Herstellung einer so genannten Gegen\u00f6ffentlichkeit nach wie vor bedeutsam. Die oft konspirativ erstellten und verbreiteten Ver\u00f6ffentlichungen enthalten z. B. Veranstaltungshinweise, Demonstrationsaufrufe, Handlungsanleitungen zu militanten Aktionen sowie Selbstbezichtigungen f\u00fcr Anschl\u00e4ge. W\u00e4hrend die in Niedersachsen erscheinenden Publikationen","Linksextremismus 91 - g\u00f6ttinger Drucksache (G\u00f6ttingen), - vers beaux temps55 (Hannover), - Alhambra (Oldenburg), - Die Zwille (Osnabr\u00fcck), - EinSatz! (G\u00f6ttingen) und - Fight back! (Braunschweig) nur regionale Bedeutung haben, nehmen die autonomen Druckschriften - INTERIM (Berlin), - radikal (Berlin) und - Phase 2 (Berlin/Leipzig/G\u00f6ttingen) aufgrund ihres bundesweiten Vertriebs eine herausgehobene Stellung ein. Die seit Mai 1988 bestehende Zeitschrift INTERIM ist das bundesweit bedeutendste Printmedium der autonomen Szene und erscheint in zweiw\u00f6chentlichem Rhythmus in einer gesch\u00e4tzten Auflage von 1.000 Exemplaren. Vertrieben wird die Zeitschrift bundesweit haupts\u00e4chlich \u00fcber Info-L\u00e4den56. Nachdem nach ca. f\u00fcnfj\u00e4hriger Pause im April 2004 wieder eine Ausgabe der konspirativ hergestellten und verbreiteten Untergrundzeitschrift radikal erschienen war, wurde im Sommer 2005 unter dem Titel \"M\u00f6ge die Nacht mit Euch sein\" die eine weitere Ausgabe der Zeitschrift ver\u00f6ffentlicht. Das Heft enth\u00e4lt neben Beitr\u00e4gen \u00fcber szene-relevante Ereignisse u.a. ein Interview zur Militanzdebatte. Die erstmals 1976 in Berlin erschienene radikal versteht sich selbst als Sprachrohr der linksextremistischen Szene au\u00dferhalb presserechtlicher Verantwortung und Kontrolle. Bei der viertelj\u00e4hrlich erscheinenden Zeitschrift Phase 2 handelt es sich um ein Theorieund Diskussionsforum mit den Schwerpunktthemen Antirassismus, Kapitalismuskritik, Feminismus und Internationalismus. Die erstmals im Juli 2001 erschienene Phase 2 wird von drei Redaktionsgruppen aus G\u00f6ttingen, Berlin und dem \"B\u00fcndnis gegen Rechts\" aus Leipzig verfasst. Die nieders\u00e4ch55 \u00fcbersetzt aus dem Franz\u00f6sischen: \"sch\u00f6nen Zeiten entgegen\" 56 Info-L\u00e4den sind ein Bestandteil informeller autonomer Strukturen und Organisation. Neben aktuellen Informationen stellen viele L\u00e4den auch Archive zur Verf\u00fcgung und dienen der Vernetzung von Gruppen und Einzelpersonen. Autonome Gruppen nutzen die Postanschrift von Info-L\u00e4den auch als Briefkasten.","92 Linksextremismus sischen Finanzbeh\u00f6rden haben inzwischen dem als Herausgeber auftretenden \"Verein zur F\u00f6rderung antifaschistischer Kultur e. V.\" - ein Tarnverein der mittlerweile aufgel\u00f6sten Autonomen Antifa [M] aus G\u00f6ttingen - die steuerliche Gemeinn\u00fctzigkeit aberkannt. Neuer Herausgeber ist jetzt der Leipziger Verein Kulturprojekt Plagwitz e. V. Aktionsfelder Antifaschismus und Antirassismus Aktionsfeld Antifaschismus Wenngleich der militante Antifaschismus in den letzten Jahren aufgrund des verst\u00e4rkten Engagements demokratischer Organisationen und staatlicher Institutionen gegen Rechtsextremismus in der \u00d6ffentlichkeit weniger Beachtung findet, stellt er nach wie vor das zentrale Aktionsfeld autonomer Bestrebungen dar. So reagierten militante Autonome im Jahr 2005 auf zahlreiche Versammlungen und Informationsst\u00e4nde von rechtsextremistischen Gruppierungen in Verden, B\u00fcckeburg, Braunschweig, Oldenburg und G\u00f6ttingen mit gewaltt\u00e4tigen Gegenaktionen. Als Feindbilder gelten den Autonomen nicht nur rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten und Personen, sondern auch das politische System der Bundesrepublik Deutschland selbst. Der demokratische Rechtsstaat und die freiheitliche Gesellschaft werden in eine Tradition mit dem NS-Staat gestellt und als neofaschistisch herabgew\u00fcrdigt. Rechtsextremismus wird von den Autonomen als ein systemimmanentes Merkmal unserer Gesellschaftsordnung interpretiert. Sie unterstellen unserem politischen System, Rechtsextremismus bewusst zu f\u00f6rdern und zu instrumentalisieren. Ihr revolution\u00e4rer Antifaschismus richtet sich prim\u00e4r gegen das kapitalistische System selbst und verfolgt als Ziel, die gesellschaftlichen Strukturen, die aus ihrer Sicht Faschismus und Rassismus hervorbringen, zu zerschlagen. Beispielhaft f\u00fcr dieses Verst\u00e4ndnis von Antifaschismus ist ein im Internet ver\u00f6ffentlichtes Positionspapier der Gruppierung [P.O.P.] aus Hannover anl\u00e4sslich des 60. Jahrestages des Kriegsendes am 8. Mai 1945. Darin spricht die Gruppierung dem Staat und demokratischen Organisationen die Legitimation ab, eine Feier zum Tag der Befreiung zu begehen, da diese nur einer \"Reinwaschung und/oder Umdeutung der deutschen Geschichte\" diene: \"Wir m\u00fcssen offensiv die Grundlagen f\u00fcr den Faschismus, die auch heute noch gegeben sind, aufzeigen. Deshalb muss","Linksextremismus 93 ein angemessenes Gedenken aus einer revolution\u00e4ren Perspektive deutlich die Unterschiede zwischen uns und dem b\u00fcrgerlichen Versuch, sich ein antifaschistisches M\u00e4ntelchen umzuh\u00e4ngen, benennen. Dieser Tag gibt uns daher die M\u00f6glichkeit uns klar vom b\u00fcrgerlichen Antifaschismus zu distanzieren, der am 8. Mai als Staatsakt von denen begangen wird, die den rassistischen Normalzustand organisieren und jetzt heuchlerisch gegen b\u00f6se Nazis demonstrieren wollen. Wir setzen einen anst\u00e4ndigen Aufstand gegen den Aufstand der Anst\u00e4ndigen!\" (Ausdruck vom April 2005) Nach dem Verst\u00e4ndnis der [P.O.P.] ist eine endg\u00fcltige \u00dcberwindung immer noch vorhandener \"faschistischer\" Einstellungen nur zu erreichen, wenn die freiheitliche demokratische Grundordnung beseitigt wird: \"Aber da sowohl Faschisten als auch Demokraten um die korrekte Staatsf\u00fchrung, die Nation, konkurrieren, ist es notwendig, zur Bek\u00e4mpfung des Faschismus auch die Existenz des b\u00fcrgerlichen Staates in Frage zu stellen.\" (Ausdruck vom April 2005) In gleicher Weise offenbarte eine Initiative G\u00f6ttinger Gruppierungen, an der auch die linksextremistischen Gruppen Antifa I Aktion & Kritik und die Redical M beteiligt waren, ein Feindbild, das sich neben rechtsextremistischen Strukturen undifferenziert auch gegen den demokratischen Rechtsstaat und die freiheitliche Gesellschaft richtet. So riefen die Gruppierungen in Zusammenhang mit der \u00c4u\u00dferung eines ehemaligen SS-Soldaten \u00fcber seine Beteiligung an Massenmorden an der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung in der Ukraine im April zu einer Kundgebung in G\u00f6ttingen auf: \"Die M\u00f6rder sind unter uns! Wie f\u00fcr Millionen andere deutsche T\u00e4ter und Profiteure des Nazi-Faschismus wird diese \u00c4u\u00dferung f\u00fcr ihn keine nennenswerten juristischen Folgen haben. Keine Ruhe der T\u00e4tergesellschaft!\" Regionaler Brennpunkt des \"AntifaschismusKampfes\" war f\u00fcr das autonome Spektrum auch in diesem Jahr der von dem Neonazi RIEGER f\u00fcr die Wilhelm Tietjen Stiftung f\u00fcr Fertilisation Ltd. ersteigerte \"Heisenhof\". Am 8. Mai initiierten verschiedene linksextremistische Gruppierungen eine \"antifa-","94 Linksextremismus schistische Demonstration\" gegen die Nutzung des \"Heisenhofes\" durch Rechtsextremisten sowie gegen die w\u00e4hrend des Nationalsozialismus in der N\u00e4he angesiedelte Pulverfabrik Eibia, in der Zwangsarbeiter besch\u00e4ftigt waren. An der unter dem Motto \"Kein Vergeben Kein Vergessen Keine Nazis! Nicht im Heisenhof oder sonstwo\" stehenden Veranstaltung beteiligten sich etwa 120 Personen der regionalen sowie der Bremer autonomen Szene. Neben den Aktionen gegen den \"Heisenhof\" konzentrierten sich die Protestaktionen der Autonomen auf eine Veranstaltungsreihe der NPD unter dem Motto \"Sozialabbau, Rentenklau, Korruption - Nicht mit uns\". So formierte sich gegen die am 2. April in Verden, am 18. Juni in Braunschweig, am 3. September in Oldenburg und am 29. Oktober in G\u00f6ttingen durchgef\u00fchrten rechtsextremistischen Demonstrationen neben dem demokratischen Protest ein breiter Widerstand aus dem linksextremistischen Spektrum. An den Protestaktionen gegen die vom NPD-Landesverband Niedersachsen angemeldete Demonstration unter dem Motto \"Sozialabbau, Rentenklau, Korruption - Nicht mit uns\" am 2. April in Verden nahmen auch 350 bis 400 Autonome teil. Insbesondere die Demonstrationen in G\u00f6ttingen und Oldenburg waren teilweise von heftigen gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen begleitet. Dabei bedienten sich Autonome erneut der so genannten Kleingruppentaktik, bei der sie aus dem Schutz der demokratischen Proteste heraus in Kleingruppen militant gegen Rechtsextremisten sowie gegen Polizeibeamte vorgingen, die das Demonstrationsrecht gew\u00e4hrleisten mussten. In G\u00f6ttingen setzten Autonome zahlreiche Barrikaden in Brand. Die Polizei verhinderte \u00dcbergriffe gewaltbereiter Autonomer auf rechtsextremistische Demonstrationsteilnehmer. Die vorzeitige Beendigung des NPD-Aufzuges wurde im Internetportal Indymedia, das von Linksextremisten genutzt wird, als Sieg f\u00fcr die Kleingruppen und \"Desaster f\u00fcr die Nazis\" gewertet. In einer Internetver\u00f6ffentlichung beurteilte die A.L.I. insbesondere das Zusammenspiel von antifaschistischer B\u00fcndnisarbeit und militanten Aktionen als Erfolg. Die Antifa I Aktion & Kritik k\u00fcndigte an, sich nicht auf den \"sehr erfolgreichen Antinaziprotesten\" auszuruhen. Autonome Linksextremisten sind bem\u00fcht, den friedlichen demokratischen Protest gegen Rechtsextremisten f\u00fcr ihre eigenen, \u00fcber den Demonstrationsanlass hinausgehenden Ziele zu instrumentalisieren. Insgesamt f\u00fchr-","Linksextremismus 95 te die Beteiligung an den Protesten gegen die NPD-Demonstrationen zu einer gr\u00f6\u00dferen Mobilisierungsf\u00e4higkeit innerhalb des militanten antifaschistischen Spektrums. Aktionsfeld Antirassismus Im ideologischen Verst\u00e4ndnis der Autonomen steht der Rassismus in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Faschismus. Dessen Ursachen sehen sie in der von Klassengegens\u00e4tzen, Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung gepr\u00e4gten kapitalistischen Gesellschaft; nur durch die Abschaffung des Kapitalismus k\u00f6nne auch der staatliche Rassismus beseitigt werden. Linksextremisten konzentrierten ihre Aktionen auch im Jahr 2005 auf Ausl\u00e4nderund Asylpolitik, Abschiebepraxis sowie die Unterbringung ausl\u00e4ndischer Fl\u00fcchtlinge und Migranten und deren Residenzpflicht. Diese betrachten Linksextremisten als Ausdruck rassistischer Politik. Auch hier nutzten Linksextremisten - insbesondere im s\u00fcdnieders\u00e4chsischen Raum - eine Vielzahl weitgehend von demokratischen Initiativen und Einzelpersonen getragene Solidarit\u00e4tsveranstaltungen f\u00fcr die Propagierung ihrer eigenen Ziele. Dabei forderten sie ein Bleiberecht f\u00fcr alle Fl\u00fcchtlinge und kritisierten staatliches Handeln als rassistisch. Unter dem Motto \"Bleiberecht f\u00fcr alle\" f\u00fchrte der G\u00f6ttinger Arbeitskreis Asyl (AK Asyl), dem auch Linksextremisten angeh\u00f6ren, am 9. Juni in G\u00f6ttingen eine Demonstration durch, die sich gegen die Inhaftierung eines in Deutschland lebenden B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlings richtete. Im Anschluss an die Demonstration besetzten etwa 20 dem Linksextremismus zuzurechnenden Personen das Wahlkreisb\u00fcro des damaligen Bundesumweltministers. Bis zur endg\u00fcltigen Abschiebung Ende Juli veranstaltete der Arbeitskreis Asyl eine friedlich verlaufene Kundgebungsreihe. Etwa 50 Autonome beteiligten sich im September im Rahmen der diesj\u00e4hrigen Anti-Lager-Tour an gewaltfreien Aktionen an der Landesaufnahmestelle in Bramsche-Hesepe sowie an Aufnahmeeinrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern. Die Demonstration in Niedersachsen, die ohne Resonanz verlief, richtete sich gegen das europ\u00e4ische \"Lagersystem\" sowie die Unterbringungsund Abschiebepraxis von Fl\u00fcchtlingen und Migranten in Deutschland. Mit Flugbl\u00e4ttern, Plakaten und Internetver\u00f6ffentlichungen protestierten die Veranstalter gegen die aus ihrer Sicht unmenschliche Unterbringung von Fl\u00fcchtlingen und Migranten in Lagern. Auf einem Flugblatt war u. a. zu lesen:","96 Linksextremismus \"Zus\u00e4tzlich zur sozialen Isolation kommt ein ausgekl\u00fcgeltes Schikaneund Dem\u00fctigungssystem einschlie\u00dflich rassistischer Sondergesetze wie z. B. das weitgehende Arbeitsverbot f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge. ...\" Im Gegensatz zum Thema Antifaschismus wirken antirassistisch motivierte Aktionen weniger mobilisierend in der autonomen Szene. Einflussnahme von Linksextremisten auf die Proteste gegen Globalisierung und Neoliberalismus Der \u00f6konomische, politische und kulturelle Wandel und die damit einhergehende Ver\u00e4nderung der Gesellschaften und ihrer Lebensbedingungen haben in den letzten Jahren zu einer sich weltweit entwickelnden heterogenen Protestbewegung gef\u00fchrt. Die Proteste der Anti-Globalisierungsbewegung richteten sich insbesondere gegen die Gipfelkonferenzen der Europ\u00e4ischen Union (EU), des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF), der Welthandelsorganisation (WTO), des Nordatlantikvertrages (NATO) sowie insbesondere gegen die Spitzentreffen der Staatsund Regierungschefs der acht wichtigsten Industrienationen (G 8-Gipfel) als Verk\u00f6rperung des weltweiten Kapitalismus und seiner Globalisierung. Neben demokratischen Organisationen nutzten Linksextremisten das Aktionsfeld Anti-Globalisierung als Plattform ihres Widerstands. Gewaltt\u00e4tige Gruppierungen der internationalen Protestbewegung, die eine kleine Minderheit darstellten, nutzten die zun\u00e4chst friedlichen Proteste wiederholt zur planm\u00e4\u00dfigen Stra\u00dfenmilitanz. Wie in den Vorjahren formierte sich auch gegen den diesj\u00e4hrigen Weltwirtschaftsgipfel der G 8-L\u00e4nder vom 6. bis 8. Juli in Gleneagles (Schottland) starker Widerstand. Britische Globalisierungskritiker, insbesondere das internationale Netzwerk Dissent!57, hatten bereits seit Herbst 2003 f\u00fcr Protestaktionen gegen den G 8-Gipfel mobilisiert. An den Protesten in Schottland beteiligten sich etwa 200 bis 300 Linksextremisten aus Deutschland, darunter auch Globalisierungsgegner aus Niedersachsen. 57 Das anarchistisch beeinflusste Netzwerk Dissent! wurde im Jahr 2003 von ehemaligen Umweltaktivisten, Mitgliedern von Antikriegsbewegungen und antikapitalistischen Gruppen in Gro\u00dfbritannien ins Leben gerufen. Das Netzwerk sieht keine Mitgliedschaften vor. Es dient zur Kommunikation und Koordinierung von Aktionen zwischen lokalen Widerstandsgruppen gegen die j\u00e4hrlichen G 8-Gipfel weltweit.","Linksextremismus 97 Die bereits 2004 im Internet ver\u00f6ffentlichte Grundsatzerkl\u00e4rung der Gruppierung Dissent!, auf die sich auch deutsche Linksextremisten beziehen, dokumentiert ihre \u00fcber die Globalisierungskritik hinausgehende generelle Ablehnung von Herrschaft: \"Eine klare Ablehnung von Kapitalismus, Imperialismus und Feudalismus und aller Handelsabkommen, Institutionen und Regierungen, die die zerst\u00f6rerische Globalisierung vorantreiben. Wir lehnen alle Formen und Systeme von Herrschaft und Diskriminierung ab, einschlie\u00dflich, aber nicht beschr\u00e4nkt auf Patriarchat, Rassismus und religi\u00f6sen Fundamentalismus aller Art. Wir erkennen die vollst\u00e4ndige W\u00fcrde aller Menschen. Eine konfrontative Haltung, da wir nicht glauben dass Lobbyarbeit einen nennenswerten Einfluss haben auf undemokratische Organisationen, die ma\u00dfgeblich vom transnationalen Kapital beeinflusst sind. Ein Aufruf zu direkter Aktion und zivilem Ungehorsam, Unterst\u00fctzung f\u00fcr die K\u00e4mpfe sozialer Bewegungen, die Respekt f\u00fcr das Leben und die Rechte der unterdr\u00fcckten Menschen maximieren, wie auch den Aufbau von lokalen Alternativen zum Kapitalismus.\" (Dissent! vom 18.05.2005) Nach einer Stagnation der Proteste in den Vorjahren hat es den Anschein, als habe die internationale Protestbewegung gegen die G 8-Gipfel neuen Auftrieb erhalten, vor allem durch eine bessere Organisierung und Mobilisierung. F\u00fcr den G 8-Gipfel im mecklenburgischen Seebad Heiligendamm im Fr\u00fchsommer 2007 hat sich bereits jetzt eine breite Protestbewegung formiert. Neben dem demokratischen Protest hat sich ein B\u00fcndnis herausgebildet, dem Autonome, das teilweise linksextremistische internationale Netzwerk Dissent! sowie militante Widerstandsgruppen angeh\u00f6ren. In einem Interview rechtfertigte ein Angeh\u00f6riger dieser militanten Widerstandsbewegung die Anwendung von Gewalt: \"Wenn wir in dieser Gesellschaft etwas skandalisieren wollen, dann geht das leider nicht ohne Gewalt ... also auch mal Autos oder 'ne leere Bullenwanne abfackeln.\" (\"Das Magazin\", Berlin, Ausgabe Mai 2005) So wurden im Jahr 2005 f\u00fcnf Brandschl\u00e4ge ver\u00fcbt, die im direkten Zusammenhang mit den Protesten gegen den G 8-Gipfel stehen. Neben Anschl\u00e4gen in Berlin und Hamburg ereignete sich ein Brandanschlag am 28. Juli im nieders\u00e4ch-","98 Linksextremismus sischen Hollenstedt, Landkreis Harburg, auf den PKW des Vorstandsvorsitzenden der Norddeutschen Affinerie58. In einem Selbstbezichtigungsschreiben wird das Unternehmen als exemplarisch f\u00fcr die \"Instrumente imperialistischer Wirtschaftpolitik\" bezeichnet. Mit weiteren Anschl\u00e4gen von linksextremistischen Globalisierungsgegnern ist zu rechnen. Einflussnahme von Linksextremisten auf die Proteste gegen Kernenergie F\u00fcr Linksextremisten ist der Kampf gegen die friedliche Nutzung der Atomenergie seit 1975 ein Kristallisationspunkt ihres militanten Widerstandes. Dieses politische Aktionsfeld hat in den letzten Jahren allerdings an Relevanz verloren; auf Bundesebene lassen sich immer weniger Linksextremisten f\u00fcr Widerstandsaktionen mobilisieren. Das liegt zum einen daran, dass andere linksextremistisch besetzte Themen wie \"Sozialabbau\" und Antifaschismus den Bereich Kernenergie \u00fcberlagern. Zum anderen haben Bundesregierung und die Energieversorgungsunternehmen bereits im Jahr 2000 den Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie bis zum Jahr 2021 vereinbart. Selbst Transporte in das Zwischenlager Gorleben, das f\u00fcr die Anti-Atom-Bewegung nach wie vor von zentraler symbolischer Bedeutung ist, motivieren Autonome nur noch vereinzelt zu nennenswerten Widerstandsaktionen. Auch andere Aktionen wie Blockaden der Nukleartransporte in die Wiederaufarbeitungsanlagen Sellafield (Gro\u00dfbritannien) und La Hague (Frankreich) blieben ohne die von den Initiatoren erhoffte Resonanz. Nur vereinzelt beteiligten sich Linksextremisten an den von nordrhein-westf\u00e4lischen und s\u00e4chsischen Gruppen, darunter die linksextremistisch beeinflussten Organisationen Widerstand gegen Atomanlagen (WigA) und Pollux, organisierten Protestaktionen gegen die CastorTransporte von Dresden-Rossendorf nach Ahaus (30./31. Mai, 06./07. und 13./14. Juni). Angesichts der anhaltenden Mobilisierungsschw\u00e4che der linksextremistischen Anti-Atom-Bewegung k\u00fcndigte die 58 Der Norddeutsche Affinerie-Konzern aus Hamburg ist der gr\u00f6\u00dfte Kupferproduzent Europas und als Rohstoffverarbeiter in Afrika, Asien und Lateinamerika engagiert.","Linksextremismus 99 von der Ideologie der Graswurzelbewegung ma\u00dfgeblich 59 beeinflusste Initiative X-tausendmal quer ein \"Comeback der Anti-Atom-Bewegung\" an. Der Versuch, mit einer neuen Kampagne \".ausgestrahlt - Gemeinsam gegen ein Comeback der Atomenergie\" die Anti-Atom-Bewegung nennenswert zu mobilisieren, blieb jedoch erfolglos. Vor dem Hintergrund der derzeitigen politischen Diskussion \u00fcber die Zukunft der Atompolitik bleibt abzuwarten, wie sich die Mobilisierungsf\u00e4higkeit der linksextremistischen Szene bei zuk\u00fcnftigen Protestaktionen entwickeln wird. Die Anti-Atom-Bewegung wird ihre Aktivit\u00e4ten vermutlich erst dann ausweiten, wenn eine Entscheidung \u00fcber die endg\u00fcltige Einrichtung eines Endlagers f\u00fcr Atomm\u00fcll getroffen ist. Von den auf eine system\u00fcberwindende Zielsetzung ausgerichteten linksextremistischen Aktivit\u00e4ten ist der gewaltfreie Protest gegen die Castor-Transporte zu unterscheiden. Grunds\u00e4tzlich kann festgestellt werden, dass autonome und anarchistische Zusammenschl\u00fcsse den demokratischen Protest weder dominiert noch ma\u00dfgeblich beeinflusst haben. Verfassungsfeindlicher Hintergrund des Widerstandes gegen den Castor-Transport Linksextremistische Castor-Gegner zielen mit ihren Protesten \u00fcber den eigentlichen Demonstrationsanlass hinaus auf die \u00dcberwindung des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. Kennzeichnend daf\u00fcr sind Ver\u00f6ffentlichungen der autonomen Szene vor Beginn des Castor-Transportes im November unter den \u00dcberschriften \"Game over! - Against Castor, Capital & Cops\", \"Atomstaat Ausrangieren - Kapitalismus Stillegen\" und \"...gegen Bullen, Staat und Kapital\". Die Verfasser betonten, dass ihre Aktionen nicht nur auf die Verhinderung des Castor-Transportes abzielten, sondern auf die Abschaffung des \"Staates und einer kapitalistischen \u00d6konomie\": \"Atomkraft ist kein Fehler in diesem System, sondern ein Ausdruck davon.\" (Flugblatt des Projektes Gegendruck [L\u00fcneburg], November 2005) 59 Die in der Tradition des Anarchismus stehende Graswurzelbewegung entstand in der Zeit der 68er Studentenbewegung. Die Gr\u00fcndung der Zeitung Graswurzelrevolution im Jahre 1972 markiert ihren eigentlichen Beginn. Ziel der anarchistischen Bewegung ist es, \"alle Formen von Gewalt und Herrschaft\" abzuschaffen und \"Hierarchien des Kapitalismus\" zu \u00fcberwinden.","100 Linksextremismus Dass der Kampf gegen die Kernenergie f\u00fcr die autonome Szene eine symbolische Bedeutung f\u00fcr ihre politischen Zielsetzungen hat, verdeutlichte auch eine Rede, die anl\u00e4sslich der Auftaktkundgebung zu den Protestaktionen am 19. November in Hitzacker gehalten wurde: \"Es geht also nicht nur darum, gegen die Symptome zu k\u00e4mpfen, sondern sich f\u00fcr eine Gesellschaft einzusetzen, in der die Ursachen f\u00fcr diese gar nicht mehr vorkommen, gar nicht mehr denkbar sind. ... Denn unser Kampf richtet sich nicht nur gegen eine menschenfeindliche Technologie ... sondern gegen die Verh\u00e4ltnisse, die diese Technologie erst erm\u00f6glichen. Wir sind den herrschenden Verh\u00e4ltnissen gegen\u00fcber nicht dialogbereit ... wir wollen ein anderes Leben, wir wollen eine andere Welt!\" (ver\u00f6ffentlicht im Internet am 20.11.2005) In einer f\u00fcr autonome Argumentationsmuster charakteristischen Diktion rechtfertigt das Anti-Atom-Plenum (AAP) G\u00f6ttingen in einem im Juli ver\u00f6ffentlichten Flugblatt seine grundlegende Gegnerschaft zum politischen System mit der Unterdr\u00fcckung des Menschen durch \"menschenverachtende Technologien\". Hierin manifestiert sich erneut der Symbolcharakter des autonomen Widerstandes gegen Kernenergie: \"Wichtiger ist den Herrschenden der Profit der Konzerne. Wir wollen aber kein (kapitalistisches) System ... Wir lehnen ein System ab, das durch Herrschaft, Sozialabbau, Patriarchat und Rassismus ... gekennzeichnet ist. Daher sehen wir den Kampf gegen menschenverachtende Technologie als einen Teil des Befreiungskampfes gegen all diese \u00dcbel an ... .\" Die Graswurzelbewegung repr\u00e4sentiert die anarchistische Komponente des linksextremistischen Castor-Widerstandes. Sie unterscheidet in Bezug auf den Einsatz militanter Mittel zwischen der von ihr kategorisch abgelehnten Gewalt gegen Menschen einerseits und den - nach ihrem Verst\u00e4ndnis - gewaltfreien Sachbesch\u00e4digungen und Sabotageaktionen andererseits. Letztere bef\u00fcrwortet sie als politisches Kampfmittel, soweit sie nach ihrer Auffassung der Bev\u00f6lkerung vermittelbar sind. Diese theoretischen Grundsatzpositionen bestimmen nach wie vor das Engagement der Graswurzelbewegung sowohl im Zusammenhang mit den Castor-Transporten als auch der Atomtechnologie insgesamt. Der Widerstand wird dabei immer als Mittel zum Zweck verstanden, um die weiterf\u00fchrenden anarchistischen Gesellschaftsvorstellungen zu bef\u00f6rdern.","Linksextremismus 101 In einem nach der Bundestagswahl ver\u00f6ffentlichten Beitrag in der Zeitschrift Graswurzelrevolution wird Widerstand gegen das als \"Atomstaat\" bezeichnete politische System der Bundesrepublik Deutschland propagiert: \"Wer auch immer die neue Regierung bilden wird, wird weiter im Sinne der Wirtschaftslobby und den mit ihr verwobenen Massenmedien arbeiten. Das hei\u00dft, neoliberale Politik der Umverteilung von unten nach oben, ... die Atomstaatspolitik ... und der Ausbau des Repressionsund \u00dcberwachungsapparates werden fortgesetzt. Fazit: Unser Widerstand von unten gegen die Politik von oben ist notwendiger denn je.\" (Graswurzelrevolution Nr. 302 vom Oktober 2005, S. 2) Die von der anarchistischen Ideologie der Graswurzelbewegung ma\u00dfgeblich beeinflusste Initiative X-tausendmal quer hatte im Vorfeld des Castor-Transportes nach Gorleben im November zur Teilnahme an Aktionen im Wendland aufgerufen. Mit den f\u00fcr die Graswurzelbewegung charakteristischen Argumentationen zieht die Initiative unter der \u00dcberschrift \"Gewaltfrei und Ungehorsam gegen Atomkraft\" in einer im Internet ver\u00f6ffentlichten Presseinformation eine besch\u00f6nigende Bilanz der Proteste: \"Mit einer Mischung aus effektiven Kleingruppenaktionen und massenhaftem Zivilen Ungehorsam haben wir deutlich gemacht, dass wir das 'Weiter So' in der Atompolitik nicht akzeptieren werden. Letztlich wird rund um Gorleben der Konflikt \u00fcber das ungel\u00f6ste Atomm\u00fcllproblem nur stellvertretend f\u00fcr die ganze Gesellschaft ausgetragen.\" (Presseinformation X-tausendmal quer vom 22.11.2005) Beteiligung von Linksextremisten an den Protesten gegen den Castor-Transport An den Protestaktionen im Zusammenhang mit dem Castor-Transport von La Hague nach Gorleben vom 19. bis 22. November beteiligten sich Linksextremisten nur in geringem Ma\u00dfe. Wie in den vergangenen Jahren protestierten zum weit \u00fcberwiegenden Teil nichtextremistische Gruppierungen. Von den linksextremistischen bzw. linksextremistisch beeinflussten Organisationen beteiligten sich u. a. das Anti-AtomPlenum Berlin sowie die anarchistisch beeinflusste Kampagne X-tausendmal quer. Die verschiedenen Gruppierungen im Wendland bereiteten ihre Aktionen, z. B. die Einrichtung von Camps und","102 Linksextremismus Infopunkten, nicht zuletzt aufgrund geringerer Teilnehmerzahlen gemeinsam vor. So koordinierten insbesondere die bundesweit agierende Initiative X-tausendmal quer und die regional t\u00e4tige, linksextremistisch beeinflusste Gruppierung WiderSetzen ihre Aktionen. Insgesamt l\u00e4sst sich eine zunehmende Regionalisierung des Anti-Castor-Protestes feststellen. Dies zeigt sich etwa darin, dass eine \u00fcber die genannten regionalen Strukturen hinausgehende bundesweite Zusammenarbeit auch im Jahr 2005 nicht erkennbar war. Dar\u00fcber hinaus konzentrierten sich die Aufrufe zu Aktionen auf den Raum Niedersachsen. Zwar riefen auch die autonomen Szenen von Berlin, Bremen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen zu den Protesten auf, der Schwerpunkt der Mobilisierung lag jedoch im Wendland sowie in L\u00fcneburg, Hannover und G\u00f6ttingen. Im Vorfeld des Transports ver\u00fcbten militante Atomkraftgegner einen Brandanschlag auf eine Containerunterkunft der Polizei in Woltersdorf, mehrere Hakenkrallenanschl\u00e4ge in vier Bundesl\u00e4ndern, darunter in Niedersachsen, sowie zwei Brandanschl\u00e4ge auf Fahrzeuge in Berlin und Dannenberg. Wie im vergangenen Jahr wurde im Wendland an zwei Stellen versucht, die Bahnbzw. Stra\u00dfenstrecke mit Wasser zu untersp\u00fclen. In einem Selbstbezichtigungsschreiben zu mehreren Hakenkrallenanschl\u00e4gen stellte ein bisher unbekannter Personenzusammenschluss c.r.o.c.h.e.t.60 einen Bezug zum Tod eines franz\u00f6sischen Anti-Atom-Aktivisten im Verlauf des Castor-Transportes im Jahr 2004 her: \"Wut und Trauer in Widerstand! F\u00fcr die sofortige Abschaffung aller Atomanlagen und der herrschenden Klasse!\" Zu der Auftaktkundgebung am 5. November in L\u00fcneburg kamen etwa 2.600 Personen. An der Gro\u00dfkundgebung in Hitzacker am 19. November beteiligten sich etwa 3.100 und an den in den folgenden Tagen im Landkreis L\u00fcchow-Dannenberg durchgef\u00fchrten Aktionen mehrere hundert Personen. Die Anzahl Autonomer aus dem gesamten Bundesgebiet, die sich an den Protesten in L\u00fcneburg und Hitzacker in Form eines so genannten Schwarzen Blocks beteiligten, lag wie im Vorjahr bei jeweils etwa 100 Personen. Die geringe Beteiligung von Linksextremisten war Ausdruck mangelhafter 60 Franz\u00f6sisch f\u00fcr \"Haken\"","Linksextremismus 103 konzeptioneller Vorbereitung. Eine weitere Ursache liegt vermutlich darin, dass Linksextremisten ihre Aktivit\u00e4ten im Bereich Antifaschismus intensivierten, dem sie im Verlauf des Jahres gr\u00f6\u00dfere Priorit\u00e4t beima\u00dfen. Entlang der gesamten Strecke behinderten eine Vielzahl von Blockadeund St\u00f6raktionen, darunter auch versuchte Ankettungen und Traktorblockaden, den Transport. An der Bahnstrecke L\u00fcneburg-Dannenberg wurden mehrere Schienenkrallen beseitigt. Ziel militanter autonomer Widerstandsaktionen war wie in den Vorjahren die Polizei, die meisten strafbaren Aktionen blieben jedoch aufgrund starker Polizeipr\u00e4senz ohne gro\u00dfe Wirkung auf den Castor-Transport. W\u00e4hrend es weniger kleinere militante Aktionen in der Transportphase - wie zum Beispiel brennende Reifen und Heuballen auf Schienen und Stra\u00dfen - gab, nahmen Hakenkrallenund Brandanschl\u00e4ge durch Autonome im Vorfeld des Transportes zu. Die bereits in der Vergangenheit zu beobachtende \"dezentrale Kleingruppen-\" oder \"NadelstichTaktik\" verlagerte sich weiterhin auf Bahnstrecken au\u00dferhalb Niedersachsens. Als Trend l\u00e4sst sich feststellen, dass Angeh\u00f6rige linksextremistischer Gruppierungen auf eine Teilnahme an der Kampagne im Wendland zugunsten von Aktionen in anderen Regionen verzichten.","104 Linksextremismus Die Linkspartei.PDS Vorsitzende Bund: Lothar BISKY Niedersachsen: Dorothee MENZNER und Dr. Diether DEHM Sitz Bund: Berlin Niedersachsen: Hannover Mitglieder 2004 200561 Bund: 66.000 61.489 Niedersachsen: 725 875 Publikationen Bund: DISPUT (monatlich) Mitteilungen der Kommunistischen Plattform (monatlich) Niedersachsen: PDS-Landesinfo (mehrmals j\u00e4hrl.) daneben Publikationen der Kreisverb\u00e4nde Das Jahr 2005 war f\u00fcr die aus der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) hervorgegangene und am 17. Juli in Die Linkspartei.PDS umbenannte Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) gepr\u00e4gt von ihrem Wiedereinzug in den Deutschen Bundestag. Dieser Wahlsieg war m\u00f6glich geworden, nachdem sich die PDS mit der erst im Jahr 2005 gegr\u00fcndeten nichtextremistischen Partei Arbeit & soziale Gerechtigkeit - Die Wahlalternative (WASG) auf eine Zusammenarbeit geeinigt hatte. Bei der Wahl zum 16. Deutschen Bundestag erzielte die Linkspartei.PDS 8,7 % der Zweitstimmen (4.118.248 Stimmen). Damit konnte die Linkspartei.PDS ihr Ergebnis, bezogen auf das Abschneiden der PDS bei der Bundestagswahl 2002 (4,0 %, 1.916.702 Stimmen) verdoppeln und mit 54 Abgeordneten als viertst\u00e4rkste Fraktion in den Bundestag einziehen. Bei der Bundestagswahl 2002 war die PDS noch an der 5 %-Klausel gescheitert, allerdings w\u00e4hrend der 15. Wahlperiode mit den beiden direkt gew\u00e4hlten Abgeordneten Gesine L\u00d6TZSCH und Petra PAU im Parlament vertreten. Die Strategie der Zusammenarbeit mit der WASG hat sich 61 Eigenangaben der Partei mit Stand vom 31.12.2005; Internet, festgestellt am 24.03.2006","Linksextremismus 105 f\u00fcr die Linkspartei.PDS ausgezahlt: Sie konnte ihren Zweitstimmenanteil in den alten Bundesl\u00e4ndern (und West-Berlin) auf 4,9 % (2002: 1,1 %), in den neuen Bundesl\u00e4ndern (und Ost-Berlin) auf 25,4 % (2002: 16,9 %) ausbauen. Noch im Sommer 2005, vor der Kooperationsabsprache mit der WASG, hatte die PDS aufgrund der fehlenden Verankerung in den alten Bundesl\u00e4ndern ein erneutes Scheitern an der 5 %-H\u00fcrde bef\u00fcrchten m\u00fcssen. Von den 54 Bundestagsabgeordneten der Linkspartei.PDS kommen drei Mitglieder der bisherigen PDS aus Niedersachsen: - Dr. Diether DEHM, Vorsitzender des nieders\u00e4chsischen Landesverbandes der Linkspartei.PDS, - Dorothee MENZNER, Vorsitzende des nieders\u00e4chsischen Landesverbandes der Linkspartei.PDS und Mitglied des Bundesvorstandes der Partei, sowie - Jan KORTE, Vorsitzender des Linkspartei.PDS-Kreisverbandes Hannover und Mitglied des Bundesvorstandes der Partei. Auf den Landeswahllisten der Linkspartei.PDS waren u.a. auch Mitglieder der DKP, der trotzkistischen Organisationen Sozialistische Alternative Voran (SAV) sowie Mitglieder von Linksruck aufgestellt. Sie errangen jedoch kein Mandat. Beim Bundesparteitag der Linkspartei.PDS am 10./11. Dezember in Dresden stimmte eine gro\u00dfe Mehrheit der rund 400 Delegierten einem Kooperationsabkommen zu, das den Zusammenschluss der Linkspartei.PDS mit der WASG bis zum 30. Juni 2007 vorsieht. In dem Abkommen wird u. a. der Charakter der neuen Partei beschrieben: Zu ihrer Politik sollen demnach \"Widerstand und Protest ebenso z\u00e4hlen wie der Anspruch auf Mitund Umgestaltung und die Entwicklung \u00fcber den Kapitalismus hinausweisender gesellschaftlicher Alternativen\". Diese Aussagen sind - zum Teil wortgleich - dem geltenden Parteiprogramm der bisherigen PDS von Oktober 2003 entnommen. Dies deutet darauf hin, dass die neu zu bildende Partei keine politische Neuausrichtung anstrebt, sondern ma\u00dfgeblich durch die Linkspartei.PDS bestimmt sein wird. Die Formulierung im Kooperationsabkommen, dass in der \"pluralistischen Partei ... alle Menschen einen Platz haben [sollen], die gegen die gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnisse in der kapitalistischen Gesellschaft Widerstand leisten, sie ver\u00e4ndern und schrittweise \u00fcberwinden wollen\",","106 Linksextremismus deutet darauf hin, dass auch offen extremistische Zusammenschl\u00fcsse innerhalb der Partei wirken k\u00f6nnen. Aussagen f\u00fchrender Funktion\u00e4re der Linkspartei.PDS lassen auf ihr Ziel schlie\u00dfen, die neu zu bildende Partei nach ihren bisherigen Vorstellungen zu gestalten. So \u00e4u\u00dferte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linkspartei.PDS, Bodo Ramelow, in einem Interview mit der Berliner Zeitung am 1. Dezember: \"Ich bin allerdings daf\u00fcr, dass wir eine kr\u00e4ftige marxistische Str\u00f6mung haben.\" In beiden Parteien regen sich jedoch zum Teil heftige Widerst\u00e4nde gegen eine Fusion. So zeigte sich die Kommunistische Plattform der Linkspartei.PDS (KPF) besorgt \u00fcber einen m\u00f6glichen Identit\u00e4tsverlust der Partei: \"Von Anbeginn wehrten wir uns nachweisbar dagegen, da\u00df schrittweise auf sozialistische Z\u00fcge der Partei zugunsten sogenannter Realpolitik verzichtet, da\u00df w\u00fcrdelos mit der eigenen Vergangenheit umgegangen wurde und da\u00df durch die Art und Weise der Beteiligung an Landesregierungen bzw. deren Tolerierung der antikapitalistische Charakter der PDS tief besch\u00e4digt wurde.\" (Ellen BROMBACHER, Mitglied im Bundessprecherrat, in Mitteilungen der KPF, Heft 8/2005) Die bundesweit rund 1.500 Mitglieder z\u00e4hlende KPF sieht sich innerhalb der PDS in der Tradition der kommunistischen deutschen Arbeiterbewegung und beansprucht f\u00fcr sich, die kommunistische Identit\u00e4t der Linkspartei.PDS zu wahren. Die KPF spricht mit ihren ideologischen Vorstellungen vor allem die \u00fcberalterte, in DDR-Nostalgie verhaftete Parteibasis im Osten an. Die Plattform versteht sich als kommunistisches Korrektiv und versucht, Reformbestrebungen hin zu einer Sozialdemokratisierung der Mutterpartei entschieden entgegenzuwirken. Die Bewahrung und Weiterentwicklung marxistischen Gedankenguts ist wesentliches Anliegen der KPF. Die Linkspartei.PDS h\u00e4lt bundesweit weiterhin an ihrer system\u00fcberwindenden Programmatik fest. Auf der Basis des 2003 verabschiedeten Parteiprogramms der PDS strebt die Linkspartei.PDS weiterhin ein \u00fcber die Grenzen der Gesellschaftsordnung hinausgehendes System an.","Linksextremismus 107 Die Linkspartei.PDS h\u00e4lt es f\u00fcr erforderlich, die \"gegebenen Verh\u00e4ltnisse\", d. h. die \"kapitalistische Gesellschaft\" bzw. die f\u00fcr Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung urs\u00e4chlichen \"Machtund Eigentumsverh\u00e4ltnisse\" letztendlich zu \u00fcberwinden62. Ein weiterer Anhaltspunkt f\u00fcr linksextremistische Bestrebungen liegt in der Tatsache, dass bundesweit offen extremistische Zusammenschl\u00fcsse wie die KPF und das Marxistische Forum (MF) innerhalb der Partei politisch wirken k\u00f6nnen. Ferner existiert seit Februar 2003 mit dem Geraer Dialog/Sozialistischer Dialog(GD/SG) ein weiterer bundesweiter Zusammenschluss dogmatischer Parteilinker, der sich seitdem zu einem Sammelbecken extremistischer Kr\u00e4fte in der PDS entwickelt hat. Die aus Hannover stammende Monika WINDHORN, Mitglied des Sprecherrates der KPF Niedersachsen, geh\u00f6rt weiterhin dem Bundeskoordinierungsrat der KPF an, der neben dem Bundessprecherrat das Leitungsgremium der KPF darstellt. Solange die Linkspartei.PDS an ihrem grundlegend system\u00fcberwindenden Ansatz, dem Ziel einer neuen Gesellschaft, festh\u00e4lt und in ihren Reihen offen linksextremistisch wirkende Zusammenh\u00e4nge wie die KPF duldet, die \u00fcber einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Ausrichtung der Partei verf\u00fcgen, erscheint das Bekenntnis zum Grundgesetz formal und nicht \u00fcberzeugend. Angesichts der inhaltlichen N\u00e4he des Kooperationsabkommens zum geltenden Parteiprogramm der Linkspartei.PDS ist eine programmatische Neuausrichtung einer neu zu bildenden Partei derzeit nicht zu erwarten. Vielmehr ist der Zusammenschluss beider Parteien eher eine \u00dcbernahme der WASG durch die Linkspartei. PDS, der dazu dienen soll, deren Schw\u00e4chen in den westdeutschen Bundesl\u00e4ndern auszugleichen. Parallel zu dem seit 1992 insbesondere in den neuen Bundesl\u00e4ndern andauernden Mitgliederr\u00fcckgang zeichnet sich auch in mehreren alten Bundesl\u00e4ndern eine \u00e4hnliche Entwicklung ab. Der bundesweite Mitgliederr\u00fcckgang von ca. 66.000 auf rund 62.000 ist in erster Linie mit der \u00dcberalterung der ostdeutschen Landesverb\u00e4nde zu erkl\u00e4ren. In Niedersachsen konnte die Partei ihren Mitgliederstand bei 725 Personen halten. 62 Programm der PDS, S. 2 ff, S. 21 f","108 Linksextremismus Deutsche Kommunistische Partei (DKP) Vorsitzende Bund: Heinz STEHR Niedersachsen: Detlef FRICKE Sitz Bund: Essen Niedersachsen: Hannover Mitglieder 2004 2005 Bund: 4.500 weniger als 4.500 Niedersachsen: 400 400 Publikationen Bund: Unsere Zeit (w\u00f6chentlich, Aufl. 7.500) Marxistische Bl\u00e4tter (zweimonatlich, Aufl. etwa 2.500) Niedersachsen: Hannoversches VolksBlatt Die Rote Spindel (Nordhorn/Lingen) Pulverturm (Oldenburg) Betriebszeitungen: Roter K\u00e4fer (VW, Braunschweig) KarlOS (Karmann, Osnabr\u00fcck) Roter Bully (VW Nutzfahrzeuge, Hannover) Die 1968 gegr\u00fcndete DKP steht in der Tradition der 1956 vom Bundesverfassungsgericht verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands. Bis zum politischen Umbruch in den kommunistisch regierten L\u00e4ndern Osteuropas ordnete sich die DKP vorbehaltlos den ideologischen und politischen Vorgaben der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) unter, von der sie auch finanziell weitgehend abh\u00e4ngig war. Seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland befindet sich die Partei in einer Identit\u00e4tsund Orientierungskrise, die an einem betr\u00e4chtlichen Mitgliederverlust von ca. 40.000 Mitgliedern in den achtziger Jahren auf gegenw\u00e4rtig unter 4.500 Parteiangeh\u00f6rige abzulesen ist. Aufgrund des hohen Durchschnittsalters der Mitglieder wird sich diese Entwicklung der DKP fortsetzen. Deutlich wird die Orientierungskrise auch daran, dass die bereits im Juni 2000 beschlossene Erarbeitung eines neuen Parteiprogramms62 noch immer 62 Das g\u00fcltige Programm wurde 1978 verabschiedet.","Linksextremismus 109 nicht abgeschlossen ist. Am 12./13. Februar fand in Duisburg der 17. Bundesparteitag statt, der aufgrund programmatischer Differenzen nicht fristgerecht im Jahr 2004 abgehalten werden konnte. Der Parteitag machte deutlich, dass die innerparteilichen Richtungsk\u00e4mpfe zwischen Reformern und Anh\u00e4ngern eines orthodoxen Kurses die derzeitige Erarbeitung eines neuen Parteiprogramms weiterhin l\u00e4hmen. In der Parteizeitung der DKP, Unsere Zeit (UZ), wird der programmatische Richtungsstreit besch\u00f6nigend dargestellt: \"Wer von diesem 17. Parteitag der DKP einen Eklat, PutschVersuche oder destruktiven Streit erhofft oder bef\u00fcrchtet hat, musste im Verlauf der zweit\u00e4gigen Debatten zur Kenntnis nehmen: Diese kleine DKP ist nicht nur nah dran an den aktuellen K\u00e4mpfen und Problemen unserer Zeit, sondern bei allen Irritationen auch in der Lage, souver\u00e4n mit un\u00fcbersehbaren Meinungsverschiedenheiten umzugehen.\" (UZ Nr. 7, vom 18.02.2005, S. 1) Entgegen dieser Darstellung zeigten sich insbesondere bei der Wahl des Parteivorstandes offenkundige parteiinterne Probleme. So best\u00e4tigten die Delegierten zwar Heinz STEHR als Vorsitzenden sowie seine Stellvertreter Rolf PRIEMER und Nina HAGER in ihren \u00c4mtern, jedoch mit einer f\u00fcr kommunistische Parteien ungew\u00f6hnlich niedrigen Zustimmungsquote zwischen 60 und 80 %. In den 37-k\u00f6pfigen Parteivorstand wurden vier Vertreter aus Niedersachsen gew\u00e4hlt, darunter die beiden Landesvorstandsmitglieder Yrida BERGER und Detlef FRICKE. Konkrete Beschl\u00fcsse hat der Parteitag nicht hervorgebracht, was auch die Berichterstattung im Parteiorgan UZ vom 18. Februar zeigt: \"Emotionale und politische H\u00f6hepunkte des Parteitages waren die Gru\u00dfworte.\" Vielmehr beschlossen die Delegierten, einen Entwurf des neuen Parteiprogramms bis zur Fortsetzung des Parteitages Anfang 2006 in der Partei zu diskutieren. Als Beilage zur UZ Nr.13 vom 1. April wurde eine zw\u00f6lfseitige \"Diskussionsgrundlage des Parteiprogramms der DKP\" ver\u00f6ffentlicht. Bereits in der Pr\u00e4ambel wird die marxistischleninistische Ausrichtung der DKP und ihre system\u00fcberwindende Zielsetzung deutlich: \"Notwendig ist der revolution\u00e4re Bruch mit den kapitalistischen Machtund Eigentumsverh\u00e4ltnissen, die \u00dcberwindung des Kapitalismus durch eine Gesellschaft, die auf Gemeineigentum an den wichtigsten Produktionsmitteln und die politische Macht des arbeitenden Volkes gr\u00fcndet. Diese","110 Linksextremismus Gesellschaft ist der Sozialismus.\" Dar\u00fcber hinaus zeigt der Entwurf in zahlreichen Passagen einen engen ideologischen Bezug der DKP zum Staatsund Gesellschaftssystem der DDR, \"jenes Staates, in dem 40 Jahre lang die Macht der Konzerne und Banken beseitigt war ... und der als antifaschistischer deutscher Staat in Erinnerung bleiben wird\". Diese orthodoxe Orientierung des Programmentwurfs d\u00fcrfte bei den reformorientierten Kr\u00e4ften keine Akzeptanz erfahren und f\u00fcr weitere Kontroversen sorgen. Allerdings zeigt der Entwurf auch reformorientierte Z\u00fcge. So orientiert sich die DKP zwar weiterhin in erster Linie am Marxismus-Leninismus, will sich dem Programmentwurf zufolge jedoch erstmals auch anderen Str\u00f6mungen \u00f6ffnen, um den von ihr angestrebten Sozialismus zu erreichen: \"Die DKP geht davon aus, dass der Sozialismus das gemeinsame Werk von Menschen unterschiedlicher Herkunft sein wird, die das Ziel einer von der Herrschaft des kapitalistischen Profitprinzips befreiten Gesellschaft verbindet, deren weltanschauliche und politische Zug\u00e4nge zu diesem Ziel sich jedoch unterscheiden. Unverzichtbar ... ist der wissenschaftliche Sozialismus, die Theorie von Marx, Engels und Lenin. Andere Zug\u00e4nge k\u00f6nnen aus religi\u00f6sen oder allgemein humanistischen \u00dcberzeugungen, aus feministischen, pazifistischen, aus antirassistischen oder \u00f6kologischen Motiven erwachsen.\" Die vorgezogene Wahl zum 16. Deutschen Bundestag belebte in der DKP die Diskussion \u00fcber B\u00fcndnisse mit anderen \"linksgerichteten\" Parteien. W\u00e4hrend die DKP bisher eher die ideologischen Diskrepanzen zur PDS thematisiert hatte, unterst\u00fctzte sie nun das Wahlb\u00fcndnis von Linkspartei.PDS und WASG. Vermutlich auch aus organisatorischen Gr\u00fcnden verzichtete die DKP auf die Aufstellung eigener Landeswahllisten und lie\u00df stattdessen in neun Bundesl\u00e4ndern elf DKPMitglieder auf Wahllisten der Linkspartei.PDS kandidieren; diese errangen jedoch kein Mandat. In der UZ Nr. 38 vom 23.09.2005 begr\u00fc\u00dfte die DKP den Einzug der Linkspartei.PDS in den Bundestag und sah darin auch einen Erfolg f\u00fcr sich. Die DKP praktiziert weiterhin eine enge Zusammenarbeit mit der ideologisch gleich gerichteten Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), die zwar formell ungebunden ist, von der DKP aber dennoch als parteieigene Jugendorganisation betrachtet wird. Die wie die DKP seit 1968 beste-","Linksextremismus 111 hende SDAJ versteht sich als Interessenvertreterin der \"arbeitenden und lernenden Jugend\". Ihre Aktivit\u00e4ten richten sich schwerpunktm\u00e4\u00dfig auf die Bek\u00e4mpfung eines angeblichen deutschen Militarismus und gegen den Aufbau einer EU-Armee. Der Bundesvorstand der SDAJ machte in einer Presseerkl\u00e4rung zum 8. Mai deutlich, dass mit dem bestehenden politischen System eine endg\u00fcltige Befreiung vom Faschismus noch nicht abschlie\u00dfend vollzogen worden sei. Dar\u00fcber hinaus kritisierte sie insbesondere den \"imperialistischen deutschen Militarismus\": \"Die Bundeswehr wird zur Aufrechterhaltung des freien Zugangs zu Rohstoffen und Absatzm\u00e4rkten f\u00fcr die deutschen Gro\u00dfkonzerne in aller Welt eingesetzt. Kriegseins\u00e4tze und Aufr\u00fcstung sollen mit der EU-Verfassung zur Normalit\u00e4t werden...\" (UZ Nr. 18, vom 06.05.2005, S. 7) Wohl aufgrund der augenf\u00e4lligen \u00dcberalterung der Partei hat der nieders\u00e4chsische Landesverband der DKP beschlossen, die Jugendpolitik durch regelm\u00e4\u00dfige Treffen mit dem SDAJ-Landesvorstand in den Vordergrund zu r\u00fccken. Ebenfalls zur Nachwuchsgewinnung nutzt die DKP die ihr nahe stehende Assoziation Marxistischer StudentInnen (AMS), die sich selbst als die einzige bundesweite marxistische Studentenorganisation sieht. Auf ihrem Bundestreffen vom 8. bis 9. Oktober in D\u00fcsseldorf befasste sich die AMS schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit der Mobilisierung des Widerstandspotenzials gegen die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren und f\u00fcr den \"proletarischen Internationalismus\". \"Proletarischer Internationalismus ist am Wirksamsten, wenn er konkret begreifbar und erlebbar wird. Die AMS wird in diesem Sinne an den Hochschulen ... wirken. Nieder mit dem Kapitalismus, nieder mit dem Imperialismus! Es lebe der Sozialismus, es lebe die Freiheit!\" (Internetseite der AMS, Ausdruck vom 09.10.2005) In Niedersachsen bestehen AMS-Gruppen an den Hochschulen in Hannover, G\u00f6ttingen, Oldenburg und Osnabr\u00fcck.","112 Linksextremismus Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) Vorsitzender: Stefan ENGEL Sitz: Gelsenkirchen Mitglieder 2004 2005 Bund: 2.000 2.300 Niedersachsen: 25 25 Publikationen: Rote Fahne (w\u00f6chentlich, Auflage etwa 7.500) Der Revolution\u00e4re Weg Die 1982 aus dem Kommunistischen Arbeiterbund hervorgegangene MLPD orientiert sich nach wie vor an den von ihr fundamentalistisch interpretierten Theorien von Marx, Engels, Lenin, Mao Tsetung und Stalin. Abweichungen von der Reinheit dieser Lehren werden als Verrat am Sozialismus bek\u00e4mpft. Als Verrat betrachtet die MLPD die vom sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow 1956 zur \u00dcberwindung der schlimmsten Ausw\u00fcchse des Stalinismus eingeleitete \"Tauwetterpolitik\" und den so genannten real existierenden Sozialismus der DDR. In den organisationspolitischen Grunds\u00e4tzen der MLPD64 wird das Ziel der Partei deutlich, das bestehende politische System der Bundesrepublik Deutschland zu \u00fcberwinden und durch ein kommunistisches zu ersetzen: \"Die MLPD versteht sich als politische Vorhutorganisation der Arbeiterklasse in Deutschland. Ihr grundlegendes Ziel ist der revolution\u00e4re Sturz der Diktatur des Monokapitals und die Errichtung der Diktatur des Proletariats f\u00fcr den Aufbau des Sozialismus als \u00dcbergangsstadium zur klassenlosen kommunistischen Gesellschaft.\" Diese Zielsetzung findet sich auch im g\u00fcltigen Parteiprogramm vom Januar 2000. Darin hei\u00dft es im Kapitel \"Der Sozialismus als gesellschaftliches Ziel\": 64 Zentralkomitee der MLPD (Hrsg.): Statut der MLPD, Stuttgart, [August] 1982","Linksextremismus 113 \"Die Arbeiterklasse muss nach dem Sturz der Diktatur der Monokapitalisten und der Eroberung der Staatsmacht die Diktatur des Proletariats errichten und die Produktionsmittel in gemeinsames Eigentum des gesamten werkt\u00e4tigen Volkes \u00fcberf\u00fchren.\" Das utopische Ziel einer klassenlosen Gesellschaft ohne Staat ist mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, die insbesondere politischen Minderheiten Grundrechte gew\u00e4hrleistet, nicht vereinbar. Auf der Grundlage dieser utopischen Konzeption strebt die MLPD nach Masseneinfluss. Bei ihrem Anliegen, ihre Ideologie in der Bev\u00f6lkerung, insbesondere der \"Arbeiterklasse\" zu verbreiten, st\u00fctzt sich die MLPD in erster Linie auf ein umfangreiches Publikationswesen mit Zeitschriften, Brosch\u00fcren, Flugbl\u00e4ttern etc. Die wichtigste Publikation ist die Rote Fahne, von der die MLPD w\u00f6chentlich ca. 7.500 Exemplare verbreitet. Wenngleich die von der MLPD beeinflussten Demonstrationen der Montagsdemo-Bewegung (\"Weg mit Hartz IV - das Volk sind wir!\") 2005 erheblich an Bedeutung verloren, f\u00fchrte sie weiterhin Protestaktionen in Hannover und Wilhelmshaven durch. Weitere Aktionsschwerpunkte der Partei waren die Gr\u00fcndung einer W\u00e4hlerinitiative zur Unterst\u00fctzung der Kandidatur der MLPD / offene Liste anl\u00e4sslich der vorgezogenen Bundestagswahl. In Niedersachsen verf\u00fcgt die MLPD \u00fcber Aktivisten in Braunschweig, Hannover und Wilhelmshaven. Um auch die \"Jugend der Arbeiterklasse\" f\u00fcr den Kampf f\u00fcr den Sozialismus zu gewinnen, unterh\u00e4lt die Partei die 1992 aus den Vorl\u00e4uferorganisationen Arbeiterjugendverband/Marxisten-Leninisten und Marxistisch-Leninistischer Sch\u00fclerund Studentenverband hervorgegangene Jugendorganisation REBELL. Neben dem Jugendverband REBELL und dessen Kinderorganisation ROTF\u00dcCHSE verf\u00fcgt die MLPD mit dem Frauenverband COURAGE und der auf Internationalismusarbeit ausgerichteten Solidarit\u00e4t International (SI) \u00fcber weitere Vorfeldorganisationen. Ungeachtet ihrer Bem\u00fchungen, Einfluss zu gewinnen, verharrt die MLPD in einer randst\u00e4ndigen Situation. Das zeigte auch das Ergebnis bei der Bundestagswahl im September, bei der sie nur 0,1 % der Stimmen erhielt.","114 Linksextremismus Freie Arbeiterinnenund Arbeiter-Union / Internationale ArbeiterInnen Assoziation (FAU/IAA) Die 1977 gegr\u00fcndete FAU/IAA versteht sich als eine Gewerkschaft, die sich im \"weltweiten Kampf der Anarchosyndikalisten65\" der Internationalen ArbeiterInnen Assoziation mit Sitz in Spanien angeschlossen hat. Ihr unmittelbares Ziel ist der Aufbau revolution\u00e4rer Gewerkschaften und militanter Betriebsgruppen. Dazu agiert sie in Form so genannter direkter Aktionen wie z. B. Fabrikbesetzungen, Sabotage und Streiks. Ihre anarchistische Ausrichtung veranschaulicht die FAU in jeder Ausgabe ihrer in Hannover herausgegebenen Zeitung Direkte Aktion, die zweimonatlich bundesweit in einer Auflagenh\u00f6he von etwa 6.000 Exemplaren erscheint: \"Wir Anarcho-SyndikalistInnen haben die herrschaftslose, ausbeutungsfreie, auf Selbstverwaltung begr\u00fcndete Gesellschaft als Ziel. Daher lehnen wir die Organisation unserer Interessen in zentralistisch aufgebauten Organisationen ab, da diese stets Machtkonzentration und Hierarchie bedeuten. Weder soll, noch kann mensch mit StellvertreterInnen-Politik, wie sie z. B. von reformistischen Gewerkschaften, Parteien und Kirchen betrieben wird, unsere Interessen durchsetzen.\" Gegenw\u00e4rtig existieren bundesweit ca. 40 Ortsund so genannte Branchengruppen, die sich einmal j\u00e4hrlich zu einem Kongress treffen, um Fragen der Gesamtorganisation zu diskutieren. Wichtige Entscheidungen treffen die Mitglieder durch Urabstimmungen. Da die FAU hierarchische Strukturen ablehnt, hat sie keine hauptamtlichen Funktion\u00e4re. In Niedersachsen bestehen Ortsgruppen in Hannover und Osnabr\u00fcck sowie eine Kontaktadresse in G\u00f6ttingen. Im Jahr 2005 hat sich die FAU schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit den Folgen der Einf\u00fchrung der \"Hartz IV-Gesetze\" auseinander gesetzt. So beteiligte sie sich im Rahmen der \"Aktion Agenturschluss\" am 3. Januar mit Redebeitr\u00e4gen in Hannover und Osnabr\u00fcck an den Protesten vor den Arbeitsagenturen. Am 22. April initiierte das Bildungssyndikat66 der FAU medi65 Unter Anarchosyndikalismus versteht man eine gewerkschaftliche Organisierung, die auf anarchistischen Prinzipien beruht. Ziel ist es, das bestehende Staatssystem revolution\u00e4r zu \u00fcberwinden und durch ein klassenund staatenloses System zu ersetzen. 66 Bei den Bildungssyndikaten der FAU handelt es sich um eine Branchengruppe, in der sich \"Lernende, Lehrende und Erwerbst\u00e4tige im Bildungssektor\" mit den Grunds\u00e4tzen der FAU im Bereich der staatlichen Bildung auseinander setzen.","Linksextremismus 115 enwirksam eine friedlich verlaufene Besetzung der Osnabr\u00fccker Gesch\u00e4ftsstelle der CDU, um gegen die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren zu protestieren. Die Aktion stand unter dem Motto: \"Freie Bildung f\u00fcr alle Menschen ohne abschreckende und diskriminierende Studiengeb\u00fchren!\". Bei diesen Aktionen gelang es der FAU weder, den gleich gelagerten Protest des demokratischen Spektrums zu unterwandern, noch ihre linksextremistischen Botschaften in die \u00d6ffentlichkeit zu transportieren. Anl\u00e4sslich der Bundestagswahl ver\u00f6ffentlichte die FAU im Internet einen Beitrag mit dem Titel \"Maul halten und w\u00e4hlen - Wer seine Stimme abgibt, der hat bereits verloren\", in dem sie die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie in plakativer Weise zum Ausdruck bringt: \"Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr einen freiheitlichen Sozialismus - wir organisieren uns von unten! Deshalb k\u00e4mpfen wir nicht als Politiker/innen, sondern als Gewerkschafter/innen in unabh\u00e4ngigen, selbstorganisierten Klassenkampf-Gewerkschaften f\u00fcr unser Recht auf Widerstand, W\u00fcrde und Gerechtigkeit ... Es gibt ... gen\u00fcgend Gr\u00fcnde, diesem System die kalte Schulter zu zeigen und sich auf wichtigere Dinge im Leben zu konzentrieren als gerade auf's W\u00e4hlen. Klassenkampf macht mehr Spa\u00df!\" (Internetseite der FAU, September 2005) Linksruck Linksruck ist mit rund 3.000 Mitgliedern die einflussreichste und aktivste von ca. 20 trotzkistischen Gruppen und Zirkeln in der Bundesrepublik Deutschland. Trotzkismus ist eine marxistische Str\u00f6mung, die nach dem russischen Kommunisten Leo Davidowitsch Bronstein, genannt Trotzki (1879-1940), benannt wurde. Endziel der trotzkistischen Lehre ist die Errichtung einer kommunistischen Gesellschaftsordnung. Die \"Zerschlagung des b\u00fcrgerlichen Staatsapparates\" und die Errichtung der \"Diktatur des Proletariats\" sind unabdingbare Voraussetzungen f\u00fcr den Aufbau des Sozialismus. Der Trotzkismus weicht vom orthodoxen Marxismus-Leninismus vor allem hinsichtlich der Revolutionstheorie und der Parteilehre ab. Wesentlicher Bestandteil des Trotzkismus ist die Theorie der \"Permanenten Revolution\", d. h. die sozialistische Revolution wird als permanenter Prozess unter F\u00fchrung von Arbeiterund Fabrikr\u00e4ten verstanden. Diese Theorie zeichnete","116 Linksextremismus sich im Gegensatz zu Stalins Modell der Errichtung des \"Sozialismus in einem Land\" durch einen ausgepr\u00e4gt internationalistischen Ansatz aus. Eine einmal begonnene Revolution m\u00fcsse best\u00e4ndig auf nationalem und internationalem Gebiet bis zum weltweiten Sieg der Arbeiterklasse fortgesetzt werden. Diese Ideologie liegt der Forderung von Linksruck zugrunde, internationalistische Arbeiterk\u00e4mpfe in aller Welt zu unterst\u00fctzen: \"Das Scheitern der russischen Revolution mit der Macht\u00fcbernahme Stalins hat ebenfalls bewiesen, dass eine sozialistische Revolution nicht isoliert in einem Land erfolgreich sein kann. Der Kapitalismus ist ein internationales System, das nur international besiegt werden kann. Der Kampf findet darum nicht zwischen L\u00e4ndergrenzen, sondern zwischen Klassengrenzen statt. Darum unterst\u00fctzen wir als Internationalisten Arbeiterk\u00e4mpfe in aller Welt ebenso wie Bewegungen zur nationalen Befreiung unterdr\u00fcckter V\u00f6lker.\" (Politische Grunds\u00e4tze von Linksruck, ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite von Linksruck am 31.10.2005) Linksruck strebt den Aufbau einer revolution\u00e4r-kommunistischen Partei an, die unter F\u00fchrung von \"Arbeiterr\u00e4ten\" auf eine von der \"Arbeiterklasse\" getragene Revolution hinarbeiten soll. Ihre verfassungsfeindlichen Bestrebungen verdeutlicht Linksruck in fast jeder Ausgabe ihrer zweiw\u00f6chentlich erscheinenden gleichnamigen Zeitung. So hei\u00dft es: \"Wir glauben, dass der Kapitalismus nicht verbessert werden kann, sondern durch eine sozialistische Revolution gest\u00fcrzt werden muss.\" Mit der Ablehnung der parlamentarischen und rechtsstaatlichen Demokratie verst\u00f6\u00dft die Agitation von Linksruck gegen ma\u00dfgebliche Grunds\u00e4tze der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland. Trotz der Ablehnung der parlamentarischen Demokratie unterst\u00fctzte Linksruck die Bem\u00fchungen, eine neue Linkspartei zu bilden. In der 2005 gegr\u00fcndeten nichtextremistischen Partei Arbeit & soziale Gerechtigkeit - Die Wahlalternative (WASG) glaubt Linksruck, ein geeignetes Operationsfeld f\u00fcr die Verbreitung ihrer politischen Ziele gefunden zu haben. Hierbei handelt es sich um die f\u00fcr trotzkistische Bewegungen charakteristische Taktik des \"Entrismus\", der unerkannten Infiltration von demokratischen Parteien und Organisationen mit dem Ziel, diese von innen auszuh\u00f6hlen und zu desorganisieren.","Linksextremismus 117 Nach der Ann\u00e4herung an das B\u00fcndnis von WASG und Linkspartei.PDS zeichnete sich f\u00fcr Linksruck jedoch nicht die erhoffte Einflussnahme ab - wenngleich die Gruppierung in ihrer Internetseite den Eindruck vermittelt, sie sei bereits Teil dieses B\u00fcndnisses. Den Schwerpunkt ihrer Aktivit\u00e4ten legte die taktisch flexible Gruppierung im Jahr 2005 wie im Vorjahr auf den Kampf gegen \"Sozialabbau\". Dar\u00fcber hinaus beteiligte sie sich an demokratischen Protesten gegen die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren. In Niedersachsen bildet Hannover den Aktionsschwerpunkt der landesweit ca. 40 Mitglieder z\u00e4hlenden Gruppierung. Rote Hilfe e. V. (RH) Bundesgesch\u00e4ftsstelle: G\u00f6ttingen Mitglieder 2004 2005 Bund: 4.600 4.600 Niedersachsen: 600 600 Publikation: Die Rote Hilfe (viertelj\u00e4hrlich, Auflage 5.000) Der Ursprung der RH geht auf die in der Weimarer Republik gegr\u00fcndete und von der KPD dominierte Rote Hilfe Deutschland (RHD) zur\u00fcck, der bis zu eine Million Mitglieder angeh\u00f6rten. Nach der Zerschlagung der Organisation durch die Nationalsozialisten wurde die RHD von der linksextremistischen Kommunistischen Partei Deutschlands/MarxistenLeninisten (KPD/ML) 1975 wieder gegr\u00fcndet. Sie entwickelte sich von einem kommunistisch geleiteten Verband zu einer nach eigenen Angaben \"parteiunabh\u00e4ngigen, str\u00f6mungs\u00fcbergreifenden Schutzund Solidarit\u00e4tsorganisation\". Ihre Hauptaufgabe sieht die RH im Kampf gegen \"staatliche Repression\", indem sie Rechtshilfe gew\u00e4hrt, Szeneangeh\u00f6rigen Anw\u00e4lte vermittelt, Beihilfe zu Prozesskosten und Geldstrafen leistet und im Falle der Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe die so genannten politischen Gefangenen betreut, um den Zusammenhalt der H\u00e4ftlinge mit der linksextremistischen Szene zu bewahren. Die RH versteht sich nicht als karitative Rechtsschutzversicherung. Ihrer Selbstdarstellung zufolge soll jede einzelne Unterst\u00fctzung vielmehr","118 Linksextremismus ein Beitrag zur St\u00e4rkung der \"linken\" Bewegung darstellen. Strafandrohungen sollen im Vertrauen auf eine leistungsf\u00e4hige Solidarit\u00e4tsorganisation ihren abschreckenden Charakter verlieren. Sie stellt staatlicher Verfolgung \"Solidarit\u00e4t\" entgegen. In einem Faltblatt fordert sie: \"Wir m\u00fcssen der durch Repression verursachten Vereinzelung unsere Solidarit\u00e4t entgegensetzen.\" Die Mitglieder der Roten Hilfe, die sich aus dem gesamten linksextremistischen Spektrum rekrutieren, entscheiden \u00fcber Grunds\u00e4tze und Schwerpunkte der T\u00e4tigkeit der Roten Hilfe durch eine von ihnen gew\u00e4hlte Bundesdelegiertenversammlung. Die Organisation finanziert sich durch Mitgliedsbeitr\u00e4ge und themenspezifische Spendenaktionen, so verwaltet z. B. die G\u00f6ttinger Ortsgruppe ein \"Castor-Konto\". Dar\u00fcber hinaus unterh\u00e4lt die RH weitere Spendenkonten f\u00fcr von staatlichen Sanktionen betroffene Antifaschisten. Die seit 1986 als eingetragener Verein fungierende Organisation ist in einen Bundesvorstand, selbstst\u00e4ndige Ortsgruppen sowie Kontaktstellen gegliedert. Nieders\u00e4chsische Ortsgruppen existieren in Braunschweig, G\u00f6ttingen, Hameln, Hannover und Osnabr\u00fcck. In G\u00f6ttingen sind die Bundesgesch\u00e4ftsstelle und die Redaktion der Vereinszeitschrift Die Rote Hilfe ans\u00e4ssig. Ebenfalls in G\u00f6ttingen ans\u00e4ssig ist das Rote Hilfe e. V. Archiv. Dieses steht nun dem am 18. Februar gegr\u00fcndeten Hans-Litten-Archiv-Verein zur Errichtung und F\u00f6rderung eines Archivs der Solidarit\u00e4tsorganisationen der Arbeiterund Arbeiterinnenbewegung und der sozialen Bewegungen (Rote-Hilfe-Archiv) e. V. als Leihgabe und Grundlage f\u00fcr seine zuk\u00fcnftige T\u00e4tigkeit zur Verf\u00fcgung. Der im Internet ver\u00f6ffentlichten Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung zufolge will sich der neue Verein insbesondere mit der Verfolgungsgeschichte w\u00e4hrend des NS-Regimes befassen. Forschungsschwerpunkt soll die Aufarbeitung des antifaschistischen Widerstandes durch die Rote Hilfe sein. Neben dem Archiv, welches Mitgliedern und der interessierten \u00d6ffentlichkeit zur Verf\u00fcgung steht, kommt dem bundesweit erscheinenden Publikationsorgan, der Mitgliederzeitschrift Die Rote Hilfe eine besondere Bedeutung zu. Die Zeitschrift berichtet \u00fcber den Stand von Strafverfahren und schildert F\u00e4lle, in denen Beschuldigte bei Strafverfahren Unterst\u00fctzung von der RH erhalten haben. In den ersten drei Ausgaben des Jahres 2005 wurden 119 F\u00e4lle mit Unterst\u00fctzungsleistungen in H\u00f6he von insgesamt etwa 50.000 Euro aufgef\u00fchrt. Sonstige politische Schriften und Rechtshilfebrosch\u00fcren werden \u00fcber einen Literaturvertrieb in Kiel ver\u00f6ffentlicht.","Linksextremismus 119 Am 18. M\u00e4rz initiierte die RH gemeinsam mit der linksextremistischen, antiimperialistisch ausgerichteten Initiative Libertad!67 den traditionellen bundesweiten Aktionstag \"Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen\". So f\u00fchrte die RH-Ortsgruppe Osnabr\u00fcck einen Filmabend sowie eine Informationsveranstaltung zu dem Aktionstag durch. Die RHOrtsgruppe G\u00f6ttingen veranstaltete zusammen mit der Antifaschistischen Linken International (A.L.I.) am 19. M\u00e4rz ein Konzert, dessen Erl\u00f6s einem Antifaschisten zu Gute kommen sollte, der wegen Versto\u00dfes gegen das Versammlungsgesetz vor Gericht stand. Der Aktionstag blieb jedoch auch in diesem Jahr ohne gr\u00f6\u00dfere Resonanz. Neben ihren Unterst\u00fctzungsleistungen stellt die RH so genannte Ermittlungsaussch\u00fcsse (EA) zu besonderen Veranstaltungen bereit. Ihre Aufgabe wurde beispielsweise anl\u00e4sslich der Demonstration der NPD in G\u00f6ttingen am 29. Oktober beschrieben. So sollte der Ermittlungsausschuss \"vor, w\u00e4hrend und nach den Aktionen gegen den Naziaufmarsch am 29. Oktober nach Festgenommenen, In-Gewahrsam-Genommenen und Verschwundenen forschen und sich um Anw\u00e4ltInnen k\u00fcmmern\". (Internetseite der A.L.I.) Solidarit\u00e4tsbekundungen des Bundesvorstandes galten 2005 wie im Vorjahr einem Rote Hilfe-Aktivisten, der wegen linksextremistischer Bestrebungen nicht nur in Baden-W\u00fcrttemberg, sondern auch in Hessen nicht als Lehrer in den Landesdienst \u00fcbernommen wird. Die RH warf dem Verfassungsschutz vor, Informationen \u00fcber den Betroffenen aus \"dubiosen Quellen\" erlangt zu haben. Sie erkl\u00e4rte hierzu in einer im Internet ver\u00f6ffentlichten Erkl\u00e4rung vom 6. September: \"Die VS-Aktivit\u00e4ten dienen dazu, politische Zusammenh\u00e4nge auszuforschen, Psychound Soziogramme der politisch aktiven Menschen zu erstellen, Misstrauen untereinander zu s\u00e4en und einzelne politisch zu isolieren.\" Dar\u00fcber hinaus bekundete die RH ihre Solidarit\u00e4t mit dem wegen N\u00f6tigung verurteilten EDV-Administrator der Internetseite der linksextremistischen Initiative Libertad!, der im 66 Libertad! wurde 1992 aus Anlass der Proteste gegen den Weltwirtschaftsgipfel in M\u00fcnchen gegr\u00fcndet. Es handelt sich um eine aus mehreren Ortsgruppen bestehende bundesweite Initiative von Angeh\u00f6rigen der autonomen/antiimperialistischen Szene. Schwerpunkte der Arbeit der Initiative sind der Kampf gegen staatliche \"Repression\" und die Solidarit\u00e4t mit den \"politischen Gefangenen\" weltweit.","120 Linksextremismus Juni 2001 als \"Online-Demonstration\" Aufrufe auf einer Internetseite gegen den Lufthansa-Konzern initiiert hatte68, an der auch nieders\u00e4chsische Gruppen beteiligt waren. Am 10. Juni erkl\u00e4rte die Ortsgruppe Darmstadt auf ihrer Internetseite: \"Denn um unseren Kampf gegen die kapitalistische Ordnung, gegen Imperialismus, gegen Faschismus und gegen Rassismus, unsere Vorstellungen von einem Leben in W\u00fcrde und frei von Herrschaft, unsere Inhalte weiterhin offensiv darzustellen und zu einem wahrnehmbaren Faktor in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu machen, m\u00fcssen wir auch \u00fcber neue Formen des Widerstands diskutieren und diese f\u00fcr uns nutzbar machen - nicht nur auf der Stra\u00dfe, sondern auch im Internet.\" (Internetausdruck vom 11.07.2005) Nach dem Bet\u00e4tigungsverbot f\u00fcr die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gr\u00fcndeten die RH und die F\u00f6deration der kurdischen Vereine in Deutschland (YEK-KOM) 1996 gemeinsam den Rechtshilfefonds AZADI. Er unterst\u00fctzt als eingetragener Verein nach den gleichen Prinzipien wie die RH Kurdinnen und Kurden, die in Deutschland wegen ihrer verbotenen politischen Bet\u00e4tigung mit Strafverfolgung bedroht sind, in Ermittlungsverfahren, vor Gericht und im Gef\u00e4ngnis. 68 Der Angeh\u00f6rige der Initiative Libertad! hatte u. a. auf der Internetseite der Gruppierung zum Protest aufgerufen: \"Wenn Konzerne, die mit Abschiebungen Geld verdienen, ihre gr\u00f6\u00dften Filialen im Netz aufbauen, dann muss man auch genau dort demonstrieren\".","Linksextremismus 121 Antirevisionistische Publikationen69 RotFuchs Der RotFuchs - Trib\u00fcne f\u00fcr Kommunisten und Sozialisten in Deutschland wurde im Februar 1998 von der DKP-Gruppe Berlin-Nordost als politisch theoretische Monatsschrift mit marxistisch-leninistischem Profil gegr\u00fcndet. Die Zeitschrift kritisierte die \"reformistische\" Entwicklung der DKP und entwickelte sich zu einer Konkurrenz f\u00fcr die DKP-Parteizeitung Unsere Zeit. Nach parteiinternen Streitigkeiten trennte sich die Redaktion im Juni 2001 von der DKP und gr\u00fcndete als \"parteiunabh\u00e4ngiges Blatt mit unver\u00e4nderter Orientierung\" am 27.07.2001 den RotFuchs-F\u00f6rderverein e. V. (RotFuchs e. V.). Nach eigenen Angaben z\u00e4hlt der F\u00f6rderverein \u00fcber 800 Mitglieder, die in 15 Regionalgruppen70 organisiert sind, und 14.000 st\u00e4ndige Leser (RotFuchs Nr. 93, vom Oktober 2005, S. 15). Die auch \u00fcber das Internet abrufbare Zeitschrift wird im Postversand in 27 L\u00e4ndern verteilt und besitzt auch in Niedersachsen einen erheblichen Verbreitungsgrad. Der sich als revolution\u00e4re Zeitung verstehende RotFuchs lehnt einen \"modernen Reformsozialismus\" strikt ab. Dieser agiere im Rahmen des bestehenden Systems und sei bereits Teil des Kapitalismus. Seine Wortf\u00fchrer seien unwiderruflich in der \"imperialistischen BRD\" angekommen und bezeichneten die Wiedervereinigung als \"Wende\". Tats\u00e4chlich habe es sich um einen \"Sieg der Konterrevolution\" gehandelt. Zum Ziel seiner Vorstellungen von Sozialismus f\u00fchrt der Chefredakteur des RotFuchs, Klaus STEINIGER71, wie folgt aus: \"Der Sozialismus, f\u00fcr den wir k\u00e4mpfen und dem das Grundgesetz einen legalen Weg offenl\u00e4\u00dft, beruht in erster Linie 69 F\u00fcr (sektiererische) Anh\u00e4nger der politischen Ideologie des Kommunismus, insbesondere des Marxismus-Leninismus bezeichnet der Begriff Revisionismus die Abkehr bzw. den Verrat an den ideologischen Grundlagen (z.B. das \"Lobhudeln gegen\u00fcber der b\u00fcrgerlichen Demokratie\" sowie das Abr\u00fccken von der materialistischen Weltanschauung, der \"Klassenfrage\" oder der Imperialismustheorie). In diesem begrifflichen Zusammenhang grenzen sich \"Antirevisionisten\" heute von der DKP bzw. insbesondere der Linkspartei. PDS ab, denen sie Abkehr vom \"wissenschaftlichen Sozialismus\" bzw. einen Reformkurs unterstellen. 70 Berlin, Chemnitz/Zwickau, Dresden, Freiberg, Halle, Hamburg, Leipzig, Magdeburg, Neubrandenburg, Rostock, Schwerin, Strausberg, Teterow, Th\u00fcringen, Uckermark 71 Klaus STEINIGER, geboren 1932 in Berlin, war Staatsanwalt, B\u00fcrgermeister, Fernsehjournalist und im Au\u00dfenministerium der DDR t\u00e4tig, von 1967 bis 1991 war er Redakteur und Auslandskorrespondent beim Neuen Deutschland. Seit 1998 ist er Chefredakteur der Zeitschrift RotFuchs.","122 Linksextremismus auf der Entscheidung der Machtund der Eigentumsfrage zugunsten der Werkt\u00e4tigen. Er setzt die gesellschafts-umw\u00e4lzende \u00dcberwindung des Kapitalismus und die Aufhebung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen voraus ... Uns Kommunisten und Sozialisten geht es nicht um das St\u00fcck Brot, wir wollen den ganzen Laib, um mit Brecht zu sprechen. Es geht uns um einen zutiefst revolution\u00e4ren Proze\u00df gesellschaftlicher Umgestaltung.\" (RotFuchs Nr. 91, vom August 2005, S. 1) Die Monatsschrift RotFuchs h\u00e4lt unbeirrt an ihrer DDR-Nostalgie fest und propagiert die vermeintlichen Erfolge des politischen Systems der DDR. In diesem Zusammenhang kritisiert sie den gesellschaftlichen Werteverfall durch die \"systemimmanente R\u00fccksichtslosigkeit\" in der \"bundesdeutschkapitalistischen Wirklichkeit\" vor allem f\u00fcr die \"orientierungslose\" Jugend: \"Es ist f\u00fcr uns \u00c4ltere, die wir DDR-erfahren sind, eine aus unserem Lebenswerk resultierende Verpflichtung, der j\u00fcngeren Generation bei ihrer Suche nach neuen, \"alten\" Werten zu helfen. Indem wir ihr mitteilen, was die systemkonformen Medien geflissentlich verschweigen: Wie es wirklich war in der DDR - und warum in diesem sozialistischen deutschen Staat junge Leute frei waren von jenen existentiellen Sorgen, die nunmehr auf denen lasten, die in diesem System leben, dessen Charakteristikum Egoismus ist.\" (RotFuchs Nr. 93, vom Oktober 2005, S. 3) Anl\u00e4sslich der Bundestagswahlen im September \u00e4u\u00dfert sich der RotFuchs in abf\u00e4lliger Weise \u00fcber Vertreter des politischen Systems. Er wirft den \"etablierten\" Parteien vor, sich einen \"linken Anstrich\" zu geben, um bei den W\u00e4hlern nicht den Eindruck unsozialer H\u00e4rten aufkommen zu lassen: \"Fehlte eigentlich nur, da\u00df sich auch die Mehrwert-KanzlerKandidatin Angela Merkel wenigstens als Halblinke outet ... In einer Zeit, in der sich alles linker Schminke bedient, kommt es f\u00fcr Marxisten darauf an, ihr ideologisches Pulver trocken zu halten, um nicht in den Sog falscher Linkst\u00fcmelei zu geraten.\" (RotFuchs Nr. 92, vom September 2005, S. 1)","Linksextremismus 123 offen-siv - Zeitschrift f\u00fcr Sozialismus und Frieden In ideologischer N\u00e4he zur Zeitschrift RotFuchs h\u00e4lt auch die in Hannover erscheinende offen-siv - Zeitschrift f\u00fcr Sozialismus und Frieden weiterhin an dem DDR-System und seinem politisch-ideologischen Erbe fest. Die Publikation versteht sich als ein kommunistisches Blatt, das sich auf der Grundlage der Theorie von Marx, Engels und Lenin bewegt. Mit ihrer Auflage von 600 bis 900 Exemplaren pro Ausgabe erscheint sie bis zu zw\u00f6lfmal j\u00e4hrlich und erreicht nach eigenen Angaben etwa 1.500 Leser. Bis November 2002 erschien die offensiv in der Herausgeberschaft der Kommunistischen Plattform der bisherigen PDS Hannover. Die in Hannover ans\u00e4ssige Redaktion gr\u00fcndete im Januar 2003 als Tr\u00e4gerverein den Verein zur F\u00f6rderung demokratischer Publizistik e. V. In einem Aufsatz \u00fcber den Charakter aktueller Protestbewegungen wird den \"Montagsdemonstrationen\", der so genannten globalisierungskritischen Bewegung, \"linken Gewerkschaftsnetzwerken\" sowie der WASG vorgeworfen, f\u00fchrungsunf\u00e4hig im Hinblick auf die Interessen und langfristigen Perspektiven der Arbeiterklasse zu sein. Diese Interessen w\u00fcrden vielmehr am besten durch Kommunisten vertreten: \"Der Kampf um Sozialismus muss sich dabei mehr denn je als ein Kampf 'um's Teewasser72 bew\u00e4hren, bei denen Kommunisten als die aktivsten, fortgeschrittensten, und glaubw\u00fcrdigsten Interessenvertreter der Arbeiterklasse auftreten - auch wenn (noch) nicht in einer gemeinsamen kommunistischen Partei organisiert ... Dieser Kampf bedarf einer kommunistischen Avantgarde, die die Interessen der Arbeiterklasse am konsequentesten zu vertreten wei\u00df und die gesellschaftliche Perspektive der Bezwingung des Kapitals zugunsten einer sozialistischen Produktionsweise aufzeigen kann. (offen-siv, Ausgabe Januar/Februar 2005, S. 17) offen-siv ist nach wie vor von der Fortschrittlichkeit des Sozialismus in der ehemaligen Sowjetunion \u00fcberzeugt. F\u00fcr dessen Niedergang seien daher nicht das Modell selbst, sondern die weltpolitischen Rahmenbedingungen verantwortlich: \"Umringt von den durch permanente Hochr\u00fcstung immer bedrohlicher werdenden imperialistischen M\u00e4chten unter F\u00fchrung der USA war die Politik der sozialistischen L\u00e4nder 72 Zitat nach Berthold Brecht; offen-siv meint damit konkrete Ver\u00e4nderungen der Lebensverh\u00e4ltnisse im sozialistischen Sinne.","124 Linksextremismus vordringlich auf die Erhaltung des Friedens und die St\u00e4rkung der Friedenskr\u00e4fte ausgerichtet. Das bedeutete auf allen Ebenen die Herstellung breiter B\u00fcndnisse \u00fcber die Klassenfronten hinweg, unter Zur\u00fcckstellung revolution\u00e4rer Ziele der kommunistischen Parteien.\" (offen-siv, Ausgabe M\u00e4rz/April 2005, S. 49) Daran ankn\u00fcpfend entwickelt der Autor Hans Heinz HOLZ eine Strategie der kommunistischen Bewegung in der heutigen Zeit. Aus seiner Sicht wird die heutige defensive Haltung der kommunistischen Parteien in Europa, d. h. die Verteidigung der in letzten Jahren erreichten Reformen zur Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse, \"der offensiven Ausbeutungsstrategie der herrschenden Klasse immer unterlegen sein\": \"Nur im Angriff auf die Wesensverfassung des Kapitals k\u00f6nnen die Ziele formuliert werden, die in einem langen und opferreichen Kampf mehr und mehr die Massen ergreifen und in Bewegung versetzen.\" (offen-siv, Ausgabe M\u00e4rz/April 2005, S. 49)","Ausl\u00e4nderextremismus 125 AUSL\u00c4NDEREXTREMISMUS Mitglieder-/Anh\u00e4nger-Potenzial Mitglieder-/Anh\u00e4nger-Potenzial 2004 2005 extrem. Ausl\u00e4nderorganisationen73 Bundesrepublik Deutschland Islamistisch-extremistische Gruppen74 31.800 32.100 Extrem-nationalistische Gruppen 8.430 8.430 Linksextremistische Gruppen 17.290 16.890 Summe 57.520 57.420 Niedersachsen 2004 2005 Islamistisch-extremistische Gruppen 3.120 3.145 Extrem-nationalistische Gruppen 600 600 Linksextremistische Gruppen 2.010 1.910 Summe 5.730 5.655 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK) mit extremistischem Hintergrund - Ausl\u00e4nder Die Erfassung der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t ist Aufgabe der Polizei. Seit dem Jahr 2001 wird die Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t nach dem von der Innenministerkonferenz beschlossenen Kriminalpolizeilichen Meldedienst \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t\" (KPMD-PMK) bundeseinheitlich erfasst. Das Straftatenaufkommen innerhalb der politisch motivierten Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t ging im Jahr 2005 im Vergleich zum Vorjahr von 123 auf 55 Taten um etwa 55% zur\u00fcck. Im Bereich der extremistisch eingestuften Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t ist f\u00fcr diesen Zeitraum ein R\u00fcckgang um 51 Prozent von 98 Taten im Jahr 2004 auf 48 in 2005 zu verzeichnen. 22 Ermittlungsverfahren resultierten aus einer Durchsuchungsaktion gegen die mit Bet\u00e4tigungsverbot belegte Organisation \"Kalifatsstaat\". In der Kategorie der \"sonstigen extremistischen Straftaten\" in diesem Ph\u00e4nomenbereich war ein signifikanter R\u00fcckgang (von 109 F\u00e4llen im Jahr 2004 auf 48 Taten im Jahr 2005) festzustellen. Die Anzahl der Gewaltdelikte ist mit 4 Taten im Jahr 2005 gegen\u00fcber dem Vor73 Die Zahlenangaben sind zum Teil gesch\u00e4tzt und gerundet. Eine dem deutschen Vereinsrecht entsprechende Organisierung ist in diesem Bereich in der Regel nicht gegeben. Daher ist eine exakte Sch\u00e4tzung mit besonderen Schwierigkeiten verbunden, so dass die Angabe zum Mitgliederpotenzial eine Sch\u00e4tzung der aktiven Anh\u00e4nger einschlie\u00dft. 74 Nicht alle Mitglieder islamistisch-extremistischer Organisationen verfolgen oder unterst\u00fctzen extremistische Zielsetzungen.","126 Ausl\u00e4nderextremismus jahr, in dem 15 Gewalttaten ver\u00fcbt wurden, r\u00fcckl\u00e4ufig. W\u00e4hrend im Jahr 2004 8 dieser Delikte als extremistisch eingestuft wurden, erhielten 2005 3 Taten diese Einstufung. Besonders auff\u00e4llig ist hierbei der R\u00fcckgang im Bereich der als extremistisch eingestuften K\u00f6rperverletzungsdelikte. Statt 6 Straftaten im Jahr 2004 wurde im vergangenen Jahr lediglich eine Tat verzeichnet. ErfassungsPMK davon nicht davon Anteil der bereich extremistisch extremistisch extremistischen Straftaten PMK-Ausl\u00e4nder 55 7 48 87,30% \u00dcbersicht \u00fcber die Gewalttaten und sonstigen Straftaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich \"Politisch motivierte Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t\" in Niedersachsen75 Gewalttaten: 2004 2005 T\u00f6tungsdelikte 0 0 Versuchte T\u00f6tungsdelikte 0 0 K\u00f6rperverletzungen 6 1 Brandstiftungen 0 0 Herbeif\u00fchren einer Sprengstoffexplosion 0 0 Landfriedensbr\u00fcche 1 0 Gef\u00e4hrl. Eingriffe in Bahn-, Luft-, Schiffs- 0 0 oder Stra\u00dfenverkehr Freiheitsberaubung 0 0 Raub 0 0 Erpressung 0 2 Widerstandsdelikte 1 0 insgesamt 8 3 Sonstige Straftaten: Sachbesch\u00e4digungen 1 0 N\u00f6tigungen/Bedrohungen 4 2 Andere Straftaten 85 43 (davon terroristisch) (0) (3) insgesamt 90 45 Straftaten insgesamt 98 48 75 Die Zahlen basieren auf Angaben des Landeskriminalamtes Niedersachsen (LKA NI). Die Darstellung der Gewalttaten im L\u00e4ndervergleich weicht von diesen Zahlen geringf\u00fcgig ab, da das LKA NI eine so genannte lebende Statistik f\u00fchrt. Das hei\u00dft, dass Nacherfassungen/Aktualisierungen f\u00fcr Vorjahre vorgenommen werden und der Zahlenbestand insoweit \u00c4nderungen unterliegt.","Ausl\u00e4nderextremismus 127 \u00dcbersicht \u00fcber die Gewalttaten und sonstigen Straftaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich \"Politisch motivierte Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t\" in der Bundesrepublik Deutschland76 Gewalttaten: 2004 2005 T\u00f6tungsdelikte 4 0 Versuchte T\u00f6tungsdelikte 0 0 K\u00f6rperverletzungen 24 24 Brandstiftungen 0 3 Herbeif\u00fchren einer Sprengstoffexplosion 0 0 Landfriedensbr\u00fcche 4 2 Gef\u00e4hrl. Eingriffe in Bahn-, Luft-, Schiffs- 0 4 oder Stra\u00dfenverkehr Freiheitsberaubung 1 0 Raub 2 1 Erpressung 17 11 Widerstandsdelikte 9 2 Sexualdelikte 0 0 insgesamt 61 47 Sonstige Straftaten: Sachbesch\u00e4digungen 31 23 N\u00f6tigungen/Bedrohungen 28 20 Andere Straftaten 341 554 insgesamt 400 597 Straftaten insgesamt 461 644 76 Die Zahlen basieren auf Angaben des Bundeskriminalamtes.","128 Ausl\u00e4nderextremismus Gewalttaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich \"Politisch motivierte Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t\"77 Gewalttaten 2004 2005 Baden-W\u00fcrttemberg 20 6 Bayern 3 3 Berlin 8 7 Brandenburg 0 0 Bremen 6 2 Hamburg 4 5 Hessen 0 3 Mecklenburg-Vorpommern 1 0 Niedersachsen 6 3 Nordrhein-Westfalen 8 14 Rheinland-Pfalz 1 0 Saarland 0 0 Sachsen 3 1 Sachsen-Anhalt 0 3 Schleswig-Holstein 1 0 Th\u00fcringen 0 0 Gesamt 61 47 77 Die Zahlen basieren auf Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA). Die Darstellung der Gewalttaten in der Tabelle f\u00fcr Niedersachsen weicht von diesen Zahlen geringf\u00fcgig ab, da das Landeskriminalamt eine so genannte lebende Statistik f\u00fchrt. Das hei\u00dft, dass Nacherfassungen/Aktualisierungen f\u00fcr Vorjahre vorgenommen werden und der Zahlenbestand insoweit \u00c4nderungen unterliegt.","Ausl\u00e4nderextremismus 129 Einf\u00fchrung Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden beobachten politisch bestimmte Aktivit\u00e4ten von Ausl\u00e4ndern nur dann, wenn diese insbesondere - sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung wenden, z. B. eine islamistische Ordnung f\u00fcr Staat und Gesellschaft durchsetzen wollen, - ihre politischen Auseinandersetzungen mit Gewalt auf deutschem Boden austragen und dadurch die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gef\u00e4hrden, - vom Bundesgebiet aus Gewaltaktionen in anderen Staaten durchf\u00fchren oder vorbereiten und dadurch ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden oder wenn - Bestrebungen verfolgen, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, insbesondere des friedlichen Zusammenlebens der V\u00f6lker gerichtet sind. F\u00fcr viele Ausl\u00e4nder ist Deutschland zum Lebensmittelpunkt geworden. Mit dem Stichtag 31.12.200478 waren im Bundesgebiet 6.717.115 Ausl\u00e4nder statistisch erfasst, davon 462.383 in Niedersachsen, die damit 6,9 % der Gesamtbev\u00f6lkerung dieses Bundeslandes ausmachten. Die gr\u00f6\u00dfte ausl\u00e4ndische Bev\u00f6lkerungsgruppe in Niedersachsen stellten t\u00fcrkische Staatsangeh\u00f6rige mit 112.483 Personen. Insgesamt liegt der nieders\u00e4chsische Ausl\u00e4nderanteil deutlich unter dem anderer westdeutscher Bundesl\u00e4nder. Im Jahr 2005 erwarben in Niedersachsen 10.886 Personen durch Einb\u00fcrgerung die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft. Damit ist die Zahl der Einb\u00fcrgerungen im Vergleich zum Vorjahr um 112 (1,0%) zur\u00fcckgegangen. So setzte sich die seit dem Jahr 2000 beobachtete Entwicklung deutlich abgeschw\u00e4cht weiter fort. Zwischen 2003 und 2004 nahm die Zahl der Einb\u00fcrgerungen noch um 5,6% ab. Mit einer Gesamtzahl von 2.897 (26,6%) stellten erneut Personen mit ehemals t\u00fcrkischer Staatsb\u00fcrgerschaft den gr\u00f6\u00dften Anteil an den Einb\u00fcrgerungen. An vierter Stelle (nach Personen ehemaliger serbisch-montenegrinischer und polnischer Staatsangeh\u00f6rigkeit) lagen Iraker, von denen im Jahre 2005 in Niedersachsen 516 (4,7%) Personen eingeb\u00fcrgert wurden. 78 Angaben aus dem Ausl\u00e4nderzentralregister.","130 Ausl\u00e4nderextremismus Die letzte exakte Zahl der in der Bundesrepublik Deutschland ans\u00e4ssigen Muslime lieferte die Volksz\u00e4hlung vom 25.05.1987. Danach gab es 1.650.952 Muslime in den alten Bundesl\u00e4ndern: Das entsprach einem Bev\u00f6lkerungsanteil von 2,7 %. F\u00fcr Niedersachsen ergab diese Volksz\u00e4hlung 103.376 Muslime. Von diesen waren 4.448 deutsche und 98.928 ausl\u00e4ndische Muslime. Was ihre heutige Zahl in Deutschland anbetrifft, so ist man aufgrund fehlender statistischer Erhebungen auf Sch\u00e4tzungen angewiesen. Das Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland sch\u00e4tzte f\u00fcr 2005 eine Zahl von 3.224.000 in der Bundesrepublik wohnhafter Muslime. Die Zahl deutschst\u00e4mmiger Muslime kann ebenfalls nur gesch\u00e4tzt werden, da der \u00dcbertritt zum Islam allein durch die Ablegung des islamischen Glaubensbekenntnisses vor Zeugen vollzogen wird und sich damit einer statistischen Erfassung entzieht. Islamismus als politische Weltanschauung Erstmals seit der Islamischen Revolution im Iran 1979 r\u00fcckte mit den terroristischen Anschl\u00e4gen vom 11.09.2001 in den westlichen Staaten mit dem Islamismus eine ideologische Str\u00f6mung in den Fokus der \u00d6ffentlichkeit, die in der islamischen Welt bereits seit Jahrzehnten die Politik mitbestimmte. Diese Str\u00f6mung des Islamismus, die die Religion des Islam in einer bis dahin nicht da gewesenen Weise politisierte, nahm f\u00fcr sich in Anspruch, den \"wahren\", von westlichen Einfl\u00fcssen wie Demokratie und Frauenrechten \"ges\u00e4uberten\" Islam zu repr\u00e4sentieren. Weite Teile der arabischen und muslimischen Welt fassten es zudem als eine westliche Verschw\u00f6rung gegen den Islam auf, dass 1948 der Staat Israel gegr\u00fcndet wurde. Man unterstellte dem Westen, er wolle einen Keil in die islamische Staatenwelt treiben und diese auch geographisch teilen. Dieser Vorgang f\u00fchrte Anfang der f\u00fcnfziger Jahre zur Gr\u00fcndung der islamistischen Islamischen Befreiungspartei, der Hizb utTahrir al-Islami (HuT). Diese Vereinigung, die in Deutschland seit 2003 einem Bet\u00e4tigungsverbot unterliegt, spricht sich seit ihren Anf\u00e4ngen insbesondere gegen den Nationalismus aus, dessen Eindringen in die islamische Welt sie \u00e4hnlich der Staatsgr\u00fcndung Israels als Versuch der Spaltung der Muslime ansieht. Entsprechend propagiert sie das Konzept eines alle Muslime umfassenden Reichs, des wiedererrichteten Kalifats. Den islamistischen Organisationen und Bewegungen ist bei aller Unterschiedlichkeit gemein, dass sie Gesellschaften","Ausl\u00e4nderextremismus 131 anstreben, die streng auf der Basis der Scharia organisiert79 sein sollen. Derartige Bestrebungen sind mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland grunds\u00e4tzlich nicht vereinbar. Beispielsweise richten sie sich gegen den Gleichheitsgrundsatz, da die Einf\u00fchrung der Scharia bedeutete, dass die Frau im Vergleich zum Mann und der Nichtmuslim im Verh\u00e4ltnis zum Muslim nur einen minderen Rechtstatus innehat. Der Sammelbegriff des Islamismus umfasst sehr unterschiedliche Gruppierungen, von den islamistischen Vereinigungen, die einen gewaltfreien Weg zu diesem Ziel verfolgen, bis zu Gruppierungen, die eine auf der Scharia basierende Gesellschaft durch Gewalt errichten wollen. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden tragen diesem wesentlichen Unterschied begrifflich Rechnung und differenzieren zwischen dem islamistischen Extremismus und dem islamistischen Terrorismus, der auch als Dschihadismus bezeichnet wird. Der Islamismus in Deutschland ist, ebenso wie der hiesige Islam, nach wie vor \u00fcberwiegend t\u00fcrkisch gepr\u00e4gt. So ist auch die mitgliederst\u00e4rkste islamistische Organisation in der Bundesrepublik Deutschland, die Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs (IGMG), eine Gruppierung, in der sich islamistisches Gedankengut mit t\u00fcrkisch-nationalistischen Ans\u00e4tzen mischt. Insgesamt hat sich in den letzten Jahren jedoch das Bild des Islamismus in Deutschland diversifiziert - entsprechend der Einwanderung von Menschen aus verschiedenen islamischen L\u00e4ndern. So versammeln sich etwa in Moscheen, die der urspr\u00fcnglich indo-pakistanischen Missionsbewegung Tablighi Jamaat zugerechnet werden, nicht nur Inder und Pakistaner, sondern auch T\u00fcrken, Kurden, Afrikaner und Deutsche, die zum islamischen Glauben \u00fcbergetreten sind (Konvertiten). 79 Der Begriff Scharia wird f\u00fcr die islamische Rechtsund Lebensordnung verwendet. Diese umfasst einerseits die Beziehungen zwischen dem Gl\u00e4ubigen und Gott (Gottesdienst und Kultus), andererseits auch die Beziehungen zwischen den Gl\u00e4ubigen untereinander (Recht). So beinhaltet die Scharia nicht nur genaue Anweisungen f\u00fcr religi\u00f6se Rituale und Pflichten, sondern auch Regelungen f\u00fcr Familienrecht, Strafrecht, Erbrecht etc.","132 Ausl\u00e4nderextremismus Die terroristische Dimension des Islamismus, der islamistische Terrorismus Anh\u00e4nger der gewaltbereiten Variante des sunnitischen Islamismus, so genannte Dschihadisten80, vertreten die Ansicht, dass es zur Pflicht eines jeden Muslims geh\u00f6re, sich entsprechend der eigenen Leistungskraft am Kampf gegen angebliche Feinde des Islam zu beteiligen. So wie in den achtziger Jahren arabische Islamisten, die sich als so genannte Mudschahidin (\"Diejenigen, die den Dschihad betreiben\") am Kampf gegen die sowjetische Besatzungsmacht in Afghanistan beteiligten, stellt seit 2003 der Irakkonflikt einen globalen Anziehungspunkt f\u00fcr dschihadistische Freiwillige dar. Die Besonderheit des Irakkonfliktes liegt dabei in einer neuen ideologischen Komponente. Als Erweiterung der \"Kriegserkl\u00e4rung\" Usama BIN LADINs gegen \"Juden und Kreuzz\u00fcgler\" aus dem Jahre 1998 vertreten militante sunnitische Islamisten nunmehr die Auffassung, schiitische Muslime seien Ungl\u00e4ubige und Feinde des Islam. Als in dieser Hinsicht besonders radikal hat sich der aus Jordanien stammende Terroristenf\u00fchrer Abu Musab AL-ZARQAWI erwiesen, der im Sp\u00e4tsommer 2005 \u00fcber das Internet den schiitischen Muslimen folgende Kampfansage \u00fcbermittelte: \"Die Tage vergehen und ein Ereignis folgt dem N\u00e4chsten. Es gibt viele Kriege und sie werden unterschiedlich genannt - aber sie alle haben nur ein Motiv: Es sind die Kriege der Kreuzfahrer und Rafiditen81 gegen die Sunniten. Die Interessen der Kreuzfahrer und das Begehren ihrer Br\u00fcder, der hasserf\u00fcllten Rafiditen, sind die gleichen.... Dieser Lakai [gemeint ist der irakische Verteidigungsminister], der seine Religion und sein Land verraten hat und bereit ist, den Kreuzfahrern und Safawiden82 als Werkzeug zu dienen, droht damit, dass er und seine Engel der Zerst\u00f6rung in Richtung Anbar, Qaim, 80 Als Dschihadisten werden diejenigen Islamisten bezeichnet, die den Dschihad (w\u00f6rtlich: Anstrengung, Bem\u00fchung um Selbstvervollkommnung und Gottesn\u00e4he, aber auch i.S. \"Heiliger Krieg\" zur \"Verteidigung\") im milit\u00e4rischen Sinne zum zentralen Bestandteil ihrer Ideologie machen. 81 abwertende Bezeichnung f\u00fcr die Schiiten 82 Unter der Dynastie der Safawiden (1501-1736) wurde der schiitische Islam zur Staatsreligion im bis dahin mehrheitlich sunnitischen Iran erkl\u00e4rt.","Ausl\u00e4nderextremismus 133 Rawatha und Samarra vorr\u00fccken. Ihm sagen wir: Durch Gottes Kraft halten die Mujahidin f\u00fcr Dich und Deine Soldaten ein scharfes Schwert und ein t\u00f6dliches Gift bereit. So Gott will, wirst Du von den vielen Geschm\u00e4ckern des Todes kosten und das Land der Sunniten wird von Euren faulenden Leichen \u00fcbers\u00e4t sein. Nach diesen Worten und nachdem die Welt nun die Wahrheit \u00fcber diesen Kampf und sein wirkliches Motiv erfahren hat, beschlie\u00dft die al-Qaida-Gruppe des Zweistromlandes: Nachdem die Regierung al-Ja'fari den Sunniten den totalen Krieg erkl\u00e4rt hat, hat die Organisation einen totalen Krieg gegen alle rafiditischen Schiiten im ganzen Irak beschlossen. Weil die Aggression von Euch ausging, ist dies der entsprechende Preis. Nehmt Euch in Acht, denn bei Gott, wir werden kein Mitleid mit Euch haben und keine Gnade walten lassen.\" (Auszug aus einer Rede des al-Qaida-F\u00fchrers im Irak, Abu Musab AL-ZARQAWI, ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite des \"Al Qaeda Jihad Media Batallion\") (www.memri.de vom 20.07.2005) Mit der ideologischen Radikalisierung der sunnitischen Islamisten geht eine zunehmende Skrupellosigkeit bei der Wahl der Mittel einher. 2005 wurde das in der sunnitischen Welt fr\u00fcher unbekannte Mittel des terroristischen Selbstmordattentates auf bisher davon verschonte Gesellschaften \u00fcbertragen. Am 25. November t\u00f6tete der erste Selbstmordattent\u00e4ter in der Geschichte Bangladeschs sich sowie vier Besucher einer Gerichtsbibliothek. Dass die Islamisten die laizistische Rechtsordnung dieses Staates ablehnen, war bereits elf Tage zuvor deutlich geworden, als zwei Richter eines anderen Gerichtes ermordet wurden. Auch Gro\u00dfbritannien, die ehemalige Kolonialmacht Bangladeschs, wurde am 7. Juli zum ersten Mal von islamistischen Selbstmordattent\u00e4tern heimgesucht. Bei koordinierten Anschl\u00e4gen auf das Londoner Nahverkehrssystem kamen 56 Menschen ums Leben. Ein zweiter Versuch einer anderen Terrorzelle, in mehreren vollbesetzten Bussen Anschl\u00e4ge zu ver\u00fcben, scheiterte 14 Tage sp\u00e4ter lediglich an technischen Unzul\u00e4nglichkeiten. Bei den Attent\u00e4tern von London hat sich gezeigt, dass nicht mehr ein Aufenthalt in einem von al-Qaida in der afghanischen W\u00fcste betriebenen Ausbildungslager erforderlich ist, um auch in westlichen Gesellschaften ein einheimisches Netzwerk terroristischer Art hervorzubringen.","134 Ausl\u00e4nderextremismus Mediale Verbreitung islamistischer Positionen Zahlreiche islamische Fernsehsender des nahund mittel\u00f6stlichen Raumes, die inzwischen insbesondere \u00fcber Satellit in ganz Europa zu empfangen sind, vermitteln ein Weltbild, das h\u00e4ufig im Widerspruch steht zu den Grunds\u00e4tzen eines friedlichen Zusammenlebens von islamischen Minderheitsgruppen in westlichen Gesellschaften. Stehen bei t\u00fcrkischen Sendern eher nationalistische Botschaften im Vordergrund, so verbreiten arabischsprachige Programme Positionen, die von einem orthodox-konservativen Islamverst\u00e4ndnis gepr\u00e4gt sind, oder sogar von islamistischen Ideologien. Dies betrifft nicht zuletzt das Verh\u00e4ltnis von Mann und Frau. So erkl\u00e4rte am 20. Juni ein islamischer Prediger auf Bahrain-TV, dass ein Ehemann prinzipiell das Recht habe, seine Frau zu schlagen. Allerdings m\u00fcsse er darauf achten, dies niemals vor den Kindern zu tun. In einer auf dem saudisch finanzierten Sender Middle East Broadcasting Center, London, ausgestrahlten Predigt wurde gefordert, dass Ehem\u00e4nner, die ihre ehebrecherische Frau t\u00f6teten, eine mildere Strafe bekommen sollten als eine Frau im umgekehrten Fall. Auch antij\u00fcdische bzw. antizionistische Stellungnahmen finden Verbreitung. In einer auf dem \u00e4gyptischen Fernsehsender Nile-Culture-TV ausgestrahlten Sendung \"Eine Studie \u00fcber Israels Geschichte\" wurde am 27. November die Meinung ge\u00e4u\u00dfert, dass die Gaskammern in der Zeit des Nationalsozialismus eine Erfindung der Juden seien. Zunehmende Bedeutung f\u00fcr die Propaganda des gewaltbereiten Islamismus erfahren so genannte Internet-Videotheken. Hierbei handelt es sich um Internetseiten, von denen aus Propagandavideos herunterladbar sind und die sich im Gegensatz zu den TV-Programmen eher an ein jugendliches Publikum richten. H\u00e4ufig werden propagandistisch aufbereitete Videoaufnahmen von Kampfhandlungen aus dem Irak, aber auch aus Tschetschenien oder Pal\u00e4stina/Israel angeboten. So verherrlicht beispielsweise ein Video mit dem Titel \"Der Scharfsch\u00fctze von Bagdad\" die Ermordung junger amerikanischer Soldaten. Seit Mitte September ver\u00f6ffentlicht der dem Umfeld der al-Qaida zuzurechnende \"Internet-Fernsehsender\" Sawt alKhilafah (Stimme des Kalifats) in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden Videobeitr\u00e4ge im Stil westlicher Nachrichtensendungen zu Themen wie der Dschihad, internationale Mudjahedin, Pal\u00e4stina und Irak. Der vermummte und bewaffnete Sprecher verliest dabei aktuelle Nachrichten in islamistischer Interpretation, etwa zu der Flutkatastrophe in der \"homosexuellen Stadt New Orleans\". H\u00e4ufig werden Filmbeitr\u00e4ge zu Anschl\u00e4gen im Irak eingeblendet. Hinter diesem Projekt steht","Ausl\u00e4nderextremismus 135 eine technisch versierte Gruppe, die sich selbst als Global Islamic Media Front (GIMF) bezeichnet. Solche Internet-Angebote ersetzen zumindest partiell den Verlust traditioneller islamistischer Kommunikationsr\u00e4ume, der durch die seit dem 11. September 2001 zunehmende staatliche \u00dcberwachung islamistischer Vereine und Moscheen festzustellen ist. Sie wirken somit \u00fcber ihre propagandistische Wirkung hinaus als latente Gefahrenquelle f\u00fcr das Entstehen einheimischer terroristische Netzwerke. Neben den Internetseiten, die sich dem islamistischen Terrorismus zuordnen lassen, bieten mittlerweile nicht gewaltt\u00e4tige Islamisten Rechtsund Lebensberatung f\u00fcr Muslime nicht mehr nur in Arabisch und Englisch, sondern in nahezu allen europ\u00e4ischen Sprachen an. Eines der umfangreichsten deutschsprachigen Angebote bietet der in Delmenhorst ans\u00e4ssige Betreiber der Internetseite \"Muslim-Markt\". Weitere extremistische Ausl\u00e4nderorganisationen Ist das Bild der \u00d6ffentlichkeit vom Ausl\u00e4nderextremismus gegenw\u00e4rtig vorwiegend von Ereignissen mit islamistischem Hintergrund gepr\u00e4gt, so wirken sich die Aktivit\u00e4ten einer Vielzahl von ausl\u00e4ndischen Vereinigungen und Organisationen, die vom Boden der Bundesrepublik Deutschland aus ihre politischen Vorstellungen zu verwirklichen versuchen, ebenenfalls auf die Sicherheit Deutschlands aus. Auch bei diesen Gruppierungen spiegeln sich selbst Jahrzehnte nach der Einwanderung der so genannten Gastarbeiter weiterhin die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und Konflikte wider, die in den jeweiligen Herkunftsl\u00e4ndern ihren Ursprung und Bezugspunkt finden. Diese Organisationen benutzen Deutschland als logistisches Hinterland im Hinblick auf Propaganda und Finanzierung ihrer Aktivit\u00e4ten. W\u00e4hrend sie in Deutschland oft auch aus taktischen Gr\u00fcnden in der Regel nicht gewaltt\u00e4tig in Erscheinung treten, bedienen sie sich in ihren Heimatl\u00e4ndern durchaus terroristischer Methoden. Hierzu z\u00e4hlen u. a. die Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) sowie die international als terroristisch bewertete iranische Oppositionsgruppe Volksmodjahedin Iran-Organisation (MEK). Nicht zuletzt wegen der hohen Zahl t\u00fcrkischund kurdischst\u00e4mmiger Menschen in der Bundesrepublik stellt die","136 Ausl\u00e4nderextremismus politische Entwicklung in der T\u00fcrkei und im kurdischen Siedlungsgebiet auch im Jahr 2005 einen wichtigen Bezugspunkt f\u00fcr extremistische Gruppierungen aus diesen Gebieten dar. Themen wie der Beginn der Beitrittsverhandlungen der T\u00fcrkei mit der Europ\u00e4ischen Union sowie die Haftbedingungen des Kurdenf\u00fchrers Abdullah \u00d6CALANs pr\u00e4gten das Geschehen der Anh\u00e4nger des Volkskongresses Kurdistan (KONGRA GEL, ehemals Arbeiterpartei Kurdistans, PKK) in Deutschland. Von ihrem bisherigen Ziel, einen das gesamte kurdische Siedlungsgebiet umfassenden autonomen Staat zu gr\u00fcnden, musste der KONGRA GEL angesichts der Gr\u00fcndung eines weitgehend autonomen Kurdenstaates im Nordirak abr\u00fccken. Auch Organisationen wie die Deutsche T\u00fcrk-F\u00f6deration (ATF) vertreten mit ihrer t\u00fcrkisch-nationalistischen Ideologie Weltanschauungen, die mit den Grunds\u00e4tzen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbar sind.","Ausl\u00e4nderextremismus 137 Muslimbruderschaft (MB) Gegr\u00fcndet: 1928 in \u00c4gypten Sitz: M\u00fcnchen/Aachen Mitglieder/Anh\u00e4nger83 2004 2005 Bund: 1.950 1.800 Niedersachsen: 160 160 Publikationen: Risalat ul-Ikhwan (Rundschreiben der Bruderschaft) Al-Islam mit Al-Islam aktuell (Der Islam) Al Ra'id (Der Kundschafter) Die mitunter auch als \"Mutterorganisation des politischen Islams\" bezeichnete Muslimbruderschaft (MB) versucht, durch eine Taktik der kulturellen Durchdringung der islamischen Staaten die gesellschaftlichen Voraussetzungen zur Etablierung islamistischer Staatsmodelle zu schaffen. Der MB zugerechnete Gruppen haben sich jedoch auch an gewaltsamen Erhebungen gegen die jeweiligen Machthaber in Syrien 1982 und in Algerien w\u00e4hrend der neunziger Jahre beteiligt. Den in das international verflochtene Netzwerk eingebundenen deutschen Zweigen der MB ist der gleiche Auftrag gestellt wie den nah\u00f6stlichen Zweigen der Bruderschaft: die Durchsetzung der Ideologie des Islamismus mit der Scharia als allein g\u00fcltiger Ordnung f\u00fcr Staat und Gesellschaft. Mit diesen Bestrebungen richtet sich die MB gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland. Ursprung und Entwicklung Die sunnitische Muslimbruderschaft ging 1928 aus einer kleinen Gruppe von M\u00e4nnern um Hassan al-Banna hervor, die sich als \"Br\u00fcder im Dienste des Islam\" verstanden. Als \u00e4lteste und bis heute wichtigste islamistische Organisation ist sie nach eigenen Angaben in \u00fcber 70 L\u00e4ndern pr\u00e4sent. Trotz dieser internationalen Ausrichtung zeigt die Bruderschaft 83 Potenzial der Mitglieder/Anh\u00e4nger der verschiedenen Zweige der MB einschlie\u00dflich der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e. V. (IGD), der HAMAS und der Islamischen Avantgardisten.","138 Ausl\u00e4nderextremismus noch heute ein arabisches Gepr\u00e4ge. Ihre wichtigste Basis stellt weiterhin \u00c4gypten dar, wo sie offiziell verboten ist. Auf ihrer f\u00fcnften Generalkonferenz 1939 in Kairo legte die Muslimbruderschaft ihre bis heute g\u00fcltige Doktrin fest. Indem sich die Muslimbr\u00fcder darin auf das Wirken und die Tradition des Propheten und seiner Gef\u00e4hrten berufen, grenzen sie sich als Islamisten von allen \"Verunreinigungen\" des Islam ab, die die islamische Welt seit dem 7. Jahrhundert heimgesucht h\u00e4tten. Das Beharren auf einem \"Islamischen System\" ist auf die traumatische Vorstellung muslimischer Abh\u00e4ngigkeit vom dominierenden Westen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Muslimbruderschaft ist eine hierarchisch strukturierte Organisation. Als ihr Oberhaupt fungiert der Murschid Amm, der \"Allgemeine F\u00fchrer\", dem sich das einzelne Mitglied durch ein Gel\u00f6bnis zur Gefolgschaft verpflichtet. F\u00fcr den Gr\u00fcnder al-Banna trug die Bruderschaft deutlich politische Z\u00fcge. Dar\u00fcber hinaus sei sie durch den als allumfassend angesehenen Charakter des Islam eine \"der k\u00f6rperlichen Ert\u00fcchtigung dienende Gruppe\", ein \"kultureller und wissenschaftlicher Verband\", eine \"soziale Idee\" und sogar ein \"Wirtschaftsunternehmen\". Der Wahlspruch der Bruderschaft verdeutlicht den universalen Anspruch: Hassan al-Banna \"Gott ist unser Ziel, der Prophet unser F\u00fchrer, der Koran unsere Verfassung und der Kampf unser Weg. Der Tod um Gottes willen ist unsere h\u00f6chste Gnade. Gott ist gro\u00df.\" (Franz Kogelmann: \"Die Islamisten \u00c4gyptens in der Regierungszeit von Anwar as-Sadat [1970-1981]\"; Berlin 1994, S. 29) Mit dieser universalen, auf alle Bereiche der Gesellschaft zielenden Ausrichtung war die Muslimbruderschaft Vorbild gebend f\u00fcr den sunnitischen Islamismus des 20. Jahrhunderts. Dabei zeigt sie in ihrer internen F\u00fchrungsstruktur deutliche Symptome der Erstarrung. Bis heute dominiert die \"alte Garde\" aus dem Umfeld al-Bannas die Bruderschaft. Dass die Muslimbruderschaft auch heute noch eine gewaltorientierte Organisation ist, zeigen \u00c4u\u00dferungen des \"Allgemeinen F\u00fchrers\", des 77-j\u00e4hrigen Muhammad Mahdi Akif. In zahlreichen Interviews legitimierte er den Einsatz von Selbstmordattent\u00e4tern als Waffe sowohl gegen den \"zionistischen Feind\" Israel als auch zur \"Befreiung\" des Irak. Im Falle Israels k\u00f6nne man nicht zwischen Zivilisten und Angeh\u00f6rigen der Armee unterscheiden, da sie allesamt Feinde des","Ausl\u00e4nderextremismus 139 arabischen Vaterlandes und des Islam seien. In Deutschland wurde Akif als Leiter des Islamischen Zentrums in M\u00fcnchen von 1984 bis 1987 bekannt. Regionale Str\u00f6mungen der Muslimbruderschaft84 \u00c4gypten Algerien Syrien Pal\u00e4stina Tunesien Islamische Islamische HAMAS En Nahda F\u00f6deration der Heilsfront (FIS) Avantgarden / Islamischen Islamisches Organisation Zentrum (IZ) in Aachen in Europa (FIOE) Islamischer Islamische Bund Pal\u00e4stina Gemeinschaft (IBP) in Deutschland e.V. (IGD) Islamisches Zentrum (IZ) in M\u00fcnchen Ausl\u00e4ndische Organisationen mit Einzelmitgliedern in Deutschland Organisationen mit Sitz in Deutschland /Europa In \u00c4gypten l\u00f6ste eine Stellungnahme des stellvertretenden F\u00fchrers der Organisation, Muhammad Habib, die er am 5. Dezember im Rahmen einer Pressekonferenz im Hauptquartier der MB in Kairo \u00e4u\u00dferte85, eine heftige Kontroverse aus. Habib erkl\u00e4rte, nach islamischem Recht k\u00f6nne kein Nichtmuslim \u00fcber einen Muslim herrschen, somit d\u00fcrfe in \u00c4gypten auch kein Nichtmuslim Pr\u00e4sident werden. Vor dem Hintergrund des Erfolges der Kandidaten der offiziell verbotenen Muslimbruderschaft bei den \u00e4gyptischen Parlamentswahlen im November und Dezember86 sorgten \u00c4u\u00dferungen wie diese f\u00fcr Beunruhigung unter den \u00e4gyptischen Christen, aber auch in Kreisen liberaler Muslime. 84 Abgewandelte Darstellung aus dem Verfassungsschutzbericht 2005, Bayerisches Staatsministerium des Innern 85 Ver\u00f6ffentlicht: ALJAZEERA.NET; Internet-Ausdruck vom 24.01.2006 86 Im neuen \u00e4gyptischen Parlament werden den islamistischen Muslimbr\u00fcdern statt der bisherigen 15 nunmehr 88 Abgeordnete zugerechnet. Als Erfolg k\u00f6nnen sie verbuchen, dass zwei Drittel ihrer Kandidaten gew\u00e4hlt wurden. Mit R\u00fccksicht auf das offizielle Verbot der MB hatte die Bruderschaft f\u00fcr die 444 Sitze des Parlaments urspr\u00fcnglich lediglich 150 \"unabh\u00e4ngige\" Kandidaten aufgestellt, von denen sie dann aufgrund politischen Drucks etwa 20 zur\u00fcckzog.","140 Ausl\u00e4nderextremismus Die Muslimbruderschaft in Deutschland Den deutschen Zweigen des internationalen MB-Netzwerks ist der gleiche Auftrag gestellt wie den nah\u00f6stlichen Gruppen der Bruderschaft: die Durchsetzung der Ideologie des Islamismus mit der Scharia als allein g\u00fcltiger Ordnung f\u00fcr Staat und Gesellschaft. In Deutschland verbreitet die panislamisch orientierte Muslimbruderschaft ihre islamistischen Vorstellungen \u00fcber eine Reihe von Gruppierungen. So \u00fcbt sie \u00fcber ihre Unterorganisationen Einfluss auf den Zentralrat der Muslime (ZMD)87 aus. Vorrangiges Ziel hierbei ist es, die in Deutschland lebenden Muslime von der \"wahren\", d. h. der islamistisch interpretierten Form des Islams zu \u00fcberzeugen. Verschiedene Islamische Zentren dienen diesem Ziel als organisatorische St\u00fctzpunkte. Gewaltaktivit\u00e4ten der MB auf deutschem Boden wurden bisher nicht festgestellt. Bereits 1960 gr\u00fcndete sich in der Bundesrepublik Deutschland die Islamische Gemeinschaft in Deutschland e. V. (IGD), die die mitgliederst\u00e4rkste Organisation von Anh\u00e4ngern der MB in Deutschland ist. Die IGD hat ihren Sitz in dem von ihrem Pr\u00e4sidenten Ibrahim EL-ZAYAT geleiteten Islamischen Zentrum M\u00fcnchen (IZM). Zu der 27. Jahreskonferenz der IGD am 3. Dezember in Leverkusen versammelten sich ca. 4.000 Muslime aus allen Bundesl\u00e4ndern. Unter dem Motto \"Muslime in Deutschland - Mittendrin und doch daneben?!\" hielt wie in den Jahren zuvor der bekannte \u00e4gyptische Fernsehprediger Amr Khaled eine Rede, in der er die Fortschrittlichkeit des Islam gegen\u00fcber der westlichen Gesellschaft betonte. Hierbei bediente er sich bekannter islamistischer Stereotype, wie der These, dass die Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft nicht vom Westen ausgegangen, sondern von Anfang an im Islam angelegt gewesen sei. Auf der nieders\u00e4chsischen Internetseite \"Islam in Hannover\", bei der ein Bezug zur MB besteht, wurde f\u00fcr die Teilnahme an der Jahreskonferenz geworben. Dem syrischen Zweig der MB zuzurechnen sind die Anfang der achtziger Jahre vom Leiter des Islamischen Zentrums Aachen (IZA), Issam EL-ATTAR, durch Abspaltung von der IGD gegr\u00fcndeten Islamischen Avantgarden. IGD und Islamische Avantgarden finanzieren sich in Deutschland im Wesentlichen \u00fcber Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spendensammlungen in Mo87 Der ZMD ist ein Zusammenschluss von 19 Verb\u00e4nden, dem ca. 12.000 Muslime zumeist arabischer Herkunft angeh\u00f6ren. Etwa die H\u00e4lfte der Mitgliedsorganisationen des ZMD, u.a. die der Muslimbruderschaft zuzurechnende Islamische Gemeinschaft in Deutschland e. V. (IGD), sind als islamistische Organisationen einzustufen.","Ausl\u00e4nderextremismus 141 scheen oder sonstige private Spenden. Untergruppierungen des syrischen Zweiges sind die Union Muslimischer Studentenorganisationen in Europa e. V. (UMSO) und die Union f\u00fcr die in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern arbeitenden Muslime e. V. (UELAM). Die Islamische Widerstandsbewegung HAMAS, der pal\u00e4stinensische Zweig der Muslimbruderschaft, ist \u00fcber eine Unterorganisation in Deutschland vertreten. Ihre Interessen vertritt in der Bundesrepublik der im Mai 1981 im IZ M\u00fcnchen gegr\u00fcndete Islamische Bund Pal\u00e4stina (IBP). In Niedersachsen sind nur einzelne Mitglieder und Funktion\u00e4re dieser Vereinigung ans\u00e4ssig. Auch f\u00fcr den Bereich der algerischen Heilsfront FIS finden sich nur einzelne Mitglieder. In Niedersachsen ist dar\u00fcber hinaus ein Verein angemeldet, von dem einige Mitglieder dem tunesischen Zweig der Muslimbruderschaft, der En-Nahda, zuzurechnen sind.88 Ihrer Konzeption der kulturellen Durchdringung entsprechend veranstalten MB-Anh\u00e4nger auch in nieders\u00e4chsischen Moscheen Korankurse mit dieser ideologischen Ausrichtung. \u00d6ffentliche Aussagen von der Bruderschaft nahe stehenden Predigern mit antiwestlicher oder antij\u00fcdischer Tendenz sind vor dem Hintergrund verst\u00e4rkter staatlicher \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen hingegen deutlich moderater. Anh\u00e4nger der Muslimbruderschaft verf\u00fcgen \u00fcber nieders\u00e4chsische Anlaufstellen in Braunschweig, G\u00f6ttingen, Hannover und Osnabr\u00fcck. 88 Neben dem hier gemeldeten Vereinssitz ist in Niedersachsen auch der Vorsitzende ans\u00e4ssig, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen Vereinsmitglieder \u00fcber verschiedene Bundesl\u00e4nder verteilt sind.","142 Ausl\u00e4nderextremismus Tablighi Jamaat (TJ) Gegr\u00fcndet: 1926 in Britisch-Indien Sitz: Weltzentrum in Lahore (Pakistan), europ\u00e4isches Zentrum in Dewsbury (Gro\u00dfbritannien), in Deutschland keine offizielle Niederlassung Mitglieder/ Anh\u00e4nger 2004 2005 Bund: 450 500 Niedersachsen: 40 65 Die Tablighi Jamaat (TJ) (\"Gemeinschaft der Missionierung und Verk\u00fcndung\") wurde als Missionsbewegung gegr\u00fcndet. Sie vertritt ein \u00e4u\u00dferst konservatives Islamverst\u00e4ndnis. Ziel der Organisation ist die Islamisierung der Gesellschaft. Die Anh\u00e4nger dieser internationalen islamischen Massenbewegung vertreten eine strenggl\u00e4ubige Auslegung des Korans und der Sunna, die Ausgrenzung der Frau und die Abgrenzung gegen\u00fcber Nichtmuslimen. Ursprung und Entwicklung Angesichts der Dominanz der europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chte propagierten so genannte islamische Reformbewegungen wie die TJ, die im indo-pakistanischen Bereich ihren Ursprung fanden, die S\u00e4uberung des Islam von vermeintlichen geistigen und kulturellen Verunreinigungen.89 So zogen seit Gr\u00fcndung der TJ Mitte der zwanziger Jahre Tausende von Laienpredigern durch Nordindien, und brachten die Mehrheit der dortigen Muslime dazu, die vorgeschriebenen Rituale im Sinne der islamischen Orthodoxie zu befolgen. Heute z\u00e4hlt die TJ nach Zahl und Verbreitung ihrer Anh\u00e4nger zu den bedeutendsten islamischen Bewegungen. Ihre Anh\u00e4nger f\u00fchlen sich nicht einer festen Gruppierung zugeh\u00f6rig, sondern sehen sich als Muslime mit missionarischem Auftrag. 89 In der britischen Kolonie Indien herrschten seit dem sp\u00e4ten 18. Jahrhundert haupts\u00e4chlich muslimische Dynastien, die eine zahlenm\u00e4\u00dfige \u00dcberlegenheit der Hindus aufwies. W\u00e4hrend aufkl\u00e4rerische Kreise die Meinung vertraten, dass nur mit westlichen Erkenntnissen, nicht gegen sie, der Aufbruch der Muslime Indiens in die Moderne gelingen k\u00f6nne, lehnten konservativ ausgerichtete sunnitische Rechtsgelehrte sowohl hinduistische als auch westliche Einfl\u00fcsse ab.","Ausl\u00e4nderextremismus 143 Entsprechendes Kennzeichen f\u00fcr die Anh\u00e4nger der TJ ist das gruppenweise Herumreisen und Predigen, um einerseits den Glauben zu verbreiten und andererseits die Fr\u00f6mmigkeit des Predigers selbst zu st\u00e4rken. Zielgruppe sind in erster Linie Muslime mit einer vermeintlich unzureichenden Beachtung der Glaubensriten, erst in zweiter Linie Nichtmuslime. Zu den Pflichten eines Mitglieds geh\u00f6rt die freiwillige und unbezahlte missionarische T\u00e4tigkeit, die 40 Tage im Jahr betragen soll. Aktivit\u00e4ten Schwerpunkt der Aktivit\u00e4ten der TJ bildet der indische Subkontinent. In den letzten Jahrzehnten hat die islamische Massenbewegung ihre Aktivit\u00e4ten zudem auf Nordafrika und auf die muslimische Diaspora in Europa, Nordamerika und Australien ausgeweitet. Die TJ f\u00fchrt j\u00e4hrliche Treffen auf dem indischen Subkontinent durch, an denen Hunderttausende in Indien, Pakistan und Bangladesch teilnehmen. Diese Treffen entwickeln sich zu Anziehungspunkten von Islamisten, die die strenggl\u00e4ubige islamische Massenbewegung als Rekrutierungsfeld betrachten. Denn die Anh\u00e4nger der TJ sind durch eine radikalisierte Weltanschauung gepr\u00e4gt, die Gemeinsamkeiten mit islamistischen Gruppierungen aufweist. Obwohl die TJ selbst Gewalt ablehnt, besteht die Gefahr, dass Netzwerke des islamistischen Terrorismus die internationalen Strukturen der TJ nutzen. Wie das Verwaltungsgericht Bayreuth in einem Beschluss vom 24. November feststellte, hatte auch Iyman Faris, der im Zusammenhang mit einem geplanten Anschlag auf die Brooklyn-Bridge in New York festgenommen wurde, Flugtickets f\u00fcr den Besuch des Zentrums der TJ in Pakistan erworben. Faris gab an, der TJ anzugeh\u00f6ren. Mitglied der TJ war ebenfalls Richard Reid, der als so genannter Schuhbomber am 22.12.2001 beim Versuch scheiterte, ein Passagierflugzeug mit einer im Absatz seiner Schuhe versteckten Bombe zu sprengen. Auch nieders\u00e4chsische Anh\u00e4nger der TJ sind an das globale Netzwerk der TJ angeschlossen. Insbesondere nehmen sie an regelm\u00e4\u00dfig stattfindenden bundesund europaweiten Treffen teil. Dar\u00fcber hinaus haben die nieders\u00e4chsischen TJ-Anh\u00e4nger die Missionsreisen intensiviert. Missionsreisen sind innerhalb Niedersachsens sowie deutschlandweit und auch in das Ausland durchgef\u00fchrt worden. Diese Aktivit\u00e4ten sowie die Kontakte nach Pakistan werden f\u00fcr Niedersachsen vom Pakistanzentrum in Hannover aus koordiniert. In Pakistan existieren enge Verbindungen zwischen der TJ und einer Vielzahl von Madrassen (islamische Lehrst\u00e4tten), die wiederum in den Augen terroristisch agierender Islamisten vielversprechende Rekrutierungsbasen sind.","144 Ausl\u00e4nderextremismus Ansar al-Islam (Unterst\u00fctzer des Islam) Gegr\u00fcndet: 2001 im Irak als Nachfolgeorganisation der Jund al-Islam Leitung: Abu Abdullah AL-SHAFI Bei der Ansar al-Islam handelt es sich um ein terroristisches Netzwerk, das ausgehend vom kurdischen Norden des Iraks auch \u00fcber Anh\u00e4nger im arabisch besiedelten Teil dieses Landes, mittlerweile aber auch in Europa verf\u00fcgt. Zahlreiche Attentate im Irak werden dieser Organisation zugeschrieben, so etwa die Anschl\u00e4ge auf die jordanische Botschaft in Bagdad am 07.08.2003 sowie auf das UN-Hauptquartier in Bagdad am 19.08.2003. Ursprung und Entwicklung Die Urspr\u00fcnge der Ansar al-Islam reichen in die Zeit der Herrschaft der Taliban \u00fcber Afghanistan zur\u00fcck. Dort formierte sich Anfang 2000 eine Gruppe syrischer Mudschahedin, die \"Jund al-Scham\" (Armee Syriens), die bald weitere Kreise von Dschihadisten anzog. Diesem Umfeld konnte zeitweise auch Abu Musab AL-ZARQAWI zugerechnet werden, der nunmehr im Irak ein eigenst\u00e4ndiges terroristisches Netzwerk anf\u00fchrt, das mit der Ansar al-Islam teilweise kooperiert, teilweise zu ihr aber auch in Konkurrenz steht.90 F\u00fchrungsstreitigkeiten innerhalb der Jund al-Scham f\u00fchrten dann zur Abspaltung und Gr\u00fcndung einer neuen Organisation, der \"Jund al-Islam\" (Soldaten des Islam), die ihre terroristischen Aktivit\u00e4ten im \u00fcberwiegend von Kurden besiedelten Nordirak entfaltete. Mit \u00dcbernahme der F\u00fchrung dieser Gruppe durch Najm alDeen FARAJ AHMED MAHMOUD, alias Mullah KREKAR, Ende 2001 erfolgte eine Umbenennung in Ansar al-Islam; der heutige F\u00fchrer Abu Abdullah AL-SHAFI wurde als Stellvertreter Mullah KREKARs eingesetzt. 90 AL-ZARQAWI erkl\u00e4rte sich im Oktober 2004 zum Stellvertreter Usama BIN LADINs, des Anf\u00fchrers der islamistischen Terrororganisation al-Qaida, im Irak und wurde Anf\u00fchrer der Gruppierung \"al-Qaida im Zweistromland\".","Ausl\u00e4nderextremismus 145 Aktivit\u00e4ten Propagandistisch tritt Ansar al-Islam vor allem im Internet auch unter dem Namen \"Jaish Ansar al-Sunna\" (Armee der Unterst\u00fctzer der Sunniten) in Verbindung mit Anschl\u00e4gen im Irak gegen die Koalitionstruppen, humanit\u00e4re Hilfskr\u00e4fte und sonstige westliche Einrichtungen auf. Die Gruppierung ist f\u00fcr Mordund Sprengstoffanschl\u00e4ge nicht nur im Norden des Landes, sondern im gesamten Irak verantwortlich. So werden ihr die Anschl\u00e4ge auf die jordanische Botschaft in Bagdad am 07.08.2003 sowie auf das dortige UN-Hauptquartier am 19.08.2003 zugeschrieben. Dass sich Ansar al-Islam als Teil der weltweiten Dschihad-Bewegung sieht, belegt u. a. die \u00c4u\u00dferung Mullah KREKARs, wonach BIN LADIN \"eine Krone auf den K\u00f6pfen der Muslime\" sei. Das in Westeuropa betriebene Netzwerk der Ansar al-Islam dient dazu, das in den jeweiligen L\u00e4ndern vorhandene Unterst\u00fctzungspotenzial zu mobilisieren und f\u00fcr ihre terroristischen Ziele zu nutzen. Die Aktivit\u00e4ten dieses Netzwerks umfassen die Rekrutierung zum terroristischen Kampf bereiter Islamisten und deren Schleusung in den Irak, die Beschaffung und den Transfer von Geld und technischen Ger\u00e4ten sowie die Einschleusung im Irak verwundeter Mitglieder nach Westeuropa zur \u00e4rztlichen Versorgung. Hinweise auf die Existenz von Zellen der Ansar al-Islam in Niedersachsen liegen nicht vor. Jedoch konnten einzelne Anh\u00e4nger bzw. Kontaktpersonen zu Zellen in S\u00fcddeutschland festgestellt werden.","146 Ausl\u00e4nderextremismus Islamische Befreiungspartei (Hizb ut-Tahrir al-Islami, HuT) Gegr\u00fcndet: 1953 in Jordanien Leitung: Ata Abu AL-RASCHTA Sitz: in Deutschland keine offizielle Niederlassung Mitglieder/ Anh\u00e4nger 2004 2005 Bund: 200 300 Niedersachsen: 10 10 Publikationen: Al-Khilafa (Das Kalifat) (englisch/arabisch) Explizit (deutsch/niederl\u00e4ndisch) Al-Wai (Das Bewusstsein) (arabisch) K\u00f6kl\u00fc Degisim Dergisi (Zeitschrift der grundlegenden Ver\u00e4nderung) (t\u00fcrkisch) Bet\u00e4tigungsverbot: seit dem 15.01.2003 Die HuT hat offiziell erkl\u00e4rt, die Anwendung von Gewalt abzulehnen. Tats\u00e4chlich agiert die Islamische Befreiungspartei insbesondere gegen den Staat Israel auf eine Weise, welche bereits deutlich antisemitische und volksverhetzende Z\u00fcge tr\u00e4gt. Ursprung und Entwicklung Die in allen arabischen Staaten verbotene Islamische Befreiungspartei (Hizb ut-Tahrir al-Islami, HuT) wurde 1953 im jordanischen Ost-Jerusalem von dem 1978 verstorbenen islamischen Rechtsgelehrten Scheich Taqi ad-Din an-Nabhani gegr\u00fcndet. Zentrales Anliegen an-Nabhanis und bis heute propagiertes Ziel der HuT ist die Errichtung eines das gesamte Siedlungsgebiet von Muslimen umfassenden Staates, an dessen Spitze ein auf Lebenszeit gew\u00e4hlter Kalif steht. Dieser soll das islamische Recht, die Scharia, umsetzen und so die angestrebte Herrschaft Gottes auf Erden verwirklichen. Dabei betrachtet die HuT die Machtergreifung durch einen Staatsstreich als Alternative zu der in ihren Augen gescheiterten Strategie der Muslimbr\u00fcder, sich prim\u00e4r \u00fcber soziale","Ausl\u00e4nderextremismus 147 Betreuungsangebote in der Gesellschaft eine Basis zu verschaffen. An-Nabhanis \"System des Islam\" nimmt formale Anleihen bei modernen staatsrechtlichen Ideen des Westens (Staatsb\u00fcrgerschaft, Verfassung etc.), f\u00fcllt diese aber mit einem islamistischen Inhalt, der zum Teil mittelalterliche Vorstellungen vom Kalifat aufgreift. So legte die Befreiungspartei einen Verfassungsentwurf vor, dem im Bereich der Au\u00dfenpolitik die klassische islamische Einteilung der Welt in ein \"Haus des Islam\" und ein \"Haus des Unglaubens bzw. des Krieges\" zugrunde liegt. Beispielsweise hei\u00dft es in Artikel 178: \"Im Blick auf jene Staaten, die nach der Scharia faktische Feindstaaten darstellen, wie zum Beispiel Israel, muss der Kriegszustand die Grundlage f\u00fcr jegliches politisches Handeln bilden. Der Verkehr mit diesen Staaten erfolgt auf der Grundlage, dass sie mit uns aktuell im Krieg stehen, einerlei, ob mit ihnen ein Waffenstillstandsabkommen besteht. Allen B\u00fcrgern dieser Staaten ist die Einreise in das islamische Land verboten. Soweit sie Nicht-Muslime sind, gelten sie als vogelfrei.\" (Andreas Meier, \"Politische Str\u00f6mungen im modernen Islam\", Wuppertal 2002, S. 86) Dieser Entwurf soll nach Vorstellungen an-Nabhanis der Verfassung eines wiedererrichteten Kalifats als Grundlage dienen. Die HuT ist heute weltweit aktiv und international vernetzt; ihr an der Basis konspirativ organisierter, zellenartiger Aufbau ist hierarchisch und zentralistisch. Ihre Struktur gestaltet sich ausgehend von lokalen Basiseinheiten \u00fcber regionale und nationale Organisationsebenen bis hin zu einer \u00fcberregionalen F\u00fchrung. Der Nachfolger an-Nabhanis als F\u00fchrer der Partei, der 2003 verstorbene Abdul Qadim ZALLUM, betrieb in den neunziger Jahren die Ausbreitung nach Zentralasien. Mittlerweile ist die Organisation dort besonders in Usbekistan und Kirgisien verankert. F\u00fcr den deutschsprachigen Raum spielt Wien eine wichtige Rolle. Von hier aus gelangten die ersten deutschsprachigen Publikationen in die Bundesrepublik.","148 Ausl\u00e4nderextremismus Die HuT in Deutschland Bundesweit fiel die HuT zum ersten Mal im Zusammenhang mit einer Veranstaltung am 27.10.2002 an der Technischen Hochschule Berlin zum Thema \"Der Irak - ein neuer Krieg und die Folgen\" auf, bei der Vertreter der Organisation dem Staat Israel das Existenzrecht absprachen. Aufsehen erregte die Veranstaltung auch durch die Teilnahme des NPD-Vorsitzenden Udo VOIGT und des Rechtsextremisten Horst MAHLER, die ihre Zustimmung zu den antisemitischen Thesen des HuT-Funktion\u00e4rs Shaker ASSEM zum Irakkonflikt bekundeten. Das Bundesministerium des Innern hat am 15.01.2003 die Bet\u00e4tigung der HuT in der Bundesrepublik Deutschland wegen ihrer aggressiven antisemitischen Propaganda verboten. Vom Verbot umfasst sind auch Produktion und Verbreitung der der HuT zuzurechnenden deutschsprachigen Zeitschrift Explizit, einschlie\u00dflich der entsprechenden Internetseite. Am 8. August wies das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) die von der HuT erhobene Klage gegen die Verbote ab. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die HuT sich gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richtet, indem sie immer wieder zur gewaltsamen Beseitigung des Staates Israel und zur T\u00f6tung von Menschen aufgefordert hat. Die HuT beantragte in der Folge die Durchf\u00fchrung einer m\u00fcndlichen Verhandlung vor dem BVerwG, in der am 25.01.2006 das Verbot best\u00e4tigt wurde. In Niedersachsen sind lediglich einzelne Mitglieder der HuT durch Propagandaaktivit\u00e4ten auff\u00e4llig geworden. Wegen des Verdachts des Versto\u00dfes gegen SS 20 Vereinsgesetz fanden im Dezember 2004 in mehreren L\u00e4ndern, auch in Niedersachsen, Wohnungsdurchsuchungen statt. Die daraufhin eingeleiteten Ermittlungsverfahren wurden teilweise im Laufe des Jahres 2005 eingestellt. Gegen einen Beschuldigten wurde mittlerweile Anklage erhoben. Der Hauptbeschuldigte verlies im Jahr 2005 die Bundesrepublik Deutschland und entzog sich so der weiteren strafrechtlichen Verfolgung. Das Verfahren gegen ihn wurde von der Staatsanwaltschaft vorl\u00e4ufig eingestellt. Offene Aktivit\u00e4ten der hier weiterhin lebenden Anh\u00e4nger sind seitdem nicht mehr feststellbar.","Ausl\u00e4nderextremismus 149 Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e. V. (IGMG) Gegr\u00fcndet: 1985 in K\u00f6ln als Vereinigung der Neuen Weltsicht in Europa e. V. (Avrupa Milli G\u00f6r\u00fcs Testelatlari, AMGT) Vorsitzender: Yavuz Celik KARAHAN Sitz: Kerpen (NRW) Mitglieder/Anh\u00e4nger 2004 2005 Bund: 26.500 26.500 Niedersachsen: 2.600 2.600 Publikation: Milli G\u00f6r\u00fcs & Perspektive (Neue Weltsicht und Perspektive) Die Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs (IGMG)91 ist im Wesentlichen bestrebt, t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Muslimen eine eigenst\u00e4ndige Identit\u00e4t auf der Basis islamistischer wie auch t\u00fcrkisch-nationalistischer Anschauungen zu vermitteln. Diese Identit\u00e4t definiert sich in Abgrenzung zur freiheitlichen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland und propagiert die islamische Rechtsund Lebensordnung, die Scharia, als Grundlage ihres Gesellschaftsmodells. Mit dieser Integrationsfeindlichkeit tr\u00e4gt die IGMG ma\u00dfgeblich zur Bildung von Parallelgesellschaften in Deutschland bei. Kennzeichnend f\u00fcr die Zuordnung der IGMG zum islamistischen Extremismus ist die Ablehnung von Gewalt als Mittel zur langfristigen Durchsetzung ihrer politisch-ideologischen Zielvorstellungen. Diese Ausrichtung wird auch als \"legalistischer Islamismus\" bezeichnet. Ursprung und Entwicklung Die Geschichte und Ideologie der IGMG ist untrennbar mit dem t\u00fcrkischen Islamistenf\u00fchrer Necmettin ERBAKAN verbunden, der in den 70er Jahren seine Vorstellungen zur 91 Milli G\u00f6r\u00fcs \"hei\u00dft w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt 'Nationale Sicht', gemeint ist dabei jedoch nicht eine t\u00fcrkisch nationale Haltung, sondern mit Bezug zur Bedeutung des Wortes 'milli' im Arabischen und dessen Verwendung im Koran (Sure 3, Vers 95), das Bekenntnis zur 'Religion Abrahams'.\" (T\u00fcrkische Muslime in Nordrhein-Westfalen, MFAGS, Duisburg 1997, S. 120).","150 Ausl\u00e4nderextremismus L\u00f6sung der politischen und gesellschaftlichen Probleme in der T\u00fcrkei in der Schrift \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" (\"nationale Sicht\") darlegte. ERBAKAN beschreibt die westliche Welt als \"nichtige Ordnung\" (\"Batil D\u00fczen\"), die durch eine islamische \"gerechte Ordnung\" (\"Adil D\u00fczen\") mit der Scharia als Grundlage f\u00fcr Staat und Gesellschaft zu ersetzen sei. Als Teil der von ERBAKAN bis heute angef\u00fchrten Bewegung ist auch die IGMG von dieser Weltanschauung gepr\u00e4gt. Die IGMG fungiert als Sammelbecken der Anh\u00e4nger der Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung. Ihre Vorl\u00e4uferorganisation, die Vereinigung der Neuen Weltsicht in Europa e. V. (AMGT), konstituierte sich 1985 in K\u00f6ln. 1995 spaltete sich die AMGT in die IGMG, deren Aufgaben sich auf die Bereiche Religion, Sozialwesen und Kultur konzentrieren, und in die Europ\u00e4ische Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgemeinschaft e. V. (EMUG), die f\u00fcr die Verwaltung des umfangreichen Immobilienbesitzes der Organisation zust\u00e4ndig ist. Heute gilt die IGMG als der gr\u00f6\u00dfte nicht vom t\u00fcrkischen Staat direkt beeinflusste t\u00fcrkisch-islamische Verband in Europa - auch in Deutschland ist die IGMG mit ihren 26.500 Anh\u00e4ngern die gr\u00f6\u00dfte islamistische Organisation. Ihre Strukturen sind dar\u00fcber hinaus in Nordamerika, Australien und Zentralasien nachweisbar. Die IGMG in Deutschland Die IGMG ist mit verschiedenen islamischen Organisationen und Dachverb\u00e4nden in Deutschland personell verflochten. So f\u00fchrt der ehemalige Generalsekret\u00e4r der IGMG, Ali KIZILKAYA, den Islamrat f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland92, dem viele Jahre der fr\u00fchere IGMG-Funktion\u00e4r Hassan \u00d6ZDOGAN vorstand. \u00dcber den Vorsitzenden der im Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) vertretenen Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), Ibrahim EL-ZAYAT, bestehen Verbindungen zum ZMD. EL-ZAYAT, Schwager des ehemaligen IGMG-Vorsitzenden Mehmet Sabri ERBAKAN, ist au\u00dferdem Bundesvorsitzender der im ZMD vertretenen Muslim Studentenvereinigung in Deutschland 92 Im Islamrat sind eigenen Angaben zufolge \u00fcber 30 Organisationen zusammengeschlossen, die \u00fcber mehr als 130.000 Mitglieder verf\u00fcgen sollen. Der Islamrat wird von der IGMG dominiert.","Ausl\u00e4nderextremismus 151 (MSV). Als ihr stellvertretender Vorsitzender fungiert der ehemalige Vorsitzende des Islamrats Hassan \u00d6ZDOGAN. EL-ZAYAT kontrolliert als Vorsitzender der Europ\u00e4ischen Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgemeinschaft e. V. (EMUG) auch den umfangreichen Immobilienbesitz der Milli G\u00f6r\u00fcsBewegung, insbesondere ihre Moscheeimmobilien. \u00dcbersicht zur Entstehung der heutigen IGMG93 Islamische Union Europa e. V. (1976 als T\u00fcrkische Union Europa e. V. gegr\u00fcndet; 1982 umbenannt) Vereinigung der neuen Abspaltung der KAPLANWeltsicht in Europa Anh\u00e4nger e. V. (AMGT) Verband der Islamischen Vereine und Gemeinden e. V. 1985 (ICCB) (sp\u00e4terer Kalifatsstaat) 1984 Europ\u00e4ische Islamische Moscheebauund Gemeinschaft Milli Unterst\u00fctzungsG\u00f6r\u00fcs e. V. (IGMG) gemeinschaft e. V. (EMUG) 1995 1994 Die IGMG bestreitet, eine Form des Islam zu propagieren, die gegen die politisch-gesellschaftliche Integration der in der Bundesrepublik lebenden Menschen t\u00fcrkischer Abstammung gerichtet sei. Tats\u00e4chlich versucht die IGMG jedoch \u00fcber einen umfangreichen Katalog von Angeboten wie Korankurse, Hausaufgabenbetreuung, Ferienlager oder Sportaktivit\u00e4ten Muslime durch m\u00f6glichst alle Lebensbereiche umfassende 93 Darstellung in Anlehnung an: Lemmen, Islamische Vereine und Verb\u00e4nde in Deutschland, 2002.","152 Ausl\u00e4nderextremismus Angebote an sich zu binden und mit der politischen Ideologie der \"Adil D\u00fczen\" zu indoktrinieren. Diese Vorgehensweise ist auch von anderen islamistischen Gruppierungen wie der Muslimbruderschaft oder der Hizb Allah bekannt. Zu der von der IGMG organisierten \"Betreuung\" geh\u00f6ren auch eine Wallfahrtsorganisation, ein Vertrieb f\u00fcr religi\u00f6se Literatur, ein muslimisches Sozialwerk, ein Bestattungsfonds sowie Handelsgesellschaften f\u00fcr den Imund Export von Lebensmitteln. Auch in Niedersachsen besteht ein Landesverband, zu dem mindestens 37 Ortsvereine geh\u00f6ren, u.a. in Braunschweig, Hannover, Oldenburg, Osnabr\u00fcck und Salzgitter. Eine sehr aktive Einrichtung der IGMG ist das Braunschweiger Kulturund Bildungszentrum, das neben Nachhilfeunterricht und Hausaufgabenbetreuung auch Koranunterricht speziell f\u00fcr Kinder anbietet. Aktivit\u00e4ten Im Gegensatz zu fr\u00fcheren Gro\u00dfveranstaltungen mit politischen Schwerpunkten hatte der so genannte Familientag der IGMG am 14. und 15. Mai in Kerpen, an dem etwa 25.000 Besucher aus Deutschland und den benachbarten L\u00e4ndern teilnahmen, eher Volksfestcharakter. Als langfristig bedeutsam f\u00fcr den Integrationsprozess k\u00f6nnten sich Bem\u00fchungen erweisen, auf Bundesebene eine einheitliche Vertretung der Muslime zu schaffen. An den Tagungen von Vertretern muslimischer Verb\u00e4nde am 26./27. Februar in der N\u00e4he von Hamburg und am 10. September in Hannover war die IGMG zumindest mittelbar \u00fcber den von ihr dominierten Islamrat f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland beteiligt. Die IGMG versucht sich durch dieses Engagement politisch zu positionieren. 2006 soll mit der Abstimmung \u00fcber einen Entwurf f\u00fcr eine bundesweite Organisation der Startschuss f\u00fcr die einheitliche Vertretung der Muslime erfolgen. Der Generalsekret\u00e4r der IGMG, Oguz \u00dcC\u00dcNC\u00dc, bezeichnete die Beschl\u00fcsse dieser Gespr\u00e4che gegen\u00fcber der Presse als einen \"entscheidenden Durchbruch\" und hoffte auf einen \"beherzten Schritt\" der deutschen Politik. Nadeem ELYAS zufolge, der bis Anfang Februar 2006 Vorsitzender des ZMD war, soll die neue Dachorganisation \"legitimer Ansprechpartner\" f\u00fcr Staat und Gesellschaft werden. Ziel sei es dar\u00fcber hinaus, als Religionsgemeinschaft mit allen Rechten anerkannt zu werden. Zu diesen Rechten geh\u00f6rten etwa der Bau von Moscheen, Islamunterricht an den Schulen sowie die Einf\u00fchrung islamischer Feiertage und die Erhebung von zentralen Kirchensteuern.","Ausl\u00e4nderextremismus 153 Die Milli Gazete als Sprachrohr der Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung IGMG-Funktion\u00e4re nutzen ihren Einfluss in den Moscheen der Milli G\u00f6r\u00fcs, um f\u00fcr die t\u00fcrkischsprachige Tageszeitung Milli Gazete (Nationalzeitung) zu werben. Aufgrund ihrer ideologischen N\u00e4he kann die Milli Gazete als Sprachrohr der IGMG bezeichnet werden. \u00dcber den B\u00fccherkatalog der IGMG werden Publikationen von Milli Gazete-Kolumnisten vertrieben. Die Anbindung der Milli Gazete an die IGMG wird deutlich, wenn man die die IGMG betreffende Berichterstattung heranzieht. Die F\u00fclle von Berichten \u00fcber IGMG-Veranstaltungen geht weit \u00fcber das Ma\u00df hinaus, das man bei einer verbandsunabh\u00e4ngigen Zeitung erwarten m\u00fcsste. In der Berichterstattung wird die Verbindung zwischen Milli Gazete und IGMG offen dargelegt. So hielt laut einem Bericht auf Seite 3 der Milli Gazete vom 17. Februar der Leiter des IGMGOrtsvereins in Neustadt am R\u00fcbenberge anl\u00e4sslich einer Feier zum Opferfest eine Ansprache, in der er f\u00fcr ein Abonnement der Milli Gazete warb. W\u00f6rtlich sagte er: \"Die Milli Gazete ist unsere Lebensader. F\u00fcr sie einzutreten, sie zu lesen und andere dazu zu motivieren, sollte unsere vorrangige Aufgabe sein.\" Deutlich wird die Wechselbeziehung zwischen der Milli Gazete und der Milli G\u00f6r\u00fcs auch in einem Artikel der Milli Gazete vom 20. Juli: \"Der Erfolg von Milli Gazete ist der Erfolg der Milli G\u00f6r\u00fcs. Der Erfolg von Milli G\u00f6r\u00fcs ist der Erfolg unserer Nation.\" Der Zusammenhang zwischen der Lekt\u00fcre der Milli Gazete und dem Erfolg der t\u00fcrkischen Nation wird anschlie\u00dfend n\u00e4her erl\u00e4utert: \"Wir alle haben Kinder und eine 'saubere Gesellschaft' ist unser aller Ideal. Die 'saubere Gesellschaft' kann allerdings ausschlie\u00dflich mit der 'Milli G\u00f6r\u00fcsMentalit\u00e4t' verwirklicht werden. Das bedeutet auch, dass in jedem Haus Milli Gazete gelesen werden muss.\" Weiterhin wird der Generaldirektor der Milli Gazete zitiert, der anl\u00e4sslich einer Abendveranstaltung f\u00fcr Milli GazeteAbonnenten in Istanbul erkl\u00e4rte: \"Wenn ihr wollt, dass unser Hodja Necmettin Erbakan in jedes Haus kommt, m\u00fcsst ihr Milli Gazete lesen. Diese Zeitung","154 Ausl\u00e4nderextremismus reflektiert mit allem, mit jeder Nachricht, die Position der Milli G\u00f6r\u00fcs.\" Die Milli Gazete sieht sich nach einem in der Ausgabe vom 7. November ver\u00f6ffentlichen \"Brief von Milli Gazete\" in der Pflicht, bei den Muslimen ein politisches Bewusstsein zu schaffen. Unter Hinweis auf die \"Feinde der Menschheit\", die f\u00fcrchteten, dass die Muslime ein politisches Bewusstsein entwickeln k\u00f6nnten, erl\u00e4utert sie: \"Als Milli Gazete ist es unsere Pflicht, die Stimme derjenigen Menschen zu sein, die dieses politische Bewusstsein schaffen wollen, diese Pflicht so gut wie m\u00f6glich zu verbreiten und unsere Ver\u00f6ffentlichungen dazu zu nutzen, dass ihr politischer Wille zur Herrschaft gelangt.\" Die Milli Gazete verbreitet in ihren Beitr\u00e4gen f\u00fcr den Islamismus typische Weltsichten. So werden Christen als \"Kreuzz\u00fcgler\", d. h. als Feinde des Islam bezeichnet: \"Sie (die Kreuzritter) wenden jede Form von List an, um unsere Macht zu schw\u00e4chen und uns unseren Staat wegzunehmen. Wir m\u00fcssen uns schleunigst die glanzvollen Phasen unserer Geschichte vor Augen f\u00fchren und den Armeen der Kreuzritter erneut unser materielles und ideelles R\u00fcstzeug entgegensetzen.\" (Milli Gazete vom 07.06.2005, S. 13) Die Politik der westlichen Staaten erscheint in der Darstellung der Milli Gazete nicht besser als der Terrorismus, der als Vorwand f\u00fcr die Diskriminierung der Muslime diene. Unter der \u00dcberschrift \"Sieht so die Demokratie aus?\" hei\u00dft es auf der Titelseite: \"Nach den USA, England und Frankreich hat auch Australien den Terror zum Vorwand genommen und unterdr\u00fcckt die muslimische Bev\u00f6lkerung. Auch Deutschland bereitet sich darauf vor, sich den Reihen der Unterdr\u00fccker und Inhibitoren anzuschlie\u00dfen. Offensichtlich wird der Terror als Legitimation genommen, den Islam, die Muslime und die islamische Welt zur Zielscheibe zu erkl\u00e4ren.\" (Milli Gazete vom 09.08.2005, S. 1) Aufschl\u00fcsse \u00fcber die gesellschaftspolitischen Intentionen der IGMG f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland liefert die Milli Gazete vom 26./27. Februar, die \u00fcber ein Treffen von christlichen, j\u00fcdischen und islamischen Religionsvertretern berich-","Ausl\u00e4nderextremismus 155 tet. Den Ansichten der muslimischen Vertreter wird breiter Raum gew\u00e4hrt: \"Wir glauben, das beste Modell f\u00fcr ein friedvolles Zusammenleben in Deutschland liefert das osmanische Modell.\" (Ali Ihsan G\u00dcM\u00dcSOGLU, Vorsitzender der Hagia - Sophia - Moschee in Karlsruhe) \"Vielleicht ist das osmanische Modell das beste. Ihm ist es gelungen, die verschiedenen Kulturen und Glaubensgemeinschaften zusammenzuhalten.\" (Samir MOURAD, EIFDIK - Vorsitzender) Mit dem \"osmanischen Modell f\u00fcr ein friedvolles Zusammenleben\" ist das sog. Millet-System im Osmanischen Reich gemeint, das sich grundlegend von einem auf der freiheitlichen demokratischen Grundordnung aufbauenden Verst\u00e4ndnis von Integration unterscheidet. Das Millet-System, das sich an den islamischen Vorschriften f\u00fcr die Behandlung anerkannter religi\u00f6ser Minderheiten orientierte, ordnete nichtmuslimischen Personen im Verh\u00e4ltnis zu sunnitischen Muslimen einen minderwertigen Rechtsstatus zu. So konnten z. B. Christen im Osmanischen Reich bis zur Mitte des 19. Jahrhundert grunds\u00e4tzlich keine h\u00f6heren Milit\u00e4r-, Ziviloder Hofverwaltungs\u00e4mter aus\u00fcben. Weiterhin trat im Millet-System das Individuum gegen\u00fcber der Gruppe zur\u00fcck; jeder Untertan des osmanischen Staates wurde prim\u00e4r als Mitglied einer Glaubensgemeinschaft, sei sie muslimischer, christlicher oder j\u00fcdischer Ausrichtung, angesehen. Das f\u00fchrte zu einem nicht immer friedlichen Neben-, nicht jedoch zu einem gleichberechtigten Miteinander von Angeh\u00f6rigen verschiedener Religionsgemeinschaften. Dabei galt der muslimische Staatsb\u00fcrger dem nichtmuslimischen gegen\u00fcber als naturgem\u00e4\u00df \u00fcberlegen. \"Benutzt man den Scharia-Begriff speziell im islamischen Zusammenhang, dann sind die islamischen Gesetze gemeint. Erkl\u00e4rt die Politik ihre Unabh\u00e4ngigkeit von der Scharia, dann wird sie absolut und zur Quelle der Unterdr\u00fcckung.\" (Milli Gazete vom 05.07.2005, S. 13) Mit diesem offenen Bekenntnis zur Scharia sowie der Propagierung einer ideologischen Zielvorstellung, in welcher der Einzelne \u00fcber seine Religionszugeh\u00f6rigkeit definiert wird, grenzt sich Milli G\u00f6r\u00fcs von der auf den Individualrechten basierenden freiheitlichen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland ab.","156 Ausl\u00e4nderextremismus Der Kalifatsstaat (Hilafet Devleti) Gegr\u00fcndet: 1984 in K\u00f6ln Sitz: K\u00f6ln Leitung: Metin KAPLAN Mitglieder/ Anh\u00e4nger 2004 2005 Bund: 750 750 Niedersachsen: 140 130 Verbot: seit dem 12.12. 2001 Die Vereinigung Kalifatsstaat betrieb unter der Leitung des selbst ernannten Kalifen Metin KAPLAN von der Bundesrepublik aus den Sturz der laizistischen Staatsordnung in der T\u00fcrkei und gef\u00e4hrdete damit au\u00dfenpolitische Interessen Deutschlands. Die selbst im islamistischen Kontext als \u00e4u\u00dferst radikal einzustufende Ideologie dieser Vereinigung war in besonderem Ma\u00dfe geeignet, mit ihrer antiwestlichen Propaganda den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung und das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker zu gef\u00e4hrden. Ursprung und Entwicklung Der Kalifatsstaat ging 1994 aus dem Verband der islamischen Vereine und Gemeinden e. V. K\u00f6ln (ICCB) hervor. Diesen hatte der als \"Khomeini von K\u00f6ln\" bekannt gewordene Cemaleddin KAPLAN, der Vater von Metin KAPLAN, 1984 gegr\u00fcndet. Mit der Gr\u00fcndung des ICCB hatte sich KAPLAN von der Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung Necmettin ERBAKANs getrennt, dem er eine zu gro\u00dfe Kompromissbereitschaft vorwarf. Nachdem sich KAPLAN 1994 zum Kalifen der Muslime erkl\u00e4rt hatte, nannte sich der ICCB fortan Kalifatsstaat (Hilafet Devleti). Das Ziel des 1995 verstorbenen Vaters, einen revolution\u00e4rislamistischen Umsturz in der T\u00fcrkei herbeizuf\u00fchren, behielt auch sein Nachfolger Metin KAPLAN bei. Unter dessen F\u00fchrung nahm die Organisation zunehmend sektiererische Z\u00fcge an. W\u00e4hrend die Anh\u00e4ngerzahl auch aufgrund mangelnden Charismas des neuen Kalifen abnahm, eskalierten die internen Auseinandersetzungen. 1997 wurde Yusuf Ibrahim SOFU, ein Konkurrent Metin KAPLANs, von unbekannten T\u00e4tern er-","Ausl\u00e4nderextremismus 157 schossen. Wegen \u00f6ffentlicher Aufforderung zu dieser Straftat wurde KAPLAN zu einer mehrj\u00e4hrigen Freiheitsstrafe verurteilt. Seit seiner Freilassung im M\u00e4rz 2003 kam es zu intensiven juristischen Auseinandersetzungen um seinen Verbleib in Deutschland. Im Oktober 2004 wurde Kaplan in die T\u00fcrkei abgeschoben. Dort verurteilte ihn ein Istanbuler Gericht am 20. Juni wegen Hochverrats zu einer lebenslangen Haftstrafe ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass KAPLAN seinen Anh\u00e4ngern 1998 den Auftrag zu einem Attentat auf die t\u00fcrkische Regierung erteilte. Ende November hob das Berufungsgericht in Ankara dieses Urteil gegen KAPLAN wegen Verfahrensfehlern auf und ordnete ein neues Gerichtsverfahren an. Verbot des Kalifatsstaates Nach Streichung des Religionsprivilegs94 wurde der Kalifatsstaat als erste islamistische Organisation am 12.12.2001 vom Bundesminister des Innern verboten. Laut Verbotsverf\u00fcgung richtete sich der Verein, der die Beseitigung des laizistischen t\u00fcrkischen Staates anstrebte, gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Der Kalifatsstaat lehnte die parlamentarische Demokratie und den Parteienpluralismus als \"unislamisch\" ab und verbreitete in seinen Publikationen aggressive antij\u00fcdische und antizionistische Propaganda. Das Verbot f\u00fchrte zu einer erheblichen Schw\u00e4chung der Organisation. Allein der Verlust der Vereinsr\u00e4umlichkeiten stellte ein erhebliches logistisches Problem dar. Inzwischen treffen sich ehemalige Mitglieder des Kalifatsstaats - \u00fcberwiegend zum Freitagsgebet - in Privatwohnungen bzw. neu angemieteten Liegenschaften. Die Abschiebung KAPLANs im Oktober 2004 wirkte sich hingegen kaum auf die weitere Entwicklung der Organisation aus, da er bereits seit seiner Inhaftierung im Jahr 2000 mehr Symbolfigur als tats\u00e4chlicher F\u00fchrer des Kalifatsstaats war. 94 Der Begriff Religionsprivileg bezieht sich auf die besondere Stellung von Religionsgemeinschaften und weltanschaulichen Vereinigungen in Deutschland. Diese waren von den Vorschriften des Vereinsgesetzes ausgenommen. Am 09.11.2001 hob der Bundestag nahezu einstimmig das Religionsprivileg des Vereinsgesetzes auf. Angesichts der terroristischen Bedrohungen, wie sie durch die Anschl\u00e4ge des 11.09.2001 zum Ausdruck gekommen waren, wurde die M\u00f6glichkeit geschaffen, extremistische Religionsgemeinschaften gegebenenfalls auch zu verbieten. Betroffen sind Vereinigungen, die unter dem Deckmantel der Religionsaus\u00fcbung ihre Aktivit\u00e4t gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung oder die Strafgesetze richten.","158 Ausl\u00e4nderextremismus In den Regionen, in denen der Kalifatsstaat vor dem Verbot Vereine und Moscheen hatte (Osnabr\u00fcck, Salzgitter und Wunstorf), fanden Treffen von Sympathisanten statt. Aufgrund dieser Treffen sowie wegen finanzieller Transaktionen zugunsten des Kalifatstaates leitete die Polizei Verfahren wegen des Verdachts der Fortf\u00fchrung einer verbotenen Organisation ein. Die Zur\u00fcckhaltung der Anh\u00e4nger des Kalifatsstaats im Zusammenhang mit der Abschiebung KAPLANs best\u00e4tigt die Einsch\u00e4tzung der Sicherheitsbeh\u00f6rden, wonach insbesondere verdachtsunabh\u00e4ngige Kontrollen vor bekannten Versammlungsorten und die Angst, m\u00f6glicherweise selbst abgeschoben zu werden, sich l\u00e4hmend auf die Reste der Organisation auswirken. Schiitischer Islamismus Ma\u00dfgeblichen Einfluss auf die extremistischen Aktivit\u00e4ten schiitischer Muslime hat die religi\u00f6se und politische F\u00fchrung der Islamischen Republik Iran, dem Land mit der gr\u00f6\u00dften Zahl von schiitischen Gl\u00e4ubigen. Seit der \"Islamischen Revolution\" von 1979 ist der islamische Oberste Rechtsgelehrte, der \"Revolutionsf\u00fchrer\", die h\u00f6chste Autorit\u00e4t im Iran. Nach der iranischen Verfassung ist alle staatliche Gewalt der religi\u00f6sen F\u00fchrung untergeordnet. Der schiitische Islam ist die Staatsreligion des Iran. Die religi\u00f6se F\u00fchrung bestimmt die innenund au\u00dfenpolitischen Leitlinien. Die Politik der Staatsf\u00fchrung ist antiwestlich und antizionistisch95 sowie antiisraelisch ausgerichtet. Im Oktober verdeutlichte der iranische Pr\u00e4sident Ahmadinedschad die Radikalit\u00e4t der gegenw\u00e4rtigen iranischen Staatsf\u00fchrung, als er auf einer Konferenz mit dem Titel \"Die Welt ohne Zionismus\" die \"Tilgung Israels von der Landkarte\" forderte. Die weltweite Verbreitung der iranisch-schiitischen Vorstellungen von einer \"Islamischen Revolution\" ist bis heute ma\u00dfgebliches Ziel der Politik des Iran. Zur Umsetzung dieses Ziels dient in Deutschland insbesondere das Islamische Zen95 Der Begriff Zionismus nimmt Bezug auf den Namen des Jerusalemer Tempelberges \"Zion\", der oft als Synonym f\u00fcr Jerusalem und das Land Israel gebraucht wird. \"Der Zionismus ist eine Ideologie, die die Sehnsucht von Juden aus aller Welt nach ihrer historischen Heimat zum Ausdruck bringt - die Sehnsucht nach Zion, dem Land Israel.\"(Prof. Benyamin Neuberger) Der Begriff bezeichnet die (Ende des 19. Jh.s entstandene) j\u00fcdische National-Bewegung, die sich f\u00fcr die Errichtung eines nationalen Staates f\u00fcrJuden in Pal\u00e4stina einsetzte. Von so genannten Antizionisten wird mit dem Begriff heute auch eine politische Ideologie bezeichnet, die eine Vergr\u00f6\u00dferung des israelischen Territoriums zu Lasten der Pal\u00e4stinenser bef\u00fcrwortet.","Ausl\u00e4nderextremismus 159 trum Hamburg als zentraler Anlaufpunkt der schiitischen Muslime. Seit Anfang 2004 leitet der iranische Ayatollah Seyyed Abbas Hosseini Ghaemmaghami das IZH. Auch in Niedersachsen richten sich verschiedene islamistische Vereinigungen auf das Islamische Zentrum Hamburg aus, teilweise werden Satzungsfragen und andere wesentliche Entscheidungen von der Zustimmung des Islamischen Zentrums Hamburg abh\u00e4ngig gemacht. Traditionell dient der so genannte al-Quds-Tag96 zur Demonstration schiitisch-islamistischer \u00dcberzeugungen. Anl\u00e4sslich des Jerusalem-Tages versammelten sich am 29. Oktober in Berlin rund 300 Personen, deutlich weniger als in den Vorjahren, zu einer friedlich verlaufenen Kundgebung. Auch aus Niedersachsen reisten im Jahr 2005 weniger Teilnehmer an als im Vorjahr. Muslim-Markt Die Ausrichtung an der \"Islamischen Revolution\" im Iran spiegelt sich auch im bedeutendsten muslimischen Internet-Portal in Niedersachsen, dem von dem deutschen Islamisten t\u00fcrkischer Abstammung Dr. Yavuz \u00d6ZOGUZ aus Delmenhorst betriebenen \"Muslim-Markt\", wider. Dr. \u00d6ZOGUZ und sein Bruder sind zum schiitischen Islam konvertiert. Er unterst\u00fctzt mit Nachdruck die Politik des iranischen Revolutionsf\u00fchrers Ayatollah Ali Khamenei. Strafrechtliche Konsequenzen hatte seine Wiedergabe einer antisemitischen Rede Khameneis auf den Seiten des \"Muslim-Markts\". Darin hie\u00df es: \"Alle Politiker, alle Journalisten, alle Intellektuellen, alle Offiziellen des Westens sollen ihre K\u00f6pfe verbeugen, um der Gaskammern zu gedenken. Dabei sollen sie alle einem M\u00e4rchen beipflichten, dessen Authentizit\u00e4t gar nicht klar ist ...\" 96 Al-Quds ist der arabische Name f\u00fcr Jerusalem (die Heilige [Stadt]). Die j\u00e4hrlich durchgef\u00fchrten \"al-Quds\"-Tage, zu denen der iranische Revolutionsf\u00fchrer Ayatollah Khomeini im Jahre 1979 aufgerufen hatte, richten sich gegen die israelische Pr\u00e4senz in Jerusalem. Der weltweite Gedenktag wird seit 1996 auch in Deutschland von Angeh\u00f6rigen der iranischen Gemeinden in Berlin organisiert und von Schiiten verschiedener ethnischer Herkunft (u. a. Libanesen, T\u00fcrken, Kurden, Araber und Deutsche) begangen.","160 Ausl\u00e4nderextremismus Aufgrund dieser den Holocaust leugnenden Aussage sowie der kommentarlosen Gegen\u00fcberstellung von Bilddokumenten aus der Zeit des Nationalsozialismus mit aktuellen Aufnahmen aus dem Westjordanland verurteilte das Amtsgericht Delmenhorst \u00d6ZOGUZ am 19. Januar wegen Volksverhetzung zu einer Freiheitsstrafe von drei Monaten auf Bew\u00e4hrung. Gegen Zahlung von 1.000 EUR an ein Kinderhospiz stellte das Landgericht Oldenburg Anfang Dezember 2004 das Strafverfahren gegen \u00d6ZOGUZ ein. Bundesweite Beachtung fand ein im Forenbereich des Muslim-Marktes am 9. September ver\u00f6ffentlichter Beitrag, der sich gegen den islamkritischen Publizisten Dr. Hans-Peter Raddatz richtete. In dem Text hie\u00df es: \"Wenn der Islam so ist, wie Raddatz es immer wieder vorstellt, dann m\u00f6ge der allm\u00e4chtige Sch\u00f6pfer alle Anh\u00e4nger jener Religion vernichten. Und wenn Herr Raddatz ein Hassprediger und L\u00fcgner ist, dann m\u00f6ge der allm\u00e4chtige Sch\u00f6pfer ihn f\u00fcr seine Verbrechen bestrafen.\" Die vorstehende \u00c4u\u00dferung wurde von einigen namhaften Islamwissenschaftlern als Mordaufruf bewertet und f\u00fchrte zu einem weiteren Ermittlungsverfahren gegen Dr. \u00d6ZOGUZ. Mittlerweile rief \u00d6ZOGUZ zu Spenden f\u00fcr den Muslim-Markt auf, was auf finanzielle Probleme dieses Forums hindeutet. Hizb Allah (Partei Gottes) Gegr\u00fcndet: 1982 im Libanon Sitz: Beirut Generalsekret\u00e4r: Hassan NASRALLAH Mitglieder/Anh\u00e4nger 2004 2005 Bund: 850 900 Niedersachsen: 140 140 Publikation: Al-Ahd (Die Verpflichtung) Die libanesisch-schiitische Organisation Hizb Allah (Partei Gottes) bek\u00e4mpft mit terroristischen Mitteln insbesondere den Staat Israel, richtet ihre Propaganda aber auch gegen westliche Institutionen.","Ausl\u00e4nderextremismus 161 Ursprung und Entwicklung Die \"Partei\"97 Hizb Allah wurde 1982 unter ma\u00dfgeblicher Steuerung durch die Islamische Republik Iran als Vertretung des radikalsten Teils der libanesischen Schiitengemeinde gegr\u00fcndet. Vorbild f\u00fcr die Hizb Allah ist der revolution\u00e4re Iran; die Lehren des iranischen Revolutionsf\u00fchrers Khomeini gelten als richtungweisend. Nach dem Tode Khomeinis lockerten sich allerdings zunehmend die fr\u00fcher engen Beziehungen. Ihren politischen Einfluss st\u00fctzt die schiitische Organisation wie andere islamistische Organisationen auch auf die soziale und karitative Betreuung ihrer Anh\u00e4ngerschaft. Dieses umfassende Betreuungssystem hatte die Hizb Allah mit finanzieller Unterst\u00fctzung Irans aufbauen k\u00f6nnen. Im Emblem der Hizb Allah kommt die politische Ausrichtung zum Ausdruck. Es zeigt in arabischer Schrift den Namen der Organisation Hizb Allah. Eine aus diesem Schriftzug erwachsende Faust h\u00e4lt eine Kalaschnikow, \u00fcber der das Koranzitat \"Die auf Gottes Seite stehen, werden Sieger sein\" steht. Dies kann aber auch politisch als \"Die Hizb Allah wird Sieger sein\" gelesen werden. Die Unterzeile unter diesem Signet weist auf die politische Zielrichtung: \"Islamische Revolution im Libanon!\". Hizb Allah in Deutschland Die Hizb Allah tritt in Deutschland in der \u00d6ffentlichkeit kaum mit Aktivit\u00e4ten in Erscheinung. Bundesweite Veranstaltungen haben nur geringen Zulauf. J\u00e4hrlich feiern die Hizb Allah-Anh\u00e4nger zum Beispiel den Abzug der israelischen Armee aus dem S\u00fcdlibanon im Jahr 2000 als gr\u00f6\u00dften Erfolg in der Geschichte ihrer Organisation. In Niedersachsen haben sich Anh\u00e4nger der Hizb Allah in mehreren konspirativ arbeitenden Ortsgruppen bzw. St\u00fctzpunkten organisiert, unter anderem in Hannover, Osnabr\u00fcck, Uelzen und in S\u00fcdniedersachsen. Aktivit\u00e4ten sind auch im nieders\u00e4chsischen Umland Bremens zu beobachten. \u00dcber Funktion\u00e4re, die aus dem Libanon stammen, erfolgt eine Anbindung dieser Gruppen an die Mutterorganisation. Die Ortsgruppen finanzieren sich haupts\u00e4chlich \u00fcber Spendensammlungen. 97 Obwohl hizb im modernen Hocharabisch mit \"Partei\" wiedergegeben wird, stammt der Ausdruck hizb allah urspr\u00fcnglich aus dem Koran, Sure 5, Vers 56 beziehungsweise Sure 58, Vers 22, und bedeutet \"die auf Gottes Seite stehen\". Die sowohl politisch als auch religi\u00f6s m\u00f6gliche Interpretation spiegelt den ambivalenten Charakter der Organisation wider.","162 Ausl\u00e4nderextremismus Ungeachtet einer verbreiteten Sympathie f\u00fcr die politischen und ideologischen Ziele der Hizb Allah l\u00e4sst das Interesse an den Ereignissen im Heimatland unter den hier lebenden Libanesen nach. Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass im Falle einer Eskalation des Nahost-Konfliktes auch unter den hier lebenden Hizb Allah-Anh\u00e4ngern eine \u00fcber die verbale und finanzielle Unterst\u00fctzung hinausgehende Mobilisierungsbereitschaft besteht. Volkskongress Kurdistans (KONGRA GEL) - ehemals Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) / Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) Gegr\u00fcndet: 1978 in der T\u00fcrkei Generalvorsitzender: Abdullah \u00d6CALAN Sitz: bis 10/98 Damaskus, seitdem ohne festen Sitz Mitglieder/Anh\u00e4nger 2004 2005 Bund: 11.500 11.500 Niedersachsen: 1.500 1.500 Publikationen: \u00d6zg\u00fcr Politika, t\u00e4glich (bis September) Serxwebun (Unabh\u00e4ngigkeit), monatlich Kurdistan-Report, zweimonatlich Weitere Publikationen der Teilund Nebenorganisationen des KONGRA GEL, z. B. Jina Serbilind (Die stolze Frau) Roja Kurdistane (Sonne Kurdistans) \u00d6zg\u00fcr Genclik (Freie Jugend) Ronahi (Licht) Bet\u00e4tigungsverbot: seit dem 26.11.1993 f\u00fcr die PKK98 Der Volkskongress Kurdistans (KONGRA GEL) ist nach zweifacher Umbenennung aus der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) hervorgegangen. War die Organisation in ihren An98 Gleiches gilt f\u00fcr die Organisationen Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) und Volkskongress Kurdistans (KONGRA GEL), bei denen es sich nach der Auffassung des Bundesministeriums des Innern um reine Umbenennungen handelt, f\u00fcr die das Verbot fortbesteht. Eine Aufnahme in die EU-Liste terroristischer Organisationen besteht f\u00fcr die PKK seit 02.05.2002, f\u00fcr KADEK und KONGRA GEL seit 02.04.2004.","Ausl\u00e4nderextremismus 163 f\u00e4ngen zun\u00e4chst von der marxistisch-leninistischen Ideologie gepr\u00e4gt, wurde sie im Laufe der Jahre zunehmend durch kurdisch-nationalistisches Gedankengut bestimmt. Die PKK brachte diese nationalistische Ideologie sowohl in der T\u00fcrkei als auch in der Bundesrepublik Deutschland auf militante und gewaltt\u00e4tige Weise zum Ausdruck. Auch heute ist der KONGRA GEL grunds\u00e4tzlich bereit, Gewalt zur Verwirklichung seiner politischen Ziele einzusetzen. Ursprung und Entwicklung Die 1978 von Abdullah \u00d6CALAN in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndete PKK hatte urspr\u00fcnglich zum Ziel, einen politisch autonomen Kurdenstaat auf t\u00fcrkischem, teilweise auch auf iranischem, irakischem, syrischem und armenischem Gebiet zu gr\u00fcnden. Erst in j\u00fcngster Zeit r\u00fcckte sie von dieser Forderung ab. \u00d6CALAN erk\u00e4mpfte sich in den Folgejahren gewaltsam den Aufstieg zur ma\u00dfgeblichen F\u00fchrungsfigur der Organisation. Aus seinem Exil in Damaskus (Syrien) heraus pr\u00e4gte er die programmatischen Leitlinien der PKK. \u00d6CALAN ordnete von dort aus eine Vielzahl parteiinterner \"S\u00e4uberungen\" zur Durchsetzung seines politisch-ideologischen F\u00fchrungsanspruches an. Konkurrenten wurden verfolgt oder ermordet. Politischer Druck der T\u00fcrkei gegen\u00fcber der syrischen Regierung f\u00fchrte Ende 1998 zur Ausweisung \u00d6CALANs aus seinem Exil in Damaskus. Nach seiner Verhaftung am 16.02.1999 in Nairobi wurde \u00d6CALAN zu einer lebensl\u00e4nglichen Haftstrafe wegen Hochverrats verurteilt, die er in einem eigens f\u00fcr ihn unterhaltenen Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis auf der Insel Imrali im Marmara-Meer verb\u00fc\u00dft. Seit 1984 k\u00e4mpft die PKK bzw. KADEK/KONGRA GEL auch mit einem milit\u00e4rischen Arm f\u00fcr einen unabh\u00e4ngigen Kurdenstaat. Der bewaffnete Kampf der PKK-Guerilla richtete sich zun\u00e4chst gegen t\u00fcrkische Gendarmerieund Milit\u00e4reinheiten. In den Folgejahren zielte er aber auch auf Teile der kurdischen Bev\u00f6lkerung, wenn diese sich der Programmatik der PKK und ihrem Alleinvertretungsanspruch widersetzte. Die T\u00fcrkei reagierte auf diese Entwicklung mit der Verh\u00e4ngung des Kriegsrechts in den betroffenen s\u00fcd\u00f6stlichen Provinzen. Auch in Deutschland versuchte die PKK mit politischen und gewaltt\u00e4tigen Aktionen, den Kampf in der T\u00fcrkei zu unterst\u00fctzen. Daher untersagte das Bundesministerium des Innern der PKK im Jahr 1993, sich im Bundesgebiet zu bet\u00e4tigen. Das Bet\u00e4tigungsverbot umfasst auch den KADEK und KONGRA GEL, bei denen es sich nach deutscher Auffassung um reine Umbenennungen handelt.","164 Ausl\u00e4nderextremismus Strategiewechsel und Umbenennung Die PKK war bereits vor der Festnahme \u00d6CALANs in die Defensive geraten und versuchte daher ab 1999, auf politischem Feld Terrain zur\u00fcckzugewinnen. Diese neue Phase war gekennzeichnet durch verschiedene Friedensinitiativen wie z. B. Gewaltverzichtserkl\u00e4rungen gegen\u00fcber der T\u00fcrkei, angebliche innerorganisatorische Demokratisierungsanstrengungen sowie politische Agitation in der T\u00fcrkei und in Europa. Der H\u00f6hepunkt dieser Entwicklung war die \"Aufl\u00f6sung\" der PKK im Jahr 2002 und die gleichzeitige \"Gr\u00fcndung\" einer \"neuen\" Organisation mit dem Namen Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK). Ende 2003 l\u00f6ste sich der KADEK auf; an seine Stelle trat der Volkskongress Kurdistans (KONGRA GEL). Dieser sollte nach Aussagen des Parteivorsitzenden Z\u00fcbeyir AYDAR die milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen beenden und stattdessen einen politischen Kampf f\u00fchren. Dies ist jedoch eher als Absichtserkl\u00e4rung zu verstehen. Denn Mitte 2004 hoben die Volksverteidigungseinheiten, der milit\u00e4rische Arm des KONGRA GEL, den seit 1998 anhaltenden einseitigen Waffenstillstand mit der T\u00fcrkei auf. Organisationsinterne Meinungsverschiedenheiten bez\u00fcglich des weiteren Kurses des KONGRA GEL f\u00fchrten im Jahr 2004 dazu, dass einige f\u00fchrende Funktion\u00e4re unter Leitung des abtr\u00fcnnigen Osman \u00d6CALAN, des Bruders von Abdullah \u00d6CALAN, die Patriotisch-Demokratische Partei (PWD) im Nordirak gr\u00fcndeten. Diese Gruppierung ist von ihrer Anzahl her eher unbedeutend und innerhalb der KONGRA GEL-Anh\u00e4nger nicht auf gro\u00dfe Sympathien gesto\u00dfen. Ihre Gr\u00fcndung ist jedoch ein deutliches Anzeichen f\u00fcr die Unsicherheiten der KONGRA GEL-F\u00fchrungskader bez\u00fcglich des weiteren Kurses der Organisation. Gr\u00fcndung der \"neuen PKK\" Unter dem Eindruck dieser Abspaltungstendenzen bildeten die Abdullah \u00d6CALAN weiterhin treuen Kader unter dem Vorsitzenden des Exekutivrates99 des KONGRA GEL, Murat KARAYILAN, bereits im April 2004 ein Vorbereitungskomitee f\u00fcr den Neuaufbau der PKK, welches eine Satzung und ein 99 Der Exekutivrat besteht aus 40 Mitgliedern und leitet und kontrolliert die ihm unterstellten Komitees f\u00fcr Politik, Soziales, Kunst, Medien, Frauen, Jugend etc. Der Exekutivrat sowie der Vorstand mit Z\u00fcbeyir AYDAR als Vorsitzendem und sechs Stellvertretern bilden zusammen das h\u00f6chste Exekutivorgan des KONGRA GEL.","Ausl\u00e4nderextremismus 165 Programm ausarbeiten sollte. Vom 28. M\u00e4rz bis 4. April fand schlie\u00dflich ein \"Kongress f\u00fcr den Wiederaufbau der PKK\" statt, in dessen Anschluss die Gr\u00fcndung der \"neuen PKK\" erkl\u00e4rt wurde. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine erneute Umbenennung des KONGRA GEL, sondern um eine neue Teilorganisation innerhalb des Gesamtgef\u00fcges des KONGRA GEL. Ihre Aufgabe soll es sein, \u00fcber eine ideologische Schulung die Anbindung der Funktion\u00e4re an die Organisation zu stabilisieren und \u00fcber den Namen PKK die Identifizierung mit der Organisation wiederherzustellen. Wesentliches Ziel der \"neuen PKK\" ist es, eine \"F\u00f6deration des Demokratischen Nahen Ostens\" zu erreichen, so dass der Wirkbereich der neuen Organisation seinen Schwerpunkt zun\u00e4chst im Nahen Osten und nicht in Europa haben wird. In einem Interview der Mezopotamja Haber Ajansi (MHA) News Agency mit Murat KARAYILAN vom 8. April wird die Rolle der \"neuen PKK\" und deren zustimmende Haltung zum Einsatz von Gewalt deutlich: \"In erster Linie geht es um ideologische ... Vorreiterschaft, um die Gestaltung ... des Kampfverst\u00e4ndnisses f\u00fcr das kurdische Volk. ... Die PKK beabsichtigt, ihre politische Linie in Kurdistan nicht unter eigenem Namen, sondern \u00fcber den KONGRA GEL in die Tat umzusetzen. Die PKK bef\u00fcrwortet die Linie der legitimen Verteidigung.\" Die \"neue\" PKK soll somit - vergleichbar der \"alten\" PKK - das politisch-ideologische F\u00fchrungszentrum f\u00fcr den KONGRA GEL bilden. KARAYILAN stellt klar, dass die \"neue PKK\" das Konzept und die Ideen Abdullah \u00d6CALANs als wegweisend ansieht: \"Der Apoismus100 bildet die Seele, den Geist.\" Neue Vorstellungen zur L\u00f6sung der Kurdenfrage Im Jahr 2005 wurde der KONGRA GEL damit konfrontiert, dass im Nordirak erstmals f\u00fcr einen Teil des kurdischen Siedlungsgebietes eine eigenst\u00e4ndige Verwaltung verwirklicht wurde, ohne dass dabei der KONGRA GEL beteiligt war. Dies zeigte dem KONGRA GEL, dass das in der Vergangenheit angestrebte eigenst\u00e4ndige Staatswesen \"Kurdistan\" im Nahen Osten kaum mehr zu verwirklichen war. So r\u00fcckte Abdullah \u00d6CALAN von dieser Forderung ab und lie\u00df in einer Gru\u00dfbot100 \"Apo\", zu deutsch \"Onkel\", ist in KONGRA GEL-Kreisen ein Synonym f\u00fcr Abdullah \u00d6CALAN.","166 Ausl\u00e4nderextremismus schaft zum Newroz-Fest sowie auf der Internetseite des 101 KONGRA GEL Ende M\u00e4rz ein neues Konzept, den \"Demokratischen Konf\u00f6deralismus Kurdistans\", zur L\u00f6sung der Kurdenfrage im Nahen Osten verk\u00fcnden. Kern des politischen Konzepts soll es sein, so genannte demokratisch legitimierte L\u00f6sungsans\u00e4tze der Kurdenfrage in den vier von Kurden besiedelten Staaten (Iran, Irak, Syrien und T\u00fcrkei) zu erarbeiten. Ziel soll jedoch nicht ein eigenst\u00e4ndiges Staatswesen sein, sondern tiefgreifende demokratische Reformen innerhalb der betroffenen Staaten. \"Regionale freie B\u00fcrgerr\u00e4te\" sollen ein Rechtssystem entwickeln, welches gleichberechtigt neben EU-Recht und dem Recht des jeweiligen Staates g\u00fcltig sein soll: \"Von nun an haben in Kurdistan drei Rechtssysteme G\u00fcltigkeit: Das EU-Recht, das Recht des jeweiligen Einheitsstaates und das demokratisch-konf\u00f6derale Recht.\" (aus dem Konzept des \"Demokratischen Konf\u00f6deralismus Kurdistans\", Internetseite des KONGRA GEL, Ausdruck vom 05.04.2005) Milit\u00e4rische Mittel sollen nur im Verteidigungsfall zum Einsatz kommen. Die Erkl\u00e4rung \u00d6CALANs, dass sich der \"demokratische Konf\u00f6deralismus ... gegen\u00fcber Angriffen auf das Land, das Volk und die Freiheit sowie bei eklatanten Rechtsverletzungen ... auf sein legitimes Recht auf Selbstverteidigung (beruft)\", macht deutlich, dass der KONGRA GEL immer noch nicht zu einem generellen Gewaltverzicht bereit ist. Zugleich verk\u00fcndete \u00d6CALAN die Gr\u00fcndung einer \"Konf\u00f6deration der kurdischen Gemeinschaften\" (\"Koma Komalen Kurdistan\", KKK) als Ausdruck der \"demokratischen konf\u00f6deralen Organisation\" und erkl\u00e4rte sich zu deren F\u00fchrer. Nach der Propagierung des Modells des \"Demokratischen Konf\u00f6deralismus Kurdistans\" hat der KONGRA GEL auch eine Umbenennung seiner Organe eingeleitet. Zunehmend ist nicht mehr vom Exekutivrat des KONGRA GEL, sondern vom Exekutivrat des \"Demokratischen Konf\u00f6deralismus 101 Die Kurden geh\u00f6ren zum iranischen Kulturkreis und sprechen eine westiranische Sprache. Nach altiranischer Vorstellung beginnt das neue Jahr mit dem Fr\u00fchlingsanfang. Das Newroz-Fest geht auf einen angeblich 2.500 Jahre alten Mythos zur\u00fcck. Seinerzeit habe sich das kurdische Volk mit einem Fackelmarsch gegen die Tyrannei eines Despoten erhoben. Tats\u00e4chlich entstammt das Newroz-Fest dem iranischen Kulturkreis. Traditionell ist der Tanz in der Landestracht um ein offenes Feuer. Der KONGRA GEL instrumentalisiert diesen Festtag zu Propagandazwecken.","Ausl\u00e4nderextremismus 167 Kurdistans\" bzw. der KKK die Rede. Das soll offenbar dazu beitragen, der verbotenen Organisation PKK den Anschein demokratischer Strukturen zu geben. F\u00fchrungsanspruch von Abdullah \u00d6CALAN Am 12. Mai best\u00e4tigte der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte (EGMR) in Stra\u00dfburg sein Urteil bez\u00fcglich der Klage Abdullah \u00d6CALANs gegen die T\u00fcrkei aus dem Jahr 2003. Das Gericht r\u00fcgte den Verlauf des Prozesses gegen \u00d6CALAN aus dem Jahr 1999 in der T\u00fcrkei erneut als unfair, best\u00e4tigte jedoch auch, dass in Bezug auf dessen Festnahme im Februar 1999 in Kenia, die Inhaftierung und die Haftbedingungen \u00d6CALANs keine Verletzungen der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention vorliegen. Eine Neuauflage des Verfahrens gegen \u00d6CALAN wird zwar empfohlen, aber nicht verbindlich vorgeschrieben. Die F\u00fchrung des KONGRA GEL begr\u00fc\u00dfte in einem Artikel der \u00d6zg\u00fcr Politika vom 14. Mai diese Entscheidung. Nach Auffassung des KONGRA GEL ist \u00d6CALAN immer noch der alleinvertretungsberechtigte Ansprechpartner f\u00fcr die t\u00fcrkische Regierung in allen kurdischen Belangen. Um dies erneut zu unterstreichen, startete die Konf\u00f6deration der kurdischen Vereine in Europa (KON-KURD), die den legalen europ\u00e4ischen \u00dcberbau zu den kurdischen Verb\u00e4nden in den einzelnen europ\u00e4ischen Staaten bildet, am 14. Juli unter dem Motto \"Freiheit f\u00fcr \u00d6calan\" eine Solidarit\u00e4tskampagne f\u00fcr den Inhaftierten. Bis M\u00e4rz 2006 sollen dabei in der kurdischen Bev\u00f6lkerung Unterschriften gesammelt und dem Europarat sowie anderen internationalen Einrichtungen \u00fcberreicht werden. Die Kampagne will vor allem erreichen, dass das Verfahren t\u00fcrkischer Gerichte gegen \u00d6CALAN vor einem unabh\u00e4ngigen internationalen Gericht wieder aufgenommen wird. Auch bei einer Gro\u00dfdemonstration am 5. Juli in Stra\u00dfburg verdeutlichten mehrere tausend KONGRA GELAnh\u00e4nger ihre Solidarit\u00e4t mit \u00d6CALAN. Die Protestkundgebung fand anl\u00e4sslich einer Sitzung des Ministerkomitees des Europarates statt, bei der die T\u00fcrkei aufgefordert wurde, das Urteil des EGMR umzusetzen.","168 Ausl\u00e4nderextremismus Zum \"Friedenskurs\" des KONGRA GEL Der seit 1999 in Europa eingeschlagene \"Friedenskurs\" des KONGRA GEL steht in Widerspruch zu den anlassbezogenen Kampfhandlungen in der T\u00fcrkei. Lediglich f\u00fcr die Zeit vom 20. August bis zum 3. Oktober k\u00fcndigte das Pr\u00e4sidium des KONGRA GEL einen Waffenstillstand der Volksverteidigungseinheiten (HPG) an. Vorausgegangen war eine Erkl\u00e4rung des t\u00fcrkischen Ministerpr\u00e4sidenten Erdogan, in der er erstmals Fehler und Probleme im Umgang mit der kurdischen Bev\u00f6lkerung einr\u00e4umte. Nach Ablauf der Frist beendeten die Volksverteidigungseinheiten den Waffenstillstand, da die t\u00fcrkische Armee ihre Operationen gegen St\u00fctzpunkte der HPG fortgesetzt und 42 Angeh\u00f6rige der HPG get\u00f6tet habe. Der Vorstand der \"Konf\u00f6deration der kurdischen Gemeinschaften\" (KKK) kritisierte, dass die EU sich mit der Er\u00f6ffnung der Beitrittsverhandlungen mit der T\u00fcrkei zum Mitverantwortlichen des Kurdenproblems gemacht habe. Im Rahmen der EU-Beitrittsverhandlungen gebe es keine Perspektiven hinsichtlich einer L\u00f6sung der Kurdenfrage. Die KKK leitete einer Meldung der KONGRA GEL-nahen Nachrichtenagentur Mezopotamja Haber Ajansi (MHA) zufolge aufgrund des t\u00fcrkischen Verhaltens ein legitimes Widerstandsrecht gegen\u00fcber der T\u00fcrkei ab: \"Somit wurde unser demokratischer L\u00f6sungsund Friedensvorsto\u00df wieder einmal mit Gewalt beantwortet und auch diese Phase beendet. Es ist sicher, dass das kurdische Volk sein demokratisches Widerstandsrecht auf der Linie der aktiven legitimen Verteidigung gegen den t\u00fcrkischen Staat benutzen wird, um sich und seine nationale Ehre zu sch\u00fctzen.\" (Internet-Ausdruck vom 06.10.2005) Der mehrfach proklamierte Waffenstillstand ist nicht als genereller Gewaltverzicht des KONGRA GEL zu verstehen. Ma\u00dfnahmen gegen die \u00d6ZG\u00dcR POLITIKA Von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr den KONGRA GEL ist die Berichterstattung \u00fcber Aktivit\u00e4ten und Ziele der Organisation in KONGRA GEL-nahen Medien wie dem Satellitensender ROJ TV oder der Tageszeitung \u00d6zg\u00fcr Politika (\u00d6P). Insbesondere in der \u00d6zg\u00fcr Politika fanden sich regelm\u00e4\u00dfig Hinweise auf Veranstaltungen und insbesondere Aufrufe zur Teilnahme an KONGRA GEL-Gro\u00dfveranstaltungen. Am 5. September 2005 hat der Bundesminister des Innern eine Verbotsverf\u00fcgung gegen den E.Xani Presseund","Ausl\u00e4nderextremismus 169 Verlags-GmbH, Neu-Isenburg (Hessen), als Verlegerin der \u00d6P erlassen und gleichzeitig die sofortige Vollziehung angeordnet. Begr\u00fcndet wurde das Verbot der E.Xani Presseund Verlags-GmbH damit, dass die Zeitung als Sprachrohr des KONGRA GEL dessen Nachrichten und Propaganda verbreitet und die Anh\u00e4ngerschaft mobilisiert. Als Protest gegen das Verbot fanden in verschiedenen St\u00e4dten Deutschlands, u.a. auch am 17. September 2005 in Hannover, friedliche Kundgebungen statt. Das Pr\u00e4sidium des KONGRA GEL erkl\u00e4rte nach einer Meldung der kurdischen Nachrichtenagentur MHA vom 6. September, \"dass man diesbez\u00fcglich nicht schweigen werde und sich unter Nutzung aller demokratischen und legitimen Rechte wehren werde\". Diese \u00c4u\u00dferung entspricht dem seit 1999 verfolgten Kurs, sich \u00f6ffentlichkeitswirksam als friedlich und ausschlie\u00dflich um die kulturelle Identit\u00e4t der Kurden bem\u00fcht darzustellen. Mit Gerichtsbescheid vom 20. Dezember 2005 hat das Bundesverwaltungsgericht die Verbotsverf\u00fcgungen des Bundesministers des Innern gegen die \"E.Xani Presseund Verlags-GmbH\" aufgehoben. In der Begr\u00fcndung f\u00fchrte das Gericht aus, dass das Verbot bei zun\u00e4chst summarischer Pr\u00fcfung rechtswidrig sei. Eine inhaltliche \u00dcberpr\u00fcfung der Zuordnung der Zeitung an den KONGRA GEL war nicht Gegenstand der Entscheidung. Die \u00d6ZG\u00dcR POLITIKA ist trotz der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts nicht mehr herausgegeben worden. Stattdessen erscheint seit Anfang 2006 eine neue Tageszeitung mit dem Namen Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika (Neue Freie Politik). Zentrale Themen sind auch dort - wie schon bei der \u00d6ZG\u00dcR POLITIKA - die Situation der Kurden in der T\u00fcrkei, die Haftbedingungen Abdullah \u00d6CALANs sowie Aktivit\u00e4ten der KONGRA Gel-nahen Organisationen in Europa. Finanzierung Der hohe Geldbedarf des Propagandaapparates des KONGRA GEL mit dem Fernsehsender ROJ TV, den Publikationen, den politischen Kampagnen, sowie den kurdischen Volksbefrei-","170 Ausl\u00e4nderextremismus ungseinheiten und zahlreicher Unterorganisationen wird in erheblichem Ma\u00dfe durch die Einnahmequellen in Deutschland und Europa gedeckt. Neben den Mitgliedsbeitr\u00e4gen, den Einnahmen aus dem Verkauf von Publikationen und aus Gewinnen bei Gro\u00dfveranstaltungen stammt der \u00fcberwiegende Anteil der Einnahmen aus Spendenbeitr\u00e4gen der KONGRA GEL-Anh\u00e4nger. Seit Verk\u00fcndung des \"Friedenskurses\" waren die Einnahmen aus Spendengeldern stark r\u00fcckl\u00e4ufig. Denn seither kann der KONGRA GEL bei der Erhebung von Spenden nicht mehr mit dem hohen Finanzbedarf f\u00fcr die Ausr\u00fcstung der HPGKampfeinheiten argumentieren. Die Einnahmeausf\u00e4lle stellen den KONGRA GEL vor eine zentrale Herausforderung. Aktivit\u00e4ten der YEK-KOM Auf lokaler Ebene bet\u00e4tigen sich Ortsvereine, die unter der dem KONGRA GEL nahe stehenden Dachorganisation F\u00f6deration der Kurdischen Vereine in Deutschland (YEK-KOM) organisiert sind. In Niedersachsen existieren solche Vereine in Celle, Hannover, Oldenburg, Peine und Salzgitter. Da die YEK-KOM-Ortsvereine nicht vom bestehenden KONGRA GELBet\u00e4tigungsverbot erfasst werden, treten diese immer wieder als Anmelder von Veranstaltungen in Erscheinung, die einen mehr oder weniger eindeutigen Bezug zur politischideologischen Zielsetzung des KONGRA GEL aufweisen. Wie in den Vorjahren konnte die YEK-KOM auch 2005 zahlreiche Kurden f\u00fcr eine Reihe von Gro\u00dfveranstaltungen und kleineren, dezentralen Veranstaltungen mobilisieren, wenngleich die Teilnehmerzahlen gegen\u00fcber 2004 insgesamt leicht zur\u00fcckgingen. So nahmen anl\u00e4sslich des kurdischen Neujahrsfestes an der zentralen Newroz-Feier f\u00fcr Norddeutschland am 26. M\u00e4rz in Hamburg ca. 7.000 Personen teil. Die YEK-KOM f\u00fchrte zudem am 15./16. Juli in K\u00f6ln das 8. Mazlum Dogan Jugend-, Kulturund Sportfestival102 durch, an dem sich etwa 2.500 \u00fcberwiegend jugendliche Besucher aus dem gesamten Bundesgebiet sowie aus den Beneluxstaaten beteiligten. Mit Veranstaltungen wie dem Mazlum Dogan-Festival versucht die YEK-KOM, kurdische Jugendliche an die Organisation heranzuf\u00fchren. Unter dem Motto \"EU - T\u00fcrkei: Auch wir sind Verhandlungspartei - L\u00f6sung der kurdischen Frage, Freiheit f\u00fcr Abdullah \u00d6CALAN\" versammelten sich am 3. September ca. 102 Das Festival soll an den gleichnamigen Funktion\u00e4r der PKK erinnern, der sich 1982 in t\u00fcrkischer Haft das Leben nahm und seitdem als M\u00e4rtyrer verehrt wird.","Ausl\u00e4nderextremismus 171 40.000 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland zum 13. Internationalen Kurdistanfestival in K\u00f6ln. Zahlreiche Teilnehmer bekundeten ihre Sympathie f\u00fcr den KONGRA GEL und Abdullah \u00d6CALAN - vereinzelt auch durch verbotene Symbole. Das dem KONGRA GEL nahe stehende Frauenb\u00fcro f\u00fcr Frieden - CENI feierte am 18. Juni in Gelsenkirchen das 2. Internationale ZILAN-Frauenfestival103 mit ca. 3.500 Teilnehmern. Die Freiheitspartei der Frauen Kurdistans (PAJK) erkl\u00e4rte in einem Bericht der \u00d6P vom 19. Juni, die eigentliche Bedeutung des Festivals liege darin, sich an jene zu erinnern, \"die mit ihrem Blut die Geschichte des Kampfes geschrieben haben.\" Wenngleich die Veranstaltungen in erster Linie ein kulturelles Programm bieten und eher famili\u00e4ren Charakter haben, instrumentalisiert die YEK-KOM diese Veranstaltungen auch f\u00fcr politische Botschaften. Ausblick Trotz des friedlichen Verhaltens in Europa und des einseitigen Waffenstillstandes in S\u00fcdostanatolien gelang es dem KONGRA GEL nicht, zu Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen mit der T\u00fcrkei als Repr\u00e4sentant der kurdischen Minderheit ber\u00fccksichtigt zu werden. Wie bei fr\u00fcheren R\u00fcckschl\u00e4gen reagierte der KONGRA GEL mit einer Wiederaufnahme von Kampfhandlungen in der T\u00fcrkei. Der mit dem Modell des \"Demokratischen Konf\u00f6deralismus Kurdistans\" in Europa und auch in den kurdischen Siedlungsgebieten proklamierte demokratische Ansatz wird wegen der erneuten Kampfhandlungen sowie der Neugr\u00fcndung der PKK, welche \u00d6CALANs Ideologie als einzige Leitlinie der Organisation durchsetzen soll, auch in naher Zukunft nicht verwirklicht werden k\u00f6nnen. Dieser unklare Kurs des KONGRA GEL l\u00e4sst den \"Friedenskurs\" nicht glaubw\u00fcrdig erscheinen und f\u00fchrt auf politischer Ebene zur Erfolglosigkeit. Zum anderen f\u00fchrt das verst\u00e4rkte milit\u00e4rische Engagement der HPG bei gleichzeitig gesunkener Spendenbereitschaft zu einer finanziellen \u00dcberbelastung. Es bleibt abzuwarten, ob die Kurden in Europa angesichts der Erfolglosigkeit des KONGRA GEL weiterhin bereit sind, den bewaffneten Kampf zu unterst\u00fctzen. 103 Namensgeberin f\u00fcr das Festival ist die Selbstmordattent\u00e4terin Zeynep KINACI alias ZILAN, die von Angeh\u00f6rigen und Sympathisanten des KONGRA GEL als M\u00e4rtyrerin verehrt wird.","172 Ausl\u00e4nderextremismus Devrimci Sol (Dev Sol) / DHKP-C und THKP-C-Devrimci Sol Gegr\u00fcndet: 1978 in der T\u00fcrkei Die Organisation ist gespalten in: Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) \"KARATAS-Fl\u00fcgel\" sowie T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke (THKP-C-Devrimci Sol) \"YAGAN-Fl\u00fcgel\" Mitglieder/Anh\u00e4nger 2004 2005 Bund: 650 650 Niedersachsen: 40 50 Publikationen: Ekmek ve Adalet (Brot und Gerechtigkeit), w\u00f6chentlich, eingestellt im Mai 2005 Verbote: Devrimci Sol (Dev Sol) seit dem 27.01.1983 DHKP-C seit dem 13.08.1998 Bet\u00e4tigungsverbot THKP-C seit dem 13.08.1998 Bet\u00e4tigungsverbot Die in zwei Fl\u00fcgel gespaltene Organisation Devrimci Sol gilt als eine der militantesten Gruppierungen der linksextremistischen Szene der T\u00fcrkei. Die in Deutschland verbotene Organisation verfolgt das Ziel, das bestehende t\u00fcrkische Staatssystem zu zerschlagen, um ein sozialistisches System zu errichten. Bei der Verfolgung dieser Zielsetzung kam es bis 1998 auch zur Anwendung von Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland. Ursprung und Entwicklung Die Devrimci Sol (Revolution\u00e4re Linke) hat ihren Ursprung in der THKP-C (T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front), die seit Ende der sechziger Jahre zusammen mit anderen Linksextremisten den bewaffneten Kampf gegen den t\u00fcrkischen Staat f\u00fchrte. Nach ihrer Zerschlagung 1972 und einer sich anschlie\u00dfenden Phase der Neuorganisation wurde 1978 die Devrimci Sol gegr\u00fcndet. Sie ist bestrebt, den aus ihrer Sicht \"faschistisch-oligarchischen\" t\u00fcrkischen Staat auf revolution\u00e4rem Wege durch ein marxistisches Gesellschaftssystem zu ersetzen. Bereits zwei Jahre sp\u00e4ter, im September 1980, wurde die Organisation wegen zahlreicher von ihr zu verantworten-","Ausl\u00e4nderextremismus 173 der Terroranschl\u00e4ge in der T\u00fcrkei verboten. Am 27.01.1983 erging in der Bundesrepublik Deutschland gegen die Devrimci Sol als erster Ausl\u00e4nderorganisation ein Verbot nach dem Vereinsgesetz. Die Devrimci Sol setzte ihre Aktivit\u00e4ten konspirativ fort. Interne Richtungsk\u00e4mpfe f\u00fchrten 1993 dazu, dass sich Devrimci Sol in zwei Fl\u00fcgel aufspaltete: in den \"KARATASFl\u00fcgel\"104, aus dem die 1994 in Syrien gegr\u00fcndete Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) hervorging, und in den in Deutschland weniger bedeutenden \"YAGANFl\u00fcgel\", der sich nach der historischen Vorg\u00e4ngerorganisation T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke (THKP-C-Devrimci Sol) benannte. In der T\u00fcrkei agiert die DHKP-C mit einem politischen Arm, der Revolution\u00e4ren Volksbefreiungspartei (DHKP), und mit einem milit\u00e4rischen Zweig, der Revolution\u00e4ren Volksbefreiungsfront (DHKC). Das Bundesministerium des Innern erlie\u00df am 13.08.1998 gegen die DHKP-C als Ersatzorganisation der verbotenen Devrimci Sol ein Vereinsverbot und gegen die THKP-C ein Bet\u00e4tigungsverbot. Diese Verbotsma\u00dfnahmen f\u00fchrten dazu, dass die Organisationen ihre Aktivit\u00e4ten wie Vollversammlungen und Gedenkfeiern ins europ\u00e4ische Ausland verlagerten. Im Mai 2002 nahm die Europ\u00e4ische Union die DHKP-C in ihre Liste terroristischer Organisationen auf. Aktivit\u00e4ten In Deutschland greift das \"Solidarit\u00e4tskomitee mit den politischen Gefangenen und deren Familien in der T\u00fcrkei\" (TAYAD-Komitee) im Rahmen von Demonstrationen Themen mit DHKP-C-Bezug wie z. B. die Verlegung von Gefangenen in Einzelzellen in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen auf. Zudem werden bei Veranstaltungen der 2004 ins Leben gerufenen Anatolischen F\u00f6deration Publikationen und Propagandamaterial der DHKP-C ausgelegt. Dies l\u00e4sst eine N\u00e4he zur DHKP-C vermuten, was dadurch belegt wird, dass die Anatolische F\u00f6deration als Dachverband f\u00fcr verschiedene Vereine im Bundesgebiet fungiert, die der DHKP-C thematisch nahe stehen (in Niedersachsen existiert kein angeschlossener Verein). Die eigenen Aktionen der Anatolischen F\u00f6deration, die sich haupts\u00e4chlich mit der aktuellen sozialpolitischen Situation der Ausl\u00e4nder in der Bundesrepublik besch\u00e4ftigen, lassen eine Verflechtung mit Inhalten der DHKP-C derzeit nicht erkennen. Anh\u00e4nger der DHKP-C in Niedersachsen gibt es insbesondere im Bereich Hannover sowie vereinzelt in Nordniedersachsen. 104 Die Fl\u00fcgel sind nach den jeweiligen F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren benannt.","174 Ausl\u00e4nderextremismus T\u00fcrkische Kommunistische Partei / Marxisten-Leninisten (TKP/ML) Gegr\u00fcndet: 1972 in der T\u00fcrkei Die Organisation ist gespalten in: Maoistische Kommunistische Partei (MKP), ehemals Ostanatolisches Gebietskomitee, sowie Partizan-Fl\u00fcgel (TKP/ML) Weitere Abspaltung: Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei (MLKP) Mitglieder/Anh\u00e4nger 2004 2005 Bund: 1.300 1.300 Niedersachsen: 80 70 Publikationen: Halk Icin Devrimci Demokrasi (Revolution\u00e4re Demokratie f\u00fcr das Volk) - MKP Halk Savasi (Der Volkskampf) - MKP Isci K\u00f6yl\u00fc Kurtulusu Arbeiterund Bauernbefreiung) - TKP/ML B\u00fcletin (Das Bulletin) - TKP/ML Kom\u00fcnist (Der Kommunist) - TKP/ML Die T\u00fcrkische Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten (TKP/ML) verfolgt das Ziel, die bestehende Staatsordnung der T\u00fcrkei abzuschaffen und durch ein kommunistisches System maoistischer Pr\u00e4gung zu ersetzen. Die Gruppierung bef\u00fcrwortet dabei ausdr\u00fccklich den Einsatz von Gewalt. Im Jahr 2005 greift die TKP/ML erstmals die Forderung nach einem revolution\u00e4ren Umsturz in der Bundesrepublik Deutschland auf, wie er von deutschen Linksextremisten propagiert wird. Ursprung und Entwicklung Die in der T\u00fcrkei verbotene T\u00fcrkische Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten wurde 1972 von Ibrahim KAYPAKKAYA gegr\u00fcndet. Die Organisation vertritt die Lehren des Marxismus-Leninismus, erg\u00e4nzt durch einen maoistischen Ansatz, nach dem der Volkskrieg vom Land in die St\u00e4dte zu tragen sei. Ziel der TKP/ML ist es, mittels einer bewaffneten Revolution eine klassenlose kommunistische","Ausl\u00e4nderextremismus 175 Gesellschaft in der T\u00fcrkei zu errichten. Dazu gr\u00fcndete die TKP/ML einen milit\u00e4rischen Arm, die T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee (TIKKO). Seit Anfang der 90er Jahre f\u00fchrten interne, nur zum Teil ideologisch bedingte Auseinandersetzungen zu mehreren Fraktionsbildungen, Abspaltungen und ver\u00e4nderten Organisationsbezeichnungen. So spaltete sich die TKP/ML 1994 in den so genannten Partizan-Fl\u00fcgel, der weiterhin das K\u00fcrzel TKP/ML nutzt, sowie das Ostanatolische Gebietskomitee (DABK), das sich seit Dezember 2002 Maoistische Kommunistische Partei (MKP) nennt. Beide Gruppierungen unterhalten in der T\u00fcrkei bewaffnete Gruppen: Der Partizan-Fl\u00fcgel nennt seinen milit\u00e4rischen Arm weiterhin TIKKO, w\u00e4hrend die MKP ihre Einheiten als Volksbefreiungsarmee bezeichnet. Als weitere Abspaltung ist die Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei (MLKP) zu nennen, der in Deutschland ca. 600 Anh\u00e4nger zugerechnet werden. Sowohl TKP/ML als auch MKP treten in Deutschland bzw. Europa \u00f6ffentlich nur durch ihre so genannten Basisorganisationen in Erscheinung. Sie bem\u00fchen sich um politische Kontakte und Einfluss, wobei sie die Zugeh\u00f6rigkeit zur jeweiligen Mutterorganisation zu verschleiern versuchen. Die Anh\u00e4nger der TKP/ML sind auf europ\u00e4ischer Ebene in dem Dachverband Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa (ATIK) organisiert. Diesem Verband geh\u00f6rt in Deutschland die F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e. V. (ATIF) an. Die MKP gr\u00fcndete 1997 ebenfalls zwei Basisorganisationen, um sich von dem Partizan-Fl\u00fcgel abzugrenzen - die Konf\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Europa (ADHK) und die F\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Deutschland e. V. (ADHF). Die Finanzierung der Organisationen erfolgt vor allem \u00fcber Spendensammlungen und den Verkauf von Publikationen. Wie bei den meisten anderen t\u00fcrkischen linksextremistischen Organisationen auch stellt die finanzielle Situation die TKP/ML vor gro\u00dfe Herausforderungen, da die Einnahmen kaum zur Deckung ihres Finanzbedarfs ausreichen. Aktivit\u00e4ten in Deutschland Waren die Aktivit\u00e4ten der TKP/ML bisher stets gegen den t\u00fcrkischen Staat gerichtet, so \u00e4u\u00dferte sich die Organisation erstmalig im Rahmen einer Demonstration am 9. Januar in Berlin anl\u00e4sslich des 85. Todestag von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zur politischen Situation in Deutschland. In einer in deutscher und t\u00fcrkischer Sprache verfassten Flugschrift verleiht die Organisation ihrer Hoffnung Ausdruck,","176 Ausl\u00e4nderextremismus dass \"die bitteren Ergebnisse des Globalisierungsm\u00e4rchens ... die gesellschaftlichen Massenbewegungen weiterhin auf die Stra\u00dfen bringen\" werden. Eine derartige Massenbewegung k\u00f6nne auch als historische Gelegenheit f\u00fcr die Revolution genutzt werden. Voraussetzung sei aber, dass die deutsche revolution\u00e4re Arbeiterbewegung sich von den Klassenk\u00e4mpfen in anderen Teilen der Welt beeinflussen lasse. Das N\u00e4herr\u00fccken einer \"revolution\u00e4ren Phase\" sei jedoch auch davon abh\u00e4ngig, dass es eine \"neue Rosa\" (Luxemburg) und einen \"neuen Karl\" (Liebknecht) g\u00e4be, die ebenso wie eine \"echte kommunistische Partei\" in Deutschland nicht in Sicht seien. Die Flugschrift endet mit dem Appell: \"Die revolution\u00e4ren Seelen von Rosa und Karl sollen ein Beispiel f\u00fcr das Weltproletariat und das deutsche Proletariat sein.\" Dar\u00fcber hinaus rief die ATIF wie auch andere t\u00fcrkische Linksextremisten im Vorfeld der Bundestagswahl am 18. September zur Wahl linksextremistischer Parteien auf. In einer im September auf der Internetseite der ATIK ver\u00f6ffentlichten Erkl\u00e4rung forderte die Basisorganisation der TKP/ML Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD), da diese sich \"f\u00fcr den echten Frieden, Gerechtigkeit und solidarischen Klassenkampf\" einsetze. Die politischen Aktionen der TKP/ML in Deutschland beschr\u00e4nken sich auf Mitgliederversammlungen, Demonstrationen, Spendensammlungen sowie das Verteilen von Publikationen und Flugbl\u00e4ttern. Beispielsweise f\u00fchrten zum Gedenken an den 32. Todestag von Parteigr\u00fcnder Ibrahim KAYPAKKAYA der Partizan-Fl\u00fcgel am 14. Mai in Ludwigshafen und die MKP am 21. Mai in Ludwigsburg jeweils eine Gro\u00dfveranstaltung durch.","Ausl\u00e4nderextremismus 177 Volksmodjahedin Iran-Organisation (MEK) / Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) Volksmodjahedin Iran-Organisation (MEK) Gegr\u00fcndet: 1965 im Iran Vorsitzender: Massoud RADJAVI milit\u00e4rischer Arm der MEK: National Liberation Army (NLA) Oberbefehlshaber: Massoud RADJAVI politischer Arm der MEK: Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) Gegr\u00fcndet: 1981 in Paris Leitung: Deutschlandsprecherin Dr. Masoumeh BOLOURCHI Sitz in Deutschland: K\u00f6ln Mitglieder/Anh\u00e4nger 2004 2005 Bund: 900 900 Niedersachsen: 80 80 Publikation: Modjahed (Glaubensk\u00e4mpfer) Die international als terroristisch bewertete Volksmodjahedin Iran-Organisation (MEK) gilt als die aktivste und militanteste Oppositionsgruppe gegen die Islamische Republik Iran. Urspr\u00fcnglich war die politische Ideologie der MEK revolution\u00e4rmarxistisch gepr\u00e4gt, sp\u00e4ter traten Elemente des schiitischen Islam hinzu. Ziel der hierarchisch organisierten Kaderorganisation ist es, die iranische Regierung zu st\u00fcrzen und selbst die Macht zu ergreifen. Dazu unterhielt die MEK bewaffnete Einheiten im Irak und schreckte vor Gewaltanwendung nicht zur\u00fcck. Ursprung und Entwicklung Bereits zu Zeiten der iranischen Monarchie versuchten die Volksmodjahedin ihre aus islamisch-schiitischen und marxistischen Elementen zusammengesetzte Weltanschauung als \"eigenst\u00e4ndigen Weg zur Befreiung der islamischen Massen\"","178 Ausl\u00e4nderextremismus zu propagieren. Vor diesem ideologischen Hintergrund nahmen die Volksmodjahedin 1971 den Kampf gegen das SchahRegime auf und leisteten einen wichtigen milit\u00e4rischen Beitrag zu dessen Sturz. Trotz erheblicher ideologischer Differenzen akzeptierten sie Ayatollah Khomeini zun\u00e4chst als charismatischen F\u00fchrer der Revolution. Die ideologischen Unterschiede zwischen den Volksmodjahedin, die einen \"sozialistischen Islam\" forderten, und den Vertretern der traditionellen schiitischen Geistlichkeit um Khomeini lie\u00dfen sich jedoch nicht \u00fcberbr\u00fccken. Die neue iranische F\u00fchrung um Khomeini versuchte nach ihrer Macht\u00fcbernahme, jegliche innenpolitische Opposition auszuschalten. Die MEK als mit Abstand st\u00e4rkster Gegner antwortete mit einer Terrorkampagne, der zahlreiche Regierungsanh\u00e4nger, aber auch Zivilisten zum Opfer fielen. H\u00f6hepunkt der Represssion waren der 20. (\"Tag des Widerstandes\") und der 21.06.1981 (\"Tag der M\u00e4rtyrer\"), als eine Gro\u00dfdemonstration der Volksmodjahedin in Teheran blutig aufgel\u00f6st wurde. Nachdem der Vorsitzende der MEK, Massoud RADJAVI, 1981 fliehen musste, gr\u00fcndeten die Volksmodjahedin vom franz\u00f6sischen Exil aus den Nationalen Widerstandsrat Iran (NWRI) als Vereinigung linker Organisationen und Einzelpersonen. Die Organisation sollte den politischen Kampf der linken Opposition gegen das \"Mullahregime\" mobilisieren, blieb jedoch unter der Kontrolle der MEK. 1993 bezeichnete sich der NWRI als \"iranisches Exilparlament\" und w\u00e4hlte Maryam RADJAVI, die Ehefrau Massoud RADJAVIs, zur \"k\u00fcnftigen Pr\u00e4sidentin Irans\". Die Organisation wird unterhalb des autorit\u00e4r regierenden Ehepaares RADJAVI von Frauen dominiert. Die Organisationsf\u00fchrung verlangt von den Anh\u00e4ngern unbedingten Gehorsam und eine st\u00e4ndige weltweite Verf\u00fcgbarkeit. Das vom NWRI nach au\u00dfen hin propagierte Demokratieprinzip findet intern keine Anwendung, da die Aktivisten zur v\u00f6lligen Aufgabe ihrer eigenen Pers\u00f6nlichkeit gedr\u00e4ngt werden. Nach seiner Ausweisung aus Frankreich gr\u00fcndete Massoud RADJAVI 1986 im Irak die Nationale Befreiungsarmee (National Liberation Army, NLA) als bewaffneten Arm der Organisation. Bis zum Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein im Jahre 2003 f\u00fchrte die NLA terroristische Aktionen gegen die Islamische Republik Iran aus. Mit dem Einmarsch der US-gef\u00fchrten Koalitionstruppen in den Irak im Jahr 2003 wurden die NLA-Einheiten entwaffnet","Ausl\u00e4nderextremismus 179 und in ihrem Lager festgesetzt. Somit verlor die NLA ihre Handlungsf\u00e4higkeit und die MEK ihre milit\u00e4rische St\u00fctze. Im Fr\u00fchjahr 2005 meldeten iranische Medien, dass 100 Mitglieder der NLA ihr Lager im Irak verlassen h\u00e4tten und in die Islamische Republik Iran zur\u00fcckgekehrt seien. Diese Meldung konnte bisher jedoch nicht best\u00e4tigt werden. Aktivit\u00e4ten in Deutschland Wenngleich sich die MEK mit ihrem milit\u00e4rischen Arm in einer existenzgef\u00e4hrdenden Krise befindet, gelang es ihr auch im Jahr 2005, \u00fcber den NWRI, zahlreiche Versammlungen und Demonstrationen in Europa durchzuf\u00fchren. Eine zentrale Forderung bei diesen Veranstaltungen war, die MEK von der EU-Liste terroristischer Organisationen, auf der sie seit Mai 2002 verzeichnet ist, zu streichen. Vielmehr versucht sich der NWRI als eine demokratische Oppositionsbewegung und als politische Alternative zum islamistischen System des Iran darzustellen. So versammelten sich am 10. Februar ca. 1.500 NWRI-Anh\u00e4nger anl\u00e4sslich des 26. Jahrestages der \"Islamischen Revolution\" im Iran zu einer Demonstration in Berlin, um gegen Menschenrechtsverletzungen und die atomare Aufr\u00fcstung des Iran zu protestieren. Am 16. Februar demonstrierten etwa 50 Personen anl\u00e4sslich des Besuchs des iranischen Au\u00dfenministers Kamal Kharrazi zur Neuer\u00f6ffnung der iranischen Botschaft in Berlin. Anl\u00e4sslich des zweiten Jahrestages polizeilicher Ma\u00dfnahmen gegen die MEK und den NWRI am 17.06.2003105 in Frankreich f\u00fchrte der NWRI am 18. Juni in Cergy (Frankreich) eine Kundgebung durch, an der sich auch Anh\u00e4nger aus Deutschland beteiligten. Etwa 6.000 Teilnehmer demonstrierten u. a. gegen die am 17. Juni erfolgte Pr\u00e4sidentschaftswahl im Iran und forderten erneut die Streichung der MEK aus den Listen terroristischer Organisationen. Auf Kundgebungen in Berlin, K\u00f6ln, Frankfurt a.M. und Hamburg in der Zeit vom 31. Oktober bis 3. November kritisierte der NWRI die israelfeindlichen Aussagen des iranischen Staatspr\u00e4sidenten Ahmadinedschad. Die Aktivit\u00e4ten von NWRI-Anh\u00e4ngern in Niedersachsen beschr\u00e4nkten sich auch im Jahr 2005 auf die Teilnahme an \u00fcberregionalen Veranstaltungen. Mit der Durchf\u00fchrung friedlicher Veranstaltungen ist die MEK bem\u00fcht, sich als de105 Bei der Polizeiaktion, die vor dem Hintergrund eines Ermittlungsverfahrens gegen die Volksmodjahedin wegen des Verdachts krimineller Geldbeschaffung und der Gr\u00fcndung einer terroristischen Vereinigung stattfand, war die Europazentrale der MEK in der N\u00e4he von Paris durchsucht und mehrere Personen verhaftet worden. Zeitweise war auch die Vorsitzende Maryam RADJAVI inhaftiert.","180 Ausl\u00e4nderextremismus mokratische Organisation zu pr\u00e4sentieren. Dadurch will sie ihrer Forderung Nachdruck verleihen, nicht mehr als Terrororganisation auf den entsprechenden Listen der USA und der EU gef\u00fchrt zu werden. Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) Gegr\u00fcndet: 1972 in Sri Lanka Leitung: Velupillai PRABAKHARAN Vorsitzender in Deutschland: VAKISAN (Vorname unbekannt) Sitz in Deutschland: Oberhausen Mitglieder/Anh\u00e4nger 2004 2005 Bund: 750 800 Niedersachsen: 150 150 Publikationen: Tamil-Land An der Front Das Land ist der Nabel Vulkan Die Befreiungstiger von Tamil Eelam verfolgen das Ziel, ein von ihnen kontrolliertes Staatsgebilde (\"Tamil Eelam\") im Nordosten Sri Lankas zu errichten. Dabei gehen sie auf gewaltsame Weise gegen srilankische und indische Ziele vor. Sie geh\u00f6ren zu den politischen Gruppen, die bis zum Waffenstillstand im Jahr 2002 besonders h\u00e4ufig von Selbstmordattentaten Gebrauch machen. Ursprung und Entwicklung Der seit zwei Jahrzehnten andauernde milit\u00e4rische Konflikt geht auf die britische Kolonialzeit zur\u00fcck, in der sich die in Sri Lanka dominierende singhalesisch-buddhistische Mehrheitsbev\u00f6lkerung (72 %) und die Minderheit der \u00fcberwiegend hinduistischen Tamilen (18 %) feindlich gegen\u00fcberstanden. Die Briten, die seit 1815 Ceylon beherrschten, beg\u00fcnstigten aus Machtkalk\u00fcl die tamilische Minderheit, sodass gegen Ende der Kolonialepoche unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viele","Ausl\u00e4nderextremismus 181 Angeh\u00f6rige dieser Bev\u00f6lkerungsgruppe f\u00fchrende Positionen in Verwaltung, Wirtschaft und im Pressewesen einnahmen. Nach der 1948 erlangten Unabh\u00e4ngigkeit dominierten zunehmend die Singhalesen Regierung und Verwaltung und erkl\u00e4rten den Buddhismus zur Staatsreligion. Der 1976 aus einer revolution\u00e4r-marxistischen Organisation hervorgegangenen LTTE gelang es, tamilische Konkurrenzorganisationen in blutigen Auseinandersetzungen auszuschalten und sich gleichzeitig als Verteidiger der Tamilen gegen \u00dcbergriffe der singhalesischen Mehrheit zu profilieren. Die sich versch\u00e4rfenden ethnischen Spannungen zwischen Singhalesen und Tamilen gipfelten 1983 in schweren Ausschreitungen, die \u00fcber 2.000 gr\u00f6\u00dftenteils tamilische Todesopfer forderten. In dem anschlie\u00dfenden B\u00fcrgerkrieg zwischen Zentralregierung und LTTE kamen \u00fcber 60.000 Menschen ums Leben. Der auf Vermittlung der norwegischen Regierung am 23.02.2002 in Kraft getretene Waffenstillstand zwischen der srilankischen Regierung und der LTTE f\u00fchrte zun\u00e4chst zu einer Beruhigung der politischen und milit\u00e4rischen Situation. Die von den Tamilen angestrebte Teilautonomie tamilischer Gebiete wurde erneut thematisiert. Diese Entwicklung geriet jedoch bereits 2004 wieder ins Stocken infolge eines innenpolitischen Kurswechsels unter dem neuen Premierminister Mahinda Rajapakse, der Zugest\u00e4ndnisse an die LTTE als \"Separatismus\" ablehnte. Nach der Flutkatastrophe im Dezember 2004 wurde Sri Lanka umfangreiche finanzielle Unterst\u00fctzung zugesagt. In einem Abkommen regelten die srilankische Regierung und die LTTE, dass diese Mittel gleichm\u00e4\u00dfig und ausschlie\u00dflich an hilfsbed\u00fcrftige Opfer verteilt werden. Aktivit\u00e4ten Die Aktivit\u00e4ten der LTTE, die in Europa von Paris aus gesteuert werden, sind darauf ausgerichtet, finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr den politischen und milit\u00e4rischen Kampf in Sri Lanka zu erlangen. So ruft die LTTE auch die in Deutschland lebenden ca. 61.000 Tamilen, davon 5.000 in Niedersachsen, immer wieder zu Spenden auf. Im Jahr 2005 organisierte die LTTE-Tarnorganisation Tamilische Rehabilitation Organisation e. V. (TRO) bundesweit Spendensammlungen f\u00fcr die Opfer der Flutkatastrophe im Dezember 2004, so auch in den nieders\u00e4chsischen St\u00e4dten Bad Pyrmont, Northeim, Salzgitter und Springe. Dar\u00fcber hinaus f\u00fchrt die LTTE-Tarnorganisation World Tamil Movement (WTM) j\u00e4hrlich Spendensammlungen anl\u00e4sslich von Kultur-","182 Ausl\u00e4nderextremismus und Heldengedenkveranstaltungen durch. F\u00fcr den Ablauf der Spendensammlungen sind deren jeweiligen Repr\u00e4sentanten in Niedersachsens gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten verantwortlich. Um Strafverfolgungsma\u00dfnahmen zu vermeiden, wird bei diesen Kampagnen auf Gewaltanwendung verzichtet. Wie in den Vorjahren f\u00fchrte die LTTE auch im Jahr 2005 europaweite Veranstaltungen gegen von ihr behauptete Menschenrechtsverletzungen auf Sri Lanka und gegen Abschiebungen von Tamilen durch. So fanden am 17. August in Genf und am 24. Oktober in Br\u00fcssel Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern statt. Am 10. Dezember begingen mehrere tausend Tamilen in Essen ihren traditionellen Heldengedenktag in Erinnerung an die im B\u00fcrgerkrieg auf Sri Lanka gefallenen LTTE-K\u00e4mpfer. Aus Niedersachsen nahmen ca. 100 Tamilen aus Goslar, Hannover und Seesen an der Veranstaltung teil. Anl\u00e4sslich des Heldengedenktages betonte der LTTE-F\u00fchrer Velupillai PRABAKHARAN die politische Kluft zwischen der LTTE und der neuen Regierung Sri Lankas, die trotz des kurzzeitig wiederbelebten Friedensprozesses weiterhin bestehe. In einem \"dringlichen und letzten Appell\" forderte PRABAKHARAN die srilankische Regierung auf, bald f\u00fcr die tamilische Seite befriedigende politische Rahmenbedingungen zu schaffen. Anderenfalls w\u00fcrde die LTTE im Jahr 2006 ihren Kampf um Selbstbestimmung und nationale Befreiung verst\u00e4rkt vorantreiben mit dem Ziel, im tamilischen Landesteil eine eigene Regierung einzusetzen. Hierin zeigt sich die nach wie vor hohe Gewaltbereitschaft der LTTE. Schwerpunkte nieders\u00e4chsischer LTTE-Aktivit\u00e4ten sind weiterhin die St\u00e4dte G\u00f6ttingen, Hannover, Salzgitter sowie der Harz mit seinem Umland.","Scientology 183 SCIENTOLOGY - ORGANISATION (SO) Sitz: Los Angeles (Kalifornien/USA) Pr\u00e4sident: Heber JENTZSCH David MISCAVIGE (Leiter der obersten Scientology-Verwaltung/RTC) Mitglieder: 2004 2005 Bund: 5.000-6.000 5.000-6.000 Niedersachsen: 600 ca. 550 Publikationen: Freiheit (f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmt), Dimensionen, Impact, The Auditor, Dianetik Post, Free Mind, International Scientology News, Advance u. a. (interne Publikationen) Teilorganisationen: In Deutschland zehn \"Kirchen\"(\"Orgs\"106), darunter zwei \"Celebrity Centres\"107 und elf \"Missionen\"108 u. a. in Berlin, D\u00fcsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover, M\u00fcnchen, Stuttgart. Zielsetzung und verfassungsfeindliche Bestrebungen Der amerikanische Science-Fiction-Autor Lafayette Ronald HUBBARD (1911-1986) ver\u00f6ffentlichte 1950 sein Buch mit dem Titel \"Dianetik - Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit\" und legte damit den Grundstein f\u00fcr die Entwicklung der Scientology-Organisation (SO). Er entwickelte eine Selbsthilfemethode, die \"ungenutztes geistiges Potential\" freisetzen und \"wahre F\u00e4higkeiten\" verwirklichen sollte. Zur Umsetzung dieser Methode richtete er zun\u00e4chst in den USA \"Dianetik-Zentren\" ein, in denen neue Menschen mit scientologischer Pr\u00e4gung geschaffen werden sollten. Erst vier Jahre sp\u00e4ter, nachdem Probleme mit der amerikanischen Steuerbeh\u00f6rde aufgetreten waren, gr\u00fcndete HUBBARD 1954 die erste offizielle \"Scientology-Kirche\" in Los Angeles. 106 Interne SO-Abk\u00fcrzung f\u00fcr Organisation 107 SO-Betreuungsstelle f\u00fcr Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens - Schauspieler, Musiker etc. 108 Eine von der SO in ihrer Gr\u00f6\u00dfe nicht n\u00e4her definierte Anlaufstelle","184 Scientology Sein Ziel war es weiterhin, die Alleinherrschaft in einer neuen, ausschlie\u00dflich nach scientologischen Richtlinien funktionierenden Welt zu erlangen, da die Gesellschaft in ihrer modernen Erscheinungsform zum Untergang verurteilt sei. Scientology versteht sich selbst als eine \"Erl\u00f6sungsreligion\", deren Anliegen \"die Errettung aller Menschen auf dem einzig wahren Weg zur pers\u00f6nlichen Unsterblichkeit\" ist. Die Bestrebungen der SO sind darauf ausgerichtet, ein allein an scientologischen Wertvorstellungen orientiertes, totalit\u00e4res Herrschaftssystem durch Expansion in allen Bereichen des staatlichen Lebens durchzusetzen. Dieses Ziel will die SO mittels ihrer Technologie109 erreichen, deren Kernst\u00fcck das so genannte Auditing (eine Verh\u00f6rmethode zur Bewusstseinsund Verhaltenskontrolle) ist. Nach Genehmigung durch den Innenminister hat das NLfV im Juli 1997 mit der Beobachtung der SO begonnen. Zuvor hatte die St\u00e4ndige Konferenz der Innenminister und -senatoren der L\u00e4nder festgestellt, dass bei der SO tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung vorliegen. Diese ergeben sich u.a. aus dem Ziel der SO, Einfluss in der bestehenden Gesellschaftsund Rechtsordnung zu gewinnen und diese letztendlich durch eine scientologische Gesellschaftsordnung zu ersetzen. So spricht HUBBARD z.B. allen Nicht-Scientologen die F\u00e4higkeit ab, vern\u00fcnftige Politik zu machen. Sie seien \"aberriert\", d.h. geistig krank, und sollten seiner Ansicht nach in seiner neuen Ordnung keine B\u00fcrgerrechte erhalten: \"Vielleicht werden in ferner Zukunft nur dem Nichtaberrierten die B\u00fcrgerrechte verliehen. Vielleicht ist das Ziel irgendwann in der Zukunft erreicht, wenn nur der Nichtaberrierte die Staatsb\u00fcrgerschaft erlangen und davon profitieren kann. Dies sind erstrebenswerte Ziele, deren Erreichung die \u00dcberlebensf\u00e4higkeit und das Gl\u00fcck der Menschheit erheblich zu steigern verm\u00f6chten.\" (Hubbard, \"Dianetik\", 1951, S. 487) Endziel der SO ist eine nach ihren Vorstellungen bereinigte neue Sozialund Staatsordnung (\"Clear Planet\"). Mit diesen Bestrebungen zielt die SO darauf ab, die in der Verfassung 109 Mit Hilfe der das System Scientology tragenden Techniklehre soll ein Mensch wissenschaftlich nachvollziehbar die \"Handhabung des Lebens\" lernen k\u00f6nnen. Diese Technik geht davon aus, dass jeder Mensch wie eine Maschine zu bedienen ist. Der durch die scientologischen Verfahren zu erzeugende neue Mensch, der Scientologe, ist nach HUBBARD ein \"Produkt\", das durch spezielle \u00dcbungen vom noch unvollkommenen bis zum vollkommenen Produkt gebracht werden muss.","Scientology 185 garantierten Grundund Menschenrechte auszuh\u00f6hlen und die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung der Bundesrepublik Deutschland zu beseitigen. Die Beobachtung der SO durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden hat best\u00e4tigt, dass die Organisation die in der scientologischen Literatur formulierte und dort als Gesetz definierte verfassungsfeindliche Zielsetzung nach wie vor verfolgt. Die \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktivit\u00e4ten der SO beziehen sich auf nahezu alle Lebensund Gesellschaftsbereiche. Ziel ist es dabei, Interessenten die scientologische Lehre zu vermitteln, sie in der Folge als Mitglieder und letztlich zur Realisierung ihrer Zielsetzung zu gewinnen. Die Entscheidung des Verwaltungsgerichts K\u00f6ln vom 11.11.2004, in der die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Beobachtung der SO durch das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sowohl mit offenen als auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln best\u00e4tigt wurde, ist noch nicht rechtskr\u00e4ftig. Organisation Die SO ist eine weltweit operierende, streng hierarchisch strukturierte Organisation mit einer Vielzahl von Unterund Nebenorganisationen, die der Durchsetzung der SO-Technologie, der Aufrechterhaltung von Machtstrukturen innerhalb der Organisation sowie der Geldbeschaffung dienen. Unter der Leitung von David MISCAVIGE, dem Vorsitzenden des \"Religious Technology Centers (RTC)110, wird die Gesamtorganisation zusammen mit der obersten Zentrale, der \"Church of Scientology International\" (CSI), \u00fcber die jeweiligen \"Kontinentalen Verbindungsb\u00fcros\" (Continental Liaison Office) gesteuert, das sich f\u00fcr Europa in Kopenhagen befindet. Von dort aus werden die nationalen Niederlassungen kontrolliert. Aufgabe des internationalen Managements ist es u. a., f\u00fcr jeden Sektor der SO Strategien und taktische Pl\u00e4ne zu entwickeln. Zu den wichtigsten Organisationseinheiten von SO geh\u00f6ren die folgenden Einrichtungen: - \"Sea Organization\" (Sea Org), eine mit besonderen Kontrollbefugnissen ausgestattete Einrichtung, die in allen Organisationsteilen der SO Schl\u00fcsselpositionen besetzt, - \"International Association of Scientologists\" (IAS), weltweiter Verbund von Scientologen, der \u00fcber Spenden und Beitr\u00e4ge kostspielige Kampagnen der SO finanziert, 110 RTC besitzt die Urheberund Markenrechte aller Werke von L. Ron HUBBARD und \u00fcberwacht deren ordnungsgem\u00e4\u00dfe Verwendung.","186 Scientology - \"Office of Special Affairs\" (OSA), Stelle f\u00fcr Rechtsangelegenheiten, Public Relations und geheimdienst\u00e4hnliche Aktivit\u00e4ten, - \"World Institute of Scientology Enterprises\" (WISE), Einrichtung, die die scientologische Technologie in die Gesch\u00e4ftswelt hineintragen und Wirtschaftsunternehmen kontrollieren soll, - \"Association for Better Living and Education\" (ABLE), Vereinigung verschiedener Gruppierungen, die in der Drogenund Gefangenenrehabilitierung sowie im Bildungsbereich aktiv sind und - \"Citizens Commission on Human Rights\" (CCHR), in Deutschland bekannt unter dem Namen \"Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte\" (KVPM). Scientology in Deutschland und Niedersachsen An der Basis des SO-Organisationsgef\u00fcges befinden sich die Scientology-Zentren. In Deutschland gibt es zehn \"Kirchen\" (Orgs), von denen sich zwei als \"Celebrity-Centres\" bezeichnen und elf \"Missionen\", denen nach Sch\u00e4tzung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden ca. 5.000 bis 6.000 Mitglieder zuzuordnen sind. Die Einrichtungen der SO sind in Deutschland \u00fcberwiegend als eingetragene Vereine organisiert. Als Dachverband fungiert die \"Scientology Kirche Deutschland\" e. V. mit Sitz in M\u00fcnchen. Neben den als SO-Einrichtungen zu erkennenden Orgs gibt es eine Vielzahl von Einzelorganisationen, aus deren Namen der Bezug zu Scientology nicht erkennbar ist. Die in Deutschland aktivsten Einrichtungen sind vor allem \"NARCONON\" und \"CRIMINON\", die von sich in der \u00d6ffentlichkeit behaupten, durch die Anwendung von HUBBARDs Techniken erfolgreich Drogenrehabilitation bzw. Resozialisierung im Strafvollzug betreiben zu k\u00f6nnen. \"Applied Scholastics Deutschland\" (ApS), eine gemeinn\u00fctzige Vereinigung der SO, pr\u00e4sentiert sich mit einem Programm, das durch die Verbreitung der \"einzigen funktionierenden Studientechnologie\" die Ausbildung verbessern k\u00f6nne. Mit diesen Einrichtungen versucht die SO, sich als humanit\u00e4re und sozial engagierte Organisation darzustellen. In Niedersachsen ist die Organisation mit einer \"Kirche\" in Hannover vertreten, die als Gemeinde Hannover der Scientology Kirche Hamburg e. V. fungiert. In SeevetalMaschen arbeitet die Firma New Era Publications Deutschland GmbH, die f\u00fcr den Vertrieb von scientologischen Druckschriften, Videound Tonmaterial zust\u00e4ndig ist. Die nieders\u00e4chsischen SO-Einrichtungen stellen keine regionalen","Scientology 187 Schwerpunkte im Gesamtgef\u00fcge der Organisation dar. Eine Vielzahl der nieders\u00e4chsischen Scientologen nimmt die SOAngebote in benachbarten Bundesl\u00e4ndern wahr, insbesondere die der Org Hamburg. In Niedersachsen nutzen etwa 200 Personen mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig die Org Hannover. Von diesem Personenkreis k\u00f6nnen etwa 20 Scientologen als feste Mitarbeiter angesehen werden. Schwerpunkte scientologischer Aktivit\u00e4ten waren die zumeist in der Innenstadt von Hannover durchgef\u00fchrten Werbema\u00dfnahmen (Ansprache von Passanten, Informationsst\u00e4nde, Angebot eines \"Stress-Tests\" am E-Meter111). \u00c4hnliche Veranstaltungen wurden in weiteren nieders\u00e4chsischen St\u00e4dten angemeldet, ohne dass sie tats\u00e4chlich durchgef\u00fchrt wurden. Vermutlich dienten diese Anmeldungen der Erf\u00fcllung interner Vorgaben. Dieses l\u00e4sst sich auch als Indiz daf\u00fcr werten, dass die Aktivit\u00e4ten der SO in Niedersachsen nicht die erhoffte Wirkung erzielen. Hinweistelefon F\u00fcr Hinweise steht im Nieders\u00e4chsischen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz weiterhin der Telefonanschluss mit der Nummer 0511-6709-393 zur Verf\u00fcgung. 111 einfaches technisches Hilfsmittel der Scientologen, das zum \"Sichtbarmachen von Gedanken\" eingesetzt wird","188 Spionageabwehr SPIONAGEABWEHR Einf\u00fchrung Deutschland bleibt auf Grund seiner wirtschaftlichen und politischen Stellung unver\u00e4ndert ein vorrangiges Aussp\u00e4hungsziel f\u00fcr fremde Geheimdienste112. Deshalb wird dem gesetzlichen Auftrag der Spionageabwehr, die Sammlung und Auswertung von Informationen \u00fcber sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht, weiterhin gro\u00dfe Bedeutung beigemessen. Prim\u00e4r geht es um die systematische Aufkl\u00e4rung von Strukturen, Methoden und Zielrichtungen von in Deutschland t\u00e4tigen fremden Geheimdiensten. Mit Pr\u00e4ventionsund Sensibilisierungsma\u00dfnahmen ist der Verfassungsschutz bem\u00fcht, die erforderliche Aufmerksamkeit bei den deutschen Zielobjekten fremder Geheimdienste zu wecken. Potenzielle Zielpersonen fremder Geheimdienste sollen \u00fcber entsprechende oft nicht zweifelsfrei erkennbare Spionageaktivit\u00e4ten aufgekl\u00e4rt und sensibilisiert werden. Das gilt nicht nur f\u00fcr die traditionellen Themenfelder der Spionage, sondern in ganz besonderem Ma\u00dfe f\u00fcr einen Bereich, in dem es um die Verhinderung der nachrichtendienstlich gesteuerten bzw. betriebenen illegalen Weiterverbreitung atomarer, biologischer oder chemischer Massenvernichtungswaffen sowie der dazu notwendigen Tr\u00e4gersysteme (Proliferation) geht. Im herk\u00f6mmlichen Spionagebereich h\u00e4ngt die Zielrichtung der in Deutschland illegal t\u00e4tigen fremden Geheimdienste von den aktuellen politischen Interessen der jeweiligen Staaten sowie ihrem wirtschaftlichen und technischen Entwicklungsstand ab. Hat die Ausforschung der jeweiligen Exilopposition in Deutschland insbesondere f\u00fcr Geheimdienste aus L\u00e4ndern des Nahen und Mittleren Ostens sowie Nordafrikas oberste Priorit\u00e4t, setzen andere L\u00e4nder ihren Aufkl\u00e4rungsschwerpunkt in der Informationsbeschaffung aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Milit\u00e4r. 112 Als Geheimdienste werden hier staatliche Organisationen fremder M\u00e4chte verstanden, die nicht nur politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich oder milit\u00e4risch bedeutsame Nachrichten beschaffen und f\u00fcr ihre Auftraggeber auswerten, sondern auch aktive Handlungen zur St\u00f6rung oder Beeinflussung \"politischer Gegner\" im Inund Ausland vornehmen. Dabei streben sie ein H\u00f6chstma\u00df an Geheimhaltung an. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden verstehen sich als Nachrichtendienste. Sie sind gesetzlich auf die Beschaffung und Auswertung von Informationen beschr\u00e4nkt. Im Gegensatz zu Geheimdiensten unterliegen sie der Kontrolle durch unabh\u00e4ngige Instanzen und unterrichten die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber wesentliche Ergebnisse ihrer Arbeit.","Spionageabwehr 189 Nach wie vor stellt die offene Absch\u00f6pfung interessanter Kontaktpersonen durch gezielte Gespr\u00e4chsf\u00fchrung eine der wichtigsten Methoden der Informationsbeschaffung dar. Dabei wird das Wissen der Kontaktpersonen erfragt, ohne dass diese den nachrichtendienstlichen Hintergrund erkennt. Insbesondere wird versucht, Personen mit guten Zugangsm\u00f6glichkeiten zum Zielgebiet oder -objekt m\u00f6glichst langfristig zu binden. Gelingt dies, ist f\u00fcr den Betroffenen die Gefahr gro\u00df, auch ungewollt in den Bereich der geheimdienstlichen Agentent\u00e4tigkeit zu geraten. Diese Form der Informationsbeschaffung betreiben insbesondere die Geheimdienste der Volksrepublik China und Russlands. Verdachtshinweisen auf einen m\u00f6glicherweise nachrichtendienstlichen Kontaktversuch geht der Verfassungsschutz vertraulich und diskret nach und bietet im Einzelfall Hilfe an. Geheimdienste der Russischen F\u00f6deration Nach Aufl\u00f6sung des KGB113 im Dezember 1991 erfolgte zun\u00e4chst die Aufteilung und Neugliederung des russischen Sicherheitsapparates in zeitweilig sechs zivile Nachfolgeeinrichtungen. Nach der von Pr\u00e4sident Putin 2003 eingeleiteten Restrukturierung entsteht erneut ein zentraler russischer Nachrichtendienst. Der seit M\u00e4rz 2000 dem Pr\u00e4sidenten direkt unterstellte Inlandsgeheimdienst FSB114 wurde mit immer mehr Aufgaben ausgestattet. Nach einer Teileingliederung der f\u00fcr Kommunikation und elektronische \u00dcberwachung zust\u00e4ndigen Regierungsbeh\u00f6rde FAPSI115 und der \u00dcbernahme des f\u00fcr die Sicherung der russischen Au\u00dfengrenzen zust\u00e4ndigen Grenzdienstes FPS116 fehlen f\u00fcr eine \"Wiedergeburt\" des KGB durch den Inlandsgeheimdienst FSB nur noch der f\u00fcr die Sicherheit des Pr\u00e4sidenten und anderer Spitzenpolitiker zust\u00e4ndige Schutzdienst FSO117 und der f\u00fcr die zivile Auslandsaufkl\u00e4rung zust\u00e4ndige SWR118, der sich einer Eingliederung bisher erfolgreich widersetzen konnte. Insgesamt l\u00e4sst sich eine wachsende Machtstellung des FSB und eine zunehmende Verflechtung mit allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen feststellen. Das wird auch 113 Komitet Gosudarstwennoi Besopasnosti, (Komitee f\u00fcr Staatssicherheit) 114 Federalnaja Sluschba Besopasnosti, (Abwehr-/Inlandsgeheimdienst) 115 Federalnoje Agenstwo Prawitelstvennoj Swjasi i Informazij, (F\u00f6derale Agentur f\u00fcr Regierungsmeldewesen und Information der Russischen F\u00f6deration) 116 Federalnaja Pogranitschnaia Sluschba, (F\u00f6deraler Dienst f\u00fcr Grenzschutz) 117 Federalnaja Slushba Okhrani, (F\u00f6deraler Dienst f\u00fcr Regierungsschutz) 118 Sluschba Wneschnej Raswedki, (Dienst f\u00fcr Auslandsaufkl\u00e4rung)","190 Spionageabwehr darin deutlich, dass seit dem 11. Juli 2004 der Leiter des FSB, Nikolai Patruschew, den Status eines Ministers erhalten hat und seine bis zu vier Stellvertreter zu stellvertretenden Ministern ernannt wurden. In den Fokus des FSB sind auch ausl\u00e4ndische Nichtregierungsorganisationen119 geraten, die nach Aussagen Patruschews von fremden Geheimdiensten zunehmend genutzt w\u00fcrden, um auf nicht traditionellen Wegen nachrichtendienstliche Aufkl\u00e4rung zu betreiben. Russland selbst unternimmt nach den Beobachtungen der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden \u00fcber den SWR, der dem russischen Pr\u00e4sidenten direkt unterstellt ist, und unter Mitwirkung des FSB weltweit nach wie vor gro\u00dfe Anstrengungen, auf offenen und geheimen Wegen Informationen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Milit\u00e4r zu beschaffen. Das gilt insbesondere auch im Operationsgebiet Deutschland. Die \"Legalresidenturen\"120, die in Russlands exterritorialen Einrichtungen wie Botschaften, Generalkonsulaten und Handelsvertretungen eingebettetet sind, nehmen weiterhin eine bedeutsame Stellung bei der Informationsgewinnung im Ausland und damit auch in Deutschland ein. Unter diplomatischer Legende operierende Mitarbeiter der Geheimdienste versuchen dabei, \u00fcber pers\u00f6nliche Kontakte zu Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Forschung und auch Milit\u00e4r Informationen zu beschaffen. Dies trifft auch f\u00fcr den russischen milit\u00e4rischen Nachrichtendienst GRU (Glavnoie Rasvedivatelnoie Upravlenie) zu, der bereits seit Aufl\u00f6sung der drei sowjetischen Milit\u00e4rmissionen (SMM) in Deutschland nach 1990 verst\u00e4rkt auf diplomatische Einrichtungen und Handelsvertretungen als konspirative Operationsbasen zur\u00fcckgreifen musste. Chinesische Geheimdienste Die Volksrepublik China, die ihre Volkswirtschaft grundlegend reformieren und bis zum Jahre 2010 in ein \"Marktwirtschaftssystem sozialistischer Pr\u00e4gung\" \u00fcberf\u00fchren will, nutzt f\u00fcr dieses Ziel alle Formen der Kooperation mit den hoch entwickelten Industrienationen. Im Rahmen dieser Bem\u00fchungen betreibt China auch in Deutschland eine immer intensivere geheimdienstliche Aufkl\u00e4rung. So haben die 119 \"Non Governmental Organizations\" (NGOs); Hilfsorganisationen, Friedensverb\u00e4nde, Umweltschutzvereinigungen etc. 120 St\u00fctzpunkt eines fremden Geheimdienstes, getarnt in einer offiziellen oder halb-offiziellen Vertretung wie einer Botschaft, einem Generalkonsulat oder einer Fluggesellschaft.","Spionageabwehr 191 chinesischen Geheimund Sicherheitsdienste die Aufgabe, die chinesische Staatsf\u00fchrung m\u00f6glichst fr\u00fchzeitig mit Informationen zu versorgen, die f\u00fcr Entscheidungen in der Au\u00dfenund Sicherheitspolitik von Bedeutung sind. Au\u00dferdem besteht ein permanentes Interesse an milit\u00e4rischen, technischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Informationen, um den Vorsprung des Westens zu verringern. Wichtigster Tr\u00e4ger der nachrichtendienstlichen Aufkl\u00e4rung ist mit mehr als 800.000 Mitarbeitern das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit (MSS) als ziviler Inlandsund Auslandsgeheimdienst. Das MSS hat zur Sicherung der inneren Machtstrukturen fast uneingeschr\u00e4nkte Befugnisse. Es ist davon auszugehen, dass ausl\u00e4ndische Besucher, vorrangig Entscheidungstr\u00e4ger aus Wirtschaft und Wissenschaft, in China einer umfassenden \u00dcberwachung unterliegen und in Hotels und Konferenzr\u00e4umen abgeh\u00f6rt werden. Bei dem milit\u00e4rischen Nachrichtendienst (MID) handelt es sich um die \"2. Hauptverwaltung des Generalstabes der Volksbefreiungsarmee\". Die vom MID im Ausland eingesetzten Agenten sind h\u00e4ufig bei den Milit\u00e4rattaches an den chinesischen diplomatischen Vertretungen (Legalresidenturen) angesiedelt. Botschaften und Konsulate bieten ebenso wie Presseagenturen den geheimdienstlich T\u00e4tigen eine gute Basis, weil das Interesse an bestimmten Informationen durch die \"offizielle Funktion\" kaschiert werden kann. Die chinesischen Geheimdienste legen den Schwerpunkt ihrer Nachrichtenbeschaffung auf offene Informationsabsch\u00f6pfung. Eingesetzt werden vorrangig sprachlich ausgebildete Landsleute, die im Rahmen ihrer offiziellen T\u00e4tigkeit Kontakte zu deutschen Dienststellen und Ministerien unterhalten. Beziehungen zu nachrichtendienstlich interessanten Personen werden langfristig entwickelt und intensiv gepflegt anl\u00e4sslich von kulturellen Veranstaltungen, bei Empf\u00e4ngen in der Botschaft bis hin zu Einladungen nach China. Das methodische Vorgehen ist von dem Kalk\u00fcl gepr\u00e4gt, dass \"Freunde\" begehrte Informationen freiwillig liefern oder sich sogar zur \"Lieferung\" verpflichtet f\u00fchlen. Folgende \u00f6ffentlich bekannt gewordenen Sachverhalte belegen die weltweit betriebene Wirtschaftsspionage der chinesischen Nachrichtendienste: - Im April wurde eine beim Autozulieferer Valeo in Frankreich als Praktikantin t\u00e4tige 22-j\u00e4hrige Chinesin festgenommen. In ihrer Wohnung wurden sechs Computer und zwei Festplatten mit belastendem Material sichergestellt. Die junge Frau hatte Daten mehrerer Auto-Prototypen, die noch nicht die Marktreife erlangt haben, kopiert.","192 Spionageabwehr - In den USA konnte Ende des Jahres ein Spionagering aufgedeckt werden, der nach Pressemeldungen seit l\u00e4ngerer Zeit sicherheitsrelevante Daten aus der R\u00fcstungsindustrie an China geliefert haben soll. Im Zentrum der Ermittlungen stehen zwei aus China stammende Br\u00fcder. Einer von ihnen war als Elektronikingenieur bei einem namhaften Unternehmen in Los Angeles besch\u00e4ftigt und an zahlreichen R\u00fcstungsprojekten - u. a. f\u00fcr die US-Marine - beteiligt. Nach der Presseberichterstattung hat er sensible Unterlagen kopiert und die Datentr\u00e4ger an seinen Bruder weitergeleitet. Der Bruder wurde festgenommen, als er versuchte, die Daten \u00fcber Hongkong in seine Heimatstadt in China zu bringen. Eine weitere Aufgabe der chinesischen Nachrichtendienste ist die \u00dcberwachung und die Beeinflussung der au\u00dferhalb Chinas lebenden \"Landsleute\". Hierzu z\u00e4hlen insbesondere oppositionelle Gruppen wie die in China seit 1999 verbotene buddhistisch-taoistische Falun-Gong-Bewegung sowie die nach \"Selbstbestimmung\" strebenden islamischen Uiguren, eine muslimische t\u00fcrkisch-sprachige Volksgruppe, deren Heimat die \u00f6lreiche autonome Region der nationalen Minderheit Xinjiang im Nordwesten Chinas ist. Anfang Juni best\u00e4tigten die beiden ehemaligen chinesischen Funktion\u00e4re Chen Yonglin121 und Hao Fengjun122 \u00f6ffentlich Folterungen an Falun-Gong-Anh\u00e4ngern in China. Beide berichteten \u00fcber umfangreiche Spionaget\u00e4tigkeiten im Ausland. Einem im Oktober in der Zeitschrift \"Die Neue Epoche online123\" ver\u00f6ffentlichten Beitrag nach berichtete Chen Yonglin w\u00e4hrend eines Seminars im Europaparlament in Br\u00fcssel \u00fcber Zusammenh\u00e4nge zwischen Verbrechen in China und Spionage im Ausland: \"Er (Chen) best\u00e4tigte den systematischen Charakter der Kampagne der KPC gegen Falun Gong und f\u00fcgte hinzu: 'In Australien befinden sich \u00fcber 1000 chinesische Geheimagenten, 121 Erster Sekret\u00e4r f\u00fcr politische Angelegenheiten beim chinesischen Konsulat in Sydney/Australien, der im Mai gemeinsam mit seiner Familie das chinesische Konsulat verlassen und bei der australischen Regierung um politisches Asyl gebeten hat. 122 Nach Angaben des regimekritischen Mediendienstes \"Die Neue Epoche online\" war Hao Fengjun Geheimdienstmitarbeiter. Bevor er China im Februar in Richtung Australien verlie\u00df, war er zust\u00e4ndig f\u00fcr die Analyse der Berichte von Auslandsinformanten. Gleichzeitig fungierte er als h\u00f6herer Polizeifunktion\u00e4r des geheimen \"B\u00fcros 610\". Das im B\u00fcro f\u00fcr \u00d6ffentliche Sicherheit eingegliederte (Sonder-) \"B\u00fcro 610\", das von einem Mitglied des Politb\u00fcros der KP China geleitet wird, ist haupts\u00e4chlich zust\u00e4ndig f\u00fcr die Falun-Gong-Bewegung sowie f\u00fcr andere von der KP Chinas zur Sekte erkl\u00e4rten Organisationen. 123 Artikel \"Europaparlament: Chinas Menschenrechte im Fokus\" vom 28.10.2005","Spionageabwehr 193 die bei der Verfolgung von Falun Gong eine Rolle gespielt haben.' In jeder chinesischen Botschaft und jedem Konsulat befindet sich nach seiner Aussage mindestens ein Diplomat f\u00fcr politische Angelegenheiten, dessen Job es ist, Dissidenten in \u00dcbersee \u00f6ffentlich zu beobachten. Gleichzeitig wird auf die jeweilige Auslandsregierung Druck ausge\u00fcbt, die Aktivit\u00e4ten der dortigen Dissidenten zu beschr\u00e4nken. 'China hat unter dem Deckmantel 'Diplomat' in fast alle wichtigen St\u00e4dte weltweit Geheimdienstagenten entsendet,' so Chen.\" Im Verlauf dieser Veranstaltung habe Hao Fengjun von sehr ernsten Menschenrechtsverst\u00f6\u00dfen des \"B\u00fcros 610\" in China und von der \u00dcberwachung von chinesischen Dissidenten \u00fcberall auf der Welt berichtet. Geheimdienste aus Staaten des Nahen und Mittleren Ostens Die Aktivit\u00e4ten der fremden Geheimdienste aus den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens sind nach wie vor schwerpunktm\u00e4\u00dfig auf die Ausforschung der in Deutschland ans\u00e4ssigen Oppositionellen und ihrer Organisationen ausgerichtet. So unterhalten z.B. die syrischen Geheimdienste nach wie vor in Deutschland Legalresidenturen an den Vertretungen ihres Landes. Die dort unter diplomatischem Status getarnt t\u00e4tigen geheimdienstlichen Mitarbeiter setzten auch 2005 ihre Aktivit\u00e4ten fort. Regimegegner, die in Deutschland ausgeforscht worden sind, werden bei der Einreise nach Syrien \u00fcberwacht und unter Androhung von Restriktionen zur Mitarbeit aufgefordert. Nicht selten werden sie Opfer von Misshandlungen und Folter. Proliferation und illegaler Wissenstransfer Aus machtpolitischen Gr\u00fcnden halten einige Staaten des nahen und mittleren Ostens den Besitz von atomaren, biologischen und chemischen Waffensystemen auch weiterhin f\u00fcr unverzichtbar. Die Beschaffung von Hochtechnologieprodukten und der illegale Know-howTransfer von Produkten, die zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen und entsprechenden Tr\u00e4gersystemen eingesetzt werden k\u00f6nnen, werden unter dem Begriff Proliferati-","194 Spionageabwehr on zusammengefasst. Zu den sogenannten proliferationsrelevanten L\u00e4ndern z\u00e4hlen Indien, Iran, Nordkorea, Pakistan und Syrien. Es handelt sich hierbei um Staaten, von denen zu bef\u00fcrchten ist, dass sie Massenvernichtungswaffen im Konfliktfall einsetzen werden. Sie stellen damit weltweit eines der gr\u00f6\u00dften Sicherheitsrisiken dar. Auf politischer Ebene versuchen deshalb die Staaten der westlichen Welt, die proliferationsrelevanten Staaten zur Aufgabe ihrer Massenvernichtungswaffenprogramme zu bewegen. Der Fokus dieser Bem\u00fchungen richtete sich 2005 haupts\u00e4chlich auf Nordkorea und die Iranische Republik. Nordkorea erkl\u00e4rte im September zwar seinen Verzicht auf Atomwaffen und k\u00fcndigte die R\u00fcckkehr zum Atomwaffensperrvertrag an. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob das Land an der Vereinbarung tats\u00e4chlich festh\u00e4lt. Trotz der Verhandlungsbem\u00fchungen der Europ\u00e4ischen Union h\u00e4lt der Iran unvermindert an seinen Bestrebungen zum Aufbau des nuklearen Brennstoffkreislaufs fest. Eine Zunahme entsprechender Beschaffungsbem\u00fchungen ist zu bef\u00fcrchten. Ihren Bedarf an proliferationsrelevanten G\u00fctern versuchen die genannten L\u00e4nder in Hochtechnologiestaaten zu decken. Ziel ist der Erwerb von Produkten, die den Fortbestand und die Weiterentwicklung des schon bestehenden Produktionsprogramms sichern sollen oder die f\u00fcr die Entwicklung neuer Massenvernichtungswaffen oder Tr\u00e4gersysteme ben\u00f6tigt werden. Hierzu bedienen sie sich h\u00e4ufig staatlich gelenkter Beschaffungsorganisationen und Tarnfirmen. Unter Umgehung bestehender Exportvorschriften und \u00fcber Umweglieferungen wird versucht, den tats\u00e4chlichen Bestimmungsort und Verwendungszweck der zu beschaffenden G\u00fcter gegen\u00fcber dem Gesch\u00e4ftspartner zu verschleiern. Oftmals haben die ausgef\u00fchrten Teile \"zweifache Nutzungsm\u00f6glichkeiten\", d.h. sie k\u00f6nnen in milit\u00e4rischen Systemen, darunter Satelliten, Radar und intelligente Waffen, bei elektronischer Kriegsf\u00fchrung und im milit\u00e4rischen Kommunikationswesen, aber auch in zivilen Bereichen wie z.B. in Handys und Computern Verwendung finden. Man spricht hier von so genannten DualUse-G\u00fctern. Die Bundesrepublik Deutschland als eine der f\u00fchrenden Industrienationen der Welt stellt ein bevorzugtes Beschaffungsziel dar. Zu den Aufgaben des Verfassungsschutzes geh\u00f6rt es auch, Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die aufgrund ihrer Produktpalette oder ihres Know-how \"interessant\" sind, f\u00fcr Proliferationsbem\u00fchungen missbraucht zu werden, \u00fcber diese Gefahren aufzukl\u00e4ren und f\u00fcr die Arbeitsmethoden fremder Geheimdienste zu sensibilisieren. Im Berichtsjahr konnte das Nieders\u00e4chsische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz seine Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen inten-","Spionageabwehr 195 sivieren. In zahlreichen Sensibilisierungsgespr\u00e4chen wurden Hochtechnologieunternehmen und proliferationsrelevante Fachbereiche von Forschungseinrichtungen \u00fcber die aktuelle Proliferationsproblematik aufgekl\u00e4rt. Im gegenseitigen Informationsaustausch erhielt das Nieders\u00e4chsische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz auch konkrete Hinweise auf proliferationsrelevante Sachverhalte. Auch auf der Grundlage dieser Informationen konnte das NLfV gef\u00e4hrdete Unternehmen noch gezielter auf aktuelle Beschaffungsversuche aufmerksam machen. Spionage im Bereich der Kommunikationstechnik Zu den Arbeitsmethoden insbesondere der russischen Geheimdienste geh\u00f6rt auch die Informationsbeschaffung durch den Einsatz moderner Nachrichtentechnik bei der Fernmeldeund elektronischen Aufkl\u00e4rung. Sie findet auch als Kommunikationsinstrument bei der Agentenf\u00fchrung Anwendung. Dabei wird mit Fernmeldemitteln vom russischen Hoheitsgebiet und von einigen St\u00fctzpunkten der GUS aus der internationale Funkverkehr sowie die drahtlose Telekommunikation planm\u00e4\u00dfig \u00fcberwacht und ausgewertet. Insbesondere durch die Beschaffung westlicher Technologie bem\u00fcht sich der russische Inlandsgeheimdienst FSB, seine technische Ausstattung auf hohem Niveau zu halten. Zu den Aufgaben der russischen Geheimdienste geh\u00f6rt auch die Wirtschaftsspionage mit elektronischen Mitteln. Da der FSB im Bereich der gewerblichen Wirtschaft die staatlichen Betreiberlizenzen f\u00fcr Kommunikationstechnik erteilt, f\u00fcr die Vergabe von Funkkan\u00e4len und Frequenzen zust\u00e4ndig ist sowie den Einsatz von Verschl\u00fcsselungsverfahren genehmigt, hat er Zugriff auf umfassende Informationen \u00fcber nationale und internationale Gesch\u00e4ftsverbindungen russischer Unternehmen einschlie\u00dflich der Leistungsf\u00e4higkeit und der technischen Ausstattung ihrer westlichen Gesch\u00e4ftspartner. In diesem Zusammenhang darf nicht unerw\u00e4hnt bleiben, dass Telefon-, E-Mailund Faxverbindungen auch im Fokus der Geheimdienste westlicher Staaten stehen. Nach dem Bericht des Sonderausschusses ECHELON des Europ\u00e4ischen Parlaments aus dem Jahr 2001 h\u00f6rt das weltumspannende \"Echelon-System\" der englischsprachigen Staaten USA, Gro\u00dfbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland unter der Verwaltung der amerikanischen National Security Agency (NSA) systematisch die nicht leitungsgebundene Satelliten-, Mikrowellenund Mobilfunk-Kommunikation ab. Die einge-","196 Spionageabwehr fangenen Signale werden durch Computer verarbeitet, die dazu programmiert wurden, Zieladressen, W\u00f6rter, S\u00e4tze oder sogar individuelle Stimmen zu erkennen. War \"Echelon\" zun\u00e4chst nur dazu gedacht, die milit\u00e4rische und diplomatische Kommunikation der Sowjetunion und ihrer Verb\u00fcndeten abzuh\u00f6ren, wird es heute auch zur Suche nach organisierter Kriminalit\u00e4t benutzt. M\u00f6glich ist auch, dass dieses System der Wirtschaftsspionage dient. Bis 2004 standen Antennen des \"Echolon\" auch im bayerischen Bad Aibling. Danach wurden das Personal und die Anlagen nach Griesheim bei Darmstadt verlegt. Als Kommunikationsmittel im geheimdienstlichen Verbindungswesen dient zunehmend das Internet. Agent und F\u00fchrungsstelle richten sich z.B. bei einem gro\u00dfen Internet-EMail-Dienst eigene Postf\u00e4cher unter fiktiven Daten ein und k\u00f6nnen so miteinander in Verbindung treten. Mittels des so genannten Steganographieverfahrens werden Daten im Internet ausgetauscht. Dabei werden Daten auf unverd\u00e4chtigen Internetseiten so versteckt, dass sie von unautorisierten Nutzern nicht erkannt werden k\u00f6nnen.","Geheimund Wirtschaftsschutz 197 GEHEIMUND WIRTSCHAFTSSCHUTZ Ziel des Geheimschutzes ist der Schutz staatlicher Verschlusssachen (VS). Informationen und Vorg\u00e4nge, deren Bekannt werden den Bestand oder lebenswichtige Interessen, die Sicherheit oder sonstige Interessen des Bundes oder eines Landes gef\u00e4hrden k\u00f6nnen, m\u00fcssen geheim gehalten und als VS vor unbefugter Kenntnisnahme gesch\u00fctzt werden. Je nach Schutzbed\u00fcrftigkeit erfolgt eine Einstufung der VS in die Geheimhaltungsgrade VS-NUR F\u00dcR DEN DIENSTGEBRAUCH, VS-VERTRAULICH, GEHEIM oder STRENG GEHEIM. Der Schutz der VS wird durch Ma\u00dfnahmen des personellen und materiellen Geheimschutzes gew\u00e4hrleistet und richtet sich nach dem Geheimhaltungsgrad, wobei die Schutzma\u00dfnahmen bei der Einstufung STRENG GEHEIM am h\u00f6chsten sind. Personeller Geheimschutz Verschlusssachen ab dem Geheimhaltungsgrad VS-VERTRAULICH d\u00fcrfen nur Personen bearbeiten, die sich einer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung unterzogen haben. Zentrales Instrument f\u00fcr die Durchf\u00fchrung dieser Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen im beh\u00f6rdlichen Bereich ist in Niedersachsen das Nieders\u00e4chsische Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetz (Nds. S\u00dcG). Die in diesem Gesetz vorgeschriebenen \u00dcberpr\u00fcfungsverfahren stellen sicher, dass nur Personen, deren Zuverl\u00e4ssigkeit festgestellt worden ist, eine sicherheitsempfindliche T\u00e4tigkeit aus\u00fcben. Zust\u00e4ndig f\u00fcr die Einleitung einer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung ist die jeweilige Besch\u00e4ftigungsdienststelle (zust\u00e4ndige Stelle); das NLfV wirkt bei der Durchf\u00fchrung der \u00dcberpr\u00fcfung mit (mitwirkende Beh\u00f6rde). Im Jahr 2005 hat das NLfV als mitwirkende Beh\u00f6rde insgesamt 530 Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen (2004: 458; 2003: 452) bearbeitet. Materieller Geheimschutz Der materielle Geheimschutz umfasst technische und organisatorische Ma\u00dfnahmen zur Verhinderung der unbefugten Kenntnisnahme von VS. In der Verschlusssachenanweisung (VSA) sowie erg\u00e4nzenden Richtlinien ist geregelt, wie als VS eingestuftes Schriftgut sicher bearbeitet, verwahrt und verwaltet wird. Dem Schutz elektronisch gespeicherter oder elektronisch \u00fcbermittelter VS wird in der VSA, im Detail aber","198 Geheimund Wirtschaftsschutz in den \"Nieders\u00e4chsischen Richtlinien zum Geheimschutz von VS beim Einsatz von Informationstechnik\" vom 29.12.2000 Rechnung getragen. Das NLfV wirkt gem\u00e4\u00df SS 60 (1) VSA bei der Durchf\u00fchrung der VSA und der sie erg\u00e4nzenden Richtlinien mit und ber\u00e4t die VS-verwaltenden Dienststellen des Landes. Beratungsschwerpunkte sind die Einrichtung und der Betrieb von VS-Verwahrgelassen wie besonders gesicherten Aktensicherungsr\u00e4umen oder VS-Stahlschr\u00e4nken, in denen VS unter Beachtung baulicher, mechanischer, elektronischer und organisatorischer Sicherheitsvorkehrungen aufbewahrt werden k\u00f6nnen. Die Anzahl der VS-verwaltenden Dienststellen ist seit einigen Jahren r\u00fcckl\u00e4ufig. 2005 konnten einige durch aufw\u00e4ndige Technik alarmgesicherte VS-Verwahrgelasse aus der \u00dcberwachung genommen werden, da das Aufkommen an VS vor allem in den St\u00e4dten und Landkreisen r\u00fcckl\u00e4ufig war und Altbest\u00e4nde vernichtet wurden. Beratung \u00dcber die Mitwirkungspflicht hinaus hat das NLfV einen besonderen Schwerpunkt seiner Geheimschutzarbeit in der Information und Beratung der Geheimschutzbeauftragten nieders\u00e4chsischer Beh\u00f6rden. Im Rahmen einer zweit\u00e4gigen Schulung f\u00fcr Geheimschutzbeauftragte wurden im September Grundlagen des personellen und materiellen Geheimschutzes vermittelt. Dar\u00fcber hinaus finden individuelle Beratungsgespr\u00e4che mit Geheimschutzbeauftragten oder VS-Verwaltern statt. Wirtschaftsspionage und Wirtschaftsschutz Hauptaufgabe des Wirtschaftsschutzes ist es, als vorbeugende Spionageabwehr die Wirtschaft vor Aussp\u00e4hungsversuchen fremder Geheimdienste zu sch\u00fctzen, um Sch\u00e4den f\u00fcr die deutsche Volkswirtschaft abzuwenden. Die in der Spionageabwehr gewonnenen Erkenntnisse \u00fcber Arbeitsweise und Zielrichtungen fremder Nachrichtendienste sind ma\u00dfgebliche Grundlage f\u00fcr die Beratung nieders\u00e4chsischer Unternehmen. Des Weiteren werden die Unternehmen auch \u00fcber die im NLfV gewonnenen Erkenntnisse zum Rechts-, Linksund Ausl\u00e4nderextremismus informiert. Mit diesem Arbeitsschwerpunkt hat sich das NLfV seit einigen Jahren zu einem festen","Geheimund Wirtschaftsschutz 199 Ansprechpartner f\u00fcr die Wirtschaft in Niedersachsen entwickelt. Die Ausforschung deutscher Unternehmen durch fremde Nachrichtendienste ist als geheimdienstliche Agentent\u00e4tigkeit gem\u00e4\u00df SS 99 StGB strafbar und f\u00e4llt als Wirtschaftsspionage in die Zust\u00e4ndigkeit des Verfassungsschutzes. Davon abzugrenzen ist die Konkurrenzspionage nach SS 17 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb, bei der der Verrat von Betriebsund Gesch\u00e4ftsgeheimnissen von einem konkurrierenden Unternehmen ausgeht. Zust\u00e4ndig ist in diesen F\u00e4llen die Polizei f\u00fcr die Strafverfolgung. Im Bereich des Geheimund Wirtschaftsschutzes ber\u00e4t das NLfV derzeit fast 300 nieders\u00e4chsische Firmen in Sicherheitsfragen. Hierzu z\u00e4hlen die geheimschutzbetreuten Unternehmen sowie Firmen aus dem technologieorientierten Sektor der Wirtschaft. Hauptzielgruppe bei den Beratungen sind weiterhin kleine und mittelst\u00e4ndische Unternehmen, da diese erfahrungsgem\u00e4\u00df \u00fcber eine gering ausgepr\u00e4gte Sicherheitsstruktur verf\u00fcgen und somit eher einer Gef\u00e4hrdung durch Aussp\u00e4hungsversuche und Know-how-Verlust unterliegen. Im Jahr 2005 hat das NLfV im Bereich Wirtschaftsschutz etwa 120 nieders\u00e4chsische Unternehmen beraten. Eine Vielzahl von Unternehmen hat das NLfV dar\u00fcber hinaus im Rahmen von 27 Vortragsveranstaltungen erreicht, die landesweit bei Firmen, Handelskammern, \u00f6ffentlichen Verwaltungen, kommunalen Wirtschaftsf\u00f6rderungen und Technologiezentren, aber auch bei Polizeidienststellen sowie bei der Steuerfahndung durchgef\u00fchrt wurden. Als ein sinnvolles Kommunikationsmittel hat sich der elektronische Newsletter des NLfV erwiesen, der die betreuten Unternehmen in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden mit aktuellen sicherheitsrelevanten Informationen versorgt. Neben den pr\u00e4ventiven Aspekten ist es ein Ziel des Wirtschaftsschutzes, die Erkenntnislage des Verfassungsschutzes im Bereich der Wirtschaftsspionage zu verbessern, damit die Methoden und Arbeitsweisen fremder Nachrichtendienste erkannt werden k\u00f6nnen und die Spionageabwehr ihrer Fr\u00fchwarnfunktion f\u00fcr die Wirtschaft gerecht werden kann. Dabei ist es von gro\u00dfer Bedeutung, dass der Verfassungsschutz auch von Sicherheitsvorf\u00e4llen in den Unternehmen erf\u00e4hrt, die sp\u00e4ter in anonymisierter Form als Beispiele in den Firmenberatungen eingesetzt werden k\u00f6nnen. F\u00fcr die Unternehmen ist h\u00e4ufig nicht sofort erkennbar, ob es sich bei einer Aussp\u00e4hungshandlung um Wirtschaftsoder Konkurrenzspionage handelt. In jedem Fall ist es empfehlenswert, den Wirtschaftsschutz des NLfV zu informieren, um Hilfestellung beim weiteren Vorgehen zu erhalten.","200 Geheimund Wirtschaftsschutz Die folgenden Beispiele von Sicherheitsvorf\u00e4llen, die dem NLfV mitgeteilt wurden, waren bei Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen hilfreich: - Es wurde von chinesischen Praktikanten und Wissenschaftlern berichtet, die ungew\u00f6hnlich starkes Interesse an Produkten und Arbeitsabl\u00e4ufen entwickelten. Da in unzul\u00e4ssiger Weise Daten auf Laptops kopiert wurden, kann von gezielten Informationsbeschaffungsma\u00dfnahmen aus gegangen werden,. - Unbekannten T\u00e4tern gelang es mit professioneller Aussp\u00e4hungstechnik unbemerkt auf das Netzwerk eines Unternehmens zuzugreifen, einen \"Trojaner\" zu installieren und umfangreiche Datenmengen an nachrichtendienstlich relevante Adressaten zu senden. - In mehreren F\u00e4llen kam es in Unternehmen zu Laptopdiebst\u00e4hlen bei Einbr\u00fcchen auf dem Firmengel\u00e4nde oder bei Autoaufbr\u00fcchen. Dabei verschwanden in fast allen F\u00e4llen erhebliche Mengen sensibler und vertraulicher Daten. Da die T\u00e4ter h\u00e4ufig gezielt vorgegangen sind, d\u00fcrfte es sich in diesen F\u00e4llen nicht um Beschaffungskriminalit\u00e4t gehandelt haben, sondern um Spionage fremder Geheimdienste oder konkurrierender Unternehmen. Zum dritten Mal in Folge pr\u00e4sentierten sich der Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutz und die Polizei mit einem gemeinsamen Stand auf der Computermesse CeBIT in Hannover. Vielf\u00e4ltige, fachlich qualifizierte Beratungsgespr\u00e4che dokumentieren das gro\u00dfe Interesse der Messebesucher. F\u00fcr die CeBIT 2006 ist eine Fortf\u00fchrung des gemeinsamen Messeauftritts vorgesehen. Auf der j\u00e4hrlichen Wirtschaftsschutztagung im Juni in Hannover informierten sich 50 Unternehmensvertreter \u00fcber Rechts-, Linksund Ausl\u00e4nderextremismus, sowie Wirtschaftsspionage. Im Mittelpunkt der j\u00e4hrlichen Tagung f\u00fcr Sicherheitsbevollm\u00e4chtigte der geheimschutzbetreuten Unternehmen Niedersachsens im November in L\u00fcneburg standen Vortr\u00e4ge \u00fcber sicherheitsrelevante Aspekte des Wirtschaftsaustausches mit China. Firmen k\u00f6nnen wie folgt Kontakt zum Wirtschaftsschutz aufnehmen: Tel.: 0511-6709-0, App.: 244-248 Fax: 0511-6709-393 E-Mail: wirtschaftsschutz@nlfv.niedersachsen.de","Der Verfassungsschutz in Niedersachsen 201 DER VERFASSUNGSSCHUTZ IN NIEDERSACHSEN Besch\u00e4ftigte Im Haushaltsplan 2005 waren f\u00fcr die nieders\u00e4chsische Verfassungsschutzbeh\u00f6rde 246 Stellen (2004: 227) ausgewiesen. Im aktuellen Haushaltsplan 2006 ist die Stellenzahl wegen Erf\u00fcllung allgemeiner Einsparauflagen auf 244 festgesetzt worden. Die Personalverst\u00e4rkung im Haushaltsjahr 2005 im direkten Vergleich zum Haushaltsjahr 2004 diente im Wesentlichen der Intensivierung von Beobachtung und Aufkl\u00e4rung des islamistischen Extremismus und Terrorismus. In der Gesamtstellenzahl sind auch die Besch\u00e4ftigten enthalten, die keine verfassungsschutzspezifischen Aufgaben wahrnehmen, wie z.B. Schreibkr\u00e4fte, Verwaltungspersonal, Hausmeister etc. Nach Abzug dieser Funktionen liegt die Zahl der origin\u00e4ren Verfassungsschutzaufgaben zugeordneten Stellen bei 198. Das Besch\u00e4ftigungsvolumen, die Grundlage f\u00fcr die Berechnung der Personalkosten f\u00fcr die im NLfV Besch\u00e4ftigten, betrug im Haushaltsjahr 2005 233,84 Vollzeiteinheiten (VZE); f\u00fcr das Haushaltsjahr 2006 wurde es auf 231,12 VZE festgesetzt. Haushalt Im Haushalt der nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzbeh\u00f6rde waren im Haushaltsjahr 2005 f\u00fcr Personalausgaben 10.466.000 EUR (2004: 9.665.000 EUR) und f\u00fcr Sachausgaben 2.594.000 EUR (2004: 2.338.000 EUR) veranschlagt. Damit ergab sich ein Ausgabevolumen von 13.060.000 EUR. Mitwirkungsaufgaben des NLfV Seit Anfang des Jahres werden die zuvor dezentral im Bereich Geheimschutz oder in der Fachabteilung Extremismus wahrgenommenen Mitwirkungsaufgaben des NLfV in einem neu eingerichteten Dezernat geb\u00fcndelt. Damit wurde der zunehmenden Bedeutung dieser Sicherheitsaufgabe Rechnung getragen.","202 Der Verfassungsschutz in Niedersachsen Im Jahr 2005 erhielt das NLfV insgesamt 37.558 Mitwirkungsersuchen. Neben den Pr\u00fcfungsschwerpunkten in den Bereichen Einb\u00fcrgerungen (13.723 Anfragen), Aufenthaltstitel (5.263), Luftsicherheit (11.826) und Atomsicherheit (4.364) werden auch Stellungnahmen nach dem Waffengesetz, dem Sprengstoffgesetz, dem H\u00e4ftlingshilfegesetz, dem Ordensgesetz, dem Hafensicherheitsgesetz, der Bewachungsverordnung und der \u00dcberfallund Einbruchmelderichtlinie bearbeitet. Im Rahmen der Mitwirkung wird \u00fcberpr\u00fcft, ob dem Verfassungsschutz zu den angefragten Personen Erkenntnisse vorliegen, die bei den Entscheidungen der anfragenden Beh\u00f6rden eine sicherheitsbezogene Relevanz entfalten.","Der Verfassungsschutz in Niedersachsen 203 Organisationsplan des Nieders\u00e4chsischen Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz (NLfV) Pr\u00e4sident Vizepr\u00e4sident Qualit\u00e4tsmanagement Abteilung 1 Abteilung 2 Abteilung 3 Zentrale Aufgaben Extremismus und Spionageabwehr; Terrorismus Geheimu. Wirtschaftsschutz, Observation; Mitwirkungsaufgaben Dezernat 11 Dezernat 21 Dezernat 31 Grundsatzund GrundsatzanGrundsatzangelegenRechtsangelegengelegenheiten der heiten der Spionageheiten, \u00d6ffentlichkeitsNachrichtenbeabwehr, operative und Pressearbeit, schaffung und Sicherheit, Geheimu. Berichtswesen; G 10 Auswertung, Wirtschaftsschutz Tarnmittel operative Sicherheit Dezernat 12 Dezernat 22 Dezernat 32 Datenverarbeitung, Ausl\u00e4nderextremismus Spionageabwehr, Technische Dienste und -terrorismus Scientology-Org. (SO) Dezernat 14 Dezernat 23 Dezernat 33 Verwaltung Rechtsextremismus Observationen und -terrorismus Dezernat 24 Dezernat 34 Linksextremismus Mitwirkungsaufgaben und -terrorismus bei der Abwehr islamistisch-extremistischer und sonstiger Gefahren durch andere Landesbeh\u00f6rden Stand: 01.04.2006","204 Der Verfassungsschutz in Niedersachsen Projektorganisation Gemeinsames Informationsund Analysezentrum Polizei und Verfassungsschutz Niedersachsen (GIAZ Niedersachsen) Zur weiteren Verbesserung des Informationsaustausches zwischen Polizei und Verfassungsschutz f\u00fcr projektbezogene Analysen hat Niedersachsen am 9. Dezember 2004 die bundesweit bislang einmalige Projektorganisation Gemeinsames Informationsund Analysezentrum Polizei und Verfassungsschutz Niedersachsen (GIAZ) gegr\u00fcndet. Das Trennungsgebot124 wird dabei nicht aufgehoben; das GIAZ ist parit\u00e4tisch mit Mitarbeitern des Nieders\u00e4chsischen Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz und des Landeskriminalamtes Niedersachsen besetzt. Im GIAZ werden Erkenntnisse des Verfassungsschutzes und der Polizei aus den Bereichen - Internationaler Terrorismus und Extremismus, soweit er den internationalen Terrorismus unterst\u00fctzt, - militanter Rechtsextremismus und - Autonome und sonstiger gewaltbereiter Linksextremismus zusammengefasst und einer gemeinsamen Analyse und Bewertung unterzogen. Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel Der Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutz gewinnt die zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben relevanten Informationen \u00fcberwiegend aus offen zug\u00e4nglichen Quellen. Dar\u00fcber hinaus werden - im Rahmen gesetzlich festgelegter Befugnisse und unter Wahrung des Grundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit - nachrichtendienstliche Mittel zur Informationsbeschaffung eingesetzt. Nach SS 6 des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzgesetzes (NVerfSchG) darf das NLfV zur Beschaffung der erforderlichen Informationen auch die hier abschlie\u00dfend aufgef\u00fchrten nachrichtendienstlichen Mittel einsetzen, soweit dies f\u00fcr die Erkenntnisgewinnung unverzichtbar ist. Vor dem Einsatz von nachrichtendienstlichen Mitteln wird gepr\u00fcft, ob die von den jeweiligen Bestrebungen ausgehenden Gefahren, ggf. die Konspiration oder Gewaltbereitschaft einer Organisation, den Einsatz dieser Mittel 124 Das Trennungsgebot zwischen Verfassungsschutz und Polizei ist historisch begr\u00fcndet und regelt die organisatorische und befugnism\u00e4\u00dfige Trennung dieser Einrichtungen. Sie haben keinerlei gegenseitige Weisungsbefugnis. So ist dem Verfassungsschutz untersagt, die Polizei zu Handlungen zu bewegen, zu denen er nicht befugt ist, z.B. Personen zu kontrollieren oder festzunehmen, Wohnungen zu durchsuchen oder Unterlagen zu beschlagnahmen.","Der Verfassungsschutz in Niedersachsen 205 erfordern und durch welche Mittel die hiervon Betroffenen in ihren vom Grundgesetz gesch\u00fctzten Rechtspositionen am wenigsten belastet werden (Prinzip des geringstm\u00f6glichen Eingriffs). Die Anwendung nachrichtendienstlicher Mittel beinhaltete im Berichtszeitraum im Wesentlichen den Einsatz von Vertrauensleuten und sonstigen Informanten, verdeckte Ermittlungen und Befragungen sowie zeitlich befristete Observationen. Von dem nachrichtendienstlichen Mittel der \u00dcberwachung des Brief-, Postund Fernmeldeverkehrs nach Ma\u00dfgabe des Gesetzes zur Beschr\u00e4nkung des Brief-, Post und Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10-Gesetz - G10) wurde w\u00e4hrend des Berichtszeitraums vom NLfV wiederum nur in dem der Schwere des jeweiligen Verdachts angemessenen Ma\u00dfe Gebrauch gemacht. Die Anzahl der G10-Ma\u00dfnahmen bewegte sich im einstelligen Bereich. Die dem NLfV durch die Neufassung des NVerfSchG im Jahr 2004 einger\u00e4umten erweiterten Auskunftsbefugnisse gegen\u00fcber Kreditinstituten, Luftfahrtunternehmen und Erbringern von Postoder Telekommunikationsdienstleistungen sind nach SS 5a NVerfSchG an hohe rechtliche Voraussetzungen gebunden und lehnen sich im Bereich Postund Telekommunikationsdienstleistungen an das Pr\u00fcfverfahren einer G 10-Ma\u00dfnahme an. Von diesen Befugnissen, die zur besseren Aufkl\u00e4rung von Struktur, Logistik und Finanzierung terroristischer Gruppierungen erforderlich sind hat das NLfV aus Gr\u00fcnden der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit zur\u00fcckhaltend Gebrauch gemacht. Nachrichtendienstliches Informationssystem (NADIS) Das NLfV ist - wie die anderen Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder auch - gesetzlich befugt, die zur Aufgabenerf\u00fcllung erforderlichen personenbezogenen Daten zu erheben und in Akten und Dateien zu speichern. Das Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutzgesetz und detaillierte Dienstvorschriften schreiben bestimmte Speicherungsvoraussetzungen sowie Regelungen zur Sperrung und L\u00f6schung der Daten vor. Deren Beachtung unterliegt insbesondere der Kontrolle durch den Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz, das Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport und den im NLfV bestellten beh\u00f6rdlichen Datenschutzbeauftragten. Aufgrund der in Art. 73 Nr. 10 des Grundgesetzes und in SS 1 Bundesverfassungsschutzgesetz (BVerfSchG) normierten","206 Der Verfassungsschutz in Niedersachsen Verpflichtung zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Unterrichtung unterhalten alle Verfassungsschutzbeh\u00f6rden gem\u00e4\u00df SS 6 BVerfSchG eine gemeinsame beim Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz eingerichtete Datenbank, das so genannte Nachrichtendienstliche Informationssystem (NADIS). Alle teilnehmenden Beh\u00f6rden d\u00fcrfen dort nach Ma\u00dfgabe der jeweiligen eigenen rechtlichen Befugnisse personenbezogene Daten einstellen sowie auf den gesamten NADIS-Datenbestand zugreifen und Daten abrufen. Aus dem so genannten Aktenfundstellensystem, das NADIS darstellt, wird jedoch nur der Name der gespeicherten Person, die zu ihrer Identifizierung erforderlichen Merkmale wie z. B. Wohnanschrift, Staatsangeh\u00f6rigkeit, Kraftfahrzeug sowie die speichernde Beh\u00f6rde und deren nach einem einheitlichen Aktenplan vergebenen Aktenzeichen ersichtlich. Nicht gespeichert ist der Inhalt der jeweiligen Information, die Anlass zur Vergabe des Aktenzeichens gewesen ist. Ben\u00f6tigt eine Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zur eigenen Aufgabenerf\u00fcllung die Informationen einer anderen Verfassungsschutzbeh\u00f6rde \u00fcber eine gespeicherte Person, so fragt sie in der Regel auf elektronischem Wege bei ihr an. Der Informations\u00fcbermittlung ist eine Relevanzpr\u00fcfung durch die speichernde Stelle vorgeschaltet. Bedeutsam ist, dass sich die im NADIS gespeicherten personenbezogenen Daten nur teilweise auf Personen beziehen, die verfassungsfeindliche, sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche Aktivit\u00e4ten (vgl. SS 3 Abs. 1 NVerfSchG) entfaltet haben. Im NADIS werden vielmehr auch Angaben zu Personen erfasst, bei denen eine Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung mit dem Ergebnis einer Erm\u00e4chtigung zum Umgang mit Verschlusssachen durchgef\u00fchrt wurde oder die als Zielpersonen terroristischer oder geheimdienstlicher Aktivit\u00e4ten gelten. Vom NLfV waren am 31.12.2005 folgende personenbezogene NADIS-Speicherungen veranlasst (Vorjahreszahlen in Klammern): - im Zusammenhang mit Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen 10.408 (10.146) - im Zusammenhang mit origin\u00e4ren Aufgaben des NLfV im Bereich Extremismus, Terrorismus, Spionageabwehr 7.880 (7.473)","Der Verfassungsschutz in Niedersachsen 207 Auskunftsersuchen von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern 2005 wurden 22 Auskunftsersuchen (2004: 22) gem\u00e4\u00df SS 13 NVerfSchG abschlie\u00dfend bearbeitet. In 20 F\u00e4llen hatte das NLfV keine Erkenntnisse gespeichert. Zwei Anfragenden wurde der ihrer Erfassung zugrunde liegende Sachverhalt uneingeschr\u00e4nkt mitgeteilt. Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Ministeriums f\u00fcr Inneres und Sport und des NLfV Das Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutzgesetz sieht ausdr\u00fccklich die Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber verfassungsfeindliche Bestrebungen und sicherheitsgef\u00e4hrdende bzw. geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten vor. Gem\u00e4\u00df SS 3 a Abs. 1 NVerfSchG erfolgt dies durch zusammenfassende Berichte des Ministeriums f\u00fcr Inneres und Sport, wozu insbesondere der Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutzbericht z\u00e4hlt. Das NLfV hat nach SS 3 a Abs. 2 NVerfSchG den gesetzlichen Auftrag, durch eigene Ma\u00dfnahmen an der Aufkl\u00e4rungsarbeit mitzuwirken. Zentrale Aufgaben der \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes sind die Information der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcber gesetzliche Grundlagen, Arbeitsweise und Kontrolle des Verfassungsschutzes, die Darstellung der Erscheinungsformen und ideologischen Grundlagen verfassungsfeindlicher Bestrebungen sowie Informationen \u00fcber sicherheitsgef\u00e4hrdende und geheimdienstliche Aktivit\u00e4ten. Der informierte B\u00fcrger soll in die Lage versetzt werden, sich ein Urteil \u00fcber die Gefahren zu bilden, die unserem Rechtsstaat durch verfassungsfeindliche Kr\u00e4fte drohen. Insoweit erf\u00fcllt die \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Ministeriums f\u00fcr Inneres und Sport sowie des Verfassungsschutzes auch pr\u00e4ventive Aufgaben bei der Bek\u00e4mpfung des Extremismus. Die \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes zielt - \u00fcber die blo\u00dfe Wissensvermittlung hinaus - auch darauf ab, sich unsere fundamentalen Verfassungsprinzipien bewusst zu machen. Die politische Auseinandersetzung mit verfassungsfeindlichen Positionen setzt die Kenntnis extremistischer Bestrebungen voraus. Die B\u00fcrgerund Presseanfragen an das NLfV spiegeln thematisch alle Arbeitsfelder des Ver-","208 Der Verfassungsschutz in Niedersachsen fassungsschutzes wider. Den Schwerpunkt bildeten dabei neben Anfragen zu islamistischen Organisationen vor allem Informationen \u00fcber rechtsextremistische Strukturen in Niedersachsen. Erscheinungsformen darzustellen, Hintergr\u00fcnde zu analysieren und auch auf M\u00f6glichkeiten des Zur\u00fcckdr\u00e4ngens extremistischer Positionen einzugehen, steht bei den zielgruppenorientierten Vortragsund Diskussionsveranstaltungen des Verfassungsschutzes im Mittelpunkt. Wie in den Vorjahren wurden mehrfach Besuchergruppen in das Dienstgeb\u00e4ude des Verfassungsschutzes eingeladen. Dar\u00fcber hinaus informierte das NLfV fortlaufend an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen in Niedersachsen \u00fcber den Rechtsextremismus, schwerpunktm\u00e4\u00dfig \u00fcber Werbestrategien rechtsextremistischer Organisationen, die zunehmend auf junge Menschen zugeschnitten sind. Im Juni 2005 startete das Nieders\u00e4chsische Kultusministerium in enger Zusammenarbeit mit dem NLfV, dem Nieders\u00e4chsischen Landesamt f\u00fcr Lehrerbildung und Schulentwicklung (NiLS) und der Landesschulbeh\u00f6rde eine gemeinsame landesweite Fortbildungsreihe f\u00fcr Lehrkr\u00e4fte mit Vortragsund Diskussionsveranstaltungen in verschiedenen Regionen des Landes. Im Mittelpunkt standen die Information \u00fcber die Gefahren des Rechtsextremismus, die von Referenten des NLfV vorgetragen wurden, und Erfahrungsberichte von Lehrkr\u00e4ften. Die Veranstaltungen sollen auch dazu beitragen, dass in den Schulen Projekte gegen den Rechtsextremismus initiiert und nachhaltig verankert werden. Der Auftaktveranstaltung in Stade folgten weitere Veranstaltungen in Hameln, Walsrode, Osnabr\u00fcck, Braunschweig und Hildesheim. Die Veranstaltungsreihe wird fortgesetzt. Die vom NLfV konzipierte Ausstellung \"Demokratie sch\u00fctzen - Verfassungsschutz gegen Rechtsextremismus\" ist ein weiteres Mittel zur Aufkl\u00e4rung und soll eine Hilfe bei der aktiven Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus darstellen. Sie sch\u00e4rft das Problembewusstsein, indem sie grundlegende Informationen \u00fcber rechtsextremistische Erscheinungsformen und Werbemethoden vermittelt. Dieses Wissen ist die Voraussetzung f\u00fcr eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus und tr\u00e4gt ma\u00dfgeblich dazu bei, dass Rechtsextremisten mit ihren menschenverachtenden Hassbotschaften das Denken vor allem junger Menschen nicht negativ beeinflussen. Im Mittelpunkt der am 1. Dezember durch Innenminister Sch\u00fcnemann und Verfassungsschutzpr\u00e4sident Homuth er\u00f6ffneten und durch die Stiftung Niedersachsen ma\u00dfgeblich gef\u00f6rderten Ausstellung stehen Beispiele rechtsextremistischer Musik. Die Besucher werden mit Liedtexten konfrontiert, die in schlimmster Weise gegen","Der Verfassungsschutz in Niedersachsen 209 Minderheiten und Randgruppen hetzen und Juden, Farbige, Homosexuelle, Obdachlose und Behinderte als minderwertig darstellen. Weil die volksverhetzende, fremdenfeindliche und zu Gewalttaten aufrufende Musik auf emotionale Wirkung zielt und Tabus bricht, ist sie f\u00fcr Jugendliche verf\u00fchrerisch. Die Ausstellung soll den verst\u00e4rkten Bem\u00fchungen von Rechtsextremisten, Jugendliche zu werben, entgegenwirken. Neben der Pr\u00e4sentation von Musikbeispielen sind ein Einf\u00fchrungsfilm, zahlreiche Informationstafeln und ein Medienturm, der die Nutzung des Internets durch Rechtsextremisten anhand der Themenkomplexe Vertriebe, Kameradschaften, Internetforen, Musikgruppen und Revisionismus aufzeigt, Bestandteil der Pr\u00e4sentation. Das Konzept der Ausstellung sieht eine fachkundige F\u00fchrung insbesondere von Schulklassen durch Mitarbeiter des NLfV vor. Das NLfV ist im Fachbeirat der Clearingstelle Pr\u00e4vention von Rechtsextremismus des Landespr\u00e4ventionsrates (LPR) vertreten, die die verschiedenen Aktivit\u00e4ten im Zusammenhang mit Aufkl\u00e4rungsma\u00dfnahmen gegen Rechtsextremismus in Niedersachsen vernetzen soll. Durch die Arbeit der Clearingstelle soll rechtsextremen Orientierungen - vor allem bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen - vorgebeugt werden. Die Mitgliedschaft im Fachbeirat stellt sicher, dass die Ma\u00dfnahmen des NLfV mit den \u00fcbrigen in Niedersachsen initiierten regionalen Pr\u00e4ventionsaktivit\u00e4ten abgestimmt werden. Nicht alle Erkenntnisse des Verfassungsschutzes k\u00f6nnen \u00f6ffentlich dargestellt werden. Der Schutz der Informanten oder gesetzliche Verbote der Informationsweitergabe an Dritte k\u00f6nnen einer Ver\u00f6ffentlichung entgegenstehen. Aber zahlreiche Informationen zur Arbeit des Verfassungsschutzes und zu seinen Beobachtungsbereichen sind \u00f6ffentlich darstellbar. Damit liefert der Verfassungsschutz einen Beitrag zur Ausgestaltung des Prinzips der wehrhaften Demokratie. Der informierte B\u00fcrger ist der beste Garant f\u00fcr die Lebendigkeit unserer Demokratie und f\u00fcr die Abwehr verfassungsfeindlicher Organisationen. Der Verfassungsschutz steht allen interessierten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern Niedersachsens durch seine \u00d6ffentlichkeitsarbeit zur Verf\u00fcgung. W\u00fcnsche zu Vortragsund Diskussionsveranstaltungen k\u00f6nnen per Post (B\u00fcttnerstra\u00dfe 28, 30165 Hannover), telefonisch (0511/6709-217), per Fax (0511/6709-380) oder per E- Mail (Pressestelle@nlfv.niedersachsen.de) an den Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutz gerichtet werden. Informationen","210 Der Verfassungsschutz in Niedersachsen zur Wanderausstellung, wie aktuelle Ausstellungsorte, Termine f\u00fcr F\u00fchrungen, Voraussetzungen f\u00fcr die Pr\u00e4sentation usw. erhalten Sie unter der Telefonnummer 0511/6709-569 oder der o.a. E-Mail-Adresse. Die unter der Adresse www.verfassungsschutzgegenrechtsextremismus.de im Internet eingestellte Pr\u00e4sentation \"F\u00fcr Demokratie und Toleranz - Gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit\" der norddeutschen Verfassungsschutzbeh\u00f6rden wird weiterhin von Besuchern nachgefragt. Beteiligt sind neben Niedersachsen die L\u00e4nder Bremen, Hamburg, MecklenburgVorpommern, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Die mit unterschiedlichen Schwerpunkten gestalteten Internet-Seiten des NLfV und des Ministeriums f\u00fcr Inneres und Sport zu Themen des Verfassungsschutzes und des Geheimschutzes sind Bestandteil der gemeinsamen \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Die Seiten des Ministeriums f\u00fcr Inneres und Sport www.mi.niedersachsen.de (Themen \\ Innere Sicherheit) umfassen insbesondere politische Stellungnahmen sowie Grunds\u00e4tzliches zum Verfassungsund Geheimschutz. Auch die Verfassungsschutzberichte der letzten Jahre sowie die Brosch\u00fcre \"Rechtsextremistische Skinheads - Neonazistische Kameradschaften\" sind ver\u00f6ffentlicht. Das Nieders\u00e4chsische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz informiert unter der Adresse www.verfassungsschutz.niedersachsen.de \u00fcber Aufgaben und Befugnisse des Verfassungsschutzes, aktuelle Entwicklungen des politischen Extremismus und Terrorismus sowie der Spionageabwehr.","Anhang 211 ANHANG Definition der Arbeitsbegriffe Ausl\u00e4nderUnter diesem Arbeitsbegriff werden von den Verfassungsextremismus schutzbeh\u00f6rden alle politisch bestimmten Bestrebungen von Ausl\u00e4ndern zusammengefasst, wenn und soweit diese - sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung (fdGO) richten (SS 3 Abs. 1 Ziffer1, 1. Alternative NVerfSchG), indem sie darauf ausgehen, z. B. eine Parallelordnung zu errichten; - sich gegen den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes richten (SS 3 Abs. 1 Ziffer 1, 2. Alternative), indem sie politische Auseinandersetzungen ihres Heimatlandes gewaltsam in Deutschland austragen und damit die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gef\u00e4hrden; - in der Bundesrepublik Deutschland durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange gef\u00e4hrden (SS 3 Abs. 1, Ziffer 3) oder - Bestrebungen verfolgen, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung oder gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind. Der Sammelbegriff Ausl\u00e4nderextremismus schlie\u00dft inhaltlich rechtsextremistisch-nationalistische, linksextremistische und sonstige extremistische Bestrebungen von ausl\u00e4ndischen Personenzusammenschl\u00fcssen mit ein. Er stellt immer das zusammenfassende Ergebnis einer Bewertung anhand der dargestellten Tatbestandsmerkmale dar. Der Arbeitsbegriff vermag deshalb begrifflich die Aufgabenstellung des Verfassungsschutzes f\u00fcr dieses Beobachtungsfeld selbst nicht zu begr\u00fcnden. Extremismus Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder bezeichnen seit 1974 verfassungsfeindliche Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung einheitlich als extremistisch (extremus lat.: \u00e4u\u00dferst). Verfassungsfeindlich oder extremistisch sind alle von Personenzusammenschl\u00fcssen ausgehenden, politisch bestimmten Bestrebungen (Aktivit\u00e4ten), die insbesondere gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung oder einzelne ihrer tragenden Grunds\u00e4tze gerichtet sind. Organisationen, die erkennbar solche extremistischen Bestrebungen verfolgen, werden von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden als verfassungsfeindlich bewertet.","212 Anhang Islamistischer Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden beobachten entsprechend Extremismus ihrem gesetzlichen Auftrag weder den \"Islam\" als Religion noch den Islamismus als religi\u00f6s-politische Bewegung zur \"R\u00fcckbesinnung\" und Politisierung \"urspr\u00fcnglicher\" islamischer Werte und Glaubensinhalte (islamischer Fundamentalismus). Ihr Arbeitsfeld sind islamistische Organisationen, die das islamische \"Religionsgesetz\" (Scharia) verabsolutiert und als politische Ideologie instrumentalisiert haben und daf\u00fcr in der Bundesrepublik Deutschland entweder - politisch bestimmte Aktivit\u00e4ten gegen die fdGO richten, - durch Anwendung von Gewalt bzw. darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange Deutschlands gef\u00e4hrden oder - Bestrebungen verfolgen, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung bzw. gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind. Die Tr\u00e4ger dieser Bestrebungen in Deutschland werden als islamistische Extremisten bezeichnet. Durch diese Begriffsbildung wird der Islam als Religion von seiner islamistischen \u00dcbersteigerung getrennt und gleichzeitig der islamistische Extremist von dem Islamisten, der in seinem Denken der ideologischen Zielvorstellung einer Durchdringung von Staat und Gesellschaft durch den Islam anh\u00e4ngt, sie aber nicht aktiv wie der islamistische Extremist oder gewaltsam wie der islamistische Terrorist ins Werk setzt. Die Zuordnung zum Extremismusbegriff dient auch der Ausr\u00e4umung einer weiteren begrifflichen Unsch\u00e4rfe der Bezeichnung \"Islamist\". Die wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit dem Islam wurde fr\u00fcher - vergleichbar der Begriffsbildung Romanistik und Romanist - als Islamistik bezeichnet und entsprechend t\u00e4tige Wissenschaftler als Islamisten. LinksextreMit dem Arbeitsbegriff werden die linksextremistischen vermismus fassungsfeindlichen Bestrebungen von deutschen Personenzusammenschl\u00fcssen bezeichnet, die sich auf der Grundlage einer marxistisch-leninistischen, revolution\u00e4r marxistischen oder anarchistischen Ideologie in Deutschland gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung und ihre tragenden Grunds\u00e4tze richten. F\u00fcr Linksextremisten vielfach kennzeichnend ist ein grunds\u00e4tzliches Bekenntnis zur \"revolution\u00e4ren Gewalt\", obgleich sie tagespolitisch auf \"legale\" Kampfformen setzen. RechtsextreAls rechtsextremistisch werden von den Verfassungsschutzmismus beh\u00f6rden alle verfassungsfeindlichen oder extremistischen Bestrebungen bezeichnet, die auf der ideologischen Grundlage einer nationalistischen oder rassistischen Weltanschauung in Deutschland von deutschen Personenzusammenschl\u00fcssen","Anhang 213 ausgehen und sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. Rechtsextremistischem Denken liegt vielfach die Vorstellung menschlicher Ungleichwertigkeit (Ideologie der Ungleichheit) zugrunde. Rechtsbzw. Bis 1974 wurden die Begriffe Extremismus sowie \"RadiLinksradikaliskalismus\" bzw. \"Rechtsoder Linksradikalismus\" von den mus Verfassungsschutzbeh\u00f6rden nebeneinander als Synonyme zur Kennzeichnung verfassungsfeindlicher Bestrebungen verwendet. Der Radikalismusbegriff wird seitdem von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden nicht mehr f\u00fcr verfassungsfeindliche Bestrebungen benutzt, da er in der politischen Tradition der Aufkl\u00e4rung positiv besetzt ist und im Rechtssinne nur der Extremismusbegriff \"der Tatsache Rechnung (tr\u00e4gt), dass politische Aktivit\u00e4ten oder Organisationen nicht schon deshalb verfassungsfeindlich sind, weil sie eine ... 'radikale', das hei\u00dft eine bis an die Wurzel einer Fragestellung gehende Zielsetzung haben. Sie sind 'extremistisch' und damit verfassungsfeindlich im Rechtssinne nur dann, wenn sie sich gegen den ... Grundbestand unserer freiheitlichen rechtsstaatlichen Verfassung richten.\" (Verfassungsschutzbericht des Bundesinnenministeriums 1974, S. 4). Wenn die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden \u00fcberhaupt noch den Terminus \"rechtsbzw. linksradikal\" verwenden, werden damit in Abgrenzung zu dem verfassungsfeindlichen Rechtsbzw. Linksextremismus politische Aktivit\u00e4ten und Zielsetzungen bezeichnet, die sich (noch) nicht gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mit dem Ziel einer revolution\u00e4ren System\u00fcberwindung richten. Spionage Staatlich gesteuerte Aussp\u00e4hungsaktivit\u00e4ten durch einen staatlich gelenkten Nachrichtendienst erf\u00fcllen den Straftatbestand der Spionage nach SSSS 94 ff. Strafgesetzbuch. Die Beobachtung und Abwehr dieser Spionage ist eine gesetzliche Aufgabe der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. Dazu geh\u00f6rt grunds\u00e4tzlich nicht der Verrat von Gesch\u00e4ftsund Betriebsgeheimnissen zwischen konkurrierenden Unternehmen, der nach SSSS 17 ff. des Gesetzes \u00fcber den unlauteren Wettbewerb strafbar ist. Terrorismus Terrorismus ist eine Form des politischen Extremismus, der die Beseitigung des demokratischen Verfassungsstaates mittels systematischer, massiver Gewaltanwendung zum Ziel hat. Kennzeichen des Terrorismus ist eine nachhaltige Anschlagstaktik durch arbeitsteilig organisierte, grunds\u00e4tzlich verdeckt operierende Gruppen. Terroristische Gruppen erhoffen sich von ihren Aktionen eine massenmobilisierende","214 Anhang und ggf. revolutionierende Wirkung. Der demokratische Rechtsstaat soll damit destabilisiert und schlie\u00dflich durch ein undemokratisches Regime ersetzt werden. VerfassungsAls verfassungsfeindlich oder extremistisch werden polifeindliche/ tische Bestrebungen (Aktivit\u00e4ten) bezeichnet, die den deextremistische mokratischen Verfassungsstaat und seine fundamentalen Bestrebungen Werte ablehnen und darauf abzielen, die freiheitliche demokratische Grundordnung durch eine andere Ordnung zu ersetzen. Verfassungsfeinde oder Extremisten wenden sich mittelbar oder unmittelbar gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, d.h. gegen die im Grundgesetz konkretisierten Grundbzw. Menschenrechte (wie insbesondere die Glaubens-, Gewissensund Bekenntnisfreiheit, die Meinungsund Pressefreiheit und die Versammlungsund Vereinigungsfreiheit) sowie weitere grundlegende Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, wie das Rechtsstaatsprinzip, beruhend auf der Gewaltenteilung, die Bindung der Verwaltung an Recht und Gesetz, die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte, die Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, ausge\u00fcbt durch die parlamentarische Demokratie, die Verantwortlichkeit der Regierung, das Mehrparteienprinzip und das Recht auf die Bildung und Aus\u00fcbung einer Opposition (vgl. zur Definition der fdGO BVerfGE Bd. 2, S. 12 sowie zur Definition verfassungsfeindlicher Bestrebungen SS 4 NVerfSchG). Verbot Die Innenminister des Bundes und der L\u00e4nder d\u00fcrfen nach verfassungsdem Vereinsrecht das Verbot einer Vereinigung aussprechen, feindllicher Orgadie keine politische Partei oder Religionsbzw. Weltanschaunisationen/ ungsgemeinschaft ist, wenn sich diese nachweislich \"gegen Verfassungsdie verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung oder den Gedanken der V\u00f6lwidrigkeit kerverst\u00e4ndigung richtet\" (SS 3 Vereinsgesetz). Mit dem rechtskr\u00e4ftigen Vereinsverbot ist festgestellt, dass die verfassungsfeindliche bzw. extremistische Organisation verfassungswidrig ist. Auf Antrag der Verfassungsorgane Bundesregierung, Bundestag oder Bundesrat kann bei einer politischen Partei allein das Bundesverfassungsgericht deren Verfassungswidrigkeit feststellen (Art. 21 Abs. 2 Grundgesetz; SS 13 Nr. 2, SS 43 ff. Bundesverfassungsgerichtsgesetz). Mit der Feststellung der Verfassungswidrigkeit einer Partei wird deren Aufl\u00f6sung insgesamt (oder eines selbst\u00e4ndigen Teils der Partei) sowie das Verbot, Ersatzorganisationen zu schaffen, vom Bundesverfassungsgericht ausgesprochen. Solange verfassungsfeindliche Parteien und sonstigen Organisationen nicht verboten sind, d\u00fcrfen sie sich im Rahmen der f\u00fcr alle geltenden Gesetze frei bet\u00e4tigen.","Anhang 215 Gesetz \u00fcber den Verfassungsschutz im Lande Niedersachsen (Nieders\u00e4chsisches Verfassungsschutzgesetz - NVerfSchG -) in der Fassung vom 30. M\u00e4rz 2004 Inhalts\u00fcbersicht Erster Abschnitt Allgemeine Vorschriften SS 1 Zweck und Auftrag des Verfassungsschutzes SS 2 Zust\u00e4ndigkeit SS 3 Aufgaben des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz SS 3a Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit SS 4 Begriffsbestimmungen Zweiter Abschnitt Befugnisse, nachrichtendienstliche Mittel, Datenverarbeitung SS 5 Allgemeine Befugnisse des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz SS 5a Besondere Auskunftspflichten SS 6 Informationsbeschaffung mit nachrichtendienstlichen Mitteln SS 7 Weiterverarbeitung; Mitteilung an Betroffene SS 8 Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener Daten SS 9 Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener Daten von Minderj\u00e4hrigen SS 10 Berichtigung, L\u00f6schung und Sperrung von personenbezogenen Daten in Dateien SS 11 Berichtigung, L\u00f6schung und Sperrung von personenbezogenen Daten in Akten SS 12 Dateibeschreibungen Dritter Abschnitt Auskunft SS 13 Auskunft an Betroffene","216 Anhang Vierter Abschnitt Informations\u00fcbermittlung SS 14 Grenzen der \u00dcbermittlung personenbezogener Daten SS 15 \u00dcbermittlung von Informationen an das Landesamt f\u00fcr Verfassungs schutz SS 16 Registereinsicht durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz SS 17 \u00dcbermittlung personenbezogener Daten durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz SS 18 \u00dcbermittlung von Informationen durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz an Strafverfolgungsund Sicherheitsbeh\u00f6rden in Angelegenheiten des Staatsund Verfassungsschutzes SS 19 \u00dcbermittlung personenbezogener Daten an die \u00d6ffentlichkeit SS 20 \u00dcbermittlungsverbote, Minderj\u00e4hrigenschutz SS 21 Pflichten der empfangenden Stelle SS 22 Nachberichtspflicht F\u00fcnfter Abschnitt Parlamentarische Kontrolle SS 23 Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes SS 24 Zusammensetzung SS 25 Kontrollrechte des Ausschusses SS 26 Verfahrensweise SS 27 Hilfe von Seiten der oder des Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz Sechster Abschnitt Schlussvorschriften SS 28 Geltung des Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetzes SS 29 \u00c4nderung des Nieders\u00e4chsischen Gesetzes zur Ausf\u00fchrung des Gesetzes zu Artikel 10 Grundgesetz SS 30 \u00c4nderung des Nieders\u00e4chsischen Beamtengesetzes SS 31 \u00c4nderung des Personalvertretungsgesetzes f\u00fcr das Land Niedersachsen SS 32 Inkrafttreten","Anhang 217 Erster Abschnitt Allgemeine Vorschriften SS1 Zweck und Auftrag des Verfassungsschutzes 1 Der Verfassungsschutz dient dem Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, des Bestandes und der Sicherheit des Bundes und der L\u00e4nder. 2 Er erf\u00fcllt diesen Auftrag durch 1. die Sammlung und Auswertung von Informationen \u00fcber Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1, 2. die Unterrichtung der Landesregierung und die Mitwirkung an der Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber diese Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten, 3. die Wahrnehmung der in diesem Gesetz geregelten sonstigen Mitwirkungsaufgaben sowie 4. den in diesem Gesetz oder in anderen Rechtsvorschriften vorgesehenen Informationsaustausch mit anderen Stellen. SS2 Zust\u00e4ndigkeit (1) 1Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ist das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz als obere Landesbeh\u00f6rde. 2Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz untersteht dem f\u00fcr Inneres zust\u00e4ndigen Ministerium (Fachministerium). (2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz und polizeiliche Dienststellen d\u00fcrfen einander nicht angegliedert werden. (3) 1Verfassungsschutzbeh\u00f6rden anderer L\u00e4nder d\u00fcrfen im Lande Niedersachsen nur im Einvernehmen mit dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz t\u00e4tig werden. 2Ihre Befugnisse bestimmen sich dabei nach den Vorschriften dieses Gesetzes. (4) Hat sich das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz wegen beabsichtigter eigener Ma\u00dfnahmen im Lande Niedersachsen mit dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz ins Benehmen gesetzt (SS 5 Abs. 2 des Bundesverfassungsschutzgesetzes), so unterrichtet das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz das Fachministerium unverz\u00fcglich \u00fcber die von ihm abgegebene Stellungnahme. (5) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf andere Verfassungsschutzbeh\u00f6rden nicht um Ma\u00dfnahmen ersuchen, zu denen es selbst nicht befugt ist. SS3 Aufgaben des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz (1) 1Aufgabe des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz ist die Sammlung und Auswertung von Informationen, insbesondere von sachund personenbezogenen Ausk\u00fcnften, Nachrichten und Unterlagen, \u00fcber","218 Anhang 1. Bestrebungen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind oder eine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der Amtsf\u00fchrung der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes oder ihrer Mitglieder zum Ziele haben, 2. sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten in der Bundesrepublik Deutschland f\u00fcr eine fremde Macht, 3. Bestrebungen in der Bundesrepublik Deutschland, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, 4. Bestrebungen, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung (Artikel 9 Abs. 2 des Grundgesetzes) oder gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker (Artikel 26 Abs. 1 des Grundgesetzes) gerichtet sind. 2 Die Leiterin oder der Leiter des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz oder die Vertreterin oder der Vertreter bestimmt die Objekte, die zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach Satz 1 Nrn. 1, 3 und 4 planm\u00e4\u00dfig zu beobachten und aufzukl\u00e4ren sind (Beobachtungsobjekte). 3SS 5 Abs. 1 Satz 2 gilt entsprechend. 4Die Bestimmung eines Beobachtungsobjektes ist regelm\u00e4\u00dfig zu \u00fcberpr\u00fcfen. 5Sie ist aufzuheben, wenn die Voraussetzung des SS 5 Abs. 1 Satz 2 entfallen ist. 6Die Bestimmung eines Beobachtungsobjektes bedarf der Zustimmung der Fachministerin oder des Fachministers oder der Vertreterin oder des Vertreters. (2) 1Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz unterrichtet das Fachministerium regelm\u00e4\u00dfig und umfassend \u00fcber die Wahrnehmung seiner Aufgaben und seine Auswertungsergebnisse. 2Die Unterrichtung soll die zust\u00e4ndigen Stellen in die Lage versetzen, Art und Ausma\u00df von Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten nach Abs. 1 zu beurteilen und die erforderlichen Abwehrma\u00dfnahmen zu treffen. (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz wirkt mit 1. bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von Personen nach Ma\u00dfgabe des Nieders\u00e4chsischen Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetzes, 2. bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von Personen, die an sicherheitsempfindlichen Stellen von lebensoder verteidigungswichtigen Einrichtungen besch\u00e4ftigt sind oder werden sollen, 3. bei technischen Sicherheitsma\u00dfnahmen zum Schutz von im \u00f6ffentlichen Interesse geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Tatsachen, Gegenst\u00e4nden oder Erkenntnissen gegen die Kenntnisnahme durch Unbefugte.","Anhang 219 SS 3a Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit (1) 1Das Fachministerium kl\u00e4rt die \u00d6ffentlichkeit auf der Grundlage der Auswertungsergebnisse des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz durch zusammenfassende Berichte \u00fcber Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 auf. 2Hierzu geh\u00f6rt ein j\u00e4hrlicher Verfassungsschutzbericht, in dem auch die Summe der Haushaltsmittel f\u00fcr das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sowie die Gesamtzahl seiner Bediensteten nach Stellen und Besch\u00e4ftigungsvolumen darzustellen sind. 3Ferner sind in dem Bericht allgemein die Einholung von Ausk\u00fcnften nach SS 5 a, die Anwendung der nachrichtendienstlichen Mittel, die Auskunftsersuchen nach SS 13 und die Strukturdaten der vom Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz in Dateien im Sinne des SS 6 Satz 1 des Bundesverfassungsschutzgesetzes gespeicherten Personendatens\u00e4tze darzustellen. (2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz wirkt erg\u00e4nzend durch eigene Ma\u00dfnahmen an der Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit mit; es kann dabei zugleich \u00fcber die Wahrnehmung seiner Aufgaben unterrichten. SS4 Begriffsbestimmungen (1) 1Bestrebungen im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 1, 3 und 4 sind politisch bestimmte, zielund zweckgerichtete Verhaltensweisen in einem oder f\u00fcr einen Personenzusammenschluss. 2F\u00fcr einen Personenzusammenschluss handelt, wer ihn in seinen Bestrebungen nachdr\u00fccklich unterst\u00fctzt. 3Verhaltensweisen von Einzelpersonen, die nicht in einem oder f\u00fcr einen Personenzusammenschluss handeln, sind Bestrebungen im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, 3 oder 4, wenn sie auf Anwendung von Gewalt gerichtet oder auf Grund ihrer Wirkungsweise geeignet sind, ein Schutzgut dieses Gesetzes erheblich zu besch\u00e4digen. (2) Im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 sind 1. Bestrebungen gegen den Bestand des Bundes oder eines Landes: solche, die darauf gerichtet sind, die Freiheit des Bundes oder eines Landes von fremder Herrschaft aufzuheben, ihre staatliche Einheit zu beseitigen oder ein zu ihnen geh\u00f6rendes Gebiet abzutrennen; 2. Bestrebungen gegen die Sicherheit des Bundes oder eines Landes: solche, die darauf gerichtet sind, den Bund, L\u00e4nder oder deren Einrichtungen in ihrer Funktionsf\u00e4higkeit erheblich zu beeintr\u00e4chtigen; 3. Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung: solche, die darauf gerichtet sind, einen der in Absatz 3 genannten Verfassungsgrunds\u00e4tze zu beseitigen oder au\u00dfer Geltung zu setzen.","220 Anhang (3) Zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 z\u00e4hlen: 1. das Recht des Volkes, die Staatsgewalt in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung auszu\u00fcben und die Volksvertretung in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl zu w\u00e4hlen, 2. die Bindung der Gesetzgebung an die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und die Bindung der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung an Gesetz und Recht, 3. das Recht auf Bildung und Aus\u00fcbung einer parlamentarischen Opposition, 4. die Abl\u00f6sbarkeit der Regierung und ihre Verantwortlichkeit gegen\u00fcber der Volksvertretung, 5. die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte, 6. der Ausschluss jeder Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft und 7. die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte. (4) Eine Gef\u00e4hrdung ausw\u00e4rtiger Belange im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 liegt nur dann vor, wenn die Gewalt innerhalb der Bundesrepublik Deutschland angewendet oder vorbereitet wird und sie sich gegen die politische Ordnung oder Einrichtungen anderer Staaten richtet oder richten soll. (5) Gewalt im Sinne dieses Gesetzes ist die Anwendung k\u00f6rperlichen Zwanges gegen Personen und die gewaltt\u00e4tige Einwirkung auf Sachen. (6) Sammlung von personenbezogenen Daten ist das Erheben im Sinne des Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetzes. Zweiter Abschnitt Befugnisse, nachrichtendienstliche Mittel, Datenverarbeitung SS5 Allgemeine Befugnisse des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz (1) 1Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf die zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erforderlichen Informationen einschlie\u00dflich personenbezogener Daten erheben und weiter verarbeiten, soweit dieses Gesetz oder andere Rechtsvorschriften nicht besondere Regelungen treffen. 2Voraussetzung f\u00fcr die Sammlung von Informationen im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 ist das Vorliegen tats\u00e4chlicher Anhaltspunkte, die, insgesamt betrachtet und unter Einbeziehung nachrichtendienstlicher Erfahrungen, den Verdacht einer der in SS 3 Abs. 1 Satz 1 genannten Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten rechtfertigen. (2) 1Werden personenbezogene Daten bei Betroffenen mit deren Kenntnis erhoben, so ist der Erhebungszweck anzugeben, es sei denn, dass die Erhebung","Anhang 221 f\u00fcr Zwecke des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz nicht bekannt werden darf. 2 Die Betroffenen sind auf die Freiwilligkeit ihrer Angaben hinzuweisen. (3) Ist zum Zwecke der Sammlung von Informationen die Weitergabe personenbezogener Daten unerl\u00e4sslich, so d\u00fcrfen schutzw\u00fcrdige Interessen der betroffenen Person nur im unvermeidbaren Umfang beeintr\u00e4chtigt werden. (4) Polizeiliche Befugnisse oder Weisungsbefugnisse stehen dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz nicht zu; es darf die Polizei auch nicht im Wege der Amtshilfe um Ma\u00dfnahmen ersuchen, zu denen es selbst nicht befugt ist. (5) 1Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz ist an die allgemeinen Rechtsvorschriften gebunden. 2Bei der Sammlung und Verarbeitung von Informationen hat es von mehreren geeigneten Ma\u00dfnahmen diejenige zu w\u00e4hlen, die Betroffene voraussichtlich am wenigsten beeintr\u00e4chtigt. 3Eine Ma\u00dfnahme darf keinen Nachteil herbeif\u00fchren, der erkennbar au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zu dem beabsichtigten Erfolg steht. SS5a Besondere Auskunftspflichten (1) 1Kreditinstitute, Finanzdienstleistungsinstitute und Finanzunternehmen sind verpflichtet, dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz auf Verlangen unentgeltlich Ausk\u00fcnfte zu Konten, Konteninhabern und sonstigen Berechtigten sowie weiteren am Zahlungsverkehr Beteiligten und zu Geldbewegungen und Geldanlagen zu erteilen. 2Ausk\u00fcnfte d\u00fcrfen nur im Einzelfall und unter der Voraussetzung eingeholt werden, dass diese zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 2 bis 4 erforderlich sind und dass tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr schwerwiegende Gefahren f\u00fcr die in SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 2 bis 4 genannten Schutzg\u00fcter vorliegen. (2) 1Luftfahrtunternehmen sind verpflichtet, dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz auf Verlangen unentgeltlich Ausk\u00fcnfte zu Namen, Anschriften und zur Inanspruchnahme von Transportleistungen und sonstigen Umst\u00e4nden des Luftverkehrs zu erteilen. 2Absatz 1 Satz 2 gilt entsprechend. (3) 1Diejenigen, die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig Postdienstleistungen erbringen oder daran mitwirken, sind verpflichtet, dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz auf Verlangen unentgeltlich Ausk\u00fcnfte zu Namen, Anschriften, Postf\u00e4chern und sonstigen Umst\u00e4nden des Postverkehrs zu erteilen. 2Ausk\u00fcnfte d\u00fcrfen nur im Einzelfall zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 2 bis 4 und unter den Voraussetzungen des SS 3 Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes eingeholt werden. (4) 1Diejenigen, die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig Telekommunikationsdienste und Teledienste erbringen oder daran mitwirken, sind verpflichtet, dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz auf Verlangen unentgeltlich Ausk\u00fcnfte \u00fcber Telekommuni-","222 Anhang kationsverbindungsdaten und Teledienstenutzungsdaten zu erteilen. Absatz 2 3 Satz 2 gilt entsprechend. 3Die Auskunft kann auch in Bezug auf zuk\u00fcnftige Telekommunikation und die zuk\u00fcnftige Nutzung von Telediensten verlangt werden. 4Telekommunikationsverbindungsdaten und Teledienstenutzungsdaten sind 1. Berechtigungskennungen, Kartennummern, Standortkennungen sowie Rufnummer oder Kennung des anrufenden und angerufenen Anschlusses oder der Endeinrichtung, 2. Beginn und Ende der Verbindung nach Datum und Uhrzeit, 3. Angaben \u00fcber die Art der von der Kundin oder dem Kunden in Anspruch genommenen Telekommunikationsund Teledienst-Dienstleistungen, 4. Endpunkte festgeschalteter Verbindungen, ihr Beginn und ihr Ende nach Datum und Uhrzeit. (5) 1\u00dcber das Einholen von Ausk\u00fcnften nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 4 entscheidet das Fachministerium auf Antrag des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz. 2Der Antrag ist zu begr\u00fcnden und von der Leiterin oder dem Leiter des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz oder der Vertreterin oder dem Vertreter zu unterzeichnen. 3Die Entscheidung des Fachministeriums bedarf der Zustimmung der nach SS 2 Abs. 1 des Nieders\u00e4chsischen Gesetzes zur Ausf\u00fchrung des Artikel 10-Gesetzes (Nds. AG G 10) bestehenden Kommission (G 10-Kommission). 4Bei Gefahr im Verzuge kann das Fachministerium anordnen, dass die Entscheidung bereits vor der Zustimmung der Kommission vollzogen wird. 5In diesem Fall ist die nachtr\u00e4gliche Zustimmung unverz\u00fcglich einzuholen. (6) 1Die G 10-Kommission pr\u00fcft im Rahmen der Erteilung der Zustimmung gem\u00e4\u00df Absatz 5 Satz 3 sowie aufgrund von Beschwerden die Zul\u00e4ssigkeit und Notwendigkeit der Einholung von Ausk\u00fcnften nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 4. 2SS 4 Abs. 2 Nds. AG G 10 ist entsprechend anzuwenden. 3Entscheidungen \u00fcber Ausk\u00fcnfte, die die G 10-Kommission f\u00fcr unzul\u00e4ssig oder nicht notwendig erkl\u00e4rt, hat das Fachministerium unverz\u00fcglich aufzuheben. 4Wird die nachtr\u00e4gliche Zustimmung im Fall des Absatzes 5 Satz 4 versagt, so ist die Anordnung aufzuheben und die aufgrund der Anordnung erhobenen Daten sind unverz\u00fcglich zu l\u00f6schen. 5Das Auskunftsersuchen und die \u00fcbermittelten Daten d\u00fcrfen weder den Betroffenen noch Dritten vom Auskunftsgeber mitgeteilt werden. (7) 1Das Fachministerium unterrichtet im Abstand von h\u00f6chstens sechs Monaten den Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes \u00fcber die Durchf\u00fchrung der Abs\u00e4tze 1 bis 4; dabei ist insbesondere ein \u00dcberblick \u00fcber Anlass, Umfang, Dauer, Ergebnis und Kosten der im Berichtszeitraum durchgef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen zu geben. 2Der Ausschuss erstattet dem Landtag j\u00e4hrlich einen Bericht \u00fcber die Durchf\u00fchrung sowie Art, Umfang und Anordnungsgr\u00fcnde der Ma\u00dfnahmen nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 4. (8) Das Fachministerium unterrichtet das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundes j\u00e4hrlich \u00fcber die nach den Ab-s\u00e4tzen 1 bis 4 durchgef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen; dabei ist ein \u00dcberblick \u00fcber Anlass, Umfang, Dauer, Ergebnis und Kosten der im Berichtszeitraum durchgef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen zu geben.","Anhang 223 (9) Das Grundrecht des Brief-, Postund Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10 des Grundgesetzes) wird nach Ma\u00dfgabe der Abs\u00e4tze 3 bis 6 eingeschr\u00e4nkt. SS6 Informationsbeschaffung mit nachrichtendienstlichen Mitteln (1) 1Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf zur heimlichen Informationsbeschaffung, insbesondere zur heimlichen Erhebung personenbezogener Daten, nur folgende nachrichtendienstliche Mittel anwenden: 1. Inanspruchnahme von Vertrauensleuten, sonstigen geheimen Informantinnen und Informanten und Gew\u00e4hrspersonen, vorbehaltlich Satz 2; 2. Einsatz von verdeckt ermittelnden Beamtinnen und Beamten; 3. Observationen; 4. Bildaufzeichnungen; 5. verdeckte Ermittlungen und Befragungen; 6. heimliches Mith\u00f6ren ohne Inanspruchnahme technischer Mittel; 7. heimliches Mith\u00f6ren und Aufzeichnen des nicht \u00f6ffentlich gesprochenen Wortes unter Einsatz technischer Mittel; 8. Beobachtung des Funkverkehrs auf nicht f\u00fcr den allgemeinen Empfang bestimmten Kan\u00e4len; 9. Verwendung fingierter biographischer, beruflicher oder gewerblicher Angaben (Legenden) mit Ausnahme solcher beruflicher Angaben, die sich auf die in Satz 2 genannten Personen beziehen; 10. Beschaffung, Herstellung und Verwendung von Tarnpapieren und Tarnkennzeichen; 11. \u00dcberwachung des Brief-, Postund Fernmeldeverkehrs nach Ma\u00dfgabe des Artikel 10-Gesetzes; 12. technische Mittel, mit denen zur Ermittlung des Standortes und zur Ermittlung der Ger\u00e4teund der Kartennummern aktiv geschaltete Mobilfunkendeinrichtungen zur Datenabsendung an eine Stelle au\u00dferhalb des Telekommunikationsnetzes veranlasst werden. 2 Personen, die berechtigt sind, in Strafsachen aus beruflichen Gr\u00fcnden das Zeugnis zu verweigern (SSSS 53 und 53 a der Strafprozessordnung), darf das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz nicht von sich aus nach Satz 1 Nr. 1 zur Beschaffung von Informationen \u00fcber Sachverhalte in Anspruch nehmen, auf die sich ihr Zeugnisverweigerungsrecht bezieht. (2) Die Mittel nach Absatz 1 d\u00fcrfen nur angewendet werden, wenn 1. sich ihr Einsatz gegen Personenzusammenschl\u00fcsse, in ihnen oder f\u00fcr sie t\u00e4tige Personen oder gegen Einzelpersonen richtet, bei denen tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht von Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Absatz 1 Satz 1 vorliegen,","224 Anhang 2. sich ihr Einsatz gegen Personen richtet, von denen auf Grund bestimmter Tatsachen anzunehmen ist, dass sie f\u00fcr eine der in Nummer 1 genannten Personen bestimmte oder von ihr herr\u00fchrende Mitteilungen entgegennehmen oder weitergeben, 3. ihr Einsatz gegen andere als die in den Nummern 1 und 2 genannten Personen unumg\u00e4nglich ist, um Erkenntnisse \u00fcber sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht oder \u00fcber Bestrebungen zu gewinnen, die sich unter Anwendung von Gewalt oder durch darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen gegen die in SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 1 und 3 genannten Schutzg\u00fcter wenden, 4. durch sie die zur Erforschung von Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 erforderlichen Quellen in den in Nummer 1 genannten Personenzusammenschl\u00fcssen gewonnen oder \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nnen oder 5. dies zum Schutz der Bediensteten, Einrichtungen, Gegenst\u00e4nde und Quellen des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz vor Bestrebungen gegen die Sicherheit des Bundes oder eines Landes oder vor sicherheitsgef\u00e4hrdenden oder geheimdienstlichen T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht erforderlich ist. (3) 1Der verdeckte Einsatz technischer Mittel zur Informationsgewinnung im Schutzbereich des Artikels 13 des Grundgesetzes ist zul\u00e4ssig, wenn die Voraussetzungen nach SS 3 Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes vorliegen und die Erforschung des Sachverhaltes auf andere Weise aussichtslos oder wesentlich erschwert w\u00e4re. 2Er darf nur in Wohnungen der verd\u00e4chtigen Person erfolgen. 3In Wohnungen anderer Personen ist der Einsatz von Mitteln nach Satz 1 nur zul\u00e4ssig, wenn aufgrund bestimmter Tatsachen anzunehmen ist, dass die verd\u00e4chtige Person sich darin aufh\u00e4lt. 4In Wohnungen von gem\u00e4\u00df SS 53 Abs. 1 der Strafprozessordnung zur Verweigerung des Zeugnisses Berechtigten sind Ma\u00dfnahmen nach Satz 1 nur zul\u00e4ssig, wenn die oder der zur Verweigerung des Zeugnisses Berechtigte selbst die verd\u00e4chtige Person ist. (4) 1Ma\u00dfnahmen nach Absatz 3 Satz 1 bed\u00fcrfen der richterlichen Anordnung. 2 Zust\u00e4ndig ist das Amtsgericht, in dessen Bezirk das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz seinen Sitz hat. 3Die Anordnung ist auf h\u00f6chstens drei Monate zu befristen. 4Verl\u00e4ngerungen um jeweils h\u00f6chstens drei weitere Monate sind auf Antrag zul\u00e4ssig, soweit die Voraussetzungen f\u00fcr die Anordnung fortbestehen. 5F\u00fcr das Verfahren gelten die Vorschriften des Gesetzes \u00fcber die Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit entsprechend. 6Gegen eine Entscheidung durch welche der Antrag des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz abgelehnt wird, steht diesem die Beschwerde zu. 7Bei Gefahr im Verzuge kann die Leiterin oder der Leiter des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz oder die Vertreterin oder der Vertreter die Anordnung treffen; die richterliche Entscheidung ist unverz\u00fcglich nachzuholen. 8Der Vollzug der Anordnung erfolgt unter der Aufsicht einer oder eines Bediensteten des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz, die oder der die Bef\u00e4higung zum Richteramt hat. 9Liegen die Voraussetzungen der Anordnung nicht mehr vor oder ist der verdeckte Einsatz technischer Mittel zur Informationsgewinnung nicht mehr erforderlich, so ist die Ma\u00dfnahme unverz\u00fcglich zu beenden.","Anhang 225 (5) Der verdeckte Einsatz technischer Mittel zur Informationsgewinnung im 1 Schutzbereich des Artikels 13 des Grundgesetzes ist auch zul\u00e4ssig, soweit dieser Einsatz zur Abwehr von Gefahren f\u00fcr Leben, Gesundheit oder Freiheit der bei einem Einsatz in Wohnungen t\u00e4tigen Personen unerl\u00e4sslich ist. 2Verdeckte Eins\u00e4tze nach Satz 1 bed\u00fcrfen der Anordnung durch die Leiterin oder den Leiter des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz oder durch die Vertreterin oder den Vertreter. (6) Das Grundrecht der Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 des Grundgesetzes) wird nach Ma\u00dfgabe der Abs\u00e4tze 3 bis 5 eingeschr\u00e4nkt. (7) 1Technische Mittel gem\u00e4\u00df Absatz 1 Satz 1 Nr. 12 darf das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 2 bis 4 unter den Voraussetzungen des SS 3 Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes einsetzen. 2Die Ma\u00dfnahme ist nur zul\u00e4ssig, wenn ohne die Ermittlung die Erreichung des Zwecks der \u00dcberwachungsma\u00dfnahme aussichtslos oder wesentlich erschwert w\u00e4re. 3Personenbezogene Daten Dritter d\u00fcrfen anl\u00e4sslich solcher Ma\u00dfnahmen nur erhoben werden, wenn dies aus technischen Gr\u00fcnden zur Erreichung des Zwecks nach Satz 1 unvermeidbar ist. 4Sie unterliegen einem absoluten Verwendungsverbot und sind nach Beendigung der Ma\u00dfnahme unverz\u00fcglich zu l\u00f6schen. 5SS 5 a Abs. 5 bis 7 gilt entsprechend. 6Das Grundrecht des Brief-, Postund Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10 des Grundgesetzes) wird insoweit eingeschr\u00e4nkt. (8) 1Bei der Anwendung der Mittel nach Absatz 1 d\u00fcrfen keine Straftaten begangen werden. 2Es d\u00fcrfen nur folgende Straftatbest\u00e4nde verwirklicht werden: 1. SS 84 Abs. 2, SS 85 Abs. 2, SS 86 Abs. 1, SSSS 86 a, 98, 99, 129 a, 129 b Abs. 1 Satz 1, soweit er auf SS 129 a verweist, SSSS 267, 271 und 273 des Strafgesetzbuches, 2. SSSS 23, 27 Abs. 2 Nrn. 1, 2 und 3 Buchst. b und c und SS 28 des Versammlungsgesetzes sowie 3. SS 20 des Vereinsgesetzes. 3 Dabei darf weder auf die Gr\u00fcndung einer strafbaren Vereinigung hingewirkt noch eine steuernde Einflussnahme auf sie ausge\u00fcbt werden. 4Erlaubt sind nur solche Handlungen, die unter besonderer Beachtung des \u00dcberma\u00dfverbots unumg\u00e4nglich sind. (9) 1Eine Informationsbeschaffung mit den Mitteln nach Abs. 1 ist unzul\u00e4ssig, wenn die Erforschung des Sachverhalts auf andere, die Betroffenen weniger beeintr\u00e4chtigende Weise m\u00f6glich ist; dies ist in der Regel anzunehmen, wenn die Information aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen oder durch ein Ersuchen nach SS 15 Abs. 3 gewonnen werden kann. 2Die Anwendung eines Mittels nach Absatz 1 darf nicht erkennbar au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zur Bedeutung des aufzukl\u00e4renden Sachverhalts stehen, insbesondere nicht au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zu der Gefahr, die von der jeweiligen Bestrebung oder T\u00e4tigkeit nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 ausgeht oder ausgehen kann. 3Die Ma\u00dfnahme ist unverz\u00fcglich zu beenden, wenn ihr","226 Anhang Zweck erreicht ist oder sich Anhaltspunkte daf\u00fcr ergeben, dass er nicht oder nicht auf diese Weise erreicht werden kann. (10) Von einer Ma\u00dfnahme nach Absatz 3 oder 5 sowie dem Einsatz eines nachrichtendienstlichen Mittels nach Absatz 1, das in seiner Art und Schwere einer Beschr\u00e4nkung des Brief-, Postund Fernmeldegeheimnisses gleichkommt, ist der Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes in der n\u00e4chsten nach der Anordnung stattfindenden Sitzung zu unterrichten. (11) 1Tarnpapiere und Tarnkennzeichen d\u00fcrfen auch zu dem in Absatz 2 Nr. 5 genannten Zweck hergestellt und verwendet werden. 2Die Beh\u00f6rden des Landes, der Gemeinden und der Landkreise sind verpflichtet, dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz technische Hilfe f\u00fcr Tarnungsma\u00dfnahmen (Absatz 1 Satz 1 Nr. 10) zu leisten. (12) 1Die n\u00e4heren Voraussetzungen f\u00fcr die Anwendung der Mittel nach Absatz 1 und die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr ihre Anordnung sind in Dienstvorschriften des Fachministeriums umfassend zu regeln. 2Vor Erlass solcher Dienstvorschriften ist der Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes rechtzeitig zu unterrichten. SS7 Weiterverarbeitung; Mitteilung an Betroffene (1) Die durch Ma\u00dfnahmen nach den SSSS 5 a und 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 12 erhobenen personenbezogenen Daten d\u00fcrfen nur nach Ma\u00dfgabe des SS 4 des Artikel 10-Gesetzes weiterverarbeitet werden. (2) 1Die mit Mitteln nach SS 6 Abs. 1 erhobenen personenbezogenen Daten d\u00fcrfen nur f\u00fcr den Zweck weiter verarbeitet werden, zu dem sie erhoben worden sind. 2Eine Verarbeitung f\u00fcr andere Zwecke ist nur zul\u00e4ssig, wenn das zur Erhebung verwendete Mittel auch f\u00fcr den anderen Zweck h\u00e4tte angewendet werden d\u00fcrfen. 3F\u00fcr personenbezogene Daten, die durch Ma\u00dfnahmen nach SS 6 Abs. 3 und durch solche Ma\u00dfnahmen nach SS 6 Abs. 1 erhoben wurden, die in ihrer Art und Schwere einer Beschr\u00e4nkung des Brief-, Postund Fernmeldegeheimnisses gleichkommen, gilt SS 4 Abs. 1 und 2 Satz 1 sowie Abs. 4 bis 6 des Artikel 10-Gesetzes entsprechend. (3) 1Die durch Ma\u00dfnahmen nach SS 6 Abs. 5 erhobenen Daten d\u00fcrfen au\u00dfer zu den dort genannten Zwecken nur zur Strafverfolgung oder zur Abwehr erheblicher Gefahren verwertet werden. 2Die Verwertung bedarf der richterlichen Feststellung der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Ma\u00dfnahme. 3 SS 6 Abs. 4 S\u00e4tze 2 und 5 bis 7 gilt entsprechend. 4Wird die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Ma\u00dfnahme nicht nachtr\u00e4glich richterlich best\u00e4tigt, so sind die erhobenen Daten unverz\u00fcglich zu l\u00f6schen. 5SS 4 Abs. 1 und 2 Satz 1 sowie Abs. 4 bis 6 des Artikel 10-Gesetzes gilt entsprechend.","Anhang 227 (4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat die in den Abs\u00e4tzen 1, 2 Satz 1 3 und Absatz 3 bezeichneten Ma\u00dfnahmen den Betroffenen nach ihrer Einstellung mitzuteilen, wenn eine Gef\u00e4hrdung des Zwecks der Ma\u00dfnahme ausgeschlossen werden kann. 2Kann eine Gef\u00e4hrdung des Zwecks der Ma\u00dfnahme zu diesem Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden, so ist die Mitteilung vorzunehmen, sobald diese Voraussetzung gegeben ist. 3Wurden personenbezogene Daten \u00fcbermittelt, so erfolgt die Mitteilung im Benehmen mit dem Empf\u00e4nger. 4Einer Mitteilung bedarf es endg\u00fcltig nicht, wenn 1. die Voraussetzung aus Satz 1 auch f\u00fcnf Jahre nach Einstellung der Ma\u00dfnahme noch nicht eingetreten ist, 2. sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft nicht eintreten wird und 3. die Voraussetzungen f\u00fcr eine L\u00f6schung sowohl bei der erhebenden Stelle als auch beim Empf\u00e4nger vorliegen. 5 Bei den in Absatz 1 bezeichneten Ma\u00dfnahmen stellt die G 10-Kommission das Vorliegen der Voraussetzungen des Satzes 4 fest; SS 4 Abs. 5 und 6 Nds. AG G 10 findet entsprechende Anwendung. 6Bei den \u00fcbrigen Ma\u00dfnahmen unterrichtet das Fachministerium den Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes innerhalb von sechs Monaten nach Einstellung \u00fcber die Mitteilung an die Betroffenen oder \u00fcber die Gr\u00fcnde, die einer Mitteilung entgegenstehen. 7 Der Ausschuss ist auch \u00fcber die nach Satz 4 unterbliebenen Mitteilungen zu unterrichten. SS8 Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener Daten (1) 1Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 personenbezogene Daten speichern, ver\u00e4ndern und nutzen, wenn 1. tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht bestehen, dass die betroffene Person an Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 beteiligt ist, und dies f\u00fcr die Beobachtung der Bestrebung oder T\u00e4tigkeit erforderlich ist, 2. dies f\u00fcr die Erforschung und Bewertung gewaltt\u00e4tiger Bestrebungen nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 1, 3 und 4 oder von T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 erforderlich ist oder 3. dies zur Schaffung nachrichtendienstlicher Zug\u00e4nge zu Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 erforderlich ist. 2 In Akten d\u00fcrfen \u00fcber Satz 1 Nr. 2 hinaus personenbezogene Daten auch gespeichert, ver\u00e4ndert und genutzt werden, wenn dies sonst zur Erforschung und","228 Anhang Bewertung von Bestrebungen nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 1, 3 und 4 erforderlich ist. (2) Personenbezogene Daten d\u00fcrfen nur dann in Dateien gespeichert werden, wenn sie aus Akten ersichtlich sind. (3) Die Speicherung von personenbezogenen Daten aus der engeren Pers\u00f6nlichkeitssph\u00e4re in Dateien ist unzul\u00e4ssig. (4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat die Speicherungsdauer auf das f\u00fcr seine Aufgabenerf\u00fcllung erforderliche Ma\u00df zu beschr\u00e4nken. SS9 Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener Daten von Minderj\u00e4hrigen (1) 1Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf unter den Voraussetzungen des SS 8 Daten \u00fcber das Verhalten Minderj\u00e4hriger aus der Zeit vor Vollendung des 14. Lebensjahres in Akten, die zu ihrer Person gef\u00fchrt werden, nur speichern, ver\u00e4ndern oder nutzen, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass die betroffene Person eine der in SS 3 Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes genannten Straftaten plant, begeht oder begangen hat. 2In Dateien d\u00fcrfen Daten \u00fcber das Verhalten Minderj\u00e4hriger nur gespeichert, ver\u00e4ndert oder genutzt werden, wenn 1. die oder der Minderj\u00e4hrige zu dem Zeitpunkt, auf den sich die Daten beziehen, das 14. Lebensjahr bereits vollendet hatte und 2. tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht einer T\u00e4tigkeit nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 oder einer Bestrebung nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, 3 oder 4 bestehen, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen verfolgt wird. (2) 1Die nach Absatz 1 \u00fcber Personen vor Vollendung des 16. Lebensjahres gespeicherten Daten sind zwei Jahre nach der Speicherung zu l\u00f6schen, es sei denn, dass weitere Informationen im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 hinzugekommen sind. 2Die nach Absatz 1 \u00fcber Personen nach Vollendung des 16. und vor Vollendung des 18. Lebensjahres gespeicherten Daten sind zwei Jahre nach der Speicherung auf die Erforderlichkeit einer weiteren Speicherung zu \u00fcberpr\u00fcfen. 3Sie sind sp\u00e4testens nach f\u00fcnf Jahren zu l\u00f6schen, es sei denn, dass nach Eintritt der Vollj\u00e4hrigkeit weitere Informationen \u00fcber Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 hinzugekommen sind.","Anhang 229 SS 10 Berichtigung, L\u00f6schung und Sperrung von personenbezogenen Daten in Dateien (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat die in Dateien gespeicherten personenbezogenen Daten zu berichtigen, wenn sie unrichtig sind; es hat sie zu erg\u00e4nzen, wenn sie unvollst\u00e4ndig sind und dadurch schutzw\u00fcrdige Interessen der betroffenen Person beeintr\u00e4chtigt sein k\u00f6nnen. (2) 1Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat die in Dateien gespeicherten personenbezogenen Daten zu l\u00f6schen, wenn 1. ihre Speicherung unzul\u00e4ssig war oder 2. ihre Kenntnis f\u00fcr die Aufgabenerf\u00fcllung nicht mehr erforderlich ist. 2 Die L\u00f6schung unterbleibt, wenn Grund zu der Annahme besteht, dass durch sie schutzw\u00fcrdige Interessen von Betroffenen beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrden. 3In diesem Falle sind die Daten zu sperren. 4Sie d\u00fcrfen nur noch mit Einwilligung der Betroffenen weiter verarbeitet werden. (3) 1Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz pr\u00fcft bei der Einzelfallbearbeitung und nach festgesetzten Fristen, sp\u00e4testens nach f\u00fcnf Jahren, ob gespeicherte personenbezogene Daten zu berichtigen oder zu erg\u00e4nzen, zu l\u00f6schen oder zu sperren sind. 2Gespeicherte personenbezogene Daten \u00fcber Bestrebungen nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 sind sp\u00e4testens zehn Jahre, \u00fcber Bestrebungen nach Nr. 3 oder 4 sp\u00e4testens 15 Jahre nach dem Zeitpunkt der letzten Speicherung einer Information \u00fcber Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 zu l\u00f6schen. (4) 1In den F\u00e4llen des Absatzes 2 Satz 1 Nr. 2 und des Absatzes 3 Satz 2 tritt an die Stelle der L\u00f6schung der personenbezogenen Daten durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz die Abgabe an die Archivverwaltung. 2Die Nutzung archivierter Daten durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz ist ausgeschlossen, solange diese nicht allgemein zug\u00e4nglich sind. (5) Personenbezogene Daten, die ausschlie\u00dflich zu Zwecken der Datenschutzkontrolle, der Datensicherung oder zur Sicherstellung eines ordnungsgem\u00e4\u00dfen Betriebes einer Datenverarbeitungsanlage gespeichert werden, d\u00fcrfen nur f\u00fcr diese Zwecke oder zur Verfolgung von Straftaten nach dem Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetz weiter verarbeitet werden.","230 Anhang SS 11 Berichtigung, L\u00f6schung und Sperrung von personenbezogenen Daten in Akten (1) Stellt das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz fest, dass in Akten gespeicherte personenbezogene Daten unrichtig sind, oder wird ihre Richtigkeit von Betroffenen bestritten, so ist dies in der Akte zu vermerken. (2) 1F\u00fcr Akten, die zu einer bestimmten Person gef\u00fchrt werden, gilt SS 10 Abs. 2 und 3 entsprechend. 2Im \u00fcbrigen hat das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz personenbezogene Daten zu sperren, wenn es bei der Einzelfallbearbeitung feststellt, dass ohne die Sperrung schutzw\u00fcrdige Interessen von Betroffenen beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrden, und die Daten f\u00fcr die k\u00fcnftige Aufgabenerf\u00fcllung nicht mehr erforderlich sind. 3Gesperrte Daten sind mit einem entsprechenden Vermerk zu versehen; sie d\u00fcrfen nicht mehr weiter verarbeitet werden. 4Eine Aufhebung der Sperrung ist m\u00f6glich, wenn ihre Voraussetzungen nachtr\u00e4glich entfallen. (3) 1Sind Akten des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz f\u00fcr dessen Aufgabenerf\u00fcllung nicht mehr erforderlich, so tritt an die Stelle ihrer Vernichtung durch das Landesamt die Abgabe an die Archivverwaltung. 2F\u00fcr Akten, die zu einer bestimmten Person gef\u00fchrt werden, oder andere Akten, die personenbezogene Daten enthalten, gilt SS 10 Abs. 4 Satz 2 entsprechend. SS 12 Dateibeschreibungen (1) 1F\u00fcr jede Datei beim Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sind in einer Dateibeschreibung festzulegen: 1. die Bezeichnung der Datei, 2. der Zweck der Datei, 3. Inhalt, Umfang, Voraussetzungen und Rechtsgrundlage der Speicherung, \u00dcbermittlung und Nutzung (betroffener Personenkreis, Arten der Daten), 4. \u00dcberpr\u00fcfungsfristen, Speicherungsdauer, 5. die nach dem Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetz erforderlichen technischen und organisatorischen Ma\u00dfnahmen, 6. bei automatisierten Verfahren die Betriebsart des Verfahrens, die Art der Ger\u00e4te, die Stellen, bei denen sie aufgestellt sind, sowie das Verfahren zur \u00dcbermittlung, Sperrung, L\u00f6schung und Auskunftserteilung. 2 Satz 1 gilt nicht f\u00fcr Dateien, die aus ausschlie\u00dflich verarbeitungstechnischen Gr\u00fcnden vor\u00fcbergehend vorgehalten werden. (2) 1Dateibeschreibungen bed\u00fcrfen der vorherigen Zustimmung des Fachministeriums. 2Vor ihrem Erlass ist die oder der Landesbeauftragte f\u00fcr den Datenschutz anzuh\u00f6ren.","Anhang 231 (3) Die Speicherung personenbezogener Daten ist auf das erforderliche Ma\u00df 1 zu beschr\u00e4nken. 2In angemessenen Abst\u00e4nden ist die Notwendigkeit der Weiterf\u00fchrung oder \u00c4nderung der Dateien zu \u00fcberpr\u00fcfen. (4) In der Dateibeschreibung \u00fcber personenbezogene Textdateien ist die Zugriffsberechtigung auf Personen zu beschr\u00e4nken, die unmittelbar mit Arbeiten in dem Gebiet betraut sind, dem die Textdateien zugeordnet sind; Ausz\u00fcge aus Textdateien d\u00fcrfen nicht ohne die dazugeh\u00f6renden erl\u00e4uternden Unterlagen \u00fcbermittelt werden. Dritter Abschnitt Auskunft SS 13 Auskunft an Betroffene (1) 1Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz erteilt Betroffenen auf Antrag unentgeltlich Auskunft \u00fcber die zu ihrer Person gespeicherten Daten. 2Die Auskunftsverpflichtung erstreckt sich nicht auf die Herkunft der Daten und die Empf\u00e4nger von \u00dcbermittlungen. 3\u00dcber Daten aus Akten, die nicht zur Person der Betroffenen gef\u00fchrt werden, wird Auskunft nur erteilt, soweit die Daten, namentlich auf Grund von Angaben der Betroffenen, mit angemessenem Aufwand auffindbar sind. 4Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz bestimmt Verfahren und Form der Auskunftserteilung nach pflichtgem\u00e4\u00dfem Ermessen. (2) 1Die Auskunftserteilung kann nur abgelehnt werden, soweit 1. die Auskunft die \u00f6ffentliche Sicherheit gef\u00e4hrden oder sonst dem Wohl des Bundes oder eines Landes Nachteile bereiten w\u00fcrde, 2. die Daten oder die Tatsache ihrer Speicherung nach einer Rechtsvorschrift oder wegen der berechtigten Interessen von Dritten geheimgehalten werden m\u00fcssen oder 3. durch die Auskunftserteilung Informationsquellen gef\u00e4hrdet w\u00fcrden oder die Ausforschung des Erkenntnisstandes oder der Arbeitsweise des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz zu bef\u00fcrchten ist. 2 Die Entscheidung trifft die Beh\u00f6rdenleiterin oder der Beh\u00f6rdenleiter unter Abw\u00e4gung der in Satz 1 Nrn. 1 bis 3 genannten Interessen mit dem Interesse der antragstellenden Person an der Auskunftserteilung. 3Die Beh\u00f6rdenleiterin oder der Beh\u00f6rdenleiter kann eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter damit beauftragen, ebenfalls Entscheidungen nach Satz 1 zu treffen. (3) 1Die Ablehnung einer Auskunft bedarf keiner Begr\u00fcndung, soweit durch die Begr\u00fcndung der Zweck der Ablehnung gef\u00e4hrdet w\u00fcrde. 2Die Gr\u00fcnde der Ablehnung sind aktenkundig zu machen. 3Wird der antragstellenden Person keine Begr\u00fcndung f\u00fcr die Ablehnung der Auskunft gegeben, so ist ihr die","232 Anhang Rechtsgrundlage daf\u00fcr zu nennen. Ferner ist sie darauf hinzuweisen, dass sie 4 sich an die Landesbeauftragte oder den Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz wenden kann. 5Der oder dem Landesbeauftragten ist auf Verlangen Auskunft zu erteilen. 6Stellt die Fachministerin oder der Fachminister oder die Vertreterin oder der Vertreter, fest, dass durch die Erteilung der Auskunft nach Satz 5 die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gef\u00e4hrdet w\u00fcrde, so darf die Auskunft nur der oder dem Landesbeauftragten pers\u00f6nlich erteilt werden. 7 Mitteilungen der oder des Landesbeauftragten an die antragstellende Person d\u00fcrfen keine R\u00fcckschl\u00fcsse auf den Erkenntnisstand des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz zulassen, sofern dieses nicht einer weitergehenden Mitteilung zustimmt. Vierter Abschnitt Informations\u00fcbermittlung SS 14 Grenzen der \u00dcbermittlung personenbezogener Daten Wird nach den Bestimmungen dieses Abschnitts um die \u00dcbermittlung personenbezogener Daten ersucht, so d\u00fcrfen nur solche Daten \u00fcbermittelt werden, die bei der ersuchten Beh\u00f6rde oder Stelle bereits bekannt sind oder von ihr aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen entnommen werden k\u00f6nnen. SS 15 \u00dcbermittlung von Informationen an das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (1) Die Beh\u00f6rden des Landes, insbesondere die Staatsanwaltschaften und, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftlichen Sachleitungsbefugnis, die Polizeibeh\u00f6rden, sowie die der ausschlie\u00dflichen Aufsicht des Landes unterstehenden K\u00f6rperschaften, Anstalten und Stiftungen des \u00f6ffentlichen Rechts unterrichten von sich aus das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz \u00fcber die ihnen bekannt gewordenen Tatsachen, die sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht oder Bestrebungen in der Bundesrepublik Deutschland erkennen lassen, die sich unter Anwendung von Gewalt oder durch darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen gegen die in SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 1, 3 und 4 genannten Schutzg\u00fcter wenden. (2) Die Staatsanwaltschaften und, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftlichen Sachleitungsbefugnis, die Polizeibeh\u00f6rden sowie die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden \u00fcbermitteln dar\u00fcber hinaus von sich aus dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz auch alle anderen ihnen bekannt gewordenen Informationen einschlie\u00dflich personenbezogener Daten \u00fcber Bestrebungen nach SS 3 Abs. 1 Satz 1, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass die \u00dcbermittlung f\u00fcr die Erf\u00fcllung der Aufgaben des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz erforderlich ist.","Anhang 233 (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben 1 die in Absatz 1 genannten Stellen um \u00dcbermittlung der zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erforderlichen Informationen einschlie\u00dflich personenbezogener Daten ersuchen, wenn diese nicht aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen oder nur mit \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Aufwand oder nur durch eine die betroffene Person st\u00e4rker belastende Ma\u00dfnahme erhoben werden k\u00f6nnen. 2Die Ersuchen sind aktenkundig zu machen. (4) 1Die \u00dcbermittlung personenbezogener Daten, die auf Grund einer Ma\u00dfnahme nach SS 100a der Strafprozessordnung bekannt geworden sind, ist nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3 nur zul\u00e4ssig, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass jemand eine der in SS 3 des Artikel 10-Gesetzes genannten Straftaten plant, begeht oder begangen hat. 2Auf die dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz nach Satz 1 \u00fcbermittelten personenbezogenen Daten findet SS 4 Abs. 1 und 2 Satz 1 sowie Abs. 4 bis 6 des Artikel 10-Gesetzes entsprechende Anwendung. (5) 1Die \u00dcbermittlung personenbezogener Daten, die auf Grund anderer strafprozessualer Zwangsma\u00dfnahmen (SSSS 94 bis 100, 100 c bis 111 p, 163 e und 163 f der Strafprozessordnung) bekannt geworden sind, ist nur zul\u00e4ssig, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr gewaltt\u00e4tige Bestrebungen nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, 3 oder 4 oder von T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 bestehen. 2Die nach Satz 1 \u00fcbermittelten personenbezogenen Daten d\u00fcrfen nur zur Erforschung solcher Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten genutzt werden. SS 16 Registereinsicht durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf zur Gewinnung von Informationen \u00fcber gewaltt\u00e4tige Bestrebungen nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, 3 oder 4 oder \u00fcber T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 die von \u00f6ffentlichen Stellen gef\u00fchrten Register, insbesondere Grundb\u00fccher, Personenstandsb\u00fccher, Melderegister, Personalausweisregister, Passregister, F\u00fchrerscheinkartei, Waffenscheinkartei, einsehen. (2) 1Die Einsichtnahme ist nur zul\u00e4ssig, wenn 1. eine \u00dcbermittlung der Daten durch die registerf\u00fchrende Stelle den Zweck der Ma\u00dfnahme gef\u00e4hrden w\u00fcrde oder 2. die betroffene Person durch eine anderweitige Informationsgewinnung unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrde. 2 Die Einsichtnahme ist unzul\u00e4ssig, wenn ihr eine gesetzliche Geheimhaltungsvorschrift oder eine Pflicht zur Wahrung von Berufsgeheimnissen entgegensteht.","234 Anhang (3) Die Einsichtnahme ordnet die Leiterin oder der Leiter des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz, im Falle der Verhinderung die Vertreterin oder der Vertreter, an. (4) 1Die durch Einsichtnahme in Register gewonnenen Informationen d\u00fcrfen nur zu den in Absatz 1 genannten Zwecken verwendet werden. 2Gespeicherte Informationen sind zu l\u00f6schen und Unterlagen zu vernichten, sobald sie f\u00fcr diese Zwecke nicht mehr erforderlich sind. (5) 1\u00dcber jede Einsichtnahme ist ein gesonderter Nachweis zu f\u00fchren, aus dem ihr Zweck, das eingesehene Register und die registerf\u00fchrende Stelle sowie die Namen der Betroffenen hervorgehen, deren Daten f\u00fcr eine weitere Verarbeitung erforderlich sind. 2Diese Nachweise sind gesondert aufzubewahren, gegen unberechtigten Zugriff zu sichern und am Ende des Kalenderjahres, das dem Jahr der Anfertigung folgt, zu vernichten. SS 17 \u00dcbermittlung personenbezogener Daten durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (1) 1Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf personenbezogene Daten an inl\u00e4ndische Beh\u00f6rden \u00fcbermitteln, wenn dies zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erforderlich ist oder der Empf\u00e4nger die Daten zum Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung oder sonst f\u00fcr Zwecke der \u00f6ffentlichen Sicherheit oder der Strafverfolgung ben\u00f6tigt. 2Die \u00dcbermittlung ist aktenkundig zu machen. 3Die empfangende Beh\u00f6rde darf die \u00fcbermittelten Daten, soweit gesetzlich nichts anderes bestimmt ist, nur zu dem Zweck weiterverarbeiten, zu dem sie ihr \u00fcbermittelt wurden. (2) 1Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf personenbezogene Daten an Dienststellen der alliierten Streitkr\u00e4fte \u00fcbermitteln, soweit dies im Rahmen der Zusammenarbeit nach Artikel 3 des Zusatzabkommens vom 3. August 1959 zu dem Abkommen zwischen den Parteien des Nordatlantikvertrages vom 19. Juni 1951 \u00fcber die Rechtsstellung ihrer Truppen hinsichtlich der in der Bundesrepublik Deutschland stationierten ausl\u00e4ndischen Truppen (BGBl. 1961 II S. 1183, 1218) erforderlich ist. 2Die \u00dcbermittlung ist aktenkundig zu machen. (3) 1Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf personenbezogene Daten im Einvernehmen mit dem Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz an ausl\u00e4ndische \u00f6ffentliche Stellen sowie an \u00fcberund zwischenstaatliche Stellen \u00fcbermitteln, soweit die \u00dcbermittlung in einem Gesetz, einem Rechtsakt der Europ\u00e4ischen Gemeinschaften oder einer internationalen Vereinbarung geregelt ist. 2Eine \u00dcbermittlung darf auch erfolgen, wenn sie 1. zum Schutz von Leib oder Leben erforderlich ist oder 2. zur Erf\u00fcllung eigener Aufgaben, insbesondere in F\u00e4llen grenz\u00fcberschreitender T\u00e4tigkeiten des Landesamtes, unumg\u00e4nglich ist und im Empf\u00e4ngerland","Anhang 235 gleichwertige Datenschutzregelungen gelten. Die \u00dcbermittlung unter- 3 bleibt, wenn ihr ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland oder \u00fcberwiegende schutzw\u00fcrdige Interessen der Betroffenen, insbesondere deren Schutz vor einer rechtsstaatswidrigen Verfolgung, entgegenstehen. 4Die \u00dcbermittlung der von einer Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde empfangenen personenbezogenen Daten unterbleibt, es sei denn, die \u00dcbermittlung ist v\u00f6lkerrechtlich geboten. 5Die \u00dcbermittlung ist aktenkundig zu machen. 6Die empfangende Stelle darf die \u00fcbermittelten Daten nur f\u00fcr den Zweck weiter verarbeiten, zu dem sie ihr \u00fcbermittelt wurden. 7Sie ist auf die Verarbeitungsbeschr\u00e4nkung und darauf hinzuweisen, dass sich das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz vorbeh\u00e4lt, Auskunft \u00fcber die Verarbeitung der Daten zu verlangen. (4) 1Personenbezogene Daten d\u00fcrfen an einzelne Personen oder an andere als die in den Abs\u00e4tzen 1 bis 3 genannten Stellen nicht \u00fcbermittelt werden, es sei denn, dass dies zum Schutz vor Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 oder zur Gew\u00e4hrleistung der Sicherheit von lebensoder verteidigungswichtigen Einrichtungen (SS 1 Abs. 4 und 5 des Nieders\u00e4chsischen Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetzes) erforderlich ist und das Fachministerium der \u00dcbermittlung zugestimmt hat. 2Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz f\u00fchrt \u00fcber jede \u00dcbermittlung personenbezogener Daten nach Satz 1 einen gesonderten Nachweis, aus dem der Zweck der \u00dcbermittlung, ihre Veranlassung, die Aktenfundstelle und der Empf\u00e4nger hervorgehen. 3Die Nachweise sind gesondert aufzubewahren, gegen unberechtigten Zugriff zu sichern und am Ende des Kalenderjahres, das dem Jahr ihrer Anfertigung folgt, zu vernichten. 4Der Empf\u00e4nger darf die \u00fcbermittelten Daten nur f\u00fcr den Zweck weiter verarbeiten, zu dem sie ihm \u00fcbermittelt wurden. 5Er ist auf die Verarbeitungsbeschr\u00e4nkung und darauf hinzuweisen, dass sich das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz vorbeh\u00e4lt, Auskunft \u00fcber die Verarbeitung der Daten zu verlangen. 6 Die \u00dcbermittlung der personenbezogenen Daten ist der betroffenen Person durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz mitzuteilen, sobald eine Gef\u00e4hrdung der Aufgabenerf\u00fcllung durch die Mitteilung nicht mehr zu besorgen ist. 7 Die Zustimmung nach Satz 1 und das F\u00fchren eines Nachweises nach Satz 2 sind nicht erforderlich, wenn personenbezogene Daten durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zum Zweck von Datenerhebungen an andere Stellen \u00fcbermittelt werden. SS 18 \u00dcbermittlung von Informationen durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz an Strafverfolgungsund Sicherheitsbeh\u00f6rden in Angelegenheiten des Staatsund Verfassungsschutzes (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz \u00fcbermittelt den Staatsanwaltschaften und, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftlichen Sachleitungsbefugnis, den Polizeibeh\u00f6rden von sich aus die ihm bekannt gewordenen Informationen einschlie\u00dflich personenbezogener Daten, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte","236 Anhang daf\u00fcr bestehen, dass die \u00dcbermittlung zur Verhinderung oder Verfolgung von folgenden Straftaten erforderlich ist: 1. die in SS 74a Abs. 1 und SS 120 Abs. 1 des Gerichtsverfassungsgesetzes genannten Straftaten, 2. Straftaten, bei denen auf Grund ihrer Zielrichtung, des Motivs des T\u00e4ters oder dessen Verbindung zu einer Organisation anzunehmen ist, dass sie sich gegen die in SS 3 Abs. 1 Satz 1 genannten Schutzg\u00fcter wenden. (2) Die Polizeibeh\u00f6rden d\u00fcrfen zur Verhinderung von Straftaten nach Absatz 1 das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz um \u00dcbermittlung der erforderlichen Informationen einschlie\u00dflich personenbezogener Daten ersuchen. SS 19 \u00dcbermittlung personenbezogener Daten an die \u00d6ffentlichkeit Bei der Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit einschlie\u00dflich der Medien \u00fcber Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 d\u00fcrfen personenbezogene Daten nur bekannt gegeben werden, wenn die Bekanntgabe f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Darstellung, insbesondere von Organisationen oder unorganisierten Gruppierungen, erforderlich ist und das Interesse der Allgemeinheit das schutzw\u00fcrdige Interesse der betroffenen Person \u00fcberwiegt. SS 20 \u00dcbermittlungsverbote, Minderj\u00e4hrigenschutz (1) Die \u00dcbermittlung von Informationen nach den Vorschriften dieses Abschnitts unterbleibt, wenn 1. die Informationen zu l\u00f6schen sind, 2. f\u00fcr die \u00fcbermittelnde Stelle erkennbar ist, dass die Informationen f\u00fcr die empfangende Stelle nicht erforderlich sind, 3. f\u00fcr die \u00fcbermittelnde Stelle erkennbar ist, dass unter Ber\u00fccksichtigung der Art der Informationen, insbesondere ihres Bezuges zu der engeren Pers\u00f6nlichkeitssph\u00e4re der betroffenen Person, und der Umst\u00e4nde ihrer Erhebung das schutzw\u00fcrdige Interesse der betroffenen Person das Interesse der Allgemeinheit an der \u00dcbermittlung \u00fcberwiegt, 4. \u00fcberwiegende Sicherheitsinteressen dies erfordern oder 5. besondere Regelungen in Rechtsvorschriften, in Standesrichtlinien oder Verpflichtungen zur Wahrung besonderer Amtsgeheimnisse der \u00dcbermittlung entgegenstehen. (2) Personenbezogene Daten Minderj\u00e4hriger d\u00fcrfen nach den Vorschriften dieses Gesetzes \u00fcbermittelt werden, solange die Voraussetzungen der Speicherung nach SS 9 erf\u00fcllt sind.","Anhang 237 (3) Personenbezogene Daten Minderj\u00e4hriger \u00fcber ihr Verhalten vor Vollen- 1 dung des 14. Lebensjahres d\u00fcrfen nach den Vorschriften dieses Gesetzes nicht an ausl\u00e4ndische oder an \u00fcberoder zwischenstaatliche Stellen \u00fcbermittelt werden. 2Dasselbe gilt f\u00fcr Informationen \u00fcber Personenzusammenschl\u00fcsse, deren Mitglieder \u00fcberwiegend Minderj\u00e4hrige sind, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. SS 21 Pflichten der empfangenden Stelle 1 Die empfangende Stelle pr\u00fcft, ob die ihr nach den Vorschriften dieses Gesetzes \u00fcbermittelten personenbezogenen Daten f\u00fcr die Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben erforderlich sind. 2Ergibt die Pr\u00fcfung, dass dies nicht der Fall ist, so hat sie die entsprechenden Unterlagen zu vernichten und gespeicherte Daten zu l\u00f6schen. 3 Die Vernichtung und die L\u00f6schung k\u00f6nnen unterbleiben, wenn die Trennung von anderen Informationen, die zur Erf\u00fcllung der Aufgaben erforderlich sind, nicht oder nur mit unvertretbarem Aufwand m\u00f6glich ist; in diesem Fall sind die Daten zu sperren. SS 22 Nachberichtspflicht 1 Erweisen sich personenbezogene Daten nach ihrer \u00dcbermittlung als unvollst\u00e4ndig oder unrichtig, so sind sie gegen\u00fcber der empfangenden Stelle unverz\u00fcglich zu erg\u00e4nzen oder zu berichtigen, es sei denn, dass der Mangel f\u00fcr die Beurteilung des Sachverhalts offensichtlich ohne Bedeutung ist. 2Werden personenbezogene Daten nach ihrer \u00dcbermittlung gesperrt, so ist dies der empfangenden Stelle unter Angabe der Gr\u00fcnde, die zu der Sperrung gef\u00fchrt haben, unverz\u00fcglich mitzuteilen. F\u00fcnfter Abschnitt Parlamentarische Kontrolle SS 23 Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes Die parlamentarische Kontrolle auf dem Gebiet des Verfassungsschutzes \u00fcbt unbeschadet der Rechte des Landtages und seiner sonstigen Aussch\u00fcsse ein besonderer, vom Landtag gebildeter Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes aus.","238 Anhang SS 24 Zusammensetzung (1) 1Der Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes soll aus mindestens sieben Abgeordneten des Landtages bestehen. 2Mitglieder der Landesregierung k\u00f6nnen dem Ausschuss nicht angeh\u00f6ren. (2) 1Jede Fraktion erh\u00e4lt mindestens einen Sitz. 2Die Verteilung aller Sitze bestimmt sich nach der Gesch\u00e4ftsordnung des Nieders\u00e4chsischen Landtages. SS 25 Kontrollrechte des Ausschusses (1) Das Fachministerium ist verpflichtet, den Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes umfassend \u00fcber die T\u00e4tigkeit des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz im allgemeinen sowie \u00fcber Vorg\u00e4nge von besonderer Bedeutung zu unterrichten. (2) 1Der Ausschuss hat das Recht, Ausk\u00fcnfte des Fachministeriums einzuholen, von diesem Einsicht in Akten und andere Unterlagen sowie Zugang zu Einrichtungen des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz zu verlangen und Auskunftspersonen anzuh\u00f6ren. 2Er \u00fcbt diese Rechte auf Antrag mindestens eines seiner Mitglieder aus. (3) 1Soweit dies erforderlich ist, um vom Bund oder von einem Land erhebliche Nachteile abzuwenden, kann das Fachministerium die Erf\u00fcllung eines Verlangens nach Absatz 2 davon abh\u00e4ngig machen, dass die Akten oder sonstigen Unterlagen, in die der Ausschuss Einsicht nehmen will, oder die Verhandlungen, w\u00e4hrend derer Ausk\u00fcnfte erteilt, Einrichtungen des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz aufgesucht oder Auskunftspersonen angeh\u00f6rt werden sollen oder die der Beratung hier\u00fcber dienen, nach der Gesch\u00e4ftsordnung des Nieders\u00e4chsischen Landtages f\u00fcr vertraulich erkl\u00e4rt werden. 2Gen\u00fcgt dies nicht, so kann das Fachministerium das Verlangen ablehnen; die Gr\u00fcnde daf\u00fcr hat es vor dem Ausschuss darzulegen. (4) 1Bedienstete des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz d\u00fcrfen in dienstlichen Angelegenheiten Eingaben an den Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes richten. 2Solche Eingaben und die Verhandlungen des Ausschusses \u00fcber sie sind vertraulich im Sinne der Gesch\u00e4ftsordnung des Nieders\u00e4chsischen Landtages. (5) 1\u00dcber alle Eingaben, die die T\u00e4tigkeit des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz betreffen und an den Landtag oder einen seiner Aussch\u00fcsse gerichtet sind, entscheidet der Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes abschlie\u00dfend, es sei denn, dass der Einsender ausdr\u00fccklich eine Entscheidung des Landtages verlangt. 2Auf diese M\u00f6glichkeit ist der Einsender hinzuweisen.","Anhang 239 SS 26 Verfahrensweise (1) 1F\u00fcr die Verhandlungen des Ausschusses f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes gelten die Vorschriften der Gesch\u00e4ftsordnung des Nieders\u00e4chsischen Landtages. 2Jedoch bedarf ein Beschluss, durch welchen die Vertraulichkeit von Akten oder sonstigen Unterlagen oder von Verhandlungen des Ausschusses aufgehoben wird, einer Mehrheit von zwei Dritteln der Stimmen seiner Mitglieder. 3Ist zu einem solchen Beschluss das Einvernehmen der Landesregierung erforderlich und weigert diese sich, es zu erteilen, so hat sie die Gr\u00fcnde daf\u00fcr vor dem Ausschuss darzulegen. 4Dient die Vertraulichkeit dem Schutz von Informationen, deren Geheimhaltung in die Verantwortung einer Beh\u00f6rde des Bundes oder eines anderen Landes f\u00e4llt, so bedarf die Aufhebung der Vertraulichkeit des Einvernehmens dieser Beh\u00f6rde. (2) 1Der Ausschuss gibt sich f\u00fcr die Wahrnehmung der Aufgaben nach SS 2 Abs. 1 Nds. AG G 10 eine besondere Gesch\u00e4ftsordnung. 2Zu deren Geheimschutzregelungen ist die Landesregierung zu h\u00f6ren. 3Die Gesch\u00e4ftsordnung bedarf der Best\u00e4tigung durch den Landtag. (3) Der Ausschuss berichtet dem Landtag in der Mitte und am Ende jeder Wahlperiode \u00fcber seine T\u00e4tigkeit. (4) Der Ausschuss \u00fcbt seine T\u00e4tigkeit auch \u00fcber das Ende einer Wahlperiode des Landtages so lange aus, bis der nachfolgende Landtag den Ausschuss nach SS 24 neu gebildet hat. SS 27 Hilfe von Seiten der oder des Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz (1) 1Der Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes hat auf Antrag von mindestens einem Viertel seiner Mitglieder die Landesbeauftragte oder den Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz zu beauftragen, die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit einzelner Ma\u00dfnahmen, die das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz durchgef\u00fchrt hat, zu \u00fcberpr\u00fcfen. 2Die Befugnisse der oder des Landesbeauftragten richten sich nach den Bestimmungen des Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetzes. (2) Wird die oder der Landesbeauftragte f\u00fcr den Datenschutz nach SS 13 Abs. 3 t\u00e4tig, so kann sie oder er den Ausschuss von sich aus unterrichten, wenn sich Beanstandungen ergeben, eine Mitteilung an die betroffene Person aber aus Geheimhaltungsgr\u00fcnden unterbleiben muss.","240 Anhang Sechster Abschnitt Schlussvorschriften SS 28 Geltung des Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetzes Bei der Erf\u00fcllung der Aufgaben nach SS 3 durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz finden die Vorschriften des SS 4 Abs. 1 sowie der SSSS 9 bis 17 a des Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetzes keine Anwendung. SS 29 \u00c4nderung des Nieders\u00e4chsischen Gesetzes zur Ausf\u00fchrung des Gesetzes zu Artikel 10 Grundgesetz*) SS 30 \u00c4nderung des Nieders\u00e4chsischen Beamtengesetzes*) SS 31 \u00c4nderung des Personalvertretungsgesetzes f\u00fcr das Land Niedersachsen*) SS 32 Inkrafttreten**) (1) Dieses Gesetz tritt 14 Tage nach seiner Verk\u00fcndung in Kraft. (2) Gleichzeitig tritt das Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutzgesetz vom 12. Juli 1976 (Nds. GVBl. S. 181), ge\u00e4ndert durch Gesetz vom 24. M\u00e4rz 1980 (Nds. GVBl. S. 67), au\u00dfer Kraft. * Diese Vorschrift des Gesetzes in der urspr\u00fcnglichen Fassung vom 3. November 1992 (Nds. GVBl. S. 283) wird hier nicht abgedruckt. ** Diese Vorschrift betrifft das In-Kraft-Treten des Gesetzes in der urspr\u00fcnglichen Fassung vom 3. November 1992 (Nds. GVBl. S. 283). Der Zeitpunkt des In-Kraft-Tretens der sp\u00e4teren \u00c4nderungen ergibt sich aus den in der vorangestellten Bekanntmachung n\u00e4her bezeichneten Gesetzen.","Abk\u00fcrzungsverzeichnis 241 ABK\u00dcRZUNGSVERZEICHNIS AA/BO Antifaschistische Aktion / DHKC Revolution\u00e4re VolksbefreiBundesweite Organisation ungsfront [AAH] Antifaschistische Aktion HanDHKP Revolution\u00e4re Volksbefreinover ungspartei AA[M] Autonome Antifa [M] DHKP-C Revolution\u00e4re VolksbefreiAAP Anti-Atom-Plenum G\u00f6ttinungspartei-Front (KARATASgen Fl\u00fcgel) ABLE Association for Better Living DK Deutsches Kolleg and Education DKP Deutsche Kommunistische ADHF F\u00f6deration f\u00fcr demokraPartei tische Rechte in Deutschland DP Deutsche Partei e. V. DSZDSZ - Druckschriftenund ADHK Konf\u00f6deration f\u00fcr demokraVerlag Zeitungsverlag tische Rechte in Europa DVU Deutsche Volksunion A.L.I. Antifaschistische Linke International EMUG Europ\u00e4ische MoscheebauAMGT Vereinigung der Neuen Weltund Unterst\u00fctzungsgemeinsicht e. V. schaft e. V. AMS Assoziation Marxistischer StudentInnen FAP Freiheitliche Deutsche ArbeiApS Applied Scholastics Deutschterpartei land FAPSI F\u00f6derale Agentur f\u00fcr RegieATF Deutsche T\u00fcrk-F\u00f6deration rungsfernmeldewesen und ATIF F\u00f6deration der Arbeiter aus Information der der T\u00fcrkei in Deutschland Russischen F\u00f6deration e. V. FAU/IAA Freie Arbeiterinnenund ArATIK Konf\u00f6deration der Arbeiter beiter-Union / Internationale aus der T\u00fcrkei in Europa ArbeiterInnen Assoziation FHWO Freundschaftsund Hilfswerk B&H Blood & Honour Ost FIS Islamische Heilsfront CCHR Citizens Commission on HuFPS F\u00f6deraler Dienst f\u00fcr Grenzman Rights schutz der Russischen F\u00f6deration CH Collegium Humanum - Akademie f\u00fcr Umwelt und LeFSB Russischer Inlandsnachrichbensschutz e. V. tendienst FSO F\u00f6deraler Dienst f\u00fcr Regierungsschutz der Russischen DABK Ostanatolisches GebietskomiF\u00f6deration tee","242 Abk\u00fcrzungsverzeichnis FZFZ - Freiheitlicher Buchund KONKonf\u00f6deration der kurVerlag Zeitschriftenverlag GmbH KURD dischen Vereine in Europa KONGRA Volkskongress Kurdistans GD/SD Geraer Dialog / SozialistiGEL scher Dialog KPD Kommunistische Partei GFP Gesellschaft f\u00fcr Freie PubliDeutschlands zistik KPF Kommunistische Plattform GRU Russischer milit\u00e4rischer Nachder Linkspartei.PDS richtendienst KVPM Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte HAMAS Islamische Widerstandsbewegung HNG Hilfsorganisation f\u00fcr natioLTTE Befreiungstiger von Tamil nale politische Gefangene Eelam und deren Angeh\u00f6rige HPG Volksverteidigungseinheiten MB Muslimbruderschaft HuT Hizb ut-Tahrir al-Islami MEK Volksmodjahedin Iran-Organisation IAS International Association of MF Marxistisches Forum Scientologists MID Chinesischer milit\u00e4rischer IBP Islamischer Bund Pal\u00e4stina Nachrichtendienst ICCB Verband der islamischen MKP Maoistische Kommunistische Vereine und Gemeinden e. Partei V., K\u00f6ln MLKP Marxistisch-Leninistische IGD Islamische Gemeinschaft in Kommunistische Partei Deutschland e. V. MLPD Marxistisch-Leninistische IGMG Islamische Gemeinschaft Milli Partei Deutschlands G\u00f6r\u00fcs e. V. MSV Muslim StudentenvereiniIZA Islamisches Zentrum Aachen gung in Deutschland IZM Islamisches Zentrum M\u00fcnchen NL Nationale Liste NLA Nationale Befreiungsarmee JN Junge Nationaldemokraten NPD Nationaldemokratische Partei Deutschlands KADEK Freiheitsund DemokratiekoNSDAP/ Nationalsozialistische ngress Kurdistans AO Deutsche Arbeiterpartei / Auslandsund KDS Kampfbund Deutscher SoziaAufbauorganisation listen NWRI Nationaler Widerstandsrat KKK Konf\u00f6deration der kurIran dischen Gemeinschaften (\"Koma Komalen NZ National-Zeitung / Deutsche Kurdistan\") Wochen-Zeitung","Abk\u00fcrzungsverzeichnis 243 OSA Office of Special Affairs UMSO Union Muslimischer Studentenorganisationen in Europa e. V. PAJK Freiheitspartei der Frauen Kurdistans UZ Unsere Zeit PDS Partei des Demokratischen Sozialismus V.H.O. Vrij Historisch Onderzoek PKK Arbeiterpartei Kurdistans VRBHV Verein zur Rehabilitierung PMK Politisch motivierte Kriminader wegen Bestreitens des lit\u00e4t Holocaust Verfolgten [P.O.P.] Politik.Organisation.Praxis PWD Patriotisch-Demokratische WISE World Institute of ScientolPartei ogy Enterprises WTM World Tamil Movement RBB Reichsb\u00fcrgerbewegung REP Die Republikaner YEKF\u00f6deration der kurdischen KOM Vereine in Deutschland e. V. RH Rote Hilfe e. V. RTC Religious Technology Center ZMD Zentralrat der Muslime in Deutschland SDAJ Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend SHARP Skinheads Against Racial Prejudice SO Scientology-Organisation SWR Russischer Dienst f\u00fcr Auslandsaufkl\u00e4rung THKP-C T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke (YAGAN-Fl\u00fcgel) TIKKO T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee TJ Tablighi Jamaat TKP/ML T\u00fcrkische Kommunistische Partei / Marxisten-Leninisten TRO Tamilische Rehabilitation Organisation e. V. UELAM Union f\u00fcr die in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern arbeitenden Muslime e. V.","244 Stichwortverzeichnis STICHWORTVERZEICHNIS A Adelaide-Institute * 27 Agitator * 35-37 Akif, Muhammad Mahdi * 138 Aktionsb\u00fcro Nord * 42 Al-Banna, Hasan * 137,138 al-Qaida * 133, 134, 144 AL-RASCHTA, Ata Abu * 146 AL-SHAFI, Abu Abdullah * 144 AL-ZARQAWI, Abu Musab * 132, 133, 144 Alhambra * 84, 91 Anarchismus * 82 Anatolische F\u00f6deration * 173 Ansar al-Islam * 144, 145 Anti-Atom-Plenum (AAP) G\u00f6ttingen * 100, 101 Antideutsche / Antinationale * 85-87 Antifa I Aktion & Kritik * 89, 93, 94 Antifa 3000 * 88 Antifaschismus * 78, 85, 92-95, 103, 118 Antifaschistische Aktion / Bundesweite Organisation (AA/BO) * 87 Antifaschistische Aktion Hannover [AAH] * 88 Antifaschistische Linke International (A.L.I.) * 89, 90 , 94, 119 Antirassismus * 30, 85, 91, 95, 96 Antisemitismus (Begriff) * 16 APFEL, Holger * 56, 57, 60 Applied Scholastics Deutschland (ApS) * 186 Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) * siehe Volkskongress Kurdistans Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgem\u00e4\u00dfer Lebensgestaltung e. V. * 20 ASSEM, Shaker * 148 Association for Better Living and Education (ABLE) * 186 Assoziation Marxistischer StudentInnen (AMS) * 111 Autonome * 83, 84-103, 204 Autonome Antifa [M] (AA[M]) * 87, 89 AVANTI - Projekt undogmatische Linke * 88, 89 AYDAR, Z\u00fcbeyir * 164 B BERGER, Yrida * 109 BIN LADIN, Usama * 132, 144, 145 BISKY, Lothar * 104 BLOHME, Frank * 55 Blood & Honour * 29-31, 50 BOLOURCHI, Masoumeh * 177","Stichwortverzeichnis 245 B\u00d6RM, Manfred * 55 BOSSE, Georg Albert * 27 BRADLER, Uwe * 75 BROMBACHER, Ellen * 106 B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr Zivilcourage Celle * 45, 46 B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr Zivilcourage Hildesheim * 45 C CASTOR-Transport (Aktionen gegen den - ) * 78, 85, 98, 99-103 Cherusker * 35, 39 Citizens Commission on Human Rights (CCHR) * 186 COHRS, Ernst-Otto * 26 Collegium Humanum - Akademie f\u00fcr Umwelt und Lebensschutz e. V. (CH) * 21, 26 CORDES, Florian * 65 Courage * 113 CREMER, Claus * 58 Criminon * 186 D DAMMANN, Adolf * 55, 57, 64 DECKERT, G\u00fcnter * 27, 53 DEHM, Diether * 104, 105 Der Ostbote * 27 Der Rebell * 66 Der Revolution\u00e4re Weg * 112 Der Versand * 35 Deutsche Akademie * 22, 60 Deutsche Kommunistische Partei (DKP) * 82, 83, 105, 108-111, 121 Deutsche Partei (DP) * 19 Deutsche Stimme * 53, 57, 58 Deutsche T\u00fcrk-F\u00f6deration (ATF) * 136 Deutsche Volksunion (DVU) * 16, 19, 54, 58-60, 63, 66, 67-71 Deutsches Kolleg (DK) * 21, 26 Deutschland-Pakt * 19, 54, 58, 59, 63, 70, 71 Devrimci Sol (Dev Sol) * 172, 173 Die Linkspartei.PDS (ehemals Partei des Demokratischen Sozialismus, PDS) * 83, 104-107, 110, 117, 123 Die Republikaner (REP) * 19, 55, 59, 60, 62, 71-75 Die Zwille * 84, 91 DISPUT * 104 Dissent! * 96, 97 Division Wiking * 33, 35, 36 DONALDSON, Ian Stuart * 31 Donnerhall * 33, 35 Dschihad/Dschihadismus * 131, 132, 134, 144, 145 DSZ - Druckschriften und Zeitungsverlag GmbH (DSZ-Verlag) * 67, 68","246 Stichwortverzeichnis E EIGENFELD, Ulrich * 53, 55, 62 EinSatz! * 84, 91 EL-ATTAR, Issam * 140 EL-ZAYAT, Ibrahim * 140, 150, 151 ENGEL, Stefan * 112 En-Nahda * 139, 141 Entrismus * 116 ERBAKAN, Mehmet Sabri * 150 Erbakan, Necmettin * 149, 150, 153, 156 Euro-Kurier - Aktuelle Buchund Verlags-Nachrichten * 24 Europ\u00e4ische Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgemeinschaft e. V. (EMUG) * 150, 151 Exilregierung Deutsches Reich * 19, 75, 76 Explizit * 146, 148 F Fanzines * 28, 31, 32 FAURISSON, Robert * 26 Fight Back! * 84, 91 Final Destination * 31, 32 F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e. V. (ATIF) * 175, 176 F\u00f6deration der kurdischen Vereine in Deutschland e. V. (YEK-KOM) * 120, 170, 171 F\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Deutschland e. V. (ADHF) * 175 Freie Arbeiterinnenund Arbeiter-Union / Internationale ArbeiterInnen Assoziation (FAU/IAA) * 114, 115 Freie Nationalisten * 41, 43-46, 54, 55, 58, 59, 61, 62 Freie Nationalisten Gifhorn * siehe Kameradschaft Gifhorn Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP) * 29, 41, 49 Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) * siehe Volkskongress Kurdistans Fremdenfeindlichkeit * 15, 20-22, 29, 32, 39, 58, 68, 69, 71, 73 Freundschaftsund Hilfswerk Ost (FHWO) * 27 FREY, Gerhard * 16, 58-60, 67, 68, 70, 71 FRICKE, Detlef * 108 Front Records * 35 F\u00dcRSTENBERG, Daniel * 65 FZ - Freiheitlicher Buchund Zeitschriftenverlag GmbH (FZ-Verlag) * 67 G GANSEL, J\u00fcrgen * 56, 58 Geheimschutz * 197, 198 Geraer Dialog/Sozialistischer Dialog (GD/SD) * 107 Geschichtsrevisionismus * 15, 23-28, 69 Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e. V. (GFP) * 20, 22, 58 GIESE, Daniel * 37","Stichwortverzeichnis 247 Gigi & Die braunen Stadtmusikanten * 35, 37 Globalisierung (Proteste gegen die - ) * 85, 96-98 g\u00f6ttinger Drucksache * 84, 91 GRABERT, Wigbert * 24 GRAF, J\u00fcrgen * 26 Graswurzelbewegung * 99-101 H HAGER, Nina * 109 Hammerskins * 31 HAVERBECK-WETZEL, Ursula * 21, 26 Heide-Heim e. V. und Heideheim e. V. * 50 HEISE, Thorsten * 29, 36, 41, 43, 46 Heisenhof * 20, 93, 94 HENNIG, Rigolf * 64 Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige (HNG) * 16, 51, 52 Hizb Allah * 152, 160-162 Hizb ut-Tahrir al-Islami (HuT) * 130, 146-148 HOFFMANN, Klaus * 27 HOHENSEE, Alexander * 66 Holocaust (Leugnung/Relativierung) * 16, 23-25, 69, 160 HONSIK, Gerd * 26 HUBBARD, Lafayette Ron * 183-186 HUBERT, Daniel * 55 I Initiative Libertad! * 119 INTERIM * 84, 91 International Association of Scientologists (IAS) * 185 IRVING, David * 25 Islamische Gemeinschaft in Deutschland e. V. (IGD) * 137, 139, 140, 150 Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e. V. (IGMG) * 131, 149-155 Islamische Heilsfront (FIS) * 139, 141 Islamische Widerstandsbewegung (HAMAS) * 137, 139, 141 Islamischer Bund Pal\u00e4stina (IBP) * 139, 141 Islamisches Zentrum Aachen (IZA) * 139, 140 Islamisches Zentrum M\u00fcnchen (IZM) * 139, 140 Islamismus (Begriff) * 130, 131, 212 J JENTZSCH, Heber * 183 Junge Nationaldemokraten (JN) * 20, 44, 59, 60, 62, 64-66 K Kalifatsstaat (vormals ICCB) * 125, 151, 156-158 Kameradschaft Gifhorn * 45","248 Stichwortverzeichnis Kameradschaft Honour & Pride * 46 Kameradschaft Nationalrevolution\u00e4re Alternative Neuhaus/Elbe * 44 Kameradschaft Northeim * 46, 61 Kameradschaft Salzgitter * 45, 46 Kameradschaft Weserbergland * 44 Kampfbund Deutscher Sozialisten (KDS) * 44 KAPLAN, Cemaleddin * 156 KAPLAN, Metin * 156-158 KARAHAN, Yavuz Celik * 149 KARAYILAN, Murat * 164, 165 KAYPAKKAYA, Ibrahim * 174, 176 KIRSTE, Hans-J\u00fcrgen * 71, 72 KIZILKAYA, Ali * 150 Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM) * 186 Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) * 14, 117 Kommunistische Plattform der Linkspartei.PDS (KPF) * 77, 82, 106, 107 Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa (ATIK) * 175, 176 Konf\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Europa (ADHK) * 175 Konf\u00f6deration der kurdischen Vereine in Europa (KON-KURD) * 167 K\u00d6RNER, Wieland * 28 KORTE, Jan * 105 KREKAR, Mullah * 144, 145 L LAUCK, Gary Rex * 25, 26 LEUCHTER, Fred A. * 24 Leuchter-Report * 24 Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) * 135, 180-182 Linksextremismus (Begriff) * 82, 212 Linksruck * 105, 115-117 L\u00d6TZSCH, Gesine * 104 M MAHLER, Horst * 16, 21, 26, 27, 148 Maoistische Kommunistische Partei (MKP) * 174-176 MARX, Peter * 23, 66 Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei (MLKP) * 174, 175 Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) * 82, 83, 112, 113, 176 Marxistische Bl\u00e4tter * 108 Marxistisches Forum (MF) * 107 MEENEN, Uwe * 21 MENZNER, Dorothee * 104, 105 Milli Gazete * 153-155 MISCAVIGE, David * 183, 185 MOLAU, Andreas * 22, 26, 58 Mudschahedin * 132, 134, 144 M\u00dcHLBAUER, Armin * 27","Stichwortverzeichnis 249 M\u00dcLLER, Ursula * 51 Muslim Studentenvereinigung in Deutschland (MSV) * 150 Muslim-Markt * 135, 159, 160 Muslimbruderschaft * 137-141, 152 N Nachrichten der HNG * 51, 52 Narconon * 186 NASRALLAH, Hassan * 160 Nation & Europa * 21-23, 57 nation24.de - Das patriotische Magazin * 21 Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) * 16-20, 22, 23, 25-27, 29, 32, 36, 38, 39, 43, 44, 46, 53-66, 68, 70-73, 148 Nationale Befreiungsarmee (NLA) * 178, 179 Nationale Liste (NL) * 41, 49 Nationale Sozialisten Neuhaus/Elbe * siehe Kameradschaft Nationalrevolution\u00e4re Alternative Neuhaus/Elbe Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei / Auslandsund Aufbauorganisation (NSDAP/AO) * 26 National-Zeitung / Deutsche Wochen-Zeitung (NZ) * 67-70 NAUMANN, Peter * 62 NEIDLEIN, Alexander * 65 Neonazismus (Begriff) * 16 Neonazistische Kameradschaften * 16-19, 29, 32, 40-50, 61, 64 NEUBAUER, Harald * 23 Neue Rechte * 21 Newrozfest * 166, 170 Niedersachsen-Spiegel * 53 Nordfront * 33, 35, 36, 39 Nordic Flame * 35 NS-Kampfruf * 26 O OBERLERCHER, Reinhold * 21, 62 \u00d6CALAN, Abdullah * 136, 162-167, 169-171 \u00d6CALAN, Osman * 164 OCHENSBERGER, Walter * 25 offen-siv * 123, 124 Office of Special Affairs (OSA) * 185 Oi!-Skins * 30 Ostanatolisches Gebietskomitee (DABK) * 175 \u00d6ZDOGAN, Hassan * 150, 151 \u00d6zg\u00fcr Politika * 162, 167, 168, 169 \u00d6ZOGUZ, Yavuz * 159, 160 P PAST\u00d6RS, Udo * 62 Patriotisch-Demokratische Partei (PWD) * 164","250 Stichwortverzeichnis PAU, Petra * 104 PDS-Landesinfo * 104 Phase 2 - Zeitschrift gegen die Realit\u00e4t * 84, 91 Politik.Organisation.Praxis [P.O.P.] * 88, 92, 93 PRABAKHARAN, Velupillai * 180, 182 PREU\u00df, Friedrich * 55 PRIEMER, Rolf * 109 Projekt Gegendruck [L\u00fcneburg] * 99 Proliferation * 188, 193-195 R radikal * 84, 91 RADJAVI, Maryam * 178, 179 RADJAVI, Massoud * 177, 178 RAMELOW, Bodo * 106 Rassismus (Begriff) * 15 REBELL (MLPD-Jugendverband) * 113 Rebell, Der (Sch\u00fclerzeitung) * siehe Der Rebell Recht und Wahrheit * 27 Rechtsextremismus (Begriff) * 14-16, 212 Redical M * 89, 93 Redskins * 30 REGENER, Michael \"Lunikoff\" * 38 Reichsb\u00fcrgerbewegung (RBB) * 26 Reichsversand * 35 Religious Technology Center (RTC) * 185 RENNICKE, Frank * 26, 60 Revisionismus * siehe Geschichtsrevisionismus Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front, KARATAS-Fl\u00fcgel (DHKP-C) * 172, 173 RICHTER, Karl * 22, 23, 57 RIEFLING, Dieter * 62 RIEGER, J\u00fcrgen * 20, 25, 47, 62 ROCHOW, Stefan * 59, 65, 66 ROEDER, Manfred * 26 Rote Fahne * 112, 113 Rote Hilfe e. V. (RH) * 117-119 RotFuchs * 121-123 Rotf\u00fcchse * 113 RUDOLF, Germar * 24-26 Rudolf-Gutachten * 24 Rudolf-He\u00df-Gedenkaktionen * 47, 52, 56 S SANDER, Hans-Dietrich * 26 Scharia * 131, 137, 140, 146, 147, 149, 150, 155 SCHAUB, Bernhard * 26","Stichwortverzeichnis 251 SCHITTKE, Norbert Rudolf * 75 SCHLIERER, Rolf * 71-75 SCH\u00dcLER, Sascha J\u00f6rg * 66 Schulhof-CD * 32, 63 SCHWAB, J\u00fcrgen * 60, 65, 66 Scientology-Organisation * 183-187 Sea Organization * 185 Skinhead-Konzerte * 37-39, 42, 46 Skinhead-Musik * 16, 17, 31, 32-39, 40, 42 Skinheads * 14, 28-32, 37, 41, 53, 64 Skinheads Against Racial Prejudice (SHARP) * 30 Sleipnir * 21 Snevernjungs * 45 SOFU, Yusuf Ibrahim * 156 Solidarit\u00e4tskomitee mit den politischen Gefangenen und deren Familien in der T\u00fcrkei (TAYAD-Komitee) * 173 Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) * 110, 111 Sozialpatriotische B\u00fcndnisse * 19, 72 ST\u00c4GLICH, Wilhelm * 26 Stahlgewitter * 37 STEHR, Heinz * 108, 109 STEINIGER, Klaus * 121 Stimme des Gewissens - Lebensschutzinformationen (LSI) * 26 T Tablighi Jamaat (TJ) * 131, 142, 143 Tamilische Rehabilitation Organisation e. V. (TRO) * 181 Terroritorium * 35, 36 THOBEN, Frederick * 26, 27 TITTMANN, Siegfried * 59, 68 T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee (TIKKO) * 175 T\u00fcrkische Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten (TKP/ML) * 174-176 T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front, YAGAN-Fl\u00fcgel (THKP-C) * 172, 173 U \u00dcC\u00dcNC\u00dc, Oguz * 152 Union f\u00fcr die in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern arbeitenden Muslime e. V. (UELAM) * 141 Union Muslimischer Studentenorganisationen in Europa e. V. (UMSO) * 141 Unsere Zeit (UZ) * 108, 109, 121 V VALENTA, Philipp * 65 Verband der Islamischen Vereine und Gemeinden e. V. (ICCB) * 151, 156 VERBEKE, Herbert * 24 VERBEKE, Siegfried * 24, 25 Verbote neonazistischer Vereinigungen * 49, 50","252 Stichwortverzeichnis Verein zur F\u00f6rderung demokratischer Publizistik * 123 Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten (VRBHV) * 26 Vereinigung der Neuen Weltsicht in Europa e. V. (AMGT) * 149-151 vers beaux temps * 84, 91 Violence * 32 VOIGT, Udo * 53, 55-58, 60, 64, 70, 148 Volksfront von rechts * 18, 22, 58, 59, 66 Volksgemeinschaft * 15, 43, 45, 55-57, 71 Volkskongress Kurdistans (KONGRA GEL) * 136, 162-171 Volksmodjahedin Iran-Organisation (MEK) / Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) * 135, 177-180 Volksverteidigungseinheiten (HPG) * 168, 170, 171 Vrij Historisch Onderzoek (V.H.O.) * 24 W WARNAT, Thomas * 55 WiderSetzen * 102 Widerstand Gifhorn * siehe Kameradschaft Gifhorn WIECHMANN, Hans-Gerd * 59, 62, 66, 72 WIEGR\u00c4FE, Dieter * 67, 68 Wiking-Jugend e. V. (WJ) * 49 Wilhelm Tietjen Stiftung f\u00fcr Fertilisation Ltd. * 20 WINDHORN, Monika * 107 Wirtschaftsschutz * 198-200 Wirtschaftsspionage * 191, 195, 196, 198-200 WORCH, Christian * 41, 48, 60 World Institute of Scientology Enterprises (WISE) * 186 World Tamil Movement (WTM) * 181 WULFF, Thomas * 41, 43 X x-tausendmal quer * 99, 101, 102 Z ZALLUM, Abdul Qadim * 147 Zeit f\u00fcr Protest * 71, 74, 75 Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) * 140, 150, 152 Z\u00dcNDEL, Ernst * 25, 26","Ortsverzeichnis 253 ORTSVERZEICHNIS (Niedersachsen) Amt Neuhaus * 44 Bad Essen * 39, 62 Bad Pyrmont * 181 Bramsche-Hesepe * 95 Braunschweig * 22, 26, 28, 32, 46 f., 55, 61, 84, 86, 91 f., 94, 108, 113, 118, 141, 152, 208 Br\u00f6ckel * 38 B\u00fcckeburg * 66, 86, 92 Burgdorf * 67 Buxtehude * 35 Celle * 19 f., 38, 45 f., 72, 88, 170 Dannenberg * 102 f. Dassel * 63 Delmenhorst * 135, 159 f. D\u00f6rverden * 20 Duderstadt * 63 Emden * 32 Emsland * 55 Garbsen * 63 Gifhorn * 45, 55 Gittelde * 35 Gorleben * 98, 101 Goslar * 182 G\u00f6ttingen * 35, 47, 55, 61 f., 84, 86 f., 89-95, 100, 102, 111, 114, 117-119, 141, 182 Grafschaft Bentheim * 55 Hameln * 44, 118, 208 Hannover * 18 f., 25, 28, 35 f., 38, 44, 53, 55, 61, 71 f., 75, 84, 86, 88, 89, 91 f., 102, 104 f., 107 f., 111, 113 f., 117 f., 123, 140 f., 143, 152, 161, 169 f., 173, 182 f., 186 f. Hemmingen * 63 Hetendorf * 20, 88 Hildesheim * 28, 38, 45, 62, 75, 208 Hitzacker * 100, 102 Hollenstedt * 97 Holzminden * 63 Langwedel * 47, 66 Lehrte * 35 f. Lingen * 108 L\u00fcchow-Dannenberg * 102 L\u00fcneburg * 19, 28, 53, 55, 62, 72, 99, 102 f., 200 Meppen * 35 Moringen * 30","254 Ortsverzeichnis Neustadt a. Rbge. * 153 Nienburg * 44 Nordhorn * 108 Northeim * 28, 46, 61, 181 Oldenburg * 47, 55, 61, 63, 84, 86, 91 f., 94, 108, 111, 152, 160, 170 Osnabr\u00fcck * 18, 35, 55, 61-63, 84, 89, 91, 108, 111, 114 f., 118 f., 141, 152, 158, 161, 208 Pattensen * 63 Peine * 35, 47, 170 Rotenburg * 64, 85 Salzgitter * 28, 45 f., 152, 158, 170, 181 f. Schatensen * 27 Schaumburg * 44 Schneverdingen * 28, 45 Seesen * 182 Seevetal * 35, 186 Soltau * 28 Springe * 181 Stade * 55, 62-64, 208 Tostedt * 28, 38 Uelzen * 161 Verden * 20, 47, 61, 64, 66, 72, 85, 92, 94 Walsrode * 208 Wendland * 101-103 Wilhelmshaven * 113 Wolfenb\u00fcttel * 63 Wolfsburg * 27, 55 Woltersdorf * 102 Wunstorf * 158","Notizen 255","256 Notizen","Notizen 257","258 Notizen","Ausl\u00e4nderextremismus 259","260 Ausl\u00e4nderextremismus"],"title":"Verfassungsschutzbericht 2005","year":2005}
