{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-by-2002.pdf","jurisdiction":"Bayern","num_pages":234,"pages":["Bayerisches Staatsministerium des Innern G S U N S S Z F A T E R H U T V SC CH R I E B 00 2 2","Herausgeber: Bayerisches Staatsministerium des Innern, Odeonsplatz 3, 80539 M\u00fcnchen Gedruckt auf Recyclingpapier aus 100% Altpapier Hinweis: Der Verfassungsschutzbericht Bayern 2002 ist auch \u00fcber das Internet abrufbar: http://www.innenministerium.bayern.de/infothek/sicherleben.htm http://www.verfassungsschutz.bayern.de","Vorwort 3 Die Bedrohung der Inneren Sicherheit durch den internationalen islamistischen Terrorismus h\u00e4lt unvermindert an. Der weltweite Kampf gegen den Terrorismus konnte Anschl\u00e4ge in Djerba, auf Bali, in Kenia und in Moskau nicht verhindern. Auch Deutschland kann zum Ziel terroristischer Anschl\u00e4ge werden. H\u00f6chste Wachsamkeit der Sicherheitsbeh\u00f6rden und Nutzung aller rechtlichen M\u00f6glichkeiten zur Bek\u00e4mpfung des internationalen Terrorismus sind deshalb erforderlich. Dazu wurden auch neue Auskunftsrechte des Bayerischen Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz gegen\u00fcber Kreditinstituten, Fluggesellschaften, Post-, Telekommunikationsund Teledienstleistern im Bayerischen Verfassungsschutzgesetz geschaffen. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat ein spezielles Sachgebiet eingerichtet, das sich ausschlie\u00dflich mit der Aufkl\u00e4rung terroristischer Netzwerkstrukturen befasst. Administrative Ma\u00dfnahmen im Zuge von Verboten und Bet\u00e4tigungsverboten von Ausl\u00e4ndervereinen nach den \u00c4nderungen des Vereinsrechts tragen dazu bei, islamischen Fundamentalisten die logistische Basis zu nehmen. Nicht \u00fcbersehen werden darf aber, dass von den in Deutschland lebenden Muslimen nur ein kleiner Teil als extremistisch und ein noch geringerer Teil als gewaltbereit einzustufen sind. Die NPD bleibt trotz des Verbotsverfahrens ein Sammelbecken f\u00fcr gewaltbereite Rechtsextremisten. Sie hat versucht, die Absetzung der Termine zur m\u00fcndlichen Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht daf\u00fcr zu nutzen, sich als Opfer einer durch die Nachrichtendienste angezettelten Verschw\u00f6rung darzustellen. Im Er\u00f6rterungstermin im Oktober 2002 vor dem Bundesverfassungsgericht konnten die Prozessvertreter der NPD jedoch nicht darlegen, welche Taten oder \u00c4u\u00dferungen sie nicht als solche der NPD gelten lassen wollen. Eine Steuerung der Politik extremistischer Parteien durch V-Leute ist durch Dienstvorschriften verboten und hat - jedenfalls in Bayern - in der Praxis nicht stattgefunden. Es ist bedauerlich, dass das Bundesverfassungsgericht gegen die Auffassung der Mehrheit im Senat aufgrund der Sperrminorit\u00e4t von drei Richtern die angebotenen M\u00f6glichkeiten der Sachaufkl\u00e4rung nicht genutzt und am 18. M\u00e4rz 2003 das Verfahren eingestellt hat. Die Innere Sicherheit in Bayern ist weiterhin auch durch eine nicht unerhebliche Zahl von gewaltbereiten Rechtsund Linksextremisten bedroht. Die Zahl ihrer Gewalttaten, meist von Skinheads und Autonomen begangen, ist erfreulicherweise zur\u00fcckgegangen, aber angesichts ihrer Brutalit\u00e4t noch immer zu hoch. Linksextremisten nutzten bei Gro\u00dfdemonstrationen die friedlichen gesellschaftlichen Protestbewegungen gegen Rechtsextremismus und gegen die Globalisierung f\u00fcr ihre politischen Ziele. Die Scientology-Organisation versucht weiterhin, die Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit durch staatliche Stellen zu diffamieren. Der Verfassungsschutzbericht geht auch auf die Entwicklungen im Bereich der Spionaget\u00e4tigkeit und der Organisierten Kriminalit\u00e4t ein. Die Spionaget\u00e4tigkeit fremder Staaten ist vor allem auf Informationen aus der Wirtschaft konzentriert, die in Zeiten immer perfekterer Kommunikationsnetze und weltweiter Globalisierung k\u00fcnftig noch angreifbarer wird. Erfreulich ist, dass nun auch in Hessen, im Saarland und in Th\u00fcringen der Verfassungsschutz gesetzlich beauftragt ist, die OK zu beobachten. In Sachsen und Hamburg sind entsprechende Gesetzentw\u00fcrfe eingebracht. Die Bundesregierung ist aufgefordert, auch das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz mit dieser Aufgabe zu betrauen. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bayerischen Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz gilt unser besonderer Dank. Sie haben ihre Arbeit auch unter stets neu auftretenden Herausforderungen gemeistert. Ihr Einsatz ist zur Bewahrung der Grundwerte unseres Zusammenlebens unverzichtbar. M\u00fcnchen, im M\u00e4rz 2003 Dr. G\u00fcnther Beckstein Hermann Regensburger Staatsminister Staatssekret\u00e4r","4 Inhaltsverzeichnis 1. Abschnitt Verfassungsschutz in Bayern 1. Gesetzliche Grundlagen ............................................. 12 2. Aufgaben des Verfassungsschutzes ............................ 12 3. Informationsbeschaffung ........................................... 13 4. Kontrolle ................................................................... 14 5. \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes ............. 15 6. Infound Beratungstelefone ...................................... 16 2. Abschnitt Entwicklung des politischen Extremismus im Jahr 2002 1. Rechtsextremismus .................................................... 17 2. Linksextremismus ...................................................... 18 3. Ausl\u00e4nderextremismus ............................................... 19 4. Scientology-Organisation ........................................... 21 5. Grafische Darstellungen ............................................. 22 3. Abschnitt Rechtsextremismus 1. Allgemeines ............................................................... 24 1.1 Merkmale des Rechtsextremismus .............................. 24 1.2 Entwicklung der Organisationen ................................ 25 1.3 Rechtextremistische Gewalt ....................................... 27 2. Parteien, Organisationen und Verlage ......................... 28 2.1 Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) ..... 28 2.1.1 Ideologisch-politischer Standort ................................. 28 2.1.2 Organisation .............................................................. 35 2.1.3 Teilnahme an Wahlen ................................................ 36 2.1.4 Verbotsverfahren ....................................................... 37 2.1.5 Sonstige Aktivit\u00e4ten ................................................... 41 2.1.5.1 Parteitage .................................................................. 41 2.1.5.2 Kundgebungen und sonstige Aktionen ...................... 43","Inhaltsverzeichnis 5 2.1.6 Junge Nationaldemokraten (JN) .................................. 44 2.2 Deutsche Volksunion (DVU) ........................................ 46 2.2.1 Ideologisch-politischer Standort ................................. 46 2.2.2 Organisation .............................................................. 50 2.2.3 Politischer Bedeutungsverlust .................................... 51 2.2.4 Bundesparteitag ......................................................... 51 2.3 Die Republikaner (REP) .............................................. 52 2.3.1 Ideologisch-politischer Standort ................................. 52 2.3.2 Organisation .............................................................. 55 2.3.3 Teilnahme an Wahlen ................................................ 55 2.3.4 Interne Richtungsk\u00e4mpfe ........................................... 56 2.3.5 Aktivit\u00e4ten in Bayern ................................................. 57 2.3.6 Verwaltungsgerichtsverfahren .................................... 58 2.4 B\u00fcrgerinitiative Ausl\u00e4nderstopp (BIA) .......................... 59 2.5 Deutschland-Bewegung/Friedenskomitee/ Deutsche Aufbau-Organisation (DAO) ........................ 61 2.6 Aktivitas der Burschenschaft Danubia (M\u00fcnchen) ....... 63 2.7 Sonstige Organisationen ............................................ 64 2.8 Druckschriftenund Zeitungsverlag GmbH (DSZ-Verlag) 64 2.9 Nation Europa Verlag GmbH ...................................... 66 3. Organisationsunabh\u00e4ngiger Neonazismus .................. 67 3.1 Allgemeines ............................................................... 67 3.2 Neonazi-Kameradschaften ......................................... 68 3.2.1 Freizeitverein Isar 96 e.V. (FZV) ................................... 68 3.2.2 Kameradschaft S\u00fcd - Aktionsb\u00fcro S\u00fcddeutschland (AS) 69 3.2.3 Neonazi-Kreis um Sven Schlechta (Kameradschaft Schwabach) ...................................... 69 3.2.4 Bund Frankenland - Staatsb\u00fcrgerliche Runde ............. 70 3.2.5 Kameradschaft Lichtenfels ......................................... 70 3.3 Informationelle Vernetzung ....................................... 71 3.4 Aktivit\u00e4ten zum 15. Todestag von Rudolf He\u00df ............ 73 4. Skinheads .................................................................. 74 4.1 \u00dcberblick ................................................................... 74 4.2 Politische Ausrichtung ................................................ 74 4.3 Strukturen ................................................................. 76 4.4 Anziehungskraft f\u00fcr Jugendliche ................................ 77 4.5 Skinhead-Musik und Skinhead-Magazine ................... 78 4.6 Verbindungen rechtsextremistischer Skinheads zur NPD 80 4.7 Strafverfahren, Urteile und Exekutivma\u00dfnahmen ........ 80","6 Inhaltsverzeichnis 5. Rechtsextremistisch motivierte Straftaten ................... 81 5.1 Gewalttaten .............................................................. 81 5.2 Sonstige Straftaten .................................................... 84 6. Revisionismus ............................................................ 86 6.1 Ziele .......................................................................... 86 6.2 Entwicklung und Tr\u00e4ger der Revisionismus-Kampagne .. 86 7. Verbindungen zum ausl\u00e4ndischen Rechtsextremismus ... 88 8. \u00dcbersicht \u00fcber erw\u00e4hnenswerte rechtsextremistische Organisationen und Verlage sowie deren wesentliche Presseerzeugnisse ...................................................... 90 4. Abschnitt Linksextremismus 1. Allgemeines ............................................................... 92 1.1 Merkmale des Linksextremismus ................................ 92 1.2 Entwicklung der Organisationen ................................ 93 1.3 Linksextremistische Gewalt ........................................ 94 2. Marxisten-Leninisten und andere revolution\u00e4re Marxisten 95 2.1 Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) .............. 96 2.1.1 Ideologische Ausrichtung ........................................... 96 2.1.2 Organisation ............................................................. 102 2.1.3 Plattformen, Arbeitsund Interessengemeinschaften ... 103 2.1.3.1 Kommunistische Plattform (KPF) ................................. 103 2.1.3.2 Arbeitsgemeinschaft Junge GenossInnen in und bei der PDS ..................................................... 104 2.1.3.3 Marxistisches Forum (MF) ........................................... 105 2.1.4 Jugendverband ['solid] ............................................... 105 2.1.5 PDS Landesverband Bayern und seine Organisationseinheiten .............................................. 106 2.1.6 Teilnahme an Wahlen ................................................ 107 2.1.7 Kommunistischer Internationalismus .......................... 108 2.1.8 Zusammenarbeit mit anderen Linksextremisten .......... 109 2.2 Deutsche Kommunistische Partei (DKP) ...................... 110 2.2.1 Ideologische Ausrichtung ........................................... 110 2.2.2 Organisation .............................................................. 112 2.2.3 Teilnahme an Wahlen ................................................ 113 2.2.4 Internationale Verbindungen ...................................... 113","Inhaltsverzeichnis 7 2.2.5 Umfeld der DKP ......................................................... 114 2.2.5.1 Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) ........ 114 2.2.5.2 Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) ............ 115 2.3 Linksruck-Netzwerk (Sozialistische Arbeitergruppe - SAG) ......................... 116 2.4 M\u00fcnchner B\u00fcndnis gegen Rassismus ......................... 116 2.5 Sonstige orthodoxe Kommunisten und andere revolution\u00e4re Marxisten ............................................. 119 3. Gewaltorientierte Linksextremisten ............................. 120 3.1 Autonome Gruppen .................................................. 120 3.1.1 \u00dcberblick ................................................................... 120 3.1.2 Ideologische Ausrichtung und Aktionsformen ............ 121 3.1.3 Strukturen ................................................................. 122 3.1.4 Informationelle Vernetzung ........................................ 124 3.1.5 Autonome Publikationen ........................................... 125 3.1.6 Schwerpunktthemen und Aktionen ............................ 125 3.1.6.1 Strategiedebatte - neue Gewaltdiskussion .................. 126 3.1.6.2 Antifaschismus .......................................................... 127 3.1.6.3 Anti-Globalisierungs-Proteste ..................................... 130 3.1.6.4 Antiimperialismus ...................................................... 131 3.1.6.5 Weitere Aktionen ....................................................... 131 3.1.6.6 Einflussnahme auf die Antikernkraftbewegung .......... 132 3.2 Gewalttaten in Bayern ............................................... 133 3.3 Sonstige militante Linksextremisten mit internationalistischer Orientierung .............................. 134 4. \u00dcbersicht \u00fcber erw\u00e4hnenswerte linksextremistische und linksextremistisch beeinflusste Organisationen sowie deren wesentliche Presseerzeugnisse ................ 135 5. Abschnitt Extremistische und sicherheitsgef\u00e4hrdende Bestrebungen von Ausl\u00e4ndern 1. Allgemeines ............................................................... 138 1.1 Merkmale des Ausl\u00e4nderextremismus ......................... 138 1.2 Entwicklung der Organisationen ................................. 138 1.3 Integrationsfeindlichkeit des islamischen Extremismus .. 140","8 Inhaltsverzeichnis 1.4 Gewalttaten .............................................................. 142 2. Islamisch-fundamentalistisch orientierter Terror .......... 143 2.1 \u00dcberblick ................................................................... 143 2.2 Islamistisch motivierte Terroranschl\u00e4ge ....................... 145 2.3 Exekutivma\u00dfnahmen und Gerichtsverfahren ............... 147 2.4 Ausblick .................................................................... 150 3. Islamisch-fundamentalistische Gruppierungen ............ 151 3.1 Die Internationale Islamische Front - Al-Qaida ............ 151 3.2 Muslimbruderschaft (MB) ........................................... 153 3.2.1 \u00c4gyptischer Zweig der MB ......................................... 154 3.2.1.1 Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD) ..... 154 3.2.1.2 Al-Gamaa al-Islamiya (GI) .......................................... 156 3.2.1.3 Jihad Islami (JI) .......................................................... 156 3.2.2 Pal\u00e4stinensischer Zweig der MB - Repr\u00e4sentanten der Islamischen Widerstandsbewegung (HAMAS) in Deutschland Islamischer Bund Pal\u00e4stina (IBP) - Al-Aqsa e.V. ............ 157 3.2.3 Algerischer Zweig der MB .......................................... 158 3.2.3.1 Islamische Heilsfront (FIS) ........................................... 158 3.2.3.2 Bewaffnete Islamische Gruppe (GIA) .......................... 159 3.2.4 Tunesischer Zweig der MB - En Nahda ....................... 159 3.3 Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6rus e.V. (IGMG) ........ 160 3.4 Hilafet Devleti (Der Kalifatsstaat) ................................ 165 3.5 Hizb-ut-Tahrir ............................................................ 168 3.6 Ansar al-Islam ........................................................... 171 3.7 Tablighi Jamaat ......................................................... 172 3.8 Al-Tauhid .................................................................. 173 3.9 Hizb Allah (Partei Gottes) ........................................... 174 3.10 Islamisch-Irakische Gemeinschaft Deutschland e.V. (IIGD) Hizb Da'Wa al-Islamiya (Da'Wa) ................................. 175 4. Sonstige ausl\u00e4nderextremistische Gruppierungen ....... 176 4.1 Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) ehemals Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ..................... 176 4.1.1 Ideologie ................................................................... 177 4.1.2 Organisation .............................................................. 178 4.1.3 Strategie ................................................................... 180 4.1.4 PKK-interne Opposition ............................................. 181 4.1.5 Aktivit\u00e4ten ................................................................. 181 4.1.6 Festnahmen und Strafverfahren ................................. 183","Inhaltsverzeichnis 9 4.2 Devrimci Sol (Revolution\u00e4re Linke - T\u00fcrkei) ................. 184 4.3 T\u00fcrkische Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten (TKP/ML) .................................................................... 186 4.4 Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei (MLKP - T\u00fcrkei) .......................................................... 188 4.5 F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Europa e.V. (AD\u00dcTDF) .................. 189 4.6 Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) ....................... 191 5. \u00dcbersicht \u00fcber erw\u00e4hnenswerte extremistische Organisationen von Ausl\u00e4ndern sowie deren wesentliche Presseerzeugnisse .................................... 194 6. Abschnitt Scientology-Organisation (SO) 1. Zur Geschichte der SO ............................................... 199 2. Ideologie und Aktivit\u00e4ten ........................................... 200 2.1 Schriften der SO ......................................................... 201 2.1.1 Errichtung einer scientologischen Gesellschaft ........... 201 2.1.2 Lenkung der Regierung durch Scientology .................. 202 2.1.3 Einf\u00fchrung eines scientologischen Rechtssystems ....... 203 2.1.4 Bek\u00e4mpfung von Kritik an Lehre und Praxis - aggressive Expansionstechnik ..................................................... 203 2.2 Aktivit\u00e4ten der SO ..................................................... 204 2.2.1 Angriffe auf Repr\u00e4sentanten des Staates .................... 204 2.2.2 Techniken der Verhaltenskontrolle und -steuerung ..... 205 2.2.3 Ausforschung und Bek\u00e4mpfung von Kritikern ............ 206 2.2.4 Kampagne gegen Schutzerkl\u00e4rung ............................. 206 2.2.5 Aktivit\u00e4ten im Ausland .............................................. 207 2.3 Bewertung der Schriften und Aktivit\u00e4ten .................... 209 2.4 Best\u00e4tigung der Bewertung der SO durch neues Gutachten ................................................................. 210 3. Organisationsund Kommandostruktur der SO .......... 211 3.1 Weltweite Kommandostruktur der SO ........................ 211 3.2 Organisation der SO in Deutschland ........................... 211 3.2.1 \"Church\"-Sektor ........................................................ 211 3.2.2 WISE-Sektor ............................................................... 214 3.2.3 ABLE-Sektor ............................................................... 215","10 Inhaltsverzeichnis 3.2.4 Office of Special Affairs (OSA) .................................... 216 4. Mitglieder der SO ....................................................... 218 5. Veranstaltungen der SO ............................................. 218 5.1 Ausstellung \"Was ist Scientology?\" ............................ 218 5.2 PR-Aktionen im Zusammenhang mit Katastrophen ..... 219 6. Verwaltungsgerichtsverfahren ..................................... 220 7. Vertrauliches Telefon und Informationsangebot im Internet ................................................................ 220 7. Abschnitt Spionageabwehr 1. Ausgangslage ............................................................ 221 2. Wirtschaftsspionage - Ausforschung von Wissenschaft und Technik .......................................... 222 3. Spionage im Bereich der Kommunikationstechnik ...... 223 4. Proliferation .............................................................. 224 5. Schutzma\u00dfnahmen - Beratung durch den Verfassungsschutz ..................................................... 225 6. Ausblick .................................................................... 226 8. Abschnitt Organisierte Kriminalit\u00e4t 1. Ausgangslage ............................................................ 227 2. Beobachtungsschwerpunkte ...................................... 227","Verfassungsschutz in Bayern 11 1. Abschnitt Verfassungsschutz in Bayern Die Bundesrepublik Deutschland ist nach ihrer Verfassung eine wertgebundene, wachsame und wehrhafte Demokratie. Der Staat kann gegen Bestrebungen, die freiheitliche demokratische Grundordnung abzuschaffen, die in der Verfassung vorgesehenen Abwehrmittel einsetzen, z.B. durch ein Parteioder Vereinsverbot. Dies setzt voraus, dass er solche Bestrebungen oder Aktivit\u00e4ten, die als \"extremistisch\" oder als \"verfassungsfeindlich\" bezeichnet werden - diese Begriffe sind gleichbedeutend -, rechtzeitig erkennen kann. Hier setzt die Aufgabe des Verfassungsschutzes ein. Er dient dem Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sowie dem Schutz des Bestandes und der Sicherheit des Bundes oder eines Landes. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ist unter der freiheitlichen demokratischen Grundordnung eine Ordnung zu verstehen, die unter Ausschluss jeglicher Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft eine rechtsstaatliche Herrschaftsordnung auf der Grundlage der Selbstbestimmung des Volkes nach dem Willen der jeweiligen Mehrheit und der Freiheit und Gleichheit darstellt. Zu den grundlegenden Prinzipien dieser freiheitlichen demokratischen Grundordnung geh\u00f6ren mindestens: - die Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechten, vor allem vor dem Recht der Pers\u00f6nlichkeit auf Leben und freie Entfaltung, - die Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, - die Gewaltenteilung, - die Verantwortlichkeit der Regierung, - die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der Verwaltung, - die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte, - das Mehrparteienprinzip, - die Chancengleichheit f\u00fcr alle politischen Parteien mit dem Recht auf verfassungsm\u00e4\u00dfige Bildung und Aus\u00fcbung einer Opposition.","12 Verfassungsschutz in Bayern 1. Gesetzliche Grundlagen Die Aufgaben und Befugnisse des Verfassungsschutzes sind gesetzlich genau festgelegt. Das Gesetz \u00fcber die Zusammenarbeit des Bundes und der L\u00e4nder in Angelegenheiten des Verfassungsschutzes und \u00fcber das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz beschreibt die von Bund und L\u00e4ndern auf dem Gebiet des Verfassungsschutzes gemeinsam zu erf\u00fcllenden Aufgaben. Es ist zugleich Rechtsgrundlage f\u00fcr die Arbeit des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. Neben diesem Bundesgesetz bestehen in allen L\u00e4ndern eigene Verfassungsschutzgesetze. In Bayern regelt das im Anhang abgedruckte Bayerische Verfassungsschutzgesetz die Aufgaben und Befugnisse des Bayerischen Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz, das seinen Sitz in M\u00fcnchen hat und dem Bayerischen Staatsministerium des Innern unmittelbar nachgeordnet ist. F\u00fcr das Landesamt wurden im Haushaltsplan 2002 insgesamt 450 Stellen f\u00fcr Beamte, Angestellte und Arbeiter ausgewiesen; das Haushaltsvolumen 2002 betrug 23,26 Millionen Euro. 2. Aufgaben des Verfassungsschutzes Nach dem Bayerischen Verfassungsschutzgesetz hat das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz im Wesentlichen den Auftrag der Beobachtung von - Bestrebungen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind, - sicherheitsgef\u00e4hrdenden oder geheimdienstlichen T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht (Sabotage und Spionage), - Bestrebungen, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, - Bestrebungen, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung (Art. 9 Abs. 2 des Grundgesetzes), insbesondere gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker (Art. 26 Abs. 1 des Grundgesetzes), gerichtet sind und - Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten der Organisierten Kriminalit\u00e4t. Dar\u00fcber hinaus wirkt das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz unter anderem bei Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen mit. Rechtsgrundlage hierf\u00fcr ist das Bayerische Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetz. Es ist fernerhin betei-","Verfassungsschutz in Bayern 13 ligt bei der \u00dcberpr\u00fcfung von Mitarbeitern in Flugh\u00e4fen und Kernkraftwerken nach dem Luftverkehrsgesetz bzw. Atomgesetz sowie bei einb\u00fcrgerungsund ausl\u00e4nderrechtlichen Entscheidungen. Im Mittelpunkt der Beobachtung stehen Aktivit\u00e4ten von extremistischen Organisationen. Dazu m\u00fcssen zwangsl\u00e4ufig auch die Mitglieder und Unterst\u00fctzer erfasst werden. Aber auch die Beobachtung von Einzelpersonen ist zul\u00e4ssig. Der Verfassungsschutz beobachtet verfassungsfeindliche Bestrebungen im Inland. Er informiert die politisch Verantwortlichen und die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber die Ergebnisse der Beobachtung, vor allem \u00fcber m\u00f6gliche Gefahren. Er versetzt die zust\u00e4ndigen staatlichen Stellen des Bundes und der L\u00e4nder in die Lage, verfassungsfeindlichen Kr\u00e4ften rechtzeitig und angemessen zu begegnen. Die Erkenntnisse bilden die Grundlage f\u00fcr Exekutivma\u00dfnahmen wie beispielsweise Verbote von Vereinen, Verbotsantr\u00e4ge gegen Parteien - wie sie von Bundesregierung, Bundesrat und Bundestag gegen die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) gestellt wurden -, Verbote von Versammlungen, Verhinderung finanzieller oder sonstiger F\u00f6rderung, Verweigerung erforderlicher Erlaubnisse (z.B. f\u00fcr Sammlungen, Info-St\u00e4nde). Im Gegensatz zum Verfassungsschutz beschafft der Bundesnachrichtendienst (BND) Informationen \u00fcber das Ausland, die f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland au\u00dfenund sicherheitspolitisch von Interesse sind. Der Milit\u00e4rische Abschirmdienst (MAD) nimmt Verfassungsschutzaufgaben im Bereich der Bundeswehr wahr. 3. Informationsbeschaffung Zur Erf\u00fcllung seines gesetzlichen Auftrags ist der Verfassungsschutz verpflichtet, Informationen zu beschaffen, auszuwerten und zu speichern. Diese Nachrichten werden zum weit \u00fcberwiegenden Teil aus offenen Quellen gewonnen (z.B. aus Zeitungen, Zeitschriften, Flugbl\u00e4ttern, Programmen, Brosch\u00fcren und sonstigem Material extremistischer Organisationen sowie bei deren \u00f6ffentlichen Veranstaltungen). Etwa 20 % der Informationen erh\u00e4lt der Verfassungsschutz durch Anwendung nachrichtendienstlicher Mittel. Zu diesen Mitteln geh\u00f6ren im Wesentlichen: - der Einsatz von verdeckt arbeitenden V-Leuten (\"V\" steht f\u00fcr \"Vertrauen\") in extremistischen Organisationen,","14 Verfassungsschutz in Bayern - das Beobachten verd\u00e4chtiger Personen (Observation) sowie - verdeckte Bildund Tonaufzeichnungen. Eingriffe in das Brief-, Postund Fernmeldegeheimnis (\u00d6ffnen von Briefen, Abh\u00f6ren von Telefongespr\u00e4chen) sind besonders strengen rechtsstaatlichen Anforderungen unterworfen. Sie sind in einem eigenen Gesetz geregelt, das nach dem Grundrecht des Brief-, Postund Fernmeldegeheimnisses \"Artikel 10-Gesetz\" (G 10) genannt wird. Ein Verfahren mit mehreren voneinander unabh\u00e4ngigen Kontrollinstanzen stellt sicher, dass in dieses Grundrecht nur eingegriffen wird, wenn die im Gesetz genannten besonderen Gr\u00fcnde vorliegen. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die neu eingef\u00fchrten Auskunftsrechte gegen\u00fcber Postund Telekommunikationsdienstleistern, Fluggesellschaften und Kreditinstituten sowie f\u00fcr die Verwendung des so genannten IMSI-Catchers zur Feststellung unbekannter Mobiltelefonnummern. Rechtsstaatliche Sicherungen gelten auch f\u00fcr den Einsatz besonderer technischer Mittel im Schutzbereich des Art. 13 des Grundgesetzes, also f\u00fcr den Einsatz von Abh\u00f6rger\u00e4ten oder versteckten Kameras in Wohnungen und B\u00fcros. Dem Verfassungsschutz stehen keine polizeilichen Befugnisse zu. Polizeibeh\u00f6rden und Verfassungsschutz sind voneinander getrennt. Deshalb d\u00fcrfen die Mitarbeiter des Verfassungsschutzes keinerlei Zwangsma\u00dfnahmen, wie z.B. Festnahmen, Durchsuchungen, Beschlagnahmen usw., durchf\u00fchren. Verfassungsschutzbeh\u00f6rden d\u00fcrfen auch keiner polizeilichen Dienststelle angegliedert werden. Dies steht aber einer informationellen Zusammenarbeit und gegenseitigen Unterst\u00fctzung nicht entgegen. Im Gegenteil sind diese unabdingbare Voraussetzungen f\u00fcr eine effiziente Arbeit der Sicherheitsbeh\u00f6rden. Erscheint aufgrund der dem Verfassungsschutz vorliegenden Informationen ein sicherheitsrechtliches Eingreifen erforderlich, so wird die zust\u00e4ndige Sicherheitsbeh\u00f6rde unterrichtet. Diese entscheidet dann selbst\u00e4ndig, ob und welche Ma\u00dfnahmen zu treffen sind. 4. Kontrolle Die T\u00e4tigkeit der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden unterliegt einer vielf\u00e4ltigen Kontrolle. Dazu geh\u00f6rt die allgemeine parlamentarische Kontrolle, die durch die Berichtspflicht des verantwortlichen Ministers gegen\u00fcber dem Landtag im Rahmen von aktuellen Stunden, Anfra-","Verfassungsschutz in Bayern 15 gen von Abgeordneten, Petitionen usw. ausge\u00fcbt wird. Eine besondere Kommission des Bayerischen Landtags, das Parlamentarische Kontrollgremium, \u00fcberwacht die Arbeit des Verfassungsschutzes. Die G 10-Kommission \u00fcberpr\u00fcft die Ma\u00dfnahmen zur \u00dcberwachung des Postund Fernmeldeverkehrs, die Zul\u00e4ssigkeit und Notwendigkeit der Einholung von Ausk\u00fcnften bei Postund Telekommunikationsdienstleistern, Fluggesellschaften und Kreditinstituten sowie den Einsatz des so genannten IMSI-Catchers. Die Verwaltungskontrolle obliegt dem Innenminister im Rahmen der Dienstund Fachaufsicht, ferner dem Bayerischen Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz und dem Bayerischen Obersten Rechnungshof. Diese Kontrollen werden erg\u00e4nzt durch eine m\u00f6gliche gerichtliche Nachpr\u00fcfung belastender Einzelma\u00dfnahmen sowie durch die \u00d6ffentlichkeit in Form von Presse, Funk und Fernsehen. 5. \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes Die freiheitliche demokratische Grundordnung kann auf Dauer nicht ohne die geistig-politische Auseinandersetzung mit dem Extremismus gesichert werden. Die T\u00e4tigkeit des Verfassungsschutzes gew\u00e4hrleistet, dass Regierung und Parlament, aber auch die B\u00fcrger \u00fcber Aktivit\u00e4ten und Absichten verfassungsfeindlicher Organisationen informiert werden. Im Rahmen der \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes werden der Verfassungsschutzbericht sowie weitere Informationsmaterialien zur Verf\u00fcgung gestellt. Das Informationsmaterial erhalten Sie kostenlos beim Bayerischen Staatsministerium des Innern - Sachgebiet Verfassungsschutz -, Odeonsplatz 3, 80539 M\u00fcnchen (Telefax: 0 89 / 2 19 21 28 42). Die meisten Materialien, insbesondere der j\u00e4hrliche Verfassungsschutzbericht und auch Informationen zur Scientology-Organisation, sind zus\u00e4tzlich im Internet unter folgender Adresse abrufbar: http://www.innenministerium.bayern.de/infothek/sicherleben.htm Das Internet-Angebot des Bayerischen Staatsministeriums des Innern wird durch die unter der Adresse http://www.verfassungsschutz.bayern.de erreichbare Homepage des Bayerischen Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz erg\u00e4nzt.","16 Verfassungsschutz in Bayern 6. Infound Beratungstelefone Das Bayerische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat unter der Nummer 0 89 / 31 20 14 80 ein Kontakttelefon f\u00fcr Hinweise zur Bek\u00e4mpfung des internationalen, insbesondere des islamisch-fundamentalistischen, Terrorismus eingerichtet. Dort besteht au\u00dferdem seit Februar im Rahmen der von Bund und L\u00e4ndern erarbeiteten Aussteigerprogramme f\u00fcr Rechtsextremisten ein Beratungsund Hinweistelefon. Das Telefon, das ebenso der Aufkl\u00e4rung rechtsextremistischer Aktivit\u00e4ten in Bayern dienen soll, ist f\u00fcr B\u00fcrger und aussteigewillige Extremisten - nicht nur Rechtsextremisten - unter der Nummer 0 18 02 00 07 86 zu erreichen. Seit Jahren unterh\u00e4lt auch das Bayerische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz ein \"vertrauliches Telefon\" f\u00fcr Opfer und Aussteiger der Scientology-Organisation (SO) sowie f\u00fcr Angeh\u00f6rige von SO-Mitgliedern. Das Amt nimmt Informationen und Hinweise unter der Nummer 0 89 / 31 20 12 96 entgegen.","Entwicklung des politischen Extremismus 17 2. Abschnitt Entwicklung des politischen Extremismus im Jahr 2002 1. Rechtsextremismus Die Bem\u00fchungen der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), das gegen sie anh\u00e4ngige Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht und insbesondere die wegen der V-Mann-Problematik erfolgte Absetzung der f\u00fcr Februar vorgesehenen Verhandlungstermine propagandistisch zu nutzen, blieben erfolglos. Auch konnte die Partei ihren Mitgliederstand nicht halten. Bei der Bundestagswahl im September verfehlte sie trotz eines geringen Zuwachses von 0,3 auf 0,4 % der Zweitstimmen ihr Wahlziel, n\u00e4mlich die Teilhabe an der staatlichen Parteienfinanzierung. Das Konzept der NPD, im Rahmen ihrer \"Drei-S\u00e4ulen-Strategie\" insbesondere auf die Fortsetzung des aktionistischen Kurses (\"Kampf um die Stra\u00dfe\") zu setzen, erwies sich weiterhin als Anziehungspunkt f\u00fcr militante Rechtsextremisten. Ihre Bereitschaft zur engen Zusammenarbeit mit Neonazis und Skinheads wurde auf dem Bundesparteitag durch die Wiederwahl des Parteivorsitzenden Udo Voigt best\u00e4tigt. Die NPD wie auch die anderen rechtsextremistischen Parteien versuchten weiterhin aktuelle politische Fragen zu nutzen, wobei sie vor allem soziale Themen aufgriffen und Kritik an der Globalisierung \u00fcbten. Letztere dient insbesondere der NPD zur Unterst\u00fctzung ihres Antiamerikanismus. Die Nahost-Problematik wird von Rechtsextremisten im Sinn ihres rassistisch motivierten Antisemitismus kommentiert. Die Rolle Deutschlands in der Europ\u00e4ischen Union (EU) und deren Erweiterung sowie die Problematik der Zuwanderung von Ausl\u00e4ndern dienen den Rechtsextremisten zur Untermauerung ihrer These der Willf\u00e4hrigkeit der Bundesregierung und der \"Altparteien\" gegen\u00fcber der \"Ausbeutung\" Deutschlands. Die Verkn\u00fcpfung dieser Themen mit nationalistischen Parolen brachte jedoch weder der NPD noch der Deutschen Volksunion (DVU) den erhofften Erfolg. Die Republikaner (REP) und die DVU haben bayernund bundesweit Mitgliederverluste zu verzeichnen. Die REP erreichten bei der Bundes-","18 Entwicklung des politischen Extremismus tagswahl nur 0,6 % gegen\u00fcber 1,8 % im Jahr 1998. Die DVU hatte erst gar nicht an der Bundestagswahl teilgenommen. Die fehlenden Wahlerfolge sowie der Mitgliederr\u00fcckgang sind Indizien f\u00fcr den politischen Bedeutungsverlust der DVU unter ihrem Vorsitzenden Dr. Gerhard Frey. Gleichwohl ist die DVU die mitgliederund vor allem die finanzst\u00e4rkste rechtsextremistische Partei Deutschlands. W\u00e4hrend die organisierte neonazistische Szene in Bayern wiederum nur relativ geringe politische Aktivit\u00e4ten entfaltete, nahmen bundesweit die von Neonazis organisierten Demonstrationen abermals zu. Ebenso stiegen die Aktivit\u00e4ten rechtsextremistischer Skinheads. So wurden in Bayern elf Skinhead-Konzerte bekannt. Dagegen ging die Zahl der von Neonazis und Skinheads ver\u00fcbten Gewalttaten deutlich auf 51 (2001: 72) zur\u00fcck. Die dabei demonstrierte Brutalit\u00e4t und Menschenverachtung sind nach wie vor erschreckend. Auch die Anzahl sonstiger Straftaten, insbesondere der Propagandadelikte, hat in Bayern deutlich abgenommen. Terroristische Ans\u00e4tze sind in Bayern nicht erkennbar. Das im Februar 2001 vom Bayerischen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz eingerichtete Hinweistelefon (0 18 02 00 07 86) wurde von rund 150 Personen genutzt. Meist handelte es sich bei den Anrufern um B\u00fcrger, die Hinweise auf rechtsextremistische Bestrebungen gaben. In einigen F\u00e4llen bekundeten Rechtsextremisten ihren Willen zum Ausstieg. Erfolg versprechend ist auch das vom Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz gestartete aktive Aussteigerprogramm. Hierbei wurden mehr als 70 Personen angesprochen, von denen 21 inzwischen ausgestiegen sind und 20 als potenzielle Aussteiger bezeichnet werden k\u00f6nnen. 2. Linksextremismus Auch der gewaltbereite Linksextremismus stellt nach wie vor eine Gefahr f\u00fcr die Innere Sicherheit dar, wenn auch die Zahl der linksextremistisch motivierten Gewalttaten in Bayern von 39 im Vorjahr auf 21 zur\u00fcckging. Das linksextremistische Gewaltpotenzial wird zu 80 % von Gruppen und Einzelt\u00e4tern aus dem autonomen und anarchistischen Spektrum gestellt. Im Rahmen des \"Antifa-Kampfs\" richteten sich diese Gewalttaten in Bayern zum gro\u00dfen Teil gegen tats\u00e4chliche oder vermeintliche Rechtsextremisten. Das eigentliche Angriffsziel der Autonomen sind jedoch der demokratische Staat und seine","Entwicklung des politischen Extremismus 19 Repr\u00e4sentanten. Dass das grunds\u00e4tzlich auch f\u00fcr Extremisten jeglicher Couleur geltende Versammlungsrecht verfassungsrechtlich gesichert ist und garantiert werden muss, wird nicht akzeptiert. Die Thematik \"Anti-Globalisierung\" stellt weiterhin ein wichtiges Aktionsfeld der Autonomen dar. Nach dem NATO-Einsatz in Afghanistan und vor dem Hintergrund eines m\u00f6glichen Irak-Kriegs der USA wird auch der \"Antiimperialismus\" wieder verst\u00e4rkt von Angeh\u00f6rigen dieser Szene aufgegriffen. Bei der Bundestagswahl am 22. September erreichte die PDS nur 4,0 % der Zweitstimmen (1998: 5,1 %) und scheiterte damit an der 5 %-H\u00fcrde. \u00dcber ihre Berliner Wahlkreise wurden zwei Bewerberinnen der PDS direkt in den Deutschen Bundestag gew\u00e4hlt; die PDS besitzt damit im Parlament keinen Fraktionsstatus mehr. In dem anl\u00e4sslich der 3. Tagung des 7. Parteitags der PDS am 16. und 17. M\u00e4rz in Rostock verabschiedeten Programm der PDS zur Bundestagswahl erkl\u00e4rte die Partei, sie wolle bundespolitisch an ihrer Oppositionsrolle festhalten, Komponenten direkter Demokratie st\u00e4rken und Freir\u00e4ume in der Wirtschaft einengen. Die Abschaffung von Nachrichtendiensten, Bundeswehr und NATO waren erkl\u00e4rte Ziele des Wahlprogramms. Als Erfolg konnte die PDS dagegen werten, dass sie aufgrund der rot-roten Koalitionsvereinbarung in Berlin drei von acht Senatoren\u00e4mtern erhielt. 3. Ausl\u00e4nderextremismus Seit den Terroranschl\u00e4gen vom 11. September 2001 in den USA hat die Gef\u00e4hrdung der westlichen Welt durch fanatische islamische Fundamentalisten eine neue Dimension erreicht. Die internationalen und nationalen Bem\u00fchungen zur Aufkl\u00e4rung und Bek\u00e4mpfung des internationalen Terrors hatten zwar Erfolge, waren aber insgesamt nicht in der Lage, die Gefahren entscheidend zu reduzieren. Terroranschl\u00e4ge in Djerba, Bali, Moskau und Kenia, um nur die schwersten zu nennen, zeigen uns die ungebrochene Gef\u00e4hrlichkeit des internationalen Terrors auf. Deutschland ist nicht mehr nur R\u00fcckzugsund Vorbereitungsraum von Terroranschl\u00e4gen, sondern kann jederzeit auch Ziel terroristischer Gewalttaten werden. Die Innere Sicherheit ist durch ein islamistisches Netzwerk fanatisierter Gruppierungen und Einzelpersonen bedroht. Das Bayerische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat ein eigenes Sachgebiet eingerichtet, das sich ausschlie\u00dflich mit der Aufkl\u00e4rung terroristischer Netzwerkstrukturen befasst. Die konse-","20 Entwicklung des politischen Extremismus quente Durchsetzung der Vereinsund Bet\u00e4tigungsverbote in Bayern hat sich bew\u00e4hrt; die relativ geringe Zahl von acht Gewalttaten in Bayern belegt dies. Zu islamistischen Vereinigungen und Gruppen bekennen sich in Bayern neben Personen aus arabischen L\u00e4ndern vor allem die 4.800 Mitglieder der Islamischen Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V. (IGMG). Diese ist bem\u00fcht, \u00f6ffentliche extremistische Aussagen zu vermeiden. Ihr Fernziel bleibt aber die Islamisierung Europas und die Bildung einer weltweiten Union islamischer Staaten. Der islamische Fundamentalismus ist \u00fcberaus integrationsfeindlich, da er die Errichtung einer islamischen Parallelgesellschaft zur Folge hat. Das Bundesministerium des Innern erlie\u00df im Dezember 2001 ein Verbot des islamistischen \"Kalifatsstaats\" (Hilafet Devleti) einschlie\u00dflich siebzehn ihm zuzuordnender Teilorganisationen. Darunter waren auch alle vier bayerischen Verb\u00e4nde. Das Verm\u00f6gen der Organisation wurde beschlagnahmt und eingezogen. Dennoch konnten im Jahr 2001 Aktivit\u00e4ten der Anh\u00e4nger des \"Kalifatsstaats\" beobachtet werden. Nach Abschluss der zeitaufw\u00e4ndigen Auswertung der im Rahmen des Verbotsvollzugs und der vereinsrechtlichen Ermittlungen sichergestellten Beweismittel konnten dar\u00fcber hinaus am 19. September 2002 weitere 16 Teilorganisationen des \"Kalifatsstaats\" vom Bundesministerium des Innern verboten werden, wobei Bayern von diesen Verbotsverf\u00fcgungen nicht betroffen war. Ferner hat das Bundesministerium des Innern im August den in Aachen ans\u00e4ssigen Ausl\u00e4nderverein Al-Aqsa e.V. verboten. Dieser hat unter dem Deckmantel humanit\u00e4rer Spendensammlungen die Terrororganisation Hamas unterst\u00fctzt. Da es in Bayern keine Niederlassungen des Al-Aqsa e.V. gab, war Bayern von dieser Verbotsverf\u00fcgung nicht betroffen. Des Weiteren wurde vom Bundesministerium des Innern im Januar 2003 die Bet\u00e4tigung der islamistisch-fundamentalistischen Hizb-ut-Tahrir im r\u00e4umlichen Geltungsbereich des Vereinsgesetzes verboten. Zur Umsetzung des Bet\u00e4tigungsverbots und zur Beschlagnahme von etwaigen Beweismitteln f\u00fcr ein Organisationsverbot wurden die Wohnungen von ma\u00dfgeblichen Anh\u00e4ngern der Hizb-ut-Tahrir, unter anderem eines Anh\u00e4ngers in Bayern, durchsucht. Der Schwerpunkt der Aktion lag in Hessen. Die kurdische PKK hat sich auf ihrem Parteikongress im April in Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) umbenannt. Die Organisationsstrukturen und die Ideologie der ehemaligen PKK","Entwicklung des politischen Extremismus 21 bestehen weitestgehend fort. Im Gegensatz zur PKK verzichtet der KADEK jedoch auf die Errichtung eines separaten Kurdenstaats. Die Aktivit\u00e4ten t\u00fcrkischer Linksextremisten konzentrierten sich wie bereits im Vorjahr auf europaweite Solidarit\u00e4tskundgebungen und -aktionen f\u00fcr die inhaftierten Gesinnungsgenossen in der T\u00fcrkei. Als weiteres Themenfeld wurde der Imperialismus, in erster Linie bei der Agitation gegen die USA, aufgegriffen. 4. Scientology-Organisation Die Scientology-Organisation (SO) will die Staaten der Welt letztlich nach eigenen Regeln beherrschen und regieren, die insbesondere die Grundprinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung wie Gewaltenteilung, Rechtsstaatsprinzip und Demokratieprinzip missachten. Ihr h\u00f6chstes Ziel, die Weltherrschaft, steht im krassen Widerspruch zu ihren st\u00e4ndigen Beteuerungen, der Menschheit die v\u00f6llige Freiheit zu bringen, weil die Verwirklichung ihres Herrschaftsprinzips tats\u00e4chlich zu einer massiven Beeintr\u00e4chtigung der Menschenrechte f\u00fchren w\u00fcrde. Bis zur Erreichung ihres Ziels sieht sich die SO im Grunde mit allen anti-scientologischen Menschen, Gesellschaftsgruppen und Staaten im st\u00e4ndigen Konflikt. Vor diesem Hintergrund sind auch die von ihr im Jahr 2002 durchgef\u00fchrten Propagandama\u00dfnahmen zu beurteilen, mit denen sie die Aufkl\u00e4rungsund Abwehrma\u00dfnahmen des Staates diffamiert. Nach wie vor ist sie bestrebt, die Beobachtung durch den Verfassungsschutz mit der Verfolgung der Juden im Dritten Reich gleichzusetzen. Dazu f\u00fchrte sie zahlreiche Veranstaltungen wie Info-St\u00e4nde, Ausstellungen und andere propagandistische Aktionen durch, um die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber ihre wahren verfassungsfeindlichen Absichten zu t\u00e4uschen und um neue Mitglieder zu werben. Ihre aggressiven Aktionen sto\u00dfen national und international bei den B\u00fcrgern zunehmend auf Ablehnung.","22 Entwicklung des politischen Extremismus 5. Grafische Darstellungen Entwicklung Rechtsextremisten der MitgliederLinksextremisten zahlen extremisAusl\u00e4ndische Extremisten Mitglieder Scientology-Organisation Deutschland tischer Organi80.000 sationen in Deutschland 60.000 41.500 57.350 45.000* 40.000 39.950 31.100** 33.800 20.000 Deutschland 10.000 5.500*** 0 1993 94 95 96 97 98 99 2000 01 02 * Die Republikaner 1994 erstmals erfasst. ** Die Kurve beruht auf den Zahlen des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz, das von den Mitgliedern der PDS nur die der Kommunistischen Plattform (KPF) erfasst. Die PDS hatte 2002 insgesamt 77.000 Mitglieder, davon 1.500 in der KPF. *** Scientology-Organisation 1998 erstmals konkret erfasst; Angaben f\u00fcr die Vorjahre gesch\u00e4tzt. Entwicklung Rechtsextremisten der MitgliederLinksextremisten zahlen extremisAusl\u00e4ndische Extremisten Rechtsextremisten tischer OrganiMitglieder Scientology-Organisation Linksextremisten 12.000 Ausl\u00e4ndische Extremisten sationen in Mitglieder Scientology-Organisation 10.370 Bayern 10.000 12.000 7.200 8.000 10.450 6.750* 10.000 6.000 8.000 8.030* 4.840 5.425 4.000 6.000 3.465 3.960 4.870 3.000 2.600** 2.000 3.485 4.000 3.960 Bayern 3.000 2.600** 2.0000 1993 94 Bayern95 96 97 98 99 2000 01 02 0 * Die Republikaner 1994 erstmals erfasst. 1992 93 94 95 96 97 98 99 2000 01 ** Scientology-Organisation 1998 erstmals konkret erfasst; Angaben f\u00fcr die Vorjahre gesch\u00e4tzt.","Entwicklung des politischen Extremismus 23 Entwicklung 2000 2001 2002 extremistisch 998 motivierter 1000 Gewalttaten in 900 827 Deutschland 800 750 725 709 700 600 500 400 371 300 200 116 84 55 100 0 linksextremistisch rechtsextremistisch Gewalttaten durch motivierte motivierte ausl\u00e4ndische Gewalttaten Gewalttaten Extremisten Entwicklung 2000 2001 2002 extremistisch motivierter 80 Gewalttaten in 72 70 Bayern 60 60 51 50 39 39 40 30 21 20 11 9 10 3 0 linksextremistisch rechtsextremistisch Gewalttaten durch motivierte motivierte ausl\u00e4ndische Gewalttaten Gewalttaten Extremisten","24 Rechtsextremismus 3. Abschnitt Rechtsextremismus 1. Allgemeines 1.1 Merkmale des Rechtsextremismus Der Rechtsextremismus weist keine gefestigte einheitliche Ideologie auf. Die Bestrebungen rechtsextremistischer Organisationen in Deutschland sind im Wesentlichen dadurch gekennzeichnet, dass sie die Grundlagen der Demokratie ablehnen und statt dessen - aus taktischen Gr\u00fcnden meist nicht offen erkl\u00e4rt - eine totalit\u00e4re Regierungsform unter Einschluss des F\u00fchrerprinzips anstreben, die mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht zu vereinbaren ist. Bestimmende Merkmale des organisierten Rechtsextremismus sind vor allem - die pauschale \u00dcberbewertung der Interessen der \"Volksgemeinschaft\" zu Lasten der Interessen und Rechte des Einzelnen, die zu einer Aush\u00f6hlung der Grundrechte f\u00fchrt (v\u00f6lkischer Kollektivismus), - ein den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung missachtender Nationalismus, - die offene oder verdeckte Wiederbelebung rassistischer Thesen, unter anderem des Antisemitismus, die mit dem Schutz der Menschenw\u00fcrde und dem Gleichheitsprinzip nicht vereinbar sind, - immer wiederkehrende Versuche, die nationalsozialistische Gewaltherrschaft unter Herausstellung angeblich positiver Leistungen des Dritten Reichs zu rechtfertigen, die Widerstandsk\u00e4mpfer gegen das NS-Regime zu diffamieren und die Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu verschweigen, zu verharmlosen oder sogar zu leugnen. Hinzu kommt die allen Extremisten gemeinsame planm\u00e4\u00dfige Verunglimpfung der bestehenden Staatsform und ihrer Repr\u00e4sentanten. Ziel dieser Angriffe ist es, die eigene Organisation und ihre Repr\u00e4sentanten als die alleinigen Wahrer der Interessen von Staat und B\u00fcrgern","Rechtsextremismus 25 darzustellen, was im Ergebnis auf die Ablehnung des Mehrparteienprinzips und des Rechts auf verfassungsm\u00e4\u00dfige Bildung und Aus\u00fcbung einer Opposition hinausl\u00e4uft. Diese Merkmale sind nicht gleichm\u00e4\u00dfig bei allen Rechtsextremisten zu beobachten. Manchmal sind nur Teilaspekte bestimmend; auch die Intensit\u00e4t und die Strategie des Kampfs gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung sind unterschiedlich. Seit einigen Jahren treten in der Propaganda von Rechtsextremisten sozialund wirtschaftspolitische Themen zunehmend in den Vordergrund. Durch Verkn\u00fcpfung sozialer Problemfelder mit rechtsextremistischen Theorie-Elementen hoffen Rechtsextremisten, aus den Fragen der Bev\u00f6lkerung nach der Sicherheit des Arbeitsplatzes, des Wettbewerbs und der Finanzierung der Renten Kapital schlagen zu k\u00f6nnen. Teile des rechtsextremistischen Spektrums propagieren einen \"volksbezogenen Sozialismus\" mit dem Ziel, in sozialistisch orientierte W\u00e4hlerschichten einzudringen. Des Weiteren zeigen sich im Bereich des intellektuellen Rechtsextremismus immer wieder Tendenzen zu Einigungsbem\u00fchungen auf europ\u00e4ischer Ebene mit dem Ziel, eine \"Europ\u00e4ische Rechte\" zu etablieren. Organisierte und unorganisierte Rechtsextremisten sind sich einig in der Ablehnung der \"One-World-Ideologie\" der Weltmacht USA. Sie fordern die geistige \"Befreiung\" von der kulturellen und politischen \"\u00dcberfremdung\" durch die USA. Ebenso ablehnend stehen sie dem freien Welthandel und der zunehmenden Globalisierung gegen\u00fcber, die sie als Einebnung nationaler Vielfalt verstehen und somit als eine Gefahr f\u00fcr die nationalstaatlichen Strukturen erachten. 1.2 Entwicklung der Organisationen Die Entwicklung der Zahl rechtsextremistischer Organisationen in Bayern und deren jeweilige Mitgliederst\u00e4rke ist aus den nachfolgenden \u00dcbersichten zu ersehen. Bei erkannten Mehrfachmitgliedschaften wurde die Person nur bei einer Organisation mitgez\u00e4hlt. Die NPD konnte den aufgrund ihrer Werbekampagne \"Argumente statt Verbote - Nein zum NPD-Verbot\" im Vorjahr erreichten anf\u00e4nglichen Mitgliederzuwachs in Bayern nicht halten. Ihre Verkn\u00fcpfung mit der Neonaziund Skinhead-Szene hat sich verfestigt. Die REP sind in Bayern weiterhin die personell gr\u00f6\u00dfte Partei, in der rechtsextremis-","26 Rechtsextremismus Zahl und Mitgliederst\u00e4rke 2000 2001 2002 rechtsextremistischer OrganiAnzahl der Organisationen 33 38 37 sationen in Bayern Mitgliederst\u00e4rken Die Republikaner (REP) 4.000 4.000 3.000 NPD mit JN und NHB 1.050 980 920 Deutsche Volksunion (DVU)* 1.800 1.600 1.400 Neonazistische Organisationen 60 70 70 Sonstige Organisationen 330 300 280 7.240 6.950 5.670 Neonazistische Einzelaktivisten 100 180 180 Rechtsextremistische Skinheads 780 900 900 Rechtsextremisten insgesamt 8.120 8.030 6.750 * Die Zahlen umfassen die Mitglieder der Partei und des gleichnamigen Vereins. Mitglieder 70.000 Deutschland * 60.000 50.000 45.000 40.000 41.500 30.000 20.000 Bayern * 10.000 6.750 4.840 0 1993 94 95 96 97 98 99 2000 01 02 * Republikaner 1994 erstmals erfasst.","Rechtsextremismus 27 tische Bestrebungen verfolgt werden; die DVU ist im Bundesgebiet die mitgliederst\u00e4rkste rechtsextremistische Partei. Trotz aufw\u00e4ndiger, teils aggressiver und provokanter Wahlpropaganda gelang es den rechtsextremistischen Parteien nicht, bei Wahlen nennenswerte Erfolge zu erzielen. B\u00fcndnisbestrebungen zwischen rechtsextremistischen Parteien waren nicht mehr feststellbar. Sowohl die F\u00fchrung der REP als auch der DVU lehnen die NPD nach wie vor als B\u00fcndnispartnerin ab. Ebenso blieben Bem\u00fchungen einer im Jahr 2000 gegr\u00fcndeten Deutschen Aufbau-Organisation (DAO) um ein B\u00fcndnis mit \"patriotischen und nationalen Parteien\" erfolglos. Die DAO l\u00f6ste sich daraufhin im Februar auf. Der organisierte Neonazismus versuchte bundesweit mit zahlreichen Demonstrationen \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Nach wie vor mangelt es ihm aber an einem Konzept zur \u00dcberwindung der eigenen politischen Isolation und Ohnmacht. Sozialistische Ideologiemerkmale wurden wiederum st\u00e4rker betont. Die Skinhead-Szene ist strukturell nicht gefestigt, die Zahl ihrer Anh\u00e4nger aber nahezu konstant geblieben. 1.3 Rechtextremistische Gewalt Die Zahl rechtsextremistisch motivierter Gewalttaten in Deutschland ist auf 725 angestiegen gegen\u00fcber 709 im Jahr 2001. In Bayern ist Entwicklung 998 Deutschland Bayern 1000 rechtsextremis900 tisch motivierter Gewalttaten 800 725 709 700 600 500 400 300 200 60 72 51 100 0 2000 2001 2002","28 Rechtsextremismus die Zahl rechtsextremistisch motivierter Gewalttaten deutlich zur\u00fcckgegangen auf 51 (2001: 72). Den meisten Gewalttaten (30) lag wie in den Vorjahren eine fremdenfeindliche Motivation zugrunde. Weitere 13 Gewalttaten richteten sich gegen politische Gegner. Zwei Gewalttaten waren antisemitisch motiviert. Die Mehrzahl der Gewalttaten geht nach wie vor von Skinheads aus. Auch die Zahl sonstiger rechtsextremistisch motivierter Straftaten ist auf 1.369 zur\u00fcckgegangen (2001: 1.768). Bei diesen Straftaten handelte es sich wie im Vorjahr um Sachbesch\u00e4digungen, N\u00f6tigungen, Bedrohungen, Volksverhetzung (440 Delikte) und insbesondere das Verbreiten von Propagandamitteln bzw. Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (843 Delikte). 2. Parteien, Organisationen und Verlage 2.1 Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) Deutschland Bayern Mitglieder: 6.100 850 Vorsitzender: Udo Voigt Ralf Ollert Gr\u00fcndung: 1964 Sitz: Berlin Publikationen: Deutsche Stimme (DS), Deutsche Stimme EXTRA 2.1.1 Ideologisch-politischer Standort Neonazistische und nationalrevolution\u00e4re Thesen sind integraler Bestandteil des ideologischen Spektrums der NPD geworden und haben deren Erscheinungsbild nachhaltig ver\u00e4ndert. Die bereits seit mehreren Jahren erkennbare Entwicklung der NPD zu einem Sammelbecken gewaltbereiter Skinheads und Neonazis hat sich fortgesetzt. Die Parteif\u00fchrung h\u00e4lt an einer Zusammenarbeit mit den \"Freien Nationalisten\" fest. Das von der Partei vertretene Staatsund Menschenbild steht in krassem Gegensatz zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung. F\u00fcr die NPD resultiert die W\u00fcrde des Einzelnen nicht aus dem freien Willen des Individuums, sondern sie ist von biologisch-genetischer Teilhabe an der \"Volksgemeinschaft\" abh\u00e4ngig. Mit ihrer Forderung nach Schaffung einer \"Volksgemeinschaft\" verwendet die NPD einen zentralen Begriff des Nationalsozialismus, der darunter insbesondere eine Schicksalsgemeinschaft verstand, in der","Rechtsextremismus 29 die Interessen des Einzelnen bedingungslos der Gemeinschaft der Volksgenossen untergeordnet wurden. Die NPD sieht das Volk als eine \"biologische Einheit\" und entsprechend die Volksgemeinschaft \"als Lebensgemeinschaft k\u00f6rperlich, geistig und seelisch verwandter Menschen, die durch Raum, Zeit und Blut zu einer ... Schutz-, Solidarund Notgemeinschaft verwachsen sind, ... (...) Diese Idee und Realit\u00e4t der Volksgemeinschaft ist das h\u00f6chste irdische Gesetz, der letzte Wert, ...\" (Deutsche Stimme Nummer 9/2001, Seite 22) Allerdings argumentiert die NPD seit Beginn des Verbotsverfahrens zur\u00fcckhaltender als bisher, kommt aber zum gleichen Ergebnis: \"Volksgemeinschaft ist eine Bewu\u00dftseinshaltung auf der Ebene der Gesittung und Sozialit\u00e4t und ein daraus folgendes ethisches Gebot, das eigene Streben mit dem Wohle des Volkes in Einklang zu halten.\" (Deutsche Stimme Nummer 2/2002, Seite 22) Sie best\u00e4tigt diese Feststellung mit folgender These: \"Die Gemeinschaft bildet erst den Rahmen, der den Mensch zum Menschen macht.\" (Deutsche Stimme Nummer 10/2002, Seite 20) Eine mit dem Gleichheitsprinzip des Grundgesetzes unvereinbare, rassistisch und nationalistisch gepr\u00e4gte Fremdenfeindlichkeit ist elementarer Bestandteil der Parteiideologie vom \"lebensrichtigen Menschenbild\", das sich insbesondere gegen \"Fremdbestimmung\" und \"\u00dcberfremdung\" wendet. \"In zahlreichen Vierteln verausl\u00e4nderter Gro\u00dfst\u00e4dte, in denen mittlerweile die Ausl\u00e4nder die Rest-Deutschen 'integrieren', hat sich eine entwurzelte Menschenfauna herausgebildet, ... (...) Ihrer Volkskultur entfremdete junge Deutsche treffen an diesen Brennpunkten auf entwurzelte Jung-Osmanen, erg\u00e4nzt durch ethno-kulturelle Kastraten aus zwischen-ethnischen Beziehungen, deren Ungl\u00fcck ihre geburtsbedingte Heimatlosigkeit ist.\" (Deutsche Stimme Nummer 1/2002, Seite 24) \"Und wie es in einem maroden System des nationalen Selbsthasses nicht anders sein kann, macht sich Marieluise Beck keine Sorgen um den Fortbestand des eigenen Volkes, sondern um die medizinische und schulische Versorgung der illegalen Ausl\u00e4nder in der BRD.\" (Deutsche Stimme Nummer 4/2002, Seite 5)","30 Rechtsextremismus \"Nun aber begann der endg\u00fcltige Vernichtungsfeldzug der Staatsf\u00fchrung gegen das deutsche Volk: ... (...). Gezeigt wurde etwa eine deutsche Frau, ein Neger und zwischen beiden ihr gemeinsamer Bastard. (...) Diese perverse Werbung f\u00fcr die Bastardisierung des deutschen Volkes soll die Abneigung der Deutschen gegen die sogenannte Integration mindern. Das Volk soll sich freiwillig zerst\u00f6ren.\" (Deutsche Stimme Nummer 6/2002, Seite 9) Der Antisemitismus der NPD wurde meist bei Angriffen gegen Repr\u00e4sentanten j\u00fcdischer Institutionen deutlich: \"Diktatur der Friedm\u00e4nner geht zu Ende Das Duell M\u00f6llemann-Friedman ver\u00e4ndert die politische Kultur\" (Deutsche Stimme Nummer 6/2002, Seite 2) \"Friedman: J\u00fcdischer Lobbyist mit moralischem Gr\u00f6\u00dfenwahn\" (Bildunterschrift Deutsche Stimme Nummer 6/2002, Seite 5) \"Der jetzige Chef des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, setzt das Gejammer seiner Vorg\u00e4nger fort ... (...). Nun wird man sich in j\u00fcdischen Kreisen daran gew\u00f6hnen m\u00fcssen, da\u00df man nicht zu den Heiligen und Unber\u00fchrbaren im Lande geh\u00f6rt. (...) Die Opferrolle der Juden wird unglaubw\u00fcrdig. Man ist hoffentlich auch in Deutschland nicht mehr bereit, sich dem Druck und der Meinungsdiktatur des j\u00fcdischen Zentralrates zu beugen. Immerhin war es doch in der Vergangenheit so, da\u00df die bundesdeutsche Gesellschaft Grippe bekam, wenn der jeweilige Chef dieses Zentralrates hustete.\" (Internet-Seite der NPD) \"Die NPD hat mit Interesse die Auseinandersetzung zwischen Repr\u00e4sentanten des Zentralrates der Juden in Deutschland und der FDP verfolgt und hat die Tabubr\u00fcche des Herrn M\u00f6llemann begr\u00fc\u00dft. Diese Tabubr\u00fcche haben immerhin bewirkt, da\u00df die tats\u00e4chlichen Machtverh\u00e4ltnisse in diesem Land klar wurden. Wer zur politischen Klasse geh\u00f6ren will, braucht den Segen der Herren Spiegel und Friedmann. (...) Der Vorwurf des Antisemitismus ersetzt jede Debatte und ist der finale Keulenschlag. ... Friedmann und Spiegel sind zweifelhafte moralische Gr\u00f6\u00dfen in unserem Land. Sie sind reine Lobbyisten der organisierten Juden. Wer sich wie die beiden unentwegt in die politische Diskussion einmischt und den Deutschen Zensuren erteilt, mu\u00df mit Widerspruch rechnen. Freies Denken und Handeln in unserem Land sind erst dann m\u00f6glich, wenn der Einflu\u00df und die Macht des Zentralrates der","Rechtsextremismus 31 Juden gebrochen ist. Die NPD wird niemals vor diesen Herren zu Kreuze kriechen. Sie ist damit die einzige und echte Opposition im Lande.\" (Presseerkl\u00e4rung vom 6. Juni) In besonderer Weise bek\u00e4mpft die Partei die parlamentarische Demokratie. Dabei tritt an die Stelle konstruktiver Kritik eine bewusst entstellende und die gesamte Staatsform und Gesellschaftsordnung diffamierende Darstellung: \"Die BRD erweist sich mehr und mehr als eine k\u00e4ufliche Republik und steht im internationalen 'Korruptions-Index' schon hinter Chile und knapp vor Tansania.\" (Deutsche Stimme Nummer 4/2002, Seite 2) \"Das gesamte BRD-System scheint zur Republik der Strolche verkommen zu sein, und der diesbez\u00fcgliche staatspolitische Schweinestall w\u00e4re nicht nur auszumisten, sondern konsequent abzurei\u00dfen und durch ein vollst\u00e4ndig neues Geb\u00e4ude zu ersetzen. (...) Der deutsche Michel wechselt mit seinem Stimmzettel die Systemparteien aus ... und kommt bislang nur selten auf die Idee, eine wirkliche Systemalternative zu w\u00e4hlen, die das politische System als den Fehler an sich und nicht blo\u00df als mit Fehlern im Detail behaftet analysiert und diese Grundtatsache auch \u00f6ffentlich anspricht - trotz Medienhetze und Verbotsgeschrei durch die Systemkr\u00e4fte. (...) Das System der parlamentarischen Demokratie besticht ja gerade dadurch, da\u00df sich in ihm eben nichts grundlegend \u00e4ndert. Und w\u00fcrden Wahlen etwas ver\u00e4ndern, dann w\u00e4ren sie schon l\u00e4ngst verboten.\" (Deutsche Stimme Nummer 4/2002, Seite 1/6) \"Die Bundesrepublik wurde auf den Bajonetten der Alliierten gegr\u00fcndet. Deutschland wird heute von Kollaborateuren regiert, die den systematischen Ausverkauf deutscher Interessen vornehmen.\" (Deutsche Stimme Nummer 4/2002, Seite 13) Unter der \u00dcberschrift \"System der BRD hat abgewirtschaftet\", bezeichnete die NPD-F\u00fchrung in einem im Parteiorgan \"Deutsche Stimme\" Nummer 6/2002, Seite 14, abgedruckten Artikel die \"j\u00fcngsten Korruptionsund Spendenskandale\" als \"Teil eines verfassungswidrigen Systems\", das sich innerhalb der herrschenden politischen Klasse inzwischen eingenistet habe. Der \"\u00fcble Gestank von Selbstherrlichkeit, Vetternwirtschaft und Korruption\", der die gegenw\u00e4rtigen Aff\u00e4ren begleite, entstamme keinem Auswuchs an einem ansonsten gesunden demokratischen Geb\u00e4ude. Vielmehr bringe \"der Einsturz des Geb\u00e4udes lediglich die F\u00e4ulnis des Fundamentes ans Licht, auf dem der BRD-Staat errichtet\" sei.","32 Rechtsextremismus \"Die Wahl zwischen Stoiber und Schr\u00f6der ist wohl f\u00fcr uns alle nur eine Wahl zwischen Pest und Cholera.\" (Parteivorsitzender Udo Voigt in Deutsche Stimme Nummer 10/2002, Seite 3) Das Ergebnis der Bundestagswahl 2002 kommentierte die Partei unter der \u00dcberschrift \"Erfolg f\u00fcr Multikulti-Fanatiker trotz W\u00e4hlerbetrugs - L\u00fcgen-Kanzler Schr\u00f6der bleibt im Amt - Wahlschlappe f\u00fcr US-Stiefellecker Stoiber\". Weiter hie\u00df es: \"Der deutsche Michel hat gew\u00e4hlt: Er hat sich f\u00fcr den endg\u00fcltigen Bankrott des Gesundheitsund Rentensystems, die weitere Masseneinwanderung von Ausl\u00e4ndern, Steuererh\u00f6hungen, steigende Kriminalit\u00e4t, strukturbedingte Massenarbeitslosigkeit, kulturelle Verflachung, Korruption, Dekadenz, sexuelle Perversion, fehlende Eliten, Drogenlegalisierung, Randgruppen-Verh\u00e4tschelung, Rechtsstaat-Demontage, Unterw\u00fcrfigkeit gegen\u00fcber dem Ausland und die Unterst\u00fctzung der US-Kriegspolitik entschieden.\" (Deutsche Stimme Nummer 10/2002, Seite 1) Diese diffamierende Polemik zeigt deutlich, dass die NPD die Prinzipien des Mehrparteiensystems und der Chancengleichheit der Parteien trotz ihres formalen Bekenntnisses zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung ablehnt. Dar\u00fcber hinaus offenbart die Diktion der NPD, insbesondere der h\u00e4ufige Gebrauch des Begriffs \"System\", den bereits die NSDAP zur Diffamierung der Weimarer Republik eingesetzt hatte, eine Wesensverwandtschaft mit der Ideologie der NSDAP. NPD und JN lehnen die Wertordnung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung in der bestehenden Form als \"\u00fcberholt und handlungsunf\u00e4hig\" ab und wollen sie deshalb beseitigen. Um dem Ziel der politischen Machtergreifung n\u00e4her zu kommen, hat die Partei zur Verfolgung ihrer verfassungsfeindlichen Bestrebungen ein auf drei \"strategische S\u00e4ulen\" gest\u00fctztes Konzept entwickelt, n\u00e4mlich - Programmatik: Schlacht um die K\u00f6pfe, - Massenmobilisierung: Schlacht um die Stra\u00dfe, - Wahlteilnahme: Schlacht um die W\u00e4hler Ausdruck der an Etappenzielen ausgerichteten aggressiven Strategie der NPD ist auch das Konzept der \"Nationalen Au\u00dferparlamentarischen Opposition\" (NAPO). Der NPD-Vorsitzende Voigt unterstrich","Rechtsextremismus 33 auf dem Bundesparteitag die unverminderte Bedeutung einer NAPO; sie sei \"Ausdruck des Protests gegen Willk\u00fcr und Unterdr\u00fcckung und als verl\u00e4ngerter Arm k\u00fcnftiger nationaler Abgeordneter in den Parlamenten unverzichtbar\". Ziel der NPD sei die Wiederherstellung des \"Deutschen Reichs\" durch \"\u00dcberwindung des liberalkapitalistischen Systems\". Innerhalb ihres \"Drei-S\u00e4ulen-Konzepts\" r\u00e4umt die NPD trotz des anh\u00e4ngigen Verbotsverfahren dem \"Kampf um die Stra\u00dfe\" Priorit\u00e4t ein. Dabei zielt sie insbesondere auf Jugendliche, die sie als Aktionspotenzial nutzen kann. Die Partei bietet sich dabei als \"Ordnungsfaktor\" an. Wie umfangreich das strategische Konzept \"Kampf um die Stra\u00dfe\" in die Praxis umgesetzt werden konnte, zeigt die Tatsache, dass seit Voigts Amtsantritt im November 1996 die Zahl der von der NPD getragenen Versammlungen erheblich zunahm. So fanden inzwischen bundesweit ann\u00e4hernd 600 - zunehmend mit Neonazis und Skinheads durchgef\u00fchrte - Demonstrationen und \u00f6ffentliche Aktionen mit teilweise bis zu 4.000 Teilnehmern statt. Nach dem \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild waren dabei kaum noch Unterschiede zwischen Neonazis und Angeh\u00f6rigen der NPD auszumachen. Insbesondere die Pr\u00e4senz von Neonazis und Skinheads pr\u00e4gt h\u00e4ufig die Veranstaltungen der NPD. Sie wollen - nach NS-Vorbildern - mit massiver H\u00e4ufung uniform auftretender, vielfach kahlgeschorener sowie schwarz gekleideter Demonstrationsteilnehmer einen martialischen, aggressiven und Furcht einfl\u00f6\u00dfenden Eindruck vermitteln. Mit Parolen wie \"Arbeit zuerst nur f\u00fcr uns Deutsche\", \"Die Systemparteien zerst\u00f6ren unsere Zukunft\", \"Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen\", \"Volksgemeinschaft statt Multi-Kulti-Wahn\", \"Widerstand l\u00e4sst sich nicht verbieten\" und \"Die Stra\u00dfe frei der NPD\" werden \u00c4ngste vor Arbeitslosigkeit, Fremdbestimmung oder \u00dcberfremdung verst\u00e4rkt und ausgenutzt. Damit soll eine Krisenstimmung gesch\u00fcrt werden, die den Angriff gegen den sozialen Rechtsstaat und die freiheitliche Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland rechtfertigen soll. In einer Internetmeldung des Parteipr\u00e4sidiums behauptet die NPD, die westlichen Demokratien seien \"in die H\u00e4nde von Gangsterbanden gefallen, die alles \u00fcbertreffen, was sich in der Geschichte je an organisierter Kriminalit\u00e4t gezeigt hat\". Die Demonstrationen der NPD, verst\u00e4rkt durch militante Skinheads und Neonazis, sind deshalb \u00e4u\u00dferer Ausdruck des aggressiven Bestre-","34 Rechtsextremismus bens der NPD, \u00fcber den au\u00dferparlamentarischen Kampf politische Macht in Deutschland zu erringen. Der NPD-Theoretiker J\u00fcrgen Schwab propagierte im Parteiorgan \"Deutsche Stimme\" (Nummer 4/2002) das Modell einer autonomen Gegengesellschaft. Diese werde sich dem staatlichen Zugriff entziehen und langfristig als Br\u00fcckenkopf f\u00fcr eine gesamtpolitische Umgestaltung dienen. Unter der \u00dcberschrift \"Warum nationalbefreite Zonen?\" trat Schwab f\u00fcr regionale Schutzr\u00e4ume ein, in denen \"nationale B\u00fcrger\" unbehelligt leben k\u00f6nnten. Die totalit\u00e4re Gesellschaft habe den Staat erobert und f\u00fchre ihren Vernichtungskampf nicht nur gegen die Mitglieder der NPD, sondern dar\u00fcber hinaus gegen einen betr\u00e4chtlichen Teil der Bev\u00f6lkerung. Damit werde das von dem politischen Philosophen Thomas Hobbes geforderte Gewaltmonopol des Staates untergraben; seine nun ungesch\u00fctzten B\u00fcrger schuldeten ihm somit auch keinen Gehorsam mehr. \"Nationalbefreite Zonen\", wie sie sich in \"Mitteldeutschland\" bereits bildeten, b\u00f6ten den vom Staat nicht gew\u00e4hrten Schutz. Im Idealzustand seien \"nationale B\u00fcrger\" dort sicher vor der staatlich finanzierten und medial legitimierten \"Antifa\" und k\u00f6nnten beispielsweise ungest\u00f6rt \"nationale Konzerte\" veranstalten. Man werde dort im Berufsleben nicht diskriminiert, d\u00fcrfe seine Meinung sagen sowie politisch mitwirken und m\u00fcsse nicht f\u00fcrchten, dass die Kinder \"rechter Eltern\" benachteiligt w\u00fcrden. Der Artikel l\u00e4sst offen, mit welchen Mitteln diese Zonen gegen Dritte gesichert werden sollen. Voigt h\u00e4lt weiter an der Strategie fest, die NPD auf eine m\u00f6glichst breite Basis zu stellen und unterschiedlichste Str\u00f6mungen des \"Nationalen Widerstands\" zu b\u00fcndeln. Hierbei genie\u00dft die themenund aktionsbezogene Zusammenarbeit mit Neonazis Priorit\u00e4t. Dem aus 19 Personen bestehenden NPD-Bundesvorstand geh\u00f6ren derzeit zwei ehemalige Aktivisten verbotener neonazistischer Gruppierungen an. In den NPD-Landesverb\u00e4nden sind mehrere Personen mit neonazistischem Vorlauf bekannt, die zum Teil herausgehobene Funktionen aus\u00fcben. Dar\u00fcber hinaus betrachtet die NPD Skinheads als nat\u00fcrliche B\u00fcndnispartner. Ihre N\u00e4he zur gewaltbereiten Skinhead-Szene entspricht ihrem eigenen Verh\u00e4ltnis zur Gewalt. Mit einer Neuorientierung hin zum \"Nationalen Sozialismus\", einer Verkn\u00fcpfung von \"Nation\" und \"Sozialismus\", wirbt die NPD insbesondere in den neuen Bundesl\u00e4ndern um Anh\u00e4nger. Zugleich sieht","Rechtsextremismus 35 sich die Partei als Anf\u00fchrerin einer breiten sozialen Protestbewegung, die in \u00f6ffentlichen Aufm\u00e4rschen auf der Stra\u00dfe gemeinsam mit Neonazis und Skinheads ihre auf die \u00dcberwindung des Systems gerichteten Ziele verfolgt. Sie bietet mit ihrer Organisation der Neonazi-Szene eine legale Organisationsform an und ist somit mitverantwortlich f\u00fcr ein geistiges Klima, das den Boden f\u00fcr \u00dcbergriffe von Rechtsextremisten auf Ausl\u00e4nder und andere Minderheiten bereitet. Zugleich hat sich ihre verbale Ablehnung des parlamentarischen Verfassungsstaats versch\u00e4rft. Staatliche Ma\u00dfnahmen, die Verbotsdebatte und ein breiter Widerstand in der Bev\u00f6lkerung gegen den Rechtsextremismus lassen jedoch das Konzept der Partei und der von ihr im \"Nationalen Widerstand\" gef\u00fchrten \"unabh\u00e4ngigen Kameradschaften\" nicht aufgehen. 2.1.2 Organisation Die Verbotsdiskussion l\u00f6ste im rechtsextremistischen Spektrum zun\u00e4chst eine Solidarisierung aus, die der NPD vor\u00fcbergehend neuen Zulauf brachte. Von diesem Effekt konnte die Partei allerdings nicht nachhaltig profitieren. Ihre Mitgliederzahl ist bundesweit um 400 auf rund 6.100 Personen gesunken. Die Partei mit Sitz in Berlin gliedert sich in 15 Landesverb\u00e4nde, die wiederum in Bezirksund Kreisverb\u00e4nde unterteilt sind. Bundesvorsitzender ist seit M\u00e4rz 1996 Udo Voigt; seine Stellvertreter sind Holger Apfel, J\u00fcrgen Sch\u00f6n und der bisherige Generalsekret\u00e4r Ulrich Eigenfeld, der auf dem Bundesparteitag am 16./17. M\u00e4rz in K\u00f6nigslutter/Niedersachsen Dr. Hans-G\u00fcnther Eisenecker abl\u00f6ste. Redaktion und Anzeigenabteilung des Parteiorgans \"Deutsche Stimme\" (DS) befinden sich in Riesa/Sachsen. Die neonazistisch gepr\u00e4gte parteiinterne Oppositionsgruppe \"Revolution\u00e4re Plattform - Aufbruch 2000\" (RPF) hat sich am 12. Januar wegen anhaltender Querelen zwischen der Parteispitze und RPF-Aktivisten aufgel\u00f6st. Der Landesverband Bayern mit derzeitiger Adresse in Rain, Landkreis Straubing-Bogen, z\u00e4hlt rund 850 (2001: 900) Mitglieder, darunter zahlreiche Angeh\u00f6rige der Neonaziund Skinhead-Szene. Er gliedert sich in sieben Bezirksund rund 50 Kreisverb\u00e4nde, von denen aber mehr als die H\u00e4lfte nicht aktiv ist. Der Landesverband wird von Ralf Ollert geleitet, seine Stellvertreter sind Franz Salzberger und Sascha","36 Rechtsextremismus Ro\u00dfm\u00fcller. Nach wie vor sind im bayerischen Landesvorstand neben Anh\u00e4ngern der orthodoxen Linie der NPD auch Funktion\u00e4re mit einer \u00fcberwiegend neonazistisch ausgerichteten Ideologie vertreten. Zwei Beisitzer haben Verbindungen zur Skinhead-Szene. Die NPD verf\u00fcgt mittlerweile \u00fcber das umfassendste Angebot aller rechtsextremistischen Parteien im Internet. Sie bietet als Provider \u00fcber eine Domain in Bochum einen eigenen Zugangsservice in das Internet an und verbreitet aktuelle Informationen zu besonders bedeutenden Veranstaltungen. Die Netzseite verf\u00fcgt \u00fcber mehrere Diskussionsforen sowie \u00fcber ein eigenes Textarchiv mit Schlagwortsuchmodus, \u00fcber den alle bislang von der NPD ver\u00f6ffentlichten Texte verf\u00fcgbar sind. Viele NPD-Landesverb\u00e4nde verf\u00fcgen \u00fcber eigene Internet-Seiten. \u00dcber eine Linkliste sind Angebote von Untergliederungen der NPD und ihrer Jugendorganisation zug\u00e4nglich. Die NPD und ihre Jugendorganisation unterhalten Verbindungen zu gleichgesinnten Personen und Organisationen im westeurop\u00e4ischen Ausland, insbesondere nach \u00d6sterreich und Italien. Allerdings ist die NPD ihrem Ziel der Bildung einer nationalistischen nordeurop\u00e4ischen Allianz nicht n\u00e4her gekommen. 2.1.3 Teilnahme an Wahlen Die NPD blieb in dem von ihr propagierten \"Kampf um die W\u00e4hler\" weiter erfolglos. Zwar konnte sie bei der Bundestagswahl am 22. September in nahezu allen Bundesl\u00e4ndern minimale Gewinne erzielen und 0,4 % der Zweitstimmen (1998: 0,3 %) erreichen. Dennoch verfehlte sie das selbst gesetzte Mindestziel, n\u00e4mlich den f\u00fcr die Gew\u00e4hrung von Mitteln aus der staatlichen Parteienfinanzierung ma\u00dfgeblichen Stimmenanteil von 0,5 %. Ebenso gelang es ihr nicht, die REP zu \u00fcberfl\u00fcgeln und damit ihren Anspruch auf die F\u00fchrungsposition im rechtsextremistischen Lager zu unterstreichen. Wie schon bei fr\u00fcheren Wahlen hatte die NPD versucht, durch einen aktionsbetonten Wahlkampf \u00f6ffentlich Pr\u00e4senz zu zeigen und ihren Bekanntheitsgrad zu steigern. In den letzten vier Wochen vor dem 22. September f\u00fchrte die Partei eine Reihe von Versammlungen in Bayern und anderen Bundesl\u00e4ndern durch, an denen zwischen 20 und 130 Personen teilnahmen. Daneben warb sie mit Flugbl\u00e4ttern, Aufklebern, Plakaten sowie Rundfunkund Fernsehspots um Stimmen. Die NPD kandidierte in allen L\u00e4ndern mit insgesamt 131 Listen-","Rechtsextremismus 37 bewerbern auf Landeslisten sowie - mit Ausnahme von Bayern - auch bundesweit mit 49 Direktkandidaten. In dem im Juni ver\u00f6ffentlichten \"Wahlprogramm 2002\" verhie\u00df sie \"Zukunft und Arbeit f\u00fcr ein besseres Deutschland\", wobei sie kollektivistische Vorstellungen mit fremdenfeindlicher Agitation verkn\u00fcpfte. So sprach sie von der \"ethnisch homogenen Volksgemeinschaft\", in der Einzelinteressen \"zugunsten des Erhaltes der Gemeinschaft zur\u00fcckzutreten\" h\u00e4tten, wenn sie mit Gemeinschaftsinteressen kollidierten. Durch \"bewusst herbeigef\u00fchrten, fortgesetzten Ausl\u00e4nderzustrom\" werde diese Gemeinschaft zerst\u00f6rt. Dar\u00fcber hinaus agitierte die NPD mit Parolen wie \"Arbeitspl\u00e4tze statt Globalisierung!\", \"D-Mark statt TEURO\", \"Frieden statt US-Kriege!\" und \"Deutschland kann man nicht verbieten\", fand damit aber kaum Resonanz. Bei der gleichzeitig durchgef\u00fchrten Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern erreichte die NPD 0,8 % (1998: 1,1 %) der Zweitstimmen und scheiterte damit an der bei Landtagswahlen geltenden 1 %-H\u00fcrde f\u00fcr die staatliche Parteienfinanzierung. Eine von Mitgliedern und Sympathisanten der NPD initiierte \"B\u00fcrgerinitiative Ausl\u00e4nderstopp\" (BIA) erreichte bei der bayerischen Kommunalwahl am 22. M\u00e4rz mit einem Stimmenanteil von 2,3 % einen Sitz f\u00fcr den NPD-Landesvorsitzenden Ralf Ollert im N\u00fcrnberger Stadtrat. 2.1.4 Verbotsverfahren Die Bundesregierung beantragte im Januar 2001 beim Bundesverfassungsgericht, die Verfassungswidrigkeit der NPD und ihrer Jugendorganisation \"Junge Nationaldemokraten\" (JN) festzustellen. Bundestag und Bundesrat reichten entsprechende Verbotsantr\u00e4ge im M\u00e4rz desselben Jahres ein. In den Stellungnahmen zu den Verbotsantr\u00e4gen der drei Verfassungsorgane verfolgte die NPD insgesamt die zuvor \u00f6ffentlich angek\u00fcndigte offensive Prozessstrategie. Das Gericht verband die Antr\u00e4ge zur gemeinsamen Entscheidung und er\u00f6ffnete Anfang Oktober 2001 das Hauptverfahren. Mit Beschluss vom 22. Januar 2002 hob das Bundesverfassungsgerichts die am 5. Dezember 2001 f\u00fcr Februar 2002 angesetzten Termine zu m\u00fcndlichen Verhandlung des NPD-Verbotsverfahrens wieder auf. Ein Beamter des Bundesinnenministeriums hatte einem Richter des Bundesverfassungsgerichts informell fernm\u00fcndlich mitgeteilt, dass eine der vom Gericht geladenen 14 Auskunftspersonen aus dem","38 Rechtsextremismus Bereich der NPD ein V-Mann des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen war; er war der Bitte des Gerichts um eine formelle schriftliche Information aber nicht nachgekommen. Zur Kl\u00e4rung der im Verfahren aufgetretenen materiellen und prozessualen Rechtsfragen bat das Gericht die drei Antragsteller (Bundesregierung, Bundesrat und Bundestag) um eine ausf\u00fchrliche Stellungnahme zur V-Mann-Problematik. Die Reaktionen hierzu in der NPD waren sehr unterschiedlich. W\u00e4hrend an der Parteibasis Schadenfreude gegen\u00fcber den staatlichen Institutionen vorherrschte, lie\u00df die Parteispitze durch den Prozessbevollm\u00e4chtigten Horst Mahler offiziell verlautbaren, dass die NPD nichts zu verbergen habe und deshalb die Entscheidung der Karlsruher Richter bedauere. Mahler sah in der Absetzung der Verhandlungstermine ein gewolltes Ergebnis einer Strategie der Antragsteller, die inzwischen die Aussichtslosigkeit der Verbotsantr\u00e4ge erkannt und deshalb die Terminabsetzung provoziert h\u00e4tten. In einer Pressemitteilung der NPD-Bundespressestelle vom 22. Januar hie\u00df es unter der \u00dcberschrift \"Hier hat jemand die Notbremse gezogen! Wer und Warum?\", es sei \"mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit\" von \"interessierter Seite\" versucht worden, das Verfahren bereits vor der Er\u00f6ffnung zum Scheitern zu bringen, \"um die Er\u00f6rterung der Rolle der Geheimdienste in einer \u00f6ffentlichen Verhandlung zu vermeiden\". Der Partei sei so die M\u00f6glichkeit genommen worden, dem Verbotsgerede \"durch Darlegung der Tatsachen vor Gericht den Boden entziehen zu k\u00f6nnen\". Der Beisitzer im NPD-Bundesvorstand Per Lennart Aae wurde Anfang Februar durch das Parteipr\u00e4sidium mit sofortiger Wirkung seiner Partei\u00e4mter enthoben. Gleichzeitig leitete die NPD-Spitze ein Ausschlussverfahren ein mit der Begr\u00fcndung, der als Auskunftsperson im NPD-Verbotsverfahren vom Bundesverfassungsgericht geladene Funktion\u00e4r habe eine \"eigene\" Stellungnahme gegen\u00fcber dem Gericht angek\u00fcndigt, ohne dazu aufgefordert zu sein. Ferner habe er in E-Mails, die einem gr\u00f6\u00dferen Personenkreis zug\u00e4nglich waren, den NPD-Prozessvertreter Horst Mahler als \"geistesgest\u00f6rt\" bezeichnet. Das NPD-Pr\u00e4sidium betrachte vor allem die Ank\u00fcndigung einer eigenen Stellungnahme als eine Gef\u00e4hrdung der vom Parteivorstand festgelegten Prozessstrategie. Die sofortige Amtsenthebung sei daher erforderlich gewesen, damit die Prozesslinie der Partei nicht durch unautorisierte Stellungnahmen und Ver\u00f6ffentlichungen in Zweifel","Rechtsextremismus 39 gezogen werden k\u00f6nne. Die \"enttarnten\" Informanten f\u00fcr die Verfassungsschutz\u00e4mter Wolfgang Frenz und Udo Holtmann wurden Ende April aus der NPD ausgeschlossen. In gemeinsamen Stellungnahmen \u00e4u\u00dferten sich die Antragsteller (Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat) mit Schrifts\u00e4tzen vom 8. und 13. Februar zur V-Mann-Problematik. Sie betonten, dass der Einsatz von V-Leuten ein rechtlich zul\u00e4ssiges nachrichtendienstliches Mittel sei, das seine gesetzliche Grundlage in den Verfassungsschutzgesetzen habe. Dabei d\u00fcrften die Auftr\u00e4ge an V-Leute aber nicht weiter gehen als die Aufkl\u00e4rungsbefugnisse der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde, d.h. die geheimen Mitarbeiter d\u00fcrften Zielsetzung bzw. T\u00e4tigkeit des Beobachtungsobjekts nicht ma\u00dfgeblich mitbestimmen. Gegen diese Grunds\u00e4tze sei nicht versto\u00dfen worden. Da verfassungsfeindliche Ziele kaum offen propagiert w\u00fcrden, sei die verdeckte Beobachtung auch unverzichtbar, um ein vollst\u00e4ndiges Bild \u00fcber extremistische Bestrebungen zu erlangen. Mit Schreiben vom 7. und 11. M\u00e4rz, die auch auf der eigens von Mahler zum Verbotsverfahren eingerichteten Internet-Homepage dokumentiert sind, nahmen die beiden Prozessvertreter der NPD Dr. Hans-G\u00fcnter Eisenecker und Horst Mahler gegen\u00fcber dem Bundesverfassungsgericht zu den vorstehend genannten Schrifts\u00e4tzen Stellung. Ohne auf die Argumentation der Antragsteller n\u00e4her einzugehen, zitierte Mahler in seiner Erwiderung bereits anderweitig ver\u00f6ffentlichte Schreiben, griff einige in den Medien ver\u00f6ffentlichte Spekulationen \u00fcber V-Leute von Verfassungsschutz und Polizei auf und pr\u00e4sentierte eine umfassende Verschw\u00f6rungstheorie. So behauptete er, die \"zust\u00e4ndigen Beamten\" h\u00e4tten versucht, das Verbotsverfahren \"zum Platzen zu bringen\", um zu verhindern, dass die NPD - wie von ihr geplant und angek\u00fcndigt - Einfl\u00fcsse von staatlich gelenkten \"agents provocateurs\" auf die Partei aufdecken k\u00f6nne. Erg\u00e4nzend warf Dr. Eisenecker den Antragstellern vor, sie h\u00e4tten vers\u00e4umt, entlastendes Material \u00fcber die NPD zusammenzutragen. Statt dessen w\u00fcrden \"Skurrilit\u00e4ten\" und \"sinnentstellende F\u00e4lschungen\" vorgetragen, die weder das tats\u00e4chliche Wesen der Partei repr\u00e4sentierten noch ihr zugerechnet werden k\u00f6nnten. In einem Schreiben vom 3. Mai avisierte das Bundesverfassungsgericht f\u00fcr den 8. Oktober einen Er\u00f6rterungstermin mit den Prozessvertretern von Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung und den Vertretern der Antragsgegnerin, um die so genannte \"V-Mann-Problematik\" zu","40 Rechtsextremismus kl\u00e4ren. Das Gericht f\u00fchrte dazu aus, dass es f\u00fcr den Erfolg eines Verbotsantrags bedeutsam sein k\u00f6nne, ob die Partei nach dem charakteristischen Gesamtbild ihrer Ziele und des Verhaltens ihrer Anh\u00e4nger Ausdruck eines offenen gesellschaftlichen Prozesses sei oder ob ihr Gesamtbild von Umst\u00e4nden gepr\u00e4gt werde, die ihr nicht zurechenbar seien. In einem gemeinsamen Schriftsatz vom 26. Juli nahmen die Prozessvertreter von Bundesrat, Bundestag und Bundesregierung zur Frage des Gerichts nach der Zusammenarbeit staatlicher Stellen mit V-Leuten ausf\u00fchrlich Stellung und boten weitere Informationen an, wenn eine Offenlegung von V-Leuten gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit und der Antragsgegnerin ausgeschlossen werden k\u00f6nne. Insbesondere betonten sie, dass die NPD weder urspr\u00fcnglich noch heute \"Produkt\" einer Steuerung, Pr\u00e4gung oder ma\u00dfgeblicher Einflussnahme staatlicher Stellen sei und dass staatliche Stellen ein verfassungswidriges Verhalten der NPD oder ihrer Organe weder veranlasst noch unterst\u00fctzt h\u00e4tten. Dass s\u00e4mtliche in den Verbotsantr\u00e4gen angef\u00fchrten Beweismittel der NPD zuzurechnen seien, zeigten auch die Verhaltensweisen und Parteikarrieren der bisher enttarnten V-Leute. Ausnahmslos handele es sich dabei um \u00fcberzeugte Rechtsextremisten und um Personen, die bereits vor ihrer Anwerbung dem rechtsextremistischen Spektrum angeh\u00f6rten. Die Annahme, die Beh\u00f6rden des Verfassungsschutzes h\u00e4tten gezielt V-Leute mit der \"Radikalisierung\" der NPD beauftragt, sei folglich falsch. Das Gesamtbild der Antragsgegnerin, das sie selbst zu verantworten habe, sei vielmehr das Ergebnis eines offenen gesellschaftlichen Prozesses. Dem Gericht wurden ferner alternative Erkenntnisquellen aufgezeigt mit dem Hinweis, dass weitergehende Informationen die staatliche Schutzpflicht gegen\u00fcber den einzelnen V-Leuten verletzen und den pr\u00e4ventiven Verfassungsschutz zudem seiner Quellen berauben w\u00fcrden, au\u00dfer es sei durch besondere Vorsichtsma\u00dfnahmen sichergestellt, dass diese Informationen weder der NPD noch der \u00d6ffentlichkeit bekannt werden. In einem Schriftsatz vom 30. August griff der Prozessvertreter der NPD Horst Mahler insbesondere das vom Bundesverfassungsgericht bekundete Interesse an einer umfassenden Information \u00fcber den staatlichen Einsatz von Vertrauenspersonen in der NPD auf, wobei er die Zul\u00e4ssigkeit des Verbotsverfahrens in Frage stellte. Insofern sei nunmehr Gegenstand des Verfahrens nicht mehr die NPD, sondern vielmehr aufgrund deren Durchsetzung mit \"Informanten\" die Arbeitsweise und Rolle der Geheimdienste. Die Praxis zeige, dass diese agent provocateur, Ankl\u00e4ger und Urteilsvollstrecker in einer Person","Rechtsextremismus 41 seien, ohne dass auch nur im geringsten eine gerichtliche Kontrolle stattfinde. Das Verbotsverfahren sei der vorl\u00e4ufig letzte Versuch eines fremdbestimmten Systems, die freiheitliche demokratische Ordnung zu verteidigen, die es aber tats\u00e4chlich gar nicht mehr gebe. Mit Hilfe von Fallbeispielen versuchte Mahler, seine These vom verfassungswidrigen Einfluss der Geheimdienste zu untermauern. Ferner wiederholte er seine antisemitische Verschw\u00f6rungstheorie und sein verfassungsfeindliches Gedankengut, das sich die NPD auch mit diesem Schriftsatz zu eigen machte. Am 8. Oktober fand vor dem Bundesverfassungsgericht der Er\u00f6rterungstermin zur V-Mann-Problematik und den daraus entstandenen Verfahrensfragen statt. W\u00e4hrend die Antragsteller die Frage des Gerichts, ob die NPD Produkt einer Fremdsteuerung durch V-Leute sei, entschieden verneinten, nutzten die Prozessvertreter der NPD den Er\u00f6rterungstermin zur Diffamierung des Staates und seiner Beh\u00f6rden und stellten die NPD als Opfer einer Verschw\u00f6rung dar. Auf die Frage, was denn genau an der NPD nach deren Meinung fremdbestimmt sei, blieben die Prozessvertreter und der Vorsitzende der NPD jedoch die Antwort schuldig. In einem erg\u00e4nzenden Schriftsatz versicherten die Antragsteller gegen\u00fcber dem Bundesverfassungsgericht, dass sich unter den Mitgliedern des NPD-Bundesvorstands keine V-Leute befinden. Das Bundesverfassungsgericht hat gegen die Auffassung der Mehrheit im Senat aufgrund der Sperrminorit\u00e4t von drei Richtern die angebotenen M\u00f6glichkeiten der Sachaufkl\u00e4rung nicht genutzt und am 18. M\u00e4rz 2003 das Verfahren eingestellt. 2.1.5 Sonstige Aktivit\u00e4ten 2.1.5.1 Parteitage Unter dem Motto \"Deutschland wir kommen\" hielt die NPD am 16./17. M\u00e4rz in K\u00f6nigslutter/Niedersachsen ihren 29. Bundesparteitag ab. Bei den Vorstandswahlen best\u00e4tigten die Delegierten den bisherigen Bundesvorsitzenden Udo Voigt in seiner Funktion. Mit 155 von 207 Stimmen setzte er sich deutlich gegen seinen Gegenkandidaten G\u00fcnter Deckert durch, f\u00fcr den 42 Delegierte votierten. Voigts Stellvertreter sind Holger Apfel, J\u00fcrgen Sch\u00f6n und der bisherige Generalsekret\u00e4r Ulrich Eigenfeldt. Mit Klaus Beier und Sascha Ro\u00dfm\u00fcller sind unter den 19 Mitgliedern des Bundesvorstands auch zwei Beisitzer aus Bayern vertreten.","42 Rechtsextremismus In seinem Rechenschaftsbericht k\u00fcndigte Voigt eine offensivere Auseinandersetzung mit der \"herrschenden politischen Klasse\" in Deutschland an. Die Verwicklung in internationale Kriegseins\u00e4tze, der Spendenund Korruptionssumpf, die realen Arbeitslosenzahlen sowie das Zuwanderungsgesetz seien die gr\u00f6\u00dften Fehler und Verbrechen der Bundesregierung. Die Aufbruchsstimmung aus dem Jahr 2000 sei durch die Verbotsdebatte j\u00e4h gestoppt worden. Obwohl die Verbotsforderungen von Beginn an durch eine Desinformationskampagne der Geheimdienste begleitet und auf allen Ebenen der Partei Auswirkungen zu verzeichnen gewesen seien, profitiere die Partei nunmehr von einer noch nie da gewesenen \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit. Es bestehe kein Zweifel, dass die Partei gest\u00e4rkt aus dem Verbotsverfahren hervorgehen werde. Schwerpunkte f\u00fcr die Bundestagswahl im September seien f\u00fcr die NPD die Themen \"Globalisierung\", \"Einwanderung\" und \"Frieden\". Voigts Position in der NPD hat sich mit dem Bundesparteitag gefestigt. Exponierte Kritiker seiner Politik geh\u00f6ren dem neuen Bundesvorstand nicht mehr an. Eine nennenswerte innerparteiliche Opposition konnten weder die Anh\u00e4nger von Deckert noch die neonazistischen Kr\u00e4fte um den RPF-Aktivisten Steffen Hupka bilden. Vor dem Parteitag hatten NPD-Oppositionelle auf einem Kongress am 9. M\u00e4rz in Friedersdorf/Brandenburg vergeblich versucht, ein Konzept zur Abl\u00f6sung des bisherigen Parteivorstands zu erarbeiten. Der NPD-Prozessbevollm\u00e4chtigte im Verbotsverfahren Horst Mahler zeigte sich nicht gewillt, Parteifunktionen zu \u00fcbernehmen, sondern bevorzugt weiter die Rolle als \"graue Eminenz\" neben Voigt. Am 3. November fand in Salching, Landkreis Straubing-Bogen, der 36. ordentliche Parteitag des NPD-Landesverbands Bayern statt. Bei der Neuwahl des Landesvorstands best\u00e4tigten die Delegierten den N\u00fcrnberger Stadtrat und NPD-Landesvorsitzenen Ralf Ollert sowie seine beiden Stellvertreter Sascha Ro\u00dfm\u00fcller und Franz Salzberger in ihren Funktionen. In seinem Rechenschaftsbericht erw\u00e4hnte Ollert verschiedene Veranstaltungen und sonstige Aktivit\u00e4ten des Landesverbands. Insbesondere verwies er auf die w\u00e4hrend des Bundestagswahlkampfs betriebenen Info-St\u00e4nde in M\u00fcnchen. Gemessen an dem hohen Propagandaaufwand k\u00f6nne das Wahlergebnis die NPD allerdings nicht zufrieden stellen. Wichtige politische Signale seien dagegen die Protestdemonstration gegen die \"Wehrmachtsausstellung\" am 12. Oktober in M\u00fcnchen und der zentrale Rudolf-He\u00df-Marsch am 17. August in Wunsiedel gewesen. Als n\u00e4chstes Ziel nannte Ollert die","Rechtsextremismus 43 Teilnahme an den Bezirkstagswahlen im Jahre 2003, insbesondere in Mittelfranken und Niederbayern; dagegen werde die NPD auf eine Beteiligung an der bayerischen Landtagswahl im September 2003 verzichten. In einer Aussprache wurde der Mitgliederr\u00fcckgang im NPD-Landesverband Bayern best\u00e4tigt. 2.1.5.2 Kundgebungen und sonstige Aktionen Im strategischen \"Drei-S\u00e4ulen-Konzept\" der NPD liegt der Schwerpunkt der politischen Aktivit\u00e4ten derzeit beim \"Kampf um die Stra\u00dfe\". Die Partei will mit zahlreichen \u00f6ffentlichen Kundgebungen Pr\u00e4senz demonstrieren und der Bev\u00f6lkerung das Bild einer durchsetzungsf\u00e4higen politischen Kraft vermitteln. Um ihre Handlungsf\u00e4higkeit unter Beweis zu stellen, f\u00fchrte die NPD am 1. Mai in Berlin, Dresden, G\u00f6ttingen, Ludwigshafen, Mannheim und F\u00fcrth \u00f6ffentliche Versammlungen durch. In einem Flugblatt mit der \u00dcberschrift \"Heraus zum 1. Mai\" rief die Partei mit den Parolen \"Arbeit statt Globalisierung\", \"Die Wirtschaft hat dem Volk zu dienen\" und \"Leistet Widerstand jetzt! Demonstriert am 1. Mai!\" dazu auf, den \"Protest auf die Stra\u00dfe zu tragen\". Gegen die NPD-Kundgebungen gab es zum Teil gewaltt\u00e4tige Protestaktionen von Linksextremisten. An der 1.-Mai-Kundgebung der NPD in F\u00fcrth beteiligten sich rund 350 Personen, darunter zahlreiche rechtsextremistische Skinheads. Die Rede des bayerischen NPD-Landesvorsitzenden Ralf Ollert wurde von Gegendemonstranten massiv gest\u00f6rt. Insgesamt konnte die NPD mit rund 3.000 Teilnehmern bundesweit weniger Anh\u00e4nger als im Vorjahr mobilisieren. In einer Pressemitteilung der Partei zu den Mai-Kundgebungen hie\u00df es, die NPD und der Nationale Widerstand h\u00e4tten in vielen St\u00e4dten Deutschlands Gesicht gezeigt und damit gegen Globalisierung und Sozialabbau protestiert. Beim Pressefest des Deutsche-Stimme-Verlags am 3. August in Niedersachsen wurde erneut die Zusammenarbeit zwischen der NPD und rechtsextremistischen Skinheads deutlich. An der Veranstaltung beteiligten sich rund 1.500 Personen aus der gesamten rechtsextremistischen Szene. Der Parteivorsitzende Voigt demonstrierte seine Verbundenheit mit Vertretern ausl\u00e4ndischer nationaler Parteien. In seiner Ansprache prognostizierte er einen zwangsl\u00e4ufigen Untergang der Bundesrepublik Deutschland, da der wirtschaftliche Niedergang - wie","44 Rechtsextremismus vormals in der DDR - nicht mehr aufzuhalten sei. Eine Podiumsdiskussion mit dem NPD-Anwalt Horst Mahler, dem Ex-Rechtsterroristen Peter Naumann und dem Neonazi Friedhelm Busse besch\u00e4ftigte sich unter dem Titel \"Spitzel - Spalter - Provokateure\" mit der \"Arbeitsweise der Geheimdienste\". Zum Programm geh\u00f6rten Auftritte der NPD-nahen Liedermacher Frank Rennicke, J\u00f6rg H\u00e4hnel und Lars Hellmich sowie Darbietungen der rechtsextremistischen Skinhead-Bands \"Sleipnir\" und \"Spreegeschwader\". Die neonazistische Skinhead-Gruppierung \"Fr\u00e4nkische Aktionsfront\" (F.A.F.) war mit einem Informationsstand vertreten. Der Parteivorsitzende Udo Voigt und der NPD-Prozessvertreter Horst Mahler besuchten am 27. Oktober in Berlin eine Veranstaltung der islamisch-fundamentalistischen Hizb-ut-Tahrir zum Thema \"Der Irak - ein neuer Krieg und die Folgen\". In einer Internet-Mitteilung erkl\u00e4rte die NPD hierzu, Voigt sei \u00fcberrascht gewesen, dass die Positionen des Referenten mit den eigenen \u00dcberzeugungen \"fast deckungsgleich\" gewesen seien. Zutreffend habe der Redner darauf hingewiesen, dass eine Besetzung des Irak und die Gr\u00fcndung von drei neuen Staaten auf dessen Staatsgebiet die bisherige Stabilit\u00e4t in diesem Raum gef\u00e4hrden w\u00fcrde. In einer anschlie\u00dfenden Diskussion habe Voigt zur Kritik des Referenten am deutsch-amerikanischen B\u00fcndnis bemerkt, Deutschland sei immer noch ein besetztes Land und werde erst frei sein, wenn der letzte US-Soldat Deutschland verlassen habe. Die imperialistischen USA seien bestrebt, jedes neue wirtschaftspolitische Staatssystem zu liquidieren. So seien Deutschland und Japan zerschlagen worden, als sie einen neuen oder anderen Weg gehen wollten; heute sei der Irak f\u00e4llig und morgen k\u00f6nne es der von der Hizb-ut-Tahrir propagierte Kalifenstaat sein. Doch wenn es zum Kampf komme, w\u00fcrden die Deutschen nicht auf der Seite der USA stehen. 2.1.6 Junge Nationaldemokraten (JN) Deutschland Bayern Mitglieder: 350 70 Vorsitzender: Stefan Rochow Stefan G\u00f6beke-Teichert Gr\u00fcndung: 1969 Sitz: Riesa/Sachsen Publikation: Der Aktivist","Rechtsextremismus 45 Mit den JN verf\u00fcgt die NPD als einzige rechtsextremistische Partei \u00fcber eine noch relativ bedeutende Jugendorganisation. Die JN bekennen sich in Ideologie und Zielsetzung zum Programm ihrer Mutterpartei. In ihrer Eigendarstellung als \"fundamentaloppositionelle Bewegung\" verabschiedeten sie beim Bundeskongress 2002 als \"Perspektive f\u00fcr ein besseres Deutschland\" das \"Manifest der nationalistischen Jugend\". Unter dem Oberbegriff \"Nationalismus ist gelebte Solidarit\u00e4t\" stellen sie beispielsweise das als grundlegendes Prinzip der freiheitlichen demokratischen Grundordnung geltende Mehrparteiensystem insofern in Frage, als sie eine \"konstruktive parlamentarische Mitarbeit\" erst nach der \"eigentlichen Entscheidung\" dulden wollen. Die T\u00e4tigkeit der JN geht inzwischen weitgehend im Aktionismus der Mutterpartei auf. Besonders deutlich zeigte sich dies bei der Vorbereitung und Durchf\u00fchrung von Demonstrationen und Gro\u00dfveranstaltungen. Auch die fr\u00fchere Funktion der JN als Nahtstelle zwischen NPD und neonazistischen Organisationen ist auf die NPD \u00fcbergegangen. Beim 31. ordentlichen Bundeskongress am 16. November in Kirchheim/Hessen w\u00e4hlten die Delegierten den bisherigen hessischen Landesvorsitzenden Stefan Rochow zum neuen JN-Bundesvorsitzenden. Sein Vorg\u00e4nger Sascha Ro\u00dfm\u00fcller hatte bereits voraus angek\u00fcndigt, dass er aufgrund seiner Funktionen im Bundesund Landesvorstand sowie wegen famili\u00e4rer Verpflichtungen auf eine erneute Kandidatur verzichte. Damit ist der JN-Landesverband Bayern nicht mehr im obersten F\u00fchrungsgremium der JN vertreten. Inwieweit der neue Bundesvorsitzende den von Ro\u00dfm\u00fcller gepr\u00e4gten neonazistischen Kurs der JN fortsetzen wird, bleibt abzuwarten. Zusammenk\u00fcnfte und Schulungsveranstaltungen der JN in Bayern konzentrierten sich im Wesentlichen auf ein unter Rechtsextremisten und Skinheads bekanntes Lokal in Salching, Landkreis Straubing-Bogen. Die zuletzt als \"Nationales Kommunikationszentrum Niederbayern\" (NaKomm) bezeichnete Gastst\u00e4tte wird von der Vorsitzenden des NPD-Bezirksverbands Niederbayern verantwortlich betrieben, versteht sich als \"zentrale Anlaufstelle und Wirkungsst\u00e4tte des nationalen Widerstands im Bereich Niederbayern\" und will ein \"kraftvolles Band zwischen den Nationalisten der Umgebung\" flechten.","46 Rechtsextremismus 2.2 Deutsche Volksunion (DVU) Deutschland Bayern Mitglieder: 13.000 1.400 Vorsitzender: Dr. Gerhard Frey Bruno Wetzel Gr\u00fcndung: 1987 Sitz: M\u00fcnchen Publizistisches Sprachrohr: National-Zeitung/Deutsche Wochen-Zeitung (NZ) 2.2.1 Ideologisch-politischer Standort In ihrem Programm bekennt sich die DVU formal zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung, doch will sie einige f\u00fcr alle Menschen g\u00fcltige Grundrechte, beispielsweise den Schutz der Familie, zu B\u00fcrgerrechten reduzieren, die ausschlie\u00dflich Deutschen zustehen sollen. Die rechtsextremistische Grundeinstellung der Partei wird in \u00c4u\u00dferungen f\u00fchrender Funktion\u00e4re sowie im Inhalt der im Verlag des Bundesvorsitzenden Dr. Gerhard Frey erscheinenden National-Zeitung deutlich. Die rassistisch und nationalistisch gepr\u00e4gte Propaganda der Partei richtet sich insbesondere gegen die Ausl\u00e4nderpolitik und die Europ\u00e4ische Union (EU), aber auch gegen eine deutsche Beteiligung an Milit\u00e4raktionen gegen den Irak. \"Dass die politisch Ma\u00dfgeblichen an Einsparungen in Bereichen denken, die den deutschen Interessen nichts nutzen, also z.B. beim weit \u00fcberh\u00f6hten EU-Beitrag der Bundesrepublik oder an den horrenden Aufwendungen f\u00fcr Scheinasylanten, ist leider nicht zu erwarten.\" (NZ vom 8. Februar, Seite 5) \"Die Arbeitslosigkeit in Deutschland nimmt \u00fcberhand. F\u00fcr eine Normalisierung der Geburtenrate des deutschen Volkes ist kein Geld da, aber f\u00fcr die Aufnahme von Millionen Ausl\u00e4ndern, f\u00fcr \u00dcberzahlungen an die EU und UNO, f\u00fcr immer neue Reparationsforderungen aus dem Zweiten Weltkrieg.\" (NZ vom 5. April, Seite 1) \"Die Bundeswehr in ihrer derzeitigen maroden Verfassung w\u00e4re heute kaum zur Verteidigung Deutschlands imstande. Warum aber sollen deutsche Soldaten au\u00dferhalb Mitteleuropas noch dazu als US-Hilfstruppen","Rechtsextremismus 47 gegen unseren alten Freund, den Irak, eingreifen und sich die arabische und mohammedanische und weitgehend die ganze Dritte Welt zum Feind machen? Das deutsche Volk genie\u00dft unver\u00e4ndert die Zuneigung und Freundschaft von Menschen aller V\u00f6lker und Rassen rund um die Welt. (...) Warum sollen wir unsere Anstrengungen und unser Geld auf die Beteiligung an imperialistischen und kolonialistischen Abenteuern konzentrieren, statt auf Beseitigung der Arbeitslosigkeit in Deutschland und den Wohlstand in den neuen L\u00e4ndern?\" (NZ vom 16. August, Seite 3) Wie bisher z\u00e4hlt die Kritik an der \"extrem einseitigen Vergangenheitsbew\u00e4ltigung\" zu den Schwerpunkten der Programmatik. \"Das Dritte Reich hat zwar nur rund zw\u00f6lf und nicht die viel zitierten tausend Jahre bestanden. Die 'Bew\u00e4ltigung' des Nationalsozialismus inklusive der strafrechtlichen Verfolgung der Menschen, die sich in seinem Namen schuldig gemacht haben oder haben sollen, hat sich aber inzwischen tats\u00e4chlich in ein neues Jahrtausend hinein ausgedehnt. Der Zweite Weltkrieg ging vor fast 57 Jahren zu Ende. Doch es geht immer weiter mit der einseitigen Verfolgung angeblicher oder tats\u00e4chlicher Untaten nur der besiegten Seite, w\u00e4hrend selbst die f\u00fcrchterlichsten Menschheitsverbrechen der Sieger und ihrer Helfershelfer gegen das deutsche Volk allesamt unges\u00fchnt bleiben.\" (NZ vom 8. M\u00e4rz, Seite 5) \"Die unentwegte Besch\u00e4ftigung mit dem damaligen Reichskanzler und seinen Untaten l\u00f6st leider kein einziges der heute auf unser Vaterland und die Welt zukommenden gigantischen Probleme. Niemand scheint imstande zu sein, die entsetzliche Serie von Angriffskriegen der Supermacht USA zu bremsen oder wenigstens zu mildern. (...) Im \u00dcbrigen wei\u00df jeder, der es wissen will, dass die allzeit wiederholten Anklagen gegen Hitler den seit weit mehr als einem halben Jahrhundert toten Reichskanzler nicht mehr erreichen, sondern vielmehr den Sinn haben, kommenden Generationen unseres Volkes durch 'Kollektivverantwortung' und 'Kollektivhaftung' die Zukunft zu verstellen.\" (NZ vom 5. April, Seite 1) \"W\u00e4hrend f\u00fcr die Anprangerung deutscher Schuld aus l\u00e4ngst vergangener Zeit Unsummen aus der Steuerkasse verwendet und bereits \u00fcber 5.000 Mahnmale zu diesem Zweck errichtet wurden, sucht man Gedenkst\u00e4tten, die von den Siegern drangsalierten und ermordeten Deutschen gewidmet sind, in Deutschland vergeblich.\" (NZ vom 16. August, Seite 5)","48 Rechtsextremismus Dabei werden die Verbrechen der Nationalsozialisten zwar nicht ausdr\u00fccklich geleugnet, doch wird versucht, diese durch wiederholte Hinweise auf historische Verbrechen anderer V\u00f6lker zu relativieren. \"Wo sind die Karten ... \u00fcber die m\u00f6rderischen Terrorangriffe der Alliierten auf deutsche und andere europ\u00e4ische St\u00e4dte, \u00fcber die alliierten Zwangsarbeitsund Todeslager? Wo sind die Karten, die die Schandtaten des englischen, franz\u00f6sischen und vor allem amerikanischen Imperialismus schildern? Wo die Darstellung der Ausl\u00f6schung von Tokio, Hiroshima, Nagasaki und anderen japanischen St\u00e4dten, der Vergiftung der W\u00e4lder Vietnams usw. usw.? Verdienen nicht auch die 100 Millionen Toten des Kommunismus eine gro\u00dfe Karte mit Einzelheiten, wo und wie sie ihr Leben verloren?\" (NZ vom 4. Januar, Seite 7, Beitrag \u00fcber den von einem Berliner Verlag herausgegebenen \"Putzger - Historischer Weltatlas\") \"In diesen Tagen j\u00e4hrt sich das zum Himmel schreiende alliierte Terror-Bombardement auf Dresden erneut. Etablierte Politiker und Massenmedien werden die schrecklichen Ergebnisse des 13. Februar 1945 wiederum nur am Rande erw\u00e4hnen und zus\u00e4tzlich verharmlosen, w\u00e4hrend gleichzeitig z. B. mit der Er\u00f6ffnung der gigantischen Holocaust-Ausstellung in Berlin eine neue Welle antideutscher Bew\u00e4ltigung entfacht wird.\" (NZ vom 8. Februar, Seite 10) Die DVU vermeidet offenen Antisemitismus, doch wird ihre antisemitische Grundhaltung in ihrem publizistischen Sprachrohr deutlich, dessen Berichterstattung \u00fcber Israel und die Juden vielfach negativ gef\u00e4rbt ist: \"Es erregt immer wieder im deutschen Volk Erstaunen, mit welcher Leichtfertigkeit Spiegel einerseits den heutigen Deutschen Schandtaten gegen Juden andichtet, gleichzeitig aber das zum Himmel schreiende Unrecht an den Pal\u00e4stinensern, das in hunderten UN-Entschlie\u00dfungen verurteilt wurde, als 'Recht' umf\u00e4lschen will.\" (NZ vom 4. Januar, Seite 1) \"Spezialisiert auf das Eintreiben deutscher Entsch\u00e4digungsmilliarden hat sich insbesondere Israel Singer, seit den fr\u00fchen 1980er-Jahren Generalsekret\u00e4r des World Jewish Congress (WJC), der nun einerseits die Nachfolge von WJC-Pr\u00e4sident Edgar Bronfman anstrebt und andererseits in Sachen 'Goldgrube Holocaust' zu einer neuen Mission aufgebrochen ist, um gewisserma\u00dfen als Sch\u00fcrfer einen weiteren 'Claim' abzustecken.\" (NZ vom 25. Januar, Seite 4)","Rechtsextremismus 49 \"Mit der Monotonie einer tibetanischen Gebetsm\u00fchle leiert Michel Friedman, Vizepr\u00e4sident des Zentralrats der Juden, seine These herunter, je mehr Ausl\u00e4nder nach Deutschland einwanderten, umso gr\u00f6\u00dfer sei die Bereicherung f\u00fcr unser Land. (...) Auffallend ist \u00fcbrigens, dass sich Friedman f\u00fcr Masseneinwanderung nach Deutschland engagiert, aber gleichzeitig die R\u00fcckkehr von Millionen vertriebener Pal\u00e4stinenser in ihre angestammte Heimat ablehnt und auch kein Wort findet gegen die offenkundige Politik der Vertreibung weiterer Millionen Pal\u00e4stinenser durch Scharon.\" (NZ vom 22. M\u00e4rz, Seite 1) \"Der Terror ist viel ausgekl\u00fcgelter, als man sich dies hier zu Lande vorstellen kann. Israel pflegt eine Klassengesellschaft im besetzten Pal\u00e4stina. Das Kriterium f\u00fcr die jeweilige Klasse ist die Volkszugeh\u00f6rigkeit. In Europa nennt man so etwas Rassismus.\" (NZ vom 16. August, Seite 2) H\u00e4ufig werden demokratische Institutionen und ihre Repr\u00e4sentanten diffamiert. Auf diese Weise soll das Vertrauen in diese Institutionen und den von ihnen getragenen demokratischen Rechtsstaat untergraben werden: \"Nicht nur die Regierungschefs und Minister in Bund und L\u00e4ndern, auch die Abgeordneten im Bundestag und den sechzehn Landesparlamenten verdienen sich dumm und d\u00e4mlich. Sie sind als Volksvertreter mit dem Volk eigentlich nur noch \u00fcber die Leistungen aus der Steuerkasse verbunden.\" (NZ vom 29. November, Seite 5) \"So wie es Schr\u00f6der und Fischer um den schieren Machterhalt am 22. September ging, so wenig ging es auch ihren Konkurrenten darum, ein System zu \u00e4ndern, das sie sich selbst zur Selbstbedienung und Beweihr\u00e4ucherung geschaffen haben. Die etablierten Parteien werden ihre Handlungsmuster beibehalten, denn noch nie in der Geschichte wurde ein System von seinen Profiteuren ge\u00e4ndert.\" (NZ vom 29. November, Seite 10) Nach wie vor ist die Partei bestrebt, rechtsextremistisch motivierte Gewalt zu relativieren. \"In Deutschland ist es l\u00e4ngst zum Ritual geworden: St\u00fcrzen Betrunkene, Schwachsinnige oder Kinder einen Grabstein auf einem j\u00fcdischen Friedhof um, treten sogleich f\u00fchrende Politiker mit betroffenem Gesichtsaus-","50 Rechtsextremismus druck vor die Kameras und versprechen, den Kampf gegen den 'wachsenden Rechtsextremismus' aufzunehmen.\" (NZ vom 29. M\u00e4rz, Seite 5) \"Aberhunderte F\u00e4lle, bei denen mit 'rechten Straftaten' gelinkt worden ist, sind bereits aktenkundig, darunter Dutzende 'Entf\u00fchrungen'. Die Vort\u00e4uscher der Delikte sind fast durchwegs glimpflich davongekommen, wenn man sie \u00fcberhaupt belangt hat. Wie viele reale Gangster davon profitieren konnten, dass die Polizei im Gro\u00dfaufwand hinter fiktiven rechten Kriminellen herhasten musste (wehe ihr von Politik und Medien, t\u00e4te sie es nicht!), kann man nur vermuten.\" (NZ vom 12. Juli, Seite 6) \"Seit mehr als einem halben Jahrhundert jagt ein Anschauungsunterricht den anderen, wonach strafbare Handlungen, die seitens Rechter oder Pseudorechter gesetzt werden, oder die man der Rechten unterschieben kann, zu immer weitergehenden Forderungen nach Gesetzesversch\u00e4rfungen, Sondergesetzen und finanziellen Leistungen genutzt werden. Deshalb inszenieren Geheimdienste alle nur denkbaren Schurkentaten, von Bombenanschl\u00e4gen \u00fcber 'Heil Hitler'-Rufe bis zur Hakenkreuzschmiererei, was alles dann in der Meinungsindustrie umfassend ausgeschlachtet wird.\" (Internet-Seite der DVU) 2.2.2 Organisation Die Mitgliederzahl der DVU ist um etwa 2.000 Personen auf 13.000 zur\u00fcckgegangen. Die Partei hat keine Jugendorganisation und betreibt keine Jugendarbeit. Sie verf\u00fcgt in allen Bundesl\u00e4ndern nominell \u00fcber Landesverb\u00e4nde, die jedoch nach au\u00dfen kaum in Erscheinung treten. Auf Kreisund Ortsebene ist die DVU ebenfalls kaum vertreten. Der bedingungslose Machtanspruch des Vorsitzenden Dr. Frey l\u00e4sst den Unterorganisationen keinen Handlungsspielraum. Im Verlag des Parteivorsitzenden erscheint als Werbetr\u00e4ger und publizistisches Sprachrohr der DVU die \"National-Zeitung/Deutsche Wochen-Zeitung\" (NZ). Nach wie vor ist die DVU bei ihrem Vorsitzenden hoch verschuldet. Die Personalunion von Vorsitzendem und Kreditgeber verleiht Dr. Frey eine ungew\u00f6hnliche Machtf\u00fclle. Die Kontakte der DVU zu ausl\u00e4ndischen Rechtsextremisten haben an Bedeutung verloren. Mitte 2002 erhielt die DVU nach eigenen Angaben von der Bundestagsverwaltung eine Erstattung in H\u00f6he von 322.000 Euro. Zuvor","Rechtsextremismus 51 hatte das Oberverwaltungsgericht M\u00fcnster eine im Jahr 1998 von der damaligen Bundestagspr\u00e4sidentin verh\u00e4ngte Sanktion wegen eines angeblichen Versto\u00dfes gegen das Transparenzgebot als unberechtigt bewertet. Inzwischen d\u00fcrfte sich der Schuldenstand der Partei durch den Verzicht auf eine Teilnahme an den Wahlen im Jahr 2002 und die dadurch gesparten Ausgaben auf rund drei Millionen Euro reduziert haben. 2.2.3 Politischer Bedeutungsverlust Zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 21. April trat die Partei wegen mangelnder Erfolgsaussichten nicht an, obwohl sie 1998 noch 12,9 % der W\u00e4hlerstimmen erhalten hatte. Die im Februar 2000 von der DVU abgespaltene Freiheitliche Deutsche Volkspartei (FDVP) nahm an der Wahl teil, erhielt jedoch nur 0,8 % der Stimmen. Desgleichen verzichtete die DVU wegen fehlender finanzieller Mittel auf eine Beteiligung an der Bundestagswahl am 22. September. Die traditionelle Kundgebung in der Passauer Nibelungenhalle wurde von der DVU ohne n\u00e4here Angabe von Gr\u00fcnden abgesagt. Die DVU-Veranstaltung in Passau hatte bereits im Vorjahr mit 1.200 Teilnehmern gegen\u00fcber 2.200 Besuchern bei der Kundgebung im Jahr 2000 deutlich an Anziehungskraft verloren. Neben dem Fehlen von Wahlerfolgen und dem Mitgliederr\u00fcckgang ist dieser R\u00fcckzug ein weiteres Indiz f\u00fcr den Bedeutungsverlust der DVU im Bereich des rechtsextremistischen Parteienspektrums. 2.2.4 Bundesparteitag Am Bundesparteitag der DVU am 12. Januar in M\u00fcnchen beteiligten sich insgesamt etwa 250 Mitglieder und Sympathisanten. Bei der Neuwahl des Bundesvorstands wurde Dr. Gerhard Frey mit 98,5 % der Stimmen als Parteivorsitzender best\u00e4tigt; seine Stellvertreter sind Heinrich Gerlach und Bruno Wetzel. Nach dem Finanzbericht war die DVU damals bei Dr. Frey noch mit 4,5 Millionen Euro verschuldet. Dr. Frey erkl\u00e4rte in seiner Rede, eine Zusammenarbeit mit REP und NPD komme f\u00fcr ihn wegen deren Vorsitzenden Dr. Rolf Schlierer und","52 Rechtsextremismus Udo Voigt nicht in Betracht. Auf das schlechte Wahlergebnis bei der Landtagswahl am 23. September 2001 in Hamburg mit 0,7 % der W\u00e4hlerstimmen (1997: 4,9 %) ging Dr. Frey nicht ein. 2.3 Die Republikaner (REP) Deutschland Bayern Mitglieder: 9.000 3.000 Vorsitzender: Dr. Rolf Schlierer Johann G\u00e4rtner Gr\u00fcndung: 1983 Sitz: Berlin Publikation: Der Republikaner 2.3.1 Ideologisch-politischer Standort In den \u00f6ffentlichen Verlautbarungen der REP wurden wie in den letzten Jahren Aussagen mit eindeutig rechtsextremistischer Zielsetzung weitgehend vermieden. \u00c4u\u00dferungen der Partei wie die Forderung \"Schlu\u00df mit der Auspl\u00fcnderung Deutschlands\" lassen aber immer wieder einen \u00fcbersteigerten Nationalismus, verbunden mit Ressentiments gegen fremde Staaten und Minderheiten erkennen. \"Das Ende der Deutschen Mark ist ein unn\u00f6tiger Tribut an unsere europ\u00e4ischen 'Partner'. Der Euro kommt, Deutschland zahlt - jetzt schon zwei Drittel des EU-Haushaltes! Und die EU-Osterweiterung wird f\u00fcr uns ein Fa\u00df ohne Boden. (...) Die Altparteien machen Deutschland zum Sozialamt der Welt. Unsere Sozialkassen werden gepl\u00fcndert f\u00fcr Leute, die nie einen Pfennig hineinbezahlt haben. (...) F\u00fcr Solidarit\u00e4t zuerst mit dem eigenen Volk!\" (Internet-Seite der REP) In der Wahlkampfausgabe des Parteiorgans \"Der Republikaner\" wurden pauschal Ausl\u00e4nder als Kriminelle bewertet und f\u00fcr Probleme verantwortlich gemacht. Unter der \u00dcberschrift \"12+1 gute Gr\u00fcnde, diesmal PROTEST zu w\u00e4hlen\" hie\u00df es: \" * ...weil die Gauner, Abzocker und Radikalinskis aus aller Herren L\u00e4nder sich hier so wohl f\u00fchlen wie nirgends sonst auf der Welt; * ...weil unserem Sozialsystem deshalb langsam aber sicher die Luft ausgeht; * ...weil die Sch\u00fcler an vielen Schulen eher t\u00fcrkische Fl\u00fcche, Gewalt und Drogen mitbekommen, anstatt lesen, schreiben und rechnen zu lernen; (...)\" (Der Republikaner, Nummer 7-8/2002).","Rechtsextremismus 53 In einer regionalen REP-Zeitung war unter der \u00dcberschrift \"Schluss mit der Zuwanderungs-L\u00fcge\" ausgef\u00fchrt: \"Erteilen Sie 'Multi-Kulti' eine klare Absage, es hat sich nicht bew\u00e4hrt und funktioniert nur in den wirren K\u00f6pfen linker Spinner. Lassen Sie sich nicht l\u00e4nger 'Gef\u00fchle der Erbschuld' infiltrieren. Wir wollen keine Ghettos und wir sind niemanden auf der Welt etwas schuldig. (...) Verwahren wir uns gegen den Ausverkauf Deutschlands. Lassen Sie es nicht zu, da\u00df unser Volk ausgetauscht wird, ausgetauscht geh\u00f6ren diejenigen Politiker, die ein anderes Volk als das deutsche wollen.\" (Die Republikaner in Mittelfranken informieren, Ausgabe 3/2002). Latente antisemitische Positionen waren in Stellungnahmen zur Politik Israels und zu Vertretern j\u00fcdischer Einrichtungen erkennbar. So traten die REP in einer Presseerkl\u00e4rung vom 11. April f\u00fcr die \"Einstellung aller Zahlungen und materieller Hilfen an Israel\" ein. Mit seinem \"Zerst\u00f6rungsfeldzug in den Pal\u00e4stinensergebieten\" riskiere Israel, sich mit Terroristen auf dieselbe Stufe zu stellen. \"Friedmann hat wieder einmal den Bogen \u00fcberspannt. Mit seinen unabl\u00e4ssigen Hetzreden tr\u00e4gt er zum Aufkommen antisemitischer Tendenzen bei. Friedmann ist weder Praeceptor Germaniae noch als Fernsehmoderator tragbar.\" (Pressemitteilung vom 22. Mai Nummer 29/2002) \"Der Schlagabtausch zwischen dem \u00d6lprinz und dem Freifallk\u00fcnstler ging trotz des programmierten R\u00fcckziehers des Araberfreundes dennoch zu dessen Gunsten aus. Keine Frage: 90 % der Deutschen standen hinter J\u00fcrgen W. M. und dessen Kritik am selbst ernannten 'praeceptor germaniae' Michel F. Daran \u00e4nderte auch der Versuch, alle Kritiker des sch\u00f6nen Michels als unanst\u00e4ndige Menschen abzuqualifizieren, nichts. Wessen Auftreten unanst\u00e4ndig ist, d\u00fcrfte jedem denkenden Deutschen, dessen Gehirn noch nicht in der political correctness abgesoffen ist, hinl\u00e4nglich bekannt sein.\" (Der Republikaner Nummer 5-6/2002, Seite 2) Dar\u00fcber hinaus verunglimpfte die Partei die bestehende Staatsform und Repr\u00e4sentanten demokratischer Institutionen: \"Schmiergeld eintreiben, Schwarzgelder kassieren und ins Ausland verschieben und seine eigene Macht mit mafia-\u00e4hnlichen Geflechten von finanzieller Abh\u00e4ngigkeit sichern - das hat mit rechtsstaatlicher Demokratie nichts zu tun. Union und Sozis haben abgewirtschaftet und versinken im eigenen Korruptionssumpf. Diese Korruptionsparteien haben eine Abfuhr vom W\u00e4hler verdient.\" (Der Republikaner Nummer 5-6/2002, Seite 2)","54 Rechtsextremismus \"Wir machen Politik f\u00fcr deutsche Interessen. (...) Die Altparteien haben abgewirtschaftet. Seit Jahrzehnten versprechen sie vor Wahlen eine \u00c4nderung der Politik in Deutschland. Nach der Wahl ist alles vergessen. Machen Sie deshalb jede Wahl zum Denkzettel f\u00fcr die Altparteien.\" (Internet-Seite der REP) \"Schily und Sch\u00e4uble m\u00fcssen Farbe bekennen: Der Beschaffungsextremismus mu\u00df offengelegt werden! (...) Schilys NPD-Pleite ist nur die Spitze eines schmutzigen Eisbergs, ... (...) Seit Jahren pfeifen es die Spatzen von den D\u00e4chern, da\u00df staatliche und geheimdienstliche Stellen den Neonazi-Popanz zum gro\u00dfen Teil selbst aufbauen und finanzieren, um ihn anschlie\u00dfend mit gro\u00dfem Get\u00f6se zu bek\u00e4mpfen, ... (Pressemitteilung vom 23. Januar Nummer 06/2002) Die Kontakte von REP-Mitgliedern zu anderen Rechtsextremisten zeigen, dass der Abgrenzungsbeschluss von 1990 nicht konsequent umgesetzt wird. So trat beim Landesparteitag in Sachsen am 27. April neben dem Bundesvorsitzenden Dr. Rolf Schlierer auch der fl\u00e4mische Senator Wim Verreycken vom rechtsextremistischen Vlaams Blok (VB) als Redner auf. Ferner ver\u00f6ffentlichte das Parteiorgan Interviews mit dem VB-Vorsitzenden Frank Vanhecke und dem Vordenker der franz\u00f6sischen Neuen Rechten Alain de Benoist. Das auf einem Programmparteitag am 11./12. Mai verabschiedete neue Parteiprogramm soll die REP inhaltlich als \"patriotische Alternative\" zu den Altparteien positionieren und am Vorrang der nationalen Interessen orientierte Antworten geben, was gleichbedeutend sei mit der Ablehnung einer \u00dcbermacht supranationaler Institutionen und einer skeptischen Haltung zur Globalisierung. Im einleitenden Grundlagenkapitel des neuen Programms beruft sich die Partei auf das Erbe der deutschen Freiheitsbewegung des 19. Jahrhunderts. Gest\u00e4rkt werden soll die direkte Demokratie durch Volksbegehren. Im Nationalstaat sieht die Partei den \"Garant f\u00fcr Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit\", in der Au\u00dfenpolitik soll der F\u00fcrsorge f\u00fcr die Heimatvertriebenen und die deutschen Volksgruppen im Ausland mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Ein weiterer umfangreicher Programmpunkt \"Deutsche Identit\u00e4t statt Multikultur\" enth\u00e4lt die Forderung nach Streichung des Grundrechts auf Asyl. Dar\u00fcber hinaus soll durch eine restriktive Zuwanderungspolitik das Sozialsystem entlastet werden. In der Kulturpolitik fordern die REP einen Schutz der Deutschen vor fremdsprachigen Einfl\u00fcssen und eine Quote f\u00fcr deutsche Musiktitel in den Rundfunkprogrammen.","Rechtsextremismus 55 2.3.2 Organisation Empfindliche Mitgliederverluste als Folge anhaltender Erfolglosigkeit bei Wahlen kennzeichnen die bisherige Entwicklung. Ende 2002 geh\u00f6rten der Partei im Bundesgebiet 9.000 (2001: 11.500) Mitglieder an. Am st\u00e4rksten ist die Partei noch in Baden-W\u00fcrttemberg, Bayern und Hessen. Parteivorsitzender ist seit Ende 1994 Dr. Rolf Schlierer. Seine Stellvertreter sind Bj\u00f6rn Clemens, Johann G\u00e4rtner, Haymo Hoch und Ursula Winkelsett. Der von Johann G\u00e4rtner geleitete Landesverband Bayern z\u00e4hlt etwa 3.000 (2001: 4.000) Mitglieder. Der Bundesverband, der Landesverband Bayern und weitere REP-Gliederungen sind mit eigenen Homepages im Internet vertreten. 2.3.3 Teilnahme an Wahlen Die REP verlieren seit 1996 kontinuierlich Stimmen bei Wahlen auf Bundes-, Landesund kommunaler Ebene. Dabei zeigt sich, dass die Partei \u00fcber keine konstante Stammw\u00e4hlerschaft verf\u00fcgt und es ihr auch nicht gelingt, sich Protestw\u00e4hlern als Alternative anzubieten. Der Abw\u00e4rtstrend der REP setzte sich bei den bayerischen Kommunalwahlen am 3. M\u00e4rz fort. Landesweit erreichten sie einen Stimmanteil von 1,1 % (1996: 1,8 %). Bereits 1996 hatten sich die W\u00e4hlerstimmen f\u00fcr die REP im Vergleich zu den bayerischen Kommunalwahlen von 1990 halbiert. Auch in M\u00fcnchen und N\u00fcrnberg spiegelte sich dieser Trend wider. So erhielt der M\u00fcnchener REP-Spitzenkandidat und stellvertretende Landesvorsitzende der Partei Johann Weinfurtner 1,2 % (1996: 2,1 %); er zog mit diesem Ergebnis in den M\u00fcnchner Stadtrat ein. Ebenso verloren die REP in N\u00fcrnberg mit 1,4 % (1996: 3,0 %) deutlich an Stimmen. Dem Stadtrat in N\u00fcrnberg geh\u00f6rt damit nur noch ein REP-Mitglied (statt bisher zwei) an. Auch bei der Bundestagswahl am 22. September hielt der deutliche Abw\u00e4rtstrend der REP als Wahlpartei an, obwohl die rechtsextremistische Konkurrentin DVU - anders als 1998 - nicht kandidierte. Die Partei erreichte mit einem Stimmenanteil von 0,6 % (1998: 1,8 %) jedoch ihr Mindestziel, da sie mit diesem Ergebnis Mittel aus der staatlichen Parteienfinanzierung erh\u00e4lt. Infolge ihrer innerparteilichen Krise hatten die REP nur einen wenig aufwendigen Wahlkampf gef\u00fchrt.","56 Rechtsextremismus \u00dcber den eher sp\u00e4rlichen Einsatz von Flugbl\u00e4ttern, Plakaten, Rundfunkund Fernsehspots hinaus fanden nur wenige Saalveranstaltungen und Kundgebungen statt. Die REP pr\u00e4sentierten sich vor allem als Protestpartei, die als wahre \"Alternative zum Einerlei aus Altparteien und Altkommunisten im Bundestag\" zu sehen sei. Ihre programmatischen Aussagen lauteten: \"Das Boot ist voll\", \"Bildung f\u00f6rdern, Zuwanderung stoppen\", \"R\u00fcckf\u00fchrung statt Zuwanderung - Auf uns k\u00f6nnen Sie sich verlassen!\" und \"Korruptionsparteien? Nein Danke!\" Eine \u00e4hnliche Niederlage bezogen die REP am selben Tag bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: Sie erzielten lediglich einen Anteil von 0,3 % der Stimmen (1998: 0,5 %) und verfehlten damit das f\u00fcr die Teilhabe an der staatlichen Parteienfinanzierung ben\u00f6tigte Ergebnis. Der Bundesvorsitzende Dr. Rolf Schlierer zeigte sich \u00fcber das schlechte Abschneiden der Partei entt\u00e4uscht und bedauerte, dass es nicht gelungen sei, die eigenen Mitglieder im Wahlkampf im erforderlichen Umfang zu mobilisieren. Zugleich \u00e4u\u00dferte er, dass die REP als \"Anwalt der B\u00fcrger\" in Deutschland auch in Zukunft gebraucht w\u00fcrden. Deutschland habe mit der Bundestagswahl weder eine stabile Regierung noch eine Opposition mit echten Alternativen bekommen. F\u00fcr die sich versch\u00e4rfenden Probleme der kommenden Jahre - Zuwanderung, Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Steuerlast und Kriegsgefahr - h\u00e4tten die im Bundestag vertretenen Parteien keine tragf\u00e4higen L\u00f6sungen zu bieten 2.3.4 Interne Richtungsk\u00e4mpfe Bei einem am 11./12. Mai in K\u00fcnzell/Hessen durchgef\u00fchrten Programmparteitag konnte der Parteivorsitzende Dr. Schlierer seine Position festigen. So scheiterte der Versuch der parteiinternen Opposition um Christian K\u00e4s, in einer Resolution die Zur\u00fccknahme des sp\u00e4ter verabschiedeten Programms sowie den Verzicht von Dr. Schlierer und seiner beiden Stellvertreter Ursula Winkelsett und Johann G\u00e4rtner auf k\u00fcnftige Partei\u00e4mter zu fordern. Inhaltlich bedeutete dies eine Fortsetzung des Abgrenzungskurses gegen\u00fcber anderen rechtsextremistischen Parteien und Vereinigungen. Einen Monat nach dem Programmparteitag trat Christian K\u00e4s, der einflussreichste parteiinterne Kritiker des REP-Bundesvorsitzenden,","Rechtsextremismus 57 aus der Partei aus. Als entschiedener Gegner des offiziellen Abgrenzungskurses der Parteif\u00fchrung hatte er ein \"Ende der Leisetreterei\" der REP gefordert. In einer Pressemitteilung der REP-Bundesgesch\u00e4ftsstelle vom 11. Juni hie\u00df es, mit seinem Austritt habe K\u00e4s die Verantwortung f\u00fcr ein finanzielles und organisatorisches Desaster in dem von ihm gef\u00fchrten Landesverband \u00fcbernommen. Sein Schritt sei aber auch ein Signal an all jene, die mit seiner Person die Option auf eine \u00d6ffnung der Republikaner nach \"rechts\" verb\u00e4nden. K\u00e4s war von 1991 bis Februar 2002 Vorsitzender des REP-Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg. Von 1993 bis 2000 amtierte er als stellvertretender REP-Bundesvorsitzender. Der REP-Bundesvorstand hatte ihn bereits am 11. Februar wegen finanzieller Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten im Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg seiner Partei\u00e4mter enthoben. Auf dem Bundesparteitag am 2./3. November in Deggendorf konnte der wieder gew\u00e4hlte Bundesvorsitzende Schlierer seine Position trotz des vorangegangenen Bundestagswahldebakels behaupten, aber den seit Jahren in der Partei schwelenden Richtungsstreit nicht beenden. Die Partei erscheint innerlich zerrissen. Zwar ist die interne Opposition durch Parteiaustritte geschw\u00e4cht; die Fronten verh\u00e4rten sich jedoch zunehmend. In Bayern drohen die Mitglieder des Kreisverbands F\u00fcrstenfeldbruck geschlossen aus der Partei auszutreten, falls ein gegen einen REP-Kreisrat eingeleitetes Parteiausschlussverfahren nicht aufgehoben werden sollte. 2.3.5 Aktivit\u00e4ten in Bayern Am \"Politischen Aschermittwoch\" der REP am 13. Februar in Geisenhausen, Landkreis Landshut, nahmen etwa 500 Personen teil. In den beiden Vorjahren konnte die Partei noch jeweils rund 800 Besucher mobilisieren. Als Hauptreferenten traten der bayerische Landesvorsitzende Johann G\u00e4rtner sowie der Bundesvorsitzende Dr. Rolf Schlierer auf. Letzterer konzentrierte sich vor allem auf die Bundespolitik und griff sowohl den Kanzlerkandidaten der Union als auch den Bundeskanzler heftig an. Im \u00dcbrigen bezeichnete er es als \"Skandal ohnegleichen\", dass zun\u00e4chst \"Steuergelder zum Aufbau des Neonazi-Popanz reingepumpt\" w\u00fcrden, um anschlie\u00dfend ein \"Pogrom gegen rechts\" rechtfertigen zu k\u00f6nnen. Am 2. und 3. November fand in Deggendorf der Bundesparteitag der Republikaner statt. Der Bundesvorsitzende Dr. Rolf Schlierer, der seit","58 Rechtsextremismus 1994 die Partei f\u00fchrt, wurde ohne Gegenkandidaten wieder gew\u00e4hlt. Von den 262 anwesenden Delegierten erhielt er 187 Ja-Stimmen. In seinem Rechenschaftsbericht machte Dr. Schlierer Imageprobleme f\u00fcr das schlechte Abschneiden der REP bei der Bundestagswahl verantwortlich. Um wieder Wahlerfolge zu erringen, m\u00fcsse die Partei den gegen sie von den etablierten Parteien und der linken Presse erhobenen Vorwurf, sie verfolge rechtsextremistische Ziele, entkr\u00e4ften. Die Republikaner seien demokratisch, aber zugleich rechts von der Union. An der Positionierung als Protestpartei sei festzuhalten. Auch den innerparteilichen Problemen durch den Austritt von Mitgliedern m\u00fcsse sich die Partei stellen. Wichtigste Termine des Jahres 2003 f\u00fcr die REP als Wahlpartei seien die Landtagswahlen in Bayern und Hessen. Ferner betonte der Parteivorsitzende seine guten Kontakte zu dem FP\u00d6-Politiker J\u00f6rg Haider in \u00d6sterreich. Ziel dieser Verbindung sei die Vorbereitung einer Kooperation aller europ\u00e4ischen Rechten f\u00fcr die Europawahl 2004. Mit der au\u00dfenpolitischen Erkl\u00e4rung \"Den 'deutschen Weg' konsequent verfolgen\" entschied sich der Parteitag f\u00fcr folgende Kernaussagen: \"Deutsche Soldaten haben am Persischen Golf nichts verloren\", \"Massenvernichtungswaffen m\u00fcssen weltweit ge\u00e4chtet werden\" und \"Die Republikaner stehen f\u00fcr den deutschen Weg in der Au\u00dfenpolitik\". Jede Politik einer deutschen Regierung, und vor allem jede au\u00dfenpolitische Entscheidung, habe sich in erster Linie an den Interessen des deutschen Nationalstaats und des deutschen Volkes auszurichten. Die REP seien die einzige Partei in Deutschland, die in jeder politischen Frage konsequent den deutschen Weg verfolge. 2.3.6 Verwaltungsgerichtsverfahren Das Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart vom 26. Mai 2000, in dem die Klage des REP-Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg gegen seine Beobachtung mit nachrichtendienstlichen Mitteln (vgl. Verfassungsschutzbericht Bayern 2000, Seite 55) abgewiesen wurde, ist rechtskr\u00e4ftig. Mit Beschluss vom 31. Oktober stellte der Verwaltungsgerichtshof Baden-W\u00fcrttemberg das Verfahren nach Zur\u00fccknahme der Berufung durch die REP ein. Der REP-Landesverband Hessen versuchte, das Land Hessen im Wege der einstweiligen Anordnung verpflichten zu lassen, ihm vor der Ver\u00f6ffentlichung k\u00fcnftiger Verfassungsschutzberichte rechtliches Geh\u00f6r zu gew\u00e4hren, falls die Partei in diesen Berichten erneut erw\u00e4hnt wer-","Rechtsextremismus 59 den sollte. Dies solle dergestalt geschehen, dass dem hessischen REP-Landesverband der entsprechende Abschnitt des Verfassungsschutzberichts einen Monat vor der geplanten Ver\u00f6ffentlichung zur Stellungnahme \u00fcbersandt werde. Mit Beschluss vom 26. Juni lehnte das Verwaltungsgericht Wiesbaden diesen Antrag als unbegr\u00fcndet ab. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof hat inzwischen die dagegen erhobene Beschwerde der REP abgewiesen. 2.4 B\u00fcrgerinitiative Ausl\u00e4nderstopp (BIA) Deutschland Bayern Anh\u00e4nger: Funktion\u00e4rskreis sowie 25 Stadtratskandidaten Sprecher: Ralf Ollert Gr\u00fcndung: 2001 Sitz: N\u00fcrnberg Mitglieder und Sympathisanten der NPD initiierten Ende Juli 2001 in N\u00fcrnberg die B\u00fcrgerinitiative Ausl\u00e4nderstopp (BIA) als partei\u00fcbergreifende Plattform f\u00fcr die Kommunalwahl 2002. Diese \u00f6rtliche W\u00e4hlergemeinschaft erm\u00f6glichte den NPD-Akteuren ein breites Wahlb\u00fcndnis mit anderen Rechtsextremisten, das unter dem Etikett der NPD allein nicht zustande gekommen w\u00e4re. Dabei sollten Protestw\u00e4hler mit simplen Parolen gewonnen werden, wobei ein direkter Bezug zur NPD vermieden wurde. Sprecher der BIA ist der bayerische NPD-Landesvorsitzende Ralf Ollert, der bei der bayerischen Kommunalwahl als Spitzenkandidat der BIA mit einem Stimmenanteil von 2,3 % einen Sitz im N\u00fcrnberger Stadtrat erreichte. Als Bewerber um das Amt des N\u00fcrnberger Oberb\u00fcrgermeisters hatte die Gruppierung ferner den wegen Leugnung des Holocaust mehrfach vorbestraften ehemaligen NPD-Vorsitzenden G\u00fcnter Deckert nominiert, jedoch keinen entsprechenden Wahlvorschlag eingereicht. Die BIA verbreitete auf ihrer Internet-Homepage rassistische und antisemitische Propaganda. Deswegen leitete die Staatsanwaltschaft N\u00fcrnberg im Juli ein Strafverfahren gegen Ollert wegen Verdachts der Volksverhetzung und anderer Delikte ein. Ollert ist als \"gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Sprecher\" f\u00fcr Organisation und Aktivit\u00e4ten der BIA verantwortlich. Die Ermittlungen richten sich ferner gegen weitere Verantwortliche, darunter einen mit dem Pseudonym \"Wolfswind\" zeich-","60 Rechtsextremismus nenden Autor. Die Polizei stellte am 26. Juli bei Durchsuchungen zwei Computer, zahlreiche Disketten und neonazistisches Propagandamaterial sicher. In einem Mitte Juli im Internet ver\u00f6ffentlichten Artikel \"MEHMET - MULTIKULTITERROR - MASSEN\u00dcBERFREMDUNG! Der Vernichtungskrieg gegen Deutschland und das deutsche Volk geht weiter.\" hie\u00df es: \"Schon unmittelbar nach der Katastrophe vom 8. Mai 1945 - als ein stolzes und edelm\u00fctiges Kulturvolk der abgrundtief verkommenen Willk\u00fcr der \u00fcbelsten Kreaturen und Banditen, welche mit ihrer Existenz jemals diese Erde beleidigten anheimfiel - sollte der 'multikulturelle' V\u00f6lkermord durch Masseneinschleu\u00dfung Fremdrassiger nach Deutschland beginnen. (...) Gleichzeitig aktivierte man die verderbtesten Charaktere, den Schweinejournalismus, zu vor Deutschenha\u00df triefenden Hetzorgien. (...) Was die B\u00dcRGERINITIATIVE AUSL\u00c4NDERSTOPP auf kommunaler Ebene in N\u00fcrnberg so erfolgreich vertritt, f\u00fcr das steht die NPD ... im ganzen deutschen Land. (...) Deshalb Deutsche: Wehrt Euch bei der Wahl! Macht den Wahltag zum Zahltag f\u00fcr die etablierten Volksverr\u00e4ter! Zeigt es ihnen, da\u00df wir Deutsche uns nicht l\u00e4nger auf der Nase herumtanzen lassen - nicht von Asylanten, nicht von Zentralratsjuden und nicht von den Politbanditen der Regimeparteien!\" Ein ebenfalls mit \"Wolfswind\" signierter Artikel \"BRENNPUNKT REICHSSTADT N\u00dcRNBERG: Es g\u00e4rt im deutschen Volke - Infostand der B\u00dcRGERINITIATIVE AUSL\u00c4NDERSTOPP auf dem Stresemannplatz\" erkl\u00e4rte: \" ... das Judenk\u00e4ppi, die Narrenkappe f\u00fcr umerziehungsl\u00fcgengl\u00e4ubige Trottel, ist in Deutschland eben keine Zukunftsgarantie. (...) Man hat die Durchrassung satt! Man l\u00e4\u00dft sich jetzt nicht mehr schafsgeduldig gem\u00e4\u00df j\u00fcdischen Holocaustrezepturen mulitkulturell ausrotten! Man durchschaut die V\u00f6lkermordabsicht, welche sich hinter jedem der zu diesem Zwecke nach Deutschland geschleusten massenhaften Neger und sonstigen fremdrassigen Exoten verbirgt!\" Das Bayerische Staatsministerium des Innern leitete Anfang September ein vereinsrechtliches Ermittlungsverfahren gegen die BIA mit dem Hinweis ein, dass die T\u00e4tigkeit der Gruppierung mit den Strafgesetzen, der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung und dem Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung unvereinbar sei. Mit der Durchf\u00fchrung der erforderlichen Ma\u00dfnahmen wurden die Regierung von Mittelfranken","Rechtsextremismus 61 und das Polizeipr\u00e4sidium N\u00fcrnberg beauftragt. Am 16. September durchsuchte die Polizei zum Zweck der Beschlagnahme von Beweismaterial die Wohnungen von acht Anh\u00e4ngern der BIA in N\u00fcrnberg und Umgebung. Dabei wurden mehrere PC-Anlagen, 170 Disketten und CD-Roms sowie umfangreiches Propagandamaterial sichergestellt und dem Bayerischen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz zur Auswertung \u00fcbermittelt. Das sichergestellte Material kann f\u00fcr die Pr\u00fcfung vereinsrechtlicher Fragen, aber auch f\u00fcr die Verfolgung von Straftaten durch die zust\u00e4ndige Staatsanwaltschaft verwendet werden. Mit Beschluss vom 29. September distanzierte sich die BIA von den Internet-Aktivit\u00e4ten des f\u00fcr ihre Homepage verantwortlichen Mitglieds. Die Beitr\u00e4ge wurden inzwischen gel\u00f6scht. 2.5 Deutschland-Bewegung/Friedenskomitee/ Deutsche Aufbau-Organisation (DAO) Deutschland Bayern Mitglieder: 150 80 Vorsitzender: Dr. Alfred Mechtersheimer Gr\u00fcndung: 1990 Sitz: Starnberg Publikationen: Pressespiegel mit \"Frieden 2000 - Nachrichten f\u00fcr die Deutschland-Bewegung\" Die 1990 gegr\u00fcndete Deutschland-Bewegung/Friedenskomitee (einschlie\u00dflich Deutsche Aufbau-Organisation) mit Sitz in Starnberg ist bundesweit organisiert und umfasst in Bayern etwa 80 Personen in lokalen Kleingruppen. Die Aktivit\u00e4ten beschr\u00e4nken sich auf Treffen einiger weniger Personen im Raum M\u00fcnchen-Augsburg sowie in Niederbayern. Der Vorsitzende der Deutschland-Bewegung/Friedenskomitee Dr. Alfred Mechtersheimer arbeitet mit bekannten rechtsextremistischen Funktion\u00e4ren bzw. Aktivisten verschiedenster Gruppen zusammen und versucht, seine Gruppierung zu einer Sammlungsbewegung auszubauen. Die politische Position der Gruppierung ergibt sich aus den regelm\u00e4\u00dfig erscheinenden Publikationen \"Pressespiegel\" und \"Frieden 2000\" sowie aus Flugbl\u00e4ttern, die unter anderem in Parolen wie \"R\u00fcckreise statt Einwanderung!\" oder \"Integration? Das falsche Rezept!\" rassistische Tendenzen aufweisen und einen \u00fcber-","62 Rechtsextremismus steigerten Nationalismus propagieren. Die Deutschland-Bewegung suggerierte mit der Forderung nach einer \"Familienzusammenf\u00fchrung aller rechtswidrig in Deutschland lebenden Ausl\u00e4nder in ihren Heimatl\u00e4ndern\" die L\u00f6sung aller gesellschaftlichen Probleme. Dies w\u00fcrde \"den importierten sozialen Sprengstoff entsch\u00e4rfen, die Identit\u00e4t des deutschen Volks vor kultureller Beliebigkeit sch\u00fctzen\". Mit dem Flugblatt \"Deutschland in Gefahr\" wurden demokratisch gew\u00e4hlte Repr\u00e4sentanten des Staates pauschal verunglimpft: \"Deutschlands Politik gef\u00e4hrdet unser Land und unsere Freiheit. Die Meinung des Volkes interessiert die Volksvertreter nicht mehr! (...) Die Parteien haben dieses Land zu einem Selbstbedienungsladen gemacht.\" Weiter forderte die Deutschland-Bewegung ein \"Deutschland ohne Zensur, entw\u00fcrdigende Meinungsverbote und erstickende Parteienwillk\u00fcr\". In der rechtsextremistischen Zeitschrift \"Nation & Europa\". Deutsche Monatshefte\" (Nummer 11-12/2002) erkl\u00e4rte Dr. Mechtersheimer zur Bundestagswahl 2002 unter der \u00dcberschrift \"Konsequenz des Wahldebakels: Neubeginn n\u00f6tig\": \"Grundlage aller \u00dcberlegungen mu\u00df die Erkenntnis sein, dass es den Altparteien mit Unterst\u00fctzung weitgehend gleichgeschalteter Medien gelungen ist, ein Klima zu schaffen, in der selbst zum Widerstand bereite B\u00fcrger domestiziert wurden. (...) Niemand wird behaupten, da\u00df im Volk der Wille nach einer alternativen politischen Kraft nicht vorhanden sei. Aber noch sind die Menschen narkotisiert. Erst wenn ihnen mit unerm\u00fcdlicher Aufkl\u00e4rung die Augen ge\u00f6ffnet werden, k\u00f6nnen sie sich aus der Gefangenschaft der Altparteien befreien.\" Die Deutsche Aufbau-Organisation (DAO) wurde im Fr\u00fchjahr 2000 auf Betreiben von Dr. Mechtersheimer als Teilorganisation der Deutschland-Bewegung gegr\u00fcndet, um die Voraussetzungen f\u00fcr eine Parteigr\u00fcndung im \"rechten\" Lager zu pr\u00fcfen. Am 26. Januar stellten die Verantwortlichen des Projekts auf einer Arbeitstagung der DAO in Fulda fest, dass eine Parteigr\u00fcndung derzeit ebenso wenig in Betracht komme wie eine Empfehlung f\u00fcr eine der bestehenden Parteien. Aus diesem Grund wurden die partei\u00e4hnlichen Strukturen der DAO wie der Sprecherkreis und die regionalen Gesch\u00e4ftsstellen aufgel\u00f6st und \"kontinuierlich\" in die Deutschland-Bewegung zur\u00fcckgef\u00fchrt.","Rechtsextremismus 63 2.6 Aktivitas der Burschenschaft Danubia (M\u00fcnchen) Die Aktivitas (Studenten) der Burschenschaft Danubia bot in der Vergangenheit Rechtsextremisten ein Forum f\u00fcr deren Vortr\u00e4ge und stellte auch ihre Internetseite f\u00fcr \"links\" zu rechtsextremistischen Homepages sowie die \"Danubenzeitung\" f\u00fcr rechtsextremistische \u00c4u\u00dferungen zur Verf\u00fcgung. Eine Bereitschaft zur Abkehr von den bisherigen rechtsextremistischen Bestrebungen ist nicht erkennbar. Vielmehr legt die Burschenschaft Wert darauf, sich der \u00d6ffentlichkeit als verfolgtes Opfer der \"Antifa\" darzustellen. So pr\u00e4sentierte die Burschenschaft in einer Pressekonferenz am 14. Mai das von ihrem Altherrenverband in Auftrag gegebene \"Kn\u00fctter-Gutachten\". Das von einem emeritierten Politologen verfasste Papier versucht den Vorwurf, die Aktivitas der Danubia verfolge extremistische Bestrebungen, dadurch zu widerlegen, dass es dem Verfassungsschutz und dem hinter ihm stehenden Staat generell diffamierende Absichten gegen\u00fcber allen Bestrebungen zuweist, die nicht dem Zeitgeist entsprechend antifaschistisch seien. Schon in der im Internet ver\u00f6ffentlichten, dem Gutachten vorgeschalteten Kurzfassung hei\u00dft es: \"Das politische Klima in Deutschland ist heute mehr denn je von Denunziation und Verhetzung gepr\u00e4gt. Die Etablierten finden ihr politisches Selbstverst\u00e4ndnis nicht, wie fr\u00fcher, durch Programme und Konzepte, sondern, indem sie einen Feind (Sekten, Kampfhunde, Extremisten) identifizieren. (...) Es ist wichtig, die Erkenntnis zu verbreiten, dass die 'Verfassungsschutzberichte' keine objektiven und glaubw\u00fcrdigen Darstellungen sind. Vielmehr handelt es sich um Propaganda\u00e4u\u00dferungen im Interesse der jeweiligen parteipolitischen Konstellation im Bund oder in den L\u00e4ndern.\" Im Gutachten selbst vertritt der Autor die Auffassung, dass nur aggressiv-k\u00e4mpferisches und gewaltbef\u00fcrwortendes Verhalten die Einstufung einer Vereinigung als extremistisch rechtfertige. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden h\u00e4tten dies aber ausgeweitet, um Organisationen schon im Vorfeld aggressiv-k\u00e4mpferischen Verhaltens beobachten zu k\u00f6nnen. Der Autor verkennt dabei die Rechtslage. Ferner behauptet er, Treibkraft der \"Angriffe\" auf die Danubia seien \"politische Interessen und antifaschistische Gesch\u00e4ftemacherei\". Daher empfiehlt er, nicht die \"Hetze\" zu widerlegen, sondern die \"Unnachgiebigkeit der Angegriffenen zu st\u00e4rken\" und sich stolz als \"unbelehrbar\" zu bekennen. Abschlie\u00dfend erkl\u00e4rt er, die Burschen-","64 Rechtsextremismus schaft k\u00f6nne \"aufrecht und ohne sich zu rechtfertigen den politischen Kampf ohne Richtungs\u00e4nderung fortsetzen\". 2.7 Sonstige Organisationen Die teils regional, teils bundesweit t\u00e4tigen sonstigen rechtsextremistischen Organisationen sind vielfach nur publizistisch aktiv. Etwaige Aktivit\u00e4ten beschr\u00e4nken sich im Allgemeinen auf interne Veranstaltungen, die kaum Au\u00dfenwirkung entfalten. Zu nennen sind hier insbesondere die Gruppierungen - Deutsche Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH) - Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik (GFP) - Freundeskreis Ulrich von Hutten - Deutsches Kolleg. Weitere rechtsextremistische Organisationen sind unter Nummer 8 dieses Abschnitts aufgef\u00fchrt. 2.8 Druckschriftenund Zeitungsverlag GmbH (DSZ-Verlag) Der 1958 gegr\u00fcndete, von Dr. Gerhard Frey geleitete DSZ-Verlag in M\u00fcnchen ist weiterhin das bedeutendste rechtsextremistische Propagandainstrument in Deutschland. Die w\u00f6chentliche Auflage der im Verlag erscheinenden \"National-Zeitung/Deutsche Wochen-Zeitung\" (NZ) betr\u00e4gt rund 44.000 Exemplare. Als publizistisches Sprachrohr der DVU vertritt die NZ deren nationalistische, rassistische und revisionistische Grundhaltung. Die Beitr\u00e4ge sind gepr\u00e4gt von Vereinfachung, Schematisierung und dem Aufbau von FreundFeind-Bildern. In einer festen Kolumne der NZ schreibt der Publizist und ehemalige REP-Vorsitzende Franz Sch\u00f6nhuber. \"Die T\u00fcrkei erf\u00fcllt mit einem minimalen Bruttosozialprodukt in keiner Weise die wirtschaftlichen EU-Kriterien und w\u00e4re massiv zu f\u00f6rdern, wobei nat\u00fcrlich auf Dukatenesel Deutschland eine Rolle als Zahlmeister zukommt.\" (NZ vom 19. April, Seite 3)","Rechtsextremismus 65 \"W\u00e4hrend bald \u00fcberall in Europa einheitlich gegen \u00dcberfremdung gewirkt wird, faseln unsere Polit-Bonzen von 'Green-Cards', EU-Osterweiterung und befassen sich mit Themen wie 'Familiennachzug' und 'besseren Integrationsm\u00f6glichkeiten'.\" (NZ vom 28. Juni, Seite 1) \"Unrealistisch ist es indessen, eine Verringerung des j\u00fcdischen Zustroms nach Deutschland gem\u00e4\u00df St.-Florians-Prinzip zu erwarten, indem man hofft, dass alle verf\u00fcgbaren j\u00fcdischen Emigranten in einem erweiterten Israel versammelt werden. Warum sollten sie auf das f\u00fcr sie in Deutschland eingerichtete Sozialparadies verzichten?\" (NZ vom 18. Januar, Seite 10) \"Es liegt auf der Hand, dass Scharon und seine Regierung nicht das geringste Interesse an einer gerechten politischen L\u00f6sung haben, vielmehr zielen sie auf die dauerhafte Unterdr\u00fcckung und Entrechtung der Pal\u00e4stinenser, die sie mit brutalsten Milit\u00e4raktionen durchsetzen wollen. Offenbar schwebt ihnen ein Gro\u00df-Israel vor. So erkl\u00e4rt sich auch, dass ohne R\u00fccksicht auf internationale Proteste die v\u00f6lkerrechtswidrige Besetzung pal\u00e4stinensischen Grund und Bodens weiter betrieben wird. Diese Politik zum Himmel schreienden Unrechts ist die eigentliche Ursache der immer wieder aufflammenden Gewalttaten und es ist bezeichnend, dass die US-amerikanische Regierung Scharon und seinen Einpeitschern stets mit Waffenlieferungen und finanziell den R\u00fccken st\u00e4rkt.\" (NZ vom 8. Februar, Seite 15) \"Allm\u00e4hlich soll offenbar von zeitgeistlichen Fanatikern die ganze Hauptstadt Berlin sowie am besten die gesamte Bundesrepublik zu einer einzigen Gedenkst\u00e4tte deutscher Schuld und S\u00fchne umgestaltet werden. Merkw\u00fcrdig ist nur, dass andere Staaten diesem 'guten' Beispiel nicht folgen.\" (NZ vom 1. November, Seite 13) Typisches Kennzeichen der NZ ist ihr st\u00e4ndig betonter Wahrheitsanspruch, mit dem sie alle anderen Meinungen indirekt der Unwahrheit bezichtigt: \"Kaufen auch Sie eine oder mehrere weitere Ausgaben dieser Zeitung und kl\u00e4ren Sie damit ahnungslose Mitb\u00fcrger \u00fcber die wahren Hintergr\u00fcnde des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und historischen Geschehens auf. Bitte vers\u00e4umen Sie keine Zeit und wirken Sie jetzt mit, den Deutschen die Wahrheit zu vermitteln.\" (NZ vom 14. Juni, Seite 7)","66 Rechtsextremismus 2.9 Nation Europa Verlag GmbH Der Nation Europa Verlag in Coburg wurde 1953 gegr\u00fcndet. Ein Jahr sp\u00e4ter konstituierte sich der mit den politischen Interessen des Verlags eng verbundene Verein Nation-Europa-Freunde e.V., dem derzeit etwa 200 Mitglieder angeh\u00f6ren. Herausgeber der im Verlag erscheinenden Monatsschrift \"Nation & Europa - Deutsche Monatshefte\" sind die Rechtsextremisten Peter Dehoust und Harald Neubauer. Mit einer Auflage von 14.500 Exemplaren geh\u00f6rt die Zeitschrift zu den wichtigsten rechtsextremistischen Theorieorganen. Sie bietet insbesondere Rechtsextremisten eine publizistische Plattform. \"Nation & Europa\" verbreitet sowohl revisionistische als auch latent rassistische Thesen. In einem Beitrag mit der \u00dcberschrift \"Desinformation zur Zuwanderung: T\u00e4uschen und tarnen\" hie\u00df es: \"Dabei wird immer wieder sp\u00fcrbar, da\u00df diese Politik nicht auf sozialer Verantwortung gegen\u00fcber den Ausl\u00e4ndern beruht, sondern ultralinken Ideologen dazu dient, das deutsche Volk durch Installation einer 'multikulturellen Gesellschaft' zu verdr\u00e4ngen. Die von den Alliierten nach 1945 betriebene Umerziehung hat sich l\u00e4ngst verselbst\u00e4ndigt und gebiert Formen des nationalen Selbsthasses, die mit gesundem Menschenverstand kaum mehr zu erkl\u00e4ren sind.\" Als Strategieorgan tritt die Schrift seit Jahren ohne Erfolg daf\u00fcr ein, die Zersplitterung des rechtsextremistischen Lagers durch die Orientierung an ausl\u00e4ndischen Sammlungsparteien wie dem Vlaams Blok (VB) in Belgien zu \u00fcberwinden. Der Herausgeber Harald Neubauer erkl\u00e4rte in einem Kommentar \"Wie bei der Mafia\": \"Auf einen Skandal folgt der n\u00e4chste. Deutschland rutscht auf der internationalen Korruptionsskala immer tiefer, liegt jetzt schon hinter s\u00fcdamerikanischen Bananenrepubliken. (...) Der Fisch stinkt also vom Kopfe her und das schon sehr lange. Hier liegt auch einer der Gr\u00fcnde, weshalb sich Vergangenheitsbew\u00e4ltigung in der Bundesrepublik auf das Dritte Reich fokussiert. (...) Ist es da nicht irgendwie kurios, da\u00df der sogenannte Verfassungsschutz sein Augenmerk ausgerechnet auf Parteien und Gruppierungen beschr\u00e4nkt, die an jenem mafiosen System mit Sicherheit nicht beteiligt sind?\"","Rechtsextremismus 67 3. Organisationsunabh\u00e4ngiger Neonazismus 3.1 Allgemeines Der Neonazismus umfasst alle Aktivit\u00e4ten und Bestrebungen, die ein offenes Bekenntnis zur Ideologie des Nationalsozialismus darstellen und auf die Errichtung eines vom F\u00fchrerprinzip bestimmten autorit\u00e4ren bzw. totalit\u00e4ren Staates gerichtet sind. Schwerpunktthemen waren wie im Vorjahr die angebliche staatliche Verfolgung des \"nationalen Lagers\", die Ausl\u00e4nderund Asylpolitik der Bundesregierung sowie rassistische und antisemitische Agitation. Die Gewinner der seit den Verboten neonazistischer Organisationen zwischen den Jahren 1992 und 1995 einsetzenden Ideologieund Strategiedebatte des \"nationalen Lagers\" sind die NPD und die JN bzw. deren aus dem neonazistischen Spektrum stammende F\u00fchrungskader. Insbesondere dem ehemaligen JN-Vorsitzenden Sascha Ro\u00dfm\u00fcller ist es in den letzten Jahren gelungen, die aus j\u00fcngeren Neonazis und Skinheads bestehende Klientel an die NPD heranzuf\u00fchren. Seine neonazistischen und nationalrevolution\u00e4ren Gedankenelemente sind inzwischen integraler Bestandteil des ideologischen Spektrums der NPD geworden und haben deren Erscheinungsbild nachhaltig ver\u00e4ndert. Das Verh\u00e4ltnis zwischen der NPD, Neonazis und Skinheads ist als Zweckb\u00fcndnis zu charakterisieren. Insbesondere bei Demonstrationen kann sich die NPD die Aktionsst\u00e4rke der Neonazis und Skinheads zunutze machen. Andererseits verbuchen es neonazistische Initiativen als ihren Erfolg, die NPD und deren Umfeld als Anmelder und Teilnehmer von Demonstrationen zu instrumentalisieren. Da im Auftreten und \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild kaum noch Unterschiede bestehen, profitieren beide Lager wechselseitig voneinander. Die Verzahnung des rechtsextremistischen Spektrums kommt in verschiedenen Regionen im Schulterschluss zwischen der NPD, neonazistischen Kameradschaften und politisch agierenden rechtsextremistischen Skinhead-Szenen zum Ausdruck. Grund f\u00fcr diese Entwicklung ist nach Ansicht der Initiatoren der ungeheure staatliche Druck auf alle \"Nationalen\", dem man nur mit Geschlossenheit begegnen k\u00f6nne, um weitere Verbote von Parteien und Organisationen zu verhindern. Trotz vieler Gemeinsamkeiten gibt es aber mitunter auch Spannungen zwischen den einzelnen Lagern. So hielt sich die NPD von der Demonstration der Freien Nationalisten unter dem Motto \"Gegendarstellung zur Wehrmachtsausstellung\" am 12. Oktober in M\u00fcn-","68 Rechtsextremismus chen fern, was auf Differenzen zwischen der NPD und dem in Unfrieden von der Partei geschiedenen ehemaligen NPD-Funktion\u00e4r Steffen Hupka zur\u00fcckzuf\u00fchren ist und sich auch in einer geringeren Teilnehmerzahl widerspiegelte. Hupka warf der NPD in diesem Zusammenhang vor, sie versuche, den Nationalen Widerstand zu spalten. F\u00fchrende Neonazis, wie etwa Christian Worch und Thomas Wulff aus Norddeutschland, konnten ihr Konzept der Vernetzung autonomer nationaler Gruppen bisher nicht entscheidend voranbringen. Das dem neonazistischen Lager zuzurechnende Potenzial umfasst in Bayern wie bisher rund 250 Personen; davon sind etwa 70 in neonazistischen Organisationen aktiv. Daneben sind wie im Vorjahr rund 900 rechtsextremistisch orientierte Skinheads bekannt. Insgesamt betr\u00e4gt das gewaltbejahende rechtsextremistische Potenzial in Bayern weiterhin rund 1.150 Personen. Ferner bestehen in verschiedenen Regionen Bayerns strukturlose Gruppen mit rechtsextremistischen Verhaltensweisen, die sich aus Skinheads und Neonazis, aber auch aus sonstigen \"rechtsorientierten\" Jugendlichen zusammensetzen. Hierbei handelt es sich um jugendliche Mischszenen, die sich von rechtsextremistischen Parolen leicht beeinflussen und mobilisieren lassen. Die Anzahl und Auflagenst\u00e4rke neonazistischer Publikationen war weiter r\u00fcckl\u00e4ufig, was in erster Linie auf eine verst\u00e4rkte Nutzung des Internets zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. 3.2 Neonazi-Kameradschaften Nach dem Verbot zahlreicher rechtsextremistischer Organisationen seit 1992 entwickelten f\u00fchrende Neonazis das Konzept strukturloser Zusammenschl\u00fcsse. Dadurch sollten staatliche Gegenma\u00dfnahmen erschwert werden. Bei diesen Kameradschaften gibt es weder eine formelle Mitgliedschaft, noch Vorstandspositionen. Anf\u00fchrer ist meist ein engagierter Rechtsextremist, der es versteht, seinen Gefolgsleuten die den ideologischen Zusammenhalt st\u00e4rkenden \"Feindbilder\" zu vermitteln. In Bayern sind folgende neonazistische Kameradschaften erw\u00e4hnenswert: 3.2.1 Freizeitverein Isar 96 e.V. (FZV) Der 1996 gegr\u00fcndete FZV z\u00e4hlt wie im Vorjahr rund 15 Mitglieder, die sich unter dem Einfluss des ehemaligen \"Bereichsleiters S\u00fcd\" der","Rechtsextremismus 69 \"Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front\" (GdNF) in der Tradition des verstorbenen Neonazis Michael K\u00fchnen sehen. Der FZV hat sich als einzige in Bayern bekannte Neonazi-Kameradschaft als eingetragener Verein eine formelle Struktur gegeben. Seine Bedeutung geht mehr und mehr zur\u00fcck, da sich der Verein als Teil der Kameradschaft S\u00fcd um den Neonazi Norman Bordin sieht. 3.2.2 Kameradschaft S\u00fcd - Aktionsb\u00fcro S\u00fcddeutschland (AS) Die Anfang des Jahres von dem Neonazi Norman Bordin initiierte \"Kameradschaft S\u00fcd - Aktionsb\u00fcro S\u00fcddeutschland\" nimmt eine wichtige Position im Nationalen Widerstand ein. Sie setzt sich sowohl aus Neonazis als auch aus Skinheads zusammen und z\u00e4hlt rund 25 Mitglieder. Nachdem Bordin mit seinem Ende Mai 2000 gegr\u00fcndeten Aktionsb\u00fcro Nationaler Widerstand/Freilassing gescheitert ist, beansprucht er nunmehr eine Vorreiterrolle f\u00fcr neonazistische Bestrebungen in Oberbayern. Die Kameradschaft S\u00fcd dient ihm dabei als Dachorganisation. Bordin war am Skinhead-\u00dcberfall vor der Gastst\u00e4tte Burg Trausnitz am 13. Januar 2001 in M\u00fcnchen beteiligt. Das Landgericht M\u00fcnchen I verh\u00e4ngte gegen ihn am 1. M\u00e4rz wegen versuchter gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten. Er wurde bei der Urteilsverk\u00fcndung noch im Gerichtssaal festgenommen. Der Rechtsextremist Martin Wiese \u00fcbernahm stellvertretend eine F\u00fchrungsrolle bei der Kameradschaft S\u00fcd. Die Kameradschaft S\u00fcd beteiligte sich an mehreren Aktionen gegen die Ausstellung \"Verbrechen der Wehrmacht, Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 - 1944\", die vom 8. Oktober bis 24. November im M\u00fcnchner Stadtmuseum gezeigt wurde. So erschien sie sowohl zur Demonstration am 12. Oktober in M\u00fcnchen, wo etwa 1.000 Rechtsextremisten gegen die Ausstellung protestierten, als auch zu regelm\u00e4\u00dfigen Kundgebungen an den darauf folgenden Wochenenden und zu einer Demonstration am 30. November, an der lediglich noch etwa 100 Demonstranten aus dem rechtsextremistischen Spektrum teilnahmen. 3.2.3 Neonazi-Kreis um Sven Schlechta (Kameradschaft Schwabach) Bei dem Neonazi-Kreis handelt es sich um eine unorganisierte Gruppe von etwa f\u00fcnf Personen. Der F\u00fchrer der Kameradschaft Schwa-","70 Rechtsextremismus bach Sven Schlechta sieht sich in der Tradition des verstorbenen Rechtssextremisten Michael K\u00fchnen und pflegt in diesem Rahmen regionale und \u00fcberregionale Kontakte zu f\u00fchrenden Neonazis. Die Kameradschaft organisiert Veranstaltungen wie \"Aktionstage f\u00fcr Gottfried K\u00fcssel\" und Feiern anl\u00e4sslich des Geburtstags von Adolf Hitler. 3.2.4 Bund Frankenland - Staatsb\u00fcrgerliche Runde Der am 21. Dezember 1991 als Partei gegr\u00fcndete Bund Frankenland (BF) wurde am 29. Januar 1992 als eingetragener Verein registriert. Vorstandsmitglieder waren zu diesem Zeitpunkt die bekannten Rechtsextremisten J\u00fcrgen Schwab und Uwe Meenen. Ziel des BF war die Beseitigung des Grundgesetzes und der parlamentarischen Demokratie sowie die Schaffung eines \"Vierten Deutschen Reichs\" nationalistisch-rassistischer Pr\u00e4gung. Im September 2001 entschlossen sich der nationale Arbeitskreis \"Kameradschaft Heinrich II.\" des Bundes Frankenland und die seit 1999 bestehende \u00fcberparteiliche \"Staatsb\u00fcrgerliche Runde\" um den Rechtsextremisten J\u00fcrgen Schwab, ihre Kr\u00e4fte zu b\u00fcndeln. Der von ihnen gebildete Gespr\u00e4chszirkel umfasst rund 15 Personen und f\u00fchrt die Bezeichnung \"Bund Frankenland - Staatsb\u00fcrgerliche Runde\". Zur F\u00f6rderung der politischen Arbeit in der fr\u00e4nkischen Region finden gemeinsame Veranstaltungen wechselweise in N\u00fcrnberg und Bamberg statt, an denen sich jeweils zwischen 15 und 20 Personen beteiligen. Mitbestimmend f\u00fcr den Zusammenschluss war wohl das nachlassende Interesse an der \"Staatsb\u00fcrgerlichen Runde\", deren Veranstaltungen zuletzt mit etwa zehn Teilnehmern nur schwach besucht waren. 3.2.5 Kameradschaft Lichtenfels Die 1998 von dem NPD-Funktion\u00e4r Winfried Breu gegr\u00fcndete und geleitete Kameradschaft Lichtenfels z\u00e4hlt rund 15 Mitglieder, \u00fcberwiegend Skinheads. Breu erkl\u00e4rte, dass die Kameradschaft ihre k\u00fcnftigen Aktionen selbst verantworten werde. So werden die regelm\u00e4\u00dfigen Sonntagsstammtische ausdr\u00fccklich als Kameradschaftstreffen und nicht als NPD-Stammtische bezeichnet. Damit bezweckt die Kameradschaft Lichtenfels als eigenst\u00e4ndige Organisation eine deutliche Abgrenzung von der NPD.","Rechtsextremismus 71 3.3 Informationelle Vernetzung Seit mehreren Jahren nutzen Rechtsextremisten auch moderne Kommunikationstechniken, insbesondere um die nach den Verboten neonazistischer Organisationen weggefallenen Kontaktm\u00f6glichkeiten zu ersetzen. Der Zugriff auf das Internet - einen weltweiten, rechtlich und tats\u00e4chlich schwer fassbaren Raum - bietet Rechtsextremisten eine willkommene Plattform zur Verbreitung verfassungsfeindlicher Ziele. Zunehmend setzen Rechtsextremisten im Rahmen ihrer Internet-Aktivit\u00e4ten technische Sicherheitsprogramme ein, die Schutz vor unerw\u00fcnschter Einsichtnahme Dritter in ihren Datenbestand und -verkehr gew\u00e4hrleisten sollen. So bieten die Betreiber der Internet-Domain \"Skinheadmeeting Notnagel\" die Software \"Steganos Security Suite\" zum Download an. Mit diesem benutzerfreundlichen Programm kann der Anwender beliebige Dateien und Verzeichnisse mittels Steganografie verschl\u00fcsseln, aber auch seinen E-Mail-Verkehr sch\u00fctzen und mit Hilfe eines \"Internet-Spurenvernichters\" s\u00e4mtliche F\u00e4hrten, die durch Internet-Aktivit\u00e4ten entstanden sind, l\u00f6schen. Insbesondere die Einschaltung ausl\u00e4ndischer Provider vermindert das Risiko der Strafverfolgung. Die Zahl der von Deutschen betriebenen Homepages mit rechtsextremistischen Inhalten ist im Fr\u00fchjahr von urspr\u00fcnglich 1.300 auf etwa 920 zur\u00fcckgegangen, seitdem aber wieder auf rund 1.000 angestiegen. Grund dieser Entwicklung d\u00fcrfte vor allem ein erfolgreiches Ausweichen der Homepage-Betreiber auf solche Speicherplatzanbieter sein, die sich Appellen staatlicher und privater Einrichtungen sowie einer Selbstkontrolle verschlie\u00dfen. Darunter befinden sich auch etliche Provider, die der rechtsextremistischen Szene angeh\u00f6ren. Deutsche Rechtsextremisten werben f\u00fcr ihre verfassungsfeindlichen Ziele mit immer anspruchsvollerer Technik. So binden sie aufwendige Grafiken ein und bieten sogar indizierte Skinhead-Musik \u00fcber Tondateien an, die auf dem heimischen PC gespeichert und vervielf\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen. Die attraktiven Gestaltungsm\u00f6glichkeiten des \"world wide web\" (www) mit Farbgrafiken, Audiound Videosequenzen machen dieses kosteng\u00fcnstige Medium f\u00fcr rechtsextremistische Organisationen zu einem wichtigen Werbeund Propagandatr\u00e4ger, mit dem sich ungefiltert neue Interessentenkreise, vor allem Jugendliche, ansprechen lassen. Dem Internet kommt daher bei der Verbreitung rechtsextremistischen Gedankenguts sowie bei der Koordinierung von Aktivit\u00e4ten der rechtsextremistischen Szene eine weiterhin steigende Bedeutung zu.","72 Rechtsextremismus Die zunehmende Anonymisierung der Homepage-Benutzer und die Nutzung ausl\u00e4ndischer Provider (z.B. in den USA) erschweren die T\u00e4tigkeit der Sicherheitsbeh\u00f6rden. Rechtsextremisten, die ihre politischen Inhalte \u00fcber Dienste in Deutschland anbieten, halten sich im Allgemeinen an die deutschen Gesetze. Bei Nutzung ausl\u00e4ndischer Anbieter, beispielsweise in \u00dcbersee, geben sie ihre Zur\u00fcckhaltung auf. So werden rassistische, revisionistische und volksverhetzende Aufrufe verbreitet, etwa aus den USA durch den deutschen Revisionisten Ernst Z\u00fcndel, dessen Propaganda auch mit Tonund Videosequenzen abrufbar ist. Zum rechtsextremistischen Internet-Spektrum z\u00e4hlen ferner detaillierte Anleitungen zur Herstellung von Sprengund Brands\u00e4tzen sowie sonstiger Sabotagemittel, aber auch gezielte Aufforderungen zur Gewaltanwendung gegen politische Gegner bis hin zu Mordaufrufen. Allerdings sind selbst anonyme Homepage-Benutzer identifizierbar, wenn auch mit gro\u00dfem Aufwand. Strafbare Inhalte f\u00fchrten daher wiederholt zu Strafverfahren. Der informationellen Vernetzung von Rechtsextremisten dienen auch die Nationalen Info-Telefone (NIT), die mittels Anrufbeantworter Meldungen verbreiten und die M\u00f6glichkeit bieten, Nachrichten zu hinterlassen. Diese Art des Informationsaustauschs verliert aber an Bedeutung. Die Betreiber mobilisieren damit die rechtsextremistische Szene insbesondere zu bestimmten Anl\u00e4ssen und Gro\u00dfveranstaltungen. Daneben fungieren die NIT auch als eine Art Binde-Element und Motivationsinstrument innerhalb der rechtsextremistischen Szene. Bis Oktober existierte in Bayern noch das Info-Telefon \"B\u00fcndnis Rechts\" des Dennis Oliver Entenmann aus Iphofen, Landkreis Kitzingen, dessen Aussagen teilweise mit den Texten des von Dieter Kern in L\u00fcbeck betriebenen Info-Telefons \"B\u00fcndnis Rechts\" identisch waren. Nach internen Differenzen k\u00fcndigte Entenmann im Oktober seinen R\u00fccktritt an. Das Anfang 2002 eingerichtete Nationale Info-Telefon S\u00fcddeutschland des Neonazi Norman Bordin wird von dessen Ehefrau betrieben. Die Meldungen enthalten vor allem Hinweise auf regionale und \u00fcberregionale Veranstaltungen. Mobiltelefone (Handys) werden insbesondere zur Steuerung von Anreisenden zu konspirativen Treffen oder nicht angemeldeten Versammlungen genutzt. Das Short-Message-System (SMS) der Handy-Betreiber dient daneben vielfach der Verbreitung von volksverhetzenden und antisemitischen Texten.","Rechtsextremismus 73 3.4 Aktivit\u00e4ten zum 15. Todestag von Rudolf He\u00df Am 17. August veranstalteten etwa 2.500 Personen aus dem NPDund Neonazi-Spektrum in Wunsiedel einen Aufzug zum Gedenken an Hitlers ehemaligen Stellvertreter Rudolf He\u00df. An der Demonstration beteiligten sich auch Rechtsextremisten aus Schweden, D\u00e4nemark, Finnland, Frankreich, Holland, Italien, \u00d6sterreich und der Schweiz. Die rechtsextremistische Szene hatte seit einigen Wochen bundesweit \u00fcber das Internet sowie mit He\u00df-Aufklebern, Plakaten und Transparenten f\u00fcr die zentrale Kundgebung mobilisiert. Anmelder und Leiter der Versammlung war der Hamburger Rechtsanwalt und Neonazi J\u00fcrgen Rieger. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein etwa eineinhalbst\u00fcndiger \"Trauermarsch\" durch Wunsiedel. Bei der Auftaktkundgebung trat der rechtsextremistische Liedermacher Michael M\u00fcller auf. Es folgten Gru\u00dfbeitr\u00e4ge der angereisten ausl\u00e4ndischen Gruppen. Als Redner traten neben J\u00fcrgen Rieger der Neonazi Thomas Wulff und der stellvertretende NPD-Bundesvorsitzende Holger Apfel auf. Die Polizei nahm am Rande der Veranstaltung 25 Neonazis wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Mitf\u00fchrens gef\u00e4hrlicher Gegenst\u00e4nde vorl\u00e4ufig fest. An Protestaktionen gegen den Aufmarsch in Wunsiedel beteiligten sich auch etwa 250 Linksextremisten. Das Landratsamt Wunsiedel hatte die Versammlung zun\u00e4chst verboten. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof stellte am 16. August wie schon im Vorjahr die aufschiebende Wirkung des von Rieger erhobenen Widerspruchs wieder her. Bereits wenige Stunden nach der Entscheidung verbreiteten Rechtsextremisten die Zul\u00e4ssigkeit der Veranstaltung im Internet und riefen \u00fcber Nationale Info-Telefone zur Teilnahme auf. Die rechtsextremistische Szene wertete die Veranstaltung in Wunsiedel als Erfolg. Im Vergleich zum Vorjahr (\u00fcber 800 Teilnehmer) hat sich die Zahl der Demonstranten nahezu verdreifacht. Das Interesse ausl\u00e4ndischer Teilnehmer zeigt, dass Wunsiedel zu einem j\u00e4hrlichen Treffpunkt europ\u00e4ischer Rechtsextremisten werden k\u00f6nnte. In einem Kommentar des Nationalen Info-Telefons S\u00fcddeutschland am 18. August hie\u00df es: \"Trotz Schikane und Verz\u00f6gerungen gelang der gro\u00dfe Gedenkmarsch f\u00fcr Rudolf He\u00df. Die Teilnehmerzahl in Wunsiedel hat die Erwartungen \u00fcber-","74 Rechtsextremismus troffen. Es marschierten 2.600 nationale Menschen ... auch durch die ehemalige Adolf-Hitler-Stra\u00dfe, um dem Friedensflieger Rudolf He\u00df im 15. Jahr nach seiner Ermordung in der Stadt seiner letzten Ruhe die Ehre zu erweisen. (...), begleitet durch leise klassische Musik von Beethoven, der Lieblingsmusik von He\u00df.\" 4. Skinheads 4.1 \u00dcberblick Die Skinhead-Bewegung entstand in Gro\u00dfbritannien und trat erstmals Ende der 70er Jahre auch im Bundesgebiet in Erscheinung. Sie war urspr\u00fcnglich eine jugendliche Subkultur, die durch ihr Auftreten eine extreme Ablehnung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft signalisierte. \u00c4u\u00dferlichkeiten wie Kleidung oder Haarschnitt lassen heute keine eindeutigen Schl\u00fcsse auf eine Zuordnung zur Skinhead-Szene mehr zu, da mittlerweile auch viele unpolitische Jugendliche ein entsprechendes Aussehen zeigen. Die Beachtung, die Skinheads in der \u00d6ffentlichkeit und in den Medien zuteil wird, ist auf ihre brutalen und menschenverachtenden Gewalttaten gegen Ausl\u00e4nder und Asylbewerber zur\u00fcckzuf\u00fchren. 4.2 Politische Ausrichtung Die politischen Ansichten dieser Subkultur reichen von den so genannten Redskins (linksextremistisch beeinflusste Skinheads) \u00fcber die so genannten SHARPs (Skinheads against racial prejudice - Skinhead gegen rassistische Vorurteile) und die Oi-Skins (\"unpolitische Skinheads\") bis hin zur Mehrheit der rechtsextremistischen Skinheads einschlie\u00dflich der so genannten White-Power-Skinheads. Die entsprechende politische \u00dcberzeugung bildet sich je nach Einzelfall nicht selten erst nach Beitritt in die Szene st\u00e4rker aus. Skinheads sind deshalb zun\u00e4chst zu einer rational bestimmten politischen Meinungsbildung kaum f\u00e4hig und an einer fundierten politischen Auseinandersetzung nicht interessiert. In ihren Kreisen hat sich eine vom organisierten Rechtsextremismus unabh\u00e4ngige diffuse rechtsextremistische Weltanschauung herausgebildet. Sie ist von rassistisch motivierter Fremdenfeindlichkeit sowie \u00fcbersteigertem Nationalbewusstsein gepr\u00e4gt und kn\u00fcpft insofern an wesentliche Elemente des Nationalsozialismus an. Diese Einstellung spiegelt sich in meist","Rechtsextremismus 75 Rechtsextremistische Skinhead-Szenen Raum in Bayern 2002 Raum Coburg Coburg Aschafffenburg Raum ca. 30 Bayreuth/Hof ca. 50 Aschaffenburg ca. 30 Raum Bayreuth W\u00fcrzburg Bamberg ca. 20 Raum W\u00fcrzburg Raum Erlangen Raum ca. 60 Amberg/Weiden ca. 40 N\u00fcrnberg ca. 40 Gro\u00dfraum N\u00fcrnberg Raum ca. 65 Cham/Roding ca. 20 Regensburg Raum Angeh\u00f6rige der Ingolstadt Raum Skinhead-Szenen Regensburg ca. 30 ca. 20 Ingolstadt Raum Neu-Ulm/ Passau Dillingen Raum Augsburg/ Friedberg/Aichach Raum Landshut Raum Passau/ ca. 40 ca. 10 Landshut Deggendorf/ Neu-Ulm Straubing Augsburg ca. 10 Raum Krumbach/ ca. 45 Babenhausen Raum Alt\u00f6tting/ Raum Landsberg/ T\u00fc\u00dfling F\u00fcrstenfeldbruck M\u00fcnchen ca. 45 ca. 15 ca. 20 Gro\u00dfraum M\u00fcnchen Gro\u00dfraum ca. 180 Rosenheim Oberallg\u00e4u/ Unterallg\u00e4u Raum Rosenheim ca. 50 Raum Weilheim/ ca. 20 Garmisch-Partenkirchen ca. 60 spontanen Gewalttaten wider. Opfer sind nach wie vor Ausl\u00e4nder, aber auch Personen aus sozialen Randgruppen sowie \"Linke\", also alle zu ihren \"Feindbildern\" z\u00e4hlenden Menschen. Skinheads dienen rechtsextremistischen Organisationen vor allem als Mobilisierungspotenzial f\u00fcr \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktionen. So werden Aktionen der NPD und JN von Skinheads massiv unterst\u00fctzt; fr\u00fchere Vorbehalte der Skinheads gegen\u00fcber diesen Organisationen","76 Rechtsextremismus haben stark abgenommen. Ein Gro\u00dfteil der Besucher von NPD-Gro\u00dfkundgebungen geh\u00f6rt der Skinhead-Szene an. Enge Kontakte bestehen wie im Vorjahr insbesondere in N\u00fcrnberg/Erlangen, in Cham/Roding sowie in Straubing zwischen den dortigen Skinhead-Szenen und den JN bzw. der NPD. Versuche von Neonazis, Skinheads f\u00fcr eine l\u00e4ngerfristige ernsthafte politische T\u00e4tigkeit zu gewinnen, waren bislang wenig erfolgreich, da Skinheads einer intensiven ideologischen Schulung kaum zug\u00e4nglich sind. 4.3 Strukturen Die Skinhead-Szene unterliegt einer starken Fluktuation und kennt in der Regel weder feste Organisationsstrukturen noch formelle Mitgliedschaften. Die Bindungen zur Gruppe reichen von losen gelegentlichen Kontakten \u00fcber regelm\u00e4\u00dfige Beteiligung an Aktionen bis zur vollen sozialen Integration oder der Wahrnehmung von F\u00fchrungsfunktionen. Diese informellen F\u00fchrer wandern sp\u00e4ter zum Teil in andere rechtsextremistische Gruppierungen ab. In Bayern sind, wie im Vorjahr, rund 900 Skinheads mit rechtsextremistischem Hintergrund bekannt. Neue Szenen, in denen rechtsextremistisches Gedankengut artikuliert wird, wurden in Krumbach und Alt\u00f6tting/T\u00fc\u00dfling bekannt. Der Schwerpunkt der Gewalttaten lag erneut in den Gro\u00dfr\u00e4umen M\u00fcnchen und N\u00fcrnberg. Ehemals gefestigte regionale Szenen l\u00f6sten sich auf, andere entstanden neu. Dies gilt insbesondere f\u00fcr den schw\u00e4bischen Raum mit der neu gegr\u00fcndeten Gruppierung \"White Power Schwaben\". Die Skinheads sind kommunikativ sehr mobil und in der Lage, in k\u00fcrzester Zeit gemeinsam Aktionen bzw. Veranstaltungen durchzuf\u00fchren. Bei \u00e4u\u00dferst konspirativer Vorbereitung von Gro\u00dfveranstaltungen werden Hunderte von Skinheads in eine vorher bestimmte Region dirigiert. Erst unmittelbar vor Veranstaltungsbeginn wird die konkrete \u00d6rtlichkeit, zum Teil \u00fcber Mobiltelefone, bekannt gegeben. Damit erreichen die Skinheads, dass auch die Sicherheitsbeh\u00f6rden erst relativ sp\u00e4t den tats\u00e4chlichen Veranstaltungsort erfahren und geeignete Gegenma\u00dfnahmen treffen k\u00f6nnen. Schwerpunkte im Skinhead-Spektrum in Bayern sind nach wie vor die Gro\u00dfr\u00e4ume M\u00fcnchen und N\u00fcrnberg. Im Gro\u00dfraum N\u00fcrnberg ist die politisch aktivste Skinhead-Gruppierung die \"Fr\u00e4nkische Aktionsfront\" (F.A.F.). Dahinter verbergen sich f\u00fchrende Skinheads aus der","Rechtsextremismus 77 N\u00fcrnberger Szene, die enge Kontakte zum Redaktionskollektiv des Fanzines \"Landser\" und zum dortigen NPD-Kreisverband, insbesondere zum Landesvorsitzenden Ralf Ollert, pflegen. Nach dem \"Konzeptpapier der F.A.F.\" handelt es sich bei der Gruppierung um ein politisches regionales Forum f\u00fcr alle M\u00e4nner und Frauen, ungeachtet ihrer eigenen oft unterschiedlichen Weltanschauungen, die sich im Nationalen Widerstand in Deutschland organisieren und im Gro\u00dfraum Franken aktiv sind. Einige Aktivisten und Sympathisanten der F.A.F. fielen im Januar in einer Gastst\u00e4tte in N\u00fcrnberg mit Parolen wie \"Sieg Heil\" auf. Gegen\u00fcber den einschreitenden Polizeibeamten verhielten sie sich besonders aggressiv, so dass die Situation nur mit einem gr\u00f6\u00dferen Polizeiaufgebot bew\u00e4ltigt werden konnte. Am 22. Mai wurden in Forchheim Aufkleber mit der Aufschrift \"Den Zionismus gemeinsam bek\u00e4mpfen!\", \"Sag nein zum System\" und \"Nationaler Widerstand ist machbar\" festgestellt. Die Aufkleber waren unterzeichnet mit \"Fr\u00e4nkische Aktionsfront, Kontakt: IG 'WIR'\". Die F.A.F. beteiligte sich sowohl am 17. August an der Gedenkfeier zum 15. Todestag von Rudolf He\u00df als auch im Herbst 2002 an den Demonstrationen gegen die \"Wehrmachtsausstellung\" in M\u00fcnchen. Dabei wurden enge Kontakte der F.A.F. zur Kameradschaft S\u00fcd, einer von f\u00fchrenden Neonazis und Skinheads gepr\u00e4gten Organisation im Gro\u00dfraum M\u00fcnchen, festgestellt. 4.4 Anziehungskraft f\u00fcr Jugendliche Die Anziehungskraft dieser Szene insbesondere auf m\u00e4nnliche Jugendliche h\u00e4lt an. Die Beweggr\u00fcnde, die junge Menschen in diese Subkultur treiben, sind vielf\u00e4ltig: jugendliche Protesthaltung, Provokation und Tabubruch, die gesamtgesellschaftliche Entwicklung mit den h\u00e4ufigen Folgen einer Entwurzelung und zunehmenden Entfremdung vom Elternhaus, Perspektivlosigkeit in Verbindung mit wirtschaftlichen Problemen und tats\u00e4chlichem oder bef\u00fcrchtetem sozialem Abstieg. Hinzu kommt das durch die Szene vermittelte Gemeinschaftserlebnis und das daraus folgende Gef\u00fchl eigener St\u00e4rke und Anerkennung in einer sozialen Gruppe. Den Jugendlichen werden","78 Rechtsextremismus einfache Erkl\u00e4rungen und einfache L\u00f6sungen f\u00fcr komplexe Probleme angeboten. Skinheads entstammen zu einem erheblichen Teil, aber nicht ausschlie\u00dflich, den unteren sozialen Schichten. Die meisten Skinheads finden sich in der Altersgruppe von 16 bis 24 Jahren. \u00c4ltere Szeneangeh\u00f6rige sind die Ausnahme. Der Anteil der unter 16 Jahre alten Skinheads w\u00e4chst st\u00e4ndig; die so genannten \"Jungglatzen\" sind erst 12 bis 13 Jahre alt. Auch M\u00e4dchen, die Reenes, geh\u00f6ren dieser Subkultur an, sind jedoch zahlenm\u00e4\u00dfig in der Minderheit. Ihr Anteil betr\u00e4gt je nach Szene bis zu 20%. Die rechtsextremistische Skinhead-Szene erf\u00e4hrt zudem seit Jahren verst\u00e4rkt Zulauf durch Jugendliche, die sich f\u00fcr Skinhead-Musik als Stilrichtung der Rockmusik interessieren. Dieser Bereich ist somit auch f\u00fcr unpolitische Jugendliche attraktiv. Daneben finden manche Jugendliche Gefallen an dem in dieser Szene \u00fcblichen exzessiven Lebensgenuss einschlie\u00dflich des enormen Alkoholkonsums unter dem Motto \"Fun & Froide\". Die Grenzen zur eindeutig rechtsextremistisch gepr\u00e4gten Skinhead-Szene sind deshalb vielfach flie\u00dfend. 4.5 Skinhead-Musik und Skinhead-Magazine Die Skinhead-Musik vermittelt die subkulturellen Botschaften der Skinhead-Szene. In den Liedern werden Eigenverst\u00e4ndnis und Abgrenzung der Szene gegen\u00fcber der Gesellschaft beschrieben, Kritik am Establishment formuliert und andere politische Themen aufgegriffen. Rechtsextremistische Skinhead-Bands verbreiten in ihren Liedtexten neonazistische Ideologiefragmente und rufen zum Hass gegen Skinhead-Feindbilder wie Ausl\u00e4nder, \"Linke\" und Juden auf. In Bayern bestehen nach wie vor zehn derartige Musikgruppen, die teilweise Konzertauftritte im Inund Ausland absolvieren. Skinhead-Musik wird daneben auch von sechs (2001: f\u00fcnf) rechtsextremistischen Tontr\u00e4gervertrieben angeboten. Von bayerischen Skinhead-Bands wurden drei Tontr\u00e4ger, wie auch im Jahr 2001, neu produziert. Die Zahl der Skinhead-Konzerte in Bayern stieg auf elf gegen\u00fcber vier im Vorjahr. Eine Begr\u00fcndung f\u00fcr den Anstieg liegt darin, dass Skinhead-Konzerte als gew\u00f6hnliche Geburtstagsfeiern oder Tanzveranstaltungen getarnt und angemeldet werden und somit auch ein beh\u00f6rdliches Verbot in einigen F\u00e4llen nicht ausgesprochen werden konnte.","Rechtsextremismus 79 Das Konzert mit den meisten Teilnehmern fand am 31. M\u00e4rz in Wilhermsdorf, Landkreis F\u00fcrth, statt. F\u00fcr das Konzert, das von Mitgliedern der \"Bayerischen Hammerskin-Sektion\" organisiert wurde und in einer Maschinenhalle stattfand, waren zwei deutsche und drei amerikanische Skinhead-Bands angek\u00fcndigt worden. Die Bands, die jeweils etwa eine Stunde spielten, vermieden es, strafbare Texte darzubieten. Nach Intervention der Polizei traten die drei amerikanischen Bands nicht auf. Die Veranstaltung, an der etwa 500 Besucher teilnahmen, wurde gegen 23.00 Uhr durch die Einsatzleitung der Polizei beendet. Bei den \u00fcbrigen Skinhead-Konzerten wurden zwischen 50 und 300 Teilnehmer festgestellt. Mit den Aktivit\u00e4ten rechtsextremistischer Skinhead-Bands besch\u00e4ftigen sich auch die Fan-Magazine, auch \"Fanzines\" oder \"Zines\" genannt. Durch Interviews und Bandvorstellungen wird diesen ein Forum zur ausf\u00fchrlichen Selbstdarstellung gegeben. Erlebnisberichte aus der Szene \u00fcber Konzertveranstaltungen, Feste und gemeinsame Aktivit\u00e4ten festigen zudem das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl der Szene. Weiterer Bestandteil vieler Fanzines sind die ausf\u00fchrlichen Rezensionen sowie Bestelladressen f\u00fcr Tontr\u00e4ger, andere Fanzines und diverse Szene-Artikel wie z.B. T-Shirts, Buttons oder Aufkleber. Fanzines erreichen Auflagenh\u00f6hen von bis zu 1.000 St\u00fcck. H\u00e4ufig enthalten sie kein Impressum; die Kontakte erfolgen \u00fcber Postfachadressen. In Bayern werden derzeit drei (2001: f\u00fcnf) verschiedene rechtsextremistische Fanzines herausgegeben. Die aus Schwabach stammende Publikation \"Der Braune B\u00c4R\" erschien nach zweij\u00e4hriger Pause im Mai als Doppelausgabe. Themen sind Interviews und Konzertbeitr\u00e4ge \u00fcber nationale und internationale Skinhead-Bands, Berichte \u00fcber Demonstrationen und auch politische Beitr\u00e4ge zu neonazistischen Themen. Das aus Bamberg stammende Magazin \"Lokalpatriot\" verf\u00fcgt als einziges bayerisches Fanzine \u00fcber eine eigene Homepage im Internet. Diese Alternative zur Verbreitung der Fanzines hat f\u00fcr die Herausgeber viele Vorteile. Zum einen liegen die Kosten f\u00fcr die Einrichtung einer neuen Homepage weit unter den herk\u00f6mmlichen Druckkosten, zum anderen k\u00f6nnen die ins Internet eingestellten Fanzines weltweit abgerufen werden und sind damit einem breiten, weit \u00fcber die Szene hinausgehenden potenziellen Interessentenkreis zug\u00e4nglich. Hinzu kommt, dass durch den freien und relativ problemlosen Zugang zum Internet die Hemmschwelle gerade bei Jugendlichen zum Konsum solcher Schriften sinkt.","80 Rechtsextremismus 4.6 Verbindungen rechtsextremistischer Skinheads zur NPD Nach wie vor halten einzelne Skinhead-Szenen engen Kontakt zur NPD. Dies zeigte sich auch bei der Demonstration der NPD am 1. Mai in F\u00fcrth. Unter den rund 350 Teilnehmern waren auch zahlreiche Skinheads. Insbesondere die F.A.F. hatte bayernweit mit Plakataktionen f\u00fcr diese Demonstration mobilisiert. Neben der F.A.F. beteiligten sich auch Skinheads aus Bayreuth, Erlangen/H\u00f6chstadt, F\u00fcrth, Ingolstadt, Memmingen, M\u00fcnchen, Regensburg, Schweinfurt und Straubing. Des Weiteren nutzt die NPD gezielt die Anziehungskraft der Skinheads f\u00fcr ihre Wahlkampfveranstaltungen und Rekrutierungsma\u00dfnahmen. Insbesondere in einer Gastst\u00e4tte in Salching, Landkreis Straubing-Bogen, fanden mehrere einschl\u00e4gige Veranstaltungen statt. Vor bis zu 100 Teilnehmern traten auch jeweils Skinhead-Bands auf. Die Veranstaltungen verliefen ohne St\u00f6rungen. 4.7 Strafverfahren, Urteile und Exekutivma\u00dfnahmen Deutsche und slowakische Polizeikr\u00e4fte durchsuchten am 6. und 7. Februar zahlreiche Wohnund Gesch\u00e4ftsr\u00e4ume bei Herstellern und Vertreibern rechtsextremistischer Skinhead-Musik. Die staaten\u00fcbergreifende Polizeiaktion richtete sich gegen die Verantwortlichen der \"Agentur f\u00fcr Kommunikation\" (AfK) in Kronach mit einer Niederlassung in der Slowakei und den Inhaber des Versandund Ladengesch\u00e4fts \"Sonnentanz\" mit zahlreichen Zweigstellen in sechs St\u00e4dten Sachsens. In Bayern durchsuchte die Polizei in Kronach eine bis 1999 als Gesch\u00e4ftsadresse genutzte Wohnung und beschlagnahmte dort zahlreiche Gesch\u00e4ftsunterlagen. Bei den Durchsuchungsma\u00dfnahmen in Sachsen wurden rund 3.000 Tontr\u00e4ger aus Lieferungen der AfK, ein Computer, verschiedene Datentr\u00e4ger und umfangreiche Gesch\u00e4ftsunterlagen sichergestellt. Das Landgericht Dresden verurteilte den am 6. Februar festgenommenen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer am 19. Dezember unter anderem wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Volksverhetzung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren. Durch die Exekutivma\u00dfnahmen und das Urteil verlor die Skinhead-Szene wichtige Ansprechpartner f\u00fcr strafrechtlich relevante Musikproduktionen. Die AfK besa\u00df Gesch\u00e4ftskontakte unter anderem nach Schweden, Ungarn, Italien, Thailand und Taiwan. Mehrere deutsche Vertreiber strafbarer rechtsextremistischer Skinhead-Musik, gegen die in den","Rechtsextremismus 81 letzten Jahren Exekutivma\u00dfnahmen durchgef\u00fchrt wurden, hatten mit der AfK zusammengearbeitet. Aufgrund eines Ersuchens des Landeskriminalamts Hannover wurde am 10. April der 27-j\u00e4hrige Betreiber (ehemals f\u00fchrender Aktivist der seit dem 14. September 2000 verbotenen Skinhead-Organisation \"Blood & Honour\") des Versandhandels \"Showdown Records\" in Gundelsheim, Landkreis Bamberg, festgenommen. Dabei wurden 60 CDs der verbotenen Organisation \"Blood & Honour\" sichergestellt. Am 23. Mai durchsuchten Polizeibeamte erneut die R\u00e4ume des Versandhandels \"Showdown Records\"; dabei wurden weitere CDs, LPs und ein PC beschlagnahmt. Am 25. April f\u00fchrte die Polizei im Auftrag der Staatsanwaltschaft Halle/Sachsen-Anhalt Exekutivma\u00dfnahmen gegen 32 Personen der rechtsextremistischen Skinheadund Neonazi-Szene durch. Sie stehen im Verdacht, die im September 2000 verbotene Skinhead-Organisation \"Blood & Honour\" fortzuf\u00fchren. Betroffen waren insgesamt 43 Objekte in sieben Bundesl\u00e4ndern, darunter auch eine Wohnung und ein Fahrzeug in Bayern. Insgesamt stellte die Polizei in Wohnungen, an Arbeitspl\u00e4tzen, in Fahrzeugen und Postf\u00e4chern mehrere Computer, Mobiltelefone, Notizb\u00fccher und Kontounterlagen, rund 1.000 Tontr\u00e4ger und Propagandamaterial von \"Blood & Honour\" sicher. Daneben wurden auch Waffen und Waffenteile sichergestellt. Hierzu wurden gesonderte Ermittlungen eingeleitet. Ausl\u00f6ser f\u00fcr diese Exekutivma\u00dfnahmen waren insbesondere zwei Skinhead-Konzerte in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, die nach dem Verbot am 14. September 2000 offen als \"Blood & Honour\"-Veranstaltungen deklariert waren. 5. Rechtsextremistisch motivierte Straftaten 5.1 Gewalttaten Bundesweit stellten Gewalttaten mit erwiesener oder zu vermutender rechtsextremistischer Motivation nach wie vor den Schwerpunkt extremistischer Gewalttaten. Von insgesamt 1.160 (2001: etwa 1.550) extremistischen Gewalttaten waren 725 (2001: 709) rechtsextremistisch motiviert. In Bayern verringerte sich die Gesamtzahl der rechtsextremistischen Gewalttaten deutlich auf 51 (2001: 72); das sind rund 7 % der bundesweit registrierten Delikte. Schwerpunkt der Gewalttaten waren wie in den Vorjahren fremdenfeindlich motivierte","82 Rechtsextremismus Straftaten mit 30 Delikten und 13 Angriffe auf politische Gegner. Zwei Gewalttaten lag eine antisemitische Motivation zugrunde. Die rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten sind \u00fcberwiegend der \u00e4u\u00dferst gewaltbereiten Skinhead-Szene zuzurechnen. 64 Tatverd\u00e4chtige geh\u00f6rten der Skinhead-Szene an. Von 120 ermittelten Tatverd\u00e4chtigen waren 90 zur Tatzeit j\u00fcnger als 21 Jahre. Der Anteil der erstmals in Erscheinung getretenen Gewaltt\u00e4ter liegt bei 78 % (93 Tatverd\u00e4chtige). Die Gewalttaten wurden ganz \u00fcberwiegend nicht von Einzelt\u00e4tern, sondern mit anderen gemeinsam begangen. Dabei entstand der Tatentschluss vielfach spontan aus gruppendynamischen Prozessen, gef\u00f6rdert durch Alkohol und Musik mit rechtsextremistischen Texten. R\u00e4umliche Schwerpunkte waren die Gro\u00dfstadtregionen M\u00fcnchen und N\u00fcrnberg. Rechtsextremistisch motivierte Gewaltt\u00e4ter sind \u00fcberwiegend nicht in politischen Gruppen oder Parteien organisiert. Eine \u00fcberregionale Steuerung durch rechtsextremistische Organisationen konnte in keinem Fall festgestellt werden. Rechtsterroristische Strukturen sind in Bayern nicht bekannt geworden. Das typische Ablaufmuster f\u00fcr rechtsextremistisch motivierte Gewalt ist gleich geblieben. Nach gezielten anf\u00e4nglichen Provokationen der Angreifer kommt es bei geringstem Anlass zu T\u00e4tlichkeiten und massiver Gewaltanwendung gegen die Opfer. Beispiele f\u00fcr die im Berichtszeitraum ver\u00fcbten Gewalttaten sind folgende Vorf\u00e4lle: Am 4. Mai randalierten in N\u00fcrnberg etwa zehn Personen aus der rechtsextremistischen Szene und griffen drei Besch\u00e4ftigte eines Schmuckgesch\u00e4fts an. Ein Besch\u00e4ftigter, ein pakistanischer Staatsangeh\u00f6riger, wurde leicht verletzt. F\u00fcnf T\u00e4ter im Alter zwischen 15 und 22 Jahren konnten ermittelt werden. Am 20. Mai beschimpften in Cham zun\u00e4chst unbekannte T\u00e4ter einen Sp\u00e4taussiedler als \"Schei\u00df Russen\". Anschlie\u00dfend stie\u00dfen vier bis f\u00fcnf der Angreifer das Opfer zu Boden und traten auf es ein. Die Polizei konnte f\u00fcnf Tatverd\u00e4chtige im Alter von 18 bis 21 Jahren ermitteln, die dem Umfeld der rechtsextremistischen Kameradschaft Cham/Roding zuzurechnen sind. Am 7. Juni wurde in Landshut ein 25-j\u00e4hriger irakischer Staatsangeh\u00f6riger aus dem Auto heraus vom Beifahrer eines PKW angesprochen","Rechtsextremismus 83 und nach einer Stra\u00dfe befragt. Da der Angesprochene keine Auskunft geben konnte, schoss der Beifahrer dem Iraker mit einer Gaspistole ins Gesicht. Am 16. August wurden in Ansbach zwei Nichtsesshafte von einem 28-j\u00e4hrigen Skinhead-Mitl\u00e4ufer und einem 21-j\u00e4hrigen Lageristen in einem Bush\u00e4uschen niedergeschlagen und einer um seine Jacke beraubt. Ein Gesch\u00e4digter erlitt einen Nasenbeinbruch. Die T\u00e4ter konnten festgenommen werden. Auf dem Oktoberfest in M\u00fcnchen beleidigten am 4. Oktober zwei angetrunkene 20-j\u00e4hrige Deutsche den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines Gl\u00fcckshafenstands, dessen Personal T-Shirts mit der Aufschrift IKG (Israelitische Kultusgemeinde) und einem Davidstern trugen, mit den Worten \"Judenschwein\", \"Schei\u00df Israel\" und \"Schei\u00df Juden\". Beim Entfernen vom Gl\u00fcckshafen warf einer der T\u00e4ter einen Bierkrug in den Stand und verfehlte dabei einen Losverk\u00e4ufer nur knapp. Anschlie\u00dfend zeigten sie den \"Hitler-Gru\u00df\". Als der Losverk\u00e4ufer die beiden verfolgte, traktierten sie ihn mit Fu\u00dftritten. Die beiden Tatverd\u00e4chtigen konnten noch auf dem Oktoberfest festgenommen werden. W\u00e4hrend der Inhaftierung auf der Oktoberfestwache z\u00fcndete einer der beiden eine Rettungsdecke aus dem Zelleninventar an. Am 5. Oktober beleidigten sechs Personen, die der Skinhead-Szene zuzuordnen sind, auf dem Oktoberfest in M\u00fcnchen einen aus dem Senegal stammenden Besch\u00e4ftigten mit den Worten \"Neger, geh nach Hause, Ausl\u00e4nder geh weg, was machst du Neger hier\". Vier Personen aus dieser Gruppe heraus schlugen auf den Senegalesen ein und verletzten ihn. Die T\u00e4ter konnten festgenommen werden. Am 29. November gerieten zwei Skinheads in W\u00f6rth a.d. Isar, Landkreis Landshut, mit einem jugoslawischen Asylbewerber in Streit. Sie beschimpften das Opfer und bestritten sein Aufenthaltsrecht. Unter einem Vorwand verlie\u00dfen die Skinheads die Wohnung, in der sich der Streit zugetragen hatte, mehrmals und z\u00fcndeten dabei den PKW des Opfers an. Die Tatmittel hatten sie aus der Wohnung mitgenommen. Das Fahrzeug brannte aus; es entstand Sachschaden in H\u00f6he von 5.000 EUR. Am 8. Dezember griffen vor einem Lokal in Waischenfeld, Landkreis Bayreuth, f\u00fcnf dem \u00e4u\u00dferen Anschein nach der Skinhead-Szene zuzurechnende unbekannte T\u00e4ter drei Deutsche t\u00e4tlich an. Die drei Angegriffenen erlitten Verletzungen im Bauchund Brustbereich.","84 Rechtsextremismus Daneben wurde auch das Fahrzeug eines der Opfer besch\u00e4digt. W\u00e4hrend der Auseinandersetzung hatten die Skinheads die Opfer mit den Worten \"Drecksjuden\" und \"Judensau\" beschimpft. 5.2 Sonstige Straftaten Die Gesamtzahl der in Bayern bekannt gewordenen sonstigen neonazistischen, antisemitischen und rassistischen Straftaten betr\u00e4gt 1.369 (2001: 1.768), darunter 250 (2001: 339) fremdenfeindlich motivierte Delikte. Dabei handelte es sich wie im Vorjahr vielfach um Sachbesch\u00e4digung, N\u00f6tigung, Bedrohung, Volksverhetzung (insgesamt 440 Delikte) und insbesondere das Verbreiten von Propagandamitteln bzw. Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (insgesamt 843 Delikte). So wurden Parolen wie \"Sieg Heil\" und \"Ausl\u00e4nder raus\" gerufen und antisemitische Pamphlete verbreitet. Anonyme Schmierschriften wie \"Heil Hitler\", \"Deutschland den Deutschen\", \"Kanakenpack\" und \" Tod den Juden!\" wurden vielfach in Verbindung mit Hakenkreuzen und SS-Runen angebracht. Wie schon im Vorjahr bedienten sich Rechtsextremisten wiederholt des Short-Message-Systems (SMS) der Mobilfunkbetreiber, um neonazistische Propaganda an Besitzer von Mobiltelefonen zu \u00fcbermitteln. So versandte ein 22-j\u00e4hriger Deutscher am 18. Februar aus Abensberg, Landkreis Kelheim, eine SMS-Nachricht mit einem Hakenkreuz, dem Portrait von Adolf Hitler sowie den Parolen \"Sieg Heil\" und \"Ein Volk, ein Reich, ein F\u00fchrer\". Am 4. Juli stellte eine Lehrkraft in Bamberg w\u00e4hrend des Unterrichts auf den Displays der Handys von mehreren Sch\u00fclern das Bildnis von Hitler, ein Hakenkreuz sowie die Parole \"Heil Hitler\" fest. Weitere Bildmitteilungen enthielten die Parole \"Ein Volk, ein Reich, ein F\u00fchrer, Sieg Heil\" sowie die Worte \"Schei\u00df Zecken, Schei\u00df Ausl\u00e4nder\". Beispiele f\u00fcr die im Berichtszeitraum ver\u00fcbten Straftaten sind auch folgende Vorf\u00e4lle: Seit 12. Februar wurden in N\u00fcrnberg Flugbl\u00e4tter mit der \u00dcberschrift \"Gesichter des Grauens\" verbreitet, die gegen den Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde N\u00fcrnberg und einen weiteren Stadtratskandidaten der SPD agitierten und zur Wahl der \"B\u00fcrgerinitiative Ausl\u00e4nderstopp\" bei der Kommunalwahl 2002 aufriefen. Darin hie\u00df es, diese beiden \"fremdrassigen Ausl\u00e4nder\", die seit Jahren \"in unserer sch\u00f6nen Stadt der Reichsparteitage\" wohnten, erdreisteten sich","Rechtsextremismus 85 mit ihrer Kandidatur, die \"verbrecherische Einwanderungspolitik der Bundesregierung auch hier in N\u00fcrnberg umzusetzen\". Presserechtlich verantwortlich zeichnete ein nicht existentes \"Komitee zur Rehabilitierung des Frankenf\u00fchrers Julius Streicher, Adolf-Hitler-Platz 20/4, N\u00fcrnberg\". Unbekannte T\u00e4ter spr\u00fchten in der Nacht zum 6. April in Marktheidenfeld, Landkreis Main-Spessart, Hakenkreuze und die Worte \"Tod den Juden\". Eine H\u00e4ufung \u00e4hnlicher Schmierereien im Landkreis Main-Spessart wurde Mitte M\u00e4rz bis Anfang April vor allem im Raum Lohr a.Main festgestellt. In der Nacht zum 11. April wurde in Bamberg einen Beutel mit roter Fl\u00fcssigkeit auf den Gedenkstein der ehemaligen j\u00fcdischen Synagoge geworfen. Mitte April beschmierten unbekannte T\u00e4ter drei Ruheb\u00e4nke an einem Wanderweg bei Pottenstein, Landkreis Bayreuth, mit Davidsternen und Parolen wie \"Wir kaufen nicht bei Juden\", \"Es lebe die PLO\", \"Nieder mit dem Judenpack\", \"Diese Bank ist nicht f\u00fcr Juden\" und \"Dachau macht die Tore auf, der Jude kommt im Dauerlauf\". In der Nacht zum 27. April wurden auf einem j\u00fcdischen Friedhof in der N\u00e4he von Landsberg am Lech zwei Grabsteine umgeworfen und eine Marmortafel besch\u00e4digt. Auf dem Gel\u00e4nde einer ehemaligen Au\u00dfenstelle des KZ Dachau (Lager VII Kaufering), das heute als \"Europ\u00e4ische Holocaust-Gedenkst\u00e4tte\" fungiert, wurden zw\u00f6lf Granitsteine ohne Aufschrift (Symbole der zw\u00f6lf St\u00e4mme Israels) und sechs Gedenksteine umgesto\u00dfen. In der Zeit vom 25. April bis 29. Mai versandten unbekannte T\u00e4ter in 16 F\u00e4llen insgesamt 19 Briefe an Schulen, karitative Einrichtungen und Kommunalpolitiker mit Bemerkungen wie \"Hitler hatte Recht! Das ist richtig. Diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Gestalt unserer Zeit hatte wirklich Recht\", \"Er hatte recht, als er das Banner der arischen Wahrheit aufrichtete gegen die L\u00fcgen und Verdorbenheit der Fremden, KZ sofort schlie\u00dfen, Schluss mit Antideutschhetze\". Unbekannte T\u00e4ter spr\u00fchten in der Nacht zum 4. Juni in W\u00fcrzburg einen Davidstern und Parolen wie \"M\u00f6llemann hat recht\" und \"Auch Juden sind M\u00f6rder - Israel die Geisel der Welt!\" Zwischen dem 23. September und 7. Oktober wurden bei einer Bankfiliale in Augsburg 20 Banknoten eingezahlt, auf deren R\u00fcckseite ein Hakenkreuz mit Reichsadler gestempelt war.","86 Rechtsextremismus Am 4. November kontrollierte die Polizei in der Autobahnrastanlage Haidt-S\u00fcd einen PKW mit \u00f6sterreichischem Kennzeichen. Dabei wurden 138 CDs mit rechtsextremistischem Inhalt, ein Orden mit Hakenkreuz und ein Lichtbild, auf dem Adolf Hitler mit einem Sch\u00e4ferhund abgebildet war, sichergestellt. Unbekannte T\u00e4ter schmierten in der Nacht zum 8. November in M\u00fchldorf a. Inn Hakenkreuze und Parolen wie \"Schei\u00df Ausl\u00e4nder, Kanacken raus\" und \"Alles, was nicht deutsch ist, geh\u00f6rt vergast.\" 6. Revisionismus 6.1 Ziele Der Revisionismus, der die Geschichtsschreibung \u00fcber die Zeit des Dritten Reichs \u00e4ndern will, ist zu einem Bindeglied zwischen den unterschiedlichsten rechtsextremistischen Str\u00f6mungen geworden. Seinen Repr\u00e4sentanten geht es allerdings nicht um die Gewinnung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern gezielt um die mittelbare Rechtfertigung bzw. Aufwertung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft durch einseitige, relativierende oder verharmlosende Darstellung des NS-Regimes. Im Mittelpunkt der revisionistischen Agitation stehen die Leugnung des nationalsozialistischen Massenmords an europ\u00e4ischen Juden in Gaskammern deutscher Konzentrationslager w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs (Holocaust) sowie die Behauptung, Deutschland trage keine Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Auf diese Weise soll das auf seri\u00f6ser Forschung beruhende Geschichtsbild propagandistisch unterminiert werden, um die Deutschen von einem vermeintlich aufgezwungenen \"Schuldkomplex\" zu befreien. Revisionisten machen sich zunutze, dass das Wissen \u00fcber den Nationalsozialismus gerade bei Jugendlichen oft nur bruchst\u00fcckhaft vorhanden ist. 6.2 Entwicklung und Tr\u00e4ger der Revisionismus-Kampagne Revisionismus war von Anfang an eine internationale Erscheinung, wobei der Ansto\u00df zun\u00e4chst aus Frankreich und den USA kam. Seit Beginn der 50er Jahre erschien eine gro\u00dfe Anzahl von B\u00fcchern, die den historischen Nachweis f\u00fchren wollten, dass es entgegen der Feststellung seri\u00f6ser Forscher und Zeitzeugen keine T\u00f6tung von Juden in Gaskammern gegeben habe. Hervorzuheben ist hierbei das 1989 ver-","Rechtsextremismus 87 \u00f6ffentlichte \"Gutachten\" des Amerikaners Fred A. Leuchter, wonach es in Auschwitz und einigen anderen Konzentrationslagern aufgrund der technischen Gegebenheiten nicht m\u00f6glich gewesen sei, Menschen in Gaskammern zu t\u00f6ten. Dieselbe Behauptung stellte der Diplomchemiker Germar Scheerer geb. Rudolf, ein ehemaliges REP-Mitglied, in seinem 1994 verbreiteten \"Gutachten \u00fcber die Bildung und Nachweisbarkeit von Zyanidverbindungen in den 'Gaskammern' von Auschwitz\" auf. Im April 2001 erschien in seinem Verlag \"Castle Hill Publishers\" in Hastings/Gro\u00dfbritannien eine \u00fcberarbeitete und stark erweiterte Zweitauflage dieses auch als \"Rudolf-Gutachten\" bezeichneten Pamphlets; es wurde am 12. Februar von der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Schriften indiziert. Die international aktivsten Revisionisten weichen zunehmend in L\u00e4nder aus, in denen Strafbestimmungen gegen das Verbreiten und die Ver\u00f6ffentlichung revisionistischen Gedankenguts fehlen. So setzte sich der deutsche Revisionist Germar Scheerer im Fr\u00fchjahr 1996 nach einer Verurteilung unter anderem wegen Volksverhetzung ins Ausland ab, wo er seine revisionistische Agitation fortsetzte. Der wohl bekannteste Vertreter des Revisionismus ist der international agierende britische Schriftsteller David Irving, der 1993 aus Deutschland ausgewiesen wurde. Gegen ihn besteht seither ein Einreiseverbot. Ein weiterer Protagonist des Revisionismus ist der deutsche Staatsangeh\u00f6rige Ernst C. F. Z\u00fcndel, der 1958 nach Kanada \u00fcbersiedelte. In Toronto besitzt Z\u00fcndel den Verlag Samisdat Publishers Ltd. Er unterh\u00e4lt internationale Kontakte und verfasst und verschickt zahlreiche Publikationen, darunter in erster Linie den \"Germania\"-Rundbrief, der neonazistische und antisemitische Thesen enth\u00e4lt und auch \u00fcber das Internet abrufbar ist. Im Internet erscheint ferner seit mehreren Jahren der Beitrag \"Good morning from the Z\u00fcndelsite\", der - so Z\u00fcndel - monatlich von mehr als 10.000 Interessenten eingesehen wird. Dort sind unter anderem B\u00fccher, die in Deutschland der Beschlagnahme unterliegen bzw. von der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Schriften indiziert wurden, mit vollem Text eingestellt, darunter \"Der Holocaust auf dem Pr\u00fcfstand\" von J\u00fcrgen Graf und \"Starben wirklich sechs Millionen?\" von Richard Harwood. Z\u00fcndel ist im Vorjahr nach eigenen Angaben in die USA \u00fcbergesiedelt, da er in Kanada wegen der Einstellung der \"Z\u00fcndelsite\" ins Internet strafrechtlich verfolgt wurde.","88 Rechtsextremismus Das 1979 unter rechtsextremistischer Beteiligung gegr\u00fcndete Institute for Historical Review (IHR) mit Sitz in Kalifornien/USA pflegt Verbindungen - auch \u00fcber das Internet - zu Rechtsextremisten in allen Kontinenten. Mit seiner Zeitschrift \"Journal of Historical Review\" und vor allem mit seinen j\u00e4hrlichen Kongressen bietet es eine Plattform, um gegen die Ergebnisse der zeitgeschichtlichen Forschung zu polemisieren. Das monatlich im Verlag des britischen Rechtsextremisten Antony Hancock in Uckfield erscheinende \"National Journal\", das ebenfalls mit einer Homepage im Internet vertreten ist, betreibt massive Hetze gegen Ausl\u00e4nder und Juden und leugnet oder bagatellisiert den Holocaust. Der Herausgeberkreis f\u00fchrt die Bezeichnung \"Die Freunde im Ausland\" (DFiA). Die Schrift behauptete, in Deutschland k\u00f6nne nur jemand Bundeskanzler werden, der von den j\u00fcdischen Machtzentren als \"israeltauglich\" befunden werde. Die 1985 in Antwerpen gegr\u00fcndete, in Berchem/Belgien ans\u00e4ssige Organisation Vrij Historisch Onderzoek (V.H.O.) hat sich inzwischen zu einer bedeutenden Vertreiberin revisionistischen Propagandamaterials entwickelt. Sie verf\u00fcgt \u00fcber weltweite Kontakte zu f\u00fchrenden Revisionisten und bietet nahezu alle wichtigen, in Deutschland teilweise beschlagnahmten oder indizierten revisionistischen Ver\u00f6ffentlichungen an. Seit Anfang 1997 gibt die V.H.O. die revisionistische Zeitschrift \"Vierteljahreshefte f\u00fcr freie Geschichtsforschung\" (VffG) heraus. Autoren sind unter anderen David Irving, Robert Faurisson und Germar Scheerer; letzterer fungiert seit September 1999 auch als Herausgeber. Die Schrift rechtfertigt die Politik des Dritten Reichs und leugnet den V\u00f6lkermord an den europ\u00e4ischen Juden. Ferner polemisiert sie gegen die angeblich ungerechtfertigte Verfolgung der Revisionisten. 7. Verbindungen zum ausl\u00e4ndischen Rechtsextremismus Der amerikanische Neonazi und Propagandaleiter der NSDAP-Auslandsund Aufbauorganisation (NSDAP-AO) Gary Rex Lauck tritt nach seiner Haftentlassung und Abschiebung in die USA im M\u00e4rz 1999 nach wie vor durch den Versand neonazistischer Propagandamittel in Erscheinung. \u00dcber die Homepage der NSDAP-AO im Internet k\u00f6nnen Hakenkreuzaufkleber, Fahnen und Abzeichen des Dritten Reichs, Filme und B\u00fccher aus der NS-Zeit (z.B. \"Jud S\u00fc\u00df\", \"Der ewige Jude\" \"Mein Kampf\") sowie CDs mit Marschmusik und Hitler-Reden","Rechtsextremismus 89 bestellt werden. Das Angebot enth\u00e4lt ferner Computerspiele wie \"KZ-Rattenjagd\" und \"Der SA-Mann\" zum kostenlosen Herunterladen. Seit Anfang April ist auf der Internetseite der NSDAP-AO ein neues Computerspiel \"Die S\u00e4uberung\" aufrufbar. Ziel dieses Spiels ist es, mit einem Ball und einem Schl\u00e4ger sechseckige Symbole zu treffen, die mit einem Davidstern gekennzeichnet sind. Den Symbolen ist ein Hitler-Bild mit der Parole \"Adolf Hitler ist der Sieg!\" unterlegt. In der deutschen Internet-Ausgabe der \"NS-Nachrichten der NSDAP/AO\" teilte Lauck mit, im Jahre 2002 habe \"unsere Netzseite ungef\u00e4hr 25 Millionen Treffer gehabt\"; Hitlers Buch \"Mein Kampf\" sei \"50.000 mal heruntergeladen\" worden. In der ersten Ausgabe des NSDAP-AO-Sprachrohrs \"NS Kampfruf\" im Jahr 2002 berichtete Lauck, dass die NSDAP-AO-Netzseite im Januar drei Millionen Treffer erzielen konnte. Unter der Bezeichnung \"Neo Germania - Das neue Reich\" sind \"Hasslisten\" mit Personen-Daten und E-Mail-Adressen aus mehreren Bundesl\u00e4ndern ver\u00f6ffentlicht. Die genannten Personen werden als \"Feinde\" der \"Neo Germania - Das neue Reich\" bezeichnet. Als Domain-Inhaber wurde Gary Rex Lauck festgestellt.","90 Rechtsextremismus 8. \u00dcbersicht \u00fcber erw\u00e4hnenswerte rechtsextremistische Organisationen und Verlage sowie deren wesentliche Presseerzeugnisse Organisation (einschlie\u00dflich Mitglieder Ende 2002 Publikationen (einschlie\u00dflich Gr\u00fcndungsdatum und Sitz) Bayern Deutschland Erscheinungsweise u. Auflage) 1. Parteien einschlie\u00dflich integrierter Vereinigungen Die Republikaner (REP) 3.000 9.000 Der Republikaner 26.11.1983, Berlin monatlich, 20.000 Nationaldemokratische Partei 850 6.100 Deutsche Stimme (DS) Deutschlands (NPD) monatlich, 10.000 28.11.1964, Stuttgart Deutsche Stimme EXTRA anlassbezogen Junge Nationaldemokraten (JN) 70 350 Der Aktivist unregelm\u00e4\u00dfig Nationaldemokratischer HochschulFunktion\u00e4rsbund (NHB) gruppe 1967, N\u00fcrnberg Deutsche Volksunion (DVU) 1.400 13.000 (Publizistische Sprachrohre: 05.03.1987, M\u00fcnchen siehe DSZ-Verlag) Deutsche Volksunion e.V. einschlie\u00dflich (siehe DVU) Aktionsgemeinschaften 16.01.1971, M\u00fcnchen 2. Neonazistische Organisationen und Zusammenschl\u00fcsse Hilfsorganisation f\u00fcr nationale 70 600 Nachrichten der HNG politische Gefangene und deren monatlich, 600 Angeh\u00f6rige e.V. (HNG) 02.07.1979, Frankfurt am Main Freizeitverein Isar 96 e.V. (FZV) 15 1996, M\u00fcnchen Kameradschaft Lichtenfels 15 Kameradschaft Schwabach 5 Kameradschaft S\u00fcd - Aktionsb\u00fcro 25 S\u00fcddeutschland (AS) 2001, M\u00fcnchen Bund Frankenland e.V. - 15 Staatsb\u00fcrgerliche Runde 1992 NSDAP-Auslandsund Aufbauorganisation NS Kampfruf (NSDAP-AO) zweimonatlich, 500 1972, Lincoln/USA","Rechtsextremismus 91 Organisation (einschlie\u00dflich Mitglieder Ende 2002 Publikationen (einschlie\u00dflich Gr\u00fcndungsdatum und Sitz) Bayern Deutschland Erscheinungsweise u. Auflage) 3. Sonstige Organisationen Deutsche Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH) 60 500 (Inoffizielles Organ: siehe 03.10.1991, Berlin Nation Europa Verlag GmbH) Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e.V. (GFP) 40 450 Das Freie Forum 1960, M\u00fcnchen viertelj\u00e4hrlich, 1.500 Freundeskreis Ulrich von Hutten e.V. 30 280 Huttenbriefe - f\u00fcr Volkstum, Februar 1982, Starnberg Kultur, Wahrheit und Recht zweimonatlich, 4.000 Die Artgemeinschaft - Germanische 10 120 Nordische Zeitung (NZ) Glaubensgemeinschaft wesensgem\u00e4\u00dfer viertelj\u00e4hrlich, 300 Lebensgestaltung (Artgemeinschaft) Schutzbund f\u00fcr das Deutsche Volk e.V. (SDV) 200 September 1981, M\u00fcnchen Deutsches Kolleg (DK) Funktion\u00e4rs1994, Berlin/W\u00fcrzburg gruppe Deutschland-Bewegung/ 80 150 Friedenskomitee/Deutsche Aufbau-Organisation (DAO) 1990, Starnberg B\u00fcrgerinitiative Ausl\u00e4nderstopp (BIA) Einzel2001, N\u00fcrnberg personen 4. Skinheads und sonstige militante Rechtsextremisten 900 10.400 einschlie\u00dflich ihrer \u00f6rtlichen Gruppierungen (z.B. Fr\u00e4nkische Aktionsfront -F.A.F.-) 5. Verlage Druckschriftenund Zeitungsverlag GmbH National-Zeitung/Deutsche (DSZ-Verlag), M\u00fcnchen Wochen-Zeitung (NZ), w\u00f6chentlich, 44.000 Nation Europa Verlag GmbH Nation & Europa - 1953, Coburg Deutsche Monatshefte monatlich, 14.500 Verlag Hohe Warte - Franz von Bebenburg KG Mensch und Ma\u00df 1949, P\u00e4hl zweimal monatlich, 2.000 Denk mit!-Verlag Denk mit! N\u00fcrnberg unregelm\u00e4\u00dfig, 1.000 VGB Verlagsgesellschaft Berg mbH Deutsche Geschichte Stegen zweimonatlich, 10.000","92 Linksextremismus 4. Abschnitt Linksextremismus 1. Allgemeines 1.1 Merkmale des Linksextremismus Das ideologische Spektrum der Linksextremisten reicht von Anh\u00e4ngern des \"wissenschaftlichen Sozialismus/Kommunismus\" in seiner klassischen Form \u00fcber Sozialrevolution\u00e4re mit unterschiedlichen diffusen Konzeptionen bis hin zu Anarchisten. Theoretische Grundlagen bilden im Wesentlichen die Werke von Marx und Lenin, aber auch von Trotzki, Stalin, Mao Tse-tung und anderen. Die Bestrebungen der Linksextremisten sind darauf gerichtet, die bestehende Staatsund Gesellschaftsordnung zu beseitigen, die sie als kapitalistisch, rassistisch und imperialistisch ansehen. An deren Stelle solle eine sozialistisch-kommunistische Diktatur oder die Anarchie, eine Gesellschaft frei von jeglicher Herrschaft, treten. Diese Bestrebungen sind verfassungsfeindlich, weil die Ziele und oft auch die Mittel, mit denen sie erreicht werden sollen, gegen die grundlegenden Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung versto\u00dfen. Die Aktionsformen der Linksextremisten sind breit gestreut: Sie umfassen \u00f6ffentliche Veranstaltungen, offene Agitation mittels Zeitungen, Flugbl\u00e4ttern, elektronischen Kommunikationsmitteln, ferner Versuche der Einflussnahme in \"b\u00fcrgerlichen\" Institutionen bis hin zur Beteiligung an Wahlen. Dar\u00fcber hinaus gibt es Linksextremisten, die politische Gewalt als ein legitimes und geeignetes Mittel sehen, ihre extremistischen Vorstellungen durchzusetzen. In ihrer Propaganda stellen sich Linksextremisten als Vertreter einer hohen Moral, als K\u00e4mpfer gegen Unterdr\u00fcckung und Verfechter von Frieden und sozialer Gerechtigkeit dar. Ihre politische Praxis zeigt jedoch etwas anderes. Sie missachten demokratische Mehrheitsentscheidungen und das Gewaltmonopol des Staates. Sie setzen sich \u00fcber das Recht der Menschen auf Freiheit und k\u00f6rperliche Unversehrtheit hinweg, wenn dieses Recht ihren Interessen entgegensteht. Einige der linksextremistischen Gruppierungen bekennen offen, dass ihre Ziele nur unter Anwendung von Gewalt zu erreichen sind. Teil-","Linksextremismus 93 weise ver\u00fcben sie Gewalttaten oder arbeiten zur Erreichung ihrer Ziele mit Gewaltt\u00e4tern zusammen. Dies verst\u00f6\u00dft gegen den Grundsatz des Ausschlusses jeglicher Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft und verletzt, wenn sich die Gewalt gegen Personen richtet, das Grundrecht auf Leben und k\u00f6rperliche Unversehrtheit. Die wahren Ziele werden oftmals in Aktionsfeldern und Themen eingebunden, die f\u00fcr sich betrachtet nicht extremistisch sind. Durch gewandte Agitation gelingt es Linksextremisten teilweise, den notwendigen Konsens aller Demokraten in der Ablehnung jeder Art politischen Extremismus zu durchbrechen. F\u00fcr ihre Agitation und Mobilit\u00e4t bei Demonstrationen oder anderen Aktionen nutzen Linksextremisten auch die Vorteile der modernen Kommunikationsm\u00f6glichkeiten wie Handy und Internet. Zentrale Agitationsthemen der Linksextremisten waren Neonazismus/Faschismus, Globalisierung, Imperialismus, Auslandseins\u00e4tze der Bundeswehr, Rassismus, Asylund Abschiebeproblematik, Arbeitslosigkeit und Sozialversorgung. 1.2 Entwicklung der Organisationen Die Gesamtzahl der Mitglieder linksextremistischer und linksextremistisch beeinflusster Parteien und Gruppierungen in Bayern ver\u00e4nderte sich nicht. Die Zahl der PDS-Mitglieder und -Sympathisanten erh\u00f6hte sich jedoch leicht. Die Mitgliederzahl der DKP blieb konstant. 2000 2001 2002 Zahl und Mitgliederst\u00e4rke Anzahl der Organisationen 40 39 38 linksextremistiMarxisten-Leninisten und scher Organiandere revolution\u00e4re Marxisten sationen in Bayern PDS 650 650 700 DKP 600 600 600 Marxistische Gruppe (MG) 700 700 700 weitere Kernorganisationen 460 410 360 Nebenorganisationen 70 70 70 beeinflusste Organisationen 1.080 1.080 1.080 Autonome, Anarchisten und Sozialrevolution\u00e4re 500 450 450 Linksextremisten insgesamt 4.060 3.960 3.960","94 Linksextremismus Mitglieder 40.000 33.800 30.000 31.100 Deutschland * 20.000 10.000 Bayern 3.465 3.960 0 1993 94 95 96 97 98 99 2000 01 02 * Die Kurve f\u00fcr die bundesweite Entwicklung beruht auf Zahlen des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz, das von den Mitgliedern der PDS nur die der Kommunistischen Plattform (KPF) erfasst. Die PDS hatte im Jahr 2002 insgesamt 77.000 Mitglieder, davon 1.500 in der KPF. Die Zahl der Anh\u00e4nger autonomer Gruppen blieb ebenfalls unver\u00e4ndert. Sie werden von anderen linksextremistischen Organisationen wie der PDS als B\u00fcndnispartner f\u00fcr Aktionen akzeptiert. Die Entwicklung der Zahl linksextremistischer und linksextremistisch beeinflusster Organisationen in Bayern und ihrer Mitgliederst\u00e4rken ist aus der \u00dcbersicht auf Seite 93 dieses Berichts zu ersehen. Erkannte Mehrfachmitgliedschaften sind jeweils nur bei einer Organisation erfasst. 1.3 Linksextremistische Gewalt Die Zahl linksextremistisch motivierter Gewalttaten ist in Deutschland von 750 auf 371 zur\u00fcckgegangen. In Bayern reduzierte sich die Zahl der Gewalttaten von 39 auf 21. Die linksextremistischen Gewalttaten wurden wieder zu \u00fcber 80 % von Gruppen und Einzelt\u00e4tern aus dem gewaltbereiten autonomen und anarchistischen Spektrum begangen. Schwerpunkt mit 16 Gewalttaten waren wie im Vorjahr t\u00e4tliche Auseinandersetzungen zwischen Linksund Rechtsextremisten. Die Angriffe richteten sich dabei vor allem gegen rechtsextremistische Veranstaltungen. Einzelne Rechtsextremisten wurden auch gezielt angegriffen. Linksextremisten versuchen die Gewalttaten als \"Kampf gegen den Faschismus\" zu rechtfertigen. Das Thema \"Antifaschismus\" wird auch in Zukunft eines der wichtigsten Aktionsfelder autonomer Politik und damit auch autonomer Militanz bleiben.","Linksextremismus 95 Entwicklung Deutschland Bayern linksextremistisch motivierter 1000 Gewalttaten 900 827 800 750 700 600 500 371 400 300 200 100 39 39 21 0 2000 2001 2002 Ziel der gewaltt\u00e4tig agierenden linksextremistischen Gruppen ist nach wie vor der Staat, dem unterstellt wird, \"Faschisten\" zu sch\u00fctzen, und die Destabilisierung unserer Staatsund Gesellschaftsordnung, in der sie ein \"Instrument zur Durchsetzung weltweiter kapitalistischer und imperialistischer Ausbeuterinteressen\" sehen. Die europaweiten \"Anti-Globalisierungs-Proteste\" mit Aktionen gegen internationale Konferenzen waren gegen\u00fcber dem Vorjahr weniger gewaltt\u00e4tig. 2. Marxisten-Leninisten und andere revolution\u00e4re Marxisten Marxistisch-leninistisch ausgerichtete Organisationen und andere revolution\u00e4re Marxisten bem\u00fchen sich weiterhin, durch massive Kritik an den \"herrschenden Verh\u00e4ltnissen\" und Forderungen nach \"Fundamentalopposition\" ihren sozialistischen und kommunistischen Zielen n\u00e4her zu kommen. Dabei gelang es nur begrenzt, die unterschiedlichen Ideologien und Str\u00f6mungen zu b\u00fcndeln. Die PDS, die nach dem Zusammenbruch des SED-Unrechtsregimes einen neuen Weg des \"demokratischen Sozialismus\" zu beschreiten vorgibt, versucht, Linksextremisten aller Richtungen zu integrieren.","96 Linksextremismus 2.1 Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) Deutschland Bayern Mitglieder: 77.000 700 Vorsitzende(r): Gabi Zimmer Eva Bulling-Schr\u00f6ter, Reinhold R\u00fcckert Umbenennung der SED: 16./17.12.1989 Gr\u00fcndung: 11.09.1990 Sitz: Berlin M\u00fcnchen Publikationen: DISPUT, PDS-Pressedienst, UTOPIE-kreativ, Mitteilungen der KPF, TITEL Die ehemals in der DDR herrschende Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) hat sich nach der friedlichen Revolution und dem Zusammenbruch ihres Unrechtsregimes nicht aufgel\u00f6st. Sie beschloss auf ihrem Sonderparteitag am 16./17.Dezember 1989 in Berlin-Wei\u00dfensee, sich in \"Sozialistische Einheitspartei Deutschlands - Partei des Demokratischen Sozialismus (SED-PDS)\" umzubenennen. Auf einer Tagung des Parteivorstands der SED-PDS am 4. Februar 1990 wurde der Parteiname endg\u00fcltig in Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) ge\u00e4ndert. Der 1. Parteitag der PDS am 24./25. Februar 1990 best\u00e4tigte die Namens\u00e4nderung. 2.1.1 Ideologische Ausrichtung Die PDS versteht sich als linke \"Str\u00f6mungspartei\" f\u00fcr sozialistische Gruppen und Personen, die die bestehenden politischen und wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse in Deutschland kritisieren und ablehnen. Das auf der 1. Tagung des 3. Parteitags der PDS vom 29. bis 31. Januar 1993 in Berlin beschlossene und bis heute g\u00fcltige Parteiprogramm - ein neues Programm ist in Vorbereitung - stellt fest, die PDS sei ein Zusammenschluss unterschiedlicher linker Kr\u00e4fte, die - bei allen Meinungsverschiedenheiten - darin \u00fcbereinstimmten, dass die Dominanz des privatkapitalistischen Eigentums \u00fcberwunden werden m\u00fcsse. Die Beseitigung des Kapitalismus, die \u00dcberwindung des mit ihm verbundenen politischen Systems der Freiheit und der Demokratie im Sinn unseres Grundgesetzes sowie die Errichtung einer neuen \"sozialistischen Gesellschaft\" geh\u00f6ren somit, auch wenn die Revolutionsrhetorik des Marxismus-Leninismus vermieden wird, zu den Zie-","Linksextremismus 97 len der Partei, die vor allem au\u00dferparlamentarisch erreicht werden m\u00fcssten. Das Bekenntnis der Partei zum au\u00dferparlamentarischen Kampf und zum Widerstand gegen die \"Herrschenden\" und die \"gegebenen Verh\u00e4ltnisse\" ist mit der Grundidee der parlamentarischen repr\u00e4sentativen Demokratie des Grundgesetzes unvereinbar. Die PDS vertritt einen konsequenten Internationalismus und ist dem Erbe von Marx und Engels, den vielf\u00e4ltigen Str\u00f6mungen der revolution\u00e4ren und internationalen Arbeiterbewegung sowie anderen revolution\u00e4ren und \"volks-demokratischen\" Bewegungen verbunden und dem Antifaschismus verpflichtet. Die Berufung auf Marx und Engels, die historische Entwicklung der Partei sowie die politische Herkunft ihrer Mitglieder aus kommunistischen Organisationen, insbesondere der SED, m\u00fcssen auch bei der Auslegung ihrer programmatischen \u00c4u\u00dferungen ber\u00fccksichtigt werden. Die PDS verwendet Begriffe wie Demokratie und Menschenrechte, die sie auch schon als SED gebraucht hat. Die Realit\u00e4t der DDR bewies jedoch, dass diese Begriffe dort anders, n\u00e4mlich freiheitsund demokratiefeindlich, definiert waren. Ursache f\u00fcr die andere Interpretation politischer Begriffe ist deren bewusste Umwidmung im Lehrgeb\u00e4ude des Marxismus-Leninismus, in dessen Denkschule die Mehrheit der Mitglieder der PDS erzogen wurde. Deshalb besitzen die in ihrer Programmatik verwendeten Begriffe eine Doppeldeutigkeit. Die Parteivorsitzende der PDS Gabi Zimmer pr\u00e4sentierte der \u00d6ffentlichkeit am 27. April 2001 in Berlin den Entwurf eines neuen Parteiprogramms. Bereits die Pr\u00e4ambel formuliert in Anlehnung an das \"Manifest der Kommunistischen Partei\", dass sich die PDS das Programm in der Tradition der sozialistischen Bewegungen der letzten zweihundert Jahre gebe. Die Rolle der PDS im \"kapitalistischen System\" der Bundesrepublik wird im Programmentwurf wie folgt beschrieben: \"Der moderne Kapitalismus, die Vorherrschaft des 'Nordens' \u00fcber den 'S\u00fcden', das heutige Patriarchat, die exzessive Naturausbeutung und Degeneration der Lebensbedingungen heutiger und zuk\u00fcnftiger Generationen sind Herrschaftsund Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse. Durch sie werden die Potenziale dieser neuen gesellschaftlichen Entwicklungsweise im Interesse weniger und auf Kosten anderer angeeignet. Wir wollen diese Verh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndern und letztlich \u00fcberwinden.\" Innerparteilich stie\u00df das Papier trotzdem, vor allem bei orthodox-kommunistischen Kr\u00e4ften, auf heftige Kritik und wurde als \"Kniefall vor der SPD\" interpretiert. Anl\u00e4sslich der 1. Tagung des","98 Linksextremismus 8. Parteitags der PDS am 12. und 13. Oktober in Gera erkl\u00e4rte die Parteivorsitzende Gabi Zimmer, eine Redaktionsgruppe werde bis Ende des Jahres 2002 den Programmentwurf \u00fcberarbeiten; die Verabschiedung des Programms solle im Jahr 2003 erfolgen. Die PDS veranstaltete am 16. und 17. M\u00e4rz in Rostock die 3. Tagung des 7. Parteitags, zu der als G\u00e4ste Vertreterinnen und Vertreter von 43 Parteien und zwei Organisationen aus 37 L\u00e4ndern erschienen waren. Ein zentraler Punkt des Treffens war die Zustimmung der 400 Delegierten zu dem PDS-Wahlprogramm f\u00fcr die Bundestagswahl 2002 mit dem Titel \"Es geht auch anders: Nur Gerechtigkeit sichert Zukunft!\". Das Wahlprogramm der PDS klammerte alle inhaltlichen Streitpunkte in der Partei aus und skizzierte die politischen Verh\u00e4ltnisse in Deutschland in einem Krisenszenario. Damit sch\u00fcrte das Programm - vor allem bezogen auf die Menschen im Osten Deutschlands - Angst vor der Zukunft: \"Dem Osten, schon um viele Chancen von 1989 betrogen, droht ein unumkehrbarer Abstieg - die Jugend geht weg. In immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden ist Krieg das Instrument der Regierenden in der NATO, um ihre Vorherrschaft in dieser gef\u00e4hrdeten und konfliktreichen Welt durchzusetzen. Statt die Wurzeln des internationalen Terrorismus - Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung, Perspektivlosigkeit und kulturelle Zerst\u00f6rung - zu beseitigen, werden mit Angriffskriegen und V\u00f6lkerrechtsbruch weitere Ursachen f\u00fcr ihn gef\u00f6rdert.\" Die Parteivorsitzende der PDS Gabi Zimmer betonte in ihrer Parteitagsrede, obwohl die Partei teilweise auch in der Regierungsverantwortung sei, halte die PDS an ihrer grundlegenden Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen fest. Die PDS wolle die Verh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndern und schlie\u00dflich zu einem demokratischen Sozialismus kommen. W\u00f6rtlich f\u00fchrte sie aus: \"Der gro\u00dfe Vorzug moderner sozialistischer Politik besteht darin, dass sie die Instrumentarien des parlamentarischen Systems nutzen kann und sich keineswegs anzupassen braucht.\" Zur innerparteilichen Debatte um die Bewertung der DDR f\u00fchrte der seinerzeitige PDS-Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer Dr. Dietmar Bartsch aus, niemand solle sein in der DDR gelebtes Leben etwa durch die PDS entwertet oder gar verteufelt sehen. Er habe - wie viele in der PDS - eine emotionale Beziehung zur DDR, die aus den Erfahrungen des Kampfs gegen den Faschismus entstanden sei. Die DDR sei ein h\u00f6chst legitimer Versuch gewesen, allen Menschen Arbeit, Bildung, Kultur, Gesundheit und Wohnung zu geben. Die PDS stehe allerdings nicht","Linksextremismus 99 nur f\u00fcr diesen legitimen Versuch und die humanistischen Ideale, sondern auch f\u00fcr das Scheitern des Versuchs, f\u00fcr die Preisgabe der Ideale - f\u00fcr ein Gesellschaftsmodell, das die Menschen letztlich klar und eindeutig abgelehnt h\u00e4tten. Anfang September verfassten der ehemalige SED/PDS-Vorsitzende und zur\u00fcckgetretene Berliner Wirtschaftssenator Dr. Gregor Gysi und der PDS-Europaabgeordnete Dr. Andre Brie einen im PDS-Pressedienst Nummer 37 vom 13. September ver\u00f6ffentlichten offenen Brief an den fr\u00fcheren Vorsitzenden der SPD Oskar Lafontaine. Unter der \u00dcberschrift \"Wir m\u00f6chten uns f\u00fcr einen linken Aufbruch engagieren\" erl\u00e4uterten sie ihre Vorstellung, im Zusammenschluss mit der SPD zu einer Modernisierung der Gesellschaft beizutragen: \"Es ist an der Zeit, dar\u00fcber zu reden, ob SPD und PDS in der L\u00f6sung dieser Aufgabe auch gemeinsame Verantwortungen und M\u00f6glichkeiten haben.\" Beide Politiker der PDS setzten sich f\u00fcr eine strategische Zusammenarbeit von PDS und SPD ein. Die PDS werde ihren gesellschaftlichen Zielen nur in Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie und den alten und neuen sozialen Bewegungen n\u00e4her kommen k\u00f6nnen. Au\u00dfenpolitisch forderten sie, der \"imperialen Weltpolitik\" der USA und der Gefahr eines Kriegs gegen den Irak wirksam entgegenzutreten. Dazu sei die Alternative einer \"echten gemeinsamen europ\u00e4ischen Au\u00dfenund Sicherheitspolitik\" erforderlich. Die Tatsache, dass die PDS bei der Bundestagswahl am 22. September nur 4 % der Zweitstimmen erreichte, f\u00fchrte im Vorfeld des Geraer Parteitags (vom 12. bis 13. Oktober) zu tief greifenden Diskussionen in der PDS. So schrieb der Bundessprecherrat der Kommunistischen Plattform der PDS (KPF) in der Erkl\u00e4rung \"Kraftproben hat es genug gegeben!\" am 26. September, der Nicht-Wiedereinzug der PDS in den Deutschen Bundestag gef\u00e4hrde die Existenz der Partei. Der R\u00fccktritt von Dr. Gregor Gysi von seinen politischen \u00c4mtern am 31. Juli habe sich als ein \"verh\u00e4ngnisvoller Schritt\" erwiesen. Au\u00dferdem zeige die Infragestellung des geltenden Parteiprogramms schlimme Auswirkungen. Die PDS stehe am Scheideweg. Die KPF wolle, dass die PDS 2006 als sozialistische Oppositionspartei wieder in den Deutschen Bundestag einziehe. Der PDS Landesverband Bayern schrieb in einem unter anderem an den Parteivorstand sowie die Parteitagsdelegierten gerichteten offenen Brief unter der \u00dcberschrift \"Erneuerung in Kontinuit\u00e4t\", der Weg","100 Linksextremismus der Anpassung an die SPD und den Zeitgeist werde der Weg in den Untergang der Partei sein. Konsequente Opposition - in und au\u00dferhalb der Parlamente - gegen soziale Ungerechtigkeit und f\u00fcr Frieden k\u00f6nne folglich nur der Standpunkt der PDS sein. Mit Gabi Zimmer sei eine Erneuerung der Partei m\u00f6glich; bei der Wahl des neuen Parteivorstands sei darauf zu achten, dass sie ausreichende Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihre schwierige Arbeit in der Zukunft erhalte. Anl\u00e4sslich der 1. Tagung des 8. Parteitags der PDS vom 12. bis 13. Oktober in Gera unter dem Motto \"Wer k\u00e4mpft kann verlieren. Wer nicht k\u00e4mpft, hat schon verloren.\" wurde der Parteivorstand der PDS neu gew\u00e4hlt. Die angemeldeten 417 Delegierten best\u00e4tigten Gabi Zimmer - gegen ihren Mitbewerber, den bisherigen Fraktionsvorsitzenden der PDS im Deutschen Bundestag, Roland Claus - mit einem Stimmenanteil von 69,2 % im Amt der Parteivorsitzenden. Stellvertretende Parteivorsitzende wurden erneut Prof. Dr. Peter Porsch und Dr. Diether Dehm; als weitere stellvertretende Parteivorsitzende wurde erstmals die ehemalige Bundestagsabgeordnete Heidemarie L\u00fcth gew\u00e4hlt. Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer Dr. Dietmar Bartsch \u00fcbergab sein Amt an den damaligen bayerischen Landessprecher der PDS, Uwe Hiksch. Unter den weiteren Mitgliedern des neuen 20-k\u00f6pfigen Bundesvorstands befindet sich erneut das Mitglied des Bundeskoordinierungsrats der KPF, Sahra Wagenknecht; sie wurde mit 71,8 % der Delegiertenstimmen wieder gew\u00e4hlt. Wenn auch die PDS auf dem Parteitag in ihrer politisch-ideologischen Ausrichtung keine Neuerung erkennen lie\u00df, so gelang es zumindest der Vorsitzenden, die Delegierten - trotz der verlorenen Bundestagswahl - zu ermutigen und f\u00fcr die von ihr in ihrer Grundsatzrede vertretenen Konzeption der \"gestaltenden Opposition\" zu gewinnen. Diese Kurzformel besage - so die Ausf\u00fchrungen der Parteivorsitzenden - nichts anderes, als dass die PDS \"alle M\u00f6glichkeiten und Formen demokratischer Politik - vom Protest auf der Stra\u00dfe \u00fcber alle Formen bis hin zum Mitregieren - nutzen\" m\u00fcsse, um \"die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern\". Die Vorsitzende r\u00e4umte zugleich Fehler der Parteif\u00fchrung im Bundestagswahlkampf ein und stellte als wichtige Ziele heraus, bei den Europawahlen 2004 und den Bundestagswahlen 2006 die 5 %-H\u00fcrde zu \u00fcberspringen. Die PDS m\u00fcsse eine Parteireform auf den Weg bringen und ihren Charakter als Bundespartei","Linksextremismus 101 bewahren. Der von der Parteivorsitzenden eingereichte Initiativantrag mit dem Titel \"Kein 'Weiter so': Zukunft durch Erneuerung\" fand die Zustimmung der Delegierten. Darin wird die PDS als demokratisch gestaltende Reformkraft beschrieben; das politische Aktionsfeld der Partei umfasse au\u00dferparlamentarische B\u00fcndnisse ebenso wie die Rolle von Opposition oder Regierungspartei in Parlamenten. Die PDS sei und bleibe die sozialistische Partei, die bundesweit wirken wolle; sie versuche weder sozialdemokratische noch kommunistische Partei zu werden. In einem weiteren Beschluss sprachen sich die Delegierten gegen einen Krieg gegen den Irak aus und riefen die Bundesb\u00fcrger zum Widerstand gegen die Sicherheitspolitik der USA auf. Das von jungen Mitgliedern und Mandatstr\u00e4gern, unter ihnen die bisherige Bundestagsabgeordnete Angela Marquardt, am 4. Oktober ver\u00f6ffentlichte und vom Parteitag debattierte reformpolitische Aufbruch-Papier unter dem Titel \"Einbruch. Umbruch. Aufbruch. F\u00fcr eine zweite Erneuerung\" nahmen 70 Unterzeichner noch am 13. Oktober auf dem Geraer Parteitag zum Anlass, das \"Forum 2. Erneuerung\" zu initiieren. Das Forum m\u00f6chte eine Plattform f\u00fcr diejenigen sein, die einen Politikwechsel in der PDS auf allen Ebenen der Partei veranlassen wollen. Es versteht sich dabei explizit nicht als neue Str\u00f6mung in der Partei; es soll vielmehr als Ort f\u00fcr verschiedenste reformpolitisch Interessierte zur Verf\u00fcgung stehen. Ein erster Strategieworkshop wurde am 17./18. Januar 2003 durchgef\u00fchrt. Dr. Gregor Gysi kritisierte in der PDS-nahen Tageszeitung \"Neues Deutschland\" vom 16. Oktober den Geraer Parteitag und dessen Ergebnisse, die die Partei auf den Weg in die Bedeutungslosigkeit f\u00fchren w\u00fcrden. Der Parteitag habe an verschwommenen Visionen und Prinzipien festgehalten und sich gegen pragmatische L\u00f6sungen entschieden. Den Verantwortlichen der PDS in den Landesregierungen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin habe man jegliche Solidarit\u00e4t verweigert, mit der Konsequenz, dass nun entweder Regierungsbeteiligungen der PDS beendet werden oder aber ihre Tr\u00e4ger sich weitgehend von der Bundespartei und deren Vorstand abkapseln m\u00fcssten. Letzteres bedeute faktisch zwei Parteien in formal einer. Auch der ehemalige Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer und Wahlkampfleiter der PDS, Dr. Dietmar Bartsch, beanstandete die Ergebnisse des Parteitags und die Politik der Parteivorsitzenden. In einem Internetbeitrag vom 4. November meinte er, der Parteitag in Gera sei ein Parteitag der Selbstbefassung, ein Lehrst\u00fcck linker \u00dcberheblichkeit, ein \"Signal der Einigelung\" gewesen. Die Partei habe die real existierende Gesell-","102 Linksextremismus schaft in den alten Bundesl\u00e4ndern nie wirklich akzeptiert. Vielmehr sei man dem \"alten Klassenfeind-Denken\" verhaftet geblieben. Am 9. November trafen sich laut PDS-Pressedienst Nummer 46 vom 15. November in Berlin reform-orientierte Mitglieder und Sympathisanten der PDS zu der Konferenz \"Konstituierung der Reformlinken\", um \u00fcber den k\u00fcnftigen politischen Kurs der PDS zu debattieren. Unter den rund 150 Anwesenden befanden sich auch die direkt in den Deutschen Bundestag gew\u00e4hlte PDS-Abgeordnete Petra Pau, Dr. Dietmar Bartsch, Angela Marquardt, der Berliner Landesvorsitzende der PDS Stefan Liebich und die PDS-Europaabgeordnete Dr. Sylvia-Yvonne Kaufmann. Einigkeit herrschte unter den Konferenzteilnehmern in der Auffassung, dass es zu einer politischen Richtungs\u00e4nderung in der Partei kommen m\u00fcsse, da ansonsten die Gefahr bestehe, in die \"gesellschaftliche Isolation\" zu geraten. Erneuerung und Modernisierung seien Leitlinien k\u00fcnftiger sozialistischer Politik. Es wurde beschlossen, eine Gr\u00fcndungsversammlung \"Aufbruch - Reformlinke in der PDS\" am 15./16. Februar 2003 in Berlin durchzuf\u00fchren. Dabei soll eine Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung verabschiedet werden, in der die Ziele und Aufgaben des \"Netzwerks Reformlinke\" festgelegt werden sollen. 2.1.2 Organisation Die PDS ist eine auf Bundesebene organisierte Partei mit Sitz in Berlin. Sie gliedert sich in 16 Landesverb\u00e4nde, deren Gebiete mit den L\u00e4ndern identisch sind, mit Kreisverb\u00e4nden und Basisorganisationen. Ein \"virtueller 17. Landesverband\" im Internet ist in Vorbereitung. Die Partei verf\u00fcgt bundesweit \u00fcber etwa 77.000 Mitglieder (Ende 2001: 78.000), davon nahezu 4.800 (Ende 2001: 4.200) in den alten Bundesl\u00e4ndern. Die Mitgliederentwicklung ist insgesamt r\u00fcckl\u00e4ufig. Ursache f\u00fcr den R\u00fcckgang d\u00fcrfte insbesondere der Tod \u00e4lterer Mitglieder sein. Etwa 68 % der Parteimitglieder sind 60 Jahre und \u00e4lter; nur 3 % sind j\u00fcnger als 30 Jahre. Seit Jahren nutzt die PDS die Kommunikationsm\u00f6glichkeiten im Internet. Verschiedene Gliederungen der Partei, wie die PDS-Delegation in der Konf\u00f6deralen Fraktion der Vereinten Europ\u00e4ischen Linken/Nordische Gr\u00fcne Linke (GUE/NGL) im Europ\u00e4ischen Parlament, der Bundesvorstand und Einzelpersonen sind neben einer so genannten Startseite","Linksextremismus 103 der PDS mit eigenen Homepages vertreten. In Bayern nehmen die Kreisverb\u00e4nde Aschaffenburg & Untermain, Augsburg, Bamberg-Forchheim, Ingolstadt, M\u00fcnchen, N\u00fcrnberg, W\u00fcrzburg/Mainspessart sowie die Basisorganisationen Bayreuth, Eichst\u00e4tt, Moosburg, Passau und Regensburg das Internet in Anspruch. Der PDS-nahe Jugendverband ['solid] nutzt bundesweit das moderne Kommunikationsmedium. 2.1.3 Plattformen, Arbeitsund Interessengemeinschaften Plattformen, Arbeitsund Interessengemeinschaften sowie \u00e4hnliche innerparteiliche Zusammenschl\u00fcsse sind wesentlich f\u00fcr die B\u00fcndnisund Integrationspolitik der PDS. Sie wirken im Rahmen des Statuts in der Partei, k\u00f6nnen sich eigene Satzungen geben und k\u00f6nnen ihre politischen Ziele in der Partei offen vertreten. Sie sind integrale Bestandteile der PDS. Die PDS muss sich deshalb die T\u00e4tigkeit der Plattformen, Arbeitsund Interessengemeinschaften wie auch das Wirken der sonstigen innerparteilichen Zusammenschl\u00fcsse sowie die \u00c4u\u00dferungen ihrer Mitglieder als Gesamtpartei zurechnen lassen. Plattformen sind in der Regel Zusammenschl\u00fcsse mit gemeinsamer Ideologie, w\u00e4hrend Arbeitsund Interessengemeinschaften themenbezogen auf wichtigen Aktionsfeldern t\u00e4tig werden. Am 23. November gr\u00fcndeten Mitglieder der PDS aus verschiedenen Landesverb\u00e4nden in Berlin die Bundesarbeitsgemeinschaft \"Linke Opposition in und bei der PDS\" (BAG-LO). 2.1.3.1 Kommunistische Plattform (KPF) Die am 30. Dezember 1989 gegr\u00fcndete KPF der PDS - ihr sind etwa 1.500 Mitglieder zuzurechnen - ist eine marxistisch-leninistische Organisation. Sie betrachtet die DKP als nat\u00fcrliche Verb\u00fcndete und arbeitet auch mit der noch in der DDR gegr\u00fcndeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) zusammen. Innerhalb der PDS ist die KPF die Gruppierung, die sich am deutlichsten zum Kommunismus bekennt. Sie strebt die Fortsetzung marxistischer und leninistischer Politik, also die Diktatur des Proletariats, an. In ihren Gr\u00fcndungsthesen betonte sie: \"Die revolution\u00e4re Arbeiterbewegung mit dem Wissenschaftlichen Kommunismus, mit dem Marxismus-Leninismus, zu verbinden, aufgrund der marxistisch-leninistischen Analyse der realen Gesellschaftsentwicklung Strategie und Taktik zu bestimmen und Politik zu organisieren - ist vornehmste Aufgabe der Kommunisten und sie bleibt es.\"","104 Linksextremismus Nach einer programmatischen Erkl\u00e4rung vom Februar 1994, verfasst von drei Sprechern der KPF, bildet der Wissenschaftliche Kommunismus, wie er durch Lenin, Luxemburg, Gramsci, Trotzki, Bucharin oder Mao Tse-tung weiterentwickelt worden ist, die Grundlage f\u00fcr die Politik der KPF. Ziel der KPF sei die revolution\u00e4re Transformation der alten, der Klassengesellschaft, in eine neue, klassenlose Gesellschaft. Die KPF strebt eine enge Zusammenarbeit mit anderen kommunistischen Parteien und Organisationen an und sucht die Beteiligung an au\u00dferparlamentarischen Initiativen. So ver\u00f6ffentlichte sie in den Mitteilungen der KPF, Heft 5 vom Mai 2001, die Erkl\u00e4rung \"F\u00fcr eine tolerante Gesellschaft - gegen Rechtsextremismus und Rassismus\", in der ausgef\u00fchrt wird: \"Es gibt keinen antikommunistischen Antifaschismus! (...) Antifaschismus bedarf breitester B\u00fcndnisse. Jede Ausgrenzung ist abzulehnen. Wir sind bereit, ungeachtet ideologischer Unterschiede mit allen zusammenzuarbeiten, die gewillt sind, sich aktiv gegen Nazis zu engagieren und sich gegen alle Bedingungen zu wehren, die das Erstarken faschistischer und faschistoider Tendenzen beg\u00fcnstigen. (...) Wir werden unsere Bem\u00fchungen sp\u00fcrbar intensivieren, \u00fcber unsere antikapitalistischen und sozialistischen Positionen mit jungen Menschen ins Gespr\u00e4ch zu kommen.\" Am 7. September veranstaltete die KPF in Berlin ihre 11. Bundeskonferenz. Zentrale Punkte des Treffens waren die Friedenspolitik der PDS, der \"Kampf um den Erhalt der Antikriegspartei PDS\" und die Verabschiedung einer Erkl\u00e4rung zu den bevorstehenden Bundestagswahlen am 22. September. In der Erkl\u00e4rung wurde der Wiedereinzug der PDS in den Bundestag als gef\u00e4hrdet angesehen. 2.1.3.2 Arbeitsgemeinschaft Junge GenossInnen in und bei der PDS Die AG Junge GenossInnen trat bisher als bundesweiter Zusammenschluss auf, der innerhalb der PDS unter eigenem Namen agierte. Diese Gruppierung diente als Bindeglied der PDS zu jugendlichen undogmatischen Linksextremisten, besonders Autonomen. Weil der AG Junge GenossInnen in der Vergangenheit organisatorische Schw\u00e4chen vorgehalten wurden, ist 1999 ein neuer bundes-","Linksextremismus 105 weiter PDS-naher Jugendverband (vgl. auch Nummer 2.1.4 dieses Abschnitts) gegr\u00fcndet worden. Ein offizieller Aufl\u00f6sungsbeschluss der AG Junge GenossInnen ist bisher jedoch nicht bekannt geworden. Aktive Strukturen sind in Bayern und in den meisten anderen Bundesl\u00e4ndern nicht festzustellen. 2.1.3.3 Marxistisches Forum (MF) Am 6. Juni 1995 konstituierte sich in Berlin das orthodox-kommunistisch ausgerichtete MF. Es will die soziale, \u00f6konomische und politische Situation mit den Mitteln des Marxismus analysieren, die marxistische Theorie weiterentwickeln und zur theoretischen Fundierung der Politik der PDS beitragen. Dazu geh\u00f6re neben der marxistischen Aufarbeitung der Geschichte der DDR und des Sozialismus auch die Untersuchung der Dialektik von systemimmanenten und system\u00fcberwindenden Reformen. Au\u00dferdem solle auf die notwendige Verst\u00e4rkung des antimilitaristischen Kampfs aufmerksam gemacht werden. Dem Zusammenschluss innerhalb der PDS geh\u00f6ren rund 60 Parteimitglieder und Personen des Staatsapparats, des Kulturund Wirtschaftsbereichs der ehemaligen DDR an. Das Forum \u00fcbt Einfluss in der Partei unter anderem \u00fcber die Mitgliedschaft in verschiedenen Parteigremien (wie Programmkommission und Parteirat) aus. 2.1.4 Jugendverband ['solid] Am 19. Juni 1999 wurde in Hannover der Jugendverband ['solid] - die sozialistische Jugend gegr\u00fcndet. Der Name steht f\u00fcr \"sozialistisch, links und demokratisch\". Ziel des Jugendverbands ist es nach der im PDS-Pressedienst Nummer 25 vom 25. Juni 1999 abgedruckten Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung, in organisierter Form der \"rechten Hegemonie in der Gesellschaft\" entgegenzutreten. Man wolle keine \"Kampfreserve\" der PDS werden, sondern strebe \"eine gleichberechtigte Zusammenarbeit auch mit den regionalen und lokalen Jugendstrukturen in und bei der PDS\" an; ['solid] sei nicht die Jugendorganisation der PDS. Anl\u00e4sslich der 1. Tagung des 8. Parteitags vom 12. bis 13. Oktober in Gera erkl\u00e4rte der Parteivorstand der PDS in seinem T\u00e4tigkeitsbericht: \"Der Parteivorstand erkannte per Beschluss ['solid] als den PDS-nahen bundesweiten Jugendverband an und unterst\u00fctzte ihn materiell und ideell.\"","106 Linksextremismus Organ der Jugendorganisation ist \"Die Ware\"; das Magazin erscheint viertelj\u00e4hrlich. Dem Jugendverband ['solid] geh\u00f6ren in 14 Landesverb\u00e4nden zwischenzeitlich etwa 1.200 Mitglieder (davon rund 40 in Bayern) an. Er verf\u00fcgt in Bayern \u00fcber einen Landesverband mit Ortsgruppen in M\u00fcnchen, N\u00fcrnberg, Passau und seit Januar in Regensburg sowie seit Februar in F\u00fcrth. Als Organ der bayerischen Jugendorganisation erscheint der Landesmitgliederrundbrief \"['ROTFRONT!]\". Etwa 70 Delegierte von ['solid] aus Bund und L\u00e4ndern nahmen vom 5. bis 7. April an der 3. Bundesdelegiertenkonferenz in Halle/Saale teil. Die Tagung war neben den Neuwahlen des 5-k\u00f6pfigen BundessprecherInnenrats und des Schatzmeisters gepr\u00e4gt von der Verabschiedung des Leitantrags \"Das Leben ist eine Party - und du bist nicht eingeladen?!\", der gleicherma\u00dfen Wahlaufruf und politischer Forderungskatalog ist. Darin wurde angemahnt, dass 1998 ein Regierungswechsel stattgefunden habe, ein Politikwechsel jedoch ausgeblieben sei. Viele Jugendliche seien ausgeschlossen von der Party namens Leben. Gefordert wurde deshalb mehr Demokratie bei der Beteiligung von jungen Menschen, mehr soziale Sicherheit angesichts steigender Kinderund Jugendarmut sowie die Wiedereinf\u00fchrung der Verm\u00f6gensteuer. 2.1.5 PDS Landesverband Bayern und seine Organisationseinheiten Die in Bayern seit dem 11. September 1990 bestehende PDS setzt sich aus dem Landesverband, zw\u00f6lf Kreisverb\u00e4nden und 29 Basisorganisationen zusammen. Der Sitz des Landesverbands Bayern befindet sich in M\u00fcnchen. Die Bundestagsfraktion der PDS unterhielt bis zu den Bundestagswahlen am 22. September in N\u00fcrnberg und M\u00fcnchen je ein Regional-B\u00fcro. F\u00fcr einige \u00f6rtliche Strukturen bestehen Kontaktund Anlaufadressen. Aktivisten der KPF arbeiten landesweit in der \"AG der Kommunistischen Plattform in Bayern\" mit Sitz am Landesb\u00fcro der PDS in M\u00fcnchen. Die KPF ist in N\u00fcrnberg mit einer Regionalgruppe und in M\u00fcnchen mit einer Ortsgruppe vertreten; ihnen geh\u00f6ren insgesamt nahezu 30 Personen an. In Bayern ist die Zahl der beitragspflichtigen Mitglieder der PDS auf rund 550 angestiegen. Die Zahl der Sympathisanten, die den Mitgliedern gleichgestellt sind, hat sich auf ann\u00e4hernd 150 verringert. Das","Linksextremismus 107 Durchschnittsalter der bayerischen PDS-Mitglieder ist deutlich niedriger als das der Parteimitglieder in Ostdeutschland. Der PDS Landesverband Bayern veranstaltete am 13. Februar drei Politische Aschermittwochstreffen, n\u00e4mlich in Passau, Eichst\u00e4tt und M\u00fcnchen. Als Hauptredner traten in Passau und Eichst\u00e4tt die damalige bayerische PDS-Bundestagsabgeordnete und Landessprecherin Eva Bulling-Schr\u00f6ter mit dem fr\u00fcheren PDS-Chef und Wirtschaftssenator von Berlin Dr. Gregor Gysi auf. Pressemeldungen zufolge betonte der seinerzeitige Senator in seinen Vortr\u00e4gen vor allem die \"soziale Frage\" und deren weltweite Dimension. Nicht Krieg, sondern eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung sei die richtige Antwort auf Terrorismus. In M\u00fcnchen trat der stellvertretende Parteivorsitzende und Fraktionsvorsitzende der PDS im s\u00e4chsischen Landtag Prof. Dr. Peter Porsch als Gastreferent auf. Insgesamt drei Landesparteitage berief der PDS Landesverband Bayern ein. Auf der Landesversammlung am 9. M\u00e4rz in N\u00fcrnberg analysierten die Delegierten das Ergebnis der PDS bei den bayerischen Kommunalwahlen vom 3. M\u00e4rz. Die PDS-Landessprecherin und damalige Bundestagsabgeordnete Eva Bulling-Schr\u00f6ter r\u00e4umte ein, dass sich die Partei \"mehr erwartet\" h\u00e4tte (vgl. auch Nummer 2.1.6 dieses Abschnitts). Am 14. April wurde auf dem Landesparteitag in Ingolstadt die Landesliste der PDS f\u00fcr die Wahl zum 15. Deutschen Bundestag festgelegt. Als Spitzenkandidatin nominierten die Delegierten die amtierende Landessprecherin Eva Bulling-Schr\u00f6ter. Auf dem Landesparteitag am 30. November in Ingolstadt wurde turnusgem\u00e4\u00df der Landesvorstand der bayerischen PDS neu gew\u00e4hlt. Gleichberechtigte Landessprecher wurden wiederum Eva Bulling-Schr\u00f6ter und erstmals Reinhold R\u00fcckert aus Aschaffenburg. 2.1.6 Teilnahme an Wahlen Nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 21. Oktober 2001 unterzeichneten Vertreter von SPD und PDS am 16. Januar im Berliner Abgeordnetenhaus eine Koalitionsvereinbarung \u00fcber die politische Zusammenarbeit in Berlin f\u00fcr die Legislaturperiode 2001 bis 2006. Der rot-roten Landesregierung geh\u00f6ren f\u00fcr die PDS drei von insgesamt acht Senatoren (Minister) an. Bei den bayerischen Kommunalwahlen am 3. M\u00e4rz schaffte die PDS nur in M\u00fcnchen einen relativen Erfolg: Mit einem Stimmenanteil von","108 Linksextremismus 1,4 % konnte ein Sitz im Stadtrat erlangt werden. In N\u00fcrnberg, Augsburg und Eichst\u00e4tt verfehlten indessen die PDS-Kandidaten den Einzug in die kommunalen Gremien. In anderen bayerischen Gebietsk\u00f6rperschaften war die PDS nicht zu den Kommunalwahlen angetreten. Bei der Landtagswahl am 21. April in Sachsen-Anhalt verbesserte die PDS ihr Wahlergebnis von 19,6 % im Jahre 1998 auf 20,4 % der Zweitstimmen. Indessen b\u00fc\u00dfte sie bei der Landtagswahl am 22. September in Mecklenburg-Vorpommern rund ein Drittel der W\u00e4hlerstimmen ein und fiel von 24,4 % (1998) auf 16,4 % der Zweitstimmen zur\u00fcck; gleichwohl blieb sie dort in der Regierungsverantwortung. Bei der Bundestagswahl am 22. September konnte die Partei die 5 %-H\u00fcrde nicht \u00fcberwinden. Gegen\u00fcber der Wahl im Jahre 1998 verlor sie 1,1 % und erreichte nurmehr 4,0 % der Zweitstimmen. Die Partei, die damit ihren Fraktionsstatus einb\u00fc\u00dfte, ist jetzt noch mit Petra Pau und Dr. Gesine L\u00f6tzsch, die in ihren Berliner Wahlkreisen jeweils das Direktmandat errangen, im Deutschen Bundestag vertreten. 2.1.7 Kommunistischer Internationalismus Im Rahmen der so genannten internationalen Solidarit\u00e4t unterh\u00e4lt die PDS vielf\u00e4ltige Verbindungen und Kontakte zu ausl\u00e4ndischen kommunistischen Parteien und anderen ausl\u00e4ndischen Linksextremisten. Das Parteiprogramm der PDS nennt dies \"Internationalismus\" und orientiert sich damit an der Idee des Weltkommunismus. Die Parteivorsitzende Gabi Zimmer leitet den Koordinierungsrat f\u00fcr Internationale Politik beim Parteivorstand. An der 3. Tagung des 7. Parteitags der PDS am 16. und 17. M\u00e4rz in Rostock nahmen 57 ausl\u00e4ndische G\u00e4ste von 43 Parteien und zwei Organisationen aus 37 L\u00e4ndern teil sowie 14 Diplomaten von zw\u00f6lf ausl\u00e4ndischen Botschaften. Anl\u00e4sslich der 1. Tagung des 8. Parteitags vom 12. bis 13. Oktober in Gera dokumentierte der Parteivorstand in seinem T\u00e4tigkeitsbericht - ver\u00f6ffentlicht in der PDS-Mitgliederzeitschrift \"DISPUT\" Nummer 10/02, Seiten 47 bis 57 - die internationalen Beziehungen zu kommunistischen Parteien und Organisationen. Danach fanden unter anderem bilaterale Beratungen mit Delegationen der FKP (Frankreich), der KPBM (Tschechien), des Linksbundes","Linksextremismus 109 (Finnland), der PdCI (Italien) und der I.U. (Spanien) statt. Vertreter der PDS empfingen Ende Juni eine Studiendelegation der Internationalen Abteilung des ZK der KP Chinas zu Gespr\u00e4chen \u00fcber die Entwicklung der Parteiorganisationen und der politischen Bildungsarbeit der Partei. Fortgesetzt wurde der Informationsund Erfahrungsaustausch mit der s\u00fcdafrikanischen KP, mit linken Parteien Indiens, des Nahen Ostens und der Mittelmeerregion. 2.1.8 Zusammenarbeit mit anderen Linksextremisten Die PDS pflegt Kontakte zu fast allen anderen inl\u00e4ndischen linksextremistischen und linksextremistisch beeinflussten Gruppierungen sowie zu gewaltbereiten Autonomen und arbeitet mit ihnen zusammen. Am 12. Januar fand aus Anlass des 83. Jahrestags der Ermordung der Gr\u00fcnder der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, zum siebten Mal in Folge die Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin statt. Rund 800 politisch Interessierte, zumeist j\u00fcngere, aus dem Inund Ausland nahmen an der Veranstaltung teil. Am 13. Januar legten Funktion\u00e4re der PDS traditionell Kr\u00e4nze am Denkmal der ermordeten Kommunisten in Berlin-Friedrichsfelde nieder. Rund zehntausend Menschen, darunter auch Aktivisten ausl\u00e4ndischer kommunistischer Parteien, der autonomen Antifaschistischen Aktion (Antifa), linker kurdischer Vereinigungen, von PDS, DKP, SDAJ, KPD und ['solid], beteiligten sich an dem Gedenkmarsch zu der Gedenkst\u00e4tte der Kommunisten. Am 1. Mai fanden in Augsburg Aufz\u00fcge und Demonstrationen statt, an denen sich rund 1.200 Personen beteiligten, darunter Aktivisten der PDS, der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD), der Augsburger Friedensinitiative (AFI), der Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa (ATIK) und der Antifa. Anl\u00e4sslich des Besuchs von US-Pr\u00e4sident George W. Bush am 22./23. Mai in Berlin veranstaltete eine \"Achse des Friedens\" am 21. Mai in der Bundeshauptstadt eine Gro\u00dfdemonstration, der sich etwa 17.000 Personen anschlossen, darunter Angeh\u00f6rige der PDS, der DKP, der trotzkistischen Organisation \"Linksruck\", der F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V. (ATIF) und der T\u00fcrkischen Kommunistischen Partei/Marxisten-Leninisten (TKP/ML). Am 20. Juli veranstalteten in Bayreuth Anh\u00e4nger der Antifa-Gruppe Bayreuth, der DKP und PDS, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der","110 Linksextremismus Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) sowie autonomer Gruppierungen einen antifaschistischen Aktionstag unter dem Motto \"Gemeinsam gegen Rechts\". Die damalige Bundestagsabgeordnete und Landessprecherin der PDS Eva Bulling-Schr\u00f6ter scheiterte mit ihrem Versuch, eine von der Landeshauptstadt M\u00fcnchen wegen bef\u00fcrchteter Ausschreitungen anl\u00e4sslich der vom 2. bis 4. August geplanten Chaos-Tage erlassene Allgemeinverf\u00fcgung zu unterlaufen. Die Bundestagsabgeordnete beabsichtigte, an einem von der PDS in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone betriebenen Info-Stand jeweils ein \"Survival-Kit\" an Punks zu \u00fcbergeben, die - entgegen der Auflage - den Innenstadtbereich erreichen w\u00fcrden. Das Kreisverwaltungsreferat der Stadt M\u00fcnchen entzog daraufhin die bereits erteilte Erlaubnis f\u00fcr den Info-Stand der PDS. 2.2 Deutsche Kommunistische Partei (DKP) Deutschland Bayern Mitglieder: 4.700 600 Vorsitzender: Heinz Stehr Gr\u00fcndung: 26.09.1968 Sitz: Essen N\u00fcrnberg und M\u00fcnchen Publikationen: Unsere Zeit (UZ) Marxistische Bl\u00e4tter 2.2.1 Ideologische Ausrichtung Die bis zur Wende von der SED der DDR ideologisch und materiell abh\u00e4ngige DKP best\u00e4tigte ihre gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtete Zielsetzung in den auf dem 12. Parteitag am 16./17. Januar 1993 in Mannheim beschlossenen \"Thesen zur programmatischen Orientierung der DKP\". In der Einleitung zu den \"Thesen\" hei\u00dft es, die DKP k\u00e4mpfe f\u00fcr eine Politik, die im Sozialismus die Zukunft, im Klassenkampf die zentrale Triebkraft der Geschichte und in der Arbeiterklasse die entscheidende soziale Kraft f\u00fcr den gesellschaftlichen Fortschritt sehe. Sie st\u00fctze sich auf die materialistische Wissenschaft, die von Marx und Engels begr\u00fcndet und von Lenin weiterentwickelt worden sei. In einem in der PDS-nahen Tageszeitung \"Neues Deutschland\" vom 28. September 1998 mit dem Titel \"N\u00f6tig ist knallharter Klassenkampf\" ver\u00f6ffentlichten Interview zum 30-j\u00e4hrigen Bestehen der DKP best\u00e4tigte der Parteivorsitzende","Linksextremismus 111 Heinz Stehr, dass die neue Gesellschaftsordnung, f\u00fcr die die DKP nach wie vor eintrete, Sozialismus \"und in der Perspektive Kommunismus\" hei\u00dfe. Ihre unver\u00e4nderte ideologische Ausrichtung belegt die DKP mit der von der Programmkommission der Partei erstellten Vorlage \"Erste Grundlagen zur Diskussion und Erarbeitung eines Programmentwurfs\", der vom Parteivorstand anl\u00e4sslich seiner 9. Tagung am 16. und 17. Februar in Essen entgegengenommen wurde. Nach Diskussion \"in und au\u00dferhalb der DKP\" ist eine Beschlussfassung \u00fcber ein \u00fcberarbeitetes neues Programm auf dem Parteitag im Jahr 2004 vorgesehen. In dem sowohl im Internet als auch als \"Sonderbeilage Fr\u00fchjahr 2002\" des DKP-Zentralorgans \"Unsere Zeit\" (UZ) ver\u00f6ffentlichten Entwurf hei\u00dft es: \"Die DKP steht in der Tradition der kommunistischen Bewegung. Sie ist hervorgegangen aus dem mehr als 150-j\u00e4hrigen Kampf der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung gegen kapitalistische Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung, gegen Militarismus und Krieg. (...) Theoretische Grundlage des politischen Wirkens der DKP ist die wissenschaftliche Weltanschauung, deren Fundamente im Wesentlichen von Marx, Engels und Lenin erarbeitet wurden. (...) Der Sozialismus ist die erste Stufe auf dem Weg zum Kommunismus, der klassenlosen Gesellschaft. (...) Zum Sozialismus f\u00fchrt ein grundlegender Bruch mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die auf die Erzielung maximalen Profits durch die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft und den verschwenderischen Umgang mit den Naturressourcen gerichtet ist. Der Besitz an den wichtigsten Produktionsmitteln muss in gesellschaftliches Eigentum \u00fcberf\u00fchrt werden - die private Aneignung des gesellschaftlich erzeugten Reichtums aufgehoben werden.\" Zur Vorstellung der DKP, wie der Sozialismus als angestrebtes politisches Ziel erreicht werden kann, wird in der Vorlage formuliert: \"Nur als Ergebnis der K\u00e4mpfe breiter Massenbewegungen k\u00f6nnen die bestehenden Machtund Eigentumsverh\u00e4ltnisse \u00fcberwunden werden. (...) Unter den heutigen Bedingungen ist offen, welche Formen des Kampfes k\u00fcnftig entstehen werden. (...) Die Erfahrungen des Klassenkampfes lehren, dass die Monopolbourgeoisie, wenn sie ihre Macht und Privilegien bedroht sah, stets versucht hat, den gesellschaftlichen Fortschritt mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln bis hin zur Errichtung faschistischer Diktaturen und zur Entfesselung von B\u00fcrgerkriegen zu verhindern. Im harten Kampf muss ihr unvermeidlicher Widerstand \u00fcberwunden und ein","112 Linksextremismus solches \u00dcbergewicht der zum Sozialismus strebenden Kr\u00e4fte erreicht werden, das es erm\u00f6glicht, die Reaktion an der Anwendung blutiger konterrevolution\u00e4rer Gewalt zu hindern und den f\u00fcr das arbeitende Volk g\u00fcnstigsten Weg zum Sozialismus durchzusetzen.\" Am 21. September f\u00fchrte der DKP-Vorsitzende Heinz Stehr in Hannover anl\u00e4sslich einer Konferenz zur Programmdebatte der DKP in seiner Rede - auszugsweise publiziert in der UZ vom 27. September - aus: \"Die DKP entwickelt ihre Politik auf der Grundlage der wissenschaftlichen Weltanschauung. Sie betrachtet das gesellschaftspolitische Ziel einer revolution\u00e4ren Umgestaltung der Machtund Eigentumsverh\u00e4ltnisse als entscheidende notwendige Voraussetzung, um den Sozialismus mit einer Mehrheit der Bev\u00f6lkerung durch Klassenkampf im B\u00fcndnis mit anderen werkt\u00e4tigen Schichten durchzusetzen.\" Die Agitation der DKP richtete sich vorrangig auf die Themenbereiche Demokratieund Sozialabbau durch den Staat, Bek\u00e4mpfung des Rechtsextremismus und Neofaschismus, Antimilitarismus und Anti-Globalisierung. 2.2.2 Organisation Die DKP ist eine bundesweit organisierte Partei mit Sitz in Essen. Sie ist in 14 Bezirksorganisationen - zw\u00f6lf in den westlichen Bundesl\u00e4ndern sowie eine in Berlin und eine weitere in Brandenburg, die beide zugleich die Mitglieder in den \u00fcbrigen vier neuen L\u00e4ndern betreuen - gegliedert, die weiter in 87 Kreisund in 280 Grundorganisationen unterteilt sind. Die Zahl der Mitglieder liegt derzeit bei 4.700, davon etwa 240 in Ostdeutschland. Dem 35-k\u00f6pfigen Parteivorstand geh\u00f6ren neben dem DKP-Vorsitzenden Heinz Stehr und den beiden stellvertretenden Parteivorsitzenden Nina Hager und Rolf Priemer auch weiterhin vier Funktion\u00e4re aus Bayern an. Der Vorstand war anl\u00e4sslich des 16. Parteitags der DKP vom 30. November bis 1. Dezember in D\u00fcsseldorf neu berufen worden. In Bayern bestehen zwei Bezirksorganisationen (Nordund S\u00fcdbayern), elf Kreisverb\u00e4nde sowie eine Betriebsgruppe. Die Mitgliederzahl in Bayern stagniert bei rund 600. Die DKP wird \u00fcberwiegend von Altkommunisten repr\u00e4sentiert.","Linksextremismus 113 Die Finanzierung der Parteiarbeit bereitet seit Jahren Probleme. Das DKP-Zentralorgan \"Unsere Zeit\" (UZ) erscheint aber trotz dieser erheblichen Finanzierungsprobleme nach wie vor w\u00f6chentlich. 2.2.3 Teilnahme an Wahlen Zur Landtagswahl am 21. April in Sachsen-Anhalt traten die DKP und die noch in der DDR gegr\u00fcndete Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) mit einer gemeinsamen Liste an. Auf die Landesliste der Listenvereinigung \"B\u00fcndnis DKP/KPD\" wurden insgesamt 1.054 W\u00e4hlerstimmen abgegeben, was einem Stimmenanteil von 0,1 % entspricht. Zur Landtagswahl am 22. September in Mecklenburg-Vorpommern trat die DKP nicht an. In realistischer Einsch\u00e4tzung ihrer organisatorischen und personellen M\u00f6glichkeiten verzichtete die DKP bei der Bundestagswahl am 22. September auf die Aufstellung von Landeslisten. Lediglich in 15 Wahlkreisen in sechs Bundesl\u00e4ndern stellten sich Direktkandidaten zur Wahl; die Bewerber erreichten insgesamt 3.953 Erststimmen. Im Gegensatz zu fr\u00fcheren Wahlen wies die DKP eine Aufnahme in PDS-Landeslisten zur\u00fcck, da sie sich nicht mit der Politik der PDS, insbesondere mit deren Abkehr von einem konsequenten Antikriegskurs, identifizieren k\u00f6nne. Die DKP unterst\u00fctzte jedoch einzelne Kandidaten der PDS wegen ihres \"konsequenten Eintretens f\u00fcr Friedensund Sozialpolitik sowie f\u00fcr die Erweiterung demokratischer Rechte\". 2.2.4 Internationale Verbindungen Die DKP f\u00fchrte am 29. und 30. Juni eine internationale Konferenz zum Thema \"Kapitalistische Globalisierung - Alternativen - Gegenbewegungen - Rolle der Kommunistinnen und Kommunisten\" in Berlin durch. 33 Parteien und Organisationen aus 31 L\u00e4ndern - darunter die kommunistischen Parteien aus Australien, den USA, Russland, Vietnam, Kuba und weiteren lateinamerikanischen, asiatischen, afrikanischen und europ\u00e4ischen L\u00e4ndern - nahmen am Meinungsaustausch teil. \u00dcbereinstimmendes Ergebnis sei gewesen, der \"kapitalistischen Globalisierung\" die internationale Solidarit\u00e4t und Zusammenarbeit der Parteien der marxistischen Linken entgegenzustellen. Einer Presseerkl\u00e4rung der DKP vom 3. Juli zufolge h\u00e4tten die Beitr\u00e4ge und Infor-","114 Linksextremismus mationen zu Entwicklungen in der heutigen Welt die Notwendigkeit zu einer verst\u00e4rkten internationalen Zusammenarbeit unterstrichen. Die DKP bewertete die Konferenz als Erfolg. 2.2.5 Umfeld der DKP 2.2.5.1 Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Deutschland Bayern Mitglieder: 9.000 900 Vorsitzender: gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Vorstand mit elf Mitgliedern Gr\u00fcndung: 15.-17.03.1974 Vereinigung mit VVdN-BdA: 03.-05.10.2002 Sitz: Hannover (Bundesgesch\u00e4ftsstelle seit 1996) Publikationen: antifa-rundschau und antifa Die VVN-BdA aus den alten Bundesl\u00e4ndern als bisher schon zahlenm\u00e4\u00dfig st\u00e4rkste Organisation im Spektrum des linksextremistischen Antifaschismus und der in den neuen Bundesl\u00e4ndern gebildete \"Verband ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstandskampf, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener - Bund der Antifaschisten\" (VVdN-BdA) haben sich auf einem Vereinigungskongress vom 3. bis 5. Oktober in Berlin zu einer gemeinsamen Organisation zusammengeschlossen, die den Namen des West-Verbands \u00fcbernommen hat. Rund 200 Delegierte stimmten \"einm\u00fctig\" f\u00fcr die Verschmelzung ihrer Organisationen und w\u00e4hlten einen gemeinsamen gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Vorstand. Dem elfk\u00f6pfigen Vorstand geh\u00f6ren als Sprecher Fred Dellheim, Vorsitzender der fr\u00fcheren VVdN-BdA und Cornelia Kerth, eine der Bundessprecherinnen der vormaligen VVN-BdA (West), an. Im Rahmen des Vereinigungskongresses verabschiedeten die Delegierten unter anderem Antr\u00e4ge zur Festschreibung des Antifaschismus im Grundgesetz und gegen ein milit\u00e4risches Vorgehen der USA im Irak. Ferner billigten sie den Vorschlag, den in den USA in einem umstrittenen Verfahren wegen Mordes an einem Polizisten zum Tode verurteilten Mumia Abu-Jamal als Ehrenmitglied in den Verband aufzunehmen.","Linksextremismus 115 Die von den fusionierten VVN-BdA und VVdN-BdA bisher herausgegebenen Zeitschriften \"antifa-Rundschau\" und \"antifa\" sollen bis zur Jahresmitte 2003 noch getrennt erscheinen, danach ist eine gemeinsame Zeitschrift geplant. Die neu gegr\u00fcndete VVN-BdA bleibt die bundesweit gr\u00f6\u00dfte Organisation im Spektrum des linksextremistischen Antifaschismus. Im Landesverband Bayern der VVN-BdA ist auf Landeswie auf Kreisebene der Einfluss von Linksextremisten, insbesondere aus der DKP, ma\u00dfgeblich. Die Landesvereinigung Bayern unterst\u00fctzte auch weiterhin aus dem linksextremistischen Spektrum initiierte Aktionen. Themenbereiche f\u00fcr die Agitation der VVN-BdA waren der Antikriegstag, der Protest gegen den He\u00df-Gedenkmarsch in Wunsiedel, der Neofaschismus, die Osterm\u00e4rsche, der Rechtsextremismus und die Zwangsarbeiterentsch\u00e4digung. 2.2.5.2 Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) Deutschland Bayern Mitglieder: 350 50 Vorsitzende: Tina Sanders Gr\u00fcndung: 04./05.05.1968 Sitz: Essen Publikation: POSITION Die mit der DKP eng verbundene SDAJ versteht sich als eigenst\u00e4ndige Organisation von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, Studentinnen und Studenten, Auszubildenden und jungen Arbeitenden, die in der Bundesrepublik Deutschland leben, unabh\u00e4ngig von ihrer Herkunft. Die SDAJ k\u00e4mpft nach eigener Darstellung f\u00fcr eine Welt ohne Ausbeutung und Rassismus, f\u00fcr eine Welt, in der die Menschen und nicht die Konzerne das Sagen haben. Als ihre Alternative, f\u00fcr die sie sich im Kampf einsetzt, benennt die SDAJ den Sozialismus. Dieser k\u00f6nne nur durch einen Bruch mit dem kapitalistischen System erreicht werden, nicht allein durch Verbesserungen der bestehenden Verh\u00e4ltnisse. Deshalb sei sie eine antikapitalistische und revolution\u00e4re Organisation. Am 20. und 21. April f\u00fchrte die SDAJ ihren 16. Bundeskongress unter dem Motto \"Fight, Unite, Attack, Win! Die Zukunft muss sozialistisch sein! Wir fordern unsere Rechte!\" mit 100 Delegierten in Essen durch, bei dem ein 29-k\u00f6pfiger Bundesvorstand neu gew\u00e4hlt und Tina Sanders","116 Linksextremismus aus Hamburg als Bundesvorsitzende einstimmig best\u00e4tigt wurde. Gem\u00e4\u00df der vom Bundesvorstand als Leitantrag eingebrachten und nach zahlreichen \u00c4nderungsantr\u00e4gen von den Delegierten beschlossenen Handlungsorientierung sollen die Bereiche Arbeiterjugendpolitik, Sch\u00fclerpolitik und Antimilitarismus die Schwerpunkte der Aktivit\u00e4ten des Verbands in den kommenden zwei Jahren bilden. Zusammen mit sozialistischen Jugendverb\u00e4nden aus ganz Europa will die SDAJ eine Kampagne zum Kampf gegen den Aufbau einer europ\u00e4ischen Interventionsarmee organisieren. 2.3 Linksruck-Netzwerk (Sozialistische Arbeitergruppe - SAG) Deutschland Bayern Mitglieder: 500 40 Gr\u00fcndung: 1993 Sitz: Berlin Publikationen: Linksruck, Sozialismus von unten Die bundesweit als Linksruck-Netzwerk auftretende trotzkistische Gruppierung SAG bezeichnet sich in ihren auch im Internet ver\u00f6ffentlichten \"politischen Grunds\u00e4tzen\" selbst als \"Str\u00f6mung der revolution\u00e4ren Sozialisten\". Als Voraussetzung einer \"endg\u00fcltigen Beseitigung jeder Unterdr\u00fcckung\" betrachtet das Netzwerk die Abschaffung des Kapitalismus und die Einf\u00fchrung einer R\u00e4tedemokratie. Der bayerische Schwerpunkt des Linksruck-Netzwerks befindet sich in M\u00fcnchen. Die Gruppierung organisierte Veranstaltungen und beteiligte sich an Demonstrationen anderer linksextremistischer Gruppierungen sowie des linksextremistisch beeinflussten M\u00fcnchner B\u00fcndnisses gegen Rassismus. Die Themenbereiche Globalisierung, Milit\u00e4reinsatz der USA in Afghanistan und die Beteiligung der Bundeswehr an diesem sowie der \"Konflikt zwischen den USA und dem Irak\" wurden verst\u00e4rkt behandelt. 2.4 M\u00fcnchner B\u00fcndnis gegen Rassismus An dem linksextremistisch beeinflussten M\u00fcnchner B\u00fcndnis gegen Rassismus mit seinen rund 40 Anh\u00e4ngern beteiligen sich linksextremistische Gruppierungen wie die PDS, DKP, der Arbeiterbund f\u00fcr den","Linksextremismus 117 Wiederaufbau der KPD (AB), das Linksruck-Netzwerk, die linksextremistisch beeinflusste Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) und daneben - anlassbezogen - auch demokratische Gruppierungen. Die Leitung bei Treffen und Veranstaltungen oblag meist Aktivisten der linksextremistischen Gruppierungen. Diese zeichneten auch f\u00fcr Flugbl\u00e4tter des B\u00fcndnisses presserechtlich verantwortlich. Das B\u00fcndnis fungierte als Tr\u00e4ger f\u00fcr eine Vielzahl von Aktivit\u00e4ten wie Demonstrationen, Diskussionsveranstaltungen, Flugblattverteilungen, Info-St\u00e4nde und Mahnwachen, zu denen kleinere Gruppen alleine nicht in der Lage gewesen w\u00e4ren. Themenbereiche waren dabei Antirassismus, Antifaschismus sowie die Gegenaktionen zu den von Rechtsextremisten initiierten Demonstrationen gegen die \"Wehrmachtsausstellung\" in M\u00fcnchen (vgl. auch Nummer 3.1.6.2 dieses Abschnitts). Die Organisierung der gegen die 38. M\u00fcnchner Konferenz f\u00fcr Sicherheitspolitik vom 1. bis 3. Februar gerichteten Aktionen bildete den Schwerpunkt der Protestaktivit\u00e4ten. Schon in den vergangenen Jahren hatte das B\u00fcndnis auf der Basis seiner politischen Grundhaltung gegen die allj\u00e4hrlich stattfindende Konferenz f\u00fcr Sicherheitspolitik mobilisiert. F\u00fcr die 38. M\u00fcnchner Konferenz f\u00fcr Sicherheitspolitik, zu der eine Vielzahl von Regierungsvertretern der NATO-Staaten sowie Repr\u00e4sentanten aus dem Milit\u00e4rund R\u00fcstungsbereich erwartet worden waren, zeichnete sich bereits fr\u00fchzeitig ab, dass auf Initiative des B\u00fcndnisses ein weitaus gr\u00f6\u00dferes Potenzial von Protestteilnehmern aktiviert werden w\u00fcrde. So umfasste bereits ein im September 2001 verteiltes Flugblatt, das zu Aktionen gegen die \"M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz\" aufrief, als Erstunterzeichner unter anderem das M\u00fcnchner B\u00fcndnis gegen Rassismus, die autonome Gruppierung \"antifaschistisch k\u00e4mpfen m\u00fcnchen\" (akm), den Kreisverband M\u00fcnchen der DKP, die PDS M\u00fcnchen, den PDS-nahen Jugendverband ['solid], das Linksruck-Netzwerk sowie die linksextremistische Initiative \"Libertad!\", in die Angeh\u00f6rige des ehemaligen Umfelds der RAF integriert sind. Zur Teilnahme an beabsichtigten Protesten wurde unter Zuhilfenahme des Internets auch international mobilisiert. Mit der Vorbereitung und Planung befasste sich das f\u00fcr diesen Zweck ins Leben gerufene B\u00fcnd-","118 Linksextremismus nis gegen die NATO-Sicherheitskonferenz, in das das Anti-NATO-Komitee sowie das B\u00fcndnis gegen die NATO integriert waren. Das B\u00fcndnis gegen die NATO setzte sich aus verschiedenen Personen und Gruppen zusammen, so dem federf\u00fchrenden M\u00fcnchner B\u00fcndnis gegen Rassismus, einzelnen Autonomen und anderen Linksextremisten. Das Anti-NATO-Komitee bestand ausschlie\u00dflich aus Autonomen. Eine Vielzahl inund ausl\u00e4ndischer linksextremistischer und autonomer Gruppierungen k\u00fcndigte ihr Kommen nach M\u00fcnchen an. Die Erkenntnisse des Bayerischen Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz verdichteten sich dahingehend, dass mit der Anreise von bis zu 3.000 gewaltbereiten Demonstrationswilligen nach M\u00fcnchen zu rechnen war, davon allein 1.000 aus dem Ausland. Zudem gab es eine Internet-Ver\u00f6ffentlichung, die den vorgesehenen Weg eines Demonstrationszugs am 2. Februar in der Innenstadt M\u00fcnchens auf einem Auszug eines Stadtplans zeigte. Auf dem Auszug waren potenzielle Zielobjekte f\u00fcr gewaltbereite Gegendemonstranten, wie Beh\u00f6rden, Firmen und eine US-amerikanische Restaurantkette, farbig gekennzeichnet. Aufgrund der sich abzeichnenden Gef\u00e4hrdungslage untersagte am 31. Januar das Kreisverwaltungsreferat der Landeshauptstadt M\u00fcnchen alle f\u00fcr den 1. und 2. Februar angemeldeten Versammlungen und geplanten Demonstrationen sowie Ersatzveranstaltungen. Die Verbote wurden vom Verwaltungsgericht M\u00fcnchen und vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof noch unmittelbar vor Tagungsbeginn best\u00e4tigt. Der Verbotsbereich umfasste das gesamte Stadtgebiet M\u00fcnchens. Das B\u00fcndnis gegen die NATO-Sicherheitskonferenz demonstrierte am 31. Januar gegen das Verbot in der M\u00fcnchner Innenstadt. Daran beteiligten sich etwa 800 Personen, die \u00fcberwiegend dem linksextremistischen Spektrum angeh\u00f6rten. Der Leiter des B\u00fcndnisses, Claus Schreer vom M\u00fcnchner B\u00fcndnis gegen Rassismus, berief f\u00fcr den 1. Februar eine als Pressekonferenz getarnte Versammlung auf dem Marienplatz in M\u00fcnchen ein, an der etwa 1.500 Personen teilnahmen. Die Versammlungsteilnehmer wurden von der Polizei zum Verlassen der \u00d6rtlichkeit aufgefordert. Wegen Nichtbefolgung der Anordnung r\u00e4umte die Polizei den Marienplatz. Die Polizei nahm mehr als 300 Personen in Gewahrsam und knapp 30 Personen fest. Am 2. Februar fanden sich gegen Mittag etwa 1.000 Personen auf dem Marienplatz ein. Die Menge wuchs bis auf etwa 7.000 Personen an. Auf dem Weg zum Marienplatz wurde Claus Schreer, der dort erneut eine \"Pressekonferenz\" anberaumt hatte, von der Polizei bis zum n\u00e4chsten Tag in Unterbindungsgewahrsam genommen. Trotz des Ver-","Linksextremismus 119 sammlungsverbots bildete sich ein Demonstrationszug, der jedoch nach wenigen hundert Metern von den polizeilichen Einsatzkr\u00e4ften gestoppt wurde. Der Polizei, die etwa 500 Personen in Gewahrsam nahm, gelang es, eine Eskalation zu verhindern. In der M\u00fcnchner Innenstadt versuchten rund 200 Gegendemonstranten erfolglos, eine Polizeisperre zu \u00fcberwinden. Anschlie\u00dfend zogen sie durch die Stra\u00dfen und begingen mehrere Straftaten. Aus einer bis zu 50 Personen umfassenden Gruppe heraus wurden Polizeifahrzeuge und andere parkende PKWs besch\u00e4digt. Die Polizei nahm neun Tatverd\u00e4chtige fest; ein Strafverfahren wegen Landfriedensbruch wurde eingeleitet. Am 3. Februar nahm die Polizei wegen Verdachts eines gef\u00e4hrlichen Eingriffs in den Stra\u00dfenverkehr in M\u00fcnchen aufgrund von Hinweisen aus der Bev\u00f6lkerung noch in Tatortn\u00e4he acht Personen mit Kontakten zur \u00f6rtlichen autonomen Szene fest. Nur durch die Zur\u00fcckweisung von mehreren hundert aus dem Inund Ausland anreisenden Demonstranten konnte die Gefahr militanter Aktionen erheblich reduziert werden. Bei Vorkontrollen wurden auch Gasrevolver, Baseballschl\u00e4ger, Gummikn\u00fcppel sowie Sturmhauben sichergestellt. Die massive Pr\u00e4senz der Polizei sowie ihr konsequentes Einschreiten veranlassten anreisende gewaltbereite Demonstranten, von ihren Pl\u00e4nen, Gewalttaten zu begehen, Abstand zu nehmen. Das in einer \"Aktionseinheit\" mit dem Anti-NATO-Komitee, dem M\u00fcnchner Friedensb\u00fcndnis und dem globalisierungs-kritischen Netzwerk ATTAC nunmehr integrierte B\u00fcndnis gegen die NATO-Sicherheitskonferenz erkl\u00e4rte in einem im Mai bekannt gewordenen Text, als gemeinsames B\u00fcndnis kontinuierlich die politische Arbeit fortsetzen zu wollen. Der praktische und inhaltliche Schwerpunkt des B\u00fcndnisses sei die Mobilisierung gegen die n\u00e4chste NATO-Sicherheitskonferenz in M\u00fcnchen im Jahr 2003. Unter der Bezeichnung \"Demonstrationsb\u00fcndnis\" mobilisierten das B\u00fcndnis gegen die NATO-Sicherheitskonferenz, ATTAC und das M\u00fcnchner Friedensb\u00fcndnis bereits im Herbst des Jahres 2002 auch im Internet zur Teilnahme an den beabsichtigten Protesten im Februar 2003. 2.5 Sonstige orthodoxe Kommunisten und andere revolution\u00e4re Marxisten Die teils bundesweit, teils regional t\u00e4tigen sonstigen linksextremistischen Parteien, Organisationen und B\u00fcndnisse entfalteten in Bayern","120 Linksextremismus kaum Au\u00dfenwirkung. Dies gilt insbesondere f\u00fcr die Marxistische Gruppe (MG), die trotz ihres bislang nicht widerrufenen Aufl\u00f6sungsbeschlusses vom Mai 1991 bundesweit mit rund 10.000 Anh\u00e4ngern fortbesteht. Sie verf\u00fcgt in Bayern \u00fcber etwa 4.200 Anh\u00e4nger, von denen nahezu 700 aktiv sind. \u00d6ffentlich trat die MG nur bei regelm\u00e4\u00dfigen GEGENSTANDPUNKT-Diskussionsveranstaltungen in M\u00fcnchen und N\u00fcrnberg in Erscheinung; die Bezeichnung dieser Veranstaltungen geht auf die seit 1992 von f\u00fchrenden MG-Funktion\u00e4ren herausgegebene Zeitschrift \"GEGENSTANDPUNKT\" zur\u00fcck. Die an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t in Erlangen aktive SOZIALISTISCHE GRUPPE ist ebenfalls der MG zuzurechnen. Ferner sind die Gruppierungen Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) und der Arbeiterbund f\u00fcr den Wiederaufbau der KPD (AB) zu nennen. Sie beteiligten sich in Bayern an Demonstrationen, Diskussionsveranstaltungen und anderen Aktionen, wie beispielsweise Flugblattverteilungen. Sie f\u00fchrten Info-St\u00e4nde durch und hielten Mahnwachen ab. Schwerpunkte ihrer Agitation waren die Themenbereiche Faschismus/Rassismus. Weitere linksextremistische und linksextremistisch beeinflusste Organisationen, die dem Bereich \"Marxisten-Leninisten und andere revolution\u00e4re Marxisten\" zuzurechnen sind, werden in Nummer 4 dieses Abschnitts aufgef\u00fchrt. 3. Gewaltorientierte Linksextremisten 3.1 Autonome Gruppen Deutschland Bayern Angeh\u00f6rige: \u00fcber 5.500 450 Gr\u00fcndung: Ende der 70er Jahre Struktur: meist themenbezogene Zusammenschl\u00fcsse, die \u00fcberwiegend lokalen Charakter aufweisen Publikationen: Szenebl\u00e4tter, z.B. INTERIM (Berlin); auf lokaler Ebene unter anderem barricada (N\u00fcrnberg) 3.1.1 \u00dcberblick Die gewaltbereiten Autonomen bedrohen weiterhin die Innere Sicherheit in Deutschland. Wie in den Vorjahren waren Autonome f\u00fcr die","Linksextremismus 121 meisten der linksextremistisch motivierten Gewalttaten verantwortlich. Ziel der Autonomen ist die gewaltsame Zerschlagung des Staates und die Errichtung einer \"herrschaftsfreien Gesellschaft\". Diesem Ziel versuchen sie \u00fcber eine Reihe von Aktionsthemen n\u00e4her zu kommen. Dabei nutzen sie aktuelle politische Themen f\u00fcr ihre Zwecke. Durch geschickte Agitation versuchen sie, auch demokratische Protestbewegungen f\u00fcr ihren Kampf gegen den Staat zu mobilisieren. \"Antifaschismus\" ist f\u00fcr die Autonomen in Bayern nach wie vor das vorrangige Agitationsund Aktionsfeld. Zus\u00e4tzlich besch\u00e4ftigen sich Autonome verst\u00e4rkt mit dem Themenfeld \"Anti-Globalisierung\". Nach dem NATO-Einsatz in Afghanistan und vor dem Hintergrund eines m\u00f6glichen milit\u00e4rischen Eingreifens im Irak werden auch der \"Antiimperialismus\" und die Beteiligung der Bundeswehr an Milit\u00e4raktionen wieder verst\u00e4rkt von Angeh\u00f6rigen der autonomen Szene aufgegriffen. Dagegen spielten andere Themenfelder, wie die Asyl-, Ausl\u00e4nderund Fl\u00fcchtlingspolitik (\"Antirassismus\") und die Kernenergie (\"Anti-Atomkraft\") in der politischen Agitation eine eher untergeordnete Rolle. Besorgniserregend ist eine Strategiedebatte um terroristische Gewalt vor allem in Kreisen Berliner Autonomer. Linksextremistische Strukturen mit terroristischer Zielsetzung sind in Bayern derzeit nicht feststellbar. 3.1.2 Ideologische Ausrichtung und Aktionsformen Autonome haben kein einheitliches ideologisches Konzept. Sie folgen unklaren anarchistischen und anarchokommunistischen Vorstellungen. Die einzelnen Gruppen bilden sich meist \u00fcber Aktionsthemen. Einig sind sich die Autonomen in der Ablehnung von Staat und Gesellschaft. Ihr Ziel ist die gewaltsame Abschaffung des Staates und seiner Institutionen, um an seiner Stelle eine \"herrschaftsfreie Gesellschaft\" zu errichten. Das provozierende Auftreten der Autonomen in der \u00d6ffentlichkeit, ihre staatsfeindliche Haltung, die Ablehnung gesellschaftlicher Normen und Werte, aber auch das Bejahen von Gewalt zur Durchsetzung ihrer Forderungen und Ziele kommen der Protesthaltung mancher junger Menschen entgegen, vor allem, wenn diese mit Problemen im Elternhaus oder in der Schule bzw. Ausbildung konfrontiert werden. Angeh\u00f6rige bzw. Aktivisten der Auto-","122 Linksextremismus nomen unterscheiden sich soziologisch kaum von anderen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Sie sind in der Regel Sch\u00fcler, Studenten und Auszubildende. Autonome machen den Ablauf ihrer Demonstrationen prim\u00e4r von der Einsch\u00e4tzung der Durchsetzbarkeit und des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses gegen\u00fcber der Polizei abh\u00e4ngig. Rechtsextremistischen Versammlungen begegnen Autonome nach wie vor mit einer hohen Aggressivit\u00e4t und der Bereitschaft, auch Gewalttaten zu ver\u00fcben. Die Autonomen f\u00fchren dabei meist keine eigenen \u00f6ffentlichen Veranstaltungen durch (\"Minimalkonzept\"). Sie mischen sich stattdessen unter die Teilnehmer anderer Gegenveranstaltungen. Die Formierung von so genannten Schwarzen Bl\u00f6cken bei Demonstrationen als Symbol f\u00fcr militanten Antifaschismus ist nur noch vereinzelt festzustellen. Die zeitweilige Differenzierung zwischen Gewalt gegen Personen und Gewalt gegen Sachen wird zunehmend aufgegeben. Die K\u00f6rperverletzungsdelikte von Linksextremisten gegen \"Rechte\" oder vermeintlich \"Rechte\" zeigen, dass die Autonomen Gewaltanwendung gegen politische Gegner als legitimes Mittel ansehen. 3.1.3 Strukturen Insgesamt geh\u00f6ren den autonomen Strukturen in Bayern - wie im Vorjahr - knapp 450 Personen an. Im Jahr 2002 traten in Bayern besonders die autonomen Gruppierungen \"Organisierte Autonomie\" (N\u00fcrnberg), \"red action n\u00fcrnberg\", \"antifaschistisch k\u00e4mpfen (m\u00fcnchen)\", \"Antifaschistische Aktion M\u00fcnchen\", und \"a.l.d.e.n.t.e. - autonome gruppe mit biss\" (Augsburg) in Erscheinung. \u00d6rtliche Schwerpunkte der Autonomen in Bayern sind nach wie vor die Gro\u00dfr\u00e4ume N\u00fcrnberg/Erlangen/F\u00fcrth und M\u00fcnchen. W\u00e4hrend die Szene in N\u00fcrnberg/Erlangen/F\u00fcrth einen leichten Anstieg auf etwa 160 Anh\u00e4nger verzeichnen konnte, blieb die Zahl der Autonomen in der Landeshauptstadt M\u00fcnchen mit etwa 130 Personen personell konstant. Die autonome Szene in N\u00fcrnberg formiert sich um das \"Stadtteilzentrum Schwarze Katze\" und die Anlaufstelle \"DESI\". F\u00fcr die M\u00fcnchner Autonomen spielt nach wie vor der autonome \"Infoladen\" in der Breisacherstra\u00dfe eine wesentliche Rolle. Daneben bestehen autonome Gruppierungen unter anderem in Augsburg, Bayreuth, Neu-Ulm, Sulzbach-Rosenberg, Rosenheim und W\u00fcrzburg.","Linksextremismus 123 Autonome in Bayern 2002 Coburg* (Schwerpunkte) Aschaffenburg* Bamberg* Bayreuth W\u00fcrzburg ca. 15 N\u00fcrnberg/ ca. 20 Erlangen/ F\u00fcrth Sulzbach-Rosenberg ca. 20 ca. 160 - Organisierte Autonomie - Autonome Jugend Antifa Angeh\u00f6rige der autonomen Szenen Regensburg* Autonome PersonenIngolstadt* zusammenh\u00e4nge (nicht abschlie\u00dfend) Passau* Landshut* *) Neu-Ulm* Augsburg Autonome ca. 25 Kleinstgruppen a.l.d.e.n.t.e. M\u00fcnchen ca. 130 - Antifaschistische Aktion M\u00fcnchen - antifaschistisch k\u00e4mpfen m\u00fcnchen Rosenheim* Auch aus anderen St\u00e4dten wurden Aktivit\u00e4ten der autonomen Szene bekannt; dort gibt es meist nur Kleinund Kleinstgruppen. Autonome Personenzusammenh\u00e4nge in Bayern mit Schwerpunkt Antifaschismus zeigen eine hohe Bereitschaft zur Organisierung. Obwohl die Organisierungsfrage besonders im autonomen Spektrum sehr umstritten ist, da sie dem urspr\u00fcnglichen autonomen Selbstverst\u00e4ndnis entgegensteht, geht der Trend von anonymen Kleingruppen hin zu einer st\u00e4rkeren Organisierung mit unterschiedlichen Auspr\u00e4-","124 Linksextremismus gungen. Dadurch sollen Handlungsf\u00e4higkeit, Effektivit\u00e4t und Kontinuit\u00e4t autonomer Politik verbessert werden. Die urspr\u00fcngliche Ablehnung jeglicher Organisationsformen und verbindlicher Strukturen haben die Autonomen damit gr\u00f6\u00dftenteils aufgegeben. Seit 1998 spiegelt das \"Antifaschistische Aktionsb\u00fcndnis Bayern\" (AABB) die Vernetzungsbem\u00fchungen von verschiedenen autonomen Gruppierungen in Bayern wider. Es dient vor allem dazu, den \"antifaschistischen Widerstand\" in Bayern zu festigen und auszubauen. Die gemeinsamen Treffen der an diesem B\u00fcndnis teilnehmenden autonomen Antifa-Gruppierungen bilden die Grundlage f\u00fcr die Koordinierung der politischen Agitation und der bayernweiten Kampagnen, wie beispielsweise die Aktivit\u00e4ten gegen den rechtsextremistischen \"Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsch\" am 17. August in Wunsiedel. 3.1.4 Informationelle Vernetzung Einige der autonomen Zusammenh\u00e4nge in Bayern sind als Mitgliedsgruppen des bayernweiten autonomen B\u00fcndnisses AABB in den Informationsaustausch autonomer Gruppierungen eingebunden. F\u00fcr den lokalen, \u00fcberregionalen und internationalen Informationsaustausch verwenden Autonome dar\u00fcber hinaus Szenepublikationen, Info-L\u00e4den, Szenelokale sowie verdeckte informelle Strukturen, wie Telefonketten. Info-L\u00e4den dienen dem autonomen Spektrum nicht nur als zentrale Informations-, Kommunikationsund Anlaufstellen, sondern tragen auch zur Verbreitung und Koordinierung autonomer Aktivit\u00e4ten bei und haben wesentlichen Einfluss auf die Mobilisierungsf\u00e4higkeit der Szene. In Bayern bestehen Info-L\u00e4den unter anderem in M\u00fcnchen, N\u00fcrnberg, Augsburg und Landshut. Bei bundesweiten Info-Laden-Vernetzungstreffen wird \u00fcber \"Konzepte und Perspektiven\", aber auch \u00fcber \"K\u00e4mpfe und Widerstandsformen\" diskutiert. Um die Vernetzung und den Austausch der Info-L\u00e4den untereinander zu f\u00f6rdern, wurden \"zentrale Internet-Seiten\" eingerichtet. Die autonome Szene nutzt intensiv das Internet als Kommunikationsmittel und sieht in den entsprechenden Verschl\u00fcsselungssystemen ein geeignetes Instrument gegen staatliche Kontrolle. Es werden, zum Teil \u00fcber ausl\u00e4ndische Anbieter, aktuelle Termine, Nachrichten, Diskussionsbeitr\u00e4ge und Publikationen mit teilweise strafbarem Inhalt","Linksextremismus 125 verbreitet. Die Beitr\u00e4ge umfassen auch Selbstdarstellungen autonomer Zusammenschl\u00fcsse, wie z.B. der Gruppierungen \"red action n\u00fcrnberg\" und \"Antifaschistische Aktion Ulm/Neu-Ulm\". 3.1.5 Autonome Publikationen Trotz der steigenden Attraktivit\u00e4t der modernen elektronischen Medien haben die klassischen Publikationen nach wie vor gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr die autonome Szene. Im Bundesgebiet gibt es \u00fcber 50 dieser Szenepublikationen, in denen Diskussionspapiere, Aufrufe zu Veranstaltungen, Selbstbezichtigungsschreiben und andere Beitr\u00e4ge ver\u00f6ffentlicht werden. Die Beitr\u00e4ge spiegeln die aktuellen Diskussionen und Aktionen der Autonomen wider. Bundesweite Bedeutung haben dabei nur wenige Schriften, darunter insbesondere die in Berlin erscheinende \"INTERIM\". Die Mehrzahl der Publikationen hat dagegen einen vorrangig regionalen Verbreitungskreis, wie die in Bayern erscheinenden Druckwerke. Erw\u00e4hnenswert sind regelm\u00e4\u00dfige Schriften wie \"barricada - zeitung f\u00fcr autonome politik und kultur\" (N\u00fcrnberg), \"Grossraumzeitung - N\u00fcrnberg/Erlangen/F\u00fcrth\", \"Out of Control\" (M\u00fcnchen), \"Pro.K - Zeitung des revolution\u00e4ren Aufbau M\u00fcnchen\" und \"Antifaschistische Autonome ArbeiterInnen Info Zeitung\" (Landshut). Die Publikationen werden oft konspirativ hergestellt und verbreitet. Neben der Berichterstattung \u00fcber autonome Aktivit\u00e4ten sch\u00fcren die Schriften vor allem den Hass gegen die Staatsund Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland. Sie enthalten ferner unverhohlene Aufforderungen und Anleitungen zu Gewalttaten, unter anderem gegen Rechtsextremisten und deren Einrichtungen. 3.1.6 Schwerpunktthemen und Aktionen Schwerpunktthemen waren im Jahr 2002 \"Antifaschismus\", \"Anti-Globalisierung\" und \"Antiimperialismus\". \"Antirassismus\" und \"Anti-Atomkraft\" hatten dagegen geringere Bedeutung. Auch die Debatte \u00fcber","126 Linksextremismus eine Neuorientierung der autonomen Szene in Deutschland wurde fortgef\u00fchrt. 3.1.6.1 Strategiedebatte - neue Gewaltdiskussion In der gewaltbereiten linksextremistischen Szene dauert die \"Militanzdebatte\" an. Seit Jahren diskutieren unterschiedliche autonome Gruppierungen, mit dem Ziel die bisher im autonomen Spektrum weitgehend vorherrschende Trennung zwischen der akzeptierten \"Gewalt gegen Sachen\" und der au\u00dferhalb der antifaschistisch orientierten Gruppen eher abgelehnten \"Gewalt gegen Personen\" zu \u00fcberwinden. \"Verantwortliche des Herrschaftssystems\" wie Polizisten, Politiker, Milit\u00e4rangeh\u00f6rige und f\u00fchrende Repr\u00e4sentanten von Wirtschaftsund Finanzunternehmen sollen wieder Ziel von Angriffen werden. Die theoretische Diskussion wird auch von Anschl\u00e4gen zumeist in Form von Brandanschl\u00e4gen begleitet. Diese - schwerpunktm\u00e4\u00dfig im Berliner Raum begangenen - Straftaten richteten sich bisher gegen staatliche Geb\u00e4ude und Fahrzeuge von Gro\u00dfunternehmen. In der Berliner Szenepublikation \"INTERIM\" erschienen einige Diskussionspapiere autonomer Gruppen, aus denen eine \u00fcberwiegend positive Reaktion auf die bis dahin publizierten Papiere und die begangenen Anschl\u00e4ge deutlich wurde. Teile der autonomen Szene haben Interesse an einer konstruktiven Diskussion um die Fortentwicklung \"militanter Politik\". So enthielt die \"INTERIM\", Nummer 542 vom 24. Januar, ein Diskussionspapier einer autonomen Gruppe aus Magdeburg. Die Verfasser sprechen sich f\u00fcr eine \u00dcberwindung der bisherigen \"autonomen Kleingruppenmilitanz\" aus sowie daf\u00fcr, langfristig eine \"neue militante Organisierung\" in Deutschland zu etablieren. Damit werden nicht nur gemeinsame politisch-inhaltliche Vorstellungen gefordert, sondern vielmehr ein organisatorischer Rahmen f\u00fcr gewaltbereite Gruppen. Nach dem Vorbild der ehemaligen linksterroristischen Strukturen \"Revolution\u00e4re Zellen\" (RZ) und \"Bewegung 2. Juni\" solle ein Organisationsgeflecht autonomer Gruppen entstehen, die eigenst\u00e4ndig aus der Legalit\u00e4t heraus militante Aktionen durchf\u00fchren sollen. Entscheidend dabei sei die Vermittelbarkeit derartiger Aktionsformen und die Verankerung in den regionalen Spektren. In der \"INTERIM\", Nummer 550 vom 9. Mai, f\u00fchrt die in Berlin aktive und ma\u00dfgeblich an dieser Diskussion beteiligte \"militante gruppe","Linksextremismus 127 (mg)\" unter dem Titel \"F\u00fcr einen revolution\u00e4ren Aufbauprozess - f\u00fcr eine militante Plattform\" aus: \"Exekutionen von Entscheidungstr\u00e4gerInnen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sind sowohl aus logistischer als auch aus repressionstechnischen Gr\u00fcnden erst w\u00e4hrend einer l\u00e4ngeren intensiven Diskussion unter uns zu entscheiden. Nicht zuletzt ist die Methode des bewaffneten Kampfes (d.h. vorrangig die T\u00f6tung von Repr\u00e4sentanten und Funktionstr\u00e4gern) Ergebnis der strategischen Linie unseres revolution\u00e4ren Projekts und der Einsch\u00e4tzung der gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Die Erkenntnis der Notwendigkeit einer Bewaffnung unserer Struktur ist der eine Aspekt, die konkrete Aufnahme des bewaffneten Kampfes ein anderer. D.h., da\u00df die Schaffung einer logistischen Basis eines potentiellen bewaffneten Kampfes nicht unmittelbar mit deren Nutzung zusammenf\u00e4llt. Entscheidend ist allerdings, da\u00df wir diese logistische Basis als einen integralen Bestandteil eines komplexen revolution\u00e4ren Aufbauprozesses betrachten.\" Zu einem Brandanschlag am 24. September auf Fahrzeuge eines Autohauses in Berlin ver\u00f6ffentlichten militante Linksextremisten in der \"INTERIM\", Nummer 558 vom 10. Oktober, ein Selbstbezichtigungsschreiben. Darin wird Bezug genommen auf die \"Militanzdebatte\". Die Verfasser betonen die Notwendigkeit der internationaIistischen und antiimperialistischen Ausrichtung eines \"revolution\u00e4ren Aufbauprozesses\" und propagieren einen Bezug zu linken Terrororganisationen im Ausland, wie den \"Roten Brigaden/F\u00fcr den Aufbau der K\u00e4mpfenden Kommunistischen Partei\" in Italien. 3.1.6.2 Antifaschismus Im Mittelpunkt der Aktivit\u00e4ten autonomer Gruppen in Bayern standen wie im Vorjahr Proteste und Aktionen gegen rechtsextremistische Veranstaltungen, aber auch gezielte Angriffe gegen einzelne tats\u00e4chliche und vermeintliche Rechtsextremisten. Von den 21 in Bayern ver\u00fcbten Gewalttaten entfallen 16 auf diesen Bereich. Linksextremisten sp\u00e4hen ihre politischen Gegner ebenso wie Rechtsextremisten gezielt aus und ver\u00f6ffentlichen seit Jahren entsprechende \"Steckbriefe\" in ihren Publikationen. Gerade im Rahmen des Antifaschismus betreiben Autonome in Bayern eine nach wie vor rege B\u00fcndnispolitik. Neben kontinuierlich","128 Linksextremismus arbeitenden \"Aktionsb\u00fcndnissen\" auf zumeist lokaler bzw. regionaler Ebene \u00fcberwiegend mit linksextremistischen Gruppierungen und Parteien wie in Augsburg und N\u00fcrnberg gibt es auch anlassbezogene B\u00fcndnisse, in denen h\u00e4ufig auch demokratische Gruppen und Institutionen mitarbeiten. Diese anlassbezogenen B\u00fcndnisse dienen prim\u00e4r der Vorbereitung und Koordinierung von Demonstrationen, Versammlungen, Mahnwachen, Informationsst\u00e4nden und anderen Veranstaltungen gegen rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten. Derzeit gelingt es der autonomen antifaschistischen Szene nur schwer, derartige B\u00fcndnisveranstaltungen zu dominieren. Autonome beteiligten sich unter anderem an folgenden antifaschistischen Aktivit\u00e4ten in Bayern: In M\u00fcnchen waren mehrere Informationsst\u00e4nde der rechtsextremistischen NPD unter anderem am 12. Januar, 19. Januar und 27. April Ziel heftiger Angriffe. Die teilweise bis zu 150 Gegendemonstranten, darunter auch Autonome, versuchten, die Informationsst\u00e4nde mit Gewalt zu st\u00fcrmen bzw. den Zugang zu blockieren. Dabei wurden insgesamt sieben Gewalttaten wie Landfriedensbruch, K\u00f6rperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ver\u00fcbt. Polizeibeamte wurden insbesondere am 12. Januar mit Eiern, Schneeb\u00e4llen und Bierdosen beworfen. Auch Kundgebungen von Rechtsextremisten am 1. Mai, die in den letzten Jahren zugenommen haben, waren bundesweit Ziel gewaltt\u00e4tiger Protestaktionen von Linksextremisten. Traditionell besitzt der 1. Mai f\u00fcr Linksextremisten eine erhebliche symbolische Bedeutung; sie empfinden daher Veranstaltungen von Rechtsextremisten an diesem Tag als besondere Provokation. Protestdemonstrationen von Linksextremisten in Berlin, Dresden, G\u00f6ttingen, Ludwigshafen, Mannheim, Frankfurt am Main und in F\u00fcrth belegen dies. So stellten sich etwa 3.000 Gegendemonstranten, darunter auch Angeh\u00f6rige linksextremistischer Gruppierungen und Organisationen sowie gewaltbereite Autonome, den etwa 350 Teilnehmern der NPD-Veranstaltung in F\u00fcrth entgegen. Teilnehmer dieser Kundgebung wurden von Gegendemonstranten bereits auf dem Anmarschweg mit Steinen und Eiern beworfen. Gegendemonstranten versuchten Polizeiabsperrungen zu \u00fcberwinden, wurden aber von Einsatzkr\u00e4ften der Polizei abgedr\u00e4ngt. Einzelne Gewaltt\u00e4ter warfen Flaschen, Dosen und schossen mit Stahlkugeln. Die Rede des bayerischen NPD-Landesvorsitzenden Ralf Ollert wurde lautstark massiv gest\u00f6rt.","Linksextremismus 129 Am 17. August demonstrierten rund 2.500 Rechtsextremisten aus dem NPDund Neonazispektrum zum Gedenken an den 15. Todestag des ehemaligen Hitler-Stellvertreters Rudolf He\u00df in Wunsiedel/Oberfranken. An Protestaktionen gegen den Aufmarsch der Rechtsextremisten nahmen etwa 500 Personen teil, darunter etwa 250 bis 300 Linksextremisten. Das \"Antifaschistische Aktionsb\u00fcndnis Bayern\" (AABB) hatte im Internet seit mehreren Monaten unter dem Motto \"Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsch stoppen! Kein Friede mit Deutschland!\" zu einer Protestdemonstration am 17. August in Wunsiedel mobilisiert. Am Morgen des 17. August bauten unter anderem PDS, Linksruck und Autonome Informationsst\u00e4nde in Wunsiedel auf. Die gemeinsam von linksextremistischen und demokratischen Gruppierungen veranstaltete Protestdemonstration unter dem Motto \"Wunsiedel ist bunt, nicht braun!\", an der sich etwa 500 Personen beteiligten, begann am fr\u00fchen Nachmittag. Angeh\u00f6rige der autonomen Szene versuchten vom vorgeschriebenen Demonstrationsweg abzuweichen und Teilnehmer des rechtsextremistischen \"Trauermarsches\" anzugreifen. Die Polizei verhinderte gewaltt\u00e4tige Aktionen. Gegen die vom 8. Oktober bis 24. November in M\u00fcnchen gezeigte Wanderausstellung \"Verbrechen der Wehrmacht, Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 - 1944\" des Hamburger Instituts f\u00fcr Sozialforschung f\u00fchrten Rechtsextremisten aus dem neonazistischen Spektrum der \"Freien Nationalisten\" verschiedene Protestveranstaltungen durch. Etwa 3.000 Gegendemonstranten unter gro\u00dfer Beteiligung linksextremistischer, autonomer Kr\u00e4fte stoppten am 12. Oktober den Aufzug von etwa 1.000 Rechtsextremisten durch Blockadeaktionen nach nur wenigen hundert Metern. Nachdem die Zahl der Gegendemonstranten innerhalb kurzer Zeit von anf\u00e4nglich etwa 500 Personen stark zugenommen hatte, brach die Polizei die R\u00e4umung der Blockade ab, so dass die rechtsextremistische Demonstration nicht mehr fortgesetzt werden konnte. Die Teilnehmer mussten durch starke Polizeikr\u00e4fte von den Gegendemonstranten getrennt gehalten werden, um Gewalttaten zu verhindern. W\u00e4hrend der Dauer der \"Wehrmachtsausstellung\" hielten Rechtsextremisten w\u00f6chentlich weitere kleinere Protestkundgebungen auf dem","130 Linksextremismus Marienplatz und Stachus ab, die jeweils von Gegnern - darunter auch Autonome - mit Sprechch\u00f6ren und Pfiffen lautstark gest\u00f6rt wurden. Den Abschluss der rechtsextremistischen Protestaktionen gegen die \"Wehrmachtsausstellung\" stellte eine zun\u00e4chst als \"Sternmarsch\" geplante Demonstration am 30. November in M\u00fcnchen dar, zu der sich an diesem Tag aber nur etwa 100 Rechtsextremisten einfanden. Dagegen protestierten rund 1.000 Personen, darunter auch ein gro\u00dfer Teil Linksextremisten. Nach einer halbst\u00fcndigen zentralen Kundgebung auf dem Odeonsplatz zog ein Gro\u00dfteil der Gegendemonstranten in Richtung des erwarteten rechtsextremistischen Zugweges. Nur durch ein gro\u00dfes Polizeiaufgebot konnten Blockadeaktionen verhindert werden, so dass die Demonstration der Rechtsextremisten wie geplant durchgef\u00fchrt werden konnte. Begleitet wurde deren Aufzug durch lautstarke Sprechch\u00f6re der Gegendemonstranten. 3.1.6.3 Anti-Globalisierungs-Proteste Die gewaltt\u00e4tigen Proteste eines gro\u00dfen Teils der rund 50.000 Demonstranten gegen die Tagung der Welthandelsorganisation im November 1999 im amerikanischen Seattle wirkten als Initialz\u00fcndung f\u00fcr gewaltbereite Globalisierungs-Gegner, die danach einige internationale Gipfeltreffen mit massiven Krawallen \u00fcberzogen haben. Auch deutsche Linksextremisten beteiligen sich an entsprechenden Aktionen. Nach Seattle protestierten Globalisierungs-Gegner aus verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern im September 2000 gegen die Tagung des Internationalen W\u00e4hrungsfonds und der Weltbank in Prag, gegen den EU-Gipfel im Juni 2001 in G\u00f6teborg und im Juli 2001 gegen den G-8-Gipfel in Genua. In Genua demonstrierten rund 150.000 Globalisierungs-Gegner, darunter mehrere tausend Militante. Dabei kam es zu schweren Krawallen, bei denen auch ein Demonstrant zu Tode kam. Genua stellte nicht nur einen H\u00f6hepunkt der Anti-Globalisierungs-Proteste dar, sondern vielmehr auch einen Wendepunkt. Das gem\u00e4\u00dfigtere Spektrum innerhalb der Anti-Globalisierungs-Bewegung geht \u00fcberwiegend auf Distanz zum gewaltbereiten Teil. Au\u00dferdem ist es durch eine starke Polizeipr\u00e4senz, eine bessere Ausr\u00fcstung, eine effektivere Einsatzplanung und strenge Grenzkontrollen den europ\u00e4ischen Sicherheitsbeh\u00f6rden weitgehend gelungen, gewaltbereite St\u00f6rer von Protesten gegen internationale Tagungen und Gipfeltreffen abzuhalten. Dadurch beteiligten sich auch bayerische Linksextremisten dieses Jahr weniger an Anti-Globalisierungs-Protesten im Ausland.","Linksextremismus 131 Dennoch gelang es auch danach militanten Globalisierungs-Gegnern, in gr\u00f6\u00dferem Umfang Gewalttaten bei internationalen Ereignissen durchzuf\u00fchren. So kam es anl\u00e4sslich des EU-Gipfels im M\u00e4rz im spanischen Barcelona nach einer zun\u00e4chst friedlich verlaufenden Gro\u00dfdemonstration von rund 250.000 Personen unter dem Motto \"Gegen ein Europa des Kapitals\" zu massiven Auseinandersetzungen mit der Polizei und zu hohem Sachschaden. 3.1.6.4 Antiimperialismus Die im Oktober 2001 von den USA unter ma\u00dfgeblicher Beteiligung der NATO durchgef\u00fchrten milit\u00e4rischen Ma\u00dfnahmen in Afghanistan und eine drohende milit\u00e4rische Auseinandersetzung mit dem Irak haben dem linksextremistischen, autonomen Spektrum ein neues Agitationsfeld er\u00f6ffnet. Linksextremisten spekulieren dabei auf eine gro\u00dfe mobilisierungsf\u00e4hige Friedensbewegung bis zu demokratischen und kirchlichen Organisationen und die Angst der Menschen vor Terror und Krieg. Das Aktionsfeld \"Antiimperialismus\" bekommt damit wieder eine verst\u00e4rkte Bedeutung f\u00fcr linksextremistische, autonome Zusammenh\u00e4nge. Es gelang Linksextremisten, ihrem Spektrum einen argumentativen Zusammenhang zwischen \"Anti-Globalisierung\" und \"Antiimperialismus\" aufzuzeigen - nach der Kurzformel: \"Die NATO und damit die hinter ihr stehende F\u00fchrungsmacht USA sichern das Funktionieren des globalisierten Kapitalismus milit\u00e4risch ab und vergr\u00f6\u00dfern mit milit\u00e4rischen Mitteln dessen Einflussbereich.\" Diese neue Ausrichtung kam zum ersten Mal in gr\u00f6\u00dferem Stil bei den Aktivit\u00e4ten gegen die 38. M\u00fcnchner Konferenz f\u00fcr Sicherheitspolitik im Februar zum Vorschein, bei der sich eine Vielzahl von internationalen Regierungsvertretern der NATO-Staaten und Repr\u00e4sentanten aus dem Milit\u00e4rund R\u00fcstungsbereich trafen (vgl. auch Nummer 2.4 dieses Abschnitts). 3.1.6.5 Weitere Aktionen Wie in den Vorjahren ver\u00fcbten Gewaltt\u00e4ter am \"Revolution\u00e4ren 1. Mai\" in Berlin schwere Straftaten. An den Gewalttaten beteiligten sich neben zahlreichen Aktivisten der autonomen und antiimperialis-","132 Linksextremismus tischen Szene Berlins auch Linksextremisten aus anderen Bundesl\u00e4ndern sowie \"unpolitische\" jugendliche Chaoten. Aus Bayern nahmen nur wenige Autonome teil. Die Polizei nahm mehr als 150 Personen fest. 163 Polizeibeamte wurden verletzt. Durch die massiven Ausschreitungen in Berlin entstand ebenso wie in den Vorjahren erheblicher Sachschaden. Es wurden Fahrzeuge in Brand gesetzt, ein Supermarkt gepl\u00fcndert und Scheiben eingeworfen. Polizeibeamte wurden mit Steinen und Flaschen beworfen und angegriffen. Bayerische Autonome konzentrierten sich vorwiegend auf die autonome 1.-Mai-Veranstaltung in N\u00fcrnberg bzw. die Protestkundgebung gegen die NPD-Veranstaltung in F\u00fcrth. Die \"Revolution\u00e4re 1.-Mai-Demo\" in N\u00fcrnberg verlief weitgehend st\u00f6rungsfrei. Die etwa 250 Teilnehmer beendeten die Kundgebung nach etwa 30 Minuten und versuchten in mehreren Gruppen mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln nach F\u00fcrth zu gelangen, um an der Protestkundgebung gegen die NPD-Veranstaltung teilzunehmen (vgl. auch Nummer 3.1.6.2 dieses Abschnitts). 3.1.6.6 Einflussnahme auf die Antikernkraftbewegung Das Thema Antikernkraft hat bei den Autonomen in Bayern derzeit eine eher geringe Bedeutung. Deshalb verlief der am 15./16. Mai durchgef\u00fchrte Transport von abgebrannten Brennelementen f\u00fcr Kernkraftwerke in die Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague/Frankreich und Sellafield/Gro\u00dfbritannien, bei dem auch Brennelemente aus einem bayerischen Kernkraftwerk transportiert wurden, in Bayern weitgehend st\u00f6rungsfrei. Im Vorfeld des Transports versuchten unbekannte T\u00e4ter im Raum M\u00fcnchen am 4. und 5. Mai vergeblich, Oberleitungen an Bahnstrecken durch darauf angebrachte Gegenst\u00e4nde zu zerst\u00f6ren. Der zweite Castor-Transport vom 11. bis 14. November f\u00fchrte vom franz\u00f6sischen La Hague zum Zwischenlager Gorleben/Niedersachsen. Im nieders\u00e4chsischen Wendland wurde der Transport durch Blockaden und weitere Aktionen von Kernkraftgegnern mehrfach verz\u00f6gert. Im Vorfeld des Transportes fanden seit Ende Oktober vor allem im Wendland verschiedene Protestveranstaltungen statt, bei denen es zu Stra\u00dfenunterh\u00f6hlungen und Angriffen auf Einsatzkr\u00e4fte der Polizei, unter anderem durch Verspritzen von Butters\u00e4ure, gekommen war. Unmittelbar vor Beginn des Transports nahmen die Gewaltt\u00e4tigkeiten seitens der Atomkraftgegner an Intensit\u00e4t zu. In Bayern griffen","Linksextremismus 133 Autonome aus N\u00fcrnberg den Castor-Transport nach Gorleben lediglich thematisch auf. In der November-Ausgabe der Szenepublikation \"barricada\" wird unter der \u00dcberschrift \"Castor Alarm\" auf die Vorbereitungen der Castor-Gegner in Niedersachsen hingewiesen. 3.2 Gewalttaten in Bayern Bundesweit wurden 371 Gewalttaten mit linksextremistischer Motivation gegen\u00fcber 750 Gewalttaten im Jahr 2001 erfasst. Die Zahl der Gewalttaten von Linksextremisten in Bayern ist im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls erheblich zur\u00fcckgegangen. Insgesamt wurden in Bayern 21 (2001: 39) linksextremistisch motivierte Gewalttaten begangen. Der Anteil Bayerns an diesen Straftaten in Deutschland betr\u00e4gt 5,6 %. In 16 F\u00e4llen war der \"Antifaschismus\" Motiv f\u00fcr die von Linksextremisten in Bayern ver\u00fcbten Gewalttaten. Sie stehen im Zusammenhang mit Aktivit\u00e4ten gegen Versammlungen rechtsextremistischer Organisationen, insbesondere der NPD, und Angriffen gegen tats\u00e4chliche oder vermeintliche Rechtsextremisten. So griff ein Linksextremist am 16. Januar vor dem Wahlamt in N\u00fcrnberg den Verantwortlichen einer Flugblattverteilaktion der NPD zum Thema \"Ausl\u00e4nderstopp\" t\u00e4tlich an. Er versetzte ihm einen Faustschlag ins Gesicht. Hinzugekommene Autonome traktierten das am Boden liegende Opfer anschlie\u00dfend mit F\u00fc\u00dfen. Der Verletzte musste im Krankenhaus ambulant behandelt werden. Bei t\u00e4tlichen Auseinandersetzungen zwischen Linksund Rechtsextremisten anl\u00e4sslich einer NPD-Mahnwache am 13. April in Erlangen erlitt ein NPD-Anh\u00e4nger Gesichtsverletzungen. Im Zusammenhang mit der NPD-Kundgebung am 1. Mai in F\u00fcrth wurden insgesamt drei linksextremistische Gewaltdelikte bekannt. Ein der anarchistischen Szene zuzurechnender T\u00e4ter z\u00fcndete einem mutma\u00dflichen NPD-Teilnehmer in der U-Bahn den Pullover an. Eine weitere Szeneangeh\u00f6rige trat dem Opfer in den Unterleib. In N\u00fcrnberg griffen mehrere der anarchistischen Szene zuzurechnende Personen einen vermeintlichen \"Rechten\" an. Sie rissen ihrem Opfer die Jacke vom K\u00f6rper und entwendeten gewaltsam sein T-Shirt. An anderer Stelle griff ein Anarchist einen Skinhead mit Faustschl\u00e4gen an und zerriss den Pullover des am Boden liegenden Opfers. In der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August warfen antifaschistisch motivierte Straft\u00e4ter in Herzogenaurach, Landkreis Erlangen-H\u00f6ch-","134 Linksextremismus stadt, mit brauner Farbe gef\u00fcllte Beutel gegen das Wohnhaus und das Fahrzeug eines Aktivisten der \u00f6rtlichen rechtsextremistischen Szene. In der darauf folgenden Nacht wurde das Fahrzeug eines Rechtsextremisten in N\u00fcrnberg stark besch\u00e4digt. Die T\u00e4ter bespr\u00fchten den PKW zudem mit der Parole \"Nazis raus!\". Zuvor waren die beiden Gesch\u00e4digten namentlich und mit Abbildung und Adresse in der Juni-Aus-gabe der N\u00fcrnberger autonomen Szenepublikation \"barricada\" als Rechtsextremisten \"vorgestellt\" worden. 3.3 Sonstige militante Linksextremisten mit internationalistischer Orientierung Neben den Autonomen gibt es nach wie vor gewaltbereite Linksextremisten, die vor allem antiimperialistisch und internationalistisch ausgerichtet sind. Am bedeutendsten ist in diesem Spektrum die bundesweite \"Initiative Libertad!\". Nicht selten handelt es sich dabei um Personen, die der ehemaligen Terrorgruppe \"Rote Armee Fraktion\" (RAF) nahe standen und aus deren Unterst\u00fctzerspektrum stammen. Diese Gruppen und Einzelpersonen sind vor allem in der Solidarit\u00e4tsarbeit f\u00fcr \"politische Gefangene\" aktiv. Seit einem Jahr besch\u00e4ftigen sie sich auch verst\u00e4rkt mit dem \"Nahost-Konflikt\" zwischen Israel und den Pal\u00e4stinensern. Zum zweiten Jahrestag der pal\u00e4stinensischen Intifada am 28. September fanden europaweit Kundgebungen unter Beteiligung von Linksextremisten statt. In N\u00fcrnberg lautete das Motto f\u00fcr eine entsprechende Veranstaltung \"Freiheit f\u00fcr Pal\u00e4stina! Unterst\u00fctzt den pal\u00e4stinensischen Befreiungskampf!\" Die \"Initiative Libertad!\" beteiligte sich ferner an den Protesten gegen die 38. M\u00fcnchner Konferenz f\u00fcr Sicherheitspolitik im Februar. Sie beteiligt sich auch an den Planungen von Protestaktionen gegen die Folgekonferenz im Februar 2003.","Linksextremismus 135 4. \u00dcbersicht \u00fcber erw\u00e4hnenswerte linksextremistische und linksextremistisch beeinflusste Organisationen sowie deren wesentliche Presseerzeugnisse Organisation (einschlie\u00dflich Mitglieder Ende 2002 Publikationen (einschlie\u00dflich Gr\u00fcndungsdatum und Sitz) Bayern Deutschland Erscheinungsweise u. Auflage) 1. Marxisten-Leninisten und andere revolution\u00e4re Marxisten 1.1 Kernorganisationen: Deutsche Kommunistische Partei (DKP) 600 4.700 Unsere Zeit (UZ) 14 Bezirksorganisationen, aufgeteilt w\u00f6chentlich, 10.000 in Kreisund Grundorganisationen Marxistische Bl\u00e4tter 26.09.1968, Essen zweimonatlich, 3.000 Partei des Demokratischen 77.000 Neues Deutschland (ND) Sozialismus (PDS) - PDS-nahe Zeitung - - neuer Name beschlossen werkt\u00e4glich, 70.000 auf SED-Parteitag am DISPUT 16./17.12.1989 -, Berlin monatlich, 11.000 PDS-Pressedienst w\u00f6chentlich, 2.200 UTOPIE-kreativ-Diskussion sozialistischer Alternativen monatlich, 800 Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der PDS monatlich, 1.000 PDS Landesverband Bayern 700 TITEL (Informationsforum mit 12 Kreisverb\u00e4nden und (einschlie\u00dflich der PDS Bayern) 29 Basisorganisationen Sympathisanten) unregelm\u00e4\u00dfig, 500 11.09.1990, M\u00fcnchen Arbeiterbund f\u00fcr den Wiederaufbau 100 200 Kommunistische der KPD (AB) Arbeiterzeitung (KAZ) 1973, M\u00fcnchen viertelj\u00e4hrlich Marxistisch-Leninistische 140 2.000 Rote Fahne Partei Deutschlands (MLPD) w\u00f6chentlich, 7.500 10 Parteibezirke, \u00fcber 100 lernen u. k\u00e4mpfen (luk) Ortsgruppen und St\u00fctzpunkte monatlich, 1.000 17./18.06.1982, Essen","136 Linksextremismus Organisation (einschlie\u00dflich Mitglieder Ende 2002 Publikationen (einschlie\u00dflich Gr\u00fcndungsdatum und Sitz) Bayern Deutschland Erscheinungsweise u. Auflage) Linksruck-Netzwerk 40 500 Sozialismus von unten (Sozialistische Arbeitergruppe - SAG) zweimonatlich, 3.500 1993, Berlin Linksruck monatlich, 7.000 Marxistische Gruppe (MG) M\u00fcnchen 700 (Aktive) 10.000 GEGENSTANDPUNKT 1969/70 AK Rote Zellen, M\u00fcnchen Herausgeber: ehemalige (\"aufgel\u00f6st\" zum 01.06.1991) Funktion\u00e4re der MG viertelj\u00e4hrlich, 7.000 1.2 Nebenorganisationen: Nebenorganisation der DKP: Sozialistische Deutsche 50 350 POSITION Arbeiterjugend (SDAJ) unregelm\u00e4\u00dfig, 1.500 Landesverb\u00e4nde, Kreisverb\u00e4nde und Ortsgruppen, 04./05.05.1968, Essen Nebenorganisation der MLPD: Jugendverband REBELL 20 Rebell - Beilage zur Roten Fahne - 1.3 Beeinflusste Organisationen: DKP-beeinflusst: Vereinigung der Verfolgten des 900 9.000 antifa-rundschau Naziregimes - Bund der Antifaschisviertelj\u00e4hrlich, 7.500 tinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) antifa Landesvereinigungen mit Kreisund monatlich, 4.000 Ortsvereinigungen, 15.-17.03.1947, vereinigt mit VVdN-BdA am 03.-05.10.2002, Hannover MLPD-beeinflusst: Frauenverband Courage 20 500 Courage viertelj\u00e4hrlich Trotzkistisch beeinflusst: Jugend gegen Rassismus in Europa (JRE) 60 No pasaran Vorfeldorganisation der trotzkistischen \"Sozialistischen Alternative VORAN\" (SAV) 50 350 1992, K\u00f6ln","Linksextremismus 137 Organisation (einschlie\u00dflich Mitglieder Ende 2002 Publikationen (einschlie\u00dflich Gr\u00fcndungsdatum und Sitz) Bayern Deutschland Erscheinungsweise u. Auflage) 2. Autonome und sonstige gewaltbereite Linksextremisten Autonome etwa \u00fcber zum Teil unregelm\u00e4\u00dfig 450 5.500 erscheinende Szenebl\u00e4tter wie: radikal, INTERIM; auf lokaler Ebene u.a: barricada 3. Von mehreren Str\u00f6mungen des Linksextremismus beeinflusst M\u00fcnchner B\u00fcndnis gegen Rassismus 40 M\u00fcnchen Antifaschistisches Aktionsb\u00fcndnis 20 N\u00fcrnberg M\u00fcnchner Kurdistan-Solidarit\u00e4tskomitee 20 M\u00fcnchen","138 Ausl\u00e4nderextremismus 5. Abschnitt Extremistische und sicherheitsgef\u00e4hrdende Bestrebungen von Ausl\u00e4ndern 1. Allgemeines 1.1 Merkmale des Ausl\u00e4nderextremismus Ausl\u00e4ndergruppen werden als extremistisch eingestuft, wenn sie sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. Dazu z\u00e4hlen insbesondere die Organisationen islamischer Extremisten, die sich die Errichtung eines islamischen Staates, wie z.B. im Iran, auch in Deutschland zum Ziel gesetzt haben und damit wesentliche Grunds\u00e4tze unserer freiheitlichen Verfassung beseitigen wollen. Der gesetzlichen Beobachtung unterliegen ferner Bestrebungen, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung gerichtet sind bzw. Gruppierungen von Ausl\u00e4ndern, die eine gewaltsame \u00c4nderung der politischen Verh\u00e4ltnisse im Heimatland anstreben und dadurch ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden. 1.2 Entwicklung der Organisationen Die Gesamtzahl der Mitglieder extremistischer Ausl\u00e4ndervereinigungen verringerte sich in Bayern geringf\u00fcgig von 10.450 im Jahr 2001 auf 10.370. Darin eingerechnet sind rund 1.800 Anh\u00e4nger des in Deutschland verbotenen Freiheitsund Demokratiekongresses KurdisMitgliederst\u00e4rke LinksExtreme Islamische Gesamtzahl extremistischer extremisten Nationalisten Extremisten Mitglieder Ausl\u00e4nderorganisationen Kurden 1.950 (1.950) - - - - 1.950 (1.950) in Bayern T\u00fcrken 390 (390) 2.000 (2.130) 5.080 (5.170) 7.470 (7.690) Sonstige* 460 (360) 70 (70) 420 (380) 950 (810) Gesamtzahl 2.800 (2.700) 2.070 (2.200) 5.500 (5.550) 10.370 (10.450) (in Klammern die Vergleichszahlen des Vorjahrs) * Albaner, Araber, Inder, Iraner, Srilanker u.a.","Ausl\u00e4nderextremismus 139 Entwicklung Mitglieder der Mitglie100.000 derzahlen 80.000 extremistischer Ausl\u00e4nder60.000 Deutschland organisationen 57.350 39.950 40.000 20.000 Bayern 7.200 10.370 0 1993 94 95 96 97 98 99 2000 01 02 Ausl\u00e4ndische Extremisten 31.290 in Deutschland 35.000 30.600 30.000 Islamische Extremisten 25.000 19.360 20.000 15.000 Linksextremisten 17.850 10.000 8.450 5.000 Extreme Nationalisten 8.900 0 1998 1999 2000 2001 2002 Ausl\u00e4ndische Extremisten in Bayern 7.000 5.540 6.000 5.500 Islamische Extremisten 5.000 4.000 3.220 3.000 Linksextremisten 2.800 2.000 1.820 1.000 Extreme Nationalisten 2.070 0 1998 1999 2000 2001 2002","140 Ausl\u00e4nderextremismus tans (KADEK, vormals Arbeiterpartei Kurdistans PKK). Wie in den Vorjahren stellten die Organisationen extremistischer T\u00fcrken (einschlie\u00dflich kurdischer Volkszugeh\u00f6riger) mehr als 90 % aller ausl\u00e4ndischen Extremisten in Bayern. \u00dcber die H\u00e4lfte aller ausl\u00e4ndischen Extremisten ist dem islamischen Fundamentalismus zuzurechnen. Die Zahl der Anh\u00e4nger des ehemaligen \"Kalifatsstaats\" lag nach den im Rahmen des Vereinsverbots sichergestellten Unterlagen bei 280 Personen. Mit den Terroranschl\u00e4gen in den USA am 11. September 2001 hat die aktuelle Gef\u00e4hrdung der westlichen Welt durch fanatische islamische Fundamentalisten eine neue Dimension erreicht. Langfristig bedeutet der islamische Fundamentalismus im Hinblick auf seine weltweiten Expansionsbestrebungen inzwischen eine gr\u00f6\u00dfere Gefahr f\u00fcr unsere freiheitliche demokratische Grundordnung als die Bestrebungen gewaltbereiter t\u00fcrkischer Linksextremisten und des kurdischen KADEK. Die \u00c4u\u00dferungen Usama Bin Ladins belegen, dass Deutschland nicht mehr nur Vorbereitungsund Ruheraum islamistischer Terroristen ist, sondern auch Tatort und Ziel von Terrorakten sein kann. 1.3 Integrationsfeindlichkeit des islamischen Extremismus Der Islam als Religion und seine Aus\u00fcbung werden nicht vom Verfassungsschutz beobachtet. Der Beobachtung unterliegen jedoch Bestrebungen, die von islamischen Gruppen ausgehen und sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung oder den Bestand Bayerns bzw. des Bundes richten (islamischer Fundamentalismus), sowie Bestrebungen, die durch Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen die ausw\u00e4rtigen Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden und damit oder durch entsprechende Propaganda auch das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker beeintr\u00e4chtigen. Die im Bundesgebiet aktiven islamisch-extremistischen Gruppierungen wollen die in ihren Heimatl\u00e4ndern bestehenden Staatsund Gesellschaftsordnungen durch ein auf dem Koran und der Sharia (islamisches Rechtssystem) basierendes islamisches Gesellschaftssystem ersetzen. \u00dcberwiegend streben sie sogar die Errichtung eines anti-laizistischen Gottesstaats auf der ganzen Welt an. Sie gehen davon aus, dass durch die Sharia eine alle Lebensbereiche umfassende islamische Gesellschaftsordnung vorgegeben sei, die es \u00fcberall zu verwirklichen gelte. Ihrer \u00dcberzeugung nach entsprechen die gesellschaftspolitischen Vorstellungen des Islamismus wegen ihres g\u00f6tt-","Ausl\u00e4nderextremismus 141 lichen Ursprungs als einziges gesellschaftliches System in allen Aspekten vollst\u00e4ndig der menschlichen Natur. Die Trennung von Staat und Religion in westlichen Staaten wird daher nicht nur als \"un-islamisch\" abgelehnt, sondern auch aktiv bek\u00e4mpft. Die Gleichheit der Menschen wird verneint. Nur Muslime gelten als v\u00f6llig rechtsf\u00e4hig und k\u00f6nnen gleiche Rechte haben, sofern diese nicht im Widerspruch zur Sharia stehen. Menschenrechte nach westlichem Verst\u00e4ndnis werden nur zum Teil anerkannt. Die Sharia liefert zudem die Legitimation f\u00fcr unmenschliche Strafen. Der islamische Fundamentalismus ist gepr\u00e4gt von Intoleranz gegen\u00fcber Andersgl\u00e4ubigen, teilweise sogar selbst gegen friedliche, moderate Muslime. Aufgrund seines Absolutheitsanspruchs fordert er einen aktiven Kampf gegen alle \"Ungl\u00e4ubigen\" und die weltweite Islamisierung, falls n\u00f6tig durch Unterwerfung aller Nichtmuslime. Westliche Demokratieund Gesellschaftsvorstellungen werden abgelehnt, sofern sie nicht im Einklang mit der von den Fundamentalisten vorgenommenen Auslegung des Korans und der Sharia stehen. Dies bedeutet die \u00c4chtung des demokratischen Prinzips der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t und der Chancengleichheit der Parteien. Ferner gibt es keine Gewaltenteilung, keine demokratische Legislative, keine Kontrolle der obersten Staatsgewalt. Eine Eingliederung von Muslimen in die demokratische Gesellschaft ist damit wesentlich erschwert. Der islamische Fundamentalismus ist daher zwangsl\u00e4ufig integrationsfeindlich. Islamische fundamentalistische Gruppen wenden sich deshalb massiv gegen eine echte Integration. Sie versuchen, vor allem junge Menschen zu beeinflussen und sie zu einer Ablehnung unserer demokratischen Ordnung und unserer freiheitlichen Gesellschaft zu bewegen. Dazu dienen die privaten Koranschulen extremistischer Organisationen wie auch die Pflicht f\u00fcr Frauen und M\u00e4dchen, Kopft\u00fccher zu tragen. Sie tr\u00e4gt zur bewussten Abgrenzung von westlichen Lebensgewohnheiten bei. Dem Politikverst\u00e4ndnis von Islamisten ist auch ein taktisches Verh\u00e4ltnis zur Frage der Gewaltanwendung immanent. Nach Ansicht islamistischer Theoretiker schlie\u00dft der \"Djihad\" (w\u00f6rtlich: Innerer Kampf, Anstrengung oder Heiliger Krieg) als Instrument zur Verwirklichung der islamischen Gesellschaftsordnung alle zum Sieg verhelfenden Mittel ein. So bef\u00fcrwortet die Mehrzahl der islamistischen Gruppierungen aus dem arabischen Raum Gewaltanwendung als Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele. Die im Bundesgebiet mitglieder-","142 Ausl\u00e4nderextremismus st\u00e4rkste islamistische Gruppierung, die t\u00fcrkische Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs (IGMG), setzt dagegen vordergr\u00fcndig auf politische Aktivit\u00e4ten zur Ver\u00e4nderung der gesellschaftlichen Ordnungen in der T\u00fcrkei und in Deutschland. 1.4 Gewalttaten Die Zahl der ausl\u00e4ndischen Extremisten zuzurechnenden Gewalttaten ist in Deutschland von 84 im Jahr 2001 auf 55, in Bayern von elf im Jahr 2001 auf neun zur\u00fcckgegangen. Darunter sind zwei F\u00e4lle der Erpressung bzw. R\u00e4uberischen Erpressung durch PKK/KADEK-Aktivisten sowie zwei K\u00f6rperverletzungen, welche ebenfalls KADEK-Aktivisten zuzurechnen sind. Bei drei K\u00f6rperverletzungen lagen antistaatliche bzw. antifaschistische Motive zugrunde. Aufgrund der bundeseinheitlichen Erfassungskriterien werden sie aber dem Ausl\u00e4nderextremismus zugerechnet. Bei einer verbotenen Demonstration anl\u00e4sslich der Konferenz f\u00fcr Sicherheitspolitik in M\u00fcnchen verletzte am 1. Februar ein Italiener einen eingesetzten Polizeibeamten durch einen Schlag am Kopf. Am 7. Mai verletzte in N\u00fcrnberg ein S\u00fcdafrikaner einen mutma\u00dflichen Rechtsextremisten durch Fu\u00dftritte in den Oberk\u00f6rper und gegen den Kopf. In Passau griffen am 23. November unbekannte Skinheads, die mit einem \u00f6sterreichischen PKW unterwegs waren, zwei Jugendliche t\u00e4tlich an. F\u00fcr zwei weitere versuchte K\u00f6rperverletzungen konnte die Polizei zwei T\u00fcrken ermitteln. Die Deutschland Bayern 120 116 100 84 80 60 55 40 20 11 9 3 0 2000 2001 2002","Ausl\u00e4nderextremismus 143 beiden Tatverd\u00e4chtigen hatten am 23. November in M\u00fcnchen aus einer Gegendemonstration heraus Eier auf Teilnehmer einer Versammlung zum Thema \"Gegendarstellung zur Wehrmachtsausstellung\" geworfen. 2. Islamisch-fundamentalistisch orientierter Terror 2.1 \u00dcberblick Al-Qaida und andere mit dieser Organisation verkn\u00fcpfte Netzwerke stellen derzeit f\u00fcr Deutschland die akuteste Bedrohung der Inneren Sicherheit dar. In Deutschland lebende \"arabische Mudjahidin\" sind seit \u00fcber einem Jahr einem nachhaltigen Verfolgungsdruck durch die Arbeit von Polizei und Verfassungsschutz ausgesetzt. Gerichtsverfahren gegen militante Islamisten und die Stimmung in der deutschen Gesellschaft f\u00fchrten bei hier lebenden Mudjahidin zur zunehmenden Konspiration. Gleichwohl ist die Phase der Zur\u00fcckhaltung der Terrornetzwerke, die unmittelbar nach den Anschl\u00e4gen auf das Pentagon und das World Trade Center in den USA (11. September 2001) festzustellen war, beendet. Seit dem Anschlag von Djerba/Tunesien vom 11. April ist ein Anstieg religi\u00f6s-fundamentalistischen Terrors arabischer Mudjahidin weltweit feststellbar, wobei es trotz der gegen europ\u00e4ische Staaten ausgesprochenen Drohungen von Al-Qaida bislang nicht zu konkreten Gewalttaten in Deutschland gekommen ist. Die Drohungen, die in diesem Zusammenhang stehenden Terrorakte islamischer Terroristen und die bei Exekutivma\u00dfnahmen in Deutschland sowie in den Nachbarstaaten sichergestellten Waffen, Sprengstoffe bzw. Anleitungen belegen, dass Deutschland jederzeit Tatort und Ziel entsprechender Anschl\u00e4ge werden kann. \u00dcber den arabischen Sender Al-Djazira drohten F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten der Al-Qaida mehrfach mit massiven Terrorakten gegen die USA und ihre europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten. So hie\u00df es in einer am 6. Oktober ausgestrahlten und offensichtlich von Usama Bin Ladin stammenden Tonbandaufzeichnung im Zusammenhang mit Drohungen insbesondere gegen die USA, die Jugend des Islams bereite Dinge vor, die \"die Herzen mit Furcht erf\u00fcllen werden. Sie werden Schl\u00fcsselsektoren ihrer Wirtschaft angreifen bis die Ungerechtigkeiten und Aggressionen aufh\u00f6ren.\" Zwei Tage sp\u00e4ter, am 8.Oktober strahlte Al-Djazira eine Tonbandaufzeichnung aus, in der Dr. Ayman al Zawahiri, eine der bedeutendsten F\u00fchrungspersonen der Al-Qaida,","144 Ausl\u00e4nderextremismus mit Anschl\u00e4gen gegen Deutschland und Frankreich drohte. Wortgetreu hie\u00df es: \"Wir haben einige Botschaften an Amerikas Verb\u00fcndete geschickt, damit diese ihre Beteiligung an dessen Kreuzzug beenden. Die Mudjahidin-Jugend hat bereits Botschaften nach Deutschland und Frankreich geschickt. Wenn jedoch diese Dosen nicht genug sein sollten, sind wir mit Allahs Hilfe bereit, weitere Dosen zu injizieren.\" Als sicher gilt auch, dass die ebenfalls vom Sender Al-Djazira am 12. November ausgestrahlte Tonbandaufzeichnung Usama Bin Ladin unmittelbar zuzurechnen ist. Daraus ergibt sich, dass Bin Ladin selbst noch am Leben ist und dass weltweit zu jeder Zeit mit Anschl\u00e4gen gerechnet werden muss. Bin Ladin best\u00e4tigt zudem, dass die seit dem 11. September 2001 begangenen Terroranschl\u00e4ge weltweit entweder unmittelbar Al-Qaida und ihrem Netzwerk zuzurechnen sind oder zumindest deren Billigung finden. Bin Ladin \u00e4u\u00dferte sich im Einzelnen wie folgt: \"Was seit den Eroberungen von New York und Washington bist jetzt passiert ist - die Operation gegen die Deutschen in Tunesien, gegen die Franzosen in Karatschi, die Explosion des franz\u00f6sischen Tankers in Jemen, die Operation gegen die US-Marines in Failaka/Kuweit, gegen Australier und Briten bei Explosionen auf Bali, die j\u00fcngste Geiselnahme in Moskau sowie andere Operationen hier und dort - ist nur die Antwort von Moslems, die unbedingt ihre Religion verteidigen und dem Befehl von Gott und ihrem Propheten gehorchen. (...) Warum haben eure Regierungen sich mit Amerika verb\u00fcndet, um uns in Afghanistan anzugreifen? Ich nenne insbesondere Gro\u00dfbritannien, Frankreich, Italien, Kanada, Deutschland und Australien. (...) Wie lange noch sollen Angst, Massaker, Zerst\u00f6rung, Vertreibung, Verwaisung, Verwitwung unser Los sein, w\u00e4hrend euch Sicherheit, Stabilit\u00e4t und Gl\u00fcck vorbehalten bleiben? Diese Aufteilung ist \u00fcberholt. Es ist Zeit, hier Gleichheit zu schaffen. Ihr werdet ermordet werden, so wie ihr mordet. Und ihr werdet ebenso bombardiert, wie ihr bombardiert.\" Mit dieser j\u00fcngsten Selbstbezichtigung und Drohung \u00fcbernimmt das Terrornetzwerk Al-Qaida eindeutig die Verantwortung f\u00fcr eine Reihe der schweren Terrorakte im Jahr 2002, belegt damit die Verbindungen des Netzwerks zu den tatausf\u00fchrenden Terroristen und verdeutlicht die Bedrohungslage der westliche Staaten. Die genannten Dro-","Ausl\u00e4nderextremismus 145 hungen beinhalten eine umfassende Kriegserkl\u00e4rung an die westlich orientierte Welt. Sie best\u00e4tigen erneut die Bef\u00fcrchtung, dass weltweit kein Ort und kein Ziel vor den Anschl\u00e4gen des islamisch-fundamentalistischen Terrors, insbesondere des Netzwerks der Al-Qaida, sicher ist. Auch in Deutschland ist von einem zahlenm\u00e4\u00dfig nicht konkret bezifferbarem Potenzial islamistischer K\u00e4mpfer mit vielf\u00e4ltigen internationalen Verbindungen in allen Teilen der Welt auszugehen. 2.2 Islamistisch motivierte Terroranschl\u00e4ge Der Anschlag von Djerba vom 11. April, bei dem 19 Todesopfer, darunter 14 deutsche Touristen, zu beklagen waren, ist der Al-Qaida zuzurechnen. Ein islamistischer Selbstmordattent\u00e4ter brachte einen mit Fl\u00fcssiggas beladenen Tanklaster vor der La-Ghriba-Synagoge zur Explosion. In einem Videofilm vom Juni, mit der Selbstbezichtigung des Al-Qaida-Sprechers Sulaiman Abu Ghaith, wurden ferner neue Anschl\u00e4ge auf die USA angek\u00fcndigt. Gegen eine in Deutschland lebende Person, die vor dem Anschlag von dem Djerba-Terroristen angerufen wurde, leitete der Generalbundesanwalt ein Ermittlungsverfahren ein. Wohnungen von deutschen Kontaktpersonen wurden durchsucht. Auch in Frankreich wurden mehrere Islamisten, wegen des Verdachts an den Attentatsplanungen beteiligt gewesen zu sein, vorl\u00e4ufig festgenommen. Bei einem Anschlag gegen franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrger in Karatschi/Pakistan vom 8. Mai starben 14 Menschen, darunter elf franz\u00f6sische Marinetechniker. Ein Selbstmordattent\u00e4ter hatte sein mit Sprengstoff beladenes Auto gegen einen mit den Marinetechnikern besetzten Bus vor einem Hotel gelenkt und zur Explosion gebracht. Am 14. Juni starben bei einem Sprengstoffattentat auf die US-Botschaft in Karatschi/Pakistan zw\u00f6lf Menschen, Dutzende wurden verletzt. Die Attent\u00e4ter hatten eine Autobombe vor dem Geb\u00e4ude geparkt und zur Explosion gebracht. In einer Selbstbezichtigung erkl\u00e4rte Medienberichten zufolge die bisher unbekannte Gruppierung Al-Qanoon, den Anschlag ver\u00fcbt zu haben. Am 6. Oktober griffen Selbstmordattent\u00e4ter mit einem mit Sprengstoff beladenen Boot den franz\u00f6sischen \u00d6ltanker Limburg vor der jemenitischen K\u00fcste an. Bei der Explosion an der Au\u00dfenwand des Tankers starb ein Besatzungsmitglied, mehrere wurden verletzt. Das Schiff wurde besch\u00e4digt.","146 Ausl\u00e4nderextremismus In der Nacht vom 12. auf den 13. Oktober explodierten in dem Ferienort Kuta Beach/Bali Autobomben vor einer voll besetzten Diskothek und einem Nachtclub. Der schlimmste Anschlag in der Geschichte Indonesiens, bei dem mindestens 190 Touristen get\u00f6tet und mehrere hundert Menschen verletzt wurden, tr\u00e4gt die Handschrift von Aktivisten des Al-Qaida-Netzwerks in S\u00fcdostasien und weist auf die ausschlie\u00dflich in Indonesien t\u00e4tige und von Al-Qaida unterst\u00fctzte islamistische Gruppierung Jemaah Islamiah hin. Geistiger F\u00fchrer der Jemaah Islamiah ist Abu Bakar Ba'asir. Die Organisation wird geleitet von Riduan Isamuddin alias Hambali. Beinahe zeitgleich kam es in der Hauptstadt von Bali zu einem Anschlag auf das amerikanische Konsularb\u00fcro, bei dem keine Personen zu Schaden kamen. Der mutma\u00dfliche Initiator und Planer der Attentate konnte Ende November mit weiteren Tatverd\u00e4chtigen von der indonesischen Polizei gefasst werden. Wenige Tage nach dem Attentat auf Bali haben am 23. Oktober rund 50 schwer bewaffnete, tschetschenisch-islamistische Terroristen \u00fcber 800 Besucher eines Moskauer Musical-Theaters als Geiseln genommen. Zun\u00e4chst verminten sie den Konzertsaal. Dann forderten sie ultimativ bis 26. Oktober ein Ende des russischen Milit\u00e4reinsatzes im Kaukasus (Tschetschenien) und den Abzug aller russischen Truppen. Sie drohten mit der Ermordung aller Geiseln. Kommandeur der Terrorgruppe war Mowsar Barajew, ein Neffe des im Juni 2001 get\u00f6teten tschetschenischen Rebellenf\u00fchrers Arbi Barajew. Unter Einsatz eines Narkosegases drangen am 26. Oktober russische Spezialeinheiten in das Theater ein. Bei dieser Aktion wurden alle Terroristen get\u00f6tet, mindestens 118 Geiseln kamen ums Leben, viele wurden verletzt. Das Netzwerk der tschetschenischen Mudjahidin erh\u00e4lt logistische und finanzielle Unterst\u00fctzung von Al-Qaida, die damit den tschetschenischen Separatismus f\u00fcr ihre Zwecke nutzt. Die tschetschenischen Mudjahidin-Lager sind auch f\u00fcr mutma\u00dflich gewaltgeneigte Islamisten aus Deutschland und Europa interessant und werden bereits vereinzelt besucht. Neben der theoretischen Ausbildung und der simulierten Terrorpraxis d\u00fcrfte der Reiz des k\u00e4mpferischen Einsatzes gegen russische Truppen eine Rolle spielen. Es ist davon auszugehen, dass die kaukasische Region neben S\u00fcdostasien einen Ausweichraum f\u00fcr terroristische Aktivit\u00e4ten der Internationalen Islamistischen Front (Al-Qaida) darstellt. Sp\u00e4testens seit dem schweren Terroranschlag aus dem Umfeld Usama Bin Ladins auf die US-Botschaft in Nairobi vom 7. August 1998 gilt","Ausl\u00e4nderextremismus 147 auch Kenia als Brennpunkt von Al-Qaida-Aktivisten. Am 28. Oktober ver\u00fcbten Terroristen parallel zwei Anschl\u00e4ge in Mombasa/Kenia. Auf das h\u00e4ufig von israelischen Touristen besuchte Hotel \"Paradise\" wurde in den fr\u00fchen Morgenstunden ein Selbstmordattentat von vermutlich drei arabischen Personen ver\u00fcbt. Diese fuhren mit einer Autobombe vor das Hotel und brachten den Sprengstoff vor der Hotelrezeption zur Explosion. Unmittelbar vor dem Attentat checkte eine israelische Reisegruppe an der Rezeption ein. 16 Personen und die Attent\u00e4ter wurden sofort get\u00f6tet. \u00dcber 80 Menschen wurden teilweise schwer verletzt. Fast zur gleichen Zeit wurde in Mombasa eine startende Maschine der israelischen Charterfluggesellschaft ARKIA mit mindestens zwei Raketen beschossen, die ihr Ziel verfehlten. Zu beiden Anschl\u00e4gen liegt ein Bekennerschreiben einer bislang unbekannten Vereinigung \"Armee Pal\u00e4stinas\" vor. Sowohl der Tathergang wie auch die Ver\u00fcbung mehrerer paralleler Anschl\u00e4ge verweisen auf islamisch-fundamentalistischen Hintergrund. 2.3 Exekutivma\u00dfnahmen und Gerichtsverfahren Die Aufkl\u00e4rung der Strukturen der Al-Qaida und des damit verbundenen Netzwerks ist ein wesentlicher Schwerpunkt des internationalen \"Anti-Terror-Kampfs\". In Afghanistan konnten zahlreiche Taliban und Al-Qaida-K\u00e4mpfer von den Truppen der internationalen Anti-Terror-Koalition festgenommen werden. Bereits Ende des Jahres 2001 wurde in Marokko der deutsch-syrische Verd\u00e4chtige Haydar Zammar verhaftet. Zammar wird vorgeworfen, Kontakte zu den Hamburger Attent\u00e4tern des 11. September 2001, Said Bahaji und Ramzi Binalshibh, gepflegt zu haben. Ferner soll er den Todespiloten Mohammed Atta angeworben haben und einer der Planer der Anschl\u00e4ge vom 11. September 2001 gewesen sein. Er ist derzeit in Syrien inhaftiert und soll bei Vernehmungen ausgesagt haben, dass die \"Atta-Gruppe\" bzw. Personen aus dem Umfeld dieser Zelle 1998 einen Bombenanschlag auf das US-Generalkonsulat in Hamburg erwogen hatten. Der Al-Qaida-Milit\u00e4rchef Abu Zubaydah wurde am 28. M\u00e4rz in Faisalabad/Pakistan festgenommen. Er befindet sich in amerikanischer Haft und soll dort ausgesagt haben, dass das am 11. September 2001 von Ziad Jarrah gesteuerte Verkehrsflugzeug das Wei\u00dfe Haus zerst\u00f6ren sollte. Die Boeing war im Verlauf eines Kampfs zwischen mutigen Passagieren und den Entf\u00fchrern \u00fcber Pennsylvania abgest\u00fcrzt. Ein weiterer Bin Ladin-Vertrauter, Abu Subair El Haili,","148 Ausl\u00e4nderextremismus wurde Ende Juni in Marokko festgenommen. Im selben Monat wurde Omar al-Faruk auf Java verhaftet und den US-Beh\u00f6rden \u00fcberstellt. Er soll gestanden haben, dass in S\u00fcdostasien anl\u00e4sslich des Jahrestags des Attentats auf das Pentagon und das World Trade Center Bombenanschl\u00e4ge mit Hilfe lokaler Terrorgruppen geplant seien. Am 23. April durchsuchte die Polizei im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens des Generalbundesanwalts bundesweit in zehn deutschen St\u00e4dten Objekte der islamistischen Al-Tauhid (\"Bekenntnis der Einheit Gottes\"). Al-Tauhid steht im Verdacht, Teil des internationalen terroristischen Netzwerks zu sein. Insgesamt wurden 21 Objekte unter anderem in M\u00fcnchen, N\u00fcrnberg und Regensburg durchsucht. Die Polizei nahm insgesamt 13 Personen fest. Gegen sieben von ihnen erging Haftbefehl, unter anderem wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (SS 129 a StGB). Von den Festgenommenen wohnen vier in Bayern; gegen drei von ihnen wurden Haftbefehle erlassen. Bei den Durchsuchungen stellte die Polizei eine Schusswaffe, gef\u00e4lschte P\u00e4sse, F\u00e4lscherutensilien, Computer sowie umfangreiches Schriftgut sicher. Die Ermittlungen dauern an. Die Gruppierung hatte sich um einen 36-j\u00e4hrigen in Essen wohnhaften Pal\u00e4stinenser gebildet und sich selbst der sunnitisch-pal\u00e4stinensischen Bewegung Al-Tauhid zugeordnet. Sie unterst\u00fctzt auf der Grundlage eines militanten islamischen Fundamentalismus den weltweiten Djihad aller Glaubensbr\u00fcder. Ihr geistiger F\u00fchrer und Prediger Omar Mahmud Othman, alias Abu Qutada, hat seinen Wohnsitz in Gro\u00dfbritannien. Am 24. Oktober wurde er festgenommen. Die deutsche Zelle arbeitet innerhalb der von den operativen und religi\u00f6sen F\u00fchrern vorgegebenen Direktiven weitgehend selbst\u00e4ndig. Am 1. Juli nahm die Polizei in Stuttgart aufgrund eines internationalen Haftbefehls einen Algerier fest, den ein Gericht am 14. M\u00e4rz in Paris wegen der Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung zur Vorbereitung eines Terroranschlags rechtskr\u00e4ftig zu einer Freiheitsstrafe von f\u00fcnf Jahren verurteilt hatte. Der T\u00e4ter war als hochrangiges Mitglied der algerischen Terrororganisation Bewaffnete Islamische Gruppe (GIA) an einem geplanten Mordanschlag auf den als gem\u00e4\u00dfigt geltenden Vorsteher einer gro\u00dfen Moschee in Paris beteiligt. In Hamburg durchsuchte die Polizei am 3. Juli im Rahmen eines weiteren Ermittlungsverfahrens des Generalbundesanwalts nach SS 129 a StGB (Bildung terroristischer Vereinigungen; Beteiligung als Mitglied) sechs Wohnungen von mutma\u00dflich militanten Islamisten sowie eine","Ausl\u00e4nderextremismus 149 Buchhandlung. Gleichzeitig wurde im Rahmen der internationalen Rechtshilfe die Wohnung eines Beschuldigten in Italien durchsucht. Die Auswertung der Computer und Schriftst\u00fccke dauert an. Von besonderer Bedeutung ist die Festnahme des Bin Ladin-Vertrauten und hochrangigen Al-Qaida-Funktion\u00e4rs Ramzi Binalshibh am 11. September 2002 in Karatschi/Pakistan. Binalshibh, der sich in Karatschi \"Abdullah\" nannte, hatte sich am 5. September 2001 in Hamburg abgesetzt und war untergetaucht. Er gilt bei deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden als einer der Planer und Unterst\u00fctzer der Attentate auf das \"World Trade Center\". In einem authentischen Interview gegen\u00fcber Al-Djazira, das vor seiner Verhaftung aufgezeichnet wurde, berichtete er Details \u00fcber die Anschlagsvorbereitungen bez\u00fcglich des 11. September 2001. Er offenbarte, dass Usama Bin Ladin unmittelbar an den Planungen dieser Anschl\u00e4ge beteiligt gewesen sein soll. Zwischenzeitlich konnten die Vernehmungsbeh\u00f6rden auch wichtige Hinweise \u00fcber noch nicht bekannte Arbeitsmethoden und Aktivit\u00e4ten von Al-Qaida gewinnen. Am 9. Oktober hat der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs auf Antrag der Bundesanwaltschaft Haftbefehl gegen den 29-j\u00e4hrigen Marokkaner Abdelghani Mzoudi wegen des dringenden Verdachts der Unterst\u00fctzung einer terroristischen Vereinigung erlassen. Mzoudi wurde am 10. Oktober in Hamburg festgenommen. Dem Beschuldigten wird zur Last gelegt, die Mitglieder der \"Hamburger Zelle\" um Mohammed Atta, die an den Terroranschl\u00e4gen in den Vereinigten Staaten von Amerika am 11. September 2001 ma\u00dfgeblich beteiligt war, in ihren terroristischen Zielen unterst\u00fctzt zu haben. Der Beschuldigte Mzoudi unterhielt nach den Ermittlungserkenntnissen zu s\u00e4mtlichen Mitgliedern der \"Hamburger Zelle\" langj\u00e4hrige enge Beziehungen. Besonders engen Kontakt pflegte er mit den Gruppenmitgliedern Essabar und Motassadeq. Im Jahr 2000 hielt er sich - teilweise zeitgleich mit den beiden Vorgenannten - in Ausbildungslagern in Afghanistan auf. Der Aufenthalt diente unter anderem dazu, mit den Verantwortlichen von Al-Qaida und des internationalen Netzwerks die Einzelheiten der Anschl\u00e4ge und deren logistische Unterst\u00fctzung abzustimmen. Mzoudi wusste, dass Terroranschl\u00e4ge geplant waren und unterst\u00fctzte die \"Hamburger Zelle\" durch logistische Ma\u00dfnahmen. So stellte er Essabar Ende 2000/Anfang 2001 zur Finanzierung seiner in den USA geplanten Flugausbildung Geldmittel zur Verf\u00fcgung. Ma\u00dfgebliche Hilfe leistete der Beschuldigte bei der Verschleierung des Aufenthaltsortes des Alshehhi. F\u00fcr die letzten","150 Ausl\u00e4nderextremismus Wochen in Deutschland verschaffte er ihm ein Zimmer in einem Studentenwohnheim, in dem sich dieser unbemerkt bis zu seinem Abflug Ende Mai 2000 in die USA aufhalten konnte. Am 22. Oktober begann der Strafprozesses gegen Mounir El Motassadeq vor dem Oberlandesgericht Hamburg. Er bestritt, von den Attentatsplanungen des 11. September 2001 gewusst zu haben, r\u00e4umte allerdings ein, in das konspirative Finanzgebaren der Terrorzelle um den Todespiloten Mohamed Atta eingeweiht gewesen zu sein. Laut Anklage war der Beschuldigte bis zum Schluss in die Attentatsvorbereitungen eingebunden und kannte die auf Begehung von Terroranschl\u00e4gen ausgerichteten Ziele der terroristischen Zelle in Hamburg. Er war am 28. Oktober 2001 festgenommen worden. Wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 3.000 F\u00e4llen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilte ihn das Gericht am 19. Februar 2003 zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Am 24. Oktober konnte der in Gro\u00dfbritannien als Asylberechtigter anerkannte islamistische Prediger Omar Mahmud Othman, alias Abu Qutada, nach mehrmonatiger Fahndung in London festgenommen werden. Nach Verabschiedung neuer Anti-Terror-Gesetze war er im Dezember 2001 untergetaucht. Die Londoner Moschee von Abu Qutada war in der Vergangenheit Anlaufstelle f\u00fcr mutma\u00dfliche Gotteskrieger aus ganz Europa. Abu Qutada gilt als \"Al-Qaida-Botschafter\" in Europa. Mitte November wurde ein mutma\u00dflicher Drahtzieher des am 12. Oktober 2000 im Hafen von Aden/Jemen besch\u00e4digten amerikanischen Kriegsschiffs USS Cole, Abd el Rahim al-Nashiri, festgenommen. Bei dem seinerzeitigen Selbstmordattentat wurden 17 amerikanische Soldaten get\u00f6tet. Es entstand ein Sachschaden von 240 Millionen US-Dollar. Im Sommer sind im Jemen bereits mehrere Gefolgsleute von Bin Ladin verhaftet worden. 2.4 Ausblick Trotz dieser geschilderten Fahndungserfolge und Gerichtsverfahren sowie weiterer internationaler Erfolge in der Bek\u00e4mpfung des islamischen Terrorismus konnten die Strukturen von Al-Qaida und ihrem Netzwerk noch nicht entscheidend geschw\u00e4cht werden. Die terroristischen Netzwerke sind nach wie vor aktionsf\u00e4hig und stellen damit eine anhaltende Bedrohung dar. Zu ihrer Aufkl\u00e4rung und Bek\u00e4mpfung sind weiterhin intensive Anstrengungen aller nationalen und","Ausl\u00e4nderextremismus 151 internationalen Sicherheitsbeh\u00f6rden erforderlich. Neue Basen d\u00fcrften beispielsweise in der schwer zu \u00fcberwachenden Inselwelt S\u00fcdostasiens sowie im Kaukasus aufgebaut worden sein. 3. Islamisch-fundamentalistische Gruppierungen * 3.1 Die Internationale Islamische Front - Al-Qaida Zusammengeschwei\u00dft durch das gemeinsame Kriegserlebnis in Afghanistan und im islamistischen Sendungsbewusstsein bildete sich ein weltweiter Verbund arabischer Extremisten heraus. Das so entstandene Netzwerk arabischer Mudjahidin besteht aus unabh\u00e4ngig voneinander operierenden Organisationen und Zellen, in denen bei gemeinsamer Zielrichtung unterschiedliche Organisationsformen und Vorgehensweisen festzustellen sind. Unabh\u00e4ngige Organisationen sind ebenso m\u00f6glich wie sich \u00fcberschneidende Abh\u00e4ngigkeitsund Weisungsstr\u00e4nge. Die nachfolgende Grafik versucht, dieses Netzwerk darzustellen. Netzwerkstruktur internationaler Terrorgruppen Al-Qaida (Die Basis) mit KommandoInternationale Islamische Front strukturen Non-alignedunmittelbar an national bzw. Mudjahidin die Al-Qaidaregional ausgerichF\u00fchrung tete verb\u00fcndete, freie Gruppierungen angebundene aber selbst\u00e4ndige ohne feste OrganisationsMudjahidin Gruppen struktur z. B. z. B. Jihad Islami (JI) Anschlag: Anschl\u00e4ge: Al-Gamaa al-Islamiya Varese-Gruppe Nairobi und USS Cole / Jemen Ansar al Islam Meliani-Gruppe 12.10.2000 Daressalam Al-Tauhid 07.08.1998 GIA Abu Sayaff Jemaah Islamia ... ... tschetschenische Anschl\u00e4ge: Mudjahidin USA 11.09.2001 * Die nachfolgende Darstellung der islamistischen Organisationen bem\u00fcht sich um Vollst\u00e4ndigkeit, in der Absicht, die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber die wesentlichen Ideologien und Zielsetzungen, der auch in den Medien h\u00e4ufig genannten Organisationen zu informieren. Im Hinblick auf die unterschiedlichen Strukturen und den zum Teil nur geringen Bezug der einzelnen Organisationen zu Deutschland mussten dabei Abstriche in der Vollst\u00e4ndigkeit der Informationen (z.B. Mitgliederzahlen) und bei der Einheitlichkeit der Darstellung gemacht werden.","152 Ausl\u00e4nderextremismus Zentrales Element innerhalb dieser Netzwerkstruktur sind Al-Qaida (Die Basis) sowie die unmittelbar an die Al-Qaida-F\u00fchrung angebundenen Mudjahidin-Gruppen vom Typ der Attent\u00e4ter des 11. September 2001. Die F\u00fchrungsstruktur der Al-Qaida besteht aus verschiedenen Komitees bzw. Aussch\u00fcssen. Es gibt eine Shura (Rat), ein Religionskomitee, ein Milit\u00e4rkomitee und ein Komitee, das die wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten \u00fcberwacht. Die Zahl der Anh\u00e4nger der Organisation wird auf 1.500 bis 3.000 Personen gesch\u00e4tzt. Al-Qaida hat Zweigstellen und Verbindungen in 60 L\u00e4ndern der Welt. Sie agiert wie die Holding eines multinationalen Konzerns. Das Hauptkennzeichen dieser Vereinigung ist die Verkn\u00fcpfung moderner Management-Methoden mit einer islamistischen Djihad-Ideologie. Das Netzwerk delegiert sowohl in seinem wirtschaftlichen als auch in seinem terroristischen Zweig Verantwortung und trifft Zielvereinbarungen. Jeder wei\u00df \u00fcber kriminelle Aktivit\u00e4ten nur das, was er zur Aufgabenerf\u00fcllung wissen muss. Der engere Kreis ist durch einen Treueschwur (Bayat) zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet. Die unmittelbar an die Al-Qaida-F\u00fchrung angebundenen Mudjahidin bereiten ihre Taten unter gro\u00dfer Konspiration sorgf\u00e4ltig \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum vor. Die Finanzierung ihrer Aktivit\u00e4ten erfolgt weitgehend aus dem Verm\u00f6gen der Al-Qaida-Basisorganisation. Mit Al-Qaida verb\u00fcndete islamistische Gruppen und Zellen sind nur \u00fcber einzelne Vertrauenspersonen verkn\u00fcpft. So gibt es national bzw. regional ausgerichtete terroristische Gruppierungen (dargestellt im rechten Bereich des Schaubilds auf Seite 151 dieses Berichts), die in ihren jeweiligen Heimatl\u00e4ndern durch bewaffneten Kampf die Beseitigung der dortigen, aus Sicht der T\u00e4ter westlich-dekadenten Gesellschaftsordnung und die Errichtung eines islamistischen Gottesstaats anstreben. Hier sind insbesondere die \u00e4gyptischen Gruppen Jihad Islami und Al Gamaa al-Islamiya, Harakat Ul-Ansar (Kaschmir) sowie Jihad Islami (Bangladesch) zu nennen. Diese haben am 23. Februar 1998 gemeinsam mit Usama Bin Ladin unter der Bezeichnung Internationale Islamische Front ein Rechtsgutachten ver\u00f6ffentlicht, in dem zum Djihad gegen die USA, Israel und gegen die \"Kreuzfahrer\" aufgerufen wurde. Ein weiteres Element dieses Netzwerks sind die in Kleingruppen organisierten \"Non-aligned-Mudjahidin\" (dargestellt im linken Bereich des Schaubilds auf Seite 151 dieses Berichts). Die Ermittlungen im Zusammenhang mit der so genannten \"Meliani-Gruppe\", deren Mitglieder im Dezember 2000 in Frankfurt am Main festgenommen wur-","Ausl\u00e4nderextremismus 153 den, zeigten, dass in Deutschland terroristische Gruppen operieren, die sich durch kriminelle Aktivit\u00e4ten finanzieren. In Deutschland waren und sind logistische Basen vorhanden, aus denen heraus Tatmittel, Falschdokumente und Fahrzeuge in das Einsatzgebiet verbracht werden. Neben der \"Meliani-Gruppe\" ist die haupts\u00e4chlich aus Pal\u00e4stinensern bestehende Gruppierung \"Al-Tauhid\" zu nennen, die im April Gegenstand exekutiver Ma\u00dfnahmen mit Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen war. Die Tatsache, dass der mutma\u00dfliche libysche Terrorist Ben Heni, in M\u00fcnchen im Jahr 2001 festgenommen, sowohl mit der \"Meliani-\" also auch mit der italienischen \"Varese-Gruppe\" in Verbindung stand, belegt die Vernetzung dieser Kleingruppen. Die der Al-Qaida zuzurechnenden Terrorakte und die internationalen Fahndungsma\u00dfnahmen zur Bek\u00e4mpfung der Al-Qaida sind unter Nummer 2 dieses Abschnitts dargestellt. 3.2 Muslimbruderschaft (MB) Deutschland Bayern Mitglieder: 1.250 200 Gr\u00fcndung: 1928 in \u00c4gypten Publikation: Risalat ul-Ikhwan (MB) Die von Hassan Al-Banna in Ismailija/\u00c4gypten gegr\u00fcndete sunnitisch-extremistische MB ist eine multinationale Organisation, bei der eine Unterteilung in nationale Sektionen erkennbar ist. Ziel der MB ist unter anderem die Errichtung islamistischer \"Gottesstaaten\". Die Ideologie der MB ist in der gesamten muslimischen Welt verbreitet und hat zur Herausbildung zahlreicher militanter islamistischer Organisationen gef\u00fchrt (vgl. auch die Grafik auf Seite 154 dieses Berichts). In ihrem Ursprungsland \u00c4gypten ist die MB verboten; sie wird jedoch inzwischen geduldet. Insbesondere in Wohlfahrtsorganisationen verf\u00fcgt sie \u00fcber gro\u00dfen Emblem Einfluss. der MB Offiziell haben sich die meisten Zweige von der Gewalt abgewandt. Die Selbstmordattentate ihrer pal\u00e4stinensischen Sektion Islamische Widerstandsbewegung (HAMAS) zeigen aber, dass in der MB Gewalt weiterhin als legitimes politisches Mittel betrachtet wird.","154 Ausl\u00e4nderextremismus Regionale Str\u00f6mungen der Muslimbruderschaft Algerien Syrien \u00c4gypten Pal\u00e4stina Tunesien Islamische Islamische Al-Gamaa Hamas En Nahda Heilsfront (FIS) Avantgarden / al-Islamiya (GI) Islamisches Bewaffnete Zentrum (IZ) Jihad Islami (JI) Islamische in Aachen Islamischer Bund Gruppe (GIA) Pal\u00e4stina (IBP) F\u00f6deration der Al-Aqsa e.V. Salafiyya-Gruppe Islamischen (GSPC) Organisation in Europa (FIOE) Islamische Gemeinschaft Deutschland (IGD) Ausl\u00e4ndische Organisationen mit Einzelmitgliedern in Deutschland Organisationen mit Sitz in Deutschland / Europa Die MB tritt in Deutschland nicht offen in Erscheinung. Personell ist sie mit der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD) verflochten, die als deutsche Zentrale des \u00e4gyptischen Zweigs der MB gilt. Anh\u00e4nger des syrischen Zweigs der MB gr\u00fcndeten Anfang der 80er Jahre die \"Islamischen Avantgarden\" mit organisatorischen Schwerpunkt im \"Islamischen Zentrum\" in Aachen. 3.2.1 \u00c4gyptischer Zweig der MB 3.2.1.1 Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD) Deutschland Bayern Mitglieder: 600 Gr\u00fcndung: 1960 in Deutschland Sitz: M\u00fcnchen M\u00fcnchen, N\u00fcrnberg Pr\u00e4sident: Ibrahim Farouk El Zayat Publikation: Al Islam Der IGD, die als deutsche Zentrale des \u00e4gyptischen Zweigs der MB gilt, sind mehrere Islamische Zentren in Deutschland nachgeordnet. Sie hat ihren Sitz im Islamischen Zentrum M\u00fcnchen. Die IGD ist zudem Mitglied in der 1989 gegr\u00fcndeten \"F\u00f6deration der Islamischen Orga-","Ausl\u00e4nderextremismus 155 nisation in Europa\" (FIOE). FIOE wurde im Rahmen einer Resolution begr\u00fcndet, die anl\u00e4sslich einer Generalversammlung von Repr\u00e4sentanten der wichtigsten Islamischen Zentren, Gesellschaften und Vereinigungen in Europa verabschiedet wurde. Die Anh\u00e4nger der IGD sind bem\u00fcht, sich in der \u00d6ffentlichkeit als eine gegen\u00fcber der deutschen Rechtsordnung loyale muslimische Interessenvertretung darzustellen. Vorbehalte gegen\u00fcber den westlichen Demokratien, auch gegen\u00fcber der Staatsund Gesellschaftsordnung in Deutschland, kommen in \u00f6ffentlichen Verlautbarungen nur selten zum Ausdruck. Fr\u00fcherer Pr\u00e4sident der IGD war Dr. Ghaleb Himmat. Er war Vorstandsmitglied der Firma Al Taqwa in Lugano/Schweiz, die von den US-Sicherheitsbeh\u00f6rden verd\u00e4chtigt wird, Millionenbetr\u00e4ge f\u00fcr Al-Qaida verschoben zu haben. Seit 14. Februar ist Ibrahim Farouk El Zayat Pr\u00e4sident der IGD. Der deutsche Staatsangeh\u00f6rige El Zayat, dessen Vater aus \u00c4gypten stammt, ist mit der Schwester des ehemaligen IGMG-Vorsitzenden Mehmet Sabri Erbakan verheiratet. Neben seinem Amt als IGD-Vorsitzender \u00fcbt El Zayat zahlreiche Funktionen in weiteren islamischen Organisationen aus, die zum Teil dem Einflussbereich der IGMG zugeordnet werden. \u00dcber El Zayat kann die IGMG daher Einfluss auf das Spektrum organisierter arabischer Muslime aus\u00fcben. Generalsekret\u00e4r der IGD ist der in der N\u00e4he von M\u00fcnchen wohnhafte \u00c4gypter Ahmed El Khalifa. Er tritt als gem\u00e4\u00dfigter Muslim auf, der das Gespr\u00e4ch mit allen gesellschaftlichen Kreisen sucht. Seinen Vorstellungen zufolge soll Deutschland jedoch ein vom Islam gepr\u00e4gter Staat werden. Viele Mitglieder und Funktion\u00e4re der IGD und der Islamischen Zentren stehen der MB und deren Zielsetzung nahe. Deshalb waren aus den Islamischen Zentren wie in den Vorjahren Verlautbarungen und Aufrufe zu vernehmen, die mit der offiziellen gem\u00e4\u00dfigten Linie der IGD nicht \u00fcbereinstimmten, sondern die N\u00e4he zur MB verdeutlichten. So wurde im September bei einer Demonstration gegen den Staat Israel ein Flugblatt verteilt, in dem der Herrschaftsanspruch der MB postuliert wird: \"In der Weltgeschichte waren die Muslime Jahrhunderte lang Herren und F\u00fchrer der Erde. Sie waren Herren dank ihres Glaubens und ihres heiligen Buches, und f\u00fchrten die V\u00f6lker. (...) Ihre Armeen marschierten \u00fcberall hin, mit dem Schwert in einer Hand und dem Koran in der anderen. (...) Nur im wahren Islam ist die Rettung und Rechtleitung der Menschheit. (...) Wenn wir zu diesem Islam zur\u00fcckkehren, werden wir wieder ganz vorne gehen in dem menschlichen Zug.\"","156 Ausl\u00e4nderextremismus F\u00fcr das Flugblatt zeichnete Dr. El Mahgary, ein langj\u00e4hriger Funktion\u00e4r des Islamischen Zentrums N\u00fcrnberg (IZN), verantwortlich. 3.2.1.2 Al-Gamaa al-Islamiya (GI) Deutschland Bayern Gr\u00fcndung: 1971 in \u00c4gypten Leitung: Shura (Konsultativrat), bestehend aus 8 bis 10 Personen, die meisten davon au\u00dferhalb \u00c4gyptens Organisation und Mitglieder: keine organisatorischen Strukturen; in Deutschland nur einzelne Mitglieder Die 1971 als muslimische Studentenorganisation gegr\u00fcndete Al-Gamaa al-Islamiya (GI) entwickelte sich aus Protest gegen die Friedenspolitik des \u00e4gyptischen Pr\u00e4sidenten Anwar al Sadat gegen\u00fcber dem Staat Israel zu einer terroristischen Gruppierung. Spiritueller F\u00fchrer der Organisation ist der als Drahtzieher des Anschlags auf das Welthandelszentrum 1993 in New York zu lebenslanger Haft verurteilte blinde Scheich Abd ar Rahman. In den 90er Jahren trat die GI durch eine Reihe von Anschl\u00e4gen auf Touristen in Erscheinung. Ein Anschlag in Luxor/\u00c4gypten im November 1997 forderte 92 Todesopfer. Im Jahr 1999 riefen inhaftierte GI-Funktion\u00e4re einen einseitigen \"Waffenstillstand\" aus, den Abd ar Rahman im Juni 2000 k\u00fcndigte. Anschl\u00e4ge der GI blieben bislang aus. In Deutschland ist die Organisation nur durch Einzelmitglieder vertreten. 3.2.1.3 Jihad Islami (JI) Deutschland Bayern Gr\u00fcndung: Ende der 70er Jahre in \u00c4gypten Leitung: Shura (Konsultativrat), bestehend aus 8 bis 10 Personen, die meisten davon au\u00dferhalb \u00c4gyptens Organisation und Mitglieder: in Deutschland nur einzelne Mitglieder Der Jihad Islami (JI) wurde Ende der 70er Jahre von ehemaligen MB-Mitgliedern gegr\u00fcndet, die den bewaffneten Kampf gegen das","Ausl\u00e4nderextremismus 157 \"ungl\u00e4ubige \u00e4gyptische Regime\" einleiten wollten. Die Organisation agierte viele Jahre unter dem Dach der Al-Gamaa al-Islamiya (GI). Der JI wird wie der GI eine Beteiligung an der Ermordung des \u00e4gyptischen Pr\u00e4sidenten Anwar al-Sadat zur Last gelegt. Infolge der Anti-Terror-Ma\u00dfnahmen \u00c4gyptens wurde der JI in den 80er Jahren weitgehend zerschlagen. Der Wiederaufbau wurde von dem \u00e4gyptischen Arzt Aiman al-Zawahiri organisiert. Er unterhielt in Peschawar/Pakistan ein Rekrutierungsb\u00fcro f\u00fcr arabische Afghanistan-K\u00e4mpfer und f\u00f6rderte gleichzeitig die Wiederbelebung des JI in \u00c4gypten. Im Jahr 1998 schloss sich der JI gemeinsam mit anderen Organisationen der Internationalen Islamischen Front des Usama Bin Ladin an. Zawahiri ist ein enger Vertrauter Bin Ladins. 3.2.2 Pal\u00e4stinensischer Zweig der MB - Repr\u00e4sentanten der Islamischen Widerstandsbewegung (HAMAS) in Deutschland Islamischer Bund Pal\u00e4stina (IBP) - Al-Aqsa e.V. Deutschland Bayern Mitglieder IBP: ca. 300 Einzelpersonen Al-Aqsa e.V. in Deutschland seit 5. August 2002 verboten Der 1981 von in Deutschland lebenden Mitgliedern der Muslimbruderschaft (MB) gegr\u00fcndete Islamische Bund Pal\u00e4stina (IBP) vertritt seit Beginn der ersten Intifada 1987 die Positionen der Islamischen Widerstandsbewegung (HAMAS) in Deutschland. Ziel der HAMAS ist die Zerst\u00f6rung Israels und die Errichtung eines islamistisch gepr\u00e4gten Staates auf dem gesamten Gebiet Pal\u00e4stinas auch durch bewaffneten Kampf. Die HAMAS lehnt den israelisch-pal\u00e4stinensischen Friedensprozess ab und ist verantwortlich f\u00fcr zahlreiche terroristische Aktionen, auch Selbstmordattentate. Auf der Grundlage des durch das Terrorismusbek\u00e4mpfungsgesetz ge\u00e4nderten Vereinsgesetzes hat das Bundesministerium des Innern am 5. August ein Verbot gegen den in Aachen ans\u00e4ssigen Ausl\u00e4nderverein Al-Aqsa e.V. erlassen. Dieser hat unter dem Deckmantel der Humanit\u00e4t die Terrororganisation HAMAS unterst\u00fctzt.","158 Ausl\u00e4nderextremismus Die Verbotsverf\u00fcgung f\u00fchrt unter anderem aus, die T\u00e4tigkeit von Al-Aqsa e.V. unterst\u00fctze, bef\u00fcrworte und rufe Gewaltanwendung als Mittel zur Durchsetzung politischer, religi\u00f6ser oder sonstiger Belange hervor. Sie unterst\u00fctze eine Vereinigung au\u00dferhalb des Bundesgebiets, die Anschl\u00e4ge gegen Personen oder Sachen veranlasse und richte sich zudem gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Der 1992 gegr\u00fcndete Verein Al-Aqsa sammelte satzungsgem\u00e4\u00df bundesweit Spenden f\u00fcr soziale und humanit\u00e4re Zwecke zugunsten bed\u00fcrftiger Pal\u00e4stinenser. Die gesammelten Spendengelder wurden zwar an unverd\u00e4chtig erscheinende Hilfseinrichtungen der Terrororganisation HAMAS, aber auch an die so genannten \"M\u00e4rtyrerfamilien\" in Pal\u00e4stina weitergeleitet, wodurch der Verein Gewalt und Terror, nicht nur im Nahen Osten, unterst\u00fctzt hat. In Bayern wurde bislang keine Niederlassung des Al-Aqsa-Vereins festgestellt. 3.2.3 Algerischer Zweig der MB 3.2.3.1 Islamische Heilsfront (FIS) Deutschland Bayern Mitglieder: 300 45 Gr\u00fcndung: 1989 in Algerien Publikation: Al-Ribat (Das Band) Die FIS ist der algerische Zweig der international t\u00e4tigen Muslimbruderschaft (MB). Aufgrund des wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs und des Ansehensverlustes der algerischen Regierung gewann die FIS im Dezember 1991 die Parlamentswahlen in Algerien. Als sie anschlie\u00dfend 1992 verboten wurde, gingen zahlreiche FIS-Funktion\u00e4re ins Ausland. Bis zum Sommer 2002 f\u00fchrte der in Deutschland lebende Rabah Kebir die \"Exekutivinstanz der FIS im Ausland\". Am 4. August veranstaltete die Organisation erstmals seit zehn Jahren einen Kongress. Bei dieser Veranstaltung wurde Kebir, der dem Treffen ferngeblieben war, von dem in Genf ans\u00e4ssigen Physiker Dr. Mourad Dhina entmachtet. Dem abgew\u00e4hlten Vorsitzenden wurde seine eigenm\u00e4chtige Dialogbereitschaft gegen\u00fcber der algerischen Regierung zur Last gelegt. Die FIS fordert nach wie vor die Anerkennung der Parlamentswahlen von 1991. Ihr Ziel bleibt die Errichtung eines islamischen Staates in Algerien.","Ausl\u00e4nderextremismus 159 3.2.3.2 Bewaffnete Islamische Gruppe (GIA) Deutschland Bayern Mitglieder: 50 einzelne Anh\u00e4nger Gr\u00fcndung: 1992 Abspaltergruppe: \"Salafiyya-Gruppe f\u00fcr die Mission und den Kampf\" (GSPC), gegr\u00fcndet 1997 in Algerien Publikationen: Al-Jamaa (Die Gruppe) Al Quital (Die Schlacht) Im April 1992 spalteten sich aus dem Bereich der FIS militante Gruppen ab, um den bewaffneten Kampf gegen die algerische Regierung aufzunehmen. Als historischer F\u00fchrer gilt Abdelhak Layada, der 1993 in Marokko verhaftet wurde. Die GIA spezialisierte sich auf terroristische Aktionen, die sich auch gegen Ausl\u00e4nder richteten und begann 1993 mit Angriffen auf die Zivilbev\u00f6lkerung. Ab 1996 \u00fcbernahm der in Afghanistan milit\u00e4risch ausgebildete Antar Zouabri die GIA-F\u00fchrung. Unter seiner Leitung nahmen die Terroraktionen B\u00fcrgerkriegsdimensionen an. Bis 1997 starben \u00fcber 100.000 Menschen. Viele GIA-K\u00e4mpfer sind v\u00f6llig entwurzelte fr\u00fchere Afghanistan-K\u00e4mpfer. Im Februar wurde Zouabri in der N\u00e4he von Algier von Sicherheitskr\u00e4ften get\u00f6tet. Die GIA lehnt wie bisher jeden Kompromiss mit der Regierung ab. Im Juli konnte ein hochrangiger Funktion\u00e4r der GIA in Stuttgart festgenommen werden, der an einer Mordanschlagsplanung in Paris beteiligt war. Aus der GIA spaltete sich im Jahre 1997 in Algerien die \"Salafiyya-Gruppe f\u00fcr die Mission und den Kampf\" (GSPC) ab. 3.2.4 Tunesischer Zweig der MB - En Nahda Deutschland Bayern Wirkungsbereich: Oppositionsbewegung in Tunesien (seit 1991 in Tunesien verboten) F\u00fchrung: Rachid Ghannouchi / Gro\u00dfbritannien Deutschlandbezug: Einzelmitglieder (keine festen Strukturen) Die En Nahda (Wiedergeburt) bildet den tunesischen Zweig der Muslimbruderschaft (MB). Sie ist die wichtigste Oppositionsbewegung Tunesiens. Seit 1991 wird die in Tunesien verbotene Organisa-","160 Ausl\u00e4nderextremismus tion von dem in seinem Heimatland in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilten Rachid Ghannouchi geleitet. Ghannouchi lebt in Gro\u00dfbritannien und gibt sich nach au\u00dfen hin als gem\u00e4\u00dfigter, demokratischer Politiker. Gegen\u00fcber seinen eigenen Anh\u00e4ngern \u00e4u\u00dfert er sich jedoch militant und spricht davon, die amerikanischen Eroberer und deren Alliierte (arabische Regierungen) verjagen zu wollen. Wegen des massiven Drucks der tunesischen Sicherheitskr\u00e4fte befindet sich ein gro\u00dfer Teil der En Nahda-Mitglieder im Ausland. Auch in Deutschland halten sich Mitglieder auf. Feste Strukturen sind jedoch nicht erkennbar. 3.3 Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6rus e.V. (IGMG) Deutschland Bayern Mitglieder: 26.000 4.800 Vorsitzender: Yavuz Celik Karahan kommissarisch Gr\u00fcndung: 1985 Sitz: K\u00f6ln Publizistisches Sprachrohr: Milli Gazete (Nationale Zeitung) Die IGMG ist ein Sammelbecken von Anh\u00e4ngern der fr\u00fcheren Tugendpartei (FP) und der jetzigen islamistischen Gl\u00fcckseligkeitspartei (SP) in der T\u00fcrkei. Sie verf\u00fcgt \u00fcber bundesweit rund 500 Ortsgruppen. In Bayern ist der Verband mit 70 Ortsgruppen vertreten. Die Schwerpunkte liegen wie bisher in N\u00fcrnberg und M\u00fcnchen. Die Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung strebt die Abschaffung der laizistischen Staatsordnung in der T\u00fcrkei und die Einf\u00fchrung einer islamischen Staatsund Gesellschaftsordnung mit dem Koran als Grundlage des Staatsaufbaus und als Verhaltenskodex des gesellschaftlichen Zusammenlebens an. Ihr Fernziel ist die weltweite Islamisierung. Sie orientiert sich damit an der fr\u00fcheren Politik der am 22. Juni 2001 vom t\u00fcrkischen Verfassungsgericht wegen \"anti-laizistischer Aktivit\u00e4ten\" verbotenen Tugend-partei (FP). Diese war zu diesem Zeitpunkt mit 102 von 550 Abgeordneten die gr\u00f6\u00dfte Oppositionsfraktion im t\u00fcrkischen Parlament.","Ausl\u00e4nderextremismus 161 Aus der FP gingen zwei Nachfolgeorganisationen hervor. Im Juli 2001 gr\u00fcndeten die \"Traditionalisten\", denen die IGMG nahe steht, die Gl\u00fcckseligkeitspartei (SP) unter dem Vorsitz von Recai Kutan. Als F\u00fchrer betrachten die Traditionalisten nach wie vor den mit einem politischen Bet\u00e4tigungsverbot belegten fr\u00fcheren t\u00fcrkischen Ministerpr\u00e4sidenten Prof. Necmettin Erbakan. Im August 2001 wurde von Recep Tayyip Erdogan die Gerechtigkeitsund Aufschwungpartei (AKP) in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndet. Der fr\u00fchere B\u00fcrgermeister von Istanbul macht f\u00fcr sich eine Abkehr vom Islamismus geltend. Seinen Verlautbarungen zufolge soll die AKP keine islamische Partei im traditionellen Sinn sein, sondern eine konservative Gruppierung. Die IGMG unterst\u00fctzte den Wahlkampf der SP durch Spendensammlungen und die Organisierung von FlugEmblem reisen. Mehrere tausend Personen reisten in die T\u00fcrder IGMG kei, um der SP ihre Stimme zu geben. Auch die Milli Gazete warb intensiv f\u00fcr einen Wahlsieg der Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung. Dennoch scheiterte die SP mit nur 2,47 % der Stimmen an der 10 %-Sperrklausel. Die AKP erhielt 34,99% der Stimmen und die Mehrheit der Abgeordnetenmandate. Die Anh\u00e4nger der IGMG reagierten auf die Regierungs\u00fcbernahme der AKP zwiesp\u00e4ltig. Viele Mitglieder begr\u00fc\u00dften den Sieg der AKP, w\u00e4hrend sich manche Funktion\u00e4re von der Wahlniederlage der SP schockiert zeigten. In einer Selbstdarstellung beschreibt sich die IGMG als Verein, der die Muslime organisiert, ihre Interessen vertritt und die Verk\u00fcndigung des islamischen Glaubensbekenntnisses pflegt. Im Gegensatz zu anderen islamistischen Organisationen ist die IGMG schon seit Jahren um ein rechtlich unangreifbares Erscheinungsbild bem\u00fcht. Sie gibt vor, nur verfassungskonforme Ziele zu verfolgen und nutzt den interreligi\u00f6sen Dialog. Am 3. Oktober beteiligten sich zahlreiche Ortsvereine am \"Tag der offenen Moschee\". Zu diesem Anlass pr\u00e4sentierte man sich weltoffen und tolerant. Bei internen Veranstaltungen stellt sich der Verband jedoch verschiedentlich ganz anders dar. Bei einer Predigt in einer bayerischen IGMG-Moschee im April hielt ein Hodscha eine Hassrede gegen Europa, Amerika und die Juden. Er erkl\u00e4rte: \"Amerika ist ein gro\u00dfer Teufel, Gro\u00dfbritannien ein kleiner, Israel ein blutsaugender Vampir. Einst waren die Europ\u00e4er unsere Sklaven, heute sind es","162 Ausl\u00e4nderextremismus die Muslime. Dies muss sich \u00e4ndern. Heute sind wir abh\u00e4ngig von den Ungl\u00e4ubigen. Sie wollen unsere Religion verbieten. (...) Wir m\u00fcssen die Ungl\u00e4ubigen bis in die tiefste H\u00f6lle treiben. Wir m\u00fcssen zusammenhalten und uns ruhig verhalten bis es soweit ist. Ihr k\u00f6nnt jetzt noch nichts sehen, aber es ist alles in Vorbereitung. Es l\u00e4uft im Verborgenen. Ihr m\u00fcsst euch bereithalten f\u00fcr den richtigen Zeitpunkt. Wir m\u00fcssen die Demokratie f\u00fcr unsere Sache nutzen. Wir m\u00fcssen ganz Europa mit Moscheen und Schulen \u00fcberziehen.\" Die Rede wurde immer wieder von Beifallsbekundungen der Zuh\u00f6rer unterbrochen. Das Fernziel der Weltherrschaft des Islam unter F\u00fchrung der Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung wird bei Predigten mitunter offen ausgesprochen. So sagte ein Prediger im November: \"Erst m\u00fcssen wir eine Gemeinde bilden, zweitens m\u00fcssen wir dem F\u00fchrer dieser Gemeinde (Anm.: Necmettin Erbakan) gehorsam sein und alle seine Befehle ausf\u00fchren. (...) Wir m\u00fcssen unsere Zeit geben, unser Hab und Gut und wenn es verlangt wird, m\u00fcssen wir unser Leben opfern. (...) Jeder Moslem muss in jeder Sekunde vorbereitet sein zum Djihad.\" In diesem Zusammenhang wird in IGMG-Veranstaltungen immer wieder der \"heroische Freiheitskampf\" der Tschetschenen gelobt. Die get\u00f6teten Widerstandsk\u00e4mpfer gelten als M\u00e4rtyrer. Anfang Oktober starb der t\u00fcrkischst\u00e4mmige deutsche Staatsangeh\u00f6rige Mevl\u00fct Polat bei einem Kampfeinsatz im Kaukasus. Er wohnte vor seinem Tod im Regierungsbezirk Schwaben und hatte Kontakte zur IGMG. Die IGMG bem\u00fchte sich in der \u00d6ffentlichkeit, antisemitische \u00c4u\u00dferungen zu vermeiden. Diese Zur\u00fcckhaltung wird jedoch gelegentlich durchbrochen. Im publizistischen Sprachrohr der IGMG \"Milli Gazete\" (Nationale Zeitung) wurden wiederholt antizionistische und antisemitische Aussagen verbreitet. So hie\u00df es in der Ausgabe der Milli Gazete vom 9. April, Israel sei die Fernpolizei des Zionismus und Amerika lasse die Menschen an vielen Orten auf der Welt Blut spucken. Israel sei wie ein Krebsgeschw\u00fcr im Nahen Osten immer m\u00e4chtiger geworden. Am 3. Juni schrieb die Milli Gazete, die zionistische Philosophie halte mit Hilfe ihrer finanziellen Macht \u00fcber die Medien die Weltpolitik in ihren H\u00e4nden. Unter der \u00dcberschrift \"Das verborgene Geheimnis der 20-Dollarnote\" wurde in der Milli Gazete vom 10. August eine Falttechnik beschrieben, durch die eine besondere Bildfolge entsteht. Diese Bildfolge zeigt aus dem Welthandelszentrum in New York aufsteigende Rauchwolken und das Pentagon. Anschlie\u00dfend wird darauf","Ausl\u00e4nderextremismus 163 hingewiesen, dass sich auf der 1-Dollarnote wichtige Symbole von Zionismus und Freimaurertum befinden. Der Autor schreibt weiter: \"Jetzt l\u00fcftet sich das Geheimnis und im Zusammenhang mit der Kriegserkl\u00e4rung an die gesamte islamische Welt begreift man, wie eine Weltmacht \u00fcber die gesamte Welt herrschen m\u00f6chte.\" Die IGMG empfiehlt ihren Anh\u00e4ngern den Erwerb der deutschen Staatsangeh\u00f6rigkeit. Sie will das starke Anwachsen der t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Bev\u00f6lkerung in Deutschland zur Vergr\u00f6\u00dferung der Einflussm\u00f6glichkeiten der IGMG auf Staat und Gesellschaft nutzen. Auf einer Veranstaltung des IGMG-Gebiets Schwaben in Neu-Ulm am 4. Juni 2001 hatte der damalige stellvertretende Bundesvorsitzende Yavuz Celik Karahan bei einer Erl\u00e4uterung des F\u00fcnfjahresplans der IGMG erkl\u00e4rt: \"Was wir wirklich wollen, werden wir in f\u00fcnf bis zehn Jahren bekommen.\" Es g\u00e4be ann\u00e4hernd sieben Millionen Muslime, die sich legal oder illegal in Deutschland aufhielten, davon seien etwa vier Millionen T\u00fcrken. In rund f\u00fcnf Jahren werde diese Zahl auf ungef\u00e4hr elf Millionen Muslime angewachsen sein. Und in weiteren f\u00fcnf Jahren seien es 16 Millionen. Dann w\u00e4re man bereits so stark wie die fr\u00fchere DDR. Mit diesem Potenzial sei man in der Lage eine islamische Partei zu gr\u00fcnden, die es ohne weiteres schaffen k\u00f6nnte, ins Parlament nach Berlin zu kommen. Grundvoraussetzung daf\u00fcr sei jedoch die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit. Das \u00f6ffentliche Bekanntwerden dieser und \u00e4hnlicher Aussagen und die Diskussion \u00fcber ein Verbot f\u00fchrten zu einem Imageschaden f\u00fcr die IGMG. Die IGMG in Bayern wie in verschiedenen anderen Bundesl\u00e4ndern unternahm deshalb rechtliche Schritte gegen die Ver\u00f6ffentlichung von \u00c4u\u00dferungen in Verfassungsschutzberichten oder anderen Publikationen. In Bayern beantragte die IGMG am 2. April im Rahmen des vorl\u00e4ufigen Rechtsschutzes den Erlass einer einstweiligen Anordnung nach SS 123 Verwaltungsgerichtsordnung, mit der dem Freistaat Bayern untersagt werden sollte, im Zusammenhang mit Berichten \u00fcber die IGMG Abbildungen des Usama Bin Ladin zu ver\u00f6ffentlichen und zu behaupten oder zu verbreiten, die Antragstellerin wolle mit Hilfe eingeb\u00fcrgerter Muslime in Deutschland eine eigene Partei gr\u00fcnden. Das Bayerische Staatsministerium des Innern hatte in dem Faltblatt Nummer 7 \"Islamischer Extremismus\" der Faltblattreihe \"SCH\u00dcTZT UNSERE DEMOKRATIE\" neben Ausf\u00fchrungen zur IGMG und zu anderen","164 Ausl\u00e4nderextremismus extremistischen Organisationen bis hin zur Al-Qaida auch ein Foto des Bin Ladin abgebildet. Das Verwaltungsgericht M\u00fcnchen wies diesen Antrag mit Beschluss vom 11. Juni zur\u00fcck. Die IGMG legte daraufhin Beschwerde beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof ein, welche am 10. Oktober aus formalrechtlichen Gr\u00fcnden zur\u00fcckgewiesen wurde. Daraufhin erhob die IGMG am 4. Dezember Klage beim Verwaltungsgericht M\u00fcnchen, welche derzeit noch anh\u00e4ngig ist. Au\u00dferdem forderte die IGMG das Bayerische Staatsministerium des Innern auf, eine strafbewehrte Unterlassungserkl\u00e4rung abzugeben und sich darin zu verpflichten, mehrere im Verfassungsschutzbericht Bayern 2001 enthaltene Aussagen zur IGMG nicht mehr zu verbreiten. Dieser Aufforderung wurde vom Bayerischen Staatsministerium des Innern nicht entsprochen, da die angegriffenen Aussagen zutreffend sind und auf sorgf\u00e4ltig erhobenen Erkenntnissen des Bayerischen Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz beruhen. Daraufhin reichte die IGMG am 9. Dezember Klage beim Verwaltungsgericht M\u00fcnchen ein. Auch dieses Verfahren ist derzeit noch anh\u00e4ngig. Im Mai gab L\u00fctf\u00fc Eseng\u00fcl, der stellvertretende Generalvorsitzende der Gl\u00fcckseligkeitspartei (SP), in Ankara bekannt, dass die Partei eine eigene Jugendorganisation gegr\u00fcndet habe. Ziel der Jugendorganisation sei es, Kader in die politische Arena der T\u00fcrkei zu bringen, die das Land regieren k\u00f6nnen. Parallel zu den Bem\u00fchungen der SP in der T\u00fcrkei verst\u00e4rkte die IGMG ihre Jugendund Kinderarbeit. So bietet sie in zahlreichen Ortsvereinen Sommerkoranschulen an und wirbt intensiv f\u00fcr die Teilnahme. Die Lehrinhalte und das Unterrichtsmaterial sollen ab diesem Jahr vereinheitlicht werden. Bei Koranrezitationswettbewerben werden erfolgreiche Sch\u00fcler geehrt. Um die Begeisterung der Kinder zu erhalten, werden neben dem Unterricht Ausfl\u00fcge, Sport und Theaterspiele angeboten. Die Mitgliederzahl des IGMG-Kinderclubs soll von 3.000 Personen auf 6.000 Personen gesteigert werden. Die intensive Besch\u00e4ftigung mit der Jugend soll diese von der westlichen Gesellschaft fernhalten. Auch die Erziehungsmittel d\u00fcrften nicht europ\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben entsprechen. So empfiehlt der in der \"Milli Gazete\" publizierende Rechtsgelehrte Mehmet Talu bei lernunwilligen Sch\u00fclern die Pr\u00fcgelstrafe. Die IGMG hielt am 15. Juni in Arnheim/Niederlande ihre Generalversammlung ab. An der Veranstaltung nahmen mehr als 20.000 Personen teil, darunter auch einige hundert IGMG-Mitglieder aus Bayern, die \u00fcberwiegend mit Bussen angereist waren. Neben dem F\u00fchrer der","Ausl\u00e4nderextremismus 165 t\u00fcrkischen Fundamentalisten, Prof. Necmettin Erbakan, waren auch Funktion\u00e4re der SP und die durch ihren Versto\u00df gegen das Kopftuchverbot im t\u00fcrkischen Parlament bekannt gewordene fr\u00fchere Parlamentsabgeordnete Merve Kavakci geladen. Erbakan sprach \u00fcber die Anpassung an die europ\u00e4ische Gesellschaft durch die entsprechende Kindererziehung. Insbesondere sei es notwendig die jeweilige Landessprache zu beherrschen. Man solle sich intensiv um Kontakte mit Beh\u00f6rden, Parteien und sonstigen \u00f6ffentlichen und gesellschaftlichen Stellen bem\u00fchen. Die Anh\u00e4ngerschaft wurde erneut auf die F\u00fchrerschaft des \"Hodschas\" Erbakan eingeschworen. Anfang Oktober trat der IGMG-Bundesvorsitzende Mehmet Sabri Erbakan, der Neffe von Prof. Necmettin Erbakan, nach eigenen Angaben aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden zur\u00fcck. Der Verband wird seither von Yavuz Celik Karahan, dem bisherigen stellvertretenden Generalvorsitzenden der IGMG, kommissarisch geleitet. 3.4 Hilafet Devleti (Der Kalifatsstaat) Deutschland Bayern Mitglieder: 800 280 Vorsitzender: Metin Kaplan Gr\u00fcndung: 1984 Verbot: 12.12.2001 Sitz: K\u00f6ln Publizistische Sprachrohre: Asr-I Saadet; D.I.A. (Die islamische Alternative) Der 1984 gegr\u00fcndete \"Kalifatsstaat\" (Hilafet Devleti) war eine am \"F\u00fchrerprinzip\" orientierte, streng hierarchisch gegliederte Organisation. Das Endziel dieses \"Staates ohne Staatsgebiet\" war die Weltherrschaft des Islam unter dem Kalifat seines Anf\u00fchrers Metin Kaplan. Als erste Stufe auf dem Weg zu diesem Ziel wurde der gewaltsame Sturz des laizistischen Regierungssystems in der T\u00fcrkei angestrebt. Der \"Kalifatsstaat\" lehnte Demokratie und jede Trennung von Politik und Religion strikt ab. Er richtete sich damit gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung, den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung und gef\u00e4hrdete die Innere Sicherheit in Deutschland. Das Bundesministerium des Innern verbot deshalb am","166 Ausl\u00e4nderextremismus 12. Dezember 2001 die Vereinigung \"Kalifatsstaat\" einschlie\u00dflich der ihr zugeordneten 17 Teilorganisationen, darunter alle vier bayerischen Verb\u00e4nde und erkl\u00e4rte diese f\u00fcr aufgel\u00f6st. Die Beschlagnahme und Einziehung des Verm\u00f6gens des \"Kalifatsstaats\" wurde angeordnet. Nachdem das Bundesverwaltungsgericht zun\u00e4chst mit Beschluss vom 21. M\u00e4rz 2002 den Antrag des ehemaligen \"Kalifatsstaats\" abgelehnt hat, die sofortige Vollziehung der Verbotsverf\u00fcgung auszusetzen, best\u00e4tigte es schlie\u00dflich am 27. November letztinstanzlich das Verbot des Bundesministeriums des Innern. Metin Kaplan verb\u00fc\u00dft zurzeit wegen \u00f6ffentlicher Aufforderung zu Straftaten in D\u00fcsseldorf eine vierj\u00e4hrige Gef\u00e4ngnisstrafe; der Bundesgerichtshof verwarf am 23. Mai einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung. In Bayern existierten bis zum Verbot des \"Kalifatsstaats\" vier Moscheevereine als Teilorganisationen der Ulu-Camii / Zentralmoschee K\u00f6ln: in den St\u00e4dten Augsburg, Ingolstadt, N\u00fcrnberg und Garching bei M\u00fcnchen. Der \"Statthalter des Kalifen von K\u00f6ln\", Hasan Pala, trug die Bezeichnung \"Gebietsemir von Bayern\". Er stand au\u00dferdem dem Mevlana-Moscheeverein in Augsburg vor. Ingolstadt war der Sitz des \"Gebietsjugendemirs von Bayern\". Aufgabe der Moscheevereine in Bayern war es, die Spenden und Steuern der Mitglieder einzutreiben und der Zentrale in K\u00f6ln abzuliefern. Ihnen oblag es ferner, die Weisungen des Kalifen bei den w\u00f6chentlichen Freitagsgebeten und Sonderveranstaltungen bekannt zu geben und umzusetzen. Dar\u00fcber hinaus waren die Vereine in Bayern verpflichtet, Kinder der Verbandsmitglieder im Koran zu schulen und ihnen die Doktrin des \"Kaplan-Verbands\" n\u00e4her zu bringen. Die Moscheevereine waren nur Verbandsmitgliedern zug\u00e4nglich und durch Vereinsfahnen oder T\u00fcrschilder als solche gekennzeichnet. Die Gebetsr\u00e4ume dienten auch dem gesellschaftlichen Beisammensein der Mitglieder. Bei Veranstaltungen wurden den Anwesenden Videos und Kassetten mit Reden und Beitr\u00e4gen von Cemaleddin und Metin Kaplan pr\u00e4sentiert. Der verbandseigene Fernsehsender Hakk-TV, dessen Sitz in den Niederlanden liegen d\u00fcrfte, versorgte via Satellit die Mitglieder mit aktuellen Beitr\u00e4gen zum Weltgeschehen aus der Sicht des \"Kalifatsstaats\". Die Anh\u00e4nger des \"Kalifatsstaats\" lebten und agierten im Rahmen ihres fiktiven Staatsgebildes. Sie bezahlten Steuern an den Kalifen. Ferner wurden Mitgliedsbeitr\u00e4ge in H\u00f6he von 2,5 % der Nettol\u00f6hne er-","Ausl\u00e4nderextremismus 167 hoben, die sich sogar zeitweise bis auf den gesamten Monatslohn erh\u00f6hten. Von Mitgliedern wurden regelm\u00e4\u00dfige Spenden f\u00fcr Hakk-TV und den Bezug der verbandseigenen Zeitschrift \"\u00dcmmet-I Muhammed\" gefordert. Anlassbezogene Spenden (z.B. f\u00fcr Tschetschenien und Pal\u00e4stina) rundeten die Finanzbeschaffung innerhalb des \"Kalifatsstaats\" ab. Weitere Einnahmen verschafften die verbandseigene Lebensmittelkette \"KAR-BIR\" und ein Buchvertrieb. An die Moscheevereine waren L\u00e4den angegliedert, die Lebensmittel der Firma ver\u00e4u\u00dferten. Die Mitglieder wurden dazu aufgefordert, nur Lebensmittel von \"KAR-BIR\" zu kaufen. In Bayern sichergestellte Unterlagen belegen, dass zwischen den afghanischen Taliban und dem \"Kalifatsstaat\" enge Kontakte bestanden. Der Europavertreter der Taliban, Mullah Nekmal, sprach auf einer Gro\u00dfveranstaltung der Organisation am 15. Mai 1999 in K\u00f6ln. Der \"Kalifatsstaat\" hatte dar\u00fcber hinaus Verbindungen zum im Jahr 2002 verbotenen Spendensammelverein Al-Aqsa e.V. sowie zur Hizb-I Islami (Partei des Islam) in Afghanistan. In beschlagnahmten Videos der verbotenen Vereinigung wurde der Djihad verherrlicht. Titel wie \"Die Schule des Djihad\" und \"Der kleine Gotteskrieger\", ein Zeichentrickfilm, der besonders Kinder ansprechen sollte, repr\u00e4sentieren nur zwei der etwa 500 in Bayern sichergestellten Videofilme. Inzwischen erscheinen zwei neue Publikationen, die nach Inhalt und Diktion dem verbotenen \"Kalifatsstaat\" zuzuordnen sind. Die \"Asr-I Saadet (Das Zeitalter der Gl\u00fcckseligkeit)\" ist eine w\u00f6chentlich in t\u00fcrkischer Sprache erscheinende Zeitung, w\u00e4hrend das Magazin \"D.I.A. (Die islamische Alternative)\" in deutscher Sprache verfasst ist. Die Illustrierte D.I.A. wird zu Werbezwecken wahllos an Fachhochschulen im bayerischen Raum versandt. Beide Publikationen verbreiten die Ideologie des \"Kalifatsstaats\" weiter: \"Lasst uns innerhalb der islamischen Armee unseren Platz einnehmen, um zuerst Istanbul und dann die Welt zu islamisieren - lasst uns das Recht erlangen neue Eroberer zu sein! (...) Lasst uns diejenigen Menschen machen, die ihren Platz in der Armee der Eroberung einnehmen und blutverschmiert zur Audienz gelangen, weil sie bis zum letzten Atemzug gek\u00e4mpft haben, um M\u00e4rtyrer zu werden!\" (Asr-I Saadet Nummer 12 vom 20. M\u00e4rz) Am 8. April leitete der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof ein Ermittlungsverfahren gegen bislang unbekannte Angeh\u00f6rige des","168 Ausl\u00e4nderextremismus \"Kalifatsstaats\" beziehungsweise \"Kaplan-Verbands\" wegen des Verdachts der Zuwiderhandlungen gegen das Verbot des Vereins ein. Das Bundeskriminalamt wurde mit der Durchf\u00fchrung der Ermittlungen beauftragt. Es besteht der Verdacht, dass namentlich bisher nicht bekannte Beschuldigte den organisatorischen Zusammenhalt des \"Kalifatsstaats\" entgegen dem vollziehbaren Verbot, das durch das Bundesministerium des Innern am 12. Dezember 2001 verh\u00e4ngt wurde, aufrechterhalten. Der Grund f\u00fcr das Ermittlungsverfahren liegt sowohl in einer weiteren Ver\u00f6ffentlichung der Zeitung \"\u00dcmmet-i Muhammed\", Nummer 409/2001, als auch an Beitr\u00e4gen des Fernsehsenders Hakk-TV nach dem Vereinsverbot. Sowohl bei den Zeitungsberichten als auch bei den Sendungen handelte es sich um die vormaligen Verlautbarungen des \"Kalifatsstaats\". Das Bundesministerium des Innern verbot am 19. September weitere 16 Teilorganisationen der verbotenen islamistischen Organisation \"Kalifatsstaat\". Gegen zwei weitere Gruppierungen wurden vereinsrechtliche Ermittlungsverfahren eingeleitet, da sie im Verdacht stehen, ebenfalls dem verbotenen \"Kalifatsstaat\" anzugeh\u00f6ren. Im Rahmen des Vollzugs wurden in den f\u00fcnf Bundesl\u00e4ndern Baden-W\u00fcrttemberg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz 108 Vereinslokale, Moscheen und Wohnungen von Vorstandsmitgliedern der Organisationen durchsucht. Die Polizei stellte dabei Vereinsunterlagen und Propagandamaterial, PCs, CDs, Videos und weiteres Vereinsverm\u00f6gen sicher. 3.5 Hizb-ut-Tahrir Deutschland Bayern Anh\u00e4nger: ca. 150 Einzelpersonen Gr\u00fcndung: 1953 in Pal\u00e4stina Europazentrale: Gro\u00dfbritannien Publizistische Sprachrohre: explizit; Al Khilafah Politisches Bet\u00e4tigungsverbot in Deutschland seit 15.01.2003 Die \"Partei der islamischen Befreiung\" - Hizb-ut-Tahrir - (andere Schreibweise: Hizb al-Tahrir) wurde 1953 in Pal\u00e4stina von dem Religionsgelehrten Taqi Din an-Nabhani, einem Mitglied der Muslimbruderschaft (MB), gegr\u00fcndet. Sie hat sich seitdem weltweit verbreitet,","Ausl\u00e4nderextremismus 169 ab 1995 gewann sie in Zentralasien, insbesondere in den ehemaligen Sowjetrepubliken, zahlreiche Mitglieder. Anh\u00e4nger der Hizb-ut-Tahrir versuchten von Beginn an, milit\u00e4rische Institutionen und Einrichtungen in arabischen L\u00e4ndern zu unterwandern und Mitglieder aus den Reihen des Milit\u00e4rs zu rekrutieren. In den Jahren 1968 in Amman (Jordanien) und 1969 in Bagdad (Irak) scheiterten Putschversuche. Ebenso schlugen Bestrebungen zur Macht\u00fcbernahme 1974 in Kairo (\u00c4gypten) und 1976 in Damaskus (Syrien) fehl. Inzwischen ist die Hizb-ut-Tahrir in der gesamten arabischen Welt und Zentralasien verboten. Nach dem Tod Nabhani's 1974 zerfiel die Partei laut Aussagen in \u00c4gypten ans\u00e4ssiger Mitglieder in drei Fraktionen. Die erste soll ein Abdul Qadir Zalum in Gro\u00dfbritannien f\u00fchren. Dort d\u00fcrfte auch der Sitz der europ\u00e4ischen Zentrale sein. Aus der zweiten Fraktion um Umar Bakri entstand die Abspaltung \"Jamaat al-Muhajirin\". Die dritte Fraktion ist vor allem in Usbekistan und anderen Staaten Zentralasiens aktiv. Das Ziel der Hizb-ut-Tahrir ist die Errichtung eines \"rechtgeleiteten\" weltumspannenden Kalifats, das die L\u00e4nder und V\u00f6lker der Muslime in einem einzigen Staat eint und die Botschaft des Islam in die gesamte Welt tr\u00e4gt. Weitere erkl\u00e4rte Ziele sind die Wiedereinf\u00fchrung der Sharia als Strukturprinzip der islamischen Ordnung, die Ausl\u00f6schung des Staates Israel und die Befreiung der muslimischen Welt von westlichen Einfl\u00fcssen. Unausweichlich sei dabei ein \"Kampf der Kulturen\", insbesondere zwischen Islam und Christentum. Ein Dialog zwischen den Kulturen, gepr\u00e4gt vom Prinzip der Gleichheit und Toleranz, sei unm\u00f6glich, da mit dem Islam unvereinbar. Der Kampf sei sowohl auf ideologischer, wirtschaftlicher, politischer als auch auf milit\u00e4rischer Ebene zu f\u00fchren. Der milit\u00e4rische Kampf gegen die Ungl\u00e4ubigen sei im Sinn eines \"aktiven Djihad\" f\u00fcr jeden Muslim verpflichtend. Die Organisation verf\u00fcgt \u00fcber weltweite Strukturen. Europa ist in Regionen aufgeteilt, die sich an den nationalstaatlichen Grenzen orientieren. Innerhalb der Regionen operiert die Hizb-ut-Tahrir in voneinander unabh\u00e4ngigen Gruppen, \u00fcberwiegend in Universit\u00e4tsst\u00e4dten. Organisationsstrukturen in Deutschland waren bisher aber nicht erkennbar. Die Hizb-ut-Tahrir verbreitete in Deutschland Flugbl\u00e4tter und Brosch\u00fcren in Deutsch, Arabisch, T\u00fcrkisch sowie in Urdu. Die Organisation verteilte die Publikationen insbesondere an Universit\u00e4ten sowie im Umfeld von Moscheen und islamischen Zentren. Sie","170 Ausl\u00e4nderextremismus betrieb eine deutschsprachige Internet-Homepage und gab seit 1993 die - zumeist viertelj\u00e4hrlich erscheinende - deutschsprachige Zeitschrift \"explizit\" heraus. Wegen des Verdachts der Bildung einer kriminelle Vereinigung gem\u00e4\u00df SS 129 StGB durchsuchte die Polizei bundesweit am 12. November 33 Wohnungen, darunter eine eines Hizb-ut-Tahrir-Anh\u00e4ngers in Bayern. Das Bundesministerium des Innern hat am 15. Januar 2003 die Bet\u00e4tigung der Hizb-ut-Tahrir im r\u00e4umlichen Geltungsbereich des Vereinsgesetzes verboten, da sie sich gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richtet, sie Gewaltanwendung als Mittel zur Durchsetzung politischer Belange bef\u00fcrwortet und eine derartige Gewaltanwendung hervorrufen soll. Zugleich wurde ein vereinsrechtliches Ermittlungsverfahren mit dem Ziel eines Organisationsverbots eingeleitet, da konkrete Organisationsstrukturen dieser Vereinigung in der Bundesrepublik bisher nicht bekannt sind, die Zahl der aktiven Anh\u00e4nger von Hizb-ut-Tahrir in Deutschland jedoch den Verdacht der Existenz einer solchen Vereinsstruktur nahe legt. Zur Umsetzung des Bet\u00e4tigungsverbots und zur Beschlagnahme von etwaigen Beweismitteln f\u00fcr ein Organisationsverbot wurden am 15. Januar 2003 die Wohnungen von ma\u00dfgeblichen Anh\u00e4ngern der Hizb-ut-Tahrir in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Berlin und Bayern durchsucht. Der Schwerpunkt der Aktion lag in Hessen. In Bayern waren in der Vergangenheit nur wenige Anh\u00e4nger von Hizb-ut-Tahrir ans\u00e4ssig. Bekannt wurden Gruppen in Erlangen und M\u00fcnchen. Am 29. September fand in M\u00fcnchen im \"Eine Welt-Haus\" eine Veranstaltung der Gruppierung statt. Dabei trat der F\u00fchrungsfunktion\u00e4r der Hizb-ut-Tahrir und Herausgeber der Zeitschrift \"explizit\", Shaker Assem, auf. Eine weitere Veranstaltung am 5. November in der Technischen Universit\u00e4t in Berlin erregte Aufsehen, weil der dort anwesende NPD-Vorsitzende Udo Voigt sowie Rechtsanwalt Mahler sich mit der Hizb-ut-Tahrir solidarisierten. Als Referent der Veranstaltung kritisierte Shaker Assem die gegenw\u00e4rtige \"Anti-Irak-Politik\" der USA. Er behauptete, die USA planten diesen Krieg ausschlie\u00dflich aus einer feindlichen Haltung gegen\u00fcber dem Islam heraus. Auch w\u00fcrde sich Deutschland zu sehr mit den USA verb\u00fcnden. Sollte die \"BRD\" diese Linie weiterverfolgen, werde sie den Zorn und die Wut der Muslime erfahren.","Ausl\u00e4nderextremismus 171 3.6 Ansar al-Islam Deutschland Bayern Anh\u00e4nger: ca. 100 ca. 20 Anf\u00fchrer: Mullah Krekar (Najumuddin Faraj Ahmad) Gr\u00fcndung: September 2001 im Nordirak Die Ansar al-Islam (Unterst\u00fctzer des Islam) vereinigt radikale islamistische Kurden aus dem Nordirak. Die etwa 1.000 Anh\u00e4nger stammten aus verschiedenen Splittergruppen, die sich die Verwirklichung des islamischen Glaubens und einer dem Koran entsprechenden Lebensweise zum Ziel setzten. Die Ansar al-Islam wurde im September 2001 gegr\u00fcndet und nannte sich noch bis zum Fr\u00fchjahr Jund al-Islam (Soldaten des Islam). Der Iraker Mullah Krekar, Anf\u00fchrer der Ansar al-Islam, kontrolliert mit \u00fcber 600 bewaffneten K\u00e4mpfern ein kleines Gebiet im S\u00fcd-Osten des nordirakischen Kurdengebietes. Die Ansar al-Islam gew\u00e4hrte K\u00e4mpfern von Bin Ladin Unterschlupf. Im Gegenzug sollen Kurden der Jund Al-Islam Trainingslager der Al-Qaida-Basen durchlaufen haben. Mullah Krekar vertritt offensiv eine militant-islamistische Politik und soll Bin Ladin pers\u00f6nlich kennen. Seiner Aussage nach ist \"Bin Ladin eine Krone auf den K\u00f6pfen der Muslime\". Die Ansar al-Islam will Christen und Juden bek\u00e4mpfen, sowie den in ihrem Machtbereich lebenden Menschen den Kontakt zu s\u00e4kularen Parteien wie der \"Patriotischen Union Kurdistans\" (PUK) verbieten. Nach eigenen Angaben will sich die Ansar al-Islam durch religi\u00f6ses und milit\u00e4risches Training sowie mit der weiteren Beschaffung von Waffen und Munition auf den Djihad vorbereiten. Mullah Krekar forderte seine Anh\u00e4nger dazu auf, sich f\u00fcr Selbstmordattentate bereit zu machen: \"Die Zeit komme und man plane, wo, wie und wann die Selbstmordattent\u00e4ter hingeschickt werden.\" Die Ansar al-Islam wurde am 31. Oktober von der britischen Regierung wegen m\u00f6glicher Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Qaida verboten. Der Ansar al-Islam werden einige Bombenanschl\u00e4ge und Mordversuche im Nordirak vorgeworfen. Anh\u00e4nger von Mullah Krekar leben auch in M\u00fcnchen, Augsburg und N\u00fcrnberg. Da Krekar f\u00fcr den Kampf der Organisation Geld, tech-","172 Ausl\u00e4nderextremismus nische Ausr\u00fcstung und Waffen ben\u00f6tigt, dienten seine Besuche und Predigten in Deutschland vermutlich der Spendensammlung und stellten gleichzeitig eine Werbekampagne f\u00fcr die Ansar al-Islam dar. Am 11. September wurde Mullah Krekar w\u00e4hrend eines Aufenthalts im Iran ausgewiesen. Er flog daraufhin nach Amsterdam und wurde dort bei der Einreise festgenommen. Seit 12. November befand sich Krekar in Schiphol/Niederlande in Untersuchungshaft. Am 13. Januar 2003 wurde er von dort in sein urspr\u00fcngliches Asylland Norwegen abgeschoben. Dort befindet er sich derzeit auf \"freiem Fu\u00df\". Allerdings wird gepr\u00fcft, ob er wieder in den Irak abgeschoben werden kann, da er durch seine mehrfachen Reisen in den Irak gegen seinen Asylantenstatus versto\u00dfen hat. 3.7 Tablighi Jamaat Deutschland Bayern Anh\u00e4nger: keine Angaben m\u00f6glich Gr\u00fcndung: 1927 in Delhi (Indien) Begegnungsst\u00e4tte: Bilal Moschee in Frankfurt am Main Publikation: keine Die Tablighi Jamaat wurde 1927 in Delhi/Indien von dem Religionsgelehrten Mawlana Muhammad Ilyas als eine pietistische Erweckungsbewegung gegr\u00fcndet. In ihren Urspr\u00fcngen ist sie eng mit der Islamischen Hochschule von Deoband/Indien verbunden. Die Gemeinschaft vertritt eine radikalisierte Form des strenggl\u00e4ubigen Islam indischer Pr\u00e4gung. Ziel der Tablighi Jamaat ist die Islamisierung der Gesellschaft \u00fcber Angeh\u00f6rige dieser Vereinigung. Dabei stellt sie in der pakistanisch-indischen Region eine islamische Massenbewegung dar. \u00dcber die Islamisierung des Alltagslebens und die Schaffung eines islamischen Gesellschaftsbewusstseins wird an der Etablierung eines islamischen Staatswesens gearbeitet. Dabei verlangt die Tablighi Jamaat von den Muslimen ein konsequentes Leben gem\u00e4\u00df Koran und Sunna, postuliert die Unver\u00e4nderlichkeit und Unabdingbarkeit muslimischer Familienrechte, sowie in Konsequenz daraus eine Abgrenzungspolitik zu Nicht-Muslimen. Diese Bestrebungen wirken in nicht-muslimischen Gesellschaften zwangsl\u00e4ufig desintegrierend, so dass eine dauerhafte und ernsthafte Hinwendung zu westlichen Gesellschaftsordnungen, Wertvorstellungen und Integrationsmodellen nicht m\u00f6glich ist.","Ausl\u00e4nderextremismus 173 Obwohl die Organisation Gewalt ablehnt, besteht durch die gemeinsame ideologische Basis mit militanten Gruppierungen die Gefahr, dass die weltweiten Strukturen der Bewegung f\u00fcr Hilfsdienste terroristischer Netzwerke missbraucht werden. Die Tablighi Jamaat betreibt inzwischen auch drei Moscheen im bayerischen Raum. 3.8 Al-Tauhid Deutschland Bayern Anh\u00e4nger: keine gesicherten Zahlen Einzelpersonen Ideologie: aggressiv-militante Forderung des Djihad Aufbau: keine Organisationsstruktur/Zellenaufbau Publikation: keine Der Name Al-Tauhid (\"Bekenntnis der Einheit Gottes\") steht nicht f\u00fcr eine spezifische Gruppierung, sondern ist ein Synonym f\u00fcr eine Bewegung von Aktivisten mit gleichartigem Gedankengut und bedeutet, \"jeder der an den einzigen, wahren Gott glaubt\". Al-Tauhid ist somit eine ideologisch-religi\u00f6s ausgerichtete Bewegung Gleichgesinnter, die auf der Grundlage eines aggressiv-militanten islamischen Fundamentalismus den weltweiten Djihad aller Glaubensbr\u00fcder f\u00f6rdert und unterst\u00fctzt. Sitz der Bewegung Al-Tauhid in Europa soll Gro\u00dfbritannien sein. Ihr geistiger F\u00fchrer Abu Qutada mit Wohnsitz in London/Gro\u00dfbritannien ist zwischenzeitlich verhaftet worden. Die Londoner Moschee von Abu Qutada war in der Vergangenheit Anlaufstelle f\u00fcr mutma\u00dfliche \"Gotteskrieger\" aus ganz Europa. Al-Tauhid tritt auch im Gefolge mutma\u00dflich terroristischer Bewegungen in Erscheinung, als Beispiel hierf\u00fcr kann der \u00e4gyptisch-terroristische Jihad Islami - JI - (vgl. auch Nummer 3.2.1.3 dieses Abschnitts) genannt werden. Auch in Bayern wurden Einzelpersonen, die dieser sunnitisch-pal\u00e4stinensischen Ideologie anh\u00e4ngen, im Zuge laufender Ermittlungen gegen das Al-Qaida-Netzwerk bekannt. Die deutsche Zelle arbeitet innerhalb der von den operativen und religi\u00f6sen F\u00fchrern vorgegebenen Direktiven weitgehend selbstst\u00e4ndig und hatte sich um einen in Essen wohnenden Pal\u00e4stinenser gebildet. Sie war bisher \u00fcberwiegend mit der F\u00e4lschung von P\u00e4ssen und Reisedokumenten, der Durchf\u00fchrung von Spendensammlungen und","174 Ausl\u00e4nderextremismus Schleusung von \"K\u00e4mpfern\" befasst; die logistische Unterst\u00fctzung von Afghanistan-K\u00e4mpfern stand zun\u00e4chst im Vordergrund. Dar\u00fcber hinaus gab es auch Anhaltspunkte, dass diese Zelle begonnen hatte, Anschl\u00e4ge in der Bundesrepublik Deutschland zu planen. Am 23. April durchsuchte die Polizei deshalb im Rahmen eines bundesweiten Ermittlungsverfahrens des Generalbundesanwalts in zehn St\u00e4dten Objekte der Al-Tauhid. Insgesamt wurden im Bundesgebiet 21 Objekte, darunter sechs in den bayerischen St\u00e4dten M\u00fcnchen, N\u00fcrnberg und Regensburg durchsucht. Die Polizei nahm insgesamt 13 Personen fest. Gegen sieben Beschuldigte erging Haftbefehl, unter anderem wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (SS 129 a StGB). Drei der Inhaftierten wohnen in Bayern; sie wurden zwischenzeitlich aus der Untersuchungshaft entlassen. 3.9 Hizb Allah (Partei Gottes) Deutschland Bayern Mitglieder: 800 Einzelpersonen Gr\u00fcndung: 1982 im Libanon Begegnungsst\u00e4tte: M\u00fcnster Publikation: Al-Ahd (Die Verpflichtung) Die Hizb Allah (auch: Hisbollah/Hizbollah) ist eine auf Initiative des Iran gegr\u00fcndete schiitische Partei, die seit 1992 im libanesischen Parlament vertreten ist. Sie wird vom Iran finanziell, materiell und ideologisch unterst\u00fctzt. Zu ihr geh\u00f6ren verschiedene Wohlfahrtsorganisationen sowie der \"Islamische Widerstand\" (Muqawame Islamiya), der als milit\u00e4rischer Arm der Organisation insbesondere den bewaffneten Kampf gegen israelische Milit\u00e4reinheiten im libanesisch-israelischen Grenzgebiet f\u00fchrte. Bis Mai 2000 war die von Israel seit 1978 besetzte \"Sicherheitszone\" im S\u00fcdlibanon Schauplatz milit\u00e4rischer Auseinandersetzungen. Anl\u00e4sslich des israelischen R\u00fcckzugs aus der \"Sicherheitszone\" des S\u00fcdlibanon fanden wieder in verschiedenen St\u00e4dten Deutschlands \"Siegesfeiern\" statt. Bei einer Veranstaltung am 23. Mai in der schiitischen Moschee in der M\u00fcnchener Goethestra\u00dfe erinnerte ein Redner die etwa 150 Zuh\u00f6rer an die gro\u00dfen Verdienste des \"Islamischen Widerstands\". Er hob","Ausl\u00e4nderextremismus 175 dabei besonders die in diesem Kampf gefallenen M\u00e4rtyrer hervor. Zwei als Ehreng\u00e4ste aus dem Libanon angereiste Hizb Allah-Angeh\u00f6rige priesen den opfervollen Kampf und den Sieg, der dem Festhalten am wahren Islam zu verdanken sei. Der Kampf m\u00fcsse sich auch weiterhin gegen den Zionismus und gegen die USA (als Unterst\u00fctzer des Zionismus) richten, da diese immer wieder versuche, die Hizb Allah und alle Muslime als Terroristen zu bezeichnen. Die Intifada solle gemeinsam mit den Pal\u00e4stinensern bis zur Eroberung Jerusalems fortgesetzt werden. Die von der Hizb Allah fr\u00fcher geforderte Errichtung einer \"Islamischen Republik\" im Libanon nach dem Beispiel des Iran genie\u00dft heute formal keine Priorit\u00e4t mehr. Vielmehr bekundete die Organisation ihre Bereitschaft, sich in das politische System des Libanon zu integrieren, um durch politische Aktivit\u00e4ten gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen im Libanon herbeizuf\u00fchren. In Deutschland ist die F\u00fchrung der Hizb Allah weiterhin bestrebt, die Anh\u00e4ngerschaft neu zu organisieren. Diesem Zweck dienen auch h\u00e4ufige Besuche hochrangiger Funktion\u00e4re und islamischer \"Geistlicher\". Im Sommer waren die Pl\u00e4ne der Hizb Allah bekannt geworden, in Berlin ein bundesweites Schulungszentrum mit Koranschule und Kinderbetreuung zu er\u00f6ffnen. Anhaltspunkte daf\u00fcr, dass dieses Projekt weiter verfolgt wird, liegen derzeit nicht vor. 3.10 Islamisch-Irakische Gemeinschaft Deutschland e.V. (IIGD) Hizb Da'Wa al-Islamiya (Da'Wa) Deutschland Bayern Mitglieder/Anh\u00e4nger: - IIGD ca. 70 - Da'Wa ca. 150 ca. 30 Gr\u00fcndung: - IIGD 1997 in K\u00f6ln - Da'Wa 1969 im Irak Publikation der Da'Wa/Deutschland: Al Jihad (Heiliger Krieg) Die 1969 im Irak gegr\u00fcndete schiitische \"Da'Wa-Partei\" (\"Partei des islamischen Rufs / der islamischen Mission\") ist die \u00e4lteste und bedeu-","176 Ausl\u00e4nderextremismus tendste Oppositionsbewegung im Irak. Sie fordert den Sturz des irakischen Regimes und strebt die Errichtung eines islamistischen Staatsund Gesellschaftssystems an. In Deutschland wurde die \"Da'Wa\" in der Vergangenheit durch die \"Islamische Union Irakischer Studenten in der Bundesrepublik Deutschland e.V.\" (I.U.I.S.) repr\u00e4sentiert, die nur propagandistisch, beispielsweise durch die Ausrichtung von Fachkongressen, in Erscheinung trat. Im Rahmen von Reorganisationsma\u00dfnahmen entstand 1997 in K\u00f6ln die \"Islamisch-Irakische Gemeinschaft Deutschland e.V.\" (IIGD) und l\u00f6ste damit die I.U.I.S. ab. Die IIGD, die nach au\u00dfen lediglich religi\u00f6se Ziele verfolgt, wird ma\u00dfgeblich durch die \"Da'Wa\" beeinflusst. Hauptaufgabe der IIGD in Deutschland ist es, m\u00f6glichst viele, auch unpolitische, Mitglieder aus den Reihen der irakischen Schiiten zu gewinnen. Der alle Mitglieder vereinende Gedanke ist die Opposition zu Saddam Hussein. Als Oppositionsorganisation gegen Saddam Hussein d\u00fcrfte die IIGD eine gro\u00dfe Zahl von Sympathisanten unter den irakischen Asylbewerbern in Deutschland haben. 4. Sonstige ausl\u00e4nderextremistische Gruppierungen 4.1 Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) ehemals Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) Deutschland Bayern Anh\u00e4nger: 11.500 1.800 Vorsitzender: Abdullah \u00d6calan Leitung: F\u00fchrungsfunktion\u00e4re der \"Kurdischen Demokratischen Volksunion\" (YDK) (in Abh\u00e4ngigkeit vom Vorsitzenden des KADEK, Abdullah \u00d6calan, und dem Rat des Generalvorsitzenden, auch Pr\u00e4sidialrat genannt) Gr\u00fcndung: 1978 in der T\u00fcrkei (in Deutschland seit 26. November 1993 verboten) Publikation: Serxwebun (Unabh\u00e4ngigkeit) Die in der T\u00fcrkei und Deutschland verbotene PKK hat sich auf ihrem 8. Kongress, der vom 4. bis 10 April an einem geheim gehaltenen Ort","Ausl\u00e4nderextremismus 177 im iranisch-irakischen Grenzgebiet stattfand, in KADEK umbenannt und die Einstellung aller Aktivit\u00e4ten der PKK zum 4. April beschlossen. Wesentliche Ver\u00e4nderungen in Organisation, Strukturen und Ideologie erfolgten nicht. Es handelt sich somit lediglich um eine \u00c4nderung des Namens. Das gegen die PKK erlassene vereinsrechtliche Bet\u00e4tigungsverbot aus dem Jahr 1993 erstreckt sich deshalb auch auf den KADEK. 4.1.1 Ideologie Der KADEK (ehemals PKK) ist eine gut organisierte, straff gef\u00fchrte, urspr\u00fcnglich marxistisch-leninistisch gepr\u00e4gte Kaderorganisation. Sein Programm ist eine Mischung aus sozialistischem und nationalistischem Gedankengut. Gem\u00e4\u00df seiner Satzung wird der KADEK nach dem Prinzip des \"demokratischen Zentralismus\" gef\u00fchrt. Im Mittelpunkt stand \u00fcber zwei Jahrzehnte der aktive \"revolution\u00e4re Kampf\" f\u00fcr ein freies und unabh\u00e4ngiges Kurdistan. Seit August 1999 pl\u00e4dierte die PKK (jetzt KADEK) f\u00fcr eine regionale L\u00f6sung aller Probleme des Mittleren Ostens auf der Grundlage der \"demokratischen Einheit\". Die USA, die EU und Russland werden aufgefordert, durch Entwicklung einer neuen Kurdenund Mittlerer-Osten-Politik zu dieser L\u00f6sung beizutragen. Der KADEK tritt formal f\u00fcr die Beendigung jeglicher Art von milit\u00e4rischer Auseinandersetzung ein; jede Form des Terrorismus wird verurteilt. Der propagierte Friedenskurs zielt auf einen gewaltfreien politischen Ausgleich mit der T\u00fcrkei ab. Verlauf und Endg\u00fcltigkeit des angek\u00fcndigten Ver\u00e4nderungsprozesses sind jedoch nicht absehbar. Trotz instrumentalisierter Friedensoffensive droht der KADEK weiterhin ganz offen der t\u00fcrkischen Regierung mit der Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfs. Ebenso wird eine existenzielle Bedrohung der \"Volksverteidigungskr\u00e4fte\" (HPG) nach wie vor als \"Kriegsgrund\" angesehen. Zum Gedenken der Jahrestage des bewaffneten Kampfs (15. August 1984) und der \"M\u00e4rtyrer des 14. Juli\" (14. Juli 1982) wurden in mehreren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, so auch in Deutschland, dezentrale Veranstaltungen durchgef\u00fchrt. In Westeuropa erfolgt die \u00d6ffentlichkeitsarbeit unter der Bezeichnung Kurdische Demokratische Volksunion (YDK), ehemals Nationale Befreiungsfront Kurdistans (ERNK). Die YDK soll ihre Arbeit auf das \"Friedensprojekt\" des KADEK ausrichten und die \"kurdischen Mas-","178 Ausl\u00e4nderextremismus sen\" nach \"demokratischen Prinzipien\" organisieren. Erkl\u00e4rtes Ziel ist die Aufhebung des seit 1993 in Deutschland bestehenden und auch f\u00fcr die YDK geltenden Bet\u00e4tigungsverbots. Der KADEK setzt die seit der Gr\u00fcndung der PKK beanspruchte F\u00fchrungsrolle im Kampf der Kurden uneingeschr\u00e4nkt fort. In der Vergangenheit kam es deshalb wiederholt zu Auseinandersetzungen auch milit\u00e4rischer Art mit konkurrierenden Kurdenorganisationen. Die Organisation versteht sich wie bisher als die alleinige Vertretung der in Deutschland lebenden rund 500.000 t\u00fcrkischen Staatsangeh\u00f6rigen kurdischer Volkszugeh\u00f6rigkeit, obwohl sich nur etwa 10 % dieser Volksgruppe zum KADEK bekennen. 4.1.2 Organisation Einhergehend mit den Beschl\u00fcssen des 8. Parteikongresses der PKK erfolgten Ver\u00e4nderungen innerhalb der Organisation. Als oberstes Entscheidungsgremium des KADEK dient nunmehr die Generalversammlung, bisher PKK-Kongress. KADEK-Generalvorsitzender ist nach wie vor der in der T\u00fcrkei inhaftierte fr\u00fchere PKK-Generalvorsitzende Abdullah \u00d6calan. Er ist weiterhin richtungsbestimmend. Am 3. Oktober hat ein t\u00fcrkisches Staatssicherheitsgericht das gegen ihn im Jahre 1999 wegen Hochverrats verh\u00e4ngte Todesurteil in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt. Die Strukturebene der Regionen wurde abgeschafft. Die bislang den Regionen nachgeordneten Gebiete wurden in Deutschland verringert und neu gegliedert. Der Gebietsverantwortliche erh\u00e4lt seine Anweisungen von einem aus F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren bestehendem \"Koordinationskomitee\" (fr\u00fcher \"Europ\u00e4ische Frontzentrale - ACM\"), das vorwiegend in den Niederlanden t\u00e4tig ist. Die hauptamtlichen Kader des KADEK leben mit h\u00e4ufig wechselnden Aufenthaltsorten und unter Verwendung eines Decknamens in ihrem jeweiligen Zust\u00e4ndigkeitsbereich \u00e4u\u00dferst konspirativ. Die KADEK-Anh\u00e4ngerschaft ist in zahlreichen, der F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland e.V. (YEK-KOM) angegliederten \u00f6rtlichen Vereinen organisiert. Diese Vereine, die sich nach au\u00dfen als reine Kulturvereine darstellen, haben die Aufgabe, Ziele und Politik des KADEK unter den Anh\u00e4ngern zu verbreiten und zu f\u00f6rdern.","Ausl\u00e4nderextremismus 179 Dar\u00fcber hinaus bedient sich der KADEK zahlreicher vom Bet\u00e4tigungsverbot nicht erfasster Nebenorganisationen (\"Y-Gruppen\"). Diese haben die Aufgabe, verschiedene Zielgruppen innerhalb der kurdischen Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die Interessen des KADEK zu gewinnen. Aus den Reihen der Union der Jugendlichen aus Kurdistan (YCK) rekrutierten sich bisher Teile der Guerilla der PKK. Nicht selten wurden dabei in der Vergangenheit Jugendliche gegen den Willen ihrer Eltern zwangsverpflichtet und in Ausbildungslagern im benachbarten Ausland geschult, bevor sie zum Kampfeinsatz in die T\u00fcrkei geschleust wurden. Der KADEK finanziert sich aus Spendenkampagnen, Mitgliedsbeitr\u00e4gen, dem Verkauf von Publikationen und den Einnahmen aus Veranstaltungen. Des Weiteren gibt es Hinweise, dass der KADEK auch vom Rauschgifthandel profitiert, indem er beispielsweise kurdische Drogenh\u00e4ndler absch\u00f6pft. Auf ihrem 7. au\u00dferordentlichen Parteikongress hatte die ehemalige PKK Anfang 2000 beschlossen, ihre Wirtschaftsaktivit\u00e4ten neu zu ordnen. Erste Schritte dazu gelangen mit der Gr\u00fcndung des \"Internationalen Kurdischen Arbeitgeberverbands\" (KARSAZ) im Januar 2001 in Rotterdam/Niederlande. Ziel des Unternehmerverbands ist die Schaffung eines \"kurdischen Markts\" und dessen Integration in den Weltmarkt. KARSAZ soll die Interessen kurdischer Unternehmer wahren, deren Zusammenarbeit verst\u00e4rken und sie auf nationaler und internationaler Ebene organisieren. Aus diesem Grunde f\u00fchrte KARSAZ in mehreren deutschen St\u00e4dten Informationsveranstaltungen durch, die bei den kurdischen Unternehmern gro\u00dfe Resonanz fand. Dem wachsenden Interesse von Unternehmerseite kam KARSAZ mit der Einrichtung einer eigenen Internet-Seite und der Herausgabe einer eigenen Publikation (Denge KARSAZ) nach. Ein wichtiges Propagandamedium ist der KADEK-nahe Fernsehsender MEDYA-TV mit Sitz in Frankreich, der am 30. Juni 1999 seinen Betrieb aufnahm. Die Beitr\u00e4ge gleichen in wesentlichen Punkten der Berichterstattung seines Vorg\u00e4ngers MED-TV. Der Sender wird vom KADEK als Plattform zur Darstellung seiner politischen Ziele genutzt. Als weiteres Agitationsinstrument dient dem KADEK die t\u00fcrkischsprachige Tageszeitung \u00d6zg\u00fcr Politika (Freie Politik), in der regelm\u00e4\u00dfig Stellungnahmen f\u00fchrender KADEK-Funktion\u00e4re publiziert werden. Die Zeitschrift versucht, Einfluss auf die Politik im mittleren Osten und den kurdischen Siedlungsgebieten im Sinn des KADEK zu nehmen.","180 Ausl\u00e4nderextremismus 4.1.3 Strategie Die Strategie des KADEK ist seit der Festnahme des Generalvorsitzenden Abdullah \u00d6calan gepr\u00e4gt von der Anpassung an die ver\u00e4nderte politische und milit\u00e4rische Lage. Nach Verlautbarungen des damaligen PKK-Pr\u00e4sidialrats ist der \"nationale kurdische Befreiungskampf\" in eine neue Phase eingetreten. Nach den bewaffneten Auseinandersetzungen der Organisation mit den t\u00fcrkischen Sicherheitskr\u00e4ften sei durch Verk\u00fcndung des einseitigen Waffenstillstands durch den KADEK-Generalvorsitzenden Abdullah \u00d6calan im August 1999 eine erste Friedensphase eingeleitet worden, die im weiteren Verlauf zu einem \"detaillierten Friedensprojekt\" ausgearbeitet wurde. Zwiesp\u00e4ltig ist nach wie vor das Verh\u00e4ltnis zur Gewalt. Einerseits verurteilt der KADEK jegliche Anwendung von Gewalt, andererseits h\u00e4lt er an der Aufrechterhaltung milit\u00e4rischer Kampfeinheiten im kurdischen Siedlungsgebiet als Druckmittel fest. Vor dem Hintergrund einer m\u00f6glichen Intervention der USA unter Beteiligung der T\u00fcrkei im Irak und aufgrund der Tatsache, dass der KADEK und seine in den kurdischen Lagern im Grenzgebiet Irak/Iran stationierten Einheiten der Volksverteidigungskr\u00e4fte in Gegnerschaft zu den im Nordirak etablierten Kurdenorganisationen stehen, hat der KADEK verschiedene Gebiete im Nordirak zu so genannten \"Medya-Verteidigungszonen\" erkl\u00e4rt. Alle Angriffe auf die in diesen Gebieten stehenden Guerillakr\u00e4fte werden als Kriegsgrund angesehen. Der Vorstand des KADEK erkl\u00e4rte, dass im Fall eines Einmarsches der T\u00fcrkei der Krieg nicht nur auf den Nordirak beschr\u00e4nkt, sondern auch in die T\u00fcrkei hineingetragen werde. Neu in der Politik des KADEK ist, dass er die territoriale Einheit der Nationalstaaten des Kurdengebiets anerkennt und in diesem Rahmen versucht, die Rechte der Kurden durchzusetzen. Mit der Kampagne f\u00fcr muttersprachlichen Unterricht in der T\u00fcrkei als Bestandteil der seit Mai 2001 andauernden Identit\u00e4tskampagne setzte die Organisation ihre diesbez\u00fcglichen Aktivit\u00e4ten unvermindert fort. Mit der Durchf\u00fchrung von Aktionen in Deutschland dokumentierte man die Unterst\u00fctzung der von Sch\u00fclern und Studenten in der T\u00fcrkei durchgef\u00fchrten Kampagne zur Zulassung der kurdischen Sprache als Unterrichtsfach. Das negative Abschneiden der DEHAP bei den Parlamentswahlen am 3. Oktober in der T\u00fcrkei entt\u00e4uschte den KADEK und seine Anh\u00e4nger sehr, da man sich mit einem m\u00f6glichen Einzug der DEHAP-Listenverbindung in das t\u00fcrkische Parlament ein Einwirken auf die t\u00fcrkische","Ausl\u00e4nderextremismus 181 Regierung im Sinn der Kurden nicht zuletzt im Fall eines Kriegs im Nordirak erhofft hatte. Der KADEK hatte f\u00fcr die Parlamentswahl die pro-kurdische Partei HADEP (Demokratie-Partei des Volkes) unterst\u00fctzt. HADEP war mit der Arbeiterpartei (EMEP) und der Sozialistischen Revolution\u00e4ren Partei (SDP) ein Wahlb\u00fcndnis eingegangen, das unter der Bezeichnung DEHAP (Demokratische Volkspartei) kandidierte. DEHAP erreichte bei der Wahl rund 6 % der Stimmen und verfehlte damit die in der T\u00fcrkei geltende 10 %-H\u00fcrde. 4.1.4 PKK-interne Opposition Seit der Verhaftung des KADEK-Vorsitzenden am 15. Februar 1999 haben sich verschiedene Gruppierungen formiert, die die Entwicklung des KADEK kritisch hinterfragen. Dabei wird insbesondere der anhaltende und bestimmende Einfluss Abdullah \u00d6calans auf die Organisation in Frage gestellt und beklagt, die - aus Sicht der Kritiker - bedingungslose Aufgabe der milit\u00e4rischen Option des KADEK sei eine Kapitulation vor dem t\u00fcrkischen Staat. Diese Oppositionsbestrebungen werden vom KADEK bek\u00e4mpft und unterdr\u00fcckt. Es mehren sich Hinweise, dass die Organisation ihre Suche nach Dissidenten und Abweichler forciert. 4.1.5 Aktivit\u00e4ten Trotz des seit 1993 verf\u00fcgten Verbots f\u00fchrten KADEK-Anh\u00e4nger erneut deutschlandweit eine Reihe von Veranstaltungen durch, die in der Regel friedlich verliefen, das nach wie vor vorhandene Mobilisierungspotenzial der Organisation jedoch eindrucksvoll dokumentierten. In Bayern wurden vereinzelte Verdachtsf\u00e4lle von Erpressung bekannt, bei denen ein KADEK-Hintergrund anzunehmen ist. Die Polizei musste insbesondere bei Veranstaltungen mehrfach wegen Straftaten nach dem Vereinsgesetz einschreiten. Aus Anlass des 3. Jahrestags der Ergreifung Abdullah \u00d6calans und seiner Verbringung in die T\u00fcrkei (15. Februar 1999) f\u00fchrte der KADEK vom 14. bis 17. Februar bundesweit Aktionen mit Informationsst\u00e4nden, Mahnwachen, Sitzstreiks oder Demonstrationsm\u00e4rsche mit anschlie\u00dfenden Kundgebungen, so auch in N\u00fcrnberg, durch. Gegen den Beschluss des Rats der Europ\u00e4ischen Union vom 2. Mai, die PKK/den KADEK in die EU-Terrorliste aufzunehmen, startete der","182 Ausl\u00e4nderextremismus KADEK eine europaweite Protestkampagne. Diese stand unter dem Motto \"Ich will Gerechtigkeit\". In zahlreichen deutschen St\u00e4dten protestierten am 1. und 2. Mai Aktivisten und Sympathisanten des KADEK in Aufz\u00fcgen, Kundgebungen und Mahnwachen. In Bonn beteiligten sich nach Angaben der KADEK-nahen Tageszeitung \"\u00d6zg\u00fcr Politika\" rund 300 Personen an einer Demonstration. Die Teilnehmer zeigten unter anderem Spruchb\u00e4nder mit der neuen Organisationsbezeichnung KADEK. Bei der offiziellen 1.-Mai-Veranstaltung des DGB in M\u00fcnchen skandierten mehrere Anh\u00e4nger des KADEK \"Biji KADEK\". Das Pr\u00e4sidialratsmitglied des KADEK, Osman \u00d6calan, hatte bereits am 29. April im KADEK-nahen Fernsehsender MEDYA-TV vor der Aufnahme der \"Kurdischen Freiheitsbewegung\" in die Terrorliste massiv gewarnt. In einem Internet-Aufruf der Informationsstelle Kurdistan (ISKU) in Hamburg zu den Protestaktionen am 2. Mai hie\u00df es, dass mit der Aufnahme der PKK in die Terrorliste den Friedensbem\u00fchungen von kurdischer Seite eine deutliche Absage erteilt werde. Die EU-Staaten entschieden sich damit f\u00fcr die Seite der herrschenden Kr\u00e4fte in der T\u00fcrkei, die weiterhin an der Verleugnungsund Vernichtungspolitik gegen die kurdische Bewegung festhalte. Nicht die PKK sei terroristisch, sondern der t\u00fcrkische Staat. Am 19. Juni demonstrierten in Br\u00fcssel nach Eigenangaben \u00fcber 10.000 Kurden aus ganz Europa ebenfalls friedlich gegen die Aufnahme des KADEK in die EU-Liste terroristischer Organisationen. Am 7. September fand in der Gelsenkirchener \"Arena auf Schalke\" unter dem Motto \"Frieden braucht Gerechtigkeit\" das \"10. Internationale Kurdistan-Kulturfestival\" statt, zu dem etwa 45.000 \u00fcberwiegend kurdische Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten europ\u00e4ischen Ausland angereist waren. Aus Bayern beteiligten sich rund 1.000 Personen. In einer verlesenen Gru\u00dfbotschaft rief der F\u00fchrer des KADEK, Abdullah \u00d6calan, dazu auf, den eingeschlagenen friedlichen und demokratischen Weg fortzusetzen. Am 14. November wurden die Vereinsr\u00e4ume des in M\u00fcnchen ans\u00e4ssigen Vereins \"MED-Kulturhaus e.V.\" und die Wohnungen von 25 Mitgliedern des Vereinsvorstands von der Polizei wegen des Verdachts der Bet\u00e4tigung f\u00fcr den verbotenen KADEK durchsucht. Neben Propagandamaterial des KADEK wurden EDV-Anlagen und schriftliche Unterlagen sichergestellt.","Ausl\u00e4nderextremismus 183 Am 25. November griffen in W\u00fcrzburg in der Erstaufnahmeeinrichtung f\u00fcr Asylbewerber sieben Kurden einen T\u00fcrken nach einer erfolglosen Geldforderung f\u00fcr einen \"kurdischen Verein\" an und verletzten ihn an Armen und Beinen. Der T\u00fcrke war bereits im Vorfeld der \"Bestrafungsaktion\" Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Im Zuge der polizeilichen Ermittlungen wurde in der Erstaufnahmeeinrichtung ein Versammlungsraum des KADEK festgestellt. Dieser war mit einschl\u00e4gigem Propagandamaterial ausgestattet und diente den Ermittlungen zufolge unter anderem f\u00fcr w\u00f6chentliche Versammlungen der KADEK-Anh\u00e4nger. 4.1.6 Festnahmen und Strafverfahren Das Oberlandesgericht Hamburg verurteilte am 2. Januar einen 38-j\u00e4hrigen Kurden wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er am 25. Februar 1986 in Hamburg einen Repr\u00e4sentanten der damals mit der PKK rivalisierenden linksextremistischen Gruppierung \"Devrimci Isci\" (Revolution\u00e4re Arbeiter) durch Kopfsch\u00fcsse get\u00f6tet hatte. Der T\u00e4ter hatte nach Auffassung des Gerichts im Auftrag der ehemaligen PKK gehandelt. Das Bayerische Oberste Landesgericht verh\u00e4ngte am 23. April gegen einen 25-j\u00e4hrigen ehemaligen Regionsverantwortlichen des KADEK wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten sowie eine Geldstrafe in H\u00f6he von 500 EUR. Die Freiheitsstrafe wurde f\u00fcr drei Jahre zur Bew\u00e4hrung ausgesetzt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Verurteilte von Oktober 1999 bis Februar 2000 f\u00fcr die ehemalige PKK-Region Bayern verantwortlich war. Der Verurteilte war am 26. Juni 2001 in Hessen festgenommen worden und sa\u00df seither in Untersuchungshaft. Das Oberlandesgericht D\u00fcsseldorf verurteilte am 27. Juni eine KADEK-Aktivistin wegen Beihilfe zum versuchten Mord und Unterst\u00fctzung einer terroristischen Vereinigung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Die Verurteilte hatte nach Ansicht des Gerichts einen Auftragsm\u00f6rder des KADEK bei der versuchten T\u00f6tung eines aus der Organisation ausgeschiedenen hohen Funktion\u00e4rs logistisch unterst\u00fctzt sowie den Kontakt zwischen dem sp\u00e4teren Opfer und dem T\u00e4ter hergestellt. Am 10. Juli verurteilte das Oberlandesgericht D\u00fcsseldorf einen 45-j\u00e4hrigen Kurden wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Ver-","184 Ausl\u00e4nderextremismus einigung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Der Verurteilte hatte dem Urteil zufolge von Februar 2000 bis M\u00e4rz 2001 die PKK-Region Mitte geleitet. F\u00fcr das Strafma\u00df mitentscheidend waren auch die Vortaten. Bereits im Dezember 1998 hatte das Oberlandesgericht Frankfurt am Main gegen den Kurden wegen seiner damaligen T\u00e4tigkeit als Regionsverantwortlicher f\u00fcr die PKK-Region S\u00fcd eine Freiheitsstrafe von drei Jahren verh\u00e4ngt. Am 5. November verurteilte das Bayerische Oberste Landesgericht in M\u00fcnchen den ehemaligen PKK-Regionsverantwortlichen Bayern wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten. Haftfortdauer wurde angeordnet. Der Verurteilte war von 1995 bis M\u00e4rz 1996 f\u00fcr das PKK-Gebiet Stuttgart verantwortlich. Von Mai 1998 bis Februar 1999 leitete er die PKK-Region Hannover. Im Februar 2000 \u00fcbernahm er die Verantwortung f\u00fcr die PKK-Region Bayern und gab diese Funktion im August 2000 wieder ab. Von August 2000 bis Mai 2001 hielt er sich in Gro\u00dfbritannien als Gebietsverantwortlicher auf. 4.2 Devrimci Sol (Revolution\u00e4re Linke - T\u00fcrkei) Deutschland Bayern Mitglieder: 800 120 Gr\u00fcndung: 1978 in der T\u00fcrkei (in Deutschland seit 1983 verboten) Die Organisation ist gespalten in: Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front (THKP-C Devrimci Sol) (beide Gruppierungen in Deutschland seit 1998 verboten) Die 1978 gegr\u00fcndete und 1983 in Deutschland verbotene revolution\u00e4r-marxistische Devrimci Sol versteht sich als eine an den Grunds\u00e4tzen des Marxismus-Leninismus ausgerichtete Volksbewegung. Sie z\u00e4hlt zu den militantesten t\u00fcrkischen Extremistengruppen, die mit Hilfe einer bewaffneten Revolution auf die Zerschlagung des t\u00fcrkischen Staates zielen und in der T\u00fcrkei terroristisch aktiv sind. Seit 1993 ist die Devrimci Sol in den \"Karatas-Fl\u00fcgel\", aus dem die 1994 in Syrien gegr\u00fcndete Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) hervorging, und den \"Yagan-Fl\u00fcgel\", aus dem sich die T\u00fcr-","Ausl\u00e4nderextremismus 185 kische Volksbefreiungspartei-Front (THKP-C Devrimci Sol) entwickelte, gespalten. Das Bundesministerium des Innern hat am 13. August 1998 gegen die DHKP-C als Ersatzorganisation der Devrimci Sol ein Vereinsverbot und gegen die THKP-C Devrimci Sol ein Bet\u00e4tigungsverbot ausgesprochen. Die Verbote sind bestandskr\u00e4ftig. \u00d6rtliche Schwerpunkte der DHKP-C mit insgesamt rund 110 Anh\u00e4ngern in Bayern bestehen in Aschaffenburg, M\u00fcnchen und N\u00fcrnberg; f\u00fcr die THKP-C Devrimci Sol sind in Bayern nur Einzelmitglieder aktiv. Der Aktivit\u00e4tsschwerpunkt der Devrimci Sol liegt nach wie vor bei Protestaktionen gegen die Gef\u00e4ngnisreform in der T\u00fcrkei. Der Protest richtet sich vornehmlich gegen die Einf\u00fchrung des Zellentyps \"F\" (Kleinzellen) in den t\u00fcrkischen Haftanstalten, der die bisherigen Gro\u00dfzellen ersetzen soll. Damit begleitet die Devrimci Sol, wenn auch mit geringerer Intensit\u00e4t, die Proteste in der T\u00fcrkei. Zentrale Aktion ist ein dort von Gesinnungsgenossen seit Oktober 2000 durchgef\u00fchrter Hungerstreik (von den Betreibern als Todesfasten bezeichnet), an dessen Folgen bereits mehr als 60 Beteiligte verstorben sind. Mit Beschluss vom 2. Mai nahm die Europ\u00e4ische Union die DHKP-C ebenso wie die kurdische PKK (jetzt KADEK) in die EU-Terrorliste auf. Hiergegen protestierte der milit\u00e4rische Arm der DHKP-C, die in der T\u00fcrkei terroristisch operierende Revolution\u00e4re Volksbefreiungsfront (DHKC). Nach Auffassung der DHKC ist die Aufnahme ausschlie\u00dflich darin begr\u00fcndet, dass die Organisation in der Vergangenheit die \u00d6ffentlichkeit auf die \"Morde\" des t\u00fcrkischen Staates und der USA aufmerksam gemacht habe. Als Antwort auf diese Diffamierung seitens der EU werde die DHKC k\u00fcnftig auch die europ\u00e4ischen Staaten als \"Folterer\" und \"Mordgehilfen\" anklagen. Am Ende der Erkl\u00e4rung hie\u00df es, von nun an sei die EU f\u00fcr alle Morde und Folterungen in der T\u00fcrkei mitverantwortlich. Die Reaktionen der USA auf die Terroranschl\u00e4ge vom 11. September 2001 werden von der DHKP-C weiterhin als Anlass f\u00fcr ihre antiamerikanische Agitation herangezogen. Zum Jahrestag der Terroranschl\u00e4ge fordert die Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei (DHKP), politischer Arm der DHKP-C, in einer im Internet verbreiteten Erkl\u00e4rung mit der \u00dcberschrift \"Der amerikanische Imperialismus bedeutet Ausbeutung und Massaker\" die Bildung einer weltweiten Widerstandsfront unter Zur\u00fcckstellung ideologischer Unterschiede gegen die USA. Den USA wird in der Erkl\u00e4rung unter anderem vorgeworfen, unter dem Vorwand der Terrorbek\u00e4mpfung auf eine Versklavung der","186 Ausl\u00e4nderextremismus Weltbev\u00f6lkerung abzuzielen. Die DHKP stehe im Kampf gegen die USA auf der Seite aller antiimperialistischer Kr\u00e4fte, unter anderem auf der Seite der Islamisten, Revolution\u00e4re, Demokraten, Globalisierungs-Gegner und Umweltsch\u00fctzer. Seit 1997 wurden bei Exekutivma\u00dfnahmen in Deutschland und im benachbarten Ausland zahlreiche F\u00fchrungsfunktion\u00e4re und Aktivisten der DHKP-C festgenommen und in einer Reihe von Gerichtsverfahren im Bundesgebiet zu teilweise langj\u00e4hrigen Freiheitsstrafen verurteilt. Am 21. November verurteilte das Bayerische Oberste Landesgericht einen 37-j\u00e4hrigen t\u00fcrkischen DHKP-C-Funktion\u00e4r wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, ausgesetzt zur Bew\u00e4hrung. Der Verurteilte war seit Gr\u00fcndung der DHKP-C im M\u00e4rz 1994 als Aktivist t\u00e4tig. Im Juli 1998 hatte er die Leitung f\u00fcr den Raum M\u00fcnchen \u00fcbernommen und z\u00e4hlte damit zur F\u00fchrungsgruppe. Dar\u00fcber hat er nach \u00dcberzeugung des Gerichts 1998 unter dem Decknamen \"Zajif\" einen Waffentransport in die T\u00fcrkei mitverantwortet. Am 17. Dezember verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart eine fr\u00fchere Funktion\u00e4rin der DHKP-C wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten, ausgesetzt zur Bew\u00e4hrung. Die Verurteilte war f\u00fcnf Monate lang f\u00fcr die DHKP-C als Gebietsverantwortliche in Mannheim t\u00e4tig. 4.3 T\u00fcrkische Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten (TKP/ML) Deutschland Bayern Mitglieder: 1.800 140 Gr\u00fcndung: 1972 in der T\u00fcrkei Die Organisation ist gespalten in: Ostanatolisches Gebietskomitee (DABK) Partizan-Fl\u00fcgel Die TKP/ML vertritt die Ideologie des Marxismus-Leninismus, erg\u00e4nzt um die Ideen Mao Tse-tungs. Sie bekr\u00e4ftigte zum 30. Jahrestag der Gr\u00fcndung (24. April) den bewaffneten Kampf als Grundform ihres Handelns und propagiert den bewaffneten B\u00fcrgerkrieg als strategisches","Ausl\u00e4nderextremismus 187 Mittel mit anschlie\u00dfender Bildung einer Volksregierung. Ihr milit\u00e4rischer Zweig ist die T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee (TIKKO). \"Seit 30 Jahren zielt die TKP/ML in der T\u00fcrkei auf den Sturz des Imperialismus, Feudalismus und Kapitalismus, um unter der F\u00fchrung des Proletariats statt dessen einen demokratischen Volksstaat einzuf\u00fchren.\" (Brosch\u00fcre zum 30. Jahrestag) Die Entwicklung der TKP/ML ist seit Ende der 70er Jahre durch eine Vielzahl von Fraktionsbildungen und Abspaltungen gepr\u00e4gt. In Deutschland organisierten sich die Anh\u00e4nger der TKP/ML in der 1976 gegr\u00fcndeten F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V. (ATIF) und der Ende 1986 gebildeten Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa (ATIK), die sich als demokratische Massenorganisationen pr\u00e4sentieren und ihre Verbindungen zur TKP/ML weitgehend tarnen. Die Abspaltung des Ostanatolischen Gebietskomitees (DABK) im Jahr 1994 (nach einer zuvor aufgehobenen erstmaligen Trennung im Jahr 1987) setzte sich in den Basisorganisationen der TKP/ML fort. Um sich vom Partizan-Fl\u00fcgel abzugrenzen, haben sich beide Basisorganisationen des DABK im Sommer 1997 in F\u00f6deration der demokratischen Rechte in Deutschland (ADHF) bzw. Konf\u00f6deration der demokratischen Rechte in Europa (ADHK) umbenannt. Auch die TKP/ML bzw. ihre Anh\u00e4nger beteiligten sich an den Protesten gegen die Gef\u00e4ngnisreform in der T\u00fcrkei. Antiimperialismus, Globalisierung und die Wahlen bildeten die weiteren Themenfelder. \"Unter dem Begriff Globalisierung, Ursache f\u00fcr die imperialistischen Kriege, werden L\u00e4nder durch andere in den wirtschaftlichen Ruin getrieben. (...) Ausgehend von Afghanistan \u00fcbertragen die Imperialisten ihren Terror auf die ganze Weltbev\u00f6lkerung.\" (Fazit zur 25. ATIF-Periode) Zur Bundestagswahl forderten die ATIK und die ATIF das Wahlrecht auch f\u00fcr Ausl\u00e4nder. Als Kernforderungen wurden unter anderem die Aufhebung aller rechtlichen und verwaltungsrechtlichen Hindernisse beim Asylrecht, die Abschaffung der Ausl\u00e4ndergesetze, Aufhebung aller Erschwernisse bei der Einb\u00fcrgerung und Revidierung der nach dem 11. September 2001 verabschiedeten Anti-Terror-Gesetze thematisiert. Beide Fl\u00fcgel der TKP/ML f\u00fchrten anl\u00e4sslich des 30. Jahrestags der Parteigr\u00fcndung und zu Ehren ihres Parteigr\u00fcnders Ibrahim Kaypakkaya Gedenkveranstaltungen durch. Zu der am 18. Mai in Frankfurt am","188 Ausl\u00e4nderextremismus Main vom DABK ausgerichteten Veranstaltung kamen etwa 4.000 Personen. Die vom Partizan-Fl\u00fcgel am 25. Mai in Wuppertal durchgef\u00fchrte Gro\u00dfveranstaltung wurde von mehr als 6.000 Personen besucht. Anlassbezogene Kontakte zwischen deutschen und ausl\u00e4ndischen Linksextremisten waren bisher schon zu verzeichnen. Erstmals bildete sich auf lokaler Ebene eine gemeinsame Plattform, die \u00fcber die Kommunalwahlen in Bayern vom 3. M\u00e4rz hinaus Bestand haben soll. Die PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) erm\u00f6glichte in Augsburg Mitgliedern des lokalen Mitgliedsvereins der ATIF eine Kandidatur auf ihrer offenen Liste. Mehrere Deutsche t\u00fcrkischer Abstammung nahmen dieses Angebot wahr. In diesem Zusammenhang ist auch die Gr\u00fcndung des \"Forums solidarisches und friedliches Augsburg\" am 17. M\u00e4rz in Augsburg zu sehen. Neben der ATIF sind unter anderem auch die PDS sowie die VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) die weiteren Arbeitskreismitglieder. \"Ziel des B\u00fcndnisses ist eine koordinierte Zusammenarbeit von Einzelpersonen und Organisationen, um eine wirkungsvolle linke Politik auf kommunaler Ebene zu erm\u00f6glichen.\" (Absichtserkl\u00e4rung des Forums) Vom 22. bis 27. Oktober war die ATIF Mitveranstalter einer \"ausl\u00e4ndischen Woche\" in Augsburg. Die einzelnen kleineren Veranstaltungen befassten sich mit Immigration und Integration. Abgeschlossen wurde die Woche mit einer Theatervorstellung im Rahmen einer europaweiten ATIK-Veranstaltungsreihe vor etwa 200 Personen. 4.4 Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei (MLKP - T\u00fcrkei) Deutschland Bayern Mitglieder: 600 40 Gr\u00fcndung: 1964 in der T\u00fcrkei Publikation: Yeniden Atilim (Neuer Vorsto\u00df) Die in der T\u00fcrkei verbotene und terroristisch operierende MLKP entstand 1994 aus dem Zusammenschluss zweier t\u00fcrkischer linksextremistischer Organisationen. Wie die TKP/ML und die Devrimci Sol erstrebt sie die gewaltsame Zerschlagung des t\u00fcrkischen Staats-","Ausl\u00e4nderextremismus 189 gef\u00fcges und die Errichtung einer kommunistischen Diktatur. Ihre Basisorganisation ist die F\u00f6deration der Arbeiterimmigranten aus der T\u00fcrkei in Deutschland e. V. (AGIF) mit Sitz in K\u00f6ln. Wie bei der DHKP-C und TKP/ML bildeten Versammlungen und die Beteiligung an Protestveranstaltungen gegen die Gef\u00e4ngnisreform in der T\u00fcrkei den Schwerpunkt der MLKP-Aktivit\u00e4ten. Als Aktionskomitee hierf\u00fcr wurde mit weiteren t\u00fcrkischen linksextremistischen Gruppierungen in der ersten Jahresh\u00e4lfte 2000 das \"Solidarit\u00e4tskomitee mit den politischen Gefangenen in der T\u00fcrkei\" (DETUDAK) gegr\u00fcndet, das nach wie vor von der MLKP dominiert wird. Die MLKP f\u00fchrte im April ihren 3. Kongress durch. In einer im Internet unter der Parteitags\u00fcberschrift \"F\u00fcr den Sieg der Revolution\" verbreiteten Erkl\u00e4rung hei\u00dft es unter anderem, die Delegierten h\u00e4tten die theoretischen, programmatischen, strategischen und taktischen Fragen der Revolution in der T\u00fcrkei und \"Nordkurdistan\", die nationale und internationale politische Lage sowie die Praxis der Partei behandelt. \"Der 3. Kongress der MLKP ist in erster Linie ein Schlag gegen den amerikanischen Imperialismus, den Hauptfeind der V\u00f6lker der Welt, und gegen die imperialistische Welt, gegen die kapitalistische Ausbeutungsordnung, gegen den Faschismus und gegen die Barbarei der imperialistischen Globalisierung von der Front der Freiheit und des Sozialismus aus.\" 4.5 F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Europa e.V. (AD\u00dcTDF) Deutschland Bayern Mitglieder: 8.000 2.000 Vorsitzender: Cemal Cetin Gr\u00fcndung: 1978 Sitz: Frankfurt am Main Publikation: T\u00fcrk Federasyon B\u00fclteni Die AD\u00dcTDF vertritt nach wie vor einen \u00fcbersteigerten t\u00fcrkischen Nationalismus mit rassistischen Z\u00fcgen, verbunden mit der Herabsetzung ethnischer Minderheiten. Das Ziel der AD\u00dcTDF ist, die einzige und gr\u00f6\u00dfte t\u00fcrkische Einrichtung in West-Europa zu werden. Die","190 Ausl\u00e4nderextremismus AD\u00dcTDF ist deshalb auch ein Sammelbecken von Anh\u00e4ngern der extrem nationalistischen t\u00fcrkischen Partei der Nationalen Bewegung (MHP), die eine Gro\u00dft\u00fcrkei nach osmanischem Vorbild propagiert. Seit den Wahlen in der T\u00fcrkei im November ist die MHP im Parlament nicht mehr vertreten. Die Parteif\u00fchrung der MHP unter Devlet Bahceli scheint bem\u00fcht zu sein, der Partei ein moderates Erscheinungsbild zu geben, um so auch f\u00fcr konservative W\u00e4hler der Mitte attraktiv zu werden. So erkl\u00e4rte der Parteivorsitzende Devlet Bahceli: \"Wir sind keine rechtsradikale, sondern eine rechts von der Mitte angesiedelte Gruppe. (...) Wir halten von bankrotten faschistischen und rassistischen Ideologien nichts.\" Die MHP will zwar die Aufnahme der T\u00fcrkei in die Europ\u00e4ische Union, aber nicht um jeden Preis. Sie griff deshalb den Reformkurs der t\u00fcrkischen Regierung an, da damit ihrer Meinung nach die Interessen der T\u00fcrkei zu sehr vernachl\u00e4ssigt w\u00fcrden. Nach Angaben der AD\u00dcTDF m\u00fcssten alle pers\u00f6nlichen Belange den Interessen des Volkes untergeordnet und die t\u00fcrkische Fahne, die die Farbe des Bluts der M\u00e4rtyrer der AD\u00dcTDF trage, hochgehalten werden. Den \"Feinden\" der T\u00fcrkei wird Gewalt angedroht. Das Streben der AD\u00dcTDF nach Dominanz steht einer echten Integration der T\u00fcrken wie auch der Muslime in die deutsche Gesellschaft entgegen. Zwar r\u00e4t der Verband den Mitgliedern, die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit anzunehmen, Motiv hierf\u00fcr sind aber nur die damit verbundenen gr\u00f6\u00dferen Einflussm\u00f6glichkeiten. Konsequent erkl\u00e4rte ein AD\u00dcTDF-F\u00fchrungsmitglied: \"Die Europa-T\u00fcrken werden Minderheitenrechte bekommen, z.B. automatischen Sitz im Parlament. Somit wird sichergestellt, dass die Rechte der T\u00fcrken in den Parlamenten immer vertreten werden. T\u00fcrken bleiben immer T\u00fcrken.\" Die F\u00fchrung der Organisation bekennt sich offen zu ihrer Leitfigur Alparslan T\u00fcrkes, dem 1997 verstorbenen langj\u00e4hrigen MHP-Vorsitzenden. Die Anh\u00e4nger der AD\u00dcTDF werden h\u00e4ufig auch als \"Graue W\u00f6lfe\" bezeichnet. Ihr Erkennungszeichen ist ein mit f\u00fcnf Fingern stilisierter Wolfskopf. In Bayern sind dem Verband etwa 30 Vereine zuzurechnen. Zur AD\u00dcTDF geh\u00f6rt das Verbandsorgan \"T\u00fcrk Federasyon B\u00fclteni\" (Bulletin der T\u00fcrkischen F\u00f6deration). Entgegen der Wortwahl fr\u00fcherer","Ausl\u00e4nderextremismus 191 Ausgaben des \"Bulletins\" weisen einige Artikel aggressive, rassistische und nationalistische Tendenzen auf: \"Von Anbeginn der t\u00fcrkischen Geschichte haben wir andere V\u00f6lker unter unsere Herrschaft gebracht. (...) Als Herrenrasse haben wir Menschen, die nicht zu unserer Rasse geh\u00f6ren, viel von unserer Lebensart gelehrt.\" \"In jeder Zeit gab es defekte Rassen, die nichts Besseres zu tun hatten, als den T\u00fcrken zu schaden. Diese Rassen sind behindert und erhalten Befehle von anderswo. Sie essen unser Brot und versuchen gleichzeitig, ihren missgestalteten Rassen dienlich zu sein. Auf diese m\u00fcssen wir achten und ihnen keine Gelegenheit geben.\" \"Die T\u00fcrkei ist kein Land der kulturellen und ethnischen Mosaiken.\" Zur Mitgliederwerbung ist die AD\u00dcTDF auch in zahlreichen Sportund Elternvereinen t\u00e4tig, die vorgeben, keine politischen Ziele zu haben. Jugendliche werden f\u00fcr Ordnerdienste herangezogen und fr\u00fchzeitig als Vereinsfunktion\u00e4re in die politische Arbeit integriert. Der von der AD\u00dcTDF propagierte Nationalismus gibt vielen t\u00fcrkischen Jugendlichen ein \"Wir\"-Gef\u00fchl gegen\u00fcber der deutschen Gesellschaft. Ihnen wird die \u00dcberlegenheit der T\u00fcrken suggeriert. In den Ortsvereinen wurde die Funktion des \"Jugendvorsitzenden\" geschaffen. Es werden w\u00f6chentlich politische Seminare gehalten, an denen die Jugendlichen teilnehmen sollen. Die Erteilung islamischen Religionsunterrichts in deutscher Sprache lehnt die AD\u00dcTDF ab. Sie verf\u00fcgt \u00fcber eigene Vereine, in denen t\u00fcrkischsprachiger Koranunterricht abgehalten wird. 4.6 Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) Deutschland Bayern Mitglieder: 900 100 Aktivisten 300 Sympathisanten Gr\u00fcndung: 1981 in Paris Sitz: K\u00f6ln Publikation: Mudjahid (K\u00e4mpfer) Die Volksmudjahidin Iran-Organisation (MEK) gilt als st\u00e4rkste und militanteste iranische Oppositionsgruppe. Die weltweit operierende Organisation verfolgt seit Jahren eine Doppelstrategie. So f\u00fchren be-","192 Ausl\u00e4nderextremismus waffnete Kr\u00e4fte der auf irakischem Territorium stationierten National Liberation Army (NLA) - dem milit\u00e4rischen Arm der Bewegung - im Iran einen Guerillakampf gegen das iranische Regime, den die Organisation seit 1997 intensivierte. In Europa, Nordamerika und Australien tritt die MEK durch ihren politischen Arm, den Nationalen Widerstandsrat Iran (NWRI), und seine Teilorganisationen in Erscheinung. Die Aufgaben der im westlichen Ausland t\u00e4tigen MEK - Organisationen umfassen umfangreiche Propagandaaktivit\u00e4ten und Geldbeschaffungsaktionen sowie die Rekrutierung von K\u00e4mpfern f\u00fcr die NLA. Am 2. Mai wurde die MEK - mit Ausnahme des NWRI - in die Liste der als terroristisch eingestuften Organisationen der Europ\u00e4ischen Union aufgenommen. In den zurzeit in Deutschland bekannten Strukturen der Organisation ist nahezu keine Abgrenzung zwischen MEK und NWRI zu erkennen. Trotz umfangreicher propagandistischer Aktivit\u00e4ten verlieren MEK/NWRI - entgegen eigener Darstellung - an Bedeutung. Ursache hierf\u00fcr ist insbesondere die bei der iranischen Bev\u00f6lkerung popul\u00e4re Politik der Regierung Khatami, die den ohnehin geringen Zuspruch der Volksmudjahidin in der iranischen Bev\u00f6lkerung sowie unter den im Ausland lebenden Iranern weiter mindert. Die Volksmudjahidin sind innerhalb der iranischen Exilopposition seit Jahren isoliert, da sie f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, \"einzige demokratische Alternative\" zum iranischen Regime zu sein. Tats\u00e4chlich weist die Organisation jedoch selbst ein erhebliches Demokratiedefizit auf, das mit einer erh\u00f6hten Gewaltbereitschaft gepaart ist. Belege hierf\u00fcr sind die streng hierarchisch ausgerichtete Kaderstruktur verbunden mit einem sektenartigen F\u00fchrerkult um das Ehepaar Massoud und Maryam Radjavi, die Propagierung von Gewalt als legitimes Mittel zum Sturz der iranischen Regierung sowie die Durchf\u00fchrung von terroristischen Anschl\u00e4gen im Iran gegen Repr\u00e4sentanten des Staates. In Deutschland f\u00fchren MEK/NWRI zur Finanzierung ihrer Aktivit\u00e4ten umfangreiche, meist illegale Sammlungen durch. Die angeblich f\u00fcr humanit\u00e4re Zwecke bestimmten Gelder dienen in Wirklichkeit dem Unterhalt der weltweiten Strukturen der Volksmudjahidin sowie der Unterst\u00fctzung der NLA. Die haupts\u00e4chlich in Asylbewerberheimen angeworbenen Aktivisten der Volksmudjahidin sammeln seit Jahren oft unter Versto\u00df gegen ihre Aufenthaltsbeschr\u00e4nkung und ohne Sammlungserlaubnis. Aufgrund des konsequenten Einschreitens der","Ausl\u00e4nderextremismus 193 Beh\u00f6rden stellte die Organisation in Bayern das Sammeln von Spenden auf der Stra\u00dfe nahezu g\u00e4nzlich ein. Um die Verwendung der Spenden f\u00fcr den auch mit terroristischen Mitteln gef\u00fchrten Kampf der Volksmudjahidin weitgehend zu verschleiern, bedienen sich MEK/NWRI insbesondere folgender auch in Bayern aktiver Tarnvereine: - Fl\u00fcchtlingshilfe Iran e.V. (FHI) - Frauen f\u00fcr Demokratie im Iran e.V. - Verein Iranischer Demokratischer Akademiker e.V. (VIDA) - Hilfswerk f\u00fcr Kinder e.V. Die Sammler treten meist in kleinen Gruppen von bis zu vier Personen auf. Spender werden unter dem Vorwand der Zusendung einer Spendenbescheinigung veranlasst, pers\u00f6nliche Daten bekannt zu geben. In der Folgezeit werden diese Personen bei Hausbesuchen zur \u00dcbernahme von Kinderpatenschaften gedr\u00e4ngt, wobei die j\u00e4hrlichen Kosten rund 2.400 EUR pro Kind betragen. Oft bleibt es aber nicht dabei, weil sich manche Spender durch die Behauptung der Existenz weiterer Geschwister zur Zahlung weitaus h\u00f6herer Betr\u00e4ge \u00fcberreden lassen. Die geschulten Sammler halten regelm\u00e4\u00dfigen Kontakt zum Spender. Dieser erh\u00e4lt auch Fotografien und \u00fcbersetzte Dankschreiben mit Informationen \u00fcber das vermeintlich unterst\u00fctzte Kind. Bei weiteren Besuchen wird beim Spender durch Hinweise auf seine Verantwortung f\u00fcr das Kind ein erheblicher psychologischer Druck erzeugt. Polizeilich sichergestellten Unterlagen ist zu entnehmen, dass eine systematische planm\u00e4\u00dfige Erfassung von Pers\u00f6nlichkeitsprofilen der Spender stattfindet. Diese Praxis, nicht zuletzt aber auch die bei Spendensammlungen festgestellten Manipulationen wie unverplombte Sammelb\u00fcchsen oder verf\u00e4lschte \u00dcberweisungstr\u00e4ger, lassen den Schluss zu, dass der NWRI nicht vorwiegend am Wohl iranischer Kinder, sondern mehr an der Finanzierung seines politischen Kampfs interessiert ist. Von MEK/NWRI-Anh\u00e4ngern wurden mehrfach Demonstrationen durchgef\u00fchrt. So waren am 15. Februar in K\u00f6ln 3.500, vom 11. bis 13. M\u00e4rz in Wien 400, am 13. Mai in Br\u00fcssel 8.000, am 21. Juni in Kopenhagen 4.000, am 9. Oktober in Br\u00fcssel 300 und am 21. Oktober in Luxemburg 3.000 Demonstranten anwesend, um gegen die Menschenrechtsverletzungen im Iran sowie bei den Kundgebungen nach dem 2. Mai auch gegen die als zu Unrecht empfundene Aufnahme der MEK in die \"Terrorliste\" der EU zu protestieren.","194 Ausl\u00e4nderextremismus 5. \u00dcbersicht \u00fcber erw\u00e4hnenswerte extremistische Organisationen von Ausl\u00e4ndern sowie deren wesentliche Presseerzeugnisse Organisation, Publikationen ideologische Ausrichtung (einschlie\u00dflich Erscheinungsweise) 1. Arabische und maghrebinische Gruppen Al-Qaida und Internationale Islamische Front sunnitisch-extremistisch Muslimbruderschaft (MB) Risalat ul-Ikhwan sunnitisch-extremistisch - w\u00f6chentlich - Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD) Al Islam - unregelm\u00e4\u00dfig - Al-Gamaa Al-Islamiya (GI) sunnitisch-extremistisch Jihad Islami (JI) sunnitisch-extremistisch Islamische Widerstandsbewegung (HAMAS) und Islamischer Bund Pal\u00e4stina (IBP) Al Aqsa e.V. - in Deutschland seit 05.08.2002 verboten sunnitisch-extremistisch Islamische Heilsfront (FIS) Al Ribat (Das Band) sunnitisch-extremistisch - w\u00f6chentlich - Bewaffnete Islamische Gruppe (GIA) Al-Jamaa (Die Gruppe) sunnitisch-extremistisch - monatlich - Al Quital (Die Schlacht) - w\u00f6chentlich - En Nahda sunnitisch-extremistisch Hizb-ut-Tahrir (Partei Gottes) Al Khilafah (Das Kalifat) [andere Schreibweise: Hizb al-Tahrir] - unregelm\u00e4\u00dfig - in Deutschland seit 15.01.2003 verboten explizit schiitisch-extremistisch - viertelj\u00e4hrlich - Ansar al-Islam sunnitisch-extremistisch Tablighi Jamaat sunnitisch-extremistisch","Ausl\u00e4nderextremismus 195 Organisation, Publikationen ideologische Ausrichtung (einschlie\u00dflich Erscheinungsweise) Al Tauhid sunnitisch-extremistisch Hizb Allah (Partei Gottes) Al-Ahd (Die Verpflichtung) schiitisch-extremistisch - w\u00f6chentlich - Demokratische Front f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas (DFLP) Al Hourriah (Die Freiheit) marxistisch-leninistisch - w\u00f6chentlich - Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas (PFLP) Al Hadaf (Das Ziel) marxistisch-leninistisch - w\u00f6chentlich - Democratic Palestine - zweimonatlich - Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas Ila-Al-Amam (Vorw\u00e4rts) - Generalkommando - (PFLP-GC) - w\u00f6chentlich - marxistisch-leninistisch Hizb Da'Wa al Islamiya (Da'Wa) Al Jihad (Heiliger Krieg) (Partei des islamischen Rufs / der islamischen Mission) schiitisch-extremistisch Islamisch Irakische Gemeinschaft Deutschland e.V. (IIGD) schiitisch-extremistisch 2. Iranische Gruppen Union islamischer Studentenvereine in Europa (U.I.S.A) Qods (Jerusalem) islamisch-extremistisch - unregelm\u00e4\u00dfig - Arbeiterkommunistische Partei Iran (API) Hambastegi (Solidarit\u00e4t) marxistisch - unregelm\u00e4\u00dfig - Volksmudjahidin Iran - Organisation (MEK) islamisch-extremistisch Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) Mudjahid (K\u00e4mpfer) Sitz: Berlin - w\u00f6chentlich - islamisch-extremistisch 3. Kurdische Gruppen Freiheitsund Demokratiekongress Serxwebun (Unabh\u00e4ngigkeit) Kurdistans (KADEK) - monatlich - bisher: Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) Kurdistan Report marxistisch-leninistisch - zweimonatlich - (in Deutschland seit 26.11.1993 verboten)","196 Ausl\u00e4nderextremismus Organisation, Publikationen ideologische Ausrichtung (einschlie\u00dflich Erscheinungsweise) Teilorganisationen des KADEK: Volksverteidigungskr\u00e4fte (HPG) bisher: Volksbefreiungsarmee Kurdistans (ARGK) Kurdische Demokratische Volksunion (YDK) bisher: Nationale Befreiungsfront Kurdistans (ERNK) (in Deutschland seit 26.11.1993 verboten) Nebenorganisationen des KADEK: Kurdistan-Komitee e.V., K\u00f6ln (seit 26.11.1993 verboten) Kurdistan Informationsb\u00fcro in Deutschland (KIB) (seit 02.03.1995 verboten) F\u00f6deration der patriotischen Arbeiterund Kulturvereinigungen aus Kurdistan in der Bundesrepublik Deutschland e.V. (FEYKA-Kurdistan) (seit 26.11.1993 verboten) Kurdistan Informations-Zentrum (KIZ) F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland e.V. (YEK-KOM) Haus der kurdischen K\u00fcnstler e.V. (bisher: HUNERKOM) Partei der freien Frauen (PJA) Jina Serbilind (Die stolze Frau) bisher: Union der freien Frauen aus Kurdistan (YAJK) - viertelj\u00e4hrlich - Union der Journalisten Kurdistans (YRK) Union der patriotischen Arbeiter Kurdistans (YKWK) Union zur Pflege der kurdischen Kultur und Kunst (YRWK) Welate Me (Unsere Heimat) Union der Jugendlichen aus Kurdistan (YCK) Sterka Ciwan (Stern der Jugend) - zweimonatlich - Verband der StudentInnen aus Kurdistan (YXK) Ronahi (Licht) - dreimonatlich - F\u00f6deration der Demokratischen Aleviten (DAV) Semah bisher: Union der Aleviten aus Kurdistan (KAB) bisher: Z\u00fclfikar - monatlich - Islamische Bewegung Kurdistans (KIH) Baweri (Glaube) Kurdischer Roter Halbmond (HSK) Roja Kurdistane (Sonne Kurdistans)","Ausl\u00e4nderextremismus 197 Organisation, Publikationen ideologische Ausrichtung (einschlie\u00dflich Erscheinungsweise) 4. T\u00fcrkische Gruppen 4.1 Linksextremisten T\u00fcrkische Kommunistische Partei/ Isci-K\u00f6yl\u00fc Kurtulusu Marxisten-Leninisten (TKP/ML) (Arbeiter-Bauern-Befreiung) - zweimonatlich - Partizan-Fl\u00fcgel Devrim Yolunda isci k\u00f6yl\u00fc (Arbeiter und Bauern auf dem Weg der Revolution) - vierzehnt\u00e4gig - Maoistische Kommunistische Partei (MKP) Devrimci Demokrasi bisher: DABK (Ostanatolisches Gebietskomitee) (Revolution\u00e4re Demokratie) T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee (TIKKO) Frontorganisation der TKP/ML (Partizan Fl\u00fcgel) Volksbefreiungsarmee (HK\u00d6), milit\u00e4rischer Arm der MKP Basisorganisationen der TKP/ML: F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V. (ATIF) Sitz: Duisburg -Partizan-Fl\u00fcgelF\u00f6deration der demokratischen Rechte in Deutschland (ADHF) -DABK-Fl\u00fcgelKonf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa (ATIK) M\u00fccadele (Kampf) -Partizan-Fl\u00fcgel- - unregelm\u00e4ig - Konf\u00f6deration der demokratischen Rechte in Europa (ADHK) -DABK-Fl\u00fcgelBolschewistische Partei Nordkurdistan/T\u00fcrkei Bolsevik Partizan (BP-KK/T) (Bolschewistischer Partisan) (Abspaltung von der TKP/ML) - monatlich - Devrimci Sol (Revolution\u00e4re Linke) in Deutschland seit 09.02.1983 verboten; nach dem Verbot in zwei Fraktionen (Karatasbzw. Yagan-Fl\u00fcgel) zerfallen Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) Ekmek ve Adalet aus dem Karatas-Fl\u00fcgel der Devrimci Sol hervorgegangen; Brot und Gerechtigkeit) in Deutschland seit 13.08.1998 verboten - w\u00f6chentlich - T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front (THKP-C Devrimci Sol) aus dem Yagan-Fl\u00fcgel der Devrimci Sol hervorgegangen; in Deutschland seit 13.08.1998 verboten","198 Ausl\u00e4nderextremismus Organisation, Publikationen ideologische Ausrichtung (einschlie\u00dflich Erscheinungsweise) Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei Yeniden Atilim (Neuer Vorsto\u00df) (MLKP) - w\u00f6chentlich - Basisorganisation der MLKP: F\u00f6deration der Arbeiterimmigranten aus der T\u00fcrkei AGIF B\u00fclteni in Deutschland e.V. (AGIF) - zweimonatlich - 4.2 Extreme Nationalisten F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-Demokratischen T\u00fcrk Federasyon B\u00fclteni Idealistenvereine in Europa e.V. (AD\u00dcTDF) - monatlich - Sitz: Frankfurt am Main 4.3 Islamische Extremisten Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V. (IGMG) Publizistisches Sprachrohr: Sitz: K\u00f6ln Milli Gazete (Nationale Zeitung) - t\u00e4glich - Hilafet Devleti (Kalifatsstaat) Asr-I Saadet bisher: Verband der islamischen Vereine und - w\u00f6chentlich - Gemeinden e.V. (ICCB) D.I.A. (Die islamische Alternative) Sitz: K\u00f6ln (seit 12.12.2001 verboten)","Scientology-Organisation 199 6. Abschnitt Scientology-Organisation (SO) International Deutschland Bayern Mitglieder: ca. 125 bis 150.000* 5.000 bis 6.000 etwa 2.600 Vorsitzender: David Miscavige Helmuth Bl\u00f6baum Gerhard B\u00f6hm Gr\u00fcndung: Los Angeles 1952 M\u00fcnchen 1972 N\u00fcrnberg 1982 Church of Scientology Scientology Kirche Scientology Kirche International (CSI) Deutschland e.V. Bayern e.V. Sitz: Los Angeles, USA M\u00fcnchen M\u00fcnchen/N\u00fcrnberg (in Deutschland unselbst\u00e4ndige Teilorganisationen) Publikationen: Freiheit, Impact, Ursprung, Source u.a. * gesch\u00e4tzte bzw. hochgerechnete Zahlenangaben, die auf Mitgliederbzw. Aussteigerinformationen basieren 1. Zur Geschichte der SO Im Jahre 1950 ver\u00f6ffentlichte der amerikanische Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard (1911 bis 1986) in den USA das Buch \"Dianetik - Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit\". Darin stellte er seine \"Technologie\" zur \"Heilung psychosomatischer Krankheiten und geistiger St\u00f6rungen\" vor. In den folgenden Jahren kam es zur Gr\u00fcndung so genannter \"Dianetik-Zentren\" und schlie\u00dflich zum Aufbau der SO. Hubbard erkl\u00e4rte sein von ihm entwickeltes Verfahren der Psychomanipulation, das er zusammen mit einer totalit\u00e4ren Organisationslehre und -technik in Form eines Kommandosystems (\"Admintech\") entwickelt hat, zwei Jahre sp\u00e4ter zur Religion und gr\u00fcndete die erste \"Kirche\". Er hoffte, damit seine Organisation gegen staatliche Eingriffe abzusichern. Anfang der 80er Jahre verschwand Hubbard aus der \u00d6ffentlichkeit, weil er krank war und sich vor den Beh\u00f6rden verstecken musste, die ihm vorwarfen, unter anderem an einer Verschw\u00f6rung gegen die Regierung beteiligt zu sein. In der Folge kam es innerhalb der Organisation zu intriganten Machtk\u00e4mpfen. Am 24. Januar 1986 wurde L. Ron Hubbard von der neuen F\u00fchrungsspitze der Scientology f\u00fcr tot erkl\u00e4rt. Die n\u00e4heren Umst\u00e4nde von Hubbards Ableben sind ungekl\u00e4rt. Auch nach dem Tode Hubbards dauerte der Machtkampf um die","200 Scientology-Organisation k\u00fcnftige F\u00fchrung der SO an. An dessen Ende setzte sich David Miscavige durch. Er f\u00fchrt noch heute die SO. Seit Jahrzehnten liegt Scientology im Konflikt mit den Rechtsordnungen demokratischer Staaten. Die Vorw\u00fcrfe lauten z.B. auf Betrug und Wucher gegen\u00fcber Kunden, Bedrohung und N\u00f6tigung von Kritikern, auf Verschw\u00f6rung gegen die Regierung, Steuerhinterziehung und Bildung einer kriminellen Vereinigung. In diesem Zusammenhang kam es in den USA zu zahlreichen Verfahren und Verurteilungen von Funktion\u00e4ren der SO. Trotzdem erreichte Scientology 1993 mit einem Vergleich, von der obersten amerikanischen Steuerbeh\u00f6rde Internal Revenue Service (IRS) als gemeinn\u00fctzig anerkannt zu werden. Nach einem Bericht der Zeitung \"The New York Times\" setzte die SO dabei schmutzige Methoden der Einsch\u00fcchterung und Erpressung ein. Mitarbeiter der IRS wurden bis in die Privatsph\u00e4re hinein ausspioniert und zum Teil wegen erfundener Behauptungen mit rund 200 Prozessen \u00fcberzogen. Die Anleitung f\u00fcr dieses Vorgehen ist in einem Richtlinienbrief Hubbards vom 15. August 1960 \u00fcber die Einrichtung eines \"Department of Government Affairs\" enthalten, der Methoden beschreibt, mit denen Regierungen gef\u00fcgig gemacht werden sollen. 2. Ideologie und Aktivit\u00e4ten Nach Feststellung der Konferenz der Innenminister von Bund und L\u00e4ndern (IMK) vom 5./6. Juni 1997 liegen tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr verfassungsfeindliche Bestrebungen der SO vor. Sie ergeben sich vor allem aus den Handlungsanleitungen f\u00fcr das so genannte Management, d.h. den Leitungskader, den \u00c4u\u00dferungen f\u00fchrender Funktion\u00e4re und den weltweiten Aktivit\u00e4ten der Organisation. Deshalb besteht der gesetzliche Auftrag zur Beobachtung. Ein Bericht \u00fcber erste Beobachtungsergebnisse wurde der Innenministerkonferenz f\u00fcr ihre Herbstsitzung 1998 vorgelegt. Dieser Bericht ist im Internet unter folgender Adresse abrufbar: http://www.im.nrw.de/inn/doks/vs/agsc.pdf Die Ideologie der SO st\u00fctzt sich ausschlie\u00dflich auf die Schriften von L. Ron Hubbard, die nach eigenen Aussagen unver\u00e4nderliche G\u00fcltigkeit besitzen. Insbesondere werden seine programmatischen \u00c4u\u00dferungen in den so genannten \"policy letters\" (Richtlinienbriefen) den Mitgliedern und Mitarbeitern als verbindliche Orientierung vorgegeben.","Scientology-Organisation 201 2.1 Schriften der SO Die Analyse einer Vielzahl von Prim\u00e4rmaterialien der SO zeigt, dass bei der Organisation politisch bestimmte, zielund zweckgerichtete Verhaltensweisen vorliegen. Dies folgt aus dem generellen Absolutheitsanspruch der scientologischen Ideologie. Dieser bezieht sich nicht nur darauf, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein, sondern erfasst den Menschen in all seinen pers\u00f6nlichen sowie zwischenmenschlichen und gesellschaftlich-politischen Lebensbereichen, sobald er in das Kontrollsystem der Organisation eingebunden ist. Bereits aus der Grundidee von Scientology ergeben sich politische Dimensionen, da mit scientologischer \"Technologie\" nicht nur der Einzelne, sondern die gesamten gesellschaftlichen und staatlichen Verh\u00e4ltnisse im Sinn einer grunds\u00e4tzlichen Neuordnung der Gesellschaft ver\u00e4ndert werden sollen. In diesem Zusammenhang wird eine verfassungsfeindliche Wertordnung nicht nur propagiert, sondern eine solche soll als verbindlicher Ordnungsfaktor f\u00fcr Staat und Gesellschaft etabliert werden. Ziel der SO ist es, zur angeblichen Befreiung des Einzelnen und aller sozialen Bereiche Gesellschaft und Staat in ein nach psychound sozialtechnischen Prinzipien (social engineering) zentral gesteuertes Kommandosystem zu verwandeln. Die SO in Deutschland bekennt sich auch in ihren aktuellen Ver\u00f6ffentlichungen ausdr\u00fccklich zur Person und der unver\u00e4nderbaren politischen Programmatik ihres Gr\u00fcnders. Verschiedene programmatische \u00c4u\u00dferungen der SO deuten sogar darauf hin, dass sie ihre Ziele k\u00e4mpferisch-aggressiv verwirklichen will. Von Mitgliedern wurde entsprechend einer Werbebrosch\u00fcre der International Association of Scientologists (IAS) erwartet, dass sie \"die Zerschlagung von Gruppen unterst\u00fctzen, die den Zweck verfolgen, die Anwendung der Scientology-Technologie zu verhindern\". Eine \u00c4nderung der ideologischen Ausrichtung ist nicht erkennbar; vielmehr werden weiter Schriften im genannten Sinn ver\u00f6ffentlicht. Auch wird strikt an den internen Richtlinien und den so genannten \"policy letters\" festgehalten. 2.1.1 Errichtung einer scientologischen Gesellschaft Schon in seinem grundlegenden Buch \"Dianetik\" hatte Hubbard auf die politische Relevanz und die Reichweite seiner Lehre und Technik","202 Scientology-Organisation hingewiesen. Mit der Entwicklung seiner totalit\u00e4ren \"Admintech\", die in elf B\u00e4nden niedergelegt ist, hat sich Hubbard ein sozialtechnisches Instrumentarium geschaffen, um sich Gruppen gef\u00fcgig zu machen. Es soll eine ausschlie\u00dflich nach scientologischen Richtlinien funktionierende Welt geschaffen werden. Diese neue \"wahre Demokratie\" soll an die Stelle der bisherigen Demokratien treten, die von Scientologen als Produkt einer aberrierten, von der Vernunft abweichenden, geisteskranken Gesellschaft angesehen werden. Alle gesellschaftlichen Probleme sollen dadurch gel\u00f6st werden, dass zun\u00e4chst 10 bis 15 % der politischen Meinungsf\u00fchrer, dann 80 bis 98 % der Bev\u00f6lkerung \"gekl\u00e4rt\" werden und die Gesellschaft schlie\u00dflich nur noch aus den so genannten Nichtaberrierten, den Clears, besteht. Gleichzeitig soll die \"Admintech\" zur Organisation aller gesellschaftlichen Gruppen und der Regierungen weltweit Verwendung finden. 2.1.2 Lenkung der Regierung durch Scientology Bereits am 20. M\u00e4rz 1964 stellte Hubbard in einem Vortrag das Projekt \"International City\" vor. Hubbard hatte darin unter anderem erkl\u00e4rt, Scientology sei \"nur am Planeten interessiert\". Hubbard forderte in seinem Vortrag letztlich, alle derzeit existierenden Hauptst\u00e4dte der verschiedenen Staaten zugunsten Scientology zu entmachten, die Welt quasi von seiner Hauptstadt - International City - aus zu regieren: \"Wir hatten in letzter Zeit einige Probleme mit Regierungen. Meiner Meinung nach waren sie unversch\u00e4mt. Sie waren respektlos und ich habe mir das gr\u00fcndlich angesehen und bin zu dem Entschluss gekommen, dass wir das nicht hinnehmen sollten.\" Im November 1997 wurde die Hubbard-Anweisung vom 13. M\u00e4rz 1961 bekannt. Danach soll ein \"Department f\u00fcr Beh\u00f6rdenangelegenheiten\" unter anderem \"st\u00e4ndigen Druck auf Regierungen aus\u00fcben, um Gesetzgebung von Gruppen zu verhindern, die der Scientology entgegenstehen\". Beh\u00f6rden und unabh\u00e4ngige Gerichte werden von der SO als \"Gefahr\" gesehen, der man begegnet, indem \"immer ausreichend Drohungen gegen sie gesucht oder erfunden werden\". Die genannte \"Abteilung\" hat \u00fcber den Bereich \"Sicherheit\" hinaus zudem die wesentliche Aufgabe, die \"Clear Deutschland-Kampagne\" fortzusetzen.","Scientology-Organisation 203 2.1.3 Einf\u00fchrung eines scientologischen Rechtssystems Die bestehenden Rechtsordnungen werden von der SO abgelehnt, sogar l\u00e4cherlich gemacht. So formuliert Hubbard im Kapitel \"Recht\" seines Buches \"Einf\u00fchrung in die Ethik der Scientology\": \"Ich habe festgestellt, dass dem Menschen Recht nicht anvertraut werden kann. (...) Ich lade Sie dazu ein, das zu untersuchen, was in unserer heutigen Gesellschaft lachhafterweise als 'Recht' gilt. Viele Regierungen sind hinsichtlich ihrer g\u00f6ttlichen Korrektheit in Rechtsfragen so empfindlich, dass man kaum den Mund aufmachen kann, ohne dass sie in unkontrollierte Gewalt ausbrechen.\" Eine Ausgabe der SO-Zeitschrift \"Freiheit\" aus dem Jahr 1997 enth\u00e4lt unkommentiert einen Artikel Hubbards mit der \u00dcberschrift \"Ehrliche Menschen haben auch Rechte\". Dieser befasst sich mit der Bedeutung der Rechte des Beschuldigten oder Angeklagten im Strafverfahren und der Rechtsf\u00e4higkeit des Einzelnen aus der Perspektive der SO. Der Beschuldigte oder Angeklagte soll sich im Strafverfahren zu seiner Verteidigung nicht auf Rechte berufen d\u00fcrfen. Vielmehr wird der Kreis der Rechtstr\u00e4ger auf die \"Ehrlichen\" beschr\u00e4nkt, also nur auf diejenigen, die sich der SO verschrieben haben. Die nur eingeschr\u00e4nkte Geltung aller Rechte, also auch der Grundund Menschenrechte, geh\u00f6ren zu den von Hubbard aufgestellten Standardforderungen f\u00fcr die von ihm und der SO angestrebte \"Neue Zivilisation\". Im bereits 1959 erschienenen \"Handbuch des Rechts\" \u00e4u\u00dfert sich L. Ron Hubbard zur Funktion des scientologischen Rechtssystems. Es enth\u00e4lt verschiedene Passagen mit tats\u00e4chlichen Anhaltspunkten f\u00fcr das Ziel der SO, eine Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft zu errichten. Danach wird es im scientologischen Gesellschaftssystem keine Menschenund Grundrechte mehr geben, wie sie im Grundgesetz definiert sind. Im scientologischen Rechtssystem sind auch keine unabh\u00e4ngigen Gerichte vorgesehen. Vielmehr erforscht ein nicht an Recht und Gesetz gebundener Nachrichtendienst (vgl. auch Nummer 3.2.4 dieses Abschnitts) Sachverhalte und ergreift Ma\u00dfnahmen. 2.1.4 Bek\u00e4mpfung von Kritik an Lehre und Praxis - aggressive Expansionstechnik In einem Grundlagenwerk von Hubbard fordert dieser \"totale Disziplin\". Um die Macht zu behalten, so offenbar der Gedanke von","204 Scientology-Organisation Hubbard in seinem Werk \"Einf\u00fchrung in die Ethik der Scientology\", m\u00fcsse man kaltbl\u00fctig, skrupellos, hemmungslos, gegebenenfalls auch heimt\u00fcckisch, hinterlistig und mit Gewalt gegen die eigenen Feinde vorgehen, ansonsten w\u00fcrde man die Macht verlieren. Die im \"Handbuch des Rechts\" empfohlenen Operationen zur \"Abwehr\" von \"Unterdr\u00fcckern\" lassen erkennen, dass die SO gewillt ist, die im Grundgesetz konkretisierten Grundrechte abzuschaffen oder hinsichtlich ihres Schutzbereichs verfassungswidrig einzuschr\u00e4nken und dadurch eine totale Kontrolle des Einzelnen durch die SO zu erreichen. Der nach wie vor g\u00fcltige HCO-Richtlinienbrief vom 11. Mai 1971 enth\u00e4lt unter anderem Anweisungen f\u00fcr Scientologen, wie im Fall eines gr\u00f6\u00dferen Widerstands bei der Durchsetzung von Zielen der SO zu verfahren ist: \"Wenn Geld und Gewalt regieren und Meinungsf\u00fchrer nicht beachtet werden, wenn sich im Management oder in der Regierung spezielle Privilegien einschleichen, sind Protest-PR, Streiks und Demonstrationen das Werkzeug, das man verwendet. Wenn das nicht funktioniert oder wenn sie unterdr\u00fcckt wird (Anm.: werden), ereignen sich subversive Aktionen, allgemeine nachrichtendienstliche Aktionen, Schwarze Propaganda und andere \u00dcbel.\" 2.2 Aktivit\u00e4ten der SO 2.2.1 Angriffe auf Repr\u00e4sentanten des Staates Alle Aktivit\u00e4ten der SO sind auf die Expansion der Organisation ausgelegt. In diesem Zusammenhang sind auch Ma\u00dfnahmen der Kritikerbek\u00e4mpfung zu sehen. Kritiker sind alle Personen und Institutionen, die den Zielen der SO nicht zustimmen und ihrer Ausbreitung entgegenstehen. F\u00fcr deren \"Handhabung\" gibt es detaillierte Anweisungen, wie zu verfahren ist. Aus diesem Grund verunglimpft, beschimpft und verleumdet die SO seit mehreren Jahren Repr\u00e4sentanten der Bundesrepublik Deutschland. Dar\u00fcber hinaus richten sich Verunglimpfungen auch gegen die Verfassungsordnung in Deutschland selbst. Sie wird mit derjenigen des nationalsozialistischen Deutschlands gleichgesetzt. So verbreitet Leisa Goodman, eine f\u00fchrende Repr\u00e4sentantin der \"Church of Scientology International (CSI)\" im Internet die Absicht","Scientology-Organisation 205 der SO, \"die Verbreitung des anti-religi\u00f6sen Hasses der Deutschen Regierung in Europa zu stoppen\", und erkl\u00e4rt: \"Die Deutsche Regierung ist die treibende Kraft der wachsenden religi\u00f6sen Intoleranz in Europa.\" Dar\u00fcber hinaus behauptet David Miscavige, Leiter des \"Religious Technology Center\" und oberster Repr\u00e4sentant der SO in seiner Neujahrsrede in Los Angeles, die sowohl im Internet als auch in Videoaufnahmen international verbreitet wird, dass Deutschland seit jeher ein Platz der Unterdr\u00fcckung von Religionen gewesen sei und sich daran nichts ge\u00e4ndert habe. Das zeige sich darin, dass der deutsche Verfassungsschutz die SO mit kriminellen Methoden \u00fcberwache. H\u00e4tte der Verfassungsschutz seinen Job gemacht und den Terrorismus statt der SO beobachtet, w\u00e4re es nicht zu der Trag\u00f6die des 11. September 2001 gekommen. Auch f\u00fchrende deutsche Scientologen diffamieren deutsche Verfassungsorgane in polemischer und verleumderischer Form, wenn im Internet von der Vizepr\u00e4sidentin der Scientology Kirche Deutschland die Aussage verbreitet wird \"Hierzulande darf nach wie vor bis auf wenige Ausnahmen nach Herzenslust aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft und Religion ausgegrenzt, boykottiert und diskriminiert werden, ohne dass der Gesetzgeber auch nur die Stirn dar\u00fcber runzelt.\" 2.2.2 Techniken der Verhaltenskontrolle und -steuerung Durch effiziente Techniken der Verhaltenskontrolle und -steuerung, der \"Technologie\", werden die Mitarbeiter, aber auch die einfachen, aktiven Mitglieder, in manipulativer Weise unter st\u00e4ndigen Verhaltenszwang gesetzt, um nach dem internen Sprachgebrauch des Managements wie \"Maschinen\" zu \"produzieren\", d.h. neue Kunden zu werben und zu Anh\u00e4ngern des Systems zu machen. Ziel ist es dabei, aus den als \"rohes Fleisch\" bezeichneten Kunden \"Produktionsmaschinen\" f\u00fcr die Werbung und Bearbeitung neuer Kunden zu \"produzieren\". Die Mitarbeiter unterwerfen sich diesem Reglement, weil sie aus dem engmaschigen, repressiven Kontrollsystem nur schwer ausbrechen k\u00f6nnen. Hinzu kommt, dass sich die meisten Mitarbeiter ihrer tats\u00e4chlichen Rolle innerhalb der Organisation nicht bewusst werden. Der Leistungsdruck des Systems auf die Mitarbeiter und Mitglieder ist dabei so stark, dass sie sich dem technokratischen","206 Scientology-Organisation Regelwerk der \"Admintech\" und den Befehlen der Funktionstr\u00e4ger ohne Widerspruch f\u00fcgen, unter Umst\u00e4nden sogar unter Inkaufnahme der Verletzung staatlicher und strafbewehrter Normen oder von Dienstpflichten, wenn Angeh\u00f6rige des \u00f6ffentlichen Dienstes als Scientologen betroffen sind. 2.2.3 Ausforschung und Bek\u00e4mpfung von Kritikern Personen, die berechtigte Kritik \u00fcben, sollen mit schikan\u00f6sen bis diffamierenden Attacken als \"Feinde\" bek\u00e4mpft werden. Ziel ist es dabei, die Gegner der SO, die als \"unterdr\u00fcckerische Personen\" bezeichnet werden, mundtot zu machen, um die Expansion des Systems nicht von ihnen gef\u00e4hrden zu lassen. Gegen Kritiker wird wegen ihrer Gegnerschaft zur SO deshalb zun\u00e4chst \"lautstark\" oder verdeckt mit geheimdienstlichen Methoden diktatorischer Staaten ermittelt. Sie werden dann angezeigt, diffamiert, \u00f6ffentlich blo\u00dfgestellt und verklagt, bisweilen bedroht, bel\u00e4stigt und zur Zerm\u00fcrbung auch psychisch gequ\u00e4lt. In den USA scheuen sich daher manche Medien bereits, offen gegen Scientology Stellung zu nehmen. 2.2.4 Kampagne gegen Schutzerkl\u00e4rung \u00dcber das \"Deutsche B\u00fcro f\u00fcr Menschenrechte der Scientology Kirche Deutschland e.V.\", das organisatorisch dem Office of Special Affairs (vgl. auch Nummer 3.2.4 dieses Abschnitts) angegliedert ist, setzte die SO ihre 1997 bekannt gewordene Kampagne gegen die Verwendung von Schutzerkl\u00e4rungen durch deutsche Unternehmen und \u00f6ffentliche Stellen fort. Mit den Schutzerkl\u00e4rungen gegen\u00fcber Mitarbeitern und Drittfirmen wollen sich Unternehmen und \u00f6ffentliche Stellen gegen m\u00f6gliche Einflussnahmeund Ausforschungsversuche von Scientologen sch\u00fctzen. Die SO r\u00e4umt dem Ziel, die Verwendung von Schutzerkl\u00e4rungen in der Wirtschaft zu unterbinden, hohe Priorit\u00e4t ein. Zudem versucht die SO, wie schon 2001 im Zusammenhang mit Ausschreibungen f\u00fcr \u00f6ffentliche Auftr\u00e4ge, Druck auf Landesund Bundesbeh\u00f6rden gegen die Verwendung der Schutzerkl\u00e4rung auszu\u00fcben. Es bleibt zu erwarten, dass auch in Zukunft die Agitation gegen die Schutzerkl\u00e4rung ein Schwerpunkt der SO-\u00d6ffentlichkeitsarbeit sein wird.","Scientology-Organisation 207 2.2.5 Aktivit\u00e4ten im Ausland Wenn auch die Bundesrepublik Deutschland seitens der SO immer wieder als wichtigstes Expansionsgebiet in Europa genannt wird, so sind ihre Verbreitungsbem\u00fchungen in vielen anderen europ\u00e4ischen Staaten nicht unerheblich und werden dort nicht ohne Besorgnis der B\u00fcrger und Beh\u00f6rden registriert. Eine Reihe von Verfahren gegen Verantwortliche der SO in mehreren Mitgliedstaaten der Europ\u00e4ischen Union zeigt, dass Verst\u00f6\u00dfe gegen die Rechtsordnungen dieser L\u00e4nder in Kauf genommen werden, um zu expandieren. Zudem werden in den genannten Staaten, insbesondere in Frankreich, \u00e4hnliche Kampagnen gegen die angebliche religi\u00f6se Diffamierung durchgef\u00fchrt wie in Deutschland. Am Aufbau neuer Organisationsstrukturen im Ausland waren auch deutsche Scientologen beteiligt. In Frankreich sind nach Presseberichten vom Oktober 1998 in einem Gerichtsverfahren gegen die SO Hunderte von Gerichtsdokumenten aus dem Justizpalast in Paris verschwunden. In diesem Zusammenhang sieht sich die SO Vorw\u00fcrfen der Unterwanderung des Rechtssystems ausgesetzt. Im Zusammenhang mit der Vernichtung von Gerichtsakten vor einem Strafprozess gegen SO-Verantwortliche in Marseille im September 1999 wurden die Vorw\u00fcrfe gegen die SO wegen Unterwanderung des Rechtssystems \u00f6ffentlich von der in Frankreich zur Bek\u00e4mpfung von Sekten eingesetzten Mission Interministerielle De Lutte Contre Les Sectes (MILS) wiederholt. Der Prozess endete in Marseille mit einer Verurteilung von f\u00fcnf Verantwortlichen der SO zu Haftstrafen wegen Betrugs. Zwei Angeklagte wurden freigesprochen. Ebenfalls in Frankreich wurde die SO im Mai 2002 durch ein Pariser Gericht zu einer Geldstrafe von 8.000 EUR verurteilt. Der Vorsitzende der Organisation erhielt eine Strafe von 2.000 EUR. Die Verurteilung erfolgte wegen eines Versto\u00dfes gegen das Datenschutzgesetz und unlauterer Werbung zum Zwecke betr\u00fcgerischer Machenschaften. In Belgien laufen gegen die SO seit Oktober 1999 Strafermittlungen wegen Betrugs und anderer Straftaten. Im Rahmen von etwa 25 Razzien wurden Tausende pers\u00f6nlicher Dossiers von SO-Anh\u00e4ngern, Beamten, Politikern und Journalisten beschlagnahmt. Die Dossiers enthielten ausf\u00fchrliche medizinische Informationen \u00fcber die Betroffenen, Berichte \u00fcber ihr Privatleben und ihr sexuelles Verhalten, Angaben \u00fcber ihre Familien und \"Gest\u00e4ndnisse\" beim Einsatz des von Scientologen verwendeten \"E-Meters\". Die Ermittlungen dauern derzeit noch an.","208 Scientology-Organisation In \u00d6sterreich wurde der f\u00fcr die SO zust\u00e4ndige Familienminister nach Presseberichten von einem SO-Verantwortlichen mit der Aufdeckung angeblich belastender Details aus dem Betrieb seiner Privatfirma bedroht. Im Jahre 1999 wurde bekannt, dass bei der Telecom Austria in Wien ein \"hochtrainierter\" Scientologe an f\u00fchrender Stelle sitzt. Er hatte Zugang zum Beh\u00f6rdennetz \u00d6sterreichs und war \u00fcber die staatlichen Telefon\u00fcberwachungsma\u00dfnahmen in \u00d6sterreich informiert. In Gro\u00dfbritannien wurde der SO im Dezember 1999 die Anerkennung als Wohlt\u00e4tigkeitsorganisation verweigert. Die Entscheidung stellt ausdr\u00fccklich fest, dass die SO keine Religionsgemeinschaft im Sinn der einschl\u00e4gigen Vorschriften ist und nicht zum Wohl der Allgemeinheit gegr\u00fcndet wurde. Besonders bei der Expansion der SO in Osteuropa spielt die Org M\u00fcnchen (vgl. auch Nummer 3.2.1 dieses Abschnitts) seit Jahren eine bedeutende Rolle. In der Org M\u00fcnchen wird eine Vielzahl Osteurop\u00e4er, insbesondere Ungarn, durch Kurse ausgebildet. Das Ziel der SO, die eigenen Verfahren auch auf politischer Ebene in Ungarn durchzusetzen, dokumentiert ein Beitrag aus einer SO-Publikation aus dem Jahre 2002. Demnach soll die \u00f6ffentliche Verwaltung einer ungarischen Kommune vollst\u00e4ndig nach scientologischen Richtlinien organisiert worden sein. Der B\u00fcrgermeister dieser Gemeinde habe diese Umstrukturierung nach einem Training im \"Hubbard College of Administration\" in Budapest pers\u00f6nlich in die Wege geleitet. Von deutschen Unternehmen mit Niederlassungen in Osteuropa wurde bekannt, dass scientologische Unternehmensberater Verwaltungstechnologie nach Hubbard in die Unternehmen transportieren und so \u00fcber die Vertriebsniederlassungen Zugang in die deutschen Hauptunternehmen erhalten. Nach Presseberichten sollen in Russland weit \u00fcber f\u00fcnfzig Firmen, Banken und Kombinate Mitglied der scientologischen Wirtschaftsorganisation WISE geworden sein, darunter auch R\u00fcstungsbetriebe. Dazu kommen noch Direktoren und Manager von 28 staatlichen oder halbstaatlichen Firmen mit Zehntausenden von Mitarbeitern. Auch soll die SO Kontakte in die politische F\u00fchrungsebene haben. So berichtete die Presse, im Jahre 1999 sei ein Mitglied der SO-Vereinigung Citizens Commission on Human Rights (CCHR) als neue Justitiarin der Stadt Moskau bestellt worden. In der Slowakei sind nach Presseberichten vom Oktober 2001 zunehmende Aktivit\u00e4ten der SO in den \"Church\"und \"WISE\"-Bereichen","Scientology-Organisation 209 zu verzeichnen. Danach sollen hohe slowakische Politiker, Manager und K\u00fcnstler Kurse bei einem Unternehmen besucht haben, das ein f\u00fchrender Scientologe in der Slowakei gegr\u00fcndet habe. In einer Presseerkl\u00e4rung einer slowakischen Sicherheitsbeh\u00f6rde vom September wird die SO als ein gesellschaftliches Problem und als Sicherheitsrisiko dargestellt. Zudem wirbt die SO in der Slowakei ganz massiv mit Flugbl\u00e4ttern f\u00fcr den Kauf von Scientology-B\u00fcchern und -Kursen. 2.3 Bewertung der Schriften und Aktivit\u00e4ten Die bisherige Beobachtung der SO durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden hat ergeben, dass die auf den Schriften ihres Gr\u00fcnders L. Ron Hubbard beruhende Ideologie nach eigenen Angaben unver\u00e4nderliche G\u00fcltigkeit besitzt. Die SO bestreitet dagegen, die freiheitliche demokratische Grundordnung abschaffen zu wollen. Sie behauptet vielmehr, sie zu respektieren, und negiert jegliche politische Motivation f\u00fcr ihr Expansionsstreben. Sie betont, ihr gehe es vielmehr um die \"Erl\u00f6sung\" des einzelnen Menschen. Die Schriften und die Aktivit\u00e4ten der SO enthalten aber tats\u00e4chliche Anhaltspunkte, dass die SO die bestehende demokratische und rechtsstaatliche Ordnung durch die Etablierung einer Gesellschaft mit scientologisch bestimmten Normen ersetzen und lenkenden Einfluss auf Regierungen aus\u00fcben will. Als Ziel erscheinen nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Staaten, ihre Rechtssysteme und Regierungen. Die scientologische Gesellschaft ist auf die Beseitigung des in Art. 3 Grundgesetz konkretisierten Gleichheitsgrundsatzes, die Abschaffung der universalen Geltung der Menschenrechte, der Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte und der Meinungsfreiheit gerichtet. Die SO will ihr Ziel, die Schaffung einer neuen Zivilisation, nicht wie die herk\u00f6mmlichen politischen Parteien oder politischen Gruppierungen durch die demokratische Auseinandersetzung wie der Teilnahme an Wahlen erreichen. Die Umgestaltung der Gesellschaft soll vielmehr durch eine detaillierte Programmierung des Einzelmenschen - als \"Befreiung\" propagiert - erreicht werden: Wenn viele nach scientologischer Technologie verfahren und sich dem System widerspruchslos unterwerfen, kann die scientologische Gesellschaft, die im Widerspruch zur verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung steht, entstehen. In der Regel treten die einfachen Mitglieder der SO nicht aus politischer Motivation bei und beurteilen die Gesellschaft ver\u00e4ndernden Ziele der SO","210 Scientology-Organisation anf\u00e4nglich auch nicht als politisch relevant. Sie werden allerdings auf v\u00f6lligen Gehorsam gegen\u00fcber dem System gedrillt und darauf eingeschworen, durch die Verbreitung von Scientology die \"Welt zu retten\". Somit werden die zun\u00e4chst noch unpolitischen Mitglieder in den Dienst der verfassungsfeindlichen scientologischen Ideologie gedr\u00e4ngt. 2.4 Best\u00e4tigung der Bewertung der SO durch neues Gutachten Ein interdisziplin\u00e4res Gutachten \u00fcber die Auswirkungen und Risiken unkonventioneller Psychound Sozialtechniken, das das Institut f\u00fcr Therapieforschung (IFT) in Zusammenarbeit mit zwei Professoren der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen im Auftrag des Freistaats Bayern erstellt hat, best\u00e4tigt die Bayerische Staatsregierung in ihrer Beurteilung von SO. Die Untersuchung der Lehre und Methoden sowie deren Auswirkungen auf die Betroffenen durch namhafte Wissenschaftler im Rahmen dieses Gutachtens hat ergeben, dass die SO entgegen ihrer eigenen Darstellung weder eine Religionsnoch eine Weltanschauungsgemeinschaft im Sinn des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland sei. Die SO komme in vielfacher Hinsicht mit der objektiven Wertordnung der Verfassung in Konflikt, weil sie nicht nur ein internes Normensystem habe, das die Wahrung der Organisationsinteressen ausnahmslos \u00fcber die Belange des Einzelnen stelle, sondern daneben auch f\u00fcr ihre Anh\u00e4nger Feindbilder in Form von willk\u00fcrlich erkl\u00e4rten \"Unterdr\u00fcckern\" errichtet habe. Die interne Organisation sowie die Methoden der \u00dcberwachung und Instrumentalisierung, die gegen Mitglieder und Mitarbeitern angewendet werden, versto\u00dfen dem Gutachten zufolge gegen die Menschenw\u00fcrde, das allgemeine Pers\u00f6nlichkeitsrecht und gegen die Meinungsfreiheit. Dar\u00fcber hinaus wird von Scientology das herrschende Gesellschaftssystem, insbesondere das Sozialstaatsprinzip, massiv kritisiert und negiert. Die SO richte ihre Dienstleistungen nicht nur an Einzelpersonen, sondern ziele \u00fcber die Pers\u00f6nlichkeitsver\u00e4nderung des Menschen auf die Errichtung einer scientologischen Gesellschaftsund Staatsordnung hin, die im Widerspruch zu zentralen Prinzipien unserer Rechtordnung stehe. Das Gutachten ist unter ISBN 3-936142-40-8 beim Pabst Science Publisher-Verlag unter dem Titel \"Gesundheitliche und rechtliche Risiken bei Scientology\" erschienen.","Scientology-Organisation 211 3. Organisationsund Kommandostruktur der SO 3.1 Weltweite Kommandostruktur der SO Die Einrichtungen der SO in Deutschland erscheinen zwar nach au\u00dfen als rechtlich selbst\u00e4ndig, sind jedoch der strikten Befehlsund Disziplinargewalt des Internationalen Managements in den USA unterworfen und sind daher unselbst\u00e4ndige Teile. Das Religious Technology Center (RTC) unter der Leitung von David Miscavige hat die oberste Befehlsgewalt in der SO. Unterhalb des RTC ist das Internationale Management der SO angesiedelt. Dieses stellt nach dem RTC die h\u00f6chste F\u00fchrungsebene der SO dar und ist daf\u00fcr verantwortlich, f\u00fcr jeden Sektor der SO Strategien und taktische Pl\u00e4ne zu entwickeln. Hier wird auch die F\u00fchrung der verschiedenen Sektoren koordiniert. Derartige Sektoren sind unter anderem die Bereiche \"Church\", WISE, ABLE und OSA. Das Internationale Management besteht demzufolge aus mehreren Gruppen, von denen jede eine ganz bestimmte Verantwortung tr\u00e4gt. Die oberste Stufe dieser F\u00fchrungsebene ist das Watch Dog Committee (WDC). Hierbei handelt es sich um eine \"Inspektionsund \u00dcberwachungsorganisation\", welche die eigentlichen Management-Gruppen inspiziert und f\u00fcr deren Funktionieren sorgen soll. 3.2 Organisation der SO in Deutschland 3.2.1 \"Church\"-Sektor Derzeit existieren im Bundesgebiet zehn \"Kirchen\" (Orgs) und \"Celebrity Centres\" (CC), und zwar zwei Einrichtungen in M\u00fcnchen (eine Org, ein CC), je zwei Einrichtungen in D\u00fcsseldorf (eine Org, ein CC) und Hamburg (eine Org, ein CC) sowie jeweils eine Org in Berlin, Stuttgart, Frankfurt am Main und Hannover. Au\u00dferdem gibt es in Deutschland insgesamt elf \"Missionen\", sechs in Baden-W\u00fcrttemberg, jeweils eine in Bremen und Hessen sowie drei in Bayern, n\u00e4mlich in M\u00fcnchen, N\u00fcrnberg und Augsburg. Die Organisation der SO in Bayern ist in der Grafik auf Seite 213 dieses Berichts dargestellt. Die genannten Einrichtungen der SO sind in Deutschland \u00fcberwiegend als eingetragene Vereine organisiert. Als Dachverband fungiert die \"Scientology Kirche Deutschland e.V.\" (SKD). Diese Vereine sind jedoch nur scheinbar selbst\u00e4ndig; sie haben im weltweiten, aus den USA gesteuerten System kaum eigenst\u00e4ndige Funktionen. Faktisch","212 Scientology-Organisation Religious The Command Chart of SCIENTOLOGY Technology - Die Kommandostruktur der Scientology-Organisation - Center (RTC) WATCHDOG COMMITTEE (WDC) [\u00dcberwachungsausschuss] C Z E E Reserven OSA Programme Flag Ship Flag Sea Org Scientology Celebrity Scientology WISE ABLE Golden Era Verlags- N N R\u00fccklagen B\u00fcro f r DienstDienstDienstOrganisares Missionen Weltinstitut f\u00fcr t Productions organisation T T leistungsleistungsleistungstionen V.I.P. Zentren International f\u00fcr besseres Audiovisuelle R R Angeleorganisation organisation organisation Unternehmen Leben und Medien und A A genheiten Bildung Tontr \u00e4ger L L C C O O CMO INT Int Leitender - Direktor - International M M Commodore' Finance Office - Ebene der leitenden Mitarbeiter - Golden Era P P Organization International (IFO) - Vorstand des Internationalen Managements - Productions U U T T CMO GOLD E E R R / K O O R D I N I E R U N G D U R C H D E N \u00dc B E R W A C H U N G S A U S S C H U S S / V O R S TA N D D E S I N T E R N AT I O N A L E N M A N A G E M E N T S / D A B T CMO IXU - Flag-Netzwerk Koordinierungsausschuss, geleitet durch das Flag-Befehlsb\u00fcro - A E N N FLAG COMMAND BUREAUX (FCB) K B NETWORKS FLAG BUREAUX SCIENTOLOGY MISSIONS WORLD INSTITUTE OF ASSOCIATION FOR BETTER BRIDGE PUBLICATIONS A (FB) INTERNATIONAL - TION INCORPORAT ED (BPI) N K (SMI INT) SES INTERNATIONAL INTERNATIONAL (V (WISE INT) (ABLE INT) NEW ERA PUBLICATIONS CMO FSSO FSO CC INT C O N T I N E N TA L N E T W O R K C O O R D I N AT I O N C O M M I T T E E H E A D E D B Y C O - C O N T I N E N TA L L I A I S O N O F F I C E CONT C O N T I N E N TA L L I A I S O N O F F I C E ( C L O ) Flag Ship Flag Celebrity Service Service Centre NETWORKS FLAG WORLD INSTITUTE OF ASSOCIATION FOR CONTINENTAL Org Org InterOPERATIONS LIAISON INTERNA L - PUBLICA national OFFICE CONTINENTAL PRISES CONTINENTAL EDUCATION CONTINEN TAL OFFICE (CPLO) (Kontinentales Ve \u00fcro f\u00fcr (FOLO) (SMI CONT) (WISE CONT) (ABLE CONT) Publikationen) Executiv Council Executiv Council Executiv Council Aufsichtsrat Aufsichtsrat Aufsichtsrat FIELD GROUPS MISSIONS WISE SOCIAL CELEBRITY SEA ORG - Feldauditoren CHARTER REFORM CENTRE SERVICE CLASS IV - Dianetikgruppen COMMITTEES ACTIVITIES ORGANIZATIONS ORGANIZATIONS ORGANIZATIONS - OT-Komitees - GUNG HO & MEMBERS Hinweise zum besseren Verst\u00e4ndnis des Organigramms: eingegliedert. Das RTC ist als selbst\u00e4ndige Kontrollstelle konzipiert und nicht in das so genannte Internationale Management Dennoch handelt es sich beim RTC um die Befehlszentrale der SO. Das WDC leitet \u00fcber die \"F\u00fchrungskan\u00e4le\" das Management. Ein F\u00fchrungskanal stellt die Verbindung dar, \u00fcber die die internationalen Scientology-Organisationen Autorit\u00e4t aus\u00fcben. Es ist ein Befehlsweg, durch den Programme, Empfehlungen und Managementbefehle zu den Stellen flie\u00dfen, die mit der Durchf\u00fchrung beauftragt sind. Auf den \"Beobachtungsund Durchsetzungslinien\" \u00fcberwacht als verl\u00e4ngerter Arm des WDC die CMO mit ihren den verschiedenen Managementebenen zugeordneten Einheiten CMO INT, CMO GOLD, CMO IXU und CMO CONT die Erf\u00fcllung der vom WDC dem Management gegebenen Befehle. Eine Beobachtungsund Durchsetzungslinie stellt die Verbindung dar, die von den CMO-Einheiten benutzt wird, um die Befolgung von Befehlen des \u00dcberwachungsausschusses (WDC) durchzusetzen und zu kontrollieren. Netzwerk der LRH-Kommunikatoren: (LRH=L. Ron Hubbard) * Oberstes HCO Netzwerk (HCO=Hubbard Kommunikationsb\u00fcro) * Bewahrer der Technologie und Richtlinienkenntnis Netzwerk * Oberstes Netzwerk der Qualifikationsabteilungen und der Internationalen Ausbildungsorganisation Finanznetzwerk: * Finanz Durchsetzungsbeauftragter Netzwerk * Flag Finanzbeauftragter Netzwerk (FBO=Flag Banking Officer) Unter-Netzwerke: Stellvertreter FBO-Netzwerk f\u00fcr M.O.R.E. * Netzwerk der Hauseigent\u00fcmer B\u00fcro f\u00fcr Spezielle Angelegenheiten Netzwerk (OSA) Es handelt sich um selbst\u00e4ndige Scientology-Gruppen, die nicht in den Konzern eingegliedert sind. Verbindungen zum Konzern bestehen \u00fcber Kommissionsund Franchising-Vertr\u00e4ge. Anmerkung: Das Organigramm wurde erstellt nach Renate Hartwig \"Scientology. Das Komplott und die Kumpane\", 1995, sowie nach Originalvorlagen der SO.","Scientology-Organisation 213 Organisationen der SO Hof in Bayern Aschaffenburg W\u00fcrzburg KVPM - Schl\u00fcsselfeld N\u00fcrnberg Scientology Mission N\u00fcrnberg Regensburg Scientology Mission Ingolstadt Augsburg Passau Augsburg Scientology Mission M\u00fcnchen M\u00fcnchen Celebrity Center M\u00fcnchen Lindau WISE Scientology Scientology KVPM - Starnberg Kirche Kirche Bundesleitung Deutschland e.V. Bayern e.V. Department of Department of KVPM Special Affairs Special Affairs M\u00fcnchen GER MUC erfolgt die Leitung der SO-Einrichtungen nicht durch die jeweiligen Vereinsvorst\u00e4nde, sondern durch die Executive Directors und die sonstigen Funktionsinhaber nach detaillierten schriftlichen Anweisungen und Vorgaben des internationalen Managements in den USA \u00fcber die jeweiligen Verbindungsstellen. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass Mitglieder der Eliteorganisation Sea-Org aus den USA und dem Kontinentalen Verbindungsb\u00fcro in Kopenhagen in deutsche Einrichtungen der SO abgeordnet wurden, um dort Befehle zu ertei-","214 Scientology-Organisation len und f\u00fcr die richtige \"Handhabung\" der scientologischen Technologie zu sorgen. Am 2. Dezember 2001 fand in M\u00fcnchen, dem Sitz des Office of Special Affairs (OSA), die Mitgliederversammlung der \"Scientology Kirche Deutschland e.V.\" (SKD) statt. Wichtigste Tagesordnungspunkte waren die Neuwahl des Vorstands sowie die Neufassung ihrer Satzung, in der sie sich aus taktischen Gr\u00fcnden formell zum Grundgesetz und zu den Verfassungen der L\u00e4nder bekennt. Die \u00fcberarbeitete Satzung wurde am 21. M\u00e4rz beim Amtsgericht M\u00fcnchen (VR 6322) eingetragen. In Schreiben an mehrere Innenministerien verwies die SKD auf die neue Vereinssatzung, um ihr klares Bekenntnis zur rechtsstaatlichen und demokratischen Grundordnung zu unterstreichen und dass demzufolge f\u00fcr eine weitere nachrichtendienstliche \u00dcberwachung nun kein Anlass mehr bestehe. 3.2.2 WISE-Sektor Das World Institute of Scientology Enterprises (WISE) wurde 1979 von der SO gegr\u00fcndet. Es besteht aus Gesch\u00e4ftsleuten oder Firmen aus allen Bereichen der Wirtschaft. Schwerpunkte in Deutschland und Bayern sind die Immobilienbranche und die Unternehmens-, F\u00fchrungsund Personalberatung; daneben l\u00e4sst sich jetzt die IT-Branche als weiterer Ansatzpunkt scientologischen Interesses in Bayern erkennen. Die IT-Branche stellt aufgrund der globalen Vernetzung und ihrer technischen M\u00f6glichkeiten ein besonderes Risiko f\u00fcr die Sicherheit deutscher Unternehmen dar, da der Zugang in sensibelste Unternehmensbereiche er\u00f6ffnet wird. Zweck von WISE ist es, Geld f\u00fcr die SO zu beschaffen und durch die Verbreitung der Hubbardschen Technologie, Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen. Damit kommt WISE auch eine f\u00fchrende politische Bedeutung zu. Der Schwerpunkt der Expansionsbestrebung der SO liegt seit einiger Zeit in Osteuropa (Russland, Ungarn). Kontinentale WISE-B\u00fcros finden sich f\u00fcr Europa in Kopenhagen, Mailand, Budapest und Moskau. \u00dcber so genannte Hubbard Colleges of Administration wird aktiv versucht, Hubbards Verwaltungstechnologie als vorgeblich erfolgreiches","Scientology-Organisation 215 westliches Know-how in russische Unternehmen und in der Verwaltung zu etablieren. Unter den in Russland von der SO \"betreuten Objekten\" sollen sich Staatsbetriebe, mehrere R\u00fcstungsbetriebe mit der Klassifikation bis \"streng geheim\", wissenschaftliche Forschungszentren des Verteidigungsministeriums und Fernsehsender befinden. Die Mitgliederzahl von WISE in Deutschland verringerte sich laut einer Ver\u00f6ffentlichung s\u00e4mtlicher Mitgliedschaften durch WISE-International unter Ber\u00fccksichtigung von Mehrfachnennungen im Vergleich zum Jahr 1999. In Bayern sind die WISE-Aktivit\u00e4ten nicht sehr ausgepr\u00e4gt. Unternehmen, die scientologisch gef\u00fchrt werden oder bei denen an zentralen Stellen Scientologen besch\u00e4ftigt sind, m\u00fcssen jedoch nicht WISE-Mitglied sein. Die Gef\u00e4hrdungslage besteht ebenso, wenn Hubbards totalit\u00e4re Verwaltungstechnologie Einzug h\u00e4lt, weil mit deren Einf\u00fchrung im Rahmen der Unternehmenssteuerung rigide F\u00fchrungsmechanismen in das Unternehmen eingebracht werden, die zu umfassender Kontrolle der Mitarbeiter sowie zur Kontrolle des Gesamtunternehmens durch die SO f\u00fchren k\u00f6nnen. Ein bayerischer Unternehmer musste dies 1999 in seiner ungarischen Niederlassung erfahren, deren Leiter scientologisch geschult worden war. \u00dcber alle Mitarbeiter wurden so genannte \"Ethik-Akten\" gef\u00fchrt. Nach Presseberichten hat der ungarische Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer t\u00e4glich einer der scientologischen Beratungsfirmen, die ihn geschult hatten, Unternehmensinterna weitergegeben. Anfang des Jahres 2001 wurde ein weiterer Fall bekannt, bei dem ebenfalls eine ungarische WISE-Unternehmensberatung den Einstieg in die ungarische Niederlassung eines bayerischen Unternehmens fand. Nach der Instrumentalisierung des Niederlassungsleiters sollte dann im zweiten Schritt die gesamte F\u00fchrungsetage in die scientologische Verwaltungstechnologie eingef\u00fchrt werden. Die Dienstleistungen der scientologischen Beraterfirma h\u00e4tten letztlich auch hier nach einer erfolgreichen Umorganisation in der Kontrolle der Niederlassung durch WISE International (USA) enden sollen. 3.2.3 ABLE-Sektor Die Association for better Living and Education (ABLE) versucht, f\u00fcr die SO den sozialen Bereich der Gesellschaft zu durchdringen und scientologische L\u00f6sungsans\u00e4tze zu realisieren.","216 Scientology-Organisation Zu den dem ABLE-Bereich zuzuordnenden Organisationen geh\u00f6ren unter anderem - das \"Zentrum f\u00fcr individuelles und effektives Lernen\" (ZIEL), - \"Applied Scholastics\" (Ausbildungsprogramm; unter anderem Englisch-Fernkurse), - \"NARCONON\", eine angebliche Drogenrehabilitationsst\u00e4tte, - \"CRIMINON\", ein Programm zur angeblichen Strafgefangenenrehabilitation. Mit diesen Organisationen versucht die SO, sich als humanit\u00e4re, karitative und sozial verantwortliche Organisation darzustellen. Die Auswahl von Ausbildung, Gefangenenund Drogenrehabilitation als weiteren Schwerpunkten l\u00e4sst den Schluss zu, dass die gerade bei diesen Personengruppen gegebene M\u00f6glichkeit der leichteren Einflussnahme benutzt wird, um diese f\u00fcr die SO zu werben. Ein im Jahr 2001 erstmalig bekannt gewordener CRIMINON-Verein in Gr\u00fcndung aus M\u00fcnchen ist seitdem nicht mehr in Erscheinung getreten. 3.2.4 Office of Special Affairs (OSA) OSA ist die Nachfolgeorganisation einer bereits in den 60er Jahren unter dem Namen Guardian Office (GO) aufgebauten Abteilung, die nach eigenem Selbstverst\u00e4ndnis auch Nachrichtendienstund Spionagefunktionen hatte. Zahlreiche Grundlagenpapiere f\u00fcr den GO, z.B. f\u00fcr nachrichtendienstliche Schulung, wurden f\u00fcr den neuen Dienst als OSA-Network Orders \u00fcbernommen. Im Gegensatz zur rigiden und direkten Vorgehensweise des GO, die in der Vergangenheit zu einem internationalen Ansehensverlust der SO gef\u00fchrt hat, operiert das OSA heute erkennbar vorsichtiger, ohne seine Ziele im Wesentlichen ge\u00e4ndert zu haben. Die f\u00fcr Deutschland zust\u00e4ndige OSA-Einheit ist das Department of Special Affairs (DSA), das nach der Verlagerung von Hamburg seit 13. November 1971 seinen Sitz in M\u00fcnchen unterh\u00e4lt. Nach au\u00dfen tritt DSA unter der Bezeichnung \"Scientology-Kirche Deutschland, Beichstra\u00dfe 12, 80802 M\u00fcnchen\" auf; der inoffizielle Sitz ist Nordendstra\u00dfe 3, 80799 M\u00fcnchen. Dem DSA-Deutschland als Zentralstelle nachgeordnet sind die lokalen DSA-B\u00fcros in Berlin, D\u00fcsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, M\u00fcnchen und Ulm, angesiedelt bei den dortigen \"Scientology Kirchen\" oder den \"Celebrity Center\".","Scientology-Organisation 217 Die SO selbst stellt ihre OSA-Einrichtung f\u00fcr Deutschland mit Sitz in M\u00fcnchen als B\u00fcro f\u00fcr \u00f6ffentliche Angelegenheiten oder als Presseund Rechtsamt dar. Teile des OSA sind das Deutsche B\u00fcro f\u00fcr Menschenrechte und die Citizens Commission on Human Rights (CCHR). Da die CCHR weisungsgebend f\u00fcr die Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V. (KVPM ) ist, kann diese Organisation zur Bek\u00e4mpfung der Psychiatrie ebenfalls dem Bereich OSA zugerechnet werden. Auch die im August 2001 gegr\u00fcndete \"Aktion Transparente Verwaltung M\u00fcnchen\" (ATV)\", betrieben von einem DSA-Unterabteilungsleiter, ist dem DSA zuzurechnen. Die ATV unterh\u00e4lt im Internet eine Homepage; ein Hinweis auf Scientology ist dort nicht erkennbar. Das Engagement im Bereich angeblicher Menschenrechtsverletzungen gegen Scientologen durch feindliche Staaten und ihre Beh\u00f6rden ist wesentlicher Bestandteil der Expansionsbem\u00fchungen, ebenso der von Hubbard betriebene Kampf gegen die Psychiater als \"Quelle allen \u00dcbels in der Welt\". Das DSA-Deutschland ist in f\u00fcnf Abteilungen gegliedert: Abt. I Kommunikation, Personal, Berichtswesen Abt. II Ermittlungen (Investigations) Abt. III \u00d6ffentlichkeitsarbeit Abt. IV Rechtsfragen/Menschenrechtsb\u00fcro Abt. V Social Reforms. Gem\u00e4\u00df der Hubbard-Anweisung (HCO-PL) vom 13. M\u00e4rz 1961 soll in den OSA-Akten die jeweilige Ausgangslage f\u00fcr Ma\u00dfnahmen von OSA bzw. DSA gegen \"Feinde\" (der SO kritisch begegnende Personen) gesammelt werden. Der HCO-PL beschreibt als Ziel der Abteilung: \"Beh\u00f6rden und ihnen entgegen gesetzte Denkmodelle oder Gesellschaften in einen Zustand v\u00f6lliger \u00dcbereinstimmung mit den Zielen der SO zu bringen. (...) Dies geschieht durch die hochrangige F\u00e4higkeit zur Steuerung und - falls sie nicht gegeben ist - durch die weiter unten angesiedelte F\u00e4higkeit zur \u00dcberw\u00e4ltigung.\" Das DSA-Deutschland setzt diese Anweisung vollinhaltlich um, sammelt zu Kritikern, Politikern, Beh\u00f6rdenangeh\u00f6rigen und anderen Gegnern Informationen, wertet sie aus und verwendet sie f\u00fcr eigene operative Ma\u00dfnahmen. Durch Recherchen unter Falschnamen und andere Wege verschafft sich das DSA-Deutschland interne Unterlagen deutscher Einrichtungen, seine Au\u00dfendienstmitarbeiter observieren als","218 Scientology-Organisation \"Feinde\" bezeichnete Gegner der SO und beziehen, um R\u00fcckschl\u00fcsse auf ihre Organisation zu verhindern, Privatdetektive in ihre Arbeit ein. SO-intern arbeitet das DSA abgeschottet gegen\u00fcber anderen SO-Strukturen. Die fernschriftliche Informations\u00fcbermittlung an \u00fcbergeordnete Einrichtungen erfolgt verschl\u00fcsselt oder durch konspirativen Botenverkehr. 4. Mitglieder der SO Die SO hat bundesweit zwischen 5.000 und 6.000 Mitglieder, wobei die Organisation selbst eine deutlich h\u00f6here Zahl angibt. Der Mitgliederstand in Bayern ist mit etwa 2.600 konstant geblieben. Als Mitglieder werden solche Personen verstanden, die ihre Mitgliedschaft in einem SO-Verein oder einer sonstigen SO-Gliederung, z.B. im WISEoder ABLE-Bereich, schriftlich erkl\u00e4rt haben oder durch die Belegung von Kursen in einem Verein ihre Mitgliedschaft verdeutlichen. 5. Veranstaltungen der SO Die Schwerpunkte der scientologischen Aktivit\u00e4ten in Deutschland und Bayern waren im Wesentlichen dazu bestimmt, das vom Verwaltungsgericht Berlin verf\u00fcgte Verbot der Anwerbung und des Einsatzes von so genannten V-Leuten publizistisch zu verbreiten und als \"grandiosen Sieg\" gegen deutsche Beh\u00f6rden darzustellen, um sich der \u00d6ffentlichkeit als verfolgte und diskriminierte Minderheitsreligion zu pr\u00e4sentieren. Dar\u00fcber hinaus organisierte die \"Scientology Kirche Deutschland e.V.\" (SKD) mit ihrer Tarnorganisation Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V. (KVPM) in Bayern mehr als 30 \u00f6ffentliche Veranstaltungen in Form von Info-St\u00e4nden und sonstigen propagandistischen Aktionen. Trotz aller Anstrengungen war der Erfolg bescheiden. 5.1 Ausstellung \"Was ist Scientology?\" Vom 18. bis 31. Januar veranstaltete die SO in M\u00fcnchen ihre Wanderausstellung \"Was ist Scientology?\" (WIS), um ihre \"Kirche\" der \u00d6ffentlichkeit vorzustellen. Als Veranstalter fungierte die \"Church of Scientology International\", Los Angeles, USA. Auf einer Fl\u00e4che von \u00fcber 1.000 Quadratmetern bildete die scientologische L\u00f6sung des","Scientology-Organisation 219 Drogenproblems den Ausstellungsschwerpunkt. Ein ehemaliger englischer Polizeibeamter, der auch Beiratsmitglied der Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte in Gro\u00dfbritannien ist, er\u00f6ffnete als angeblich f\u00fchrender britischer Anti-Drogen-Spezialist die Ausstellung. W\u00e4hrend der Ausstellung kam es in den anliegenden Stra\u00dfenbereichen mehrmals zu Beschwerden von Anwohnern, die sich durch die permanenten Werbema\u00dfnahmen durch Mitglieder der SO bel\u00e4stigt f\u00fchlten. Vorbeigehende Passanten wurden immer wieder auf die Ausstellung angesprochen, zum Teil wurde versucht, ihnen Werbematerial der SO aufzudr\u00e4ngen. 35 Anwohner unterzeichneten eine Beschwerdeliste gegen das st\u00e4ndige \"Angesprochenwerden\". Die WIS-Ausstellung fand nur ein geringes Interesse in der \u00d6ffentlichkeit. 5.2 PR-Aktionen im Zusammenhang mit Katastrophen Die SO nimmt auch nach den Anschl\u00e4gen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center weiterhin Katastrophen, politische Umbr\u00fcche oder auch Aufsehen erregende Schwerverbrechen zum Anlass, um \u00fcber von ihr geleistete Hilfestellungen Werbung f\u00fcr ihre Ziele und f\u00fcr neue Mitglieder zu betreiben. In Deutschland wurde der Amoklauf von Erfurt vom 26. April von den \"Ehrenamtlichen Geistlichen\" zum Anlass genommen, um vor der betroffenen Schule \"Beist\u00e4nde\" anzubieten. Das Verbrechen wurde als Vorwand genommen, um in ihren SO-Publikationen einerseits vor psychiatrischen Medikamenten zu warnen und andererseits die Psychiatrie im Allgemeinen anzugreifen. Auch nach dem Flugzeugungl\u00fcck am 1. Juli bei \u00dcberlingen am Bodensee traten so genannte \"Volunteer Ministers\" auf, um unter dem Deckmantel angeblicher psychologischer Betreuung (Assists) Werbung f\u00fcr ihre Tarnorganisation KVPM zu betreiben. W\u00e4hrend der Flutkatastrophe in Pirna und Perleberg in Sachsen im August sahen die \"Beist\u00e4nde\" der \"Ehrenamtlichen Geistlichen\" gegen\u00fcber den Flutopfern unter anderem so aus, dass seitens der SO versucht wurde, den hilfsbed\u00fcrftigen Menschen Scientology-B\u00fccher zu verkaufen. Flutopfer \u00e4u\u00dferten sich emp\u00f6rt \u00fcber das tats\u00e4chlich wenig hilfreiche Auftreten der Scientologen. Diese Art von \"Hilfe\" wird von der SO-Abteilung 6 c (Feldkontrolle), Unterabteilung 18 a (Public Relations), organisiert. Die Aufgabe die-","220 Scientology-Organisation ser Organisationseinheit wird im Organisationshandbuch der SO wie folgt beschrieben: \" ... zahlreiche Aktivit\u00e4ten zu erzeugen, die zur vorteilhaften Anerkennung der Organisation und der ganzen Scientology f\u00fchren. Mit dieser Akzeptiertheit wird die Organisation Kontrolle erhalten und es wird einfach sein, Tausende von Leute in die Organisation zu leiten.\" 6. Verwaltungsgerichtsverfahren Das Verwaltungsgericht des Saarlandes hat am 29. M\u00e4rz 2001 eine Klage der \"Scientology Kirche Deutschland e.V.\" (SKD) abgewiesen, die sich gegen die Beobachtung der Kl\u00e4gerin mit nachrichtendienstlichen Mitteln durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Saarland richtete. Nach Feststellung des Gerichts sind die entsprechenden Voraussetzungen f\u00fcr diese Ma\u00dfnahmen erf\u00fcllt, da Anhaltspunkte f\u00fcr verfassungsfeindliche Bestrebungen der Kl\u00e4gerin vorliegen. Die SKD hat gegen das Urteil Berufung eingelegt, \u00fcber die bisher noch nicht entschieden wurde. Am 13. Dezember 2001 entschied das Verwaltungsgericht Berlin \u00fcber eine Klage der \"Scientology Kirche Berlin e.V.\" entsprechend dem Klageantrag, dass die Berliner Landesbeh\u00f6rde f\u00fcr Verfassungsschutz die Anwerbung und den Einsatz so genannter Vertrauensleute (V-Leute) zu unterlassen habe. Der Einsatz anderer nachrichtendienstlicher Mittel durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde bleibt davon unber\u00fchrt. Im Rahmen seiner Urteilsbegr\u00fcndung ging das Gericht aber davon aus, dass die SO verfassungsfeindliche Ziele verfolge. Das Urteil ist mittlerweile rechtskr\u00e4ftig. 7. Vertrauliches Telefon und Informationsangebot im Internet Das Bayerische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz unterh\u00e4lt ein \"vertrauliches Telefon\" unter der Nummer 0 89 / 31 20 12 96. Opfer, Aussteiger und Angeh\u00f6rige von Scientology-Mitgliedern k\u00f6nnen dort Hinweise \u00fcber die SO geben. F\u00fcr Beratungen stehen die anerkannten Beratungsstellen zur Verf\u00fcgung. Das Bayerische Staatsministerium des Innern informiert im Internet \u00fcber die Ma\u00dfnahmen der Bayerischen Staatsregierung, \u00fcber Pressemitteilungen und Gerichtsentscheidungen unter folgender Adresse: http://www.innenministerium.bayern.de/infothek/scientology","Spionageabwehr 221 7. Abschnitt Spionageabwehr 1. Ausgangslage Die Schwerpunkte der Spionageabwehr haben sich nicht ver\u00e4ndert. Die Spannungen im Irak-Konflikt und die Terroranschl\u00e4ge des 11. September 2001 unterstreichen, wie wichtig es f\u00fcr die Staatengemeinschaft ist, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen (Proliferation) bei Krisenl\u00e4ndern und terroristischen Organisationen zu verhindern. Dies und die Beobachtung der Wirtschaftsspionage stehen weiter im Mittelpunkt der Aufkl\u00e4rungsbem\u00fchungen des Bayerischen Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. Die fortschreitende Globalisierung hat das Interesse am Schutz vor Wirtschaftsspionage verst\u00e4rkt, da die Sicherung von Know-howund Entwicklungsvorspr\u00fcngen von existenzieller Bedeutung f\u00fcr die Konkurrenzf\u00e4higkeit einzelner Firmen und nationaler Volkswirtschaften ist. Das Interesse an deutscher Entwicklungsarbeit ist im Ausland weiterhin gro\u00df, was der Einsatz von Nachrichtendiensten belegt. Verk\u00e4ufe von hoch technisierten deutschen Wirtschaftsunternehmen an ausl\u00e4ndische Interessenten stellen unter dem Gesichtspunkt des Schutzes von Know-how ein Problem v\u00f6llig neuer Dimension dar. In allen Bereichen der Spionage treten verst\u00e4rkt die Nachrichtendienste von Krisenl\u00e4ndern in Erscheinung. Dazu z\u00e4hlen die Geheimdienste des Iraks, Irans, Libyens und Syriens. Neben proliferationsrelevanten Bem\u00fchungen und Spionageaktivit\u00e4ten in den Bereichen Politik und Milit\u00e4r steht die Beobachtung der jeweiligen hier t\u00e4tigen oppositionellen Gruppierungen im Vordergrund der Aufkl\u00e4rung. Vor allem Syrien und der Irak betreiben einen gro\u00dfen Aufwand, um \u00fcber regimekritische Bestrebungen im Ausland informiert zu sein bzw. auf die Gruppierungen Einfluss nehmen zu k\u00f6nnen. Auch die in China verbotene buddhistisch-taoistische Falun-Gong-Bewegung und die in Deutschland lebenden organisierten Angeh\u00f6rigen der uigurischen Minderheit in China werden hier von den chinesischen Nachrichtendiensten beobachtet und unterwandert.","222 Spionageabwehr Pr\u00e4sent sind nach wie vor der russische Auslandsaufkl\u00e4rungsdienst SWR und der russische milit\u00e4rische Nachrichtendienst GRU. W\u00e4hrend sich der SWR in erster Linie um Informationen zu politischen und wirtschaftlichen Bereichen und Zielobjekten bem\u00fcht, ist der GRU prim\u00e4r an klassischen Milit\u00e4robjekten und -technologien interessiert. Die Erweiterung von NATO und EU, die Handelsbeziehungen zu Russland sowie der angestrebte schnellere Zugang zu westlichem Know-how f\u00fcr die Modernisierung Russlands sind Gegenstand der Auftr\u00e4ge der Staatsf\u00fchrung an die Nachrichtendienste. Zwei Beispiele f\u00fcr den Versuch, Emigrantenorganisationen auszuforschen, zeigen die folgenden F\u00e4lle: Ein eingeb\u00fcrgerter deutscher Staatsangeh\u00f6riger berichtet dem Bayerischen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz, bei einem Heimatbesuch vom dortigen Nachrichtendienst verh\u00f6rt worden zu sein. Bei diesen Befragungen wurde er \u00fcber in Bayern lebende Personen und Vereine aus seinem Bekanntenkreis ausgefragt und zur nachrichtendienstlichen Mitarbeit aufgefordert. F\u00fcr seine nachrichtendienstliche T\u00e4tigkeit wurde ihm eine finanzielle Verg\u00fctung in Aussicht gestellt. Auf diese geheimdienstliche Anbahnung ging er jedoch nicht ein. Zu weiteren Treffen in seiner alten Heimat kam es nicht mehr. Nach seiner R\u00fcckkehr begegnete er jedoch den beiden Befragern in seiner neuen Heimat. Er sprach sie an und verlangte Aufkl\u00e4rung. Den f\u00fcr die Aussprache vorgesehenen Termin hielten die beiden mutma\u00dflichen Agenten nicht ein. Ein anderer in Bayern lebender, ausl\u00e4ndischer Staatsangeh\u00f6riger wurde bei einem Heimatbesuch vom dortigen Nachrichtendienst zur Mitarbeit aufgefordert. Der Geheimdienst verlangte Informationen \u00fcber in Bayern lebende Landsleute. Der nachrichtendienstliche Auftrag wurde mit der Drohung verbunden, bei einer Weigerung nicht mehr ausreisen zu d\u00fcrfen. Aus diesen Gr\u00fcnden ging er zum Schein auf die Forderung ein. Als er wieder nach Deutschland zur\u00fcckkehrte, nahm der Heimat-Nachrichtendienst Kontakt zu ihm auf und dr\u00e4ngte auf die verabredete Mitarbeit. Der Betroffene lehnte dieses Ansinnen jedoch kategorisch ab. 2. Wirtschaftsspionage - Ausforschung von Wissenschaft und Technik Die in den letzten Jahren zunehmenden und auf gro\u00dfes Medieninteresse sto\u00dfenden Fusionen deutscher und ausl\u00e4ndischer Unter-","Spionageabwehr 223 nehmen machten auch einer breiten \u00d6ffentlichkeit das Problem des Know-how-Schutzes bewusst. Die Zersplitterung von deutschen Firmen mit anschlie\u00dfendem Verkauf von technisch hochinteressanten Segmenten an ausl\u00e4ndische Aufk\u00e4ufer wurde unter Gesichtspunkten der Wirtschaftsspionage besonders kritisch gesehen. Auch in Bayern ans\u00e4ssige Traditionsunternehmen des Elektronikoder Luftfahrtbereichs gingen zum Teil in ausl\u00e4ndische H\u00e4nde \u00fcber. Zwangsl\u00e4ufig muss das zur Preisgabe vorhandenen technischen Entwicklungsvorsprungs an andere Firmen oder andere Volkswirtschaften f\u00fchren. Die Bedeutung des Know-hows f\u00fcr den Wirtschaftsstandort Deutschland und insbesondere das Hightechland Bayern begr\u00fcndet den hohen Stellenwert der Abwehr der Wirtschaftsspionage im Spektrum der Spionageabwehr. Bevorzugt forschen Nachrichtendienste fremder Staaten den technischen Entwicklungsvorsprung bayerischer Unternehmen und Universit\u00e4ten, betriebswirtschaftliche Aspekte und auch die allgemeine Entwicklung der bayerischen Wirtschaft aus. Nicht nur die eingangs erw\u00e4hnten russischen Nachrichtendienste suchen so schnelleren Zugang zu westlichem Know-how, sondern auch chinesische Dienste und die der Krisenund Schwellenl\u00e4nder sind daran interessiert, wirtschaftliche Defizite auszugleichen. Folgender Beispielsfall m\u00f6ge dies verdeutlichen: Ein fern\u00f6stlicher Nachrichtendienst versuchte, einen aus Asien stammenden Mitarbeiter eines bayerischen Hightechunternehmens zur Zusammenarbeit zu gewinnen. Er sollte Informationen \u00fcber Landsleute, die in seinem Betrieb t\u00e4tig sind, an den Nachrichtendienst weitergeben. Die auszuforschenden Personen wurden dann zu Tagungen eingeladen. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes dienten diese Veranstaltungen der Absch\u00f6pfungen der Wissenschaftler. Den betroffenen Personen waren der wahre Hintergrund und der eigentliche Auftraggeber nicht bekannt. 3. Spionage im Bereich der Kommunikationstechnik Die Technik zur Ausforschung von Kommunikationswegen hat sich rasch weiterentwickelt. Besonders betroffen davon ist die so genannte Wireless-Technik, die zwar f\u00fcr den Anwender den Komfort erh\u00f6ht, aber das unerw\u00fcnschte Abh\u00f6ren und Erfassen von Mitteilungen jedweder Art erleichtert. Tests, die auch in den Medien ver\u00f6ffentlicht wurden, haben gezeigt, dass sich technisch Versierte problemlos in","224 Spionageabwehr Verbindungen einloggen k\u00f6nnen, ohne dass die Betroffenen hiervon Kenntnis erlangen. Vor dem \"Abh\u00f6ren\" der Kommunikationsverbindungen sind weder Telefon, SMS, E-Mail noch Fax sicher. Das muss vor der Weitergabe sensibler Daten stets bedacht werden; nicht zu vergessen, dass Handys und Laptops durch Manipulationen zu \"Wanzen\" umfunktioniert werden k\u00f6nnen, um damit alle Gespr\u00e4che in einem Raum zu belauschen. Auch die bekannten international agierenden Abh\u00f6rsysteme wie das von westlichen Staaten betriebene \"Echelon\" oder das von Russland installierte \"Dozor\" dienen der \u00dcberwachung von Teilen der weltweiten Kommunikation. Aus diesen Gr\u00fcnden kommt es bei aller Notwendigkeit, die moderne Kommunikationstechnik zu nutzen, entscheidend darauf an, die wesentlichen Kernbereiche der geheim zu haltenden Informationen durch weitgehend sichere Speicherm\u00f6glichkeiten und \u00dcbertragungswege zu sch\u00fctzen. 4. Proliferation Die internationalen Ermittlungen ergaben, dass sich das terroristische Al Qaida-Netzwerk \u00fcber den bisher bekannten Umfang hinaus in den Besitz von Massenvernichtungswaffen bringen wollte. Es wurden Versuche bekannt, sich Nuklearmaterial zur Fertigung einer so genannten schmutzigen Bombe, mit der hoch radioaktives Material mittels einer konventionellen Bombe ausgebracht wird, zu verschaffen. Des Weiteren wurden in Afghanistan im Aufbau befindliche Werkst\u00e4tten und Labors zur Entwicklung von biologischen und chemischen Kampfstoffen entdeckt. Es muss davon ausgegangen werden, dass sich Teile des Netzwerks weiterhin um Materialien zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen bem\u00fchen werden. Deshalb k\u00f6nnen auch bayerische Firmen ins Blickfeld der Beschaffer von Materialien gelangen, die so genannten Dual-use-Charakter haben, das hei\u00dft sowohl zivil als auch milit\u00e4risch Verwendung finden k\u00f6nnen. Dass auch Staaten wie Irak, Iran, Syrien, Sudan, Libyen und Nordkorea Know-how und Materialien zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen zu beschaffen versuchen, belegen verschiedene proliferationsrelevante Anfragen an bayerische Unternehmen. Hierzu setzen diese L\u00e4nder ihre Geheimdienste ein, gr\u00fcnden Scheinfirmen, verschleiern bei der Einfuhr von Material f\u00fcr die Herstellung der","Spionageabwehr 225 ABC-Waffen den Endabnehmer und t\u00e4uschen einen anderen Verwendungszweck vor. Sie versuchen dadurch, die internationalen Abkommen und die nationalen gesetzlichen Bestimmungen zur Verhinderung der Ausfuhr derartiger Waffenteile zu umgehen. Verst\u00f6\u00dfe gegen rechtliche Bestimmungen zur Umgehung des Ausfuhrverbots wurden dem Bayerischen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz nicht bekannt. Firmen, die als Lieferanten f\u00fcr sensible G\u00fcter infrage kommen, haben eine besondere Verantwortung, dies zu verhindern. Sie k\u00f6nnen sich im Verdachtsfall vertrauensvoll an das Bayerische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz wenden. Der Verfassungsschutz ist keine Strafverfolgungsbeh\u00f6rde und unterliegt somit nicht dem Strafverfolgungszwang. Er kann auch die Interessenlage der Personen ber\u00fccksichtigen, die ihm Informationen zur Verf\u00fcgung stellen. 5. Schutzma\u00dfnahmen - Beratung durch den Verfassungsschutz Die Wirtschaft ist aber noch nicht bereit, sich des Themas Sicherheit, vor allem im Kommunikationsbereich, mit der notwendigen Konsequenz anzunehmen. Dies liegt vor allem daran, dass Schutzma\u00dfnahmen zum Teil nur mit erheblichem finanziellem Aufwand installiert werden k\u00f6nnen und zus\u00e4tzlich zur Einschr\u00e4nkung der innerbetrieblichen und nach au\u00dfen gerichteten Kommunikation mit Gesch\u00e4ftspartnern f\u00fchren. Die durch Spionage m\u00f6glicherweise entstehenden Sch\u00e4den werden zu wenig in Rechnung gestellt. Die Verb\u00e4nde und Organisationen, die es sich, wie der Bayerische Verband f\u00fcr Sicherheit in der Wirtschaft (BVSW) oder die Industrieund Handelskammern, zur Aufgabe gemacht haben, Unternehmen und vor allem auch mittelst\u00e4ndische Betriebe gegen\u00fcber diesen Gefahren der Spionage zu sensibilisieren, arbeiten jedoch zunehmend enger mit dem Verfassungsschutz zusammen. Dabei geht es neben der gemeinsamen Erstellung von Informationsbrosch\u00fcren um gemeinsame Informationsveranstaltungen und vor allem um den Erkenntnisaustausch. So informiert das Bayerische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Firmen, Universit\u00e4ten und sonstige wissenschaftliche Einrichtungen \u00fcber Zielobjekte und Methodik der Nachrichtendienste. Auf der anderen Seite braucht das Landesamt f\u00fcr eine erfolgreiche Arbeit die Bereitschaft der von Spionage Betroffenen, den Verfassungsschutz \u00fcber Spionageverdachtsf\u00e4lle zu informieren.","226 Spionageabwehr 6. Ausblick Etwa ein Jahrzehnt nach Beendigung des \"Kalten Kriegs\" hat sich die Hoffnung auf eine stabilere und sicherere Weltlage nicht erf\u00fcllt. Die Bedrohungsszenarien haben sich ge\u00e4ndert und mit ihnen auch die Bereiche, die des Schutzes bed\u00fcrfen. Um die wirtschaftliche Stabilit\u00e4t, die auch Garant f\u00fcr die politische Stabilit\u00e4t und somit f\u00fcr das Wohlergehen aller ist, zu erhalten, bleibt es f\u00fcr unsere Gesellschaft unabdingbar, den Know-how-Vorsprung zu sichern und Aktivit\u00e4ten fremder Nachrichtendienste zu unterbinden. Staat, Wirtschaft und Forschung sind aufgrund der fortschreitenden Globalisierung und des steten Fortschritts der Kommunikationstechnik verst\u00e4rkt der Gefahr der Aussp\u00e4hung ausgesetzt. Sie sind schutzbed\u00fcrftiger geworden. Der Verfassungsschutz hat die Aufgabe, dies bewusst zu machen und vor diesen Gefahren zu sch\u00fctzen.","Organisierte Kriminalit\u00e4t 227 8. Abschnitt Organisierte Kriminalit\u00e4t 1. Ausgangslage Die langfristig angelegte Beobachtung krimineller Strukturen und Personen im Vorfeld konkreter Straftaten durch das Bayerische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz, erm\u00f6glicht durch die \u00c4nderung des Bayerischen Verfassungsschutzgesetzes im Jahr 1994, stellt eine wichtige Erg\u00e4nzung der polizeilichen Arbeit beim Vorgehen gegen die Organisierte Kriminalit\u00e4t (OK) dar. Die Beobachtung der OK durch den Verfassungsschutz muss auf eine m\u00f6glichst breite Basis in Zusammenarbeit mit anderen Bundesl\u00e4ndern gestellt werden. Nach Bayern haben inzwischen auch Hessen, das Saarland und Th\u00fcringen die gesetzliche Grundlage f\u00fcr diese Aufgabe des Verfassungsschutzes geschaffen. Sachsen und Hamburg haben entsprechende Gesetzentw\u00fcrfe eingebracht. Die bundesweite Beobachtung der Organisierten Kriminalit\u00e4t durch den Verfassungsschutz muss weiter das Ziel sein. Dabei kommen dem Verfassungsschutz seine Erfahrungen in der Aufkl\u00e4rung konspirativ operierender Gruppierungen unter Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel, die es in den Aufgabenbereichen der Spionageabwehr und der Extremismusbek\u00e4mpfung gewonnen hat, zugute. 2. Beobachtungsschwerpunkte Die Erkenntnisse im Bereich der OK werden vorwiegend durch den Einsatz geheimer Mitarbeiter, aus der Anwendung anderer nachrichtendienstlicher Mittel sowie aus der Zusammenarbeit mit ausl\u00e4ndischen Nachrichtendiensten, die in Europa fast ausnahmslos mit der OK-Bek\u00e4mpfung beauftragt sind, gewonnen. Weitere Informationen erschlie\u00dfen sich aus der Analyse von offen zug\u00e4nglichem Material sowie aus dem Berichtsaufkommen anderer Aufgabenbereiche, insbesondere aus der Spionageabwehr und der Beobachtung ausl\u00e4ndischer extremistischer Organisationen. Die Ergebnisse der Strukturermittlungen m\u00fcnden oft in polizeilichen Ermittlungen.","228 Organisierte Kriminalit\u00e4t Die Schwerpunkte der Bearbeitung lagen nach wie vor auf der Beobachtung der OK aus der Gemeinschaft Unabh\u00e4ngiger Staaten (GUS), aus Asien und aus S\u00fcdosteuropa. Die Beobachtung von Rockergruppierungen wurde fortgesetzt. Die erfolgreiche Aufkl\u00e4rungsarbeit aus dem Vorjahr im Deliktsbereich Korruption f\u00fchrte zur Bearbeitung neuer F\u00e4lle. Deutsche, Staatsangeh\u00f6rige aus der GUS und Asien sowie aus s\u00fcdosteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern stellen den gr\u00f6\u00dften Teil des zu beobachtenden Personenkreises dar. Auff\u00e4llig werden sie vor allem in den Deliktsbereichen der Prostitution und Zuh\u00e4lterei, bei Waffendelikten, beim Menschenhandel und bei Schleusungen, bei F\u00e4lschungsdelikten sowie beim illegalen Gl\u00fccksspiel und der im Zusammenhang mit diesen Straftaten stehenden Geldw\u00e4sche. * GUS-Mafia Strukturkl\u00e4rungsma\u00dfnahmen, in deren Mittelpunkt russischst\u00e4mmige Gesch\u00e4ftsleute aus dem nordbayerischen Raum standen, wurden umfangreich weiter betrieben. Die agierenden Personen hatten sich in Russland im Rahmen der Privatisierung der Wirtschaft kriminellen Gesch\u00e4ften gewidmet; die \"erwirtschafteten\" Gelder investierte man in verschiedene erfolgstr\u00e4chtige Immobilien, Restaurants und Hotels. Zu beobachten waren sowohl Kontakte zu hochrangigen Vertretern aus Politik und Wirtschaft in Russland als auch zu Pers\u00f6nlichkeiten der deutschen Wirtschaft. Diese Beziehungen wurden intensiviert. Auch die \u00dcbernahme insolventer Industrieunternehmen wurde angestrebt. Nationale wie auch internationale Partnerdienste best\u00e4tigten, dass ein Teil der Investoren im Verdacht stehen, sowohl nachrichtendienstlich als auch im Bereich der russischen OK t\u00e4tig zu sein. Bekannt wurde der Zuzug eines hochrangigen F\u00fchrers einer kaukasischen OK-Gruppierung nach Franken. Nach derzeitiger Erkenntnislage nutzt die Zielperson Bayern bisher nur als R\u00fcckzugsund Ruheraum, da gegen andere F\u00fchrer der Organisation in Russland Verfahren initiiert wurden. Die Bearbeitung des Falls erfolgt in enger Absprache mit der Polizei. Ferner wurde bekannt, dass eine OK-Gruppierung aus dem Baltikum in Bayern aktiv im Deliktsbereich Fahrzeugunterschlagung t\u00e4tig ist und diese Auftr\u00e4ge von einem russischen kriminellen F\u00fchrer ausgehen. Ermittlungen und operative Ma\u00dfnahmen f\u00fchrten zur Identifi-","Organisierte Kriminalit\u00e4t 229 zierung des Hintermanns und des dazugeh\u00f6renden Personenkreises. Weiter konnte festgestellt werden, dass die Gruppierung national und international in Straftaten wie die Begehung von Raub\u00fcberf\u00e4llen, Waffenund Schleusungsdelikten bis hin zu Rauschgifthandel im gro\u00dfen Stil verwickelt ist. Die Informationen f\u00fchrten zur Einleitung eines polizeilichen Ermittlungsverfahrens. * S\u00fcdosteuropa-Mafia Aus der Beobachtung der Aktivit\u00e4ten dieser Gruppierungen ergaben sich konkrete Hinweise auf die Begehung von Wirtschaftsstraftaten in erheblichem Umfang. Betroffen waren insbesondere die Bauund Geb\u00e4udereinigungsbranche. Durch illegale Besch\u00e4ftigung und Abrechungsmanipulationen wurden Steuern und Sozialabgaben nicht bezahlt. Hinterm\u00e4nner statteten die Arbeitskr\u00e4fte mit gef\u00e4lschten EU-Personalpapieren aus. Quellenaussagen belegen, dass sich die illegal in Bayern eingesetzten Arbeitskr\u00e4fte auch bei ausbeuterischem Verhalten der Arbeitgeber nicht an Beh\u00f6rden wenden. Einzelne zentrale Personen konnten jedoch als Drahtzieher anderer Straftaten wie Rauschgift-, Eigentumsund Prostitutionsdelikten identifiziert werden. Die Zusammenarbeit mit der Polizei f\u00fchrte in S\u00fcdbayern zur Festnahme von Straft\u00e4tern. Im Zusammenhang mit illegalem Gl\u00fccksspiel und Wettgesch\u00e4ften wurden detaillierte Erkenntnisse \u00fcber kriminelle Handlungsabl\u00e4ufe aus den einzelnen \"Betrieben\" gewonnen und die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Organisatoren identifiziert. Diese Informationen und deren Abgabe an die Exekutivbeh\u00f6rden bewirkten Durchsuchungen und weitere Ma\u00dfnahmen der Polizei. Eine erprobte Quelle wies auf einen in Ungarn lebenden Mann hin, der dort zusammen mit seinem Bruder einen Rastplatz f\u00fcr LKW-Fahrer betreibt. Beide gelten als Verbindungsm\u00e4nner f\u00fcr internationale Herointransporte aus der T\u00fcrkei nach Deutschland. W\u00f6chentlich gelangen im Rahmen von Verteilungsfahrten bis zu 20 kg Heroin in deutsche Gro\u00dfst\u00e4dte. Dar\u00fcber hinaus meldeten Quellen Kontakte zu einem Rauschgifth\u00e4ndler in Rum\u00e4nien und zu einer extremistischen Partei. In Ungarn waren die Br\u00fcder zudem wegen F\u00e4lschungsdelikten aufgefallen. Das Bayerische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz fasste in enger Kooperation mit dem ungarischen Partnerdienst die Erkenntnisse zusammen und gab sie an eine bayerische Exekutivbeh\u00f6rde zu weiteren Ermittlungen ab.","230 Organisierte Kriminalit\u00e4t Aus dem lukrativen Deliktsbereich Zigarettenschmuggel f\u00fchrten Hinweise aus dem operativen Meldeaufkommen zur Verurteilung mehrerer Transportunternehmer in Bayern. Ein internationales Personengeflecht, aus dem bereits mehrere Drahtzieher im Zusammenhang mit anderen Schmuggeldelikten auff\u00e4llig geworden waren, hatte diese Logistik optimiert und gewinnbringend weiteren Kriminellen zur Verf\u00fcgung gestellt. Korrumpierte Beh\u00f6rdenvertreter im europ\u00e4ischen Ausland sorgten daf\u00fcr, dass die getarnten Ladungen, die sowohl aus Bargeld, Zigaretten, Waffen oder Rauschgift bestanden, unbehelligt \u00fcber die Landesgrenzen gelangen konnten. Festgestellt wurde ein gut funktionierendes Warnund Leitungssystem in Europa; bei Auff\u00e4lligkeiten oder ver\u00e4nderten Bedingungen kam es sofort zum Einsatz neuer Transportrouten. Durch eine enge Zusammenarbeit mit internationalen Zollbeh\u00f6rden und ausl\u00e4ndischen Diensten, verbunden mit begleitenden technischen Ma\u00dfnahmen, gelang die Festnahme der T\u00e4ter. * Wirtschaftskriminalit\u00e4t - Korruption in der \u00f6ffentlichen Verwaltung F\u00fcr moderne Demokratien besteht die Hauptgefahr der Korruption darin, dass das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in die Glaubw\u00fcrdigkeit und Funktionsf\u00e4higkeit der staatlichen Institutionen schwindet. Korruption wird definiert als Missbrauch eines \u00f6ffentlichen Amtes, eines politischen Mandats oder einer Funktion in der Wirtschaft zugunsten eines anderen, begangen auf dessen Veranlassung oder aus Eigeninitiative, zur Erlangung eines Vorteils f\u00fcr sich oder einen Dritten, mit der Folge eines Schadens oder Nachteils f\u00fcr die Allgemeinheit. Korruptionssachverhalte k\u00f6nnen eng mit der OK verkn\u00fcpft sein, da F\u00fchrungspersonen aus diesem Bereich bestrebt sind, auch in der Gesellschaft Anerkennung zu finden. Hochrangige Beziehungen, gepaart mit Bestechungshandlungen, bieten die beste Gew\u00e4hr daf\u00fcr, lukrative Gesch\u00e4fte ungest\u00f6rt abwickeln zu k\u00f6nnen. Im Verfassungsschutzbericht Bayern 2001 wurde \u00fcber den Korruptionsfall \"K\u00fcchenkartell\" in M\u00fcnchen berichtet. Die Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht M\u00fcnchen I hat diesen Fall als einen der gr\u00f6\u00dften Korruptionsf\u00e4lle in der Geschichte M\u00fcnchens und als ersten Fall in Bayern eingesch\u00e4tzt, bei dem organisierte Wirtschaftskriminalit\u00e4t in einem Amt aufgedeckt werden konnte. In mehr als einem Jahrzehnt bauten st\u00e4dtische Angestellte ein korruptives Geflecht auf,","Organisierte Kriminalit\u00e4t 231 das den gesamten Vergabebereich f\u00fcr die Ausstattung der K\u00fcchen in Schulen, Kinderg\u00e4rten oder Krankenh\u00e4usern kontrollierte. Das System wurde st\u00e4ndig ausgebaut und perfektioniert. Gegen Schmiergeldzahlungen insgesamt in Millionenh\u00f6he konnten die involvierten Firmen ihre Leistungen zu weit \u00fcberh\u00f6hten Preisen abrechnen. Der Stadt M\u00fcnchen entstand ein Schaden im zweistelligen Millionenbereich. Im September 2001 befand das Landgericht M\u00fcnchen I zwei st\u00e4dtische Angestellte der Untreue in 9.013 beziehungsweise 9.878 F\u00e4llen der Bestechlichkeit und der Steuerhinterziehung f\u00fcr schuldig. Der Hauptt\u00e4ter hatte 1,35 Millionen DM in bar oder in Form von Sachzuwendungen als Bestechungshonorar erhalten. Der Vorgesetzte, der die Taten deckte, kassierte 200.000 DM. Acht Jahre und drei Monate f\u00fcr den Hauptdrahtzieher des Kartells und sechs Jahre und acht Monate Gef\u00e4ngnisstrafe f\u00fcr seinen ehemaligen Chef lauten die Strafma\u00dfe. Ein Mitangeklagter erh\u00e4ngte sich vor Prozessbeginn in der Justizvollzugsanstalt. Erstmalig erhielten nicht nur die korrupten Beh\u00f6rdenmitarbeiter, sondern auch die Geldgeber Haftstrafen: Das Landgericht M\u00fcnchen I verurteilte im Oktober mehrere Firmenchefs zu Haftstrafen zwischen zwei und drei Jahren. Die bei den Durchsuchungen gefundenen Beweismittel f\u00fchrten zu einer erheblichen Ausweitung des Ermittlungsverfahrens und einer Serie von Nachfolgeprozessen, unter anderem auch gegen ein \u00fcberregionales Kartell wegen des Straftatbestands der schweren Korruption. Einen weiteren Hinweis auf Korruption in der \u00f6ffentlichen Verwaltung erhielt das Bayerische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz durch die vertrauliche Aussage, dass Aufenthaltserlaubnisse k\u00e4uflich erworben werden k\u00f6nnen. Gegen Zahlung von 2.500 EUR an einen t\u00fcrkischen Mittelsmann sei dieser in der Lage, bei den staatlichen Stellen die erforderlichen aufenthaltsrechtlichen Stempel in den P\u00e4ssen anbringen zu lassen. Operative Ma\u00dfnahmen best\u00e4tigten den Verdacht, dass Ausl\u00e4nder von dieser M\u00f6glichkeit im gro\u00dfen Stil Gebrauch machten. Die eingeleiteten exekutiven Ma\u00dfnahmen f\u00fchrten zur Festnahme von drei Ausl\u00e4ndern, die allerdings keine Angaben zu ihren Hinterm\u00e4nnern machten. Der Initiator der t\u00fcrkischen Gruppe wurde zwischenzeitlich zu einer mehrj\u00e4hrigen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Aktion erfolgte in enger Abstimmung aller beteiligten Sicherheitsbeh\u00f6rden und dem Korruptionsbeauftragen der Stadt M\u00fcnchen.","232 Organisierte Kriminalit\u00e4t Derzeit betreibt das Bayerische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz in enger Abstimmung mit der Polizei Aufkl\u00e4rungsma\u00dfnahmen in zwei neuen Korruptionsf\u00e4llen. * Schleusungskriminalit\u00e4t Die illegale Migration hat in den letzten Jahren weltweit deutlich an Bedeutung gewonnen. Schleusungen sind als wesentliches Deliktsfeld der internationalen OK zu sehen und ziehen oft weitere kriminelle Aktivit\u00e4ten wie Drogenhandel und Prostitution nach sich. Gerade im Schleusungsbereich wird als klassisches Merkmal der OK der Aspekt der Arbeitsteilung in vollem Umfang angewandt: Anwerbung der Schleusungswilligen, Erstellen von gef\u00e4lschten Dokumenten, Transport und die Schleusung selbst werden von verschiedenen Spezialisten durchgef\u00fchrt. Die Schleusungskosten m\u00fcssen nicht selten durch T\u00e4tigkeiten im Prostitutionsbereich oder im Rahmen der illegalen Besch\u00e4ftigung zur\u00fcckgezahlt werden. Damit eng verbunden, h\u00e4ufig sogar notwendige Voraussetzung, ist die Korrumpierung von Mitarbeitern diverser Sicherheitsbeh\u00f6rden an Grenzen und Flugh\u00e4fen oder die Nutzung von legalen Wirtschaftsunternehmen als Deckmantel f\u00fcr Menschenschmuggel, Drogentransporte oder Geldw\u00e4schedelikte. Die effektive Bek\u00e4mpfung der Schleusungskriminalit\u00e4t erfordert eine beh\u00f6rden\u00fcbergreifende Zusammenarbeit. Die Beteiligung des Bayerischen Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz an dem vom Bundeskriminalamt initiierten Projekt \"Schleusungskriminalit\u00e4t \u00fcber die Tschechische Republik\" hat bewiesen, dass durch diese Kooperation von Polizei und Nachrichtendiensten Spuren verdichtet und Strukturerkenntnisse geb\u00fcndelt werden k\u00f6nnen. Auch in anderen F\u00e4llen haben sich Sachverhalte nur durch die gemeinsame Ermittlungst\u00e4tigkeit sowohl nationaler als auch internationaler Beh\u00f6rden erfolgreich bearbeiten lassen. Im Rahmen des operativen Meldeaufkommens wurde dem Bayerischen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz bekannt, dass in Bayern ans\u00e4ssige asiatische Staatsangeh\u00f6rige Kontakte zu einer vietnamesisch-chinesischen Organisation mit Sitz im europ\u00e4ischen Ausland unterhalten. Die kriminellen Aktivit\u00e4ten dieser Organisation erfolgten in den Deliktsbereichen Schleusung, Passf\u00e4lschung, Kreditkartenbetrug und illegaler Handel mit Bet\u00e4ubungsmitteln. Mitglieder dieser","Organisierte Kriminalit\u00e4t 233 international agierenden Gruppierung schleusten Asiaten chinesischer und vietnamesischer Herkunft \u00fcber Ungarn und Tschechien nach Gro\u00dfbritannien und in die Vereinigten Staaten von Amerika ein. Deutschland war als Durchgangsland f\u00fcr diese Schleusungen anzusehen. Es erfolgte eine Abgabe der vorliegenden Erkenntnisse an die tangierten ausl\u00e4ndischen Sicherheitsbeh\u00f6rden, um eigene Ermittlungen einleiten oder bestehende Strukturermittlungen erg\u00e4nzen zu k\u00f6nnen. Bereits bestehende Kontakte wurden ausgebaut und die Zusammenarbeit intensiviert. Die operativen Ma\u00dfnahmen zu den im Zust\u00e4ndigkeitsbereich des Bayerischen Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz ans\u00e4ssigen Personen dauern an. * Vietnamesische OK Die Beobachtung der OK aus dem Bereich der Vietnamesen erbrachte Hinweise darauf, dass Personen aus diesem Bereich zunehmend mit illegalen Bet\u00e4ubungsmitteln, vorzugsweise Heroin, Handel treiben. Kunden sind hier vor allem Landsleute. In diesem Zusammenhang wurden bereits mehrere Hinweise aufgearbeitet und an die Polizei abgegeben. Eingeleitete Verfahren f\u00fchrten zur Festnahme der T\u00e4ter. Durch Vorfeldkl\u00e4rungsma\u00dfnahmen wurde dem Bayerischen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz bekannt, dass sich in einem anderen Bundesland ein Unterschlupf f\u00fcr geschleuste Asiaten befinden soll, welcher von einem Vietnamesen gegen Bezahlung zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Von diesem waren nur der Vorname und eine Handynummer bekannt. Eine enge Zusammenarbeit mit mehreren inund ausl\u00e4ndischen Ermittlungsbeh\u00f6rden f\u00fchrte zur Identifizierung des Schleusers und zur Einleitung eines Strafverfahrens in dieser Sache. Nebeneffekt der Ermittlungen war auch die Aufhellung weitreichender Strukturen der Organisierten Schleusungskriminalit\u00e4t mit Bezugspunkten in der Tschechischen Republik. Der T\u00e4ter konnte im Rahmen eines gr\u00f6\u00dferen Bet\u00e4ubungsmittelgesch\u00e4ftes auf frischer Tat festgenommen werden; das Lager wurde aufgel\u00f6st. * Chinesische Mafia Durch die Fortsetzung der Aufkl\u00e4rungsarbeit im Bereich der chinesischen Mafia wurden die Kenntnisse \u00fcber Aufbau und Strukturen der","234 Organisierte Kriminalit\u00e4t chinesischen Triaden verbessert. Operativ gewonnene Informationen belegen, dass speziell Chinesen aus den Provinzen Fujian und Zhejiang verst\u00e4rkt versuchen, kriminelle Organisationen nach dem Vorbild der Hongkong-Triaden aufzubauen. Die Platzierung der Mitglieder erfolgt im Bereich der gesamten Europ\u00e4ischen Union und auch in Bayern. Diese Organisationen unterst\u00fctzen gegen Zahlung hoher Betr\u00e4ge logistisch bevorzugt Landsleute aus Regionen, deren Infrastruktur und Lebensverh\u00e4ltnisse im Vergleich mit anderen chinesischen Regionen als eher r\u00fcckst\u00e4ndig einzustufen sind. Die Migranten kommen aus rein wirtschaftlichen Erw\u00e4gungen nach Europa. Die Strukturermittlungen des Bayerischen Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz richten sich darauf festzustellen, wo sich in Bayern Angeh\u00f6rige der kriminellen Organisationen niederlassen und ob sich dadurch kriminelles Potenzial entwickelt."],"title":"Verfassungsschutzbericht 2002","year":2002}
