{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-bw-2008.pdf","jurisdiction":"Baden-W\u00fcrttemberg","num_pages":306,"pages":["8 INNENMINISTERIUM","VERFASSUNGSSCHUTZBERICHT BADEN-W\u00dcRTTEMBERG 2008","Herausgeber: Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg Dorotheenstra\u00dfe 6, 70173 Stuttgart Gestaltung und Satz: Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Taubenheimstra\u00dfe 85A, 70372 Stuttgart Umschlag: Orel & Unger GmbH, Stuttgart Druck: VVA/KONKORDIA GmbH Dr.-Rudolf-Eberle-Str. 15, 76534 Baden-Baden Auflage: 11.000 Zitate: Alle Zitate sind in Kursivschrift gesetzt. Zitate aus Texten in alter Rechtschreibung wurden an die neue Rechtschreibung angeglichen. Redaktionsschluss: M\u00e4rz 2009 Nachdruck nur mit Genehmigung des Herausgebers - ISSN 0720-3381","VORWORT Der j\u00e4hrliche Verfassungsschutzbericht gibt einen umfassenden \u00dcberblick \u00fcber verfassungsfeindliche Bestrebungen sowie \u00fcber Organisationen und Gruppierungen, die Aktivit\u00e4ten gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland entfalten. Der Bericht soll Regierung, Parlament, B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in die Lage versetzen, die wahren Absichten extremistischer Gruppierungen zu erkennen und zu bewerten. Dies ist die Voraussetzung f\u00fcr die notwendige geistig-politische Auseinandersetzung mit den Gegnern unserer Demokratie auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Denn der Schutz des demokratischen Rechtsstaats ist nicht allein Aufgabe der staatlichen Beh\u00f6rden. Wir alle stehen in der Pflicht, f\u00fcr unser freiheitliches Gemeinwesen einzutreten und es zu sch\u00fctzen. Einen Schwerpunkt des Berichts bilden der islamistische Extremismus und die Netzwerke gewaltbereiter Islamisten. Der islamistische Terrorismus ist nach wie vor die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die Innere Sicherheit und Stabilit\u00e4t in Deutschland und in Baden-W\u00fcrttemberg. Vor besondere Herausforderungen werden die Sicherheitsbeh\u00f6rden vor allem durch sogenannte Homegrown-Strukturen gestellt, die sich aus radikalisierten Personen der zweiten und dritten Einwanderergeneration und aus radikalisierten Konvertiten zusammensetzen. Terroristische Anschl\u00e4ge k\u00f6nnen somit auch aus der Mitte unserer Gesellschaft heraus geplant und vorbereitet werden. Im zur\u00fcckliegenden Jahr sind keine konkreten Anschlagsplanungen bekannt geworden, eine Garantie, dass Deutschland auch in Zukunft von Terroranschl\u00e4gen verschont bleiben wird, kann aber niemand geben. Gerade auch die vielen deutschsprachigen Videobotschaften, die in den letzten Monaten im Internet ver\u00f6ffentlicht wurden, belegen, wie sehr Deutschland als m\u00f6gliches Angriffsziel in das Blickfeld gewaltbereiter Islamisten ger\u00fcckt ist. Die Sicherheitsbeh\u00f6rden haben sich auf diese Bedrohungslage eingestellt. Das im Jahr 2008 im Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz eingerichtete Internetkompetenzzentrum erm\u00f6glicht eine professionelle Beobachtung und Aus-","wertung der Aktivit\u00e4ten vor allem islamistischer Strukturen im Internet. Besondere Aufmerksamkeit m\u00fcssen wir aber auch den sogenannten Bildungsund Betreuungsangeboten islamistischer Organisationen widmen, die auf diese Weise versuchen, Einfluss auf Jugendliche zu gewinnen und damit auch den N\u00e4hrboden f\u00fcr m\u00f6gliche terroristische Aktionen schaffen. Gefahren f\u00fcr unsere freiheitliche demokratische Grundordnung gehen aber auch von Rechtsund Linksextremisten, extremistischen Ausl\u00e4ndern oder der \"Scientology-Organisation\" aus. Das rechtsextremistische Gesamtpersonenpotenzial ist im Jahr 2008 in Baden-W\u00fcrttemberg und im gesamten Bundesgebiet erfreulicherweise weiter zur\u00fcckgegangen. Ebenso hat die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten wie schon im Vorjahr abgenommen. Anlass zur Entwarnung ist dies aber nicht. So konnte die NPD weiterhin Mitgliederzuw\u00e4chse verzeichnen und als st\u00e4rkste rechtsextremistische Partei ihren Einfluss in der rechtsextremistischen Szene ausbauen. Die Bek\u00e4mpfung des Rechtsextremismus bleibt eine zentrale Aufgabe unserer Sicherheitsbeh\u00f6rden. Die Partei \"DIE LINKE.\" verfolgt unver\u00e4ndert verfassungsfeindliche Ziele. Der Zusammenschluss mit der nicht extremistischen Partei WASG im Jahr 2007 hat daran nichts ge\u00e4ndert. Sie wird daher weiterhin vom Verfassungsschutz beobachtet. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz gilt mein besonderer Dank. Sie leisten mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag f\u00fcr die Sicherheit unserer B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger und zum Schutz unserer Demokratie. Ihre engagierte und fundierte Arbeit verdient unsere Anerkennung. Heribert Rech MdL Innenminister des Landes Baden-W\u00fcrttemberg","INHALTSVERZEICHNIS A. VERFASSUNGSSCHUTZ IN BADEN-W\u00dcRTTEMBERG ........12 1. Aufgaben des Verfassungsschutzes ........................................................13 2. Verh\u00e4ltnis von Verfassungsschutz und Polizei ..................................13 3. Methoden des Verfassungsschutzes .......................................................14 4. Internetkompetenzzentrum ......................................................................15 5. Kontrolle .........................................................................................................15 6. \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes ................................... 16 B. ISLAMISTISCHER TERRORISMUS UND EXTREMISMUS ....18 1. Aktuelle Situation, Tendenzen ................................................................18 2. Strukturen und Ideologie des Salafismus ............................................19 3. Jihadistische Tendenzen ............................................................................ 32 3.1 \"Al-Jama'a al-Islamiya\" und \"al-Jihad al-Islami\" .................................32 3.2 Die Chronologie der Gewalt....................................................................34 3.3 Propaganda und Kommunikation im Internet ..................................36 4. Islamistischer Extremismus .......................................................................40 4.1 \"Tabligh-i Jama'at\" (\"Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndigung und Mission\") ............................40 4.2 \"Die Muslimbruderschaft\" (MB) und ihre nationalen Ableger ...42 4.2.1 \"Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD)..................47 4.2.2 HAMAS (\"Harakat al-Muquwama al-Islamiya\", \"Islamische Widerstandsbewegung\").....................................................54 4.2.3 \"An-Nahda\" (\"Bewegung der Erneuerung\") .......................................57 4.2.4 \"Hizb ut-Tahrir\" (HuT)...............................................................................57 4.3 Schiitische Gruppierung: \"Hizb Allah\" (\"Partei Gottes\")...............60 4.4 T\u00fcrkische Organisationen .........................................................................67 4.4.1 \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG)......................67 4.4.2 Der \"Kalifatsstaat\" (\"Hilafet Devleti\")..................................................84","C. SICHERHEITSGEF\u00c4HRDENDE BESTREBUNGEN VON AUSL\u00c4NDERN ............................................................................................86 1. Allgemeiner \u00dcberblick ............................................................................... 86 2. \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL), vormals \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) ...................................... 88 3. T\u00fcrkische Vereinigungen .......................................................................... 99 3.1 Extrem nationalistische Organisation: \"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Deutschland e.V.\" (AD\u00dcTDF) ...........................................................99 3.2 Linksextremisten.........................................................................................102 3.2.1 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) und \"T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front -Revolution\u00e4re Linke\" (THKP-C - Devrimci Sol) ......................................................................102 3.2.2 \"Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/Marxisten-Leninisten\" (TKP/ML)......................................................................................................107 3.2.3 \"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP).....110 4. Volksgruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien und ethnische Albaner ......................................................................................113 5. Sikh-Organisationen .................................................................................. 116 6. \"Liberation Tigers of Tamil Eelam\" (LTTE) .....................................118 7. Iranische Gruppe: Die \"Volksmodjahedin\" ......................................121 D. RECHTSEXTREMISMUS ...................................................................... 124 1. Aktuelle Entwicklung und Tendenzen .............................................. 124 1.1 Rechtsextremistische Personenund W\u00e4hlerpotenziale ..............126 1.2 Strafund Gewalttaten .............................................................................127 1.3 Ideologie........................................................................................................128 2. Gewaltbereiter Rechtsextremismus ..................................................... 129 2.1 H\u00e4ufigkeit und Hintergr\u00fcnde rechtsextremistisch motivierter Gewalt.....................................................................................129","2.2 Die Skinhead(musik)szene in der Krise.............................................131 2.3 Die rechtsextremistische Skinhead(musik)szene: Rechtsextremistisch, neonazistisch, gewaltbereit............................138 2.3.1 Wie rechtsextremistisch sind rechtsextremistische Skinheads? .138 2.3.2 Rechtsextremistische Skinheadmusik als potenzielle Quelle rechtsextremistisch motivierter Gewalt..............................................140 3. Neonazismus ................................................................................................ 143 3.1 Allgemeines ..................................................................................................143 3.2 Bundesweite Aktivit\u00e4ten..........................................................................145 3.2.1 Rudolf He\u00df: Zentrale Symbolund Integrationsfigur der Neonaziszene .......................................................................................145 3.2.2 \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V.\" (HNG).............................................................150 3.3 Demonstrationst\u00e4tigkeit der Neonaziszene.......................................151 3.4 \"Autonome Nationalisten\" - Militanter Neonazismus mit ungewohntem Erscheinungsbild ...........................................................153 4. Rechtsextremistische Parteien ............................................................... 159 4.1 \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) .................159 4.1.1 Bedeutung innerhalb des deutschen Rechtsextremismus ...........159 4.1.2 Wahlen ...........................................................................................................165 4.1.3 Ideologische Ausrichtung ........................................................................167 4.1.4 Aktivit\u00e4ten ....................................................................................................170 4.2 \"Deutsche Volksunion\" (DVU) .............................................................172 5. Sonstige rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten ........................................ 176 5.1 Organisationsunabh\u00e4ngige rechtsextremistische Verlage in Baden-W\u00fcrttemberg: \"GRABERT-Verlag\"/\"Hohenrain-Verlag\"...176 5.2 \"Gesellschaft f\u00fcr freie Publizistik e.V.\" (GfP) ...................................179 5.3 Geschichtsrevisionismus: Ein Beispiel f\u00fcr die internationale Dimension des Rechtsextremismus........................179 6. Aktionsfelder: Rechtsextremistische Jugendarbeit und Immobiliengesch\u00e4fte deutscher Rechtsextremisten ...................... 182 6.1 \"Junge Nationaldemokraten\" und \"Heimattreue Deutsche Jugend e.V.\" - zwei rechtsextremistische Jugendorganisationen im Vergleich .....................................................182 6.1.1 \"Junge Nationaldemokraten\" (JN).......................................................182","6.1.2 \"Heimattreue Deutsche Jugend e.V.\" (HDJ)....................................188 6.2 Sein oder Schein? Immobiliengesch\u00e4fte deutscher Rechtsextremisten.......................193 6.2.1 Wozu brauchen Rechtsextremisten Immobilien? ...........................193 6.2.2 Warum t\u00e4tigen Rechtsextremisten Scheingesch\u00e4fte mit Immobilien?..........................................................................................194 6.2.3 Woran erkennt man tats\u00e4chliches Immobilienkaufinteresse von Rechtsextremisten?............................................................................195 6.2.4 Woran erkennt man Immobilienscheingesch\u00e4fte von Rechtsextremisten?............................................................................196 6.2.5 Beispiele f\u00fcr (versuchte) rechtsextremistische Immobiliengesch\u00e4fte in Baden-W\u00fcrttemberg 2008........................196 E. LINKSEXTREMISMUS ...........................................................................198 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen .........................................198 2. \u00dcbersicht in Zahlen ..................................................................................200 2.1 Personenpotenzial......................................................................................200 2.2 Strafund Gewalttaten .............................................................................202 3. Gewaltbereiter Linksextremismus ........................................................203 4. Parteien und Organisationen .................................................................206 4.1 \"DIE LINKE.\" .............................................................................................206 4.2 \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP)......................................214 4.3 \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.\" (VVN-BdA)..............216 4.4 \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD)...........221 4.5 \"Rote Hilfe e.V.\" (RH)..............................................................................224 4.6 Sonstige Vereinigungen............................................................................226 5. Aktionsfelder ...............................................................................................227 5.1 NATO-Gipfel 2009/Antimilitarismus ..................................................227 5.2 \"Antirepression\"..........................................................................................231 5.3 \"Antifaschismus\".........................................................................................234 5.4 Kampf um \"Freir\u00e4ume\" beziehungsweise \"Autonome Zentren\"................................................................................237","F. SCIENTOLOGY-ORGANISATION (SO) ......................................240 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen ......................................... 240 2. Organisation, Finanzen und Mitgliederbestand .............................. 241 3. Expansionsbestrebungen durch \"Ideale Orgs\" ................................244 4. Expansionsbestrebungen in der Wirtschaft ......................................245 5. Propaganda und Werbemethoden .......................................................246 6. Mitgliederorientierte Propaganda ......................................................... 250 7. Reaktionen auf Kritik an Scientology ................................................252 8. Gerichtsurteile gegen die SO .................................................................256 G. SPIONAGEABWEHR .............................................................................260 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen ......................................... 260 2. Daten, Fakten, Hintergr\u00fcnde .................................................................262 2.1 Volksrepublik China..................................................................................262 2.1.1 Aussp\u00e4hung der Wirtschaft ....................................................................262 2.1.2 \u00dcberwachung von regimekritischen Bestrebungen .......................263 2.2 Russische F\u00f6deration ................................................................................264 2.2.1 Geheimdienste mit Auslandsbezug .....................................................264 2.2.2 Erkannte Vorgehensweisen der Nachrichtendienste.....................265 2.3 Proliferation..................................................................................................266 3. Spionage mit technischen Mitteln ....................................................... 270 4. Pr\u00e4vention .....................................................................................................276 5. Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg - Die Wirtschaft sch\u00fctzt ihr Wissen ...................................................... 277","6. Bedeutung von Hinweisen - Erreichbarkeit der Spionageabwehr .....................................................278 ANHANG ..........................................................................................................................280 Gesetz \u00fcber den Verfassungsschutz in Baden-W\u00fcrttemberg (Landesverfassungsschutzgesetz - LVSG) vom 5. Dezember 2005 ...........................................................................280 Gruppen-, Organisationsund Sachregister......................................294 Personenverzeichnis .................................................................................302","A. VERFASSUNGSSCHUTZ IN BADEN-W\u00dcRTTEMBERG Aufgabe des Verfassungsschutzes ist es, verfassungsfeindliche und sicherheitsgef\u00e4hrdende Bestrebungen zu beobachten sowie die politisch Verantwortlichen, die zust\u00e4ndigen Stellen, aber auch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger unseres Landes \u00fcber Entwicklungen und drohende Gefahren zu unterrichten. Der Verfassungsschutz versteht sich deshalb als \"Fr\u00fchwarnsystem\" der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. truktur Der Bund und die 16 L\u00e4nder unterhalten jeweils eigene Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. Die gr\u00f6\u00dfte, weil mit vielerlei Zentralfunktionen ausgestattete Beh\u00f6rde, ist das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz mit Sitz in K\u00f6ln. Dem f\u00f6derativen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland entsprechend arbeiten alle 17 Beh\u00f6rden eng zusammen. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg hat seinen Sitz in Stuttgart. Es gliedert sich derzeit in f\u00fcnf Abteilungen. Haushalt Die Personalstellen sowie die Finanzmittel f\u00fcr Personalund Sachausgaben sind im Haushaltsplan des Landes ausgewiesen. Danach waren dem Amt f\u00fcr das Jahr 2008 insgesamt 332 Personalstellen (2007: 336), davon 247 f\u00fcr Beamte und 85 Stellen f\u00fcr Angestellte zugewiesen. F\u00fcr Personalausgaben standen etwa 12,6 Millionen Euro (2007: 12,6 Millionen Euro), f\u00fcr Sachausgaben rund 2,5 Millionen Euro zur Verf\u00fcgung (2007: 3 Millionen Euro einschlie\u00dflich zus\u00e4tzlicher Investitionsmittel insbesondere zur Sachausstattung eines Dritten Observationstrupps, zur Einrichtung eines Internetkompetenzzentrums und zur Verbesserung der technischen Ausstattung der G 10-Stelle). 12","1. Aufgaben des Verfassungsschutzes Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sammelt unter anderem Informationen \u00fcber verfassungsfeindliche Bestrebungen, sobald ihm tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass diese die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden. Als derartige Bestrebungen sind Verhaltensweisen von Personen oder Organisationen zu verstehen, deren Ziel es ist, die obersten Werte und Prinzipien des Grundgesetzes au\u00dfer Kraft zu setzen. Der Verfassungsschutz ist aber beispielsweise auch gefordert, wenn islamistische, linksoder rechtsextremistische Ausl\u00e4nderorganisationen ihr Heimatland beziehungsweise dessen Regierung von deutschem Boden aus mit Gewalt bek\u00e4mpfen und dadurch Deutschland in au\u00dfenpolitische Konflikte bringen k\u00f6nnten oder wenn sich die Bestrebungen gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richten. Zu den weiteren Aufgaben des Verfassungsschutzes z\u00e4hlt die Spionageabwehr. Sie ist darauf gerichtet, sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht aufzusp\u00fcren und zu analysieren. Schlie\u00dflich hat das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz umfangreiche Aufgaben beim personellen und materiellen Geheimschutz. Beispielsweise wirkt der Verfassungsschutz bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von Einb\u00fcrgerungsbewerbern mit, \u00fcberpr\u00fcft Geheimnistr\u00e4ger und andere Personen, die in sicherheitsempfindlichen Bereichen t\u00e4tig werden wollen, und unterst\u00fctzt beratend Beh\u00f6rden sowie Unternehmen bei der Einrichtung technischer Vorkehrungen zum Schutz von geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Informationen. 2. Verh\u00e4ltnis von Verfassungsschutz und Polizei Die Arbeit einer Verfassungsschutzbeh\u00f6rde unterscheidet sich wesentlich von der einer Polizeibeh\u00f6rde. Dem Verfassungsschutz stehen keine polizeikeine polizeilichen lichen Eingriffsbefugnisse zu. Mitarbeiter des Landesamts f\u00fcr VerfassungsBefugnisse schutz d\u00fcrfen also keine Zwangsma\u00dfnahmen wie etwa Vorladungen, Durchsuchungen, Beschlagnahmen oder Festnahmen durchf\u00fchren. Erscheint aufgrund von Informationen, die dem Verfassungsschutz vorliegen, ein polizeiliches Eingreifen erforderlich, so wird die zust\u00e4ndige Polizeidienststelle unterrichtet. Diese entscheidet dann selbst\u00e4ndig und nach eigenem Ermessen, ob und welche Ma\u00dfnahmen zu treffen sind. Im Gegensatz zur Polizei ist der Verfassungsschutz nicht dem Legalit\u00e4tsprinzip unterworfen und muss daher keine Strafverfolgungsma\u00dfnahmen einleiten, wenn er Kenntnis von einer Straftat erlangt. 13","3. Methoden des Verfassungsschutzes Einen Gro\u00dfteil der Informationen erlangt das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz auf offenem Weg. Allerdings d\u00fcrfen Informationen auch verdeckt beschafft und die daf\u00fcr im baden-w\u00fcrttembergischen Landesverfassungsschutzgesetz (LVSG) genannten nachrichtendienstlichen Hilfsmittel angewendet werden, zum Beispiel der Einsatz von Vertrauensleuten, Observationen oder Bildund Tonaufzeichnungen. Gerade die auf letztgenanntem Wege erlangten Erkenntnisse erm\u00f6glichen h\u00e4ufig erst eine fundierte, genaue und verl\u00e4ssliche Analyse der Gef\u00e4hrdungslage. Dar\u00fcber hinaus darf der Verfassungsschutz im Einzelfall unter engen, gesetzlich normierten Voraussetzungen den Brief-, Postund Fernmeldeverkehr \u00fcberwachen. Methoden der Erkenntnisgewinnung BESCHAFFUNG OFFENE BESCHAFFUNG VERDECKTE ndsatz der Alle diese M\u00f6glichkeiten stehen jedoch laut LVSG unter dem Vorbehalt des erh\u00e4ltnisGrundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit, das hei\u00dft, von mehreren geeigneten \u00e4\u00dfigkeit Ma\u00dfnahmen zur Nachrichtengewinnung ist diejenige auszuw\u00e4hlen, die den Betroffenen voraussichtlich am wenigsten in seinen Grundrechten beeintr\u00e4chtigt. Aufgabe der mit der Auswertung befassten Mitarbeiter ist es dann, den Aussagewert und die Bedeutung der beschafften Informationen zu analysieren und Lagebilder sowie Trendaussagen zu erstellen. 14","4. Internetkompetenzzentrum Extremisten und Terroristen nutzen in immer st\u00e4rkerem Ma\u00dfe die weltumspannende permanente Verf\u00fcgbarkeit des Internets zur Verbreitung ihrer Ideologien, zur Kommunikation und auch zur Vorbereitung terroristischer Gewaltakte. Es ist Aufgabe des im Jahr 2008 neu eingerichteten Internetkompetenzzentrums (IKZ), die entsprechenden Bestrebungen und Strukturen zu erkennen, zu beobachten und auszuwerten. Das IKZ ist mit der dort geb\u00fcndelten technischen Ausstattung und Fachkompetenz zentraler Ansprechpartner f\u00fcr alle Belange des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz rund um die nachrichtendienstliche Nutzung des Internets. Es sichert auch die virtuelle Anbindung an das gemeinsame Internetzentrum (GIZ) des Bundes zur Bek\u00e4mpfung des islamistischen Terrorismus in Berlin. 5. Kontrolle Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz unterliegt einer vielschichtigen rechtsstaatlichen Kontrolle. Im Zentrum stehen innerbeh\u00f6rdliche Ma\u00dfnahvielschichtige men wie zum Beispiel Kontrollen durch den internen DatenschutzbeaufKontrolle tragten. Daneben stellen die Rechtsund Fachaufsicht durch das Innenmi15","nisterium sowie externe Kontrollen des Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz oder des Rechnungshofs sicher, dass der gesetzlich vorgegebene Rahmen nicht \u00fcberschritten wird. Die parlamentarische Kontrolle ist nach SS 15 LVSG Aufgabe des St\u00e4ndigen Ausschusses des Landtags von Baden-W\u00fcrttemberg, dem Mitglieder aller Fraktionen angeh\u00f6ren. Postund Telekommunikations\u00fcberwachungsma\u00dfnahmen nach dem Artikel 10-Gesetz unterliegen der Kontrolle der G 10-Kommission und des G 10-Gremiums. Die grundgesetzliche Rechtsweggarantie gew\u00e4hrleistet die \u00dcberpr\u00fcfung von Einzelma\u00dfnahmen des Verfassungsschutzes durch die unabh\u00e4ngige Justiz. Schlie\u00dflich unterliegt die Arbeit des Verfassungsschutzes der Kontrolle durch die \u00d6ffentlichkeit. 6. \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes ormationsZum dauerhaften Schutz unserer freiheitlichen demokratischen Grundordngebot nung ist es unabdingbar erforderlich, auf allen gesellschaftlichen Ebenen die geistig-politische Auseinandersetzung mit dem Extremismus zu f\u00fchren. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz leistet dazu einen wesentlichen Beitrag, indem es neben der Regierung und dem Parlament vor allem auch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcber Aktivit\u00e4ten und Absichten verfassungsfeindlicher Parteien und Organisationen regelm\u00e4\u00dfig informiert. Zahlreiche Informationsm\u00f6glichkeiten stehen dabei zur Auswahl. So k\u00f6nnen Brosch\u00fcren zu verschiedenen Themen des Verfassungsschutzes angefordert oder im Internet abgerufen werden. Referenten des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz stehen f\u00fcr Vortragsund Diskussionsveranstaltungen zu Themen des Verfassungsschutzes zur Verf\u00fcgung. Anfragen von Medienvertretern werden so umfassend wie m\u00f6glich beantwortet. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes in Baden-W\u00fcrttemberg haben im Jahre 2008 168 Vortr\u00e4ge gehalten. Daneben gab es zahlreiche Anfragen von Medienvertretern. \u00dcber 10.000 Exemplare des Verfassungsschutzberichts 2007 und 6.300 Brosch\u00fcren wurden im Berichtszeitraum auf Anforderung verteilt. Derzeit ist neben den in den Fachkapiteln genannten Informationsschriften die Kurzbrosch\u00fcre \"Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg\" verf\u00fcgbar. Auch im Internet pr\u00e4sentiert sich der Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg unter www.verfassungsschutz-bw.de mit einer eigenen Homepage. Dort k\u00f6nnen die aktuellen Verfassungsschutzberichte sowie grundlegende Informationen \u00fcber Hintergr\u00fcnde und Zusammenh\u00e4nge des Extremismus, der Spionageabwehr und der Scientology-Organisation abgerufen werden. 16","Kontaktanschriften f\u00fcr Informationen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg Baden-W\u00fcrttemberg \"\u00d6ffentlichkeitsarbeit\" Referat \"Verfassungsschutz\" Postfach 500 700 Postfach 10 24 43 70337 Stuttgart 70020 Stuttgart Tel.: 0711/9544-181/182 Tel.: 0711/231-3501 Fax: 0711/9544-444 Fax: 0711/231-3599 Internet: http://www.verfassungsschutz-bw.de E-Mail: info@verfassungsschutz-bw.de Vertrauliche Telefone zur Scientology-Organisation: 0711/95 61 994 zur Wirtschaftsspionage: 0711/95 47 626 \"Islamistische Extremisten\": 0711/95 61 984 (deutsch/englisch) 0711/95 44 320 (t\u00fcrkisch) 0711/95 44 399 (arabisch) 17","B. ISLAMISTISCHER EXTREMISMUS UND TERRORISMUS 1. Aktuelle Situationen, Tendenzen Der islamistische Extremismus und seine terroristische Form, der Jihadismus, waren im Jahr 2008 eine unver\u00e4ndert hohe Bedrohung in zahlreichen Konfliktregionen von Teilen Afrikas, im Nahen und Mittleren Osten ver\u00e4ndert und in Zentralund S\u00fcdostasien. Die Konfrontation mit einem islamistisch Bedrohung motivierten Personenkreis ist ein Ph\u00e4nomen, das auch in Deutschland und Europa eine Vielzahl von unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen angenommen hat. Das Spektrum umfasst insbesondere Bestrebungen, in denen Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele legitimiert wird. Dabei teilen alle islamistischen Bewegungen mit den Organisationen oder Vereinigungen \u00e4hnliche Ziele: Die Abwehr von vermeintlich islamfeindlichen Tendenzen, die Verteidigung muslimischer Werte und Lebensentw\u00fcrfe, die Identit\u00e4tsbildung einer \"authentisch islamischen\" Pers\u00f6nlichkeit und die Etablierung einer als \"authentisch islamisch\" verstanden Gesellschaft. Im Jahr 2008 setzte sich die bekannte Entwicklung des \"homegrown-Terrorismus\" auf lokaler Ebene fort. \u00d6rtliche, salafitisch radikalisierte Personengruppen stehen in Kontakt oder versuchen in Ber\u00fchrung mit Akteuren zu kommen, die in transnationale jihadistische Strukturen eingebunden sind. Dieser Personenkreis k\u00f6nnte gegebenenfalls bei logistischen Problemen in der konkreten Planung und Durchf\u00fchrung von Anschl\u00e4gen Unterst\u00fctzung bieten. Die Kontakte setzen dabei die Radikalisierung nicht erst in Gang. Auch ohne die entsprechenden Kontakte kann es zur Ver\u00fcbung von Gewaltakten kommen, wie etwa das Beispiel der \"Kofferbomber\" zeigte. Es gibt Hinweise, dass in Deutschland salafitische Str\u00f6mungen im Vergleich zu anderen Richtungen deutlich an Bedeutung gewinnen. Erkennbar wird dies etwa an der \u00f6ffentlichen Pr\u00e4senz von Islamseminaren, Informationsund Vortragsveranstaltungen, wenn auch die Zahl der gewonnenen aktiven Anh\u00e4nger schwer zu fassen ist. Neben einem m\u00f6glicherweise weniger politischen Ph\u00e4nomen des \"Pop-Jihadismus\"1 gab es im Jahr 2008 vermehrt klare Indizien daf\u00fcr, dass sich ein im salafitischen Milieu radikalisierter Per- 1 Hierbei handelt es sich um ein Ph\u00e4nomen im Bereich jugendlicher Subkultur. Dort ist in den letzten Jahren eine gef\u00e4hrliche gewaltverherrlichende und -bereite Szene entstanden. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass in einer Art \"Lifestyle\" beispielsweise Klingelt\u00f6ne mit Jihadges\u00e4ngen verwendet werden oder der pers\u00f6nliche Kleidungsstil nach dem Vorbild von K\u00e4mpfern in Afghanistan/Tschetschenien gestaltet wird. 18","sonenkreis mit gro\u00dfer Ernsthaftigkeit und enormem Zeitaufwand mit umfassenden jihadistischen Schriften auseinandersetzte und diese Lehren verinnerlichte. Die Definition des Begriffes \"Jihad\"2 in diesen teilweise komplexen Abhandlungen fokussiert dabei auf den bewaffneten Kampf mit allen Mitteln und lehnt jedwede Trennung von \"kleinem\" und \"gro\u00dfem Jihad\" ab. In den letzten Monaten des Jahres 2008 kam es zu einer regen Herausgabe und \u00dcbersetzung von entsprechendem ideologischem Textmaterial. Dabei tauchten als Verfasser auch j\u00fcngere Gelehrte oder Prediger auf, die der zweiweitere ten oder dritten \"al-Qaida\"-Generation zugerechnet werden. Diese j\u00fcngeren \"al-Qaida\"Jihadideologen reklamieren f\u00fcr sich ein wesentlich besseres Verst\u00e4ndnis der Generation aktuellen Lage der islamischen Umma (Gemeinschaft) und werfen \u00e4lteren Gelehrten etwa in Saudi-Arabien ihre Loyalit\u00e4t zum saudischen Herrscherhaus, ihr mangelndes Urteilsverm\u00f6gen und Unt\u00e4tigkeit vor. Diese Vorhaltungen werden von der Szene in Deutschland dann \u00fcbernommen. Dies f\u00fchrt dazu, dass dem einen oder anderen salafitischen Prediger seine Loyalit\u00e4t etwa zu Saudi-Arabien, saudischen Gelehrten oder die vermeintliche Anerkennung unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung vorgeworfen wird. Dass jihadistisches Gedankengut nicht blo\u00df in der Theorie eine Rolle spielt, zeigen die strafrechtlichen Ermittlungsverfahren etwa gegen die so genannte Sauerland-Gruppe oder gegen Propagandisten, die im Internet zur Gewalt aufrufen. In verschiedenen Strafprozessen wie etwa dem am 14. Juli 2008 zu Ende gegangenen Prozess vor dem Oberlandesgericht Stuttgart gegen drei vermeintliche Attent\u00e4ter der \"Ansar al-Islam\" wurde das Ausma\u00df jihadistischer Ideologisierung deutlich. 2. Strukturen und Ideologie des Salafismus Beim Salafismus handelt es sich um eine vielschichtige islamistische Str\u00f6Erstarken mung, die in ihrer modernen Erscheinungsform \u00fcberwiegend vom Wahhasalafitischer bismus gepr\u00e4gt wird, der im 18. Jahrhundert als religi\u00f6se ErneuerungsbeStrukturen 2 Jihad bedeutet w\u00f6rtlich \"Anstrengung\". Es gibt Auslegungen, die den \"inneren\" Jihad, der darauf abzielt, ein guter Muslim zu sein, als den \"gro\u00dfen Jihad\" bezeichnen und den \"\u00e4u\u00dferen\" Jihad als den \"kleinen Jihad\", der mit milit\u00e4rischen Mitteln gef\u00fchrt wird. 19","wegung auf der arabischen Halbinsel entstanden war. In ihrem Islamverst\u00e4ndnis orientieren sich Salafiten am Vorbild des Propheten Muhammad und der fr\u00fchen Muslime, von denen sie annehmen, dass in deren Epoche der Islam wahrhaftig und richtig praktiziert worden sei. Als zeitlicher Bezug umfasst diese \"\u00c4ra der edlen Vorfahren\" (As-salaf as-salih) die ersten drei Generationen der Muslime, die als die beste Informationsquelle f\u00fcr die Lebenspraxis Muhammads angesehen werden, da ihnen aufgrund der zeitlichen N\u00e4he zum Religionsstifter ein authentisches Islamverst\u00e4ndnis zugeschrieben wird. Man geht von der Pr\u00e4misse aus, dass noch zu Lebzeiten Muhammads und seiner unmittelbaren Gefolgsleute der Islam in seiner vollkommensten Form gelebt wurde, und dass er in seinen religi\u00f6sen, sozialen und politischen Elementen ein vollst\u00e4ndiges und zusammenh\u00e4ngendes Lebenssystem darstellte. Im Verlauf der weiteren Geschichte, so die salafitische Lehre, seien jedoch zunehmend unerlaubte Erneuerungen (bida') in die islamische Glaubenspraxis eingedrungen, die den urspr\u00fcnglich \"wahren Islam\" verf\u00e4lscht h\u00e4tten. Diese \"fehlerhafte\" Entwicklung m\u00fcsse nun durch eine strikte Hinwendung an die Vorbilder der ersten Muslime r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Hierbei geben Salafiten vor, eine bestimmte Methode (manhaj) zu befolgen, die es ihnen erlauben w\u00fcrde, unmissverst\u00e4ndliche islamische Regelungen herzuleiten. Als religi\u00f6se Quellen dienen ihnen au\u00dfer dem Koran die Sunna (Glaubenspraxis) Muhammads und seiner Gefolgsleute, die in den Hadithen (Ausspr\u00fcche des Propheten) ihren Niederschlag finden. Das Befolgen pers\u00f6nlicher Meinungen einzelner Gelehrter wird von Salafiten ebenso abgelehnt wie die Einhaltung traditioneller Auslegungen der verschiedenen Rechtsschulen (taqlid). Von ihrem strikten Verst\u00e4ndnis vom Monotheismus (tawhid) ausgehend, der die praktische Einhaltung und Umsetzung der als islamisch betrachteten Gesetze und Bestimmungen (scharia) impliziert, diffamieren Salafiten andere Islamrichtungen als \"H\u00e4resie\" und \"Ketzerei\" und sprechen ihnen ihren islamischen Charakter ab. Dies betrifft neben schiitischen Glaubensgemeinschaften insbesondere Muslime, die sich der islamischen Mystik verpflichtet f\u00fchlen. Abgesehen von den unterschiedlichsten Personengruppen mit islamischem Hintergrund, die sich dem Vorwurf ausgesetzt sehen, dem Islam nur nominell anzugeh\u00f6ren, gelten Salafiten alle Nichtmuslime prinzipiell als \"Feinde\". Dies gilt htmuslime vor allem f\u00fcr Juden und Christen, denen mit Verweis auf mittelalterliche \"Feinde\" Bestimmungen mit Gewalt gedroht wird, wenn sie sich dem Islam nicht herrschaftlich unterordnen: 20","\"Islam gibt Juden und Christen die Erlaubnis weiterhin nach ihrer Religion zu leben, jedoch nur dann, wenn sie dem Islam untergeordnet bleiben, den Muslimen die Dschizya 3 zahlen und den Frieden wahren.\" 4 In weltweit verbreiteten Propagandaschriften, die Andersgl\u00e4ubigen \"den Islam\" n\u00e4her bringen sollen, wird immer wieder deutlich, dass Auffassungen, die von salafitischen Islamauslegungen abweichen, keine gleichberechtigte Koexistenz einger\u00e4umt werden darf: \"Was die Feinde von Allah betrifft, so haben die Gl\u00e4ubigen die Pflicht, sie zu hassen, da sie von Allah gehasst werden. Jedoch ist der Gl\u00e4ubige dazu autorisiert, sie zum Islam zu rufen und ihnen seine edle Bedeutung zu erkl\u00e4ren. Sie k\u00f6nnten durch einen solchen Aufruf rechtgeleitet werden und den Islam annehmen. Wenn sie ihn aber ablehnen und es verweigern, sich den Gesetzen Allahs zu unterwerfen, dann ist es einem Muslim gestattet, sie zu bek\u00e4mpfen, bis die G\u00f6tzenanbetung vernichtet ist und die Religion Allahs den Sieg \u00fcber den Polytheismus erlangt.\" 5 Kernelement der salafitischen Glaubenslehre ist die strikte Einhaltung eines absolut gesetzten Monotheismus, der sich in der akribischen Umsetzung des islamischen Gesetzes in seiner Gesamtheit \u00e4u\u00dfern muss. Gott wird nach diesem Verst\u00e4ndnis zum Gesetzgeber erhoben, wobei den Menschen Gott als alleiniger nur noch die Aufgabe zugewiesen wird, g\u00f6ttliche Bestimmungen praktisch Gesetzgeber umzusetzen. Dieser ideologische Anspruch einer \"transzendenten Rechtsordnung\" st\u00f6\u00dft nicht nur in der islamischen Welt im s\u00e4kularen Rechtssch\u00f6pfungsprozess auf Widerstand, sondern muss zwangsl\u00e4ufig auch dort zu un\u00fcberbr\u00fcckbaren Gegens\u00e4tzen f\u00fchren, wo von Menschen initiierte Gesetzgebungsverfahren untrennbar mit freiheitlichen demokratischen Lebensordnungen verbunden sind: \"Die Souver\u00e4nit\u00e4t und legislative Gewalt sind exklusive Rechte Allahs. Dies ist eine direkte Schlussfol- 3 Kopfsteuer f\u00fcr Nichtmuslime als Zeichen der Unterwerfung. 4 Ali Abdur-Rahman al-Hdhaifi, Eine ergreifende Botschaft an die muslimische Umma, S. 5; Internetauswertung vom 6. Oktober 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 5 Hier und im Folgenden: Abdul Rahman ben hammad al-Omar, The Religion of Truth, S. 44f.; hier: Arbeits\u00fcbersetzung aus dem Englischen. 21","gerung aus dem Monotheismus. Niemand hat das Recht, ein Gesetz zu erlassen, das dem Gesetz Allahs entgegensteht. Ein Muslim sollte weder regieren noch Recht sprechen mit anderen Gesetzen au\u00dfer den Gesetzen Allahs. Ebenso sollte er jeglicher Rechtsprechung oder Regierung seine Zustimmung verweigern, deren Grundlagen den Gesetzen Allahs zuwiderlaufen. Gem\u00e4\u00df dem islamischen Glauben hat niemand das Recht zu verbieten, was Allah legalisiert. Auch darf niemand das legalisieren, was Allah verboten hat. Wer auch immer absichtlich solch eine Tat begeht oder sie billigt, ist ein Ungl\u00e4ubiger.\" Aus diesem Konzept von der \"Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes\" ergibt sich zwangsl\u00e4ufig ein Bruch mit der kulturellen Moderne, die sich in der westlichen Welt entwickelt hat, da Salafiten eine Homogenisierung der politischen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse anstreben, so wie sie ihrer Ansicht nach der Islam verbindlich f\u00fcr die gesamte Menschheit festschreibt. Pluralistische Lebensformen, die dem Individuum weit reichende Entfaltungsm\u00f6glichkeiten bei der Umsetzung einzelner Lebensentw\u00fcrfe einr\u00e4umen, werden ebenso abgelehnt wie die Vorstellung vom selbstbestimmten Menschen als Sch\u00f6pfer seiner sozialen und politischen Lebensverh\u00e4ltnisse. Dieser Sachverhalt kommt insbesondere in der Ablehnung demokratischer Normen und Einrichtungen des Westens zum Ausdruck. Salafiten sprechen Institutionen wie Parlamenten und Verfassungen ihre Rechtm\u00e4\u00dfigkeit ab. Diese erh\u00f6ben den Menschen selbst zum Gott, in dem sie ohne R\u00fccksicht auf das g\u00f6ttliche Gesetz eigenst\u00e4ndig Gesetze erlassen, was jedoch das ausschlie\u00dfliche Vorrecht Allahs sei. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrden Verfassungen demokratischer Staaten die Gleichbehandlung aller Menschen ungeachtet ihrer Religion oder pers\u00f6nlicher Pr\u00e4ferenzen festschreiben, was in ihren Augen einen Versto\u00df gegen die g\u00f6ttliche Ordnung darstellt, da Religionszugeh\u00f6rigkeit und Fr\u00f6mmigkeit als alleinige Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr Gut und B\u00f6se zu gelten h\u00e4tten. Der Gleichbehandlungsgrundsatz und die damit in Zusammenhang stehende Gleichberechtigung aller, am politischen Willensbildungsprozess zu partizipieren, stellt aus salafitischer Sicht eine Hybris dar. In Baden-W\u00fcrttemberg wurde dazu folgende Stellungnahme ver\u00f6ffentlicht: \"Wer sich zu der 'freiheitlich demokratischen Grundordnung' des Grundgesetzes (was ihr Taghut6 ist) bekennt, erkl\u00e4rt damit, dass er das Grundgesetz 6 G\u00f6tze. 22","der Demokratie als f\u00fcr sich legitim und rechtm\u00e4\u00dfig ansieht, was klarer kufr [Unglaube] ist. Denn sich zu einem anderen Gesetz als das Allahs zu bekennen, ist Shirk bi-Allah7 (...)' das Recht des Volkes, die Staatsgewalt der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung auszu\u00fcben'8 in diesem Punkt zeigt sich wieder glasklar, wem sie das Recht der Staatsgewalt, der Souver\u00e4nit\u00e4t, des Urteils und Rechtssprechung (welches in Wahrheit Allah allein zusteht) zuerkennen - sich selbst, dem Volk. Das hei\u00dft sie machen sich hier selbst zum Gott.\" 9 Bei der Vermittlung und Umsetzung der oben skizzierten Glaubensinhalte bedienen sich Salafiten des strategischen Mittels der Mission (Da'wa), bei der zun\u00e4chst im innerislamischen Kontext Einzelpersonen im Fokus stehen, die auf individueller Basis zu einer R\u00fcckkehr zum \"wahren Islam\" aufgerufen werden. Daneben wendet man sich auch systematisch im Rahmen einer \"\u00e4u\u00dferen Mission\" auch an Angeh\u00f6rige anderer Glaubensrichtungen, die als m\u00f6gliche Konvertiten betrachtet werden. Salafiten streben von ihrem Anspruch her eine Islamisierung der Gesellschaft an, die sich, langfristig Islamisierung der betrachtet, weltweit durchsetzen soll. Daher lehnen sie auch nationalstaatGesellschaft liche Strukturen ab, da diese die anvisierte Einheit der Muslime beeindurch Da'wa tr\u00e4chtigen w\u00fcrden. Die Ergreifung der politischen Macht steht bei der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Salafiten nicht prim\u00e4r im Vordergrund, auch wenn sie in einschl\u00e4gigen Rechtsgutachten immer wieder auf Fragen Bezug nehmen, die einzelne Politikfelder tangieren. Vorrang habe zun\u00e4chst die \"Reinigung\" und \"Erziehung\" des Individuums, so formulieren es einschl\u00e4gige Gelehrte, um auf gesellschaftlicher Ebene die Basis f\u00fcr politische Ver\u00e4nderungen zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt zu schaffen. Dieser \"missionarische Salafismus\" unterscheidet sich nur geringf\u00fcgig vom \"politischen Salafismus\", dessen Vertreter sich durch ein verst\u00e4rktes Politikinteresse auszeichnen. Hierbei ist zu beobachten, dass das tagespolitische Geschehen auf religi\u00f6se Normen bezogen wird. Derartige Kontextualisierungen offenbaren auch immer wieder eine feindselige Haltung gegen\u00fcber der \"westlichen Welt\", der eine Unterdr\u00fcckung der Muslime und doppelte Standards in der Au\u00dfenpolitik zugunsten des Staates Israel zur Last gelegt werden: \"Die b\u00f6sen Absichten und die Ziele der Weltm\u00e4chte sind: 7 Allah noch weitere G\u00f6tter beigesellen. 8 Zitat aus dem Grundgesetz, Art. 20 Abs. 2. 9 \"Der Kufr der Loyalit\u00e4tserkl\u00e4rung\", Internetauswertung vom 15. Oktober 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 23","ltm\u00e4chten - die St\u00e4rkung und Festigung des zionistisch j\u00fcdirden b\u00f6se schen Staates bsichten - die Zerst\u00f6rung der al-Aqsa Moschee und anstelle nterstellt dieser die Errichtung einer Synagoge, um die alten W\u00fcnsche der Juden zufrieden zu stellen - die Aufrechterhaltung der milit\u00e4rischen Souver\u00e4nit\u00e4t der Juden \u00fcber die muslimischen arabischen L\u00e4nder - die Aneignung eines gro\u00dfen Teiles des \u00d6lvorkommens in den Golfstaaten (...) - bei der leichtesten Provokation dem Islam den Todessto\u00df verpassen - alle Mittel f\u00f6rdern, die gegen den Islam sind und die Moralwerte und Tugenden zerst\u00f6ren, so dass als Folge sich die islamischen Staaten st\u00e4ndig untereinander bekriegen.\" 10 Richtet sich hier die feindselige Haltung noch ausschlie\u00dflich gegen den Westen und seine Institutionen und wird der Konsens der klassischen Zeit, den Herrscher nicht zu kritisieren, befolgt, so propagiert hingegen der htfertigung \"Jihad Salafismus\" eine Gewaltaus\u00fcbung gegen Machthaber in islamischen n Gewalt L\u00e4ndern, denen zum Vorwurf gemacht wird, vom Islam abgefallen zu sein. Gem\u00e4\u00df ihrer Argumentation sind diese Personen delegitimiert, da sie das islamische Gesetz nicht vollst\u00e4ndig umsetzen und dar\u00fcber hinaus mit der westlichen Welt gegen die \"wahren Muslime\" paktierten. Neben diesem Kampf, der gegen vermeintliche s\u00e4kulare Tendenzen in islamischen L\u00e4ndern gef\u00fchrt wird (interner Jihadismus), gilt auch \"der Westen\" als ein Feind, der unter Einsatz maximaler Gewalt nicht nur in so genannten Krisengebieten, sondern auch auf eigenem Territorium bezwungen werden m\u00fcsse (globaler Jihadismus). Die aggressive Einstellung gegen\u00fcber Nichtmuslimen wird zwar auch vom missionarischen und politischen Salafismus geteilt. Diese Richtungen versuchen im Gegensatz zum Jihadismus jedoch die bewaffnete Konfrontation aus taktischen Gr\u00fcnden und mit dem Argument der unzureichenden Vorbereitung und mangelnder milit\u00e4rischer Mittel vorl\u00e4ufig zu vermeiden. Diese ideologische Unsch\u00e4rfe macht auch oftmals einen nahtlosen \u00dcbergang hin zu einer jihadistischen Haltung m\u00f6glich. Der jihadistische Salafismus verfolgt wie auch die anderen salafitischen Teilstr\u00f6mungen das Ziel, dem Islam als sozio-politische Ordnung weltweit Gel10 Ali Abdur-Rahman al-Hdhaifi, Eine ergreifende Botschaft an die muslimische Umma, S. 11; Internetauswertung vom 13. Oktober 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 24","tung zu verschaffen. Bei der Umsetzung dieses Vorhabens werden der Westen und seine Verb\u00fcndeten als Haupthindernis betrachtet, denen zugleich auch einseitig die Verantwortung f\u00fcr den kulturellen und politischen Niedergang der islamischen Welt angelastet wird. Zudem erhebt man gegen\u00fcber dem Hauptfeind \"Westen\" den Vorwurf, einen Vernichtungsfeldzug gegen den Islam zu f\u00fchren, der nach dem Vorbild der mittelalterlichen Kreuzz\u00fcge, wie Salafiten behaupten, zu einer christlich-j\u00fcdischen Dominanz in der Region des Nahen Ostens f\u00fchren soll. Als Reaktion auf diese Bestandsaufnahme werden jedoch im salafitischen Kontext unterschiedliche Ma\u00dfnahmen bef\u00fcrwortet. W\u00e4hrend gem\u00e4\u00dfigte Salafiten zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt prim\u00e4r auf das Mittel der Mission setzen, sehen Jihadisten die einzige L\u00f6sung im sofortigen bewaffneten Kampf, dem ohne Ansehen der Person auch Zivilisten zum Opfer fallen d\u00fcrfen. Das deutsche Engagement im Verbund der Antiterror-Allianz hat Deutschland im dazu gef\u00fchrt, dass inzwischen auch Deutschland als milit\u00e4rischer Gegner Visier von wahrgenommen wird und dadurch selbst im Inland ins Visier potenzieller Attent\u00e4tern Attent\u00e4ter ger\u00fcckt ist. Schon seit einigen Jahren werden immer mehr Menschen in den Bann salafitischer Zirkel gezogen. Eine gewisse Rolle spielt dabei die professionell organisierte \"Missionst\u00e4tigkeit\" dieser Str\u00f6mung, die sich unter anderem durch zielgruppenorientierte Erstellung von Propagandamaterial auszeichnet. Beispielweise werden \u00dcbersetzungen einschl\u00e4giger Werke in verschiedenen Sprachen angeboten, wobei zunehmend auch Publikationen in deutscher und t\u00fcrkischer Sprache einem hiesigen Publikum, das der arabischen Sprache nicht m\u00e4chtig ist, zug\u00e4nglich gemacht werden. Die ideologische Anziehungskraft salafitischer Glaubensinhalte ist eine wesentliche, aber keine ausreichende Erkl\u00e4rung der Hinwendung Einzelner zum Salafismus. Soziale Bindungen scheinen eine weitere entscheidende Rolle zu spielen und gehen einem ideologischen Engagement in der Regel voraus. Dies zeigt sich insbesondere an den \"Spontankonversionen\", die bei entsprechenden Vortragsveranstaltungen stattfinden und zum Zwecke der weiteren Propaganda im Film aufgezeichnet werden. Die \"Konvertiten\" sind in der Regel nicht einmal in der Lage, das islamische Glaubensbekenntnis korrekt und ohne Hilfestellung auszusprechen. Personen, die sich dem Salafismus zuwenden, durchlaufen h\u00e4ufig pers\u00f6nliche Lebenskrisen, die mit schwierigen Lebensumst\u00e4nden wie dem Gef\u00fchl tats\u00e4chlicher oder empfundener Deprivation oder Sterbeund Krankheitsf\u00e4llen in der Familie in Verbindung gebracht werden k\u00f6nnen. Eine damit oft einhergehende Offenheit f\u00fcr neue Lebensinhalte bietet geschickten Demagogen einen Ansatzpunkt, 25","um missionarisch aktiv zu werden, wenn prinzipiell eine Bereitschaft vorhanden ist, die Krise in einem religi\u00f6sen Kontext zu l\u00f6sen. Salafitische Kreise bieten ihren Anh\u00e4ngern das Gef\u00fchl von Geborgenheit und Bedeutung und verschaffen ihnen starken sozialen und emotionalen Halt, wenn sie sich f\u00fcr die gemeinsame Sache der neuen \u00dcberzeugung einbringen. Der hieraus entstehende Glaube und die damit verbundenen Lebenseinstellungen sind somit prim\u00e4r auf soziale Interaktion gegr\u00fcndet. Diese geht mit der graduellen Einbindung der neuen Anh\u00e4nger in das salafitische Wertesystem einher. Die Integration in salafitische Gemeinschaften wird regelm\u00e4\u00dfig von einem Radikalisierungsprozess begleitet, der in mehreren Stufen verl\u00e4uft und auch dazu f\u00fchren kann, dass sich Einzelne zur Begehung von Gewaltrgang vom taten entschlie\u00dfen (Jihadisierung). Dieser m\u00f6gliche flie\u00dfende \u00dcbergang ismus zum vom gewaltlosen Salafismus zum Jiahdismus wird durch den gemeinsamen hadismus Wertekanon beg\u00fcnstigt, den \"gem\u00e4\u00dfigte\" Salafisten mit Jihadisten teilen, wie die antiwestliche Haltung, die Bef\u00fcrwortung eines islamisch strukturierten Gemeinwesens am Vorbild des fr\u00fchislamischen Kalifats und die prinzipielle Zul\u00e4ssigkeit von Gewalt im Namen der Religion. Insbesondere Anh\u00e4nger des \"missionarischen Salafismus\" negieren die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit von Gewalt nach religi\u00f6sen Ma\u00dfst\u00e4ben nicht, sondern machen sie von bestimmten Voraussetzungen wie milit\u00e4rischer St\u00e4rke, Kosten-Nutzen-Verh\u00e4ltnis und einheitlicher F\u00fchrung aller Muslime abh\u00e4ngig. Somit bestehen ideologisch betrachtet lediglich Differenzen hinsichtlich des Zeitpunktes und der praktischen Durchf\u00fchrung von Gewaltaktionen, was jedoch weniger mit religi\u00f6sen Dogmen in Zusammenhang steht als vielmehr mit der unterschiedlichen Beurteilung des sozialen und politischen Kontextes, auf den einzelne religi\u00f6se Bestimmungen bezogen werden. Dieser Sachverhalt wird von Muhammad Nasiruddin al-ALBANI, einem prominenten Vertreter des \"missionarischen Salafismus\", der von einschl\u00e4gigen Kreisen immer wieder als Hauptreferenz herangezogen wird, in einer Abhandlung folgenderma\u00dfen verdeutlicht: \"Die Besch\u00e4ftigung mit der Politik zum jetzigen Zeitpunkt ist eine Ablenkung, obgleich wir die [sc. Notwendigkeit] dazu nicht bestreiten (...) Der Tag muss kommen, an dem wir in die politische Phase gem\u00e4\u00df der Scharia eintreten, denn Politik bedeutet die Leitung der Angelegenheiten der Umma. Und wer leitet die Angelegenheiten der Umma? (...) Diese Aufgabe obliegt speziell dem Herrscher, dem seitens der Muslime gehuldigt wird. (...) Wir haben keine Autorit\u00e4t f\u00fcr die Leitung der Umma. Dies allein w\u00e4re g\u00e4nzlich nutzlos. Um als Beispiel die 26","Kriege zu nennen, die gegen die Muslime in vielen islamischen L\u00e4ndern gef\u00fchrt werden: H\u00e4tte es einen Nutzen, die Begeisterung der Muslime anzuheizen, wo wir doch zu keinem Jihad imstande sind, der von einem verantwortlichen Herrscher gef\u00fchrt werden muss, dem gehuldigt wurde? Dies w\u00fcrde nichts bringen, wobei wir die Verpflichtung [sc. zum Jihad] nicht leugnen. Jedoch sagen wir: Es w\u00e4re [sc. zum jetzigen Zeitpunkt] zu fr\u00fch. Daher m\u00fcssen wir uns selbst und andere, die wir zu unserer Da'wa aufrufen, damit besch\u00e4ftigen, ihnen den wahren Islam verst\u00e4ndlich zu machen und sie richtig zu erziehen (tarbiya).\" 11 Diese Priorisierung und Umsetzung islamischer Bestimmungen, die zun\u00e4chst eine Islamisierung \"von unten\" durch Erziehung vorsieht, ist in salafitischen Zirkeln jedoch nicht unangefochten. Zunehmend machen salafitische Gelehrte mit jihadistischer Ausrichtung ihren Widerspruch geltend, indem sie den Pflichtcharakter des Jihad betonen, der letztendlich einer Islamisierung \"von oben\" entJihad als Pflicht spricht, um so strukturell und machtpolitisch den Weg f\u00fcr weit reichende Ver\u00e4nderungen auf gesellschaftlicher Ebene zu bereiten: \"Tarbiya wird als Entschuldigung benutzt, um nicht in den Jihad zu ziehen. (...) O Prophet, m\u00fche dich gegen die Ungl\u00e4ubigen und Heuchler ab und sei hart gegen sie! Ihr Zufluchtsort wird die H\u00f6lle seinein schlimmer Ausgang (Koran 9:73). Die Ibaadah [gottesdienstliche Handlung], welche die Kuffar [Ungl\u00e4ubige] versuchen zu bedecken und Terrorismus und verbrecherisches Handeln nennen. Sie brandmarken die Anh\u00e4nger dieses Pfades als Terroristen, Extremisten und Revolution\u00e4re um uns mit diesen Namen zu betr\u00fcgen. Wenn immer du das Wort Terrorismus siehst, ersetzte es mit Jihad. Der Grund, warum sie nicht Jihad sagen, ist weil dies die Worte des Qur'aan sind.\" 12 11 Al-Albani, al-tawhid awwalan ya du'at al-islam, S.16f.; hier: Arbeits\u00fcbersetzung aus dem Arabischen. 12 Yusuf al-' u yayree, Konstanten auf dem Weg des Jihad, S. 7; Internetauswertung vom 4. November 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 27","Diese Ansichten des im Mai 2003 von saudischen Sicherheitskr\u00e4ften get\u00f6teten Jihadaktivisten Yusuf al-AYIRI stehen stellvertretend f\u00fcr eine Vielzahl solcher \"Gelehrter\", die mittlerweile auch verst\u00e4rkt in Baden-W\u00fcrttemberg Zulauf erhalten. Al-AYIRI, dessen Schriften ins Deutsche \u00fcbertragen und von mehreren Aktivisten im Internet verbreitet wurden, war Anf\u00fchrer der \"al-Qaida\" auf der arabischen Halbinsel und als Terrorist eng mit Usama BIN LADIN verbunden. Durch seinen Tod gilt er in jihadistischen Kreisen als \"M\u00e4rtyrer\", was nach Meinung Vieler seinen theoretischen Schriften noch mehr Ansehen und Authentizit\u00e4t verleiht. In einer weiteren seiner in Baden-W\u00fcrttemberg zirkulierenden Schriften mit dem Titel \"Die Rolle der Frauen bei der Bek\u00e4mpfung der Feinde\" wird versucht, Frauen f\u00fcr den bewaffneten Kampf zu rekrutieren. Generell scheint man sich mit Vorliebe solchen Jihadaktivisten zuzuwenden, die entweder in einschl\u00e4gigen Krisengebieten wie Afghanistan, Somalia, Bosnien und Tschetschenien gek\u00e4mpft und gegebenenfalls den Tod gefunden haben oder aber f\u00fcr ihre Ansichten l\u00e4ngere Zeit inhaftiert gewesen sind. Neben den bekannten Theoretikern des modernen JihaAbdallah AZZAM (2. v. r.) dismus wie Abdallah AZZAM, dessen Rechteoretiker gutachten \"Die Verteidigung der muslimischen es Jihad L\u00e4nder ist die wichtigste individuelle Glaubenspflicht f\u00fcr einen Muslim\" mehrfach neu auch in deutscher Sprache aufgelegt wurde, und Sayyid QUTB, dem Begr\u00fcnder der modernen Jihad-Bewegung, ist ein weiterer Demagoge in hiesigen Kreisen zu Prominenz gelangt. Ein amerikanischer Staatsb\u00fcrger jemenitischer Abstammung namens Anwar al-AWLAKI, der w\u00e4hrend seiner T\u00e4tigkeit als Imam in den USA enge Kontakte zu Beteiligten an den Anschl\u00e4Anwar al-AWLAKI gen vom 11. September 2001 unterhalten haben soll, ist durch Schriften und Vortr\u00e4ge im Jahr 2008 mehrfach in Erscheinung getreten. Durch seine Agitationen war er bereits im Jemen aufgefallen, wo er eigenen Angaben zufolge l\u00e4nger als ein Jahr inhaftiert gewesen ist. In seinen im Internet abrufbaren Vortr\u00e4gen und Predigten, die sich durch ihre simplen Argumentationsmuster in englischer Sprache auszeichnen, bef\u00fcrwortet er die Schaffung eines islamischen Kalifats und interpretiert den Jihad im Sinne von Gewaltanwendung als pers\u00f6nliche individuelle Glaubenspflicht von Muslimen. Anhand von Ausspr\u00fcchen des Propheten 28","Muhammad legt al-AWLAKI dar, dass das versprochene weltumspannende Kalifat und der damit verbundene endzeitliche Sieg gegen die Feinde des Islam unmittelbar bevorst\u00fcnde. Dieser, so argumentiert er, w\u00fcrde jedoch von den Muslimen verlangen, sich von den \"Ungl\u00e4ubigen\" abzutrennen und sich der Jihad-Bewegung aktiv anzuschlie\u00dfen. Nur durch diesen Kampf k\u00f6nnten die Muslime ihre gegenw\u00e4rtigen Probleme beseitigen und zu ihrer einstigen St\u00e4rke zur\u00fcckfinden: \"Was ist denn jetzt die L\u00f6sung zu unserem ProJihad als blem? Die L\u00f6sung ist in einem Hadith13 gegeben, Lebensgrundlage dem Rasoolullah14 sagt: 'Wenn ihr ein Gesch\u00e4ft eingeht, den Schw\u00e4nzen der K\u00fche folgt, euch mit Landwirtschaft zufrieden gebt und Jihad fi Sabeelillah15 durchzuf\u00fchren aufgibt, wird Allah eine Schande \u00fcber euch verbreiten und wird es nicht wegnehmen, bis ihr zu eurem urspr\u00fcnglichen Deen16 zur\u00fcckkehrt (Wahrer Islam).' (...) Einige Muslime sagen, der Weg nach Vorn f\u00fcr diese Ummah17 ist es, sich vom Terrorismus zu distanzieren und ihre Zeit damit zu verbringen, in Gesch\u00e4ftlichem gut zu werden, gut in Technologie, Landwirtschaft, und im Rest; und so k\u00f6nnen wir mit dem Rest der Welt konkurrieren. Rasoolullah sagt, dass dies falsch ist und Allah 'Azza wa jall18 wird uns sch\u00e4nden, wenn wir dies tun. (...) Rasoolullah sagt, den Jihad zu verlassen, bedeutet den Deen zu verlassen. Daher ist der einzige Weg um zum Deen zur\u00fcckzukehren, zum Jihad fi Sabeelillah zur\u00fcckzukehren; daher entspricht der Jihad gleich Religion. Das ist also die L\u00f6sung; die L\u00f6sung f\u00fcr die Ummah ist zum Jihad fi Sabeelillah zur\u00fcckzukehren. (...) \u00dcberlasst den Ackerbau den Leuten der Schrift, ihr geht und verbreitet die Religion Allahs 'Azza wa jall; sie werden Ackerbau betreiben und euch ern\u00e4hren; sie werden euch Jizya19 bezahlen, sie werden euch Kharaaj bezahlen, den Rasoolullah hat gesagt: 'Mein Rizq 13 Ausspruch beziehungsweise \u00dcberlieferung des Propheten. 14 Arabisch: Gesandter Allahs, der \"Prophet\" Muhammad. 15 Arabisch: Jihad auf dem Pfade Allahs, bewaffneter Kampf. 16 Arabisch: Religion. 17 Arabisch: Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen, d.h. die Muslime als Kollektiv. 18 Arabisch: m\u00e4chtig und erhaben. 19 Kopfsteuer beziehungsweise Zwangsabgabe f\u00fcr Nichtmuslime unter islamischer Herrschaft. 29","(Unterhalt) liegt unter dem Schatten meines Speeres.' Wenn Rizq von Rasoolullah durch Ghaneema20 gegeben war, muss es der beste Rizq sein und besser sein als Ackerbau, Gesch\u00e4ftliches, Schafe zu hirten und besser, als alles andere (...).\" 21 In Baden-W\u00fcrttemberg gibt es mittlerweile nicht nur Einzelpersonen, die distenkreise sich diese Ideologie zu eigen machen, sondern Netzwerke, die auch Inter- n Badennetportale betreiben, auf denen zahllose jihadistische Audio-, Textund rttemberg Filmdokumente einer breiteren \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht werden. In der Regel kann zwar eine Anlehnung an Ideologen im Ausland festgestellt werden, jedoch wird entsprechendes Gedankengut in einen lokalen Kontext adaptiert und f\u00fcr einen hiesigen Rezipientenkreis didaktisch und sprachlich aufbereitet, was sich vor allem an den immer zahlreicher auftretenden \u00dcbersetzungen ins Deutsche zeigt. Die g\u00e4ngigen Feindbilder, die als eigenst\u00e4ndige Topoi in Jihadistenkreisen weltweit kursieren, werden auf den deutschen Kontext \u00fcbertragen und sollen offensichtlich auch in Deutschland umgesetzt werden. Als ein repr\u00e4sentatives Beispiel f\u00fcr diese Entwicklung kann eine im Internet agierende Gruppe genannt werden, die sich in einer Art von \"politischem Manifest\" in von \"al-Qaida\"-Kreisen bekannter Manier zum bewaffneten Kampf gegen den Westen und seine Verb\u00fcndeten bekannt hat: \"Und wir rufen zur Verwirklichung und zur Ausf\u00fchrung dieses Tawhid und zur Verwirklichung ('amal) dessen aus dem theoretischen Wissen ('ilm) heraus durch die Ausf\u00fchrung des Jihad (Anstrengung, Kampf) gegen den Taghut (alles, das neben Allah angebetet wird und damit zufrieden ist und dazu aufruft, wie \u00fcbertretende Tyrannen, Staaten, Regierungen als auch G\u00f6tzen, Gr\u00e4ber, und andere falsche G\u00f6tter(ilah))ller Tawaghit - durch Zunge und Lanze (...) Und wir rufen zum ernsthaften I'dad (Ausbildung und Vorbereitung) auf allen Ebenen und Arten (R\u00fcstung, physisch, finanziell, mental und in Taqwa22) f\u00fcr den Jihad auf dem Wege Allahs und zur gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Anstrengung in der fortw\u00e4hrenden Konfrontation gegen die Tawaghit und 20 Kriegsbeute. 21 Al-Awlaki, Allahs Vorbereitung auf den Sieg, S. 32-34, Internetauswertung vom 28. Oktober 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 22 Arabisch: Gottesfurcht. 30","Zusammenfassend l\u00e4sst sich f\u00fcr den Jihadismus in Baden-W\u00fcrttemberg feststellen, dass sich vom islamistischen Terrorismus inspiriertes Gedankengut in steigendem Ma\u00df der Verbreitung erfreut. Auch verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen gem\u00e4\u00dfigtem und militantem Salafismus, was zum einen auf die gemeinsame Akzeptanz religi\u00f6s legitimierter Gewaltanwendung zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann. Zum anderen wirkt sich in diesem Kontext die lose und hierarchiearme Struktur salafitischer Netzwerke negativ aus, da einzelne Personen oder kleinere Gruppen ideologisch mit einem Grundstock salafitischer Wertevorstellungen ger\u00fcstet stets zu der \u00dcberzeugung gelangen k\u00f6nnen, dass Gewalt anzuwenden ist, sollten aus ihrer Sicht die Bedingungen hierf\u00fcr durch eine Neubewertung des \u00e4u\u00dferen Rahmens und ihrer konkreten Lebensumst\u00e4nde erf\u00fcllt sein. Salafitische \"Rechtsgutachten\", die eine religi\u00f6se Rechtfertigung f\u00fcr solche strategische Neuorientierungen bereithalten, sind mittlerweile unschwer zu beschaffen. Solche in der \u00d6ffentlichkeit als \"Selbstradikalisierung\" wahrgenommenen Prozesse haben jedoch in der Regel immer einen l\u00e4ngeren Vorlauf, wobei sie nach derzeitigem Erkenntnisstand den Gipfel eines Radikalisierungsprozesses darstellen, der sich zuvor in einem salafitischen Milieu vollzogen hat. Als N\u00e4hrboden solcher Prozesse k\u00f6nnen sowohl einzelne Vereine als auch private Zirkel eine Rolle spielen. Die sich als weiterer Schwerpunkt abzeichnende Tendenz, einschl\u00e4gige Prim\u00e4rquellen in kommentierten Fassungen ins Deutsche zu \u00fcbertragen, beg\u00fcnstigt diese Entwicklung noch weiter. 3. Jihadistische Tendenzen 3.1 \"Al-Jama'a al-Islamiya\" und \"al-Jihad al-Islami\" Der \"al-Jihad al-Islami\" (\"Der islamische Jihad\") und die \"al-Jama'a al-Islamiya\" (\"Die islamische Gemeinschaft\") sind militante Abspaltungen der \"Muslimbruderschaft\" (MB) in \u00c4gypten. Viele Mitglieder sagten sich in den 70er-Jahren von der MB los, da ihnen diese nicht militant genug war. Beide Gruppierungen begannen als Dachorganisationen f\u00fcr militante Studentengruppen, sp\u00e4ter rekrutierten sie auch Angeh\u00f6rige der unteren Einkommensschichten und weniger Gebildete. Sowohl die \"al-Jama'a al-Islamiya\" als auch der \"al-Jihad al-Islami\" bestehen aus einem losen Verbund von Zellen und Gruppen (Jama'at). Beide Gruppierungen sind daher keine hierarchischen Organisationen im klassischen Sinne. Die personellen Verflechtungen der beiden Gruppierungen sind vielf\u00e4ltig. Sie teilen dieselbe jihadistische Ideologie. Bei einer Vielzahl von Gewalttaten in den 90er-Jahren kooperierten die \"al-Jama'a al-Islamiya\" und der \"al-Jihad al-Islami\". 32","Zusammenfassend l\u00e4sst sich f\u00fcr den Jihadismus in Baden-W\u00fcrttemberg feststellen, dass sich vom islamistischen Terrorismus inspiriertes Gedankengut in steigendem Ma\u00df der Verbreitung erfreut. Auch verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen gem\u00e4\u00dfigtem und militantem Salafismus, was zum einen auf die gemeinsame Akzeptanz religi\u00f6s legitimierter Gewaltanwendung zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann. Zum anderen wirkt sich in diesem Kontext die lose und hierarchiearme Struktur salafitischer Netzwerke negativ aus, da einzelne Personen oder kleinere Gruppen ideologisch mit einem Grundstock salafitischer Wertevorstellungen ger\u00fcstet stets zu der \u00dcberzeugung gelangen k\u00f6nnen, dass Gewalt anzuwenden ist, sollten aus ihrer Sicht die Bedingungen hierf\u00fcr durch eine Neubewertung des \u00e4u\u00dferen Rahmens und ihrer konkreten Lebensumst\u00e4nde erf\u00fcllt sein. Salafitische \"Rechtsgutachten\", die eine religi\u00f6se Rechtfertigung f\u00fcr solche strategische Neuorientierungen bereithalten, sind mittlerweile unschwer zu beschaffen. Solche in der \u00d6ffentlichkeit als \"Selbstradikalisierung\" wahrgenommenen Prozesse haben jedoch in der Regel immer einen l\u00e4ngeren Vorlauf, wobei sie nach derzeitigem Erkenntnisstand den Gipfel eines Radikalisierungsprozesses darstellen, der sich zuvor in einem salafitischen Milieu vollzogen hat. Als N\u00e4hrboden solcher Prozesse k\u00f6nnen sowohl einzelne Vereine als auch private Zirkel eine Rolle spielen. Die sich als weiterer Schwerpunkt abzeichnende Tendenz, einschl\u00e4gige Prim\u00e4rquellen in kommentierten Fassungen ins Deutsche zu \u00fcbertragen, beg\u00fcnstigt diese Entwicklung noch weiter. 3. Jihadistische Tendenzen 3.1 \"Al-Jama'a al-Islamiya\" und \"al-Jihad al-Islami\" Der \"al-Jihad al-Islami\" (\"Der islamische Jihad\") und die \"al-Jama'a al-Islamiya\" (\"Die islamische Gemeinschaft\") sind militante Abspaltungen der \"Muslimbruderschaft\" (MB) in \u00c4gypten. Viele Mitglieder sagten sich in den 70er-Jahren von der MB los, da ihnen diese nicht militant genug war. Beide Gruppierungen begannen als Dachorganisationen f\u00fcr militante Studentengruppen, sp\u00e4ter rekrutierten sie auch Angeh\u00f6rige der unteren Einkommensschichten und weniger Gebildete. Sowohl die \"al-Jama'a al-Islamiya\" als auch der \"al-Jihad al-Islami\" bestehen aus einem losen Verbund von Zellen und Gruppen (Jama'at). Beide Gruppierungen sind daher keine hierarchischen Organisationen im klassischen Sinne. Die personellen Verflechtungen der beiden Gruppierungen sind vielf\u00e4ltig. Sie teilen dieselbe jihadistische Ideologie. Bei einer Vielzahl von Gewalttaten in den 90er-Jahren kooperierten die \"al-Jama'a al-Islamiya\" und der \"al-Jihad al-Islami\". 32","Der \"al-Jihad al-Islami\" stand nie unter der Leitung eines einzelnen F\u00fchrers, sondern wird von einem F\u00fchrungskollektiv geleitet. Bekannte F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten waren Aiman az-ZAWAHIRI und Abd al-Salam FARRAG. Az-ZAWAHIRI wurde, nachdem er eine leitende Funktion beim \"al-Jihad al-Islami\" innehatte, Stellvertreter von Usama BIN LADIN in der Terrororganisation \"al-Qaida\". Dies verdeutlicht die internationalen Verflechtungen der ehemals regional begrenzten jihadistischen Gruppierungen wie \"alJihad al-Islami\" und \"al-Jama'a al-Islamiya\". Abd al-Salam FARRAG schrieb in den 70er-Jahren \"Die vernachl\u00e4ssigte Pflicht\", womit der Jihad im Sinne \"Die vernacheines klar gewaltorientierten Einsatzes gemeint ist. FARRAG verfasste damit l\u00e4ssigte Pflicht\" eine Art Manifest der jihadistischen Bewegungen, in dem er die \u00dcberzeugung vertrat, dass der gewaltsame Jihad eine der Grundpflichten eines jeden Muslims sei. FARRAG vertrat auch die These, dass es einen \"nahen Feind\" und einen \"fernen Feind\" gebe. Beim \"nahen Feind\" handle es sich um die Regierenden in den islamischen L\u00e4ndern, deren Bek\u00e4mpfung Priorit\u00e4t habe, da diese Regierenden als Abtr\u00fcnnige anzusehen seien, weil sie nicht mittels der Scharia herrschten.26 FARRAG rief zu einem gewaltsamen Umsturz der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse auf. Er gilt somit als treibende Kraft f\u00fcr die Ermordung des \u00e4gyptischen Pr\u00e4sidenten Anwar As-Sadat im Oktober 1981 durch Khalid ISLAMBULI, der in Vernehmungen best\u00e4tigte, dass die Motivation f\u00fcr seine Tat unter anderem von der Lekt\u00fcre des erw\u00e4hnten Werks von FARRAG herr\u00fchrte. FARRAG und ISLALMBULI wurden 1982 hingerichtet. Khalid ISLAMBULI Der spirituelle F\u00fchrer der \"al-Jama'a al-Islamiya\", Umar ABD AR-RAHMAN, wurde als Drahtzieher des ersten Anschlags auf das New Yorker World Trade Center 1993 in den USA zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Von dem \"al-Jihad al-Islami\" und der \"al-Jama'a al-Islamiya\" ging in den 90er-Jahren eine blutige Terrorwelle beider Gruppen aus, bei der hunderte von Zivilisten, dutzende Touristen und \u00fcber 100 Polizisten umkamen. Auch \u00e4gyptische Intellektuelle und prominente Autoren wurden zur Zielscheibe der beiden Gruppierungen. Erstmals im Jahr 1997 haben die in \u00c4gypten inhaftierten Mitglieder der \"alJama'a al-Islamiya\" einen Gewaltverzicht ausgesprochen. Er wird jedoch von den sich im Exil befindenden Mitgliedern nicht mitgetragen. Die Mitglieder 26 Die als \"ungl\u00e4ubig\" angesehenen westlichen Staaten entsprechen danach dem \"fernen Feind\". 33","des \"al-Jihad al-Islami\" diskutierten zwar ebenfalls einen Gewaltverzicht, ein derartiges Vorhaben wird aber, solange Personen wie az-ZAWAHIRI noch Einfluss auf die Gruppierung haben, keine Aussicht auf Realisierung haben. Ein Teil der \"al-Jama'a al-Islamiya\" hatte sich im August 2006 mit der \"alQaida\" zusammengeschlossen. Andere Mitglieder der \"al-Jama'a al-Islamiya\" haben sich gegen diesen Zusammenschluss ausgesprochen. Auch daran wird die Heterogenit\u00e4t dieser beiden Gruppierungen deutlich. In Baden-W\u00fcrttemberg sind der \"al-Jihad al-Islami\" und die \"al-Jama'a alIslamiya\" durch Einzelpersonen vertreten. 3.2 Die Chronologie der Gewalt Islamistisch motivierte Anschl\u00e4ge und Gewalttaten sorgten im Jahr 2008 nschl\u00e4ge h\u00e4ufig f\u00fcr Schlagzeilen. So fielen in Algerien, im Irak, in Afghanistan, in weltweit Pakistan, in Indien, in Somalia und in anderen Krisengebieten Hunderte von Menschen terroristischen Gewalttaten zum Opfer. W\u00e4hrend im Jahr 2008 die Zahl der Anschl\u00e4ge und Gewaltakte im Irak allm\u00e4hlich zur\u00fcckging, kam es in Afghanistan, Pakistan und Indien zu den bis dato schwersten Terrorakten, die sich auch durch ihre H\u00e4ufigkeit von den Ereignissen der vergangen Jahre abhoben. Das Wiedererstarken der Talibankr\u00e4fte hielt an, was sich in Anschl\u00e4gen und in sich \u00fcber mehrere Wochen und Monate hinziehenden K\u00e4mpfen abzeichnete, die nicht mehr nur auf die s\u00fcdlichen und s\u00fcd\u00f6stlichen Landesteile Afghanistans beschr\u00e4nkt blieben. Im Norden und in der Hauptstadt Kabul gerieten deutsche Soldaten und zivile Aufbauhelfer ins Visier terroristischer Gruppen. Dabei wurden f\u00fcnf deutsche Bundeswehrsoldaten get\u00f6tet und mehrere verletzt. Das Ausma\u00df islamistisch motivierter Gewalt wurde im Jahr 2008 beispielsweise in folgenden, besonders schweren Anschl\u00e4gen deutlich: Aus der schrecklichen Reihe von Anschl\u00e4gen, die im Irak viele Opfer forderten, fielen jene Attentate besonders auf, die sich gegen belebte M\u00e4rkte richteten. Hierbei wurden offenbar zwei geistig behinderte Frauen mit Sprengstoff ausgestattet. Auf zwei belebten Marktpl\u00e4tzen in Bagdad wurden diese Sprengs\u00e4tze am 1. Februar ferngez\u00fcndet. Es gab mindestens 98 Tote und circa 200 Verletzte. 34","In mehreren algerischen St\u00e4dten kam es im Juni zu schweren Anschl\u00e4gen innerhalb weniger Tage. Bei einem Anschlag auf eine Bushaltestelle in Bouira starben 20 Menschen. Am 19. August starben in Issers mindestens 43 Menschen und dutzende wurden verletzt. Bei einem Attentat mit einem mit Sprengstoff beladenen Fahrzeug auf die indische Botschaft in der afghanischen Hauptstadt Kabul starben mehr als 40 Personen; die Zahl der Verletzten war mit \u00fcber 140 Personen besonders hoch. In Pakistan wurden Ende August und im September mehrere schwere terroristische Anschl\u00e4ge durchgef\u00fchrt. Bei einem Selbstmordattentat auf eine Munitionsfabrik in Wah starben mindestens 78 Menschen. Der Anschlag forderte weit \u00fcber 100 Verletzte. Zu diesem Anschlag bekannte sich der pakistanische Ableger der Taliban (\"Tehrik-i-Taliban\"). Am 20. September st\u00fcrmten Selbstmordattent\u00e4ter vor das Mariott-Hotel in Islamabad. 60 Menschen starben, mehr als 250 wurden verletzt. In Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, wurden 16 Menschen get\u00f6tet, als sich ein Selbstmordattent\u00e4ter mit seinem Fahrzeug vor der Botschaft der USA in die Luft sprengte. Ein schwerer Anschlag forderte am 27. September 17 Menschenleben, als eine Autobombe in einem belebten Viertel von Damaskus/SSyrien explodierte. In einer Reihe koordinierter Angriffe von Gruppen Schwerbewaffneter st\u00fcrmten in Mumbai/IIndien am 26. November mutma\u00dflich islamistisch motivierte T\u00e4ter zeitgleich mehrere Luxushotels, Krankenh\u00e4user, Restaurants und ein j\u00fcdisches Kulturzentrum. Die T\u00e4ter schossen wild um sich und lieferten sich \u00fcber 60 Stunden Feuergefechte mit den Sicherheitskr\u00e4ften. Sie nahmen Geiseln und t\u00f6teten wahllos Zivilisten. Bei diesen Angriffen starben \u00fcber 170 Menschen, mehrere hundert wurden verletzt. Das Jahr 2008 hat erneut gezeigt, zu welch brutalen Gewalttaten jihadistisch motivierte Attent\u00e4ter f\u00e4hig sind. Die Planungen und die Unterst\u00fctzung und Durchf\u00fchrung von Terroranschl\u00e4gen fanden in bekannten Kriegsund Krisengebieten statt. Mit Indien geriet ein weiteres Land in das Zielspektrum islamistischer Attent\u00e4ter. Aber auch in Europa bleibt die Gefahr, die von einem jihadistisch motivierten Personenkreis ausgeht, unvermindert hoch. 35","3.3 Propaganda und Kommunikation im Internet Die Nutzung des Internets wandelt sich. Die Bandbreite und technischen Voraussetzungen werden regelm\u00e4\u00dfig verbessert, die Inhalte immer umfangreicher. fessionelle Global, aber auch spezifisch regional agierende islamistische Extremisten paganda in haben \u00fcber die letzten Jahre die Vorteile des Internets in vollem Umfang estlichen erkannt und sich angeeignet. Die entsprechende Infrastruktur f\u00fcr diese prachen Informationstechnologie ist inzwischen selbst in den Regionen des Nahen und Mittleren Ostens ausreichend funktionsf\u00e4hig. Dabei ist nat\u00fcrlich nicht der Besitz eines eigenen h\u00e4uslichen Internetanschlusses wesentlich, sondern die Zugangsm\u00f6glichkeit \u00fcber die boomende regionale Struktur von Internetcafes in den jeweiligen L\u00e4ndern. Ein weiterer f\u00f6rdernder Gesichtspunkt besteht in der Tatsache, dass inzwischen eigene Sprachen und Schriften, insbesondere Arabisch, in gr\u00f6\u00dferem Umfang zur Kommunikation im Internet eingesetzt werden k\u00f6nnen. Die Kommunikation islamistischer Akteure im Internet wird inzwischen in weiten Teilen \u00e4u\u00dferst professionell \u00fcber komplexe technische und operative Verfahren betrieben, die nur Insidern bekannt sind. Dabei wird offenkundig Verschl\u00fcsselungsverfahren nicht unbedingt vertraut, da sie aus dem Westen stammen. Passwortgesch\u00fctzte Foren und Chatr\u00e4ume wie beispielsweise Paltalk stehen eher im Vordergrund. Verschl\u00fcsselt wird \u00fcber sprachliche Besonderheiten und bestimmte, nur einem kleinen Kreis bekannte Codew\u00f6rter. Der bereits vor dem amerikanischen Einmarsch in den Irak 2003 begonnene Trend der Ausbreitung islamistischer Angebote in allen Bereichen des Internets hat sich stark fortgesetzt. Neben der gestiegenen Anzahl und der medialen Qualit\u00e4t islamistischer Seiten hat sich auch der deutschund t\u00fcrkischst\u00e4mmige Anteil an Internetdokumenten wie Propagandaschriften, Flash-Animationen und Videos aus allen Bereichen des islamistischen Extremismus sowie aus dem Umfeld der \"al-Qaida\" deutlich erh\u00f6ht. Angesichts der gro\u00dfen, in Deutschland lebenden t\u00fcrkisch sprechenden Bev\u00f6lkerungsgruppe ist diese Entwicklung mittlerweile ein ernst zu nehmender Faktor der Verbreitung islamistischer Inhalte besonders bei t\u00fcrkischen Jugendlichen. Das Propagandamaterial von transnational agierenden Jihadisten wie das der \"al-Qaida\" macht dabei seit Jahren den Hauptanteil aus und pr\u00e4gt in weiten Teilen den islamistischen Diskurs im Internet. Auf einschl\u00e4gigen 36","Internetseiten dieser Szene finden sich vor allem Videound Audiodokumente, antiwestliche und antisemitische Hetzschriften sowie umfangreiche dogmatische und religi\u00f6se Texte, die sich in erster Linie auf die bekannten Konfliktherde der islamischen Welt und damit auf den Irak, auf Tschetschenien, Saudi-Arabien und den Nahen Osten beziehen. So hat sich insgesamt der Anteil der nicht audiovisuellen Beitr\u00e4ge von islamistischen Autoren und Gelehrten, die zum Download bereitstehen, im Vergleich zu den Vorjahren stark erh\u00f6ht. Der Gro\u00dfteil des aktuellen Videomaterials stammt neben Tschetschenien weiterhin aus dem Irak und mittlerweile in zunehmendem Ma\u00dfe aus Afghanistan, das sich aufgrund der weiterhin instabilen Sicherheitslage zu einem zentralen Drehund Angelpunkt f\u00fcr Jihadisten entwickelt hat. Vor allem die durch blutige Details stark visualisierten Ereignisse machen es Jihadpropagandisten leicht, Muslime als Opfer darzustellen, die man nur durch Gewalt verteidigen und r\u00e4chen k\u00f6nne. Mehrere irakische Widerstandsgruppen publizieren mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig eigene Anschlagsvideos, die mit dem jeweiligen Logo der Organisation hinterlegt sind. Die mediale Wirkung wird inzwischen durch den Einsatz moderner Digitalkameras und Fotohandys mit hoch aufl\u00f6senden Bildern bei der visuellen Dokumentation von Anschl\u00e4gen und T\u00f6tungen weiter verbessert. Besonders so genannte sniper (das hei\u00dft Scharfsch\u00fctzen)Videos, bei denen amerikanische Soldaten und regionale Sicherheitskr\u00e4fte vor laufender Kamera erschossen werden, sind eine perfide Methode zur Verbreitung von Angst und Schrecken bei westlichen Betrachtern und besonders bei den amerikanischen Truppen im Irak. Derartige Videos, die teilweise in Formaten zum Betrachten und Verbreiten \u00fcber Handys aufbereitet sind, finden h\u00f6chste Aufmerksamkeit auch bei Islamisten in Deutschland und werden als zunehmend effektiv im Kampf gegen westliche Besatzungsm\u00e4chte im Irak und in Afghanistan angesehen. Neben der quantitativen Zunahme des Propagandamaterials ist auch eine immer professionellere Erstellung des Materials selbst festzustellen. Die jihadistischen Gruppierungen vor allem im Irak und in der Grenzregion Afghanistan/Pakistan haben jeweils eigene \"Medienabteilungen\" wie \"aleigene Fajir\" und \"al-Furqan\", die sie als alternative Informationskan\u00e4le und somit Medienals Gegengewicht zu der als l\u00fcckenhaft und einseitig wahrgenommenen abteilungen Berichterstattung westlicher und insbesondere amerikanischer Nachrichtenagenturen betrachten. Dabei sind die graphische Gestaltung, Schnitttechnik und das erkennbare Vorgehen nach einem zuvor entwickelten \"Drehbuch\" Zeichen einer Professionalit\u00e4t, die westlichen Fernsehbeitr\u00e4gen 37","aus der Region mittlerweile in Nichts nachstehen. Durch die Nutzung einer Vielzahl von kostenlosen filesharing-Angeboten27 werden entsprechende Dokumente vielfach redundant im Internet zum Download platziert und \u00fcber eine Vielzahl von Schnittstellen und Kontaktpersonen in anderen Sektionen des Internets gestreut, um sie einem gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Zuschauerkreis zug\u00e4nglich zu machen. \u00dcber bekannte Videoportale wie YouTube wird inzwischen ebenfalls islamistische Propaganda in gro\u00dfen Mengen verbreitet. Mittlerweile gelang es dem F\u00fchrungskader der \"al-Qaida\", dessen eigenes \"Medienlabel\" \"AsSahab-Media\" dauerhaft in den jihadistischen Informationskan\u00e4len zu etablieren. Diese Medienagentur produzierte im Jahr 2008 eine gro\u00dfe Anzahl Propagandavideos mit bekannten \"alQaida\"-F\u00fchrern wie Ayman al-ZAWAHIRI sowie \u00fcber die K\u00e4mpfe gegen die internationalen Einsatztruppen in Afghanistan und den angrenzenden pakistanischen Provinzen. \"As-Sahab-Media\" ist somit weiterhin das Sprachrohr der f\u00fchrenden Funktion\u00e4re der in Waziristan28 agierenden Kern\"al-Qaida\", die sich in bestimmten Abst\u00e4nden oder bei bestimmten Ereignissen \u00fcber das Internet zu Wort melden, um ihre Sichtweise zu bestimmten politischen Entwicklungen in der Region oder zu geopolitischen Sachverhalten zu verbreiten. Tendenziell schien \"As-Sahab-Media\" und damit auch \"al-Qaida\" zunehmend darauf bedacht zu sein, ein internationales nichtmuslimisches Publikum anzusprechen, da ein Gro\u00dfteil des neuen Videomaterials und zum Teil auch \u00e4ltere Filme mit englischsprachigen und zuletzt sogar verst\u00e4rkt mit deutschen Untertiteln in Umlauf gebracht wurden. Inzwischen sind eine Vielzahl von extremistischen, islamistisch unterwanasswortderten und teilweise passwortgesch\u00fctzten Foren entstanden, \u00fcber die Sym\u00fctzte Foren pathisanten weltweit miteinander kommunizieren. Die einschl\u00e4gigen islamistischen Internetforen sind dabei der Hauptumschlagsplatz f\u00fcr Gewaltfilme und Tondokumente. Zus\u00e4tzlich wird t\u00e4glich eine gro\u00dfe Anzahl von Verlautbarungen jihadistischer Gruppierungen aus allen regionalen JihadKampfgebieten wie des \"Islamischen Emirats Afghanistan\" der Taliban auch in europ\u00e4ischen Sprachen ver\u00f6ffentlicht. Neu hinzugekommen sind in den vergangenen Jahren so genannte Web-Blogs, bei denen tagebuchartig Verlautbarungen aus allen Bereichen des Islamismus aktuell verbreitet werden. 27 Hierbei werden anonym gr\u00f6\u00dfere Audio-, Videooder Text-Dokumente kostenlos zum Download bereitgestellt. 28 Bergregion im nordwestlichen Pakistan an der Grenze zu Afghanistan. 38","Seit Mai 2006 publizierte eine deutsche Sektion der \"Global Islamic Media Front\" (GIMF) \u00fcber einen derartigen Web-Blog deutsche \u00dcbersetzungen von Texten aus dem Umfeld der islamistischen Terrorszene. Neben der Erstellung von ideologischen Abhandlungen und Indoktrinationsschriften hatten es sich die Autoren dieser Blogs zur Aufgabe gemacht, bereits vorhandenes Video-, Bildund Audiomaterial in aufw\u00e4ndig gestalteten FlashAnimationen zu verarbeiten. Sehr h\u00e4ufig wurde auch digitales Material, das aus anderen Quellen stammt, aus seinem urspr\u00fcnglichen Bedeutungszusammenhang herausgerissen und f\u00fcr propagandistische Zwecke der Jihadisten verwendet. Nach der Verurteilung des in Wien identifizierten Hauptakteurs der deutschsprachigen GIMF am 12. M\u00e4rz 200829 hat sich mittlerweile eine gro\u00dfe Anzahl von weiteren Anbietern darauf spezialisiert, relevante Beitr\u00e4ge ins Deutsche beziehungsweise T\u00fcrkische zu \u00fcbersetzen. Dar\u00fcber hinaus gibt es eine mittlerweile un\u00fcberschaubare Anzahl von so genannten Unterst\u00fctzerseiten f\u00fcr die Sache der Mujahedin. Auf ihnen wird im Internet kursierendes Material systematisch gesammelt und geordnet. Auf diese Weise kann sich beispielsweise jeder Interessierte \u00fcber die Geschichten der im Jihad gefallenen \"M\u00e4rtyrer\" und deren Motivation f\u00fcr Selbstmordattentate informieren. Auch bieten einige dieser Seiten den Anh\u00e4ngern des globalen Jihadismus die M\u00f6glichkeit, Geldspenden f\u00fcr die K\u00e4mpfer und die Hinterbliebenen der M\u00e4rtyrerfamilien zu sammeln. Die Rekrutierung von potenziellen Mujahedin erfolgt in der Regel \u00fcber bestimmte Internetseiten, die f\u00fcr den weltweiten Jihad Werbung betreiben. Die Verehrung und Pflege des M\u00e4rtyrerwesens spielt eine herausragende Rolle. Hunderte von M\u00e4rtyrerlebensl\u00e4ufen finden in der islamistischen Szene Verbreitung und sollen dazu dienen, die Schrecken des Todes herunterzuspielen und andere dazu zu animieren, es ihren Vorg\u00e4ngern gleich zu tun. Noch nicht rechtskr\u00e4ftig ist die am 19. Juni 2008 durch das Oberlandesgericht Celle ausgesprochene Verurteilung30 eines in Niedersachsen lebenden Irakers zu drei Jahren Haft ohne Bew\u00e4hrung wegen des Verdachts der WerInternetaktivisten bung um Mitglieder und Unterst\u00fctzer f\u00fcr die \"al-Qaida\" im Internet. Dieser vor Gericht hatte in einem islamistischen Chatroom Verlautbarungen der \"al-Qaida\" in Echtzeit eingespielt und zum Download bereitgestellt. Das Verfahren gilt als Pilotverfahren in der Bundesrepublik f\u00fcr die Strafbarkeit von Internetaktivit\u00e4ten im Zusammenhang mit der Verbreitung terroristischer Botschaften. 29 Landgericht f\u00fcr Strafsachen Wien, GZ 443 Hv 1/08h-288; am 27. August 2008 durch den Obersten Gerichtshof aufgehoben und an das Landgericht f\u00fcr Strafsachen Wien zur\u00fcckverwiesen, GZ 13 Os 83/08t. 30 Az.: 2 StE 5/07. 39","4. Islamistischer Extremismus Neben den unterschiedlichen salafitischen Str\u00f6mungen, deren Vorstellungen auch die Grundlage jihadistischer Zirkel bilden, bestehen weitere Organisationen und Bewegungen, in denen islamistische Vorstellungen akzeptiert und propagiert werden. Die Szene splittert sich in unterschiedliche Str\u00f6mungen und Denkschulen auf, die teilweise ihre Konkurrenz offen austragen, etwa in interaktiven Internetportalen wie YouTube. Das Spektrum reicht von Bewegungen bis hin zu konkreten Vereinen oder Parteien, die spezifische Ziele regional oder auch weltweit verfolgen. Bei genauerer Analyse sind diese Ziele antidemokratisch. Problematisch ist bei einigen Organisationen, dass sie zum Teil \u00fcber bewaffnete Milizen verf\u00fcgen und Gewaltanwendung in der politischen Auseinandersetzung nicht grunds\u00e4tzlich auszuschlie\u00dfen bereit sind. Islamistischer Extremismus artikuliert sich auch in deutscher Sprache und wird auch gest\u00fctzt von deutschen Staatsb\u00fcrgern. Dies macht die immer noch steigende Zahl und Verbreitung von deutschsprachigem Propagandamaterial deutlich. 4.1 \"Tabligh-i Jamaa' t\" (\"Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndigung und Mission\") Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts ist in Indien die Tabligh-Bewegung entstanden, die sich urspr\u00fcnglich den dortigen Muslimen zuwandte, die unter den Bedingungen der Kolonialherrschaft als Minderheit in einem nichtislamischen Umfeld lebten. Ziel des Gr\u00fcnders dieser Bewegung, Muhammad ILIYAS (1885-1994), war es, die muslimische Pr\u00e4senz in einem \u00fcberwiegend hinduistisch gepr\u00e4gten Umfeld durch organisierte religi\u00f6se Unterweisung zu st\u00e4rken. Im Laufe der Zeit konnte sich die Bewegung nicht nur in Asien, sondern auch in Europa fest etablieren. Konflikte mit den politischen Kr\u00e4ften der jeweiligen Umgebung, in der sie agiert, werden strikt vermieden. Man sch\u00e4tzt, dass die Bewegung zwischenzeitlich weltweit mehrere Millionen Anh\u00e4nger hat. Ideologisch handelt es sich bei der \"Tabligh-i Jamaat\" um eine Str\u00f6mung, die ein r\u00fcckw\u00e4rts gewandtes Islamverst\u00e4ndnis propagiert, das vorgibt, sich am Vorbild des Propheten Muhammad und der ersten Muslime zu orientieren. Im Zentrum ihrer T\u00e4tigkeit steht die Missionierung (Da'wa) von islamisch gepr\u00e4gten Personenkreisen, denen man eine authentische islamische Identit\u00e4t vermitteln m\u00f6chte. Aktivisten wird daher zumindest zeitweise eine Losl\u00f6sung aus ihrem allt\u00e4glichen Leben nahegelegt, was sich dann in der strikten Einhaltung islamischer Bestimmungen wie Kleidungsund Essensvorschriften \u00e4u\u00dfert. In diesem Zusammenhang unternehmen 40","einzelne Gruppen (Jamaat) von Mitgliedern Missionsreisen in andere St\u00e4dte, um speziell in Moscheen f\u00fcr weitere Anh\u00e4nger zu werben. Durch solche Missionierungsgruppen sollen m\u00f6glichst viele Personen erreicht werden. Andersgl\u00e4ubige werden bisher nicht systematisch als eigenst\u00e4ndige Zielgruppe einer Mission angegangen. Was die Organisationsstruktur der \"Tabligh-i Jamaat\" betrifft, so ist ein gewisser Hierarchisierungsgrad vorhanden, an dessen Spitze ein Schurarat steht, der die jeweils untergeordneten R\u00e4te mit ihren beigeordneten Gruppen koordiniert und deren T\u00e4tigkeit \u00fcberwacht. Durch die Schwerpunktsetzung der Tablighis im Bereich der inneren MisMissionssion tritt die Bewegung in Konkurrenz zum Salafismus, zu dem sie ein bewegung durchaus ambivalentes Verh\u00e4ltnis entwickelt hat. Einerseits greifen beide Str\u00f6mungen auf das vermeintliche Vorbild des Fr\u00fchislams zur\u00fcck, was sich in vielerlei Hinsicht in \u00fcbereinstimmenden Verhaltensund Sichtweisen \u00e4u\u00dfert. Andererseits kritisieren einschl\u00e4gige salafitische Kapazit\u00e4ten die \"Tabligh-i Jamaat\" immer wieder aufgrund angeblicher M\u00e4ngel bei der Einhaltung einzelner Vorschriften im Bereich der Glaubensdoktrin. Dies betrifft insbesondere die Durchf\u00fchrung der Mission, was den Tablighis den Vorwurf einhandelte, ungeschulte und dilettantisch agierende Personen einzusetzen, die den Islam in einer verf\u00e4lschten Form an andere weiter vermitteln w\u00fcrden. Dieser Vorwurf h\u00e4ngt sicherlich auch damit zusammen, dass sich die \"Tabligh- i Jamaat\" als Organisation gegen\u00fcber allen Muslimen \u00f6ffnet, von denen sie sich erhofft, sie als potenzielle Aktivisten gewinnen zu k\u00f6nnen. Dar\u00fcber hinaus verf\u00fcgen die Tablighis \u00fcber keine \u00f6ffentlich agierenden religi\u00f6sen Repr\u00e4sentationsfiguren beziehungsweise Medien, durch die sie mit ihren Anh\u00e4ngern in Verbindung treten oder verbindliche Lehrmeinungen kommunizieren k\u00f6nnten. Die Bewegung wird im Gegensatz zum Salafismus ganz bewusst von religi\u00f6sen Laien getragen, wobei innerislamische Konflikte vermieden werden, auch wenn dies gelegentlich mit ideologischen Unsch\u00e4rfen einhergeht. Beide Str\u00f6mungen verfolgen jedoch bei ihren Islamisierungskampagnen prim\u00e4r das Ziel, die Verhaltensweisen der Muslime auf der individuellen Ebene nach islamischen Ma\u00dfst\u00e4ben auszurichten, die ihrem Weltbild entsprechen. Daher engagieren sich trotz einiger Vorbehalte zahlreiche am Salafismus orientierte Personen bei den Tablighis. Dies geschieht h\u00e4ufig mit der Intention, durch die etablierten 41","Strukturen der \"Tabligh-i Jamaat\" ihrer Missionst\u00e4tigkeit nachzukommen, was von Vielen als verbindliche religi\u00f6se Verpflichtung angesehen wird. Dass derartige personelle Verflechtungen in Einzelf\u00e4llen auch mit einem konkreten Ideologietransfer einhergehen, der sich bisweilen auch extremistisch \u00e4u\u00dfern kann, ist angesichts der engen Interaktion der Gruppenmitglieder nicht verwunderlich. Durch dieses sachlich bedingte enge und zugleich zwiesp\u00e4ltige Verh\u00e4ltnis der beiden Str\u00f6mungen wird verst\u00e4ndlich, weshalb in der Vergangenheit immer wieder Personen mit einer jihadistischen Ausrichtung auch bei den \"Tabligh-i Jamaat\" aktiv waren. Die Tablighis geben sich jedoch im Gegensatz zu Salafisten generell dezidiert apolitisch, was sich vor allem am Mangel von Schrifterzeugnissen widerspiegelt, die explizit der Organisation zugeordnet werden k\u00f6nnen. In Gro\u00dfst\u00e4dten Baden-W\u00fcrttembergs unterhalten Anh\u00e4nger der \"Tabligh-i Jamaat\" St\u00fctzpunkte. Missionare auf der Durchreise wurden unterst\u00fctzt. Sie konnten f\u00fcr die Ziele der Bewegung werben und Anh\u00e4nger gewinnen. 4.2 \"Die Muslimbruderschaft\" (MB) und ihre nationalen Ableger Die \u00e4gyptische \"Muslimbruderschaft\" (MB) wurde 1928 von dem Grundschullehrer Hassan al-BANNA gegr\u00fcndet. Im Umfeld s\u00e4kularer Tendenzen und hegemonialer Anspr\u00fcche der Briten setzte sich al-BANNA unter anderem zum Ziel, islamische Moralvorstellungen zu verbreiten und gewann so rasch zahlreiche Anh\u00e4nger. Die MB entwickelte sich bis Ende der 30er-Jahre zu einer streng hierarchisch aufgebauten politischen Organisation. Ihr Motto lautet: \"Gott ist unser Ziel. Der Prophet ist unser F\u00fchrer. Der Koran ist unsere Verfassung. Der Jihad ist unser Weg. Der Tod f\u00fcr Gott ist unser nobelster Wunsch.\" 31 Al-BANNA, ein charismatischer Redner, predigte einen revolution\u00e4ren Islam und entwarf die Zukunftsvision eines \"wahren\" islamischen Staates. Ende der 40er-Jahre sch\u00e4tzte man die Mitgliederzahl der MB auf eine halbe Million. In dieser Zeit nahmen die Spannungen zwischen der MB und der \u00e4gyptischen Regierung st\u00e4ndig zu. Aufgrund des dadurch entstehenden Verfolgungsdrucks waren zahlreiche Mitglieder gezwungen, ins Exil zu gehen. Dadurch wurde die Ideologie der \"Muslimbruderschaft\" auch au\u00dferhalb \u00c4gyptens verbreitet. Die von al-BANNA zugrunde gelegte Ideologie wurde in den letzten 31 Internetauswertung vom 28. November 2008. 42","Jahrzehnten unter anderem von Said RAMADAN und Sayyid QUTB weiterentwickelt. Al-BANNA, der als Vordenker des Islamismus gilt, schrieb in seinem \"SendVordenker des schreiben \u00fcber den Jihad\" Folgendes: Islamismus \"Der Jihad ist eine notwendige Pflicht, die Gott jedem Muslim auferlegt hat, der man nicht entkommen kann und aus der es keinen Ausweg gibt. Gott hat dem Jihad eine gro\u00dfe Bedeutung beigemessen und machte den Lohn f\u00fcr die Mujahidin und die M\u00e4rtyrer reichlich.\" 32 Bemerkenswert ist, dass al-BANNA den Jihad zur Pflicht jedes einzelnen Muslims erkl\u00e4rte und damit nach islamischem Recht zum fard 'ain33 machte. Eine Differenzierung zwischen einem \"inneren\" und \"\u00e4u\u00dferen Jihad\" gibt es bei al-BANNA nicht. F\u00fcr ihn bedeutet Jihad ausschlie\u00dflich milit\u00e4rische Auseinandersetzung: \"(...) Die Verse des Korans und die Hadithe des gro\u00dfartigen Gesandten (Gott segne ihn und schenke ihm Heil!) sind voll von diesen noblen Idealen und sie rufen die Leute klar und deutlich zum Jihad, zum Kampf, zum Milit\u00e4rdienst und zur St\u00e4rkung der Verteidigungsmittel auf. Der Kampf soll auf alle Arten stattfinden, auf dem Land, auf dem Meer und anderswo, in allen F\u00e4llen und unter allen Umst\u00e4nden.\" 34 Al-BANNA beruft sich auf die schriftlichen Rechtsquellen - Koran und Hadith - und auf die Meinungen von Islamgelehrten, die sich mit dem Jihad besch\u00e4ftigt haben35, und f\u00fchrte unter anderem aus: \"Schlage sie [sc. die Verse] im heiligen Koran nach, damit du siehst, wie Gott die Muslime zu Vor32 Hassan al-BANNA, Majmu'at ar-rasa'il al-imam ash-shahid, Alexandria 2002, S. 263. 33 Es wird zwischen \"fard 'ain\" und \"fard kifaya\" unterschieden. \"Fard 'ain\" bedeutet eine Pflicht, die von jedem einzelnen Muslim ausge\u00fcbt werden muss und von der man nur in Ausnahmef\u00e4llen befreit werden kann. \"Fard kifaya\" ist eine Pflicht, von der man befreit werden kann, wenn gen\u00fcgend andere Muslime diese Pflicht erf\u00fcllen, so dass die islamische Umma nicht darauf angewiesen ist, dass jeder Einzelne an der Pflichterf\u00fcllung teilnimmt. Es ist umstritten, ob der Jihad generell \"fard 'ain\" oder \"fard kifaya\" ist und unter welchen Bedingungen er \"fard 'ain\" oder \"fard kifaya\" ist. 34 Hassan al-BANNA, Majmu'at ar-rasa'il al-imam ash-shahid, Alexandria 2002, S. 263. 35 Ebd., S. 263-280. 43","sichtsma\u00dfnahmen36 anspornt und zur Praktizierung des Kampfes in Armeen, Truppen oder als Einzelpersonen - wie es die Umst\u00e4nde erfordern. (...) und wie er [sc. Gott] den Kampf mit dem Gebet und dem Fasten verkn\u00fcpft, und es ist deutlich, dass er [sc. der Jihad] wie die beiden [sc. anderen Pflichten] zu den S\u00e4ulen des Islam geh\u00f6rt (...)\" 37 Gegen die im Februar 2007 vor ein \u00e4gyptisches Milit\u00e4rtribunal gestellten 40 mutma\u00dflichen Financiers38 der MB erging am 15. April 2008 das Urteil. 25 der Angeklagten wurden zu Haftstrafen verurteilt und 15 Angeklagte freigesprochen. F\u00fcnf Angeklagte, darunter der deutsche Staatsangeh\u00f6rige Ibrahim Faruk el ZAYAT, gegen den in Abwesenheit verhandelt wurde, verurteilte das Milit\u00e4rgericht zu je zehn Jahren Haft. F\u00fcnf Angeklagte wurden zu f\u00fcnf Jahren Haft und die restlichen 15 Angeklagten zu drei Jahren Haft verurteilt. Urspr\u00fcnglich wurde wegen finanzieller Unterst\u00fctzung einer in \u00c4gypten verbotenen Organisation, Terrorismus und Geldw\u00e4sche Anklage erhoben. Bei der Urteilsverk\u00fcndung blieb nur der Vorwurf der finanziellen Unterst\u00fctzung bestehen. Die 2007 heftig umstrittenen Programmpunkte der \u00e4gyptischen MB39 bekr\u00e4ftigte der Oberste F\u00fchrer der MB, Muhammad Mahdi AKIF, am 22. Mai 2008 in einem Interview. Er wurde auf die Position der MB angesprochen, keine Christen und auch keine Frauen f\u00fcr das Pr\u00e4sidentenamt zuzulassen, und erkl\u00e4rte dazu: \"Die Frage, ob ein Kopte [sc. \u00e4gyptischer Christ] Pr\u00e4sident werden kann, ist ein Streitpunkt unter den Islamgelehrten. Manche sagen, es sei m\u00f6glich, manche sagen, es sei nicht m\u00f6glich. Wir tendieren dazu, die Sache abschl\u00e4gig zu beantworten. (...)\" 40 Obwohl circa 10 Prozent der \u00e4gyptischen Bev\u00f6lkerung Christen sind, riminierung begr\u00fcndete er diese Ansicht damit, dass es sich in \u00c4gypten um die Kultur n Christen eines islamischen Landes handle und islamische Werte und Prinzipien respektiert werden m\u00fcssten. Zur Pr\u00e4sidentschaft einer Frau \u00e4u\u00dferte sich AKIF wie folgt: 36 Oder auch: Umsicht. 37 Hassan al-BANNA, Majmu'at ar-rasa'il al-imam ash-shahid, Alexandria 2002, S. 264f. 38 Siehe Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2007, S. 46. 39 Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2007, S. 46. 40 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 13. November 2008. 44","\"Sogar die Islamgelehrten sind im Hinblick auf die Diskriminierung Frage, ob eine Frau oberste F\u00fchrerin sein kann, von Frauen uneins. Wir haben das Recht, zwischen den beiden Positionen zu w\u00e4hlen, und wir haben uns daf\u00fcr entschieden, dass es unm\u00f6glich ist.\" Auf die Frage, wie denn die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr die Frau sei, wenn die MB es ihr verwehre, in h\u00f6here Positionen aufzusteigen und wenn ihr selbst der Zugang in F\u00fchrungspositionen innerhalb der MB verwehrt werde, antwortete AKIF: \"W\u00e4re es richtig von uns, sie in eine Lage zu bringen, wo sie in Gefahr w\u00e4re, ins Gef\u00e4ngnis zu kommen? Die schwierigste Aufgabe, die eine Frau in der Muslimbruderschaft Gott nahebringt, ist die Erziehung ihrer S\u00f6hne.\" Im Jahr 2008 gab es verst\u00e4rkte Bem\u00fchungen von Frauen in der \"Muslimbruderschaft\", ihre Position zu verbessern, da sie sich von den M\u00e4nnern der Organisation in den Hintergrund gedr\u00e4ngt f\u00fchlten. F\u00fcr gro\u00dfes Aufsehen sorgte AKIFs Antwort auf die Frage, ob BIN LADIN ein Jihad-K\u00e4mpfer oder Terrorist sei: \"Ohne jeden Zweifel - er ist ein Jihad-K\u00e4mpfer. Ich bezweifle weder, dass er sich der Besatzung widersetzt, noch, dass er dies tut, um Gott n\u00e4her zu kommen, m\u00f6ge er gepriesen und ger\u00fchmt sein\". Die Bezeichnung \"al-Qaida\" h\u00e4lt AKIF ohnehin f\u00fcr eine Erfindung der USA: \"Der Name [sc. der Organisation] ist in der Tat ein Rechtfertigung Produkt der USA, aber al-Qa'ida als Konzept und von \"al-Qaida\" als Organisation entstand aus [sc. der Notwendigkeit heraus, einen Ausweg zu finden aus] Unterdr\u00fcckung und Korruption.\" Die Frage, ob dies bedeute, dass AKIF die Aktivit\u00e4ten \"al-Qaidas\" unterst\u00fctze, bejahte er, schr\u00e4nkte aber ein, er bef\u00fcrworte lediglich die Aktivit\u00e4ten der \"al-Qaida\" gegen die Besatzer, aber nicht gegen Zivilisten. Auch im 45","Jahr 200841 bekr\u00e4ftigte AKIF zum wiederholten Male die Aussage, dass die MB bereit sei, K\u00e4mpfer zu entsenden, um besetzte Gebiete zu befreien. Er sagte bereits in einem Interview am 30. November 2007: \"Dies [sc. die Entsendung von K\u00e4mpfern] gilt f\u00fcr jedes Land unter Besatzung. Eines der Prinzipien der Muslimbruderschaft ist, die arabische und die islamische Nation von jeglicher ausl\u00e4ndischen Herrschaft zu befreien. Die Muslimbruderschaft muss alle Widerstandskr\u00e4fte in der arabischen und islamischen Welt unterst\u00fctzen.\" 42 Was die besetzten L\u00e4nder anbelangt, wurde AKIF am 25. Juli 2008 in einem Interview konkreter: \"(...) Wenn man es uns jetzt erlaubt, werden wir K\u00e4mpfer gegen die Besatzung entsenden - ob in den Irak oder nach Pal\u00e4stina.\" 43 Die \u00e4gyptische Polizei nahm im Jahr 2008 erneut mehrere hundert Mitglieder der MB fest, darunter sollen einige Bewerber f\u00fcr die anstehende Kommunalwahl gewesen sein. Sie sollen versucht haben, Chaos und Ger\u00fcchte zu verbreiten. Andere Mitglieder wurden aufgrund der Proteste gegen die Abriegelung des Gazastreifens und ihrer Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation verhaftet. Weltweit sind in den 80er-Jahren regionale Ableger der \u00e4gyptischen \"Muslimbruderschaft\" (MB) entstanden. Als Reaktion auf lokale Gegebenheiten entwickelten sie dabei regionale Eigenheiten. So entstand beispielsweise beim pal\u00e4stinensischen Zweig ein eigener militanter Arm, der f\u00fcr zahlreiche Anschl\u00e4ge auf israelische Ziele verantwortlich ist. In Baden-W\u00fcrttemberg engagieren sich Einzelpersonen mit entsprechendem regionalem Hintergrund f\u00fcr die Ziele der Organisationen. 41 Muslim Brotherhood Supreme Guide: Bin Laden is a Jihad Fighter, July 25, 2008, memri, Special Dispatch, Internetauswertung vom 13. November 2008. 42 \"Muslim Brotherhood Leader Sheikh Mahdi Akef: We are ready to send 10.000 men to Palestine, but Egyptian Government should arm them; There's no such thing as al-Qaeda - The Americans made it up\"; December 18, 2007; MEMRI Special Dispatch Series - No. 1786; Internetauswertung vom 13. November 2008. 43 MEMRI: Special Dispatch Series - No. 2001 vom 25. Juli 2008. 46","4.2.1 \"Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD) Gr\u00fcndung: 1982 Hauptsitz: M\u00fcnchen Mitglieder: ca. 170 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 180) ca. 1.300 Bund (2007: ca. 1.300) Publikation: \"Al-Islam\", bis 2003 in gedruckter Version, seither Ver\u00f6ffentlichungen in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden auf eigener Homepage. Seit M\u00e4rz/April 2006 erscheint \"al-Islam\" viermal im Jahr online f\u00fcr Abonnenten. Die \"Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD) ist eine einflussreiche sunnitische Organisation arabischer Islamisten in Deutschland. Sie besteht seit dem Jahr 1960, ihr Hauptsitz ist M\u00fcnchen. Ein in Stuttgart bestehendes \"Islamisches Zentrum\" (IZ) wurde auf der IGD-eigenen Homepage zun\u00e4chst unter \"Islamische Zentren der IGD\" aufgef\u00fchrt.44 Seit Mitte 2006 wird das IZ Stuttgart unter derselben Rubrik als \"Kooperationspartner der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" bezeichnet.45 Eigenen Angaben der IGD zufolge steht in Baden-W\u00fcrttemberg noch der \"Verein f\u00fcr Dialog und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung e.V.\" in Karlsruhe in Koordination mit der IGD. Seit dem Jahr 2002 wurden juristische und organisatorische Umstrukturierungen get\u00e4tigt. Der sich als \"unabh\u00e4ngig\" bezeichnende Dachverband \"Zentralrat der Muslime in Deutschland\" (ZMD) vertritt auch die Interessen der IGD, die Mitglied im ZMD ist. Auf europ\u00e4ischer Ebene ist die IGD in der \"Federation of Islamic Organisations in Europe\" (FIOE) vertreten. Die IGD ist Gr\u00fcndungsmitglied der FIOE. Die FIOE pflegt als internationaler Dachverband die Auslandsbeziehungen und vertritt offiziell die Position, zentrale Anlaufstelle im sunnitisch-islamischen Bereich zu sein. Ihre politische Linie ist darauf ausgerichtet, sich eine zunehmend st\u00e4rkere Position zu sichern, um andere islamische Organisationen und Vereine kontrollieren zu k\u00f6nnen. Ideologisch sieht sich die FIOE dem Erbe des Gr\u00fcnders der \"Muslimbruderschaft\" (MB) Hassan al-BANNA (1906-1949) verpflichtet. Der seit 2002 amtierende Pr\u00e4sident der IGD, Ibrahim el-ZAYAT, der Ibrahim el-ZAYAT im Jahr 2006 f\u00fcr weitere vier Jahre in seinem Amt best\u00e4tigt wurde, hat gleichzeitig die Stellung eines Vorstandsmitgliedes und Vertreters der FIOE 44 IGD-Website vom 10. Januar 2006. 45 IGD-Website vom 13. November 2006. 47","in Deutschland inne. El-ZAYAT wird im Verwaltungsrat der saudisch-wahhabitischen Jugendorganisation \"World Assembly of Muslim Youth\" (WAMY)46 aufgef\u00fchrt. Im Jahr 2000 wurde el-ZAYAT als Treuh\u00e4nder der den \"Muslimbr\u00fcdern\" nahe stehenden Bildungseinrichtung \"Institut Europeen des Sciences Humaines\" (I.E.S.H.) in Chateau-Chinon in Frankreich bezeichnet.47 Infolge seiner Funktion als Generalbevollm\u00e4chtigter der \"Europ\u00e4ischen Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgesellschaft\" (EMUG) ist el-ZAYAT zudem Verwalter von Moscheen der \"Islamischen Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V. (IGMG). Im April 2008 verurteilte ein \u00e4gyptisches Milit\u00e4rgericht el-ZAYAT in Abwesenheit zu zehn Jahren Haft wegen Unterst\u00fctzung einer verbotenen Organisation.48 El-ZAYAT wird in \u00c4gypten als Funktion\u00e4r des internationalen Fl\u00fcgels der \"Muslimbruderschaft\" angesehen. Bei ihrem 30. Jahrestreffen beging die IGD 2008 unter dem Motto \"Teilhaben - Teil sein!\" ihr 50j\u00e4hriges Jubil\u00e4um. Die Festivit\u00e4ten wurden am 4. Oktober im Tempodrom Berlin und am 5. Oktober im Sportpark Leverkusen abgehalten. Referenten aus dem Inund Ausland wirkten bei der Veranstaltung mit. Neben el-ZAYAT und der IGD-Vizepr\u00e4sidentin Dr. Houaida TARAJI nahmen Oguz \u00dcC\u00dcNC\u00dc, der Generalsekret\u00e4r der t\u00fcrkisch-islamistischen \"Islamischen Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG), Aiman MAZYEK, der Generalsekret\u00e4r des Zentralrates der Muslime in Deutschland sowie Dr. Tariq RAMADAN und Dr. Issam al-BASHIR aus dem Sudan teil. Der sudanesische Politiker und Religionsgelehrte Dr. al-BASHIR ist Mitglied im \"European Council for Fatwa and Research\" (ECFR - \"Europ\u00e4ischer Rat f\u00fcr Rechtsgutachten und wissenschaftliche Studien\") in Dublin, welcher 1997 von der FIOE ins Leben gerufen wurde. In einer Debatte von Rechtsgelehrten, ob Selbstmordattentate im Irak und Pal\u00e4stina legal seien, hatte Dr. al-BASHIR im Jahr 2005 Selbstmordattentate im Kampf gegen die Besatzer als \"Pflicht und legitimes Recht\" erachtet, und hinzugef\u00fcgt: \"Die Mujahidin sind nicht geschw\u00e4cht, ihr Antlitz strahlt.\" 49 Bei Dr. RAMADAN handelt es sich um einen der umstrittensten muslimischen Vordenker in der 46 Internetauswertung der arabischen WAMY-Website vom 13. November 2008. 47 Muslims of Europe in the New Millenium, Conference Programme, S. 16. 48 Internetauswertung vom 10. November 2008. 49 \"Iqra TV\" vom 22. August 2005. 48","westlichen Welt. \u00dcberdies ist seine Familie eng mit dem politischen Islam verbunden. In seiner im Jahr 2004 ver\u00f6ffentlichten Doktorarbeit stellte Dr. RAMADAN seinen Gro\u00dfvater Hassan al-BANNA, den Gr\u00fcnder der MB, als einen der zeitgen\u00f6ssischen Reformer innerhalb des Islam dar. Die an der Universit\u00e4t Genf angefertigte erste Fassung der Dissertation war wegen ihrer apologetischen Tendenz abgelehnt worden. Dr. RAMADAN werden Kontakte zur internationalen islamistischen Extremismusszene vorgeworfen, daher wurde ihm 2004 die Einreise in die USA verweigert. Er wollte dort einer Lehrt\u00e4tigkeit an einer Universit\u00e4t nachgehen. In der Frage der Steinigung von Ehebrecherinnen pl\u00e4diert Dr. RAMADAN f\u00fcr ein Moratorium, also f\u00fcr eine Aussetzung der Todesstrafe, jedoch nicht f\u00fcr deren konsequente Abschaffung.50 Dabei stellt er die grunds\u00e4tzliche Legalit\u00e4t schariatsrechtlicher Vorgaben in Bezug auf dieses Hadd-Delikt51 nicht in Frage. Einen H\u00f6hepunkt des Treffens in Berlin bildete die Verleihung des \"Dr. Said RAMADAN Friedenspreises f\u00fcr Dialog und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung\", der von Dr. Tariq RAMADAN, dem Sohn von Dr. Said RAMADAN, verliehen wurde. Dabei wurde deutlich, wie nahe die IGD ideologisch nach wie vor der \"Muslimbruderschaft\" steht. Bei Dr. Said RAMADAN handelt es sich um den Schwiegersohn des Gr\u00fcnders der MB Hassan al-BANNA und den ersten Pr\u00e4sidenten der IGD von 1958 bis 1968. Er wird als Gr\u00fcnder diverser islamischer Zentren in Europa angesehen, zum Beispiel in Genf und M\u00fcnchen. \u00d6ffentlich negieren Funktion\u00e4re der IGD eine Verbindung zur MB. Es liegen aber Aussagen von Personen vor, die sich zu ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zur Bewegung der MB bekennen. Wichtigstes Werk von Dr. Said RAMADAN ist \"Das islamische Recht\", das von der \"Muslimischen Studentenvereinigung\" (MSV)52 in den 90er-Jahren neu aufgelegt wurde. Amena elZAYAT, die Schwester des IGD-Vorsitzenden, rezensierte diese Publikation. Bereits die Einleitung enth\u00e4lt Aussagen, die dem s\u00e4kularen Rechtsstaat und der Gewaltenteilung grunds\u00e4tzlich entgegen gerichtet sind. Der Verfasser erkl\u00e4rte, dass \"nur die 50 Internetauswertung vom 6. November 2008, Dr. RAMADAN betonte seine Aussage in der franz\u00f6sischen Fernsehsendung \"100 Minutes pour convaincre\" (100 Minuten um zu \u00fcberzeugen). 51 Arabisch: Hadd = Grenze. Dabei handelt es sich um im sakralen Recht vorgegebene Straftatbest\u00e4nde, die gegen die Rechte Gottes (Huquq Allah) versto\u00dfen. Die im Koran vorgeschriebene Bestrafung der Delikte (Unzucht, Weinkonsum, Diebstahl) hat offiziellen Charakter und wird in der \u00d6ffentlichkeit vollzogen. Exemplarisch sei hier die Amputation der rechten Hand bei Diebstahl sowie des linken Fu\u00dfes im Wiederholungsfalle genannt. 52 Siehe S. 53. 49","Scharia Scharia (also Koran und Sunna) den wahren Sinn des Gesetzes im Islam zur s Gesetz Entfaltung\" bringe und \"seinen rechtlichen Geltungsbereich\" abdecke. Weiter f\u00fchrte er aus: \"Durch den Ausschluss jeder anderen gesetzgebenden Gewalt au\u00dfer der Scharia wird sowohl das Konzept wie auch die Anwendbarkeit des islamischen Rechts vom Erbe verschiedener Einfl\u00fcsse befreit, das sich dort angesammelt hat. Wir haben es einzig und allein mit dem zu tun, was alle Muslime f\u00fcr das Wort Gottes halten, n\u00e4mlich dem Koran, und mit dessen menschlicher Deutung durch den Propheten, die uns in Form der Sunna \u00fcberliefert worden ist. In anderen Worten, wir haben es mit Offenbarung und Prophetentum zu tun.\" Demzufolge ist Gott der alleinige Gesetzgeber. Die \"s\u00e4kularistische Kultur, eine Kultur, die ihrerseits ihre Urspr\u00fcnge in dem angeblichen Ausspruch Christi habe 'Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist'\", wird als Widerspruch zur Unterwerfung unter den G\u00f6ttlichen Willen, \"wie er sich im G\u00f6ttlichen Gesetz widerspiegelt\", dargestellt: \"(...) Man kann keine Teilhaber daherbringen, die Gottes Autorit\u00e4t mit Ihm teilen. Das ist f\u00fcr einen Muslim die unverzeihlichste aller Arten von Vers\u00e4umnis religi\u00f6ser Pflichten. So muss jede Form von Gesetz durch den G\u00f6ttlichen Willen sanktioniert sein, einschlie\u00dflich des Gesetzes, das durch menschliches T\u00e4tigwerden entstanden ist, vorausgesetzt es befindet sich innerhalb der g\u00f6ttlich vorgeschriebenen Grenzen.\" 53 Der\"Dhimma-Vertrag\" (\"Aqd adh-Dhimma\") wird von Dr. Said RAMADAN zur staatsrechtlich korrekten Vorgehensweise erkl\u00e4rt. Monotheisten (wie Christen und Juden) lebten gem\u00e4\u00df dem islamischen Recht als nichtmuslimische Schutzbefohlene (\"Dhimmi\")54 als Untertanen eines islamischen Staates mit eingeschr\u00e4nktem Rechtsstatus: 53 \"Das islamische Recht\", a.a.O. S. 16; \u00dcbernahme wie im Original. 54 Der arabische Begriff \"Dhimma\" hat die Bedeutung von \"Schutzvertrag\", \"Sicherheit\", \"Garantie\". 50","\"Wir haben weiterhin gesagt, dass ihre Rechte und Pflichten durch die grundlegenden Texte von Koran und Sunna sowie durch \u00dcbereink\u00fcnfte festgelegt sind (...) Dabei unterliegt diese Flexibilit\u00e4t allerdings den Richtlinien, die sich aus den grundlegenden Texten und dem Vorgehen des Propheten entnehmen lassen. Mit anderen Worten, Merkmal des Dhimmi-Status ist stets die actio directa des islamischen Rechts.\" 55 Nach Auffassung von Dr. Said RAMADAN k\u00f6nnen auf zivilrechtlicher Ebene wie dem Familien-, Erbund Personenstandsrecht die nichtmuslimischen Untertanen ihre privatrechtlichen Bestimmungen gem\u00e4\u00df der Thora oder der Bibel befolgen, der Bereich des \u00f6ffentlichen Rechts unterliegt der Scharia. Angeh\u00f6rige anderer Religionen und alle \u00fcbrigen sind weitgehend rechtlos.56 Die \"Muslimische Jugend in Deutschland e.V.\" (MJD) wurde 1994 gegr\u00fcndet und hat ihren Sitz in Berlin. MJD-Gr\u00fcnder Muhammad SIDDIQ alias Wolfgang BORGFELDT war jahrelang Vorstandsmitglied im \"Islamischen Zentrum Aachen - Bilal Moschee e.V.\", das aus dem syrischen Zweig der MB hervorgegangen war und bekleidet unter anderem auch eine Position im \"European Council for Fatwa and Research\" (ECFR) in Dublin. Dem ECFR steht der Kleriker Dr. Yusuf al-QARADAWI vor, der Selbstmordattentate in Israel f\u00fcr rechtens erkl\u00e4rt hat. Auf ihrer Website verteidigt die MJD das Werk \"Ratschl\u00e4ge an meine jungen Geschwister\"57 des t\u00fcrkischen Autors Mustafa ISLAMOGLU, welches die MJD in ihrem Buchverlag Green Palace verlegt hat.58 \"Der Autor\", so die MJD, formuliere, \"was f\u00fcr ihn islamisch\" sei, \"n\u00e4mlich gerade der gute Charakter\", und gebe \"dem Leser den Rat, seine Umgebung nach diesen Grunds\u00e4tzen zu beeinflussen\". Entgegen der Darstellung bezieht der Autor jedoch durchaus politisch Stellung, indem er betont: 55 \"Das islamische Recht\", a.a.O. S. 177; \u00dcbernahme wie im Original. 56 \"Das islamische Recht\", a.a.O. S. 178. 57 Mustafa ISLAMOGLU: \"Ratschl\u00e4ge an meine jungen Geschwister\", Berlin 2005, S. 54. Er trat in der Vergangenheit bei der IGMG auf. Sein Buch wird von der \"Muslimischen Jugend Deutschland\" herausgegeben. Mustafa ISLAMOGLU hat die F\u00fchrung \u00fcber die 1990 gegr\u00fcndete AKEV, \"Akabe Egitim ve K\u00fclt\u00fcr Vakfy, (Akabe Bildungsund Kulturstiftung) inne. Auf der Homepage der AKABE-Stiftung hei\u00dft es: \"Unsere Gemeinde beachtet das islamische Recht aufs \u00e4u\u00dferste. Sie achtet darauf, dass dieses Recht nicht nur unter ihren eigenen Angeh\u00f6rigen, sondern unter allen Muslimen Anwendung findet (...)\"; Internetauswertung vom 24. November 2008. 58 Website der MJD vom 26. November 2008. 51","\"Wenn ihr Beamte in einem nicht-islamischen System werden wollt, dann werdet nicht Beamte dieses Systems, sondern dort 'Beamte des Islam.\" 59 ISLAMOGLU trat mit verschiedenen antij\u00fcdischen Stereotypen hervor. Unter dem Titel \"Yahudilesme Temay\u00fcl\u00fc\" (\"Die Tendenz, im Charakter j\u00fcdisch zu werden\") publizierte er eine stark von Rassismus eingef\u00e4rbte Schrift.60 Darin erkl\u00e4rte ISLAMOGLU: pf gegen das \"Die Tendenz, im Charakter j\u00fcdisch zu werden, ist chwerden\" gef\u00e4hrlicher als die Juden selbst. Denn wenn diese Umma vor dem J\u00fcdischwerden gesch\u00fctzt werden kann, kann sie mit den Juden fertig werden. Was noch furchtbarer ist als die Juden, die mit 6 Mio. Menschen die USA mit 250 Mio. Einwohnern, also die gesamte Welt, regieren, ist das J\u00fcdischwerden dieser Umma. Diese Umma muss nicht zuerst gegen die Juden, sondern gegen das J\u00fcdischwerden k\u00e4mpfen.\" 61 Am 3. Oktober 2008 wurde im \"Islamischen Zentrum Stuttgart\" (IZS) in Stuttgart Bad-Cannstatt der Tag der Offenen Moschee begangen. Als Referent wurde Amir ZAIDAN geladen. ZAIDAN hatte 1998 mit der \"Kamel-Fatwa\", gem\u00e4\u00df der eine Frau ohne einen nahen m\u00e4nnlichen Verwandten (Mahram)62 nicht mehr als 81 Kilometer zur\u00fccklegen d\u00fcrfe, muslimischen Frauen das fundamentale Recht auf uneingeschr\u00e4nkte Bewegungsfreiheit abgesprochen. In \u00d6sterreich erkl\u00e4rte er, dass er noch immer zu dieser Fatwa stehe. ZAIDAN referierte \u00fcber eine Stunde zu dem Thema \"Erkenntnis - Missverstandene Quranverse\". Im Programm zum Tag der Offenen Moschee hie\u00df es, dass ZAIDAN \"ein Experte f\u00fcr Islamologie\" sei, der \"heute \u00fcber die am h\u00e4ufigsten missverstandenen Quranverse aufkl\u00e4re\". Infolge seiner Darlegung des Tafsir (Koranauslegung) von Sure 2 (al-Baqarah=die Kuh), Vers 223: \"Eure Frauen sind ein Saatfeld f\u00fcr euch, darum bestellt euer Saatfeld wie ihr wollt.\" sorgte ZAIDAN bei einigen nichtmuslimischen Besucherinnen f\u00fcr Unmut. In sehr bildhafter und ausschm\u00fcckender Form schilderte er den Sexualakt. Seine Ausf\u00fchrungen konnten den Eindruck vermitteln, dass es sich bei der Frau um ein reines Sexualobjekt, ein Werkzeug, handle. 59 \"Ratschl\u00e4ge an meine jungen Geschwister\", a.a.O. S. 86. 60 Zur Buchbesprechung siehe auch S. 78. 61 Mustafa ISLAMOGLU, \"Yahudilesme Temay\u00fcl\u00fc\", Vorwort, S. 12. 62 Mahram: \"verbotene, unantastbare Sache\". Als Mahram kann entweder der Ehemann fungieren oder ein Mann, dessen Verwandschaftsgrad eine Ehe ausschlie\u00dft. 52","In der sich dem Vortrag anschlie\u00dfenden Diskussion griff ZAIDAN abermals das Thema der Sexualit\u00e4t auf. In seinem Bem\u00fchen, die Strafe der Steinigung bei Ehebruch im schariatsrechtlichen Kontext zu verharmlosen, schilderte er kurz, aber mit Begeisterung und akribisch, was genau beim Geschlechtsakt von vier m\u00e4nnlichen Zeugen gesehen werden m\u00fcsse, um den Straftatbestand des Ehebruchs zu erf\u00fcllen. ZAIDANs Schlussfolgerung: Sofern es keine vier m\u00e4nnlichen Zeugen gebe, d\u00fcrfe die K\u00f6rperstrafe der Steinigung nicht vollzogen werden. Beim geringsten Widerspruch zwischen den Zeugenaussagen erfolge eine Anklage wegen Verleumdung. Von der Steinigung als Strafma\u00df Rechtfertigung f\u00fcr Ehebruch an sich distanzierte sich der Referent zu keinem Zeitpunkt. der Steinigung K\u00f6rperliche Z\u00fcchtigung als Strafe nach schariatsrechtlichen Grunds\u00e4tzen f\u00fcr Ehebruch verst\u00f6\u00dft gegen die Menschenw\u00fcrde nach Artikel 1 des Grundgesetzes. Bei der Veranstaltung wurde auf einem B\u00fcchertisch zahlreiche Literatur angeboten, die dem islamistischen Spektrum zuzuordnen ist, darunter Werke des Holocaust-Leugners und f\u00fcr seine anti-darwinistischen, gegen Aufkl\u00e4rung und S\u00e4kularismus gerichteten Positionen bekannten Autors Harun YAHYA sowie die im Zusammenhang mit der IGD-Konferenz beschriebene Publikation \"Das Islamische Recht\" des IGD-Gr\u00fcnders Dr. Said RAMADAN. ZAIDAN wurde auch von der \"Muslimischen Studentenvereinigung\" (MSV) zur 14. Islamwoche an der Universit\u00e4t in Stuttgart-Vaihingen geladen, die vom 26. bis zum 30. Mai 2008 veranstaltet wurde. Die MSV wurde im Jahr 1964 in M\u00fcnchen gegr\u00fcndet, ihr heutiger Sitz ist in K\u00f6ln. Sie verf\u00fcgt \u00fcber enge Beziehungen zur IGD und ist Mitglied im ZMD. Die eigens zur Islamwoche angefertigte CD enthielt Texte der wahhabitisch-salafitischen Jugendorganisation \"World Assembly of Muslim Youth\". Im Foyer wurde die Publikation \"Menschenrecht und Gottesrecht\"63 angeboten. Die darin aufgef\u00fchrten Punkte der Abweichungen zwischen den \"islamischen Idealvorstellungen des Verh\u00e4ltnisses zwischen B\u00fcrger und Staat\" und dem \"westlichen Menschenrechtskodex\" widersprechen den im Grundgesetz verbrieften Rechten auf Gleichstellung der Geschlechter. Ferner gilt nur eine eingeschr\u00e4nkte Religionsfreiheit: \"Nach islamischem Recht existiert das Recht, seine Religion ohne Nachteile zu wechseln, f\u00fcr den Muslim nicht.\" 64 63 \"Menschenrecht und Gottesrecht\", Hrsg.: Informationszentrale Dar-us-Salam, Garching, ohne Jahresangabe. 64 \"Menschenrecht und Gottesrecht\", S. 8f. Mohamed Aman Hobohm zitiert aus: \"Der Islam als Alternative\" von Murad Hofmann. 53","In der Publikation wird Menschen die F\u00e4higkeit abgesprochen, Gesetze zu erlassen: \"Das Menschenrechtsgeb\u00e4ude (...) ist (nur) solange stabil, wie man Grundrechte in \u00dcbereinstimmung mit der islamischen Auffassung als Rechte begreift, die man nicht setzen, sondern lediglich als bereits existierend (-als von Gott gesetzt, m\u00f6chte ich erkl\u00e4rend hinzuf\u00fcgen --) erkennen oder auffinden kann.\" 65 Damit werden dem Gesetzgeber die legislativen Befugnisse in der Rechtsetzung entzogen, was einer Ablehnung des Demokratieprinzips gleich kommt. Wie Finanzermittlungen ergaben, haben sowohl die IGD als auch Funktion\u00e4re aus dem Raum Stuttgart vor dem Verbot des \"al-Aqsa e.V.\" durch das Bundesministerium des Innern namhafte Betr\u00e4ge f\u00fcr diesen Verein \u00fcberwiesen.66 Er widmete sich in Deutschland vor allem dem Sammeln von Spendengeldern, die auch \u00fcber Hilfseinrichtungen der HAMAS an Hinterbliebene von Selbstmordattent\u00e4tern weitergeleitet worden waren. 4.2.2 HAMAS (\"Harakat al-Muqawama al-Islamiya\", \"Islamische Widerstandsbewegung\") Im nordafrikanischen Maghreb-Raum (Tunesien, Algerien) sowie in den Staaten des Vorderen Orients haben sich Ende der 70erund w\u00e4hrend der 80er-Jahre neue Gruppierungen gebildet, die aus der MB hervorgegangen sind. Im Jahr 1978 gr\u00fcndete Scheich Ahmad YASSIN die Organisation \"Mujamma' al-Islami\" (\"Islamisches Zentrum\"), die sich in ihrer Anfangsphase in erster Linie auf Sozialarbeit konzentrierte und sich bald gro\u00dfer Popularit\u00e4t bei der Bev\u00f6lkerung des Gaza-Streifens erfreute. Infolge einer gezielten Propaganda konnten die islamistischen Ziele der \"Mujamma' alIslami\" schnell verbreitet werden. Nach der ersten Intifada (\"Aufstand\") 1987 bildete sich der militante Ableger \"Harakat al-Muqawama al-islamiya\" (HAMAS) heraus. Die HAMAS spricht Israel das Existenzrecht ab. Sie erachtet das Staatsgebiet Israels als urspr\u00fcnglich islamisches Waqf-Land67 im Sinne eines Stiftungsguts, das nicht ver\u00e4u\u00dfert werden darf und f\u00fcr das zu 65 \"Menschenrecht und Gottesrecht\", S. 18. Hobohm zitiert aus: \"Der Islam als Alternative\" von Murad Hofmann. \u00dcbernahme des Textes (einschlie\u00dflich Klammern und Sonderzeichen) wie im Original. 66 Bundesverwaltungsgericht vom 3. Dezember 2004, Az.: 6 A 10.02. 67 Der arabische Begriff \"Waqf\" bedeutet \"fromme Stiftung\". Territorien, die in der islamischen Fr\u00fchzeit seitens der Muslime gewaltsam erobert wurden, galten von nun an als \"Stiftungsgut\" im Sinne des Islam. 54","HAMAS-Politb\u00fcrochef Khalid MASHAL hatte im Fr\u00fchjahr 2008 von seinem Exil in Damaskus verlauten lassen, dass die HAMAS einen Waffenstillstand f\u00fcr den Fall angeboten habe, dass Israel sich auf die Grenzen von 1966 zur\u00fcckziehe. Eine Anerkennung des Existenzrechts Israels sei jedoch nicht m\u00f6glich. Die HAMAS kontrolliert im Gaza-Streifen die Bildungseinrichtungen und gerichtlichen Institutionen. In ihrer Medienpropaganda setzt die Organisation zunehmend Kinder und f\u00fcr Kinder geeignete Programminhalte ein. So agieren Kinder in den Sendungen des Fernsehsenders und Satellitenkanals \"al-Aqsa TV\", den die HAMAS am 7. Januar 2006 startete, als Moderatoren und Propagandisten. Kindgerechte Stofftiere und Comicfiguren stehen h\u00e4ufig im Mittelpunkt der Beitr\u00e4ge, mit Hilfe derer die jungen Zuschauer manipuliert werden. Wie nachhaltig Kinder von den Auseinandersetzungen etwa im Gaza-Streifen beeinflusst werden, wurde in einer Studie deutlich, die die Auswirkungen der AlAqsa Intifada (Oktober 2000 bis Februar 2005) auf Kinder untersuchte. Der Studie der \"Gaza Community Mental Health Programme\" zufolge wollten 67,8 Prozent der m\u00e4nnlichen und 32,2 Prozent der weiblichen Kinder oder Jugendlichen von den 944 im Alter zwischen 10 und 19 Jahren in Interviews Befragten \"M\u00e4rtyrer\" werden.68 Diese Einstellung kann durch entsprechende Propaganda weiter verfestigt werden. In der HAMASKindersendung \"Pioniere von morgen\" tritt der Hase Assud an die Stelle \"seines Bruders\", der Biene Nahul, die als \"M\u00e4rtyrer\" in den Tod ging. Assud gelobt: \"Ich kam aus der Diaspora und trug den Schl\u00fcssel der R\u00fcckkehr. Dies ist der Schl\u00fcssel der R\u00fcckkehr. Siehst du ihn? So es Allah's Wille ist, werden wir diesen Schl\u00fcssel verwenden, um unsere Al-AqsaMoschee zu befreien. (...) So es Allah's Wille ist, sind wir die Soldaten der Pioniere von morgen. (...) Ich, Assud, werde die Juden loswerden und sie auffressen, so es Allah's Wille ist, richtig?\" 69 Die zw\u00f6lfj\u00e4hrige Moderatorin selbst besingt das M\u00e4rtyrertum: 68 Samir Qouta, PhD, Eyad el Sarraj: Prevalence of PTSD among Palestinian Children in Gaza Strip, arabpsynet journal Nr. 2, 2004, S. 10. 69 \"Al-Aqsa TV\" vom 9. Februar 2008. 55","fizierung des \"(...) M\u00f6gen all die M\u00e4rtyrer wieder auferstehen, und rtyrertums diesen Tag werden wir feiern. Sprecht denjenigen den Sieg zu, die sich selbst opfern. Dies ist deine Hochzeit, oh M\u00e4rtyrer. (...) Wir sehen die Freude in den Augen der Kinder. Oh Gaza, lass diese Freude gr\u00f6\u00dfer werden (...) Wir befreiten Gaza mit Gewalt, nicht durch Oslo oder Taba - aber mit meinem unersch\u00fctterlichen Volk und seinem lodernden Feuer.\" 70 Das jihadistische Prinzip wird auch im Programm f\u00fcr Erwachsene von dem Hamas-Abgeordneten und Geistlichen Yunis al-ASTAL vertreten: \"Sehr bald, so es Allah's Wille ist, wird Rom erobert werden, so wie es mit Konstantinopel geschah, wie es unser Prophet Muhammad prophezeit hat. Rom ist heute die Hauptstadt der Katholiken oder die Hauptstadt der Kreuzfahrer, die dem Islam die Feindschaft erkl\u00e4rt haben und die Br\u00fcder der Affen und Schweine nach Pal\u00e4stina verpflanzt haben (...). Ich glaube, dass unsere Kinder und unsere Enkel unseren Jihad und unsere Opfer erben werden, und so Allah will, werden die Befehlshaber der Eroberung aus ihren Reihen kommen (...).\" 71 Neben dem politischen Fl\u00fcgel der HAMAS existiert mit den \"Brigaden des M\u00e4rtyrers Izz ad-Din al-Qassam\"72, Kurzform \"al-Qassam-Brigaden\", ein milit\u00e4rischer Fl\u00fcgel. Er lehnt das Existenzrecht Israels kompromisslos ab. Im Jahr 2008 hat die HAMAS erstmals einger\u00e4umt, Menschen aus politischen Gr\u00fcnden gefangen zu halten. Pal\u00e4stinenserpr\u00e4sident Mahmud Abbas machte der HAMAS-F\u00fchrung zum Vorwurf, seit der gewaltsamen Macht\u00fcbernahme des Gaza-Streifens im Juni 2007 zahlreiche Mitglieder der Fatah festgenommen zu haben. Anh\u00e4nger der HAMAS wurden im Gegenzug von der Fatah in der Westbank inhaftiert.73 70 \"Al-Aqsa TV\" vom 20. September 2007. 71 \"Al-Aqsa TV\" vom 11. April 2008. 72 Izz ad-Din al-Qassam (1882 bis 1935) war ein islamistischer Prediger und Untergrundk\u00e4mpfer. 73 Focus Online vom 3. November 2008. 56","Am 19. Dezember 2008 erkl\u00e4rte die HAMAS den Waffenstillstand mit Israel offiziell f\u00fcr beendet. Ab dem 27. Dezember 2008 wurden zahlreiche Stellungen der HAMAS im Gazastreifen von israelischen Kampfflugzeugen bombardiert. Am 28. Dezember 2008 drohte Israel mit einer Bodenoffensive und traf Vorbereitungen f\u00fcr eine l\u00e4ngere Milit\u00e4roperation. Im Dezember 2008 sowie im Januar 2009 kam es anl\u00e4sslich der israelischen Milit\u00e4roffensive zu zahlreichen Demonstrationen in Deutschland, so am 2. Januar in Stuttgart, am 3. Januar in Berlin unter dem Motto \"Pal\u00e4stina in Berlin\" und am 10. Januar in Duisburg unter der \u00dcberschrift \"Stoppt den Krieg im Gaza\", letztere wurde von der \"Islamischen Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) veranstaltet. Am 8. Januar fanden pro-israelische Bekundungen in Stuttgart, am 11. Januar in Berlin, Frankfurt am Main sowie M\u00fcnchen und am 24. Januar in Bochum statt. 4.2.3 \"An-Nahda\" (\"Bewegung der Erneuerung\") Der tunesische Zweig der \"Muslimbruderschaft\" (MB), die islamistische Partei \"an-Nahda\", ist im Jahr 1989 aus der 1981 gegr\u00fcndeten Vorg\u00e4ngerorganisation \"Mouvement de la Tendence Islamique\" (\"Bewegung der islamischen Ausrichtung\") hervorgegangen. Die Partei ist seit 1991 in Tunesien verboten. Ihr F\u00fchrer Raschid al-GHANNOUSHI wurde in Tunesien in Abwesenheit mehrmals zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und leitet die Partei aus dem Londoner Exil. Aufgrund des Drucks der tunesischen Sicherheitskr\u00e4fte befinden sich zahlreiche Mitglieder der \"an-Nahda\" im Ausland. Al-GHANNOUSHI st\u00fctzt sich in seinen Schriften auf Sayyid QUTB, Hassan al-BANNA und Sayyid Abul Ala al-MAUDUDI. Durch die \u00e4gyptische MB beeinflusst, vertritt die \"an-Nahda\" die \u00dcberzeugung, dass die Souver\u00e4nit\u00e4t im Staat allein Gott zukomme. Daher sei die tunesische Gesellschaft unter den jetzigen Umst\u00e4nden eine atheistische Gesellschaft, die aufgeh\u00f6rt habe, islamisch zu sein und nicht nach den islamischen Gesetzen lebe. Die Tatsache, dass al-GHANNOUSHI eine \"islamische Demokratie\" bef\u00fcrwortet, darf nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass die \"an-Nahda\" die westliche liberale Demokratie ablehnt und eine islamische Verfassung anstrebt. Die \"an-Nahda\" ist in Baden-W\u00fcrttemberg mit Einzelmitgliedern vertreten. 4.2.4 \"Hizb ut-Tahrir\" (HuT) Die \"Hizb ut-Tahrir\" (HuT) ging 1953 aus der jordanischen \"Muslimbruderschaft\" hervor. Gr\u00fcnder war der pal\u00e4stinensische Schariatsrichter und Rechtsgelehrte Taqi ad-Din an-NABHANI. Als Grundlage der Organisation 57","dient sein Werk \"Die Lebensordnung des Islam\" (\"Nizam al-Islam\"). Zentraler Drehund Angelpunkt der Lehre bildet die Kalifatsideologie: Die Gemeinschaft aller Muslime (Umma) soll unter der F\u00fchrung eines Kalifen vereint werden. Die HuT wurde aufgrund ihrer extremistisch kompromisslosen Haltung in z Verbots zahlreichen Staaten im Westen und auch in islamisch gepr\u00e4gten Staaten veraktiv boten. Trotz des seit dem 15. Januar 2003 auch durch das Bundesministerium des Innern erlassenen Bet\u00e4tigungsverbots ist die Organisation weiterhin vor allem im deutschsprachigen Internet aktiv. Das Verbot der HuT wurde 2006 rechtskr\u00e4ftig.74 deutschsprachige Internetseite der \"Hizb ut-Tahrir\" Die HuT lehnt Regierungssysteme in islamisch gepr\u00e4gten Staaten von Nordafrika bis Zentralasien und s\u00e4kular-demokratische Staatsmodelle in westlichen L\u00e4ndern gleicherma\u00dfen ab. Beide sind nach der Vorstellung der HuT unvereinbar mit der \"Islamischen Ordnung\". Stattdessen wird ein transnational \u00fcbergreifendes Staatswesen angestrebt, das seine ideale Ausformung in einem Kalifat nach dem Vorbild der fr\u00fchen islamischen Imperien findet. Auf der HuT-eigenen Website hei\u00dft es hierzu: \"Das Kalifat ist ein einzigartiges politisches System, dessen Ideologie der Islam ist und das mit keiner der heutigen muslimischen Regierungen irgendeine \u00c4hnlichkeit aufweist.\" 75 F\u00fcr das k\u00fcnftig zu schaffende Staatswesen hat die HuT bereits einen Verfassungsentwurf ausgearbeitet und ver\u00f6ffentlicht, in dem die Kompetenzen des k\u00fcnftigen \"Kalifen\" bestimmt werden. Im Artikel 24 hei\u00dft es: 74 Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 25. Januar 2006 Az.: 6 A 6.05. 75 Hier und im Folgenden: Website der HuT vom 17. M\u00e4rz 2008. 58","\"Der Kalif ist derjenige, der die Umma in der Aus\u00fcbung der Herrschaftsmacht und der Durchf\u00fchrung des islamischen Rechts vertritt.\" Dieses Kalifat bedeutet nichts anderes als ein totalit\u00e4r strukturiertes Gemeinwesen, da dem Einzelnen keinerlei Partizipationsoder Kontrollrechte einger\u00e4umt werden. In diesem Zusammenhang ist lediglich von einer beratenden Versammlung die Rede, die ausschlie\u00dflich konsultative Kompetenzen innehat. Die Unvereinbarkeit zwischen der islamischen Ratsversammlung und dem demokratischen Rechtsstaat wird aus folgender Beschreibung der HuT ersichtlich: \"Die Ratsversammlung im Islam Majlis ash-Shura oder Majlis al-Umma -- wird von vielen Muslimen oft mit der T\u00e4tigkeit westlicher Parlamente gleichgesetzt. Dass dem nicht so ist, geht bereits aus der Tatsache hervor, dass Parlamente die gesetzgebende Institution im s\u00e4kularen Staat verk\u00f6rpern. Sie sind die praktische Umsetzung des Prinzips, dass die Gesetzgebung vom Menschen ausgeht und nicht von Gott. (...) Im Islam geht die Gesetzgebung aber bekanntlich von Gott aus. Das hei\u00dft, Er bestimmt nach welchen Gesetzen die Menschen ihr irdisches Leben richten sollen. Al-Shura -- die Beratung im Islam -- hat deswegen keine gesetzgebende, sondern lediglich eine beratende Funktion, und zwar in Dingen, die von Gott grunds\u00e4tzlich f\u00fcr erlaubt erkl\u00e4rt worden sind.\" -- 76 Als methodischen Ansatz verfolgt die HuT \u00fcberwiegend den direkten Kontakt mit potenziellen Sympathisanten durch Vortr\u00e4ge und Diskussionsforen, wobei ein Schwerpunkt im universit\u00e4ren Umfeld festzustellen ist. Wo dies aufgrund von Bet\u00e4tigungsbeschr\u00e4nkungen nicht m\u00f6glich ist, erfolgt die Ideologievermittlung prim\u00e4r \u00fcber das Internet. Durch gezielte Themenauswahl und durch einseitige Darstellungen des politischen Zeitgeschehens sollen besonders bei der j\u00fcngeren Generationen antiwestliche Ressentiments gesch\u00fcrt werden. So bezog die HuT etwa Stellung zum Ausgang der US-Wahl und bekr\u00e4ftig76 Hier und im Folgenden: Website der HuT vom 3. November 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 59","alle Lebenssysteme\" m\u00fcssten sich \"auf das gr\u00fcnden, was Allah geoffenbart\" habe. \"Kein amerikanischer Pr\u00e4sident k\u00f6nne die Ummah77 bei ihrem Ziel, Allah vermittelst der umfassenden Erf\u00fcllung des Islam zu dienen, unterst\u00fctzen.\" 4.3 Schiitische Gruppierung: \"Hizb Allah\" (\"Partei Gottes\") Gr\u00fcndung: 1982 (im Libanon) Sitz: Libanon, weltweite Verbreitung von \"Hizb Allah\"-nahen \"Gemeinden\" Mitglieder: ca. 100 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 100) ca. 900 Bund (2007: ca. 900) Publikation: t\u00e4glich aktualisierte Internetpublikationen Fernsehsender: \"al-Manar TV\" Radio: \"an-Nur\" Die \"Hizb Allah\" ist eine schiitisch-islamistische Organisation im Libanon, die seit ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1982 in vielf\u00e4ltiger Weise von politischen Entwicklungen in Iran beeinflusst wurde. Eine politische Beeinflussung durch Syrien findet ebenfalls statt. Aufgrund ihrer mannigfaltigen karitativen Projekte ist sie inzwischen nicht mehr aus der libanesischen Infrastruktur wegzudenken. Seit 1992 ist die \"Hizb Allah\" durch ihre Parlamentsabpolitische geordneten auch als politische Partei fest etabliert. Zurzeit stellt sie 14 von artei fest 128 Parlamentsabgeordneten und den Arbeitsminister in der aktuellen libatabliert nesischen Regierung. Mit gro\u00dfz\u00fcgiger finanzieller Unterst\u00fctzung durch den Iran konnte die \"Hizb Allah\" in ihren Hochburgen Infrastrukturprojekte wie Schulen, Krankenund Waisenh\u00e4user betreiben. Sie erzielte so vor allem bei der schiitischen Bev\u00f6lkerungsgruppe einen positiven R\u00fcckhalt. Die \"Hizb Allah\" \u00fcbernahm somit Funktionen, die der libanesische Staat in den letzten Jahren nicht wahrnehmen konnte. Anlass f\u00fcr die Gr\u00fcndung der \"Hizb Allah\" im Jahr 1982 war der Einmarsch israelischer Truppen zu Beginn der 80er-Jahre in den Libanon. Es wurde mit starkem iranischem Einfluss eine Miliz der \"Hizb Allah\", die \"al-Muqawama al-Islamiya\" (\"Islamischer Widerstand\"), gegr\u00fcndet. Erkl\u00e4rtes Ziel zu dieser Zeit war unter anderem die Vertreibung der Israelis aus dem Libanon. Nach dem Abzug der israelischen Armee aus dem S\u00fcdlibanon im Jahr 2000 kam die \"Hizb Allah\" in Erkl\u00e4rungsnot, warum sie immer noch einen milit\u00e4ri77 Weltweite islamische Gemeinschaft. 60","schen Fl\u00fcgel unterhielt und trotz der UNO-Resolution Nr. 1559 (2. September 2004) eine Entwaffnung ablehnt. Der Generalsekret\u00e4r der \"Hizb Allah\", Hassan NASRALLAH, ein geschickter Rhetoriker, erkl\u00e4rte am 14. August 2008 zum zweiten Jahrestag des von der \"Hizb Allah\" als \"heiliger Sieg\" gefeierten Waffenstillstands mit Israel: \"Vor wenigen Tagen, besonders nach dem Gefangenenaustausch, \u00e4u\u00dferte sich [sc. die israelische Au\u00dfenministerin] Livni dezidiert dar\u00fcber, dass ,Israel' 78 die klare Strategie f\u00e4hrt, weltweit gro\u00dfe Anstrengungen zu unternehmen, um ein Ziel zu erreichen: 'die Entwaffnung der Hizb Allah im Libanon'. Alle Libanesen m\u00fcssen die Tatsache wachsam zur Kenntnis nehmen, dass die Entwaffnung des Widerstands im Libanon ein erkl\u00e4rtes 'israelisches' Ziel ist.\" 79 Im Juli 2006 l\u00f6ste ein Angriff der \"Hizb Allah\"-Miliz auf eine israelische Milit\u00e4rpatrouille im libanesisch-israelischen Grenzgebiet kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Israel und der \"Hizb Allah\" aus, bei denen mehr als 1.200 Personen umkamen. Der Waffenstillstand wurde am 14. August 2006 geschlossen. Aus Anlass des \"Sommerkriegs 2006\" kam es in Deutschland in zahlreichen St\u00e4dten zu Demonstrationen und Kundgebungen von \"Hizb Allah\"-Anh\u00e4ngern und deren Sympathisanten. Das dabei festgestellte Mobilisierungspotenzial machte deutlich, dass die \"Hizb Allah\" \u00fcber weit mehr Sympathisanten verf\u00fcgt als die manifesten 900 Anh\u00e4nger in Deutschland. Diese Sympathisanten und Anh\u00e4nger beteiligten sich auch an verschiedenen Aktionen in baden-w\u00fcrttembergischen St\u00e4dten wie Freiburg im Breisgau, Karlsruhe, Heidelberg, Mannheim und Stuttgart. Seit der kriegerischen Auseinandersetzung mit Israel im Sommer 2006 hat die \"Hizb Allah\" sowohl innenals auch au\u00dfenpolitisch an Prestige gewonnen und ist zu einer wichtigen politischen Gr\u00f6\u00dfe im Libanon geworden. Als eines ihrer \u00fcbergeordneten Ziele gibt sie die Befreiung aller von Israel besetzten Gebiete im Libanon und in Pal\u00e4stina an. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde die \"al-Muqawama al-Islamiya\" seit dem \"Sommerkrieg 2006\" weiter aufger\u00fcstet. 78 Es ist typisch f\u00fcr Texte, die von der \"Hizb Allah\" ver\u00f6ffentlicht werden, dass Israel in Anf\u00fchrungszeichen steht. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass man die Existenz und Daseinsberechtigung dieses Staates nicht anerkennt. 79 Internetauswertung vom 28. August 2008. 61","rt M\u00e4rtyrerM\u00e4rtyreroperationen ihrer Milizion\u00e4re gelten in Kreisen der \"Hizb Allah\" erationen als eine legitime Form des Jihad im Sinne eines bewaffneten Kampfes f\u00fcr r legitim die Sache Gottes und die Religion. Die systematische Verankerung einer \"Erinnerungskultur\" an die \"M\u00e4rtyrer\" in der schiitischen Gesellschaft hat zur Folge, dass den Get\u00f6teten ein hohes Ma\u00df an sozialem Prestige zuteil wird, das sich auch auf die hinterbliebene Familie des \"M\u00e4rtyrers\" \u00fcbertr\u00e4gt. Im S\u00fcdlibanon, der \"Hizb Allah\"-Hochburg, sind ganz selbstverst\u00e4ndlich Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen nach Attent\u00e4tern benannt. Mit diesem Todeskult soll die Pflege des Mythos der \"Hizb Allah\" betrieben und der N\u00e4hrboden f\u00fcr die Rekrutierung neuer Selbstmordattent\u00e4ter geschaffen werden. Der \"Hizb Allah\" ist es gelungen, durch die Verkn\u00fcpfung von Religion und Politik einen M\u00e4rtyrerkult aufbauen und ihn f\u00fcr ihre politische Ideologie und Ziele nutzbar zu machen. Als Teil der Strategie einer professionellen \u00d6ffentlichkeitsarbeit der \"Hizb Allah\" ist die Ausstellung \"Prinzen des Sieges\" zu Ehren von \"Hizb Allah\"Selbstmordattent\u00e4tern in Tyrus zu sehen. Die Organisation hat sich zu elf Selbstmordanschl\u00e4gen offiziell bekannt. Eine Besucherin der Ausstellung \u00e4u\u00dferte sich im Sinne der \"Hizb Allah\"-Ideologie: \"Wir haben Israel mit unserem Glauben geschlagen. Unsere M\u00e4rtyrer gehen in den Tod, statt darauf zu warten, dass der Tod zu ihnen kommt.\" 80 Im Libanon wird der R\u00fcckzug der israelischen Armee aus dem S\u00fcdlibanon am 25. Mai 2000 allj\u00e4hrlich mit Gro\u00dfveranstaltungen gefeiert. Die \"Hizb Allah\" schreibt sich den R\u00fcckzug der Israelis als Sieg und eigenen Erfolg zu. Auch in den \"Hizb Allah\"-nahen Vereinen in Baden-W\u00fcrttemberg finden zu diesem Gedenktag allj\u00e4hrlich Siegesfeiern statt. Zu den Feierlichkeiten in Deutschland reisten in der Vergangenheit regelm\u00e4\u00dfig \"Hizb Allah\"-Funktion\u00e4re ein, darunter libanesische Scheichs und Parlamentsabgeordnete der \"Hizb Allah\". Der von Ayatollah Ruhollah KHOMEINI 1979 ins Leben gerufene \"alQuds-Tag\" (Jerusalem-Tag) ist in Iran ein gesetzlicher Feiertag. Am letzten Freitag im Monat Ramadan soll zur internationalen Solidarit\u00e4t der Muslime mit dem pal\u00e4stinensischen Volk aufgerufen werden. Der \"al-Quds-Tag\" wird seit 1979 weltweit begangen, auch in Berlin findet zu diesem Anlass j\u00e4hrlich eine unter anderem von \"Hizb Allah\"-Anh\u00e4ngern organisierte Demonstration statt. Dabei werden oftmals antiamerikanische und antiisraelische Paro80 \"Islamismus - Hisbollah ehrt Selbstmordattent\u00e4ter mit Ausstellung\"; WELT ONLINE vom 19. November 2008. 62","len gerufen und auf Spruchb\u00e4ndern hochgehoben. Der \"al-Quds-Tag\" fiel im Jahr 2008 auf den 26. September. Ein Tag sp\u00e4ter, am 27. September 2008, kamen zu diesem Anlass etwa 400 Personen nach Berlin, die auf ihren Plakaten Slogans wie \"Zionisten raus aus Jerusalem\", \"Israel ist eine Bedrohung f\u00fcr den Weltfrieden\", \"Keine Wiederholung der Holocaust gegen Pal\u00e4stinenser\" 81 geschrieben hatten. Am 8. Mai 2008 nahmen die \"Hizb Allah\"-Milizen mit anderen oppositioeigene Miliz nellen Kr\u00e4ften ein sunnitisches Stadtviertel in Beirut (inklusive Regierungsviertel) ein und besetzten das Geb\u00e4ude eines Fernsehsenders. Anlass f\u00fcr die bewaffneten K\u00e4mpfe soll die geplante Abl\u00f6sung eines \"Hizb Allah\"nahen Flughafenfunktion\u00e4rs durch den libanesischen Premierminister gewesen sein. Weitere Angriffe richteten sich gegen sunnitische D\u00f6rfer im Norden des Libanon und gegen drusische D\u00f6rfer im Mount Libanon westlich der Hauptstadt Beirut. Das Verhalten der \"Hizb Allah\" sorgte f\u00fcr Emp\u00f6rung im Libanon, da NASRALLAH wiederholt versichert hatte, die Waffen der \"Hizb Allah\" w\u00fcrden lediglich gegen den israelischen Feind und nicht gegen das eigene libanesische Volk gerichtet. Trotz der blutigen Ereignisse am 8. Mai wiederholte NASRALLAH am 26. Mai 2008 zum Anlass des 8. Jahrestages des R\u00fcckzugs der israelischen Armee aus dem Libanon erneut seine Behauptung: \"(...) m\u00f6chte ich im Namen der Hizb Allah bekr\u00e4ftigen, dass wir einen Artikel [sc. aus dem DohaAbkommen82] akzeptiert haben, dass keine Partei aus einer politischen Motivation heraus Waffen benutzen wird. Wie auch immer, die Waffen des Widerstands sind auf den Feind gerichtet und werden gebraucht, um das Land zu befreien, die Kriegsgefangenen zu befreien und um bei der Verteidigung des Libanons zu helfen und nicht, um irgendwelche politische Ziele zu erreichen.\" 83 81 Internetauswertung vom 28. Oktober 2008. 82 Unter Schirmherrschaft des Emirs von Katar einigten sich die libanesischen Parteien im Mai 2008 in Doha/Katar unter anderem auf die Wahl Sulaimans zum Pr\u00e4sidenten, die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit mit 11 von 30 \u00c4mtern f\u00fcr die Opposition, die damit Regierungsentscheidungen blockieren kann, sowie auf ein neues Wahlgesetz. 83 \"Wind of change blows over Lebanon\", Hassan NASRALLAH, Rede vom 26. Mai 2008 anl\u00e4sslich des 8. Jahrestags des Widerstands und der Befreiung; Internetauswertung vom 30. Oktober 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 63","Stolz bekr\u00e4ftigte NASRALLAH bei der Siegesfeier am 26. Mai 2008 ebenfalls, dass die Herrschaftsform der Wilayat al-Faqih84 seiner \u00dcberzeugung nach das ideale Staatsmodell sei, das hei\u00dft, die islamische Republik Iran fungiere in dieser Hinsicht als Vorbild: \"Viele Medien haben versucht, die Wahrheit zu verdrehen. Sie denken f\u00e4lschlicherweise, dass die 'Hizb Allah' sich f\u00fcr ihre Bindung an die Wilayat al-Faqih (...) sch\u00e4mt. Niemals! Ich erkl\u00e4re hier und jetzt, wie ich es schon zu zahlreichen Gelegenheiten vorher getan habe, dass ich stolz darauf bin, zu den Unterst\u00fctzern der Wilayat al-Faqih zu geh\u00f6ren, welche gerecht, weise, mutig, wahr und ehrlich ist.\" 85 Am 12. Februar 2008 kam Imad MUGHNIYA bei einem Attentat in Damaskus ums Leben. MUGHNIYA war jahrelang ein f\u00fchrendes Mitglied des Nachrichtendienstes der \"Hizb Allah\" und stand auf der so genannten Terrorliste des Rates der Europ\u00e4ischen Union. Er war in zahlreiche milit\u00e4rische Operationen gegen vorwiegend US-amerikanische und israelische Ziele verwickelt. So wird ihm zur Last gelegt, f\u00fcr den Bombenanschlag am 18. April 1983 auf die US-Botschaft in Beirut/Libanon verantwortlich zu sein, bei dem 63 Menschen ums Leben kamen. Er wird auch der Mitwirkung an den simultanen Autobombenanschl\u00e4gen in Beirut vom 23. Oktober 1983 bezichtigt, bei denen 58 franz\u00f6sische Soldaten und 241 US-Marinesoldaten get\u00f6tet wurden. Zudem bringt man ihn mit zahlreichen, in den 80er-Jahren erfolgten Entf\u00fchrungen von Personen aus dem Westen in Beirut in Verbindung. Die \"Hizb Allah\" macht Israel f\u00fcr die T\u00f6tung MUGHNIYAs verantwortlich und drohte mit Vergeltungsma\u00dfnahmen f\u00fcr seine Ermordung. Die Feierlichkeiten anl\u00e4sslich seines Todes machten deutlich, dass der bewaffnete Arm der \"Hizb Allah\" ein in der Anh\u00e4ngerschaft respektierter organischer Teil der Organisation ist. Der \"Hizb Allah\"-TV-Sender \"al-Manar\" (Leuchtturm) ist eine effektive Plattform f\u00fcr die Propaganda der \"Hizb Allah\". Er ist seit 1991 im Libanon lokal auf Sendung und strahlt seit 2000 rund um die Uhr weltweit sein Programm aus. In den vom Sender professionell produzierten Video-Clips wird das \"M\u00e4rtyrertum\" glorifiziert, werden die K\u00e4mpfer der \"Hizb Allah\" im besten Licht dargestellt und Spendenaufrufe f\u00fcr \"Hizb Allah\"-nahe Organi84 Arabisch. Bedeutet \"die Herrschaft der Rechtsgelehrten\" in einer Theokratie. Auf Iranisch auch: wilayet-e-faqih. 85 \"Wind of change blows over Lebanon\", Hassan NASRALLAH, Rede vom 26. Mai 2008 anl\u00e4sslich des 8. Jahrestags des Widerstands und der Befreiung, a.a.O. 64","recht abgesprochen. Die Ausstrahlung \u00fcber den Satellitenbetreiber Eutelsat wurde am 15. Dezember 2004 durch den Beschluss des obersten franz\u00f6sischen Gerichtshofs untersagt. Grund daf\u00fcr war die antiisraelische und antij\u00fcdische Propaganda von \"al-Manar\". Am 29. Oktober 2008 erlie\u00df auch das \"al-Manar\"Bundesministerium des Innern eine Verbotsverf\u00fcgung gegen diesen Sender. Verbot in Sie wurde damit begr\u00fcndet, dass \"al-Manar\" sich gegen den Gedanken der Deutschland V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richte. Zudem gef\u00e4hrde die T\u00e4tigkeit des Senders das friedliche Zusammenleben von Deutschen und Ausl\u00e4ndern, die \u00f6ffentliche Sicherheit und Ordnung und sonstige erhebliche Interessen der Bundesrepublik Deutschland. \"Al-Manar\" unterst\u00fctze, bef\u00fcrworte und rufe zur \"Gewaltanwendung als Mittel der Durchsetzung politischer und religi\u00f6ser Belange\" auf. Zudem unterst\u00fctze die Organisation \"Vereinigungen au\u00dferhalb des Bundesgebietes, die Anschl\u00e4ge gegen Personen oder Sachen veranlassen, bef\u00fcrworten und androhen.\" 86 Der Satellitensender ist jedoch weiterhin \u00fcber andere Satellitenbetreiber wie Arabsat zu empfangen. Der Programmdirektor von \"al-Manar\", Abdallah QASIR, stellte das Verbot in den Kontext einer Verschw\u00f6rungstheorie: \"Ich glaube, dass dieser Beschluss [sc. das Ergebnis einer] Irref\u00fchrung ist oder eines Sich-t\u00e4uschen-lassen-wollens auf Druck der in Europa existierenden zionistischen Lobbys hin, \u00e4hnlich wie es fr\u00fcher in Frankreich passiert ist.\" 87 Auf \"IslamOnline\", einem MB-nahen Internetportal, wurde \u00fcber das \"alManar\"-Verbot folgenderma\u00dfen berichtet: \"Dies ist nicht das erste Mal, dass proisraelische amerikanische oder j\u00fcdische Organisationen f\u00fcr ein Verbot des Senders al-Manar oder f\u00fcr ein Verbot von der Ausstrahlung von Inhalten, welche Israel kritisieren, intervenieren (...).\" Auch al-Jazeera berichtete \u00fcber das deutsche \"al-Manar\"-Verbot: \"Der Programmdirektor al-Hajj Abdallah Qasir sagte bei einem Telefoninterview, mit al-Jazeera.net, dass 86 Verbotsverf\u00fcgung zu \"al Manar TV\", Bundesministerium des Innern vom 29. Oktober 2008. 87 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 28. November 2008. 65","der deutsche Entschluss keinen juristischen Hintergrund, sondern einen politischen Hintergrund habe, und dass er auf Druck der j\u00fcdischen Lobbys zustande kam. Er f\u00fcgte hinzu, dass die Aufrufe Deutschlands zur Verteidigung des Dialogs der Kulturen hohle Phrasen seien, denn es sei das europ\u00e4ische Land, welches den Zionisten, Juden und Israel am n\u00e4chsten stehe, wegen dem, was er 'HolocaustKomplex' nennt.\" 88 Am 13. Juli 2006 zerst\u00f6rte die israelische Armee im Libanon das Hauptgeb\u00e4ude von \"al-Manar\", konnte dadurch die Ausstrahlung seines Programms jedoch nur f\u00fcr wenige Minuten unterbinden. W\u00e4hrend der kriegerischen Auseinandersetzung der \"Hizb Allah\" mit Israel wurde auf dem Sender in erster Linie Kriegspropaganda ausgestrahlt, die den Durchhaltewillen der libanesischen Bev\u00f6lkerung st\u00e4rken und die \"Erfolge\" der \"Hizb Allah\"K\u00e4mpfer hervorheben sollten. Die Misserfolge wurden hingegen systematisch verschwiegen. Auch nach dem Waffenstillstand setzte \"al-Manar\" seine mit der Ideologie der \"Hizb Allah\" durchsetzte Programmgestaltung fort. Der Sender versteht sich als Familiensender und es werden alle Altersgruppen bei der Programmgestaltung ber\u00fccksichtigt. So werden Quizsendungen, bei denen vorrangig Ereignisse der islamischen Geschichte und andere Fakten, die im Zusammenhang mit dem Islam stehen, abgefragt werden, bis hin zu politischen Diskussionssendungen ausgestrahlt. Bereits w\u00e4hrend des \"Sommerkriegs 2006\" kam es auf der Internetseite eines baden-w\u00fcrttembergischen Aktivisten zu antij\u00fcdischen \u00c4u\u00dferungen.89 Die Internetrecherche des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fchrte zu einem Strafbefehlsverfahren des Amtsgerichts Pforzheim gegen den Betreiber dieser Homepage. Da er die volksverhetzenden Eintr\u00e4ge eines anonymen Bloggers eineinhalb Jahre nicht gel\u00f6scht hatte, wurde gegen ihn am 29. Oktober 2008 rechtskr\u00e4ftig eine Geldstrafe wegen Volksverhetzung verh\u00e4ngt.90 Die \"Hizb Allah\" hat sich im europ\u00e4ischen Ausland, speziell auch in ndeckendes Deutschland, in den vergangenen Jahren weiter organisiert und eine fast fl\u00e4Netz von chendeckende Struktur aufgebaut. Die hier lebenden \"Hizb Allah\"-Anh\u00e4nnh\u00e4ngern ger verschleiern ihre Aktivit\u00e4ten. Die Beschaffung von Finanzmitteln steht dabei im Vordergrund. Die Verbindung zur \"Hizb Allah\" im Heimatland 88 W\u00f6rtlich: \"Komplex des Krematoriums\". 89 Vgl. Verfassungsschutzbericht Baden W\u00fcrttemberg 2006, S. 63f. 90 Strafbefehl des Amtsgerichts Pforzheim vom 25. Juli 2008, rechtskr\u00e4ftig seit 28. Oktober 2008, Az.: 7 Cs 92 Js 7848/08. 66","wird unter anderem durch \"al-Manar\" und diverse Internetauftritte gehalten, aber auch durch zeitweilig anwesende Funktion\u00e4re und Prediger. Ein libanesischer schiitischer Scheich und Imam musste aufgrund eines Urteils91 des Verwaltungsgerichts Freiburg vom 29. Oktober 2007 Deutschland im November 2007 verlassen, nachdem es dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg gelungen war, aufgrund von Internetrecherchen seine Zugeh\u00f6rigkeit zur \"Hizb Allah\" zu beweisen. In der Urteilsbegr\u00fcndung wurde darauf abgehoben, dass er mit seinen Aktivit\u00e4ten in Deutschland die libanesisch-schiitische Islamisten-Organisation \"Hizb Allah\" unterst\u00fctzt habe und dadurch eine Gefahr f\u00fcr die Belange der Bundesrepublik Deutschland sei. In Baden-W\u00fcrttemberg verteilen sich die etwa 100 Anh\u00e4nger der \"Hizb Allah\" auf die Regionen Freiburg im Breisgau, Mannheim und Stuttgart. In der Region Stuttgart ist der schiitische Verein \"Islamische Kulturgemeinschaft e.V. Stuttgart\" der \"Hizb Allah\" zuzuordnen. Er teilt und verbreitet die Weltanschauung der \"Hizb Allah\". Im Jahr 2008 unterblieben \u00f6ffentliche Veranstaltungen und Aktionen der Vereine in Baden-W\u00fcrttemberg. Selbst am \"al-Quds-Tag\" wurde in BadenW\u00fcrttemberg nicht \u00f6ffentlich demonstriert. 4.4 T\u00fcrkische Organisationen 4.4.1 \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) Gr\u00fcndung: 1985 als \"Vereinigung der Neuen Weltsicht in Europa e.V.\" (AMGT) 1995 Aufteilung in die beiden unabh\u00e4ngigen juristischen Personen \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) und \"Europ\u00e4ische Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgemeinschaft\" (EMUG) Sitz: Kerpen Mitglieder: ca. 3.600 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 3.600) ca. 27.500 Bund (2007: ca. 27.000) Publikation: \"IGMG Perspektive\" (zweisprachig) als monatlich erscheinende Verbandszeitschrift; als Sprachrohr dient auch die EuropaAusgabe der Tageszeitung \"Milli Gazete\" 91 Az.: 3 K 2130/07. 67","Unter den legalistischen, im Bereich des politischen Islam agierenden Organisationen in Deutschland nimmt die \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) aufgrund ihrer Mitgliederst\u00e4rke, ihrer weit reichenden Vernetzung und aufgrund des Einflusses, den sie kraft ihrer Mitgliedschaft in \u00fcbergeordneten Verb\u00e4nden aus\u00fcbt, eine herausgehobene Stellung ein. Bei ihren Anh\u00e4ngern handelt es sich zum gr\u00f6\u00dften Teil um auf Dauer in Deutschland lebende, teilweise eingeb\u00fcrgerte Zuwanderer aus der T\u00fcrkei. Die IGMG ist die dominierende Kraft im in K\u00f6ln ans\u00e4ssigen \"Islamrat f\u00fcr die Bundes - republik Deutschland\", dessen Vorsitzender Ali KIZILKAYA 2001 und 2002 das Amt des Generalsekret\u00e4rs der IGMG aus\u00fcbte. Durch diesen Verband ist die IGMG mittelbar auch im \"Koordinierungsrat der Muslime\" (KRM)92 vertreten, der sich im Verlauf der Deutschen Islamkonferenz im April 2007 konstituierte. Die Jugendorganisation der IGMG ist Vorstandsmitglied in dem von der \"Muslimbruderschaft\" dominierten und von saudischen Sponsoren gef\u00f6rderten \"Forum of Euro - pean Muslim Youth and Student Organisations\" (FEMYSO)93. Mitbegr\u00fcndet wurde diese Institution durch Ibrahim el-ZAYAT, der bis zum Jahr 2002 auch ihr Vorsitzender war; el-ZAYAT ist au\u00dferdem Generalbevollm\u00e4chtigter der \"Europ\u00e4ischen Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgesellschaft\" (EMUG), \u00fcber die der Ankauf von Liegenschaften und Geb\u00e4uden f\u00fcr Moscheevereine der IGMG und die Immobilienverwaltung abgewickelt wird. Die regionalen Aktivit\u00e4ten in Baden-W\u00fcrttemberg erstrecken sich auf die so entren in genannten B\u00f6lge (Regionen) Stuttgart, Freiburg-Donau, Schwaben (einBadenschlie\u00dflich einiger bayerischer Ortsvereine) sowie Rhein-Neckar-Saar (hierrttemberg zu geh\u00f6ren auch mehrere Ortsvereine in Rheinland-Pfalz). Seit April 2005 ist der Theologe Adem KAYA Vorsitzender des Landesverbands BadenW\u00fcrttemberg. Eigenen Angaben zufolge betreibt die IGMG auf lokaler Ebene in Deutschland mehr als 320 Moscheevereine. 92 Vertreten sind hier au\u00dfer dem \"Islamrat f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland\" die \"T\u00fcrkisch-Islamische Union der Anstalt f\u00fcr Religion\" (DITIB), der \"Zentralrat der Muslime in Deutschland\" (ZMD) und der \"Verband der Islamischen Kulturzentren\" (VIKZ). 93 1996 gegr\u00fcndet. Hinter der Gr\u00fcndung standen neben muslimischen Jugendorganisationen verschiedener europ\u00e4ischer L\u00e4nder die \"Federation of Islamic Organisations in Europe\" (FIOE) sowie die saudische \"World Assembly of Muslim Youth\" (WAMY). 68","\"Milli G\u00f6r\u00fcs\" (\"Nationale Sicht\") ist die Bezeichnung f\u00fcr eine von Prof. Dr. Necmettin ERBAKAN ausgearbeitete politische Ideologie, deren Leitlinien in der 1975 ver\u00f6ffentlichten gleichnamigen Schrift sowie in einem von ERBAKAN \u00fcberarbeiteten, 1991 publizierten Programm \"Adil D\u00fczen\" (\"Gerechte Ordnung\") dargelegt sind und die sich in der T\u00fcrkei selbst wie auch in der t\u00fcrkischen Diaspora in der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung manifestiert. Kernpunkt dieser politischen Programmatik ist die langfristig geplante Abl\u00f6sung der \"nichtigen Ordnung\" (\"batil d\u00fczen\") - im engeren Sinn der laizistischen, auf den Prinzipien Mustafa Kemal Atat\u00fcrks basierenden Staatsordnung der T\u00fcrkei, im weiteren Sinn s\u00e4mtlicher nicht auf einer islamischen Ordnung basierender politischer Systeme - durch die sich auf den Koran gr\u00fcndende einzig legitime \"wahre/g\u00f6ttliche Ordnung\" (\"hak d\u00fczen\"). Weitere Leitprinzipien der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" bestehen in einer F\u00fchrungsrolle der T\u00fcrkei in der Region und in der gesamten Welt, wie sie im von ERBAKAN gepr\u00e4gten Slogan \"Lebenswerte T\u00fcrkei - Neue Gro\u00df-T\u00fcrkei - Neue Welt\" zum Ausdruck kommt, einer Vorreiterrolle von [islamischer] \"Moral und spirituellen Werten\", einer dezidierten Anti-Haltung gegen\u00fcber dem \"rassistischen Imperialismus\" 94 und dem \"Zionismus\" sowie dem Anspruch, \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" als Mittel zur \"Gl\u00fcckseligkeit\" (saadet) der gesamten Menschheit zu etablieren. Tr\u00e4gerin der politischen Ideologie der Bewegung ist die \"Saadet Partisi\" (SP, \"Partei der Gl\u00fcckseligkeit\") als bislang letzte der von ERBAKAN jeweils in Folge gegr\u00fcndeten \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Parteien95. Diese Partei sowie die derzeitige Regierungspartei der T\u00fcrkei, \"Adalet ve Kalkinma Partisi\" (AKP, \"Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Entwicklung\") sind beide aus den rivalisierenden Fl\u00fcgeln der Vorg\u00e4ngerpartei \"Fazilet Partisi\" (FP, \"Tugendpartei\") hervorgegangen. Obgleich aufgrund eines f\u00fcr ERBAKAN verh\u00e4ngten Politikverbots96 die F\u00fchrung der SP nicht l\u00e4nger in dessen H\u00e4nden liegt, wird dem \"Milli 94 Die wesentlichen Protagonisten dieses \"rassistischen Imperialismus\" werden nach ERBAKAN durch die Vereinigten Staaten von Amerika, die Europ\u00e4ische Union wie auch den Internationalen W\u00e4hrungsfonds verk\u00f6rpert. 95 \"Milli Nizam Partisi\" (MNP, 1970-1971), \"Milli Selamet Partisi\" (MSP, 1973-1981), \"Refah Partisi\" (RP, 1983-1998), \"Fazilet Partisi\" (FP, 1997-2001). Au\u00dfer der MSP, die nach dem Putsch von 1981 per Gesetz aufgel\u00f6st wurde, wurden die vorgenannten \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Parteien jeweils wegen Versto\u00dfes gegen die Prinzipien der laizistischen Republik verboten. 96 Im April 2008 wurde ERBAKAN aufgrund eines Verfahrens im Bereich der Wirtschaftskriminalit\u00e4t zu einer Haftstrafe von 2 Jahren und 4 Monaten verurteilt, die zun\u00e4chst in einen 11-monatigen Hausarrest mit gleichzeitigem Politikverbot und Wahlrechtsentzug umgewandelt wurde. Im weiteren Verlauf wurde ERBAKAN durch den t\u00fcrkischen Staatspr\u00e4sidenten begnadigt. 69","G\u00f6r\u00fcs\"-Begr\u00fcnder innerhalb der Anh\u00e4ngerschaft nach wie vor eine herausragende Position zugemessen, wie einer Kolumne eines SP-Politikers im Sprachrohr97 der Bewegung, der \"Milli Gazete\", zu entnehmen ist: herrlichung \"Hodscha Erbakan ist der glaubensk\u00e4mpferische BAKANs (m\u00fccahit) Sohn dieser Umma. Durch seine Haltung zeigt er, wessen Sunna er angesichts der auf ihn einst\u00fcrzenden Plagen folgt. Was k\u00f6nnte man auch anderes von einem Mann der Mission (dava adami) erwarten, der sich die Leiden der Umma des Heiligen Propheten zum Beispiel nimmt (...)?\" 98 Neben der \"Saadet Partisi\" fungieren weitere Institutionen als Tr\u00e4ger der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Ideologie, so das \"Zentrum f\u00fcr Wirtschaftsund Sozialforschung\" (ESAM, \"Ekonomik ve Sosyal Arastirmalar Merkezi\") in Ankara, welches im Oktober 2006 erstmals ein internationales \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Symposium veranstaltete, bei dem der universelle Anspruch der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" wie auch die Gegnerschaft gegen\u00fcber dem \"rassistischen Imperialismus\" bekr\u00e4ftigt wurde. Der im Jahr 1998 gegr\u00fcndete \"Anadolu Genclik Dernegi\" (AGD, \"Verband der Anatolischen Jugend\") 99 erf\u00fcllt in der T\u00fcrkei gleichsam die Funktion einer Jugendorganisation der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\". Im Bereich der Medien wird die Ideologie der Bewegung durch die formal unabh\u00e4ngige, jedoch in vielf\u00e4ltiger Hinsicht personell und strukturell mit der IGMG verbundene Tageszeitung \"Milli Gazete\"100, mit der manche Websites von IGMG-Vereinen verlinkt sind101, und durch den TV-Sender \"TV 5\"102 transportiert und verbreitet. Die Aufgabe der \"Milli Gazete\" charakterisierte ein Kolumnist wie folgt: \"Milli Gazete dient nicht nur der Milli G\u00f6r\u00fcsGemeinde, sondern der ganzen Menschheit zum Nutzen (...) In ihrer Gesamtheit handelt Milli Gazete nach der Richtlinie der Milli G\u00f6r\u00fcs-Mission, an die sie glaubt und der sie sich verschrieben hat, und verteidigt diese.\" 103 97 Wertung des VGH Baden-W\u00fcrttemberg in einem klageabweisenden Urteil vom 22. Juli 2008 in einem Einb\u00fcrgerungsverfahren (AZ 13 S 2613/03). 98 \"Milli Gazete\" vom 28. Juni 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 99 Vorl\u00e4ufer war die \"Stiftung Nationale Jugend\" (\"Milli Genclik Vakfi\"). Die Website der AGD ist unter anderem mit \"TV 5\" und \"Milli Gazete\" verlinkt. 100 Die fr\u00fcheren Vorsitzenden der IGMG Osman YUMAKOGULLARI und Dr. Yusuf ISIK waren auch zeitweilige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der \"Milli Gazete\". 101 Zum Beispiel: Websites der IGMG Schorndorf und Germersheim (Jugendabteilung); Internetauswertung vom 24. November 2008. 102 Im April 2008 ging \"TV 5\" mit einem internationalen Format \"TV 5-INT\" auf Sendung, das \u00fcber T\u00fcrkSat empfangen werden kann. 70 103 \"Milli Gazete\" vom 20. Oktober 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung.","Am 26. Oktober 2008, dem Tag des 3. Gro\u00dfen Ordentlichen Kongresses der SP in Ankara, vollzog sich an der Parteispitze ein Generationenwechsel: Auf den bisher amtierenden Generalvorsitzenden Recai KUTAN, der sein Amt niederlegte, folgte der bereits seit geraumer Zeit als \"Kronprinz\" ERBAKANs gehandelte Prof. Dr. Numan KURTULMUS104, dem eine IGMG-Delegation unter F\u00fchrung des Generalvorsitzenden Yavuz Celik Prof. Dr. Numan KURTULMUS KARAHAN kurz nach der \u00dcbernahme des Parteivorsitzes einen Besuch in der Parteizentrale in Ankara abstattete105 und der schon mehrfach bei Veranstaltungen der IGMG in Deutschland aufgetreten ist.106 Auf diesem Kongress bekr\u00e4ftigte ERBAKAN vor den Kongressteilnehmern, dass der \"rassistische Imperialismus\" die Welt ausbeute und die L\u00f6sung hierf\u00fcr ausschlie\u00dflich in der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" liege.107 Der neue Vorsitzende KURTULMUS bezeichnete in seiner Rede \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" als \"universelles Zivilisationsprojekt\". Auf den Zusammenbruch des [politischen] Herrschaftssystems der Welt werde nun die \"Zeit der Barmherzigkeit\" (rahmet) folgen, womit er auf eine an den Prinzipien des Islam orientierte Weltordnung anspielte. Ein Kolumnist der \"Milli Gazete\" hatte bereits im Vorfeld des Parteikongresses geschrieben: \"Der Brand, den die Imperialisten in der islamischen Welt entfacht haben, verbrennt weiterhin (...) auch die T\u00fcrkei. Nahezu jeder, der in diesem Land lebt, wei\u00df, woher die Gefahr weht und sucht nach einem sch\u00fctzenden Hafen. Diesen sch\u00fctzenden Hafen bildet die j\u00fcngste Vertreterin der Milli G\u00f6r\u00fcs, die Saadet Partisi.\" 108 Die mannigfaltigen Verflechtungen der IGMG mit den t\u00fcrkischen Repr\u00e4\"Milli Gazete\" sentanten der \"Milli Gazete\" treten in zahlreichen Interaktionen zutage: Sprachrohr Was die Aktivit\u00e4ten der \"Milli Gazete\" als Sprachrohr der IGMG angeht, so der IGMG war Heilbronn im April 2008 Schauplatz eines \"Nationalen Pressetags\", bei 104 Absolvent der Fakult\u00e4t f\u00fcr Betriebswirtschaft der Universit\u00e4t Istanbul (1982); KURTULMUS soll laut einem Bericht in Milliyet (Online) vom 26. Mai 2005 \u00fcber beachtliche Unterst\u00fctzung auch in Kreisen der regierenden AKP verf\u00fcgen. 105 \"Milli Gazete\" vom 25. November 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 106 So war KURTULMUS laut Ausgabe der \"Milli Gazete\" vom 29. Juli 2008 Teilnehmer beim \"Familientag\" der IGMG Hannover, wo er Auszeichnungen an die erfolgreichsten IGMG-Vereine in der Region verlieh. Auch beim \"Studententag\" der IGMG in Hagen am 31. M\u00e4rz 2007 befand sich KURTULMUS unter den Gastrednern (\"Islamische Zeitung\" vom 18. April 2007). 107 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 29. Oktober 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 108 \"Milli Gazete\" vom 21. Oktober 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 71","dem neben ehrenamtlich f\u00fcr die \"Milli Gazete\" t\u00e4tigen lokalen Korrespondenten deren bekannter Kolumnist Ekrem KIZILTAS sowie regionale IGMG-Funktion\u00e4re anwesend waren und in dessen Verlauf zahlreiche neue Abonnenten gewonnen worden sein sollen.109 Gemeinsame Arbeitstagungen von IGMG und \"Milli Gazete\" verdeutlichen die enge Verzahnung. So kamen ebenfalls im April 2008 die Pressebeauftragten sowie die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Zeitung zu einem Meinungsaustausch zwecks einer qualitativen Verbesserung der Zeitung in der IGMG-Zentrale in Kerpen zusammen. An dieser Versammlung soll auch der Theologe und P\u00e4dagoge Dr. Yusuf ISIK - ein ehemaliger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der \"Milli Gazete\" und zeitweiliger IGMG-Chef - teilgenommen und \u00fcber \"Vergangenheit und Gegenwart der t\u00fcrkischen Presse in Europa\" referiert haben. Thema sei auch hier die Er\u00f6rterung der Qualit\u00e4tssteigerung und der Abonnentenzahlen gewesen.110 Sch\u00fcler des Bildungszentrums der Mainzer BarbarosMoschee besuchten das Redaktionsgeb\u00e4ude der \"Milli Gazete\" in Frankfurt, wobei sie die Bedeutung der Unterst\u00fctzung und der Abonnentenwerbung f\u00fcr die \"Milli Gazete\" betont haben sollen, stehe diese Publikation doch \"stets auf Seiten des Wahren, Guten, Sch\u00f6nen, N\u00fctzlichen und Gerechten\" und sei \"Gegnerin des Falschen, Schlechten, H\u00e4sslichen, Sch\u00e4dlichen und Tyrannischen\".111 Der Beitrag der \"Milli Gazete\" zu \"positiver Integration\" sei \"eine Tatsache\", und die Kursteilnehmer w\u00fcnschten sich \"eine Fortsetzung ihrer politischen Linie\". Die Jugendabteilung des Frauenverbands der IGMG Baden-W\u00fcrttemberg besuchte bei einem T\u00fcrkeiaufenthalt die \"Milli Gazete\"-Redaktion in Istanbul. Der Generaldirektor empfing die G\u00e4ste mit den Worten, der Mensch m\u00fcsse sich unbedingt auf die Seite des Richtigen (Wahren - hak) stellen und erl\u00e4uterte anhand von historischen Beispielen ganz im Sinne der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Ideologie den Kampf zwischen dem Wahren (hak) und dem Nichtigen (batil), wobei er bekr\u00e4ftigte, dass \"Milli Gazete auf der Seite des Rechts, der Wahrheit und des Volkes\" stehe.112 ERBAKAN selbst bezeichnete laut einer Kolumne von Afet ILGAZ bei einer Gespr\u00e4chsveranstaltung in der T\u00fcrkei die \"Milli Gazete\" als \"die einzig [sc. wahre] Zeitung\", weswegen es \"sehr wichtig und willkommen\" sei, f\u00fcr dieses Blatt zu schreiben.113 tagonisten Auch die Auftritte t\u00fcrkischer Protagonisten der \"Milli-G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung Milli G\u00f6r\u00fcs\"bei Veranstaltungen der IGMG, die einerseits die Bindung der IGMGewegung Klientel an das Mutterland sicherstellen und andererseits der Identit\u00e4tsvergewisserung dienen, verdeutlichen und verfestigen die Beziehungen zwischen beiden. Prof. Dr. Arif ERSOY, Mitglied des SP-Vorstands, Generalse109 \"Milli Gazete\" vom 17. April 2008. 110 \"Milli Gazete\" vom 23. April 2008. 111 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 17. April 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 112 \"Milli Gazete\" vom 20. M\u00e4rz 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 113 \"Milli Gazete\" vom 6. Oktober 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 72","kret\u00e4r des ESAM und einer der namhaften \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Ideologen, trat im Fr\u00fchjahr 2008 bei der IGMG Hessen im Rahmen einer Reihe \"Konferenzen der Besinnung\" mit einem Vortrag zu dem die Sph\u00e4re des Religi\u00f6sen weit \u00fcberschreitenden Thema \"Der Blick des Islam auf Sozialstaat und Wirtschaft\" 114 auf. Im Mai 2008 war der ehemalige Justizminister unter dem 1996/97 amtierenden Ministerpr\u00e4sidenten ERBAKAN, Sevket KAZAN, Gast bei der Buchmesse der IGMG Stuttgart115 sowie beim Basar der IGMG Waiblingen.116 Ende Juni 2008 trat KAZAN erneut bei einer Saisonabschlussveranstaltung der IGMG-Region Stuttgart unter dem Motto \"Tag der Br\u00fcderlichkeit und Solidarit\u00e4t\" in Esslingen als Gastreferent auf, wobei er die Historie der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung skizzierte und anschlie\u00dfend verdiente Funktion\u00e4re mit Plaketten auszeichnete.117 Nachdem sich im April 2007 im Zuge der Islamkonferenz der Bundesregierung vier gro\u00dfe islamische Dachverb\u00e4nde zum \"Koordinierungsrat der Muslime\" (KRM)118 zusammengeschlossen hatten, zeigte die Ann\u00e4herung dieser bisher weitgehend separat agierenden Verb\u00e4nde auch im regionalen Bereich ihre Auswirkungen. In Esslingen wurde aus Anlass der Prophetengeburt Anfang April 2008 eine gemeinsame Veranstaltung von IGMG, t\u00fcrkischen Nationalisten (T\u00fcrk Federasyon)119 sowie zwei der DITIB zugeh\u00f6rigen Moscheen durchgef\u00fchrt.120 Im Bereich der IGMG Rhein-Neckar-Saar gab es aus demselben Anlass in Saarbr\u00fccken und Bischofsheim/Hessen gemeinsame Veranstaltungen von IGMG, DITIB und dem \"Verband der Islamischen Kulturzentren\" (VIKZ).121 Der Auftritt des Hamburger \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Funktion\u00e4rs und Vorsitzenden der dortigen SCHURA122, Mustafa YOLDAS, bei einer von Anh\u00e4ngern der \"T\u00fcrkischen Hizbullah\"123 organisierten Gedenkveranstaltung zur Geburt des Propheten, die auf einer eindeutigen Verlautbarungsplattform dieser Organisation kommuniziert wurde124, weckt Zwei114 Anzeige in \"Milli Gazete\" vom 10. April 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 115 \"Milli Gazete\" vom 7. Mai 2008. 116 \"Milli Gazete\" vom 16. Mai 2008. 117 \"Milli Gazete\" vom 30. Juni 2008. 118 DITIB, \"Islamrat f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland\", \"Zentralrat der Muslime in Deutschland\" und \"Verband der Islamischen Kulturzentren\" (VIKZ). 119 AD\u00dcTDF, \"Avrupa Demokratik \u00dclk\u00fcc\u00fc T\u00fcrk Dernekleri Federasyonu\" (\"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Europa\"), auch als \"Graue W\u00f6lfe\" bekannt. 120 \"Milli Gazete\" vom 3. April 2008. 121 \"Milli Gazete\" vom 12. April 2008. 122 \"Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg\", seit 1999 bestehender Zusammenschluss. 123 Anfang der 80er-Jahre in Diyarbakir gegr\u00fcndete kurdische sunnitisch-islamistische Organisation, die die Errichtung eines unabh\u00e4ngigen islamischen kurdischen Staates nach iranischem Vorbild anstrebt. Sowohl innerhalb rivalisierender Fl\u00fcgel der Organisation als auch in Auseinandersetzungen mit der PKK, mit Abweichlern und mit Erpressungsopfern kam es zu massiver Gewaltanwendung. Nach umfangreichen Polizeioperationen in den Jahren 2000 bis 2002 setzten sich zahlreiche Anh\u00e4nger ins Ausland ab, w\u00e4hrend es in der T\u00fcrkei zu Massenprozessen kam. Vgl. \"Wachsender Einfluss der Hizbullah in Batman\", NZZ vom 29. Dezember 2006. 124 Internetauswertung vom 23. April 2008. 73","fel einer dezidierten Abgrenzung der legalistisch agierenden IGMG von Gruppierungen, die - zumindest was deren Agieren im Heimatland betrifft - dem gewaltbereiten Islamismus zuzurechnen sind. Auch im Jahr 2008 f\u00fchrte die IGMG Gro\u00dfveranstaltungen von \u00fcberregionaler Bedeutung durch. Am 31. Mai 2008 fand im belgischen Hasselt der traditionelle \"Tag der Br\u00fcderlichkeit und Solidarit\u00e4t\" statt, an dem nach Angaben der IGMG rund 25.000 Anh\u00e4nger teilgenommen haben sollen. Neben zahlreichen Funktion\u00e4ren der Organisation waren zu dieser Veranstaltung auch ausl\u00e4ndische G\u00e4ste wie das geistige Oberhaupt der bosnischen Muslime und Gr\u00fcndungsmitglied des \"European Council for Fatwa and Research\" (ECFR), Prof. Dr. Mustafa CERIC125, Repr\u00e4sentanten aus Algerien, Pakistan und Indonesien sowie der Vorsitzende des \"Islamrats f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland\", Ali KIZILKAYA, geladen. Seitens der Bildungskommission der IGMG sollen bei dieser Veranstaltung Bildungsangebote und Unterrichtsmaterialien in Form einer Ausstellung pr\u00e4sentiert worden sein. IGMGGeneralsekret\u00e4r Oguz \u00dcC\u00dcNC\u00dc \u00e4u\u00dferte sich zur Zielsetzung seiner Organisation und zur Einsch\u00e4tzung von deren Rechtm\u00e4\u00dfigkeit wie folgt: \"Als religi\u00f6se Gemeinschaft von Muslimen ist es das Ziel unserer Gr\u00fcndung, im Lichte von Koran und Sunna unsere Religion richtig zu verstehen, sie auf unser Leben anzuwenden und sie in unserem Umfeld bekannt zu machen. Die Gebote der islamischen Religion unter diesem Aspekt zu befolgen, widerspricht weder den Rechtsordnungen der L\u00e4nder, in denen wir leben, noch f\u00f6rdert dies die Entstehung von Parallelgesellschaften; ganz im Gegenteil: Die Bem\u00fchung, unsere Religion zu leben, ist die deutlichste Auspr\u00e4gung der im \u00dcbrigen durch die Verfassungen gesch\u00fctzten Religionsfreiheit.\" 126 Dass das Leben der Muslime g\u00e4nzlich nach islamischen Vorgaben auszurichten sei, verdeutlichte der IGMG-Generalvorsitzende Yavuz Celik KARAHAN in seinem Redebeitrag mit den Worten: 125 1974-1978 Stipendiat der Al-Azhar-Universit\u00e4t in Kairo, wo CERIC Theologie und Philosophie studierte; 1978 Promotion in Chicago; Lehrt\u00e4tigkeit an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Islamische Wissenschaften in Sarajewo sowie der Islamischen Universit\u00e4t Malaysia in Kuala Lumpur. 126 \"Milli Gazete\" vom 2. Juni 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 74","\"Unser Grundprinzip ist unsere islamische Identit\u00e4t. Eine Bewegung, die ihre islamische Identit\u00e4t nicht in den Vordergrund r\u00fcckt, kann nicht nur die Muslime nicht repr\u00e4sentieren, sondern sie ger\u00e4t bei jedem aufkommenden Wind ins Schwanken (...) Wenn wir uns anderen Menschen pr\u00e4sentieren, m\u00fcssen wir dies in der Weise tun, dass Allah und sein Gesandter damit zufrieden sind und nicht die Menschen. Unsere irdischen Angelegenheiten m\u00fcssen wir im Bewusstsein der Umma gestalten. Als Muslime m\u00fcssen wir das Bewusstsein daf\u00fcr entwickeln, dass es unsere wichtigste Eigenschaft ist, Andacht \u00fcbende Menschen zu sein. Als Muslime richten wir ohnehin unser gesamtes Leben nach den Gebetszeiten aus. Aus diesem Grund m\u00fcssen wir das Bewusstsein, Diener [sc. Allahs] zu sein, in uns verankern.\" 127 Zu den Merkmalen der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung geh\u00f6rt das unter den Anh\u00e4ngern verbreitete Bewusstsein, Angeh\u00f6rige einer auserw\u00e4hlten Gemeinschaft zu sein, denen die Aufgabe zukommt, die eigene \"Mission\" anderen Menschen nahe zu bringen. Dieses Ziel formulierte ein SP-Politiker wie folgt: \"Die Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung ist aufgrund ihres Anspruchs eine sehr gro\u00dfe und fundierte Bewegung. Ihr anzugeh\u00f6ren hei\u00dft, bereit zu sein, sein Leben f\u00fcr ein hohes Ziel zu opfern. Es hei\u00dft, die Tugend zu besitzen, das Diesseits und die darin befindlichen Wohltaten mit einer Handbewegung wegfegen zu k\u00f6nnen (...).\" 128 Menschen heranzubilden, die diesem Ideal eines \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Muslims entsprechen und die ihr Leben an den Richtlinien der Religion orientieren, ist oberstes Ziel der von der IGMG betriebenen intensiven Bildungsarbeit. Hier werden die konstitutiven Elemente der Ideologie ebenso vermittelt wie spezifische Elemente der islamischen Identit\u00e4t. \"Warum Milli 127 Homepage der IGMG vom 4. Juni 2008 sowie \"Milli Gazete\" vom 2. Juni 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 128 \"Milli Gazete\" vom 28. Juni 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 75","G\u00f6r\u00fcs?\"129, \"Missionsbewusstsein\", \"Grundprinzipien der Milli G\u00f6r\u00fcs\"130 lauten exemplarisch die Titel von Seminaren, die im Jahr 2008 f\u00fcr Jugendliche in Enzweihingen und Tuttlingen abgehalten wurden. Themen wie \"Verhalten des Propheten zu den Mitmenschen\"131, \"Die Erziehungsmethode des Propheten\"132, \"Die Beziehungen des Propheten Muhammad zu den Nichtmuslimen\"133 wurden in Schulungen in Freiburg im Breisgau, M\u00fcnchen und Kerpen abgehandelt. Das \"Bewusstsein der Dienerschaft des Muslims gegen\u00fcber Allah\" war Thema eines Seminars f\u00fcr angehende Funktion\u00e4re im Herbst 2008.134 Bei dieser Veranstaltung sei \u00fcber die \"Gro\u00dfartigkeit der Wohltat des Glaubens\" gesprochen worden und davon, dass \"die Jugendlichen, die Tr\u00e4ger dieses Glaubens\" seien, \"nicht gelenkt werden, sondern selbst Lenkende sein\" sollten. Die f\u00fcr den Islamismus charakteristische idealisierte Betrachtung der islamischen Fr\u00fchzeit ist auch bei Veranstaltungen der IGMG zu beobachten; so bilden Vortr\u00e4ge oder Pr\u00e4sentationen zum Thema \"Asr-i Saadet\" (\"Zeitalter der Gl\u00fcckseligkeit\")135 h\u00e4ufig einen Bestandteil des Programms.136 Dies zeigt, dass auch in einer legalistischen islamistischen Organisation salafitische Tendenzen Anklang finden k\u00f6nnen. Dadurch entstehen auch Ankn\u00fcpfungspunkte und \u00dcberschneidungsbereiche f\u00fcr die eingangs beschriebenen, strengeren r\u00fcckw\u00e4rts gewandten Vorstellungen. ologische Der ideologischen Festigung dienen auch von den Jugendverb\u00e4nden orgaestigung nisierte T\u00fcrkeiaufenthalte. Eine Jugendgruppe aus Freiburg im Breisgau, die im Mai 2008 in die T\u00fcrkei reiste, besuchte die Generalzentrale der \"Saadet Partisi\" in Ankara, wo sie vom Bildungskoordinator der SP-Zentrale in einem Vortrag auf die \"Grundprinzipien der Gl\u00fcckseligkeit[spartei]\" eingeschworen wurde. Thematisiert wurden dabei auch die \"Beschaffenheit eines 'Milli G\u00f6r\u00fcs'-Mannes\" und die \"Wichtigkeit der Einheit von Gedanken, Worten und Taten f\u00fcr den Erfolg der Mission\".137 Den H\u00f6hepunkt bildete der Empfang der Gruppe durch \"Hodscha ERBAKAN\", der die Eigenschaft 129 \"Milli Gazete\" vom 17. Januar 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung 130 \"Milli Gazete\" vom 19. Februar 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 131 \"Milli Gazete\" vom 9. Januar 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 132 \"Milli Gazete\" vom 28. Februar 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 133 \"Milli Gazete\" vom 10. M\u00e4rz 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 134 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 8. November 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 135 Die zum \"Goldenen Zeitalter\" stilisierte Lebensphase des Propheten sowie seiner Zeitgenossen und seiner unmittelbaren Epigonen. 136 Pr\u00e4sentationen dieser Art gab es unter anderem bei Veranstaltungen zur Prophetengeburt in Aalen (\"Milli Gazete\" vom 16. April 2008) und Esslingen (\"Milli Gazete\" vom 3. April 2008), einem Programm zum Fastenbeginn in Aalen (\"Milli Gazete\" vom 23. September 2008) und einer Iftar-Veranstaltung in Endersbach (\"Milli Gazete\" vom 24. September 2008). 137 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 19. Mai 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. Bei dem erw\u00e4hnten \"Scheich Mahmut\" handelt es sich mutma\u00dflich um den ERBAKAN-Vertrauten Mahmut USTAOSMANOGLU, auf dessen Veranlassung hin 1983 die Gr\u00fcndung der \"Rafah Partisi\" (RP, Wohlfahrtspartei) erfolgte. 76","des \"bewussten Muslim\" heraushob und die Quelle der Gl\u00fcckseligkeit als im Islam begr\u00fcndet beschrieb. Muslime, so ERBAKAN, seien \"Menschen, die sich den Befehlen Allahs und seines Gesandten unterwerfen\". Zum Schluss wurde die Gruppe von einem Naqshbandi-Scheich138 in Istanbul empfangen, der ERBAKAN nahe steht. In internen Fortbildungsseminaren der IGMG werden Funktion\u00e4re der interne Organisation ideologisch geschult. Die konservative Ausrichtung der hier ideologische vermittelten Inhalte kann anhand eines internen Fortbildungsseminars in Schulungen der Region K\u00f6ln139 verdeutlicht werden, bei dem nach einem Vortrag zum Thema \"Grundprinzipien der Organisation\" der Vorsitzende der Region K\u00f6ln sich unter Einbeziehung des Da'wa140-Aspekts des Islam folgenderma\u00dfen \u00e4u\u00dferte: \"In der Religion gibt es keine Reform. Allenfalls kann es darum gehen, Praktiken der Vergangenheit wieder ans Tageslicht zu bringen. Dies kann aber nicht 'Reform' genannt werden, sondern 'Wiederauffrischung' (islah). Wo ein unstrittiger Text vorhanden ist, kann es keine Fatwa 141 geben. Das diesseitige wie das jenseitige Leben von Menschen, die die Religion nicht richtig praktizieren, kann nicht gut sein. Unser Sch\u00f6pfer, Allah der Erhabene, zeigt uns ohnehin unseren Weg, indem er sagt, dass man diejenigen Menschen, die einen Propheten in den Rang Gottes erheben, durch sch\u00f6ne Worte ermahnen solle.\" 142 Hodschas, die zu Vortragszwecken bei der IGMG eigens aus der T\u00fcrkei anreisen, ermutigen die Landsleute, in jeglicher Hinsicht f\u00fcr die St\u00e4rkung des Islam in Deutschland einzutreten. In Hameln bezeichnete Hodscha Mahmut TOPTAS143 Moscheen [in Deutschland] als \"bleibendes islamisches Siegel\".144 Die Religion zu leben und zu sch\u00fctzen, Beispiel zu geben und andere Menschen den Islam zu lehren, verhindere, dass man \"assimiliert werde\". Den ausl\u00f6senden Faktor f\u00fcr 138 Der Naqshbandia-Orden ist als spirituelle Quelle der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung zu verstehen. 139 \"Milli Gazete\" vom 12. Februar 2008. 140 Einladung/Aufforderung, den Islam anzunehmen, hier in Bezug auf die aus islamischer Sicht einer \"verf\u00e4lschten\" Religion anh\u00e4ngenden Christen. 141 Islamisches Rechtsgutachten, das von einem hierzu befugten Gelehrten erstellt wird. 142 \"Milli Gazete\" vom 12. Februar 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 143 TOPTAS ist sowohl h\u00e4ufiger Referent bei der IGMG (2008 unter anderem in Hamm, Hameln, Hanau, Walldorf, N\u00fcrnberg, Backnang) als auch Kolumnist der \"Milli Gazete\". 144 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 14. Februar 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 77","Straftaten meint TOPTAS in den europ\u00e4ischen Gesellschaften auszumachen. Er unterstellt, die \"erste und zweite Generation\" sei [noch] \"im Sinne der islamischen Moral, die dritte jedoch in der europ\u00e4ischen Moral\" erzogen worden, was TOPTAS zu der Schlussfolgerung f\u00fchrt: \"Wo es keinen Islam gibt, gibt es keinen Frieden.\" Der Tatsache, dass antij\u00fcdische oder antisemitische \u00c4u\u00dferungen, wie sie in ERBAKANs Rhetorik anzutreffen sind, in Europa nur abtr\u00e4glich sein k\u00f6nnen, ist man sich in IGMG-F\u00fchrungskreisen bewusst. Entsprechende Vorkommnisse sind dennoch festzustellen, wie im Fall des Vorsitzenden der \"Islamischen F\u00f6deration Wien\"145, der am 26. Januar 2008 in Wien bei einer tij\u00fcdische Demonstration unter dem Motto \"Gaza muss leben\" eine \"flammende Rede \u00dferungen gegen Juden\" gehalten und dabei die Bedeutung des \"Jihad gegen Israel\" betont haben soll.146 Auch der in IGMG-Kreisen gesch\u00e4tzte Autor Mustafa ISLAMOGLU147, dessen Schriften zum Teil in deutscher Sprache vorliegen148, konkretisiert in seiner erstmals 1995 und 2006 bereits in 15. Auflage erschienenen Schrift \"Yahudilesme Temay\u00fcl\u00fc\" (\"Die Tendenz, im Charakter j\u00fcdisch zu werden\")149 die religi\u00f6s begr\u00fcndete Abwertung alles \"J\u00fcdischen\" anhand der These, die gr\u00f6\u00dfte Katastrophe, die der muslimischen Weltgemeinschaft (Umma) drohe, sei darin zu erblicken, dass diese \"tendenziell einen j\u00fcdischen Charakter annehme\". Der Prozess des \"J\u00fcdischwerdens\" sei insgesamt ein Prozess der \"Verf\u00e4lschung\", die Neigung zu einer \"Perversion\", mithin ein Synonym f\u00fcr die Abweichung vom rechten Weg. ISLAMOGLU erblickt darin eine \"von Ewigkeit her bestehende Krankheit der Menschheit\", die sich in ihrer gesamten Dimension in der Pers\u00f6nlichkeit des j\u00fcdischen Stammes manifestiere. Das \"J\u00fcdischwerden\" sei eine \"globale, zeitlich unbegrenzte Krankheit des Glaubens\", die im Korantext an zahlreichen Stellen im Sinne einer Warnung erw\u00e4hnt werde. Die von der IGMG angebotenen Ferienkurse, insbesondere die Sommerkurse, verfolgen das Ziel, den Nachwuchs von Anfang an in die Organisa145 Bei der \"Avusturya Islam Federasyonu\" (AIF, \"Islamische F\u00f6deration in \u00d6sterreich\") handelt es sich um den \u00f6sterreichischen Zweig der IGMG. 146 Internetauswertung vom 24. Oktober 2008. 147 Absolvent des Y\u00fcksek Islam Enstit\u00fcs\u00fc (Islamische Hochschule), Studium an der Shari'a-Fakult\u00e4t der AlAzhar-Universit\u00e4t Kairo. ISLAMOGLU trat Anfang 2007 bei einer Gespr\u00e4chsveranstaltung der IGMGJugend Bayern-S\u00fcd in Ingolstadt anl\u00e4sslich des Hijra-Neujahrs (\"Milli Gazete\" vom 6. Februar 2007), im Mai 2004 beim \"Familientag\" der IGMG (\"Milli Gazete\" vom 21. Mai 2004) auf. 148 Einer dieser in Deutsch vorliegenden Titel ist \"Ratschl\u00e4ge an meine jungen Geschwister\", verlegt bei Green Palace Berlin, herausgegeben von der MJD; eine Vertonung liegt - in Kooperation mit M\u00fcnib Engin NOYAN - in Form der CD \"Sinn und Sein - Alles beginnt bei Dir selbst\" vor. 149 Der vollst\u00e4ndige Titel lautet \"Israilogullarindan \u00dcmmet-i Muhammed'e Yahudilesme Temay\u00fcl\u00fc\" (Die Tendenz, im Charakter j\u00fcdisch zu werden - von den S\u00f6hnen Israels bis zur Umma Muhammads). Eine deutsche \u00dcbersetzung liegt nicht vor. 78","tion einzubinden und die Jugendlichen \"nicht vergessen zu lassen, dass sie Muslime sind.\" 150 Am Ibn-i Sina-Institut im belgischen Mons waren Sch\u00fclerinnen aus Kanada zum Sommerkurs zu Gast, die in diesem Zusammenhang auch die Generalzentrale der IGMG in Kerpen besuchten. Mit Blick auf den von \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" erhobenen universellen Anspruch wies der Generalvorsitzende KARAHAN die Sch\u00fclerinnen darauf hin, dass die \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-OrganiIndoktrinierung sation \"weltweit f\u00fcr ein friedvolles und gl\u00fcckliches Leben aller Menschen der Jugend t\u00e4tig\" sei.151 Ihnen k\u00e4me die Aufgabe zu, nach ihrer R\u00fcckkehr ebenfalls f\u00fcr dieses Ziel zu arbeiten: \"Wenn ihr nach Kanada zur\u00fcckgekehrt seid, d\u00fcrft ihr nicht unt\u00e4tig sein, sondern ihr m\u00fcsst f\u00fcr den Frieden und das Gl\u00fcck der Menschheit aktiv werden.\" R\u00fcckw\u00e4rts gerichtete Tendenzen bei gleichzeitiger starker Verhaftung in der Ideologie sind insbesondere im Bereich der Jugend deutlich auszumachen. Die Begeisterung f\u00fcr den \"F\u00fchrer\" ERBAKAN ist ungebrochen, in der Verherrlichung der Ideologie lassen sich bisweilen martialische T\u00f6ne vernehmartialische T\u00f6ne men. Die Jugend der IGMG-Region Rhein-Neckar-Saar wirbt auf ihrer seitens der Jugend Homepage f\u00fcr \"eine neue Ordnung, die das Recht [auch: Gott] hochh\u00e4lt\" (Hakki \u00fcst\u00fcn tutan yeni bir d\u00fczen) - die in Deutschland bestehende politische Ordnung m\u00fcsste nach dieser Lesart folglich als \"Unrechtsordnung\" einzustufen sein.152 Weiter pr\u00e4zisiert wird die Idee dieser idealisierten Weltordnung durch die Beschreibung \"Eine neue Welt, in der die Liebe zur Rose und zur Tulpe vorherrschen\", wobei hier die \"Rose\" als Symbol f\u00fcr den Propheten und die \"Tulpe\" f\u00fcr das Osmanentum zu verstehen ist. Dass dieser Jugendverband klar f\u00fcr die Politik ERBAKANs eintritt, beweist das hier eingef\u00fcgte Portr\u00e4t des \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-F\u00fchrers, erg\u00e4nzt durch die Slogans \"Wir lieben Dich, Verteidiger (sc. der Sache des Islam)\" und \"Wir alle sind Erbakan\", aus denen eine vollst\u00e4ndige Solidarisierung mit der Person ERBAKANs ersichtlich wird. Dieselbe Ausrichtung auf die Person des \"Hodscha\" findet sich in einem 150 \"Milli Gazete\" vom 28. Mai 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 151 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 11. August 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 152 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 18. Juni 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 79","offiziell von der IGMG produzierten Videoclip der Jugend Hessen153, bei dem in der Eingangssequenz das Motto \"Hak geldi batil zail oldu\" (\"Gekommen ist die Wahrheit, vergangen ist das Nichtige\")154 eingeblendet wird, welches im \u00dcbrigen auch als Motto der \"Milli Gazete\" dient. Darauf folgt der Slogan \"Die in Treue zum B\u00fcndnis stehende - ihre Mission mit Leidenschaft betreibende - ihrem F\u00fchrer verbundene Jugend Hessen\".155 Die Jugend der IGMG Bruchsal produzierte f\u00fcr den am 19. April 2008 in Wuppertal abgehaltenen \"Tag der F\u00fchrungsfunktion\u00e4re der IGMG-Jugendverb\u00e4nde\" ein Video zur Selbstdarstellung156, das mit einem Text unterlegt ist, der der Jugend Charaktereigenschaften typisch ERBAKANscher Pr\u00e4gung zuschreibt: \"Sie [sc. die Jugend] schert sich nicht um weltlichen Besitz, Sie hat sich dem Weg der Wahrheit verschrieben. Unsere Leidenschaft begleitet jeden unserer Schritte Die Teufel werden in Ketten gelegt. Sie ist die Generation des Marschierens, mutig und beherzt, Ihre Fu\u00dftritte lehren die Tyrannen das F\u00fcrchten. Sie sind die Soldaten der Wahrheit, die Rosen des Propheten, Sie sind [sc. wie] Hamza, [sc. wie] \u00d6mer157, die anatolischen Jugendlichen. Sie sind so mutig, dass sie gar den Tod besiegen, Sie k\u00e4mpfen den Kampf einer heiligen Botschaft (...)\" 158 Bei ihrer Bildungsarbeit organisiert die IGMG auch Sonderveranstaltungen sgespr\u00e4che\" wie die bereits zum dritten Mal in Folge durchgef\u00fchrten \"Hausgespr\u00e4che\" (ev sohbetleri) der Jugendabteilung. Im Interview f\u00fchrte der Vorsitzende der IGMG-Kommission f\u00fcr Bildung, Hikmet ATAK, hierzu aus: \"Unsere 'Hausgespr\u00e4che' sind Orte, an denen diejenigen, die mit Leidenschaft f\u00fcr ihre Mission eintreten, sich treffen, und sie sind 'Tankstellen', an denen 153 Internetauswertung vom 11. Juli 2008. 154 Sure 17, 81. 155 Hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 156 Internetauswertung vom 4. Juni 2008. 157 Hamza und \u00d6mer sind Prophetengef\u00e4hrten, die als vorbildhaft gelten. 158 \u00dcbernahme wie im Original. 80","kostenlos 'ideeller Kraftstoff' abgegeben wird. Bei unseren 'Hausgespr\u00e4chen' nehmen wir unsere in Europa lebenden Jugendlichen an die Hand und wollen mit ihnen zusammen dem Wohlgefallen Allahs zustreben (...).\" 159 Was die Haltung der IGMG zur Integration anbetrifft, so sieht die Organisation im von ihr vorgebrachten Anspruch der G\u00fcltigkeit islamischer Normen f\u00fcr s\u00e4mtliche Lebensbereiche keinen Widerspruch zur Eigenwahrnehmung als \"Motor\" der Integration von Muslimen in Deutschland. Funktion\u00e4re beklagen h\u00e4ufig die mangelnde Anerkennung der von ihrer Gemeinschaft erbrachten Integrationsleistungen aufgrund angeblich latent islamophober Tendenzen in der Mehrheitsgesellschaft und weisen konkrete Integrationsanforderungen als Versuch der \"Assimilation\" zur\u00fcck. So schrieb der seinerzeitige SP-Generalvorsitzende Recai KUTAN bei seinem Besuchs beim IGMG-Verband Holland-Nord der IGMG eine historische Rolle zu, deren Bedeutung erst im R\u00fcckblick erkannt werden k\u00f6nne: Dank dieser Organisation, so KUTANs Ausf\u00fchrungen, konnten sich die in Europa lebenden t\u00fcrkischen Landsleute im Rahmen ihrer andersartigen Werte selbst bewahren, wor\u00fcber niemand beunruhigt sein m\u00fcsse. Gewisse Kreise seien besorgt, dass sich die t\u00fcrkischen Landsleute nicht in die entsprechenden Gesellschaften integrierten, doch diese Sorgen seien unberechtigt: \"Der deutsche Botschafter sagte mir eines Tages, dass man wegen der Milli G\u00f6r\u00fcs-Organisation beunruhigt sei. Ich fragte nach dem Grund. Der Botschafter antwortete: 'Die Menschen, die aus der T\u00fcrkei kommen, leben wie in der T\u00fcrkei. Wir wollen, dass sie sich in unsere Gesellschaft integrieren, doch die Milli G\u00f6r\u00fcs-Organisation verhindert dies.' Die Situation verh\u00e4lt sich allerdings genau umgekehrt: Milli G\u00f6r\u00fcs ist die Adresse f\u00fcr die Integration und der Schl\u00fcssel hierzu.\" 160 In der internen Diskussion ist die IGMG gar vom Begriff \"entegrasyon\" \"Teilhabe\" statt (\"Integration\") abger\u00fcckt und will diesen durch den Begriff \"katilim\" (\"Teil\"Integration\" habe\") ersetzt wissen. Bei einer Veranstaltung der \"Interkulturellen Studentenvereinigung\" (ISV) Tirol161 bekr\u00e4ftigte IGMG-Generalsekret\u00e4r \u00dcC\u00dcNC\u00dc seine Absicht, k\u00fcnftig von \"katilim\" sprechen zu wollen und begr\u00fcndete 159 \"Milli Gazete\" vom 14. November 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 160 \"Milli Gazete\" vom 25. M\u00e4rz 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 161 Studentische Jugendorganisation der \"Avusturya Islam Federasyonu\" (AIF), des \u00f6sterreichischen Zweigs der IGMG. 81","dies damit, dass die Verantwortlichen unter \"Integration\" leider verst\u00fcnden, dass man alles aufgeben, also die eigene Kultur und den Glauben m\u00f6glichst bei der Einreise abgeben und sich assimilieren solle.162 In gleicher Weise \u00e4u\u00dferte sich \u00dcC\u00dcNC\u00dc hierzu auch in einer Kolumne: \"Auch wenn die Gesellschaft uns mit Zweifel betrachtet, so sind wir als Gemeinschaft doch einerseits darum bem\u00fcht, eine muslimische Identit\u00e4t zu schaffen und haben andererseits ernsthaften Anteil an der Integration. Allerdings verstehen wir Integration nicht als Assimilation, sondern als Teilhabe mit unserer eigenen Identit\u00e4t.\" 163 Mit gro\u00dfem Einsatz k\u00e4mpft die IGMG weiterhin f\u00fcr die Durchsetzung ihrer Positionen auch in Belangen der allt\u00e4glichen Lebensf\u00fchrung wie der Teilnahme von M\u00e4dchen am koedukativen Schwimmunterricht oder beim Thema Kopftuch. Die vom Verwaltungsgericht D\u00fcsseldorf am 7. Mai 2008 abgewiesene Klage164 der Eltern eines zw\u00f6lfj\u00e4hrigen M\u00e4dchens auf Befreiung vom gemischten Schwimmunterricht wurde von IGMG-Generalsekret\u00e4r \u00dcC\u00dcNC\u00dc heftig kritisiert.165 Der Imam der IGMG Stuttgart-Wangen r\u00e4t in einem Interview ebenfalls von der Teilnahme am Schwimmunterricht ab: \"Ich halte mich an den Koran, und der sagt nun einmal, dass sich eine Frau vor fremden M\u00e4nnern nicht zeigen darf.\" 166 Das Kopftuch ist nach Auffassung dieses Imams ebenso \"Pflicht im Islam\" wie einer Ehe zwischen einer Muslimin und einem Christen die Zustimmung zu verweigern sei, was jedoch im umgekehrten Fall nicht gelte. Unumwunden r\u00e4umt der Imam auch ein: \"Im Islam hat der Mann viel mehr Rechte und Pflichten als die Frau.\" F\u00fcr so genannte \"Kopftuchopfer\" (bas\u00f6rt\u00fcs\u00fc magduru)167 hat die IGMG ein Programm f\u00fcr Stipendiatinnen 162 \"Milli Gazete\" vom 9. April 2008. 163 \"Milli Gazete\" vom 7. Mai 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 164 AZ 18 K 30108. Das Gericht argumentierte, es best\u00fcnden vielf\u00e4ltige Bekleidungsm\u00f6glichkeiten, um den sch\u00fctzenswerten religi\u00f6sen Belangen der Sch\u00fclerin Rechnung zu tragen. Werde von diesen M\u00f6glichkeiten Gebrauch gemacht, sei ein Eingriff in die Religionsfreiheit, falls \u00fcberhaupt noch festzustellen, jedenfalls auf ein Minimum reduziert, so dass in Abw\u00e4gung die Befolgung des staatlichen Bildungsauftrages Vorrang genie\u00dfe. 165 Homepage der IGMG vom 8. Mai 2008. 166 Hier und im Folgenden: Stuttgarter Zeitung vom 26. April 2008. 167 Kopftuchtragende Studienbewerberinnen werden in der T\u00fcrkei nicht zum Hochschulstudium zugelassen. Ein Gro\u00dfteil dieser Personengruppe weicht daher zum Studium an europ\u00e4ische Hochschulen aus. 82","eingerichtet, von dem innerhalb der vergangenen zehn Jahre nach Eigenangaben der IGMG rund 1.100 Studentinnen profitiert haben sollen. Diese erfahren von der IGMG finanzielle Unterst\u00fctzung und werden organisationsintern im Unterricht f\u00fcr Kinder und Jugendliche als Lehrkr\u00e4fte eingesetzt.168 F\u00fcr eine Abschirmung der durch den \"Sumpf der westlichen Gesellschaft\" bedrohten muslimischen Jugendlichen tritt auch der nach eigenen Angaben in der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" Hamburg aufgewachsene Koranrezitator und Musiker Mustafa \u00d6zcan G\u00dcNESDOGDU ein, der h\u00e4ufig bei Veranstaltungen der IGMG pr\u00e4sent ist.169 Im Interview zu L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten befragt, empfahl G\u00dcNESDOGDU die Einrichtung von \"Jugendh\u00e4usern\" durch Moscheen, die Einstellung von \"Jugendimamen\" und die feste Verankerung der Jugendlichen in ihrem Ursprung und ihren eigenen Werten. Am Ende des Interviews gab der Befragte zu bedenken: \"Wie die entsprechende Sure besagt: 'Was gibt es au\u00dfer der vom Koran offenbarten Wahrheit denn sonst? Nur Abirrung!' Ich m\u00f6chte daran erinnern, dass der einzige Weg zum Gl\u00fcck im Diesseits und im Jenseits der Islam ist, und dass s\u00e4mtliche sonstigen Wege - wie auch immer sie hei\u00dfen und von wem auch immer sie erdacht worden sein m\u00f6gen - Fehler und Abirrung bedeuten.\" 170 Ungeachtet der dargestellten, erkennbar im Sinne der ERBAKAN'schen Ideologie ausgerichteten Pr\u00e4gung der IGMG, die im Widerspruch zur Au\u00dfendarstellung der Organisation steht, ist darauf hinzuweisen, dass in der wissenschaftlichen Publizistik zur IGMG auch die These der \"Reformbewemangelnde Ergung\" - insbesondere von Schiffauer171 - vertreten wird, der sich in seiner kennbarkeit von Einsch\u00e4tzung auf eine angeblich von der Kerpener Zentrale beabsichtigte Reformans\u00e4tzen \"Reform von oben\" beruft. Daf\u00fcr, dass ein solches Bestreben an die Basis kommuniziert w\u00fcrde, liegen jedoch bislang keine verifizierbaren Belege vor. 168 \"Milli Gazete\" vom 14. November 2008. 169 G\u00dcNESDOGDU war unter anderem bei einer durch den \"Koordinierungsrat der Muslime\" organisierten Gro\u00dfveranstaltung zum Gedenken an die Geburt des Propheten im April 2008 in K\u00f6ln zugegen (Homepage der IGMG vom 7. November 2008). Im April 2006 trat er bei einer Veranstaltung der IGMG Freiburg auf (\"Milli Gazete\" vom 18. Mai 2006). 170 Interview in \"Yeni Genclik\" Nr. 14 vom April - Juni 2008. 171 Professor f\u00fcr Vergleichende Kulturund Sozialanthropologie an der Europa-Universit\u00e4t Viadrina in Frankfurt (Oder). Ver\u00f6ffentlichungen zur IGMG: \"Die Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs - ein Lehrst\u00fcck zum verwickelten Zusammenhang von Migration, Religion und sozialer Integration\"; in: Bade, Klaus J./Bommes, Michael/M\u00fcnz, Rainer (Hrsg.), \"Migrationsreport 2004. Fakten - Analysen - Perspektiven. Frankfurt/New York. Im Februar 2009 soll Schiffauers neueste Untersuchung \"Nach dem Islamismus: Eine Ethnographie der Islamischen Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs\" erscheinen. 83","Demgegen\u00fcber behauptet eine andere Ver\u00f6ffentlichung einen unabh\u00e4ngig von der \"belasteten\" Zentrale gepflegten offenen Umgang selbst mit dem Verfassungsschutz und verortet damit die eher um \u00d6ffnung bem\u00fchten Kr\u00e4fte in den Ortsvereinen.172 Angesichts der mangelnden Erkennbarkeit von Reformans\u00e4tzen, die f\u00fcr die Organisation insgesamt pr\u00e4gend sein k\u00f6nnten, ist die k\u00fcnftige Entwicklung innerhalb der IGMG - auch unter dem Aspekt des an der SP-Spitze vollzogenen F\u00fchrungsund Generationenwechsels und dessen m\u00f6glicher Auswirkungen auf die \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung au\u00dferhalb der T\u00fcrkei - aufmerksam weiter zu verfolgen. 4.4.2 Der \"Kalifatsstaat\" (\"Hilafet Devleti\"), fr\u00fcher \"Verband der Islamischen Vereine und Gemeinden e.V.\" (ICCB) Gr\u00fcndung: 1984 (ICCB), 1994 Umbenennung in \"Kalifatsstaat\" Sitz: K\u00f6ln Anh\u00e4nger: ca. 230 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 250) ca. 750 Bund (2007: ca. 750) Verbot: Nach dem Wegfall des Religionsprivilegs durch \u00c4nderung des Vereinsgesetzes hatte der Bundesminister des Innern am 8. Dezember 2001 19 Ortsvereine als Teilorganisationen des \"Kalifatsstaats\" verboten; am 19. September 2002 wurde das Verbot auf 16 weitere Teilorganisationen ausgedehnt.173 Die Gr\u00fcndung des \"Verbands der Islamischen Vereine und Gemeinden\" (\"Islami Cemiyet ve Cemaatler Birligi\", ICCB) im November 1984 durch Cemaleddin KAPLAN, ehemals Beamter des t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidiums f\u00fcr Religi\u00f6se Angelegenheiten (Diyanet Isleri Baskanligi), geht auf interne Auseinandersetzungen zwischen KAPLAN und der von Prof. Dr. Necmettin ERBAKAN gef\u00fchrten \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" zur\u00fcck, in deren Namen KAPLAN Anfang der 80er-Jahre nach Deutschland entsandt worden war. Das von KAPLAN verfolgte prim\u00e4re Ziel bestand in der Beseitigung der laizistischen Ordnung und der Wiedererrichtung des 1924 durch Atat\u00fcrk in der T\u00fcrkei schaft eines abgeschafften Kalifats, langfristig in der globalen Herrschaft des Islam unter fen als Ziel F\u00fchrung eines Kalifen. Demokratie und Rechtsstaat wurden, da als \"unislamisch\" qualifiziert, kategorisch abgelehnt. 172 So etwa der Mannheimer Verein, was nicht zutreffend ist. Vgl. Schmid, Hansj\u00f6rg/Atmila Akca, Ayse/Barwig, Klaus: Gesellschaft gemeinsam gestalten. Islamische Vereinigungen als Partner in Baden-W\u00fcrttemberg. Baden-Baden 2008, S. 82. 173 Dieses Verbot wurde durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 27. November 2002 best\u00e4tigt, Az.: 6 A 1/02. 84","Die Nachfolge KAPLANs im Amt des \"Kalifen\" ging nach dessen Tod 1995 auf den Sohn Metin KAPLAN \u00fcber. Nachdem ein in Berlin lebender Rivale gleichfalls Anspruch auf das Amt des \"Kalifen\" erhob, erlie\u00df Metin KAPLAN eine Fatwa174, mit der er die T\u00f6tung des Konkurrenten verf\u00fcgte. Aufgrund dieses Vorfalls verurteilte das Oberlandesgericht (OLG) D\u00fcsseldorf KAPLAN im November 2000 wegen \u00f6ffentlichen Aufrufs zum Mord zu einer vierj\u00e4hrigen Freiheitsstrafe.175 Am 12. Oktober 2004 wurde KAPLAN in die T\u00fcrkei verbracht, wo ihm wegen Hochverrats der Prozess gemacht wurde. Im Oktober 2008 schlie\u00dflich wurde er in Istanbul zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Unter den Anh\u00e4ngern in Deutschland kam es nach der Abschiebung Metin KAPLANs in die T\u00fcrkei zu anhaltenden Nachfolgestreitigkeiten seitens zweier konkurrierender Fraktionen. Das Verbot und die Exekutivma\u00dfnahmen haben die Organisationsstruktur nachhaltig geschw\u00e4cht. Bei einer l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Aktion im Mai 2008 nahmen deutsche, franz\u00f6sische und niederl\u00e4ndische Anti-TerrorEinheiten insgesamt zehn mutma\u00dfliche Islamisten wegen des Verdachts der Finanzierung des islamistischen Terrors fest. In S\u00fcdbaden konnte ein mit europ\u00e4ischem Haftbefehl gesuchter und als Aktivist des \"Kalifatsstaats\" bekannter t\u00fcrkischer Staatsangeh\u00f6riger festgenommen werden, bei dem im Zusammenhang mit den bundesweiten Durchsuchungen vom 11. Dezember 2003 entsprechendes Propagandamaterial aufgefunden worden war. Abgesehen von der \u00fcber das Internet verbreiteten Propaganda, wodurch das Gedankengut des \"Kalifatsstaats\" - zum Teil auch in deutschen \u00dcbersetzungen - nach wie vor zug\u00e4nglich ist176, war im Jahr 2008 in Baden-W\u00fcrttemberg keine Propagandat\u00e4tigkeit des \"Kalifatsstaats\" festzustellen. 174 Islamisches Rechtsgutachten. 175 Urteil des OLG D\u00fcsseldorf vom 15. November 2000, Az.: VI 11/99. 176 Internetauswertung vom 12. November 2008. 85","C. SICHERHEITSGEF\u00c4HRDENDE BESTREBUNGEN VON AUSL\u00c4NDERN 1. Allgemeiner \u00dcberblick Organisationen von Ausl\u00e4ndern werden als extremistisch eingestuft und vom Verfassungsschutz beobachtet, wenn sie sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. Der gesetzlich vorgesehenen Beobachtung unterliegen neben islamistischen Gruppierungen auch Bestrebungen, die durch die Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn eine gewaltsame \u00c4nderung der politischen Verh\u00e4ltnisse im jeweiligen Heimatland angestrebt wird. Daneben fallen Bestrebungen unter den Beobachtungsauftrag, wenn diese gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, insbesondere gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind. Deshalb sind die Entwicklungen im Bereich Ausl\u00e4nderextremismus vor allem von den Ereignissen in den jeweiligen Heimatl\u00e4ndern gepr\u00e4gt und k\u00f6nnen sich anlassbezogen kurzfristig \u00e4ndern. Ausl\u00e4ndersextremistisches Personenpotenzial in Deutschland und Baden-W\u00fcrttemberg im Zeitraum 2006 - 2008 86","In Baden-W\u00fcrttemberg waren 8.365 (2007: 8.440) Personen in Vereinigungen mit extremistischer oder terroristischer Zielsetzung aktiv. Die Gesamtzahl der politisch motivierten Straftaten im Ph\u00e4nomenbereich Ausl\u00e4nder stieg in Baden-W\u00fcrttemberg, nachdem es bereits im Jahr 2007 einen auffallenden Zuwachs gab, im Jahr 2008 von 135 auf 228 (plus 69 Prozent) nochmals enorm an. Einen extremistischen Hintergrund wiesen 217 (2007: 123) dieser Straftaten auf. Die Anzahl der Gewaltdelikte verzeichnete einen bedeutenden Zuwachs von 14 auf 41 F\u00e4lle.177 Ein Teil dieses Zuwachses d\u00fcrfte auf Auseinandersetzungen zwischen jugendlichen Anh\u00e4ngern des \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL) und t\u00fcrkischen Fu\u00dfballfans w\u00e4hrend der Fu\u00dfball-Europameisterschaft zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Auch ist davon auszugehen, dass die demonstrativen und vereinzelt gewaltt\u00e4tigen Reaktionen von KONGRA-GEL-Anh\u00e4ngern auf die Milit\u00e4roperationen der T\u00fcrkei im Nordirak mit Ursache f\u00fcr diese Tendenz sind. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Ausl\u00e4nder sowie ausl\u00e4nderextremistische Strafund Gewalttaten im Jahr 2008 177 Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fchrt keine eigene Strafund Gewalttatenstatistik. Alle in diesem Jahresbericht aufgef\u00fchrten statistischen Angaben zu politisch motivierten Straftaten beruhen auf Zahlenangaben des Landeskriminalamts Baden-W\u00fcrttemberg. 87","2. \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL), vormals \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) NGRA-GELGr\u00fcndung: 1978 (in der T\u00fcrkei) Logo Bet\u00e4tigungsverbot in Deutschland vom 22. November 1993 (bestandskr\u00e4ftig seit 26. M\u00e4rz 1994) Umbenennung in KONGRA-GEL seit November 2003 Sitz: Grenzgebiet T\u00fcrkei/Nord-Irak Vorsitzender:Z\u00fcbeyir AYDAR (formell; weiterhin gilt faktisch Abdullah \u00d6CALAN als Leitund Identifikationsfigur) Anh\u00e4nger: ca. 700 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 700) ca. 11.500 Bund (2007: ca. 11.500) Publikation: \"Serxwebun\" (Unabh\u00e4ngigkeit) Die von Abdullah \u00d6CALAN gegr\u00fcndete \"Arbeiterpartei Kur - distans\" (PKK), die sich bereits zweimal umbenannt hat, ist eine mitgliederstarke Organisation von \u00fcberwiegend aus der T\u00fcrkei stammenden Kurden. Ihr urspr\u00fcngliches Ziel war die Errichtung eines unabh\u00e4ngigen Staates \"Kurdistan\". Deshalb begann die straff hierarchisch organisierte Kaderpartei im Jahr 1984 mit Hilfe ihres bewaffneten Arms \"Befreiungseinheiten Kurdistans\" (HRK), der im Oktober 1986 in \"Volks - befreiungsarmee Kurdistans\" (ARGK) umbenannt wurde, einen Guerillakrieg gegen den t\u00fcrkischen Staat. In Deutschland versuchte die Organisation, den Kampf im Heimatland durch politische und gewaltt\u00e4tige Aktionen zu unterst\u00fctzen. Deshalb wurde der PKK und ihrer im M\u00e4rz 1985 gegr\u00fcndeten Propagandaorganisation \"Nationale Befreiungsfront Kurdistans\" (ERNK) sowie weiteren Nebenorganisationen im November 1993 die Bet\u00e4tigung im Bundesgebiet durch RNK-Logo den Bundesminister des Innern untersagt. Dieses Verbot umfasst auch den \"Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans\" (KADEK) und den \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL). Unter jeder dieser drei Bezeichnungen ist die Organisation auf Beschluss des Rats der \"Europ\u00e4ischen Union\" (EU) vom 2. April 2004178 auch in der \"EU-Terrorliste\" genannt. 178 Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Union L 99 vom 3. April 2004, S. 28f. 88","Nachdem am 3. April 2008 der Europ\u00e4ische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg entschieden hatte, dass die PKK beziehungsweise der KONGRA-GEL wegen unzureichender Begr\u00fcndung von der \"EU-Terrorliste\" zu nehmen sei179, nahm die Europ\u00e4ische Kommission die PKK beziehungsweise den KONGRA-GEL in einer aktualisierten Fassung mit angepasster Begr\u00fcndung wieder in die \"EU-Terrorliste\" auf.180 Dar\u00fcber hinaus beh\u00e4lt die Entschei\"EU-Terrorliste\" dung des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 21. Oktober 2004181, die F\u00fchrungsebene der PKK in Deutschland als kriminelle Vereinigung im Sinne des SS 129 Abs. 1 Strafgesetzbuch zu betrachten, weiterhin ihre G\u00fcltigkeit. Nach der Verhaftung \u00d6CALANs am 15. Februar 1999 in Nairobi/Kenia und den anschlie\u00dfenden Gewaltphasen verk\u00fcndete die PKK im September 1999 ihre so genannte Friedensstrategie, deren konkrete Ausgestaltung auf dem 7. Parteikongress im Januar 2000 beschlossen wurde. Vorgeblich auf politischem Weg und ohne Anwendung von Gewalt fordern die PKK und ihre Nachfolgeorganisationen seitdem die Anerkennung der kurdischen Identit\u00e4t sowie mehr Rechte und kulturelle Autonomie. Als \u00fcbergeordnetes Ziel wird eine Einheit aller Kurden unter Wahrung der bestehenden Staatsgrenzen angestrebt. Dabei versteht sich die PKK selbst als einzig legitimer Vertreter und Ansprechpartner dieser Volksgruppe und reklamiert den alleinigen F\u00fchrungsanspruch f\u00fcr sich. Um die politische Neuausrichtung nach au\u00dfen zu dokumentieren und sich von dem \u00fcber viele Jahre hinweg gepr\u00e4gten Makel einer Terrororganisation zu befreien, nahm die Organisation verschiedene Ver\u00e4nderungen vor. Insbesondere wurden die PKK HPG-Logo selbst und mehrere Teilorganisationen umbenannt beziehungsweise formal aufgel\u00f6st und unter neuen Namen wieder gegr\u00fcndet. Der milit\u00e4rische Arm ARGK erhielt zum Beispiel die Bezeichnung \"Volksverteidigungskr\u00e4fte\" (HPG). Die ehemalige Propagandaorganisation ERNK firmiert seit Sommer 2004 als \"Koordination der kurdisch-demokratischen Gesellschaft in Euro - Komalen Ciwanpa\" (CDK). Die KONGRA-GEL-Jugendorganisation tritt als \"Vereinigung Logo der demokratischen Jugendlichen Kurdistans\" (Komalen Ciwan) auf. Unabh\u00e4ngig von ihrer Bezeichnung ist die Organisation nach wie vor trotz der nach au\u00dfen propagierten \"Friedenslinie\" und der vielen Ver\u00e4nderungen seit Herbst 1999 eine Gefahr f\u00fcr die innere Sicherheit Deutschlands. Denn weiterhin eine grunds\u00e4tzliche Wandlung ist nicht festzustellen: So haben sich an dem gef\u00e4hrlich f\u00fcr die strikt hierarchischen Aufbau und an der autorit\u00e4ren F\u00fchrung bis heute innere Sicherheit weder substanziell noch personell nennenswerte Ver\u00e4nderungen ergeben. Eine zumindest teilweise Demokratisierung der Strukturen ist bislang trotz 179 Urteile des EuGH T-229/02 PKK ./. Rat und T-253/04 KONGRA-GEL u.a. ./. Rat. 180 Gemeinsamer Standpunkt 2008/5867GASP des Rates vom 15. Juli 2008. 181 Urteil des BGH vom 21. Oktober 2004, 3 StR 94/04. 89","mehrerer Versuche, wenigstens einzelne demokratische Elemente einzuf\u00fchren und die Basis bei Entscheidungen mit einzubeziehen, nicht erfolgt. Auch wird Gewalt nach wie vor als ein wichtiges Mittel zur Durchsetzung der Ziele und zum eigenen Schutz angesehen. Die Organisation verfolgt derzeit eine Doppelstrategie: einerseits bewaffnete Auseinandersetzungen in der T\u00fcrkei und andererseits gewaltfreie Protestaktionen in Deutschland. Dennoch beh\u00e4lt sie sich auch hier die Anwendung von Gewalt zumindest vor. Anlassbezogen kann sie einen gro\u00dfen Teil der Mitglieder und Anh\u00e4nger auch in Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fcr gewaltt\u00e4tige Aktionen mobilisieren. Schwerpunkte und Mobilisierung Beherrschende Themen unter den KONGRA-GEL-Anh\u00e4ngern und Ausl\u00f6ser f\u00fcr Aktivit\u00e4ten waren 2008 in erster Linie das Verbot des kurdischsprachigen Senders \"ROJ-TV\", die Milit\u00e4roperationen der t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte im Nordirak, die Verl\u00e4ngerung des einj\u00e4hrigen Mandats f\u00fcr diese Aktivit\u00e4ten, und der Gesundheitszustand sowie die Haftbedingungen \u00d6CALANs. esweit aktiv Die Aktionsschwerpunkte in Baden-W\u00fcrttemberg waren dabei Stuttgart, Mannheim, Heilbronn, Ulm und Freiburg im Breisgau. Landesweit engagieren sich etwa 700 Personen aktiv f\u00fcr den KONGRA-GEL oder die ihm nahe stehenden Organisationen. F\u00fcr besondere Anl\u00e4sse lassen sich in BadenW\u00fcrttemberg jedoch mehrere Tausend Sympathisanten mobilisieren. Die \u00f6rtlichen KONGRA-GEL-nahen Vereine spielen eine zentrale Rolle bei der Kommunikation unter den Anh\u00e4ngern, der Mobilisierung der Organisationsanh\u00e4nger f\u00fcr Aktionen und der Vorbereitung und Durchf\u00fchrung von \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktivit\u00e4ten. Die Veranstaltungen der Organisation verlaufen meist weitgehend friedlich, wenn auch einzelne gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzungen, oft zwischen jugendlichen KONGRA-GEL-Anh\u00e4ngern und national eingestellten, staatstreuen T\u00fcrken zu beobachten sind. Gewaltpotenzial unter den jugendlichen Anh\u00e4ngern Seit dem Fr\u00fchjahr 2007 werden die kurdischen Jugendlichen mit Nachdruck in einschl\u00e4gigen Medien wie der Zeitschrift \"Ciwanen Azad\" (\"Freie Jugend\") oder auf der Website der KONGRA-GEL-Jugendorganisation in allgemeiner Form zu Aktionen aufgerufen und dazu ermutigt, sich der Guerilla in den Bergen anzuschlie\u00dfen. Diese Aufrufe d\u00fcrften teilweise auf fruchtbaren Boden fallen, denn unter den jugendlichen Anh\u00e4ngern herrscht eine latente Gewaltbereitschaft, die jederzeit durch den KONGRA-GEL 90","und die ihm nahe stehenden Organisationen abrufbar ist, vor allem, wenn die Organisation in Bedr\u00e4ngnis geraten sollte. Das unter den KONGRA-GEL-nahen Jugendlichen vorhandene Mobilisierungsund Gewaltpotenzial offenbarte sich mehrmals im Lauf des Jahres 2008, meist durch Gewaltt\u00e4tigkeiten am Rande von ansonsten friedlichen Protestaktionen. Beispielsweise kam es im Anschluss an eine durch den \u00f6rtlichen KONGRA-GEL-nahen Verein durchgef\u00fchrte friedliche Demonstration anl\u00e4sslich des neunten Jahrestages der Verhaftung \u00d6CALANs am 15. Februar 2008 in Stuttgart zu Auseinandersetzungen mit Polizeibeamten, als nach Beendigung der eigentlichen Demonstration eine Gruppe von etwa 70 Personen mit verbotenen Fahnen durch die Innenstadt zog. Auch als etwa 700 kurdische Jugendliche am 19. April 2008 unter dem Motto \"Freiheit f\u00fcr \u00d6calan, Frieden f\u00fcr Kurdistan\" in Berlin demonstrierten, kam es zu teilweise schweren Ausschreitungen zwischen den Teilnehmern, darunter mehreren jugendlichen Tatverd\u00e4chtigewaltbereite gen aus Baden-W\u00fcrttemberg, und der Polizei. Bei diesen Auseinandersetjugendliche zungen auf der erstmals bundesweit organisierten Demonstration wurden Anh\u00e4nger elf Polizisten verletzt und 86 Teilnehmer unter anderem wegen schweren Landfriedensbruchs vor\u00fcbergehend festgenommen.182 Ferner kam es w\u00e4hrend der Fu\u00dfball-Europameisterschaft im Juni 2008 in Stuttgart und Heilbronn vereinzelt zu gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen und Auseinandersetzungen zwischen jugendlichen KONGRA-GEL-Anh\u00e4ngern und t\u00fcrkischen Fu\u00dfballfans. Auf dem von der \"Komalen Ciwan\" veranstalteten \"11. Mazlum Dogan Jugend-, Kulturund Sportfestival\" am 12. Juli 2008 in K\u00f6ln, an dem rund 4.000 zumeist junge Kurden teilnahmen, wurden neben kulturellen Darbietungen und sportlichen Wettk\u00e4mpfen183 in mehreren Redebeitr\u00e4gen politische Themen behandelt. So riefen die HPG in einer Botschaft die kurdischen Jugendlichen dazu auf, \"sich f\u00fcr den Kampf einzusetzen\".184 Mithilfe des Festivals sollten jugendliche KONGRA-GEL-Anh\u00e4nger verst\u00e4rkt an die Organisation gebunden und zu weiteren Aktionen ermuntert werden. 182 Angaben der Polizei beziehungsweise Presseangaben. Die Zeitung \"Yeni \u00d6gz\u00fcr Politika\" vom 21. April 2008 sprach von 5.000 Teilnehmern aus ganz Europa. 183 So fand etwa im Vorfeld des Festivals ein Fu\u00dfball-Turnier mit Mannschaften aus Deutschland und anderen Staaten, darunter drei Mannschaften aus Stuttgart statt, um die beiden Finalisten zu bestimmen, die auf dem Festival gegeneinander antraten. \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 27. Juni 2008. 184 \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 14. Juli 2008, S. 12. 91","Finanzierung Der KONGRA-GEL ben\u00f6tigt hohe Geldbetr\u00e4ge f\u00fcr seine Propagandat\u00e4tigkeit, den Parteiapparat sowie f\u00fcr die Versorgung seiner Guerillak\u00e4mpfer und deren Ausstattung mit Waffen und Munition. Die Finanzierung erfolgt \u00fcber Mitgliedsbeitr\u00e4ge, den Verkauf von Publikationen und \u00fcber Gewinne aus Gro\u00dfveranstaltungen. Zus\u00e4tzlich sollen die angesprochenen Landsleute bei der allj\u00e4hrlichen Spendenkampagne einen gr\u00f6\u00dferen Betrag abliefern, in Abh\u00e4ngigkeit von ihrem Einkommen bis zur H\u00f6he von mehreren Hundert Euro. Dabei werden allein in Deutschland mehrere Millionen Euro eingenommen. Diese Einnahmen Spendenquittung sind seit Verk\u00fcndung des \"Friedenskurses\" tendenziell r\u00fcckl\u00e4ufig, weil sich zahlreiche Kurden nicht mehr ausreichend Gelder in mit der Organisation identifizieren. Weitere Gr\u00fcnde f\u00fcr die Weigerung, den ionenh\u00f6he geforderten Beitrag ganz oder teilweise zu zahlen, d\u00fcrften die einschr\u00e4nkenden staatlichen Ma\u00dfnahmen in Deutschland sowie die wirtschaftliche Situation der Anh\u00e4nger und Sympathisanten sein. Allerdings steigt die Spendenbereitschaft erfahrungsgem\u00e4\u00df in angespannten Phasen, weshalb die im Jahr 2008 verst\u00e4rkten Kampfhandlungen in der T\u00fcrkei und im Nordirak f\u00fcr zus\u00e4tzliche Einnahmen gesorgt haben d\u00fcrften. \u00d6CALANs Gesundheitszustand besch\u00e4ftigt Anh\u00e4nger Die KONGRA-GEL-F\u00fchrung verk\u00fcndete im September 2007 den Start der Kampagne \"Edi Bese\" (\"Es reicht!\"), bei der \u00d6CALANs Gesundheitszustand und seine angebliche Vergiftung im Mittelpunkt mehrerer Veranstaltungen stehen sollten.185 Das \"Europ\u00e4ische Komitee zur Verhinderung der Folter\" (CPT) hatte zwar zur Untersuchung des Gesundheitszustandes und 185 Mittlerweile wird unter diesem Motto auch das milit\u00e4rische Vorgehen der T\u00fcrkei gegen die kurdische Guerilla thematisiert. 92","der Haftbedingungen von \u00d6CALAN im Mai 2007 eine Delegation in die T\u00fcrkei gesandt, jedoch verz\u00f6gerte sich die Ver\u00f6ffentlichung des Berichts. Aus Protest gegen die Haltung des CPT fand vom 7. Januar bis zum 6. M\u00e4rz 2008 eine Mahnwache von KONGRA-GEL-Anh\u00e4ngern, unter ande\u00d6CALAN rem aus Baden-W\u00fcrttemberg, vor dem Geb\u00e4ude des Europarats in Stra\u00dfmobilisiert auch burg statt, um die Ver\u00f6ffentlichung des CPT-Berichts zu erreichen.186 Die in Haft seine Ergebnisse des Berichts, der schlie\u00dflich am 6. M\u00e4rz 2008 ver\u00f6ffentlicht Anh\u00e4nger wurde, best\u00e4tigen indes den Vorwurf einer Vergiftung nicht.187 Es wurden zwar erh\u00f6hte \"Metallwerte\" im Blut \u00d6CALANs nachgewiesen, diese konnten aber nach Auffassung des CPT nicht unbedingt urs\u00e4chlich auf eine Vergiftung zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Auch in der Folgezeit stand die Gesundheit der Leitfigur der Organisation im Mittelpunkt von Aktionen der KONGRAGEL-Anh\u00e4nger. Beispielsweise wurden anl\u00e4sslich der Feierlichkeiten zum 59. Geburtstag von \u00d6CALAN am 4. April 2008 in den KONGRA-GELGebieten Bodensee, Mannheim, Heilbronn und Stuttgart mit insgesamt mehreren Hundert Teilnehmern neben kulturellen Programmpunkten auch die aktuelle politische Situation sowie die Haftbedingungen und der Gesundheitszustand \u00d6CALANs thematisiert. Nach Medienberichten erkl\u00e4rten die Rechtsanw\u00e4lte Abdullah \u00d6CALANs am 16. Oktober 2008, dass er von seinen W\u00e4rtern misshandelt worden sei.188 \u00d6CALAN sei zu Boden gegangen, als er von einem Vollzugsangestellten in den R\u00fccken getreten worden sei. Daraufhin rief die CDK auf der Website der Nachrichtenagentur Firat News vom 17. Oktober 2008 die Kurden in Europa zu Protesten auf demokratischer Grundlage auf. Murat KARAYILAN, Vorsitzender des Exekutivrates der \"Koma Civaken Kurdistan\" (KCK)189, erkl\u00e4rte zu dem Vorfall, \"dass man eine Erniedrigung des kurdischen Volkes, die es \u00fcber die Person \u00d6calans erfahre, nicht zulassen werde. (...) Ziel dieses Vorgehens sei es, den Willen des kurdischen Volkes zu brechen. (...) Falls die Folter weiter anhalte, so k\u00e4me dies dem Ende des kontrollierten Krieges gleich.\" 190 186 \"Report to the Turkish Government on the visit to Turkey carried out by the European Committee for the Prevention of Torture and Inhuman or Degrading Treatment or Punishment (CPT) from 19 to 22 May 2007\", PDF-Dokument unter URL: http://www.cpt.coe.int.; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 187 Ebd. CPT-Report S. 16. 188 \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 17. Oktober 2008. 189 Von Abdullah \u00d6CALAN verfasste ideologische Grundlage, hervorgegangen 2007 aus der \"Koma Komalen Kurdistan\" (KKK), die die kurdische Identit\u00e4t f\u00f6rdern und bei Anerkennung der bestehenden Staatsgrenzen zu einem politischen Verbund der Kurden in der Region f\u00fchren soll. 190 \"ROJ-TV\" vom 20. Oktober 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 93","Der Bericht \u00fcber \u00d6CALANs Misshandlung l\u00f6ste unter den Anh\u00e4ngern des KONGRA-GEL in der T\u00fcrkei und zahlreichen anderen Staaten eine Welle der Emp\u00f6rung aus. So kam es etwa im S\u00fcdosten der T\u00fcrkei zu Protestaktionen und teilweise schweren Stra\u00dfenschlachten mit Toten und Verletzten.191 Auch in vielen europ\u00e4ischen Staaten hatte dieser Bericht Demonstrationen und Gewalttaten zur Folge, so wurde unter anderem ein Brandanschlag auf die t\u00fcrkische Botschaft in Helsinki/Finnland ver\u00fcbt. In BadenW\u00fcrttemberg kam es ab dem 18. Oktober zu weitestgehend friedlichen, von den \u00f6rtlichen KONGRA-GEL-nahen Vereinen organisierten Kundgebungen von insgesamt etwa 2.600 KONGRA-GEL-Anh\u00e4ngern in Stuttgart, Mannheim/Ludwigshafen, Heilbronn und Ulm. Dabei wurden Transparente mit Bildern von \u00d6CALAN gezeigt und die \u00fcblichen KONGRA-GELParolen skandiert. Ein Funktion\u00e4r eines \u00f6rtlichen KONGRA-GEL-nahen Vereins hob in seiner Rede die zentrale Rolle \u00d6CALANs hervor: \"Der Vorsitzende Apo192 ist der Stolz und die Ehre der Kurden. Das unmoralische Verhalten ihm gegen\u00fcber trifft das gesamte kurdische Volk.\" 193 Dar\u00fcber hinaus kam es nach der Meldung \u00fcber die Misshandlung \u00d6CALANs in Kornwestheim, Stuttgart und Waiblingen zu Sachbesch\u00e4digungen unter anderem in t\u00fcrkischen Vereinen und einer t\u00fcrkischen Bank. Diese Taten seien, so eine Meldung auf einer KONGRA-GEL-nahen Website, von jugendlichen Anh\u00e4ngern als Reaktion auf die Nachricht von der Misshandlung ver\u00fcbt worden. T\u00fcrkische Milit\u00e4roperation im Nordirak im Februar 2008 Nachdem am 17. Oktober 2007 das t\u00fcrkische Parlament der Regierung ein auf ein Jahr befristetes Mandat erteilt hatte, um gegen die sich dort aufhaltenden Guerilla-K\u00e4mpfer des KONGRA-GEL vorzugehen und bereits im Dezember 2007 t\u00fcrkische Soldaten kurzzeitig in den Nordirak eingedrungen waren und St\u00fctzpunkte der Guerilla angegriffen hatten, startete das t\u00fcrkische Milit\u00e4r am 21. Februar 2008 eine gro\u00df angelegte Bodenoffensive, um gegen Stellungen der Guerillas vorzugehen. Presseberichten zufolge drangen bei der neuerlichen, durch Luftstreitkr\u00e4fte unterst\u00fctzten Offensive etwa 10.000 t\u00fcrkische Soldaten auf nordirakisches Territorium vor. Am 29. Februar 2008 wurde die Bodenoffensive beendet; die t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte zogen sich danach wieder auf t\u00fcrkisches Staatsgebiet zur\u00fcck. 191 Frankfurter Rundschau vom 21. Oktober 2008, taz vom 23. Oktober 2008. 192 Abdullah \u00d6CALAN wird von den KONGRA-GEL-Anh\u00e4ngern respektvoll \"Apo\", dt. \"Onkel\", genannt. 193 \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 20. Oktober 2008. 94","Im Verlauf des Jahres 2008 lieferte sich das t\u00fcrkische Milit\u00e4r im Grenzgebiet brisante zum Irak weitere zahlreiche Gefechte mit den Guerillas. Auch kam es zu Sicherheitslage zahlreichen Anschl\u00e4gen in der T\u00fcrkei, beispielsweise auf St\u00fctzpunkte des in der T\u00fcrkei und t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs oder auf die \u00d6l-Pipeline Baku-Tiflis-Ceyhan, zu denen im Nordirak sich die HPG auf ihrer Website bekannten. Ferner sollen nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Firat News vom 10. Juli 2008 Einheiten der \"YJA STAR\", des milit\u00e4rischen Arms des \"Verbands der stolzen Frauen\" (KJB), gemeinsam mit K\u00e4mpferinnen einer milit\u00e4rischen Teilorganisation der \"Kommunistischen Partei der T\u00fcrkei/Marxisten-Leninisten\" (TKP/ML) einen Angriff auf eine Polizeistation in Tunceli (Dersim) durchgef\u00fchrt haben, bei dem elf Polizisten und Soldaten get\u00f6tet wurden. Nachdem sich die Lage im S\u00fcdosten der T\u00fcrkei Anfang Oktober 2008 durch einen Angriff der KONGRA-GEL-Guerillas auf eine Kaserne in Akt\u00fct\u00fcn (Bezele; Provinz Hakkari) an der t\u00fcrkisch-irakischen Grenze zugespitzt hatte194, verl\u00e4ngerte das t\u00fcrkische Parlament am 8. Oktober 2008 das Mandat zur Anordnung von Milit\u00e4roperationen im Nordirak um ein Jahr.195 Einerseits soll damit der milit\u00e4rische Druck auf die K\u00e4mpfer des KONGRA-GEL, andererseits der politische Handlungsspielraum der T\u00fcrkei gegen\u00fcber dem Irak und den USA im Kampf gegen den KONGRA-GEL aufrechterhalten werden. Die t\u00fcrkischen Milit\u00e4roperationen im Nordirak riefen in Baden-W\u00fcrttemberg breiten Protest unter den KONGRA-GEL-Anh\u00e4ngern hervor. Im Februar und M\u00e4rz 2008 nahmen insgesamt \u00fcber 2.000 Anh\u00e4nger des KONGRA-GEL sowie teilweise Anh\u00e4nger t\u00fcrkischer linksextremistischer Organisationen an Demonstrationen in Heilbronn, Pforzheim, Freiburg im Breis - gau, Stuttgart, Ulm und Mannheim teil. Die Aktionen wurden von den \u00f6rtlichen KONGRA-GEL-nahen Vereinen angemeldet und verliefen meist st\u00f6rungsfrei. Auf T\u00fcrkisch wurden Parolen skandiert wie \"T\u00fcrkische Armee raus aus Kurdistan!\" oder \"Schlag zu, Guerilla, schlag zu. Errichte das Kurdistan!\". 194 Nach Angaben des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs gab es dabei 42 Tote, darunter 17 t\u00fcrkische Soldaten. 195 Website des t\u00fcrkischen Parlaments URL: http://www.tbmm.gov.tr/tbmm_kararlari/karar929.html; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 95","Duran KALKAN, Mitglied im Exekutivrat der KCK, erkl\u00e4rte zur Mandatsverl\u00e4ngerung, dass das t\u00fcrkische Milit\u00e4r seit der Erteilung des Mandats f\u00fcr grenz\u00fcberschreitende Operationen im Oktober 2007 im Kampf gegen die Guerilla \"keine Erfolge erzielt\" habe, die K\u00e4mpfer des KONGRA-GEL hingegen seitdem immer st\u00e4rker geworden seien.196 In einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung kritisierten die \"F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland e.V.\" (YEK-KOM)197 und weitere Organisationen die Mandatsverl\u00e4ngerung des t\u00fcrkischen Staates als einen \"rassistischen, nationalistischen Angriff des t\u00fcrkischen Staates\".198 Verbot von ROJ-TV und Entf\u00fchrung von drei Deutschen in der T\u00fcrkei Am 19. Juni 2008 verbot der Bundesminister des Innern den Betrieb der in D\u00e4nemark ans\u00e4ssigen Medienunternehmen \"Mesopotamia Broadcast A/S\" und \"ROJ-TV\" im Bereich der Bundesrepublik Deutschland.199 Au\u00dferdem erlie\u00df er ein Organisationsverbot gegen die in Wuppertal ans\u00e4ssige Produktionsgesellschaft \"VIKO Fernsehproduktion GmbH\", die faktisch der Repr\u00e4sentant von \"ROJ-TV\" in Deutschland war. Der Satellitensender \"ROJ-TV\" hatte der Verbotsverf\u00fcgung zufolge Propaganda f\u00fcr den KONGRA-GEL 196 \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 7. Oktober 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 197 In dem Dachverband YEK-KOM mit Sitz in D\u00fcsseldorf sind \u00fcberwiegend die \u00f6rtlichen KONGRAGEL-nahen Vereine in Deutschland zusammengeschlossen. 198 \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 10. Oktober 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. Mitunterzeichner der Erkl\u00e4rung: \"Plattform der demokratischen Massenorganisationen in Europa\" (DEK\u00d6P-A), \"Konf\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Europa\" (ADHK), \"Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa\" (ATIK), \"Konf\u00f6deration der unterdr\u00fcckten Migranten in Europa\" (AvEG-Kon), \"Plattform f\u00fcr die Einheit der Arbeiter und die Freundschaft der V\u00f6lker\" (BIR-KAR) und die Zeitung \"Yasanacak D\u00fcnya\". Vgl. hierzu Kap. C Ziff. 3.2.2 (TKP/ML) und 3.2.3 (MLKP). 199 Verbotsverf\u00fcgung des Bundesministerium des Innern vom 13. Juni 2008, Az: \u00d6S II 3 - 619 314 - 2/52. 96","betrieben, den bewaffneten Kampf gegen die T\u00fcrkei glorifiziert und damit gegen deutsche Strafgesetze und gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung versto\u00dfen. Der KONGRA-GEL und die ihm nahe stehenden Organisationen \u00e4u\u00dferten in zahlreichen Erkl\u00e4rungen ihren Unmut \u00fcber das Verbot und riefen zu vielen Protestaktionen auf. Das Pr\u00e4sidium des Exekutivrates der KCK kritisierte am 27. Juni 2008 das Verbot scharf, indem es Deutschland eine Mitschuld an der \"Vernichtungsund Verleugnungspolitik\" gegen\u00fcber den Kurden unterstellte. Der Exekutivrat forderte die deutsche Regierung \"zum letzten Mal\" zu einer Abkehr von seiner kurdenfeindlichen Politik auf. Ansonsten werde Deutschland f\u00fcr die Folgen verantwortlich sein. Die \"Komalen Ciwan\" teilte mit, dass man \"mit gro\u00dfen Aktionen\" gegen die Angriffe auf die eigenen Werte reagieren und alle kurdischen Jugendlichen zum Protest gegen das Verbot aufrufen werde.200 Wie im gesamten Bundesgebiet und in anderen europ\u00e4ischen Staaten rief das Verbot des f\u00fcr den KONGRA-GEL \u00e4u\u00dferst bedeutsamen Fernsehsenders \"ROJ-TV\" auch in Proteste von Baden-W\u00fcrttemberg unter den Anh\u00e4ngern der Organisation Proteste herAnh\u00e4gern in vor. Insgesamt nahmen etwa 700 KONGRA-GEL-Anh\u00e4nger im Juli und BadenAugust 2008 an den von den \u00f6rtlichen KONGRA-GEL-nahen Vereinen W\u00fcrttemberg organisierten friedlichen Protestaktionen in Stuttgart, Freiburg im Breisgau, Ulm, Heilbronn und Mannheim teil. Die weitgehend friedlichen Aktionen von Kurden gegen das Verbot von \"ROJ-TV\" erreichten mit der Entf\u00fchrung von drei deutschen Bergsteigern Protest eskaliert im Osten der T\u00fcrkei am 8. Juli 2008 durch K\u00e4mpfer der HPG ihren vormit Entf\u00fchrung l\u00e4ufigen und dramatischen H\u00f6hepunkt. Laut Aussage der HPG-KommanDeutscher datur auf ihrer Website vom 10. Juli 2008 sollte mit der Entf\u00fchrung gegen in der T\u00fcrkei das zunehmend restriktive Vorgehen der deutschen Beh\u00f6rden gegen\u00fcber dem KONGRA-GEL, insbesondere das Verbot von \"ROJ-TV\" protestiert werden. Mit der Entf\u00fchrung sollte die deutsche Regierung zu einer \u00c4nderung ihrer Politik gegen\u00fcber dem KONGRA-GEL bewegt und eine Aufhebung des Verbots von \"ROJ-TV\" erreicht werden. Unter den KONGRAGEL-Anh\u00e4ngern in Deutschland herrschte hinsichtlich der Entf\u00fchrung eine gewisse Genugtuung und Zustimmung, da durch diese Aktion medienwirksam auf die derzeitige \"Lage der Kurden\" aufmerksam gemacht wurde. Andererseits gab es teilweise Bef\u00fcrchtungen, dass sich die Entf\u00fchrung langfristig kontraproduktiv auf das \"friedliche\" Erscheinungsbild des KONGRAGEL auswirken und eventuell weitere exekutive Ma\u00dfnahmen seitens der deutschen Beh\u00f6rden hervorrufen k\u00f6nnte. 200 Meldung von \"ROJ-TV\" vom 29. Juni 2008. 97","16. Internationales Kurdisches Kulturfestival Unter dem Motto \"Freiheit f\u00fcr Abdullah \u00d6calan - Frieden in Kurdistan\" fand am 6. September 2008 das \"16. Internationale Kurdische Kulturfestival\" in Gelsenkirchen mit etwa 35.000 Teilnehmern aus ganz Europa statt. Kulturelle Darbietungen und politische Botschaften, so etwa die Gru\u00dfbotschaft des aus dem t\u00fcrkisch-irakischen Grenzgebiet telefonisch zugeschalteten KARAYILAN, pr\u00e4gten auch diesmal die Veranstaltung.201 KONGRA-GEL-Anh\u00e4nger feiern 30. Jahrestag der Gr\u00fcndung Europaweit fanden in zahlreichen St\u00e4dten Jubil\u00e4umsveranstaltungen zum Gedenken an die Organisationsgr\u00fcndung statt. Auch in Baden-W\u00fcrttemberg begingen die Anh\u00e4nger des KONGRA-GEL im November 2008 mit mehreren Veranstaltungen den 30. Jahrestag der Organisation. Dabei fanden in Freiburg im Breisgau, Ilsfeld/Krs. Heilbronn, Ludwigshafen am Rhein, Stuttgart und im Raum Bodensee Gedenkfeiern mit insgesamt mehreren Tausend Teilnehmern statt. Die f\u00fcr den 29. November 2008 anl\u00e4sslich des 30. Parteigr\u00fcndungstages geplante zentrale Gro\u00dfveranstaltung in Essen war im Vorfeld vom Veranstalter abgesagt worden. Ausblick Ausschlaggebend f\u00fcr die Stimmung unter den KONGRA-GEL-Anh\u00e4ngern hohes in Baden-W\u00fcrttemberg und deren Verhalten sind in erster Linie die Ereigilisierungsnisse in der T\u00fcrkei. Die prek\u00e4re Sicherheitslage im S\u00fcdosten der T\u00fcrkei und otenzial im Nordirak mit fast t\u00e4glichen Gefechten zwischen den K\u00e4mpfern des KONGRA-GEL und den t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4ften sowie das Wohlergehen der Leitfigur Abdullah \u00d6CALAN wirken sich direkt auf die Aktionsbereitschaft der KONGRA-GEL-Anh\u00e4nger in Baden-W\u00fcrttemberg aus. Vor allem die Meldungen \u00fcber die angebliche Misshandlung \u00d6CALANs, aber auch die Bodenoffensive der T\u00fcrkei im Februar 2008 und das Verbot des Senders 201 Linksextremistische Tageszeitung \"junge welt\" vom 8. September 2008. 98","\"ROJ-TV\" l\u00f6sten reflexartig Protestaktionen Tausender Anh\u00e4nger in BadenW\u00fcrttemberg aus. Das Verbot des Senders d\u00fcrfte die bisherige skeptische Einstellung der KONGRA-GEL-Anh\u00e4nger gegen\u00fcber dem deutschen Staat verst\u00e4rken. Die zahlreichen Demonstrationen, die teilweise von gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen und Anschl\u00e4gen vor allem jugendlicher KONGRA-GEL-Anh\u00e4nger begleitet wurden, belegen dabei das auch hier im Land vorhandene Konfliktpotenzial. Wie an den gewaltt\u00e4tigen Protesten wegen des Vorwurfs der Misshandlung \u00d6CALANs erkennbar ist, stellt sein Gesundheitszustand einen herausragenden Faktor f\u00fcr die Anh\u00e4nger des KONGRA-GEL dar und belegt die nach wie vor \u00e4u\u00dferst starke Verbundenheit mit der zentralen Identifikationsfigur der Organisation. Vom weiteren Umgang des t\u00fcrkischen Staates mit \u00d6CALAN (zum Beispiel seine Haftbedingungen) h\u00e4ngt in zentralem Ma\u00dfe ab, ob die Anh\u00e4nger den bisherigen \"Friedenskurs\" unterst\u00fctzen oder sich frustriert von der Organisation abwenden. Auch erneute Milit\u00e4roperationen der T\u00fcrkei im Nordirak d\u00fcrften umgehend friedliche wie auch gewaltt\u00e4tige Reaktionen seitens der KONGRAGEL-Anh\u00e4nger im Land hervorrufen. Obwohl der Konflikt mit der Entf\u00fchrung von drei deutschen Touristen in der T\u00fcrkei eine neue Stufe der Eskalation erreichte, ist davon auszugehen, dass der KONGRA-GEL auch zuk\u00fcnftig an seiner bisherigen Linie festhalten und die \"Doppelstrategie\" des bewaffneten Kampfs in der T\u00fcrkei und Beibehalten des \"Friedens-\" beziehungsweise \"Akzeptanzkurses\" in Deutschland fortf\u00fchren wird. 3. T\u00fcrkische Vereinigungen 3.1 Extrem nationalistische Organisation: \"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Deutschland e.V.\" (AD\u00dcTDF) Gr\u00fcndung: 1978 Sitz: Frankfurt am Main Mitglieder: ca. 2.070 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 2.100) ca. 7.000 Bund (2007: ca. 7.500) Die \"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Deutschland e.V.\" (\"Almanya Demokratik \u00dclk\u00fcc\u00fc T\u00fcrk Dernekleri Federasyonu\", AD\u00dcTDF) beziehungsweise die Ortsvereine, die sich unter ihrem Dach organisieren, gelten als Sammelbecken extrem nationalistischer T\u00fcr99","ken. Ihre Mutterorganisation ist die \"Partei der Nationalistischen Bewegung\" (\"Milliyetci Hareket Partisi\", MHP) in der T\u00fcrkei. Die Anh\u00e4nger dieser Bewegung sind auch unter der Bezeichnung \"Graue W\u00f6lfe\" (\"Bozkurtlar\") bekannt, wenngleich unter diesem Namen keine Organisation im Bundesgebiet besteht. deologie Die ideologische Ausrichtung der AD\u00dcTDF und ihrer Mitgliedsvereine orientiert sich an der Parteiideologie der MHP. Diese st\u00fctzt sich auf einen \u00fcbersteigerten Nationalismus und auf den Panturkismus, das hei\u00dft die Idee einer an den Grenzen des Osmanischen Reiches orientierten \"Gro\u00dft\u00fcrkei\" sowie auf den Turanismus, der die Vereinigung aller Turkv\u00f6lker vom Balkan bis Zentralasien anstrebt. Inzwischen hat sich auch die islamische Religion als zentrales Moment einer t\u00fcrkischen Identit\u00e4t, wie sie von den Anh\u00e4ngern dieser nationalistischen Bewegung definiert wird, in der Parteiideologie verfestigt. Zur eigenen Positionierung bedient sich die t\u00fcrkische nationalistische Bewegung seit jeher auch ethnischer und politischer Feindbilder. In Deutschland k\u00f6nnen vor allem eine Kurdenfeindlichkeit sowie allgemein eine Ablehnung politischer Gruppierungen aus dem politisch \"linken\" Spektrum beobachtet werden. Eine besondere Verehrung unter den \"Idealisten\" genie\u00dft weiterhin der 1997 verstorbene Gr\u00fcnder der MHP, Alparslan T\u00dcRKES, auch \"Basbug\" (\"oberster F\u00fchrer\") genannt. Sein Abbild ist in der AD\u00dcTDF allgegenw\u00e4rtig. Seine Ideen sind in der von ihm aufgestellten und als programmatische Basis f\u00fcr die Nationalisten geltenden \"Neun-Lichter-Doktrin\" zusammengefasst, deren wesentliche Komponenten der \"Nationalismus\" (milliyetcilik), der \"Idealismus\" (\u00fclk\u00fcc\u00fcl\u00fck) und der \"Moralismus\" (ahlakcilik) sind. Die \u00fcbersteigerte Auslegung dieser Werte macht den antidemokratischen Charakter dieser Organisation aus. Denn der extreme Nationalismus f\u00fchrt zu Intoleranz gegen\u00fcber anderen V\u00f6lkern und der extreme Moralismus zu einer starken sozialen Kontrolle und damit zur Einschr\u00e4nkung der individuellen Freiheit vor allem der von Frauen. anisationsDie Anh\u00e4nger dieser extrem nationalistischen Bewegung sind in Vereinen, rukturen so genannten \u00dclk\u00fc Ocaklari (\"Idealistenklubs\") organisiert, die wiederum \u00fcberwiegend Mitglieder in der AD\u00dcTDF sind. Deutschland ist in der Organisationsstruktur der AD\u00dcTDF in 13 \"B\u00f6lge\" (\"Gebiete\") aufgeteilt. BadenW\u00fcrttemberg, das die drei Gebiete BW1, BW2 und BW3 umfasst, ist neben Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hessen ein Schwerpunkt. Hier bestehen \u00fcber 45 Ortsvereine mit mehr als 2.000 Mitgliedern. 100","Um die Ideen der nationalistischen Bewegung zu transportieren und sie bei ihren Mitgliedern zu verfestigen, organisieren diese Ortsvereine VeranstalAktivit\u00e4ten tungen zu besonderen nationalen und religi\u00f6sen Anl\u00e4ssen. Dazu geh\u00f6ren die \"Schlacht von Canakkale\" w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges, die auf Seiten der Entente-M\u00e4chte \u00fcber vierzigtausend und auf Seiten der Osmanen \u00fcber f\u00fcnfzigtausend Todesopfer forderte, sowie der Geburtstag des Propheten Muhammad. Besonders bem\u00fcht sind die Vereine um die t\u00fcrkischen Jugendlichen. Bei sportlichen, kulturellen und sozialen Aktivit\u00e4ten werden diesen gr\u00f6\u00dftenteils in Deutschland geborenen Jugendlichen die \"idealistischen\" Werte vermittelt, gekoppelt mit der Botschaft, in der \"Fremde\" die t\u00fcrkisch-islamische Kultur verteidigen und erhalten zu m\u00fcssen. Die Auslegung dieses Kulturbegriffs ist jedoch in keiner Weise pluralistisch, das hei\u00dft sie ber\u00fccksichtigt nicht die Vielfalt der t\u00fcrkisch-islamischen Gesellschaft, sondern orientiert sich an den engen Vorstellungen der nationalistischen Bewegung. Diese gehen von einem patriotisch eingestellten, ethnischen T\u00fcrken aus, der Anh\u00e4nger des sunnitischen Islams ist. Einen wichtigen Stellenwert innerhalb der Vereinsarbeit nimmt daher auch die Organisation von Korankursen f\u00fcr Jungen und M\u00e4dchen ein. Die Anh\u00e4nger der AD\u00dcTDF bedienen sich bei der Vermittlung ihrer Werte einer starken Symbolik. Der mit den Fingern der rechten Hand geformte \"Wolfsgru\u00df\" wie auch die Verwendung des MHP-Parteilogos, das drei wei\u00dfe Halbmonde auf rotem Untergrund zeigt, sind unverkennbare Zeichen f\u00fcr die Zugeh\u00f6rigkeit zur nationalistischen Bewegung. Der Schriftzug \"CCC\" beziehungsweise \"cCc\" ist eine vereinfachte Darstellungsweise dieses Logos. Das Gef\u00fchl, einer besonderen Gruppe zuzugeh\u00f6ren, wird durch den \"Eid des Idealisten\" (\"\u00dclk\u00fcc\u00fc Yemini\") erzeugt. Es handelt sich dabei um eine Art Fahneneid, der die Werte und Ziele dieser Bewegung pointiert zusammenfasst. Dieser Eid wird in einem sehr k\u00e4mpferischen Ton in der Gruppe aufgesagt. Im Oktober 2008 wurden die R\u00e4umlichkeiten der Idealistenvereine in Reutlingen und Waiblingen von Unbekannten zum Teil schwer besch\u00e4digt. Auf diese Zwischenf\u00e4lle reagierte der Generalvorsitzende der AD\u00dcTDF, Sent\u00fcrk DOGRUYOL, mit einer schriftlichen Erkl\u00e4rung, in welcher er diese als \"systematische\" und \"terroristische\" Handlungen bezeichnet und \"verflucht.\".202 Die AD\u00dcTDF werde sich jedoch, so DOGRUYOL, durch derartige Angriffe nicht provozieren lassen, sondern wie gewohnt ihrer Arbeit nachgehen und allenfalls juristisch dagegen vorgehen. 202 Homepage der AD\u00dcTDF vom 17. November 2008. 101","3.2 Linksextremisten 3.2.1 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) und \"T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke\" (THKP-C - Devrimci Sol) Urspr\u00fcnge Der Ursprung der heutigen \"Revolution\u00e4ren Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) und der \"T\u00fcrkischen Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke\" (THKP-C) liegt im weltweiten revolution\u00e4ren Aufbruch von 1968. Das im Lauf der Jahre aus verschiedenen linksextremistischen t\u00fcrkischen Organisationen hervorgegangene revolution\u00e4re Potenzial gr\u00fcndete 1978 mit der \"Devrimci Sol\" eine neue politisch-milit\u00e4rische Organisation. Diese verfolgte insbesondere das Ziel, in der T\u00fcrkei einen Umsturz der dortigen politischen Verh\u00e4ltnisse herbeizuf\u00fchren und eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu errichten. Die \"Devrimci Sol\" war seit ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1978 in der T\u00fcrkei terroristisch aktiv. Vor allem Anfang der 80er-Jahre ver\u00fcbte sie zahlreiche Bombenanschl\u00e4ge gegen milit\u00e4rische und staatliche Einrichtungen, organisierte illegale Massendemonstrationen und Stra\u00dfenk\u00e4mpfe und beging Terroranschl\u00e4ge gegen Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens. Seit ihrer Gr\u00fcndung 1978 wird die \"Devrimci Sol\" f\u00fcr weit \u00fcber 200 T\u00f6tungsdelikte verantwortlich gemacht, zu denen sie sich in der Regel auch bekannte. Als terroristisch-linksextremistische Organisation wurde sie bereits zwei Jahre sp\u00e4ter in der T\u00fcrkei und am 27. Januar 1983 (bestandskr\u00e4ftig seit 1989) durch den Bundesminister des Innern in der Bundesrepublik Deutschland verboten, nachdem von ihr massive und \u00e4u\u00dferst gewaltt\u00e4tige Ausschreitungen ausgegangen waren. Jahrelange innerorganisatorische Streitigkeiten und pers\u00f6nliche Dispute f\u00fchrender Funktion\u00e4re spalteten die konspirativ agierende \"Devrimci Sol\" Ende 1992 in zwei konkurrierende, alsbald verfeindete Fl\u00fcgel, obwohl beide bis heute die gleichen ideologischen Grundlagen und politischen Ziele haben. Fortan bezeichneten sich die beiden rivalisierenden Fraktionen nach ihren damaligen F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren Dursun KARATAS203 und Bedri YAGAN204 als \"KARATAS\"beziehungsweise \"YAGAN\"-Fl\u00fcgel. Mit dem am 30. M\u00e4rz 1994 in Damaskus abgehaltenen \"Parteigr\u00fcndungskongress\" hat der \"KARATAS\"-Fl\u00fcgel, der sich seitdem DHKP-C nennt, organisatorisch endg\u00fcltig die Trennung vollzogen. Der \"YAGAN\"-Fl\u00fcgel verwendet seit Mitte 1994 die Bezeichnung THKP-C. 203 Verstorben am 11. August 2008. 204 Wurde im M\u00e4rz 1993 in der T\u00fcrkei von Sicherheitskr\u00e4ften erschossen. 102","Die DHKP-C und die THKP-C sehen sich in der Erbfolge nach wie vor jeweils als die wahre Nachfolgerin der \"Devrimci Sol\" und halten an deren ideologischen Leitgedanken fest. Insbesondere von M\u00e4rz 1993 bis Anfang des Jahres 1999 kam es zu massiven Fl\u00fcgelk\u00e4mpfen, die mit hoher krimineller Energie bis hin zum Mord ausgetragen wurden. Am 13. August 1998 erlie\u00df daher der Bundesminister des Innern gegen die THKP-C ein Bet\u00e4tiBet\u00e4tigungsverbot gungsverbot. Die DHKP-C bewertete er zeitgleich als Ersatzorganisation der 1983 verbotenen \"Devrimci Sol\" und bezog sie in das fr\u00fchere Verbot mit ein. Die Anfechtungsklage der DHKP-C dagegen wies das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) am 1. Februar 2000 letztinstanzlich ab.205 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) Gr\u00fcndung: 30. M\u00e4rz 1994 in Damaskus/Syrien nach Spaltung der 1978 in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndeten \"Devrimci Sol\" (Dev Sol - Revolution\u00e4re Linke), Verbot in Deutschland seit 13. August 1998 Leitung: Funktion\u00e4rsgruppe um den Generalsekret\u00e4r; nach dem Tod von Generalsekret\u00e4r Dursun KARATAS am 11. August 2008 noch kein Nachfolger benannt Mitglieder: ca. 70 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 75) ca. 650 Bund (2007: ca. 650) Publikationen: \"Yeni Kurtulus\" (Neue Befreiung) Ideologie Die DHKP-C gliedert sich in einen politischen Fl\u00fcgel, die \"Revolution\u00e4re Zielerreichung Volksbefreiungspartei\" (DHKP), und einen milit\u00e4rischen Arm, die \"Revoauch durch lution\u00e4re Volksbefreiungsfront\" (DHKC). Ihr erkl\u00e4rtes Ziel ist die Beseitibewaffneten gung des t\u00fcrkischen Staats in seiner jetzigen Form. Dieser soll durch ein Kampf marxistisch-leninistisches Regime ersetzt werden, das schlie\u00dflich in die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft m\u00fcnden soll. Die Organisation versteht es als \"heilige Pflicht\", gegen die \"Tyrannei und Ausbeutung\" in der T\u00fcrkei zu k\u00e4mpfen. Dazu bedient sich die DHKP-C auch des bewaffneten Kampfes. Angriffsziele sind nicht nur der t\u00fcrkische Staat und dessen Organe, sondern auch andere \"Feinde des Volkes\", zu denen die DHKP-C in erster Linie den \"US-Imperialismus\" z\u00e4hlt. 205 BVerwG, Az.: 1 A 4.98 vom 1. Februar 2000. 103","Organisationsaufbau An der Spitze der DHKP-C steht das Zentralkomitee, welches bisher von Generalsekret\u00e4r Dursun KARATAS geleitet wurde. Zu dessen Tod am 11. August 2008 \u00e4u\u00dferte sich die DHKP-C in ihrer Erkl\u00e4rung Nr. 39 vom selben Tag wie folgt: \"Wir haben unseren Kommandanten, unseren revolution\u00e4ren F\u00fchrer, unseren 'Dayi' [i.e. Onkel] verloren. Wir werden unseren Krieg mit dem, was unser Kommandant uns lehrte, verst\u00e4rken und ihn weiterhin in Ehren halten!\" Seither hat die Organisation noch keinen neuen Generalsekret\u00e4r ernannt. An der Spitze der Europaorganisation steht der von der Parteif\u00fchrung eingesetzte Europaverantwortliche mit seinen Stellvertretern. Zur F\u00fchrung in der Bundesrepublik Deutschland z\u00e4hlen neben dem Deutschlandverantwortlichen und dessen Vertretern die Regionsund Gebietsverantwortlichen sowie weitere, mit Sonderaufgaben betraute Funktion\u00e4re wie die anisation in Beauftragten f\u00fcr \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Die Deutschlandorganisation ist utschland dem Zentralkomitee der DHKP-C gegen\u00fcber f\u00fcr die Ausf\u00fchrung der von dort geplanten und angeordneten Ma\u00dfnahmen und Aktionen verantwortlich, durch die der \"Kampf\" in der T\u00fcrkei unterst\u00fctzt werden soll. Deren konkrete Umsetzung obliegt jedoch den F\u00fchrungskadern der Deutschlandorganisation. In diesem Netzwerk von Kontrollund Verbindungsinstanzen wird die Organisation in den einzelnen Ebenen von ideologisch geschulten und \u00e4u\u00dferst konspirativ auftretenden F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren geleitet. F\u00fcr die Umsetzung von Vorgaben der F\u00fchrungsspitze und den Informationsfluss zur Basis bedient sich die DHKP-C der \u00f6rtlichen DHKP-C-nahen Vereine, die den Anh\u00e4ngern zwar als Treffpunkte und Anlaufstellen dienen, deren Satzungen jedoch keinen R\u00fcckschluss auf die Organisation zulassen. Der T\u00e4tigkeitsschwerpunkt in Baden-W\u00fcrttemberg liegt im Gro\u00dfraum Stuttgart. Zusammenk\u00fcnfte von Aktivisten und Gro\u00dfveranstaltungen verlagert die gerung von Organisation zunehmend ins benachbarte Ausland, so die traditionelle Vernstaltungen anstaltung zum Parteigr\u00fcndungstag am 19. April 2008 nach Frankreich, ein Ausland Sommerlager vom 16. bis 22. Juni 2008 nach \u00d6sterreich sowie eine als Familienund Jugendcamp getarnte Veranstaltung vom 27. Juli bis 29. August 2008 nach Frankreich. 104","Propaganda Die DHKP-C ver\u00f6ffentlicht seit ihrer Gr\u00fcndung regelm\u00e4\u00dfig t\u00fcrkischsprachige Publikationen, wobei sie es aber stets vermieden hat, als Herausgeber oder Autor in Erscheinung zu treten. Die Inhalte dieser Zeitschriften spiegeln jedoch im Wesentlichen die politischen Aussagen und Einsch\u00e4tzungen der DHKP-C wider, weshalb sie bisher regelm\u00e4\u00dfig nach kurzer Zeit der Partei zugeordnet werden konnten und daraus resultierend in Deutschland verboten beziehungsweise als Nachfolgepublikation in ein bereits bestehendes Verbot einbezogen wurden. Die seit September 2008 aktuell bestehende Publikation \"Yeni Kurtulus\" (Neue Befreiung) ist durchg\u00e4ngig durch politische Aussagen gepr\u00e4gt, die sich mit der Ideologie der DHKP-C decken. Bereits in der 1. Ausgabe gab sie in einer Erkl\u00e4rung bekannt: \"Wir werden eine unabh\u00e4ngige, demokratische und sozialistische T\u00fcrkei gr\u00fcnden! (...) Hierf\u00fcr haben wir den bewaffneten Kampf aufgenommen! (...) Es gibt nur einen Weg, nur eine Art der Befreiung: Die Revolution ist der einzige Weg, der Sozialismus die einzige Alternative!\" 206 Weitere inhaltliche Bez\u00fcge zur DHKP-C lassen sich aus den Berichten zu eingeschr\u00e4nkter Mitgliedern und \"M\u00e4rtyrern\" der DHKP-C, der allgemeinen BerichterstatGewaltverzicht tung \u00fcber Aktivit\u00e4ten der Gruppierung sowie den Erkl\u00e4rungen zu den von der DHKP-C ver\u00fcbten Anschl\u00e4gen in der T\u00fcrkei herauslesen. Redaktion, Druck und Vertrieb der Publikation \"Yeni Kurtulus\" befinden sich seit Mitte September 2008 in der T\u00fcrkei. Auf der in t\u00fcrkischer Sprache verfassten Homepage der DHKP-C findet der Nutzer neben aktuellen Artikeln ein vollst\u00e4ndiges Archiv der bisher erschienenen Erkl\u00e4rungen zur freien Verf\u00fcgung. Anders als bei ihrer Zeitschrift werden Ver\u00f6ffentlichungen auf der Homepage stets im Namen der \"Partei\" oder ihrer Frontorganisation abgegeben. 206 \"Yeni Kurtulus\" Nr. 1 vom 7. September 2008, S. 12; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 105","Finanzierung Die DHKP-C finanziert sich nach wie vor aus Mitgliedsbeitr\u00e4gen, Spendensammlungen in den Reihen ihrer Anh\u00e4nger und dem Verkauf von Tontr\u00e4gern, w\u00e4hrend die Herausgabe gedruckter Publikationen eher Defizite verursacht. Einen ma\u00dfgeblichen Beitrag zur Finanzierung d\u00fcrften auch die Einnahmen aus Musikund Kulturveranstaltungen leisten. Die Spendenbereitschaft der Anh\u00e4nger ist kontinuierlich zur\u00fcckgegangen, was zu einer anhaltenden finanziellen Misere der Organisation gef\u00fchrt hat. Wie in den vergangenen Jahren konnte der Zielbetrag der j\u00e4hrlichen Spendenkampagne auch 2008 bei weitem nicht erreicht werden. Trotz der finanziellen Engp\u00e4sse scheint es aber zumindest in j\u00fcngster Zeit nicht mehr zu Spendengelderpressungen zu kommen. Exekutivma\u00dfnahmen Am 17. M\u00e4rz 2008 begann in Stuttgart-Stammheim der Prozess gegen f\u00fcnf mutma\u00dfliche Mitglieder der DHKP-C wegen Straftaten nach SS 129b Strafgesetzbuch (StGB).207 Den Angeklagten wird vorgeworfen, f\u00fcr terroristische Aktionen Waffen in die T\u00fcrkei geschmuggelt, Gelder f\u00fcr die Organisation gesammelt und politische Aktivit\u00e4ten f\u00fcr die DHKP-C organisiert zu haben. Anklageschrift und Beweisf\u00fchrung st\u00fctzten sich zum Teil auf Ermittlungsberichte aus der T\u00fcrkei und den Niederlanden. Dieser Prozess ist der erste, in dem Mitglieder einer ausl\u00e4ndischen Organisation nach SSSS 129a, 129b StGB wegen Bildung (Mitgliedschaft in) einer terroristischen Vereinigung angeklagt worden sind. Der Prozess in Stuttgart-Stammheim f\u00fchrte bundesweit zu Demonstrationen. Zuletzt wurde eine Demonstration am 5. Juli 2008 in Stuttgart von der \"Stuttgarter Initiative gegen SS 129\" veranstaltet. Dar\u00fcber hinaus erfolgten am 5. November 2008 drei weitere Festnahmen in K\u00f6ln, Dortmund und Duisburg. Dieses Vorgehen der deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden wurde von Seiten der Organisation scharf kritisiert. Der in solchen Exekutivma\u00dfnahmen manifestierte anhaltende Ermittlungsdruck tr\u00e4gt weiterhin dazu bei, die Organisation in Deutschland kontinuierlich zu schw\u00e4chen. Insgesamt f\u00e4llt die politische Botschaft der DHKP-C immer weniger auf fruchtbaren Boden. Zwar versammeln sich zu gro\u00dfen Picknickveranstaltungen wie am 12. Juli 2008 in Leinfelden-Echterdingen immer noch mehrere 207 SS 129b StGB erstreckt die Strafbarkeit nach SS 129a StGB auf terroristische Vereinigungen im Ausland. 106","Hundert Personen, jedoch kommt der Gro\u00dfteil nicht aus politischen Gr\u00fcnden, sondern lediglich wegen des musikalischen Rahmenprogramms. Anschl\u00e4ge In den Jahren seit 2003 ver\u00fcbte die DHKP-C durch die DHKC, ihren milit\u00e4rischen Arm, in der T\u00fcrkei mehrere Sprengstoffanschl\u00e4ge. Ziele waren staatliche t\u00fcrkische Einrichtungen, insbesondere Geb\u00e4ude, aber auch Mitarbeiter der t\u00fcrkischen Sicherheitsbeh\u00f6rden, der Armee und der Justiz. Im Jahr 2008 wurden keine schwerwiegenden Anschl\u00e4ge der DHKP-C bekannt. Bewertung Seit der Gewaltverzichtserkl\u00e4rung von KARATAS Anfang 1999 sind keine gewaltsamen Aktionen im Bundesgebiet mehr festzustellen. Jedoch bezieht sich der Gewaltverzicht nur auf Deutschland und Europa, nicht aber auf die T\u00fcrkei. Die intensiven Strafverfolgungsma\u00dfnahmen deutscher Beh\u00f6rden mit Durchsuchungen, Festnahmen und Verurteilungen wichtiger F\u00fchrungsfunktion\u00e4re haben die DHKP-C nachhaltig geschw\u00e4cht. Im Falle einer Verurteilung der in Stuttgart-Stammheim angeklagten DHKP-C-Funktion\u00e4re und der Wahl eines gewaltorientierten neuen Generalsekret\u00e4rs kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Gewaltverzichtserkl\u00e4rung widerrufen wird. 3.2.2 \"Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/Marxisten-Leninisten\" (TKP/ML) Gr\u00fcndung: 1972 (in der T\u00fcrkei) Mitglieder: ca. 315 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 320) ca. 1.300 Bund (2007: ca. 1.300) Die Organisation ist in die folgenden Fl\u00fcgel gespalten: \"Partizan\" (im schriftlichen Sprachgebrauch \"TKP/ML\" abgek\u00fcrzt) Leitung: Funktion\u00e4rsgruppe Anh\u00e4nger: ca. 120 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 120) Milit\u00e4rische Teilorganisation: \"T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee\" (TIKKO); ver\u00fcbt in der T\u00fcrkei Guerillaaktionen Publikation: \"Yeni Demokrasi Yolunda Isci K\u00f6yl\u00fc\" (Arbeiter und Bauern auf dem Weg der neuen Demokratie) 107","und \"Maoistische Kommunistische Partei\" (MKP) (bis Ende 2002 \"Ostanatolisches Gebietskomitee\"DABK -; im schriftlichen Sprachgebrauch fr\u00fcher \"TKP(ML)\" abgek\u00fcrzt) Leitung: Funktion\u00e4rsgruppe Anh\u00e4nger: ca. 195 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 200) Milit\u00e4rische Teilorganisation: \"Volksbefreiungsarmee\" (HKO); ver\u00fcbt in der T\u00fcrkei Guerillaaktionen Publikation: \"Halk Icin Devrimci Demokrasi\" (Revolution\u00e4re Demokratie f\u00fcr das Volk) Die von Ibrahim KAYPAKKAYA im Jahr 1972 in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndete TKP/ML ist seit 1994 in zwei miteinander konkurrierende Fraktionen gespalten, den \"Partizan\"-Fl\u00fcgel (TKP/ML) und die \"Maoistische Kommunistische Partei\" (MKP). Beide Organisationen berufen sich auf die von KAYPAKKAYA propagierte marxistischleninistisch-maoistische Ideologie. Um ihr erkl\u00e4rtes Ziel zu verwirklichen, die gegenw\u00e4rtige Staatsstruktur in der T\u00fcrkei zu beseitigen und statt dieser eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu errichten, unterhalten beide Gruppierungen jeweils eigene Guerillaeinheiten, die in der T\u00fcrkei terroristische Anschl\u00e4ge ver\u00fcben. In einer von der \"Informationsstelle Kurdistan e.V.\" am 18. Juli 2008 ver\u00f6ffentlichten Meldung hei\u00dft es unter der \u00dcberschrift \"Gemeinsame Milit\u00e4raktion von YJA STAR208 und TIKKO-Frauen\": oristische \"Wie die HPG mitgeteilt haben, ist eine Aktion mit ktivit\u00e4ten schwerem Gesch\u00fctz auf die Polizeidirektion in Derer T\u00fcrkei sim-Cemisgezek von Guerillak\u00e4mpferinnen von YJA STAR und TIKKO gemeinsam durchgef\u00fchrt worden. Bei dem Angriff kamen drei Polizisten und acht Soldaten ums Leben.\" moderates In Deutschland verhalten sich die Unterst\u00fctzer von TKP/ML und MKP seit rhalten in Jahren gewaltfrei. Die allj\u00e4hrlich unter den Anh\u00e4ngern der beiden Fl\u00fcgel utschland getrennt durchgef\u00fchrten Spendenkampagnen sowie weitere Einnahmen aus Kulturveranstaltungen und dem Verkauf von Publikationen dienen vorwie208 \"Yekitiya Jina Azad\"; Frauen-Guerilla-Organisation des KONGRA-GEL, vergleichbar den \"Volksverteidigungskr\u00e4ften\" (HPG). 108","gend der Finanzierung der Organisationsstrukturen. Zus\u00e4tzlich werden mit diesen Geldern offenbar weiterhin die bewaffnete Guerilla und die in der T\u00fcrkei inhaftierten Gesinnungsgenossen unterst\u00fctzt. Auch im Jahr 2008 wurden die Anh\u00e4nger beider Organisationen bei der Durchf\u00fchrung von Veranstaltungen und sonstigen Aktionen von ihren Basisorganisationen propagandistisch unterst\u00fctzt. Dabei handelt es sich bei der TKP/ML-Partizan um die \"F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V.\" (ATIF) in Deutschland und deren Dachorganisation auf Europaebene \"Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa\" (ATIK); bei der MKP um die \"F\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Deutschland\" (ADHF) und die \"Konf\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Europa\" (ADHK). In der \u00d6ffentlichkeit traten sowohl die \"Partizan\"-Fraktion als auch die MKP durch Info-St\u00e4nde, Demonstrationen und durch Verbreiten von Flugschriften in Erscheinung. Die Agitationsthemen orientierten sich dabei haupts\u00e4chlich an dem politischen Tagesgeschehen in Deutschland und der T\u00fcrkei. Im Jahr 2008 handelte es sich um Themen wie restriktive Ma\u00dfnahmen gegen Kurden in der T\u00fcrkei und in Deutschland oder Festnahmen von linksextremistischen t\u00fcrkischen Funktion\u00e4ren in Deutschland mit dem Risiko der Auslieferung an die T\u00fcrkei. Von besonderer Bedeutung f\u00fcr die Anh\u00e4nger und Sympathisanten beider Fl\u00fcgel waren 2008 die j\u00e4hrlich getrennt durchgef\u00fchrten Gedenkveranstaltungen zu Ehren KAYPAKKAYAs. So f\u00fchrte die TKP/ML-\"Partizan\" in Ludwigshafen am 24. Mai 2008 unter dem Motto \"Wir gedenken unseres kommunistischen F\u00fchrers im 35. Jahr seiner Ermordung\" eine Saalveranstaltung durch. Daran nahmen etwa 3.200 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland (unter anderem Holland, Frankreich, Schweiz) teil. Ebenfalls einen hohen Stellenwert nahmen kleinere dezentrale Veranstaltungen wie regional organisierte Kulturabende ein. Diese dienen insbesondere auf \u00f6rtlicher Ebene der Bindung des Unterst\u00fctzerkreises an die Organisationen. Seit mehreren Jahren gewinnt auch das Medium Internet f\u00fcr die Selbstdarstellung, zur Kontaktpflege mit dem Unterst\u00fctzerkreis und zur Verbreitung Ausbau eigener von Propaganda zunehmend an Bedeutung. Verlautbarungen werden teilInternetseiten weise auf der Homepage der einschl\u00e4gigen Organisationen oder als 109","gesonderte Beitr\u00e4ge im Internet ver\u00f6ffentlicht. Dabei werden die Leser h\u00e4ufig themenbezogen dazu aufgefordert, sich an Mailoder Faxaktionen zu beteiligen, deren Adressat deutsche staatliche Stellen sind. Beherrschendes Agitationsund Kampagnenthema der TKP/ML und der MKP sowie der ihnen nahe stehenden Basisorganisationen waren im Verlauf des gesamten Berichtszeitraums die SSSS 129a, b StGB. Diese Straftatbest\u00e4nde waren Ausl\u00f6ser zahlreicher Protestaktionen in verschiedenen deutschen St\u00e4dten, aber auch im Internet. Unter anderem leitete die Bundesanwaltschaft am 5. Dezember 2007 in Deutschland zeitgleich gegen zehn t\u00fcrkische Personen ein Ermittlungsverfahren nach SS 129b StGB ein. Weitere Verfahren gegen deutsche und t\u00fcrkische Personen wurden im Verlauf des Jahres 2008 eingeleitet. Aus aktuellem Anlass fand am 5. Juli 2008 eine Protestveranstaltung statt, an der sich mehrere Hundert Personen beteiligten. Hintergrund war der seit dem 17. M\u00e4rz 2008 in Stuttgart-Stammheim laufende Prozess gegen f\u00fcnf vermutliche Mitglieder der DHKP-C. Sprayaktionen mit politischen Inhalten wie \"Nieder mit der faschistischen Diktatur! Kurdistan wird das Grab des Faschismus sein!! TKP/ML\" 209 nebst Stern, Hammer und Sichel der TKP/ML haben im Verlauf des Jahres 2008 in der Region Stuttgart zugenommen. 3.2.3 \"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP) Gr\u00fcndung: 1994 (in der T\u00fcrkei) Anh\u00e4nger: ca. 235 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 245) ca. 600 Bund (2007: ca. 600) Publikation: \"Partinin Sesi\" (Stimme der Partei), zweimonatlich \"Internationales Bulletin der MLKP\", monatlich Die MLKP wurde im September 1994 auf einem Einheitskongress durch den Zusammenschluss der \"T\u00fcrkischen Kommunistischen Partei/Marxis - ten-Leninisten\" (TKP/ML-Hareketi) und der \"T\u00fcrkischen Kommunistischen Arbeiterbewegung\" (TKIH) gegr\u00fcndet. Die Organisation bekennt sich zur Ideologie von Marx, Engels und Lenin und f\u00fchrt in der T\u00fcrkei ter209 Hier: Arbeits\u00fcbersetzung von \"Kahrolsun Fasist Diktat\u00f6rl\u00fck K\u00fcrdistan Fasizme Mezar olacak!! TKP/ML\". 110","roristische Aktionen mit dem Ziel durch, den t\u00fcrkischen Staatsapparat zu zerschlagen und eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu errichten. Bereits im September 1995 war es in der Gruppierung zu ideologischen Richtungsk\u00e4mpfen gekommen, in deren Verlauf sich eine Gruppe der ehemaligen TKP/ML-Hareketi abspaltete und die \"Kommunistische ParteiAufbauorganisation\" (KP-I\u00d6) gr\u00fcndete. Diese hat seit ihrer Gr\u00fcndung in Deutschland zunehmend an Bedeutung verloren. Eigenen Angaben zufolge versteht sich die MLKP als die politische Vorhut des Proletariats der t\u00fcrkischen und kurdischen Nation und der nationalen Minderheiten. In ihrem Heimatland gilt die Gruppierung als eine illegale Organisation, die dort den Straftatbestand der \"bewaffneten Bande\" erf\u00fcllt. Die in der T\u00fcrkei terroristisch operierenden \"Bewaffneten Einheiten der Armen und Unterdr\u00fcckten\" (FESK) werden von den dortigen Sicherheitsbeh\u00f6rden als militanter Arm der MLKP angesehen. Ihre terroristischen Anschl\u00e4ge richten sich unter anderem gegen staatliche Einrichtungen. Mehrfach kam es zu heftigen K\u00e4mpfen im Rahmen von Zusammenst\u00f6\u00dfen mit den Sicherheitskr\u00e4ften. So bekannten sich die FESK210 am 19. Januar 2008 zu einem Sprengstoffanschlag auf das gerichtsmedizinische Institut in Adana. In der Erkl\u00e4rung Nr. 69 hei\u00dft es hierzu unter anderem: \"Revolution\u00e4re H\u00e4ftlinge wurden bestialisch hingerichtet. Dutzende wurden verwundet und zu Kr\u00fcppeln gemacht. Es ist genau sieben Jahre her, doch die Isolation h\u00e4lt immer noch an und die faschistischen M\u00f6rderhorden setzen ihre Angriffe erbarmungslos fort. Die revolution\u00e4ren H\u00e4ftlinge setzen ihren ehrenhaften Widerstand gegen die Angriffe fort. Und nat\u00fcrlich konnten auch die bewaffneten Kr\u00e4fte der Unterdr\u00fcckten diese Angriffe nicht unbeantwortet lassen.\" 211 Ihren Nachwuchs rekrutiert die MLKP aus der \"Kommunistischen Jugen - Rekrutierung dorganisation\" (KG\u00d6). Dabei indoktriniert sie die jugendlichen Mitglieder aus der Jugendim Verlauf von regelm\u00e4\u00dfig j\u00e4hrlich durchgef\u00fchrten Jugendcamps. Zur Infororganisation 210 Sozialistische Wochenzeitung \"Atilim\" vom 19. Januar 2008. 211 Hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 111","mation der Anh\u00e4nger und Sympathisanten bedient sich die MLKP in Deutschland der ihr inhaltlich nahe stehenden Organisationen \"Konf\u00f6deration der unterdr\u00fcckten Migranten in Europa\" (AvEG-KON) und \"F\u00f6de - ration der Arbeiter und Immigranten aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V.\" (AGIF). Verlautbarungen der genannten Organisationen werden regelm\u00e4\u00dfig in der sozialistischen, in der T\u00fcrkei erscheinenden Wochenzeitung \"Atilim\" (Angriff) ver\u00f6ffentlicht. Dar\u00fcber hinaus erscheinen mitunter Erkl\u00e4rungen auf der Homepage von \"Atilim\", die mit dem Zusatz \"die uns auf dem E-Mail-Wege erreicht hat\" 212 versehen sind. Weitere Organe zur Ver\u00f6ffentlichung von Mitteilungen sind die zweimonatlich erscheinende \"Partinin Sesi\" (Stimme der Partei) sowie eine Homepage, auf der Informationen in mehreren Sprachen ver\u00f6ffentlicht werden. Zur Finanzierung der Organisation und der terroristischen Aktivit\u00e4ten in der T\u00fcrkei f\u00fchrt die Organisation j\u00e4hrlich unter ihren Anh\u00e4ngern eine Spendensammlung durch. Bei der H\u00f6he der erwarteten Spende stellt man auf die wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit des jeweiligen Spenders ab. Weitere Einnahmen erzielt die MLKP insbesondere aus der Durchf\u00fchrung von kulturell gepr\u00e4gten Veranstaltungen und dem Verkauf von Publikationen. In Deutschland nahmen die Anh\u00e4nger auch im Jahr 2008 Stellung zu vielf\u00e4ltigen Themen der deutschen Politik, aber auch zu aktuellen Ereignissen in der T\u00fcrkei. Dies geschah publizistisch und mit Aktionen wie Info-St\u00e4nden, Flugblattaktionen oder Aufrufen zum Verfassen von Protestmails an deutsche Beh\u00f6rden. MLKP in Unter dem Motto \"Mit der Partei zum Sozialismus\" f\u00fchrten MLKP und utschland KG\u00d6 am 18. Oktober 2008 in K\u00f6ln eine Veranstaltung zum 91. Jahrestag der Oktoberrevolution durch. In deren Verlauf riefen die Veranstalter zu Spenden auf. Weiter skandierten die Teilnehmer auf Zuruf Parolen wie \"Hoch lebe unsere Partei MLKP!\", \"Die Hoffnung ist allgegenw\u00e4rtig\" oder \"Partei, Angriff, Sieg!\". Wie schon in den vergangenen Jahren beteiligten sich auch anl\u00e4sslich des 1. Mai 2008 Aktivisten und Sympathisanten der MLKP an den traditionellen lokalen Kundgebungen und Demonstrationen im gesamten Bundesgebiet. Im Vorfeld kam es dabei erneut zu Sachbesch\u00e4digungen durch politische Graffiti. 212 Hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 112","Unter der \u00dcberschrift \"Gr\u00fc\u00dfe aus Ulm an die 68er\" fand in Ulm zum Gedenken an die Anf\u00fchrer der t\u00fcrkischen 68er Bewegung wie KAYPAKKAYA eine Demonstration mit anschlie\u00dfender Kundgebung statt. Etwa 100 Teilnehmer marschierten mit Fahnen der MLKP und der TKP/ML zum Kundgebungsplatz, wo Erkl\u00e4rungen im Namen des Komitees abgegeben wurden. 4. Volksgruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien und ethnische Albaner Baden-W\u00fcrttemberg genie\u00dft bei Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien traditionell einen hohen Stellenwert als Einwanderungsland. Schon in den siebziger Jahren lie\u00dfen sich hier viele Verfolgte des \"TITO-Regimes\" nieder. Dabei handelte es sich haupts\u00e4chlich um Mitglieder extremistischer kroatischer Emigrantenorganisationen, deren Ziel die Wiederherstellung eines selbst\u00e4ndigen Staates Kroatien war. Ebenso nutzten mehrere Tausend Fl\u00fcchtlinge in den B\u00fcrgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien (1991 bis 1995) Baden-W\u00fcrttemberg als Zufluchtsland. Im Jahr 2008 konnten nur noch vereinzelt extremistische Bestrebungen von Angeh\u00f6rigen ehemaliger jugoslawischer Volksgruppen festgestellt werden. Nach wie vor reagiert man jedoch auch in Baden-W\u00fcrttemberg auf wichtige Ereignisse, wie folgende Beispielsf\u00e4lle zeigen: Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung des Kosovo Am 17. Februar 2008 und damit einen Tag vor der Sitzung der Au\u00dfenministerkonferenz der EU-Staaten am 18. Februar 2008 und gegen den Willen Serbiens und Russlands wurde die Unabh\u00e4ngigkeit des Kosovo vollzogen. Thema dieser Sitzung sollte die angestrebte Unabh\u00e4ngigkeit des Kosovo sein. Die Regierung des Kosovo hatte somit vorzeitig Fakten geschaffen. Die in Baden-W\u00fcrttemberg lebenden Anh\u00e4nger der linksextremistischen \"Volksbewegung von Kosovo\" (LPK), der \"Front f\u00fcr die Albanische Natio - nale Vereinigung\" (FBKSH) sowie der extrem nationalistischen \"National - demokratischen Liga der Albanischen Treue\" (B.K.D.SH.) haben die Entwicklung mit Genugtuung verfolgt, da man dem Ziel der Vereinigung aller albanischen Siedlungsgebiete213 einen Schritt n\u00e4her gekommen zu sein scheint. Aus Anlass der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung organisierten kosovoalbanische Vereine am 17. Februar 2008 in Baden-W\u00fcrttemberg in Frie - drichshafen, Nagold, Sinsheim, Stuttgart und Tuttlingen friedliche Veranstaltungen. 213 Neben Albanien und dem Kosovo sind dies Teile von Nordgriechenland, Mazedonien, S\u00fcdserbien und Montenegro. 113","ivit\u00e4ten im Anders als im Mutterland reagierten die in Baden-W\u00fcrttemberg lebenden mmenhang Serben auf die Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung mit friedlichen Demonstrationen er Unabh\u00e4nam 23. Februar 2008 in Stuttgart, an der rund 1.000 Personen teilnahmen, itserkl\u00e4rung und am 1. M\u00e4rz 2008 in Mannheim mit rund 200 Teilnehmern. In Serbien kam es zu zahlreichen gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen vor allem gegen die Botschaften der USA, Deutschlands, Gro\u00dfbritanniens und der T\u00fcrkei sowie der \"Administration der Vereinigten Nationen zur \u00dcbergangsverwaltung des Kosovo\" (UNMIK). In Nordkosovo setzten Hunderte Serben von der UNMIK kontrollierte Grenz\u00fcberg\u00e4nge in Brand. Festnahme des mutma\u00dflichen Kriegsverbrechers Radovan KARADZIC in Belgrad. Der seit 1996 mit internationalem Haftbefehl gesuchte fr\u00fchere Pr\u00e4sident der bosnischen Serben wurde am 21. Juli 2008 in Belgrad verhaftet. KARADZIC wird f\u00fcr die Kriegsverbrechen w\u00e4hrend des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 mitverantwortlich gemacht.214 Die Festnahme hat unter Serben unterschiedliche Reaktionen und teilweise heftige Proteste hervorgerufen, die in Deutschland bislang aber kaum \u00f6ffentliche Wirkung entfaltet haben. Die in Baden-W\u00fcrttemberg lebenden Serben bewerteten die Festnahme und die \u00dcberstellung an das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag am 30. Juli 2008 unterschiedlich. Bei einem Teil der Serben herrschte \u00fcberwiegend Erleichterung vor, zumal nun bald ein dunkles Kapitel ihrer Geschichte abgeschlossen werden k\u00f6nne und sich das Land durch Auslieferung des Kriegsverbrechers nach Den Haag den Voraussetzungen f\u00fcr eine k\u00fcnftige Mitgliedschaft in der Europ\u00e4ischen Union weiter angen\u00e4hert habe. Man verspricht sich nun eine gro\u00dfz\u00fcgigere finanzielle Unterst\u00fctzung durch die westliche Staatengemeinschaft, um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes verst\u00e4rkt forcieren zu k\u00f6nnen. ktionen auf Die in Baden-W\u00fcrttemberg lebenden bosnischen Serben aus der serbischen nahme und Republik Srpska215 sind gr\u00f6\u00dftenteils \u00fcber die Festnahme ihres einstigen F\u00fchferung eines rers best\u00fcrzt, zumal er auch heute noch als Nationalheld verehrt wird. Sie sverbrechers lehnen jedoch Demonstrationen oder gar gewaltsame Aktionen beispiels214 Damals wurde die bosnische Hauptstadt Sarajevo von den Truppen der bosnischen Serben unter KARADZIC 43 Monate lang belagert. Nach Recherchen des internationalen Kriegsverbrecher-Tribunals in Den Haag liegen heute Beweise vor, wonach KARADZIC ma\u00dfgeblich f\u00fcr das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 verantwortlich ist. Damals wurden etwa 8.000 muslimische M\u00e4nner und Jungen get\u00f6tet. 215 Die F\u00f6deration Bosnien und Herzegowina besteht aus der muslimisch-kroatischen F\u00f6deration und der serbischen Republik (Republica Srpska). 114","weise gegen serbische Einrichtungen in Baden-W\u00fcrttemberg ab. Gewalt sei kontraproduktiv und schade dem Ansehen des eigenen Volkes in der Welt. In Pale hingegen, dem ehemaligen Hauptquartier von KARADZIC in der Republik Srpska, demonstrierten \u00fcber 2.000 Serben gegen die Inhaftierung. Auch in Belgrad kam es zu mehreren gewaltsamen Demonstrationen von Ultranationalisten. Die Demonstranten warfen Flaschen und Steine gegen serbische Sicherheitskr\u00e4fte und verbrannten Fahnen politischer Gegner. Zu einer zentral organisierten Gro\u00dfdemonstration konnten zuletzt am 29. Juli 2008 \u00fcber 10.000 Personen mobilisiert werden. In deren Verlauf kam es zu schweren gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und serbischen Polizeieinheiten. In Deutschland gab es keine Aufrufe zu Demonstrationen oder sonstigen Aktionen. Lediglich eine Sachbesch\u00e4digung in der Nacht zum 22. Juli 2008 in Frankfurt am Main zum Nachteil des Generalkonsulats der Republik Serbien wurde registriert. Unbekannte T\u00e4ter hatten Pflastersteine gegen die Sicherheitsverglasung des Konsulats geschleudert. Die in Baden-W\u00fcrttemberg lebenden Bosniaken (Muslime aus BosnienHerzegowina) reagierten auf die Verhaftung mit Genugtuung. Das Ereignis wurde intern und in der \u00d6ffentlichkeit allerdings mit Zur\u00fcckhaltung diskutiert. Kundgebungen fanden nicht statt. In Sarajevo dagegen feierten mehr als 2.000 Personen die Festnahme ihres \"Erzfeindes\". Anh\u00e4nger der nur noch in Reststrukturen in Baden-W\u00fcrttemberg existierenden \"Volksbewegung von Kosovo\" (LPK) beteiligten sich \u00fcberwiegend Veranstaltungen an Gedenkveranstaltungen zu Ehren der im Kosovokrieg (1999) get\u00f6teten K\u00e4mpfer der von der Organisation unterst\u00fctzten \"Befreiungsarmee von Kosovo\" (UCK), so beispielsweise am 18. Mai 2008 in Stuttgart-Feuerbach. Im Rahmen einer Feierstunde am 19. Januar 2008 in Stuttgart wurden die Verdienste der im Januar 1982 in Untergruppenbach/Krs. Heilbronn ermordeten drei Funktion\u00e4re216 der Organisation gew\u00fcrdigt. Funktion\u00e4re der \"Front f\u00fcr die Albanische Nationale Vereinigung\" (FBKSH) trafen sich konspirativ in kleinen Zirkeln unter anderem auch im Raum Heidelberg. Die FBKSH versteht sich als politischer Arm der nach wie vor in Mazedonien und Kosovo existierenden \"Albanischen National - armee\" (AKSH), deren erkl\u00e4rtes Ziel die Vereinigung aller albanischen Sied216 Die Get\u00f6teten waren Mitbegr\u00fcnder der ehemaligen \"Bewegung f\u00fcr eine albanische sozialistische Republik in Jugoslawien\" (LRSSHJ), die sp\u00e4ter in \"Volksbewegung von Kosovo\" umbenannt wurde. Sie wurden vermutlich von Angeh\u00f6rigen des damaligen jugoslawischen Geheimdienstes erschossen. 115","Ziel: lungsgebiete in ein \"Gro\u00dfalbanien\" ist. In verschiedenen Kommuniques o\u00dfalbanien betonten die Verantwortlichen wiederholt, dass man trotz der Unabh\u00e4ngigkeit des Kosovo nach wie vor auf einem \"Gro\u00dfalbanien\" bestehe. Die extrem nationalistische \"Nationaldemokratische Liga der Albanischen Treue\" (B.K.D.SH.) mit Sitz in Donzdorf/Krs. G\u00f6ppingen entfaltete keine \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktivit\u00e4ten mehr. Die Strukturen der Organisation sind seit Jahren durch pers\u00f6nliche Querelen unter den F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren und die R\u00fcckkehr weiterer Mitglieder in das Kosovo, aber auch aufgrund der anhaltenden Politikverdrossenheit vieler Anh\u00e4nger nachhaltig geschw\u00e4cht. Daraus zog der Pr\u00e4sident die Konsequenzen und beantragte beim Amtsgericht der Stadt Geislingen an der Steige die Aufl\u00f6sung seiner Organisation in Deutschland, die am 27. Februar 2008 erfolgte. Die B.K.D.SH. wird somit k\u00fcnftig nur noch im Kosovo aktiv sein. Dort ist sie seit 2001 als Partei anerkannt. Ihr Pr\u00e4sident hielt sich wieder \u00fcberwiegend im Kosovo auf und vertrat seine Partei bei einem von \u00fcberwiegend linksorientierten albanischen Vereinigungen organisierten Vorbereitungstreffen f\u00fcr den \"Albanischen Weltkongress\" im Juni 2008 in Durres/Albanien. 5. Sikh-Organisationen \"Babbar Khalsa\" (BKI)217 Gr\u00fcndung: 1978 in Indien Sitz: Weil am Rhein Mitglieder: ca. 30 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: 30) ca. 200 Bund (2007: 200) \"International Sikh Youth Federation\" (ISYF) Gr\u00fcndung: 1984 als weltweite Auslandsorganisation der \"All India Sikh Student Federation\" (AISSF) 1985 Gr\u00fcndung der \"Deutschen Sektion der ISYF\" in Frankfurt am Main; Juni 2007 Umbenennung in \"Sikh Federation Germany\" (SFG) Sitz: Offenbach am Main Mitglieder: ca. 80 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: 90) ca. 550 Bund (2007: 550) 217 Diese Abk\u00fcrzung verwendet die \"Babbar Khalsa\" f\u00fcr ihre Auslandsorganisation \"Babbar Khalsa International\". 116","\"Kamagata Maru Dal International\" (KMDI) Gr\u00fcndung: 1997 als \"Internationale Kamagatamaru Partei\" in San Francisco/USA 1998 Zweigorganisation in Baden-W\u00fcrttemberg Sitz: vermutlich M\u00fcnchen Mitglieder: ca. 15 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: 15) ca. 40 Bund (2007: 40) Die Bestrebungen extremistischer Gruppierungen der Sikhs218, im indischen Ziel: Bundesstaat Pandschab einen eigenen Staat \"Khalistan\" (Land der Reinen) eigener Staat zu gr\u00fcnden, f\u00fchrten in den vergangenen 20 Jahren zu unz\u00e4hligen gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen von \"Sikh-K\u00e4mpfern\" und Auseinandersetzungen mit indischen Sicherheitskr\u00e4ften, bei denen eine Vielzahl von Separatisten festgenommen oder get\u00f6tet wurde. Auch im Jahr 2008 wurden dort wieder Aktivisten der \"International Sikh Youth Federation\" (ISYF) und der \"Babbar Khalsa\" (BKI) wegen angeblich ver\u00fcbter Bombenanschl\u00e4ge inhaftiert, was aber zur Folge hatte, dass diese Organisationen zumindest im Heimatland vermehrt Zulauf von Sympathisanten erhielten. Terroristische Aktivit\u00e4ten au\u00dferhalb Indiens sind in den letzten Jahren dagegen nicht bekannt geworden. Aufgrund ihrer terroristischen Aktivit\u00e4ten f\u00e4llt die ISYF in Indien unter den \"Activities Act\" vom 22. M\u00e4rz 2002 und ist au\u00dferdem in Gro\u00dfbritannien durch den \"Terrorism Act 2000\" verboten. Da sowohl die \"Babbar Khalsa\" (BKI) als auch die ISYF vor Jahren noch au\u00dferhalb Indiens am h\u00e4ufigsten im Zusammenhang mit terroristischen Aktionen hervorgetreten sind, wurden beide Gruppierungen von der Europ\u00e4ischen Union in die Liste der terroristischen Organisationen aufgenommen. Starke Auslandsgruppen von Sikhs bestehen in Kanada, in den USA und in Gro\u00dfbritannien. Dort sind \u00fcberwiegend Aktivisten der in verschiedene Fl\u00fcgel gespaltenen ISYF und der \"Babbar Khalsa\" (BKI) aktiv, die untereinander und auch zu entsprechenden St\u00fctzpunkten in Deutschland enge Kontakte unterhalten. Politische Meinungsverschiedenheiten der Organisationen werden in der Regel in den Versammlungsst\u00e4tten der Sikhs, den Tempeln (\"Gurdwaras\"), ausgetragen. Oftmals versuchen Funktion\u00e4re der einzelnen Gruppierungen, ihren Einfluss in den Tempelkomitees auszuweiten. Dabei kommt es immer wieder zu Gewaltanwendungen oder Einsch\u00fcchterungen. Die wichtigsten 218 Bei den Sikhs handelt es sich um eine Religionsgemeinschaft, die haupts\u00e4chlich im indischen Bundesstaat Pandschab beheimatet ist. 117","Sikhtempel in Deutschland befinden sich in Frankfurt am Main und in K\u00f6ln. Daneben bestehen unter anderem auch Tempel in Hamburg, M\u00fcnchen, Stuttgart, T\u00fcbingen und Mannheim. nstaltungen Die in Baden-W\u00fcrttemberg lebenden Anh\u00e4nger extremistischer Sikhgruppierungen beteiligten sich auch im Jahr 2008 wieder an den traditionellen Protestdemonstrationen vor dem indischen Generalkonsulat in Frankfurt am Main. Bei diesen Veranstaltungen wurde beispielsweise am 26. Januar 2008 gegen den indischen Nationalfeiertag (26. Januar 1950, Tag der Republik) und am 6. Juni 2008 gegen den \"Sturm indischer Truppen auf den goldenen Tempel von Amritsar\" (5. Juni 1984) protestiert. Auch an einer Protestaktion anl\u00e4sslich des indischen Unabh\u00e4ngigkeitstages (15. August 1947) in Frankfurt am Main beteiligten sich Anh\u00e4nger extremistischer Gruppierungen aus Baden-W\u00fcrttemberg. Dabei trat die im Jahr 2007 in \"Sikh Federation Germany\" (S.F.G.) umbenannte ISYF weiterhin unter ihrer alten Bezeichnung \u00f6ffentlich in Erscheinung. Dar\u00fcber hinaus nutzten Funktion\u00e4re so genannte M\u00e4rtyrer-Gedenkveranstaltungen in den Sikhtempeln als politische Plattform und zum Aufruf zu Spendensammlungen zur Unterst\u00fctzung der Angeh\u00f6rigen gefallener K\u00e4mpfer und der Organisationen in der Heimat. Aufgrund langj\u00e4hriger Streitigkeiten unter den F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren der BKI kam es zur Spaltung der Organisation. Am 12. Oktober 2008 wurde deshalb im Sikhtempel Frankfurt die \"Babbar Khalsa Germany\" (B.K.G.) neu gegr\u00fcndet. Zellen extremistischer Sikhs konnten in Baden-W\u00fcrttemberg in den R\u00e4umen Heilbronn, Herrenberg, Mannheim, Reutlingen, Stuttgart, T\u00fcbingen und Weil am Rhein erkannt werden. \u00d6ffentlichkeitswirksame Aktivit\u00e4ten extremistischer Sikhorganisationen in Baden-W\u00fcrttemberg wurden nicht bekannt. Politisch relevante Themen diskutierte man haupts\u00e4chlich in internen, manchmal auch gruppen\u00fcbergreifenden Zirkeln in den Tempeln. 6. \"Liberation Tigers of Tamil Eelam\" (LTTE) Gr\u00fcndung: 1972 auf Sri Lanka als \"Tamil New Tigers\" (TNT) 1976 Umbenennung in LTTE Sitz: Oberhausen/Nordrhein-Westfalen (Deutsche Sektion) Mitglieder: ca. 110 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 110) ca. 800 Bund (2007: ca. 800) 118","Anfang 2008 eskalierten auf Sri Lanka die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der extremistischen separatistischen Tamilenorganisation \"Liberation Tigers of Tamil Eelam\" (LTTE) und den sri-lankischen Regierungstruppen.219 Urs\u00e4chlich f\u00fcr die erbitterten K\u00e4mpfe war die Aufk\u00fcndigung des im Jahr 2002 ausgehandelten Waffenstillstandsabkommens im Aufk\u00fcndigung Januar 2008 durch die sri-lankische Regierung. In diesem Zusammenhang des Friedensk\u00fcndigte der Staatspr\u00e4sident von Sri Lanka die vollst\u00e4ndige Zerschlagung abkommens der LTTE bis Ende 2008 an. Pressemeldungen zufolge konnten sri-lankische Armeeeinheiten zahlreiche, von den LTTE kontrollierte Gebiete im Norden Sri Lankas erobern. Nach dem Verlust der \"tamilischen Ostgebiete\" 220 im Jahr 2007 hat sich der Aktionsradius der LTTE im Heimatland erheblich verkleinert. Die Kampfeinheiten der \"Tamil Tigers\" reagierten auf die Armeeoffensiven mit teils spektakul\u00e4ren Gegenangriffen. So wurde im Februar 2008 auf den Bahnhof in Colombo/Sri Lanka ein Selbstmordanschlag ver\u00fcbt, bei dem 11 Menschen get\u00f6tet und etwa 100 verletzt wurden. Im April 2008 starben durch einen Bombenanschlag in der N\u00e4he der Hauptstadt Sri Lankas 12 Personen, darunter der Verkehrsminister, zudem gab es rund 90 Verletzte. Im Oktober 2008 bombardierten tamilische Rebellen bei einem Luftangriff ein am Stadtrand von Colombo gelegenes Kraftwerk. Die Stromversorgung der Hauptstadt brach daraufhin zusammen. Die LTTE haben sich in den meisten F\u00e4llen nicht zu den Anschl\u00e4gen bekannt. Die LTTE haben weltweit Exilorganisationen221 gebildet, um mittels propaVernetzung der gandistischer Aktivit\u00e4ten und regelm\u00e4\u00dfig gro\u00df angelegter GeldbeschafDiasporafungsaktionen den Kampf f\u00fcr einen unabh\u00e4ngigen Staat \"Tamil Eelam\" in Gemeinschaft der Heimat unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen. Die Organisation versucht durch ein breit gef\u00e4chertes Netz von Nebenund Tarnorganisationen sowie Sportvereinen und tamilischen Schulen auf die im Bundesgebiet lebenden Tamilen Einfluss zu nehmen, um sie dadurch eng an die \"Tamil Tigers\" zu binden. Dar\u00fcber hinaus intensivierten LTTE-Kader die bestehenden pers\u00f6nlichen Kontakte zu ihren Landsleuten und warben um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den au\u00dfergew\u00f6hnlich hohen Finanzbedarf der Organisation. Die Aktionsschwerpunkte in Baden-W\u00fcrttemberg konzentrieren sich vor allem auf die R\u00e4ume Bad Friedrichshall, Heilbronn und Stuttgart. 219 Der bewaffnete Kampf auf Sri Lanka hat im Jahr 2008 Tausende von Toten und Verletzten gefordert. Seit Beginn des B\u00fcrgerkriegs im Jahr 1983 wurden ann\u00e4hernd 75.000 Menschen get\u00f6tet, mehr als 300.000 befinden sich auf der Flucht. 220 Siehe Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2007, S. 110ff. 221 Die LTTE unterhalten Vertretungen in circa 40 L\u00e4ndern der Erde, unter anderem Australien, Kanada, Italien, Frankreich, Gro\u00dfbritannien, Schweiz und Deutschland, die untereinander in engem Kontakt stehen. 119","Angesichts der drastisch gestiegenen Kriegskosten f\u00fcr den Kampf auf Sri Lanka, aber auch zur Finanzierung von Ma\u00dfnahmen humanit\u00e4ren Charakters wie Fl\u00fcchtlingshilfe war die LTTE-F\u00fchrung verst\u00e4rkt auf Spenden der im Ausland lebenden Landsleute angewiesen. Die streng nach hierarchischen Prinzipien gegliederte deutsche Sektion leistete im Jahr 2008 ihren finanziellen Beitrag, indem sie von allen hier lebenden Tamilen monatlich festgelegte Spenden erhob und dar\u00fcber hinaus anlassbezogene Spendengeldaktionen durchf\u00fchrte. Die Geldsammlungen selbst fanden ohne jegliche Gewaltanwendung statt. In Baden-W\u00fcrttemberg befolgten die Spendensammler somit strikt die von der LTTE-Zentrale auf Sri Lanka ausgegebene Weisung des Gewaltverzichts. Durch \u00f6ffentlichkeitswirksame Veranstaltungen und bundesweite Demonstrationen versuchte die Organisation auf die ihrer Meinung nach unhaltbaren Zust\u00e4nde auf Sri Lanka aufmerksam zu machen. So folgten beispielsweise rund 6.000 Exil-Tamilen einem Aufruf des \"Tamil Coordinating Committee\" (TCC)222, sich am 28. Juni 2008 in D\u00fcsseldorf an einer Demonstration f\u00fcr das Selbstbestimmungsrecht der Tamilen zu beteiligen. In Baden-W\u00fcrttemberg agierende LTTE-Funktion\u00e4re mobilisierten hierzu mehrere Hundert Personen, darunter zahlreiche LTTE-Sympathisanten. Zu Beginn der friedlich verlaufenen Kundgebung verteilten Helfer zahlreiche Plakate in tamilischer, englischer und deutscher Sprache, unter anderem mit dem Konterfei des LTTE-F\u00fchrers Vellupillai PRABHAKARAN. Die Demonstranten skandierten Parolen wie \"National Leader of Tamil Eelam\", \"Unser Land Tamil Eelam\" und \"LTTE ist die einzig wahre Vertretung der tamilischen Bev\u00f6lkerung\". Eine weitere Protestkundgebung gab es am 10. Oktober 2008 in Berlin. An dieser, ebenfalls vom TCC gesteuerten Demonstration beteiligten sich ann\u00e4hernd 3.000 Personen, darunter etwa 200 aus Baden-W\u00fcrttemberg. Als Abfahrtsorte konnten Mannheim, Heilbronn und Stuttgart lokalisiert werden. Mehrere Teilnehmer trugen Plakate mit Aufschriften wie \"Stoppt die Bombardierung tamilischer Fl\u00fcchtlingslager\", \"Stoppt die Luftangriffe\", 222 Mutma\u00dflich LTTE-nahe Zentrale in Deutschland. 120","\"Wir m\u00fcssen unseren Leuten helfen\", \"Stoppt den Genozid am tamilischen Volk\" und \"Die Regierung von Sri Lanka bringt die Tamilen um\". Infolge der Aufnahme der LTTE in die Liste terroristischer Organisationen der Europ\u00e4ischen Union im Jahr 2006 konnte in Baden-W\u00fcrttemberg eine ver\u00e4nderte Arbeitsweise der aktiven F\u00fchrungsfunktion\u00e4re festgestellt werden. Die Kader verhielten sich zunehmend konspirativ. \u00d6ffentliche Verankonspiratives staltungen wie beispielsweise \"M\u00e4rtyrer\"-Gedenkveranstaltungen durch Verhalten LTTE-nahe tamilische Vereine wurden erheblich eingeschr\u00e4nkt. Im Jahr 2008 wurden lediglich zwei Kulturveranstaltungen am 10. Mai in Kirch - heim-\u00d6tlingen und am 19. Juli in Stuttgart-Zuffenhausen bekannt. Anfang November 2008 verf\u00fcgte die LTTE-Zentrale zumindest f\u00fcr Deutschland ein absolutes Verbot von Musikund Kulturveranstaltungen. Ausnahme war der traditionelle \"Heldengedenktag\" am 27. November 2008 in Dortmund. Anlass f\u00fcr diese Ma\u00dfnahme waren die katastrophale humanit\u00e4re Situation (Fl\u00fcchtlingselend, hohe Opferzahlen in der tamilischen Zivilbev\u00f6lkerung) und Verluste in den eigenen Reihen der LTTE im Heimatland, f\u00fcr welche die sri-lankische Armee verantwortlich gemacht wurde. 7. Iranische Gruppe: Die \"Volksmodjahedin\" Die \"Volksmodjahedin\" unter den Bezeichnungen \"Mujahedin-e Khalq Organisation\" (MEK oder MKO) und \"People's Mujahidin of Iran\" (PMOI) gelten auch nach dem aktualisierten Beschluss des Rates der Europ\u00e4ischen Union (EU) vom 15. Juli 2008 als terroristische Organisationen. Gro\u00dfbritannien hatte die PMOI im Juni 2008 formell von der nationalen Liste gestrichen. Ebenfalls gelistet sind die \"National Liberation Army of Iran\" (NLA), der militante Fl\u00fcgel der MEK, und die \"Muslim Iranian Student's Society\" (Islamisch-Iranischer Studentenverband). Der \"Nationale Wider - standsrat Iran\" (NWRI) hingegen wird nicht als Terrororganisation aufgef\u00fchrt. Diese Gruppierung ist als scheinbar partei\u00fcbergreifende demokratische Sammlungsbewegung 1981 in Paris gegr\u00fcndet worden und international t\u00e4tig. Offiziell sind die \"Volksmodjahedin\" in Deutschland nicht vertreten. Sie werden seit 1994 durch den NWRI repr\u00e4sentiert. In Baden-W\u00fcrttemberg unterst\u00fctzen etwa 70 Aktivisten (Bund: circa 900) und zahlreiche Sympathisanten unter anderem aus Freiburg im Breisgau, Heidelberg und Karls - ruhe die Organisation. 121","olitische Zu den wichtigsten Aktivit\u00e4ten des NWRI in der Bundesrepublik z\u00e4hlen gitation die Geldbeschaffung und die politische Agitation. Auch 2008 f\u00fchrten mutma\u00dflich der Organisation nahe stehende Vereine in zahlreichen St\u00e4dten Spendensammlungen durch. Oftmals werden humanit\u00e4re Zwecke als Grund f\u00fcr die Aktion angef\u00fchrt. In Wirklichkeit d\u00fcrften diese Gelder aber in die umfangreiche politische Arbeit der Organisation flie\u00dfen. In europaweiten Veranstaltungen richteten sich die Aktivit\u00e4ten des NWRI meist gegen das iranische \"Mullah-Regime\", sein Atomwaffenprogramm und die Menschenrechtsverletzungen in Iran. Gro\u00dfes Engagement zeigte der NWRI zudem bei der Forderung, die \"Volksmodjahedin\" von der EU-Terrorliste zu streichen. Durch gezielte Lobbyarbeit versuchte die Organisation bei zahlreichen Politikern und Parlamentariern politische Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihr Ziel zu erhalten. Aktivisten des NWRI gelang es erneut, f\u00fcr Demonstrationen mehrere Taunstaltungen send Sympathisanten zu mobilisieren. \u00d6ffentlichkeitswirksam trat der NWRI im Jahr 2008 vor allem mit folgenden Gro\u00dfkundgebungen in Erscheinung: Am 28. Juni 2008 trafen sich mehrere Tausend Sympathisanten in Paris-Ville Pinte/Frankreich anl\u00e4sslich des f\u00fcnften Jahrestags der polizeilichen Durchsuchung der NWRI/MEK-Europazentrale und der Festnahme von Maryam RADJAVI am 17. Juni 2003. Grund der damaligen Durchsuchung war der Verdacht, dass die Organisationsmitglieder Anschl\u00e4ge auf iranische Botschaften in Europa planten. Bei Protestkundgebungen gegen die Durchsuchung und Inhaftierung gingen einige Anh\u00e4nger und Mitglieder so weit, dass sie sich \u00f6ffentlich selbst verbrannten. Seit diesen Vorf\u00e4llen im Sommer 2003 wird der damaligen Opfer am Jahrestag gedacht. Anh\u00e4nger der Gruppierung demonstrierten am 20. August 2008 vor dem Amt des Hohen Fl\u00fcchtlingskommissars der Vereinten Nationen in Genf sowie vor den B\u00fcros des Internationalen Roten Kreuzes in Washington und London anl\u00e4sslich der bef\u00fcrchteten Ausweisung von Angeh\u00f6rigen der MEK aus dem Irak. Organisationseigenen Angaben zufolge nahmen an der friedlichen Veranstaltung in Genf mehrere Hundert Personen teil, darunter auch zahlreiche NWRI-Anh\u00e4nger aus Deutschland. Hintergrund dieser Aktion waren Bef\u00fcrchtungen um die Zukunft der NLA-Angeh\u00f6rigen in dem vom amerikanischen Milit\u00e4r kontrollierten \"Lager Ashraf\" im Irak nach dessen m\u00f6glicher Aufl\u00f6sung. Auch Ende 2008 befanden 122","sich noch mehrere Tausend Angeh\u00f6rige der NLA in diesem Lager, die einerseits als Angeh\u00f6rige einer Terrororganisation bezeichnet, andererseits von den USA in Folge des Einmarsches in den Irak als \"gesch\u00fctzte Personen\" nach der Genfer Konvention eingestuft wurden. Insbesondere bei einer m\u00f6glichen \u00dcbertragung der vollen Zust\u00e4ndigkeit auf irakische Beh\u00f6rden ist die Zukunft dieser Lagerinsassen ungewiss. 123","D. RECHTSEXTREMISMUS 1. Aktuelle Entwicklung und Tendenzen Ein differenzierter Blick auf die ideologisch und organisatorisch traditionell zersplitterte rechtsextremistische Szene in der Bundesrepublik Deutschland und in Baden-W\u00fcrttemberg offenbart, dass von einer einheitlichen Entwicklung des deutschen Rechtsextremismus im Jahr 2008 nicht die Rede sein kann. Vielmehr ist von verschiedenen, teils sogar gegenl\u00e4ufigen Entwicklungen zu sprechen. Das wird schon deutlich, wenn man drei wichtige Teilsegmente der Szene - die rechtsextremistischen Parteien, die rechtsextremistische Skinheadszene und die Neonaziszene - auch nur oberfl\u00e4chlich vergleichend nebeneinander h\u00e4lt: So konnte sich die \"Nationaldemokrati - sche Partei Deutschlands\" (NPD) in den letzten Jahren zu einer der bedeutendsten, wenn nicht zu der bedeutendsten rechtsextremistischen Kernorganisation in der Bundesrepublik Deutschland entwickeln. Die \"Deutsche Volksunion\" (DVU) hingegen, die seit ihrer Gr\u00fcndung als politische Partei im Jahr 1987 immerhin die erfolgreichste rechtsextremistische Wahlpartei ist und noch in den 90er-Jahren schon aufgrund ihrer damals relativ hohen Mitgliederzahl ein zumindest quantitativ bedeutender Faktor innerhalb des deutschen Rechtsextremismus war, machte innerhalb der letzten anderthalb Jahrzehnte einen drastischen personellen Niedergang durch, dessen Ende momentan nicht absehbar ist. Im Jahr 2008 haben sich die Hinweise auf eine krisenhafte Entwicklung der rechtsextremistischen Skinhead(musik)szene verdichtet. Der personelle Schrumpfungsprozess in der als jugendliche Subkultur einzustufenden rechtsextremistischen Skinheadszene ist umso bemerkenswerter, als andere Erscheinungsformen des Rechtsexraktivit\u00e4t tremismus nach wie vor eine fatale Attraktivit\u00e4t auf manche Jugendliche f manche ausstrahlen. Dies ist allein schon daran zu sehen, dass der baden-w\u00fcrttemgendliche bergische Landesverband der \"Jungen Nationaldemokraten\" (JN)223, der NPD-Jugendorganisation, seine Mitgliederzahl seit 2005 mehr als verdoppeln konnte. Au\u00dferdem ist in den letzten Jahren mit den neonazistischen \"Autonomen Nationalisten\" (AN) eine neue, jugendlich gepr\u00e4gte Erscheinungsform des deutschen Rechtsextremismus in Bund und Land \u00fcberhaupt erst entstanden. Nicht nur aufgrund dieses Auftauchens der AN z\u00e4hlt die Neonaziszene bereits seit 2002 trotz ihres immer noch relativ geringen Personenpotenzials zu den wenigen noch verbliebenen Teilsegmenten des deutschen Rechtsextremismus, die personelle Zuw\u00e4chse zu verzeichnen haben. 223 Siehe zu den JN detailliert S. 182ff. 124","Nicht zuletzt anhand der im Herbst 2008 eskalierenden internationalen Finanzkrise kann einmal mehr veranschaulicht werden, wie sehr Rechtsextremisten in den letzten Jahren darum bem\u00fcht sind, aktuelle, auch gesamtgesellschaftlich relevante und lebhaft diskutierte Themen in ihrer Propaganda verst\u00e4rkt aufzugreifen, dadurch thematisch zu besetzen und mit ihren althergebrachten Vorstellungen und Forderungen zu verbinden. So widmete die neonazistische, in Baden-W\u00fcrttemberg erscheinende Zeitschrift \"Volk in Bewegung & Der Reichsbote\" (ViB)224 weite Teile einer ihrer Ausgaben des Jahres 2008 der Finanzkrise. Einer der darin enthaltenen Beitr\u00e4ge erkl\u00e4rte die vermeintliche \"Kriminalisierung und Tabuisierung\" der NS-Diktatur nicht nur zu einer der Ursachen der jetzigen Krise, sondern empfahl die Nachahmung nationalsozialistischer Wirtschaftskonzepte auch als vermeintlichen Weg aus derselben: \"W\u00e4hrend Roosevelts 'New Deal' scheiterte und die USA (wie so oft) den Ausweg in einem Krieg suchten, war die nationale Wirtschaftspolitik des Deutschen Reiches, selbst unter schwierigsten Bedingungen, au\u00dferordentlich erfolgreich. Es ist daher hoch an der Zeit, offen und unvoreingenommen zu fragen, was das deutsche Wirtschaftswunder der Drei\u00dfiger Jahre erm\u00f6glicht hat. Wer ernsthaft nach Alternativen zur Globalisierung sucht, wird an den L\u00f6sungen von damals schwer vorbeikommen. Die Kriminalisierung und Tabuisierung einer Zeit, die eine Weltwirtschaftskrise meisterte, wird zwangsl\u00e4ufig in der aktuellen Weltwirtschaftskrise enden.\" 225 Auch im Jahr 2008 setzte sich der Weg der Partei \"Die Republikaner\" (REP) in die Bedeutungslosigkeit weiter fort. Mittlerweile ist aufgrund der fortschreitenden Marginalisierung der Partei der Anteil der Rechtsextremisten innerhalb der Organisation sowie die daraus resultierende Anzahl der tats\u00e4chlichen Anhaltspunkte f\u00fcr rechtsextremistische Bestrebungen kaum noch quantifizierbar. 224 Siehe zu ViB S. 162. 225 ViB Nr. 5-2008, Artikel \"Gedanken zu einer neuen Wirtschaftsordnung - Alternativen zur Globalisierung?\", S. 14-18, Zitat: S. 18. 125","1.1 Rechtsextremistische Personenund W\u00e4hlerpotenziale Auch im Jahr 2008 ging das rechtsextremistische Gesamtpersonenpotenzial in Baden-W\u00fcrttemberg wie im Bund weiter zur\u00fcck. Damit setzt sich ein seit Mitte der 90er-Jahre fast bruchlos zu beobachtender Trend fort. Seit 1993 hat sich durch diese Entwicklung die Zahl der Rechtsextremisten im Bund wie auch in Baden-W\u00fcrttemberg um gut die H\u00e4lfte verringert. Dieser personelle Schrumpfungsprozess betraf im Jahr 2008 fast alle Teilsegmente des deutschen beziehungsweise baden-w\u00fcrttembergischen Rechtsextremismus. So verlor die rechtsextremistische Skinheadszene in Baden-W\u00fcrttemberg wie schon in den Jahren 2006 und 2007 Anh\u00e4nger. Und auch auf Bundesebene ging die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten, unter denen die rechtsextremistischen Skinheads einen wesentlichen Teil ausmachen, wie schon 2007 zur\u00fcck. Der seit Jahren andauernde personelle Erosionsprozess der DVU setzte sich im Jahr 2008 ungebremst fort. Selbst die NPD, die in den letzten Jahren bis einschlie\u00dflich 2007 noch steigende Mitgliederzahlen verbucht hatte, hatte im vergangenen Jahr auf Bundesebene personelle Einbu\u00dfen zu verkraften, w\u00e4hrend jedoch ihr baden-w\u00fcrttembergischer Landeshtsextremistisches Personenpotenzial in Deutschland und Baden-W\u00fcrttemberg Zeitraum 2006 - 2008 126","verband noch einmal leicht zulegte. Lediglich die Neonaziszene konnte auch 2008 wie bereits seit Jahren im Bund und im Land Zuw\u00e4chse verzeichnen. Trotz des auch im Jahr 2008 noch g\u00fcltigen und von beiden Partnern eingehaltenen \"Deutschland-Paktes\" vom 15. Januar 2005 zwischen NPD und DVU, der sie vor gegenseitiger Konkurrenzkandidaturen bei Wahlen bis einschlie\u00dflich 2009 bewahren soll, konnten beide Parteien bei den vier Landtagswahlen des Jahres keine Erfolge feiern: Am besten schnitt noch die Wahlniederlagen NPD mit gerade einmal 1,5 Prozent bei der Wahl zum nieders\u00e4chsischen Landtag am 27. Januar 2008 ab, w\u00e4hrend sie am selben Tag in Hessen nur 0,9 Prozent erreichte. Ihr Landtagswahlergebnis in Bayern am 28. September 2008 lag mit 1,2 Prozent ebenfalls im niedrigen Bereich. Mit 0,8 Prozent bei der Wahl zur Hamburgischen B\u00fcrgerschaft am 24. Februar 2008 lag die DVU bei der einzigen Wahl, zu der sie im vergangenen Jahr antrat, sogar noch unter den Ergebnissen der NPD. Damit offenbarte das Wahljahr 2008 einmal mehr, dass NPD und DVU momentan offenbar ungleich schlechtere Voraussetzungen und Aussichten haben, in einen westdeutschen Landtag einzuziehen als in einen ostdeutschen, wo die beiden Parteien bereits seit Jahren in insgesamt drei Landesparlamenten (DVU in Brandenburg; NPD in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen) vertreten sind. 1.2 Strafund Gewalttaten Die positive, da r\u00fcckl\u00e4ufige Entwicklung, die die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Strafwie auch der darin enthaltenen Gewalttaten in Baden-W\u00fcrttemberg 2007 erstmals seit 2003 beziehungsweise 2002 genommen hatte, fand 2008 nur zum Teil eine Fortsetzung. Zwar ging die Zahl der R\u00fcckgang bei rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten noch einmal deutlich von 78 Gewalttaten (2007) auf 56 zur\u00fcck und fiel damit auf den Wert des Jahres 2003. Diese Entwicklung d\u00fcrfte 2008 wie schon 2007 unter anderem darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren gewesen sein, dass aufgrund der in diesen beiden Jahren drastisch r\u00fcckl\u00e4ufigen rechtsextremistischen Demonstrationst\u00e4tigkeit die Auseinandersetzungen zwischen Rechtsund Linksextremisten ebenfalls abnahmen.226 Gleichzeitig jedoch erh\u00f6hte sich die Anzahl der rechtsextremistisch motivierten Straftaten insgesamt von 1.062 (2007) auf 1.209 (2008) und n\u00e4herte sich damit dem H\u00f6chstwert der letzten Jahre (2006: 1.282) wieder an. 226 Vergleiche dazu S. 151ff. 127","Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Rechts sowie rechtsextremistische Strafund Gewalttaten im Jahr 2008 1.3 Ideologie Der Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland ist in sich ideologisch zersplittert. Dennoch gibt es diverse Ideologiebestandteile, die bereits seit vielen Jahrzehnten (teils seit dem 19. Jahrhundert) im Rechtsextremismus eine zentrale Rolle spielen und bis heute f\u00fcr viele oder gar f\u00fcr die meisten Rechtsextremisten im Grundsatz konsensf\u00e4hig sind. Dabei haben einzelne dieser Bestandteile aufgrund wechselnder historisch-politischer Rahmenbedingungen an Bedeutung innerhalb des ideologischen Gesamtgef\u00fcges verloren, wie zum Beispiel die rechtsextremistische Variante des Antikommunismus seit der historischen Z\u00e4sur von 1989, andere gewonnen, beispielsweise die rechtsextremistische Variante des Antiamerikanismus: Die Ideologie der Ungleichheit, insbesondere der rechtsextremistische Nationalismus, Sozialdarwinismus227 und Rassismus. Der Rassismus erh\u00e4lt eine erh\u00f6hte Brisanz, wenn er zur Begr\u00fcndung des im rechtsextremistischen Lager allgegenw\u00e4rtigen Antisemitismus herangezogen wird (Rassenantisemitismus). 227 Sozialwissenschaftliche Theorie, die Charles Darwins Lehre von der nat\u00fcrlichen Auslese auf die Entwicklung menschlicher Gesellschaften \u00fcbertr\u00e4gt. 128","Die Ideologie der Volksgemeinschaft, die auch als V\u00f6lkischer Kol - lektivismus bezeichnet wird. Rechtsextremistische Fremdenund Ausl\u00e4nderfeindlichkeit haben nicht zuletzt in diesem rassistischnationalistischen Konzept ihren Ursprung. Autoritarismus. Konkrete Ausformungen des rechtsextremistischen Autoritarismus sind Militarismus und Antiliberalismus228, aber auch ein auf das \"F\u00fchrerprinzip\" reduziertes Staatsund Politikverst\u00e4ndnis, das wiederum Demokratiefeindschaft und Antiparlamenta - rismus beinhaltet. Revisionismus. Von Geschichtsrevisionismus spricht man, wenn Rechtsextremisten die NS-Verbrechen - besonders den Holocaust und die nationalsozialistische Schuld am Ausbruch des 2. Weltkriegs - verschweigen, rechtfertigen, verharmlosen, durch Aufrechnung mit vermeintlichen und tats\u00e4chlichen Verbrechen anderer Nationen und politischer Systeme relativieren oder sogar leugnen. Von Gebietsrevisionismus ist die Rede, wenn Rechtsextremisten die Anerkennung der deutschen Gebietsverluste, wie sie sich aus den beiden Weltkriegen ergeben haben, verweigern oder noch weitere Gebiete entgegen den vertraglichen Verpflichtungen, die Deutschland seit 1918 beziehungsweise 1945 eingegangen ist, f\u00fcr Deutschland beanspruchen. Der rechtsextremistische Antimodernismus \u00e4u\u00dfert sich in deutlich ablehnenden Reaktionen auf geistige, wissenschaftlich-technische, \u00f6konomische, soziale und kulturelle Modernisierungssch\u00fcbe und in der Verkl\u00e4rung vergangener Zeiten. 2. Gewaltbereiter Rechtsextremismus 2.1 H\u00e4ufigkeit und Hintergr\u00fcnde rechtsextremistisch motivierter Gewalt Die Zahl der in Baden-W\u00fcrttemberg ver\u00fcbten rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten ging im Jahr 2008 wie auch schon 2007 zur\u00fcck, und zwar von 78 (2007) auf 56. Damit ist der zuvor jahrelang anhaltende Anstieg in diesem Bereich (2002: 51; 2003: 56; 2004: 67; 2005: 71; 2006: 99) in einen 228 Ablehnung einer Staatsund Wirtschaftsauffassung, nach der dem Einzelnen gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Freiheit gew\u00e4hrt werden soll. 129","deutlichen R\u00fcckgang umgeschlagen, auch wenn die f\u00fcr das Jahr 2008 verzeichnete Anzahl rechtsextremistisch motivierter Gewalttaten im Land noch immer auf dem Niveau von 2003 liegt. Die Entwicklung der Jahre 2007 und 2008 d\u00fcrfte unter anderem darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren sein, dass aufgrund der in diesen beiden Jahren drastisch r\u00fcckl\u00e4ufigen rechtsextremistischen Demonstrationst\u00e4tigkeit die Auseinandersetzungen zwischen Rechtsund Linksextremisten ebenfalls abnahmen.229 Gewaltbereitschaft und Gewaltt\u00e4tigkeit sind heutzutage im deutschen Rechtsextremismus zwar in der Regel fast ausschlie\u00dflich auf die Skinheadszene und Teile der Neonaziszene begrenzt. Doch greift zur Erkl\u00e4rung der Gewalt rechtsextremistisch motivierter Gewalt eine allzu einseitige Fokussierung auf gewaltbereite Skinheads und Neonazis zu kurz. Grunds\u00e4tzlich bleibt dreierlei festzuhalten: 1. Auch diejenigen Rechtsextremisten, die nicht dem gewaltbereiten Spektrum zuzurechnen sind, d\u00fcrfen in diesem Zusammenhang nicht aus der Verantwortung entlassen werden, sind doch aus ihren Reihen immer wieder Bejahung oder mangelnde Distanzierung von Gewalt beziehungsweise von Gewaltt\u00e4tern zu registrieren. 2. Rechtsextremistische Gewaltbejahung, -bereitschaft und -t\u00e4tigkeit stellen historische Konstanten dar. Sie sind nicht nur in der bundesdeutschen Gegenwart zu beklagen, sondern auch in der Geschichte des deutschen Rechtsextremismus bis ins 19. Jahrhundert in verschiedenen Dimensionen nachweisbar. Mit den NS-Verbrechen der Jahre 1933 bis 1945 erfuhren sie ihre extremste Auspr\u00e4gung. 3. Die Ursachen und Anl\u00e4sse f\u00fcr rechtsextremistisch motivierte Gewalt m\u00f6gen im jeweils konkreten Fall vielf\u00e4ltig und komplex sein. Doch ist eine erhebliche N\u00e4he zur Gewalt schon in den ideologischen Traditionsbest\u00e4nden des Rechtsextremismus angelegt. Zu dieser traditionellen ideologischen Gewaltaffinit\u00e4t treten heutzutage weitere, der aktuellen rechtsextremistischen Szene immanente Faktoren hinzu, die aus Sicht des Verfassungsschutzes zur Entstehung rechtsextremistisch motivierter Gewalt beitragen. Dazu z\u00e4hlen besonders die - teils unpolitischen - gewaltbeg\u00fcnstigenden Eigenschaften der rechtsextremistischen Skinheadszene. 229 Vergleiche dazu S. 151ff. 130","Rechtsextremistisch motivierte Gewalt kommt demnach nicht von ungef\u00e4hr, war und ist keine von Zuf\u00e4lligkeiten abh\u00e4ngende Ausnahmeerscheinung, sondern eine dem Rechtsextremismus zumindest im Grundsatz innewohnende Konsequenz. 2.2 Die Skinhead(musik)szene in der Krise Schon im baden-w\u00fcrttembergischen Verfassungsschutzbericht 2007 (S. 123) wurde die Frage aufgeworfen, ob bereits die damaligen Entwicklungen auf den Beginn einer Krise, vielleicht eines schleichenden Marginalisierungsoder gar Aufl\u00f6sungsprozesses der rechtsextremistischen Skinhead(musik)szene230 hindeuteten. Im Jahr 2008 haben sich diese Hinweise verdichtet. Dieser Einsch\u00e4tzung liegen verschiedene Faktoren zugrunde, die in j\u00fcngster Zeit verst\u00e4rkt auf die rechtsextremistische Skinhead(musik)szene einwirken: Schrumpfung der rechtsextremistischen Skinhead(musik)szene Im Jahr 2008 wiesen fast alle relevanten Indikatoren, an denen man noch im Jahr 2005 den bis in die fr\u00fchen 90er-Jahre zur\u00fcckreichenden Boom der rechtsextremistischen Skinheadszene im Allgemeinen und der dazugeh\u00f6rigen Musikszene im Besonderen hatte ablesen k\u00f6nnen, deutlich r\u00fcckl\u00e4ufige Tendenzen auf. So ging die Zahl der rechtsextremistischen Skinheads in Baden-W\u00fcrttemberg 2008 zum dritten Mal in Folge zur\u00fcck. Ihre Zahl betr\u00e4gt jetzt noch rund 700231 (2007: circa 800; 2006: circa 840; 2005: circa 1.040) und liegt damit wieder auf dem Niveau von 1998. Da die rechtsextremistischen Skinheads nach wie vor den L\u00f6wenanteil der gewaltbereiten Rechtsextremisten insgesamt stellen, reduzierte sich auch wieder deren Anzahl (2008: circa 740; 2007: circa 850; 2006: circa 900; 2005: circa 1.080). Und auch auf Bundesebene ging die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten, unter denen die rechtsextremistischen Skinheads einen wesentlichen Teil ausmachen, im Jahr 2008 weiter zur\u00fcck, und zwar von circa 10.000 (2007, 2006 und 2005: circa 10.400) auf circa 9.500. Der personelle 230 Nicht alle Skinheads in Deutschland sind Rechtsextremisten. Neben rechtsextremistischen existieren auch linksorientierte, linksextremistische, aber auch unbis antipolitische Skinheads. 231 Der Anteil der weiblichen Skinheads, der so genannten Renees, lag 2008 bei knapp 20 Prozent und damit geringf\u00fcgig \u00fcber dem Wert der Vorjahre (2003-2007: 19 Prozent). Bemerkenswert ist dabei, dass dieser Wert nur kapp \u00fcber dem Frauenanteil an der rechtsextremistischen Gesamtszene Baden-W\u00fcrttembergs liegt, der laut einer statistischen Erhebung des baden-w\u00fcrttembergischen Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz bei knapp 19 Prozent (Stand: September 2008) liegt. Demzufolge kann zumindest f\u00fcr das Jahr 2008 gemessen am Frauenanteil an der rechtsextremistischen Gesamtszene in Baden-W\u00fcrttemberg nicht von einer \u00fcberdurchschnittlichen Unterrepr\u00e4sentanz von Frauen in der rechtsextremistischen Skinheadszene gesprochen werden. 131","Schrumpfungsprozess in der als jugendliche Subkultur einzustufenden rechtsextremistischen Skinheadszene ist umso bemerkenswerter, als andere Erscheinungsformen des Rechtsextremismus nach wie vor eine fatale Attraktivit\u00e4t auf manche Jugendliche ausstrahlen. Dies wird allein schon dadurch unter Beweis gestellt, dass der baden-w\u00fcrttembergische Landesverband der JN seine Mitgliederzahl seit 2005 mehr als verdoppeln konnte und au\u00dferdem mit den neonazistischen \"Autonomen Nationalisten\" (AN) eine neue, jugendlich gepr\u00e4gte Erscheinungsform des deutschen Rechtsextremismus \u00fcberhaupt erst in den letzten Jahren im Bund und im Land aufgetreten ist. In welchem Ausma\u00df auch eine Fluktuation aus der rechtsextremistischen Skinheadszene in die JN oder AN f\u00fcr die personellen R\u00fcckg\u00e4nge bei den Skinheads verantwortlich ist, kann nicht eindeutig quantifiziert werden. Schwerpunkte der rechtsextremistischen Skinheadszene in BadenW\u00fcrttemberg nach Wohnund Veranstaltungsorten/Szeneaktivit\u00e4ten Stand: 31.12.2008 Grafik: LfV BW 132","Auch andere Indikatoren, die \u00fcber die Entwicklungen der rechtsextremistischen Skinheadszene und insbesondere der dazugeh\u00f6rigen Musikszene in Baden-W\u00fcrttemberg Aufschluss geben, wiesen im Jahr 2008 nach unten. So ging die Zahl der in Baden-W\u00fcrttemberg beheimateten rechtsextremistischen Skinheadbands von 17 (2007) auf 14 zur\u00fcck. Im Bund hingegen blieb die Zahl der rechtsextremistischen Skinheadbands mit 146 im Vergleich zu 2007 exakt konstant. Noch etwas deutlicher sank die Anzahl der im Land weniger Skinveranstalteten rechtsextremistischen Skinheadkonzerte, n\u00e4mlich von 13 headkonzerte (2007) auf neun, womit nur noch gut ein Drittel des bisherigen H\u00f6chstwertes aus dem Jahr 2005 (26 Konzerte; 2006: 14) erreicht wurde. Gleichzeitig sank die durchschnittliche Konzertbesucherzahl leicht ab, und zwar von rund 150 Personen (2007) auf circa 140 (2008). Auch im Bund nahm die Zahl der rechtsextremistischen Skinheadkonzerte weiter ab, und zwar von 138 (2007; 2006: 163) auf 127 (2008). Allerdings blieb die durchschnittliche Konzertbesucherzahl hier im Vergleich zu 2007 mit circa 150 Personen konstant. Bei den von baden-w\u00fcrttembergischen Skinheadbands (mit)produzierten CDs zeigte sich im Jahr 2008 - \u00e4hnlich wie schon 2007 - ein ambivalentes Bild: W\u00e4hrend die Anzahl der von jeweils einer Band aus dem Land ver\u00f6ffentlichten CDs von f\u00fcnf (2007, 2006: acht) auf sechs wieder etwas zunahm, ging diejenige der CDSampler, zu denen neben baden-w\u00fcrttembergischen auch andere Skinheadbands Titel beisteuerten, von sechs (2007, 2006: zwei) wieder auf zwei zur\u00fcck. Rechtsextremistische so genannte Schulhof-CDs spielten im Jahr 2008 - zumindest in Baden-W\u00fcrttemberg - keine bedeutende Rolle mehr. Mit den unter anderem von rechtsextremistischen Parteien auch als Wahlkampfmedium eingesetzten CDs versuchen Rechtsextremisten vor allem Jugendliche f\u00fcr den Rechtsextremismus zu interessieren und zu rekrutieren. Nicht zuletzt deshalb sind die CDs unter anderem mit Titeln rechtsextremistischer Skinheadbands best\u00fcckt.232 232 Siehe ausf\u00fchrlich zur Rolle von \"Schulhof-CDs\": Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2006, S.140-145. 133","\u00dcbersicht \u00fcber rechtsextremistische Skinheadbands und Vertriebe in Baden-W\u00fcrttemberg Stand: 31.12.2008 Grafik: LfV BW Vertriebe Skinheadbands 134","Skinheadkonzerte in Baden-W\u00fcrttemberg 2008 Stand: 31.12.2008 Grafik: LfV BW Wandlungen im \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild der rechtsextremistischen Skinheadszene In der \u00f6ffentlich-medialen Wahrnehmung wird die rechtsextremistische Skinheadszene - und mit ihr nach der unzutreffenden Gleichung \"Rechtsextremist = Skinhead\" zuweilen die gesamte rechtsextremistische Szene - mit einem stereotypen, uniformen \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild assoziiert. In der Tat sind bis in die Gegenwart in weiten Teilen der rechtsextremistischen Skinheadszene typische Erkennungsmerkmale wie Kahlkopf, Springerstiefel und Bomberjacke anzutreffen. Doch ist in anderen Teilen der Szene seit relativ kurzer Zeit die Tendenz zu beobachten, sich von diesen szenetypischen Accessoires zu l\u00f6sen. Stattdessen werden bei anderen jugendlichen Subkulturen Anleihen aufgenommen und l\u00e4ngeren Haaren, modischer 135","Kleidung und Turnschuhen der Vorzug gegeben, auch wenn h\u00e4ufig an der Selbstbezeichnung \"Skinhead\" festgehalten wird. Je nachdem aber, welcher Stellenwert diesen \u00c4u\u00dferlichkeiten bei der Definition einer jugendlichen Subkultur einger\u00e4umt wird, hat dieser Trend m\u00f6glicherweise Folgen f\u00fcr die rechtsextremistische Skinheadszene. Denn wenn man dem \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild einen hohen Stellenwert beimisst, stellt sich in der Konsequenz die Frage, ob es sich bei einem \"Skinhead\" mit langen Haaren und von der bisherigen Norm abweichendem Outfit \u00fcberhaupt noch um einen Skinhead handelt oder um einen jungen Rechtsextremisten, den man zwar noch an seinen ideologischen \u00dcberzeugungen, nicht mehr aber ohne weiteres an seinem \u00c4u\u00dferen als solchen erkennen kann.233 Zumindest ist doch nicht auszuschlie\u00dfen, dass mit der Abkehr vom bisher typischen Skinhead-\u00c4u\u00dferen in vielen F\u00e4llen bereits der erste Schritt zur Abkehr von der rechtsextremistischen Skinheadszene - wenn auch nicht zwangsl\u00e4ufig vom Rechtsextremismus insgesamt - vollzogen ist. Vorbehalte und Kritik an der rechtsextremistischen Skinheadszene von Seiten anderer Rechtsextremisten Das Bild vom \"klassischen\" rechtsextremistischen Skinhead mit Glatze, Springerstiefeln und Bomberjacke bestimmt - ebenso wie das Bild vom streng gescheitelten Neonazi - bereits seit vielen Jahren in den gesamtgesellschaftlichen Debatten in der Bundesrepublik zum Thema \"Rechtsextremismus\" immer wieder die Wahrnehmung des Rechtsextremismus insgesamt. Unabh\u00e4ngig davon, dass diese verbreitete Reduktion auf Skinheads und Neonazis beziehungsweise auf deren Symbole und \u00c4u\u00dferlichkeiten der komplexen Vielgestaltigkeit des deutschen Rechtsextremismus nicht gerecht wird und schon in der Vergangenheit nie gerecht wurde, hat sie dazu beigetragen, die bundesdeutsche Gesellschaft gegen rechtsextremistische Skinheads und Neonazis sowie gegen deren besonders primitive, gewaltbejahende rechtsextremistische Gesinnung konsequent zu sensibilisieren und zu immunisieren. Im Ergebnis sind gerade rechtsextremistische Skinheads und Neonazis in der Bundesrepublik gesamtgesellschaftlich besonders isoliert. Zu der breiten gesellschaftlichen \u00c4chtung gesellt sich f\u00fcr die rechtsextremistische Skinheadszene in der Bundesrepublik besonders in den letzten Jahren Kritik auch aus den Reihen der rechtsextremistischen Gesamtszene: 233 Siehe zum Wandel in der rechtsextremistischen Skinheadszene auch: Menhorn, Christian: Skinheads - eine aussterbende Subkultur? Eine Jugendbewegung im Wandel der Zeit, in: Pfahl-Traughber, Armin; Monika Rose-Stahl (Hrsg.): Festschrift zum 25-j\u00e4hrigen Bestehen der Schule f\u00fcr Verfassungsschutz und f\u00fcr Andreas H\u00fcbsch, Br\u00fchl/Rheinland 2007, S. 284-303. 136","Manche Rechtsextremisten hegen n\u00e4mlich trotz gleichzeitiger Bem\u00fchungen Vorbehalte um einen Schulterschluss mit der rechtsextremistischen Skinheadszene - anderer Rechtsbesonders von Seiten der NPD - Vorbehalte gegen\u00fcber den Umworbenen. extremisten Zum einen sind die britischen und damit nichtdeutschen Urspr\u00fcnge dieser Subkultur sowie die in ihr bis heute verbreiteten Anglizismen diesen Rechtsextremisten immer noch als \"undeutsch\" suspekt. Zudem f\u00fcrchten speziell Vertreter der NPD, dass das subkulturell-martialische Erscheinungsbild von Skinheads negative Auswirkungen auf das eigene Bild in \u00d6ffentlichkeit und Medien und damit auf das Parteiimage haben k\u00f6nnte. Weil die NPD jedoch seit Jahren bestrebt ist, in die b\u00fcrgerliche Mitte der Gesellschaft vorzudringen, versuchen zumindest ihre Vordenker, jedes \u00e4u\u00dferliche \"B\u00fcrgerschreck-Image\" zu vermeiden. Es hat zuweilen den Anschein, dass die Partei die Skinheads nicht als solche, sondern als mit konventionelleren Ordnungsund \u00c4sthetikvorstellungen halbwegs kompatible junge Rechtsextremisten f\u00fcr sich gewinnen will. Daraus resultierender Druck unter anderem von Seiten der NPD mag zum oben beschriebenen Wandel im \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild der rechtsextremistischen Szene beitragen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund sind Stimmen aus den Reihen der NPD, aber auch von anderen Rechtsextremisten einzuordnen, die sich sehr kritisch mit der rechtsextremistischen Skinheadszene auseinandersetzen. Diese Vorbehalte spiegeln sich zum Beispiel in einem Bericht der \"Deutschen Stimme\" (DS), der NPDParteizeitung, \u00fcber eine rechtsextremistische \u00f6ffentliche Gedenkveranstaltung wider, an der nach DS-Angaben am 25. Mai 2008 in D\u00fcsseldorf rund 30 Personen teilgenommen hatten. In der DS wird mindestens indirekt Genugtuung dar\u00fcber ge\u00e4u\u00dfert, dass es unter den Veranstaltungsteilnehmern \"zum Leidwesen der Fotosp\u00e4her nur ganz wenige 'Glatzen'\" gegeben habe, \"die man dazu benutzen kann, das Gedenken als Skinhead-Treffen herabzuw\u00fcrdigen. Die werden dann wie im Tierfilm aus taktloser N\u00e4he auf Film gebannt, so als handele es sich bei den 'Rechten' nur um seelenlose Exemplare der Gattung Mensch, denen mit den Haaren auch der Verstand abhanden gekommen sei.\" 234 234 DS Nr. 07/08 vom Juli 2008, Artikel \"Schlageter oder die Freiheit in Deutschland - 700 Polizisten sch\u00fctzen Gedenkveranstaltung gegen 400 linke 'Gegendemonstranten'\", S. 27. 137","Dass derartige \u00c4u\u00dferungen offenbar keine Einzelf\u00e4lle sind, wird auch aus Reaktionen der rechtsextremistischen Skinheadszene darauf ersichtlich. So hei\u00dft es in dem Lied \"Danke sch\u00f6n\", das die Band \"Jagdstaffel\" aus dem Gro\u00dfraum Stuttgart 2008 auf ihrer CD \"Gesetze der Stra\u00dfe\" ver\u00f6ffentlichte: \"(...) So mancher Szeneguru auch nur \u00fcber uns hetzt. Ja, wir, wir w\u00e4ren Schei\u00dfe und wir w\u00e4r'n der letzte Dreck. Ja, wir, wir w\u00e4ren Assis und wir saufen Tag f\u00fcr Tag. Doch leiste erstmal mehr, mein kleiner Kamerad! (...)\" 235 Dem auf dieser CD sich direkt anschlie\u00dfenden Lied \"Seit vielen Jahren\" ist zu entnehmen: \"(...) Heut' nennen dich kleine Pisser Opa und Krake, in breiten Hosen und geligen Haaren. Sie sagen, deine Zeit w\u00e4re l\u00e4ngst vorbei, national ja, aber Skinhead nein. (...)\" 236 2.3 Die rechtsextremistische Skinhead(musik)szene: Rechtsextremistisch, neonazistisch, gewaltbereit 2.3.1 Wie rechtsextremistisch sind rechtsextremistische Skinheads? Mangelnde Intellektualit\u00e4t, ein verbreitetes Desinteresse an ideologischpolitischen Fragen, Oberfl\u00e4chlichkeit, Widerspr\u00fcchlichkeit und Unreflektiertheit entsprechender \"\u00dcberzeugungen\", primitiv-proletenhaftes Auftreten (zum Beispiel verbunden mit exzessivem Alkoholgenuss), Disziplinlosigkeit, Unf\u00e4higkeit und mangelnder Wille zu konkreter Organisierung (zum Beispiel in rechtsextremistischen Parteien und Vereinen), der hohe identit\u00e4tsstiftende und nicht zuletzt freizeitorientierte Stellenwert von szeneeigener Musik und Konzerten sind zentrale Charakteristika der rechtsextremistischen Skinheadszene. 235 Textwiedergabe nach dem akustischen Verst\u00e4ndnis. Die Liedtextversion, die dem CD-Booklet zu entnehmen ist, unterscheidet sich von der gesungenen Version nur geringf\u00fcgig. 236 Textwiedergabe nach dem akustischen Verst\u00e4ndnis. Die Liedtextversion, die dem CD-Booklet zu entnehmen ist, unterscheidet sich von der gesungenen Version vor allem darin, dass die letzten vier, mehr im Chor gerufenen denn gesungenen Zeilen im Booklet nicht verzeichnet sind. 138","Dieses Erscheinungsbild verleitet Teile der \u00d6ffentlichkeit bis heute zu der Einsch\u00e4tzung, dass es sich bei rechtsextremistischen Skinheads nicht um ernstzunehmende Rechtsextremisten handle, da sie nicht f\u00e4hig oder willens seien, eine vermeintlich komplexe Ideologie wie den Rechtsextremismus zu verstehen, zu verinnerlichen und zur Richtschnur ihres t\u00e4glichen Handelns zu machen. Ein solcher Einwand unterstellt, dass ein bestimmtes Mindestma\u00df an Intellektualit\u00e4t n\u00f6tig sei, um eine extremistische Ideologie zu begreifen und zu vertreten. Gerade das Gegenteil ist jedoch h\u00e4ufig der Fall: Denn extremistische Ideologien reduzieren die komplexen Realit\u00e4ten des modernen Lebens auf wenige ideologische Leits\u00e4tze, pr\u00e4sentieren zur Erkl\u00e4rung zahlreicher vermeintlicher und tats\u00e4chlicher gesellschaftlicher Missst\u00e4nde wenige Feindbildgruppen (zum Beispiel \"Juden\" oder \"Ausl\u00e4nder\") als \"Alleinschuldige\" und bieten angeblich einfache L\u00f6sungen f\u00fcr doch schwierige gesellschaftspolitische Zusammenh\u00e4nge an. Einfache Erkl\u00e4rungsmuster und die Verhei\u00dfung simpler Probleml\u00f6sungen k\u00f6nnen gerade auf tendenziell weniger gebildete und \"intellektuell limitierte\" Menschen, aber auch auf Jugendliche, die sich noch suchend und ungefestigt in ihrer pers\u00f6nlichen Selbstfindungsphase befinden, eine hohe Anziehungskraft aus\u00fcben. Wird ihnen doch durch \u00dcbernahme eines ideologischen Weltbildes die fatale Illusion vermittelt, diese Welt vollst\u00e4ndig verstanden zu haben und Andersdenkenden damit \u00fcberlegen zu sein. Von gesellschaftlichen Missst\u00e4nden (zum Beispiel von Arbeitslosigkeit) Betroffenen werden die Selbstzweifel genommen, f\u00fcr ihre Situation selbst (mit)verantwortlich zu sein (zum Beispiel aufgrund schulischen oder beruflichen Versagens). Die \"Schuld\" daran wird stattdessen auf ideologische Feindbilder projiziert, wie beispielsweise die Parole \"Die Ausl\u00e4nder nehmen uns die Arbeitspl\u00e4tze weg!\" deutlich macht. Vor allem aber liefert die rechtsextremistische Skinheadszene selbst zahlreiBelege f\u00fcr rechtsche Belege f\u00fcr ihre Gesinnung: extremistische Gesinnung 1. Ein erstes wichtiges Indiz f\u00fcr die grunds\u00e4tzliche ideologische Ausrichtung der rechtsextremistischen Skinheadszene liefert ein Blick auf die Opfer der aus dieser Szene heraus begangenen Gewalttaten. Bei diesen Opfern handelt es sich \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig um klassische Feindbilder des Rechtsextremismus wie Ausl\u00e4nder, Farbige oder Homosexuelle. 2. Rechtsextremistische Skinheadbands produzieren immer wieder Liedtexte, in denen sie ihre rechtsextremistische Gesinnung entweder offen oder mehr oder minder andeutungsweise zu erkennen geben. Auch daf\u00fcr, dass zumindest Teile der rechtsextremistischen 139","Skinheadszene sich zum historischen Nationalsozialismus bekennen, liefern Liedtexte baden-w\u00fcrttembergischer Skinheadbands immer wieder eindeutige Belege. 3. Auch das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild und die Symbolwelt der rechtsextremistischen Skinheadszene beschr\u00e4nkt sich nicht auf Komponenten wie Kahlkopf, Springerstiefel oder Bomberjacke, die urspr\u00fcnglich einen unpolitischen Hintergrund haben. Typische Kennzeichen dieser Szene reichen l\u00e4ngst auch von origin\u00e4r rechtsextremistischen bis hin zu nationalsozialistischen Bildern und Symbolen. 4. Auf den rechtsextremistischen Charakter weiter Teile der Skinheadszene l\u00e4sst allein schon ihre - trotz der oben beschriebenen Vorbehalte und Kritik von Seiten anderer Rechtsextremisten - fortbestehende Vernetzung mit anderen Segmenten des deutschen Rechtsextremismus schlie\u00dfen. Denn warum sollten oder k\u00f6nnten sich Skinheads und andere Rechtsextremisten miteinander vernetzen, wenn es keine gemeinsamen ideologischen Ankn\u00fcpfungspunkte g\u00e4be? Diese Vernetzung manifestiert sich nicht nur in der Existenz vereinzelter Mischszenen aus Skinheads und Neonazis. Mittlerweile ist es durchaus \u00fcblich, dass rechtsextremistische Organisationen, die nicht der Skinheadszene zuzurechnen sind, Skinheadkonzerte veranstalten oder doch zumindest Skinheads oder Skinheadbands auf ihren Veranstaltungen begr\u00fc\u00dfen oder auftreten lassen. Ziel ist dabei unter anderem, die jugendliche Skinheadszene als Mobilisierungsund Rekrutierungspotenzial zu gewinnen. 2.3.2 Rechtsextremistische Skinheadmusik als potenzielle Quelle rechtsextremistisch motivierter Gewalt Die Texte rechtsextremistischer Skinheadbands thematisieren einerseits das Selbstverst\u00e4ndnis und das Lebensgef\u00fchl der rechtsextremistischen Skinheadszene. So ist die Verherrlichung des Skinheaddaseins (zum Beispiel des szenetypischen exzessiven Alkoholkonsums) ein h\u00e4ufig wiederkehrendes Motiv in den Liedern dieser Bands. Andererseits ist rechtsextremistische Skinheadmusik das wichtigste Propagandamedium, \u00fcber das rechtsextremistische Inhalte in die Skinheadszene tze gegen transportiert werden. So hetzen nicht wenige dieser Lieder gegen szenetyindbilder pische Feindbilder wie Ausl\u00e4nder, Juden, Israel, die USA, Homosexuelle, \"Linke\", Punker, gegen die Presse sowie staatliche Institutionen und Repr\u00e4sentanten der Bundesrepublik Deutschland. 140","Bei solcher Hetze wird zuweilen auch - direkt oder indirekt - zur Gewaltanwendung aufgerufen. Sp\u00e4testens in solchen F\u00e4llen kann der gewaltbejahende Charakter zumindest von Teilen der rechtsextremistischen Skinheadmusik nicht in Zweifel gezogen werden. Dieser inhaltlich verhetzende Charakter wird oft noch akustisch-stilistisch unterstrichen und verst\u00e4rkt, zum Beispiel durch stakkatohafte, aufpeitschende und aggressive Rhythmen und Melodien sowie durch bis zur akustischen Unverst\u00e4ndlichkeit gepresst vorgetragenen und gegr\u00f6lten Gesang. Derartige Texte entfalten bei ihren meist jugendlichen Konsumenten langfristig eine ideologisch indoktrinierende, fanatisierende und gleichzeitig eine moralisch verrohende, enthemmende Wirkung und k\u00f6nnen damit auch Gewaltbereitschaft, in letzter Konsequenz sogar Gewaltt\u00e4tigkeit erzeugen. Au\u00dferdem geben solche Texte durch die wiederholt in ihnen artikulierte Hetze gegen g\u00e4ngige rechtsextremistische Feindbilder der Gewalt die Angriffsziele vor. Die meisten von rechtsextremistischen Skinheadbands produzierten Liedtexte bewegen sich jedoch unterhalb der Schwelle zum konkreten Gewaltaufruf - wohl nicht zuletzt deshalb, weil die Bands andernfalls juristische Folgen zu bef\u00fcrchten h\u00e4tten. Solchen Bef\u00fcrchtungen d\u00fcrfte es auch geschuldet sein, dass zumindest f\u00fcr die letzten Jahre sehr viel h\u00e4ufiger solche rechtsextremistischen Skinheadtexte nachweisbar sind, die eine dumpfe, inhumane Atmosph\u00e4re aus Gewaltbereitschaft und Gewaltverherrlichung, aus Hass, Wut, Zorn, Rachephantasien, Verachtung sowie Mitleidund Gnadenlosigkeit verstr\u00f6men, ohne dabei jedoch zu konkreten Gewalttaten aufzurufen, manchmal sogar ohne die Objekte dieses Hasses, dieser Wut, allzu deutlich zu benennen. Es gibt zwar Stimmen aus der rechtsextremistischen Skinheadszene, die versuchen, die eigene Gewaltbereitschaft zu rechtfertigen. Sie gew\u00e4hren einen Einblick in Dimension und Hintergr\u00fcnde dieser Gewaltaffinit\u00e4t. Beispielsweise ver\u00f6ffentlichte die rechtsextremistische Skinheadband \"Jagdstaffel\" auf ihrer im Jahr 2008 erschienenen CD \"Gesetze der Stra\u00dfe\" folgenden Titelsong: \"Du l\u00e4ufst durch die Stra\u00dfen deiner Stadt. Dumme Blicke. Du hast sie so satt. Die Wichser, die Assis, das andre Pack. Gleich wird es knallen. Kn\u00fcppel aus dem Sack! [Refrain:] Gesetze der Stra\u00dfe. Es tobt der Krieg. Du musst dich wehren, sonst wirst du besiegt. Zeigst du einmal Schw\u00e4che, wirst du umgeknallt. 141","Es gibt keine Fairness im Gro\u00dfstadtkrawall. Nein! Dein Viertel, dein Revier und deine Stadt, alles wirst du verlieren. Es kommt der Tag. Es sind immer dieselben und in der \u00dcberzahl. Doch einfach aufgeben ist nicht deine Wahl. [Refrain] Mit deiner ganzen Horde ziehst du durch die Stadt. Du wirst nicht resignieren. Du hast sie so satt. Ein letztes Aufb\u00e4umen vor der Schlacht. Siegen oder Sterben ist jetzt angesagt. [Refrain] In unserer Gesellschaft, da nagt der Zerfall, nicht nur in unseren K\u00f6pfen, auch auf dem Asphalt. Edle, gro\u00dfe Werte sind heute nichts mehr wert. Ihr habt es \u00fcbertrieben. Wir werden uns wehrn. (...)\" 237 \"Jagdstaffel\" machen also aus dem eigenen Aggressionspotenzial gar keinen Hehl, versuchen dies aber als sozialdarwinistisch hergeleitete, vermeintlich alternativlose Notwehr zu rechtfertigen (\"Du musst dich wehren, sonst wirst du besiegt. Zeigst du einmal Schw\u00e4che, wirst du umgeknallt. Es gibt keine Fairness im Gro\u00dfstadtkrawall. Nein!\", \"Siegen oder Sterben ist jetzt angesagt.\"). Dabei f\u00e4llt auf, dass \"Jagdstaffel\" in den ersten Strophen und im Refrain noch darum bem\u00fcht sind zu verschleiern, um wessen Gewaltbereitschaft es sich eigentlich handelt, indem sie ein anonymes \"Du\" ansingen. Erst am Ende des Liedes wird deutlich, dass \"Jagdstaffel\" sich selbst oder doch ihresgleichen in der von ihnen beschriebenen Notwehrsituation w\u00e4hnen (\"Wir werden uns wehrn.\") Dabei ist es fast schon bezeichnend, dass sich auch bei \"Jagdstaffel\" die Benennung der Objekte dieser Gewaltbereitschaft in totaler Anonymisierung (\"sie\", \"Ihr\", \"immer dieselben\") und primitiven verbalen Beleidigungen (\"Die Wichser, die Assis, das andre Pack.\") ersch\u00f6pft. 237 Textwiedergabe nach dem akustischen Verst\u00e4ndnis. Die Liedtextversion, die dem CD-Booklet zu entnehmen ist, unterscheidet sich von der gesungenen Version nur sehr geringf\u00fcgig. 142","3. Neonazismus 3.1 Allgemeines Als neonazistisch werden Personenzusammenschl\u00fcsse und Bestrebungen Definition bezeichnet, die ein direktes oder indirektes Bekenntnis zu Ideologie, Organisationen und/oder Protagonisten des historischen Nationalsozialismus erkennen lassen und in letzter Konsequenz auf die Abschaffung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zugunsten eines totalit\u00e4ren F\u00fchrerstaates nach dem Vorbild des \"Dritten Reiches\" ausgerichtet sind. Aus dieser Definition folgt: Jeder Neonazi ist Rechtsextremist, aber nicht jeder Rechtsextremist ist Neonazi. Denn nicht jeder Rechtsextremist bekennt sich zum historischen Nationalsozialismus und sieht im \"Dritten Reich\" ein Vorbild f\u00fcr die zuk\u00fcnftige konstitutionelle Gestaltung Deutschlands. Der Neonazismus ist nur eine von mehreren Erscheinungsformen des Gesamtph\u00e4nomens Rechtsextremismus, die aber von einem ganz besonders ausgepr\u00e4gten ideologischen Fanatismus ihrer Anh\u00e4nger gekennzeichnet ist. Die im allgemeinen Sprachgebrauch h\u00e4ufig vorgenommene Gleichsetzung \"Rechtsextremismus = Neonazismus\" l\u00e4uft also auf eine Vereinfachung hinaus, die der komplexen Realit\u00e4t der ideologisch zersplitterten rechtsextremistischen Szene nicht gerecht wird. Zu dieser komplexen Realit\u00e4t geh\u00f6rt aber auch, dass die Grenzen zwischen dem Neonazismus und bestimmten anderen Teilsegmenten des deutschen Rechtsextremismus zuweilen flie\u00dfend sein k\u00f6nnen: Neonazistisches Gedankengut und Neonazis sind auch in rechtsextremistischen Szenebereichen anzutreffen, die nicht in G\u00e4nze oder nicht \u00fcberwiegend als neonazistisch zu bezeichnen sind. So bekennen sich zumindest Teile der rechtsextremistischen Skinheadszene zum historischen Nationalsozialismus, wof\u00fcr immer wieder Liedtexte von Skinheadbands eindeutige Belege liefern. Auch die NPD muss in Teilen als neonazistisch ausgerichtet bezeichnet werden. Sie nimmt teils \u00fcberregional bis bundesweit bekannte Neonazis als Mitglieder in ihre Reihen auf und l\u00e4sst manche von ihnen in hohe Parteifunktionen aufsteigen. Der Neonaziszene im engeren Sinne werden in Baden-W\u00fcrttemberg circa 400 (2007: circa 340) personelle und bundesweit circa 4.800 Personen (2007: circa 4.400) zugerechnet. Damit Zuw\u00e4chse z\u00e4hlt die Neonaziszene bereits seit dem Jahr 2002 (Land: circa 270 Neonazis; Bund: circa 2.600 Neonazis) trotz ihres immer noch relativ geringen Personenpotenzials zu den wenigen Teilsegmenten des deutschen Rechtsextremismus, die personelle Zuw\u00e4chse zu verzeichnen haben. Ihr Eintreten f\u00fcr die Wiedererrichtung einer NS-Diktatur trug der deutschen Neonaziszene in den 90er-Jahren das Verbot zahlreicher ihrer Vereinigungen ein, was ihr Erscheinungsbild nachhaltig ver\u00e4nderte. Um sowohl 143","bereits vollzogene als auch f\u00fcr die Zukunft erwartete Vereinigungsverbote zu unterlaufen, sind seither in der Neonaziszene an die Stelle fester Organisationsstrukturen zumeist lockere, organisationsunabh\u00e4ngige und informelle Personenzusammenschl\u00fcsse getreten. Zumeist geben sich diese Gruppen den Anstrich privater Cliquen oder Freundeskreise und verf\u00fcgen nur \u00fcber eine regionale Basis sowie \u00fcber relativ wenige Angeh\u00f6rige (in der Regel pro Gruppe nicht mehr als circa f\u00fcnf bis 20 Personen, meist junge M\u00e4nner). Allerdings k\u00f6nnen viele dieser Gruppen im Bedarfsfall auf ein Mobilisierungspotenzial zur\u00fcckgreifen, das \u00fcber die Zahl ihrer jeweiligen Angeh\u00f6rigen deutlich hinausgeht. Privater Anstrich und regionale Basis kommen auch in den Selbstbezeichnungen der Gruppen zum Ausdruck (zum Beispiel \"Kameradschaft Rastatt\", \"Kameradschaft Karlsruhe\"). Die typische Aktivit\u00e4t dieser Gruppen ist der \"Kameradschaftsabend\", der in Privatwohnungen oder Gastst\u00e4tten stattfindet, keine Au\u00dfenwirkung entfaltet und dessen Inhalte aus politisch-ideologischen Schulungen, der Vorbereitung von Aktionen oder einfach Geselligkeit bestehen. Das darf aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass fast jede dieser Gruppen meist fest in die bundesweite Neonaziszene, partiell auch in andere Teile der rechtsextremistischen Szene eingebunden ist und zuweilen bis ins Ausland Kontakte zu Gesinnungsgenossen pflegt. Innerhalb dieser netzwerkartigen Strukturen legen Neonazis einen erheblichen Aktionismus an den Tag, den sie vor allem durch Teilnahme an zahlreichen, nicht nur neonazistischen Demonstrationen - auch fernab ihrer regionalen Basis - ausleben. Die \u00dcberschneidungen zwischen Neonaziund rechtsextremistischer Skinheadszene \u00e4u\u00dfern sich unter anderem in der Existenz entsprechender Mischszenen und in der Teilnahme einzelner Neonazis an Skinheadkonzerten. Ein typisches Beispiel f\u00fcr bundesl\u00e4nder\u00fcbergreifende Netzwerkstrukturen innerhalb des deutschen Neonazismus gibt das seit dem Jahr 2003 bestehende, im Dreil\u00e4ndereck zwischen Baden-W\u00fcrttemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz aktive neonazistische \"Aktionsb\u00fcro Rhein-Neckar\" ab. Es koordiniert im gesamten RheinNeckar-Raum die Aktivit\u00e4ten der dort vertretenen Neonaziund rechtsextremistischen Skinheadgruppierungen, ist personell mit der NPD verflochten und hat enge Kontakte zu rechtsextremistischen F\u00fchrungspersonen und Gruppierungen in den angrenzenden Regionen. Sein Aktionsschwerpunkt scheint weiterhin au\u00dferhalb BadenW\u00fcrttembergs zu liegen. Sein Internetportal, auf dem es als Kontaktadresse ein Postfach im hessischen Viernheim angibt238, geh\u00f6rt zu den bundesweit wichtigsten rechtsextremistischen Internetseiten. 238 Homepage des \"Aktionsb\u00fcros Rhein-Neckar\" vom 11. November 2008. 144","Die Furcht vor staatlichen Repressionsma\u00dfnahmen hat mittlerweile manche versuchte Neonazis bewogen, \"Tarnma\u00dfnahmen\" zu ergreifen. Ziel ist dabei, nicht Tarnung immer sofort als - gesellschaftlich stigmatisierter - Neonazi erkannt zu werden, vielleicht sogar mit den eigenen politisch-ideologischen Vorstellungen Geh\u00f6r auch au\u00dferhalb der rechtsextremistischen Szene zu finden, wom\u00f6glich sogar auf Veranstaltungen, die nicht von Rechtsextremisten selbst, sondern von Demokraten oder Linksextremisten organisiert werden.239 Einzelne Neonazis nehmen \u00e4u\u00dferliche Anleihen bei der linksextremistischen autonomen Szene auf, beispielsweise, indem sie sich die Selbstbezeichnung \"Autonome Nationalisten\" zulegen. 3.2 Bundesweite Aktivit\u00e4ten 3.2.1 Rudolf He\u00df: Zentrale Symbolund Integrationsfigur der Neonaziszene F\u00fchrende NS-Protagonisten wie Hitler, Himmler oder Goebbels auch nur punktuell zu Vorbildern zu erheben, indem man mehr oder minder marginale Details ihres politisch-ideologischen Denkens oder Handelns aus dem Bezugsrahmen ihrer Verbrechen versucht herauszul\u00f6sen und f\u00fcr sich genommen als vorbildlich darzustellen, gilt in der Gesellschaft und politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland als verwerflich und hat in der Regel entsprechend schwerwiegende Folgen f\u00fcr das Ansehen der Personen, die einen solchen Versuch unternehmen. Vor diesem Hintergrund bieten sich heutigen Neonazis faktisch keine Beispiele hochrangiger Protagonisten aus NSDAP und NS-Staat, anhand derer sie auch nur versuchen k\u00f6nnten, ihr Bekenntnis zum historischen Nationalsozialismus wenigstens ansatzweise positiv zu personalisieren, ohne zu riskieren, sich dadurch gesamtgesellschaftlich, also au\u00dferhalb des sehr engen Dunstkreises der eigenen Szene, noch weiter ins moralische und gegebenenfalls auch strafrechtliche Abseits zu stellen, als sie ohnehin schon stehen. In dem \"Stellvertreter des F\u00fchrers\" und Reichsminister ohne Gesch\u00e4ftsbereich Rudolf He\u00df (1894-1987) meinen deutsche, aber auch ausl\u00e4ndische Neonazis \u00fcber ein solch hochrangiges Beispiel f\u00fcr eine positive Personalisierung des historischen Nationalsozialismus zu verf\u00fcgen. F\u00fcr Neonazis ist He\u00df die zentrale Symbolund Integrationsfigur, um die sie bereits seit Jahrzehnten einen teilweise religi\u00f6s anmutenden M\u00e4rtyrerkult und eine einzigM\u00e4rtyrerkult artige Mythenbildung betreiben. Dieser Kult baut weniger auf He\u00df' konum He\u00df kreten politischen Funktionen w\u00e4hrend der NS-Diktatur auf; vielmehr wird 239 Siehe zur so genannten Wortergreifungsstrategie: Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2007, S. 179-184. 145","He\u00df aufgrund der Tatsache, dass er wegen seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft beim N\u00fcrnberger Hauptkriegsverbrecherprozess insgesamt 46 Jahre in alliierter Haft verbrachte, von der Neonaziszene auch noch mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Selbstmord im Berlin-Spandauer Kriegsverbrechergef\u00e4ngnis kritiklos zum Opfer stilisiert. Zudem dient ihr der zeitlebens \u00fcberzeugte Nationalsozialist He\u00df als Vorbild an ideologisch-fanatischer Unbeugsamkeit. Auch wird He\u00df als Kronzeuge f\u00fcr rechtsextremistisch-geschichtsrevisionistische Thesen herangezogen: So wird sein Gro\u00dfbritannien-Flug im Mai 1941 in den einschl\u00e4gigen Kreisen als vermeintlicher Beweis daf\u00fcr gewertet, dass der - so die g\u00e4ngige Neonazi-Terminologie - \"Friedensflieger\" He\u00df und mit ihm die gesamte NS-F\u00fchrung um Adolf Hitler friedenswillig gewesen w\u00e4ren, w\u00e4hrend die Briten diese Friedensbem\u00fchungen mit Internierung beantwortet und damit den Beweis ihrer angeblichen Kriegsl\u00fcsternheit geliefert h\u00e4tten. Dass Hitler in die Aktion seines Stellvertreters offensichtlich nicht einmal eingeweiht war, sich sogar umgehend davon distanzierte, unter anderem, indem er He\u00df \u00f6ffentlich f\u00fcr geistesgest\u00f6rt erkl\u00e4ren lie\u00df240, wird von Neonazis zumeist ausgeblendet. Dass He\u00df die letzten 21 Jahre seines Lebens nach der Entlassung der \u00fcbrigen Gefangenen als einziger H\u00e4ftling im Spandauer Kriegsverbrechergef\u00e4ngnis verblieb, trieb die Mythologisierung seiner Person durch die Neonaziszene weiter voran. Schon allein die Umst\u00e4nde seiner Haft pr\u00e4destinieren den Hitler-Stellvertreter aus neonazistischer Sicht zum M\u00e4rtyrer der \"Bewegung\". Dieser M\u00e4rtyrerkult wird von Neonazis noch auf die Spitze getrieben, indem sie seit 1987 so faktenwidrig wie unbeirrbar behaupten, He\u00df sei in Spandau ermordet worden, um die \"wahren\" Hintergr\u00fcnde seines Gro\u00dfbritannien-Fluges zu vertuschen. Deshalb ist auch nicht He\u00df' Geburtstag, sondern sein Todestag (17. August) ein wichtiges Datum im neonazistischen Veranstaltungskalender: Gilt es doch, nicht nur den M\u00e4rtyrerkult um He\u00df zu pflegen, sondern auch klassische rechtsextremistische Feindbilder (vor allem die westlichen Siegerm\u00e4chte des 2. Weltkrieges) als vermeintlich eiskalt berechnende M\u00f6rder an einem 93j\u00e4hrigen, angeblich schuldlosen Greis zu diffamieren. Zentrales Anliegen des neonazistischen He\u00df-Kultes bleibt jedoch, den historischen Nationalsozialismus positiv zu personalisieren und damit letztlich zu rehabilitieren, indem man diesem ein vermeintlich sympathisch-unschuldiges Opferund M\u00e4rtyrergesicht verleiht.241 240 Siehe zu den Hintergr\u00fcnden des He\u00df-Fluges nach Gro\u00dfbritannien und zum Umgang der NS-F\u00fchrung mit diesem Vorfall: Nolzen, Armin: Der He\u00df-Flug vom 10. Mai 1941 und die \u00f6ffentliche Meinung im NS-Staat, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Skandal und Diktatur. Formen \u00f6ffentlicher Emp\u00f6rung im NS-Staat und in der DDR, G\u00f6ttingen 2004, S. 130-156. 241 Siehe zu den vielschichtigen Aspekten des He\u00df-Kultes in der rechtsextremistischen Szene: Kohlstruck, Michael: Fundamentaloppositionelle Geschichtspolitik - Die Mythologisierung von Rudolf Hess im deutschen Rechtsextremismus, in: Fr\u00f6hlich, Claudia/Horst-Alfred Heinrich (Hrsg.), Geschichtspolitik. Wer sind ihre Akteure, wer ihre Rezipienten?, Stuttgart 2004, S. 95-109. 146","Aus Anlass des 21. He\u00df-Todestages am 17. August 2008 stellten die badenw\u00fcrttembergischen JN auf ihrer Homepage einen Text ein, in dem einige der zentralen Komponenten des He\u00df-M\u00e4rtyrerkultes komprimiert wiedergegeben werden. Dieser Text wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf die N\u00e4he, die Teile der JN und damit der NPD - auch in Baden-W\u00fcrttemberg - zum Neonazismus aufweisen: \"Rudolf He\u00df steht symbolhaft f\u00fcr die Friedensbem\u00fchungen des Deutschen Reiches in den Anfangsjahren des Krieges und genauso f\u00fcr deren systematische Zur\u00fcckweisung durch die Alliierten. Rudolf He\u00df wollte mit seinem Flug nach Schottland im Jahr 1940 Europa vor einer Ausweitung des Krieges bewahren - f\u00fcr dieses Anliegen wurde er 46 Jahre lang eingesperrt. Allein die Tatsache, dass ein Mann f\u00fcr seine \u00dcberzeugungen und Ideale mehr als die H\u00e4lfte seines Lebens hinter Gittern zu verbringen bereit war, m\u00fcsste an sich jedem normal denkenden Menschen - unabh\u00e4ngig welcher politischen Couleur - Respekt abn\u00f6tigen. Und allein aus diesem Grund w\u00e4re es bereits angebracht und legitim, diesem Mann, dem seine Ehre und die Ehre Deutschlands mehr galten als seine Freiheit, ein w\u00fcrdiges Andenken zu bewahren. Doch das Leben von Rudolf He\u00df und ganz besonders die Umst\u00e4nde seines Todes sind heute au\u00dferdem mehr denn je Symbole der Fremdherrschaft in der BRD. Sein Tod, der nach objektiver Betrachtung kaum Selbstmord gewesen sein kann, wird uns heute als genau dieses verkauft. Demonstrationen f\u00fcr die historische Wahrheit werden systematisch verboten und verhindert. Die Erinnerung an jenen Mann und sein von Qualen und Kerkerhaft gepr\u00e4gtes Leben soll ausgel\u00f6scht werden im Bewusstsein des deutschen Volkes. Aus diesem Grund ist es f\u00fcr freiheitsliebende Patrioten dieser Zeit richtig und wichtig, allj\u00e4hrlich auf die wahren Umst\u00e4nde des Todes von Rudolf He\u00df aufmerksam zu machen. Sind sie doch das beste Beispiel daf\u00fcr, wie auch heute noch, \u00fcber 60 Jahre nach Beendigung des Krieges, Wahrheit, 147","L\u00fcge und Fiktion im Dienste allliierter Siegerpropaganda skrupellos miteinander vertauscht werden.\" 242 Auch im Jahr 2008 konnte wie schon in den drei vorangegangenen Jahren kein zentraler \"Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsch\" im bayerischen Wunsiedel, wo He\u00df begraben liegt, stattfinden, obwohl der Hamburger Rechtsanwalt und Neonazi J\u00fcrgen RIEGER, der seit 2008 stellvertretender NPD-Bundesvorsitzender ist, schon vor geraumer Zeit bis einschlie\u00dflich 2010 j\u00e4hrliche Gedenkveranstaltungen um den 17. August herum in Wunsiedel angemeldet hatte. Daraufhin konnte die Neonaziszene in den Jahren 2001 bis 2004 zentrale \"Rudolf-He\u00df-Gedenkm\u00e4rsche\" in dieser Stadt durchf\u00fchren. Die Zahl der Demonstrationsteilnehmer stieg dabei laut Polizeiangaben von rund 900 (2001) auf circa 3.800 (2004). Im Jahr 2008 mussten die neonazistischen He\u00df-Verehrer jedoch schon deutlich im Vorfeld des 17. August einen st\u00e4tigung herben juristischen R\u00fcckschlag hinnehmen: Am 25. Juni 2008 best\u00e4tigte das s Verbots Bundesverwaltungsgericht243 in letzter Instanz das Verbot des Wunsiedeler \"Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsches\" von 2005, das wie auch in den folgenden Jahren auf der Basis des erst 2005 in Kraft getretenen Absatz 4 des SS 130 Strafgesetzbuch (StGB) erfolgt war, und bejahte dabei zudem die Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit dieser Rechtsnorm.244 Wie vor diesem Hintergrund zu erwarten war, hatte daraufhin auch das vom Landratsamt Wunsiedel ausgesprochene Verbot des \"Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsches\" 2008 vor den zust\u00e4ndigen Gerichten bis hin zum Bundesverfassungsgericht245 Bestand. Auf demselben rechtsstaatlichen Weg konnte der Versuch RIEGERs unterbunden werden, in der N\u00e4he von Wunsiedel zum selben Termin eine nicht\u00f6ffentliche Ersatzveranstaltung abzuhalten. So musste die Szene zum wiederholten Male auf kleinere, dezentrale Veranstaltungen ausweichen. An diesen bundesweit neun Ersatzveranstaltungen am 16. und 17. August 2008 nahmen nur noch insgesamt rund 780 Personen teil, w\u00e4hrend zu den acht Ersatzveranstaltungen im Jahr 2007 noch circa 1.200 Teilnehmer erschienen waren. Die gr\u00f6\u00dften He\u00df-Gedenkveranstaltungen fanden im vorpommerschen Ueckerm\u00fcnde und im th\u00fcringischen Altenburg mit rund 250 beziehungsweise circa 230 Teilnehmern statt. Baden-W\u00fcrttemberg war im August 2008 nicht Schauplatz einer He\u00df-Demonstration. In Mannheim tra242 Bericht \"Gedenken an Rudolf He\u00df auch im Bodenseekreis - Holzkreuze und Transparente zum 17. August\", Homepage der baden-w\u00fcrttembergischen JN vom 14. November 2008. 243 Az.: 6 C 21/07. 244 SS 130 Absatz 4 StGB lautet: \"Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer \u00f6ffentlich oder in einer Versammlung den \u00f6ffentlichen Frieden in einer die W\u00fcrde der Opfer verletzenden Weise dadurch st\u00f6rt, dass er die nationalsozialistische Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt.\" Siehe zur Vorgeschichte der Bundesverwaltungsgerichtsentscheidung vom 25. Juni 2008: Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2007, S. 140. 245 Beschluss vom 13. August 2008. 148","fen sich am 16. August 2008 in der Innenstadt zwar rund 30 Rechtsextremisten, die allerdings nicht geschlossen als Demonstrationszug oder Kundgebung auftraten. Weitere Aktivit\u00e4ten dieser Gruppe wurden von der Polizei verhindert. F\u00fcr denselben Tag hatten die JN zwar eine Demonstration unter dem Motto \"Meinungsfreiheit f\u00fcr alle! SS 130 abschaffen\" in Biberach angemeldet. Als die Veranstaltung verboten wurde, legten sie jedoch keine Rechtsmittel ein. Dar\u00fcber hinaus kam es um den 17. August 2008 in verschiedenen Orten Baden-W\u00fcrttembergs zu Plakatund Transparentaktionen mit He\u00df-Bezug, unter anderem in den R\u00e4umen Karlsruhe und Heidelberg, in Singen/Krs. Konstanz und in Langenau/Alb-Donau-Kreis. Dabei kam unter anderem ein Transparent mit der Aufschrift \"Rudolf Hess Friedensflieger Ermordet am 17. August 87\" zum Einsatz. In der Innenstadt von Friedrichshafen wurden in der Nacht zum 17. August 2008 rund 70 professionell gezimmerte Holzkreuze mit der Aufschrift \"Rudolf Hess - 1987 Mord!\" aufgestellt. Bereits am 13. August 2008 waren in Rastatt CDs in Briefk\u00e4sten eingeworfen worden. Die selbst gebrannten Scheiben waren mit einem Cover versehen, auf dem ein Bild von He\u00df und ein Foto seines Grabsteines in Wunsiedel zu sehen waren sowie ein Foto mit dem Datumsvermerk \"10. Mai 1941\" 246, auf dem ein Mann aus einem Propellerflugzeug steigt. Auf der CD war ein Film mit einschl\u00e4gigem He\u00df-Bezug gespeichert. Die Erfahrungen der Jahre 2005 bis 2008 zeigen, dass die Variante der He\u00dfErsatzVerehrung mit mehreren dezentralen Ersatzveranstaltungen f\u00fcr die neonaveranstaltung zistische Szene immer unattraktiver zu werden scheint. Der Gedenkmarsch unattraktiv in Wunsiedel mit seinem Symbolwert und seiner Mobilisierungskraft ist f\u00fcr die Szene also nicht ersetzbar. Dass die Ersatzveranstaltungen aus juristischen Gr\u00fcnden in ihren Mottos zum Teil keinen direkten He\u00df-Bezug mehr erkennen lassen und dadurch zu thematisch fast beliebigen rechtsextremistischen Demonstrationen werden, d\u00fcrfte manchen potenziellen Teilnehmer zus\u00e4tzlich demotivieren. Dennoch verf\u00fcgt das Thema \"He\u00df\" in der rechtsextremistischen und offensichtlich nicht nur in der neonazistischen Szene immer noch \u00fcber Mobilisierungskraft, auch unabh\u00e4ngig vom He\u00df-Todestag. So fanden am 11. und 12. Mai 2008 in Pforzheim-Dillwei\u00dfenstein und in Weinheim-Sulzbach/ 246 An diesem Tag startete He\u00df seinen Gro\u00dfbritannien-Flug. 149","Rhein-Neckar-Kreis zwei Vortragsveranstaltungen zum Thema statt. Zu der ersten Veranstaltung fanden sich circa 150 Personen ein, zu der zweiten sogar rund 250. Vortragender war unter anderem Dr. Olaf ROSE, der rund zwei Wochen sp\u00e4ter auf dem NPD-Bundesparteitag am 24./25. Mai 2008 in Bamberg in den NPD-Bundesvorstand gew\u00e4hlt wurde und bereits seit Ende 2006 dem Parlamentarischen Beratungsdienst der s\u00e4chsischen NPD-Fraktion angeh\u00f6rt. 3.2.2 \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V.\" (HNG) Gr\u00fcndung: 1979 Sitz: Frankfurt am Main Mitglieder: ca. 50 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 60) ca. 600 Bund (2007: ca. 600) Publikation: \"Nachrichten der HNG\" Die \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V.\" (HNG) ist die langlebigste und mitgliederst\u00e4rkste Einzelorganisation in der deutschen Neonaziszene, f\u00fcr die vor dem Hintergrund der zahlreichen Verbote neonazistischer Vereinigungen in den 90er-Jahren feste Organisationsstrukturen wie die der HNG eigentlich untypisch geworden sind. In ihren Aktivit\u00e4ten ist die HNG absolut spezialisiert: Sie verfolgt den selbst gestellten Auftrag, inhaftierte Gesinnungsgenossen unter anderem durch Rechtsberatung, \u00dcberlassung rechtsextremistischer Literatur und Vermittlung von Briefkontakten moralisch und materiell zu unterst\u00fctzen, um sie auch w\u00e4hrend der Haftzeit sozial und ideologisch weiter an die rechtsextremistische Szene zu binden und somit die staatlichen Ausstiegsangebote zu unterlaufen. Ansonsten ersch\u00f6pfen sich Aktivit\u00e4ten und Bedeutung der HNG in der monatlichen Ver\u00f6ffentlichung ihrer 20-seitigen, 2008 im 30. Jahrgang erscheinenden Publikation \"Nachrichten der HNG\" und in der j\u00e4hrlichen Abhaltung einer Jahreshauptversammlung, die 2008 am 26. April mit circa 120 Teilnehmern in Gro\u00dfrinderfeld/Main-Tauber-Kreis stattfand. Mit J\u00fcrgen RIEGER sowie Thomas WULFF traten zwei bundesweit und mit Andreas THIERRY aus 150","Rosenberg/Ostalbkreis auch ein landesweit bekannter Neonazi auf dieser Versammlung als Redner auf. Bei dieser Gelegenheit wurde die seit 1991 als HNG-Vorsitzende amtierende Ursula M\u00dcLLER aus Mainz in ihrer Funktion best\u00e4tigt. 3.3 Demonstrationst\u00e4tigkeit der Neonaziszene Von 2006 auf 2007 war das rechtsextremistische und insbesondere das neonazistische Demonstrationsaufkommen in Baden-W\u00fcrttemberg bereits drastisch r\u00fcckl\u00e4ufig gewesen. Damals halbierte sich die Zahl rechtsextremistischer Demonstrationen247 im Land beinahe, und zwar von rund 35 (2006) auf nur noch 18. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Entwicklung waren vielschichtig und weisen zu einem erheblichen Teil \u00fcber das Jahr 2007 hinaus.248 Daher setzte sich diese Entwicklung auch im Jahr 2008 fort, wenn auch nicht in demselben Ausma\u00df wie 2007. 2008 fanden nur noch zw\u00f6lf rechtsextremistische Demonstrationen in Baden-W\u00fcrttemberg statt. Allerdings zog anders als im Vorjahr, als die Zahl der Demonstrationen mit eindeutigem Neonazi-Bezug auf gerade einmal sechs regelrecht eingebrochen war (2006: rund 25), das von Neonazis verantwortete Demonstrationsaufkommen auf neun derartige Veranstaltungen leicht an, w\u00e4hrend die NPD durch ihre Jugendorganisation JN gerade zweimal (2007: achtmal) in Erscheinung trat. Die baden-w\u00fcrttembergischen Tendenzen entsprechen nur teilweise denen im Bund insgesamt. Dort stieg die Zahl der Neonazidemonstrationen auf circa 80 an, nachdem sie sich von 2006 auf 2007 von 126 auf 66 fast halbiert hatte. Die Anzahl der von der NPD und deren Jugendorganisation \"Junge Nationaldemokraten\" organisierten Demonstrationen erh\u00f6hte sich von circa 70 (2006 und 2007) auf circa 75. Nicht nur die Zahl der rechtsextremistischen Demonstrationen in Baden-W\u00fcrttemberg nahm im Jahr 2008 weiter ab. Auch deren durchschnittliche Teilnehmerzahl verringerte sich deutlich: Zehn der zw\u00f6lf Demonstrationen im Berichtszeitraum kamen \u00fcber Teilnehmerzahlen von bis zu rund 40 Personen nicht hinaus, blieben zum Teil sogar noch deutlich darunter. Und auch f\u00fcr die \u00fcbrigen beiden Demonstrationen konnte nur ein Personenkreis im untersten dreistelligen Bereich mobilisiert werden: Zu dem vom rechtsextremistischen \"Freundeskreis 'Ein Herz f\u00fcr Deutschland', 247 Hierbei werden unter Demonstrationen angemeldete wie unangemeldete Kundgebungen und Aufz\u00fcge, aber auch Eilund Spontanversammlungen verstanden. Letztere machen mit ihrem in der Regel sehr kleinen Teilnehmerkreis (meist im unteren zweistelligen Bereich) einen erheblichen Anteil der rechtsextremistischen Demonstrationen aus. 248 Siehe zu diesen Gr\u00fcnden ausf\u00fchrlich: Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2007, S. 141-147. 151","Pforzheim e.V.\" (FHD) am 23. Februar 2008 in Pforzheim veranstalteten Fackelgedenken aus Anlass des 63. Jahrestages der Zerst\u00f6rung der Stadt durch einen alliierten Bombenangriff versammelten sich rund 170 Rechtsextremisten. In Reaktion auf die T\u00f6tung eines jungen Mannes am 4. April 2008 in Nordrhein-Westfalen, der von der rechtsextremistischen Szene als Gesinnungsgenosse angesehen wurde, kam es am 6. April 2008 zu zwei als Eilversammlungen angemeldeten Neonazi-Kundgebungen in Ludwigshafen und Mannheim. Bei letzterer demonstrierten etwa 120 Personen rund eine halbe Stunde auf dem Paradeplatz. Die niedrigen Teilnehmerzahlen bei rechtsextremistischen Demonstrationen in Baden-W\u00fcrttemberg im Jahr 2008 sind unter anderem dadurch zu erkl\u00e4ren, dass die meisten dieser Veranstaltungen spontan, oft aus aktuellem Anlass und daher ohne die M\u00f6glichkeit langfristiger Mobilisierung durchgef\u00fchrt wurden. Vor diesem Hintergrund zeugt die Neonazi-Demonstration am 6. April 2008 in Mannheim, deren Anlass zum Zeitpunkt ihrer Durchf\u00fchrung erst rund 48 Stunden zur\u00fccklag, von einem weiterhin bestehenden Mobilisierungspotenzial der Neonaziszene. Niedrige und weiter sinkende Teilnehmerzahlen rechtsextremistischer Demonstrationen sind jedoch nicht erst 2008, sondern bereits seit Jahren ein unbestreitbares Problem f\u00fcr die Szene, besonders f\u00fcr ihr \u00f6ffentliches Erscheinungsbild: Wie auch im Jahr 2008 unter Beweis gestellt wurde, sind mittlerweile rechtsextremistische Demonstrationen und Aufz\u00fcge mit Teilnehmerzahlen im lediglich zweistelligen Bereich ein immer h\u00e4ufiger festzustellendes Ph\u00e4nomen. An einer von neonazistischen \"Autonomen Nationalisten\" am 20. April 2008 (Adolf Hitlers 119. Geburtstag) spontan durchgef\u00fchrten Aktion unter dem Motto \"Nationaler Sozialismus jetzt - kein System h\u00e4lt uns auf\" in Singen/Krs. Konstanz nahmen sogar nur f\u00fcnf Personen teil. Derartig schwach frequentierte Demonstrationen k\u00f6nnen leicht zum Beleg der eigenen Schw\u00e4che missraten, zumal wenn sich zu Gegendemonstrationen eine vielfache Anzahl an Teilnehmern einfinden. Diese eklatanten Missverh\u00e4ltnisse werden auch von manchen Szeneangeh\u00f6rigen mittlerweile aufmerksam zur Kenntnis genommen und m\u00fcnden in Forderungen nach weniger, aber thematisch zielgerichteteren Demonstrationen bei gleichzeitig effektiverer Mobilisierung. Auch damit d\u00fcrften die in den Jahren 2007 und 2008 in Baden-W\u00fcrttemberg in der Summe drastisch r\u00fcckl\u00e4ufige Zahl rechtsextremistischer Demonstrationen zu erkl\u00e4ren sein. Diese Entwicklung im Land darf jedoch nicht zu der verfr\u00fchten, optimistischen Annahme verf\u00fchren, diese Momentaufnahme sei bereits Ausdruck einer grunds\u00e4tzlichen Trendumkehr. \u00d6ffentliche Demonstrationen behalten - das wird auch in der Szene selbst immer wieder betont - weiterhin 152","ihre Bedeutung unter den Aktionsund Agitationsformen des deutschen Rechtsextremismus, beispielsweise im Zuge des \"Kampfes um die Stra\u00dfe\" \"Kampf um im Rahmen des NPD-\"Vier-S\u00e4ulen-Konzeptes\".249 Ein zentrales, schon l\u00e4ndie Stra\u00dfe\" ger und wohl auch in Zukunft g\u00fcltiges Motiv, das Rechtsextremisten, insbesondere Neonazis, aber auch NPD-Aktivisten bei ihrer Demonstrationst\u00e4tigkeit leitet, besteht darin, rechtsextremistische und neonazistische Pr\u00e4senz auf der Stra\u00dfe zu zeigen. Vor dem Hintergrund der eigenen gesamtgesellschaftlichen Isolation und einer negativen Medienberichterstattung \u00fcber Rechtsextremismus und Neonazismus, erscheint dieser Demonstrationsaktionismus rechtsextremistischen Aktivisten offensichtlich immer noch als die beste M\u00f6glichkeit, die Szene und ihre Anliegen einer breiteren \u00d6ffentlichkeit ins Bewusstsein zu rufen und Aufmerksamkeit zu erregen. 3.4 \"Autonome Nationalisten\" - Militanter Neonazismus mit ungewohntem Erscheinungsbild Seit Ende 2003 treten im Bundesgebiet bei rechtsextremistischen Demonstrationen immer wieder Personengruppen auf, die sich in ihrem \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild und Verhalten vom gewohnten Auftreten der NeonaziSzene bewusst abheben. Sp\u00e4testens seit der ersten Jahresh\u00e4lfte 2004 erlangten diese Gruppen unter der seither h\u00e4ufig verwendeten Eigenbezeichnung \"Autonome Nationalisten\" bundesweite Bekanntheit. Dabei stellt der Begriff \"Autonome Nationalisten\" keine Bezeichnung f\u00fcr eine bestimmte Organisation dar, sondern wird als Oberbegriff f\u00fcr mehrere, meist regional organisierte Gruppierungen innerhalb der Neonazi-Szene benutzt, die durch den Zusatz der Stadt oder der Region unterscheidbar werden. Allerdings findet nicht bei allen Gruppierungen, die die typischen Charakteristika \"Autonomer Nationalisten\" aufweisen, der Begriff \"Autonome Nationalisten\" als Selbstbezeichnung Verwendung. Zuweilen - auch in Baden-W\u00fcrttemberg - treten \"Autonome Nationalisten\" auch unter Selbstbezeichnungen wie \"Aktionsgruppe\" oder \"Freie Kr\u00e4fte\" auf (zum Beispiel \"Aktionsgruppe S\u00fcdbaden\" (AG S\u00fcdbaden)). Seit Mitte des Jahres 2005 treten \"Autonome Nationalisten\" in Baden-W\u00fcrttemberg als Anmelder und Veranstalter von Demonstrationen in Erscheinung. So veranstaltete die den \"Autonomen Nationalisten\" ideologisch nahe stehende \"Aktionsgruppe W\u00fcrttemberg\" unter dem Motto \"Alliierte Kriegsverbrechen beim Namen 249 Zum \"Vier-S\u00e4ulen-Konzept\" der NPD siehe S. 165. 153","nennen - damals wie heute!\" am 16. April 2008 eine \"Mahnwache zum Gedenken an die Opfer vom 16. und 17. April 1945\" mit rund 40 Teilnehmern in Freudenstadt. Anlass war der 63. Jahrestag der Zerst\u00f6rung Freu - denstadts durch franz\u00f6sischen Artilleriebeschuss im April 1945. \u00c4u\u00dferes Erscheinungsbild Die Unterschiede der \"Autonomen Nationalisten\" zu den \u00fcbrigen Neonazis bestehen vor allem in \u00c4u\u00dferlichkeiten. Gerade aber diese rein \u00e4u\u00dferlichen Unterschiede bergen nicht nur gegen\u00fcber Linksextremisten und der demokratischen Mehrheitsgesellschaft, sondern auch gegen\u00fcber weiten Teilen der rechtsextremistischen Szene ein erhebliches Provokationsund Konfliktpotenzial. Das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild der \"Autonomen Nationalisten\" ist in erster Linie durch eine \u00dcbernahme des Kleidungsstils der linksextremistischen autonomen Szene gekennzeichnet. Bei Demonstrationen treten sie in einheitlicher schwarzer Kleidung auf, tragen Baseballkappen oder Kapuzenpullover, Sonnenbrillen und gelegentlich auch so genannte Pal\u00e4stinensert\u00fccher, letztlich also eine Bekleidung, die nicht nur ein geschlossenes Auftreten in einem \"Schwarzen Block\" erm\u00f6glicht, sondern auch der Vermummung dienen kann. Dar\u00fcber hinaus sehen \"Autonome Nationalisten\" in ihrer Abkehr vom typischen Neonazi-Outfit noch einen weiteren Vorteil: Diese Kleidung dient ihnen offensichtlich auch als Verkleidung, in der sie von der Antifa und von Sicherheitskr\u00e4ften nicht mehr ohne weiteres als Neonazis erkannt werden k\u00f6nnen. \"Autonome Nationalisten\" imitieren linksextremistische Autonome auch terminologisch-sprachlich und stilistisch. So sind Anglizismen (zum Beispiel \"press enter to reset the system.............*reboot socialism\" oder \"there is alway's [sic!] hope\" 250), die von vielen anderen Rechtsextremisten seit Jahr250 Homepage der \"Aktionsgruppe Rheinland\" vom 14. November 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 154","zehnten als \"undeutsch\" vehement abgelehnt werden, auf den Transparenten und in sonstigen Propagandamedien \"Autonomer Nationalisten\" ein g\u00e4ngiges Stilmittel. Auch verbreiten \"Autonome Nationalisten\" antikapitalistische und revolution\u00e4re Parolen (zum Beispiel \"Der gr\u00f6\u00dfte Feind unserer Zukunft ist der Kapitalismus!\" 251), die in ihrer Formulierungsweise eher an andere politische Lager erinnern. Selbst bei der graphischen Gestaltung von Flyern und Transparenten orientieren sich \"Autonome Nationalisten\" h\u00e4ufig an \"linken\" Vorbildern und Symbolen, bedienen sich zum Beispiel der Graffiti-\u00c4sthetik. Militanz Verlautbarungen \"Autonomer Nationalisten\" ist h\u00e4ufig eine ostentative Bereitschaft zur Militanz zu entnehmen, wobei einige Gruppierungen sich unter Hinweis auf angebliche Repressionen von staatlicher Seite oder aus den Reihen der Antifa auf ein vermeintliches Notwehrrecht berufen. Auch hier lehnen sie sich eng an die linksextremistischen Autonomen an. Ihre Gewaltbereitschaft bel\u00e4sst es nicht nur bei verbalen Bekundungen, sondern richtet sich besonders bei rechtsextremistischen Demonstrationen gegen Polizeibeamte und Gegendemonstranten, zumal wenn es sich bei letzteren um gewaltbehohe Gewaltreite Linksextremisten handelt. In dieser Frage stehen die \"Autonomen bereitschaft Nationalisten\" in Opposition nicht nur zu rechtsextremistischen Parteien, sondern auch zu den meisten anderen Neonazis, die mehrheitlich - und sei es aus rein taktischen Erw\u00e4gungen - den Ordnungsanspruch und das Gewaltmonopol des Staates anerkennen und im \u00f6ffentlichen Raum auf ein gesetzeskonformes Auftreten achten. Ideologische Ausrichtung Trotz ihres an \"linken\" bis linksextremistischen Vorbildern orientierten \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbildes handelt es sich bei \"Autonomen Nationalisten\" ohne Einschr\u00e4nkung um Rechtsextremisten, konkret um Neonazis. Allerdings sind bisher nur sehr wenige grunds\u00e4tzliche theoretische Abhandlungen aus ihrem Kreis bekannt geworden. Dort, wo das doch der Fall ist, \u00e4u\u00dfern sie neben populistischen Phrasen klassische rechtsextremistische oder neonazistische Positionen, zum Beispiel ein antisemitisch-verschw\u00f6rungstheoretisch grundierter Antiamerikanismus, Israelfeindschaft, die 251 Beitrag \"Sankt Leon-Rot - wir kommen.\" vom 10. November 2008, Homepage der \"Aktionsgruppe Sankt Leon\" vom 14. November 2008. 155","Ablehnung des westlichen Demokratiemodells, die Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus NATO und EU und selbst Antikapitalismus. Diese Positionen, die etwa in der Selbstdarstellung der \"Aktionsgruppe Sankt Leon\" (AG Sankt Leon), die im November 2008 mit ihrer eigenen Internethomepage erstmals in Erscheinung trat, zum Ausdruck kommen, sind in rechtsextremistischen und neonazistischen Kreisen weder neu noch originell, auch wenn sie von der AG Sankt Leon mit \"linker\" bis linksextremistischer Terminologie garniert werden: \"Der gr\u00f6\u00dfte Feind des Friedens sind die USA und Israel samt NATO und EU! (...) Wir verstehen uns als Anti-Imperialisten, wir lehnen Kriege aus Habgier als sch\u00e4rfste Form des Kapitalismus strikt ab. Als Kriegstreiber und Schuldige f\u00fcr Millionen Tote seit '45 sehen wir die Vereinigten Staaten von Amerika, welche von Israel zumindest finanziell beherrscht und kontrolliert werden. In etlichen v\u00f6lkerrechtswidrigen Kriegen haben Israel und die USA ihr Verst\u00e4ndnis von Demokratie, welche sie andauernd predigen pr\u00e4sentiert: 'Wenn du nicht zur Demokratie kommst, kommt die Demokratie zu dir'. Nur Schade, dass die Demokratie in Form von Soldaten, Bomben, Raketen und Millionen unschuldiger Toter kommt. (...) Wir fordern: Austritt Deutschlands aus EU und NATO (...) Anklage der USund Israelregierung vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag (...)!\" 252 Es ist zudem bezeichnend f\u00fcr die in Reihen der \"Autonomen Nationalisten\" g\u00e4ngige fundamentale Verfassungsfeindlichkeit, wenn die AG S\u00fcdbaden den Internetauftritt der AG Sankt Leon unter anderem dahingehend kommentiert, dass die Gesinnungsgenossen in Sankt Leon-Rot/Rhein-Neckar-Kreis in \"enger und freundschaftlicher Partnerschaft zur AG S\u00fcdbaden (...) der Jugend der Region eine Alternative zu (...) dem kaputten System BRD bieten\" wollen.253 252 Ebd.; \u00dcbernahme, auch Fettdruck wie im Original. 253 Text \"S\u00fcdbaden expandiert - AG Sankt Leon im Netz\" vom 10. November 2008, Homepage der AG S\u00fcdbaden vom 14. November 2008. 156","\"Autonome Nationalisten\" - szeneintern umstritten, aber mit Zulauf Folgerichtig ist es weniger ideologischen Differenzen, sondern dem \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild der \"Autonomen Nationalisten\" und ihrem Hang zur Militanz geschuldet, dass von anderen Rechtsextremisten (auch Neonazis) teils heftige Kritik an ihnen ge\u00fcbt wird. So kam es schon 2007 zu scharfen AusKritik seitens einandersetzungen zwischen hochrangigen NPD-Vertretern und \"Autonoder NPD men Nationalisten\", in deren Verlauf das NPD-Parteipr\u00e4sidium seine kritische Sicht auf die \"Autonomen Nationalisten\" in zwei offiziellen \"Erkl\u00e4rungen\" zu diesem Thema darlegte.254 Wie in der NPD-Parteizeitung \"Deutsche Stimme\" (DS) eigens herausgestellt wurde (\"Voigt (...) distanzierte (...) sich ausdr\u00fccklich von einigen fragw\u00fcrdigen Ausdrucksformen des politischen Kampfes.\"), legte der NPD-Bundesvorsitzende Udo VOIGT in seiner Rede auf dem Bamberger NPD-Bundesparteitag am 24. und 25. Mai 2008 noch einmal nach. In Bezug auf den \"schwarzen Block\" und damit auf die \"Autonomen Nationalisten\" hie\u00df es in der Rede VOIGTs unter anderem: \"'Im Laufe des letzten Jahres konnten wir auf verschiedenen Demonstrationen ein neues Ph\u00e4nomen in unseren Reihen bemerken. Spruchb\u00e4nder mit englischen Texten, die zum Teil auch als Seitentransparente von einem zum Teil vermummten schwarzen Block mitgef\u00fchrt wurden, zeigten ein von uns nicht gewolltes Erscheinungsbild. (...) So wurden vereinzelt Polizisten, Kameraleute und Journalisten attackiert, die sich in unserer Mitte aufhielten. Solche Aktionsformen halte ich f\u00fcr v\u00f6llig inakzeptabel. (...) Wer (...) Polizisten attackiert, hilft den Systempolitikern, diese gegen uns aufzuhetzen. Ganz zu schweigen davon, dass ich es f\u00fcr einen Nationalisten unw\u00fcrdig halte, sich mit der geballten Kommunistenfaust sowie ausl\u00e4ndischen Symbolen und Spr\u00fcchen, die Aktionsformen der Antifa zu \u00fcbernehmen. Ich halte es f\u00fcr unw\u00fcrdig, sich zu vermummen, statt Gesicht zu zeigen, und ich halte Gewalt jeglicher Art gegen deutsche Polizisten f\u00fcr v\u00f6llig inakzeptabel! (...) Wir lehnen (...) keine Nationalisten ab, wenn sie schwarze Kleidung tragen. Wir 254 Siehe dazu: Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2007, S. 150-152. 157","lehnen aber als Nationalisten gewisse Erscheinungsformen ab, wenn sie vom Gegner oder aus dem Ausland kopiert werden. Das ist unser gutes Recht. Wir werden als Partei doch noch bestimmen k\u00f6nnen, wie unser Erscheinungsbild ist. Wir brauchen W\u00e4hlerstimmen, wir repr\u00e4sentieren die schweigende Mehrheit und wollen in die Mitte des Volkes. Jeder von uns zeigt Gesicht und braucht sich und seine \u00dcberzeugung nicht hinter einer Vermummung zu verstecken. (...) Wer sich (...) an unsere Anweisungen nicht halten will und sich durch sein Auftreten selbst ausgrenzt, der mag dies doch tun, aber nicht unter der Fahne der NPD!'\" Gleichzeitig bekannte sich VOIGT aber wieder ausdr\u00fccklich \"zum 'Volksfront'-Gedanken\" gegen\u00fcber den \u00fcbrigen Neonazis, \"zum Schulterschluss mit allen parteiunabh\u00e4ngigen Nationalisten, die ihrerseits zu einer konstruktiv-partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit der NPD bereit\" seien.255 Trotz des erheblichen Aufsehens, f\u00fcr das die \"Autonomen Nationalisten\" mit ihren \"Schwarzen Bl\u00f6cken\" nicht erst seit 2008 sorgen, handelt es sich zumindest quantitativ immer noch um ein begrenztes Ph\u00e4nomen. Das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV) spricht in seiner Kurzbrosch\u00fcre zu diesem Thema mit Stand Mai 2007 von einer \"militanten Randerscheinung\".256 Es kann davon ausgegangen werden, dass die bundesweite Anzahl der \"Autonomen Nationalisten\" im Jahr 2008 wie schon 2007 ungef\u00e4hr ein Zehntel der circa 4.800 (2007: circa 4.400) deutschen Neonazis betrug. Davon entfallen auf Baden-W\u00fcrttemberg circa 90 \"Autonome Nationalisten\" (2007: circa 70), was rund einem F\u00fcnftel bis einem Viertel der badenw\u00fcrttembergischen Neonazis entspricht. Bezogen auf das rechtsextremistische Gesamtpersonenpotential in Bund und Land stellen \"Autonome Nationalisten\" nur rund anderthalb beziehungsweise gut drei Prozent der deutschen beziehungsweise baden-w\u00fcrttembergischen Rechtsextremisten. Allerdings muss davon ausgegangen werden, dass \"Autonome Nationalisten\" \u00fcber Unterst\u00fctzer und damit \u00fcber ein Mobilisierungspotenzial bei ihren Demonstrationen verf\u00fcgen, das \u00fcber ihr immer noch relativ geringes Personenpotenzial deutlich hinausgeht. 255 DS Nr. 07/08 vom Juli 2008, Artikel \"'Gewalt ist f\u00fcr uns v\u00f6llig inakzeptabel!' Udo Voigt auf dem Bamberger Bundesparteitag \u00fcber 'Anti-Antifa', schwarze Fahnen und den 'Schwarzen Block'\", S. 14; \u00dcbernahme wie im Original. 256 Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (Hrsg.): \"Autonome Nationalisten\" - Eine militante Randerscheinung, K\u00f6ln 2007. 158","4. Rechtsextremistische Parteien 4.1 \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) Gr\u00fcndung: 1964 Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 450 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 440) ca. 7.000 Bund (2007: ca. 7.200) Publikation: \"Deutsche Stimme\" (DS) 4.1.1 Bedeutung innerhalb des deutschen Rechtsextremismus Dass sich die \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) in den letzten Jahren zu einer der bedeutendsten, wenn nicht zu der bedeutendsten rechtsextremistischen Kernorganisation in der Bundesrepublik Deutschland entwickeln konnte, l\u00e4sst sich nur zum Teil mit ihren Mitgliederzuw\u00e4chsen, die im Jahr 2008 auf Bundesebene ohnehin ausblieben, und ihren vereinzelten Wahlerfolgen erkl\u00e4ren. Entscheidend ist auch, dass die Partei seit Jahren relativ erfolgreich versucht, durch eine gezielte B\u00fcndnispolitik sowie durch personelle Verzahnungen einen sp\u00fcrbaren Einfluss auf weite Teile der \u00fcbrigen rechtsextremistischen Szene auszu\u00fcben. In den letzten Jahren hat sich dadurch sogar eine schrittweise Ausrichtung oder Konzentration gr\u00f6\u00dferer Teile der rechtsextremistischen Gesamtszene auf die NPD herauskristallisiert. Das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV) spricht in diesem Zusammenhang von der NPD als dem \"Gravitationsfeld\" im deutschen Rechtsextremismus.257 Der baden-w\u00fcrttembergische NPDLandesverband spielt in diesem Entwicklungsprozess der Gesamtpartei anders als manche anderen, mitgliederst\u00e4rkeren, aktiveren oder bei Wahlen erfolgreicheren Landesverb\u00e4nde keine Vorreiterrolle. Dennoch sind diese Entwicklungen zumindest zum Teil auch an seinem Beispiel nachvollziehbar. Die herausgehobene Position der NPD innerhalb der rechtsextremistischen Organisationslandschaft im Bund und im Land l\u00e4sst sich unter anderem an folgenden Anhaltspunkten festmachen: 257 Vgl. zu diesem Thema: Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (Hrsg.): Die \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) als Gravitationsfeld im Rechtsextremismus. Stand: Dezember 2006; abrufbar unter www.verfassungsschutz.de. 159","Die NPD hatte in den letzten Jahren - zumindest bis einschlie\u00dflich 2007 - eine im Vergleich zu anderen rechtsextremistischen Parteien v\u00f6llig untypische, weil ansteigende Mitgliederentwicklung zu verederst\u00e4rkste zeichnen und ist seit dem Jahr 2007 die mitgliederst\u00e4rkste rechtsextsextremistremistische Partei in Deutschland. Diese Entwicklung verlief in he Partei in Bund und Land weitgehend kontinuierlich seit der Einstellung des utschland gegen die NPD angestrengten Parteiverbotsverfahrens am 18. M\u00e4rz 2003. Allerdings hatte die NPD seit 2003 auf Bundesebene prozentual insgesamt sehr viel deutlichere Mitgliederzuw\u00e4chse zu verbuchen als in Baden-W\u00fcrttemberg. Im Jahr 2008 stieg die Zahl der in der NPD Organisierten im Land aber noch einmal leicht auf circa 450 (2007: circa 440), w\u00e4hrend sie im Bund auf circa 7.000 und damit wieder auf das Niveau von 2006 fiel (2007: circa 7.200). Die Partei konnte seit dem Jahr 2003 - zumindest bis einschlie\u00dflich 2007 - wieder an die positive Mitgliederentwicklung ankn\u00fcpfen, die sie in den Jahren 1996 bis 2001 schon einmal auf Bundesebene genommen hatte. Als 1996 ihr jetziger Bundesvorsitzender Udo VOIGT sein Amt antrat, hatte die Bundes-NPD mit gerade noch circa 3.500 Mitgliedern ihren bisherigen personellen Tiefpunkt erreicht. Seither konnte die NPD ihre Mitgliederzahl also verdoppeln, w\u00e4hrend die baden-w\u00fcrttembergische Landes-NPD ihren Mitgliederstand von 1996 (circa 440) im Jahr 2008 kaum \u00fcbertraf. Im Gegensatz dazu musste die DVU in demselben Zeitraum dramatische Mitgliederverluste hinnehmen. Sie z\u00e4hlte auf Bundesebene im Jahr 2008 (circa 6.000) bei weitem nicht mehr halb so viele Parteiangeh\u00f6rige wie im Jahr 1996 (circa 15.000), auf Landesebene sogar nur noch knapp ein Drittel der Mitgliederzahl (1996: circa 1.900; 2008: circa 600). Aber nicht nur rein quantitativ machte die NPD in den vergangenen Jahren eine aus ihrer Sicht alles in allem positive Mitgliederentwicklung durch. Gleichzeitig gelingt es ihr offenbar, sich immer weiter zu verj\u00fcngen: Der baden-w\u00fcrttembergische Landesverband der \"Jungen Nationaldemokraten\" (JN)258, der NPDJugendorganisation, konnte im Jahre 2008 auf circa 110 Mitglieder (2007: circa 90; 2006: circa 60) weiter zulegen. Damit stellen die JN mittlerweile rund knapp ein Viertel der baden-w\u00fcrttembergischen NPD-Mitglieder. Der Anstieg der NPD-Mitgliederzahlen in den letzten Jahren wird in seiner Bedeutung noch durch den Umstand verst\u00e4rkt, dass die Partei an ihrer Bundesspitze, aber auch auf mancher Landesund 258 Siehe zu den JN ausf\u00fchrlicher S. 182ff. 160","Kommunalebene \u00fcber aktionistische, kampagnef\u00e4hige Kader verf\u00fcgt, die zudem h\u00e4ufig ideologisch geschult und gefestigt sind. Auch diese Faktoren unterscheiden die NPD von der DVU und verleihen der Partei eine \u00f6ffentliche Pr\u00e4senz (zum Beispiel aufgrund von \u00f6ffentliche Demonstrationst\u00e4tigkeit oder im Rahmen der so genannten WorPr\u00e4senz tergreifungsstrategie259), die von keiner anderen rechtextremistischen Einzelorganisation in diesem Ausma\u00df erreicht wird. Die NPD strebt nach einem Schulterschluss mit der rechtsextremistischen Skinheadszene. Zu diesem Zweck veranstaltet sie zum Beispiel Skinheadkonzerte oder l\u00e4sst Skinheadbands auf ihren Veranstaltungen auftreten. Ziel ist dabei, die jugendliche Skinheadszene als Mobilisierungsund Rekrutierungspotenzial zu gewinnen. Doch aufgrund der f\u00fcr Skinheads typischen Unf\u00e4higkeit oder Abneigung, sich langfristig in eine festere Organisationsstruktur einbinden zu lassen und dort auch diszipliniert mitzuarbeiten, sind die Erfolgsaussichten dieser Ann\u00e4herungsversuche begrenzt. Selbst da, wo es der Partei gelingt, Skinheads bei sich einzubinden - und sei es nur vor\u00fcbergehend als Teilnehmer an NPD-Demonstrationen - bestehen Vorbehalte von Seiten mancher NPD-Vertreter gegen\u00fcber den Umworbenen fort.260 Die NPD, die in Teilen inzwischen selbst als neonazistisch ausgerichtet bezeichnet werden muss, bem\u00fcht sich bereits seit Jahren und nicht ohne Erfolg auch um einen Schulterschluss mit der bislang mehr oder minder parteiunabh\u00e4ngigen Neonaziszene, was in der von ihr seit dem Jahr 2004 betriebenen \"Volksfront\"-Strategie \"Volksfront\"zum Ausdruck kommt. Dabei nimmt sie Neonazis nicht nur als einStrategie fache Mitglieder in ihre Reihen auf, sondern w\u00e4hlt auch \u00fcberregional bis bundesweit bekannte Neonazi-Kader in hohe Parteifunktionen. So waren im Jahr 2008 mit Thorsten HEISE und J\u00fcrgen RIEGER zwei bundesweit bekannte Neonazis Mitglieder im NPDBundesvorstand.261 RIEGER wurde auf dem NPD-Bundesparteitag, der am 24. und 25. Mai 2008 in Bamberg stattfand, sogar zu einem von drei stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Partei gew\u00e4hlt.262 An der Spitze der baden-w\u00fcrttembergischen NPD besteht eine \u00e4hnliche personelle Konstellation: Seit 2007 ist der Neonazi Andreas 259 Siehe zur so genannten Wortergreifungsstrategie S. 171f. Siehe auch: Verfassungsschutzbericht BadenW\u00fcrttemberg 2007, S. 179-184. 260 Siehe zu diesen Vorbehalten S. 137f. 261 Homepage der Bundes-NPD vom 22. Oktober 2008. 262 DS Nr. 07/08 vom Juli 2008, Artikel \"'Vorw\u00e4rts, Nationaldemokraten!' 32. Bundesparteitag der NPD in Bamberg/Moderate Erneuerung des Parteivorstandes/Udo Voigt als Parteivorsitzender best\u00e4tigt\", S. 13. 161","THIERRY einer von aktuell zwei stellvertretenden baden-w\u00fcrttembergischen NPD-Landesvorsitzenden.263 THIERRY taucht bereits seit 2004 (2004 bis 2006 als Mitglied im \"Wissenschaftlichen Beirat\", seit 2006 als \"Verantwortlicher Schriftleiter\" und seit 2007 als Mitglied der \"Schriftleitung\") im Impressum der neonazistischen, vom in Rosenberg-Hohenberg/Ostalbkreis ans\u00e4ssigen \"Verlagsund Medienhaus Hohenberg OHG\" herausgegebenen Zeitschrift \"Volk in Bewegung & Der Reichsbote\" (ViB)264 auf, in der er zudem seit Jahren Artikel publiziert. Mit einem der stellvertretenden bayerischen NPD-Landesvorsitzenden ist ein weiterer relativ hochrangiger NPD-Funktion\u00e4r seit 2006 Mitglied der ViB-\"Schriftleitung\".265 Der offen und zum Teil mit Erfolg angestrebte Schulterschluss der NPD mit der Neonaziszene bleibt f\u00fcr die Partei ein zweischneidiges Schwert: Einerseits ist die personelle Verzahnung zwischen NPD und Neonaziszene grunds\u00e4tzlich dazu geeignet, im Zusammenspiel mit den beiderseitigen ideologischen Schnittmengen das zumal in der Vergangenheit immer wieder angespannte gegenseitige Verh\u00e4ltnis zu verbessern, was wiederum das Ansehen und damit die Einflussm\u00f6glichkeiten der Partei unter den Neonazis erh\u00f6ht. Andererseits birgt die unverhohlene Ann\u00e4herung an die Neonaziszene, deren Personenpotenzial trotz seit Jahren steigender Tendenz immer noch sehr \u00fcberschaubar ist und der NPD nur einen relativ geringen W\u00e4hlerund Mitgliederzuwachs bescheren w\u00fcrde, die Gefahr, potenzielle Mitglieder oder W\u00e4hler abzuschrecken, die nicht diesem h\u00e4rtesten Kern des deutschen Rechtsextremismus zuzurechnen sind. Und auch im Verh\u00e4ltnis zwischen der NPD, deren Vordenker gerade in den letzten Jahren verst\u00e4rkt auf das Erscheinungsbild der Partei in der \u00d6ffentlichkeit bedacht sind, und den Neonazis, die selten willens oder in der Lage sind, ihren ideologischen Fanatismus wenigstens nach au\u00dfen zu z\u00fcgeln, zeigen sich immer wieder Sollbruchstellen. Die wiederholten Distanzierungen f\u00fchrender Nationaldemokraten gegen\u00fcber den neonazistischen \"Autonomen Nationalisten\" sind nur ein Beleg daf\u00fcr.266 Dieses Kon263 Homepage des NPD-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 23. Oktober 2008. 264 Die Zeitschrift ViB hie\u00df noch bis einschlie\u00dflich 2007 \"Volk in Bewegung - Vierteljahresschrift f\u00fcr eine neue Ordnung!\". Ihren neuen Namen erhielt die Zeitschrift nach ihrem Zusammenschluss mit der Zeitschrift \"Der Reichsbote\". Die Umbenennung erfolgte mit der Ausgabe 1-2008. 265 ViB Nr. 3/4-2008, Impressum, S. 3. 266 Siehe zum Verh\u00e4ltnis von NPD und \"Autonomen Nationalisten\" auch S. 157f. 162","fliktpotenzial offenbarte sich zum Beispiel auch aus Anlass des Todes von Friedhelm BUSSE (23. Juli 2008), eines NPD-Mitgliedes und fr\u00fcher f\u00fchrenden Protagonisten der Neonaziszene. Zwar dr\u00fcckte die Partei umgehend ihre Trauer aus.267 Mit VOIGT und einem der stellvertretenden NPD-Bundesvorsitzenden nahmen zwei hochrangige Parteivertreter an BUSSEs Beerdigung am 26. Juli 2008 in Passau teil. Als bei dieser Beisetzung der Neonazi Thomas WULFF, ein ehemaliges NPD-Bundesvorstandsmitglied, dem Sarg BUSSEs eine Reichskriegsflagge mit ins Grab gab, was zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen f\u00fchrte,268 sah sich die NPD-F\u00fchrung zu einer offiziellen Distanzierung von der Aktion WULFFs veranlasst. In einer auf seiner Sitzung am 31. Juli 2008 verabschiedeten \"Erkl\u00e4rung\" missbilligte das NPD-Pr\u00e4sidium die Aktion als \"'den Versuch Einzelner, das letzte Geleit f\u00fcr Friedhelm Busse durch die Beisetzung der verbotenen Reichskriegsflagge des Dritten Reiches f\u00fcr eine politische Selbstinszenierung zu instrumentalisieren, die nicht im Einklang mit den Zielen der NPD'\" stehe. Es entstehe \"'zunehmend der Eindruck, da\u00df die volkstreue Opposition durch derartige Provokationen systematisch diskreditiert werden'\" solle. Die NPD stehe hingegen \"'f\u00fcr einen modernen, der Zukunft zugewandten Nationalismus. Der Einsatz f\u00fcr ein sozial gerechtes Deutschland, f\u00fcr die Wiederherstellung von nationaler Solidarit\u00e4t, Identit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t'\" bed\u00fcrfe \"'keiner leeren Provokationen von Selbstdarstellern und - unabh\u00e4ngig von ihrer eventuellen Strafbarkeit - keiner Symbolik von gestern.'\" 269 Erwartungsgem\u00e4\u00df erntete diese \"Erkl\u00e4rung\" des NPD-Pr\u00e4sidiums heftige Kritik aus der Neonaziszene, teils aber bezeichnender Weise auch aus der eigenen Partei. Auch im Jahr 2008 hielt die seit Jahren zu beobachtende Entwicklung hin zu einer engen personellen Verflechtung der NPD mit anderen rechtsextremistischen Organisationen an. Dies \u00e4u\u00dfert sich nach wie vor nicht zuletzt darin, dass f\u00fchrende NPD-Mitglieder Leitungsfunktionen in solchen Organisationen \u00fcbernehmen und somit ihrer Partei entsprechende Einflussm\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen. So bekleidet der baden-w\u00fcrttembergische NPD-Lan267 Siehe beispielsweise: Text \"NPD trauert um Friedhelm Busse\", Homepage des NPD-Landesverbandes Bayern vom 30. Oktober 2008. 268 Die Verwendung der Reichskriegsflagge ist dann strafbar, wenn es sich um die mit einem Hakenkreuz versehene Version handelt. 269 DS Nr. 09/08 vom September 2008, Artikel \"'Der Einsatz f\u00fcr ein sozial gerechtes Deutschland bedarf keiner Symbolik von gestern' - Erkl\u00e4rung des NPD-Parteipr\u00e4sidiums zur Beisetzung von Friedhelm Busse\", S. 13; \u00dcbernahme wie im Original. 163","desvorsitzende J\u00fcrgen SCH\u00dcTZINGER aus Villingen-Schwenningen eine f\u00fchrende Funktion in der rechtsextremistischen \"Deutschen Liga f\u00fcr Volk und Heimat\" (DLVH) und ist Vorstandsmitglied bei der rechtsextremistischen \"Gesellschaft f\u00fcr freie Publizistik e.V.\" (GfP). Als GfP-Vorsitzender fungiert Andreas MOLAU, einer der stellvertretenden nieders\u00e4chsischen NPD-Landesvorsitzenden, der seine Partei als Spitzenkandidat in die nieders\u00e4chsische Landtagswahl am 27. Januar 2008 f\u00fchrte. Karl RICHTER, von 2004 bis 2008 Leiter des Parlamentarischen Beratungsdienstes der s\u00e4chsischen NPD-Landtagsfraktion und seit Juli 2008 stellvertretender Chefredakteur der NPD-Parteizeitung \"Deutsche Stimme\" (DS), ist laut Impressum eines von vier Redaktionsmitgliedern bei dem \u00e4ltesten rechtsextremistischen Strategieund Theorieorgan in Deutschland, \"Nation & Europa - Deutsche Monatshefte\", in dem er auch als Autor in Erscheinung tritt. Au\u00dferdem zog er als Spitzenkandidat der rechtsextremistischen, NPD-nahen M\u00fcnchener \"B\u00fcr - gerinitiative Ausl\u00e4nderstopp\" (BIA) bei den bayerischen Kommunalwahlen am 2. M\u00e4rz 2008 in den Stadtrat M\u00fcnchens ein. Die NPD-N\u00e4he der BIA wird nicht zuletzt dadurch dokumentiert, dass RICHTER auch Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes M\u00fcnchen-Stadt/Land ist. erelen und Die NPD produziert immer wieder Querelen und Skandale, die nicht nur kandale das ohnehin schlechte Image der Partei in der demokratischen Mehrheitsgesellschaft weiter verschlechtern, sondern auch die eigene Position innerhalb der rechtsextremistischen Szene besch\u00e4digen und teils heftige innerparteiliche Auseinandersetzungen heraufbeschw\u00f6ren. Einen solchen Vorfall markierte die Verurteilung des ehemaligen NPD-Bundesschatzmeisters Erwin KEMNA zu zwei Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe durch das Landgericht M\u00fcnster am 12. September 2008, wodurch zugleich eine empfindliche finanzielle Sch\u00e4digung der Partei offenbart wurde: KEMNA hatte gestanden, Parteigelder in H\u00f6he von insgesamt 741.000 Euro veruntreut zu haben. Der NPD-Bundesvorsitzende Udo VOIGT, der wegen dieser Vorf\u00e4lle innerparteilich in die Kritik geriet, sah sich veranlasst, eine noch vom Urteilstag datierte \"Pers\u00f6nliche Erkl\u00e4rung\" zu ver\u00f6ffentlichen, in der er seinen R\u00fccktritt ausdr\u00fccklich ausschloss.270 Nur f\u00fcnf Tage sp\u00e4ter verfasste VOIGT eine weitere \"Erkl\u00e4rung\" in dieser Angelegenheit, worin er nicht nur \"eine Krise\" der Partei einr\u00e4umen musste, sondern auch, dass im Fall KEMNA, der auf Aufforderung mittlerweile aus der NPD ausgetreten sei, 270 Text \"Pers\u00f6nliche Erkl\u00e4rung des NPD-Parteivorsitzenden zur Verurteilung des Bundesschatzmeisters\" von Udo VOIGT vom 12. September 2008, Homepage des NPD-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 30. Oktober 2008. 164","\"Kontrollmechanismen versagt\" h\u00e4tten. VOIGT stritt aber ab, dass \"es in der NPD keine Finanzkontrollen\" gegeben habe. Allerdings musste er gleichzeitig anmahnen, dass \"wir bis hinein in die Kreisverb\u00e4nde gerade die manchmal eventuell doch eher stiefm\u00fctterlich behandelte Wahl der Kassenpr\u00fcfer nicht mehr dem Zufallsprinzip \u00fcberlassen d\u00fcrfen.\" Einen R\u00fccktritt schloss VOIGT wieder aus, k\u00fcndigte jedoch den Vorschlag an den Parteivorstand an, \"den n\u00e4chsten Wahlparteitag von 2010 auf einen zeitnahen Termin nach der Bundestagswahl im November 2009 vorzuziehen.\" 271 VOIGTs Erkl\u00e4rungen konnten offensichtlich nicht alle Kritiker \u00fcberzeugen: Beispielsweise schied im Oktober 2008 Andreas MOLAU aus Protest \u00fcber die Vorf\u00e4lle um KEMNA aus dem NPD-Bundesvorstand aus. 4.1.2 Wahlen Das Wahljahr 2008 verlief f\u00fcr die NPD, die gem\u00e4\u00df den Vereinbarungen des \"Deutschland-Paktes\"272 mit der DVU vom 15. Januar 2005 bei drei der vier Landtagswahlen antrat, alles in allem entt\u00e4uschend. Mit gerade einmal 1,5 erfolglose Prozent der Stimmen schnitt sie am 27. Januar 2008 in Niedersachsen noch Landtagswahlvergleichsweise am besten ab, w\u00e4hrend sie am selben Tag in Hessen mit teilnahmen einem Stimmenergebnis von 0,9 Prozent nicht einmal in den Genuss der staatlichen Wahlkampfkostenerstattung kam. Auch acht Monate sp\u00e4ter war kein Aufw\u00e4rtstrend f\u00fcr die Partei zu erkennen: Bei den bayerischen Landtagswahlen am 28. September 2008 landete die Partei bei nur 1,2 Prozent. In allen drei Bundesl\u00e4ndern war die NPD bei den jeweils letzten Landtagswahlen 2003 nicht angetreten. Die drei erfolglosen Landtagswahlteilnahmen der NPD im Jahr 2008 - und auch die Vorbereitungsaktivit\u00e4ten f\u00fcr die Wahlen des Jahres 2009 - zeigen aber, dass der \"Kampf um die Parlamente\" innerhalb des von ihr verfolgten \"Vier-S\u00e4ulen-Konzepts\" 273 nach wie vor einen hohen Stellenwert besitzt. Die Landtagswahlniederlagen der NPD im Jahr 2008 werfen erneut ein Schlaglicht auf ein grunds\u00e4tzliches und sich offenbar immer st\u00e4rker verfestigendes Problem der NPD: Die Partei konnte, nachdem sie nach 1968 bei s\u00e4mtlichen Landtagswahlen, zu denen sie angetreten war, gescheitert war, in Ostdeutschland seit 2004 in zwei Landesparlamente einziehen und dort in den letzten Jahren auch sonst in der Regel deutlich bessere Wahlergebnisse erzielen als in den alten Bundesl\u00e4ndern. Dagegen kommt sie hier bei Urneng\u00e4ngen \u00fcber den Status einer Splitterpartei nicht oder kaum hinaus. 271 Text \"Erkl\u00e4rung des Parteivorsitzenden zum 'Fall Kemna'\" von Udo VOIGT vom 17. September 2008, Homepage des NPD-Bundesverbandes vom 31. Oktober 2008. 272 Siehe zum \"Deutschland-Pakt\": Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2005, S. 166f. 273 Zum \"Vier-S\u00e4ulen-Konzept\" geh\u00f6ren neben dem \"Kampf um die Parlamente\" der \"Kampf um die Stra\u00dfe\", der \"Kampf um die K\u00f6pfe\" und der \"Kampf um den organisierten Willen\". 165","Offensichtlich kann sie Ergebnisse wie bei der s\u00e4chsischen Landtagswahl 2004 (9,2 Prozent) und bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 2006 (7,3 Prozent) bislang nur unter den \u00f6konomischen und sozialen Bedingungen Ostdeutschlands erringen. In den westdeutschen Landtagen verf\u00fcgt sie nach wie vor - anders, als erkl\u00e4rterma\u00dfen von ihr angestrebt - \u00fcber kein parlamentarisches Standbein. Dadurch wird sie in der \u00d6ffentlichkeit immer mehr als ostdeutsches Sonderph\u00e4nomen ohne ernstzunehmende Chancen in Westdeutschland wahrgenommen. Die NPD scheint entschlossen, ihr Wahlengagement in Ostdeutschland vor dem Hintergrund ihrer bisher dort erzielten Erfolge auszuweiten: Nach Angaben des NPD-Landesverbandes Th\u00fcringen vom Oktober 2008 beabsichtigt die Partei, entgegen der urspr\u00fcnglichen Regelungen des \"Deutschland-Paktes\" zur th\u00fcringischen Landtagswahl am 30. August 2009 anzutreten, und hat entsprechende Vorbereitungen bereits eingeleitet. Es bestehe \"die grunds\u00e4tzliche Bereitschaft des Bundesvorstandes der DVU,\" auf den im \"Deutschland-Pakt\" eigentlich ihr zugestandenen Wahlantritt im Freistaat zu verzichten.274 Sollte es tats\u00e4chlich so kommen, bedeutete dies zumindest eine Ab\u00e4nderung des \"Deutschland-Paktes\". Ob in der Ank\u00fcndigung des NPD-Landesverbandes Th\u00fcringen schon der Anfang vom vorzeitigen Ende des \"Deutschland-Paktes\" zu sehen ist, der ohnehin regul\u00e4r zum 31. Dezember 2009 auslaufen w\u00fcrde, bleibt abzuwarten. Bereits im September 2006 wurde vom baden-w\u00fcrttembergischen NPDLandesverband ein \"kommunalpolitischer Arbeitskreis\" gegr\u00fcndet, dessen Zielvorgabe darin bestand, ein m\u00f6glichst gutes Abschneiden der Partei bei den baden-w\u00fcrttembergischen Kommunalwahlen am 7. Juni 2009 zu erreichen. Dabei sollte sich der \"Arbeitskreis\" schwerpunktm\u00e4\u00dfig auf die Region Stuttgart konzentrieren, um dort in das Regionalparlament einzuziehen. Die von der S\u00fcdwest-NPD angestrebte Verankerung auf kommunaler Ebene sollte dabei langfristig als Schritt hin zu einem Einzug in den baden-w\u00fcrttembergischen Landtag im Jahr 2011 dienen. Offensichtlich hielt die badenw\u00fcrttembergische NPD auch im Jahr 2008 an dieser Linie fest. So betonte der Landesvorsitzende J\u00fcrgen SCH\u00dcTZINGER in einem Internet-Gru\u00dfwort die Fortexistenz dieses \"kommunalpolitischen Arbeitskreises\" und erw\u00e4hnte in diesem Zusammenhang, dass die \"Zahl regelm\u00e4\u00dfiger Sprechabende, politischer Stammtische und Gespr\u00e4chsrunden (...) landesweit ausgebaut\" werde.275 Seit Oktober 2008 wirbt der baden-w\u00fcrttembergische 274 Beitrag \"Die NPD wird die vierte Fraktion im Th\u00fcringer Landtag\", Homepage des NPD-Landesverbandes Th\u00fcringen vom 17. Oktober 2008. 275 Text \"Gru\u00dfwort des Landesvorsitzenden\" von J\u00fcrgen SCH\u00dcTZINGER, Homepage des NPD-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 28. Oktober 2008. 166","NPD-Landesverband mit Hilfe auf seiner Homepage eingestellter Formbl\u00e4tter um Unterst\u00fctzungsunterschriften, die die Partei f\u00fcr die Zulassung zur Wahl zur Regionalversammlung des Verbands Region Stuttgart ben\u00f6tigt.276 4.1.3 Ideologische Ausrichtung Die NPD ist eine unverhohlen rechtsextremistische und verfassungsfeindliche Partei. Zahlreiche Vertreter der Partei - bis hin zu hochrangigen Funktion\u00e4ren - artikulieren und propagieren in unterschiedlicher Deutlichkeit ihre fundamentale Ablehnung der westlichen Moderne und Wertegemeinschaft im Allgemeinen und der von diesen Werten bestimmten freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland im Besonderen. Beispielsweise wird auf der im Jahr 2008 v\u00f6llig neu gestalteten Homepage der \"Deutschen Stimme\" im Rahmen der Vorstellung des Redaktionsmitgliedes J\u00fcrgen W. GANSEL behauptet, dass die DDR der Vorwendezeit \"in manchem deutscher als die herunterliberalisierte US-Kolonie BRD\" gewesen sei \"- man denke nur an den preu\u00dfischen Schneid der Nationalen Volksarmee oder die restriktive Ausl\u00e4nderpolitik, in der die Fremden f\u00fcr die Dauer ihres begrenzten Arbeitsaufenthaltes konsequent von den Einheimischen separiert wurden.\" In demselben Text ist auch von der \"materialistische[n] Rheinbund-Republik, die die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung\" gewesen sei, die Rede.277 Die kompromisslos-fanatische Ablehnung der bundesdeutschen VerfasAblehnung der sungsordnung innerhalb der NPD geht so weit, dass manche Vertreter der VerfassungsPartei auf ihrer Suche nach Gegenentw\u00fcrfen und vermeintlichen \"Alternaordnung tiven\" auch vor offen neonazistischer NS-Verherrlichung nicht zur\u00fcckschrecken. Ein aussagekr\u00e4ftiges Beispiel daf\u00fcr gab es in der DS-Ausgabe vom Mai 2008. GANSEL, der auch Mitglied sowohl des NPD-Bundesvorstandes wie auch der s\u00e4chsischen NPD-Landtagsfraktion und nicht zuletzt einer der wichtigsten Vordenker in der Partei ist, verglich in einem Artikel die Studentenbewegung an deutschen Universit\u00e4ten um 1968 und die \"nationalistischen Studenten der Zwischenkriegszeit\", wobei aus dem Text immer wieder deutlich wird, dass er unter letzteren nationalsozialistische Studenten zumindest auch, wenn nicht sogar ausschlie\u00dflich versteht. Die Charakterisierung der \"nationale[n]\", \"nationalistische[n]\", aber eben auch explizit der \"NS-Studenten\" und konkret des \"Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes\" (NSDStB) der Weimarer Republik ger\u00e4t dabei zur kritiklosen Verherrlichung und enth\u00e4lt auch antisemitische Ankl\u00e4nge: 276 Beitrag \"Kommunalwahl 2009 - Unterst\u00fctzen Sie uns!\", Homepage des NPD-Landesverbandes BadenW\u00fcrttemberg vom 28. Oktober 2008. 277 DS-Homepage vom 27. Oktober 2008. 167","\"Es ist absurd, weil unhistorisch, die nationalistische Studentenschaft der 1920er Jahre mit durchgeknallten Hasch-Rebellen, pseudorevolution\u00e4ren Kleinkriminellen und familienfeindlichen Erziehungstheoretikern zu vergleichen. Nicht nur habituell und normativ war der nationale Student der Weimarer Zeit, dem es um Arbeit, Familie und Vaterland ging, v\u00f6llig anders geeicht als der wohlstandsverw\u00f6hnte und geistig wurzellose 68er-Student. Weltanschaulich h\u00e4tten sich beide Studentenbewegungen auf den gegnerischen Campus-Barrikaden wiedergefunden und sprichw\u00f6rtlich die Klingen gekreuzt, wenn die 68er waffenstudentisch satisfaktionsf\u00e4hig gewesen w\u00e4ren. Der Student der zwanziger Jahre war vaterl\u00e4ndisch und volkstreu gesinnt, der Achtundsechziger hingegen europat\u00fcmelnd, fernstenliebend und internationalistisch. Und die fr\u00fchere Studentenschaft protestierte gegen die geistige Zersetzungsarbeit linkssozialistischer und j\u00fcdischer Professoren (was oftmals deckungsgleich war), w\u00e4hrend sich die Achtundsechziger ihren Ideenplunder f\u00fcr die Zerst\u00f6rung des deutschen Staatsund Volkslebens von j\u00fcdischen Denkern wie Adorno, Horkheimer, Marcuse oder Reich holten. (...) In der abgeschmackten Bew\u00e4ltigungsliteratur erf\u00e4hrt man heutzutage (...) mehr \u00fcber die 'Verbrechen des deutschen Sch\u00e4ferhundes 1933-45' als \u00fcber die nationalrevolution\u00e4ren Antriebe vieler Studenten der Weimarer Republik. Dieses St\u00fcck deutscher Universit\u00e4tsund Studentengeschichte wird nat\u00fcrlich deshalb so konsequent beschwiegen, weil es nicht ins systemvermittelte Bild des angeblich so dumpfbackigen Nationalsozialismus passt, dass die akademische Jugend damals eben nicht 'zivilgesellschaftlich' und 'weltoffen' gepolt war, sondern volksund heimattreu. (...) Die Forderung nach einer 'volksoffenen Hochschule' zielte auf die Bildungsund Aufstiegschancen auch von Arbeiterkindern, und der NStDB [sic!] forderte die soziale Mobilit\u00e4t durch ein geb\u00fchrenfreies Studium ein. (...) Diese fortschrittlichen Forderungen aus dem Geiste der Volksgemeinschaft haben indes nichts zu tun mit dem, was die Anarcho-Internationalisten von 68 verlangten.\" 168","Hinzu kommt, dass GANSEL zum Beleg seiner Thesen Zitate namhafter NS-Funktion\u00e4re wie Baldur von Schirach278 und Joseph Goebbels anf\u00fchrt. Die DS illustriert den GANSEL-Artikel mit einem Portr\u00e4tphoto von Schirachs. Angesichts derartiger NS-Verherrlichung passt es ins Bild, dass GANSEL die Wendung \"geistig verbundesrepublikanisiert\" offensichtlich als negative Charakterisierung einstuft und verwendet.279 Die DS erweist sich seit Jahren als Organ zur Verbreitung rechtsextremistischer bis hin zu neonazistischen \u00c4u\u00dferungen, auch wenn sie sich dabei zuweilen diverser, meist jedoch fadenscheiniger Verschleierungstaktiken bedient. Die DS ist aber nicht nur ein Forum f\u00fcr dezidierte Systemopposition bis hin zur NS-Verherrlichung. In ihr leisten mehr oder minder prominente Rechtsextremisten auch theoretisch-strategische Grundlagenarbeit: Sie ist ein Ort f\u00fcr Grundsatzdebatten und hat mittlerweile den Charakter eines f\u00fchrenden rechtsextremistischen Theorieund Strategieorgans angenommen. Beispielsweise wird in der DS einer Aktualisierung und Modernisierung des rechtsextremistischen Propagandathemenkanons das Wort geredet. Dabei wird eine Abkehr von vergangenheitsbezogenen, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Themen (besonders aus dem Bereich des Geschichtsrevisionismus) gefordert, die au\u00dferhalb der rechtsextremistischen Szene in der Regel mindestens auf Desinteresse, wenn nicht auf entschiedene Ablehnung sto\u00dfen. Stattdessen wird eine st\u00e4rkere Hinwendung zu gegenwartsbezogenen bis hin zu tagesaktuellen Themen (beispielsweise aus dem Bereich der Sozialund Wirtschaftspolitik) angemahnt, die gesamtgesellschaftlich relevant sind und daher auch au\u00dferhalb der rechtsextremistischen Szene diskutiert werden. Ziel ist es dabei, die eigene Propaganda attraktiver, oberfl\u00e4chlich weniger angreifbar und damit effektiver zu machen, also m\u00f6glichst bis in die Mitte der Gesellschaft neue B\u00fcndnispartner, Anh\u00e4nger, Mitglieder und W\u00e4hler zu gewinnen. Den vergangenheitsbezogenen, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Themen scheint in dieser Strategie nur noch eine Rolle in der parteibeziehungs278 Baldur von Schirach (1907-1974), hochrangiger NS-Funktion\u00e4r, unter anderem ab 1928 Reichsf\u00fchrer des NSDStB, ab 1931 Reichsjugendf\u00fchrer der NSDAP, ab 1933 Jugendf\u00fchrer des Deutschen Reiches, ab 1940 Gauleiter und Reichsstatthalter in Wien. 1946 Verurteilung in N\u00fcrnberg zu 20 Jahren Haft, die er in Berlin-Spandau verb\u00fc\u00dfte. 279 DS Nr. 05/08 vom Mai 2008, Artikel \"Der 'Faschismus' ist immer und \u00fcberall - G\u00f6tz Aly erkl\u00e4rt in seinem Buch 'Unser Kampf' die 68er zu Sp\u00e4tausl\u00e4ufern der NS-Studentenbewegung\" von J\u00fcrgen GANSEL, S. 22; \u00dcbernahme wie im Original. 169","weise szeneinternen Kommunikation zugedacht zu sein, insbesondere bei der ideologischen Selbstvergewisserung l\u00e4ngst eingeschworener Rechtsextremisten, die es nicht mehr zu \u00fcberzeugen gilt. Mit der \u00dcberholung des eigenen Propagandathemenkanons ist keine Aufgabe oder auch nur Relativierung althergebrachter rechtsextremistischer Positionen in der NPD beabsichtigt. Ganz im Gegenteil: Mit der Aufbereitung zeitgem\u00e4\u00dfer Themen soll rechtsextremistisches Gedankengut erfolgreicher transportiert werden. 4.1.4 Aktivit\u00e4ten Sieht man insbesondere von ihren Wahlkampfaktivit\u00e4ten ab, legte die NPD im Jahr 2008 weniger, zumindest weniger \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktivit\u00e4ten an den Tag als noch 2007. Dies galt nicht zuletzt f\u00fcr ihren baden-w\u00fcrttembergischen Landesverband. So fuhren die hiesigen JN ihre Demonstrationst\u00e4tigkeit sp\u00fcrbar zur\u00fcck. Am 18. Mai 2008 veranstaltete der NPD-Landesverband \"im Raum Tuttlingen\" seinen 44. ordentlichen Parteitag, auf dem allerdings keine Vorstandswahlen stattfanden. An dem Parteitag nahmen circa \"100 Delegierte und G\u00e4ste\" teil, darunter \"als Vertreter des\" NPD-Bundesvorstandes der hochrangige NPD-Multifunktion\u00e4r Sascha RO\u00dfM\u00dcLLER, der unter anderem als stellvertretender NPD-Bundesvorsitzender fungiert.280 Am 8. November 2008 f\u00fchrte die NPD einen bundesweiten Aktionstag aus Anlass der internationalen Finanzkrise durch. Baden-w\u00fcrttembergische NPDbeziehungsweise JN-Vertreter beteiligten sich daran nach eigenen Angaben mit verschiedenen \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktionen (zum Beispiel mit Informationsst\u00e4nden) in Friedrichshafen, Ravensburg, \u00dcberlingen/Bodenseekreis,281 Heilbronn282 und Bretten/Krs. Karlsruhe.283 280 Bericht \"Auf zu neuen Taten! Harmonischer Landesparteitag der NPD Baden-W\u00fcrttemberg\", Homepage des NPD-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 21. Mai 2008; Fettdruck nicht im Original. 281 Berichte \"Informationsoffensive am Bodensee - Kampf dem Kapitalismus! NPD und JN kl\u00e4ren in mehreren St\u00e4dten \u00fcber die Finanzkrise auf\" und \"Infostand der NPD in \u00dcberlingen\", Homepage des NPDLandesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 14. beziehungsweise 24. November 2008. 282 Bericht \"Gelungener Infostand im Rahmen des bundesweiten Aktionstages\", Homepage des NPDKreisverbandes Heilbronn vom 21. November 2008. 283 Bericht \"Bundesweiter Aktionstag der NPD: Informationsstand in Bretten\", Homepage des NPD-Kreisverbandes Karlsruhe-Land/Regionalverbandes Karlsruhe-Mittelbaden vom 24. November 2008. 170","Der erst 2006 gegr\u00fcndete \"Ring Nationaler Frauen\" (RNF), die Frauenorganisation der NPD, legte in Baden-W\u00fcrttemberg im Jahr 2008 wiederholt, wenn auch nur interne Aktivit\u00e4ten an den Tag und gab sich entschlossen, diese auszubauen. So hie\u00df es in einem Internetbericht der Organisation \u00fcber ein \"RNF-Treffen im Raum Heilbronn\", bei dem am 10. Februar 2008 circa 50 Personen, darunter \"etwa die H\u00e4lfte\" M\u00e4nner zugegen gewesen sein sollen, der \"RNF in BadenW\u00fcrttemberg\" werde \"in Zukunft regelm\u00e4\u00dfig im gesamten Landesgebiet derartige Veranstaltungen organisieren, um interessierten Frauen \u00fcberall im L\u00e4ndle Anlaufstellen und Kontaktm\u00f6glichkeiten bieten zu k\u00f6nnen.\" 284 Im August 2008 meldete der NPD-Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg die Gr\u00fcndung einer RNF-Regionalgruppe in Villingen-Schwenningen und k\u00fcndigte \"monatliche Treffen\" an.285 Auf dem Bundesparteitag am 24. und 25. Mai 2008 in Bamberg erfuhr der RNF eine formale Aufwertung innerhalb der Partei: Es wurde beschlossen, dass von nun an die jeweilige RNF-Vorsitzende qua Amt auch stimmberechtigtes NPD-Bundesvorstandsmitglied ist.286 Die NPD lie\u00df im Berichtsjahr deutlich erkennen, auch in Zukunft auf die so genannte \"Wortergreifungsstrategie\" setzen zu wollen: So gab der NPD\"WortergreiBundesvorstand in Berlin im Mai 2008 eine Brosch\u00fcre mit detaillierten fungsstrategie\" Angaben und Instruktionen zur Durchf\u00fchrung von \"Wortergreifungen\" heraus.287 Bei einer so genannten \"Wortergreifung\" handelt es sich um das gezielte und ostentative Erscheinen von Rechtsextremisten auf oder am Rande von \u00f6ffentlichen Veranstaltungen (zum Beispiel auf Versammlungen, Demonstrationen, Vortr\u00e4gen, Podiumsdiskussionen), die gerade nicht von Rechtsextremisten organisiert worden sind. Das Spektrum der Organisationen, deren \u00f6ffentliche Veranstaltungen von solchen \"Besuchen\" durch Rechtsextremisten potenziell betroffen sein k\u00f6nnen, ist breit: Es umfasst unter anderem Parteien, B\u00fcrgerinitiativen, Vereine oder staatliche Einrichtungen. Das Themenspektrum der Veranstaltungen, auf denen Rechtsextremisten bevorzugt \"das Wort ergreifen\", ist dagegen etwas \u00fcbersichtlicher, scheinen hier doch Veranstaltungen zum Thema \"Rechtsextremismus\" st\u00e4rker im Fokus zu stehen als andere. Rechtsextremistische \"Wortergreifungen\" 284 Bericht \"Erfolgreiche Veranstaltung des Ringes Nationaler Frauen im Kreis Heilbronn\", RNF-Homepage vom 30. Oktober 2008; Fettdruck nicht im Original. 285 Bericht \"Regionalgruppe des RNF in Villingen-Schwenningen gegr\u00fcndet\", Homepage des NPD-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 30. Oktober 2008. 286 Text \"Sondermeldung Bundesparteitag\" vom 26. Mai 2008, RNF-Homepage vom 30. Oktober 2008. 287 NPD-Parteivorstand, Amt f\u00fcr Organisation (Hrsg.): Schweigespirale durchbrechen! Erfolgreiche nationale Wortergreifungen durchf\u00fchren, Berlin 2008. 171","erfolgen also auf fremdem Terrain, aber h\u00e4ufig in eigener Sache. Bei diesen Aktionen lassen es Rechtsextremisten meist nicht bei blo\u00dfer Pr\u00e4senz bewenden, sondern versuchen auch, das Wort zu ergreifen, also durch Diskussionsbeitr\u00e4ge oder in anderer Weise ihre Positionen vorzubringen, beispielsweise durch das Skandieren von Parolen, das Entrollen von Transparenten oder das Verteilen von Propagandamaterial. Die Ziele, die Rechtsextremisten mit ihren \"Wortergreifungen\" verfolgen, lassen sich grob in zwei Dimensionen unterteilen, die naturgem\u00e4\u00df eng miteinander verbunden sind: Die \"Wortergreifungsstrategie\" soll nach dem Willen ihrer rechtsextremistischen Urheber einerseits dem Rechtsextremismus selber m\u00f6glichst gro\u00dfen Nutzen bringen, insbesondere zum Aufbrechen seiner gesellschaftlichen Isolation beitragen, andererseits die politischen Gegner des Rechtsextremismus m\u00f6glichst schwer und nachhaltig, weil vor den Augen der \u00d6ffentlichkeit, besch\u00e4digen. So hei\u00dft es in der Brosch\u00fcre des NPD-Bundesvorstandes: \"Unser Hauptziel ist die \u00f6ffentliche Blo\u00dfstellung der unf\u00e4higen Scheindemokraten! (...) Wird der Gegner als undemokratisch, unf\u00e4hig oder unwissend demaskiert, manifestiert sich der Erfolg der Wortergreifungsstrategie. Geschockt oder geistig angeregt geht das Publikum nach Hause - und bei manch einem Zuh\u00f6rer tr\u00e4gt ein solches Erlebnis sogar dazu bei, in Zukunft in st\u00e4rkerem Ma\u00dfe als vorher national zu denken!\" 288 4.2 \"Deutsche Volksunion\" (DVU) Gr\u00fcndung: 1971 als eingetragener Verein 1987 als politische Partei Sitz: M\u00fcnchen Mitglieder: ca. 600 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 700) ca. 6.000 Bund (2007: ca. 7.000) Sprachrohr: \"National-Zeitung/Deutsche Wochenzeitung\" (NZ) Bedeutung innerhalb des deutschen Rechtsextremismus Noch in den 90er-Jahren war die \"Deutsche Volksunion\" (DVU) schon aufgrund ihrer relativ hohen Mitgliederzahl (1993: circa 26.000) ein zumindest 288 Ebd., S. 15f. 172","quantitativ bedeutender Faktor innerhalb des deutschen Rechtsextremismus. Doch die Zahl von nunmehr circa 6.000 Parteiangeh\u00f6rigen (2007: circa 7.000) dokumentiert ihren drastischen personellen Niedergang innerpersoneller halb der letzten anderthalb Jahrzehnte. Auch der baden-w\u00fcrttembergische Niedergang DVU-Landesverband mit seinen mittlerweile nur noch circa 600 Mitgliedern (2007: circa 700) b\u00fc\u00dfte seit 1993 (damals rund 2.900 Mitglieder) fast vier F\u00fcnftel seiner personellen Substanz ein. Dieser drastische Mitgliederschwund trifft mit der DVU eine Partei, deren Mitglieder ohnehin eine schon traditionell zu nennende ausgepr\u00e4gte Passivit\u00e4t an den Tag legen. Auf dem DVU-Bundesparteitag am 11. Januar 2009 im sachsen-anhaltinischen Calbe wurde Matthias FAUST zum neuen Bundesvorsitzenden der Partei gew\u00e4hlt. Der R\u00fcckzug von Dr. Gerhard FREY von dieser Position R\u00fcckzug von bedeutet einen tiefen Einschnitt f\u00fcr die Partei, dessen Bedeutung \u00fcber die Dr. FREY einer blo\u00dfen Personalie weit hinausgeht. Denn die DVU wurde seit ihrem Bestehen von ihrem Gr\u00fcnder und bislang einzigen Bundesvorsitzenden, dem finanzkr\u00e4ftigen M\u00fcnchner Verleger Dr. FREY, dominiert. Sie stand in einem weitgehenden finanziellen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis zu ihm, was er dazu nutzte, jeden innerparteilichen Pluralismus oder gar Widerspruch zu unterbinden. Daher konnte sich weder auf Bundesnoch auf Landesebene eine eigenst\u00e4ndige, nicht von ihm gelenkte Parteiarbeit entwickeln. Dieser dominante F\u00fchrungsstil von Dr. FREY hatte zudem zur Folge, dass neben ihm kaum \u00fcberregional bekanntes, profiliertes DVU-F\u00fchrungspersonal existiert. Wie sich der R\u00fcckzug ihrer bisherigen Schl\u00fcsselfigur vom Amt des DVU-Bundesvorsitzenden auf die Partei konkret auswirken wird, bleibt vorerst abzuwarten. Die feste Verankerung der DVU mitten in der rechtsextremistischen Szene ist schon allein daran abzulesen, dass die Partei bereits seit Jahren an dem am 15. Januar 2005 unterzeichneten so genannten \"Deutschland-Pakt\" mit der dezidiert rechtsextremistischen, in Teilen sogar neonazistisch ausgerichteten NPD festh\u00e4lt. Beim \"Deutschland-Pakt\", demzufolge sich DVU und NPD bis einschlie\u00dflich 2009 bei Wahlen auf Europa-, Bundesoder Landesebene keine Konkurrenz machen wollen, handelt es sich inhaltlich um die Fortschreibung der \"Gemeinsamen Erkl\u00e4rung\" vom 23. Juni 2004, mit der beide Seiten vereinbart hatten, bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg im September 2004 nicht gegeneinander anzutreten.289 Sollte die DVU auf den ihr urspr\u00fcnglich im \"Deutschland-Pakt\" zugesicherten Landtagswahlantritt in Th\u00fcringen am 30. August 2009 zugunsten der NPD verzichten, wie vom th\u00fcringischen NPD-Landesverband im Oktober 2008 289 Siehe zum \"Deutschland-Pakt\": Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2005, S. 166f. 173","gemeldet wurde290, bedeutet dies zwar zumindest eine Modifikation dieses Paktes, nicht aber zwingend einen Bruch mit der NPD. Mit Sicherheit w\u00e4re es ein weiterer Hinweis auf den zunehmenden Bedeutungsverlust der DVU: Immerhin w\u00fcrde die in den letzten Jahren erfolgreichste rechtsextremistische deutsche Wahlpartei, obwohl sie ohnehin schon relativ selten zu Wahlen antritt, ohne ersichtliche Not oder Gegenleistung auf die Teilnahme an einer Landtagswahl verzichten, bei der zumindest die th\u00fcringische NPD den \"'Zeitpunkt f\u00fcr eine nationale Landtagsfraktion in Erfurt'\" als f\u00fcr \"'noch nie so g\u00fcnstig wie jetzt'\" einsch\u00e4tzt.291 Die von Dr. FREY herausgegebene \"National-Zeitung/Deutsche Wochenzeitung\" (NZ) ist das Sprachrohr der DVU, aber auch das auflagenst\u00e4rkste und in der \u00d6ffentlichkeit wohl bekannteste rechtsextremistische Presseorgan in Deutschland. Damit kommt ihm nicht nur f\u00fcr die Partei, sondern auch f\u00fcr die gesamte rechtsextremistische Szene eine erhebliche Bedeutung zu. Die NZ, die mit der Ausgabe Nr. 43 vom 17. Oktober 2008 erstmals seit vielen Jahren mit einer nennenswerten Ver\u00e4nderung ihres Layouts erschien, blieb auch im Jahr 2008 ihrer rechtsextremistischen Ausrichtung treu: So findet sich in der NZ-Ausgabe Nr. 40 vom 26. September 2008 unter der Rubrik \"Deutsche Gedenktage - Wirken und Werden unseres Volkes\" der lapidare und auf den ersten Blick unverf\u00e4ngliche Eintrag \"28.9.1858 Gustav [sic!] Kossinna geboren, genialer Vorgeschichtsforscher\".292 Zwar war Gustaf Kossinna (1858-1931) als studierter klassischer und germanischer Philologe sowie seit 1902 als au\u00dferordentlicher Professor f\u00fcr deutsche Arch\u00e4ologie in Berlin wissenschaftlich hoch qualifiziert. Doch als Mitglied des \"Alldeutschen Verbandes\"293, des \"Deutschbundes\" und der \"Gobineau-Vereinigung\" \"sowie 290 Beitrag \"Die NPD wird die vierte Fraktion im Th\u00fcringer Landtag\", Homepage des NPD-Landesverbandes Th\u00fcringen vom 17. Oktober 2008. 291 Ebd. 292 NZ Nr. 40 vom 26. September 2008, S. 12. 293 Siehe zu Gustaf Kossinna: Kurzbiographie \"Gustaf Kossinna\" von Ingo Wiwjorra, in: Puschner, Uwe; Walter Schmitz; Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur \"V\u00f6lkischen Bewegung\" 1871-1918, M\u00fcnchen 1999, S. 913f. 174","als Beitr\u00e4ger v\u00f6lkischer Bl\u00e4tter\" war er zudem der unter anderem rassistischen, antisemitischen V\u00f6lkischen Bewegung \"eng verbunden\" und z\u00e4hlte zu deren \"akademisch gebildeten Vordenkern\".294 Die V\u00f6lkische Bewegung wiederum z\u00e4hlt zu den wichtigen Vorg\u00e4ngern, Wegbereitern und Ideengebern des historischen Nationalsozialismus, der zu ihr in einem besonders engen organisatorischen, personellen und ideologischen Traditionsund Kontinuit\u00e4tsverh\u00e4ltnis stand. Diese historisch-ideologischen Hintergr\u00fcnde verschweigt die NZ ihren Lesern, erhebt Kossinna stattdessen in den Rang eines Wissenschaftsgenies und demzufolge seinen Geburtstag zu einem vermeintlich positiven nationalen Gedenktag. Wahlen Als Wahlpartei ist die DVU erfolgreicher als jede andere rechtsextremistische Partei: Seit Gr\u00fcndung der DVU als politische Partei im Jahr 1987 konnten rechtsextremistische Parteien vierzehn Mal in deutsche Landesparlamente einziehen, davon allein neun Mal die DVU. Allerdings waren vier ihrer Wahlerfolge einer Besonderheit des Bremer B\u00fcrgerschaftswahlrechts geschuldet.295 Diese Erfolge sind vor allem darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass Dr. FREY seine Partei bislang nur zu Wahlen antreten lie\u00df, bei denen er ihr eine wenigstens halbwegs realistische Aussicht auf Erfolg einr\u00e4umte296, und dann auch bereit war, erhebliche Summen in den Wahlkampf zu investieren. Zudem ist die DVU aufgrund der bereits genannten Absprachen seit 2004 bei Wahlen vor Konkurrenzkandidaturen durch die NPD gesch\u00fctzt. Seit 1999 ist die DVU mit einer Fraktion im brandenburgischen Landtag vertreten, die seit 2004 sechs Abgeordnete umfasst. Gem\u00e4\u00df der Regelungen des \"Deutschlands-Paktes\" mit der NPD trat die DVU nur zu einer der vier Landtagswahlen des Jahres 2008 an: Bei der Hamburger B\u00fcrgerschaftswahl am 24. Februar 2008 erlitt sie mit 0,8 Prozent der Stimmen eine herbe Niederlage. Aktivit\u00e4ten Auch 2008 entwickelte der baden-w\u00fcrttembergische DVU-Landesverband wieder nur geringe Aktivit\u00e4ten. Von den DVU-Stammtischen in Aalen/Hei - 294 Puschner, Uwe, Die v\u00f6lkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich, Sprache - Rasse - Religion, Darmstadt 2001, S. 124. 295 Bei den Wahlen zur Bremischen B\u00fcrgerschaft muss eine Partei nur in einem der beiden Wahlgebiete, in Bremen oder Bremerhaven, die 5-Prozent-H\u00fcrde \u00fcberwinden, um in das Parlament einzuziehen. Lediglich bei der B\u00fcrgerschaftswahl 1991 gelang der DVU mit 6,2 Prozent im gesamten Land Bremen der Sprung in das Parlament in Fraktionsst\u00e4rke. 1987, 1999, 2003 und 2007 \u00fcberwand sie diese H\u00fcrde nur in Bremerhaven. 296 Die DVU trat seit 1987 daher nur zu 18 Landtagswahlen, einer Bundestagsund einer Europawahl an. 175","denheim, Heilbronn, Schw\u00e4bisch Hall und Stuttgart, die im Laufe des Jahres 2008 auf der DVU-Bundeshomepage und in der NZ beworben wurvit\u00e4ten ohne den297, geht, soweit sie \u00fcberhaupt stattfinden, keine Au\u00dfenwirkung aus. Nur enwirkung selten f\u00fchrt die Partei dar\u00fcber hinaus in Baden-W\u00fcrttemberg Veranstaltungen durch, die dann zudem in der Regel ebenfalls keine ernsthafte Au\u00dfenwirkung entfalten. So wurde nach DVU-Angaben am 2. M\u00e4rz 2008 in Stutt - gart eine Veranstaltung durchgef\u00fchrt, an der auch der in Bayern wohnhafte baden-w\u00fcrttembergische DVU-Landesvorsitzende, Walter BAUR, teilgenommen habe.298 5. Sonstige rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten 5.1 Organisationsunabh\u00e4ngige rechtsextremistische Verlage in Baden-W\u00fcrttemberg: \"GRABERT-Verlag\"/\"Hohenrain-Ver - lag\" Der 1953 von Dr. Herbert GRABERT (verstorben 1978) in T\u00fcbingen als \"Verlag der deutschen Hochschullehrerzeitung\" gegr\u00fcndete \"GRABERT-Verlag\" firmiert seit 1974 unter seinem jetzigen Namen. Seit 1972 fungiert GRABERTs Sohn Wigbert als Verlagsleiter und seit dem Tod seines Vaters als alleiniger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Der Verlag z\u00e4hlt nicht nur zu den \u00e4ltesten, sondern auch zu den bedeutendsten organisationsunabh\u00e4ngigen rechtsextremistischen Verlagen in Deutschland. Mittlerweile hat er sich mehrere Tochterunternehmen zugelegt, darunter den 1985 gegr\u00fcndeten und ebenfalls in T\u00fcbingen ans\u00e4ssigen \"Hohenrain-Verlag\", der wie der \"GRABERT-Verlag\" seit 2004 mit einer eigenen Seite im Internet vertreten ist. In den zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen des \"GRABERT-\" und des \"Hohenrain-Verlages\" werden immer wieder entschieden rechtsextremistische Positionen propagiert. Schon wiederholt wurden daher Publikationen der beiden Verlage wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener eingezogen und/oder von der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien (BPjM) indiziert. Das gilt auch f\u00fcr die viertelj\u00e4hrlich im mittlerweile 56. Jahrgang in T\u00fcbingen erscheinende Zeitschrift \"Deutschland in Geschichte und Gegenwart - Zeitschrift f\u00fcr Kultur, 297 NZ Nr. 2 vom 4. Januar 2008, S. 14; NZ Nr. 42 vom 10. Oktober 2008, S. 14; Homepage der BundesDVU vom 15. Oktober 2007. 298 Homepage des DVU-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 17. Oktober 2008. 176","Geschichte und Politik\" (DGG). Die pseudowissenschaftlich aufgemachte, meist knapp 50-seitige DGG wird zwar seit 2007 nicht mehr von Wigbert GRABERT herausgegeben. Die nach wie vor enge Anbindung der DGG an den \"GRABERT-Verlag\" wird aber zum Beispiel aus dem Impressum der Zeitschrift ersichtlich. Seit 2007 fungiert Dr. Rolf KOSIEK, ein einschl\u00e4gig bekannter Rechtsextremist aus N\u00fcrtingen/Krs. Esslingen, als neuer Herausgeber und als Chefredakteur der DGG. Dr. KOSIEK war schon zuvor Teil eines zweik\u00f6pfigen DGG-Redaktionsteams. In der Ausgabe vom September 2008 formulierte Dr. KOSIEK in einem mehrseitigen Artikel die schon an sich absurde Verschw\u00f6rungstheorie, dass \"seit Jahrzehnten\" ein \"systematisch durchgef\u00fchrte[r]\" \"V\u00f6lkermord an den Deutschen\" ver\u00fcbt werde. Die von Dr. KOSIEK angef\u00fchrten Instrumente dieses angeblichen Genozids lesen sich als eine Aneinanderreihung von vermeintlichen oder tats\u00e4chlichen Zeiterscheinungen oder Str\u00f6mungen, die von Rechtsextremisten von jeher aus verschiedenen ideologischen Motiven strikt abgelehnt werden (zum Beispiel Geburtenr\u00fcckgang, Liberalismus). Unter der Zwischen\u00fcberschrift \"Auferlegung zum Volkstod f\u00fchrender Verh\u00e4ltnisse\" wird deutlich, dass Dr. KOSIEK auch die Verfassungsordnung der Bundesrepublik zu den Faktoren z\u00e4hlt, mit deren Hilfe aus seiner verschw\u00f6rungstheoretischen Sicht nach 1945 der angebliche \"V\u00f6lkermord an den Deutschen\" durchgef\u00fchrt werde: \"Die Alliierten legten nach 1945 dem deutschen Volk in ihren Besatzungszonen, sp\u00e4ter in den Teilstaaten, solche Bedingungen auf, dass die Deutschen dadurch ihrer eigenen Tradition, ihrem reichen Geistesleben und ihrer Weltanschauung entfremdet wurden und daran auf die Dauer zugrunde gehen m\u00fcssen. Schon die 'Verfassung' der Westdeutschen, das Grundgesetz, wurde praktisch von den Westm\u00e4chten diktiert und erst nach \u00dcbernahme ihrer Forderungen genehmigt. (...) Das deutsche Volk hat nie \u00fcber das Grundgesetz abgestimmt, noch sich, was bei der kleinen Wiedervereinigung 1990 eigentlich an der Zeit gewesen w\u00e4re, sich selbst eine Verfassung gegeben. Die im Grundgesetz verankerten Grundprinzipien wie Demokratie, Antinationalsozialismus, Liberalismus, Kapitalismus und Pazifismus wurden von den Besatzungsm\u00e4chten zwingend vorgeschrieben. (...) Festzuhalten ist, dass die gesellschaftspolitischen und staatlichen Verh\u00e4lt177","nisse in Deutschland nach 1945, die den Weg zum Volkstod bereiteten, nicht nach deutschen W\u00fcnschen und Interessen entstanden, sondern von den Siegern aufgezwungen wurden, die (...) die Vernichtung des deutschen Volkes erstrebten.\" Dr. KOSIEK z\u00e4hlt im sp\u00e4teren Verlauf des Artikels auch die westliche Wertegemeinschaft, der die Bundesrepublik mit ihren zentralen Verfassungswerten, darunter unter anderem \"Demokratisierung\", verpflichtet ist, zu den angeblichen Mordwerkzeugen bei der \"Vernichtung des deutschen Volkes\": \"Mit den Siegern wurde in Deutschland (...) die Weltanschauung des 'American way of life' eingef\u00fchrt, die 'Coca-Cola-Gesellschaft' oder, wie es heute meist hei\u00dft, die Weltanschauung der 'westlichen Wertegemeinschaft'. Sie kann mit den Stichworten Liberalismus, Kapitalismus, schrankenloser Individualismus, Spa\u00dfgesellschaft, Internationalismus, Demokratisierung, Globalisierung, Gleichheitsideologie und Milieutheorie umschrieben werden. Ihre Auswirkungen k\u00f6nnen nun nach zwei Generationen in Reinkultur studiert werden: Sie f\u00fchren zum Tod des deutschen Volkes, weil sie gegen die Lebensgesetze des Volkes versto\u00dfen. (...) Eine den Volkstod bewirkende Weltanschauung kann auf die Dauer nicht geduldet werden. Das Grundgesetz des Lebens, f\u00fcr die Erhaltung der eigenen Art und des eigenen Volkes zu sorgen, sollte den Vorrang vor anderen Ideologien haben.\" 299 Derartige Ausf\u00fchrungen k\u00f6nnen nur als fundamentale Absage an die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik und als Aufforderung interpretiert werden, das Grundgesetz in einer Art Notwehrakt zugunsten eines rechtsextremistischen Gesellschaftsentwurfes abzuschaffen. Mit dem mittlerweile im 19. Jahrgang erscheinenden \"Euro-Kurier - Aktuelle Buchund Verlags-Nachrichten\" verf\u00fcgt der \"GRABERT-Verlag\" \u00fcber ein weiteres Periodikum, das sogar alle zwei Monate erscheint, daf\u00fcr aber weit weniger umfangreich ist als die DGG. Der rechtsextremistische Charakter vieler der im \"Euro-Kurier\" ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge, die zu 299 DGG Nr. 3 vom September 2008, Artikel \"V\u00f6lkermord an den Deutschen - Eine heimt\u00fcckische Methode\" von Rolf KOSIEK, S. 2-7, Zitate: S. 2-5; \u00dcbernahme wie im Original. 178","einem erheblichen Teil auch der Werbung f\u00fcr Publikationen aus den beiden Verlagen dienen, steht demjenigen der meisten DGG-Artikel in Nichts nach. 5.2 \"Gesellschaft f\u00fcr freie Publizistik e.V.\" (GfP) Die \"Gesellschaft f\u00fcr freie Publizistik e.V.\" (GfP), 1960 von ehemaligen SSund NSDAP-Angeh\u00f6rigen gegr\u00fcndet, ist trotz ihrer eindeutig rechtsextremistischen Ausrichtung nicht dem neonazistischen Spektrum zuzurechnen. Sie verf\u00fcgte im Jahr 2008 bundesweit \u00fcber circa 500 Mitglieder (2007: etwa 500). In Baden-W\u00fcrttemberg stagniert die GfP-Mitgliederzahl bereits seit Jahren bei circa 40. Sie bleibt damit die mitgliederst\u00e4rkste rechtsextremistische \"Kulturvereinigung\" in Deutschland und rekrutiert sich vor allem aus rechtsextremistischen Verlegern, Redakteuren, Publizisten und Buchh\u00e4ndlern. Ihr Mitteilungsblatt \"Das Freie Forum\" erscheint viertelj\u00e4hrlich. Als eine Art Kontaktadresse gibt die GfP ein \"Sekretariat\" mit Postfach in Ober - boihingen/Krs. Esslingen an.300 Zum Jahresbeziehungsweise \"Deutsche[n] Kongre\u00df\" der GfP unter dem Rahmenthema \"1968 - Vierzig Jahre Volkszerst\u00f6rung\" versammelten sich nach GfP-Angaben ungef\u00e4hr 300 Teilnehmer (2007: \u00fcber 350) vom 11. bis 13. April 2008 im th\u00fcringischen Suhl.301 Die personelle Verflechtung der GfP-F\u00fchrung mit der NPD ist nach wie vor eng: Der seit 2005 amtierende GfP-Vorsitzende Andreas MOLAU ist zugleich einer der stellvertretenden NPD-Landesvorsitzenden in Niedersachsen und bekleidete das Amt des Spitzenkandidaten der Partei zur nieders\u00e4chsischen Landtagswahl am 27. Januar 2008. Im GfP-Vorstand sitzt zudem bereits seit Jahren der baden-w\u00fcrttembergische NPD-Landesvorsitzende J\u00fcrgen SCH\u00dcTZINGER. 5.3 Geschichtsrevisionismus302: Ein Beispiel f\u00fcr die internationale Dimension des Rechtsextremismus Die rechtsextremistische Geschichtsrevisionistenszene hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte immer st\u00e4rker internationalisiert. Unter ihren Protagonisten waren und sind neben Deutschen zum Beispiel auch Briten, Franzosen, US-Amerikaner oder \u00d6sterreicher, wobei sich letztere aus einer unter 300 Zum Beispiel in \"Das Freie Forum\" Nr. 2 vom April/Mai/Juni 2008, S. 16. 301 Ebd., Artikel \"Der Deutsche Kongre\u00df 2008\", S. 1-3. 302 Definition vergleiche S. 129. 179","Rechtsextremisten verbreiteten gro\u00dfdeutschen Perspektive h\u00e4ufig selber auch als Deutsche ansehen und von deutschen Gesinnungsgenossen als Landsleute angesehen werden. Diese internationale Dimension mag auf den ersten Blick erstaunen, da es rechtsextremistischen Geschichtsrevisionisten doch (unter anderem) darum geht, das nationalsozialistische Deutschland von der Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Gegensatz zu den historischen Fakten freizusprechen, im Gegenzug jedoch den Kriegsgegnern des \"Dritten Reiches\" - also zum Beispiel Gro\u00dfbritannien, Frankreich oder den USA - diese Schuld zuzuweisen. Trotzdem f\u00fchlen sich nichtdeutsche Geschichtsrevisionisten - offenbar aus mehr oder minder gro\u00dfer ideologischer N\u00e4he zum Nationalsozialismus - dem historischen Ansehen des \"Dritten Reiches\" mehr verpflichtet als dem ihrer eigenen Nation. Seit 2005 musste die internationale rechtsextremistische Geschichtsrevisionistenszene eine ganze Reihe von R\u00fcckschl\u00e4gen hinnehmen. Denn seither gingen eine Reihe ihrer f\u00fchrenden Protagonisten den deutschen und \u00f6sterreichischen Strafverfolgungsbeh\u00f6rden ins Netz. Einige davon befinden sich bis heute in Haft. Auch im Jahr 2008 setzte sich dies fort: Am 14. Januar 2008 wurde die Rechtsanw\u00e4ltin Sylvia STOLZ vom Landgericht Mannheim unter anderem wegen Volksverhetzung zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Hintergrund dieser Verurteilung waren unter anderem geschichtsrevisionistische Auslassungen, die STOLZ im Zusammenhang mit einem Prozess, in dem sie als Verteidigerin eines bekannten Geschichtsrevisionisten aufgetreten war, gemacht hatte und die zu ihrem Ausschluss aus dem damaligen Verfahren gef\u00fchrt hatten. Zudem verh\u00e4ngte das Gericht ein Berufsverbot f\u00fcr die Dauer von f\u00fcnf Jahren. Die Verteidigung legte am 16. Januar 2008 Revision ein, die jedoch nur teilweise Erfolg hatte: Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe sprach STOLZ mit Beschluss vom 2. Dezember 2008303 in einem Anklagepunkt (Beihilfe zum Versto\u00df gegen ein Berufsverbot) frei beziehungsweise stellte das Verfahren insoweit ein und \u00e4nderte im \u00dcbrigen lediglich den Schuldspruch ab. Damit ist STOLZ nunmehr rechtskr\u00e4ftig, unter anderem wegen Volksverhetzung, verurteilt. Das f\u00fcnfj\u00e4hrige Berufsverbot bleibt bestehen. Zur Neufestsetzung des Strafma\u00dfes verwies der Bundesgerichtshof den Fall an das Landgericht Mannheim zur\u00fcck. 303 Az.: 3 StR 203/08. 180","Am 1. Oktober 2008 wurde der in Deutschland geborene Australier Dr. Fredrick T\u00d6BEN aufgrund eines von der Staatsanwaltschaft Mannheim im August 2004 erlassenen internationalen Haftbefehls in London festgenommen. Ihm wird zur Last gelegt, in seinen \u00fcber das Internet verbreiteten Artikeln und Kommentaren die millionenfache Ermordung von Juden im Konzentrationslager Auschwitz geleugnet zu haben. Dr. T\u00d6BEN ist Gr\u00fcnder und Direktor des seit 1996 bestehenden, von Australien aus haupts\u00e4chlich \u00fcber das Internet agierenden rechtsextremistischen \"Adelaide Institute\". Es ist eines der Zentren geschichtsrevisionistischer Propagandaaktivit\u00e4ten. Dr. T\u00d6BEN wurde am 29. Oktober 2008 gegen Kaution und die Auflage, sich regelm\u00e4\u00dfig bei der britischen Polizei zu melden, wieder auf freien Fu\u00df gesetzt. Am 19. November 2008 kam der britische High Court in seinem letztinstanzlichen Urteil in dieser Sache zu der Auffassung, dass dem von der Bundesrepublik Deutschland beantragten Auslieferungsersuchen nicht stattzugeben sei. Dr. T\u00d6BEN habe sich nach britischem Recht keines Verbrechens schuldig gemacht. Der internationale Haftbefehl gegen ihn bleibt aber weiterhin aufrechterhalten. Nicht nur der Fall Dr. T\u00d6BEN zeigt, dass rechtsextremistische Geschichtsrevisionisten ihre Thesen h\u00e4ufig \u00fcber das Internet verbreiten, da sie sich hier vor Strafverfolgung sicher f\u00fchlen. Dieser Kalkulation steht aber ein - bereits damals konkret im Fall Dr. T\u00d6BEN ergangenes - Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs vom 12. Dezember 2000304 entgegen, wonach sich auch in Deutschland strafbar macht, wer \u00c4u\u00dferungen, die den Tatbestand der Volksverhetzung im Sinne des SS 130 Abs. 1 oder des SS 130 Abs. 3 StGB erf\u00fcllen (\"Auschwitz-L\u00fcge\"), auf einem ausl\u00e4ndischen, aber Internetnutzern in Deutschland zug\u00e4nglichen Server in das Internet einstellt. Aber das World Wide Web ist nicht das einzige Medium, \u00fcber das geschichtsrevisionistische Thesen Verbreitung finden. Nach wie vor stehen dem Geschichtsrevisionismus auch klassische Printmedien offen, so neben der DGG zum Beispiel auch die rechtsextremistische Zeitschrift \"Deutsche Geschichte - Europa und die Welt\" (DG). Die DG erscheint alle zwei Monate im rechtsextremistischen \"Druffel & Vowinckel-Verlag\" im bayerischen Inning, hinter dem sich die rechtsextremistische 304 Az.: 1 StR 184/00. 181","\"Verlagsgesellschaft Berg mbH\" in Inning verbirgt. Sie widmet sich auf \u00fcber 60 Seiten schwerpunktm\u00e4\u00dfig historischen Themen, die f\u00fcr die rechtsextremistische Szene aus verschiedenen ideologischen Gr\u00fcnden von Bedeutung sind. Das umfasst auch geschichtsrevisionistische Umdeutungen der f\u00fcr Rechtsextremisten neuralgischen historischen Ereignisse, ohne dass dabei jedoch strafrechtliche Normen verletzt werden. Unter den wechselnden Mitarbeitern der Zeitschrift befinden sich mehrere einschl\u00e4gige Rechtsextremisten. So kam auch im Jahr 2008 der GfP-Vorsitzende und hochrangige NPD-Funktion\u00e4r Andreas MOLAU mit Beitr\u00e4gen in der DG zu Wort.305 Mit ihrem unverd\u00e4chtigen Titel und ihrer bunten, oberfl\u00e4chlich ansprechenden Titelseite \u00e4hnelt die DG im Layout einigen der auf dem Markt befindlichen popul\u00e4rwissenschaftlichen Geschichtszeitschriften, die nicht extremistisch ausgerichtet sind. Das f\u00fchrt dazu, dass sie leicht mit diesen unbedenklichen Publikationen verwechselt werden kann und manchmal im \u00f6ffentlichen Zeitschriftenhandel neben diesen angeboten wird. Die DG tritt auch als Veranstalterin von Tagungen und Vortragsveranstaltungen auf. So lud sie f\u00fcr den 11. und 12. Oktober 2008 unter der \u00dcberschrift \"Zeitgespr\u00e4che 2008\" zum mittlerweile \"8. Erlebnis-Wochenende Geschichte\" mit Vortr\u00e4gen zum Thema \",Das Kriegsende 1918 und seine Folgen' - Eine Bilanz nach 90 Jahren\" nach \"S\u00fcddeutschland\" ein.306 6. Aktionsfelder: Rechtsextremistische Jugendarbeit und Immobiliengesch\u00e4fte deutscher Rechtsextremisten 6.1 \"Junge Nationaldemokraten\" und \"Heimattreue Deutsche Jugend e.V.\" - zwei rechtsextremistische Jugendorganisationen im Vergleich 6.1.1 \"Junge Nationaldemokraten\" (JN) Gr\u00fcndung: 1969 Sitz: Bernburg Mitglieder: ca. 110 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 90) ca. 400 Bund (2007: ca. 400) Publikation: unter anderem \"hier & jetzt\" 305 DG Ausgabe 93 vom Januar 2008, Artikel \"Der Poet der Farben - zum 200. Geburtstag von Carl Spitzweg\" von Andreas MOLAU, S. 62f.; DG Ausgabe 96 vom August 2008, Artikel \"Treitschkestra\u00dfe mu\u00df bleiben!\" von Andreas MOLAU, S. 58f. 306 DG Ausgabe 97 vom September 2008, S. 2. 182","Strukturelle Rahmendaten Die \"Jungen Nationaldemokraten\" (JN) sind die Jugendorganisation der NPD. Sie verzeichneten 2008 wie 2007 circa 400 Mitglieder. Die JN verf\u00fcgen anders als ihre Mutterpartei, die auf ihrer Bundeshomepage Landesverb\u00e4nde f\u00fcr alle 16 Bundesl\u00e4nder ausweist307, nicht \u00fcber ein bundesweites Netz von offiziellen Organisationsstrukturen: Auf der Homepage ihres Bundesvorstandes f\u00fchren die JN solche Strukturen in nur elf Bundesl\u00e4ndern auf, davon in einem Fl\u00e4chenland wie Brandenburg keinen Landesverband, sondern nur einen regionalen, so genannten \"St\u00fctzpunkt\", w\u00e4hrend f\u00fcr andere Fl\u00e4chenl\u00e4nder (Hessen, Mecklenburg-Vorpommern) zwar der jeweilige Landesverband, aber keine \"St\u00fctzpunkte\" aufgelistet werden.308 Geht man nach der Zahl der Mitglieder und der von den JN im Internet ausgewiesenen \"St\u00fctzpunkte\", z\u00e4hlt der baden-w\u00fcrttembergische JN-Landesverband zu den strukturell am deutlichsten ausgepr\u00e4gten JN-Landesverb\u00e4nden. Er konnte personell im Jahr 2008 wiederum von circa 90 (2007; personeller 2006: circa 60) auf circa 110 Mitglieder zulegen. Dieser seit Jahren zu beobZuwachs achtende Mitgliederzuwachs ist einerseits auf eine hohe personelle Kontiin Badennuit\u00e4t aktivistischer F\u00fchrungskader im JN-Landesverband Baden-W\u00fcrttemW\u00fcrttemberg berg zur\u00fcckzuf\u00fchren. Zum anderen scheinen die relativ zahlreichen und vielf\u00e4ltigen, teils \u00f6ffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen und Aktionen der JN einen sp\u00fcrbaren Rekrutierungseffekt zu entfalten. Im Dezember 2008 gab es in Baden-W\u00fcrttemberg zehn JN-St\u00fctzpunkte309 (Oktober 2007: neun). Die leichte Steigerung kam durch die nach JN-Angaben Anfang August 2008 erfolgte Gr\u00fcndung des \"St\u00fctzpunktes\" f\u00fcr den Bereich Reutlingen-Esslingen zustande.310 Diese \"St\u00fctzpunkte\"-Architektur 307 Homepage der Bundes-NPD vom 19. November 2008. 308 Homepage des JN-Bundesvorstandes vom 19. November 2008. 309 Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 16. Dezember 2008. 310 Bericht \"St\u00fctzpunktgr\u00fcndung der JN in Esslingen-Reutlingen\", Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 19. November 2008. Au\u00dferdem wurden auf der Homepage des baden-w\u00fcrttembergischen JN-Landesverbandes mit Stand 16. Dezember 2008 noch St\u00fctzpunkte im Bereich Bodensee mit Postfach in Friedrichshafen, in G\u00f6ppingen mit Postfach in Geislingen, in Heilbronn, in Karls - ruhe, in Konstanz mit Postfach in Singen, im Bereich Ostalb, in Schw\u00e4bisch Hall, Stuttgart und Ulm/Heidenheim aufgelistet. 183","offenbarte in der Vergangenheit - wenn auch nicht im Jahr 2008 - immer wieder eine gewisse Instabilit\u00e4t und Inkontinuit\u00e4t, die sich in h\u00e4ufigen Neugr\u00fcndungen und Aufl\u00f6sungen von \"St\u00fctzpunkten\" niederschlug. Diese Fluktuation d\u00fcrfte trotz der JN-Mitgliederzuw\u00e4chse der letzten Jahre mit der immer noch recht d\u00fcnnen Personaldecke der baden-w\u00fcrttembergischen JN zu erkl\u00e4ren sein: Bei circa 110 baden-w\u00fcrttembergischen JN-Mitgliedern und zehn \"St\u00fctzpunkten\" ist der einzelne \"St\u00fctzpunkt\" im statistischen Durchschnitt nur rund elf Mitglieder stark, wobei bei dieser Rechnung noch nicht einmal der Tatsache Rechnung getragen wird, dass das JN-\"St\u00fctzpunkte\"-Netz gro\u00dfe L\u00fccken aufweist (zum Beispiel in weiten Teilen Badens) und daher zumindest einzelne JN-Mitglieder gar keinen St\u00fctzpunkt in ihrer erreichbaren N\u00e4he haben d\u00fcrften. Verliert ein schwach besetzter \"St\u00fctzpunkt\" auch nur wenige Mitglieder (beispielsweise durch Austritt aus den JN, Ausstieg aus der rechtsextremistischen Szene oder durch Wegzug) kann das schon die Aufl\u00f6sung des \"St\u00fctzpunktes\" bedeuten, w\u00e4hrend im Gegenzug bereits der Eintritt von wenigen Jugendlichen in die JN zu einer \"St\u00fctzpunkt\"-Neugr\u00fcndung f\u00fchren kann. Ideologische Ausrichtung rfassungsWie ihre Mutterpartei NPD lassen auch die JN ihre dezidierte Verfassungsndlichkeit feindlichkeit weitgehend unverhohlen erkennen. Daf\u00fcr legte der JNBundesvorsitzende Michael SCH\u00c4FER auf dem Landeskongress der JN Baden-W\u00fcrttemberg am 2. M\u00e4rz 2008 im Raum Karlsruhe eindr\u00fccklich Zeugnis ab. Nach JN-eigenen Angaben legte SCH\u00c4FER \"in einer k\u00e4mpferischen Rede dar, wie verkommen und degeneriert das BRD-Regime in allen Lebensbereichen l\u00e4ngst geworden sei, und wie stark die Auseinandersetzung mit der nationalen Bewegung von d\u00fcmmlichen Vorurteilen und haltlosen Unterstellungen bestimmt werde. Sch\u00e4fers Fazit: 'Wir erleben hier einen Staat, der komplett wahnsinnig geworden ist.' Diesem Staat, der nicht mehr willens oder in der Lage sei, die Lebensrechte des Deutschen Volkes zu garantieren und stattdessen im dekadenten Wahn den Volkstod forciere, gelte es mit kompromissloser Entschlossenheit entgegenzutreten, und den Men184","schen klar zu machen, dass nur die nationale und soziale Erneuerungsbewegung zukunftsf\u00e4hige L\u00f6sungen biete.\" 311 Teile der JN - auch in Baden-W\u00fcrttemberg - weisen wie auch andere Teile der NPD mittlerweile eine deutliche N\u00e4he zum Neonazismus auf. An anderer Stelle wurde bereits ein Text zitiert, den die baden-w\u00fcrttembergischen JN aus Anlass des 21. Todestages von Rudolf He\u00df (17. August 2008) auf ihrer Homepage einstellten. In diesem Text werden einige der zentralen Komponenten des neonazistischen He\u00df-M\u00e4rtyrerkultes komprimiert wiedergegeben.312 Aktivit\u00e4ten und Au\u00dfenwirkung Die JN fuhren im Jahr 2008 ihre Demonstrationst\u00e4tigkeit in Baden-W\u00fcrttemberg deutlich zur\u00fcck. Die Organisation trat gerade zweimal (2006 und 2007: je siebenmal), nach Mitte Februar 2008 - sieht man von einer letztlich verbotenen JN-Demonstration am 16. August in Biberach ab - sogar \u00fcberhaupt nicht mehr, als Demonstrationsveranstalter in Erscheinung. Folgt man der Selbstdarstellung der baden-w\u00fcrttembergischen JN auf ihrer Internetseite, haben sie im Laufe des Jahres 2008 dennoch relativ zahlreiche und vielf\u00e4ltige Veranstaltungen und Aktionen durchgef\u00fchrt, von denen die beiden JN-Demonstrationen nur die besonders \u00f6ffentlichkeitswirksame Spitze des Eisbergs bildeten. Au\u00dferdem nahmen baden-w\u00fcrttembergische JN-Vertreter an Veranstaltungen der Mutterpartei oder anderer Rechtsextremisten teil, vereinzelt auch in anderen L\u00e4ndern oder im Ausland. Wie andere Rechtsextremisten entfalten auch die JN eine Vielzahl ihrer Aktivit\u00e4ten unter anderem aus Sorge vor St\u00f6rung durch politische Gegner ganz bewusst nur intern, also ohne Au\u00dfenwirkung, unter sich und auf sich selbst bezogen, h\u00f6chstens zusammen mit anderen Rechtsextremisten. Daher wird eine derartige Aktivit\u00e4t auch nicht bereits im Vorfeld einer breiteren \u00d6ffentlichkeit bekannt gemacht, sondern allenfalls im Nachgang im Internet dar\u00fcber berichtet. An internen Aktivit\u00e4ten veranstalteten die interne baden-w\u00fcrttembergischen JN beziehungsweise deren einzelne \"St\u00fctzpunkAktivit\u00e4ten te\" 2008 nach eigenen Angaben neben dem bereits erw\u00e4hnten Landeskongress zum Beispiel zu Beginn des Jahres 2008 eine \"Neujahresfeier\" in Schw\u00e4bisch Hall, am 26. Januar 2008 eine \"Rednerveranstaltung mit anschlie\u00dfendem Balladenabend\" sowie vorangegangener Aktivisten-Schu311 Bericht \"Landeskongress der JN Baden-W\u00fcrttemberg vermittelt Aufbruchstimmung\", Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 14. November 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 312 Siehe dazu S. 147. 185","lung bei Aalen, am 9. Februar 2008 eine \"Apres-Ski Party\", \"Mitte Juni\" 2008 eine zweit\u00e4gige \"Kaderschulung\" in Rosenberg-Hohenberg/Ostalbkreis, Anfang August 2008 ein Zeltlager im Raum Schw\u00e4bisch Hall, im Herbst 2008 eine Klausurtagung des baden-w\u00fcrttembergischen JN-Landesvorstandes im bayerischen Landkreis Ansbach und am 22. November 2008 einen weiteren Landeskongress in Rosenberg-Hohenberg.313 Derartige interne Veranstaltungen dienen - das geht aus den entsprechenden Berichten auf der baden-w\u00fcrttembergischen JN-Homepage immer wieder klar hervor - unter anderem der ideologischen Indoktrination und Selbstvergewisserung der Teilnehmer sowie der Schaffung beziehungsweise Aufrechterhaltung von Kameradschaft, Zusammenhalt und Gemeinschaftsgef\u00fchl innerhalb der JN. Nicht zuletzt aber dienen sie auch als kurzzeitige, kollektive mentale Flucht aus einer von den JN zutiefst abgelehnten westlich-modernen, demokratischen Gegenwart, gegen deren Einfl\u00fcsse man hofft, sich auch langfristig in der verschworenen Gemeinschaft Gleichgesinnter abschotten und immunisieren zu k\u00f6nnen. So hei\u00dft es in dem JN-Internetbericht \u00fcber das JN-Zeltlager von Anfang August 2008 im Raum Schw\u00e4bisch Hall mit \"etwa 40\" Teilnehmern: \"Aus allen Teilen Baden-W\u00fcrttembergs sind sie gekommen, um (...) im Kreise alter und neuer Kameraden Kraft zu tanken f\u00fcr den t\u00e4glichen Kampf gegen den ganz normalen Wahnsinn in dieser Republik. (...) 'Gemeinschaft leben', so hei\u00dft (...) das Motto des arbeitsintensiven Wochenendes (...). Am Ende des Zeltlagers wird jeder Teilnehmer alle Arbeitsgruppen im Rotationsprinzip durchlaufen haben, um gest\u00e4rkt und mit neuen Eindr\u00fccken und Ideen den politischen Kampf in Zukunft noch effektiver und professioneller f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Der Samstagmittag dient indes dem kulturellen Aspekt in Form des Erkundens der paradiesischen Umgebung des Schw\u00e4bisch Haller Hinterlandes - weit weg von \u00dcberfremdung, Globalisierung und Dekadenz, dort wo die Welt zumindest auf den 313 Berichte \"JN-Neujahresfeier in Schw\u00e4bisch Hall 2008\", \"Rednerveranstaltung mit anschlie\u00dfendem Balladenabend am 26.01.2008 im Ostalbkreis\", \"SKI HEIL - Apres-Ski Party des JN-St\u00fctzpunktes Heilbronn\", \"Kaderschulung 2008\", \"'Gemeinschaft leben' ist unsere St\u00e4rke!\", \"Neues w\u00e4chst nicht von allein - Klausurtagung der JN Baden-W\u00fcrttemberg setzt Ziele f\u00fcr das kommende Jahr\" und \"Mit Geschlossenheit und St\u00e4rke der Zukunft entgegen - Landeskongress der JN Baden-W\u00fcrttemberg stellt Weichen f\u00fcr 2009\", Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 14. November 2008 beziehungsweise vom 25. November 2008; \u00dcbernahme au\u00dfer Fettdruck wie im Original. 186","ersten Blick noch in Ordnung zu sein scheint. (...) Nach dem Einholen der Fahne stellen sich alle Teilnehmer im Kreis auf und fassen sich gegenseitig an den Armen. Eine feierliche Stimmung kehrt ein, als ein Kamerad das Wort ergreift und mit bewegenden Worten die Bedeutung von Kameradschaft und Zusammenhalt betont, die uns auch in st\u00fcrmischen Zeiten bei der Fahne halten werden und Grundlage all unseres Handelns sind. Nur in der geschlossenen Gemeinschaft kann der Einzelne im Einklang mit den Anderen die Kraft entwickeln, die er braucht, um im Ringen um eine Zukunft f\u00fcr unser Volk und unsere Nation nicht zwischen die M\u00fchlr\u00e4der des Systems zu geraten.\" Dem Bericht zufolge treten die Teilnehmer des Zeltlagers die Heimreise nicht an, \"ohne einmal mehr das Gef\u00fchl erneuert zu haben, mit dem eigenen Denken und Handeln zum Wohle von Volk und Heimat das Richtige zu tun, egal wie der Ungeist der Zeit auch dar\u00fcber richten mag.\" 314 Derartigen internen Aktivit\u00e4ten wurde 2008 innerhalb der baden-w\u00fcrttembergischen JN offenbar ein hoher Stellenwert einger\u00e4umt. So \u00e4u\u00dferte der baden-w\u00fcrttembergische JN-Landesvorsitzende, Lars GOLD aus Rosen - berg/Ostalbkreis auf dem JN-Landeskongress am 2. M\u00e4rz 2008 nach JNAngaben sinngem\u00e4\u00df: \"die politische Schulungsarbeit innerhalb des Landesverbandes werde im neuen Jahr weiter intensiviert werden, ebenso wie gemeinsame Ausfl\u00fcge, Zeltlager und sonstige Aktivit\u00e4ten, die das Gemeinschaftsgef\u00fchl innerhalb der JN im L\u00e4ndle weiter st\u00e4rken und vertiefen sollen.\" Bei derselben Gelegenheit f\u00fchrte GOLD laut JN-Landeshomepage in Bezug auf das Jahr 2007 aus, dass \"man zwar deutlich weniger \u00fcberregionale Demonstrationen durchgef\u00fchrt\" habe, \"daf\u00fcr h\u00e4tten jedoch umso mehr dezentrale und kreative Aktionen stattgefunden, die auch in der Systempresse f\u00fcr regelm\u00e4\u00dfige Pr\u00e4senz und Resonanz sorgten.\" GOLD \"betonte in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit regelm\u00e4\u00dfiger politischer Arbeit vor 314 Bericht \"'Gemeinschaft leben' ist unsere St\u00e4rke!\", Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 14. November 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 187","Ort, die oftmals mehr Wirkung entfalte als eine landesweite Demonstration.\" 315 Der am 2. M\u00e4rz 2008 von GOLD vorgenommenen Relativierung der Bedeutung von \"landesweite[n]\", \"\u00fcberregionale[n] Demonstrationen\" d\u00fcrfte es unter anderem geschuldet sein, dass im Jahr 2008 die Zahl der JNDemonstrationen insgesamt in Baden-W\u00fcrttemberg sichtbar zur\u00fcckging. Daneben setzten die baden-w\u00fcrttembergischen JN jedoch auch 2008 wieder auf eine Vielzahl der von GOLD offenbar favorisierten dezentral-regionalen, \u00f6ffentlichkeitswirksamen, nach au\u00dfen auf ein breiteres Publikum gerichteten Propagandaaktionen, mit denen sie auf sich und ihre rechtsextremistischen Positionen oft provokativ aufmerksam machen und letztlich auch neue Sympathisanten und Mitglieder werben wollen. So setzten die JN nach eigenen Angaben eine bereits im Dezember 2007 gestartete Kampagne gegen einen Moscheebau in Neckarsulm/Krs. Heilbronn samt eigener Kampagnehomepage auch im Januar 2008 fort.316 Laut baden-w\u00fcrttembergischer JN-Homepage veranstalteten die Landes-JN beziehungsweise deren einzelne \"St\u00fctzpunkte\" zudem etwa am 22. M\u00e4rz 2008 eine \"Umfrageaktion\" im \"Rahmen der bundesweiten NPDund JN-Aktionstage unter dem Motto 'Sozial geht nur national!'\" in Friedrichshafen und am 30. M\u00e4rz 2008 eine Flugblattaktion \"zu verschiedenen aktuellen politischen Themen\" in Schw\u00e4bisch Hall.317 Am 8. Mai 2008, dem 63. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa, s\u00e4uberten nach JN-Angaben Angeh\u00f6rige des \"St\u00fctzpunktes\" Heilbronn ein Denkmal in der Stadt und verteilten dabei \"\u00fcber 1000\" Flugbl\u00e4tter.318 Zum Streben der baden-w\u00fcrttembergischen JN nach einer \u00f6ffentlichkeitswirksamen Propagandaarbeit z\u00e4hlt auch, dass der Landesverband bereits seit Jahren immer wieder eigene Flugbl\u00e4tter und Aufkleber verbreitet. 6.1.2 \"Heimattreue Deutsche Jugend e.V.\" (HDJ) Gr\u00fcndung: 1990 Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 25 Baden-W\u00fcrttemberg ca. 500 Bund Publikation: \"Funkenflug\" 315 Bericht \"Landeskongress der JN Baden-W\u00fcrttemberg vermittelt Aufbruchstimmung\", Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 14. November 2008. 316 Internetauswertung vom 20. und 21. November 2008. 317 Berichte \"Kein Vertrauen mehr in das politische System BRD\" und \"Erfolgreiche Informationsaktion in Schw\u00e4bisch Hall\", Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 14. November 2008. 318 Bericht \"8. Mai: Junge Nationalisten reinigen Heilbronner Tr\u00fcmmerfrauen-Denkmal\", Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 14. November 2008. 188","Strukturelle Rahmendaten Die am 31. M\u00e4rz 2009 vom Bundesministerium des Innern verbotene \"Heimattreue Deutsche Jugend e.V.\" (HDJ)319 war eine parteiunabh\u00e4ngige neonazistische Kinderund Jugendorganisation. Ihre Mitgliederzahl lag 2008 in Baden-W\u00fcrttemberg bei circa 25, in Deutschland insgesamt bei circa 500. Laut Darstellung auf der vereinseigenen Homepage verf\u00fcgte die HDJ \u00fcber ein bundesweites, allerdings sehr weitmaschiges Netz an offiziellen Organisationsstrukturen, bestehend aus vier so genannten \"Leitstellen\" (\"Nord\", \"Mitte\", \"S\u00fcd\" und \"West\"), die sich wiederum in insgesamt zehn so genannte \"Einheiten\" gliederten. Die Weitmaschigkeit dieser offiziellen HDJ-Organisationsstrukturen ergab sich schon daraus, dass die HDJ allein ihren \"Leitstellen Nord\" und \"Mitte\" einen Zust\u00e4ndigkeitsbereich von jeweils f\u00fcnf Bundesl\u00e4ndern zuschrieb, w\u00e4hrend diese beiden \"Leitstellen\" jedoch nur je drei \"Einheiten\" umfassten. Die \"Leitstelle S\u00fcd\" mit Postfach im bayerischen Alzenau war f\u00fcr die Bundesl\u00e4nder Baden-W\u00fcrttemberg und Bayern zust\u00e4ndig und umfasste die \"Einheit Schwaben\" und die \"Einheit Franken\".320 Ideologische Ausrichtung Ganz offensichtlich bem\u00fchte sich die HDJ in ihren \u00f6ffentlichen Verlautbarungen darum, ihren Charakter als neonazistische Organisation zumindest teilweise zu verschleiern. Die wenigen, relativ kurzen Texte, die die HDJ auf ihrer Homepage zur Selbstdarstellung eingestellt hatte, waren unter extremismusanalytischem Aspekt - ganz anders als vergleichbare Texte zum Beispiel auf JNHomepages - eher nichtssagend, beispielsweise wenn unter der Rubrik \"Was wir wollen\" unter anderem \"ein unabh\u00e4ngiges Deutschland in einem Europa der freien V\u00f6lker\" oder \"eine saubere Umwelt und eine intakte Natur\" als HDJ-Ziele ausgegeben wurden und man sich gegen \"die Verenglischung unserer Muttersprache\" aussprach.321 Die laut Impressum von der HDJ herausgegebene, viertelj\u00e4hrlich erscheinende \"volkstreue Zeitschrift f\u00fcr Jugend und Familien\" 322 namens \"Funkenflug\" (Untertitel: \"jung - st\u00fcrmisch - volks319 Vollst\u00e4ndiger Name seit 2001: \"Heimattreue Deutsche Jugend - Bund zum Schutz f\u00fcr Umwelt, Mitwelt und Heimat e.V.\", davor: \"Die Heimattreue Deutsche Jugend - Bund f\u00fcr Umwelt, Mitwelt und Heimat e.V.\". 320 HDJ-Homepage vom 25. November 2008. 321 Ebd. 322 \"Funkenflug\" 02/Sommer 2008, Impressum, S. 23. 189","treu\") ver\u00f6ffentlichte hingegen auch Beitr\u00e4ge eindeutig rechtsextremistischen, auch konkret neonazistischen Inhalts. So hie\u00df es in der Ausgabe vom Herbst 2008 in einem Artikel unter anderem: \"Krieg und Frieden sind nicht (...) einander ausschlie\u00dfende Gegens\u00e4tze. Vielmehr sind es zwei sich erg\u00e4nzende Begriffe, die einander bedingen und abwechseln im ewigen Kreislauf des Lebens. Und dieses Leben bedeutet Kampf! F\u00fcr Menschen unserer Rasse gilt dieser Grundsatz im Besonderen - er ist Ausdruck der seelischen Grundhaltung, tief und fest verankert in unserem Ahnenerbe. Aus seinem innersten Wesen heraus bejaht der Nordmensch den Kampf, sucht ihn aber nicht zwangsl\u00e4ufig. Darum wei\u00df er, da\u00df auch der Frieden erk\u00e4mpft und anschlie\u00dfend bewahrt werden mu\u00df. V\u00f6llig fremd sind uns dagegen Begriffe wie der 'ewige Frieden', den die Verk\u00fcnder artfremder Religionen als h\u00f6chstes Ziel preisen. Dabei wurden und werden im Namen ihres w\u00fcstenl\u00e4ndischen Gottes die meisten Kriege gef\u00fchrt, die auch unserem Volk einen unersetzbaren Blutzoll abverlangten. Ebenso wenig begreifen wir den ewig kriegerischen Wandertrieb der Nomadenv\u00f6lker, denen der Frieden und best\u00e4ndige Aufbau unverst\u00e4ndlich ist. Nicht minder weltfremd mutet uns das Gew\u00e4sch des 'Pazifismus' an. Wer sich im gewaltigen Ringen der V\u00f6lker selbst aufgibt, beschw\u00f6rt damit nur seinen eigenen Untergang herauf. Niemals werden sich diese Phantasten ihrem Schicksal stellen und es erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Sangund klanglos gehen sie unter und niemand wird sich ihrer Taten erinnern. (...) Wohl weicht die k\u00fcnstlerische Seele in bestimmten Zeiten dem soldatischen Heldenmut - allein die sch\u00f6pferische Schaffenskraft ist die Selbe! Lassen wir uns also nicht von leeren Worth\u00fclsen beeindrucken und unserer Art gem\u00e4\u00df beides bejahen: Krieg und Frieden! Denn eines bedingt das andere und beides geh\u00f6rt zum Leben.\" 323 323 \"Funkenflug\" 03/Herbst 2008, Artikel \"Krieg & Frieden\", S. 7; \u00dcbernahme wie im Original. 190","Dieser \"Funkenflug\"-Artikel offenbart nicht nur eine prinzipielle, sozialdarwinistisch grundierte Bejahung des Kampfes beziehungsweise Krieges als vermeintlich sch\u00f6pferisches Lebensprinzip und eine daraus abgeleitete fundamentale Absage an den Pazifismus, was beides auch f\u00fcr den historischen Nationalsozialismus ideologisch kennzeichnend war. Dar\u00fcber hinaus l\u00e4sst der in ihm zum Ausdruck kommende Rassismus in Wortwahl und Inhalt deutliche Parallelen zu NS-spezifischen Rassismen erkennen. Zudem sind Formulierungen wie \"Verk\u00fcnder artfremder Religionen\" oder \"im Namen ihres w\u00fcstenl\u00e4ndischen Gottes\" nicht nur als Absage an das Christentum zu interpretieren, sondern lassen in ihrer Anspielung auf die j\u00fcdischen Urspr\u00fcnge des Christentums deutlich antisemitische und daher ebenfalls NS-spezifische Ankl\u00e4nge erkennen. Die Formulierung \"den ewig kriegerischen Wandertrieb der Nomadenv\u00f6lker\" greift das antisemitische, auch im historischen Nationalsozialismus g\u00e4ngige Stereotyp vom \"zu ewiger Wanderschaft verurteilten Juden Ahasver\" beziehungsweise vom \"ewigen Juden\" in nur wenig verklausulierter Form auf. Aktivit\u00e4ten und Au\u00dfenwirkung Nach hiesigem Erkenntnisstand setzte die HDJ anders als die JN auch im Jahr 2008 nicht auf \u00f6ffentlichkeitswirksame, nach au\u00dfen auf ein breiteres Publikum gerichtete Propagandaaktionen (zum Beispiel Demonstrationen, Informationsst\u00e4nde), um auf sich und ihre rechtsextremistischen Positionen aufmerksam zu machen und neue Sympathisanten und Mitglieder zu werben. Da, wo sie sich wie bei ihrer Homepage zwangsl\u00e4ufig einem breiten Publikum \u00f6ffnete, gab sie sehr wenig von sich preis. Vielmehr schien die HDJ im Umgang mit der bundesdeutschen Gesellschaft auf gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Abschottung bedacht zu sein. Offenbar suchte die Organisation ganz bewusst neue Mitglieder vor allem in Familien, die bereits der rechtsextremistischen beziehungsweise der Neonaziszene angeh\u00f6rten. Bei den f\u00fcr die HDJ typischen Aktivit\u00e4ten, die sie selbst auf ihrer Homepage als \"Zeltlager und Gro\u00dffahrten in den Ferien\", \"Kanufahrten, Fahrrad191","touren und Wanderungen am Wochenende\", \"regionale Einheitstreffen\", \"Feierund Gedenkstunden\", \"Leistungsm\u00e4rsche\", \"Nachtwanderungen, Schwimmbadbesuche\" sowie \"Liederrunden, Lagerfeuer\" konkretisierte 324 und \u00fcber die im Nachgang im \"Funkenflug\" h\u00e4ufig eingehend berichtet wurde, handelte es sich offenbar um rein interne Veranstaltungen, bei denen eine Au\u00dfenwirkung ganz bewusst vermieden wurde. Wie bei den JN dienten derartige interne Veranstaltungen - das geht aus den entsprechenden Berichten im \"Funkenflug\" immer wieder klar hervor - unter anderem der ideologischen Indoktrination und Selbstvergewisserung der Teilnehmer sowie der Schaffung beziehungsweise Aufrechterhaltung von Kameradschaft, Zusammenhalt und Gemeinschaftsgef\u00fchl innerhalb der HDJ, aber auch einer wehrsport\u00e4hnlich anmutenden K\u00f6rperert\u00fcchtigung der m\u00e4nnlichen HDJ-Mitglieder. Nicht zuletzt dienten sie auch als kurzzeitige, kollektive mentale Flucht aus einer von der HDJ wie von den JN zutiefst abgelehnten westlich-modernen, demokratischen Gegenwart, gegen deren Einfl\u00fcsse man hoffte, sich beziehungsweise seine Kinder auch langfristig in der verschworenen Gemeinschaft Gleichgesinnter abschotten und immunisieren zu k\u00f6nnen. Vor diesem Hintergrund war es bezeichnend f\u00fcr die HDJ, dass sie eigentlich erst im Laufe des Jahres 2008 einer breiteren \u00d6ffentlichkeit bekannt wurde. Und auch diese Steigerung ihres Bekanntheitsgrades kam erst durch xekutive exekutive Ma\u00dfnahmen von staatlichen Beh\u00f6rden zustande: Am 8. August \u00dfnahmen 2008 l\u00f6ste die Polizei ein HDJ-Zeltlager im mecklenburgischen Hohen Sprenz auf. Vorangegangen war eine Durchsuchungsma\u00dfnahme, die belegte, dass es sich bei dem Lager f\u00fcr die rund 40 anwesenden Kinder und Jugendlichen um einen jugendgef\u00e4hrdenden Ort im Sinne des Jugendschutzgesetzes handelte. Als verantwortlicher Leiter gab sich ein BadenW\u00fcrttemberger zu erkennen. Neben ihm waren noch rund zehn Teilnehmer aus Baden-W\u00fcrttemberg anwesend, \u00fcberwiegend Kinder und Jugendliche. Am 9. Oktober 2008 wurden bundesweit R\u00e4umlichkeiten von rund 100 Funktion\u00e4ren und Mitgliedern der HDJ durchsucht. Dabei wurden zahlreiche NS-Devotionalien, Schriftst\u00fccke und Computer beschlagnahmt. Betroffen waren erneut auch Personen aus Baden-W\u00fcrttemberg. Die HDJ wurde am 31. M\u00e4rz 2009 vom Bundesministerium des Innern verboten. Auch in Baden-W\u00fcrttemberg fanden vereinzelt HDJ-Aktivit\u00e4ten statt. Diese wurden konspirativ vorbereitet und ohne Au\u00dfenwirkung durchgef\u00fchrt. 324 HDJ-Homepage vom 25. November 2008. 192","6.2 Sein oder Schein? Immobiliengesch\u00e4fte deutscher Rechtsextremisten In weiten Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft besteht bereits seit Jahrzehnten ein breiter Konsens, rechtsextremistischen Bestrebungen m\u00f6glichst entschieden entgegenzuwirken. So k\u00f6nnen zum Beispiel Anhaltspunkte daf\u00fcr, dass in der eigenen Gemeinde eine rechtsextremistische Organisation oder Einzelperson im Begriff sein k\u00f6nne, eine Immobilie f\u00fcr politisch-ideologische Zwecke langfristig anzumieten oder gar zu erwerben, erhebliche Bef\u00fcrchtungen und entsprechende Reaktionen von demokratischer Seite wachrufen. Die Sorge vor einem Erstarken der \u00f6rtlichen rechtsextremistischen Szene, beispielsweise aufgrund verst\u00e4rkter rechtsextremistischer Rekrutierung im Umfeld einer solchen Immobilie, die auch f\u00fcr nicht vor Ort ans\u00e4ssige Rechtsextremisten eine erhebliche Attraktivit\u00e4t entwickeln und - je nach Art und Funktion des Objektes - zu verst\u00e4rktem Zuzug von Szene-Angeh\u00f6rigen in die Region f\u00fchren kann, paart sich mit der Angst vor vermehrten rechtsextremistischen \u00dcbergriffen, aber auch vor Gegenaktionen gewaltbereiter Linksextremisten, die in handfeste Auseinandersetzungen um die Immobilie ausarten k\u00f6nnten. Au\u00dferdem bangen die betroffenen Kommunen und Regionen um ihren guten Ruf als demokratisches Gemeinwesen, f\u00fcrchten als \"Hochburg des Rechtsextremismus\" abgestempelt zu werden. Aber nicht immer, wenn Meldungen \u00fcber ein vermeintlich bevorstehendes Immobiliengesch\u00e4ft auftauchen, liegt tats\u00e4chlich ein ernsthaftes Kaufoder Nutzungsinteresse von rechtsextremistischer Seite vor. Vielmehr kann es sich auch um ein Scheingesch\u00e4ft handeln, mit dessen Hilfe Rechtsextremisten oder/und die nicht unbedingt der Szene zuzurechnenden Immobilienbesitzer versuchen, aus den oben geschilderten Bef\u00fcrchtungen im Wortsinne Kapital zu schlagen. Im Folgenden sollen die Gr\u00fcnde, die Rechtsextremisten nach Immobilienbesitz streben, aber eben zuweilen auch Scheingesch\u00e4fte t\u00e4tigen lassen, herausgearbeitet werden. Es werden zudem Anhaltspunkte aufgezeigt, anhand derer ein tats\u00e4chliches Kaufinteresse von einem Scheingesch\u00e4ft unterschieden werden kann. 6.2.1 Wozu brauchen Rechtsextremisten Immobilien? Es geht hier selbstverst\u00e4ndlich nicht um Immobilien, die von Rechtsextremisten aus allgemein \u00fcblichen, von ihren politisch-ideologischen Bestre193","bungen nicht tangierten Motiven angemietet oder erworben werden (zum Beispiel zu reinen Wohnzwecken). Entsprechend dimensionierte Immobilien, die Rechtsextremisten als St\u00fctzpunkte und Infrastrukturelemente f\u00fcr politische Aktivit\u00e4ten nutzen, sto\u00dfen lschaftliche immer wieder auf zivilgesellschaftliche Gegenwehr. Nicht zuletzt deshalb genwehr verzeichnen Rechtsextremisten schon seit Jahren zunehmend Schwierigkeiten, geeignete Veranstaltungsorte f\u00fcr Parteiund Vortragsveranstaltungen, Schulungen oder Skinheadkonzerte zu finden. So verweigern potenzielle Vermieter von Versammlungsund Tagungsst\u00e4tten h\u00e4ufig Vermietungen, sobald ihnen der rechtsextremistische Hintergrund des Mieters bekannt wird, was Rechtsextremisten oft dazu veranlasst, von vornherein derartige R\u00e4umlichkeiten inkognito und unter Angabe fingierter Veranstaltungsanl\u00e4sse anzumieten. Dennoch sehen sie sich mit der Erfahrung konfrontiert, dass selbst dieses konspirative Vorgehen nicht immer zum Erfolg f\u00fchrt. Aufgrund dieser Problemlage bem\u00fchen sich Rechtsextremisten zum einen um die langfristige Anmietung von f\u00fcr ihre Zwecke geeignet erscheinenden Objekten. In letzter Konsequenz streben sie aber, zum Teil durchaus mit Erfolg, auch nach dem Erwerb von entsprechendem Immobilieneigentum. Dabei geht es ihnen auch um eine Verankerung vor Ort, um regionale und lokale Pr\u00e4senz, im Idealfall um ein bundesweites Netz von St\u00fctzpunkten in Form von Veranstaltungss\u00e4len, Schulungsr\u00e4umen, \u00dcbernachtungsund Bewirtungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr m\u00f6glichst viele Gesinnungsgenossen, gro\u00dfe Freifl\u00e4chen f\u00fcr Freiluftveranstaltungen etc. Ein solches bundesweites Netz von St\u00fctzpunkten in Form geeigneter Immobilien in Privatbesitz w\u00fcrde die rechtsextremistische Szene unabh\u00e4ngiger machen, zum Beispiel von Boykottund St\u00f6raktionen politischer Gegner. Davon, dass die Szene es geschafft h\u00e4tte, ein solches Netz fl\u00e4chendeckend zu kn\u00fcpfen, kann aber bislang nicht die Rede sein. Ein derartiges Unterfangen w\u00fcrde die heutige rechtsextremistische Szene, auch diejenigen ihrer Protagonisten, die daf\u00fcr \u00fcberhaupt in Frage k\u00e4men, sehr wahrscheinlich finanziell \u00fcberfordern. 6.2.2 Warum t\u00e4tigen Rechtsextremisten Scheingesch\u00e4fte mit Immobilien? nanzielle Solche finanziellen Engp\u00e4sse k\u00f6nnen ein Motiv f\u00fcr Rechtsextremisten sein, robleme ein Kaufinteresse an einer Immobilie nur \u00f6ffentlichkeitswirksam vorzut\u00e4uschen, um die unter den Druck der zu erwartenden gesellschaftlichen Proteste geratene Gemeinde indirekt dazu zu verleiten, das Objekt zum Bei194","spiel im Zuge des Vorkaufsrechts zu einem \u00fcberh\u00f6hten Preis zu erwerben. Ein vorher mit dem Vorbesitzer vereinbarter Anteil am Kaufpreis w\u00fcrde dann quasi als Provision dem rechtsextremistischen \"Agent provocateur\" zuflie\u00dfen. Auf diese Weise k\u00f6nnten die beteiligten Rechtsextremisten wie auch der Vorbesitzer Kapital aus der Sorge der demokratischen Mehrheitsgesellschaft vor der Einrichtung etwa eines \"Nationalen Schulungszentrums\" in ihrer Gemeinde schlagen. Offenbar hat sich diese fragw\u00fcrdige Methode des Immobilienverkaufs unter Eigent\u00fcmern schwer zu verkaufender Immobilien herumgesprochen, denn mittlerweile wurden schon Immobilien angeboten, bei denen die Eigent\u00fcmer den Kontakt zu angeblich rechtsextremistischen Kaufinteressenten lediglich vort\u00e4uschten, um einen besseren Preis zu erzielen. In manchen F\u00e4llen ist der Eindruck nicht von der Hand zu weisen, dass Rechtsextremisten aus der ostentativen Verlautbarung letztlich vorget\u00e4uschter Immobilienkaufabsichten und aus der daraus resultierenden gesellschaftlichen Emp\u00f6rung lediglich \u00f6ffentlich-mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen. Selbst diese ihnen eigentlich negativ gesonnene Aufmerksamkeit betrachten manche Rechtsextremisten offensichtlich nach dem Motto \"Schlechte Presse ist besser als gar keine Presse\" als kostenlose M\u00f6glichkeit zur Steigerung des eigenen Bekanntheitsgrades und zur Verbreitung ihrer rechtsextremistischen Positionen. 6.2.3 Woran erkennt man tats\u00e4chliches Immobilienkaufinteresse von Rechtsextremisten? Grunds\u00e4tzlich gilt: Rechtsextremisten, die sich f\u00fcr den Kauf einer zu welchen Zwecken auch immer genutzten Immobilie tats\u00e4chlich interessieren, legen gerade keinen Wert auf gesteigerte Aufmerksamkeit in der \u00d6ffentlichkeit und auch nicht auf eine Konfrontation mit staatlichen Beh\u00f6rden oder politischen Gegnern. Denn dies sind Faktoren, die einen solchen Kauf letztlich noch verhindern k\u00f6nnten, beispielsweise indem gesellschaftlicher Druck auf Immobilienbesitzer erzeugt wird, von Verk\u00e4ufen an Rechtsextremisten abzusehen. Indizien f\u00fcr reale Immobilienkaufabsichten von rechtsextremistischer Seite liegen zum Beispiel vor, wenn das Gesch\u00e4ft in aller Stille und damit ohne Einschaltung der \u00d6ffentlichkeit vollzogen werden soll, der Verk\u00e4ufer nichts von dem rechtsextremistischen Hintergrund des K\u00e4ufers wei\u00df, die Vertragsbedingungen den markt\u00fcblichen Konditionen entsprechen oder/und der K\u00e4ufer tats\u00e4chlich \u00fcber die n\u00f6tigen finanziellen Mittel verf\u00fcgt. 195","6.2.4 Woran erkennt man Immobilienscheingesch\u00e4fte von Rechts - extremisten? Grunds\u00e4tzlich gilt: Die finanziellen Mittel der rechtsextremistischen Szene sind in der Regel so begrenzt, dass Rechtsextremisten ohnehin nicht alle Immobilien, mit denen sie in der \u00d6ffentlichkeit in Verbindung gebracht werden oder mit denen sie sich selbst in Verbindung bringen, kaufen k\u00f6nnten, selbst wenn sie dies wollten. Das gilt besonders f\u00fcr die meisten rechtsextremistischen Einzelpersonen und Kleinstorganisationen. Aber auch die finanziellen M\u00f6glichkeiten einer im Vergleich dazu relativ mitgliederstarken Organisation wie der NPD sto\u00dfen hier an Grenzen. So befindet sich etwa der baden-w\u00fcrttembergische NPD-Landesverband schon seit Jahren in einer finanziellen Situation, die sechsoder gar siebenstellige Ausgaben f\u00fcr Immobilien sehr wahrscheinlich ausschlie\u00dft, es sei denn, die Landespartei w\u00fcrde dabei von au\u00dfen unterst\u00fctzt. Als m\u00f6gliche Anhaltspunkte f\u00fcr eine nur vorget\u00e4uschte Kaufabsicht kann gewertet werden, wenn die \u00d6ffentlichkeit vom Verk\u00e4ufer und/oder K\u00e4ufer zu einem fr\u00fchen Zeitpunkt ganz gezielt \u00fcber das angebliche Immobiliengesch\u00e4ft informiert, auf ein angeblich geplantes \"Nationales Schulungszentrum\" ausdr\u00fccklich hingewiesen wird, das Objekt - etwa wegen der Lage oder des baulichen Zustands - auf dem freien Markt schwer verk\u00e4uflich ist, eine hohe Diskrepanz zwischen Verkaufspreis und tats\u00e4chlichem Wert besteht oder/und der K\u00e4ufer nicht \u00fcber die n\u00f6tigen finanziellen Mittel verf\u00fcgt. Die hier genannten Anhaltspunkte f\u00fcr ein tats\u00e4chliches Kaufinteresse beziehungsweise f\u00fcr ein Immobilienscheingesch\u00e4ft von Rechtsextremisten k\u00f6nnen nur Indizien, nicht Beweise f\u00fcr das Vorliegen des einen oder des anderen Falles sein. Selbst bei Vorliegen zahlreicher, auf ein Scheingesch\u00e4ft hindeutender Indizien bleibt immer ein zwar geringes, gleichwohl nicht ganz auszuschlie\u00dfendes Restrisiko, dass tats\u00e4chliche Kaufabsichten bestehen. 6.2.5 Beispiele f\u00fcr (versuchte) rechtsextremistische Immobilienge - sch\u00e4fte in Baden-W\u00fcrttemberg 2008 Im April 2008 mietete ein Rechtsextremist ein Geb\u00e4ude in Karlsruhe-Dur - lach an. In der Folge waren kurzzeitig rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten in dem Haus feststellbar. Eine Absicht, das Objekt zu kaufen, bestand allerdings von rechtsextremistischer Seite nie. Zudem untersagte die Stadt Karlsruhe mit Bescheid bereits vom 18. April 2008 die Nutzung des Geb\u00e4udes f\u00fcr Zwecke jeglicher Art. Das Geb\u00e4ude ist seither versiegelt. 196","Ab Anfang Juli 2008 \u00e4u\u00dferte die NPD \u00f6ffentlich Interesse an dem Erwerb eines ehemaligen Hotels in Stra\u00dfberg/Zollernalbkreis, um dort nach eigenen Angaben unter anderem ein Schulungs-, Kommunikationsund Tagungszentrum einzurichten. Wie der finanziell nicht sehr solvente NPDLandesverband dieses Vorhaben finanzieren wollte, blieb allerdings von Beginn an unklar. Im September 2008 erwarben der Zollernalbkreis, die Stadt Albstadt und die Gemeinde Stra\u00dfberg das Objekt. Bereits seit Jahren sorgen rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten in einer ehemaligen Brauereigastst\u00e4tte in Rosenberg-Hohenberg/Ostalbkreis f\u00fcr \u00f6ffentliches Aufsehen. Die Immobilie war bereits im Jahr 2004 von einem \u00f6sterreichischen Rechtsextremisten erworben worden. Danach wurde sie Sitz eines rechtsextremistischen Verlages. Ihr Besitzer avancierte sp\u00e4ter zum stellvertretenden baden-w\u00fcrttembergischen NPD-Landesvorsitzenden. Der NPD-Landesverband richtete in dem Objekt 2007 eine eigene Landesgesch\u00e4ftsstelle ein. Im Jahr 2008 wurden Verkaufsverhandlungen zwischen dem Eigent\u00fcmer und der Gemeinde aufgenommen, die in den Abschluss eines Kaufvertrags m\u00fcndeten. Mit einem Eigent\u00fcmerwechsel ist im Laufe des Jahres 2009 zu rechnen. 197","E. LINKSEXTREMISMUS 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen Nach den Protesten gegen das G8-Treffen in Heiligendamm im Juni 2007, die das linksextremistische Spektrum bereits Monate im Voraus in Atem gehalten hatten, fehlte 2008 ein vergleichbares Gro\u00dfereignis. Einen Versuch, an die Mobilisierungserfolge des Vorjahres anzukn\u00fcpfen, bildeten die so genannten Perspektiventage vom 17. bis 20. Januar 2008 in Berlin, auf denen ein \"Aktionsfahrplan 2008/2009\" entwickelt wurde. Ihm zufolge standen die allj\u00e4hrlich stattfindende M\u00fcnchener Konferenz f\u00fcr Sicherheitspolitik im Februar 2008 sowie vier bundesweite Protestcamps auf der Tagesordnung. Die Beteiligung an zwei \"antimilitaristischen\" Camps in Brandenburg und Rheinland-Pfalz sowie an dem als \"Doppelcamp\" konzipierten \"Antirassismusund Klimacamp\" vom 16. bis 24. August 2008 in Hamburg offenbarte jedoch ein deutlich gesunkenes Interesse. Mit Bekanntwerden der geplanten Jubil\u00e4umsveranstaltung in Stra\u00dfburg (Frankreich) und Baden-Baden aus Anlass des 60-j\u00e4hrigen Bestehens der NATO k\u00fcndigte sich f\u00fcr April 2009 ein neuer Brennpunkt f\u00fcr Linksextremisten an. Vorbereitungen von Protestma\u00dfnahmen der Szene liefen schon 2008 an und fanden in einer zunehmenden, auch internationalen Vernetzung ihren Niederschlag. Es zeichnete sich schon bald deutlich ab, dass der NATO-Gipfel 2009 f\u00fcr das linksextremistische Spektrum in \u00e4hnlicher Weise zu einem Schl\u00fcsselereignis werden soll wie das G8-Treffen in Heiligendamm. Nicht zuletzt strafrechtliche Ma\u00dfnahmen im Zusammenhang mit den Protesten von Heiligendamm haben dem zuvor schon virulenten Thema \"staatKritik an liche Repression\" f\u00fcr Linksextremisten neue Dynamik verliehen. In der Disgeblicher kussion um den seit den Terroranschl\u00e4gen vom September 2001 angeblich olitischer staatlicherseits gezielt vorangetriebenen Ausbau des \"\u00dcberwachungsstaates\" epression trat 2008 als weiterer Baustein der Entwurf eines neuen Versammlungsgees Staates setzes f\u00fcr Baden-W\u00fcrttemberg hinzu, der in der linksextremistischen Szene zu heftigen Reaktionen f\u00fchrte. Diese nach deren Meinung zunehmende \"Repression\" korrespondierte aus Sicht der Szene mit einer zunehmenden \"Militarisierung\" Deutschlands. Im Mittelpunkt des Protests stand deshalb der Bundeswehreinsatz in Afghanistan als Ausdruck \"imperialistischer\" Bestrebungen Deutschlands. 198","Als Anlass f\u00fcr historische R\u00fcckblicke wurde das Jahr 2008 eher verhalten historische genutzt. Der parteinahe Hochschulverband der Partei \"DIE LINKE.\", der R\u00fcckblicke \"Sozialistisch-Demokratische Studierendenverband\" (DIE LINKE.SDS) , veranstaltete einen Kongress zum Thema \"40 Jahre 1968. Bilanz und Perspektiven\" 325 mit vielf\u00e4ltigen Veranstaltungen. Im Vorwort der zu diesem Kongress ver\u00f6ffentlichten Brosch\u00fcre wurde unter anderem bilanziert, \"dass das zentrale Emanzipationsversprechen der 68er unerf\u00fcllt blieb.\" Der Kapitalismus sei \"nicht \u00fcberwunden, im Gegenteil, in den letzten Jahren noch verst\u00e4rkt worden.\" Die \"68er Revolution\" stand im Mittelpunkt der historischen R\u00fcckschau, doch erinnerten Szenepublikationen auch an den 90. Jahrestag der \"Oktoberrevolution\" in Russland, die \"Novemberrevolution\" in Deutschland oder die Ereignisse um den \"Prager Fr\u00fchling\". Im Vorgriff auf auch im Jahr 2009 anstehende historische Daten stellte man sich bereits auf weitere \"geschichtspolitische\" Auseinandersetzungen ein. \"Antifaschismus\" als kontinuierliches Aktionsfeld von Linksextremisten erhielt im Jahr 2008 durch verst\u00e4rkte tats\u00e4chliche oder vermeintliche Versuche von Rechtsextremisten, Immobilien zur Errichtung von Schulungszentren zu erwerben, eine besondere Akzentuierung. In Baden-W\u00fcrttemberg standen Auseinandersetzungen um ein m\u00f6gliches \"Nazi-Zentrum\" in Karlsruhe-Durlach im Mittelpunkt des Interesses. Die \"soziale Frage\" blieb demgegen\u00fcber im Hintergrund. Die Teilnehmerzahlen bei nach wie vor stattfindenden \"Montagsdemos\" bewegten sich maximal im zweistelligen Bereich. Die dominierende Rolle der \"Marxis - tisch-Leninistischen Partei Deutschlands\" (MLPD) machte den Besuch dieser Veranstaltungen selbst f\u00fcr Sympathisanten aus dem linksextremistischen Lager wenig attraktiv. Auch bei der mittlerweile \"5. bundesweiten Demonstration gegen die Regierung\" unter dem Motto \"Wer sich gegen Armut und Unterdr\u00fcckung wehrt, lebt ehrenwert!\" 326 am 8. November 2008 in Berlin war die Teilnehmerzahl weiter r\u00fcckl\u00e4ufig. Im Herbst 2008 r\u00fcckte die aktuelle Finanzkrise zunehmend in den Mittelpunkt. Linksextremisten sahen in diesem nach ihrer Lesart gr\u00f6\u00dften Desaster der \"b\u00fcrgerlichen Demokratie\" seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 eine Bankrotterkl\u00e4rung des Kapitalismus. Die Krise des europ\u00e4ischen und des US-Bankensystems sei eine \"Bruchlandung der 'freien Marktwirtschaft', des Kapitalismus\".327 Man sah sich in den eigenen Vorhersagen und Analy325 Hier und im Folgenden: DIE LINKE.SDS (Hrsg.): 40 Jahre 1968. Bilanz und Perspektiven. Reader zum Kongress. Berlin 2008, S. 1. 326 Zum Beispiel \"Rote Fahne\" Nr. 29 vom 18. Juli 2008, S. 3. 327 Hier und im Folgenden: Presseerkl\u00e4rung der \"Deutschen Kommunistischen Partei\" (DKP); Internetauswertung vom 16. Oktober 2008. 199","sen best\u00e4tigt und nahm die aktuelle Entwicklung zum Anlass, vor dem Hintergrund des vermeintlichen Versagens des Kapitalismus auf die angeblich bessere Alternative eines sozialistischen Gesellschaftssystems hinzuweisen. nungen auf Linksextremisten werden die sozialen Auswirkungen der Finanzkrise im auf durch Zuge der 2009 anstehenden Kommunalwahlen in Baden-W\u00fcrttemberg nanzkrise sowie der Bundestagsund der Europawahlen ausf\u00fchrlich thematisieren und versuchen, aus der aktuellen Stimmungslage politischen Profit zu schlagen. Vor allem die Partei \"DIE LINKE.\", die unbeschadet ihrer verfassungsfeindlichen Ausrichtung nach betr\u00e4chtlichen Wahlerfolgen im Jahr 2008 erstmals in mehrere westdeutsche Landesparlamente einzog, erhofft sich eine weitere Best\u00e4rkung ihres bundesweiten Aufw\u00e4rtstrends. Die Auseinandersetzungen um \u00c4u\u00dferungen eines Mitglieds der \"Deutschen Kommunisti - schen Partei\" (DKP) zur Einf\u00fchrung einer Stasi-Nachfolgeinstitution, das bei den Landtagswahlen in Niedersachsen Anfang 2008 \u00fcber die offene Liste der Partei \"DIE LINKE.\" ein Mandat erreicht hatte, lenkte die Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit auf das Verh\u00e4ltnis der Partei \"DIE LINKE.\" zu Kommunisten. Eine Zusammenarbeit mit der DKP bei Wahlen hat die Partei zwar auf ihrem Parteitag in Cottbus vom Mai 2008 f\u00fcr die Bundesund die Landesebene ausgeschlossen, dabei jedoch die kommunale Ebene offen gelassen. In Baden-W\u00fcrttemberg zeichnen sich bereits regional unterschiedliche L\u00f6sungen ab. Weitere Kandidaturen bei den Landtagswahlen 2008 haben im \u00dcbrigen gezeigt, dass ein Zusammenwirken mit der DKP f\u00fcr die Partei \"DIE LINKE.\" kein wirkliches Problem darstellt. So kandidierte in Hamburg auf der Wahlliste der Partei \"DIE LINKE.\" unter anderem ein hochrangiges DKP-Mitglied. 2. \u00dcbersicht in Zahlen 2.1 Personenpotenzial Das Personenpotenzial des linksextremistischen Spektrums ist auch 2008 weitgehend konstant geblieben. Gro\u00dfkampagnen wie die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm hatten in dieser Hinsicht keine messbaren Auswirkungen. 200","Linksextremistisches Personenpotenzial in Deutschland und Baden-W\u00fcrttemberg im Zeitraum 2006 - 2008 Weiterhin deutlichen Mitgliederzulauf verzeichnete die Partei \"DIE LINKE.\". Ihr Aufw\u00e4rtstrend als drittgr\u00f6\u00dfte Partei in Deutschland setzte sich fort. Dies wurde durch die Ergebnisse der Landtagswahlen in Hessen, \"DIE LINKE.\" Niedersachsen und Hamburg unterstrichen, mit denen die Partei 2008 erstmit Mitgliedermals Einzug in mehrere westdeutsche Landesparlamente hielt. Allerdings zuwachs werden bislang um weiterer Erfolge willen unausgetragene innerparteiliche Konflikte zur\u00fcckgestellt. Es bleibt daher abzuwarten, ob sich die derzeitige Entwicklung auch in Zukunft fortsetzen wird. Parteien wie die \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschland\" (MLPD) oder die \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) k\u00f6nnen realistischerweise bereits seit Jahren keine ernsthaften Mitgliederzuw\u00e4chse verzeichnen. Hier wie auch bei der \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.\" (VVN-BdA) stehen Kampagnen zur Mitgliedergewinnung im Vordergrund, allerdings ohne sp\u00fcrbaren Erfolg. Auch wenn es im Jahr 2008 vereinzelt zur Gr\u00fcndung neuer Gruppierungen kam, d\u00fcrfte sich das Personenpotenzial der Autonomen im Ganzen nur 201","unwesentlich ver\u00e4ndert haben. Die Szene lebt unver\u00e4ndert von der hohen Mobilisierungskraft des Themenfelds \"Antifaschismus\", verst\u00e4rkt aber auch vom Kampf gegen die vermeintlich vom Staat ausgehende \"politische Repression\" oder vom Engagement f\u00fcr \"selbstbestimmte\", das hei\u00dft staatlichem Einfluss und \u00f6ffentlicher Kontrolle bewusst entzogene Lebensund Freir\u00e4ume. 2.2 Strafund Gewalttaten Bei den linksextremistischen Strafund Gewalttaten gab es eine zweigeteilte Entwicklung. W\u00e4hrend die Gewalttaten im Land im Jahr 2008 sanken und damit weiterhin r\u00fcckl\u00e4ufig waren, stieg die Zahl der Straftaten. F\u00fcr den R\u00fcckgang der Gewalttaten d\u00fcrften die r\u00fcckl\u00e4ufigen rechtsextremistischen Aktivit\u00e4ten urs\u00e4chlich gewesen sein, f\u00fcr den Anstieg der Straftaten hingegen vor allem der Protest der linksextremistischen Szene gegen die vermeintlich insbesondere gegen die \"Linke\" gerichtete, zunehmende \"politische Repression\" des Staates. Die r\u00fcckl\u00e4ufigen Zahlen d\u00fcrfen nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass bei einzelnen, anlassbezogenen Aktionen wie etwa der \"Revolution\u00e4ren 1. MaiDemo\" in Stuttgart ein weiterhin hohes Aggressionspotenzial sichtbar wurde. litisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Links sowie ksextremistische Strafund Gewalttaten im Jahr 2008 202","3. Gewaltbereiter Linksextremismus Die Verfolgung politischer Ziele auch durch den Einsatz von Gewalt geh\u00f6rt zu den Grundpfeilern des politischen Selbstverst\u00e4ndnisses autonomer Gruppen. Bei den Protesten in Heiligendamm schien der schwarze Block - erstmals seit Jahren aufgrund seiner Massivit\u00e4t wieder bundesweit in der \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen - ein Wiedererwachen der autonomen Szene zu symbolisieren. Diese trat 2008 mangels vergleichbarer \"Events\" deutlich weniger in Erscheinung. Ihre Militanzbereitschaft ist gleichwohl ungebrochen und richtete sich erneut haupts\u00e4chlich gegen Rechtsextremisten. Das zeigte vor allem das regionale Demonstrationsgeschehen. Ein H\u00f6hepunkt an Aggressivit\u00e4t und Gewaltanwendung war die von schweren Krawallen begleitete Demonstration zum 1. Mai 2008 in Hamburg, bei der \u00fcber 1.000 Autonome gegen mehrere hundert Rechtsextremisten gewaltt\u00e4tig vorgingen. Dabei gelang es ihnen, den Aufzug der Rechtsextremisten massiv zu st\u00f6ren. Von den Ausschreitungen linksextremistischer Gewaltt\u00e4ter waren jedoch mehr noch die eingesetzten Polizeikr\u00e4fte betroffen. Auch eine unter dem Motto \"Gegen Polizeigewalt und -willk\u00fcr! Don't hide! Gegen jede Repression!\" 328 am 31. Mai 2008 in Neustadt an der Weinstra\u00dfe (Rheinland-Pfalz) durchgef\u00fchrte Demonstration thematisierte explizit \"polizeiliche Repression\". Die Kundgebung war eine Reaktion auf \"Provokationen, Gewalttaten und Misshandlungen durch die Bullen am 1. Mai\" 329. Sie richtete sich gegen polizeiliches Handeln bei der Neust\u00e4dter Demonstration am 1. Mai 2008, an der auch Angeh\u00f6rige der linksextremistischen Szene aus dem Rhein-Main-Gebiet (M Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe) teilgenommen hatten. Zur eigenen Rechtfertigung behaupten Linksextremisten immer wieder, dass ihre Anwendung von Gewalt lediglich eine Reaktion auf angeblich von der Polizei ausgehende Provokationen sei. Autonome \"Gegenwehr\" wird als \"legitime\" Antwort auf angeblich vom Staat ausgehende Gewalt dargestellt, die sich gezielt vor allem gegen \"Linke\" richte. So schrieb die Szeneschrift \"break-out\" der \"Antifaschistischen Initiative Heidelberg\" (AIHD) in Auseinandersetzung mit dem Gerichtsverfahren gegen den Anmelder der Demonstration zum 1. Mai 2007 in Stuttgart, bei der es ebenfalls zu gewaltsamen Aktionen gekommen war: \"Die Kreuzung wurde aufgrund des massiven und provokanten Polizeiaufgebots kurzzeitig blockiert, um ein Ende der Polizeischikanen zu erreichen.\" 330 328 \"break-out. monatsschrift der AIHD\" (\"Antifaschistische Initiative Heidelberg\") Nr. 6/2008, S. 3. 329 Ebd. 330 \"break-out. monatsschrift der AIHD\" Nr. 9/2008, S. 7. 203","In der gleichen Ausgabe hie\u00df es im Zusammenhang mit einer Demonstration gegen Abschiebungen in Mannheim vom 30. August 2008: \"(...) die Polizei hielt sich dezent im Hintergrund. Trotzdem wurde - wie so oft in Mannheim - wieder einmal durch den Einsatz berittener Bullen provoziert. Diese bedr\u00e4ngten mehrfach DemonstrantInnen und versuchten, mit ihren Pferden immer wieder in den hinteren Teil der Demo zu reiten. Die ewalt als dadurch massiv gef\u00e4hrdeten DemoteilnehmerInnen Abwehr beschwerten sich lautstark, so dass die Situation in lizeilicher einem heftigen Streit eskalierte. Vom LautsprecherWillk\u00fcr\" wagen wurde die Polizei mehrmals aufgefordert, die Provokationen zu unterlassen.\" 331 Zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam es auch aus Anlass der Proteste gegen das \"Maieinsingen\" der Burschenschaften in T\u00fcbingen am 30. April 2008 oder bei der im Anschluss an die traditionelle 1. Mai-Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Stuttgart durchgef\u00fchrten Demonstration der \"Initiative f\u00fcr einen revolution\u00e4ren 1. Mai in Stuttgart\". Heftige Kritik erfuhr der Gesetzentwurf der Landesregierung f\u00fcr ein neues Versammlungsgesetz in Baden-W\u00fcrttemberg, unter anderem weil dieser, \u00e4hnlich wie im bayerischen Gesetz, ein \"Militanzverbot\" vorsehe, das durchation gegen zusetzen Sache des Versammlungsleiters sei. Dieses \"Militanzverbot\" tanues Vergiere einen Grundkonsens der linksextremistischen Szene, dem zufolge bei mlungsgesetz Demonstrationen alle \"Aktionsformen\" einschlie\u00dflich Gewalt toleriert werden. So kommentierte die \"Autonome Antifa Freiburg\", durch diese \"divide et impera-Strategie\" w\u00fcrde \"eine Spaltung entlang der Gewaltfrage forciert. (...)\".332 Weiter hei\u00dft es: \"Ganz allgemein erkennen wir das Gewaltmonopol des Staates nicht an, denn 'Militanz, die sich durch angemessene Zielgerichtetheit, permanente Selbstreflexion, konsequente Abw\u00e4gung und hohes Verantwortungsbewusstsein der Agierenden auszeichnet, betrachten wir (...) als legitimes Mittel im 331 Ebd., S. 6. 332 Hier und im Folgenden: \"break-out. monatsschrift der AIHD\" Nr. 9/2008, S. 9f. 204","Kampf um Befreiung.' (Zitat aus dem Selbstverst\u00e4ndnis der Antifaschistischen Initiative Heidelberg aus dem Jahre 2001).\" Insbesondere gegen \"Nazis\" gilt die Anwendung aller Mittel, also auch von Gewalt, weiterhin als legitim und gerechtfertigt. So l\u00e4sst beispielsweise die Schilderung von Vorf\u00e4llen im Zusammenhang mit der \"Antifa-Demonstration\" in Pforzheim am 23. Februar 2008 anl\u00e4sslich der allj\u00e4hrlichen Fackelmahnwache von Rechtsextremisten zur Erinnerung an die Bombardierung dieser Stadt am 23. Februar 1945 die Anwendung von Gewalt wie eine notwendige Begleiterscheinung der Proteste erscheinen: \"W\u00e4hrend und nach der Spontandemonstration [sc. auf dem Wartberg] zogen verschiedene Gruppen durch die Pforzheimer Innenstadt. Dabei wurden einige geschichtsrevisionistische Gedenktafeln zerst\u00f6rt, M\u00fclltonnen angez\u00fcndet und auf den Stra\u00dfen kleinere Barrikaden errichtet. Die Aktion ist im Gro\u00dfen und Ganzen als Erfolg zu werten (...).\" 333 Insgesamt h\u00e4tten die Kampagne und der Aktionstag gegen die \"Nazis\" gezeigt, \"dass wir [sc. die \"Autonome Antifa\"] ihre Aktionen nicht dulden werden.\" Der Aufruf zur erw\u00e4hnten Demonstration in Neustadt an der Weinstra\u00dfe weiterhin Gewalt vom 1. Mai 2008, bei der es gelang, durch eine Sitzblockade des militanten gegen \"Nazis\" autonomen Spektrums einen Aufzug von Rechtsextremisten schon nach wenigen Metern zu verhindern, bot Gelegenheit, noch einmal grunds\u00e4tzlich darauf abzuheben, dass \"sich der aktive Antifaschismus nicht blo\u00df beim passiven Bek\u00e4mpfen von Naziaufm\u00e4rschen aufreiben\" 334 k\u00f6nne. \"Antifaschismus in einem radikal-linken Sinn\" bedeute \"stets einen offensiven Umgang mit Nazismus in jeder Form. (...) Erst in der \u00dcberwindung des Kapitalismus\" werde sich \"auch die \u00dcberwindung des Antisemitismus, Rassismus und Sexismus ergeben - auch wenn all diese Ph\u00e4nomene hier und jetzt schon offensiv angegangen werden\" m\u00fcssten. An \"Tagen wie dem 1. Mai\" gelte \"daher das Wort von Marx erst recht: 'Die Waffe der Kritik kann die Kritik der Waffen nicht ersetzen'\". 333 Hier und im Folgenden: \"break-out. monatsschrift der AIHD\" Nr. 3/2008, S. 4f. 334 Hier und im Folgenden: \"break-out. monatsschrift der AIHD\" Nr. 4/2008, S. 11f. 205","4. Parteien und Organisationen 4.1 \"DIE LINKE.\" Gr\u00fcndung: Hervorgegangen aus der 1946 gegr\u00fcndeten SED, danach mehrfach umbenannt, zuletzt am 16. Juni 2007 nach dem Beitritt der WASG Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 2.600 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 2.200) ca. 76.000 Bund (2007: ca. 70.900) Publikationen: \"Disput\", \"Clara\", \"Landesinfo Baden-W\u00fcrttemberg\" Die Partei \"DIE LINKE.\" ist unver\u00e4ndert eine linksextremistische Organisation, wenngleich nicht jedes Parteimitglied als linksextremistisch gelten kann. Sie bietet nach wie vor unterschiedlichen politischen Str\u00f6mungen eine Heimat, die sich allerdings im Ziel der letztendlichen System\u00fcberwindung nicht unterscheiden. Umstritten ist jedoch der Weg zum Ziel. Infolgedessen ist zwischen den Polen \"Transformation\" \u00fcber Reformen und \"Fundamentalopposition\" gegen das bestehende System insbesondere die Frage der Regierungsbeteiligung und ihrer Voraussetzungen stark umstritten. Innerparteiliche Str\u00f6mungen, die eine strategische Festlegung auf die Oppositionsrolle innerhalb und au\u00dferhalb des Parlaments bef\u00fcrworten, erhalten sogar weiteren Zulauf. Dies gilt namentlich f\u00fcr die \"Kommunistische Plattform\" (KPF), deren Mitgliederzahl sich nach eigenen Angaben um mehr als 100 auf 961 erh\u00f6ht hat. Der Bundessprecherrat erkl\u00e4rte, mit der Konzentration auf bestimmte Schwerpunkte der KPF unter anderem dazu beitragen zu wollen, \"das Bewusstsein wieder zu beleben oder (...) zu bewahren und zu vertiefen, dass (...) - trotz der ungeheuren Niederlage des Sozialismus im 20. Jahrhundert - dieser den einzigen Ausweg aus der zunehmenden Barbarei der Ausbeutergesellschaft darstellt.\" 335 In ihrer Beschlussfassung zu den Schwerpunktaufgaben bezeichnete die KPF es als eine wesentliche Aufgabe, im kommenden Parteiprogramm der Partei \"DIE LINKE.\" auf die \"Verankerung der eindeutigen gesellschaft335 Referat des Sprecherrates auf der Bundeskonferenz am 22. November 2008; Internetauswertung vom 17. Februar 2009. 206","lichen Alternative zum kapitalistischen Gesellschaftssystem\" hinzuwirken und betonte ausdr\u00fccklich und gerade \"in Anbetracht zunehmender Stigmatisierung durch die b\u00fcrgerlichen Medien\" weiterhin mit Marxisten, insbesondere der DKP, zusammenarbeiten zu wollen.336 In einer Stellungnahme zum Umgang mit der Geschichte schrieb der \u00c4ltestenrat der Partei unter anderem: \"Eine echte Transformation aber kann in historischer Perspektive nur die Abl\u00f6sung der kapitalistischen durch eine sozialistische Gesellschaftsordnung bedeuten.\" 337 Ein Thesenpapier aus den Reihen des Bundessprecherrates der \"Sozialisti - schen Linken\" (SL) enthielt unter anderem die Passage: \"DIE LINKE muss zugleich reformistisch und antikapitalistisch sein. Reformistisch nicht im Sinne einer Beschr\u00e4nkung der Forderungen und Perspektiven auf den Rahmen des kapitalistischen Systems und der Vermeidung des Kampfes gegen die Herrschaft des Kapitals. (...) Sondern im Sinne eines entschiedenen Kampfes f\u00fcr soziale Reformen und gegen Herrschaftspositionen des Kapitals hier und jetzt und der Verbindung und Ausrichtung dieses Kampfes auf die \u00dcberwindung des Kapitalismus und den Aufbau einer demokratisch-sozialistischen Gesellschaft.\" 338 Unter den offen extremistischen Str\u00f6mungen innerhalb der Partei \"DIE LINKE.\", zu denen neben KPF und SL das \"Marxistische Forum\" (MF) und Kampf offen die \"Antikapitalistische Linke\" (AKL) geh\u00f6ren, gab es sowohl im Vorfeld extremistischer des Cottbuser Parteitages als auch im weiteren Verlauf des Jahres 2008 Str\u00f6mungen um Bestrebungen, auf gemeinsame politische Standpunkte hinzuarbeiten und verst\u00e4rkten damit das Gewicht dieser Richtung innerhalb der Gesamtpartei zu erh\u00f6hen. Einfluss Die Str\u00f6mungen k\u00f6nnen ihre politischen Aktivit\u00e4ten weiterhin unbehindert verfolgen. Unter ihnen sind die KPF, der \"Geraer Dialog/Sozialistischer 336 \"Schwerpunktaufgaben der Kommunistischen Plattform in den n\u00e4chsten Monaten. Beschluss der 14. Bundeskonferenz\" vom 22. November 2008; Internetauswertung vom 17. Februar 2009. 337 \"Anregungen des \u00c4ltestenrats der Partei DIE LINKE zum Umgang mit der Geschichte\". In: Bulletin des \"Geraer Dialogs/Sozialistischer Dialogs\", Ausgabe 15 vom Oktober 2008, S. 6. 338 \"Bankrott des Neoliberalismus - Aufgaben der LINKEN\". Diskussionsthesen eines Mitglieds des Bundessprecherrates der Sozialistischen Linken und der Programmkommission der Partei \"DIE LINKE.\" vom Dezember 2008; Internetauswertung vom 17. Februar 2009. 207","Dialog\" (GD/SD) und die \"Sozialistische Linke\" (SL) von der Gesamtpartei offiziell als bundesweite Zusammenschl\u00fcsse anerkannt. Damit verbunden ist zugleich auch eine finanzielle F\u00f6rderung. All diesen Gruppierungen ist gemeinsam, dass sie mehr oder weniger unverbr\u00e4mt den Systemwechsel im Sinne der \u00dcberwindung der bestehenden Gesellschaftsund Herrschaftsverh\u00e4ltnisse propagieren. Nicht minder deutlich formulierte aber auch der parteinahe Jugendverband \"Linksjugend [s' olid]\" in seinem auf dem ersten Bundeskongress in Leipzig vom 4. bis 6. Mai 2008 verabschiedeten Programm: \"Wir wollen eine kooperative Wirtschaft, in einer von Mitbestimmung und Freiheit gepr\u00e4gten Gesellschaft, nicht in ferner Zukunft, sondern so schnell wie m\u00f6glich! Die \u00dcberwindung kapitalistischer Prondverband duktionsund Herrschaftsverh\u00e4ltnisse ist daf\u00fcr notmpft f\u00fcr wendig. (...) Als SozialistInnen, KommunistInnen, assenlose AnarchistInnen k\u00e4mpfen wir f\u00fcr eine libert\u00e4re, klassellschaft senlose Gesellschaft jenseits von Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat. (...) Linke Organisierung ist f\u00fcr uns kein Hobby oder eine jugendliche Phase, sondern notwendiger Widerstand gegen die herrschenden Verh\u00e4ltnisse. Dabei setzen wir auf massenhaften Widerstand, die Selbstorganisation in Betrieben, Schulen und Hochschulen und die bewusste Aktion der organisierten Mehrheit der Bev\u00f6lkerung zur Umw\u00e4lzung der Verh\u00e4ltnisse. Banken und Konzerne m\u00fcssen in \u00f6ffentliches Eigentum \u00fcberf\u00fchrt werden (...). Unser Kampf gilt dem Kapitalismus, f\u00fcr ein ganz anderes Ganzes - f\u00fcr eine Gesellschaft, in der die Menschen ihr Leben endlich selbst gestalten k\u00f6nnen. So radikal wie die Wirklichkeit - leben wir den Widerstand.\" Nicht nur, dass das Programm wiederholt die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln fordert; die instrumentelle Sichtweise auf den Parlamentarismus belegt auch die Ablehnung des repr\u00e4sentativ-demokratischen Regierungssystems: 208","\"Wir wollen die B\u00fchne des Parlamentarismus f\u00fcr den Kampf um eine gerechtere Welt nutzen, uns aber nicht der Illusion hingeben, dass dort der zentrale Raum f\u00fcr reale Ver\u00e4nderung sei. Gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen finden schwerpunktm\u00e4\u00dfig au\u00dferhalb der Parlamente statt. Das gilt sowohl bei der Durchsetzung von Kapitalinteressen als auch f\u00fcr soziale Errungenschaften. Nur die au\u00dferparlamentarische Bewegung kann reale Ver\u00e4nderungen herbeif\u00fchren.\" Offen extremistische Strukturen haben weiterhin in der Partei \"DIE LINKE.\" unbestritten ihren Platz. Selbst f\u00fchrende Repr\u00e4sentanten des Bundesvorstandes der Partei demonstrieren Solidarit\u00e4t mit verfassungsfeindlichen Organisationen. So war eine der stellvertretenden Parteivorsitzenden Ende 2007 zusammen mit weiteren f\u00fchrenden Mitgliedern in die linksextremistische \"Rote Hilfe e.V.\" eingetreten. In einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung dazu hie\u00df es: \"Wir sind heute geschlossen in die 'Rote Hilfe' e. V. eingetreten, um der Solidarit\u00e4tsorganisation demonstrativ zur Seite zu stehen. In Zeiten, in denen Teile der Exekutive linkes Engagement kriminalisieren, anstatt sich aktiv der Aufkl\u00e4rung und strafrechtlichen Verfolgung neofaschistischer Gewalttaten zu widmen, muss die Unterst\u00fctzung politisch Verfolgter aus dem linken Spektrum wachsen. Wenn Menschen auf Grund ihres politischen Handelns, wegen kritischer Schriften, spontaner Streiks oder der Unterst\u00fctzung politischer Gefangener ihren Arbeitsplatz verlieren, vor Gericht gestellt und verurteilt werden, muss Solidarit\u00e4t sichtbar werden. Unsere Unterst\u00fctzung der Roten Hilfe soll zugleich ein Beitrag zur St\u00e4rkung der au\u00dferparlamentarischen Bewegung sein. Alle, die sich an Protestaktionen beteiligen, sollen das in dem Bewusstsein tun k\u00f6nnen, dem staatlichen Machtapparat nicht alleine gegen\u00fcberzustehen.\" 339 339 Internetauswertung vom 10. Dezember 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 209","Unter dem Motto \"Widerstehen. Sagen, was ist. Die Politik ver\u00e4ndern\" hielt die Partei \"DIE LINKE.\" am 24./25. Mai 2008 in Cottbus ihren ersten Bundesparteitag seit dem Beitritt der Partei \"Arbeit & soziale Gerechtigkeit - Die Wahlalternative\" (WASG) im Juni 2007 ab. Wichtigste Tagesordnungspunkte waren die Neuwahl des Vorstands und die Verabschiedung des Leitantrags. Die beiden bisherigen Parteivorsitzenden wurden mit 81,3 und 78,5 Prozent wiedergew\u00e4hlt. Bis auf eine Person wurden auch die stellvertretenden Parteivorsitzenden best\u00e4tigt. Aus Baden-W\u00fcrttemberg wurden vier Parteimitglieder in den erweiterten Bundesvorstand gew\u00e4hlt. Im Ergebnis blieb die personelle Kontinuit\u00e4t auch im neuen Bundesvorstand weitgehend erhalten. Ebenfalls erneut best\u00e4tigte Funktion\u00e4re der fr\u00fcheren \"Linkspartei.PDS\" besetzen mit der Stelle des Bundesschatzmeisters und des Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrers weitere Schl\u00fcsselpositionen in der Partei. Von den insgesamt 44 Personen des alten Parteivorstands wurden 37 wiedergew\u00e4hlt. Im Zuge der Neuwahl von sieben ausgeschiedenen Mitgliedern vollzog sich zugleich eine weitere Kr\u00e4fteverschiebung zugunsten der fr\u00fcheren \"Linkspartei.PDS\" und zu Lasten der vormaligen WASG. Die meisten Stimmen auf einer eigenen Frauenliste erhielten das f\u00fchrende Mitglied der KPF, Sahra WAGENKNECHT, mit 70,5 Prozent, und mit zwei Mitgliedern von \"marx21-Netzwerk f\u00fcr internationalen Sozialismus\" (ehemals \"Linksruck\") auch zwei Trotzkistinnen mit 68,8 beziehungsweise 57,3 Prozent der abgegebenen Stimmen. tzkisten im Dem 44 Personen umfassenden Bundesvorstand geh\u00f6ren insgesamt drei desvorstand Trotzkisten an. Von diesen \u00e4u\u00dferte einer in einem Interview mit der linksextremistischen Tageszeitung \"junge Welt\" auf die Frage, was es heute hei\u00dfe, revolution\u00e4r zu sein, unter anderem, dies bedeute, \"die bestehenden Verh\u00e4ltnisse grundlegend in Frage zu stellen (...), Menschen \u00fcber die Situation aufzukl\u00e4ren, in der sie leben, ihnen politisches Bewusstsein zu vermitteln. Und: Sich am Aufbau von Widerstandsund Gegenmachtstrukturen zu beteiligen.\" 340 Auf die Bankenkrise angesprochen, stellte er im Zusammenhang mit m\u00f6glichen Notma\u00dfnahmen einer Verstaatlichung die \"Macht und Systemfrage\": 340 Hier und im Folgenden: \"junge Welt\" Nr. 254 vom 30./31. Oktober 2008, S. 8; \u00dcbernahme wie im Original. 210","\"Damit steht die Partei pl\u00f6tzlich vor einer gro\u00dfen Verantwortung: Entweder Diktatur des Finanzkapitals oder Diktatur \u00fcber das Finanzkapital.\" Bei der derzeit im Raum stehenden Idee einer Verstaatlichung komme es darauf an, \"nicht nur die von der Krise betroffenen Teile der Unternehmen in staatliche Verwaltung zu \u00fcbernehmen, sondern auch die florierenden. Das gesamte Spektrum der Banken und Versicherungen muss \u00fcbernommen werden.\" Derartig deutliche \u00c4u\u00dferungen aus den Reihen des Bundesvorstandes stehen keineswegs im Widerspruch zum Inhalt des auf dem Parteitag mit gro\u00dfer Mehrheit verabschiedeten Leitantrags \"Eine starke Linke f\u00fcr eine andere, bessere Politik\". Darin hei\u00dft es unter anderem: \"Die neue LINKE eint die Auffassung, dass die bestehenden kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse nicht das letzte Wort der Geschichte sind, dass demokratischer Sozialismus m\u00f6glich und n\u00f6tig ist (...).\" An anderer Stelle hei\u00dft es weiter: \"Eine Gesellschaft, die sich in ihrem wirtschaftlichen und sozialen Wohlergehen immer st\u00e4rker von wenigen gro\u00dfen wirtschaftlichen Machtzusammenballungen abh\u00e4ngig macht, ist f\u00fcr die Partei DIE LINKE keine erstrebenswerte Gesellschaft, sondern die Aufforderung, die Frage nach den Regeln des Systems zu stellen und \u00fcber das bestehende System hinauszugehen.\" Die Pr\u00e4senz von Angeh\u00f6rigen fr\u00fcherer K-Gruppen341 ebenso wie von TrotzTrotzkisten kisten kennzeichnet unver\u00e4ndert auch die Situation des Landesverbandes Einfluss auch im Baden-W\u00fcrttemberg. Im aktuellen sechsk\u00f6pfigen gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden LanLandesverband desvorstand, der auf dem Landesparteitag am 6. Dezember 2008 gew\u00e4hlt wurde, blieben zwei Schl\u00fcsselpositionen weiterhin mit Linksextremisten besetzt, die bereits seit etlichen Jahren Funktionen im Landesvorstand ausf\u00fcllen. Wieder gew\u00e4hlt in den erweiterten Landesvorstand wurde auch ein 341 Sammelbezeichnung f\u00fcr politische Gruppierungen wie den \"Kommunistischen Bund Westdeutschland\" (KBW), die \"Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten\" (KPD/ML) oder die \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD), die sich vor allem in den 60erbis 80er-Jahren am chinesischen Marxismus-Leninismus (Maoismus) orientiert und beabsichtigt hatten, das bestehende Gesellschaftssystem in Deutschland zu beseitigen. 211","Mitglied der fr\u00fcheren trotzkistischen Gruppierung \"Linksruck\" (heute \"marx21-Netzwerk f\u00fcr internationalen Sozialismus\"). Dar\u00fcber hinaus nehmen Trotzkisten \u00fcber die Mitarbeit in der Redaktion des \"Landesinfo Baden-W\u00fcrttemberg\" Einfluss auf das Parteiorgan des Landesverbandes, spielen aber auch in der parteinahen Jugendorganisation \"Linksjugend ['solid]\" und dem parteinahen \"Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverband\" (DIE LINKE.SDS) eine pr\u00e4gende Rolle. Der Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg der Jugendorganisation bezeichnet sich ausdr\u00fccklich als Bestandteil des Bundesjugendverbandes. Seit seiner Gr\u00fcndung im September 2007 ist seine Mitgliederzahl nach eigenen Angaben von 400 auf 600 Personen gestiegen. Sowohl der Landesverband als auch die Studentenorganisation beteiligten sich in Baden-W\u00fcrttemberg vielf\u00e4ltig an politischen Protesten, bei denen sie zum Teil eine f\u00fchrende Rolle spielten, wie bei Sch\u00fclerstreiks gegen die Bildungspolitik des Landes. In einem Redebeitrag in T\u00fcbingen im Rahmen eines bundesweit ausgerufenen Schulstreiks am 12. Juni 2008 \u00e4u\u00dferte der Sprecher der \"Linksjugend ['solid]\" unter anderem: \"Die kapitalistische Gesellschaft begreift Bildung in erster Linie als Qualifikation f\u00fcr das Berufsleben. Zweck der Bildung ist einerseits die Veredelung der Ware Arbeitskraft und andererseits die Auslese von geeignetem Personal. Bildung dient somit den Interessen der Herrschenden.\" 342 Auf der am 12. November 2008 in Stuttgart durchgef\u00fchrten Sch\u00fclerdemonstration sprach eine Trotzkistin als Vertreterin der \"Linksjugend ['solid]\" ein Gru\u00dfwort.343 Mit dem Engagement von Linksextremisten bei Sch\u00fclerstreiks sollen Jugendliche, deren Anliegen man sich zu eigen macht, motiviert werden, gesellschaftliche ssnahme auf Normen in Frage zu stellen und aktiven \"Widerstand\" gegen diese zu leislerproteste ten. Die Organisation \"Linksjugend ['solid]\" gr\u00fcndete am 19. Juli 2008 einen Landesarbeitskreis \"Antifa\". Im \"Gr\u00fcndungsstatement\" hie\u00df es in Auseinandersetzung mit \"Nazi-Propaganda\" beispielsweise: 342 \"Landesinfo Baden-W\u00fcrttemberg\" Nr. 3 vom Juli 2008, S. 10. 343 Internetauswertung vom 18. November 2008. 212","\"Die Unterscheidung von gutem, deutschen, schaffenden Kapital und b\u00f6sem j\u00fcdisch-amerikanischen raffenden Kapital war konstitutives Element der NS-Propaganda. Wer gewisse Konzerne als 'Heuschrecken' bezeichnet, der f\u00e4ngt an, Kapital in 'gut' und 'b\u00f6se' zu unterscheiden. Das Problem sind aber nicht 'b\u00f6se Kapitalisten', sondern der Kapitalismus an sich. Ihn gilt es zu kritisieren und abzuschaffen!\" 344 \"Antifaschismus\" richtet sich nach diesem Verst\u00e4ndnis letztendlich gegen das kapitalistische System als solches. Am Rande der Landesmitgliederversammlung der \"Linksjugend ['solid]\" \"SMASH am 18. und 19. Januar 2008 in Heidelberg protestierten die Teilnehmer vor CAPITALISM!\" einer nahe gelegenen Kaserne gegen die Milit\u00e4rpolitik der NATO und den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Dabei wurden Transparente unter anderem mit der Aufschrift \"SMASH CAPITALISM!\" gezeigt. \"Die Linksjugend ['solid]\" Stuttgart geh\u00f6rte neben zahlreichen anderen linksextremistischen Gruppen und Organisationen zu den Unterst\u00fctzern des Aufrufs \"Schluss mit der Kriminalisierung. Weg mit den Paragraphen 129, 129a & 129b!\" 345 f\u00fcr eine Demonstration am 5. Juli 2008 in Stuttgart. \"DIE LINKE.\" in Baden-W\u00fcrttemberg beteiligte sich vor allem auf KreisEngagement des ebene in unterschiedlichen Formen an nahezu s\u00e4mtlichen derzeit im linksLandesverbands in extremistischen Spektrum aktuellen Politikfeldern. Die Teilnahme an Proklassischen linkstesten gegen die NATO, gegen Krieg, staatliche \"Kriminalisierung\" von extremistischen \"Linken\", Ausbau des \"\u00dcberwachungsstaates\", gegen die \"Aggression\" Agitationsfeldern Israels in Gaza, gegen ein neues Versammlungsgesetz oder gegen \"Neofaschismus\" vermitteln den Eindruck eines oppositionellen Verh\u00e4ltnisses zu Staat und Politik in Deutschland. Dieser wird noch best\u00e4rkt durch die Haltung des Landesvorstandes, wie sie anl\u00e4sslich des bevorstehenden Bundesparteitages in Cottbus zum Ausdruck kam. In der Diskussion um den Wahlvorschlag BISKYs f\u00fcr den neuen Bundesvorstand wurde berichtet: \"Die \u00fcberdeutliche Mehrheit der Delegierten und des Landesvorstandes lehnt diesen Vorschlag ab. 344 \"Gr\u00fcndungsstatement des LAK Antifa der Linksjugend ['solid] Baden-W\u00fcrttemberg\"; Internetauswertung vom 18. November 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 345 Die SSSS 129, 129a und 129b Strafgesetzbuch (Bildung einer kriminellen, terroristischen beziehungsweise kriminellen und terroristischen Vereinigung im Ausland) gelten f\u00fcr Linksextremisten als zentrale \"Instrumente\" staatlicher \"Repression\", die sich angeblich in erster Linie gegen die \"Linke\" richtet. 213","Politisch geht es f\u00fcr DIE LINKE nicht darum, Anschlussf\u00e4higkeit an die SPD und Regierungsf\u00e4higkeit zu erlangen, sondern klare und eindeutige Oppositionspolitik zu machen. Ein Meinungsbild der anwesenden Delegierten und Vorstandsmitglieder ergab: wenn sich keine Kompromisskandidatin findet, w\u00fcrde eine \u00fcberdeutliche Mehrheit der Anwesenden Sahra Wagenknecht gegen\u00fcber Halina Wawzyniak vorziehen.\" 346 4.2 \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) Gr\u00fcndung: 1968 Sitz: Essen Mitglieder: unter 500 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 500) ca. 4.200 Bund (2007: ca. 4.200) Publikation: \"Unsere Zeit\" (UZ) eier des Die \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) feierte im September 2008 -j\u00e4hrigen ihr 40-j\u00e4hriges Bestehen. Der R\u00fcckblick auf die eigene Geschichte belegt estehens zugleich ihr unver\u00e4ndertes Selbstverst\u00e4ndnis als traditionskommunistische Organisation, deren ganze T\u00e4tigkeit auf der \"Theorie von Marx, Engels und Lenin und deren sch\u00f6pferische Anwendung auf die heutigen Bedingungen des Klassenkampfes\" 347 beruht. Ihre Gr\u00fcndung im Jahr 1968 versteht sie auch heute noch als eine \"Neukonstituierung\" der 1956 verbotenen \"Kommunistischen Partei Deutschlands\" (KPD). Um ein erneutes Verbot als Nachfolgeorganisation zu umgehen, habe man im Parteiprogramm bestimmte Schl\u00fcsselbegriffe wie \"Marxismus-Leninismus\", \"Diktatur des Proletariats\" und \"demokratischer Zentralismus\" umschreibend vermieden. Inhaltlich sei man aber von den Vorgaben der \"revolution\u00e4ren deutschen Arbeiterbewegung von Marx und Engels bis Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht\" und der \"in der Weimarer Republik von Ernst Th\u00e4lmann gef\u00fchrten KPD\" nicht abger\u00fcckt.348 Bis heute vertritt die DKP den Kommunismus marxistisch-leninistischer Auspr\u00e4gung, wie er von der \"Kommunistischen Partei der Sowjetunion\" (KPdSU) bis zum Untergang des Ostblocks Ende der 80er-/Anfang der 90erJahre vorgegeben war. In ihrem R\u00fcckblick bedauerte die DKP, \"Fehlent346 Bericht \u00fcber eine Delegiertenbesprechung am 27. April 2008 in Stuttgart. Landesinfo Baden-W\u00fcrttemberg Nr. 2 vom 16. Mai 2008, S. 25. 347 \"Unsere Zeit\" (UZ) Nr. 38 vom 19. September 2008, S. 15; Fettdruck im Original. 348 UZ Nr. 37 vom 12. September 2008, S. 15. 214","wicklungen und Deformationen\" in den \"L\u00e4ndern des realen Sozialismus\", die sich \"im \u00f6konomischen, gesellschaftlichen und ideologischen Bereich immer deutlicher zeigten\", ignoriert zu haben.349 An ihrem Ziel \"eine(r) andere(n) Produktionsund Lebensweise\", einer \"sozialistische(n) und kommunistische(n) Alternative und Perspektive\" h\u00e4lt sie gleichwohl unvermindert fest. Ihr Gr\u00fcndungsjubil\u00e4um beging die Partei am 27. September 2008 mit einem Festakt in Recklinghausen, an dem rund 500 Personen aus allen Bundesl\u00e4ndern teilnahmen, darunter als Gast eine Bundestagsabgeordnete der Partei \"DIE LINKE.\". In seiner Ansprache kleidete der Parteivorsitzende Heinz STEHR den Stolz auf die erreichten 40 Jahre kommunistischer Pr\u00e4senz als DKP in der Bundesrepublik Deutschland in die Worte: \"Die DKP ist heute das Beste, was die revolution\u00e4re Arbeiterbewegung in der 90-j\u00e4hrigen Existenz von KPD und DKP hervorgebracht hat!\" 350 Dennoch kam STEHR nicht umhin, die reale Situation der Partei anzusprechen, die sich in von Jahr zu Jahr schrumpfenden Mitgliederzahlen, in kontinuierlichem Abonnentenr\u00fcckgang des Parteiorgans \"Unsere Zeit\" (UZ) und damit verbundenen, existentielle Ausma\u00dfe annehmenden Finanzproblemen sowie internen Konflikten niederschl\u00e4gt. Seine Partei, so STEHR, befinde sich \"in einer Verfasstheit, die sie nur begrenzt wahrnehmbar vor Ort wirken\" lasse. Ihr Einfluss sei \"sehr begrenzt\", die Realit\u00e4t hingegen \"gnadenlos: Bei 81 Millionen Einwohnern 4.250 organisierte Kommunistinnen und Kommunisten in der DKP bei einem Altersdurchschnitt von um die 60 Jahre.\" Ein H\u00f6hepunkt im Parteileben der DKP war ihr alle zwei Jahre stattfindender Parteitag, der am Wochenende des 23. und 24. Februar 2008 als 18. Bundesparteitag 18. Parteitag im B\u00fcrgerhaus M\u00f6rfelden-Walldorf (Hessen) in Anwesenheit von 176 Delegierten durchgef\u00fchrt wurde. Der bisherige Parteivorsitzende Heinz STEHR wurde ebenso wie seine Stellvertreterin Nina HAGER von den Delegierten wieder gew\u00e4hlt, wenngleich mit f\u00fcr eine kommunistische Kaderpartei schmerzhaft vielen Gegenstimmen. In den Parteivorstand wurden auch zwei Parteimitglieder aus Baden-W\u00fcrttemberg gew\u00e4hlt. 349 Hier und im Folgenden: UZ Nr. 38 vom 19. September 2008, S. 15. 350 Hier und im Folgenden: UZ Nr. 29/30 vom 18. Juli 2008, S. 2. 215","4.3 \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.\" (VVN-BdA) Gr\u00fcndung: 1947 Sitz: Berlin Publikationen: \"antifa. Magazin f\u00fcr antifaschistische Politik und Kultur\" \"AntiFa Nachrichten\" (Baden-W\u00fcrttemberg) Die politische Linie der linksextremistisch beeinflussten VVN-BdA folgt noch immer einem kommunistischen Faschismusverst\u00e4ndnis, das im Kern bereits Mitte der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts formuliert worden ist. Diesem zufolge ist der Faschismus die \"offen terroristische Diktatur\" des \"Monopol-\" beziehungsweise \"Finanzkapitals\". Dem \"Faschismus\" komme eine funktionelle Bedeutung zu, indem er in Zeiten der Krise des kapitalistischen Systems zur Herrschaftssicherung eingesetzt werde, wenn die Herrschaftsform der b\u00fcrgerlichen Demokratie zum Machterhalt nicht mehr ausreiche. eiterhin Das Fortbestehen dieser Sichtweise auch im baden-w\u00fcrttembergischen Lanntierung am desverband zeigen offizielle \u00c4u\u00dferungen wie die, dass es seitens der Regiedox-kommurung anscheinend \"ein Interesse an Faschismus in der Reserve\" 351 gebe. So hen Faschiskonstatierte der Landesverband eine \"Rechtsentwicklung in Deutschverst\u00e4ndnis land\" 352 mit Parallelen zur \"Vorgeschichte der faschistischen Diktatur Ende der zwanziger Jahre\". \u00c4hnlich wie am Ende der Weimarer Republik w\u00fcrden \"auch heute wieder Konzepte einer entsolidarisierten und \u00fcberwachten Gesellschaft, eines entdemokratisierten und autorit\u00e4ren Staates und einer milit\u00e4risch gestalteten Au\u00dfenpolitik gedacht und gemacht.\" Weiter hie\u00df es: \"In der deutschen Au\u00dfenpolitik wird eine gef\u00e4hrliche Kontinuit\u00e4t des deutschen Gro\u00dfmachtstrebens und des deutschen Militarismus sichtbar.\" Milit\u00e4reins\u00e4tze gegen den internationalen Terrorismus seien in Wirklichkeit ein \"Kampf um M\u00e4rkte, Rohstoffe und Transportwege\", der sich in den \u00d6lregionen der Welt abspiele. Aus der vermeintlich unver\u00e4nderten G\u00fcltigkeit und Aktualit\u00e4t dieses Interpretationsschemas, aus dem sich angeblich Anzeichen einer neuerlichen Entwicklung in Richtung \"Faschismus\" in Deutschland ablesen lie\u00dfen, leitet die VVN-BdA bis heute ihre eigene Unentbehrlichkeit als \"antifaschistische\" Organisation ab. 351 \"AntiFa Nachrichten\" Nr. 2 vom Juli 2008, S. 6. 352 Hier und im Folgenden: \"AntiFa-Nachrichten\" Nr. 2 vom Juli 2008, Beilage \"Aufstehen! gegen \u00dcberwachung, Krieg und Nazis\"; \u00dcbernahme wie im Original. 216","Das \"Faschismus\"-Verst\u00e4ndnis der VVN-BdA wird durch f\u00fchrende Funktion\u00e4re immer wieder in die \u00d6ffentlichkeit transportiert. So formulierte Ulrich SANDER, einer ihrer Bundessprecher und gleichzeitiges Mitglied in der DKP und der Partei \"DIE LINKE.\", Ende Januar 2008 in einem R\u00fcckblick auf die \"Macht\u00fcbertragung an die Nazis\" und deren Folgen353: \"Trotz vieler guter Ans\u00e4tze konnten die richtigen Lehren auch nach 1945 nicht gezogen werden.\" Die Bonner Republik habe \"die Linken entweder weitgehend zur Anpassung zwingen oder andererseits unterdr\u00fccken\" k\u00f6nnen. In der Gegenwart drohe \"kein neues 1933 mit Faschismus gehabter Pr\u00e4gung.\" Aber es drohe \"ein Staat, wie er ebenfalls vor 1933 bereits konzipiert\" worden sei. Weiter \u00e4u\u00dferte SANDER, man m\u00fcsse sich heute \"faschistische Politik oder doch hochgradig autorit\u00e4re Politik von rechten Regierenden vorstellen k\u00f6nnen, die in Koalitionen eingebunden\" seien. Diese Vorstellung falle \"nicht schwer\", wenn man sich \"Roland Kochs Wahlkampf und Sch\u00e4ubles Sicherheitspolitik\" ansehe. \"Eine solche Politik\" berge \"die Gefahr des Umschwungs in profaschistische Regierungsformen\", sie k\u00f6nne \"aber auch in kontrollierter Form auftreten.\" Und weiter legte er dar: \"Doch den inneren Zusammenhang zwischen Gro\u00dfkapital, Konzernen und der \u00e4u\u00dfersten Rechten - auch der Militaristen - zu erkennen - und diesen auch zu begreifen -, das ist die historische Erfahrung der Gr\u00fcnder der VVN. Sie gilt, auch unter den Vorzeichen des 'Neoliberalismus'.\" Die Landesvereinigung Baden-W\u00fcrttemberg der VVN-BdA hielt am 14. und 15. Juni 2008 in Stuttgart ihre 37. Landeskonferenz ab. Im R\u00fcckblick auf ihre politische T\u00e4tigkeit wurde insbesondere die aktive Rolle der VVN-BdA in \"antifaschistischen\" B\u00fcndnissen als positiv und erfolgreich benannt. 37. Die Bilanz fiel insgesamt zwiesp\u00e4ltig aus. \u00dcberdeutlich dr\u00e4ngen sich NachLandeskonferenz wuchsund Personalprobleme gerade f\u00fcr die baden-w\u00fcrttembergische Landesvereinigung in den Vordergrund, seit sie in den letzten beiden Jahren nicht nur weitere ehemalige Widerstandsk\u00e4mpfer, sondern mit dem Tod dreier aktiver Funktion\u00e4re der zweiten Generation \"tragende S\u00e4ulen\" der 353 Hier und im Folgenden: Vortrag \"75 Jahre danach - Zur Macht\u00fcbertragung an die Nazis und den Folgen\"; Internetauswertung vom November 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 217","landes-, aber auch bundespolitischen Arbeit verloren hat. Diese Verluste aufzufangen, f\u00e4llt der Landesvereinigung erkennbar schwer. Damit wird die in den letzten Jahren bereits forcierte Mitgliederwerbung f\u00fcr die VVN-BdA nicht nur vor dem Hintergrund einer chronisch angespannten Haushaltslage, sondern vor allem zur Gewinnung neuer Aktivisten zu einer zentralen Frage f\u00fcr das k\u00fcnftige politische Wirken. Die VVN-BdA k\u00fcndigte die Absicht an, sich innerhalb des \"antifaschistischen Internationalismus\" zusammen mit der Friedensbewegung gegen Krieg und NATO engagieren zu wollen. Dazu z\u00e4hlte bereits die Beteiligung an der Demonstration vom 20. September 2008 in Stuttgart gegen die Verl\u00e4ngerung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr. Dazu geh\u00f6rt perspektivisch die Unterst\u00fctzung der Proteste gegen den NATO-Jubil\u00e4umsgipfel im April 2009 in Stra\u00dfburg (Frankreich) und Baden-Baden (Deutschland). Das Motto des verabschiedeten umfangreichen Leitantrags der Landeskonferenz \"Aufstehen! Gegen \u00dcberwachung, Krieg und Nazis\" bezeichnet die - jeweils f\u00fcr sich genommen unproblematischen - Schl\u00fcsselbegriffe eines politischen Programms, das unver\u00e4ndert in letzter Konsequenz auf eine andere Staatsund Gesellschaftsordnung abzielt. Dies umfasst zun\u00e4chst das Vorgehen gegen Rechtsextremisten, zu dem, wie die scheidende Landesprecherin betonte, auch die \"Verteidigung der Demokratie\" geh\u00f6re, die von der Bundesregierung \"durch verfassungswidrige Militarisierung nach Innen - schrittweise in einen totalit\u00e4ren \u00dcberwachungsstaat umgewandelt\" werde. Diese angebliche \"Militarisierung nach innen\" korrespondiert nach Lenins Imperialismustheorie mit der \"Militarisierung nach au\u00dfen\". Kampf gegen Krieg und \"\u00dcberwachungsstaat\" bedeutet faktisch Kampf gegen das \"imperialistische System\". Nach kommunistischer Lesart ist zudem mit \"Verteidigung der Demokratie\" nicht etwa eine Wertsch\u00e4tzung dieser Staatsform als solche gemeint, sondern die M\u00f6glichkeit der Ausnutzung der in der Demokratie garantierten Rechte und Freiheiten f\u00fcr den Kampf f\u00fcr den Sozialismus. Nicht nur die Warnung vor einem angeblich systematisch angestrebten \"\u00dcberwachungsstaat\" oder die ausdr\u00fcckliche Nichtdistanzierung von Gewaltaus\u00fcbung gegen Rechtsextremisten, sondern auch Gru\u00dfworte anwesender Vertreter der DKP und der Partei \"DIE LINKE.\" bei der Stuttgarter 218","Landeskonferenz zeigen die unver\u00e4ndert linksextremistisch dominierte Sichtweise der VVN-BdA sowie ihre Einbindung in das linksextremistische Spektrum bis hin zur autonomen Szene. Das Referat der Bundestagsabgeordneten der Partei \"DIE LINKE.\", Ulla JELPKE, zum Thema \"Orwell l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen! 'Innere Sicherheit' als Vorwand f\u00fcr Demokratieabbau\" war offenbar einer der H\u00f6hepunkte der Konferenz. Auch die Ausf\u00fchrungen eines Landessprechers354 in der linksalternativen Agitation gegen \"Stattzeitung f\u00fcr S\u00fcdbaden\" zum Thema \"Totalitarismusdoktrin - WiederTotalitarismusauferstehung eines Feindbildes des Kalten Krieges\" 355 zeigen exemplarisch, theorie dass sich die VVN-BdA ideologisch nach wie vor in orthodox-kommunistischen Bahnen bewegt. Die Totalitarismustheorie vergleicht Diktaturen von \"rechts\" und \"links\", ohne zu bestreiten, dass es trotz auffallender Parallelen Unterschiede gibt. Kommunisten hingegen stellen kapitalistische und sozialistisch/kommunistische Systeme einander gegen\u00fcber und lehnen den Vergleich zwischen Diktaturen ab. So bezeichnet auch der Landessprecher der VVN-BdA in seinem Beitrag die \"Totalitarismusdoktrin\" als \"ideologische(s) Werkzeug\" aus der Zeit des Kalten Krieges. Sie und damit die \"Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus\" sei erfunden worden, um nach 1945 \"dem platten Antikommunismus ein M\u00e4ntelchen umzuh\u00e4ngen\". Auch heute, \"nach dem Zusammenbruch der realsozialistischen Systemalternative\", erf\u00fclle die Totalitarismusthese unter anderem den Zweck, die \"Militarisierung aller Lebensbereiche\" bei gleichzeitiger Entsorgung unangenehmer Erinnerung an die Vergangenheit als Normalit\u00e4t zu vermitteln. Zudem solle mit ihr ein \"bew\u00e4hrtes Feindbild\" wieder belebt werden, das, ausgedehnt auf Terrorismus und Islamismus, \"als Rechtfertigung f\u00fcr den Abmarsch in einen autorit\u00e4ren \u00dcberwachungsstaat\" diene. Die \"antidemokratische Rolle\" des Rechtskonservatismus als Mitte der Gesellschaft werde verschleiert, \"die Formierung der Gesellschaft nach Rechts durch Verdummung und durch Spaltung des Widerstands\" werde erleichtert und der \"Gedanke(n) an eine gesellschaftliche Alternative zum real existierenden Kapitalismus\" werde als \"Bestrebung zur Errichtung einer kommunistischen Diktatur\" verteufelt. Eine \"Systemalternative\" solle damit als \"undenkbar\" erscheinen. Die Auseinandersetzung mit der Totalitarismusthese, die aus linksextremistischer Perspektive auf der Basis nicht des Vergleichs zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus, sondern zwischen Kapitalismus und Sozialismus und damit konkret zwischen der ehemaligen DDR und der Bundes354 Beide Landessprecher der VVN-BdA wurden neu gew\u00e4hlt. 355 Hier und im Folgenden: \"Stattzeitung f\u00fcr S\u00fcdbaden\", Ausgabe 72 vom August 2008. 219","republik betrieben wird, f\u00fcgt sich in die Sichtweise auch der Bundesorganisation der VVN-BdA nahtlos ein, wie auf deren Bundeskongress am 24./25. Mai 2008 in Berlin deutlich wurde. Nina HAGER, die stellvertretende Vorsitzende der DKP, deren Vorfeldorganisation356 die VVN-BdA bis zum Ende der DDR war, konnte dort unwidersprochen die nach ihrer Meinung \"ungeheuerliche Behauptung\" zur\u00fcckweisen, \"die DDR sei die zweite deutsche Diktatur nach 1933 bis 45\" gewesen.357 Der Bundesvorsitzende der VVN-BdA, Prof. Heinrich FINK358, nahm die DDR ausdr\u00fccklich gegen den Vorwurf des \"staatlich verordneten Antifaschismus\" in Schutz und betonte in dieser Frage vielmehr deren Vorbildcharakter mit den Worten: \"W\u00fcrde es in der Bundesrepublik wenigstens einen staatlich verordneten Antifaschismus geben, br\u00e4uchten wir nicht f\u00fcr ein NPD-Verbot zu k\u00e4mpfen.\" 359 wusst keine In diesem Denkmuster war es nur logisch, dass FINK die VVN-BdA-Mitanzierung glieder dazu aufrief, sich nicht \"von Kommunisten und radikalen Linken\" von zu distanzieren. Eine als Delegierte auf dem Kongress gleichfalls vertretene mmunisten Bundestagsabgeordnete der Partei \"DIE LINKE.\" sprach sich unwidersprochen \"f\u00fcr eine verst\u00e4rkte Zusammenarbeit mit autonomen Antifaschisten\" aus und forderte, diese \"als engagierte B\u00fcndnispartner anzuerkennen\". Nach Darstellung der VVN-BdA beschrieb FINK in seiner Rede die sicherheitspolitischen Ma\u00dfnahmen zum Schutz des G8-Gipfels im Jahr 2007 gegen gewaltbereite St\u00f6rer als \"Kriminalisierung des demokratischen Protestes\", als \"bisher nicht gekannten Angriff auf die B\u00fcrgerrechte\" und \"Z\u00e4sur in der Geschichte des Landes\". Die beschlossenen Ma\u00dfnahmen und Gesetzesvorhaben der Bundesregierung in Reaktion auf die Sicherheitslage wurden in der politischen Sichtweise des Kongresses zu einer \"gesch\u00fcrten Anti-Terror-Hysterie\", aufgrund derer \"an breiter Front in einem nie da gewesenen Ma\u00dfe demokratische Grundrechte ausgeh\u00f6hlt\" w\u00fcrden. Die \"innerstaatliche Militarisierung Deutschlands\" und der \"Weg zum \u00dcberwachungsstaat\" m\u00fcssten gestoppt werden. Der Kongress nahm auch mit \"Emp\u00f6rung\" die Ablehnung der Forderung nach einer Entsch\u00e4digung f\u00fcr \"kommunistische Widerstandsk\u00e4mpfer\" als Opfer des Nationalsozialismus durch alle Fraktionen des Deutschen Bundestages (au\u00dfer der Partei \"DIE LINKE.\") am 8. Mai 2008 zur Kennt356 Kommunistisch gesteuerte, formal unabh\u00e4ngige Organisation, in der auch Nichtextremisten mitarbeiten. 357 Internetauswertung vom 17. Oktober 2008. 358 FINK war zu DDR-Zeiten Theologie-Professor an der Humboldt-Universit\u00e4t in Ost-Berlin und als Informeller Mitarbeiter \"Heiner\" f\u00fcr das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit (MfS) der DDR t\u00e4tig. 359 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 5. Juni 2008. 220","nis. Indem in diesem Zusammenhang von \"den kommunistischen Widerstandsk\u00e4mpfern, die sowohl unter Hitler wie Adenauer politisch verfolgt wurden\", die Rede war, setzte die VVN-BdA nicht nur Hitler und Adenauer gleich, sondern unterstellte dem deutschen Staat zugleich Willk\u00fcr gegen\u00fcber politischen Gegnern. 4.4 \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) Gr\u00fcndung: 1982 Sitz: Gelsenkirchen Mitglieder: ca. 500 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 600) ca. 2.300 Bund (2007: ca. 2.300) Publikationen: \"Rote Fahne\" (RF), \"Lernen und K\u00e4mpfen\" (LuK), \"REBELL\" Die 1982 aus dem bereits 1972 gegr\u00fcndeten \"Kommunistischen Arbeiterbund Deutschlands\" (KABD) hervorgegangene \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) strebt nach wie vor den \"Sturz der kapitalistischen Herrschaft\" 360 und den Aufbau einer \"sozialistischen Gesellschaftsordnung\" an. Die \"Arbeiterklasse\" m\u00fcsse nach dem \"Sturz der Diktatur der Monopolkapitalisten und der Eroberung der Staatsmacht die Diktatur des Proletariats errichten und die Produktionsmittel in gemeinsames Eigentum des gesamten werkt\u00e4tigen Volkes \u00fcberf\u00fchren.\" Die MLPD agiert unver\u00e4ndert auf der Grundlage der Lehren von Marx, Engels, Lenin, Stalin und vor allem von Mao Tsetung. In \"ausnahmslos allen ehemals sozialistischen L\u00e4ndern\" hat sich nach Ansicht und zum Bedauern der MLPD jedoch eine \"Restauration des Kapitalismus\" vollzogen, aus der die internationale marxistisch-leninistische Arbeiterbewegung ihre Lehren ziehen m\u00fcsse. Die Partei betont daher, dass sie nicht allein aus den \"Erfolgen der [sc. chinesischen] Kulturrevolution Lehren gezogen\" habe, sondern auch \"aus ihren Schw\u00e4chen\".361 Die Lehre von der Denkweise, wie sie die MLPD entwickelt habe, baue zwar auf der Theorie und Praxis Mao Tsetungs auf, f\u00fchre sie aber weiter. \u00dcber das damit verbundene \"System der Selbstkontrolle\" will die MLPD Fehlentwicklungen in den eigenen Reihen im Ansatz erkennen und so verhindern, dass \"Funktion\u00e4re den sozialistischen Weg verlassen\". 360 Hier und im Folgenden: Programm der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD), hrsg. vom Zentralkomitee der MLPD, Gelsenkirchen 2000, S. 35, 46, 53. 361 Hier und im Folgenden: \"Rote Fahne\" (RF) Nr. 24 vom 13. Juni 2008, S. 21. 221","Im Unterschied zu den anderen linksextremistischen Parteien bekennt sich die MLPD offen als revolution\u00e4r-marxistische Organisation, ohne ihre \u00dcberzeugung von der Notwendigkeit einer gewaltsamen \u00dcberwindung der bestehenden Gesellschaftsordnung terminologisch zu verschleiern. Marx habe \"nie einen Hehl daraus gemacht, dass die revolution\u00e4ren Ziele der Arbeiterklasse 'nur erreicht werden k\u00f6nn[t]en durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung'\". Weiter hei\u00dft es in diesem Zusammenhang: \"Wer also heute in die Fu\u00dfstapfen von Karl Marx treten will, der muss schon einige Schuhnummern gr\u00f6\u00dfer w\u00e4hlen und den revolution\u00e4ren Sturz des Kapitalismus und die Errichtung der Diktatur des Proletariats zum Kernpunkt seines Programms machen.\" Das f\u00fcr die MLPD zentrale Ereignis des Jahres 2008 war ihr, wie bei der Partei \u00fcblich, konspirativ durchgef\u00fchrter VIII. Parteitag in Hamburg. Ihm ma\u00df der Parteivorsitzende Stefan ENGEL in einem erstmals am 16. September 2008 im Online-Nachrichtenmagazin der MLPD, \"Rote Fahne News\", ver\u00f6ffentlichten Interview eine \"herausragende Bedeutung in der Geschichte der MLPD\" bei.362 ENGEL wurde parteieigenen Angaben zufolge einstimmig wieder gew\u00e4hlt. Dem bisherigen Zentralkomitee wurde \"mit \u00fcberw\u00e4ltigender Zustimmung\" erneut \"das Vertrauen gemburger schenkt\". Die \u00c4u\u00dferungen des Parteivorsitzenden zeigen auch, dass sich die rteitag als MLPD vor allem als Alternative zur Partei \"DIE LINKE.\" zu empfehlen verales Ereignis sucht, was auch in ihrer Absicht zum Ausdruck kommt, bei den Bundestagswahlen 2009 anzutreten. Aus seinen \u00c4u\u00dferungen \u00fcber Inhalt und Ablauf des Parteitags geht hervor, dass man innerhalb der Partei gro\u00dfe Hoffnung auf den angeblich vorherrschenden \"aallgemeine(n) Linkstrend\" setzte, der, so ENGEL, eine \"Widerspiegelung (...) der historischen Umbruchphase vom Kapitalismus zum Sozialismus\" darstelle. Diese auch international feststellbare Tendenz gehe allerdings noch vielfach mit der Hoffnung auf die Durchsetzung einer \"gesellschaftlichen Alternative auf parlamentarischem Wege oder auf andere L\u00f6sungen innerhalb des kapitalistischen Systems\" einher. Ohne die \"Zerschlagung der b\u00fcrgerlichen Staatsmacht\" und die 362 Hier und im Folgenden: \"Erfolgreicher Hamburger Parteitag der MLPD!\" Interview mit Stefan Engel; Rote Fahne News vom 16. September 2008; Internetauswertung vom 17. September 2008; \u00dcbernahme (einschlie\u00dflich Fettdruck) wie im Original. 222","\"Errichtung der Diktatur des Proletariats\" k\u00f6nne der Sozialismus aber nicht durchgesetzt werden. Der Parteitag bildete auch den Abschluss der im Dezember 2005 begonnenen, Kr\u00e4fte zehrenden \"Reorganisierung\" der Partei in sieben Landesverb\u00e4nde und der Gr\u00fcndung neuer Kreisverb\u00e4nde. In einer Pressemitteilung vom 20. Mai 2008363 wurde auch die Gr\u00fcndung des Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg bekannt gegeben. Landesvorsitzender ist Peter BORGWARDT, der dar\u00fcber hinaus auch Mitglied des Zentralkomitees der MLPD ist. Sitz der Landesgesch\u00e4ftsstelle ist das \"Arbeiterbildungszentrum S\u00fcd\" in Stuttgart-Untert\u00fcrkheim. Die Umstrukturierung war aus Sicht der Partei erforderlich geworden, weil sich das Zentralkomitee nicht mehr in der Lage sah, der Parteibasis die notwendige \"Anleitung und Kontrolle\" 364 zukommen zu lassen, wie sie von der nach dem Prinzip des \"demokratischen Zentralismus\" aufgebauten MLPD als unabdingbar erachtet wird. Mit ihr waren umfangreiche parteiinterne Ausbildungsma\u00dfnahmen sowie personelle und organisatorische Ver\u00e4nderungen verbunden. \"Mehrere hundert Genossinnen und Genossen\" wurden nach Angaben der MLPD-eigenen Mitgliederund Funktion\u00e4rszeitschrift \"Lernen und K\u00e4mpfen\" vom Januar 2008365 allein f\u00fcr die Ausstattung der Landesebene ben\u00f6tigt. Au\u00dferdem wurde auf dem VIII. Parteitag nochmals die einschneidende Krise innerhalb der MLPD aufgearbeitet, die 2005 einen au\u00dferordentlichen Parteitag erforderlich gemacht hatte. Ursache daf\u00fcr sei das Vordringen der \"kleinb\u00fcrgerlichen Denkweise\" in der \"Zentralen Kontrollkommission\" (ZKK) gewesen, das zum Ausgangspunkt von der Parteif\u00fchrung nebul\u00f6s umschriebener \"negativer Entwicklungen\" wurde. Im Ergebnis lobte ENGEL das \"allseitig funktionierende System der Selbstkontrolle\" als Geheimnis der Partei, das die seinerzeitigen Fehlentwicklungen habe korrigieren k\u00f6nnen.366 Als bedeutsam hob er in seinem Interview auch die angebliche \"Trendwende in der marxistisch-leninistischen Jugendarbeit\" und den Erfolg der beiden Gro\u00dfveranstaltungen des \"Frauenpolitischen Ratschlags\" vom 3. bis 5. Oktober 2008 in D\u00fcsseldorf und des \"3. Internationalen Bergarbeiterseminars\" vom 28. bis 31. August 2008 in Gelsenkirchen hervor. 363 Internetauswertung vom 27. Mai 2008. 364 \"Erfolgreicher Hamburger Parteitag der MLPD!\" Interview mit Stefan Engel; Rote Fahne News vom 16. September 2008; Internetauswertung vom 17. September 2008. 365 \"Lernen und K\u00e4mpfen\" Nr. 1 vom Januar 2008, S. 2. 366 Hier und im Folgenden: \"Erfolgreicher Hamburger Parteitag der MLPD!\"; Interview mit Stefan Engel; Rote Fahne News vom 16. September 2008; Internetauswertung vom 17. September 2008. 223","Allein letzteres wurde nach MLPD-Angaben mit circa 600 bis 700 Teilnehmern durchgef\u00fchrt. In seinem wie \u00fcblich die Realit\u00e4t stark positiv \u00fcberzeichnenden Res\u00fcmee zum Parteitag bescheinigte ENGEL seiner Partei unter anderem \"eine gro\u00dfe Reife\" und eine \"gewachsene Schlagkraft und Anziehungskraft auf die Massen\", was sich insbesondere \"in dem deutlichen Mitgliederwachstum\" niederschlage. So habe man zwischen dem VII. und dem VIII. Parteitag mit \"60 Prozent Neuaufnahmen die gro\u00dfe Attraktion der Partei auf die Massen erleben k\u00f6nnen\", von denen allerdings ein Teil wieder verloren gegangen sei. Im Zusammenhang mit diesen Verlusten r\u00e4umte er Schw\u00e4chen bei der Betreuung und Ausbildung der Neuzug\u00e4nge ein. Wie auch bei anderen linksextremistischen Organisationen d\u00fcrfte zuk\u00fcnftig der fehlende Nachwuchs das Hauptproblem der Partei bleiben. 4.5 \"Rote Hilfe e.V.\" (RH) Gr\u00fcndung: 1975 Sitz: Dortmund Gesch\u00e4ftsstelle: G\u00f6ttingen Mitglieder: ca. 330 Baden-W\u00fcrttemberg (2007: ca. 300) ca. 5.000 Bund (2007: ca. 4.300) Publikationen: \"Die Rote Hilfe\" Die 1975 wiedergegr\u00fcndete \"Rote Hilfe e.V.\" versteht sich als Nachfolgeorganisation der historischen, KPD-nahen \"Roten Hilfe Deutschland\" aus der Zeit von 1924 bis 1936. Laut Satzung ist sie eine \"parteiunabh\u00e4ngige, str\u00f6mungs\u00fcbergreifende linke Schutzund Solidarit\u00e4tsorganisation\".367 Sie leistet solidarische Hilfe \"f\u00fcr alle, unabh\u00e4ngig von Parteizugeh\u00f6rigkeit oder Weltanschauung, die in der Bundesrepublik Deutschland aufgrund ihrer politischen Bet\u00e4tigung verfolgt werden.\" Die politische Einseitigkeit der Unterst\u00fctzung ist jedoch unverkennbar. Beispielhaft werden politische Aktivit\u00e4ten wie \"das Eintreten f\u00fcr die Ziele der ArbeiterInnenbewegung, der antifaschistische, antisexistische, antirassistische, demokratische oder gewerkschaftliche Kampf und der Kampf gegen die Kriegsgefahr\" aufgez\u00e4hlt. Zudem hei\u00dft es: \"Unsere Unterst\u00fctzung gilt denjenigen, die deswegen ihren Arbeitsplatz verlieren, Berufsverbote erhalten, vor Gericht gestellt und zu Geldoder Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt werden oder sonstige Nachteile erleiden.\" 367 Hier und im Folgenden: SS 2 der Satzung der \"Roten Hilfe e.V.\". 224","Indem die RH der Bundesrepublik politische Verfolgung und somit staatliche Willk\u00fcr gegen\u00fcber Andersdenkenden unterstellt, agitiert sie gegen die rechtsstaatliche Fundierung staatlichen Handelns in Deutschland. Seit Jahren ist die RH eine der wenigen Organisationen im Spektrum des neue Ortsgruppen deutschen Linksextremismus, die auf stabile Mitgliederzahlen verweisen in Badenkann. 2008 gr\u00fcndeten sich bundesweit neue Ortsgruppen, darunter in W\u00fcrttemberg T\u00fcbingen und Stuttgart. Wie bereits 2007 im Zusammenhang mit strafrechtlichen Nachwirkungen der Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm stand auch 2008 das Thema \"Repression\" im Vordergrund der politischen Aktivit\u00e4ten. Bereits Ende 2007 hatte die RH eine Brosch\u00fcre mit dem Titel \"Der G8 2007 in Heiligendamm: Von Armeeeinsatz bis Zensur. Ein ABC der Repression\" ver\u00f6ffentlicht. Im Mittelpunkt stand 2008 die Agitation gegen die SSSS 129a und 129b Strafgesetzbuch als die \"dicksten Repressionskeulen\" des Staates, wie sie 2007 gegen \"G8-GegnerInnen, aktuell (...) gegen angebliche Mitglieder der militanten gruppe (mg) und gegen t\u00fcrkische Linke, die in Stuttgart-Stammheim vor Gericht\" st\u00fcnden, zur Anwendung k\u00e4men.368 Die Einstellung der \"vollkommen haltlosen 129a-Verfahren gegen G8-GegnerInnen\" 369 wurde von der RH entsprechend begr\u00fc\u00dft. Zusammen mit anderen war die RH au\u00dferdem an der Veranstaltung einer bundesweiten \"Infotour\" im Zusammenhang mit \"politischen Schauprozessen in Stammheim\" vom 16. Oktober bis 18. November 2008 beteiligt, die von Stuttgart ausgehend auch in Mannheim Station machte. In einem Faltblatt rief die RH au\u00dferdem zur \"Solidarit\u00e4t mit den angeklagten \"politische Antifas\" auf, die am 17. Februar 2007 infolge einer gewaltsamen AuseinanderRepression setzung mit Rechtsextremisten festgenommen und wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rgegen Linke\" perverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte vor dem Amtsweiterhin im gericht B\u00f6blingen angeklagt worden waren.370 Darin hie\u00df es abschlie\u00dfend: Vordergrund \"Zeigen wir den Angeklagten, dass sie nicht allein sind! Machen wir den Repressionsbeh\u00f6rden klar, dass sie mit ihren Schweinereien nicht durchkommen! Wir fordern: Einstellung aller Verfahren! Antifaschismus ist notwendig, nicht kriminell!\" 368 Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rung der \"Roten Hilfe e.V.\" Stuttgart vom 20. Juli 2008. 369 \"Kriminalisierung von G8-GegnerInnen nach 129a fehlgeschlagen: Ermittlungen eingestellt\"; Presseerkl\u00e4rung der \"Roten Hilfe e.V.\" vom 5. Oktober 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 370 Der am 8. September 2008 begonnene Prozess endete mit der Verurteilung von drei der sieben Angeklagten zu einer Haftstrafe von jeweils 16 Monaten. Die \u00fcbrigen wurden zu neun beziehungsweise zehn Monaten auf Bew\u00e4hrung verurteilt. Das Urteil (Az.: 40 Ns 5 Js 15494/07) ist noch nicht rechtskr\u00e4ftig. 225","Die genannten Verfahren bestimmten teilweise auch den Inhalt der diesj\u00e4hrigen traditionellen \"Sonderausgabe der Roten Hilfe\" zum \"18.03.2008 Tag der politischen Gefangenen\" 371, die wie in den Vorjahren als Beilage in der linksextremistischen Tageszeitung \"junge Welt\" erschien. Ein kontinuierliches Anliegen bleibt die Freilassung der \"verbliebenen Gefangenen aus der RAF\". Dass gegen Christian KLAR nach \u00fcber 25 Jahren \"Knast unter zum Teil h\u00e4rtesten Bedingungen\" 372 sogar Beugehaft verh\u00e4ngt werden sollte, zeige \"\u00fcberdeutlich\" den \"Zweck seiner Inhaftierung\". Es gehe \"einerseits schlicht um Rache, andererseits darum, einen Menschen in seiner politischen Identit\u00e4t zu brechen und an ihm zu demonstrieren, dass radikale Rebellion zum Scheitern verurteilt sei.\" Mit Beschluss vom 24. November 2008 hat der 2. Strafsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart die Vollstreckung des Restes der gegen KLAR verh\u00e4ngten lebenslangen Freiheitsstrafe mit Wirkung vom 3. Januar 2009 zur Bew\u00e4hrung ausgesetzt. Am 19. Dezember 2008 wurde KLAR nach 26 Jahren Freiheitsstrafe aus der Justizvollzugsanstalt Bruchsal entlassen. 4.6 Sonstige Vereinigungen entierung Unter den trotzkistischen Gruppierungen konzentrierten sich mehrere uf Partei weiterhin auf eine politische Bet\u00e4tigung innerhalb der Partei \"DIE E LINKE.\" LINKE.\". Dies gilt namentlich f\u00fcr die \"Sozialistische Alternative\" (SAV). Die bislang nur in Westdeutschland pr\u00e4sente Organisation gab am 11. September 2008 in einer Stellungnahme ihre Entscheidung bekannt, nun auch in Ostdeutschland und in Berlin in die Partei einzutreten, um damit einen Beitrag dazu zu leisten, \"die Linkspartei und die Jugendorganisation Linksjugend ['solid] aufzubauen und die Kr\u00e4fte in der LINKEN zu st\u00e4rken, die sich f\u00fcr eine konsequent antikapitalistische Politik einsetzen.\" Sie engagiere sich \"f\u00fcr eine Partei (...), die Widerstand gegen die Angriffe der Konzerne und ihrer Regierungen\" leiste und \"f\u00fcr eine grundlegende Ver\u00e4nderung der Machtverh\u00e4ltnisse, f\u00fcr eine sozialistische Demokratie\" eintrete.373 Die SAV ist im Bundesvorstand der Partei \"DIE LINKE.\" und in Baden-W\u00fcrttemberg unter anderem im \"LandessprecherInnenrat\" der Jugendorganisation \"Linksjugend ['solid]\" vertreten. Die trotzkistische Organisation \"Linksruck\" agiert seit ihrer formalen Selbstaufl\u00f6sung im September 2007 als Netzwerk \"marx21\" in der \"Sozialistischen 371 Mit dem Datum des 18. M\u00e4rz wird historisch Bezug genommen auf die Barrikadenk\u00e4mpfe in Berlin w\u00e4hrend des Revolutionsjahrs 1848, den Beginn der Pariser Kommune am 18. M\u00e4rz 1871 und den Ankn\u00fcpfungspunkt des am 18. M\u00e4rz 1923 erstmals in der ehemaligen KPD-nahen \"Roten Hilfe\" ausgerufenen \"Internationalen Tages der politischen Gefangenen\". 372 Hier und im Folgenden: \"18.03.2008. Tag der politischen Gefangenen. Sonderausgabe der Roten Hilfe\", S. 1. 373 Internetauswertung vom 16. Oktober 2008. 226","Linken\" (SL), einem von der Partei \"DIE LINKE.\" offiziell anerkannten, bundesweiten innerparteilichen Zusammenschluss. Er ist gleichzeitig aber ebenfalls im Jugendverband \"Linksjugend ['solid]\" aktiv. Das Netzwerk lud f\u00fcr den 31. Oktober bis 2. November 2008 zu dem Kongress \"Marx is' muss 2008\" als einem \"Forum f\u00fcr die Debatte um linke Strategien und sozialistische Perspektiven\" nach Berlin ein.374 In Baden-W\u00fcrttemberg sind Mitglieder des fr\u00fcheren \"Linksruck\" unter anderem sowohl im Landesvorstand der Partei \"DIE LINKE.\" als auch auf Regionalbeziehungsweise Ortsebene als Funktion\u00e4re aktiv. Ein Mitglied geh\u00f6rt dem Bundesvorstand an. Der \"Revolution\u00e4r-Sozialistische Bund/IV. Internationale\" (RSB/IV. Inter - nationale) mit Sitz in Mannheim organisierte am 27. und 28. September 2008 erstmals eine gr\u00f6\u00dfere \u00f6ffentliche Veranstaltung unter dem Motto \"70 Jahre Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung\" mit nach Eigenangaben 100 Teilnehmern. Anlass bot der 70. Jahrestag der Gr\u00fcndung der IV. Internationale. 5. Aktionsfelder 5.1 NATO-Gipfel 2009/Antimilitarismus Seit Bekanntwerden der Tatsache, dass der NATO-Gipfel 2009 aus Anlass des 60-j\u00e4hrigen Bestehens des Verteidigungsb\u00fcndnisses in Stra\u00dfburg/Frankreich und Baden-Baden/Deutschland375 stattfinden wird, nahm diese Gro\u00dfveranstaltung in der Priorit\u00e4tenskala deutscher Linksextremisten den obersten Platz ein. Verbunden damit trat die Thematik \"Militarismus\" beziehungsweise \"Militarisierung\" noch deutlicher in den Vordergrund. Zuvor war bereits seit Ende 2007 unter anderem mit dem Slogan \"FIGHT CAPITALIST WAR! FIGHT CAPITALIST PEACE! - NATO-Kriegskonferenz angreifen!\" 376 zur Gro\u00dfdemonstration gegen die \"44. Konferenz f\u00fcr Sicherheitspolitik\" in M\u00fcnchen vom 8. bis 10. Februar 2008 mobilisiert worden. Unter den insgesamt 7.000 bis 8.000 Teilnehmern, darunter ein \"Schwarzer Block\" mit circa 500 Gewaltbereiten, befanden sich auch Linksextremisten aus T\u00fcbingen/Reutlingen, Stuttgart und Freiburg im Breisgau. Auf nur m\u00e4\u00dfiges Interesse stie\u00df der NATO-Gipfel vom 2. bis 4. April 2008 in Bukarest/Rum\u00e4nien. Gleichwohl befanden sich unter den bei Protestak374 \"marx21\" Nr. 7 vom September 2008, S. 34. 375 Am 17. Oktober 2008 hatte das Ausw\u00e4rtige Amt mitgeteilt, dass die Veranstaltungen auf deutscher Seite von der urspr\u00fcnglich vorgesehenen Stadt Kehl nach Baden-Baden verlegt worden seien. 376 Internetauswertung vom 10. November 2008. 227","tionen 46 Festgenommen auch 22 Personen aus Deutschland. Nachdem auf diesem Treffen der geplante NATO-Doppelgipfel in Frankreich und anungen Deutschland im April 2009 bekannt geworden war, begannen deutsche Vorfeld Linksextremisten mit Protestplanungen. Die Vorbereitungen von Aktionen gegen den NATO-Gipfel 2009 wurden bundesweit in erster Linie von dem \"Bye-Bye-NATO\"-B\u00fcndnis und der \"No-NATO-Kampagne\" getragen, denen ein Spektrum von nichtextremistischen, linksextremistisch beeinflussten bis linksextremistischen Organisationen und Einzelpersonen in jeweils unterschiedlicher Zusammensetzung zuzurechnen war. Bei einem bundesweiten Arbeitstreffen am 7. September 2008 in Frankfurt am Main verst\u00e4ndigten sich die etwa 130 Teilnehmer auf erste Aktionsplanungen, die in Arbeitsaussch\u00fcssen vorbereitet werden sollten. Bei einer \"Internationalen Arbeitskonferenz\" der \"No-NATO-Kampagne\" am 4./5. Oktober 2008 in Stuttgart wurden die Aktionsplanungen vorgestellt. Die circa 100 Teilnehmer aus 16 L\u00e4ndern einigten sich im Grundsatz auf die Veranstaltung einer Demonstration am 4. April 2009, eine \"Internationale Konferenz\" vom 2. bis 4. April 2009, ein \"Internationales Widerstandscamp\" vom 1. bis 5. April 2009 sowie Aktionen des \"zivilen Ungehorsams\". uttgarter Die Teilnehmer verabschiedeten einen \"Appell\", unterschrieben von einer Appell\" F\u00fclle von Organisationen und Gruppierungen aus zahlreichen europ\u00e4ischen, aber auch au\u00dfereurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, darunter aus Deutschland unter anderem von der DKP und namentlich ihrer Untergliederung in Lud - wigsburg, der Bundespartei \"DIE LINKE.\" und einzelnen Landesverb\u00e4nden, darunter der Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg, der \"Rosa-LuxemburgStiftung Baden-W\u00fcrttemberg\", des \"Revolution\u00e4rSozialistischen Bundes/IV. Internationale\" (RSB/IV. Internationale) und der VVN/BdA. Der Appell rief zur Teilnahme an den Protesten gegen die \"aggressive Milit\u00e4rund Nuklearpolitik der NATO\" auf.377 Die NATO sei \"ein wachsendes Hindernis f\u00fcr den Frieden in der Welt\". Trotz anders lautender Deklarierung sei sie in Wirklichkeit \"ein Vehikel f\u00fcr den Einsatz von Gewalt unter F\u00fchrung der USA\". Sie betreibe seit 1991 eine \"expansionistische Politik mit dem Ziel, ihre strategischen und Ressourceninteressen zu vertreten\". Sie habe unter dem \"Deckmantel\" humanit\u00e4rer Hilfe auf dem Balkan Krieg gef\u00fchrt und f\u00fchre seit Jahren einen \"brutalen Krieg\" in Afghanistan. Die NATO versch\u00e4rfe Spannungen, befeuere den R\u00fcstungswettlauf und erh\u00f6he die Kriegsgefahr. 377 Hier und im Folgenden: Appell \"Nein zum Krieg - Nein zur NATO\". Beschlossen in Stuttgart am 5. Oktober 2008; Internetauswertung vom 18. Februar 2009. 228","Um die Aktionsplanungen zu forcieren, veranstaltete die \"No-NATO-Kampagne\" am 8. November 2008 in Stuttgart und am 8. Dezember 2008 in Frankfurt am Main bundesweite sowie am 1. Dezember 2008 ein internationales Vorbereitungstreffen in Br\u00fcssel/Belgien. Im Rahmen dieser drei weiteren Vorbereitungsveranstaltungen kam man \u00fcberein, dass die Demonstration am 4. April 2009, die \"Internationale Konferenz\" sowie das \"Internationale Widerstandscamp\" jeweils in Stra\u00dfburg/Frankreich stattfinden sollen. F\u00fcr den 3. April 2009 war beabsichtigt, die Veranstaltungen der NATO in Baden-Baden mittels Blockaden zu behindern. Die Aktionsplanungen sollten bis zur \"Internationalen Aktionskonferenz\" der \"No-Nato-Kampagne\" am 14./15. Februar 2009 in Stra\u00dfburg konkretisiert und verabschiedet werden. \"'Dissent!' Frankreich\"378 lud unter der Programmatik \"Radikaler Widerstand gegen den NATO-Gipfel 2009\" zu einem internationalen Vorbereitungstreffen von Gruppen aus mehreren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern vom 17. bis 18. Januar 2009 an einen Ort im Raum Stra\u00dfburg mit dem Ziel ein, m\u00f6glichst \"eine Koordination im anarchistischen, autonomen und linksradikalen Spektrum [zu] bef\u00f6rdern\" und \"konkrete Verabredungen\" zu treffen.379 Zudem sollte ein Prozess in Richtung eines \"dauerhaften und organisierten Widerstand[s] gegen die globalen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse\" in Gang gebracht werden. Neben den bundesund europaweiten Proteststrukturen entwickelten sich in Deutschland auch zahlreiche regionale und lokale Initiativen. In BadenW\u00fcrttemberg gingen Protestplanungen, an denen auch Linksextremisten beteiligt waren, von Regionalb\u00fcndnissen vor allem in den R\u00e4umen Freiburg im Breisgau, Kehl, Baden-Baden, Stuttgart, T\u00fcbingen, Karlsruhe und Mannheim/Heidelberg aus. Am 22. November 2008 fand in Stuttgart ein Arbeitsund Vernetzungstreffen statt, organisiert unter anderem von der \"Revolution\u00e4ren Aktion Stuttgart\" (RAS) und dem \"Infoladen Karlsruhe\". Im Zuge der Fokussierung auf die als \"Kriegsb\u00fcndnis\" diffamierte NATO thematisierten Linksextremisten zeitgleich auch die in Deutschland angeblich voranschreitende Militarisierung. So richteten sich B\u00fcndnisdemonstrationen in Berlin und Stuttgart am 20. September 2008 im Vorfeld 378 \"'Dissent!' Frankreich\" ist der franz\u00f6sischsprachige Ableger des ma\u00dfgeblich von militant orientierten britischen \"Globalisierungskritikern\" zur Vorbereitung der Proteste gegen das G8-Treffen von 2005 in Gleneagles (Schottland) initiierten Netzwerks \"Dissent!\". 379 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 11. November 2008. 229","gegen der anstehenden Abstimmung im Deutschen Bundestag gegen eine Verl\u00e4nnehmende gerung des Einsatzes deutscher Truppen in Afghanistan. In einem von einer arisierung\" Vielzahl von Gruppen, Organisationen und Einzelpersonen, darunter \"DIE LINKE.\", DKP, VVN-BdA, MLPD und \"Linksjugend ['solid]\" unterst\u00fctzten Aufruf hie\u00df es, bisher sei mit den sieben Jahren Krieg in Afghanistan keines der \"vorgeblichen\" Ziele erreicht worden.380 Die \"Kriegsf\u00fchrungsstrategie der NATO und damit der USA\" ziele \"auf die Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens und Zentralasiens zur Durchsetzung machtpolitischer und wirtschaftlicher Interessen\". Der Verdacht liege nahe, \"dass die 'zivile' Komponente des Bundeswehreinsatzes zur Rechtfertigung des Krieges instrumentalisiert\" werde. Zur Beteiligung an einem \"antikapitalistischen Block\" im Rahmen der beiden Veranstaltungen hatten auch autonome und antiimperialistische Kr\u00e4fte mobilisiert. In einem gemeinsamen Aufruf \"Bundeswehr und Nato raus aus Afghanistan. Kriege sabotieren - Kapitalismus abschaffen\" 381 der \"Revolution\u00e4ren Perspektive Berlin\" und der RAS hie\u00df es unter anderem: \"Mit eigenen antikapitalistischen Bl\u00f6cken auf den Demonstrationen in Stuttgart und Berlin soll deutlich gemacht werden, dass es um mehr als eine Aufforderung an die Sozialabbauer und Kriegstreiber im Bundestag geht - es geht um eine konfrontative Stellung ihnen gegen\u00fcber. Es geht darum, f\u00fcr eine revolution\u00e4re antikapitalistische Perspektive einzutreten, eine gemeinsame Praxis gegen Krieg, Ausbeutung und das ganze kapitalistische System zu entwickeln und sich daf\u00fcr zu organisieren.\" 382 An den friedlich verlaufenen Demonstrationen in Berlin und Stuttgart beteiligten sich circa 3.300 beziehungsweise 2.000 Personen. Der \"antikapitalistische Block\" hatte auf beiden Demonstrationen durch eine symbolische Aktion auf sich aufmerksam gemacht, bei der ein Panzer aus Pappmaterial in Brand gesetzt wurde. Damit sollte gegen die \"Kriminalisierung von Kriegsgegnern\" wie im Strafverfahren gegen mutma\u00dfliche Angeh\u00f6rige der \"militanten gruppe\" (mg) hingewiesen werden, deren Prozess am 25. September 2008 in Berlin begann. 380 Hier und im Folgenden: Aufruf \"Dem Frieden eine Chance, Truppen raus aus Afghanistan\"; Internetauswertung vom 10. November 2008. 381 Internetauswertung vom 11. November 2008. 382 Internetauswertung vom 10. November 2008. 230","5.2 \"Antirepression\" Das Thema \"staatliche Repression\" gegen \"linke Zusammenh\u00e4nge\" legte Agitation gegen angesichts aktueller Entwicklungen im Jahr 2008 f\u00fcr die linksextremistische SS 129 StGB Szene noch an Bedeutung zu. Im Mittelpunkt standen hierbei die Agitation gegen den \"Ermittlungsparagrafen 129\" und im weiteren Verlauf des Jahres die Diskussion um ein neues Versammlungsgesetz f\u00fcr Baden-W\u00fcrttemberg. Betroffen war die linksextremistische Szene nicht nur durch zahlreiche Ermittlungsund Strafverfahren im Nachgang zu den Protesten gegen den G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm, sondern vor allem durch Verfahren nach SS 129 Strafgesetzbuch (Bildung einer kriminellen Vereinigung) gegen mutma\u00dfliche Mitglieder der \"militanten gruppe\" (mg). Das Verfahren im Zusammenhang mit der \"militanten Begleitkampagne\" gegen den G8-Gipfel wurde am 24. September 2008 von der Staatsanwaltschaft Hamburg eingestellt. Der Prozess gegen die mutma\u00dflichen Mitglieder der mg, die am 31. Juli 2007 unmittelbar nach einem versuchten Brandanschlag auf Fahrzeuge der Bundeswehr in Brandenburg festgenommen worden waren, begann am 25. September 2008 vor dem Kammergericht in Berlin. Etwa zeitgleich mit dem Beginn der Hauptverhandlung erschien im September 2008 die \"ZEITUNG GEGEN KRIEG, MILITARISMUS, DIE MG-VERFAHREN UND REPRESSION\" als eine Beilage in der linksextremistischen \"jungen welt\" und der Berliner Tageszeitung taz. Der Beilagenartikel \"DAS ENDE EINER DIENSTFAHRT\" bezieht sich auf eine gleichnamige Erz\u00e4hlung von Heinrich B\u00f6ll, die von einem Prozess gegen Vater und Sohn handelt, die ein Bundeswehrfahrzeug in Brand gesteckt hatten und der mit einer eher milden Strafe endete. \u00c4hnlich wie in dieser Erz\u00e4hlung, so lautete das Fazit der Autoren des Artikels, solle auch heute nach Ma\u00dfgabe des Staates \"das 'aktive Abr\u00fcsten' keine Schule machen\" nur sei \"die gew\u00e4hlte Strategie diesmal eine v\u00f6llig andere.\" Erl\u00e4uternd hie\u00df es dann: \"Statt die 'Abr\u00fcstung' klein zu reden, wurde und wird der Versuch unternommen, die den drei Beschuldigten vorgeworfene antimilitaristische Aktion im Rahmen einer gro\u00df angelegten Repressionsund Ermittlungsaktion zu kriminalisieren.\" 231","Des Weiteren formulierte ein so genanntes Einstellungsb\u00fcndnis383: \"Wir fragen, was ist die Zerst\u00f6rung von Kriegsmaterial im Vergleich dazu, es herzustellen und damit verheerende Sch\u00e4den anzurichten?\" Dieses \"Einstellungsb\u00fcndnis\" distanzierte sich ausdr\u00fccklich nicht von Gewalttaten dieser Art, sondern bef\u00fcrwortete im gleichen Zusammenhang auch f\u00fcr die Zukunft \"jegliche Art von Protest und Widerstand\". Um die breite \u00d6ffentlichkeit \u00fcber den Stand des Verfahrens zu informieren, organisierte dieses B\u00fcndnis ferner eine so genannte Infotour im gesamten Bundesgebiet, darunter auch am 27. Juni 2008 in Stuttgart, am 5. September 2008 in Karlsruhe und am 19. Oktober 2008 in Freiburg im Breisgau. Gro\u00dfes Interesse der linksextremistischen Szene zog auch das Verfahren in Stuttgart-Stammheim gegen f\u00fcnf angeklagte Mitglieder der in der T\u00fcrkei verbotenen \"Revolution\u00e4ren Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) auf sich, \"der erste gr\u00f6\u00dfere 129b-Prozess gegen eine linke Organisation\".384 Unter dem Motto \"Politischer Schauprozess in Stammheim\" veranstaltete unter anderem ein \"Komitee gegen SSSS 129\" zusammen mit dem \"Netzwerk Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen\" eine bundesweite \"Infotour\", die auch \u00fcber Stuttgart f\u00fchrte und dort mit einer bundesweit ausgerichteten Demonstration (\"WEG MIT DEN PARAGRAPHEN 129, 129A und 129B!\") am 5. Juli 2008 endete. Bereits im Vorfeld der ansonsten friedlich verlaufenen Demonstration, an der sich etwa 400 Angeh\u00f6rige aus dem deutschen und t\u00fcrkischen linksextremistischen Spektrum aus Baden-W\u00fcrttemberg, Hamburg, Berlin und Magdeburg beteiligten, waren insgesamt 25 Personen wegen Versto\u00dfes gegen das Versammlungsgesetz vorl\u00e4ufig in Gewahrsam genommen worden. Ein Ziel des im Zusammenhang mit obigem Verfahren gegr\u00fcndeten Komitees war nach eigenen Angaben, sich anl\u00e4sslich \"dieser neuen Qualit\u00e4t f\u00fcr die St\u00e4rkung der Bewegung gegen die Kriminalisierung linker Strukturen\" einzusetzen und \"offensiv gegen die repressive Entwicklung\" vorzugehen.385 383 Ein loser Zusammenschluss von Personen, die Solidarit\u00e4tsarbeit f\u00fcr die Betroffenen im mg-Verfahren leisten. 384 \"Schluss mit der Kriminalisierung. Weg mit den Paragraphen 129, 129a & 129b!\" Aufruf zur Demonstration am 5. Juli 2008 in Stuttgart. 385 Internetauswertung vom 10. November 2008. 232","In der Nacht zum 30. Juni 2008 wurde auf das Geb\u00e4ude des Oberlandesgerichts Stuttgart ein Farbanschlag ver\u00fcbt. In einem Bekennerschreiben erkl\u00e4rten die Autoren, mit dieser Aktion auf den laufenden Prozess in Stutt - gart-Stammheim sowie auf die Demonstration am 5. Juli 2008 hinweisen und dabei \"symbolisch eine repressionsbeh\u00f6rde angreifen\" 386 zu wollen, \"deren letztlicher zweck\" es sei, \"jeglichen widerstand zu zerschlagen und die herrschenden unmenschlichen verh\u00e4ltnisse zu manifestieren.\" Weiter wurde darin ausgef\u00fchrt: \"(militanter) widerstand der mit der perspektive verbunden ist, das kapitalistische System anzugreifen und zu \u00fcberwinden, ist dabei schon immer im visier staatlicher repressionsapparate gewesen.\" Die Erkl\u00e4rung endete neben der Forderung nach Freiheit f\u00fcr die Inhaftierten der RAF und nach Einstellung des Strafverfahrens gegen die mg mit den Parolen: \"kampf einem system das sich nur mit kontinuierlicher repression bis heute am leben hat halten k\u00f6nnen und jeglichen antiimperialistischen und antikapitalistischen widerstand bek\u00e4mpft!\" Neben Ma\u00dfnahmen wie neue Polizeigesetze, Einf\u00fchrung der VorratsdatenProtest gegen speicherung, zunehmende Video\u00fcberwachung oder biometrische Daten in angeblichen Personalausweisen symbolisierten aus Sicht von Linksextremisten Trend zum \u00dcberbesonders die Pl\u00e4ne f\u00fcr ein neues Versammlungsgesetz in Baden-W\u00fcrttemwachungsstaat berg den vermeintlichen Trend in Deutschland zu einer fortgesetzten Einschr\u00e4nkung der Grundund Freiheitsrechte sowie versch\u00e4rfter Repression - und dies gezielt im Hinblick auf die \"linke\" Szene. Im Zusammenhang mit der Novellierung des Versammlungsgesetzes wurde neben der Ank\u00fcndigung mehrerer Informationsveranstaltungen zu einer landesweiten Gro\u00dfdemonstration in Stuttgart am 6. Dezember 2008 sowie zu weiteren Kundgebungen am 29. November 2008 in Mannheim und am 13. Dezember 2008 in Freiburg im Breisgau aufgerufen. Bereits am 18. Oktober 2008 kam es in Mannheim zu einer nicht angemeldeten Demonstration mit etwa 50 bis 70 Teilnehmern, die gegen den Gesetzentwurf protestierten. 386 Hier und im Folgenden: Bekennung zum Farbanschlag auf das Oberlandesgericht Stuttgart; Internetauswertung vom 6. November 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 233","5.3 \"Antifaschismus\" \"Antifaschismus\" ist ein Themenfeld mit hoher Mobilisierungskraft geblieben. Im Hinblick auf die im Jahr 2009 anstehenden Wahlen k\u00fcndigten sich bereits gesteigerte Aktivit\u00e4ten an, die sich vor dem Hintergrund, m\u00f6gliche Wahlerfolge rechtsextremistischer Parteien zu verhindern, besonders auf die \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) konzentrieren d\u00fcrften. Dennoch wurde bislang nur sehr vereinzelt die Neugr\u00fcndung von Gruppen bekannt. Andererseits zeigte sich anl\u00e4sslich der \"Antifa-Demo\" in Friedrichshafen zum \"Gedenken an die Opfer und die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz\" am 26. Januar 2008, dass seit Jahren bestehende Streitpunkte innerhalb der linksextremistischen Szene weiterhin virulent sind. Wie sehr die politische Haltung gegen\u00fcber dem Nahostkonflikt weiterhin die autonome Szene spaltet, zeigte sich, als es w\u00e4hrend der Demonstration zu \"w\u00fcsten Beschimpfungen\" zwischen \"Antideutschen\" und einer \"Intifada-Fraktion\" kam. Letztere wurde schlie\u00dflich von der Demonstrationsleitung von einer weiteren Teilnahme an der Veranstaltung ausgeschlossen.387 Insbesondere \"autonome Antifaschisten\" hielten sich auch 2008 weiterhin zugute, sowohl ideologisch als auch in der Praxis \u00fcber den \"b\u00fcrgerlichen\" Antifaschismus hinauszugehen. So hie\u00df es im Zusammenhang mit dem - auch gewaltsamen - Vorgehen gegen \"Nazis\" auf der 1. Mai-Demonstration in Neustadt/Weinstra\u00dfe, das als \"voller Erfolg\" gewertet wurde: \"Der Naziaufmarsch wurde direkt verhindert, die Nazis in ihre Schranken gewiesen und der Protest \u00fcber ein \u00fcbliches 'gegen Rechts' hinaus gehoben. Womit der Bogen zur traditionellen, revolution\u00e4ren Praxis der Linken geschlagen werden konnte. Antifaschistische Intervention (...) bedeutet mehr als nur den (notwendigen) Protest gegen Nazis. Die Intervention ist stets auch gegen den kapitalistischen Staat und die Polizei zu richten, welche erst die Naziaufm\u00e4rsche erm\u00f6glichen und in einen 'tolerierbaren' Kontext einbetten.\" 388 387 Bericht bei \"indymedia.org.\" \u00fcber die Demonstration in Friedrichshafen am 26. Januar 2008; Internetauswertung vom 28. Februar 2008. 388 \"break-out. monatsschrift der AIHD\" Nr.5/2008, S. 7. 234","Drei entscheidende Zielsetzungen \"antifaschistischen\" Engagements formulierte die \"Antifa Gruppe 76 Murgtal\" in einer im August 2008 ver\u00f6ffentlichten Erkl\u00e4rung: \"Wir wissen, dass der Kampf gegen den Faschismus nur \u00fcber das \u00dcberwinden des kapitalistischen Systems gewonnen werden kann, halten es aber trotzdem f\u00fcr unabdingbar, Nazis direkt anzugreifen und ihre Aufm\u00e4rsche zu verhindern. Au\u00dferdem sehen wir im Antifaschismus ein wirksames Mittel um gerade junge Menschen zu politisieren und sie mit radikaler, emanzipatorischer Kritik zu versorgen.\" 389 \"Antifaschismus\" \"Antifaschismus\" bedeutete auch im Jahr 2008, vor allem auf \u00f6ffentliche letztlich als Auftritte von \"Nazis\" zu reagieren. Dazu z\u00e4hlten allj\u00e4hrlich wiederkehrende Vehikel zur Veranstaltungen wie Protestaktionen gegen die Mahnwache von RechtsexSystembek\u00e4mpfung tremisten auf dem Pforzheimer Wartberg am 23. Februar 2008 im Gedenken an die Bombardierung Pforzheims. Vor dem Hintergrund der versuchten Vereinnahmung des \"Tags der Arbeit\" durch Rechtsextremisten werden auch die traditionellen Kundgebungen am 1. Mai verst\u00e4rkt als \"antifaschistische\" Demonstrationen deklariert. Gleichwohl gab es auf dem Aktionsfeld \"Antifaschismus\" 2008 einige besondere Akzente. Am 11. Oktober 2008 fand in B\u00fchl unter dem Motto \"Unsere Solidarit\u00e4t gegen eure Repression!\" eine \"Antirepressionsdemo\" statt, die sich vor dem Hintergrund von Hausdurchsuchungen im Gro\u00dfraum B\u00fchl, Rastatt und Achern am 16. Juli 2008 gegen die massive \"Repressionswelle\" wandte, der \"sich die autonomen Strukturen in Mittelbaden ausgesetzt\" sahen.390 Die laufende \"Freiraum-Kampagne\"391 war Anlass, die zunehmend spiegelbildlich von Rechtsextremisten angestrebte Errichtung \"nationaler Zentren\" zu attackieren. So intensiv, wie einerseits Rechtsextremisten versuchen, \"linke\" Theorien und Praktiken zu kopieren, so betont legen Linksextre389 Internetauswertung vom 10. September 2008. 390 Internetauswertung vom 20. Oktober 2008. 391 Siehe S. 237ff. 235","misten Wert darauf, dass \"links ungleich rechts\" sei. Die f\u00fcr Linksextremisten legitime Forderung nach \"autonomen Zentren\", so hie\u00df es deshalb, habe auf rechtsextremistischer Seite keineswegs die gleiche Berechtigung, \"sind doch die grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen, was linke Zentren darstellen und vermitteln sollen, von denen rechter Projekte grunds\u00e4tzlich verschieden. (...) 'Nationale Zentren' sind, wie der Name schon sagt, Menschen vermeintlich 'deutschen Blutes' vorbehalten. Demgegen\u00fcber wollen linke Zentren gerade gegen den allt\u00e4glichen Rassismus Stellung beziehen.\" 392 Aus dieser entschiedenen politischen Frontstellung \"linker selbst verwalteter Zentren\" ergebe sich als logische Folge: \"Wer gegen Nazis ist, muss konsequenterweise auch f\u00fcr selbstverwaltete linke Projekte sein!\" Die Bestrebungen der linksextremistischen Szene, \"klar zu machen, dass zwischen linken selbstverwalteten Projekten und rechten 'nationalen Zentren' - in welcher Erscheinungsform auch immer - keine Gemeinsamkeiten bestehen\", sind in den \u00fcbergeordneten Zusammenhang mit der Agitation gegen den totalitarismustheoretisch begr\u00fcndeten Ansatz des Begriffes \"Extremismus\" einzuordnen. W\u00e4hrend die gesamte linksextremistische Szene immer wieder auf eine deutliche qualitative Unterscheidung zwischen \"Links-\" und \"Rechtsextremismus\" hinwirkt, wird mit der Verwendung des Terminus \"Extremismus\" eine nach Auffassung der linksextremistischen Szene unzul\u00e4ssige Gleichsetzung beider politischen Bereiche unterstellt. Unabh\u00e4ngig davon, dass diese Gleichsetzung nicht stattfindet, bleibt die Tatsache bestehen, dass Linksund Rechtsextremismus eines gemeinsam ist, n\u00e4mlich die Ablehnung der bestehenden Staatsund Gesellschaftsordnung. Verst\u00e4rkt in den Fokus linksextremistischer \"Antifaschismusarbeit\" gelangten 2008 Versuche von Rechtsextremisten, Immobilien zum Aufbau von Schulungszentren zu erwerben. In diesem Zusammenhang stand in BadenW\u00fcrttemberg das Interesse von Rechtsextremisten an der Nutzung eines Geb\u00e4udes in Karlsruhe-Durlach im Vordergrund, die letztendlich jedoch von der Stadt verhindert werden konnte. Am 19. Juli 2008 kam es zu einer \"Spontandemo\" unter anderem autonomer \"Antifaschisten\", in deren Verlauf die Polizei gezwungen war, Pfefferspray einzusetzen. Eine heftige Kon392 Hier und im Folgenden: Flugblattaufruf der AIHD \"wir sind \u00fcberall! f\u00fcr den aufbau und die verteidigung selbstverwalteter freir\u00e4ume\" (\u00dcbernahme einschlie\u00dflich der Unterstreichungen wie im Original). 236","troverse ergab sich, als die Stadt Karlsruhe eine separate Veranstaltung, die sich von Extremismus von \"Rechts\" und von \"Links\" gleicherma\u00dfen distanzierte, durchf\u00fchrte, an einer Veranstaltung des \"Antifaschistischen AktionsKampf gegen b\u00fcndnisses Karlsruhe\" (AAKA) dagegen nicht teilnahm, da an diesem \"Nazizentren\" B\u00fcndnis auch linksextremistische und linksextremistisch beeinflusste Organisationen beteiligt waren. Ein Landessprecher der an dem AAKA beteiligten VVN-BdA kommentierte die Vorg\u00e4nge unter anderem mit den Worten: \"Allen aus der Totalitarismus-L\u00fcge gespeisten Schikanen zum Trotz ist das Antifa-B\u00fcndnis AAKA quicklebendig und guten Mutes. (...) Je l\u00e4nger diejenigen, die mit ehrlicher Politik reale Aufkl\u00e4rungserfolge erzielen, von der Obrigkeit als 'Linksextremisten' diffamiert und behindert werden, umso mehr Menschen werden den demagogischen Charakter der obrigkeitlichen Verdummung begreifen und selber aktiv werden gegen Rechts. (...) Die NPD und alle neofaschistischen Organisationen geh\u00f6ren gem\u00e4\u00df Verfassung als verbotene Nachfolgeorganisationen aufgel\u00f6st bzw. verboten. Je l\u00e4nger CDUgef\u00fchrte L\u00e4nderministerien einen erneuten NPDVerbotsprozess sabotieren, umso mehr Menschen werden begreifen, dass die Rechtskonservativen offen auftretende Rechtsextremisten brauchen, weil sie damit ihre knallharte rechte Politik des Kriegs nach Au\u00dfen und nach Innen besser verkaufen k\u00f6nnen.\" 393 5.4 Kampf um \"Freir\u00e4ume\" beziehungsweise \"Autonome Zen - tren\" Der bereits im Jahr zuvor angelaufene Kampf um \"soziale Freir\u00e4ume\" war im Jahr 2008 ebenfalls ein Thema von bundesweiter Bedeutung. Als \"Freir\u00e4ume\" gelten f\u00fcr die Szene \"autonome Zentren\", das hei\u00dft in Eigenregie betriebene Projekte und besetzte H\u00e4user. Diese \"Freir\u00e4ume\" seien \"nicht nur selbstbestimmte und -verwaltete Strukturen, sondern auch Prozess der Aneignung.\" 394 Beide Ans\u00e4tze verbinde der Versuch, \"sich von der Produktion und Reproduktion gesellschaftlicher Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zu eman393 \"Stattzeitung f\u00fcr S\u00fcdbaden\", Ausgabe 72 vom August 2008. 394 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 6. November 2008; \u00dcbernahme wie im Original. 237","zipieren.\" Solche \"autonomen Freir\u00e4ume\" gelten in der Szene als \"unabdingbar\", als \"Ausgangspunkt von Kommunikation, Politik und Kultur stellen sie die strukturelle Grundlage der Bewegung.\" Die \"Schaffung jedes Freiraums\" wird als \"ein weiterer - wenn auch kleiner - Schritt in Richtung einer befreiten Gesellschaft\" verstanden.395 Im Kampf um solche \"Freir\u00e4ume\" sah sich die Szene einer versch\u00e4rften politischen Situation gegen\u00fcber. W\u00e4hrend in den 70erund 80er-Jahren noch erfolgreiche Besetzungen m\u00f6glich gewesen seien und diese in letztlich vom Staat tolerierte dauerhafte Einrichtungen h\u00e4tten \u00fcberf\u00fchrt werden k\u00f6nnen, sei man \"heute mit einem autorit\u00e4ren Staat und zunehmend reaktion\u00e4ren Tendenzen in der Gesellschaft konfrontiert. Sozialabbau (...), Rassismus, Nationalismus sowie der Ausbau zum Polizeiund \u00dcberwachungsstaat\" bestimmten \"das Programm, das sich auch auf die linke Bewegung\" auswirke. In dem hier zitierten \"Aufruf des AK Antifa Mannheim zu den Aktionstagen f\u00fcr autonome Freir\u00e4ume vom 11. bis 12. April 2008\" 396 hie\u00df es weiter: \"Autonome Freir\u00e4ume werden nicht nur von der Privatwirtschaft angegriffen. Die R\u00e4ume einer kritischen Bewegung, in denen subversives Gedankengut entsteht, werden vom Staat als Bedrohung angesehen. Wenn wir unsere Freir\u00e4ume verteidigen wollen, d\u00fcrfen wir also nicht mit, sondern m\u00fcssen gegen Staat und Kapital vorgehen und deren Negation vorantreiben.\" ampf mit So fanden am 11./12. April 2008 in Deutschland und anderen europ\u00e4ischen rnationaler L\u00e4ndern internationale \"decentralized days of action for squats [= besetzte mension H\u00e4user] and autonomous spaces\" statt, um das Thema in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen, \"bestehende Freir\u00e4ume zu verteidigen, neue zu erk\u00e4mpfen und Kritik an den Herrschaftsverh\u00e4ltnissen zu \u00fcben.\" 397 In zahlreichen deutschen St\u00e4dten, darunter in Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg im Breisgau und Stuttgart kam es in diesem Zusammenhang unter dem Motto \"Freir\u00e4ume aufbauen und verteidigen!\" zu Demonstrationen, Kundgebungen und \"Stra\u00dfenfesten\". Zuvor hatten sich am Wochenende des 8. bis 10. Februar 2008 in Mannheim circa 60 \"Freiraumaktivistinnen und -aktivisten\" aus dem gesamten Bundesgebiet getroffen, \"um sich auszutauschen, 395 \"Aufruf des AK Antifa Mannheim zu den Aktionstagen f\u00fcr autonome Freir\u00e4ume vom 11. bis 12. April 2008\"; Internetauswertung vom 6. November 2008. 396 Ebd. 397 Internetauswertung vom 6. November 2008. 238","[zu] vernetzen und gemeinsame Aktionen zu planen.\" 398 Die Kampagne als solche galt in der Szene als \"alles in allem ein gro\u00dfer Erfolg\", und man rief dazu auf: \"Schaffen wir zwei vier f\u00fcnf autonome Freir\u00e4ume (...) und den Kapitalismus ab!!!\" In Heidelberg, wo es unter anderem in der Nacht vom 6. auf den 7. Juni 2008 zu einer vor\u00fcbergehenden Hausbesetzung gekommen war, fand unter dem Motto \"Kein Tag ohne Autonomes Zentrum\" vom 28. September bis 4. Oktober 2008 eine Aktionswoche f\u00fcr ein \"selbstverwaltetes Kulturzentrum\" statt. Dabei wurde neben Informationsund Vortragsveranstaltungen eine abschlie\u00dfende \"Nachttanzdemo\" durchgef\u00fchrt, an der etwa 500 Personen teilnahmen. Im Unterschied zu den friedlichen Aktionen in Baden-W\u00fcrttemberg hatten \"Aktionstage\" im gleichen Zusammenhang in Berlin Ende Mai/Anfang Juni 2008 einen Eindruck von dem durchaus vorhandenen Gewaltpotenzial vermittelt. Gewaltt\u00e4tige Aktionen, die auch von Brandanschl\u00e4gen begleitet waren, verursachten dort einen Gesamtsachschaden von \u00fcber einer Million Euro. 398 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 6. November 2008. 239","F. SCIENTOLOGY-ORGANISATION (SO) Gr\u00fcndung: 1954 in den USA, 1970 erste Niederlassung in Deutschland, 1972 erste Niederlassung in Baden-W\u00fcrttemberg Gr\u00fcnder: Lafayette Ronald HUBBARD (1911-1986) Nachfolger: David MISCAVIGE (Vorstandsvorsitzender \"Religious Technology Center\", RTC) Sitz: Los Angeles (\"Church of Scientology International\", CSI) Mitglieder: Baden-W\u00fcrttemberg ca. 1.000 - 1.100 (2007: ca. 1.000 - 1.100) Bundesgebiet ca. 5.000 - 6.000 (2007: ca. 5.000 - 6.000) weltweit ca. 100.000 - 150.000 (2007: ca. 100.000 - 150.000) Publikationen: \"Dianetik-Post\", \"Freiheit\", \"Free Mind\", \"Impact\", \"Auditor\", u.a. 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen Die \"Scientology-Organisation\" (SO) geriet auch im Jahr 2008 wiederholt in den Blickpunkt \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit. In Belgien und Frankreich wurden unter anderem wegen des Vorwurfs des Betrugs Gerichtsverfahren gegen Scientology und verschiedene ihrer Funktion\u00e4re eingeleitet. obachtung In Deutschland wurde die Frage eines Vereinsverbots diskutiert. Die orderlich st\u00e4ndige Konferenz der Innenminister und -senatoren der L\u00e4nder war am 21. November 2008 auf Grundlage eines Pr\u00fcfberichts zur M\u00f6glichkeit eines vereinsrechtlichen Ermittlungsverfahrens der Auffassung, dass die verfassungsfeindliche Zielrichtung der SO eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz weiter erforderlich macht. Unter dem Begriff \"Anonymous\" formierte sich eine zun\u00e4chst nur lose \u00fcber das Internet agierende Bewegung von SO-Kritikern, die seit Anfang 2008 vor allem in den USA und Europa gegen die Aktivit\u00e4ten der SO protestierten. Ausl\u00f6ser war die als Zensur empfundene Taktik der SO, unter Berufung auf ihr Urheberrecht Scientology-Dokumente aus dem Internet zu entfernen, die f\u00fcr die Organisation unangenehme Interna offenbaren. An den Demonstrationen nahmen weltweit jeweils etwa 1.000 bis 9.000 Personen teil. Die SO reagierte darauf mit vehementen Verunglimpfungen und stellte offenkundig Recherchen \u00fcber Demonstrationsteilnehmer und Kritiker an. Im Widerspruch zu ihren st\u00e4ndigen Behauptungen zu expandieren, stagnierten die Mitgliedszahlen der SO in Baden-W\u00fcrttemberg. Ihr gelang es trotz intensiver Werbung nicht, eine dynamische Mitgliederentwicklung 240","herbeizuf\u00fchren. Sie konnte auch kein neues, repr\u00e4sentatives Geb\u00e4ude (\"Ideale Org\") in der Landeshauptstadt er\u00f6ffnen. Zudem erlitt die SO schwere juristische Niederlagen vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) Juristische M\u00fcnster und vor dem Verwaltungsgerichtshof (VGH) Baden-W\u00fcrttemberg. Niederlagen Der VGH stellte fest, dass die Erhebung von Stra\u00dfensondernutzungsgeb\u00fchren in Stuttgart wegen des gewerblichen Charakters von \u00f6ffentlichen SO-Veranstaltungen rechtm\u00e4\u00dfig ist.399 Das OVG M\u00fcnster entschied, dass die Beobachtung der SO durch das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz rechtm\u00e4\u00dfig ist.400 2. Organisation, Finanzen und Mitgliederbestand Die SO wird vom obersten Management in Los Angeles gef\u00fchrt. An der Spitze der Hierarchie steht das \"Religious Technology Center\" (RTC), das Besitzer der Urheberrechte an den Schriften HUBBARDs ist. Die Vorgaben der F\u00fchrung werden an das jeweilige \"Kontinentale Verbindungsb\u00fcro\" weitergeleitet, das sich f\u00fcr Europa in Kopenhagen befindet. F\u00fchrungspositionen werden meist durch die \"Sea Organization\" (\"Sea Org\") besetzt. Ihre paramilit\u00e4risch organisierten Kader bilden den harten Kern der SO. Das Selbstverst\u00e4ndnis dieser uniformierten Truppe beruht auf dem Prinzip von Sea Org-Logo Befehl und bedingungslosem Gehorsam. Sie kann Kommandos in nachgeordnete Organisationseinheiten entsenden. Diese gelten als unmittelbare Vollstrecker des Willens des Managements und sind mit \"unbeschr\u00e4nkter Macht\" 401 ausgestattet. Scientologen an der Basis d\u00fcrfen daran keine Kritik \u00fcben und sich nicht widersetzen. \"Sea Org\"-Angeh\u00f6rige haben sich auch wiederholt in Baden-W\u00fcrttemberg aufgehalten. 399 Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-W\u00fcrttemberg vom 16. Januar 2008, Az.: 5 S 393/06 (rechtskr\u00e4ftig). 400 Urteil des Oberverwaltungsgerichts M\u00fcnster vom 12. Februar 2008, Az.: 5 A 130/05 (rechtskr\u00e4ftig). 401 \"Inspector General Network Bulletin\" Nr. 1, Copyright 1987. 241","enorme Die internationale SO-F\u00fchrung verf\u00fcgt \u00fcber eine enorme finanzielle Schlagnanzielle kraft. Das zeigte sich zum Beispiel anhand einer bekannt gewordenen Zahl hlagkraft f\u00fcr die weltweite Werbung, der zufolge die SO f\u00fcr ihre Propaganda pro Jahr mehr als 40 Millionen US-Dollar einsetzt. Ein US-Wirtschaftsmagazin hat im November 2008 Recherchen \u00fcber die weltweiten Einnahmen und Finanzstr\u00f6me der SO ver\u00f6ffentlicht. Demnach soll die SO durch ihr Dienstleistungsangebot f\u00fcr Kurse und \"Auditing\" 402 j\u00e4hrlich etwa 400 Millionen USDollar einnehmen. Weitere gesch\u00e4tzte 50 bis 100 Millionen US-Dollar pro Jahr w\u00fcrden durch Spendenkampagnen eingenommen. Etwa 50 Millionen US-Dollar j\u00e4hrlich erziele die SO zudem durch Lizenzeinnahmen. Somit d\u00fcrften sich die Gesamteinnahmen in einem Jahr im Bereich auf \u00fcber eine halbe Milliarde US-Dollar belaufen. Die Finanzreserven seien auf zahlreiche Treuhandverm\u00f6gen (Trusts) und auf Immobilienbesitz verteilt.403 Die SO gibt mit zehn Millionen Anh\u00e4ngern eine weit \u00fcbertriebene Zahl an. In Wirklichkeit verf\u00fcgt sie weltweit \u00fcber etwa 100.000 bis 150.000 Mitglieder. Ein erneuter Hinweis hierzu ergab sich durch die Ver\u00f6ffentlichung einer Kursteilnehmerzahl im Zusammenhang mit der Neuausgabe der HUBBARD-Grundlagenb\u00fccher im Juli 2007. Seitdem sollen alle Scientologen diese B\u00fccher durch Kurse verinnerlichen. Im Juni 2008 gab die SO intern an, dass weltweit \u00fcber 100.000 Personen diese Kurse absolvieren w\u00fcrden und behauptete einen hohen Mobilisierungsgrad unter den Scientologen.404 Die Angabe von zehn Millionen Anh\u00e4ngern ist daher offenkundig falsch, wenn sie intern eine Zahl von \u00fcber 100.000 Mitgliedern als Richtgr\u00f6\u00dfe verwendet. gliederzahl In Baden-W\u00fcrttemberg hat die SO seit mehreren Jahren unver\u00e4ndert etwa tagniert 1.000 bis 1.100 Anh\u00e4nger. Ein Indiz daf\u00fcr ist die Mobilisierung bei regionalen Veranstaltungen. Im Mai 2008 fand in Stuttgart eine Tagung des SOWirtschaftsverbands \"World Institute of Scientology Enterprises\" (WISE) mit rund 40 Personen statt. Treffen von WISE in den Vorjahren wiesen \u00e4hnliche Zahlen auf. Auch der Teilnehmerkreis von Veranstaltungen der \"Org\" Stuttgart umfasste wie in den Vorjahren bis zu rund 250 Personen. Der Kern der Anh\u00e4ngerschaft besteht aus zumeist langj\u00e4hrigen Scientologen, um den herum eine gewisse Fluktuation herrscht. Dar\u00fcber hinaus treten hierzulande seit mehreren Jahren vermehrt jugendliche Scientologen ab 16 Jahre beziehungsweise junge Erwachsene in Erscheinung. Sie sind durch ihre 402 \"Auditing\": Psychotechnik der SO zur Pers\u00f6nlichkeitsver\u00e4nderung des Menschen. 403 URL: www.portfolio.com/news-markets/national-news/portfolio/2008/11/19/Monetary-value-of-Scientology vom 26. November 2008. 404 Zeitschrift \"International Scientology News\" Nr. 38/2008, S. 1. 242","Eltern, die selbst langj\u00e4hrige Mitglieder sind, zur SO gekommen. Die SO konnte dadurch teilweise ihre Mitgliederverluste ausgleichen. Zudem konnte sie durch intensive Werbung begrenzt neue Anh\u00e4nger gewinnen, aber nur teilweise l\u00e4nger an sich binden. Zur Mobilisierung inaktiver Scientologen rief die SO weltweit das \"Nachbarschaftsprojekt\" ins Leben. Daf\u00fcr sollten Scientologen in ihrer jeweiligen Region systematisch an inaktive Mitglieder herantreten, auch wenn seit langer Zeit kein Kontakt mehr bestanden hat. All das deutet auf Rekrutierungsprobleme hin. Daf\u00fcr spricht auch, dass die SO Personal aus BadenW\u00fcrttemberg abzog, als sie im Januar 2007 ihr neues Zentrum in Berlin er\u00f6ffnete. Dadurch entstanden in der \"Org\" Stuttgart Engp\u00e4sse bei der Besetzung von Posten, die sich in der Tendenz eher verst\u00e4rkt haben. Die SO versucht hartn\u00e4ckig weiter, ihre Stagnation im Land zu \u00fcberwinden. Scientology besitzt in Baden-W\u00fcrttemberg einen ihrer bundesweiten Schwerpunkte und das dichteste organisatorische Netz in Deutschland. Es besteht aus einer \"Class V Org\"405 (\"Kirche\") in Stuttgart und drei \"Missio - nen\" in Ulm, Karlsruhe und G\u00f6ppingen. In Kirchheim unter Teck besteht eine \"Feldauditorengruppe \" 406, die in der SO als eine der wichtigsten in Westeuropa gilt. Im Jahr 2007 wurde in Freiburg im Breisgau von Scientologen ein \"Zentrum f\u00fcr Lebensfragen\" gegr\u00fcndet. Dar\u00fcber hinaus bestehen in Erlenbach/Krs. Heilbronn, Sinsheim, Leinfelden-Echterdingen und Welzheim weitere \"Missionen\", die allerdings unbedeutend sind, kaum Mitglieder haben und teilweise nur noch formal bestehen. Im Bereich der Hilfsorganisationen existieren zwei Anlaufstellen der \"Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte\" (KVPM) in Stuttgart und Karlsruhe. Eine \"Applied Scholastics\" (ApS)-Niederlassung bietet unter dem WCC-Logo Namen \"Professionelles Lerncenter\" in Stuttgart Sch\u00fclernachhilfe an. Ein weiterer ApS-Anbieter in Geislingen an der Steige ist weitgehend inaktiv. Anfang des Jahres 2008 wurde in Stuttgart eine \"Jugend f\u00fcr Menschenrechte\"-Gruppe gegr\u00fcndet, die aus etwa einem Dutzend junger Scientologen besteht. Der SO-Wirtschaftsverband WISE umfasst in Baden-W\u00fcrttemberg rund 50 Mitglieder. Es handelt sich um Einzelpersonen oder um kleine Firmen, die h\u00e4ufig in der Immobilienoder Finanzdienstleistungsbranche oder KVPM-Logo als Unternehmensberater t\u00e4tig sind. In Stuttgart besteht ein \"WISE Charter Committee\" (WCC) als \"Justiz\"-Stelle f\u00fcr WISE-Mitglieder. 405 SO-Niederlassung mit breiterem Dienstleistungsangebot. 406 \"Feldauditoren\": Personen, die \"Auditing\" au\u00dferhalb der \"Org\" anwenden. 243","3. Expansionsbestrebungen durch \"Ideale Orgs\" Ein Teil der vielschichtigen Expansionsstrategie der SO ist das globale Projekt \"Ideale Org\". Scientology versteht darunter die Etablierung von prestigetr\u00e4chtigen Repr\u00e4sentanzen \"an wichtigen strategischen Orten\".407 Diese \"Orgs\" in Regionen mit gro\u00dfer politischer beziehungsweise wirtschaftlicher Bedeutung sollen der Ausgangspunkt f\u00fcr eine schneeballartige Expansion in der Gesellschaft zur langfristigen Schaffung einer \"neuen Zivilisation\" ische Ziele und f\u00fcr nachhaltige politische Einflussnahme werden. Die \"Idealen Orgs\" sollen zudem \"F\u00fchrungspositionen\" in der Kommunalpolitik erlangen.408 Die Organisation betont dabei immer wieder die Positionierung ihrer Niederlassungen in der N\u00e4he politischer Institutionen wie Parlamenten. Ein ehemaliger SO-Anh\u00e4nger wies darauf hin, dass der Erwerb repr\u00e4sentativer Geb\u00e4ude der SO-F\u00fchrung in den USA auch weitere Einnahmequellen erschlie\u00dfen soll. Denn es sei nicht vorgesehen, dass nach einer Finanzierung, die haupts\u00e4chlich durch die Spenden der Basis erfolgen soll, das neue Geb\u00e4ude in das Eigentum der betreffenden \"Org\" \u00fcbergeht, sondern dass das internationale Management Eigent\u00fcmer werde, welches das Objekt anschlie\u00dfend an die jeweilige \"Org\" vermieten werde. Vielen Mitgliedern, die durch teils hohe Spenden ihren \"Orgs\" zu Immobilieneigentum verhelfen wollten, sei dies nicht bekannt.409 F\u00fcr Stuttgart hatte die SO den 8. August 2008 als Stichtag der Etablierung einer \"Idealen Org\" propagiert. Dieses ambitionierte Ziel war jedoch nicht realisierbar, obwohl Funktion\u00e4re mit teils rigiden Mitteln bis Ende 2006 rund vier Millionen Euro von der Anh\u00e4ngerschaft im Raum Stuttgart gesameale Org\" melt haben. Seitdem soll das \"Spendenaufkommen\" deutlich zur\u00fcckgeganStuttgart gen sein, obwohl nach unterschiedlichen Berichten der Druck auf die Scientologen an der Basis, etwa durch st\u00e4ndige Telefonanrufe, kontinuierlich gewachsen sein soll. Bis Ende 2008 soll der gesammelte Betrag auf knapp f\u00fcnf Millionen Euro angewachsen sein. Die Basis im Raum Stuttgart wurde 2008 auch verst\u00e4rkt zu Beitr\u00e4gen in H\u00f6he von etwa 250 Euro animiert. Solche Summen sind f\u00fcr Scientology-Ma\u00dfst\u00e4be sehr klein, nachdem in den Vorjahren mitunter Einzelspenden in bis zu sechsstelliger H\u00f6he geleistet worden sein sollen. All das deutet auf eine derzeit finanziell weitgehend ausgeblutete Anh\u00e4ngerschaft hin. Das Management hat den Finanzbedarf f\u00fcr das neue Geb\u00e4ude auf rund acht Millionen Euro veranschlagt. 407 IAS-Flugblatt \"Patron with Honours\", 2008. 408 Zeitschrift \"International Scientology News\" Nr. 37/2008, S. 30ff. 409 Internetauswertung vom 9. Oktober 2008. 244","Dabei k\u00f6nnte die internationale SO-F\u00fchrung das Projekt auch ohne Beteiligung der hiesigen Scientologen weiter betreiben. Der Erfahrung zufolge haben in vergleichbaren F\u00e4llen ausl\u00e4ndische Investoren Immobilien erworben, ohne dass dabei die k\u00fcnftige Nutzung f\u00fcr Scientology erkennbar wurde. 4. Expansionsbestrebungen in der Wirtschaft Der strategische Auftrag des SO-Wirtschaftsverbandes lautet: \"WISE ist verantwortlich, die Wirkungskraft von Scientology auf die Gesellschaft auszuweiten, indem LRH-Verwaltungstechnologie410 herausgebracht und sie auf breiter Front in jeder Firma, Organisation und Regierung der Welt verwendet wird.\" 411 Dabei handelt der SO-Wirtschaftsverband mit der Intention, dass das Scientology-Programm, \"wenn auf einer internationalen Ebene bekannt und angewandt, das Erscheinungsbild der Zivilisation und die Gesellschaftsstruktur, wie wir sie kennen, ver\u00e4ndern kann.\" 412 Die politische Sto\u00dfrichtung von WISE wurde seit Herausgabe der F\u00fchrungsanweisungen in den 90er-Jahren vom Management immer wieder bekr\u00e4ftigt. WISE hat an Baden-W\u00fcrttemberg wegen seiner Wirtschaftskraft seit geraumer Zeit gro\u00dfes Interesse. Durch gesch\u00e4ftliche Kontakte oder eine \"Beratungst\u00e4tigkeit\" sollen insbesondere F\u00fchrungskr\u00e4fte f\u00fcr die SO rekrutiert werden. Diese Expansionsbestrebungen erfolgen zumeist nicht offen. WISE-Berater bieten Seminare f\u00fcr Personaltraining an, die fast identisch mit verdeckte Scientology-Kursen sind. Dass sich dahinter Scientology verbirgt, ist anfangs Vorgehensweise aber kaum erkennbar. Allenfalls ergeben Copyrightvermerke wie \"Hubbard von WISE College of Administration International\" (HCAI), \"L. Ron Hubbard Library\" oder Begriffe wie \"Hubbard Managementsystem\" R\u00fcckschl\u00fcsse auf Scientology. Die Website von WISE International schlie\u00dflich offenbart, dass das Seminarprogramm umfangreiche SO-Literatur und die gleichen Basiskurse enth\u00e4lt, die auch die \"Scientology Kirche\" verwendet.413 Im Jahr 2008 boten HUBBARD-Anh\u00e4nger aus dem Gro\u00dfraum Stuttgart, Sinsheim und Karlsruhe durch Telefonakquise, Werbeschreiben oder auch durch das Internet ihre Beratungsdienste an. Das Angebot umfasste Organisationskonzepte, Zeitmanagement-Seminare oder Kommunikationskurse, 410 LRH: K\u00fcrzel f\u00fcr L. Ron HUBBARD. \"Verwaltungstechnologie\" ist die umfangreiche Summe der Richtlinien und Verfahren nach HUBBARD f\u00fcr Wirtschaft und Politik. 411 \"WISE Executive Directive 284\" vom 18. Mai 1993. hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 412 \"WISE Executive Directive 281\" vom 18. Mai 1993. hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 413 Website von WISE International vom 9. April 2008. 245","ohne dass der scientologische Hintergrund der Trainer dabei zun\u00e4chst erkennbar wurde. Zu dem Online-Angebot geh\u00f6rte auch ein 200 Fragen umfassender \"Personaltest\", der nahezu identisch mit dem \"Pers\u00f6nlichkeitstest\" der Scientology-Zentren ist.414 Dabei handelt es sich um keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Test. Die Fragen, die vor allem auf das Selbstwertgef\u00fchl und auf die soziale Situation abzielen, erlauben jedoch eingehende R\u00fcckschl\u00fcsse \u00fcber pers\u00f6nliche Schwachstellen, die f\u00fcr eine Vermittlung eines Einstiegskurses ausgenutzt werden k\u00f6nnen. Das Angebot ist so konzipiert, dass es zun\u00e4chst Erfolgserlebnisse vermitteln kann, um die Betroffenen schrittweise an die SO heranzuf\u00fchren. Durch die Einf\u00fchrung von HUBBARD-Konzepten entsteht die Gefahr der logisierung Ideologisierung des Unternehmens und der zunehmenden Verbreitung nternehmen menschenverachtender und totalit\u00e4rer Konzepte im Betrieb. Dar\u00fcber hinaus kann die Gefahr des finanziellen Ausblutens der Firma wegen hoher Kapitalentnahmen zugunsten von Scientology entstehen. Eine Person, die in einer von Scientologen gef\u00fchrten Firma in S\u00fcddeutschland besch\u00e4ftigt war, berichtete \u00fcber ihre Erfahrungen zu HUBBARD-Konzepten auf Betriebsebene. Es habe eine \u00dcberwachung der Mitarbeiter durch die st\u00e4ndige Kontrolle von E-Mails und Telefongespr\u00e4chen stattgefunden. Denunziation im Betrieb durch schriftliche \"Wissensberichte\" sei als Fehlermeldung getarnt worden. F\u00fchrungspositionen seien aus rein ideologischen Erw\u00e4gungen vergeben worden. Nicht die Qualifikation sei entscheidend gewesen, sondern allein die Zugeh\u00f6rigkeit zu Scientology. An die Mitarbeiter sei auch Propaganda der SO verteilt worden. Zudem sei in den Betrieb nur wenig investiert worden, obwohl die Firma hohe Ums\u00e4tze erzielt habe. Hingegen w\u00fcrden die scientologischen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer bei der SO im Ausland kostentr\u00e4chtige Kurse absolvieren, die mitunter mehrere Monate dauerten. 5. Propaganda und Werbemethoden Scientology versuchte im Jahr 2008 durch massive und aufw\u00e4ndige PRKampagnen in die Offensive zu gehen. Dabei stellte sich die SO erneut als schung der unpolitische Religionsgemeinschaft dar. Die PR-Feldz\u00fcge sind letztlich ein entlichkeit Ablenkungsman\u00f6ver. Sie sollen der \u00d6ffentlichkeit suggerieren, dass sich die SO f\u00fcr Menschenrechte, Bildung und gegen Drogen einsetzt. Die Wirkung soll auch durch den Einsatz von K\u00fcnstlern und Schauspielern (\"Celebri414 Internetauswertung vom 14. Oktober 2008 und 27. November 2008. 246","ties\"), die selbst Scientologen sind, erh\u00f6ht werden. Die Organisation verfolgt damit das langfristige Ziel, in Politik und Wirtschaft sowie im Bildungsund Kulturbereich verst\u00e4rkt F\u00fcrsprecher und Unterst\u00fctzer, m\u00f6gWerben um lichst auch Mitglieder zu gewinnen. Zun\u00e4chst geht es nur darum, Kontakte Unterst\u00fctzer zu kn\u00fcpfen, dann den angeblich karitativen Charakter der HUBBARDKonzepte herauszustellen, um so Sympathien zu erzeugen. Die SO zielt mit ihrer Werbung auch zunehmend auf Jugendliche. In einem Rundschreiben an Scientologen legte ein Funktion\u00e4r dar, dass die Anti-Drogenbrosch\u00fcren der SO ein wirksames Mittel seien, damit die Angesprochenen \"ihre ersten Schritte\" in das scientologische Kurssystem unternehmen.415 Diese Kampagne richtet sich gerade auch an Jugendliche. Die Organisation bot zudem verst\u00e4rkt B\u00fccher f\u00fcr den Erziehungsund Bildungsbereich an. Ein Journalist, der sich 2008 verdeckt im SO-Zentrum Berlin aufhielt, berichtete von Kindern, die dort teilweise als Mitarbeiter aufgetreten und von Achtbis Zehnj\u00e4hrigen, die am \"E-Meter\" 416 ausgefragt worden seien.417 Die SO gab an, mit ihrer Werbung allein in Berlin 100.000 Jugendliche kontaktiert zu haben.418 Diese Behauptungen m\u00f6gen \u00fcbertrieben sein, weisen jedoch auf die Dimension hin, mit der die SO ihre Werbekampagnen betreiben will. \u00c4hnlich hohe Zahlen wurden weltweit f\u00fcr die Zielgruppe Medien, staatliche Beh\u00f6rden und \"einflussreiche Leute in gro\u00dfen Branchen und Institutionen\" behauptet.419 In Baden-W\u00fcrttemberg versandte Scientology gezielt Werbung an Entscheidungstr\u00e4ger in Politik, Wirtschaft und Beh\u00f6rden oder unterbreitete diesem Personenkreis Gespr\u00e4chsangebote. Die SO-Hilfsorganisationen \"Jugend f\u00fcr Menschenrechte\", \"Way to Happiness Foundation\" sowie die vermeintlichen Drogenhilfen \"Narconon\", \"Foundation for a Drug-free World\" und \"Sag NEIN zu Drogen sag JA zum Leben\" versandten teils vom Ausland aus Werbung an Schulen oder Polizeidienststellen in Baden-W\u00fcrttemberg, ohne ihren Hintergrund zu offenbaren. Dabei wurde auch deutlich, dass Scientology in gro\u00dfem Stil personenbezogene Daten der Adressaten sammelt. Im Dezember 2008 verteilten Scientologen in Karlsruhe bei einer Veranstaltung zum 60. Jahrestag der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte SO-Propaganda und versuchten, Besucher im Foyer des Veranstaltungsortes anzusprechen. Die Veranstalter riefen die Polizei, die Platzverweise erteilte. 415 Rundschreiben der \"Foundation for a Drug-free World\", Los Angeles, ohne Jahresangabe. 416 \"Hubbard Elektrometer\": Eine Art einfacher L\u00fcgendetektor. 417 Internetauswertung: \"Scientology will Berlin knacken\", STERN TV vom 14. Mai 2008. 418 Zeitschrift \"Impact\" Nr. 116/2008, S. 48. 419 Zeitschrift \"Impact\" Nr. 118/2008, S. 57. 247","Ein weiteres Propagandainstrument sind angebliche Hilfseins\u00e4tze von \"Ehrenamtlichen Geistlichen\" (\"Volunteer Ministers\") der SO bei Katastrophen. Den Erfahrungen in Deutschland zufolge handelt es sich aber nicht etwa um eine wirtschaftliche Hilfe der finanzkr\u00e4ftigen Organisation, sondern letztlich um Mitgliederwerbung. Scientology setzte ferner auch in Baden-W\u00fcrttemberg ihre \"Bibliothekenkampagne\" fort, um B\u00fcchereien fl\u00e4chendeckend mit HUBBARD-Literatur auszustatten. All diese Aktivit\u00e4ten sind kein soziales Engagement im eigentlichen Sinn, sondern vor allem PR und zielen darauf ab, den Einfluss f\u00fcr die angestrebte scientologische gebliche Gesellschaftsordnung langfristig zu erweitern. David MISCAVIGE \u00e4u\u00dferte sangebote hierzu: \"Wir setzen Programme in Gang, die die Bev\u00f6lkerung auf das Kl\u00e4und ren420 vorbereiten.\" 421 Im gleichen Zusammenhang legte er dar: \"Das bedeuKampagnen tet, dass die Menschen letztendlich auf unsere Scientology Kirchen verwiesen werden m\u00fcssen.\" 422 Damit unterstrich MISCAVIGE, dass es bei den vermeintlichen Sozialprogrammen in Wirklichkeit darum geht, die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die SO zu gewinnen. Stra\u00dfenwerbung (\"body routing\") und Anwerbungen im Familien-, Freundesund Bekanntenkreis von Scientologen sind wichtige Rekrutierungsmethoden der SO. Die politisch-extremistischen Ziele sind dabei in der Regel zun\u00e4chst kein Thema. Stattdessen wird Lebenshilfe versprochen. SONiederlassungen erlangen auch durch Stra\u00dfenwerbung in gr\u00f6\u00dferem Umfang personenbezogene Daten, die offenkundig in unterschiedlichen Dateien gespeichert und teilweise auch an Datenbanken der Organisation in den USA weitergegeben werden. Anl\u00e4sslich der Fu\u00dfball-Europameisterschaft in \u00d6sterreich und der Schweiz im Juni 2008 rief die SO ihre Mitglieder dazu auf, Werbeaktionen im benachbarten Ausland zu unterst\u00fctzen. Die Resonanz war hierzulande allerdings gering. Dagegen f\u00fchrten SO-Mitglieder in zahlreichen Kommunen Baden-W\u00fcrttembergs in gro\u00dfer Zahl Stra\u00dfenaktionen mit gelben Zelten oder Buchverkaufst\u00e4nden durch, zum Beispiel in G\u00f6ppingen, Karlsruhe, T\u00fcbingen, Heidelberg und Schramberg. Bei einem Scientology-internen Buchverkaufswettbewerb konnte sich die Stuttgarter Niederlassung im Juni 2008 unter dem ersten Drittel aller \"Orgs\" weltweit platzieren. SO-Werber sollen in Stuttgart an Busund Stra\u00dfenbahnhaltestellen gezielt Jugendliche angesprochen haben. In Konstanz betrieben Scientologen Ende August 2008 ohne Genehmigung Werbung und stellten im Zentrum ein gelbes 420 \"Kl\u00e4ren\": Anwendung von Scientology-Verfahren. 421 Zeitschrift \"Impact\" Nr. 117/2007, S. 80. 422 Zeitschrift \"Impact\" Nr. 118/2008, S. 54. 248","Gro\u00dfraumzelt auf. Mitunter beschwerten sich Passanten, dass der scientologische Hintergrund der Stra\u00dfenwerbung nicht klar erkennbar gewesen sei. Wohl auch deshalb wurden die Angebote der SO-Anh\u00e4nger f\u00fcr einen \"Stresstest\" oder f\u00fcr eine vermeintliche Pers\u00f6nlichkeitsanalyse zun\u00e4chst h\u00e4ufiger angenommen. Auch Werbeprospekte offenbarten den Scientology-Bezug nicht immer. Als Kontaktadresse wurde teilweise nur \"Dianetik Beratungszentrum\" angegeben. Das Stuttgarter \"Lerncenter\" verteilte Werbung mit dem Slogan \"Wie viel Spa\u00df hat ihr Kind in der Schule?\", die den Hintergrund des Betreibers nicht offen legte. Die \"Feldauditorengruppe\" aus Kirchheim unter Teck streute einen 200 Fragen umfassenden \"Pers\u00f6nlichkeitstest\", der nur im Kleingedruckten den SO-Bezug offenbarte. Ebenfalls in Kirchheim unter Teck vertrieben SO-Anh\u00e4nger im Eigenverlag eine Brosch\u00fcre unter dem Titel \"mehr wissen besser leben\", in der vereinzelt f\u00fcr Vortr\u00e4ge bei der \"Feldauditorengruppe\" oder f\u00fcr HUBBARD-Konzepte geworben wurde, ohne den Begriff \"Scientology\" zu erw\u00e4hnen. Die verbal aggressiv auftretende \"Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte\" (KVPM) versuchte durch pers\u00f6nliche Anschreiben Hetze gegen an Politiker und Entscheidungstr\u00e4ger Stimmung gegen die Psychiatrie zu Psychiatrie machen und Antipathien zu sch\u00fcren. Im August 2008 f\u00fchrte sie in Stuttgart mit demselben Ziel eine dreiw\u00f6chige, professionell konzipierte Ausstellung unter dem Titel \"Psychiatrie - Tod statt Hilfe\" durch. Erg\u00e4nzend protestierten SO-Anh\u00e4nger vor einer Stuttgarter Klinik f\u00fcr Psychotherapie. Dabei zeigten sie Transparente mit der Aufschrift \"Psychiatrie t\u00f6tet\". Insgesamt stie\u00dfen diese Aktionen auf verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wenig Resonanz in der Bev\u00f6lkerung. Auch wenn die Ausstellung sch\u00e4tzungsweise etwa lediglich 1.000 249","Personen gesehen haben, d\u00fcrfte die Kampagne dennoch verschiedentlich Besucher verunsichert haben. Die fortw\u00e4hrende Hetze gegen diesen Teil des Gesundheitswesens erfolgt, weil die SO Psychiater und Psychologen als weltanschauliche Gegner sieht und den Boden f\u00fcr HUBBARD-Konzepte in der Justiz, der Jugendhilfe und im gesamten Gesundheitswesen bereiten will. 6. Mitgliederorientierte Propaganda Innenansichten der SO offenbaren eine Organisation, die mit einer militanten Sprache die Erlangung politischer Macht fordert und die Expansion in der Gesellschaft zum obersten Ziel erhebt, um ganze Nationen zu \"kl\u00e4ren\". \"Clear Germany\" bedeutet die Errichtung einer nach scientologischen Prinzipien funktionierenden Gesellschaftsordnung. Ein Funktion\u00e4r der SOEuropazentrale forderte die \"breite planetarische Verbreitung\" und die Schaffung \"einer Armee von neuen Scientologen in einer v\u00f6llig neuen Gr\u00f6\u00dfenordnung\", die sich in \"unserem Kreuzzug zur Kl\u00e4rung dieses Planeten einreihen werden\".423 In Stuttgart propagierte die SO, nun zum Ziel der Expansion \"durchzubrechen\".424 Die Verbreitung der Lehre HUBBARDs in der Gesellschaft wurde als \"Schlagen von Schneisen\" 425 beschrieben. Die Mitgliedervereinigung \"International Association of Scientologists\" (IAS) forderte zur Verdoppelung der Anh\u00e4ngerzahl im Jahr 2008 auf, um eine AS-Logo \"powervolle Basis von Mitgliedern\" zu schaffen, die \"das Schicksal der Erde neu gestalten\" soll. Dabei machte die IAS deutlich, dass sich die Mitglieder den Zielen der Organisation kompromisslos unterzuordnen haben: \"Wir betreiben diese Unternehmung jetzt nicht zum Zeitvertreib. Die pers\u00f6nliche Zukunft eines jeden von uns h\u00e4ngt davon ab, weiterzumachen und uns keine gr\u00f6\u00dferen Patzer zu erlauben. Die Frage ist nicht: ,Gibt es etwas anderes?' Das gibt es nicht. Niemand kann halb in Scientology drin und halb drau\u00dfen sein. Scientologen sind Scientologen, egal womit sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen. (...) 423 Rundschreiben vom 10. Mai 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 424 Flugblatt \"Einladung zum Ideale Org Deutschland-Treffen\", Stuttgart 2008. 425 Zeitschrift \"International Scientology News\" Nr. 38/2008, S. 1. 250","Wir sind die einzige Gruppe auf der Erde, die wirklich eine brauchbare L\u00f6sung hat.426 Es liegt auf der Hand, dass aus Sicht einer solchen Organisation, die sich zur alleinigen Retterin der Gesellschaft erkl\u00e4rt, jede Person mit kontr\u00e4ren Vorstellungen bek\u00e4mpft werden muss. Die SO w\u00e4hnt sich im Krieg mit Kritikern, propagiert das \"Zerschlagen\" von Widerstand gegen Scientology und lehrt ein Feindbild, das zum Hass aufstacheln kann. Das zeigte eine Rede von MISCAVIGE, in der er die Gegner von Scientology als auszumerzende Krankheit darstellte. Nach den von HUBBARD geschaffenen Verschw\u00f6rungstheorien soll eine kleine Gruppe von Finanzmagnaten weltweit die Macht besitzen, w\u00e4hrend demokratisch legitimierte Regierungen nur deren Marionetten seien und die Psychiatrie die Bev\u00f6lkerung durch \"Drogen\" gef\u00fcgig mache. MISCAVIGE griff diese Weltsicht wie folgt auf: \"Auf der einen Seite [sc. Scientology] standen einige wenige hingebungsvolle Leute mit Ehre und Integrit\u00e4t als ihre h\u00f6chsten Werte. Auf der anderen Seite waren die B\u00f6sen, die Milliarden besitzen und sich nicht um die Regeln k\u00fcmmern, weil sie jene Leute in der Tasche haben, die diese Regeln machen. (...) Obwohl unsere Geschichte noch jung ist, bestand sie in der Hauptsache darin, Schlachten zu schlagen, um dann den wirklichen Krieg zu f\u00fch\"Krieg gegen ren - den Krieg gegen die Feinde der Menschheit. die Feinde der (...) Wenn man deren Schl\u00fcsselfiguren entfernt und Menschheit\" die F\u00e4den der Marionette durchschneidet, brechen sie zusammen. Das bringt uns zum wichtigen zweiten Schritt: Das \u00dcbel an seiner Wurzel zu packen. Anders ausgedr\u00fcckt: Wenn man eine Infektion hat, so verwendet man Antibiotika. Aber wenn man immer wieder dieselbe Infektion bekommt und dann die Quelle der Bakterien findet, so vernichtet man diese, anstatt immer wieder krank zu werden und die Symptome zu behandeln.\" 427 426 \"International Association of Scientologists\", \"Das Schicksal der Erde neu gestalten\"; IAS Field Disseminator Newsletter, 2008. 427 Zeitschrift \"Impact\" Nr. 112/2006, S. 15ff. 251","Im Dezember 2008 agitierte die SO weiterhin mit scharfer Rhetorik: \"Unsere Politik ist vorherbestimmt. Als Menschenfreunde m\u00fcssen wir die Quelle gro\u00dfer Unmenschlichkeit beseitigen - und diese Quellen sind alle Verbrecher, die Dinge, die grausam und hart sind, da sie die menschliche Rasse verlassen haben. (...) Hier erkl\u00e4re ich somit unseren Krieg. (...) Wenn man sterben muss, ist es besser, wie ein Adler im Kampf zu sterben. (...) Geben Sie bekannt, wer Ihr Feind ist, und alle, die ihn bek\u00e4mpfen, sind ihre Freunde. (...) Wir haben gelernt, dass wir gewinnen, wenn wir die Verbrecher der Erde bek\u00e4mpfen, aber dass wir nur bluten, wenn wir uns vor der Schlacht verstecken.\" 428 Scientology unterstellt, dass alle Kritiker von Scientology \"antisoziale Pers\u00f6nlichkeiten\" und Kriminelle seien. Nach den Vorstellungen der SO sind diese Menschen wertlos und sollten ausgesondert beziehungsweise isoliert werden, ebenso wie man \"Leute mit Pocken unter Quarant\u00e4ne stellt.\" 429 Das OVG M\u00fcnster legte hierzu dar, dass die Einstellung der SO den Verdacht begr\u00fcndet, dass Menschen, die den scientologischen Vorstellungen nicht folgen, rechtlos gestellt und diskriminiert werden.430 7. Reaktionen auf Kritik an Scientology Scientology hetzt systematisch gegen Kritiker und betreibt seit Jahren eine tze gegen planm\u00e4\u00dfige Herabsetzung des Ansehens der Bundesrepublik Deutschland Kritiker und ihrer Repr\u00e4sentanten. Die Organisation entwirft dabei das Zerrbild eines Unrechtsstaates, der \"religi\u00f6se Apartheid\" und \"Verfolgung von Scientologen\" betreiben w\u00fcrde.431 Das SOPropagandaorgan \"Freedom\" (\"Frei - heit\") verglich im Internet die Lage von Scientologen in Deutschland mit der Judenverfolgung w\u00e4hrend der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Die Unterstellungen gipfelten in dem Versuch, auf subtile Weise zu suggerieren, deutsche Politiker h\u00e4tten gar 428 L. Ron HUBBARD, Zeitschrift \"Impact\" Nr. 119/2008, S. 16. 429 L. Ron HUBBARD, \"Einf\u00fchrung in die Ethik der Scientology\", Kopenhagen 2007, S. 182ff. 430 Urteil des Oberverwaltungsgerichts M\u00fcnster vom 12. Februar 2008, Az.: 5 A 130/05, S. 58. 1 Website des \"Human Rights Office\" der SO vom 16. Oktober 2008. 252","den \"Genozid\" an Scientologen bef\u00fcrwortet. An gleicher Stelle verglich \"Freedom\" kritische Berichte deutscher Medien mit der antisemitischen Hetze des NS-Blattes \"Der St\u00fcrmer\" und behauptete, \"Freedom\" biete NS-Vergleiche Informationen, \"die Ihnen anderswo vorenthalten werden.\" 432 Damit sollte wohl der Eindruck erweckt werden, dass eine Zensur ausge\u00fcbt w\u00fcrde. Die SO verbreitet die abwegigen NS-Vergleiche international seit den 90er-Jahren, was seinerzeit zu scharfer Kritik an der SO im Inund Ausland f\u00fchrte, gerade auch von Institutionen der j\u00fcdischen Glaubensgemeinschaft. Dennoch h\u00e4lt die SO an ihrer Hetze fest. F\u00fcr die Bek\u00e4mpfung von Kritikern ist in Scientology das \"Office of Special Affairs\" (OSA) zust\u00e4ndig, ein auch geheimdienstliche Zwecke erf\u00fcllendes Netzwerk, das weitgehend abgeschottet von anderen Bereichen der Organisation t\u00e4tig ist und dessen Deutschlandzentrale sich in M\u00fcnchen befindet. Das OSA soll Gegner ausforschen, um im Einzelfall mit Diffamierungen oder auch gerichtlichen Klagen gegen sie vorgehen zu k\u00f6nnen. Die Doktrin OSA-Logo beinhaltet die Einsch\u00fcchterung der Kritiker: \"Wir finden keine Kritiker der Scientology, die keine kriminelle Vergangenheit haben. Wir beweisen das immer wieder. Politiker A b\u00e4umt sich in einem Parlament auf seine Hinterbeine auf und schreit eselsgleich nach einer Verdammung der Scientology. Wenn wir ihn \u00fcberpr\u00fcfen, finden wir Verbrechen - veruntreute Gelder, moralische Fehltritte, eine Begierde nach kleinen Jungen - schmutziges Zeug. (...) Wir erteilen den Ruchlosen langsam und gr\u00fcndlich eine Lektion. Sie sieht folgenderma\u00dfen aus: ,Wir sind keine Rechtsvollzugsbeh\u00f6rde. ABER wir werden uns f\u00fcr die Verbrechen von Leuten interessieren, die versuchen, uns zu stoppen. Wenn Sie sich der Scientology entgegenstellen, halten wir prompt nach Ihren Verbrechen Ausschau - und werden sie finden und enth\u00fcllen. Wenn Sie uns in Ruhe lassen, werden wir Sie in Ruhe lassen.' Es ist sehr einfach. Selbst ein Narr kann das begreifen. Und untersch\u00e4tzen Sie unsere F\u00e4higkeit nicht, es auszuf\u00fchren. (...) diejenigen, die versuchen, uns das Leben schwer zu machen, sind sofort in Gefahr.\" 433 432 Englische und deutsche Website des \"Freedom Magazine\" vom 16. Oktober 2008. 433 L. Ron HUBBARD, Bulletin \"Kritiker der Scientology\", in: \"Wie man Unterdr\u00fcckung konfrontiert und zerschl\u00e4gt. PTS/SP-Kurs\", Kopenhagen 2001, S. 78. Hervorhebungen im Original in kursiv. 253","Als im Fr\u00fchjahr 2008 unter dem Begriff \"Anonymous\" weltweite, lose \u00fcber teste gegen das Internet organisierte Proteste gegen Scientology entstanden, wurde die SO erneut deutlich, dass die SO unver\u00e4ndert auf Grundlage derartiger Richtlinien vorgeht und auch nachrichtendienstliche Mittel einsetzt. Medien berichteten zudem von Unterwanderungsversuchen bei \"Anonymous\" in den USA. Im September 2008 h\u00e4tten sich unter die \"Anonymous\"-Kundgebung in Los Angeles Gegendemonstranten mit Hakenkreuzschildern gemischt. Die \"Anonymous\"-Aktivisten gingen davon aus, dass es sich um eine Aktion gehandelt habe, um die Proteste gegen die SO zu diskreditieren.434 \"Anonymous\" f\u00fchrte auch in Deutschland Kundgebungen, unter anderem in Stuttgart, Sindelfingen, Leinfelden-Echterdingen und Freiburg im Breis - gau durch, die angemeldet wurden und friedlich verliefen. Die SO verunglimpfte die Demonstranten als Kriminelle und versuchte, sie in die N\u00e4he von Rechtsextremisten, Gewaltt\u00e4tern und Terroristen zu r\u00fccken. In der Landeshauptstadt wurden \"Anonymous\"Demonstranten wiederholt von Personen fotografiert, die der Scientology zugerechnet werden konnten. Dabei wurden die Demonstranten sowohl aus dem Geb\u00e4ude der Stuttgarter SONiederlassung als auch durch einzelne SO-Angeh\u00f6rige in der Innenstadt von Stuttgart gefilmt. W\u00e4hrend einer \"Mahnwache\" der KVPM im Oktober 2008 in Stuttgart \u00fcberwachten zwei SO-Angeh\u00f6rige, darunter der Leiter des Stuttgarter OSA-B\u00fcros, das Umfeld der Veranstaltung. Derselbe OSA-Funktion\u00e4r versuchte durch Anfragen bei Beh\u00f6rden Informationen \u00fcber die Initiatoren l\u00e4rung und der Proteste gegen Scientology zu erlangen. Die SO ver\u00f6ffentlichte in einer nglimpfung weiteren Ausgabe des Propagandablattes \"Freiheit\" sowie auf der Website Kritikern ihres M\u00fcnchner \"Menschenrechtsb\u00fcros\" den Namen eines jungen Demonstranten aus Stuttgart, verunglimpfte ihn als \"R\u00e4delsf\u00fchrer\" und publizierte gleichzeitig, an welcher Universit\u00e4t und in welchem Fachbereich er dort studiert.435 Die Organisation wollte offenkundig exemplarisch signalisieren, dass sie ihre Kritiker ausforscht. Scientologen stellten einen weiteren Kritiker an den Pranger. Nachdem der Repr\u00e4sentant einer Kinderund Jugendschutzinitiative vor dem scientolo434 URL: http://www.heise.de/newsticker/meldung/prin/115968 vom 15. September 2008. 435 Website des \"Menschenrechtsb\u00fcros\" der SO vom 3. September 2008. 254","gischen Hintergrund des \"Lerncenters\" in Stuttgart gewarnt hatte, ver\u00f6ffentlichte das Institut im Internet den Namen des Betroffenen und sprach eine \"dringende Warnung\" vor ihm aus. \u00dcberdies legte das \"Lerncenter\" dar, dass man \"Ermittlungen\" \u00fcber den Kritiker anstelle.436 Dabei wurde bekannt, dass Unbekannte im pers\u00f6nlichen Umfeld des Betroffenen angerufen und Fragen nach seinen pers\u00f6nlichen und beruflichen Verh\u00e4ltnissen gestellt hatten, wobei die Fragestellungen durchaus auf Scientology hindeuteten. Solche Recherchen entsprechen einer SO-Taktik, um Kritiker mundtot zu machen: \"In vielen F\u00e4llen braucht man nur zu sagen, dass man an ihrer T\u00fcrklinke r\u00fctteln wird, und sie brechen bereits zusammen. Ich kann Ihnen mehrere schwere Angriffe aufz\u00e4hlen, die in sich zusammenfielen, indem wir ger\u00e4uschvoll eine Untersuchung des Angreifers einleiteten.\" 437 Der Betroffene wehrte sich mit Hilfe eines Rechtsanwalts gegen die als ehrverletzend empfundenen Unterstellungen des \"Lerncenters\". Die Betreiberin gab daraufhin eine Unterlassungserkl\u00e4rung ab und entfernte verschiedene Behauptungen auf der Internetseite des \"Lerncenters\". In diesem Zusammenhang wurde auch zugegeben, dass die Betreiberin des ApS-Instituts \"Ermittlungen\" \u00fcber den Repr\u00e4sentanten der Jugendschutzinitiative angestellt hatte. All das weist daraufhin, dass Scientology ihre zeitweilige Zur\u00fcckhaltung aufgegeben hat und zunehmend vehementer gegen ihre Kritiker vorgeht. Insbesondere verdeutlichen die Reaktionen von Scientology, dass sie die wenigen, aber st\u00e4ndigen Gegendemonstranten in Baden-W\u00fcrttemberg als ernstzunehmende Gegner betrachtet. Die Pressesprecherin von OSA Deutschland, Sabine WEBER, r\u00e4umte in einem Interview ein Interesse an \"speziellen Informationen\" \u00fcber Kritiker ein.438 Es kann davon ausgegangen werden, dass etwaige \"Ermittlungsergebnisse\" in Dossiers des OSA gespeichert werden. F\u00fcr solche Zwecke will die SO auch ihre Basis mobilisieren. Scientologen sind gehalten, \u00fcber jegliche Kritik an Scientology \"Wissensberichte\" zu fertigen, was Aussteigern zufolge zu Bespitzelungen f\u00fchren kann. Die Berich436 Website des \"Professionellen Lerncenters\" vom 6. November 2008. 437 L. Ron HUBBARD, Richtlinienbrief \"Angriffe auf Scientology\", Copyright 1988, S. 4. 438 Internetauswertung: \"Report M\u00fcnchen\" vom 14. Juli 2008. 255","te sollen online direkt in die USA an das \"Generalinspekteur Netzwerk\" des RTC versandt werden, \"um versteckte Unterdr\u00fcckung, Infiltration, Subversion oder Korruption sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb von Scientology Kirchen, Missionen und anderen Organisationen der Kirche (...) zu entdecken. In einigen F\u00e4llen h\u00e4tte es wahrscheinlich l\u00e4nger gedauert, einen Unterdr\u00fccker [sc. Kritiker] zu entdecken, wenn nicht wachsame und interessierte Scientologen einen bestimmten Sachverhalt an das Inspector General Network berichtet h\u00e4tten.\" Zu den scientologischen \"Schwerverbrechen\", die berichtet werden sollen, z\u00e4hlen: \"...auf Anstiftung feindlicher Kr\u00e4fte hin Unzufriedenheit oder Proteste zu sch\u00fcren. Anti-Scientology (...) -Aktionen oder Absichten. Eine Person, die bez\u00fcglich Scientology oder der Kirche au\u00dferordentlich kritisch ist. \u00d6ffentlich von Scientology wegzugehen. \u00d6ffentliche \u00c4u\u00dferungen gegen Scientology oder Scientologen; (...) Jemand, der das Schreiben von Wissensberichten verbietet oder davon abr\u00e4t. (...) Jemand, der ein Confessional [sc. \"Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung\" der SO] verweigert.\" 439 Die SO, die gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit Werte wie Toleranz und Meinungsfreiheit propagiert, erw\u00e4hnte auf der Website auch die Richtlinie \u00fcber \"das Abbrechen der Verbindung\". Das sind Anweisungen, nach denen Scientologen im Extremfall auch den Kontakt zu ihrer Familie abbrechen sollen, wenn diese Scientology ablehnt. 8. Gerichtsurteile gegen die SO Die \"Church of Scientology International\", Los Angeles, verlor in zweiter Instanz eine Klage gegen die Stadt Stuttgart wegen der Festsetzung von Stra\u00dfensondernutzungsgeb\u00fchren. Am 16. Januar 2008 entschied der Verwaltungsgerichtshof (VGH) Baden-W\u00fcrttemberg, dass die Zahlung von Sondernutzungsgeb\u00fchren an die Stadt Stuttgart f\u00fcr Informationsveranstaltungen der SO rechtm\u00e4\u00dfig ist und best\u00e4tigte damit ein Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart vom 7. November 2005. Der VGH f\u00fchrte aus, dass es sich um Werbeveranstaltungen handle, die weder gemeinn\u00fctzigen Zwecken noch dem \u00f6ffentlichen Interesse dienen. Die Kl\u00e4gerin geh\u00f6re nicht zu den in Deutschland als gemeinn\u00fctzig anerkannten Religionsgemeinschaften mit dem Recht der Steuerbefreiung. Auch die Geb\u00fchren in H\u00f6he von insgesamt 53.868 Euro seien nicht zu beanstanden. Eine Revision vor dem Bundesverwaltungsgericht hat der VGH nicht zugelassen.440 Die SO legte 439 Website des RTC vom 31.Juli 2008. Hervorhebung in Fettschrift durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 440 Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-W\u00fcrttemberg vom 16. Januar 2008, Az.: 5 S 393/06 (rechtskr\u00e4ftig). 256","Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision ein, die am 17. Oktober 2008 durch das Bundesverwaltungsgericht zur\u00fcckgewiesen wurde.441 Das Urteil des VGH wurde damit rechtskr\u00e4ftig. Die SO scheiterte dar\u00fcber hinaus mit einer Klage gegen die Beobachtung durch das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV). Am 11. November 2004 hatte das Verwaltungsgericht K\u00f6ln eine Klage der \"Scientology Kirche Deutschland e.V.\" (SKD) und der \"Scientology Kirche Berlin e.V.\" gegen die nachrichtendienstliche Beobachtung durch das BfV abgewiesen. Die SO legte daraufhin Berufung ein. Das Oberverwaltungsgericht (OVG) M\u00fcnster Beobachtung entschied am 12. Februar 2008, dass die Beobachtung der SO durch das BfV rechtm\u00e4\u00dfig rechtm\u00e4\u00dfig ist und lie\u00df keine Revision vor dem Bundesverwaltungsgericht zu. Die SO legte zun\u00e4chst Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision ein, zog diese aber anschlie\u00dfend zur\u00fcck. Das Urteil des OVG M\u00fcnster wurde damit rechtskr\u00e4ftig. Das OVG M\u00fcnster kam zum Ergebnis, dass die SO und ihre Mitglieder nach wie vor Bestrebungen verfolgen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet seien. Aus den zum Teil nicht allgemein zug\u00e4nglichen Scientology-Quellen sowie den Aktivit\u00e4ten der SO und ihrer Mitglieder erg\u00e4ben sich zahlreiche Hinweise, dass Scientology eine Gesellschaftsordnung anstrebe, in der zentrale Werte der Verfassung wie die Menschenw\u00fcrde und das Recht auf Gleichbehandlung au\u00dfer Kraft gesetzt oder eingeschr\u00e4nkt werden sollen. Insbesondere bestehe der Verdacht, dass in einer scientologischen Gesellschaft nur Scientologen die staatsb\u00fcrgerlichen Rechte zustehen sollten. Zudem erg\u00e4ben sich tats\u00e4chliche Anhaltspunkte, dass die SO Bestrebungen verfolge, die darauf gerichtet seien, das Recht des Volkes, die Volksvertretung in allgemeiner und gleicher Wahl zu w\u00e4hlen, zu beseitigen oder au\u00dfer Geltung zu setzen. Es gebe aktuelle Erkenntnisse, nach denen Scientology ihr Programm in Deutschland umsetzen, zu diesem Zweck personell expandieren und scientologische Prinzipien in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft verbreiten und damit auf die staatliche Ordnung \u00fcbertragen wolle. Es gebe aktuelle Erkenntnisse, dass sich Scientology bem\u00fche, Einfluss auf staatliche Funktionstr\u00e4ger und die Gesetzgebung zu gewinnen. Der begr\u00fcndete Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen und die verst\u00e4rkten Expansionsaktivit\u00e4ten begr\u00fcndeten eine Gefahrenlage, die es rechtfertige, die SO auch k\u00fcnftig mit nachrichtendienstlichen Mitteln zu beobachten.442 441 Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts vom 17. Oktober 2008, Az.: 9 B 25/08. 442 Urteil des Oberverwaltungsgerichts M\u00fcnster vom 12. Februar 2008, Az.: 5 A 130/05 (rechtskr\u00e4ftig). 257","Im Rahmen der R\u00fccknahme der Nichtzulassungsbeschwerde versuchten die Kl\u00e4ger im Mai 2008, das Urteil des OVG M\u00fcnster unter anderem in einem an das Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg gerichteten Schreiben als \"Missverst\u00e4ndnis\" und angebliche Folge von \"Vorurteilen\" und \"Irrt\u00fcmern\" abzutun. Die SO erkl\u00e4rte, eine \"Resolution\" und f\u00fcr deutsche SOVereine Satzungs\u00e4nderungen veranlasst zu haben, die ein Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten enthielten. Offenkundig war das kurz vor R\u00fccknahme der Nichtzulassungsbeschwerde herausgegebene Papier aber eine rein vorgeschobene Verlautbarung. Die von den USA aus gesteuerte Organisation vermarktete ihre Schriften mit verfassungsfeindlichem Inhalt unver\u00e4ndert weiter. Das Schreiben enthielt hinl\u00e4nglich bekannte Behauptungen, unpolitisch zu sein und keine politische Macht anzustreben. Man befasse sich nur mit der geistigen Befreiung des Menschen. Diese Behauptungen widersprechen allerdings der Expansionsstrategie der Organisation und ihren unver\u00e4ndert g\u00fcltigen Weisungen, die fordern, Schl\u00fcsselpositionen zu erobern443 und die Kontrolle \u00fcber wichtige Politiker, die Eigent\u00fcmer der Massenmedien und die Verantwortlichen der internationalen Finanzwirtschaft zu erlangen.444 W\u00e4ren die Behauptungen der \"Scientology Kirche Deutschland e.V.\" (SKD) glaubw\u00fcrdig, w\u00fcrden sie eine radikale Kurs\u00e4nderung bedeuten. Daf\u00fcr gibt es bei der global handelnden SO aber nicht nur keine Anzeichen, sondern es ergibt sich selbst aus offenen Verlautbarungen das Gegenteil. Internetseiten von WISE offenbaren dies. Dort hei\u00dft es: \"Ihr alle wisst, dass es unsere Absicht ist, die LRHVerwaltungstechnologie tats\u00e4chlich in die Gesellschaft einzufl\u00f6\u00dfen. (...) Tragt an dieser Entwicklung Euren Teil bei! (...) Die WISE-Mitgliedschaft (...) wird durch die gemeinsame Absicht geeint, diese Technologie in allen Bereichen der Gesellschaft anzuwenden und zu verbreiten. (...) Mitglieder des F\u00fchrungskreises [sc. von WISE] nutzen ihre Position und Verbindungen, um Hubbards ManagementTechnologie in gro\u00dfen Unternehmen und bei anderen Meinungsf\u00fchrern einzuf\u00fchren.\" 445 443 L. Ron HUBBARD, Richtlinienbrief \"Was wir von einem Scientologen erwarten\", zum Beispiel in einem Rundschreiben der \"Scientology Kirche Frankfurt\" vom 3. August 2003 ver\u00f6ffentlicht. 444 L. Ron HUBBARD, vertraulicher Richtlinienbrief \"Targets. Defense\", neu herausgegeben am 24. September 1987. 445 Englischsprachige Website von WISE Ungarn vom 16. Mai 2008; hier: Arbeits\u00fcbersetzung. 258","Auch die WISE-Zentrale \"Hubbard College of Administration Internatio - nal\" (HCAI) in Los Angeles formulierte wie auch schon fr\u00fcher das Ziel, diese \"Technologie\" in Regierungen zu etablieren.446 Zudem sind die Darlegungen der SKD mitunter doppeldeutig oder sprechen sogar gegen den behaupteten Sinngehalt. So wird proklamiert, ein Mensch \"ist nur so wertvoll\", wie er \"anderen dienen kann.\" 447 Der Wert eines Menschen bemisst sich f\u00fcr Scientology somit nach Nutzbarkeitserw\u00e4gungen. Menschen, die wegen Alter oder Krankheit nicht mehr arbeiten oder \"dienen\" k\u00f6nnen, verlieren bei dieser Sichtweise ihren Wert. Das OVG M\u00fcnster hat in seiner Entscheidung festgestellt, dass die formalen Bekundungen der SO zur Rechtstreue die zahlreichen Anhaltspunkte f\u00fcr Verfassungsfeindlichkeit nicht entkr\u00e4ften k\u00f6nnen. HUBBARDs Schriften liegt ein polarisierendes Freund-Feind-Denken zugrunde, das Intoleranz und eine aggressive Einstellung f\u00f6rdert. Nach au\u00dfen gibt die SO jedoch wohlklingende Erkl\u00e4rungen ab, die verharmlosen und vort\u00e4uschen sollen, dass Scientology Demokratie und Menschenrechte achte. Vertrauliches Telefon/Weitere Informationen Bei der Beobachtung der SO ist der Verfassungsschutz auch weiterhin auf die Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung angewiesen. Rufen Sie uns an: 0711/9561994. 2008 erschien die Brosch\u00fcre \"Scientology-Organisation\" des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 446 Website des \"Hubbard College of Administration International\" vom 16. Mai 2008. 447 \"Religion, Menschenrechte und Gesellschaft. Proklamation der Scientology Kirche\", 17. September 2003. 259","G. SPIONAGEABWEHR, GEHEIMUND SABOTAGESCHUTZ 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen Die Welt befindet sich mitten in einem umfassenden und immer rascher voranschreitenden Wandlungsprozess mit weit reichenden Folgen. Die Herausforderungen der Globalisierung, die Folgen des Klimawandels, Krisen und Konflikte pr\u00e4gen die politische Diskussion. Schwellenl\u00e4nder wie Indien und China streben neue Rollen im globalen Gef\u00fcge an. Der internationale Terrorismus, aber auch die Auswirkungen des noch jungen und sich laufend ver\u00e4ndernden Mediums Internet fordern uns immer mehr heraus. Die Bew\u00e4ltigung dieser Ver\u00e4nderungen verlangt Kreativit\u00e4t und eine Vielzahl von Innovationen in fast allen Bereichen. Vor allem Politik und Wirtschaft ben\u00f6tigen m\u00f6glichst aktuelle und detaillierte Informationen, um verlobaler antwortungsvolle Entscheidungen treffen und sich im globalen Wettstreit Wettstreit optimal positionieren zu k\u00f6nnen. Die fr\u00fchzeitige Kenntnis zuk\u00fcnftiger Entwicklungen bringt massive politische, wirtschaftliche und milit\u00e4rische Vorteile mit sich. In einer derartigen Umbruchsituation setzt eine Reihe von Staaten auch ihre Geheimdienste zur Informationsgewinnung ein. irtschaftsDie Wirtschaftsspionage ist ernst zu nehmen und steht angesichts der herage - Bedroausragenden technologischen Leistungsf\u00e4higkeit baden-w\u00fcrttembergischer ng f\u00fcr den Unternehmen und Forschungseinrichtungen nach wie vor im Mittelpunkt ttelstand der Abwehrarbeit des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. Am st\u00e4rksten betroffen ist der Mittelstand. Vor allem chinesische und russische Nachrichtendienste sind hierzulande besonders aktiv. China sch\u00f6pft alle M\u00f6glichkeiten aus, um im Bereich der zivilen und milit\u00e4rischen Hochtechnologie rasch zu den westlichen Industriel\u00e4ndern aufzuschlie\u00dfen. Weil die Entwicklung wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Potenziale aus eigener Kraft viel Geld kostet, hoch qualifizierte Fachleute erfordert und zudem relativ lange dauert, hat es eine umfassende, gut durchdachte Strategie zur schnelleren und kosteng\u00fcnstigeren Optimierung seiner Volkswirtschaft entwickelt, die auf den verschiedensten Ebenen auch unter Einbindung der Nachrichtendienste konsequent umgesetzt wird. Die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2008 in Peking bedeutete f\u00fcr die chinesische Staatsf\u00fchrung den vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt der seit dem Jahr 1978 w\u00e4hrenden gesellschaftlichen \u00d6ffnung. Dennoch ging die Regierung schon im Vorfeld der Spiele entschlossen gegen protestierende Tibeter, auf260","st\u00e4ndische Uiguren und sonstige oppositionelle Bestrebungen vor. Auch in Baden-W\u00fcrttemberg waren Anstrengungen chinesischer Sicherheitsbeh\u00f6rden festzustellen, Aktivit\u00e4ten von Dissidenten mit nachrichtendienstlichen Mitteln aufzukl\u00e4ren. Die zahlenm\u00e4\u00dfig starken Nachrichtenund Sicherheitsdienste der Russischen F\u00f6deration verf\u00fcgen \u00fcber erheblichen politischen R\u00fcckhalt. Von ihnen wird ein ma\u00dfgeblicher Beitrag zur Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Situation erwartet. Der gesetzlich verankerte Auftrag zur Beschaffung von wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Daten schl\u00e4gt sich trotz guter Beziehungen zwischen Russland und der Bundesrepublik Deutschland auch in Baden-W\u00fcrttemberg in geheimdienstlichen Aktivit\u00e4ten nieder. Die mit der Wirtschaftsspionage eng verbundene Proliferation448 stellt noch Proliferation - ein immer ein globales sicherheitspolitisches Problem dar. In Baden-W\u00fcrttemglobales sicherberg standen wie in den vorangegangenen Jahren die Beschaffungsbem\u00fcheitspolitisches hungen von Nordkorea, Syrien, Pakistan und des Iran im Mittelpunkt. Problem Bei der Beschaffung nachrichtendienstlich interessanter Informationen spielt die Technik eine immer wichtigere Rolle. Speziell die elektronische Datenverarbeitung weist eine Reihe von Schwachstellen auf, die gezielt ausgenutzt werden. Ihnen stehen erhebliche Vorteile auf der Seite der Angreifer gegen\u00fcber: niedriger technischer und finanzieller Aufwand, geringes Entdeckungsrisiko, keine zeitlichen und geografischen Barrieren sowie ein immenses Informationsaufkommen. Im Internet lauern Gefahren, die den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens innerhalb k\u00fcrzester Zeit zunichtemachen oder dessen Image nachhaltig sch\u00e4digen k\u00f6nnen. Nachrichtendienste nutzen das Internet zur offenen Informationsgewinnung und vor allem auch als Spionageinstrument. Insgesamt muss man von einer wachsenden Bedrohung der Informationstechnik ausgehen. Die Angriffe wachsende Beerfolgen h\u00e4ufig parallel \u00fcber verschiedene Medien. In kleinen und mitteldrohung der Inst\u00e4ndischen Unternehmen gibt es vielfach erheblichen Nachholbedarf bei formationstechnik der IT-Sicherheit. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz steht den Unternehmen im Land mit einer breiten Palette unterschiedlichster Dienstleistungen zur Seite: von Brosch\u00fcren mit praxisgerechten Handlungsempfehlungen \u00fcber allgemeine Beratungsgespr\u00e4che bis hin zur Er\u00f6rterung konkreter firmenspezifischer 448 Weiterverbreitung von atomaren, biologischen oder chemischen Massenvernichtungswaffen beziehungsweise der zu ihrer Herstellung verwendeten Produkte einschlie\u00dflich des dazu erforderlichen Know-hows sowie entsprechender Tr\u00e4gersysteme. 261","Problemstellungen. Bei Auff\u00e4lligkeiten, die den Verdacht der Spionage nahelegen, sollte der Verfassungsschutz eingeschaltet werden, um fallbezogen ein professionelles Vorgehen zu gew\u00e4hrleisten. Die zentrale Aufgabe des im Jahr 1999 unter Beteiligung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz ins Leben gerufenen Sicherheitsforums Baden-W\u00fcrttemberg besteht darin, die betriebliche Sicherheit speziell bei kleineren und mittelst\u00e4ndischen Unternehmen zu verbessern. 2. Daten, Fakten, Hintergr\u00fcnde 2.1 Volksrepublik China 2.1.1 Aussp\u00e4hung der Wirtschaft China hat den Anspruch, seine internationale Konkurrenzf\u00e4higkeit deutlich zu verbessern und bis zum Jahr 2020 wirtschaftlich und milit\u00e4risch mit den Vereinigten Staaten gleichzuziehen. In diesem Zusammenhang spielen auch die gro\u00dfen und m\u00e4chtigen Geheimdienste des Landes eine wichtige Rolle. Zur Realisierung dieses Ziels werden sowohl offene als auch konspirative Methoden angewandt. Die Leistungsf\u00e4higkeit der chinesischen Auslandsspionage scheint mittlerweile qualitativ ein Niveau erreicht zu haben, wie es vor kurzem noch undenkbar war. Dies betrifft besonders die China zugerechneten massiven Internetattacken auf deutsche Regierungsstellen und Unternehmen. Im Bereich der ssive elekWirtschaft waren hiervon nahezu s\u00e4mtliche Branchen und Hochtechnoloche Attacken giebereiche betroffen, von der R\u00fcstungsindustrie \u00fcber den Automobil-, Beh\u00f6rden Chemieund Pharmasektor bis hin zu Finanzdienstleistern. Wirtschaft Nach wie vor kommt auch der Informationsbeschaffung mit Hilfe menschlicher Quellen gro\u00dfe Bedeutung zu. H\u00e4ufig ist deutschen Unternehmensvertretern das hohe Risiko, beim Kontakt mit chinesischen Verhandlungspartnern auf ausgebildete Geheimdienst-Profis zu sto\u00dfen, nicht bewusst. Erst wenn das scheinbar lukrative Gesch\u00e4ft pl\u00f6tzlich geplatzt ist, wird ihnen deutlich, dass sie in Erwartung hoher Gewinne voreilig zu viel an sensiblem Know-how preisgegeben haben. Einem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer aus Baden-W\u00fcrttemberg, der ein spezielles Verfahren zur Oberfl\u00e4chenbearbeitung von Werkst\u00fccken entwickelt hatte, wurde von einem chinesischen Vertriebsexperten professio262","nelle Hilfe angeboten. Der Chinese, der sich zuvor schon in anderer beruflicher Verwendung im westlichen Ausland aufgehalten hatte und dabei in nachrichtendienstlichen Verdacht geraten war, stellte in Aussicht, die Vermarktung des innovativen Verfahrens als Generalvertreter in China zu organisieren. Nahezu zeitgleich hatte er sich in \u00e4hnlicher Weise an eine Reihe weiterer Unternehmen aus derselben Branche gewandt. Auch sie stellten ihm bei den vertraglichen Verhandlungen vielf\u00e4ltige technische Informationen zur Verf\u00fcgung. Letztlich erm\u00f6glichte er seinen mutma\u00dflich nachrichtendienstlichen Auftraggebern nicht nur tiefe Einblicke in ein einzelnes Unternehmen, sondern erschloss ihnen mit dieser \"Masche\" umfassendes Branchenwissen. 2.1.2 \u00dcberwachung von regimekritischen Bestrebungen Bestrebungen, die die gegenw\u00e4rtigen Machtverh\u00e4ltnisse in der Volksrepublik China auch nur im Entferntesten in Frage stellen k\u00f6nnten, erwecken unverz\u00fcglich heftiges Misstrauen der chinesischen Staatsf\u00fchrung. Wer sich nicht im v\u00f6lligen Gleichklang mit dem von der Kommunistischen Partei gepr\u00e4gten politischen System befindet, steht im besonderen Fokus der Sicherheitsbeh\u00f6rden. Der Bek\u00e4mpfung der so genannten \"F\u00fcnf Gifte\" 449 Bek\u00e4mpfung der kommt in diesem Zusammenhang herausragende Bedeutung zu. Anh\u00e4nger \"F\u00fcnf Gifte\" dieser aus chinesischer Sicht staatsfeindlichen Organisationen und Bestrebungen k\u00f6nnen sich selbst im Ausland vor den Nachstellungen chinesischer Nachrichtendienste nicht sicher sein. Hierzulande sind in erster Linie Aufkl\u00e4rungsma\u00dfnahmen gegen Uiguren und die Falun-Gong-Bewegung450 bekannt geworden. Mehreren \u00f6rtlichen Falun-Gong-Gruppierungen in Baden-W\u00fcrttemberg war ein Mitglied durch ungew\u00f6hnlich gro\u00dfes Interesse an Adresslisten sowie Vereinssatzungen aufgefallen. \u00dcberdies hatte sich der Betreffende anderen Falun-Gong-Angeh\u00f6rigen scheinbar uneigenn\u00fctzig als Sprachmittler und Berater beim Kontakt mit deutschen Beh\u00f6rden angeboten. Besonders schutzw\u00fcrdige Informationen, die ihm dabei anvertraut worden waren, sollen in China zu Zwangsma\u00dfnahmen gegen\u00fcber dritten Personen gef\u00fchrt haben. 449 Die Bezeichnung \"F\u00fcnf Gifte\" wird in China f\u00fcr die Tibetbewegung, Demokratiebestrebungen, uigurische Separatisten, Falun-Gong-Strukturen und die Sezession Taiwans verwendet. 450 Aus China stammende Bewegung mit religi\u00f6sen Elementen. 263","Agenten, die die chinesischen Nachrichtendienste innerhalb von FalunGong gewinnen konnten oder die konspirativ in die Organisation hineingeschleust wurden, bilden die \"Speerspitze\" der \u00dcberwachung beziehungsweise Unterwanderung. Um Personen f\u00fcr Spitzeldienste gef\u00fcgig zu machen, schrecken chinesische Sicherheitsorgane auch vor dem Einsatz von Zwangsmitteln nicht zur\u00fcck. Im deutschen Exil lebenden Uiguren, die sich dem Ansinnen verweigerten, an der Aussp\u00e4hung und Aufkl\u00e4rung der Separatisten-Organisation \"World Uigur Congress\" (WUC) mitzuwirken, wurde beispielsweise mit der Ablehnung einer Passverl\u00e4ngerung oder mit Repressalien gegen die in der Heimat lebenden Familienangeh\u00f6rigen gedroht. Den Agenteneinsatz im Ausland betreiben auch die chinesischen Nachrichtendienste \u00fcber getarnt in Botschaften und Konsulaten platzierte Mitarbeiter. Unter der Legende einer offiziellen Kontaktstelle in Passund Visa-Angelegenheiten k\u00f6nnen hier innerhalb der diplomatischen Vertretung gefahrlos nachrichtendienstliche Angelegenheiten abgewickelt und Auftr\u00e4ge an die jeweiligen Adressaten \u00fcbermittelt werden. Neben dieser eher klassischen Form der Agentenf\u00fchrung gibt es Hinweise, wonach China den Kontakt zu seinen Aufkl\u00e4rern im Ausland auch mit E-Mail-Verbindungen h\u00e4lt. 2.2 Russische F\u00f6deration 2.2.1 Geheimdienste mit Auslandsbezug Die Aufkl\u00e4rung von Wirtschaft und Wissenschaft zur Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Situation bildet seit jeher einen Schwerpunkt nahezu aller russischen Dienste. Dies gilt auch hinsichtlich des prim\u00e4r f\u00fcr die innere Sicherheit zust\u00e4ndigen FSB..451 Dem FSB obliegen unter anderem die Gegenspionage, die Beobachtung des politischen Extremismus sowie die Bek\u00e4mpfung von Organisierter Kriminalit\u00e4t und Terrorismus. Obwohl er nicht als Aufkl\u00e4rungsdienst konzipiert ist, versucht er bei passender Gelegenheit ausl\u00e4ndische Staatsangeh\u00f6rige, die bei Aufenthalten in Russland unter dem Vorwand der Spionageabwehr oder der Ermittlungsbefugnis als Strafverfolgungsbeh\u00f6rde angesprochen werden, f\u00fcr Zwecke der Auslandsaufkl\u00e4rung anzuwerben. Bei seinen Abwehraktivit\u00e4ten betreibt er eine intensive Kontrolle des in Russland abgewickelten Datenverkehrs. Daher m\u00fcssen auch ausl\u00e4ndische Staatsangeh\u00f6rige in Russland damit rechnen, bei der Nutzung des Internets oder durch Telefongespr\u00e4che gezielt nachrichtendienstlich \u00fcberwacht zu werden. 451 \"Federalnaja Slushba Besopasnosti\" (\"F\u00f6deraler Dienst f\u00fcr Sicherheit\"). 264","Haupttr\u00e4ger der Auslandsaufkl\u00e4rung ist der zivile Nachrichtendienst SWR.452 Seine Mitarbeiter haben die Aufgabe, Informationen \u00fcber modernste Technologien zu beschaffen, die der russischen Wirtschaft helfen sollen, hohe Forschungsund Entwicklungskosten zu sparen und den R\u00fcckstand zum Westen aufzuholen, M\u00e4rkte und Wettbewerbsbedingungen zu erkunden und fr\u00fchzeitig Ver\u00e4nderungen zu erkennen, um die eigene Machtposition zu st\u00e4rken beziehungsweise die Exportchancen zu verbessern und ausl\u00e4ndische Entscheidungstr\u00e4ger im Sinne russischer Interessen zu beeinflussen. Die Aktivit\u00e4ten des milit\u00e4rischen Auslandsnachrichtendienstes GRU453 umfassen neben klassischer Milit\u00e4rspionage mittlerweile auch zivile Bereiche. Dies gilt speziell f\u00fcr wissenschaftlich-technologische Informationen, die f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke nutzbar sein k\u00f6nnten. Besonders ausgepr\u00e4gt ist das Interesse an R\u00fcstungsfirmen, bei denen versucht wird, fr\u00fchzeitig neue Forschungsschwerpunkte zu erkennen, um die Auswirkungen auf zuk\u00fcnftige Waffenund Kriegsf\u00fchrungstechnologien beurteilen und gegebenenfalls mit der Abwehrforschung beginnen zu k\u00f6nnen. 2.2.2 Erkannte Vorgehensweisen der Nachrichtendienste Im Unterschied zu den fr\u00fcheren, h\u00e4ufig aggressiven Vorgehensweisen der russischen Nachrichtendienste spielt bei der heutigen Informationsbeschaffung die offene Gespr\u00e4chsabsch\u00f6pfung eine bedeutsame Rolle. Sie f\u00fchrt Erfolge durch angesichts einer hierzulande immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Aufgeschlossenheit offene Gespr\u00e4chsgegen\u00fcber den einstigen \"Gegnern\" aus dem \"Kalten Krieg\" zu erstaunabsch\u00f6pfung lichen Erfolgen. Ausgangspunkt dieser Beschaffungsmethode sind nicht selten die Legalresidenturen.454 Wie kaum ein anderes Land nutzt die Russische F\u00f6deration ihre M\u00f6glichkeiten, deutsch sprechende hauptamtliche Geheimdienst-Angeh\u00f6rige in diplomatischen und konsularischen Vertretungen unterzubringen. Botschaftsund Konsulatsgeb\u00e4ude er\u00f6ffnen als Treffpunkte vielf\u00e4ltige M\u00f6glichkeiten, mit interessant erscheinenden Zielpersonen unverf\u00e4nglich in Kontakt zu treten. 452 \"Slushba Wneschnej Raswedkij\" (\"Dienst f\u00fcr Ermittlungen im Ausland\"). 453 \"Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije\" (\"Hauptverwaltung f\u00fcr Aufkl\u00e4rung\" beim Generalstab der Streitkr\u00e4fte). 454 Abgetarnte St\u00fctzpunkte fremder Nachrichtendienste in den offiziellen Vertretungen (insbesondere Botschaften, Konsulate, Handelsvertretungen) des Auftraggebers im Operationsgebiet. 265","Ein unter diplomatischer Abdeckung eingesetzter russischer Nachrichtendienstangeh\u00f6riger bekundete gegen\u00fcber einem Ingenieur einer innovativen geheimschutzbetreuten455 Firma aus Baden-W\u00fcrttemberg Kaufinteresse hinsichtlich eines prim\u00e4r f\u00fcr zivile Anwendungen konzipierten Produkts. Um ein Vertrauensverh\u00e4ltnis herzustellen, wurde der Ingenieur zu \"geselligen Abenden\" eingeladen und gro\u00dfz\u00fcgig freigehalten. Im Laufe der Begegnungen wurde immer deutlicher, dass sich das Interesse des Russen in Wirklichkeit auf die Beschaffung neuester milit\u00e4rischer Ger\u00e4te nach NATO-Standard richtete. Nachdem der deutsche Ingenieur bef\u00fcrchtete, sich m\u00f6glicherweise strafbar zu machen, meldete er den Sachverhalt dem Sicherheitsverantwortlichen seiner Firma, der daraufhin das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz einschaltete. Der Spionageabwehr des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz gelang es, mit Hilfe vielf\u00e4ltiger Kontakte zu Beh\u00f6rden, Industrieverb\u00e4nden, Selbstschutzeinrichtungen der Wirtschaft sowie Spezialisten auf dem Gebiet der Unternehmenssicherheit an wertvolle Erkenntnisse \u00fcber russische Nachrichtendienste zu gelangen und Aspekte der Pr\u00e4vention an wichtige Multiplikatoren heranzutragen. 2.3 Proliferation Auch wenn proliferationsrelevante Staaten wie Iran, Nordkorea, Syrien und Pakistan in den letzten Jahren ihre eigenen Entwicklungsund Produktionskapazit\u00e4ten ausbauen konnten und somit weitere Schritte in Richtung technischer Unabh\u00e4ngigkeit gemacht haben, waren sie im Jahr 2008 immer noch auf Produkte und Know-how aus dem Ausland angewiesen. In Anbetracht der restriktiven Ausfuhrbestimmungen in Deutschland verzichten sie f\u00fcr gew\u00f6hnlich auf Direkteink\u00e4ufe.456 Das Risiko, dass derartige Aktivit\u00e4ten entdeckt werden und damit gleichzeitig Einrichtungen, die an der Herstellung und Optimierung von Massenvernichtungswaffen beteiligt sind, enttarnt werden k\u00f6nnten, m\u00f6chten diese L\u00e4nder m\u00f6glichst klein halten. Daher chleierung haben sie zahlreiche Methoden zur Verschleierung der Beschaffungsaktieschaffungsvit\u00e4ten entwickelt: Sie gr\u00fcnden Tarnfirmen, beteiligen Zwischenh\u00e4ndler, tivit\u00e4ten w\u00e4hlen Lieferwege \u00fcber einen oder mehrere Drittstaaten oder legen gef\u00e4lschte Endverbleibszertifikate vor. 455 In erster Linie Betriebe der Verteidigungswirtschaft, denen zur Ausf\u00fchrung staatlicher Verschlusssachenauftr\u00e4ge geheimhaltungsbed\u00fcrftige Unterlagen anvertraut werden. 456 Die beschaffende Stelle versucht, die Ware direkt beim Hersteller einzukaufen, gegebenenfalls unter offener Nennung des Endverbleibs und Verwendungszwecks. 266","Internationale Gremien und Regelungen zur Bek\u00e4mpfung der Proliferation 267","Verbote, Genehmigungspflichten und Genehmigungsformen im Au\u00dfenwirtschaftsverkehr * 268","Zur Erlangung von Spezialwissen werden auch bestehende internationale Kontakte zu Universit\u00e4ten, Instituten oder Forschungseinrichtungen genutzt. Selbstverst\u00e4ndlich wird gegen\u00fcber den dortigen Partnern die geplante missbr\u00e4uchliche Verwendung des erlangten Wissens verheimlicht. Die Islamische Republik Iran ist unter Proliferationsgesichtspunkten nach wie vor als das aktivste Land zu betrachten. Die Bekr\u00e4ftigungen der iranischen Regierung, das zivile Atomprogramm, insbesondere die Anreicherung von Uran, nicht aussetzen zu wollen, n\u00e4hren die Bef\u00fcrchtungen, dass sie trotz der g\u00fcltigen UN-Resolutionen 1737 und 1747 auch zuk\u00fcnftig versuchen wird, unter dem Deckmantel der zivilen Nuklearforschung ein milit\u00e4risches Atomund Tr\u00e4gertechnologieprogramm zu betreiben. Zwangsl\u00e4ufig geht damit auch die Beschaffung nuklearrelevanter Technologien auf dem Weltmarkt und somit auch in Deutschland einher. So konnten aktuell Hinweise gewonnen werden, wonach ein in BadenW\u00fcrttemberg ans\u00e4ssiges Unternehmen, welches Messger\u00e4te vertreibt, die unter anderem auch im Nuklearbereich eingesetzt werden k\u00f6nnen, von unterschiedlichen iranischen Firmen Anfragen zu diesem Spezialprodukt erhalten hat. In einem weiteren Fall konnte festgestellt werden, dass iranische \"Eink\u00e4ufer\" pers\u00f6nlich bei hiesigen Firmen vorstellig geworden sind, um an proliferationsrelevante G\u00fcter zu gelangen: Der \"Eink\u00e4ufer\" einer Beschaffungsfirma des iranischen Verteidigungsministeriums nutzte seinen Deutschlandaufenthalt, um mehrere Unternehmen aus dem Bereich Fahrzeugbau aufzusuchen. Die Einladung, die er f\u00fcr ein Visum ben\u00f6tigte, erhielt er von einer in Baden-W\u00fcrttemberg ans\u00e4ssigen Firma einer g\u00e4nzlich anderen Branche, die er jedoch bei seiner Tour quer durch das Bundesgebiet - mit Abstechern in das angrenzende Ausland - \u00fcberhaupt nicht aufsuchte. Wie dieser Fall exemplarisch zeigt, missbrauchen iranische Gesch\u00e4ftsleute ihre Beziehungen zu unverd\u00e4chtigen deutschen Firmen immer wieder, um sich das Visum f\u00fcr die Einreise ins Bundesgebiet beziehungsweise in den Schengen-Raum zu erschleichen. So glauben sie, unbemerkt von den hiesigen Sicherheitsbeh\u00f6rden Beschaffungen mit Proliferationshintergrund besser einf\u00e4deln zu k\u00f6nnen. Auch die Demokratische Volksrepublik Korea interessierte sich im Jahr 2008 f\u00fcr qualitativ hochwertige Produkte und technisches Know-how aus 269","Baden-W\u00fcrttemberg. Obwohl Beschaffungen in der Bundesrepublik in der Vergangenheit wiederholt zu Schwierigkeiten mit den zust\u00e4ndigen deutschen Exportkontrollbeh\u00f6rden gef\u00fchrt haben, wurde weiterhin mit gro\u00dfer Hartn\u00e4ckigkeit versucht, Produkte zu erwerben, die auch in proliferationsrelevanten Bereichen Verwendung finden k\u00f6nnten. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz setzt bei der Bek\u00e4mpfung der Proliferation zus\u00e4tzlich auf pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen. Wie hilfreich diese Arbeit f\u00fcr potenziell betroffene Firmen sein kann, verdeutlicht der nachfolgende Sachverhalt: Ein weiteres mittelst\u00e4ndisches baden-w\u00fcrttembergisches Unternehmen aus dem Bereich Messtechnik sollte von einer Beschaffungsorganisation, die im Auftrag des iranischen Verteidigungsministeriums operiert, als deutscher Gesch\u00e4ftspartner gewonnen werden. Die Firma produziert Analyseger\u00e4te, die neben einer zivilen Verwendung auch in milit\u00e4rischen Forschungsprogrammen eingesetzt werden k\u00f6nnen. Aufgrund der Sensibilisierungsarbeit des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz konnten die Repr\u00e4sentanten der Firma rechtzeitig vor m\u00f6glichen Nachteilen bewahrt werden. Bei der Aufkl\u00e4rung proliferationsrelevanter Sachverhalte arbeiten die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden eng mit dem Bundesnachrichtendienst, dem Bundeskriminalamt, dem Zollfahndungsdienst und dem Bundesamt f\u00fcr Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle zusammen. 3. Spionage mit technischen Mitteln Fast t\u00e4glich lassen besorgniserregende Meldungen in den Medien \u00fcber die Verwundbarkeit moderner Informationsund Kommunikationstechnik (IuK) mit enormen finanziellen Auswirkungen aufhorchen. Als besonders gravierend haben sich hier die Wirtschaftsspionage mit \"Trojanischen Pferden\"457, das Ausnutzen von Sicherheitsl\u00fccken bei h\u00e4ufig ungen\u00fcgend abgesicherten Wireless Local Area Networks (WLAN) und bei der Internettelefonie, die Aussp\u00e4hung von Passw\u00f6rtern und PINs458 mit gef\u00e4lschten 457 Als \"Trojanische Pferde\" bezeichnet man in der Computersprache Programme, die sich als n\u00fctzlich tarnen, aber in Wirklichkeit Malware (Schad-Software) einschleusen und im Verborgenen unerw\u00fcnschte Aktionen ausf\u00fchren. 458 Pers\u00f6nliche Identifikationsnummer (PIN-Code oder Geheimzahl). 270","E-Mails459, durch Keylogger-Systeme460 oder durch Spionagesoftware461, aber auch die Generierung von Abh\u00f6rm\u00f6glichkeiten durch manipulierte Mobiltelefone und Telekommunikationsanlagen gezeigt. Studien zur Wirtschaftsspionage und zur IT-Sicherheit geben bislang noch kein klares Bild \u00fcber den Umfang der Spionaget\u00e4tigkeit. Danach waren zwischen 15 und \u00fcber 50 Prozent der Unternehmen von solchen Angriffen betroffen, vorwiegend mittelst\u00e4ndische und kleinere Firmen. Eine genaue Angabe \u00fcber die Zahl der aus Sicht der Angreifer erfolgreich verlaufenen Attacken und der davon Betroffenen ist kaum m\u00f6glich, da nur wenige F\u00e4lle erkannt werden und noch weniger zur Anzeige gelangen. Zus\u00e4tzlich versch\u00e4rft wird diese Situation durch eine enorme Zunahme erkannter Schwachstellen in komplexen Softwaresystemen. Dabei wird der Zeitraum zwischen dem Bekanntwerden einer neuen Sicherheitsl\u00fccke und der Ver\u00f6ffentlichung eines so genannten Exploits462 immer k\u00fcrzer. Diese Zeitspanne ist selbst bei einem funktionierenden Patchmanagement463 oft zu kurz, um notwendige Programmupdates zur Verf\u00fcgung zu stellen oder andere geeignete Schutzma\u00dfnahmen zu entwickeln. Ein m\u00f6glicher Grund f\u00fcr diese beschleunigte Entwicklung liegt darin, dass Computerkriminalit\u00e4t \u00fcberaus profitabel geworden ist. F\u00fcr T\u00e4ter, die sich im Umfeld der Wirtschaftsspionage bewegen, lohnt es sich, in die Entwicklung von Exploits und das Aufsp\u00fcren neuer Sicherheitsl\u00fccken zu investieren. Insofern kann 2008 als das Jahr einer gefestigten, weltweit agierenden \"IT-Angriffs-Industrie\" bezeichnet weltweit werden. Die IT-Sicherheitslage insgesamt ist gekennzeichnet durch die agierende Gefahren einer \"asymmetrischen IT-Auseinandersetzung\", da der Aufwand \"IT-Angriffszur Durchf\u00fchrung von elektronischen Angriffen sehr viel geringer ist als der Industrie\" zu ihrer Abwehr. Die Schere zwischen Angriff und Verteidigung klafft also immer weiter auseinander. Typische Schwachstellen, zum Beispiel mangelhaftes Sicherheitsbewusstsein auch in F\u00fchrungsetagen, Missachtung vor459 Phishing: Durch gef\u00e4lschte E-Mails versuchen Betr\u00fcger Nutzerdaten auszusp\u00e4hen und an Passworte, Daten f\u00fcr das Online-banking und Kreditkartennummern der Kunden zu gelangen. 460 Softwareprogramme oder Hardwarebausteine, die heimlich alle Tastatureingaben eines PC-Anwenders aufzeichnen. 461 Programme (Spyware und Adware), die ohne Wissen des PC-Anwenders Daten sammeln und verdeckt weitergeben. 462 Eine Software oder eine Sequenz von Befehlen, welche spezifische Schw\u00e4chen beziehungsweise Fehlfunktionen eines anderen Computerprogramms zur Erlangung von Privilegien oder mit dem Ziel einer Denial of Service (DoS)-Attacke ausnutzt. \"Denial of Service\" bezeichnet einen Angriff auf einen Server oder sonstigen PC in einem Datennetz mit dem Ziel, einen oder mehrere Dienste durch \u00dcberlastung arbeitsunf\u00e4hig zu machen. Erfolgen solche Angriffe koordiniert \u00fcber eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Angriffssystemen, spricht man von einer verteilten Attacke (Distributed Denial of Service - DDoS). 463 Ein in der Regel kleineres Softwareupdate beziehungsweise eine kleinere Softwarekorrektur. 271","handener Sicherheitseinrichtungen aus Bequemlichkeit oder Unkenntnis, das Fehlen firmeninterner Regeln f\u00fcr den Umgang mit Betriebsgeheimnissen sowie ein sorgloser Umgang mit Passw\u00f6rtern sind regelm\u00e4\u00dfig Ursache f\u00fcr die Erfolge dieser Spionagevariante. Leider ist der Irrglaube, dass moderne Kommunikationsmittel vertrauliche Informationen automatisch sch\u00fctzten, noch viel zu weit verbreitet. ort Internet Angriffe \u00fcber das Medium Internet sind aufgrund ihrer relativ einfachen Realisierbarkeit, einer nachgewiesen guten Erfolgswahrscheinlichkeit und des geringen pers\u00f6nlichen Risikos f\u00fcr den Angreifer eine besondere Gefahr. Urheber solcher Angriffe k\u00f6nnen Einzelpersonen, Konkurrenten, politische oder kriminelle Vereinigungen und auch fremde Staaten beziehungsweise deren Nachrichtendienste sein. Die im Februar 2007 erstmals von den Sicherheitsbeh\u00f6rden \u00f6ffentlich angesprochenen elektronischen Angriffe auf Datennetze der Beh\u00f6rden und von Wirtschaftsunternehmen haben in der j\u00fcngeren Vergangenheit in Deutschland f\u00fcr einige Aufregung gesorgt. Auf breiter Basis werden bis heute Beh\u00f6rden und Regierungsstellen, aber auch Universit\u00e4ten, Forschungseinrichtungen und die Wirtschaft attackiert - auch in Baden-W\u00fcrttemberg. Aufgrund des gro\u00dfen Aufwands zur Durchf\u00fchrung der Angriffe, der anhaltenden Intensit\u00e4t und der Beschaffung von Informationen mit China-Bezug aus strategisch bedeutsamen Bereichen ist davon auszugehen, dass sie im staatlichen chinesischen Interesse liegen. Die elektronischen Attacken basieren vorwiegend auf massenhaftem E-Mail-Versand mit korrumpierten Anh\u00e4ngen (haupts\u00e4chlich MS-Word-Dateien). Charakteristisch f\u00fcr diese Angriffsmethode ist, dass ihr in der Regel ein feinsinniges \"Social Engineering\" 464 vorausgeht, um den Adressaten zum \u00d6ffnen von E-Mail und Anhang zu \"verf\u00fchren\". Durch den \u00d6ffnungsvorgang installiert sich unbemerkt ein Trojaner, der dann verdeckt versucht, Kontakt mit einem ihm vorgegebenen Computer im Internet aufzunehmen. Bei erfolgreicher Kontaktaufnahme werden weitere Befehle \u00fcbertragen, die den eigentlichen \"Auftrag\" enthalten. Nach bisherigen Analysen erscheint der Trojaner aufgrund seiner Programmstrukturen und Funktionen sowohl zur Spionage (zum Beispiel unbemerkter Datenabfluss) als auch zur Sabotage (zum Beispiel Manipulation infizierter Systeme) geeignet. In Anbetracht des Umstands, dass die eingesetzte Schadsoftware in besonderer Weise signaturarm ist, wird sie von aktuellen, marktg\u00e4ngigen Schutzprogrammen kaum entdeckt. Soweit die bisherige Aufarbeitung des Komplexes durch die Sicherheitsbeh\u00f6rden konkrete Zielobjekte in Staat und Wirtschaft 464 \"Social Engineering\" beschreibt die Methodik, berechtigte Nutzer eines Informationsund Kommunikationssystems durch T\u00e4uschung \u00fcber die Identit\u00e4t des Angreifers oder andere Tatsachen dazu zu verleiten, dem Angreifer sensible oder geheim zu haltende Daten (zum Beispiel Passworte und/oder Benutzerberechtigungen) f\u00fcr einen Systemeinbruch mitzuteilen oder gar unmittelbar Daten aus dem IuK-System unberechtigt weiterzugeben. 272","erkennen lie\u00df, sind die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder momentan damit befasst, im Zusammenwirken mit Betroffenen eingedrungene Trojaner zu lokalisieren und unsch\u00e4dlich zu machen. Insgesamt ist jedoch von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Mit zunehmendem Bedarf an kosteng\u00fcnstigen Multimedia-Kommunikationsl\u00f6sungen wird die Implementierung internetbasierter Verfahren weiter zunehmen. Der ungesicherte Einsatz von VoIP465-Technologien birgt aus dem Blickwinkel der IT-Sicherheit ein hohes Bedrohungspotenzial. Zu den Gef\u00e4hrdungen der \"klassischen\" Telekommunikation, beispielsweise der Manipulation durch aktivierte Fernwartungszug\u00e4nge, kommen die der IPWelt, unter anderem DoS-Angriffe466 oder der Befall durch Schadprogramme, hinzu. Die Methoden entsprechender Angriffs-Tools sind umfassend und zum Teil denkbar einfach. Damit ist nahezu jeder Interessierte in der Lage, eine ungesch\u00fctzte Sprachkommunikation \u00fcber IP \"abzugreifen\", aufzuzeichnen und auszuwerten oder die entsprechenden Systeme zu manipulieren. Das als Web 2.0467 bezeichnete interaktive Internet erfreut sich in Form von Risiken sozialen Netzwerken zunehmender Beliebtheit. Unabh\u00e4ngig davon, ob sich des Web 2.0 die Nutzer mit Worten oder Fotos vorstellen, in Foren diskutieren oder aufzeigen, wen sie alles kennen - alle diese Daten sind fortan auf dem Server des Betreibers gespeichert und grunds\u00e4tzlich von jedermann weltweit abrufbar. Die Nutzer dieser Plattformen gehen dabei h\u00e4ufig recht sorglos vor und geben eine Vielzahl pers\u00f6nlicher, aber auch beruflicher Daten preis. Vielen ist allerdings nicht bewusst, welche Konsequenzen das Entbl\u00f6\u00dfen der eigenen Identit\u00e4t nach sich ziehen kann und wie viele Spuren sie im Netz hinterlassen. Riskant f\u00fcr Wirtschaftsunternehmen wird es sp\u00e4testens dann, wenn Mitarbeiter mit ausf\u00fchrlichen Beschreibungen ihre Firmenzugeh\u00f6rigkeit oder gar noch Firmeninterna offenbaren. Wird \u00fcberdies der firmeninterne Internetzugang f\u00fcr den Kontakt mit der Plattform genutzt, werden Spuren im Netz hinterlassen, die auch ohne Namensnennung eine Identifizierung erm\u00f6glichen. Auch Angeh\u00f6rige fremder Geheimdienste, Konkurrenten oder Nachrichtenh\u00e4ndler sammeln erfahrungsgem\u00e4\u00df Informationen \u00fcber Firmenmitarbeiter. Bereits der Einsatz g\u00e4ngiger Personensuchmaschinen erm\u00f6glicht die unkomplizierte Zusammenstellung umfassender Per465 \"Voice over Internet Protocol\" (auch IP-Telefonie) bezeichnet die Telefonie \u00fcber Internet oder Computernetzwerke. 466 Vgl. Fu\u00dfnote 462, S. 271. 467 Web 2.0 ist ein 2004 vom O'Reilly-Verlag geschaffener Begriff, der eine neue Generation von interaktiven Internetund Webanwendungsm\u00f6glichkeiten beschreibt, die ihren Nutzern erm\u00f6glicht, gemeinsam eigene Inhalte auf einfache Art und Weise im World Wide Web (WWW) zu publizieren (zum Beispiel Webblogs, Wikis, Chatrooms, Instant Messaging, Podcasts, Tags, Video-/Foto-Sharing etc.). 273","Tatort Internet 274","s\u00f6nlichkeitsprofile. Wie aktuelle Studien468 belegen, bieten dar\u00fcber hinaus, die nach wie vor unzureichenden Sicherheitsstandards dieser Netzwerke keinen ausreichenden Schutz vor professionellen Angriffen und machen diese Internetseiten anf\u00e4llig f\u00fcr das Eindringen von Hackern und anderen Angreifern. In gesch\u00fctzten Bereichen abgelegte personenbezogene Daten der Nutzer k\u00f6nnen also ohne gro\u00dfen technischen Aufwand ausspioniert und anschlie\u00dfend missbr\u00e4uchlich verwendet werden. Die zunehmende Dynamik auf dem Telekommunikationsmarkt und im Bereich der mobilen Technologien bietet Unternehmen vielf\u00e4ltige Einsatzm\u00f6glichkeiten zur Effizienzsteigerung und Prozessoptimierung, geht aber mit einer F\u00fclle neuer Bedrohungen einher. Die in Unternehmensnetzen Schutz mobiler heute gebr\u00e4uchlichsten Sicherheitsma\u00dfnahmen wie zum Beispiel VirenTechnologien schutz, Verschl\u00fcsselung und Firewalls, werden nur in sehr begrenztem notwendig Umfang zum Schutz mobiler Ger\u00e4te genutzt, obwohl nach Expertenmeinung mehr als die H\u00e4lfte der unternehmenskritischen und sensiblen Daten darauf gespeichert ist. Nach Erfahrungen des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz steht das Verhalten von Mitarbeitern, die mit mobiler IuK-Technik ausgestattet sind, teilweise in krassem Widerspruch zu ihrem Wissen. Zwar kennen sie die Risiken und sind auch \u00fcber entsprechende Sicherheitsanforderungen informiert, setzen aber dennoch mobiles Firmen-Equipment privat ein, stellen es Dritten f\u00fcr den Privatgebrauch zur Verf\u00fcgung, \u00f6ffnen E-Mails unbekannter Absender, nutzen ungesicherte, drahtlose Kommunikationsverbindungen469 oder installieren selbst ungepr\u00fcfte Software. Besonders Handys, WLANs, Bluetooth-Technologien und mobile Speichermedien470 aller Art erweisen sich in der Praxis h\u00e4ufig als die Achillesferse einer ansonsten gut gesicherten IT-Infrastruktur. Da diese Ger\u00e4te und Verfahren oftmals in integrierten Systemen gleichzeitig genutzt werden, kumulieren sich dort auch die Risiken. Vor allem Handys k\u00f6nnen sowohl Spionagewerkzeug als auch Zielobjekt f\u00fcr Abh\u00f6rund Manipulationsangriffe sein. Gestohlene Laptops, USB-Sticks und Festplatten, gehackte Notebooks und unbemerkt an das Firmennetz angedockte fremde Speichermedien sind weitere Beispiele f\u00fcr Spionage im Zusammenhang mit mobilen Endger\u00e4ten. 468 Andreas Poller, Fraunhofer-Institut f\u00fcr Sichere Informationstechnologie SIT, Studie \"Privatsph\u00e4renschutz in Soziale-Netzwerk-Plattformen\", ver\u00f6ffentlicht am 23. September 2008. 469 Wireless Local Area Network (WLAN), Hotspot, Bluetooth-Technologie etc. 470 Laptops, Notebooks, USB-Sticks, externe Festplatten, Speicherkarten etc. 275","4. Pr\u00e4vention Innovationen kosten Geld, binden Ressourcen und verschlingen unter Umst\u00e4nden immense Summen f\u00fcr die Forschung. Zur Erhaltung des vorhandenen Know-hows leistete das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz auch im Jahr 2008 offensive Aufkl\u00e4rungsarbeit, um zu verhindern, dass badenw\u00fcrttembergische Unternehmen, Forschungsund Wissenschaftseinrichtungen in den Strudel der Wirtschaftsspionage gelangen. Bei Sensibilisierungsgespr\u00e4chen wurden haupts\u00e4chlich folgende Themen fokussiert: Was ist f\u00fcr fremde Nachrichtendienste von Interesse? Welche Aussp\u00e4hungsmethoden kommen zur Anwendung? Welche Risiken birgt die Proliferation und wie werden sie vermieden? Wie kann Know-how gesch\u00fctzt werden? ntensive Die an die Unternehmen und Institutionen ausgesprochenen Empfehluneuung der gen zur Steigerung der Sicherheit wurden durch zahlreiche VortragsveranWirtschaft staltungen bei Betrieben, Interessenverb\u00e4nden, Arbeitskreisen, Kammern und anderen Vereinigungen erg\u00e4nzt. Insgesamt konnten im vergangenen Jahr im Bereich der Wirtschaft rund 165 Beratungsgespr\u00e4che gef\u00fchrt und circa 40 Vortr\u00e4ge gehalten werden. Beispielhaft f\u00fcr die weitere T\u00e4tigkeit des Arbeitsbereichs Wirtschaftsschutz sind folgende Projekte zu nennen: Auch im Jahr 2008 pr\u00e4sentierte sich das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz gemeinsam mit anderen Verfassungsschutzbeh\u00f6rden auf der weltgr\u00f6\u00dften Sicherheitsfachmesse SECURITY in Essen, um dem Messepublikum kompetente Beratung und Information zu den Themen Wirtschaftsspionage und Wirtschaftsschutz anzubieten. Daneben ergaben sich vielf\u00e4ltige Kontakte zu Unternehmen aus Baden-W\u00fcrttemberg, mit denen Termine f\u00fcr vertiefte Beratungen im Anschluss an die Messe vereinbart werden konnten. Im November 2008 trafen sich auf der Neuen Messe Stuttgart die Dienstleister der Au\u00dfenwirtschaft auf einem der modernsten Marktpl\u00e4tze Europas, der \"GlobalConnect\". Dieses Forum bot kleineren und mittelst\u00e4ndischen Unternehmen eine hervorragende M\u00f6glichkeit, sich umfassend \u00fcber aktuelle Entwicklungen auf den Welt276","m\u00e4rkten sowie \u00fcber Unterst\u00fctzungsangebote bei der Erschlie\u00dfung von Auslandsm\u00e4rkten zu informieren. Auf einem Gemeinschaftsstand des weltweit f\u00fcr die Interessen der Wirtschaft und Wissenschaft des Landes Baden-W\u00fcrttemberg aktiven Dienstleisters \"Baden-W\u00fcrttemberg International\" war auch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz vertreten und konnte interessierten Messebesuchern aus erster Hand \u00fcber Praxisbeispiele aus allen Arbeitsbereichen der Spionageabwehr berichten. Besonders gefragt waren Themen wie \"Gefahren der Wirtschaftsspionage\" und \"Know-how-Schutz im Unternehmen\". Um seine herausgehobene Stellung in der Netzwerkarbeit gegen Wirtschaftsund Wissenschaftsspionage noch weiter auszubauen, hat das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz eine enge Kooperation mit seiner bayerischen Pr\u00e4vention Partnerbeh\u00f6rde vereinbart. Dies betrifft neben der gemeinschaftlichen durch Beteiligung an Fachmessen besonders die Organisation und Durchf\u00fchrung Kooperation von Informationsveranstaltungen. Im September 2008 fand bereits die erste l\u00e4nder\u00fcbergreifende Tagung f\u00fcr Sicherheitsbevollm\u00e4chtigte aus bayerischen und baden-w\u00fcrttembergischen Unternehmen in Neu-Ulm statt. Neben allgemeinen Informationen zur aktuellen Sicherheitslage wurde in ausgew\u00e4hlten Fachvortr\u00e4gen auf weitere Aufgabenfelder des Verfassungsschutzes wie Linksextremismus, Scientology-Organisation und Organisierte Kriminalit\u00e4t eingegangen. 5. Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg - Die Wirtschaft sch\u00fctzt ihr Wissen Im Jahr 1999 ist in Baden-W\u00fcrttemberg die bundesweit erste Sicherheitspartnerschaft zum Schutz von Firmen-Know-how mit dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz als Gr\u00fcndungsmitglied ins Leben gerufen worden. Das Gremium setzt sich aus kompetenten Vertretern von Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Verb\u00e4nden, Kammern und Beh\u00f6rden zusammen und soll mit einem B\u00fcndel sicherheitsbezogener Ma\u00dfnahmen dazu beitragen, den Technologievorsprung der Wirtschaft und der Forschung des Landes vor dem Hintergrund eines sich versch\u00e4rfenden globalen Wettbewerbs 277","zu sichern und weiter auszubauen. Dem Sicherheitsforum war seinerzeit vor allem die Aufgabe zugedacht worden, in Grundsatzfragen der Informationsrechpartner sicherheit eine Scharnierfunktion zwischen Wirtschaft und Wissenschaft in einerseits sowie der Politik andererseits zu erf\u00fcllen. Mittlerweile hat es sich rheitsfragen zu einem anerkannten Ansprechpartner in Sicherheitsfragen entwickelt. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz beteiligte sich auch im Jahr 2008 an diversen Informationsveranstaltungen f\u00fcr die Wirtschaft und brachte sein umfassendes Erfahrungswissen aus der Spionageabwehr bei Projekten des Forums auf den Feldern Informationsschutz und Unternehmenssicherheit ein. Im Internet sind unter www.sicherheitsforum-bw.de Informationen zu den Themenbereichen Wirtschaftsspionage und Pr\u00e4vention abrufbar. 6. Bedeutung von Hinweisen - Erreichbarkeit der Spionageabwehr Zur Wahrnehmung ihrer Aufgaben ist die Spionageabwehr auch ganz wesentlich auf Hinweise aus der \u00d6ffentlichkeit angewiesen. H\u00e4ufig erm\u00f6glichen erst Informationen von betroffenen Personen, Unternehmen oder anderen Stellen die Ermittlungen zur Kl\u00e4rung eines Spionageverdachts. Viele Betroffene untersch\u00e4tzen jedoch die Tragweite des Falles oder f\u00fcrchten Imageverluste und verzichten deshalb auf einen Kontakt der Spionageabwehr. Ihre nachteiligen Erfahrungen k\u00f6nnen insofern nicht in die Pr\u00e4ventionsarbeit einflie\u00dfen. Die Spionageabwehr kann - auch f\u00fcr Anregungen und weitere Informationen - wie folgt erreicht werden: Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Abteilung 4 Taubenheimstra\u00dfe 85 A 70372 Stuttgart Telefon 07 11 / 95 44 - 301 Telefax 07 11 / 95 44 - 444 E-Mail: info@verfassungsschutz-bw.de 278","\u00dcber die Anschl\u00fcsse 07 11 / 9 54 76 26 (Telefon) und 07 11 / 9 54 76 27 (Telefax) werden sensible Hinweise entgegengenommen und auf Wunsch vertraulich behandelt. 279","GESETZ \u00dcBER DEN V E R F A S S U N G S S C H U T Z I N B A D E N -W \u00dc R T T E M B E R G (L A N D E S V E R F A S S U N G S S C H U T Z G E S E T Z - L V S G ) VOM 5. D EZEMBER 2005 SS 1 nung, den Bestand und die Sicherheit der Zweck des Verfassungsschutzes Bundesrepublik Deutschland und ihrer L\u00e4nder fr\u00fchzeitig zu erkennen und den Der Verfassungsschutz dient dem Schutz zust\u00e4ndigen Stellen zu erm\u00f6glichen, diese der freiheitlichen demokratischen GrundGefahren abzuwehren. ordnung, des Bestandes und der Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland (2) Zur Erf\u00fcllung dieser Aufgaben samund ihrer L\u00e4nder. melt das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Informationen, insbesondere sachund SS 2 personenbezogene Ausk\u00fcnfte, NachrichOrganisation, Zust\u00e4ndigkeit ten und Unterlagen von Organisationen und Personen \u00fcber (1) Zur Wahrnehmung der Aufgaben 1. Bestrebungen, die gegen die freides Verfassungsschutzes unterh\u00e4lt das heitliche demokratische Grundordnung, Land ein Landesamt f\u00fcr Verfassungsden Bestand oder die Sicherheit des Bunschutz. Das Amt hat seinen Sitz in Stuttdes oder eines Landes gerichtet sind oder gart und untersteht dem Innenministeeine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der rium. Amtsf\u00fchrung der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes oder ihrer Mit(2) Verfassungsschutzbeh\u00f6rden anderer glieder zum Ziele haben, L\u00e4nder d\u00fcrfen im Geltungsbereich dieses 2. sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geGesetzes nur im Einvernehmen mit dem heimdienstliche T\u00e4tigkeiten im GeltungsLandesamt f\u00fcr Verfassungsschutz t\u00e4tig bereich des Grundgesetzes f\u00fcr eine fremwerden. de Macht, 3. Bestrebungen im Geltungsbereich (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsdes Grundgesetzes, die durch die Anwenschutz darf einer Polizeidienststelle nicht dung von Gewalt oder darauf gerichtete angegliedert werden. Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland SS 3 gef\u00e4hrden, Aufgaben des Landesamtes f\u00fcr Verfas - 4. Bestrebungen im Geltungsbereich sungsschutz, Voraussetzungen f\u00fcr die dieses Gesetzes, die gegen den Gedanken Mitwirkung an \u00dcberpr\u00fcfungsverfahren der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung (Artikel 9 Abs. 2 des Grundgesetzes), insbesondere gegen (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsdas friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker schutz hat die Aufgabe, Gefahren f\u00fcr die (Artikel 26 Abs. 1 des Grundgesetzes), freiheitliche demokratische Grundordgerichtet sind, 280","und wertet sie aus. Sammlung und Aus7. bei der \u00dcberpr\u00fcfung der Zuverl\u00e4swertung von Informationen nach Satz 1 sigkeit von Personen nach dem Waffen-, setzen im Einzelfall voraus, dass f\u00fcr BeSprengstoffund Jagdrecht, strebungen oder T\u00e4tigkeiten nach Satz 1 8. bei der \u00dcberpr\u00fcfung der Zuverl\u00e4stats\u00e4chliche Anhaltspunkte vorliegen. sigkeit von Personen nach SS 12 b des Atomgesetzes, (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungs9. bei der sicherheitsm\u00e4\u00dfigen \u00dcberschutz wirkt mit pr\u00fcfung von Personen, die zu sicherheits1. bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von empfindlichen Bereichen von Flugh\u00e4fen Personen, denen im \u00f6ffentlichen Interesse Zutritt haben, nach SS 29 c des Luftvergeheimhaltungsbed\u00fcrftige Tatsachen, Gekehrsgesetzes, genst\u00e4nde oder Erkenntnisse anvertraut 10. bei sonstigen \u00dcberpr\u00fcfungen, sowerden, die Zugang dazu erhalten sollen weit dies im Einzelfall zum Schutz der oder ihn sich verschaffen k\u00f6nnen, freiheitlichen demokratischen Grundord2. bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von nung oder f\u00fcr Zwecke der \u00f6ffentlichen Personen, die an sicherheitsempfindSicherheit erforderlich ist. N\u00e4heres wird lichen Stellen von lebensoder verteididurch Verwaltungsvorschrift des Innenmigungswichtigen Einrichtungen besch\u00e4ftigt nisteriums bestimmt. sind oder werden sollen, Die Mitwirkung des Landesamtes f\u00fcr Ver3. bei technischen oder organisatorifassungsschutz nach Satz 1 erfolgt in der schen Sicherheitsma\u00dfnahmen zum SchutWeise, dass es eigenes Wissen oder beze von im \u00f6ffentlichen Interesse geheimreits vorhandenes Wissen der f\u00fcr die haltungsbed\u00fcrftigen Tatsachen, Gegen\u00dcberpr\u00fcfung zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde oder st\u00e4nden oder Erkenntnissen gegen die sonstiger \u00f6ffentlicher Stellen auswertet. In Kenntnisnahme durch Unbefugte sowie den F\u00e4llen des Satzes 1 Nummern 1 und bei Ma\u00dfnahmen des vorbeugenden Sabo- 2 f\u00fchrt das Landesamt f\u00fcr Verfassungstageschutzes, schutz weitergehende Ermittlungen 4. auf Anforderungen der Einsteldurch, wenn die f\u00fcr die \u00dcberpr\u00fcfung zulungsbeh\u00f6rde bei der \u00dcberpr\u00fcfung von st\u00e4ndige Beh\u00f6rde dies beantragt. Personen, die sich um Einstellung in den \u00f6ffentlichen Dienst bewerben, sowie auf (4) Die Mitwirkung des Landesamtes Anforderung der Besch\u00e4ftigungsbeh\u00f6rde f\u00fcr Verfassungsschutz nach Absatz 3 setzt bei der \u00dcberpr\u00fcfung von Besch\u00e4ftigten im Einzelfall voraus, dass der Betroffene im \u00f6ffentlichen Dienst, bei denen der auf und andere in die \u00dcberpr\u00fcfung einbezoTatsachen beruhende Verdacht besteht, gene Personen \u00fcber Zweck und Verfahren dass sie gegen die Pflicht zur Verfassungsder \u00dcberpr\u00fcfung einschlie\u00dflich der Verartreue versto\u00dfen, beitung der erhobenen Daten durch die 5. bei der sicherheitsm\u00e4\u00dfigen \u00dcberbeteiligten Dienststellen unterrichtet pr\u00fcfung von Einb\u00fcrgerungsbewerbern, werden. Dar\u00fcber hinaus ist im Falle der 6. bei der sicherheitsm\u00e4\u00dfigen \u00dcberEinbeziehung anderer Personen in die pr\u00fcfung von Ausl\u00e4ndern im Rahmen der \u00dcberpr\u00fcfung deren Einwilligung und im Bestimmungen des Ausl\u00e4nderrechts, Falle weitergehender Ermittlungen nach 281","Absatz 3 Satz 3 die Einwilligung des deln, sind Bestrebungen im Sinne dieses Betroffenen erforderlich. Die S\u00e4tze 1 und Gesetzes, wenn sie auf Anwendung von 2 gelten nur, soweit gesetzlich nichts Gewalt gerichtet sind oder aufgrund ihrer anderes bestimmt ist. Wirkungsweise geeignet sind, ein Schutzgut dieses Gesetzes erheblich zu besch\u00e4SS 4 digen. Begriffsbestimmungen (2) Zur freiheitlichen demokratischen (1) Im Sinne des Gesetzes sind Grundordnung im Sinne dieses Gesetzes 1. Bestrebungen gegen den Bestand z\u00e4hlen: des Bundes oder eines Landes solche 1. das Recht des Volkes, die Staatsgepolitisch bestimmten, zielund zweckgewalt in Wahlen und Abstimmungen und richteten Verhaltensweisen in einem oder durch besondere Organe der Gesetzgef\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der bung, der vollziehenden Gewalt und der darauf gerichtet ist, die Freiheit des BunRechtsprechung auszu\u00fcben und die des oder eines Landes von fremder HerrVolksvertretung in allgemeiner unmittelschaft aufzuheben, ihre staatliche Einheit barer, freier, gleicher und geheimer Wahl zu beseitigen oder ein zu ihm geh\u00f6rendes zu w\u00e4hlen, Gebiet abzutrennen; 2. die Bindung der Gesetzgebung an 2. Bestrebungen gegen die Sicherheit die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und die des Bundes oder eines Landes solche Bindung der vollziehenden Gewalt und politisch bestimmten, zielund zweckgeder Rechtsprechung an Gesetz und Recht, richteten Verhaltensweisen in einem oder 3. das Recht auf Bildung und Ausf\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der \u00fcbung einer parlamentarischen Opposidarauf gerichtet ist, den Bund, L\u00e4ndern tion, oder deren Einrichtungen in ihrer Funk4. die Abl\u00f6sbarkeit der Regierung und tionsf\u00e4higkeit erheblich zu beeintr\u00e4chtiihre Verantwortlichkeit gegen\u00fcber der gen; Volksvertretung, 3. Bestrebungen gegen die freiheitli5. die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte, che demokratische Grundordnung solche 6. der Ausschluss jeder Gewaltund politisch bestimmten, zielund zweckgeWillk\u00fcrherrschaft und richteten Verhaltensweisen in einem oder 7. die im Grundgesetz konkretisierten f\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der Menschenrechte. darauf gerichtet ist, einen der in Absatz 2 genannten Verfassungsgrunds\u00e4tze zu beSS 5 seitigen oder au\u00dfer Geltung zu setzen. Befugnisse des F\u00fcr einen Personenzusammenschluss Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz handelt, wer ihn in seinen Bestrebungen aktiv sowie zielund zweckgerichtet (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsunterst\u00fctzt. Verhaltensweisen von Einzelschutz kann die zur Erf\u00fcllung seiner Aufpersonen, die nicht in einem oder f\u00fcr gaben nach SS 3 erforderlichen Informatioeinen Personenzusammenschluss hannen verarbeiten. Soweit dieses Gesetz 282","keine Regelungen trifft, richtet sich die SS 5a Verarbeitung personenbezogener Daten Einholen von Ausk\u00fcnften nach den Vorschriften des Landesdatenbei nicht-\u00f6ffentlichen Stellen schutzgesetzes mit Ausnahme der SSSS 8 und 13 Abs. 2 bis 4 sowie SSSS 14 bis 24 des (1) Wenn es zur Erf\u00fcllung seiner AufgaLandesdatenschutzgesetzes. ben nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 bis 4 erforderlich ist und tats\u00e4chliche Anhalts(2) Werden personenbezogene Daten punkte f\u00fcr schwerwiegende Gefahren f\u00fcr beim Betroffenen mit seiner Kenntnis erdie dort genannten Schutzg\u00fcter vorliegen, hoben, so ist der Erhebungszweck anzudarf das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz geben. Der Betroffene ist auf die Freiwilim Einzelfall unentgeltlich Ausk\u00fcnfte zu ligkeit seiner Angaben und bei einer 1. Konten, Konteninhabern und sonsSicherheits\u00fcberpr\u00fcfung nach SS 3 Abs. 3 tigen Berechtigten sowie weiteren am auf eine dienst-, arbeitsrechtliche oder Zahlungsverkehr Beteiligten und zu sonstige vertragliche Mitwirkungspflicht Geldbewegungen und Geldanlagen bei hinzuweisen. Kreditinstituten, Finanzdienstleistungsinstituten und Finanzunternehmen, (3) Polizeiliche Befugnisse oder Wei2. Namen, Anschriften und zur Inansungsbefugnisse stehen dem Landesamt spruchnahme von Transportleistungen f\u00fcr Verfassungsschutz nicht zu; es darf die und sonstigen Umst\u00e4nden des LuftPolizei auch nicht im Wege der Amtshilfe verkehrs bei Luftfahrtunternehmen einum Ma\u00dfnahmen ersuchen, zu denen es holen. selbst nicht befugt ist. Abweichend hiervon ist es jedoch berechtigt, die Polizei in (2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungseilbed\u00fcrftigen F\u00e4llen au\u00dferhalb der reguschutz darf im Einzelfall zur Erf\u00fcllung seil\u00e4ren Dienstzeiten des Kraftfahrtbundesner Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 amtes um eine Abfrage aus dem Fahrbis 4 unter den Voraussetzungen des SS 3 zeugregister beim Kraftfahrtbundesamt Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes vom im automatisierten Verfahren zu ersu26. Juni 2001 (BGBl. I S. 1254, ber. chen. S. 2298) bei Personen und Unternehmen, die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig Postdienstleistungen (4) Von mehreren geeigneten Ma\u00dfnaherbringen, sowie bei denjenigen, die an men hat das Landesamt f\u00fcr Verfassungsder Erbringung dieser Dienstleistungen schutz diejenige zu w\u00e4hlen, die den Bemitwirken, unentgeltlich Ausk\u00fcnfte zu troffenen voraussichtlich am wenigsten Namen, Anschriften, Postf\u00e4chern und beeintr\u00e4chtigt. Eine Ma\u00dfnahme darf keisonstigen Umst\u00e4nden des Postverkehrs nen Nachteil herbeif\u00fchren, der erkennbar einholen. au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zu dem beabsichtigten Erfolg steht. (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf im Einzelfall zur Erf\u00fcllung sei283","ner Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 scheidung auch bereits vor der Unterrichbis 4 unter den Voraussetzungen des SS 3 tung der Kommission anordnen; in dieAbs. 1 des Artikel 10-Gesetzes bei denjesem Fall ist die Kommission unverz\u00fcglich nigen, die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig Telekommunizu unterrichten. Die Kommission pr\u00fcft kationsdienste und Teledienste erbringen von Amts wegen oder aufgrund von Beoder daran mitwirken, unentgeltlich Ausschwerden die Zul\u00e4ssigkeit und Notwenk\u00fcnfte \u00fcber Telekommunikationsverbindigkeit der Einholung von Ausk\u00fcnften dungsdaten und Teledienstenutzungsdanach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3. SS 15 Abs. 5 des ten einholen. Die Auskunft kann auch in Artikel 10-Gesetzes ist mit der Ma\u00dfgabe Bezug auf zuk\u00fcnftige Telekommunikation entsprechend anzuwenden, dass die Konund zuk\u00fcnftige Nutzung von Teledientrollbefugnis der Kommission sich auf die sten verlangt werden. Telekommunikagesamte Erhebung, Verarbeitung und tionsverbindungsdaten und TelediensteNutzung der nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3 nutzungsdaten sind: erlangten Informationen und personenbe1. Berechtigungskennungen, Kartenzogenen Daten erstreckt. Entscheidungen nummern, Standortkennungen sowie Ruf\u00fcber Ausk\u00fcnfte, die die Kommission f\u00fcr nummer oder Kennung des anrufenden unzul\u00e4ssig oder nicht notwendig erkl\u00e4rt, und angerufenen Anschlusses oder der hat das Innenministerium unverz\u00fcglich Endeinrichtung, aufzuheben. 2. Beginn und Ende der Verbindung nach Datum und Uhrzeit, (6) F\u00fcr die Verarbeitung der nach den 3. Angaben \u00fcber die Art der vom Abs\u00e4tzen 1 bis 3 erhobenen Daten ist SS 4 Kunden in Anspruch genommenen Teledes Artikel 10-Gesetzes entsprechend kommunikationsund Teledienst-Dienstanzuwenden. leistungen, 4. Endpunkte festgeschalteter Verbin(7) Das Auskunftsersuchen und die dungen, ihr Beginn und ihr Ende nach \u00fcbermittelten Daten d\u00fcrfen dem BetrofDatum und Uhrzeit. fenen oder Dritten vom Auskunftsgeber nicht mitgeteilt werden. (4) Ausk\u00fcnfte nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3 d\u00fcrfen nur auf Antrag eingeholt werden. (8) F\u00fcr die Mitteilung an den BetroffeDer Antrag ist durch den Leiter des Lannen findet SS 12 Abs. 1 und 3 des Artikel desamtes f\u00fcr Verfassungsschutz oder sei10-Gesetzes entsprechende Anwendung. nen Vertreter schriftlich zu stellen und zu begr\u00fcnden. \u00dcber den Antrag entscheidet (9) Das Innenministerium unterrichtet das Innenministerium. im Abstand von h\u00f6chstens sechs Monaten das Gremium nach SS 2 Abs. 1 des Aus5) Das Innenministerium unterrichtet f\u00fchrungsgesetzes zum Artikel 10-Gesetz die Kommission nach SS 2 Abs. 2 des Aus\u00fcber die Durchf\u00fchrung von Ma\u00dfnahmen f\u00fchrungsgesetzes zum Artikel 10-Gesetz nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3. Dabei ist ins\u00fcber die beschiedenen Antr\u00e4ge vor deren besondere ein \u00dcberblick \u00fcber Anlass, Vollzug. Bei Gefahr in Verzug kann das Umfang, Dauer, Ergebnis und Kosten der Innenministerium den Vollzug der Entim Berichtszeitraum durchgef\u00fchrten Ma\u00df284 nahmen zu geben.","(10) Das Innenministerium unterrichtet (3) Das in einer Wohnung nicht \u00f6ffentdas Parlamentarische Kontrollgremium lich gesprochene Wort darf mit technides Bundes j\u00e4hrlich \u00fcber die nach den schen Mitteln nur dann heimlich mitgeAbs\u00e4tzen 1 bis 3 durchgef\u00fchrten Ma\u00dfnahh\u00f6rt oder aufgezeichnet werden, wenn es men. Absatz 9 Satz 2 gilt entsprechend. im Einzelfall zur Abwehr einer gegenw\u00e4rtigen gemeinen Gefahr oder einer gegenSS 6 w\u00e4rtigen Lebensgefahr f\u00fcr einzelne PersoErhebung personenbezogener Daten mit nen unerl\u00e4sslich ist und geeignete polizeinachrichtendienstlichen Mitteln liche Hilfe f\u00fcr das bedrohte Rechtsgut nicht rechtzeitig erlangt werden kann. (1) Das Landesamt f\u00fcr VerfassungsSatz 1 gilt entsprechend f\u00fcr den verdeckschutz kann Methoden, Gegenst\u00e4nde und ten Einsatz technischer Mittel zur AnfertiInstrumente zur heimlichen Informationsgung von Bildaufnahmen und Bildaufbeschaffung, wie den Einsatz von Vertrauzeichnungen in Wohnungen. Ma\u00dfnahmen ensleuten und Gew\u00e4hrspersonen, Obsernach Satz 1 und 2 bed\u00fcrfen der Anordvationen, Bildund Tonaufzeichnungen, nung durch das Amtsgericht, in dessen Tarnpapiere und Tarnkennzeichen anwenBezirk sie durchgef\u00fchrt werden sollen. den (nachrichtendienstliche Mittel). SS 31 Abs. 5 Satz 2 bis 4 des PolizeigesetDiese sind in einer Dienstvorschrift zu zes sind entsprechend anzuwenden. Bei benennen, die auch die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr Gefahr im Verzug k\u00f6nnen die Ma\u00dfnahdie Anordnung solcher Informationsbemen nach Satz 1 und 2 vom Leiter des schaffung regelt. Die Dienstvorschrift beLandesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz angedarf der Zustimmung des Innenministeriordnet werden; diese Anordnung bedarf ums, das den St\u00e4ndigen Ausschuss des der Best\u00e4tigung durch das Amtsgericht. Landtags unterrichtet. Sie ist unverz\u00fcglich herbeizuf\u00fchren. Einer Anordnung durch das Amtsgericht bedarf (2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungses nicht, wenn technische Mittel ausschutz kann personenbezogene Daten schlie\u00dflich zum Schutz der bei einem Einund sonstige Informationen mit nachrichsatz in Wohnungen t\u00e4tigen Personen vortendienstlichen Mitteln erheben, wenn gesehen sind; die Ma\u00dfnahme ist in diesem tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorhanFall durch den Leiter des Landesamtes f\u00fcr den sind, dass Verfassungsschutz anzuordnen. Eine 1. auf diese Weise Erkenntnisse \u00fcber anderweitige Verwertung der hierbei Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 erlangten Erkenntnisse zum Zweck der Abs. 2 oder die zur Erforschung solcher Gefahrenabwehr ist nur zul\u00e4ssig, wenn Erkenntnisse erforderlichen Quellen gezuvor die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Ma\u00dfnahme wonnen werden k\u00f6nnen oder durch das Amtsgericht festgestellt worden 2. dies zur Abschirmung der Mitarbeiist; bei Gefahr im Verzug ist die richterliter, Einrichtungen, Gegenst\u00e4nde und che Entscheidung unverz\u00fcglich nachzuQuellen des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsholen. Die Landesregierung unterrichtet schutz gegen sicherheitsgef\u00e4hrdende oder den Landtag j\u00e4hrlich \u00fcber den nach diegeheimdienstliche T\u00e4tigkeiten erfordersem Absatz erfolgten Einsatz technischer lich ist. 285","Mittel. Die parlamentarische Kontrolle nen durch Auskunft nach SS 9 Abs. 3 gewird auf der Grundlage dieses Berichtes wonnen werden k\u00f6nnen. Die Anwendung durch das Gremium nach Artikel 10 des des nachrichtendienstlichen Mittels darf Grundgesetzes ausge\u00fcbt. nicht erkennbar au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zur Bedeutung des aufzukl\u00e4renden Sachver(4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungshalts stehen. Die Ma\u00dfnahme ist unverz\u00fcgschutz darf zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben lich zu beenden, wenn ihr Zweck erreicht nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1, sofern die ist oder sich Anhaltspunkte daf\u00fcr ergedort genannten Bestrebungen durch Anben, dass er nicht oder nicht auf diese wendung von Gewalt oder darauf ausgeWeise erreicht werden kann. richtete Vorbereitungshandlungen verfolgt werden, sowie zur Erf\u00fcllung seiner (6) Bei Erhebungen nach den Abs\u00e4tzen Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 bis 3 und 4 und solchen nach Absatz 2, die in 4 unter den Voraussetzungen des SS 3 Abs. ihrer Art und Schwere einer Beschr\u00e4n- 1 des Artikel 10-Gesetzes auch technische kung des Brief-, Postund FernmeldegeMittel zur Ermittlung des Standortes heimnisses (Artikel 10 des Grundgeseteines aktiv geschalteten Mobilfunkger\u00e4tes zes) gleichkommen, ist der Eingriff nach und zur Ermittlung der Ger\u00e4teund Karseiner Beendigung der betroffenen Person tennummern einsetzen. Die Ma\u00dfnahme mitzuteilen, sobald eine Gef\u00e4hrdung des ist nur zul\u00e4ssig, wenn ohne die Ermittlung Zweckes der Ma\u00dfnahme ausgeschlossen die Erreichung des Zwecks der \u00dcberwerden kann. SS 12 des Artikel 10-Gesetzes wachungsma\u00dfnahme aussichtslos oder gilt entsprechend. Die durch solche Ma\u00dfwesentlich erschwert w\u00e4re. F\u00fcr die Verargabe erhobenen Informationen d\u00fcrfen beitung der Daten gilt SS 4 des Artikel 10nur nach Ma\u00dfgabe von SS 4 des Artikel 10Gesetzes entsprechend. PersonenbezogeGesetzes verwendet werden. SS 2 Abs. 1 ne Daten eines Dritten d\u00fcrfen anl\u00e4sslich des Ausf\u00fchrungsgesetzes zum Artikel 10solcher Ma\u00dfnahmen nur erhoben werden, Gesetz findet entsprechende Anwendung. wenn dies aus technischen Gr\u00fcnden zur Erreichung des Zwecks nach Satz 1 unver(7) Die Befugnisse des Landesamtes f\u00fcr meidbar ist. Sie unterliegen einem absoluVerfassungsschutz nach dem Artikel 10 ten Verwertungsverbot und sind nach Gesetz bleiben unber\u00fchrt. Beendigung der Ma\u00dfnahme unverz\u00fcglich zu l\u00f6schen. SS 5a Abs. 4 bis 9 gilt entspreSS 7 chend. Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener Daten (5) Die Erhebung nach den Vorschriften der Abs\u00e4tze 2 bis 4 ist unzul\u00e4ssig, (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungswenn die Erforschung des Sachverhalts schutz kann zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaauf andere, den Betroffenen weniger ben personenbezogene Daten speichern, beeintr\u00e4chtigende Weise m\u00f6glich ist; eine ver\u00e4ndern und nutzen, wenn geringere Beeintr\u00e4chtigung ist in der 1. tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr BeRegel anzunehmen, wenn die Informatiostrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 2 vorliegen, 286","2. dies f\u00fcr die Erforschung und Bewerstehende Ma\u00dfnahmen gegen\u00fcber Betung von Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten diensteten genutzt werden. nach SS 3 Abs. 2 erforderlich ist oder 3. das Landesamt f\u00fcr VerfassungsSS 8 schutz nach SS 3 Abs. 3 t\u00e4tig wird. Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener (2) Zur Aufgabenerf\u00fcllung nach SS 3 Daten von Minderj\u00e4hrigen Abs. 3 d\u00fcrfen vorbehaltlich des Satzes 2 in automatisierten Dateien nur Daten \u00fcber (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsdie Personen gespeichert werden, die der schutz darf unter den Voraussetzungen Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung unterliegen oder des SS 7 personenbezogene Daten \u00fcber in die Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung einbezogen Minderj\u00e4hrige, die das 14. Lebensjahr werden. Zur Erledigung von Aufgaben noch nicht vollendet haben, in zu ihrer nach SS 3 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 d\u00fcrfen in Person gef\u00fchrten Akten nur speichern, automatisierten Dateien nur Daten solver\u00e4ndern und nutzen, wenn tats\u00e4chliche cher Personen erfasst werden, \u00fcber die Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass der bereits Erkenntnisse nach SS 3 Abs. 2 vorMinderj\u00e4hrige eine der in SS 3 Abs. 1 des liegen. Bei der Speicherung in Dateien Artikel 10-Gesetzes genannten Straftaten muss erkennbar sein, welcher der in SS 3 plant, begeht oder begangen hat. In Abs. 2 und 3 genannten Personengruppen Dateien ist eine Speicherung von Daten der Betroffene zuzuordnen ist. Minderj\u00e4hriger, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, nicht zul\u00e4s(3) Die nach Absatz 1 Nummer 3 und sig. Absatz 2 gespeicherten personenbezogenen Daten d\u00fcrfen nur f\u00fcr die dort ge(2) Sind Daten \u00fcber Minderj\u00e4hrige in nannten Zwecke sowie f\u00fcr Zwecke verDateien oder in Akten, die zu ihrer Perwendet werden, die f\u00fcr die Wahrnehson gef\u00fchrt werden, gespeichert, ist nach mung von Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 erforzwei Jahren die Erforderlichkeit der Speiderlich sind. cherung zu \u00fcberpr\u00fcfen und sp\u00e4testens nach f\u00fcnf Jahren die L\u00f6schung vorzuneh(4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsmen, es sei denn, dass nach Eintritt der schutz hat die Speicherungsdauer auf das Vollj\u00e4hrigkeit weitere Erkenntnisse nach f\u00fcr seine Aufgabenerf\u00fcllung erforderliche SS 3 Abs. 2 angefallen sind. Satz 1 gilt nicht, Ma\u00df zu beschr\u00e4nken. wenn das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz nach SS 3 Abs. 3 t\u00e4tig wird. (5) Personenbezogene Daten, die ausschlie\u00dflich zu Zwecken der DatenschutzSS 9 kontrolle, der Datensicherung oder zur \u00dcbermittlung personenbezogener Daten Sicherstellung eines ordnungsgem\u00e4\u00dfen an das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Betriebs einer Datenverarbeitungsanlage gespeichert werden, d\u00fcrfen nur f\u00fcr diese (1) Die Beh\u00f6rden des Landes und die lanZwecke und hiermit in Zusammenhang desunmittelbaren juristischen Personen 287","des \u00f6ffentlichen Rechts sowie die Gerichbegr\u00fcnden, soweit dies dem Schutz des te des Landes, die Staatsanwaltschaften Betroffenen dient oder eine Begr\u00fcndung und, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftden Zweck der Ma\u00dfnahme gef\u00e4hrden lichen Sachleitungsbefugnis, die Polizeiw\u00fcrde. Die Ersuchen sind aktenkundig zu dienststellen \u00fcbermitteln von sich aus machen. dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz die ihnen bekannt gewordenen personenbe(4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz zogenen Daten und sonstigen Informatiodarf Akten anderer \u00f6ffentlicher Stellen nen, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte und amtliche Register unter den Vorausdaf\u00fcr bestehen, dass diese Informationen setzungen des Absatzes 3 und vorbehaltzur Wahrnehmung von Aufgaben nach SS 3 lich der in SS 11 getroffenen Regelung einAbs. 2 erforderlich sind. sehen, soweit dies 1. zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach SS 3 (2) Soweit nicht schon bundesrechtlich Abs. 2 oder 3 oder geregelt, k\u00f6nnen die zust\u00e4ndigen Stellen 2. zum Schutz der Mitarbeiter und in den F\u00e4llen des SS 3 Abs. 3 das LandesQuellen des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsamt f\u00fcr Verfassungsschutz um Auskunft schutz gegen Gefahren f\u00fcr Leib und ersuchen, ob Erkenntnisse \u00fcber den BeLeben troffenen oder \u00fcber eine Person, die in erforderlich ist und die sonstige \u00dcberdie \u00dcberpr\u00fcfung mit einbezogen werden mittlung von Informationen aus den darf, vorliegen. Dabei d\u00fcrfen die erforderAkten oder den Registern den Zweck der lichen personenbezogenen Daten und Ma\u00dfnahmen gef\u00e4hrden oder das Pers\u00f6nsonstigen Informationen an das Landeslichkeitsrecht des Betroffenen unverh\u00e4ltamt f\u00fcr Verfassungsschutz \u00fcbermittelt nism\u00e4\u00dfig beeintr\u00e4chtigen w\u00fcrde. Dazu werden. Im Falle einer \u00dcberpr\u00fcfung nach geh\u00f6ren auch personenbezogene Daten SS 3 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 ist das Ersuchen und sonstige Informationen aus Strafver\u00fcber das Innenministerium zu leiten. fahren wegen einer Steuerstraftat. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz braucht (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Ersuchen nicht zu begr\u00fcnden, soweit dies kann vorbehaltlich der in SS 11 getroffenen dem Schutz des Betroffenen dient oder Regelung von jeder \u00f6ffentlichen Stelle eine Begr\u00fcndung den Zweck der Ma\u00dfnach Absatz 1 verlangen, dass sie ihm die nahme gef\u00e4hrden w\u00fcrde. \u00dcber die Einzur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erfordersichtnahme nach Satz 1 hat das Landeslichen personenbezogenen Daten und amt f\u00fcr Verfassungsschutz einen Nachsonstigen Informationen \u00fcbermittelt, weis zu f\u00fchren, aus dem der Zweck und wenn die Daten und Informationen nicht die Veranlassung, die ersuchte Beh\u00f6rde aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen oder und die Aktenfundstelle hervorgehen. nur mit unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigem Aufwand Die Nachweise sind gesondert aufzubeoder nur durch eine den Betroffenen st\u00e4rwahren, gegen unberechtigten Zugriff zu ker belastende Ma\u00dfnahme erhoben wersichern und am Ende des Kalenderjahres, den k\u00f6nnen. Das Landesamt f\u00fcr Verfasdas dem Jahr ihrer Erstellung folgt, zu versungsschutz braucht Ersuchen nicht zu nichten. 288","(5) Die \u00dcbermittlung personenbezogener ist oder der Empf\u00e4nger die Daten zum Daten und sonstiger Informationen, die Schutz der freiheitlichen demokratischen aufgrund einer Ma\u00dfnahme nach SS 100a Grundordnung oder sonst f\u00fcr Zwecke der Strafprozessordnung bekanntgeworder \u00f6ffentlichen Sicherheit einschlie\u00dflich den sind, ist nach den Vorschriften der der Strafverfolgung ben\u00f6tigt. Der EmpAbs\u00e4tze 1 und 3 nur zul\u00e4ssig, wenn tatf\u00e4nger darf die \u00fcbermittelten Daten, s\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, soweit gesetzlich nichts anderes bedass jemand eine der in SS 3 Abs. 1 des stimmt ist, nur zu dem Zweck verwenArtikel 10-Gesetzes genannten Straftaten den, zu dem sie ihm \u00fcbermittelt wurden. plant, begeht oder begangen hat. Auf die dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz nach Satz 1 \u00fcbermittelten Unterlagen \u00fcbermittelt den Staatsanwaltschaften findet SS 4 des Artikel 10 Gesetzes entund, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftsprechende Anwendung. lichen Sachleitungsbefugnis, den Polizeidienststellen des Landes von sich aus die (6) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz ihm bekannt gewordenen personenbezopr\u00fcft unverz\u00fcglich, ob die ihm \u00fcbergenen Daten, wenn tats\u00e4chliche Anhaltsmittelten personenbezogenen Daten f\u00fcr punkte daf\u00fcr bestehen, dass die \u00dcberdie Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erfordermittlung zur Verhinderung oder Verfollich sind. Ergibt die Pr\u00fcfung, dass sie gung von Straftaten erforderlich ist, die nicht erforderlich sind, hat es die Unterin SS 3 Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes oder lagen zu vernichten oder, sofern diese in den SSSS 74a oder 120 des Gerichtsverelektronisch gespeichert sind, zu l\u00f6schen. fassungsgesetzes genannt sind oder bei Die Vernichtung oder L\u00f6schung kann denen aufgrund ihrer Zielsetzung, des unterbleiben, wenn die Trennung von Motivs des T\u00e4ters oder dessen Verbinanderen Informationen, die zur Erf\u00fcllung dung zu einer Organisation tats\u00e4chliche der Aufgaben erforderlich sind, nicht Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass sie oder nur mit unvertretbarem Aufwand gegen die in Artikel 73 Nr. 10 Buchst. b m\u00f6glich ist; in diesem Fall sind die Daten oder c des Grundgesetzes genannten zu sperren. Schutzg\u00fcter gerichtet sind. SS 10 (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz \u00dcbermittlung personenbezogener kann personenbezogene Daten an Daten durch das Dienststellen der StationierungsstreitLandesamt f\u00fcr Verfassungsschutz kr\u00e4fte im Rahmen von Artikel 3 des Zusatzabkommens zu dem Abkommen (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz zwischen den Parteien des Nordatlantikkann personenbezogene Daten an Vertrages \u00fcber die Rechtsstellung ihrer Beh\u00f6rden und juristische Personen des Truppen hinsichtlich der in der Bundes\u00f6ffentlichen Rechts sowie an die Gerichrepublik Deutschland stationierten auste des Landes \u00fcbermitteln, wenn dies zur l\u00e4ndischen Streitkr\u00e4fte vom 3. August Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erforderlich 1959 (BGBl. 1961 II S. 1183) \u00fcbermitteln. 289","Die \u00dcbermittlung ist aktenkundig zu Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat die machen. Der Empf\u00e4nger ist darauf hinzu\u00dcbermittlung aktenkundig zu machen. weisen, dass die \u00fcbermittelten Daten nur F\u00fcr \u00dcbermittlungen nach Satz 2 gilt SS 9 zu dem Zweck verwendet werden d\u00fcrfen, Abs. 4 S\u00e4tze 4 und 5 entsprechend. Der zu dem sie ihm \u00fcbermittelt wurden und Empf\u00e4nger darf die \u00fcbermittelten Daten das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sich nur zu dem Zweck verwenden, zu dem sie vorbeh\u00e4lt, um Auskunft \u00fcber die vorgeihm \u00fcbermittelt wurden. Der Empf\u00e4nger nommene Verwendung der Daten zu bitist auf die Verwendungsbeschr\u00e4nkung ten. und darauf hinzuweisen, dass das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sich vorbeh\u00e4lt, (4) Die \u00dcbermittlung personenbezogener um Auskunft \u00fcber die vorgenommene Daten an andere als \u00f6ffentliche Stellen ist Verwendung der Daten zu bitten. Die nur zul\u00e4ssig, soweit dies zum Zwecke \u00dcbermittlung der personenbezogenen einer erforderlichen und zul\u00e4ssigen Daten ist dem Betroffenen durch das Datenerhebung durch das Landesamt f\u00fcr Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz mitzuVerfassungsschutz unabdingbar ist und teilen, sobald eine Gef\u00e4hrdung seiner dadurch keine \u00fcberwiegenden schutzw\u00fcrAufgabenerf\u00fcllung durch die Mitteilung digen Interessen der Person, deren Daten nicht mehr zu besorgen ist. Einer Mittei\u00fcbermittelt werden, beeintr\u00e4chtigt werlung bedarf es nicht, wenn das Innenmiden. Personenbezogene Daten d\u00fcrfen nisterium feststellt, dass diese Voraussetdar\u00fcber hinaus an andere als \u00f6ffentliche zung auch f\u00fcnf Jahre nach der erfolgten Stellen nur \u00fcbermittelt werden, wenn \u00dcbermittlung noch nicht eingetreten ist dies zur Abwehr von Gefahren f\u00fcr die in und mit an Sicherheit grenzender WahrSS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 bis 4 genannten scheinlichkeit auch in absehbarer Zukunft Schutzg\u00fcter oder zur Gew\u00e4hrleistung der nicht eintreten wird. Sicherheit von lebensoder verteidigungswichtigen oder besonders gefahrentr\u00e4chti(5) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz gen Einrichtungen im Sinne des SS 1 Abs. kann personenbezogene Daten an \u00f6ffent- 3 des Landessicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgeliche Stellen au\u00dferhalb des Geltungsbesetzes erforderlich ist. Die \u00dcbermittlung reichs des Grundgesetzes sowie an \u00fcberpersonenbezogener Daten an eine sonstiund zwischenstaatliche Stellen \u00fcbermitge Einrichtung oder Unternehmung, insteln, wenn die \u00dcbermittlung zur Erf\u00fclbesondere der Wissenschaft und Forlung seiner Aufgaben oder zur Wahrung schung, des Sicherheitsgewerbes oder der erheblicher Sicherheitsinteressen des Kreditund Finanzwirtschaft, ist nur Empf\u00e4ngers erforderlich ist. Die \u00dcberzul\u00e4ssig, wenn dies zur Abwehr schwermittlung unterbleibt, wenn ausw\u00e4rtige wiegender Gefahren f\u00fcr die Einrichtung Belange der Bundesrepublik Deutschoder Unternehmung erforderlich ist. Die land, Belange der L\u00e4nder oder \u00fcberwie\u00dcbermittlung nach den S\u00e4tzen 2 und 3 gende schutzw\u00fcrdige Interessen des Bebedarf der vorherigen Zustimmung durch troffenen entgegenstehen. Die \u00dcbermittden Innenminister oder im Verhindelung ist aktenkundig zu machen. Der rungsfall durch seinen Vertreter. Das Empf\u00e4nger ist darauf hinzuweisen, dass 290","die \u00fcbermittelten Daten nur zu dem (2) Informationen \u00fcber Minderj\u00e4hrige Zweck verwendet werden d\u00fcrfen, zu vor Vollendung des 14. Lebensjahres d\u00fcrdem sie ihm \u00fcbermittelt wurden und das fen nach den Vorschriften dieses GesetLandesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sich zes nicht an ausl\u00e4ndische oder \u00fcberoder vorbeh\u00e4lt, um Auskunft \u00fcber die vorgezwischenstaatliche Stellen \u00fcbermittelt nommene Verwendung der Daten zu bitwerden. ten. SS 12 (6) Erweisen sich personenbezogene Unterrichtung der \u00d6ffentlichkeit Daten, nachdem sie durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz \u00fcbermittelt Das Innenministerium und das Landesworden sind, als unvollst\u00e4ndig oder unamt f\u00fcr Verfassungsschutz unterrichten richtig, sind sie unverz\u00fcglich gegen\u00fcber die \u00d6ffentlichkeit periodisch oder aus dem Empf\u00e4nger zu berichtigen oder zu gegebenem Anlass im Einzelfall \u00fcber Beerg\u00e4nzen, es sei denn, dass dies f\u00fcr die strebungen und T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Beurteilung eines Sachverhaltes ohne Abs. 2. Dabei d\u00fcrfen auch personenbeBedeutung ist. zogene Daten bekanntgegeben werden, wenn die Bekanntgabe f\u00fcr das Verst\u00e4ndSS 11 nis des Zusammenhangs oder der Dar\u00dcbermittlungsverbote stellung von Organisationen oder unorganisierten Gruppierungen erforderlich (1) Die \u00dcbermittlung von Informationen ist und die Informationsinteressen der nach den SSSS 5, 9 und 10 unterbleibt, Allgemeinheit das schutzw\u00fcrdige Interwenn esse des Betroffenen \u00fcberwiegen. 1. f\u00fcr die \u00fcbermittelnde Stelle erkennbar ist, dass unter Ber\u00fccksichtigung SS 13 der Art der Informationen und ihrer Auskunft an den Betroffenen Erhebung die schutzw\u00fcrdigen Interessen des Betroffenen das Allgemeininteresse (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz an der \u00dcbermittlung \u00fcberwiegen, erteilt dem Betroffenen \u00fcber zu seiner 2. \u00fcberwiegende SicherheitsinteresPerson gespeicherte Daten auf Antrag sen oder \u00fcberwiegende Belange der unentgeltlich Auskunft, soweit er hierzu Strafverfolgung dies erfordern oder auf einen konkreten Sachverhalt hinweist 3. besondere gesetzliche \u00dcbermittund ein besonderes Interesse an einer lungsregelungen entgegenstehen; die Auskunft darlegt. Es ist nicht verpflichVerpflichtung zur Wahrung gesetzlicher tet, \u00fcber die Herkunft der Daten, die Geheimhaltungspflichten oder von Empf\u00e4nger von \u00dcbermittlungen und den Berufsoder besonderen AmtsgeheimZweck der Speicherung Auskunft zu nissen, die nicht auf gesetzlichen Vorerteilen. schriften beruhen, bleibt unber\u00fchrt. 291","(2) Die Auskunftserteilung unterbleibt, cherten personenbezogenen Daten zu soweit berichtigen, wenn sie unrichtig sind; in 1. eine Gef\u00e4hrdung der Aufgabenerf\u00fclAkten ist dies zu vermerken. Wird die lung durch die Auskunftserteilung zu Richtigkeit der Daten von dem Betroffebesorgen ist, nen bestritten, so ist dies in der Akte zu 2. durch die Auskunftserteilung Quelvermerken oder auf sonstige Weise festzulen gef\u00e4hrdet sein k\u00f6nnen oder die Aushalten. forschung des Erkenntnisstandes oder der Arbeitsweise des Landesamtes f\u00fcr Verfas(2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sungsschutz zu bef\u00fcrchten ist, hat die in Dateien gespeicherten perso3. die Auskunft die \u00f6ffentliche Sichernenbezogenen Daten zu l\u00f6schen, wenn heit gef\u00e4hrden oder sonst dem Wohl des ihre Speicherung unzul\u00e4ssig war oder Bundes oder eines Landes Nachteile ihre Kenntnis f\u00fcr die Aufgabenerf\u00fcllung bereiten w\u00fcrde oder nicht mehr erforderlich ist. Die L\u00f6schung 4. die Daten oder die Tatsache der unterbleibt, wenn Grund zu der AnnahSpeicherung nach einer Rechtsvorschrift me besteht, dass durch sie schutzw\u00fcrdige oder ihrem Wesen nach, insbesondere Belange des Betroffenen beeintr\u00e4chtigt wegen der \u00fcberwiegenden berechtigten w\u00fcrden. In diesem Fall sind die Daten Interessen eines Dritten, geheimgehalten zu sperren. Sie d\u00fcrfen nur noch mit Einwerden m\u00fcssen. willigung des Betroffenen \u00fcbermittelt Die Entscheidung trifft der Beh\u00f6rdenleiwerden. ter oder ein von ihm besonders beauftragter Mitarbeiter. (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz pr\u00fcft bei der Einzelfallbearbeitung und (3) Die Ablehnung der Auskunftserteinach festgesetzten Fristen, sp\u00e4testens lung bedarf keiner Begr\u00fcndung, soweit nach f\u00fcnf Jahren, ob in Dateien gespeidadurch der Zweck der Auskunftsverweicherte personenbezogene Daten zu gerung gef\u00e4hrdet w\u00fcrde. Die Gr\u00fcnde der berichtigen oder zu l\u00f6schen sind. GespeiAuskunftsverweigerung sind aktenkundig cherte personenbezogene Daten \u00fcber zu machen. Wird die Auskunftserteilung Bestrebungen nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. abgelehnt, ist der Betroffene auf die 1, die ihre Ziele durch Gewalt oder darauf Rechtsgrundlage f\u00fcr das Fehlen der Begerichtete Vorbereitungshandlungen vergr\u00fcndung und darauf hinzuweisen, dass er folgen, sowie \u00fcber Bestrebungen nach SS 3 sich an den Landesbeauftragten f\u00fcr den Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 oder 4 sind sp\u00e4testens Datenschutz wenden kann. nach f\u00fcnfzehn Jahren, im \u00dcbrigen sp\u00e4testens nach zehn Jahren zu l\u00f6schen, es sei SS 14 denn, der Beh\u00f6rdenleiter oder sein VerBerichtigung, L\u00f6schung und Sperrung treter stellt im Einzelfall fest, dass die weipersonenbezogener Daten tere Speicherung zur Aufgabenerf\u00fcllung oder aus den in Absatz 2 Satz 2 genannten (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Gr\u00fcnden erforderlich ist. SS 8 Abs. 2 bleibt hat die in Akten oder Dateien gespeiunber\u00fchrt. Der Lauf der Frist nach Satz 1 292","oder 2 beginnt mit der letzten gespeicher(3) Die Mitglieder des St\u00e4ndigen Austen relevanten Information. schusses sind zur Geheimhaltung der Angelegenheiten verpflichtet, die ihnen (4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz im Zusammenhang mit der Berichterstathat die in Akten gespeicherten personentung \u00fcber die T\u00e4tigkeit des Verfassungsbezogenen Daten zu sperren, wenn es im schutzes im St\u00e4ndigen Ausschuss beEinzelfall feststellt, dass die Speicherung kanntgeworden sind. Dies gilt auch f\u00fcr unzul\u00e4ssig war. Dasselbe gilt, wenn es im die Zeit nach ihrem Ausscheiden aus dem Einzelfall feststellt, dass ohne die SperSt\u00e4ndigen Ausschuss oder aus dem Landrung schutzw\u00fcrdige Interessen des Betroftag. fenen beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrden und die Daten f\u00fcr seine k\u00fcnftige Aufgabenerf\u00fcllung (4) Die Unterrichtung umfasst nicht voraussichtlich nicht mehr erforderlich Angelegenheiten, \u00fcber die das Innenmisind. Gesperrte Daten sind mit einem nisterium das Gremium nach dem Artikel entsprechenden Vermerk zu versehen; sie 10-Gesetz zu unterrichten hat. d\u00fcrfen nicht mehr genutzt oder \u00fcbermittelt werden. Die Sperrung kann wieSS 16 der aufgehoben werden, wenn ihre VorEinschr\u00e4nkung von Grundrechten aussetzungen nachtr\u00e4glich entfallen sind. Akten, in denen personenbezogene Aufgrund dieses Gesetzes k\u00f6nnen das Daten gespeichert sind, sind zu vernichGrundrecht des Brief-, Postund Fernten, wenn die gesamte Akte zur Aufmeldegeheimnisses (Artikel 10 des gabenerf\u00fcllung nicht mehr ben\u00f6tigt wird. Grundgesetzes) und das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel SS 15 13 des Grundgesetzes) eingeschr\u00e4nkt werParlamentarische Kontrolle den. (1) Das Innenministerium unterrichtet SS 17 den St\u00e4ndigen Ausschuss des Landtags Erlass von Verwaltungsvorschriften \u00fcber die T\u00e4tigkeit des Verfassungsschutzes halbj\u00e4hrlich sowie auf Verlangen des Das Innenministerium kann zur Ausf\u00fchAusschusses und aus besonderem Anlass. rung des Gesetzes allgemeine Verwaltungsvorschriften erlassen. (2) Art und Umfang der Unterrichtung des St\u00e4ndigen Ausschusses werden unter SS 18 Beachtung des notwendigen Schutzes des Inkrafttreten Nachrichtenzuganges durch die politische Verantwortung der Landesregierung beDieses Gesetz tritt am Tag nach seiner stimmt. Verk\u00fcndung in Kraft. 293","Gruppen-, Organisationsund Sachregister Bezeichnung Seite/n Act of Violence 134 Aktionsb\u00fcndnis S\u00fcdbaden (AG S\u00fcdbaden) 153 Aktionsb\u00fcro Rhein-Neckar 144 Aktionsgruppe Rheinland 154 Aktionsgruppe Sankt Leon (AG Sankt Leon) 156 Aktionsgruppe W\u00fcrttemberg 153 Al-Djamaa al-Islamiya (Islamische Gruppe) 32ff. Al-Djihad al-Islami (Islamischer Djihad) 32ff. Al-Aqsa TV 55 Al-Aqusa e.V. 54 Al-Fajir 37 Al-Furqan 37 Al-Jama'a al-Islamiya (Islamische Gemeinschaft) 32ff. Al-Jihad al-Islami (Islamischer Jihad) 32ff. Al-Manar (Leuchtturm) 64ff. Al-Muqawama al-Islamiya 60f. Al-Qaida 19, 30, 33f., 36, 38f., 45 Al-Qassam-Brigaden 56 Al-Quds-Tag 62f. Albanische Nationalarmee (AKSH) 115 Anadolu Genclik Dernegi (AGD, Verband der Anatolischen Jugend) 70 An-Nahda (Bewegung der Erneuerung) 57 Ansar al-Islam 19 Antiamerikanismus 128, 155 Antifa Gruppe 76 Murgtal 235 antifa. Magazin f\u00fcr antifaschistische Politik und Kultur 216 AntiFa Nachrichten 216 Antifaschismus 199, 202, 213, 234ff. Antifaschistische Initiative Heidelberg (AIHD) 203 Antifaschistisches Aktionsb\u00fcndnis Karlsruhe (AAKA) 237 Antikapitalistische Linke (AKL) 207 Antisemitismus 128 Antimilitarismus 227ff. Applied Scholastics (ApS) 243 Antirepression 231ff. Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) siehe Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) As-Sahab-Media 38 294","Auditor 240 Aufbruch 134 Autonome 201, 203, 205, 230, 237 Autonome Nationalisten 124, 132, 145, 152, 153ff., 156, 162 Autonome Antifa Freiburg 204 Autoritarismus 129 Babbar Khalsa Germany (B.K.G.) 118 Babbar Khalsa International (BK) 116ff. Befreiungsarmee von Kosovo (UCK) 115 Befreiungseinheiten Kurdistans (HRK) 88 Bewaffnete Einheiten der Armen und Unterdr\u00fcckten (FESK) 111 Bewegung des Islamischen Widerstands siehe HAMAS Blue Max 134 break-out. Monatsschrift der AIHD 203 B\u00fcrgerinitiative Ausl\u00e4nderstopp (BIA) 164 Carpe Diem 134 Clara 206 Class V Org 243 Church of Scientology International (CSI) 240, 256 Das Freie Forum 179 Der Kalifatsstaat (Hilafet Devleti) 84f. Deutsche Geschichte - Europa und die Welt (DG) 181f. Deutsche Kommunistische Partei (DKP) 199ff., 207, 214ff., 217f., 220, 228, 230 Deutsche Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH) 164 Deutsche Stimme (DS) 137, 157f., 164, 167, 169 Deutsche Volksunion (DVU) 124, 126f., 160f., 165, 172ff. Deutschland in Geschichte und Gegenwart (DGG) 176ff. Deutschland-Pakt 165f., 173, 175 Devrimci Sol 102f. Dianetik 249 Dianetik-Post 240 DIE LINKE. 199, 200f., 206ff., 209f., 213, 215, 217f., 220, 222, 226ff., 230 Die Muslimbruderschaft (MB) 32, 42ff., 47f. Die Republikaner (REP) 125 Disput 206 Dissent 226 Dissent! Frankreich 229 Druffel & Vowinckel-Verlag 181 295","Euro-Kurier - Aktuelle Buchund Verlags-Nachrichten 178 Europ\u00e4ische Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgesellschaft (EMUG) 48, 67f. European Council for Fatwa and Research (ECFR) 48, 51, 74 Federalnaja Slushba Besopasnosti (FSB, F\u00f6rderaler Sicherheitsdienst) 264 Federation of Islamic Organisations in Europe (FIOE) 47, 68 Feldauditorengruppen 243, 249 F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V. (ATIF) 109 F\u00f6deration der Arbeiter und Immigranten aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V. (AGIF) 112 F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Europa e.V. (AD\u00dcTDF) 73, 99ff. F\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Deutschland (ADHF) 109 F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland (YEK-KOM) 96 Foundation for a Drug-free-World 247 Forum of European Muslim Youth and Student Organisations (FEMYSO) 68 Free Mind 240 Freiheit 240, 252f., 254 Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) siehe Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) \"Freundeskreis ,Ein Herz f\u00fcr Deutschland' Pforzheim e.V.\" (FHD) 151 Front f\u00fcr die Albanische Nationale Vereinigung (FBKSH) 113, 115 F\u00fcnf Gifte 263 Funkenflug 188 Geraer Dialog/Sozialistischer Dialog (GD/SD) 207f. Geheimschutz 13, 266 Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik (GfP) 164, 179, 182 Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (GRU) 265 Global Islamic Media Front (GIMF) 39 GRABERT-Verlag 176ff. Graue W\u00f6lfe 73, 100 Geschichtsrevisionismus 129, 179ff. Harakat Al-Muqawama Al-Islamiya siehe HAMAS HAMAS (Islamische Widerstandsbewegung) 54ff. Heimattreue Deutsche Jugend e.V. (HDJ) 182, 188ff. hier & jetzt 182 Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V. (HNG) 150f. Hizb Allah (Partei Gottes) 60ff. Hizb ut-Tahrir (HuT) 57ff. 296","Hohenrain-Verlag 176 Hubbard College of Administration International (HCAI) 259 Ideale Org 241, 244 Impact 240, 247f., 251f. Infoladen Karlsruhe 229 Institut Europeen des Sciences Humaines (I.E.S.H.) 48 International Scientology News 242, 244, 250 International Sikh Youth Federation (ISYF) 116ff. Islamische Bewaffnete Gruppe siehe Groupe Islamique Arme (GIA) Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD) 47ff. Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V. (IGMG) 48, 57, 67ff. Islamische Heilsfront siehe Front Islamique du Salut (FIS) Islamische Kulturgemeinschaft Stuttgart e.V. 67 Islamisches Zentrum Aachen - Bilal Moschee e.V. 51 Islamisches Zentrum Stuttgart (IZS) 47, 52 Islamrat f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland 68 Jagdstaffel 134, 138, 141, 142 Jihad 19, 25, 43 Jihadismus 18, 24ff. Jugend f\u00fcr Menschenrechte 243, 247 Junge Nationaldemokraten (JN) 124, 132, 147, 149, 151, 160, 170, 182ff., 191f. junge Welt 210, 226, 231 Kalifatsstaat siehe Der Kalifatsstaat Kamagata Maru Dal International (KMDI) 117 Kameradschaft Karlsruhe 144 Kameradschaft Rastatt 144 K-Gruppen 211 Khalistan 117 Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM) 243, 249, 254 Koma Civaken Kurdistan (KCK) 93, 96f. Koma Komalen Kurdistan (KKK) 93 Kommando Skin 134 Kommunistische Jugendorganisation (KG\u00d6) 111f. Kommunistischer Arbeiterbund Deutschlands (KABD) 221 Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/Marxisten-Leninisten (TKP/ML) 95, 107ff., 113 Kommunistische Partei-Aufbauorganisation (KP-I\u00d6) 111 Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) 200, 214, 224 Kommunistische Plattform (KPF) 206, 213 297","Kommunistischer Bund Westdeutschland 211 Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa (ATIK) 96, 109 Konf\u00f6deration der unterdr\u00fcckten Migranten in Europa (AvEG-KON) 96, 112 Konf\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Europa (ADHK) 96, 109 Koordination der kurdisch-demokratischen Gesellschaft in Europa (CDK) 89 Konvertiten 25 Kurzschluss 134 Landesinfo Baden-W\u00fcrttemberg 206, 212 Landesverfassungsschutzgesetz (LVSG) 280ff. Lernen und K\u00e4mpfen (LuK) 221, 223 Legalresidentur 265 Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) 118ff. Linksjugend ['solid] 208, 212f., 226f., 230 Linkspartei.PDS siehe DIE LINKE. Linksruck 210, 212, 226f. Maoistische Kommunistische Partei (MKP) 108ff. marx21 - Netzwerk f\u00fcr internationalen Sozialismus (ehemals \"Linksruck\") 210, 212, 226f. Marxistisches Forum (MF) 207 Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei (MLKP) 110ff. Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) 199, 201, 221ff., 230 militante Gruppe (mg) 230f., 233 Milli Gazete 67, 71ff. Milli G\u00f6r\u00fcs 69, 75 Modjahedin-e Khalq Organisation Mouvement de la Tendance Islamique (Bewegung der islamischen Ausrichtung) 57 Mujamma al-Islami (Islamisches Zentrum) 54 Mujahedin-e Khalq Organisation (MEK oder MKO) 121f. Muslim Iranian Student's Society (Islamisch-Iranischer Studentenverband) 121 Muslimische Jugend in Deutschland e.V. (MJD) 51 Muslimische Studentenvereinigung (MSV) 49, 53 NATO-Gipfel 198, 218, 227ff. Narconon 247 National Liberation Army of Iran (NLA) 121ff. Nationaldemokratische Liga der Albanischen Treue (B.K.D.SH.) 113, 116 Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) 124, 126f., 137, 143f., 147, 148, 150f., 153, 157ff., 179, 182f., 196f. Nationale Befreiungsfront Kurdistans (ERNK) 88f. 298","Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) 121f. Nation & Europa - Deutsche Monatshefte 164 National-Zeitung/Deutsche Wochen-Zeitung (NZ) 172, 174 Neonazis 130, 136, 140, 143ff., 162, 185 Noie Werte 134 Office of Special Affairs (OSA) 253ff. Organisation der Volksmodjahedin Iran (PMOI) siehe Volksmodjahedin Ostanatolisches Gebietskomitee (DABK) siehe Maoistische Kommunistische Partei (MKP) Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) 100f. People's Mojahidin of Iran (PMOI) siehe Volksmodjahedin Professionelles Lerncenter 243 Proliferation 261, 266, 269f., 276 Rebell 221 Refah Partisi (RP, Wohlfahrtspartei) 76 Religious Technology Center (RTC) 240f., 256 Revisionismus 129 Revolution\u00e4re Aktion Stuttgart (RAS) 229 Revolution\u00e4re Volksbefreiungsfront (DHKC) 103 Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei (DHKP) 103 Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) 102ff., 110 Revolution\u00e4r-Sozialistischer Bund/ IV. Internationale (RSB/IV. Internationale) 227f. Ring Nationaler Frauen (RNF) 171 Roj-TV 90, 93, 96f., 99 Rote Armee Fraktion (RAF) 233 Rote Fahne (RF) 212 Rote Hilfe e.V. (RH) 208, 224ff. Rote Fahne News 222 Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsch 148 Saadet-Partisi (SP, Partei der Gl\u00fcckseligkeit) 69, 76 Sag NEIN zu Drogen sag JA zum Leben 247 Salafismus 19ff. Schulhof-CDs 133 Schwarzer Block 154 Scientology-Organisation (SO) 240ff. Sea Organization (Sea Org) 241 Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg 262, 277f. 299","Sikh Federation Germany (S.F.G) 118 Skinheads 126, 130ff., 144, 161, 194 Slushba Wneschnej Raswedkij (SWR) 265 [solid] siehe Linksjugend [solid] Sozialistische Alternative (SAV) 226 Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) Sozialistische Linke (SL) 207f., 226f. \"Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband\" (DIE LINKE.SDS) 199, 212 Spionage/Spionageabwehr 270, 272, 275, 277f. Tabligh-i Jama'at (Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndung und Mission) 40ff. Taliban 34 Tamil Coordinating Committee (TCC) 120 Tamil Eelam 119 Therik-i-Taliban 35 Trojaner 270, 272f. Trotzkisten 210, 211f., 226 T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee (TIKKO) 107f. T\u00fcrkische Kommunistische Arbeiterbewegung (TKIH) 110 T\u00fcrkische Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten (TKP/ML-Hareketi) 110 T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke (THKP-C) 102f. TV 5 70 Unsere Zeit (UZ) 214f. Verband der islamischen Vereine und Gemeinden e.V. (ICCB) siehe Der Kalifatsstaat Verband der stolzen Frauen (KJB) 95 Verein f\u00fcr Dialog und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung 47 Vereinigung der demokratischen Jugendlichen Kurdistans (Komalen Ciwan) 89, 91 Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V. (VVN-BdA) 201, 216ff., 228, 230, 237 Verlagsgesellschaft Berg mbH 182 Versammlungsgesetz, neues 198, 204, 213, 231, 233 Volk in Bewegung (ViB) 125, 162 Volksbefreiungsarmee (HKO) 108 Volksbefreiungsarmee Kurdistans (ARGK) 88f. Volksbewegung von Kosovo (LPK) 113, 115 Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) 87ff. Volksmodjahedin 121ff. Volksverteidigungskr\u00e4fte (HPG) 89, 91, 95, 97 Way to Happiness Foundation 247 300","White Voice 134 Wirtschaftsschutz 276 Wirtschaftsspionage 260f., 270f., 276 WISE Charter Committee (WCC) 243 World Assembly of Muslim Youth (WAMY) 48, 53, 68 World Institute of Scientology Enterprises (WISE) 242, 245, 259 Wortergreifungsstrategie 171f. YJA STAR 95, 108 Zentrale Kontrollkommission 223 Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) 47 Zentrum f\u00fcr Lebensfragen 243 Zentrum f\u00fcr Wirtschaftsund Sozialforschung (ESAM) 70 301","Personenverzeichnis Name Seite/n Abd ar-Rahman, Umar 33 Akif, Muhammad Mahdi 44ff. Al-Albani, Muhammad Nasiruddin 26 Al-Astal, Yunis 56 Al-Awlaki, Anwar 28, 30 Al-Ayiri, Yusuf 28 Al-Banna, Hassan 42, 47, 49, 57 Al-Bashir, Issam, Dr. 48 Al-Ghannoushi, Rashid 57 Al-Hdhaifi, Ali Abdur-Rahman 21, 24 Al-Maududi, Sayyid Abul Ala 57 An-Nabhani, Taqi ad-Din 57 Al-Omar, Abdul Rahman ben hammad 21 Al-Qaradawi, Yusuf, Dr. 51 Al-Qassam, Izz ad-Din 56 Atak, Hikmet 80 Azzam, Abdallah 28 Az-Zawahiri, Aiman 33, 38 Baur, Walter 176 Bin Ladin, Usama 28, 33, 45 Bisky, Lothar 213 Borgfeldt, Wolfgang (alias Siddiq, Muhammad) 51 Borgwardt, Peter 223 Busse, Friedhelm 163 Ceric, Mustafa, Prof. Dr. 74 Dogruyol, Sent\u00fcrk 101 El-Zayat, Amena 49 El-Zayat, Ibrahim Faruk 44, 47f., 68 Engel, Stefan 222ff. Erbakan, Necmettin, Prof. Dr. 69ff., 70f., 84 Ersoy, Arif, Prof. Dr. 72f. Farrag, Abd al-Salam 33 Faust, Matthias 173 302","Fink, Heinrich 220 Frey, Gerhard, Dr. 173ff. Gansel, J\u00fcrgen W. 167, 169 Gold, Lars 187f. Grabert, Herbert, Dr. 176 Grabert, Wigbert 176f. G\u00fcnesdogdu, Mustafa \u00d6zcan 83 Hager, Nina 215, 220 Heise, Thorsten 161 He\u00df, Rudolf 145ff., 185 Hubbard, Lafayette Ronald 240ff. Ilgaz, Afet 72 Iliyas, Muhammad 40 Isik, Yusuf, Dr. 70, 72 Islambuli, Khalid 33 Islamoglu, Mustafa 51f., 78 Jelpke, Ulla 219 Kalkan, Duran 96 Kaplan, Cemaleddin 84f. Karadzic, Radovan 114f. Karahan, Yavuz Celik 71, 74, 79 Karatas, Dursun 102ff. Karayilan, Murat 93, 98 Kaya, Adem 68 Kaypakkaya, Ibrahim 108f., 113 Kazan, Sevket 73 Kemna, Erwin 164f. Khomeini, Ayatollah Ruhollah 62 Kizilkaya, Ali 68, 74 Kiziltas, Ekrem 72 Klar, Christian 226 Kosiek, Rolf, Dr. 177f. Kurtulmus, Numan, Prof. Dr. 71 Kutan, Recai 71 Mashal, Khaled 55 Mazyek, Aiman 48 303","Miscavige, David 240, 248, 251 Molau, Andreas 164f., 179, 182 M\u00fcller, Ursula 151 Nasrallah, Hassan 61, 63f. Noyan, M\u00fcnib Engin 78 \u00d6calan, Abdullah 88ff. Prabhakaran, Vellupillai 120 Qasir, Abdallah 65 Radjavi, Maryam 122 Ramadan, Said, Dr. 43, 48, 50f., 53 Ramadan, Tariq, Dr. 48ff. Richter, Karl 164 Rieger, J\u00fcrgen 148, 150, 161 Rose, Olaf, Dr. 150 Ro\u00dfm\u00fcller, Sascha 170 Sander, Ulrich 217 Sch\u00e4fer, Michael 184 Sch\u00fctzinger, J\u00fcrgen 164, 166, 179 Stehr, Heinz 215 Stolz, Sylvia 180 Taraji, Houaida, Dr. 48 Thierry, Andreas 150, 161 T\u00f6ben Fredrick, Dr. 181 Toptas, Mahmut 77f. T\u00fcrkes, Alparslan 100 \u00dcc\u00fcnc\u00fc, Oguz 48, 74, 81f. Ustaosmanoglu, Mahmut 76 Voigt, Udo 157f., 160, 163f. Wagenknecht, Sarah 210 Wulff, Thomas 150, 163 Yagan, Bedri 102 Yahya, Harun 53 304","Yassin, Ahmad 54 Yoldas, Mustafa 73 Yumakogullari, Osman 70 Qutb, Sayyid 28, 43, 57 Zaidan, Amir 52f. 305","VERTEILERHINWEIS Diese Informationsschrift wird von der Landesregierung Baden-W\u00fcrttemberg im Rahmen ihrer verfassungsrechtlichen Verpflichtung zur Unterrichtung der \u00d6ffentlichkeit herausgegeben. Sie darf weder von Parteien noch von deren Kandidaten oder Helfern w\u00e4hrend eines Wahlkampfs zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden. Dies gilt f\u00fcr alle Wahlen. Missbr\u00e4uchlich sind insbesondere die Verteilung auf Wahlveranstaltungen und an Informationsst\u00e4nden der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben parteipolitischer Informationen oder Werbemittel. Untersagt ist auch die Weitergabe an Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer Wahl darf die vorliegende Druckschrift nicht so verwendet werden, dass dies als Parteinahme der Herausgeberin zugunsten einzelner politischer Gruppen verstanden werden k\u00f6nnte. Diese Beschr\u00e4nkungen gelten unabh\u00e4ngig vom Vertriebsweg, also unabh\u00e4ngig davon, auf welchem Wege und in welcher Anzahl diese Informationsschrift dem Empf\u00e4nger zugegangen ist. Erlaubt ist jedoch den Parteien, die Informationsschrift zur Unterrichtung ihrer Mitglieder zu verwenden."],"title":"Verfassungsschutzbericht 2008","year":2008}
