{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-bw-2007.pdf","jurisdiction":"Baden-W\u00fcrttemberg","num_pages":284,"pages":["VERFASSUNGSSC BADEN-W\u00dcRTT","CHUTZBERICHT TEMBERG 2007","Herausgeber: Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg Dorotheenstra\u00dfe 6, 70173 Stuttgart Gestaltung und Satz: Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Taubenheimstra\u00dfe 85A, 70372 Stuttgart Umschlag: Orel & Unger GmbH, Stuttgart Druck: KONKORDIA GmbH Eisenbahnstra\u00dfe 31, 77815 B\u00fchl Auflage: 11.000 Zitate: Alle Zitate sind in Kursivschrift gesetzt. Zitate aus Texten in alter Rechtschreibung wurden an die neue Rechtschreibung angeglichen. Redaktionsschluss: M\u00e4rz 2008 Nachdruck nur mit Genehmigung des Herausgebers - ISSN 0720-3381","VORWORT Im September 2007 wurden im Sauerland drei islamistische Aktivisten festgenommen, die kurz davor standen, verheerende Terroranschl\u00e4ge zu begehen. Polizei und Verfassungsschutz ist es gelungen, die Anschlagsplanungen aufzudecken und ihre Ausf\u00fchrung, die f\u00fcr viele Menschen den Tod bedeutet h\u00e4tten, zu verhindern. Dies und die fehlgeschlagenen Sprengstoffanschl\u00e4ge auf zwei Regionalz\u00fcge im Sommer 2006 zeigen deutlich, dass der islamistische Terrorismus nach wie vor die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die Innere Sicherheit in Deutschland und in Baden-W\u00fcrttemberg ist. Eine Garantie, dass Deutschland auch in Zukunft vor Terroranschl\u00e4gen verschont bleiben wird, kann niemand abgeben. Aber die Sicherheitsbeh\u00f6rden haben sich auf diese Bedrohung eingestellt. So hat das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz ein Internet-Kompetenzzentrum eingerichtet, in dem die Aktivit\u00e4ten islamistischer Extremisten beobachtet und ausgewertet werden. Gefahren f\u00fcr unsere freiheitliche demokratische Grundordnung drohen aber nicht nur von islamistischen Terroristen, sondern auch von Extremisten aus dem rechten oder linken Spektrum, von extremistischen Ausl\u00e4ndern oder von der \"Scientology-Organisation\". Die rechtsextremistische Szene ist nach wie vor aktiv. Sie versucht, Zulauf zu gewinnen, indem sie \u00c4ngste vor Arbeitslosigkeit oder \u00dcberfremdung sch\u00fcrt. Vor allem die NPD konnte damit im Bund Erfolge erzielen und als nun st\u00e4rkste rechtsextremistische Partei in Deutschland ihren Einfluss in der rechtsextremistischen Szene ausbauen. Der Beitritt der WASG zur \"Linkspartei.PDS\" hat an der linksextremistischen Ausrichtung der umbenannten Partei \"DIE LINKE.\" nichts ge\u00e4ndert. Sie wird daher weiterhin vom Verfassungsschutz beobachtet.","Gruppierungen, die das Ziel haben, die Werte unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung abzuschaffen, d\u00fcrfen wir nicht gew\u00e4hren lassen. Wir k\u00f6nnen es nicht hinnehmen, dass in unserem Land Parallelgesellschaften mit eigenen Normen entstehen, die mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar sind. Eine funktionierende Demokratie braucht daher ein funktionierendes Fr\u00fchwarnsystem gegen\u00fcber solchen Bestrebungen. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Fr\u00fchwarnsystems und hat die Aufgabe, verfassungsfeindliche Bestrebungen jeglicher Art fr\u00fchzeitig zu erkennen, zu beobachten und zu entlarven. Der Schutz des demokratischen Rechtsstaats ist aber nicht allein Aufgabe staatlicher Beh\u00f6rden. Wir alle stehen in der Pflicht, f\u00fcr unser freiheitliches Gemeinwesen einzustehen und es zu sch\u00fctzen. Ohne Kenntnis der Ziele und Aktivit\u00e4ten extremistischer Gruppen ist eine Auseinandersetzung mit den Gegnern unserer Demokratie aber nicht m\u00f6glich. Der vorliegende Verfassungsschutzbericht 2007 mit seinem umfassenden \u00dcberblick \u00fcber extremistische Gruppierungen und \u00fcber Gefahren, die durch die Spionage ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste oder die Aktivit\u00e4ten der \"Scientology-Organisation\" drohen, ist eine wertvolle Orientierungshilfe f\u00fcr staatliche Stellen, f\u00fcr die Politik und f\u00fcr alle B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz leisten mit ihrer T\u00e4tigkeit einen wichtigen Beitrag zur Sicherung unserer Demokratie. Mit ihrer engagierten und fundierten Arbeit sind sie Garanten f\u00fcr die effektive Erf\u00fcllung der verantwortungsvollen und oft schwierigen Aufgabe des Verfassungsschutzes. F\u00fcr diesen Einsatz bedanke ich mich ausdr\u00fccklich. Heribert Rech MdL Innenminister des Landes Baden-W\u00fcrttemberg","","INHALTSVERZEICHNIS A. VERFASSUNGSSCHUTZ IN BADEN-W\u00dcRTTEMBERG .................................12 1. Aufgaben des Verfassungsschutzes ........................................................12 2. Verh\u00e4ltnis von Verfassungsschutz und Polizei ..................................13 3. Methoden des Verfassungsschutzes.......................................................13 4. Kontrolle .........................................................................................................14 5. \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes...................................15 B. ISLAMISTISCHER EXTREMISMUS UND TERRORISMUS ...............................18 1. \u00dcberblick.........................................................................................................18 1.1 Aktuelle Situationen, Tendenzen............................................................18 1.2 Das Personenpotenzial im Bereich des islamistischen Extremismus und Terrorismus.............................19 2. Salafitische Bestrebungen in Deutschland ..........................................21 3. Islamistischer Terrorismus.........................................................................26 3.1 Djihadismus, \"al Qaida\" .............................................................................26 3.2 \"Al-Djama'a al-Islamiya\" und \"al-Djihad al-Islami\" ...........................31 3.3 Die Chronologie der Gewalt....................................................................33 3.4 Islamistische Propaganda im Internet ...................................................35 3.5 Erstellung und Verbreitungswege islamistischer Internetpropaganda ..........................................................37 4. Islamistischer Extremismus .......................................................................39 4.1 \"Tabligh-i Jama'at\" (\"Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndung und Mission\")................................39 4.2 \"Islamisches Informationszentrum Ulm\" (IIZ) ..................................42 4.3 \"Die Muslimbruderschaft\" (MB) und ihre nationalen Ableger ...45 4.3.1 \"Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD)..................47 4.3.2 \"Harakat al-Muqawama al-Islamiya\" (HAMAS) .................................54","4.3.3 \"An-Nahda\" (\"Bewegung der Erneuerung\") .......................................56 4.3.4 \"Front Islamique du Salut\" (FIS), \"Groupe Islamique Arme\" (GIA) und \"Groupe Salafiste pour la Predication et le Combat\" (GSPC).....57 4.3.5 \"Hizb ut-Tahrir\" (HuT)...............................................................................58 4.4 Organisation aus dem schiitischen Bereich: \"Hizb Allah\" (\"Partei Gottes\").................................................................60 4.5 \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG)......................63 4.6 Der \"Kalifatsstaat\" (\"Hilafet Devleti\"), fr\u00fcher \"Verband der Islamischen Vereine und Gemeinden e.V.\" (ICCB) .........................79 5. Weitere Informationen...............................................................................81 C. SICHERHEITSGEF\u00c4HRDENDE BESTREBUNGEN VON AUSL\u00c4NDERN .......82 1. Allgemeiner \u00dcberblick ...............................................................................82 2. \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) beziehungsweise \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL).................................84 3. T\u00fcrkische Vereinigungen ..........................................................................93 3.1 Extrem nationalistische Organisationen...............................................93 3.1.1 \"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Deutschland e.V.\" (AD\u00dcTDF)/ \"T\u00fcrkische F\u00f6deration Deutschland\" (ATF) .......................................93 3.2 Linksextremisten...........................................................................................96 3.2.1 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) und \"T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke\" (THKP-C-Devrimci Sol)..............................................................96 3.2.1.1 Entstehungsgeschichte................................................................................96 3.2.1.2 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C)..............97 3.2.2 \"Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/ Marxisten-Leninisten\" (TKP/ML).........................................................102 3.2.3 \"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP) ....104 4. Volksgruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien und ethnische Albaner ......................................................................................107","4.1 \"Nationaldemokratische Liga der Albanischen Treue\" (B.K.D.SH.) ..................................................................................................107 4.2 \"Volksbewegung von Kosovo\" (LPK)..................................................108 4.3 \"Front f\u00fcr die Albanische Nationale Vereinigung\" (FBKSH) ....109 5. Sikh-Organisationen ..................................................................................109 6. \"Liberation Tigers of Tamil Eelam\" (LTTE).....................................110 7. Iranische Gruppe: Die \"Volksmodjahedin\" ......................................114 8. Weitere Informationen ............................................................................115 D. RECHTSEXTREMISMUS ..................................................................................116 1. Aktuelle Entwicklung und Tendenzen ..............................................116 1.1 Rechtsextremistische Personenund W\u00e4hlerpotenziale...............117 1.2 Strafund Gewalttaten..............................................................................118 1.3 Ideologie.........................................................................................................119 2. Gewaltbereiter Rechtsextremismus.....................................................120 2.1 H\u00e4ufigkeit und Hintergr\u00fcnde rechtsextremistisch motivierter Gewalt..............................................120 2.2 Tendenzen in der rechtsextremistische Skinhead(musik)szene.....................................122 2.3 Die rechtsextremistische Skinhead(musik)szene: Rechtsextremistisch, neonazistisch, gewaltbereit............................127 2.3.1 Wie rechtsextremistisch sind rechtsextremistische Skinheads? .127 2.3.2 Sind rechtsextremistische Skinheads Neonazis?..............................130 2.3.3 Rechtsextremistischen Skinheadmusik als potenzielle Quelle rechtsextremistisch motivierter Gewalt........131 3. Neonazismus................................................................................................134 3.1 Allgemeines ..................................................................................................134 3.2 Bundesweite Aktivit\u00e4ten .........................................................................136","3.2.1 Rudolf He\u00df: Zentrale Symbolund Integrationsfigur der Neonaziszene .....................................................136 3.2.2 \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e. V.\" (HNG) ..................................................140 3.3 Abnehmende Demonstrationst\u00e4tigkeit der Neonaziszene ..........141 3.4 \"Autonome Nationalisten\" - Eine militante Randerscheinung mit Zulauf ....................................147 4. Rechtsextremistische Parteien...............................................................152 4.1 \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) .................152 4.2 \"Deutsche Volksunion\" (DVU) .............................................................166 5. Sonstige rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten ........................................169 5.1 Organisationsunabh\u00e4ngige rechtsextremistische Verlage in Baden-W\u00fcrttemberg: \"GRABERT-Verlag\"/\"Hohenrain-Verlag\"...169 5.2 \"Gesellschaft f\u00fcr freie Publizistik e. V.\" (GfP)..................................172 6. Theorieund Strategiebildung im deutschen Rechtsextremismus ..............................................................173 7. Aktionsfeld Geschichtsrevisionismus: Ein Beispiel f\u00fcr die internationale Dimension des Rechtsextremismus .......................175 8. Das rechtsextremistisches Aktionsfeld \"Wortergreifungsstrategie\" ......................................................................179 8.1 Die rechtsextremistische \"Wortergreifungsstrategie\" als Versuch, der gesellschaftlichen Isolation zu entkommen......180 8.2 \"Wortergreifung\" zur Besch\u00e4digung des politischen Gegners.....182 9. Weitere Informationen ............................................................................184 E. LINKSEXTREMISMUS ......................................................................................186 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen .........................................186 2. \u00dcbersicht in Zahlen ..................................................................................188","2.1 Personenpotenzial ......................................................................................188 2.2 Strafund Gewalttaten .............................................................................189 3. Gewaltbereiter Linksextremismus........................................................190 4. Parteien und Organisationen .................................................................193 4.1 \"DIE LINKE.\"..............................................................................................193 4.2 \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) .....................................197 4.3 \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten\" (VVN-BdA)..200 4.4 \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) ..........203 4.5 \"Rote Hilfe e.V.\" (RH)..............................................................................207 4.6 Sonstige Vereinigungen............................................................................209 5. Aktionsfelder ...............................................................................................210 5.1 Antiglobalisierung.......................................................................................210 5.2 \"Repression\" .................................................................................................213 5.3 \"Antifaschismus\" .........................................................................................216 5.4 \"Deutscher Herbst\"....................................................................................218 6. Weitere Informationen ............................................................................221 F. SCIENTOLOGY-ORGANISATION (SO).......................................................222 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen .........................................222 2. Verfassungsfeindliche Programmatik ..................................................223 3. Scientology und Religion ........................................................................226 4. Organisation und Mitgliederbestand...................................................227 5. Werbemethoden und Propaganda.......................................................229 6. Kampagnen und Aktionen gegen Kritiker .......................................232 7. Diffamierung des staatlichen Gesundheitswesens .........................233","8. WISE - Speerspitze in Wirtschaft und Politik.................................235 9. Er\u00f6ffnung \"Idealer Orgs\" .........................................................................237 10. Neuauflage der Grundlagenb\u00fccher .....................................................239 11. Ausblick .........................................................................................................240 12. Vertrauliches Telefon/Weitere Informationen ................................241 G. SPIONAGEABWEHR, GEHEIMUND SABOTAGESCHUTZ ........................242 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen .........................................242 2. Daten, Fakten, Hintergr\u00fcnde.................................................................243 2.1 Volksrepublik China..................................................................................243 2.2 Russische F\u00f6deration ................................................................................246 2.3 Proliferation..................................................................................................248 3. Pr\u00e4vention.....................................................................................................249 3.1 Wirtschaftsschutz - eine Schwerpunktaufgabe der Spionageabwehr ..................................................................................250 3.2 Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg - Die Wirtschaft sch\u00fctzt ihr Wissen.......................................................252 4. Bedeutung von Hinweisen - Erreichbarkeit der Spionageabwehr.....................................................253 ANHANG ..........................................................................................................................256 Gesetz \u00fcber den Verfassungsschutz in Baden-W\u00fcrttemberg (Landesverfassungsschutzgesetz - LVSG) vom 5. Dezember 2005 ...........................................................................256 Gruppen-, Organisationsund Sachregister......................................270 Personenverzeichnis .................................................................................278","A. VERFASSUNGSSCHUTZ IN BADEN-W\u00dcRTTEMBERG Aufgabe des Verfassungsschutzes ist es, verfassungsfeindliche und sicherheitsgef\u00e4hrdende Bestrebungen zu beobachten sowie die politisch Verantwortlichen, die zust\u00e4ndigen Stellen, aber auch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger unseres Landes \u00fcber Entwicklungen und drohende Gefahren zu informieren. Der Verfassungsschutz versteht sich deshalb als \"Fr\u00fchwarnsystem\" der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Struktur Der Bund und die 16 L\u00e4nder unterhalten jeweils eigene Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. Die gr\u00f6\u00dfte, weil mit vielerlei Zentralfunktionen ausgestattete Beh\u00f6rde, ist das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz mit Sitz in K\u00f6ln. Dem f\u00f6derativen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland entsprechend arbeiten alle 17 Beh\u00f6rden eng zusammen. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg hat seinen Sitz in Stuttgart. Es gliedert sich derzeit in sechs Abteilungen. Haushalt Die Personalstellen sowie die Finanzmittel f\u00fcr Personalund Sachausgaben sind im Haushaltsplan des Landes ausgewiesen. Danach waren dem Amt f\u00fcr das Jahr 2007 insgesamt 336 Personalstellen (2006: 323), davon 250,5 f\u00fcr Beamte, 84,5 f\u00fcr Angestellte und eine Stelle f\u00fcr Arbeiter zugewiesen. F\u00fcr Personalausgaben standen etwa 12,6 Millionen Euro (2006: 12,7 Millionen Euro), f\u00fcr Sachausgaben rund drei Millionen Euro (2006: 2,3 Millionen Euro) zur Verf\u00fcgung. 1. Aufgaben des Verfassungsschutzes Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sammelt Informationen \u00fcber verfassungsfeindliche Bestrebungen, sobald ihm tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass diese die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden. 12","Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Als derartige Bestrebungen sind Verhaltensweisen von Personen oder Organisationen zu verstehen, deren Ziel es ist, die obersten Werte und Prinzipien des Grundgesetzes au\u00dfer Kraft zu setzen. Der Verfassungsschutz ist aber beispielsweise auch gefordert, wenn islamistische, linksoder rechtsextremistische Ausl\u00e4nderorganisationen ihr Heimatland beziehungsweise dessen Regierung von deutschem Boden aus mit Gewalt bek\u00e4mpfen und dadurch Deutschland in au\u00dfenpolitische Konflikte bringen k\u00f6nnten oder sich gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richten. Zu den weiteren Aufgaben des Verfassungsschutzes z\u00e4hlt die Spionageabwehr. Sie ist darauf gerichtet, sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht aufzusp\u00fcren und zu analysieren. Schlie\u00dflich hat das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz umfangreiche Aufgaben beim personellen und materiellen Geheimschutz. Beispielsweise wirkt der Verfassungsschutz bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von Einb\u00fcrgerungsbewerbern mit, \u00fcberpr\u00fcft Geheimnistr\u00e4ger und andere Personen, die in sicherheitsempfindlichen Bereichen t\u00e4tig werden wollen, und unterst\u00fctzt beratend Beh\u00f6rden und Unternehmen bei der Einrichtung technischer Vorkehrungen zum Schutz von geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Informationen. 2. Verh\u00e4ltnis von Verfassungsschutz und Polizei Die Arbeit einer Verfassungsschutzbeh\u00f6rde unterscheidet sich wesentlich von der einer Polizeibeh\u00f6rde. Dem Verfassungsschutz stehen keine polizeikeine polizeilichen lichen Befugnisse zu. Mitarbeiter des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz d\u00fcrBefugnisse fen also keine Zwangsma\u00dfnahmen wie etwa Vorladungen, Durchsuchungen, Beschlagnahmen oder Festnahmen durchf\u00fchren. Erscheint aufgrund von Informationen, die dem Verfassungsschutz vorliegen, ein polizeiliches Eingreifen erforderlich, so wird die zust\u00e4ndige Polizeidienststelle unterrichtet. Diese entscheidet dann selbst\u00e4ndig und nach eigenem Ermessen, ob und welche Ma\u00dfnahmen zu treffen sind. Im Gegensatz zur Polizei ist der Verfassungsschutz nicht dem Legalit\u00e4tsprinzip unterworfen und muss daher keine Strafverfolgungsma\u00dfnahmen einleiten, wenn er Kenntnis von einer Straftat erlangt. 3. Methoden des Verfassungsschutzes Einen Gro\u00dfteil der Informationen erlangt das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz auf offenem Weg. Allerdings d\u00fcrfen Informationen auch verdeckt beschafft und die daf\u00fcr im baden-w\u00fcrttembergischen Landesverfassungs13","schutzgesetz (LVSG) genannten nachrichtendienstlichen Hilfsmittel angewendet werden. Gerade die auf letztgenanntem Wege erlangten hochwertigen Erkenntnisse erm\u00f6glichen erst eine fundierte, genaue und verl\u00e4ssliche Analyse der Gef\u00e4hrdungslage. Methoden der Erkenntnisgewinnung BESCHAFFUNG OFFENE BESCHAFFUNG VERDECKTE Grundsatz der Dar\u00fcber hinaus darf der Verfassungsschutz im Einzelfall unter engen, Verh\u00e4ltnisgesetzlich normierten Voraussetzungen den Brief-, Postund Fernmeldeverm\u00e4\u00dfigkeit kehr \u00fcberwachen. Alle diese M\u00f6glichkeiten stehen jedoch laut LVSG unter dem Vorbehalt des Grundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit, das hei\u00dft, von mehreren geeigneten Ma\u00dfnahmen zur Nachrichtengewinnung ist diejenige auszuw\u00e4hlen, die den Betroffenen voraussichtlich am wenigsten in seinen Grundrechten beeintr\u00e4chtigt. Aufgabe der mit der Auswertung befassten Mitarbeiter ist es dann, den Aussagewert und die Bedeutung der beschafften Informationen zu analysieren und Lagebilder sowie Trendaussagen zu erstellen. 4. Kontrolle vielschichtige Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz unterliegt einer vielschichtigen Kontrolle rechtsstaatlichen Kontrolle. Im Zentrum stehen innerbeh\u00f6rdliche Ma\u00dfnahmen wie zum Beispiel Kontrollen durch den internen Datenschutzbeauf14","Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg tragten. Daneben stellen die Rechtsund Fachaufsicht durch das Innenministerium sowie externe Kontrollen des Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz oder des Rechnungshofs sicher, dass der gesetzlich vorgegebene Rahmen nicht \u00fcberschritten wird. Die parlamentarische Kontrolle ist nach SS 15 LVSG Aufgabe des St\u00e4ndigen Ausschusses des Landtags von Baden-W\u00fcrttemberg, dem Mitglieder aller Fraktionen angeh\u00f6ren. Postund Telekommunikations\u00fcberwachungsma\u00dfnahmen nach dem Artikel 10-Gesetz unterliegen der Kontrolle der G 10-Kommission und des G 10-Gremiums. Die grundgesetzliche Rechtsweggarantie gew\u00e4hrleistet die \u00dcberpr\u00fcfung von Einzelma\u00dfnahmen des Verfassungsschutzes durch die unabh\u00e4ngige Justiz. Schlie\u00dflich unterliegt die Arbeit des Verfassungsschutzes der Kontrolle durch die \u00d6ffentlichkeit. 5. \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes Der Schutz unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung kann Informationsdauerhaft nur durch eine auf allen gesellschaftlichen Ebenen gef\u00fchrte geiangebote stig-politische Auseinandersetzung mit dem Extremismus gesichert werden. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz leistet dabei einen wesentlichen Beitrag, indem es neben der Regierung und dem Parlament vor allem auch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcber Aktivit\u00e4ten und Absichten verfassungsfeindlicher Parteien und Organisationen regelm\u00e4\u00dfig informiert. Zahlreiche Informationsm\u00f6glichkeiten stehen dabei zur Auswahl. So k\u00f6nnen Brosch\u00fcren zu verschiedenen Themen des Verfassungsschutzes angefordert oder im Inter15","net abgerufen werden. Referenten des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz stehen f\u00fcr Vortragsund Diskussionsveranstaltungen zu Themen des Verfassungsschutzes zur Verf\u00fcgung. Anfragen von Medienvertretern werden so umfassend wie m\u00f6glich beantwortet. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes in Baden-W\u00fcrttemberg haben im Jahre 2007 263 Vortr\u00e4ge (2006: 133) gehalten. Daneben gab es zahlreiche Anfragen von Medienvertretern. \u00dcber 11.000 Exemplare des Verfassungsschutzberichts 2006 und 14.000 Brosch\u00fcren wurden im Berichtszeitraum auf Anforderung verteilt. Derzeit sind neben den in den Fachkapiteln genannten folgende allgemeine Informationsschriften verf\u00fcgbar: Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg (Kurzbrosch\u00fcre - 2005) Extremisten im Internet - Eine Herausforderung f\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden (Brosch\u00fcre - 2001; gedruckte Auflage vergriffen, Download als PDF-Datei auf der Homepage des Verfassungsschutzes) 16","Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Auch im Internet pr\u00e4sentiert sich der Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg unter www.verfassungsschutz-bw.de mit einer eigenen Homepage. Dort sind die aktuellen Verfassungsschutzberichte sowie grundlegende Informationen \u00fcber Hintergr\u00fcnde und Zusammenh\u00e4nge des Extremismus, der Spionageabwehr und der Scientology-Organisation abrufbar. Kontaktanschriften f\u00fcr Informationen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg Baden-W\u00fcrttemberg \"\u00d6ffentlichkeitsarbeit\" Referat \"Verfassungsschutz\" Postfach 500 700 Postfach 10 24 43 70337 Stuttgart 70020 Stuttgart Tel.: 0711/9544-181/182 Tel.: 0711/231-3501 Fax: 0711/9544-444 Fax: 0711/231-3599 Internet: http://www.verfassungsschutz-bw.de E-Mail: info@verfassungsschutz-bw.de Vertrauliche Telefone zur Scientology-Organisation: 0711/95 61 994 zur Wirtschaftsspionage: 0711/95 47 626 \"Islamistische Extremisten\": 0711/95 61 984 (deutsch/englisch) 0711/95 44 320 (t\u00fcrkisch) 0711/95 44 399 (arabisch) 17","B. ISLAMISTISCHER EXTREMISMUS UND TERRORISMUS 1. \u00dcberblick 1.1 Aktuelle Situationen, Tendenzen Im Jahr 2007 blieben die bekannten Konfliktherde unver\u00e4ndert brisant, an denen in islamisch gepr\u00e4gten Gesellschaften islamistische Str\u00f6mungen zum Teil \u00e4u\u00dferst gewaltsam nach Ver\u00e4nderungen streben. Die Konfliktlinie verl\u00e4uft aber nicht nur in bestimmten regionalen Zusammenh\u00e4ngen. Sie wurde im Jahr 2007 immer wieder in Europa und Deutschland sichtbar, wenn islamistisch motivierte Gewalt zum Ausbruch kam oder deren Planung aufgedeckt werden konnte. Islamistische Bewegungen verfolgen ebenso wie islamistische Organisationen und Vereinigungen sehr \u00e4hnliche Ziele: die Etablierung einer als \"authentisch islamisch\" verstandenen Gesellschaft. In der jeweiligen Propaganda tauchen demnach immer wieder die gleichen Stereotypen und Motive auf. Bei der Wahl der Methode und Mittel gibt es aber erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen islamistischen Gruppen. Nach wie vor reicht das Spektrum von terroristischen Strukturen, denen nahezu jedes gewaltsame Mittel recht ist, bis zu jenen Gruppen, die sich schwerpunktm\u00e4\u00dfig einer zum Teil lautstarken Propaganda mit unterschiedlichsten Mitteln verschrieben haben. Die Quellen aller islamistischen Vorstellungen sind religi\u00f6se Schriften und Werke, die von den Verfassern als einzig wahr und authentisch definiert wurden. H\u00e4ufig wird die Interpretationshoheit so weit in Anspruch genommen, dass abweichende Auslegungen und Vorstellungen als unislamisch diffamiert und in den extremsten F\u00e4llen gewaltsam bek\u00e4mpft werden. globaler DjihaWie weit die Indoktrination und die Rezeption islamistischer Schriften dismus in Badengehen k\u00f6nnen, wurde in Deutschland im Herbst 2007 deutlich. Schriften, W\u00fcrttemberg die salafitisch-djihadistische Ideen propagieren, motivierten auch in BadenW\u00fcrttemberg einzelne Personen zu gewaltsamen Aktionen oder zu deren Unterst\u00fctzung. Am 4. September 2007 konnte durch die Verhaftung von drei mutma\u00dflich islamistisch motivierten Terroristen ein gro\u00dfer Anschlag in Deutschland verhindert werden. Die Vorbereitungen der drei Tatverd\u00e4chtigen waren so weit gediehen, dass ein Anschlag unmittelbar bevor gestanden haben konn18","Islamismus te. Einer der Tatverd\u00e4chtigen bewegte sich als Konvertit in jenen Ulmer Kreisen, die bereits in den letzten Jahren immer wieder im Fokus der Beobachtung standen. Das Beispiel dieses jungen Mannes zeigt, wie weit hier djihadistische Ideen aufgenommen und als konkrete Handlungsanweisungen verstanden wurden. Die Hinwendung zu Gewalt propagierendem Islamismus und die Neigung, militant politische Ziele zu verfolgen, haben im Jahr 2007 nicht nachgelassen. In Afghanistan hat die Zahl der Anschl\u00e4ge erheblich zugenommen. Im Irak kam es immer wieder zu folgenschweren Anschl\u00e4gen. In Pakistan bek\u00e4mpften die Sicherheitskr\u00e4fte \u00fcber Wochen in blutigen Auseinandersetzungen die Anh\u00e4nger aus dem Umfeld der \"Roten Moschee\" in Islamabad. Pakistan wurde 2007 im Zusammenhang mit terroristischen Ausbildungslagern zu einem Reiseziel von mehreren jungen M\u00e4nnern aus Deutschland. Terrorausbildung Auch aus Baden-W\u00fcrttemberg machten sich einige dorthin auf. Im iranischin Pakistan pakistanischen Grenzgebiet wurden immer wieder Reisende verhaftet, die im Verdacht stehen, Kontakte zu den Mudjahidin in Afghanistan zu unterhalten und sich deren Kampf anschlie\u00dfen zu wollen oder dort milit\u00e4risches Training mit religi\u00f6ser Unterweisung zu verbinden. Die Bedeutung der Internetpropaganda nahm erneut zu. Es fiel auf, dass nun verst\u00e4rkt in weiteren Sprachen wie T\u00fcrkisch oder Deutsch djihadistische Schriften und Filme verbreitet wurden. 1.2 Das Personenpotenzial im Bereich des islamistischen Extremismus und Terrorismus Aus der gro\u00dfen Zahl (etwa 3,5 Millionen, davon mehr als 0,5 Millionen in Baden-W\u00fcrttemberg) der Muslime, die in Deutschland leben, engagiert sich eine Minderheit in extremistischen Organisationen oder Gruppen, die islamistischen Ideen anh\u00e4ngen. Von diesen kann ein geringer Bruchteil dem gewaltbereiten Spektrum zugeordnet werden. Die Zahl der tats\u00e4chlich gewaltbereiten, in terroristischen Gruppen eingebundenen Personen l\u00e4sst sich aber nicht mit letzter Sicherheit ermitteln. So fallen etwa Einzelt\u00e4ter ohne strukturelle Anbindung aus einem an Organisationen ausgerichteten Raster.1 1 Da eine Differenzierung der Strafund Gewalttatenzahlen nach islamistischen beziehungsweise sonstigen ausl\u00e4nderextremistischen Taten nicht m\u00f6glich ist, wurde die Grafik mit den Gesamtzahlen der ausl\u00e4nderextremistischen Strafund Gewalttaten im Kap. C Ziff. 1. \"Sicherheitsgef\u00e4hrdende Bestrebungen von Ausl\u00e4ndern\" abgedruckt. 19","Das Personenpotenzial jener islamistischen extremistischen Gruppierungen, die ihre Ziele ohne direkte Gewaltanwendung verfolgen, kann nach regionaler Herkunft der Personen gewichtet werden. Dabei ist zu beachten, dass diese Zahlen den manifesten Teil der Mitglieder umfassen. Diese Zahlenangaben enthalten Sch\u00e4tzungen, sind gerundet und k\u00f6nnen nur einer groben Orientierung dienen, da das Potenzial an Sympathisanten und Anh\u00e4ngern etwa bei Demonstrationen erheblich h\u00f6her sein kann. Die Zahl derjenigen, die tats\u00e4chlich mit extremistischem Gedankengut sympathisieren oder diesem zustimmen, spiegelt sich nur zum geringsten Teil in den hier erhobenen Zahlen wider.2 Eine im Dezember 2007 vom Bundesministerium des Innern ver\u00f6ffentlichte Studie, die auf einer repr\u00e4sentativen Befragung basiert, hat ergeben, dass eine Minderheit in der muslimischen Allgemeinbev\u00f6lkerung von etwa acht bis zw\u00f6lf Prozent eine deutlich problematische Einstellung in Bezug auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aufweist.3 Dar\u00fcber hinaus hei\u00dft es dort: \"Mit Blick auf die Umschreibung von Radikalisierungspotenzialen wurden zus\u00e4tzlich zu den Einstellungen bez\u00fcglich Demokratie und Rechtsstaat auch Einstellungen zu Formen religi\u00f6s-politisch motivierter Gewalt erhoben. Hier l\u00e4sst sich ein Potenzial von knapp 6% der Muslime erkennen, die als gewaltaffin im Sinne einer Akzeptanz massiver Formen politisch-religi\u00f6s motivierter Gewalt zu kennzeichnen sind (...).\" 4 gro\u00dfes gewaltIn absoluten Zahlen hei\u00dft dies, dass in Deutschland etwa 200.000 Personen bef\u00fcrwortendes Gewalt als Mittel akzeptieren. Diese Zahl spiegelt jenen Personenkreis Spektrum in wider, der von charismatischen Pers\u00f6nlichkeiten oder islamistischen IdeoDeutschland logen sowie entsprechender djihadistischer Propaganda angesprochen werden kann. Mit t\u00fcrkischem Ursprung blieb auch 2007 die \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) mit 3.600 Mitgliedern in Baden-W\u00fcrttemberg die mitgliederst\u00e4rkste extremistische Organisation im islamistischen Spektrum. Der verbotene \"Kalifatsstaat\" (ICCB) verf\u00fcgt auch nach dem Verbot \u00fcber 2 Eine Gesamt\u00fcbersicht \u00fcber die Anh\u00e4nger extremistischer Ausl\u00e4nderorganisationen ist im Kap. C Ziff. 1 \"Sicherheitsgef\u00e4hrdende Bestrebungen von Ausl\u00e4ndern\" abgedruckt. 3 Katrin Brettfeld und Peter Wetzels, Muslime in Deutschland - Integration, Integrationsbarrieren, Religion sowie Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religi\u00f6s motivierter Gewalt, Hamburg, Juli 2007, S. 493. 4 Ebd. S. 494. 20","Islamismus 300 Anh\u00e4nger in Baden-W\u00fcrttemberg. In Organisationen, die ihre Wurzeln in arabischen Staaten (wie \u00c4gypten, Pal\u00e4stina, Libanon, Algerien oder dem Irak) haben, engagierten sich 2007 circa 450 Mitglieder in Baden-W\u00fcrttemberg. Hier sind die wichtigsten Gruppierungen die \"Muslimbruderschaft\" (MB) mit 180 Mitgliedern und die libanesische \"Hizb Allah\", die von etwa 85 Mitgliedern unterst\u00fctzt wurde. Aus weiteren Herkunftsl\u00e4ndern werden Gruppierungen beobachtet, die etwa Bez\u00fcge nach Bosnien-Herzegowina, in den Iran, Tschetschenien, Indonesien oder Pakistan aufweisen. 2. Salafitische Bestrebungen in Deutschland Eine zunehmend virulent werdende Richtung innerhalb der islamistischen Str\u00f6mungen stellt der so genannte Salafismus dar. Das hierin vermittelte Islamverst\u00e4ndnis basiert auf einer rigorosen und eng gefassten Interpretation der islamischen Quellentexte und geht mit einer strikten \"Buchstabengl\u00e4ubigkeit\" einher. In einer angenommenen Anlehnung an das Vorbild der \"edlen Vorfahren\" (as-Salaf as-Salih) ist der Salafismus bestrebt, den Islam und die Muslime von als unislamisch betrachteten Auslegungen und Verhaltensweisen reinigen zu wollen. Hierbei wird das Ziel verfolgt, das gesamte Glaubensverst\u00e4ndnis auf einen, exklusive Authentizit\u00e4t beanspruAttraktivit\u00e4t chenden Kernbestand von Bestimmungen, Gesetzen und Praktiken zur\u00fcckbedingt Zunahme zuf\u00fchren, der angeblich dem Vorbild des Religionsstifters Muhammad und seiner fr\u00fchen Gefolgsleute entsprechen soll. Die Anh\u00e4nger des Salafismus gehen ideologisch von der Annahme aus, dass der Islam im Lauf der Zeit durch \"unerlaubte Neuerungen\" und Zus\u00e4tze, die nicht den urspr\u00fcnglichen, von Allah intendierten Zwecken entspr\u00e4chen, korrumpiert worden sei. Diese Entwicklung sei auch ma\u00dfgeblich f\u00fcr den allerorts zu beobachtenden Verfall und Niedergang der islamischen Zivilisation verantwortlich. Dieser Trend sei folglich wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, indem man sich auf eine \"wahre Glaubenspraxis\" zur\u00fcckbesinne, damit der Islam seine einstige Gr\u00f6\u00dfe und St\u00e4rke zur\u00fcckerlangen k\u00f6nne. Als zeitlicher Bezugsrahmen wird hier in der Regel das \"goldene Zeitalter\" herangezogen, in dem der Islam unter den fr\u00fchen Kalifen (632 bis 661) die Grundlagen f\u00fcr die Herrschaft in weiten Teilen der damals bekannten Welt legte und infolge dessen zu globaler Bedeutung aufsteigen sollte. Die bei weitem einflussreichste Richtung innerhalb des salafitischen Glaubensspektrums ist der Wahhabismus, der im 18. Jahrhundert in Verbindung mit dem Rechtsgelehrten Muhammad Ibn Abd al-WAHHAB im heutigen Saudi-Arabien als eine islamische Reformbewegung entstanden ist. Ein 21","Hauptwesensmerkmal der wahhabitischen Lehre basiert auf der Vorstellung von einem strikten Monotheismus (Tawhid), demzufolge alle als islamisch betrachteten Gesetze und Bestimmungen auch im praktischen Leben akribisch einzuhalten seien. Diese kompromisslose Haltung wahhabitischer Gelehrter hat schon in der Vergangenheit innerislamische Konfliktfelder er\u00f6ffnet, da andere Auslegungen und Verhaltensweisen als unislamisch und damit \"ketzerisch\" diffamiert wurden (takfir). Die Marginalisierung und Ausgrenzung konkurrierender islamischer Glaubens\u00fcberzeugungen haben in der geschichtlichen Entwicklung des Wahhabismus immer wieder gewaltsame Z\u00fcge angenommen, da die eigene Doktrin durch bewaffneten Kampf (Djihad) verbindlich durchgesetzt wurde. Das hier zugrunde liegende Islamverenges st\u00e4ndnis ist bestrebt, den Islam zu Ungunsten individueller GlaubensforIslamverst\u00e4ndnis men auf seine normativen Aspekte zu reduzieren, die im islamischen Recht ihren deutlichsten Ausdruck finden. Immer werden in diesem Zusammenhang Texte als Belegstellen angef\u00fchrt, die keinen Zweifel daran aufkommen lassen sollen, dass die Muslime schon zu Zeiten des Propheten Personen bek\u00e4mpft haben, denen vorgeworfen wurde, dem Islam nur nominell anzugeh\u00f6ren: \"Die Aussagen der Gelehrten sind in Bezug auf die 'Murtaddin' (Abtr\u00fcnnige)5 eindeutig. Sie haben viele Muslime als ungl\u00e4ubig bezeichnet, sobald sie feststellten, dass sie einige religi\u00f6se Pflichten nicht erf\u00fcllt oder verletzt hatten, gleich in welcher Form dies auch geschah. Selbst das Aussprechen eines Wortes (des Unglaubens), ohne daran wirklich fest zu glauben, macht die Menschen zu Ungl\u00e4ubigen. (....) Es ist wohl bekannt, dass der Prophet Mohammad die Juden, die schon 'La Ilaha Ila Allah' 6 sprachen, bek\u00e4mpft und gefangen genommen hat und dass die Gef\u00e4hrten des Propheten Muhammad Bani Hanifa7, die sich zum islamischen Grundsatz 'Es gibt keine Gottheit au\u00dfer den einzigen Gott und Muhammad ist sein Gesandter' bekannten und das 5 Von der Religion Abgefallene, d.h. Apostaten. 6 Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses: Es gibt keinen Gott au\u00dfer Allah. 7 Ein Stamm auf der arabischen Halbinsel. 8 Das hei\u00dft, sie haben das islamische Glaubensbekenntnis gesprochen und gelten nach vorherrschender Auffassung der Gelehrten als Muslime. Der Wahhabismus grenzt sich hier bewusst von dieser Meinung ab. 22","Islamismus Gebet verrichteten und zum Islam aufriefen8, bek\u00e4mpft haben, (...).\" 9 Ohne den Einsatz physischer Gewalt zur Durchsetzung religi\u00f6ser Bestimmungen prinzipiell abzulehnen, hat sich der Wahhabismus in der Moderne eine andere Strategie zur Verbreitung seiner Ideologie zu eigen gemacht. Seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich der Wahhabismus durch eine Propagandat\u00e4tigkeit, die von Saudi-Arabien gef\u00f6rdert wird, global verbreitet. Dieser \"Aufruf\" (Da'wa) wird auf zwei Ebenen betrieben. Prim\u00e4r wendet sich der Wahhabismus als Zielgruppe an Muslime historisch unterschiedlich gewachsener islamischer Str\u00f6mungen und Denkrichtungen, deren islamische Identit\u00e4t in Zweifel gezogen wird. Ihre Handlungen und Glaubensauffassungen sollen in einer Art \"innerislamischer Mission\" berichtigt werden. Sekund\u00e4r betreibt der Wahhabismus auch eine \"\u00e4u\u00dfere Mission\", indem er versucht, Konvertiten der unterschiedlichsten Herkunft au\u00dferhalb des islamischen Spektrums zu gewinnen. In j\u00fcngster Zeit ist hier unter anderem auch in Deutschland eine taktische Professionalisierung festzustellen, da f\u00fcr die jeweils unterschiedlichen Personenkreise zielgruppenspezifisches Propagandamaterial erstellt wird.10 Mittlerweile haben sich in Deutschland salafitische Netzwerke etabliert, die sich ideologisch zwar stark an Gelehrte im Ausland anlehnen, jedoch auf lokaler Ebene autonom agieren. In der Regel spielen hier auch Konvertiten Etablierung eine zentrale Rolle, welche die Ideologie adaptiert haben und in ihrem pereiner salafitischen s\u00f6nlichen Umfeld geschickt an andere weitervermitteln k\u00f6nnen. Diese TenDa'wa-Szene denz kann nicht nur an den immer zahlreicher in Umlauf gebrachten \u00dcbersetzungen einschl\u00e4giger Rechtsgelehrter gemessen werden, sondern l\u00e4sst sich auch an der verst\u00e4rkten Zunahme salafitisch gepr\u00e4gter Internetseiten in deutscher Sprache ablesen. Aufgrund der Tatsache, dass sich gem\u00e4\u00df der salafitischen Glaubensdoktrin der islamische Glaube in konkreten Handlungen niederschlagen muss, wird zun\u00e4chst rein \u00e4u\u00dferlich beispielsweise auf die akribische Nachahmung von Kleiderund Hygienevorschriften Wert gelegt, die den fr\u00fchen Muslimen im Umfeld Muhammads zugeschrieben werden. M\u00e4nner h\u00e4tten B\u00e4rte zu tragen, Frauen m\u00fcssten sich verschleiern und statt der Zahnb\u00fcrste sollte ein St\u00fcck Holz benutzt werden. Neben solchen Praktiken, die auch dazu die- 9 Zitiert nach Muhammad Ibn Abd al-WAHHAB, die Offenlegung der Scheinargumente gegen den Monotheismus (\u00fcbersetzt von Dr. Ghazi Shanneik), S. 12f. Hierbei handelt es sich um eines der Hauptwerke von Muhammad Ibn Abd al-WAHHAB, das in deutscher \u00dcbersetzung in salafitischen Kreisen zirkuliert. 10 Zum Beispiel Tevhid - Kalblerden Sirk ve K\u00fcf\u00fcr Temizligi (Monotheismus - Reinigung der Herzen von Vielg\u00f6tterei und Unglauben). Eine Schrift, die sich an t\u00fcrkischsprachige Personen wendet. 23","nen sollen, sich von der als \"ungl\u00e4ubig\" und \"unislamisch\" betrachteten Umwelt abzugrenzen, umfassen salafitisch gef\u00e4rbte Islamauslegungen aber auch Konzepte, die eine konkrete Gefahr f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung darstellen. Von zentraler Bedeutung ist in diesem Kontext das Glaubenskonzept \"die Treue und der Bruch\" (al-Wala wa al-Bara), von dem Salafiten behaupten, dass es unmittelbar mit der Verpflichtung zur Einhaltung des strikten Monotheismus verbunden sei. F\u00fcr den \"wahren Muslim\" sei es verpflichtend, sich auf allen Ebenen von den \"Ungl\u00e4ubigen\" abzutrennen. Durch die blo\u00dfe Anerkennung anderer Religionen oder Lebensauffassungen als \"wahre Muslime\" gleichwertig w\u00fcrde ein Muslim schon der H\u00e4resie anheim fallen, was unweim\u00fcssen gerlich nicht nur seinen Ausschluss aus der Religionsgemeinschaft zur Folge \"Ungl\u00e4ubige\" h\u00e4tte, sondern auch soziale \u00c4chtung und gegebenenfalls physische Sanktiohassen nen nach sich ziehen w\u00fcrde: \"Wer auch immer die Polytheisten nicht als Ungl\u00e4ubige betrachtet, oder an ihrem Unglauben zweifelt, oder ihre Wege und Glaubensformen als richtig ansieht, der hat (selber) Unglauben begangen. (....) Dies ist die Hanafiyya (aufrechte Religion), die Religion Ibrahims - dass du Allah aufrichtig dienst, die Religion f\u00fcr Ihn alleine machst, dich von allem los sprichst, was neben Allah angebetet wird, sie ablehnst und hasst, w\u00e4hrend du ihre Leute verabscheust und Feindschaft f\u00fcr sie empfindest.\" 11 Durch derartige Positionen, die sich in polarisierender Weise in einem Freund-Feind-Denken niederschlagen, k\u00f6nnen nicht nur ohnehin schon latent vorhandene soziale Spannungen versch\u00e4rft werden; vielmehr werden ganz bewusst laufende Dialogbem\u00fchungen, die eine bessere Integration von ethnischen und religi\u00f6sen Minderheiten zum Ziel haben, durch intolerante Botschaften untergraben. Letztendlich sollen hier durch den Alleinvertretungsanspruch, den salafitische Richtungen f\u00fcr sich reklamieren, Mas11 PDF-Dokument einer deutschsprachigen salafitischen Internetseite vom 3. April 2007. 24","Islamismus sen f\u00fcr die Beseitigung der pluralistischen Gesellschaftsordnung und interkulturellen Solidarit\u00e4t mobilisiert werden: \"Walah bedeutet Liebe, Zuneigung und N\u00e4he, Barah dagegen hei\u00dft Hassen, Ablehnung, Distanz. 'Walah und Barah' sind grunds\u00e4tzlich Eigenschaften des Herzens, aber sie \u00e4u\u00dfern sich in dem, was der Mensch sagt und wie er handelt. Walah darf es nur f\u00fcr Allah, den Propheten und die Muminin [sc. die Gl\u00e4ubigen] geben. (...) Barah dagegen entspringt dem Hassen um der Religion willen. Hierzu geh\u00f6rt, dass man nicht mit dem Friedensgru\u00df gr\u00fc\u00dft, dass man den Kufar [sc. die Ungl\u00e4ubigen] gegen\u00fcber nicht unterw\u00fcrfig ist und sie nicht bewundert und dass ein Muminin acht gibt, sich von den Kufar zu unterscheiden und dies auf der Grundlage der Scharia verwirklicht, dass man Dschihad macht mit dem Geld, der Zunge und mit Waffen und dass man die L\u00e4nder der Kufar verl\u00e4sst und zu den L\u00e4ndern der Muslimin geht.\" 12 Dies ist umso gravierender, als die salafitische Propaganda in der Regel auf der Grundlage religi\u00f6ser Texte einen Bezug zu aktuellen politischen und sozialen Fragen herstellt und Gef\u00fchle von tats\u00e4chlicher oder empfundener Deprivation einer Schw\u00e4che in Glaubensfragen zuschreibt, wobei hierf\u00fcr einseitig die westliche Werteund Gesellschaftsordnung verantwortlich gemacht werden: \"Liebe Muslime! Keine vern\u00fcnftige Person wird an der Tatsache zweifeln, dass Muslime heutzutage r\u00fcckst\u00e4ndig sind. Ihre Unterordnung, ihr st\u00e4ndiger Kummer und ihre Trauer sind Ergebnisse dessen, dass sie die Lehren der Religion und das Einhalten der Gesetze Allahs verlassen und den Bund gebrochen haben. (....) Liebe Br\u00fcder! Es gibt zwei Ursachen f\u00fcr die Schw\u00e4che der Umma. Diese sind: Das Nachahmen der westlichen Tendenzen, die auf Materialismus und unbeschr\u00e4nkten Gedanken beruhen (....). Das Folgen dieser Neigungen hat viele Muslime dazu gebracht, dass sie F\u00f6rderer der west12 PDF-Dokument einer deutschsprachigen slafitischen Internetseite vom 5. M\u00e4rz 2007. 25","lichen Kultur und ihres politischen Systems geworden sind. Dadurch verursachen sie moralische Seuchen und einen R\u00fcckgang ihrer reinen Gesellschaft (...).\" 13 Das mit einem antidemokratischen Aktivismus einhergehende Isolationsstreben m\u00fcndet in der Regel auch in die Forderung nach eigenen gesellschaftlichen R\u00e4umen, in denen dann idealerweise die als islamisch betrachteten Gesetze und Regeln zu Ungunsten anderer Rechtsnormen zu gelten h\u00e4tten. Die Diffamierung des s\u00e4kularen Staates wird im salafitischen Kontext mit dem Postulat einer uneingeschr\u00e4nkten Anwendung des islamischen Gesetzes (Scharia) begr\u00fcndet. In der Art eines religi\u00f6sen Etatismus wird Gott als die einzig zul\u00e4ssige legislative Autorit\u00e4t betrachtet. Einer von Menschen bestimmten Rechtssch\u00f6pfung wird dabei prinzipiell keine Gestaltungsm\u00f6glichkeit mehr beigemessen: \"Unter den Verpflichtungen, die das Bekenntnis [sc. zum islamischen Monotheismus] zur Folge hat, ist auch das Recht Allahs darauf, allein Gesetze und Anordnungen zu erlassen, die sich mit Gottesdienst, Behandlung der einzelnen Personen oder der Gemeinschaft, mit Erlaubtem und Verbotenem befassen, und die auch dem Propheten gezeigt wurden.\" 14 \"Das islamische Gesetz [sc. Scharia] betrachtet den Herrscher im islamischen Staat als Verantwortlichen f\u00fcr die Durchf\u00fchrung der g\u00f6ttlichen Befehle (...). So darf kein Mensch, so hoch er sein mag, diesen Regelungen entgegenwirken, oder ein Gesetz erlassen, das gegen sie versto\u00dfen kann.\" 15 3. Islamistischer Terrorismus 3.1 Djihadismus, \"al-Qaida\" Beim Djihadismus handelt es sich um eine islamistische Richtung, die eine enge ideologische N\u00e4he zum Salafismus aufweist und daher auch als SalafiDjihadi-Str\u00f6mung bezeichnet wird. Anh\u00e4nger des Djihadismus vertreten 13 Internetauswertung vom 4. Juni 2007. 14 Abdur-Rahman Al-Sheha, Botschaft des Islam, Riyadh 2004, S. 54. 15 Ebd. S. 128f. 26","Islamismus die Ansicht, dass von einem strategischen Blickwinkel aus betrachtet die Islamisierung der Gesellschaften einhergehend mit der Etablierung eines transnational \u00fcbergreifenden Staatswesens nicht mehr nur mit friedlichen Mitteln erfolgen k\u00f6nne. Das Weltbild der Djihadisten basiert in Anlehnung an mittelalterliche Schriften auf einer Zweiteilung der Welt. Einerseits g\u00e4be es Gebiete, wo die Scharia praktiziert w\u00fcrde und daher Gerechtigkeit und Frieden vorherrschen w\u00fcrden (Dar al-Islam). Andererseits w\u00fcrden weite Teile der Welt Gebiete umfassen, in denen \"Ungl\u00e4ubige\" lebten, die als Feinde gelten und denen auf Grund ihrer unislamischen Lebensweise prinzipielle Verachtung entgegen zu bringen sei (Dar al-Harb oder Dar al-Kufr). Von dieser GrundKampf gegen die haltung ausgehend k\u00f6nne zwischen \"Ungl\u00e4ubigen\" und den \"wahren Mus\"Ungl\u00e4ubigen\" limen\", d.h. Anh\u00e4ngern der eigenen Glaubensauslegung, keine gleichberechtigte Koexistenz herrschen. Andersdenkende werden zu Menschen zweiter Klasse degradiert, wobei sie allenfalls als ein Objekt gezielter Missionsarbeit betrachtet werden, was als Djihad angesehen wird. Dieser Djihad wird gem\u00e4\u00df der Salafi-Djihadi-Interpretation, die im bewaffneten Kampf das einzige Mittel sieht, islamische Ma\u00dfst\u00e4be und Bestimmungen verbindlich durchzusetzen, mit maximaler Gewalt gef\u00fchrt. Hierin unterscheidet sich der Djihadismus geringf\u00fcgig von anderen salafitischen Str\u00f6mungen, die mit diesem zwar die Zielsetzung und damit die Islamisierung der Menschheit wie auch die Feindbilder, n\u00e4mlich den Westen und seine Verb\u00fcndeten, teilen, jedoch in Fragen der Gewaltanwendung Differenzen aufweisen. Ebenso wie Djihadisten betrachten alle anderen salafitischen Richtungen den Djihad im Sinne eines bewaffneten Kampfes als integrativen Bestandteil der Religion des Islam. Unterschiede erwachsen weniger aus exegetischen Kontroversen als vielmehr auf Grund von taktischen Erw\u00e4gungen bei der Beurteilung der jeweiligen Situation.16 Die \u00dcberg\u00e4nge k\u00f6nnen hier sehr flie\u00dfend sein. Die Salafi-Djihadi-Str\u00f6mungen sind als ein Produkt des Krieges gegen die sowjetische Besatzung in Afghanistan (1979 bis 1989) entstanden. Damals hatte ein Rechtsgelehrter pal\u00e4stinensischer Abstammung, Abdallah AZZAM (1941 bis 1989), eine Internationalisierung des Djihad herbeigef\u00fchrt, indem er den bewaffneten Kampf zu einer pers\u00f6nlichen und individuellen Glaubenspflicht eines jeden Muslims erkl\u00e4rte, um alle Feinde aus der islamischen Welt (Dar al-Islam) zu vertreiben: \"Wenn der Feind [sc. die Ungl\u00e4ubigen] die Grenzen 16 Internetauswertung vom 3. Mai 2007. 27","zu islamischen L\u00e4ndern attackiert oder in muslimische Gebiete eindringt (....), dann wird der Djihad eine religi\u00f6se individuelle Pflicht (....)\".17 Diese Sichtweise hat dann schlie\u00dflich Usama BIN LADIN als Sch\u00fcler von AZZAM aufgegriffen und um eine Stufe erweitert. Der Feind sollte jetzt nicht mehr nur in der islamischen Welt selbst angegriffen, sondern auch auf eigenem Boden attackiert werden. Somit hat sich das urspr\u00fcnglich defensiv ausgerichtete Konzept in ein Abdallah AZZAM offensives gewandelt, das globale Wirkung regionaler und entfaltet (transnationaler Djihadismus). globaler Djihadismus Schon w\u00e4hrend des Afghanistankrieges wurde unter \u00e4gyptischem Einfluss diese Ausrichtung auf den \"\u00e4u\u00dferen Feind\" mit einer weiteren Komponente auch auf den \"inneren Feind\" ausgedehnt. Damit waren die Herrscher der islamischen Welt gemeint, die als Glaubensabtr\u00fcnnige betrachtet wurden, da sie nach Meinung der Djihadisten dem islamischen Gesetz in ihrem Wirkungsbereich keine Geltung verschaffen und daher dem Islam nur nominell angeh\u00f6ren w\u00fcrden (interner Djihadismus). Zur\u00fcck geht diese Sichtweise auf Sayyid QUTB (1906 bis 1966), der seinerzeit dem lokalen Kampf auf nationalstaatlicher Ebene Priorit\u00e4t einr\u00e4umte: \"Sie [sc. die Religion] bedeutet die Ablehnung aller Arten und Formen von Systemen, die auf dem Konzept der Souver\u00e4nit\u00e4t des Menschen basieren; (...) Jedes System, in dem die letzte Entscheidung auf Menschen zur\u00fcckgef\u00fchrt wird, und in dem die Quellen aller Autorit\u00e4t menschlich sind, in dem der Mensch verg\u00f6ttlicht wird durch die Bestimmungen von anderen au\u00dfer Allah als Herren \u00fcber die Menschen, ist abzulehnen. (...) Kurz gesagt: Die Autorit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t von Allah zu proklamieren bedeutet, alle menschlichen Herrschaften zu beseitigen und das Gesetz des Erhalters des Universums \u00fcber die ganze Erde bekannt zu geben.\" 18 17 Abdallah Azzam, Die Verteidigung der muslimischen L\u00e4nder ist die wichtigste individuelle Glaubenspflicht, Fatwa von 1984. 18 Zitiert nach Muhammad Rassul, Zeichen auf dem Weg, S. 102f. 28","Islamismus Zusammengeflossen sind beide Richtungen in der \"al-Qaida\", so wie sie sich in den 1990er Jahren herauskristallisiert hatte. Im Zuge der Entwicklungen nach den Ereignissen um den 11. September hat die Salafi-Djihadi-Ideologie auch auf europ\u00e4ischem und deutschem Boden Fu\u00df gefasst. Ausgehend von pers\u00f6nlichen Verbindungen zu Mudjahidin, die in Afghanistan in den 1990er Jahren gek\u00e4mpft haben, bestehen bis heute pers\u00f6nliche Kontakte von hier in Europa aktiven Djihadisten und Anh\u00e4ngern der \"al-Qaida\"-Ideologie zu verschiedenen militanten Gruppierungen und Organisationen, die besonders seit dem Ende der Talibanherrschaft in Wiedererstarken Afghanistan in den westlichen Stammesterritorien in Pakistan aktiv sind der Taliban und dort milit\u00e4rische Ausbildungslager unterhalten sollen. In die Schlagzeilen geriet dieses schwer zug\u00e4ngliche Grenzgebiet besonders im Zusammenhang mit den in Deutschland verhinderten Anschl\u00e4gen im September 2007. Die \"Islamische Jihad Union\" (IJU) ist derzeit Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens der Generalbundesanwaltschaft. In S\u00fcdund Nord-Waziristan, den so genannten Federally Administrated Tribal Areas, FATA, scheint ein breites Spektrum von djihadistischen Netzwerken unterschiedlicher regionaler Herkunft aktiv zu sein und wirbt teilweise auch mittels entsprechender Internetseiten f\u00fcr ihre Ziele. Wie beweglich salfitisch-djihadistische Gruppen mit ihren unterschiedlichen Feldkommandanten agieren, wurde im Jahr 2007 besonders bei den sich aus den lokalen St\u00e4mmen rekrutierenden Gruppierungen deutlich. Im Oktober 2007 sollen sich in diesen umk\u00e4mpften Stammesgebieten f\u00fcnf militante Gruppen zu einer Organisation mit dem Namen \"Tehrik-i Taliban\" (\"Bewegung der pakistanischen Taliban\") unter der F\u00fchrung von Baitullah MEHSUD aus dem s\u00fcdwazirischen Stamm der Mehsud zusammengeschlossen haben.19 Die salafitisch-djihadistische Ideologie hat sich mittlerweile aber verselbst\u00e4ndigt, sie ben\u00f6tigt nicht notwendigerweise einen strukturellen Rahmen in Form einer festen Organisation. Beispielhaft f\u00fcr diese Entwicklung ist ein Beitrag mit dem Titel \"Wie wirst du deine eigne Terrorzelle\", der in einem Internetforum eingestellt war. Der Autor, eigenen Angaben zufolge ein 19 Hassan Abbas, A Profile of Tehrike-i-Taliban Pakistan, in: CTC Sentinel Janaur 2008, vol. 1 Issue 2, S. 1-4. 29","erfahrener Djihad-K\u00e4mpfer, legt hier dar, dass es nicht notwenig sei, sich in ein Krisengebiet wie Tschetschenien, Afghanistan oder den Irak zu begeben, um ein Mudjahid und damit ein Glaubensk\u00e4mpfer zu werden. Auch die formale Anerkennung durch eine Organisation wie die \"al-Qaida\" oder die Bef\u00fcrwortung eines BIN LADIN sei keine Voraussetzung daf\u00fcr. Alles, was dabei von Interesse w\u00e4re, sei die Entschlossenheit, etwas f\u00fcr den Islam und die Muslime zu tun: \"Bilde deinen eigenen Kampftrupp und sei dadurch ein Mitglied in dieser Mission, ein Kampftrupp von vielen Kampftruppen der al-Qaida, die es \u00fcberall gibt. (....) Ist es aber notwendig, dass die al-Qaida dich als einer der ihren anerkennt, damit du ein Mudjahid wirst? Wenn die F\u00fchrung der al-Qaida get\u00f6tet w\u00fcrde, w\u00e4re dann der Djihad zu Ende? Die Antwort auf diese Fragen ist, dass es nicht notwen\"Baue deine dig ist Bin Laden zu treffen (....) und dass eine Anereigene kennung durch die al-Qaida nicht erfolgen muss (...) djihadistische Wie wirst du also ein Mudjahid dort, wo du lebst? Zelle\" (...) Versuche deine eigene djihadistische Zelle aufzubauen. Versuche andere Aufrichtige und zum Djihad Entschlossene wie du selbst in deiner Gegend oder deiner Moschee zu finden. Verst\u00e4ndige dich mit ihnen egal, wie viele ihr seid, einer, zwei, drei oder mehr. Bildet eine Zelle (...) Dann kauft Waffen und plant, beobachtet wichtige Ziele des Feindes und studiert sie. W\u00e4hlt euch eine Ziel aus, z.B. die T\u00f6tung eines amerikanischen Botschafters (...).\" 20 Neuere Untersuchungen21 weisen darauf hin, dass die meisten islamistischen Terroristen in Europa \u00fcberwiegend weder \u00fcber Kontakte zur \"alQaida\" noch zu anderen namhaften djihadistischen Organisationen oder Akteuren aus deren Umfeld verf\u00fcgten. Vielmehr handelte es sich bei den Gruppen, die in Europa Anschl\u00e4ge ver\u00fcbt oder aber geplant haben, stets um Personen mit derselben Gesinnung, die sich auf der Basis zuvor etablierter sozialer Netzwerke zusammengeschlossen haben. Die treibende Kraft war hier die Salafi-Djihadi-Ideologie, die zu einer Radikalisierung der betreffenden Personen f\u00fchrte und somit einen Katalysator darstellte, der schlie\u00dflich in konkrete Anschlagsplanungen m\u00fcndete. 20 Internetauswertung vom 3. September 2007; \u00dcbernahme wie im Original. 21 Zum Beispiel Edwin Bakker, Jihadi terrorists in Europe, Netherlands Institute of International Relations Clingendael, 2006. 30","Islamismus Bei dieser, sich \u00fcberwiegend autonom vollziehenden \"Selbstradikalisierung\", bei der zus\u00e4tzlich gruppendynamische Prozesse von Bedeutung sind, spielt auch die Verf\u00fcgbarkeit von entsprechendem Propagandamaterial eine entscheidende Rolle. Mittlerweile verbreiten nicht nur einschl\u00e4gige Terrorgruppen, die in der islamischen Welt operieren, Videofilme oder e-Books \u00fcber das Internet, sondern auch so genannte Unterst\u00fctzer sind auf lokaler Ebene sehr aktiv. Diese greifen djihadistisches Material auf und verarbeiten es in eigenst\u00e4ndigen Produktionen. Dar\u00fcber hinaus wird auch eine Flut von Schriften in europ\u00e4ische Sprachen \u00fcbersetzt oder auf andere Weise aufbereitet, um es in einem lokalen Kontext anzubringen. Auf derartige Internetressourcen k\u00f6nnen dann Anh\u00e4nger der salafitischen Lehre zur\u00fcckgreifen. In einer Propagandaschrift, die in deutscher Sprache in Umlauf gebracht wurde, wird beispielsweise dazu aufgefordert, die eigene Familie zu indoktrinieren: \"Erzieht eure Kinder dazu, den Djihad und diejenigen, die sich auf seinem Weg befinden zu lieben. Zu den Methoden, die eigene Familie zu Djihad zu erziehen, geh\u00f6ren: Lehre sie die Geschichte des Propheten (...) und die Schlachten, an denen der teilgenommen hat (...). Gebe ihnen Djihad-Cassetten/DVD's \u00fcber die Mudjahedin, so dass ihre Liebe und ihre Verbundenheit zu ihnen noch gr\u00f6\u00dfer wird. Erz\u00e4hle ihnen die Nachrichten und berichte \"Erziehe deine ihnen \u00fcber das Leben der Mudjahedin aus der VerKinder zum gangenheit und Gegenwart. H\u00f6re mit ihnen Djihad\" Audio's, die davor warnen, den Djihad zu unterlassen und von Themen handeln, die mit dem Djihad zu tun haben (M\u00e4rtyrertum, Fatwas).\" 22 3.2 \"Al-Djama'a al-Islamiya\" und \"al-Djihad al-Islami\" Die \"al-Djihad al-Islami\" (\"Der Islamische Djihad\") und die \"al-Djama'a alIslamiya\" oder \"al-Gama'a al-Islamiya\" (\"Die islamische Gemeinschaft\") haben sich Ende der 1970er Jahre als militante Str\u00f6mungen von der Bewegung der \"Muslimbruderschaft\" (MB) in \u00c4gypten abgespalten. In zahlreichen, zum Teil nur lose verbundenen Gruppen (Djama'at) und Zellen sammelten sich jene Anh\u00e4nger der MB, die sich zum Gro\u00dfteil in \u00e4gyptischen 22 \"39 M\u00f6glichkeiten den Jihad zu unterst\u00fctzen\"; \u00dcbernahme wie im Original. 31","Gef\u00e4ngnissen radikalisierten und die mit der Politik der Bewegung, die sich von Gewalt distanzierte, nicht l\u00e4nger einverstanden waren. Sie wollten gewaltsam die Machtverh\u00e4ltnisse in \u00c4gypten ver\u00e4ndern. Einer ihrer wichtigsten spirituellen F\u00fchrer ist der zu lebenslanger Haft in den Vereinigten Staaten verurteilte Scheich Umar Abd ar-RAHMAN. Er soll ma\u00dfgeblich an den Anschl\u00e4gen 1993 auf das World Trade Center in New York beteiligt gewesen sein. In den 1990er Jahren kam es zu einer Vielzahl von blutigen Anschl\u00e4gen, denen viele Menschen, darunter prominente \u00e4gyptische Politiker und Schriftsteller sowie Touristen zum Opfer fielen. 1997 und 1999 rief ein Teil der zwischenzeitlich inhaftierten Anh\u00e4nger der \"Al-Djama'a al-Islamiya\" einen Waffenstillstand aus. Die Gegner dieser Vereinbarung waren f\u00fcr die schrecklichen Anschl\u00e4ge gegen Touristen in Luxor im November 1997 verantwortlich, bei denen 62 Menschen get\u00f6tet wurden. Sie standen in enger Verbindung zur \u00e4gyptischen Gruppe \"al-Djihad al-Islami\", deren f\u00fchrende Mitglieder im Februar 1998 die Kriegserkl\u00e4rung von Usama BIN LADIN gegen die Vereinigten Staaten von Amerika unterzeichneten. Unter ihnen befand sich auch Ayman az-ZAWAHIRI, der heute als Stellvertreter BIN LADINs in der \"al-Qaida\" gilt. Mit diesem Zusammenschluss machte die zun\u00e4chst regional in \u00c4gypten aktive Gruppe jenen Schritt, der zu einer Internationalisierung der DjihadIdeologie und deren weltweiten Verbreitung f\u00fchren sollte. Gilt der \u00e4gyptische Zweig auch aufgrund des \u00f6ffentlich verlautbarten Gewaltverzichts als nicht mehr besonders schlagkr\u00e4ftig, so haben die militanten Anh\u00e4nger der Gruppe in den global agierenden Djihad-Gruppierungen neue Bet\u00e4tigungsm\u00f6glichkeiten gefunden. Zuletzt trat in der Internetpropaganda unter seinem \"Kampfnamen\" Abu Djihad al-MASRI ein vermeintlicher F\u00fchrer des besonders militanten Zweigs auf. Als Muhammad Khalil al-HAKAYMAH hat er sich 2006 zum Zusammenschluss mit \"al-Qaida\" bekannt. Er gilt auch als Autor eines Djihadhandbuchs, das besonders auf die Kommunikation zwischen den K\u00e4mpfern eingeht. 2007 hat er sich unter anderem im Mai zu Wort gemeldet und f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der \"Fatah alIslam\", einer militanten islamistischen Gruppierung, in pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlingslagern in Libanon geworben. Die K\u00e4mpfer dieser Gruppe lieferten sich \u00fcber Wochen blutige Auseinandersetzungen mit libanesi32","Islamismus schen Sicherheitskr\u00e4ften. Diese djihadistische Propaganda wies Dr. Nageh IBRAHIM, ein prominenter Sprecher der \"Djama'a Islamiya\", zur\u00fcck. Er bezeichnete in einem Fernsehinterview im September 2006 al-HAKAYMAH als niederrangiges Mitglied und machte die Unterschiede zwischen den Vorstellungen der \"alQaida\" und denjenigen seiner Organisation deutlich, die der Gewalt abgeschworen haben will. In Baden-W\u00fcrttemberg sind die \"al-Djihad al-islami\" und die \"al-Djamaa alislamiya\" durch Einzelpersonen vertreten. 3.3 Die Chronologie der Gewalt Die Bereitschaft zu islamistisch motivierten Anschl\u00e4gen und Gewalttaten Anschl\u00e4ge war im Jahr 2007 in djihadistischen Kreisen unver\u00e4ndert stark ausgepr\u00e4gt. weltweit So fielen im ersten Halbjahr in Algerien, im Irak, in Afghanistan, in Somalia und anderen Krisengebieten Hunderte von Menschen terroristischen Gewalttaten zum Opfer. Im Jahr 2007 war in Afghanistan ein Wiedererstarken der Talibankr\u00e4fte zu verzeichnen, was sich in Anschl\u00e4gen und in sich \u00fcber mehrere Wochen und Monate hinziehenden K\u00e4mpfen niederschlug, die nicht mehr nur auf die s\u00fcdlichen und s\u00fcd\u00f6stlichen Landesteile beschr\u00e4nkt blieben. Im Norden und in der Hauptstadt gerieten ab M\u00e4rz 2007 verst\u00e4rkt deutsche Polizisten, Soldaten und zivile Aufbauhelfer ins Visier terroristischer Gruppen. Am 8. M\u00e4rz wurde ein Bauingenieur aus Baden-W\u00fcrttemberg in der Provinz Sar-i-Pul erschossen. Am 19. Mai starben bei einem Selbstmordanschlag auf einem Markt in Kundus drei deutsche Soldaten. Am 18. Juli wurden zwei Deutsche entf\u00fchrt. Einer wurde von den Kidnappern get\u00f6tet, der andere kam nach wochenlanger Gefangenschaft am 11. Oktober frei. Am 15. August wurden drei deutsche Polizisten, einer von ihnen aus Karlsruhe, Opfer einer Sprengfalle. Ein weiterer Beamter kam aus Baden-Baden. Im Irak starben Tausende von Menschen infolge schwerer Anschl\u00e4ge. In den ersten neun Monaten sollen \u00fcber 20.000 Menschen der Gewalt zum Opfer gefallen sein.23 Erst in der zweiten Jahresh\u00e4lfte ging die Intensit\u00e4t der Anschl\u00e4ge zur\u00fcck. Die Lage besonders f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung blieb aber prek\u00e4r. Beispielhaft wird im Folgenden auf besonders schwere terroristische 23 URL: http://www.iraqbodycount.org vom 31. Oktober 2007. 33","Anschl\u00e4ge mit islamistischem Hintergrund hingewiesen: In der algerischen Hauptstadt Algier kam es am 11. April zu den seit langem folgenschwersten Anschl\u00e4gen. Bei der Explosion von zwei Autobomben im Regierungsviertel kamen 24 Menschen ums Leben, 160 wurden verletzt. In Gro\u00dfbritannien wurden in der Nacht zum und am Nachmittag des 29. Juni in London zwei mit Gasflaschen, Benzin und N\u00e4geln zu Autobomben umgebaute Autos entdeckt. Am 30. Juni rasten zwei Attent\u00e4ter mit ihrem Fahrzeug, das \u00e4hnlich pr\u00e4pariert war, in das Flughafengeb\u00e4ude in Glasgow. Dabei verletzte sich einer der beiden so schwer, dass er seinen Verbrennungen einen Monat sp\u00e4ter erlag. In der jemenitischen Provinz Marib starben am 2. Juli acht spanische Touristen und zwei jemenitische Begleiter bei einem Selbstmordanschlag in der N\u00e4he einer bekannten Ausgrabungsst\u00e4tte. In Pakistan kam es Anfang Juli rund um die Rote Moschee in Islamabad zu bewaffneten Auseinandersetzungen und der Besetzung der Moschee sowie der angegliederten Schule. In den Tagen vom 3. Juli bis zur St\u00fcrmung durch pakistanische Sicherheitskr\u00e4fte starben beinahe 200 Menschen, Hunderte wurden verletzt. Unter den Toten befand sich auch der Anf\u00fchrer des Aufstands, Abdul Rashid GHAZI. Nach der Erst\u00fcrmung meldete sich az-ZAWAHIRI mit einer Videobotschaft und rief zur Rache auf. In der Folge kam es zu weiteren Selbstmordanschl\u00e4gen gegen Einrichtungen der pakistanischen Sicherheitskr\u00e4fte. Aus der Serie von Gewalttaten, die im Irak begangen wurden, f\u00e4llt der Anschlag mit mehreren Fahrzeugen, darunter auch mindestens einem Lkw, am 14. August auf zwei D\u00f6rfer im Nordirak auf Grund seiner hohen Opferzahl von \u00fcber 500 Toten und der perfiden Durchf\u00fchrung besonders auf. Die koordinierten Selbstmordanschl\u00e4ge richteten sich gegen die religi\u00f6se Minderheit der Jeziden. Terrorpl\u00e4ne auch in Deutschland In Deutschland konnte ein Anschlag verhindert werden. In Oberschledorn/Nordrhein-Westfalen wurden am 4. September drei Verd\u00e4chtige festgenommen, denen vorgeworfen wird, mit Sprengstoff auf Wasserstoffperoxydbasis einen Anschlag oder mehrere Attentate im Bundesgebiet geplant zu haben. 34","Islamismus In Karachi/Pakistan starben am 19. Oktober bei einem der schwersten Anschl\u00e4ge in der pakistanischen Geschichte \u00fcber 140 Menschen und mehr als 450 Personen wurden verletzt. Der Selbstmordanschlag galt dem Konvoi von Anh\u00e4ngern Benazir Bhuttos, die die R\u00fcckkehr der Politikerin aus dem Exil feierten. Am 27. Dezember wurde Benazir Bhutto in Rawalpindi/Pakistan Opfer eines t\u00f6dlichen Anschlags nach einer Wahlveranstaltung. Dieses Attentat forderte \u00fcber 20 weitere Todesopfer und unz\u00e4hlige Verletzte. Zwei Wochen vor den Parlamentswahlen st\u00fcrzte dieser Mord Pakistan in eine seiner schwersten innenpolitischen Krisen. Im Jahr 2007 ist aufgrund der Entwicklungen in den bekannten Kriegsund Krisenregionen wie Afghanistan, Irak, Somalia, Tschetschenien, Pal\u00e4stina und Nordafrika die Gefahr islamistischer Terroranschl\u00e4ge nicht gesunken. Im Gegenteil zeigten die verhinderten und missgl\u00fcckten Planungen in Deutschland und Gro\u00dfbritannien sowie die Verhaftungen hier und in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, dass die Gefahr, die von islamistisch motivierten T\u00e4terkreisen ausgeht, unvermindert sehr hoch bleibt. 3.4 Islamistische Propaganda im Internet ProfessionalisieDie Ausbreitung islamistischer Angebote in allen Bereichen des Internets rung der hat sich weiterhin massiv fortgesetzt. Neben der gestiegenen Anzahl und Propaganda der medialen Qualit\u00e4t islamistischer Seiten hat sich inzwischen auch der deutschund t\u00fcrkischsprachige Anteil an islamistischen Internetdokumenten wie Propagandaschriften, Flash-Animationen und Videos deutlich erh\u00f6ht. Insbesondere Informationen aus dem Bereich der \"al-Qaida\" und aus den weltweiten Djihadregionen wie Tschetschenien haben dabei einen gro\u00dfen Anteil. Dabei steht vor allem die Verehrung t\u00fcrkischer \"M\u00e4rtyrer\" und Mudjahedin in den entsprechenden Kampfgebieten im Zentrum der t\u00fcrkischsprachigen Propaganda. Angesichts der gro\u00dfen in Deutschland lebenden t\u00fcrkisch sprechenden Bev\u00f6lkerungsgruppe stellt dies mittlerweile einen ernst zu nehmenden aktuellen Faktor der Verbreitung islamistischer Inhalte insbesondere bei t\u00fcrkischen Jugendlichen in der Bundesrepublik dar. Transnational agierende Djihadisten wie die der Ideologie der \"al-Qaida\" anh\u00e4ngigen Gruppierungen stellen weiterhin den Gro\u00dfteil der Produzenten islamistischer Internetpublikationen und beeinflussen somit stark die islamistische Szene im virtuellen Raum. Auf einschl\u00e4gigen Webseiten, Foren 35","und neuerdings in gro\u00dfem Ma\u00dfstab auf so genannten Blogger-Angeboten dieser Szene finden sich vor allem die Downloadm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Videound Audiodokumente, antiwestliche sowie antisemitische Hetzschriften GSPC wird sowie umfangreiche dogmatische und religi\u00f6se Texte. Derartige grundleZweigstelle gende Texte sind nicht minder gef\u00e4hrlich als kurzzeitig medial beachtete von \"al-Qaida\" audiovisuelle Produktionen, da sie viel l\u00e4nger unauff\u00e4llig wirken und weit umfangreicher und l\u00e4ngerfristiger im Internet pr\u00e4sent sind. Der Schwerpunkt der Video-Propaganda liegt hier weiterhin in der Darstellung von Erfolgen der Mudjahedin im Irak und in Afghanistan gegen\u00fcber den USStreitkr\u00e4ften und ihren regionalen Verb\u00fcndeten. Eine neue Entwicklung ist das qualitativ hochwertige audiovisuelle Angebot der in Algerien agierenden fr\u00fcheren \"Salafitischen Gruppe f\u00fcr Mission und Kampf\" (GSPC24), die sich seit Anfang 2007 \"alQaida im islamischen Maghreb\" nennt. Hier werden neben Verlautbarungen des F\u00fchrers der Gruppe Anschl\u00e4ge in allen Stufen, das hei\u00dft Auskundschaften des Anschlagsziels, Anschlagsvorbereitung beziehungsweise das Vorbereiten des Sprengsatzes, der Anschlag selbst und im Nachgang die so genannten Testamente der Attent\u00e4ter (= Stellungnahmen zu ihren Motiven) im Detail aufgezeigt. Intensivierung Bei der visuellen Dokumentation von Anschl\u00e4gen und T\u00f6tungen wird die der Propaganda mediale Wirkung durch den Einsatz oft mehrerer moderner und fest fixierter Digitalkameras beziehungsweise Fotohandys aus mehreren Blickwinkeln mit hoch aufl\u00f6senden Bildern weiter verbessert. Besonders so genannte sniper (d.h. Scharfsch\u00fctzen)-Videos, bei denen amerikanische Soldaten vor laufender Kamera erschossen werden, sind weiterhin ein Element zur Verbreitung von Angst und Schrecken bei westlichen Betrachtern und besonders bei den amerikanischen Truppen im Irak. Seit 2006 hat sich ein deutschsprachiger Ableger der seit Jahren im Internet bis heute weitgehend unerkannt agierenden \"Globalen Islamischen Medienfront\" (GIMF) besonders hervorgetan. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, wesentliche Texte und Videos von Djihadisten auf Deutsch zu \u00fcbersetzen oder mit deutschen Untertiteln zu versehen. Neben der Bereitstellung von ideologischen Abhandlungen und Indoktrinationsschriften haben es sich die Autoren dieser Web-Blogs zur Aufgabe gemacht, bereits 24 \"Groupe salafiste pour la Predication et le Combat\". 36","Islamismus vorhandenes Video-, Bildund Audiomaterial in aufw\u00e4ndig gestalteten Flash-Animationen zu verarbeiten. Sehr h\u00e4ufig wird auch digitales Material, das aus anderen Quellen stammt, aus seinem urspr\u00fcnglichen BedeutungsInternetbanner der GIMF zusammenhang herausgerissen und f\u00fcr propagandistische Zwecke der Djihadisten verwendet. Im M\u00e4rz 2007 konnte die Propaganda-Zelle durch ein selbst produziertes Video gro\u00dfe Aufmerksamkeit erzielen. Darin wurden die deutsche und \u00f6sterreichische Bundesregierung aufgrund ihres jeweiligen Engagements in Afghanistan zum ersten Mal unmittelbar bedroht. Mehrere Personen dieser Propagandazelle konnten am 12. September 2007 in Wien verhaftet werden. Jedoch selbst danach wurden Webangebote der deutschen GIMF sporadisch im Internet platziert. Ein weiteres Video der Gruppe vom November 2007 konnte jedoch nicht an die mediale Beachtung des Vorl\u00e4ufers ankn\u00fcpfen. 3.5 Erstellung und Verbreitungswege islamistischer Internetpropaganda Neben der quantitativen Zunahme des Propagandamaterials ist auch weiterhin ein hohes Ma\u00df an Professionalit\u00e4t bei der Erstellung des Materials selbst festzustellen. Die Gruppen im Irak, in Afghanistan und in weiteren Regionen unterhalten jeweils eigene \"Medienabteilungen\", wie \"al-Fajir\" und \"alFurqan\", die sie als alternative Informationskan\u00e4le und somit als Gegengewicht zu der von ihnen als zensiert und einseitig wahrgenommenen Berichterstattung westlicher und insbesondere amerikanischer Nachrichtenagenturen betrachten. Durch die Nutzung einer Vielzahl kostenloser Filesharing-Angebote25 werden entsprechende Dokumente vielfach redundant im Internet zum Download platziert und \u00fcber eine Vielzahl von Schnittstellen und Kontaktpersonen in anderen Sektionen des Internets gestreut, um sie Propaganda auch einem gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Zuschauerkreis zug\u00e4nglich zu machen. \u00dcber bekannin bekannten te Videoportale wird inzwischen islamistische Propaganda in un\u00fcberschauVideoportalen barer Menge unbehindert verbreitet. 25 Hierbei werden weitestgehend anonym gr\u00f6\u00dfere Audio-, Videooder Text-Dokumente kostenlos zum Download bereitgestellt. 37","Aufgrund von massiven Hinweis-Kampagnen diverser Internetaktivisten konnte in der zweiten Jahresh\u00e4lfte die Verbreitung islamistischer Internetpropaganda \u00fcber US-Anbieter zumindest teilweise erschwert werden, da einige Filesharing-Anbieter bei Bekanntwerden einer Download-Adresse auf ihren Servern diese sofort sperrten. Aufgrund der erw\u00e4hnten Redundanz gelangen aber weiterhin alle wesentlichen Verlautbarungen an ihren Adressatenkreis. Mittlerweile gelang es dem F\u00fchrungskader der \"al-Qaida\" sein eigenes \"Medienlabel\" \"AsSahab-Media\" dauerhaft in den djihadistischen Informationskan\u00e4len zu etablieren. \"As-SahabMedia\" produzierte 2007 eine ganze Anzahl Propagandavideos mit \"al-Qaida\"-F\u00fchrern sowie \u00fcber die K\u00e4mpfe gegen die internationalen Einsatztruppen in Afghanistan und den angrenzenden pakistanischen Provinzen. Tendenziell schien \"As-Sahab-Media\" und damit auch \"alQaida\" zunehmend darauf bedacht zu sein, ein internationales nichtmuslimisches Publikum anzusprechen, da ein Gro\u00dfteil des neuen Videomaterials \"al-Qaida\" mit englischsprachigen Untertiteln in Umlauf gebracht wurde. Besonderes unterh\u00e4lt eigenes Aufsehen be-wirkte man mit der Verbreitung eines Videos und weiterer \"Medienlabel\" Audio-Botschaften von BIN LADIN im Umfeld des 6. Jahrestages zu den Anschl\u00e4gen in New York und Washington (11. September 2001), die nach fast zweij\u00e4hriger medialer Abstinenz keinen Zweifel an dessen Existenz aufkommen lie\u00dfen. Inzwischen ist eine Vielzahl von eindeutig extremistischen, aber auch islamistisch unterwanderten, teilweise passwortgesch\u00fctzten Foren entstanden, \u00fcber die weltweit angesiedelte Sympathisanten miteinander kommunizieren. Die einschl\u00e4gigen islamistischen arabischsprachigen Internetforen sind dabei das zentrale Austauschmedium f\u00fcr Fundstellen von Gewaltfilmen und Tondokumenten. Zus\u00e4tzlich wird t\u00e4glich eine gro\u00dfe Anzahl von Verlautbarungen djihadistischer Gruppierungen aus allen regionalen Djihad-Kampfgebieten wie dem \"Islamischen Emirat Afghanistan\" der Taliban auch in europ\u00e4ischen Sprachen ver\u00f6ffentlicht und in diversen bekannten Foren gestreut. Zus\u00e4tzlich versuchen einzelne Gruppierungen, ihre eigenen Websites im Netz zu etablieren. Neu hinzugekommen sind dabei so genannte Web-Blogs, bei denen tagebuchartig Verlautbarungen aus allen Bereichen des Islamismus aktuell verbreitet werden. Dar\u00fcber hinaus gibt es eine mittlerweile un\u00fcberschaubare Anzahl von so 38","Islamismus genannten Unterst\u00fctzerseiten f\u00fcr die Sache der Mudjahedin. Auf ihnen wird im Internet kursierendes Material systematisch gesammelt und geordnet. Auf diese Weise kann sich beispielsweise jeder Interessierte \u00fcber das Leben der im Djihad gefallenen \"M\u00e4rtyrer\" und deren Motivation informieren. Die Rekrutierung von potenziellen Mudjahedin erfolgt in der Regel \u00fcber bestimmte Internetseiten, die f\u00fcr den weltweiten Djihad Werbung betreiben. Hierbei spielt die Verehrung und Pflege des M\u00e4rtyrerwesens eine herausragende Rolle. Hunderte von M\u00e4rtyrerlebensl\u00e4ufen finden in der islamistischen Szene Verbreitung und sollen dazu dienen, die Schrecken des Todes herunterzuspielen und andere dazu zu animieren, es ihren Vorg\u00e4ngern gleich zu tun. 4. Islamistischer Extremismus Neben den salafitischen Str\u00f6mungen und den davon abgeleiteten djihadistisch-terroristischen Formen des Islamismus gibt es viele weitere Organisationen und Bewegungen, in denen islamistische Vorstellungen akzeptiert und verbreitet werden. Das Spektrum reicht von Bewegungen bis hin zu konkreten Vereinen oder Parteien, die spezifische Ziele regional oder auch weltweit verfolgen. Dabei schw\u00f6ren die im Folgenden beschriebenen Strukturen zwar im \u00f6ffentlichen Diskurs der Gewaltanwendung ab. Sie verfolgen aber Ziele, die sich bei genauerer Analyse als antidemokratisch herausstellen. Problematisch ist bei einigen der Organisationen, dass sie zum Teil \u00fcber bewaffnete Milizen verf\u00fcgen und Gewaltanwendung in der politischen Auseinandersetzung nicht grunds\u00e4tzlich ausschlie\u00dfen. Islamistischer Extremismus artikuliert sich zunehmend in deutscher Sprache und wird von deutschsprachige Deutschen gest\u00fctzt. Dies macht die immer noch steigende Zahl und VerPropaganda breitung von deutschsprachigem Propagandamaterial deutlich. 4.1 \"Tabligh-i Jama'at\" (\"Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndung und Mission\") Die von Maulana Muhammad ILIYAS (1885 bis 1944) 1927 in Indien ins Leben gerufene Bewegung verfolgte seinerzeit das Ziel, den Islam als gesellschaftliche Gr\u00f6\u00dfe wieder im Leben der dortigen Muslime zu verankern, die in einem hinduistisch gepr\u00e4gten Umfeld in Indien eine Minderheit darstellten. Diesem Schritt war eine kritisch anmutende Bestandsaufnahme der damaligen Lage der Muslime voraus gegangen. Ihnen hatte man zur Last gelegt, ihre islamische Identit\u00e4t in einem hinduistisch und westlich beein39","flussten Milieu verloren zu haben. Daher m\u00fcsse man sich, so die Argumentation der Bewegung von ILIYAS, wieder auf die Vorbilder der fr\u00fchen Muslime zur\u00fcckbesinnen, die f\u00fcr eine korrekte islamische Lebensf\u00fchrung Ma\u00dfst\u00e4be verbindlich festgelegt h\u00e4tten. Insbesondere die Scharia, das islamische Gesetz, soll dabei erneut zu einer bestimmenden Kraft in allen Lebensbereichen des Menschen erhoben werden: \"\u00dcber Jahrhunderte hindurch haben sie [sc. die Muslime] auf dieser Erde mit solcher Erhabenheit und St\u00e4rke geherrscht, dass keine zeitgen\u00f6ssische Macht den Mut hatte, sie herauszufordern, und wenn sie es dennoch taten, dann unter dem Risiko R\u00fcckkehr zur der v\u00f6lligen Ausl\u00f6schung (...) Aber leider wurde urspr\u00fcnglichen diese historische Tatsache ein Mythos, eine alte Gr\u00f6\u00dfe Geschichte, die man sich erz\u00e4hlt und die bedeutungslos und l\u00e4cherlich erscheinen mag, ganz besonders im Zusammenhang mit dem aktuellen Leben der Muslime (...) Die muslimische Jugend der neuen Generation, die von den so genannten modernen Trends der westlichen Lebensart beeinflusst wurde, macht sich eine Freude daraus, die Ideale des Islams zu verspotten und das heilige Gesetz der Scharia als unmodern und unpraktikabel offen zu kritisieren.\" 26 Um als islamisch betrachtete Werteund Ordnungsvorstellungen erfolgreich zu revitalisieren, bedienen sich die Anh\u00e4nger der \"Tabligh-i Jama'at\" einer Strategie der \"inneren Mission\" (da'wa/Tabligh). Hierbei wird jedoch im Gegensatz zu anderen islamistischen Str\u00f6mungen dem einzelnen Individuum sehr viel mehr Eigenverantwortung abverlangt. Denn um den oben skizzierten Glaubensma\u00dfst\u00e4ben entsprechen zu k\u00f6nnen, sei es analog den Verk\u00fcndungen der Propheten f\u00fcr alle Gl\u00e4ubigen eine Verpflichtung, in einer Art \"kollektiver Mission\" den \"wahren Islam\" zu verbreiten. F\u00fcr das konkrete Vorgehen bei der Missionsarbeit wurde schon fr\u00fch in der Geschichte der Bewegung ein Phasenmodell f\u00fcr die beteiligten Missionare entworfen, das bis heute G\u00fcltigkeit beansprucht und wie vor siebzig Jahren mittlerweile auch in Deutschland praktiziert wird. Zun\u00e4chst sollen kleine Gruppen gebildet werden, die dann in ihrer jeweiligen Umgebung im Einzugsgebiet einer Moschee zu gemeinsamen Gebeten und religi\u00f6ser Unter26 Ehtesam-ul-Hasan Kandhalvi, Muslim degeneration and its only remedy, S. 4f.; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 40","Islamismus weisung aufrufen sollen. Ziel ist es, weitere Aktivisten zu rekrutieren, die dann ihrerseits wieder Gruppen bilden sollen. Auf diese Weise wird eine graduell voranschreitende Bewegung ins Leben gerufen, die im Idealfall alle gesellschaftlichen Kreise erfassen soll. Von gro\u00dfer Bedeutung ist hierbei, dass die einzelnen Aktivisten im Rahmen ihrer Missionst\u00e4tigkeit nicht ihrem normalen Leben entsagen sollen. Vielmehr wird in der Regel nur an einigen Tagen im Monat ein pers\u00f6nlicher Einsatz bei der Mission erwartet. Mit zunehmender Einbindung der Aktivisten werden dann auch l\u00e4ngere Missionsreisen am St\u00fcck empfohlen. Man k\u00f6nnte hier durchaus von einer Islamisierung von unten sprechen, da letztendlich der Erfolg vom pers\u00f6nlichen Aktivismus Einzelner abh\u00e4ngig gemacht wird. Analog zu ihrer T\u00e4tigkeit im asiatischen Teil der Erde betreibt die \"Tabligh- i Jama' a t\" in Europa und Deutschland \u00fcberwiegend eine \"innere Mission\". Weltweit hat sie mittlerweile mehrere Millionen Anh\u00e4nger, wenn auch ihre nur schwach ausgebildeten Strukturen eine feste Zuschreibung von Personen an die Bewegung erheblich erschweren. In Deutschland sind umherziehende Gruppen bekannt, die mit der Unterst\u00fctzung lokaler Vereine und Organisationen von Moschee zu Moschee wandern. Dortige Muslime sollen zum einen aufgerufen werden, den \"wahren Islam\" gem\u00e4\u00df den schariatischen Vorgaben zu praktizieren; zum anderen sollen sie mobilisiert werden, sich selbst aktiv am Missionierungsprozess zu beteiligen. Doktrin\u00e4re Unsch\u00e4rfen und konfessionelle Differenzen der Beteiligten treten hier zun\u00e4chst in den Hintergrund, da die Bewegung ihrem strategischen Ziel entsprechend jedermann offen stehen soll. Wenn auch bisweilen nur schemenhaft angedeutet, handelt es sich bei den Tablighis ideologisch betrachtet um eine salafitische Bewegung, da hier beim Islamverst\u00e4ndnis ganz bewusst ein zeitlicher Bezugsrahmen gew\u00e4hlt wird, der auf einer fiktiven Anlehnung an die \"edlen Vorfahren\" (al-Salaf alSalih) d.h. die ersten Muslime basiert. Dar\u00fcber hinaus spielen bei der damit einhergehenden Weltsicht antiwestliche Feindbilder eine gewisse Rolle, da indirekt als unislamisch angesehene Werte f\u00fcr die empfundene Degeneration der Muslime verantwortlich gemacht werden. Als problematisch f\u00fcr eine definitive Einsch\u00e4tzung der Bewegung erweisen sich allerdings die nur sp\u00e4rlich vorhanden Schriften der \"Tabligh-i Jama'at\". Die Organisation verzichtet auch g\u00e4nzlich auf eine mediale Pr\u00e4senz im Internet. Deshalb werden Tablighi-Anh\u00e4nger immer wieder mit Anfeindungen konkurrierender salafitischer Richtungen konfrontiert. Ihnen wird zur Last gelegt, keine richtige Glaubensdoktrin zu haben, was schlie\u00dflich zu fehlerhaftem und damit unislamischem Verhalten f\u00fchren w\u00fcrde. Die \"Tabligh-i Jama'at\" verf\u00fcgt als Bewegung auch \u00fcber kein Netzwerk anerkannter religi\u00f6ser Autorit\u00e4ten, die 41","sich \u00fcber \u00f6ffentliche Kan\u00e4le zu religi\u00f6sen Fragen \u00e4u\u00dfern. Diese Kritik wird jedoch von den Tablighis ganz bewusst in Kauf genommen, da die Bewegung betont apolitisch in Erscheinung tritt und - soweit ersichtlich - im Rahmen ihrer Missionsarbeit innerislamische Reibungen vermeiden will. Das strategische Ziel besteht darin, weitreichende Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft zu erreichen, indem man m\u00f6glichst breit gef\u00e4cherte islamisch gepr\u00e4gte Personenkreise mit einbindet. 4.2 \"Islamisches Informationszentrum Ulm\" (IIZ) Beim \"Islamischen Informationszentrum Ulm\" (IIZ), das fr\u00fcher enge Verbindungen zu dem zwischenzeitlich verbotenen \"Multikulturhaus\" (MKH) in Neu-Ulm unterhalten hatte, handelte es sich um einen eigenst\u00e4ndigen Sammelbecken Verein. Im Zuge der Vereitelung der Terroranschl\u00e4ge der im Sauerland festvon salafistischen genommenen Gruppe27, die auch personelle Bez\u00fcge zum IIZ aufwies, hat Aktivisten sich der Verein im Oktober 2007 selbst aufgel\u00f6st und kam damit einem Verbotsverfahren zuvor. Das IIZ verfolgte seit seiner Gr\u00fcndung im Jahre 1999 nach eigenen Bekundungen das Ziel, den Islam in seiner unverf\u00e4lschten Form zu vermitteln. Im Zentrum seines Bet\u00e4tigungsfeldes stand eine Propagandaarbeit (Da'wa), die insbesondere auf die Konvertierung von NichtMuslimen ausgerichtet war. Der Verein entfaltete im Laufe der Zeit einen regen Aktivismus, wodurch sein Wirkungskreis auch weit \u00fcber den regionalen Raum hinausreichte. Hierbei agierte er zwar weitestgehend autonom, lehnte sich aber in seiner ideologischen Grundhaltung an ein salafitisch gef\u00e4rbtes Islamverst\u00e4ndnis an, das an aus Saudi-Arabien kommende Islamauslegungen ankn\u00fcpfte. IIZ-Aktivisten verteilten regelm\u00e4\u00dfig ins Deutsche \u00fcbersetzte Propagandaschriften, die offensichtlich in Zusammenarbeit mit einem auf der arabischen Halbinsel ans\u00e4ssigen Propagandab\u00fcro erstellt worden waren. Denn in intensive diesen Publikationen wurde auf zwei einschl\u00e4gige, damals noch aktive InterPropagandaarbeit netadressen des IIZ verwiesen. In f\u00fcr salafitische Kreise typischer Manier wird in einer dieser Schriften eine integralistische Islamauslegung kolportiert, die den Islam weder auf den privaten Bereich beschr\u00e4nkt noch anderen Glaubensund Gesellschaftssystemen einen gleichberechtigten Handlungsund Entfaltungsspielraum beimisst. Vielmehr soll der Islam explizit alle Lebensbereiche des menschlichen Daseins auf individueller, staatlicher, wirtschaftlicher und kultureller Ebene durchdringen und als bestimmende Kraft dominieren: \"Die islamische Religion umfasst alle Angelegenhei27 Siehe Kap. B Ziff. 3.3. 42","Islamismus ten des Lebens. Sie enth\u00e4lt Systeme und Gesetzgebungen in vielen Bereichen, wie: Leben und arbeiten in der Gesellschaft, Krieg, Heirat, Wirtschaft, Politik, Ibadat 28 usw. Die gesamte Menschheit ist nicht in der Lage, solch eine vorbildliche und ideale islamische Gesellschaft zustande zu bringen. Und je weiter die Gesellschaften von diesen Gesetzgebungen und Systemen entfernt sind, desto mehr versinken sie in unmoralischen Verhaltensweisen.\" 29 Ein Hauptmerkmal der hier vertretenen Islamauslegung enth\u00e4lt auch die Forderung nach der uneingeschr\u00e4nkten Anwendung des islamischen Gesetzes (Scharia). In Form eines religi\u00f6sen Etatismus wird Gott als der einzig zul\u00e4ssige Souver\u00e4n erachtet, dem jegliche legislative Autorit\u00e4t zust\u00fcnde: \"Unter den Verpflichtungen, die das Bekenntnis (zum islamischen Monotheismus) zur Folge hat, ist auch das Recht Allahs darauf, allein Gesetze und Anordnungen zu erlassen, die sich mit Gottesdienst, Behandlung der einzelnen Personen oder der Gemeinschaft, mit Erlaubtem und Verbotenem befassen, und die auch dem Propheten gezeigt wurden.\" 30 Dass die hier anvisierte Implementierung islamischer Ordnungsvorstellungen auch Gesetze und Bestimmungen enthalten, die in keiner Weise mit Menschenrechten wie der Menschw\u00fcrde oder der k\u00f6rperlichen Unversehrtheit in Einklang gebracht werden k\u00f6nnen, zeigt folgende Textpassage: \"Die Strafe f\u00fcr Diebstahl ist das Abtrennen der Hand (...) Die islamische Gesetzgebung (Scharia) hat einen allgemeinen fundamentalen Grundsatz als Ma\u00df f\u00fcr die Strafarten vorgeschrieben. Allah sagt: Die Vergeltung f\u00fcr eine b\u00f6se Tat ist etwas gleich B\u00f6ses. (...) In diesem Zusammenhang darf sich jeder fragen: sind die Strafen, die der Islam bestimmt, bei der Realisierung des beabsichtigten Ziels erfolgreicher als die anderen, welche die Menschen bestim28 Gemeint sind rituelle Pflichten gegen\u00fcber Gott. 29 Abdur-Rahman A. Al-Sheha, Botschaft des Islam, Riyadh 2004, S. 112. 30 Ebd., S. 54. 43","men, oder nicht? Letztere, kann man leicht merken, helfen nur bei der weiteren Verbreitung der Verbrechen. Das defekte K\u00f6rperglied muss amputiert werden, damit der Rest des K\u00f6rpers gesund bleibt!\" 31 Neben derartigen Aufforderungen zu einer Strukturierung der geltenden sozio-politischen Ordnung nach islamischen Ma\u00dfgaben, die sich bestenfalls noch als Aufruf zur Schaffung paralleler Rechtsstrukturen beschreiben lassen, fanden sich bis zuletzt in dem vereinseigenen Sprachrohr des IIZ immer wieder Beitr\u00e4ge, die, wie in salafitischen Kreisen \u00fcblich, auf die Schaffung konkreter Freund-Feind-Denkmuster hinweisen. In einer Ausgabe der Zeitschrift \"Denk mal islamisch\" (DmiZ)32 stellt ein anonym schreibender Verfasser fest, dass es wohl nur noch eine Frage der Zeit sei, bis sich \"die Muslime in Deutschland \u00f6ffentlich durch Merkmale wie ein gelbes Zeichen auf einer Armbinde kennzeichnen m\u00fcssen.\" An anderer Stelle spricht der Autor sogar von einer \"versteckten Rassenverfolgung\" und von \"ethnischen S\u00e4uberungen\". Die Beh\u00f6rden (in Deutschland), so wird weiter ausgef\u00fchrt, w\u00fcrden \"\u00c4ngste und Hass unter der Bev\u00f6lkerung sch\u00fcren\". Nur weil Deutschland keine Truppen in den Irak gesandt habe, hei\u00dfe das nicht, dass dieses Land nicht in diesen Kampf eingetreten sei. Deutschland sei Teil \"im Kampf gegen den Islam\". Die \"deutsche Regierung sei Diener der Kriegsherren\". Das gesch\u00fcrte Feinbild \"Westen\" wird mit gegenw\u00e4rtigen Krisenregionen in der islamischen Welt in Verbindung gebracht. Die westlichen L\u00e4nder br\u00e4chten weder dem Irak noch Afghanistan noch sonst einem Land Freiheit und Gerechtigkeit, da sie n\u00e4mlich selber keine h\u00e4tten. Als Beleg daf\u00fcr wird ein beliebter Vers aus dem Koran angef\u00fchrt, der beweisen soll, dass die Muslime schon zur Zeit des Propheten vor den Juden und Christen gewarnt wurden: \"Mit dir werden weder die Juden noch die Christen zufrieden sein, bis du ihrem Bekenntnis folgst.\" Kann diese religi\u00f6s unterlegte \"D\u00e4monisierung des Feindes\", die sich in der einseitigen Darstellung des Leides der islamischen Welt als vom Westen verursacht niederschl\u00e4gt, schon auf internationaler Ebene zu schweren Zerw\u00fcrfnissen im Rahmen der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung f\u00fchren, so richten sie auf gesellschaftlicher Ebene umso gr\u00f6\u00dferen Schaden an. Die Stigmatisierung breiter gesellschaftlicher Gruppen als \"feindselig\", weil unislamisch, geht fast immer mit isolationistischen Tendenzen einher. Daraus resultiert nicht nur das Infragestellen des politischen Systems, sondern auch die \u00c4chtung der eigenen Bev\u00f6lkerung, die zu hassen als eine gottesgef\u00e4llige Tat erschei31 Ebd., S. 120ff.; \u00dcbernahme wie im Original. 32 DmiZ, Ausgabe 22, S. 1ff. 44","Islamismus nen muss. Neuere empirische Studien33 weisen explizit darauf hin, dass insbesondere Vereine und Moscheen, in denen salafitische Glaubensauslegungen vorherrschend sind, \"religi\u00f6se Brutst\u00e4tten\" f\u00fcr Radikalisierungsprozesse darstellen. Die extreme Intoleranz und Feindseligkeit gegen\u00fcber Andersdenkenden und anderen Religionsgemeinschaften sei nicht nur eine Kerndoktrin des Wahhabismus, wie sie von zeitgen\u00f6ssischen Rechtsgelehrten aus Saudi-Arabien vertreten wird, sondern bilde auch, indem sie die Schwelle zur Gewalt herabsetzt, die religi\u00f6se Grundlage der Salafi-Djihadi-Ideologie, die zum gewaltsamen Vorgehen gegen die \"Feinde des Islam\" aufruft. Vergleichbare Entwicklungen lassen sich auch in Retroperspektive im IIZ ausmachen, wo einzelne Aktivisten immer wieder ins djihadistische Spektrum abgeglitten waren. Auch die Radikalisierung der mit dem IIZ in Verbindung stehenden Beteiligten der zuletzt vereitelten Terroranschl\u00e4ge kann nicht losgel\u00f6st von dem sie umgebenden ideologischen Umfeld betrachtet werden. 4.3 \"Die Muslimbruderschaft\" (MB) und ihre nationalen Ableger Untrennbar von der Entwicklung des modernen Islamismus im letzten Jahrhundert ist bis heute die \"Muslimbruderschaft\" (MB). Urspr\u00fcnglich eine vom Grundschullehrer Hassan al-BANNA34 1928 in \u00c4gypten ins Leben gerufene Laienbewegung, die sich prim\u00e4r gegen die damalige britische Kolonialmacht richtete, wurde das ideologische Konzept \u00fcber Jahrzehnte hinweg erg\u00e4nzt und verfeinert. Die MB hatte damit ma\u00dfgeblichen Einfluss Vordenker auf viele sp\u00e4ter auftretende islamistische Organisationen und Bewegungen. der MB waren Sowohl in Algerien und Tunesien als auch in Pal\u00e4stina und weiteren arabiV\u00e4ter des schen Staaten des Vorderen Orients sind in den 1980er Jahren regionale Islamismus Ableger der \u00e4gyptischen MB entstanden. Als Reaktion auf lokale Gegebenheiten entwickelten sie dabei regionale Eigenheiten. So entstand beim pal\u00e4stinensischen Zweig ein eigener militanter Arm, der f\u00fcr zahlreiche Anschl\u00e4ge auf israelische Ziele verantwortlich ist. In Baden-W\u00fcrttemberg engagieren sich Einzelpersonen mit entsprechendem regionalem Hintergrund f\u00fcr die Ziele der Organisationen. Der aktuelle Entwicklungsstand in der ideologischen Auspr\u00e4gung der heutigen \u00e4gyptischen MB wird durch deren Entwurf aus dem Jahr 2007 f\u00fcr ein 33 Zum Beispiel New York Police Department Intelligence Division, Redicalization in the West: The homegrown threat, 2007. 34 1906-1949. 45","Internetbanner der \"Muslimbruderschaft\" Parteiprogramm transparent. Der Entwurf ist ganz auf die Gr\u00fcndung eines Staatswesens, in dem Gott als oberster Souver\u00e4n betrachtet wird, und die Abkehr vom zivilrechtlichen Staat ausgerichtet. So hei\u00dft es darin, \"dass die Prinzipien der Scharia die Hauptquelle f\u00fcr die Gesetzgebung\" (al-Masdar arra'isi lit-tashri') darstellten und \"als vollkommener Weg (minhadj mutakamil), der alle Lebensbereiche ordnet\", erachtet w\u00fcrden.35 Ein Rat von islamischen Rechtsgelehrten (Madjlis al-'Ulama) soll gebildet werden, der jedes Gesetz auf seine Vereinbarkeit mit dem islamischen Recht der Scharia hin \u00fcberpr\u00fcft, was zu einer drastischen Einschr\u00e4nkung der Legislative f\u00fchren w\u00fcrde. Oberste Verpflichtung des Pr\u00e4sidenten sei es, die \"Islamische Nation\" (Umma) zu verteidigen. Frauen und Christen werden von der Kandidatur f\u00fcr das Pr\u00e4sidentschaftsamt ausgeschlossen. Christen sei es unm\u00f6glich, die Religion zu verstehen, mit welcher sie regieren m\u00fcssten. Die Frauenfrage wird unter der Rubrik \"Rechtsverfahren und Probleme\" abgehandelt: \"Frauen sollen keine Pflichten aufgeb\u00fcrdet werden, die ihrer nat\u00fcrlichen Rolle in der Familie widersprechen\". Im Abschnitt zum Thema Wirtschaft wird die Abschaffung der B\u00f6rse und aller verzinslicher Bankkonten gefordert, ohne dabei alternative Anlagem\u00f6glichkeiten zu er\u00f6rtern. Die Ver\u00f6ffentlichung des Entwurfs f\u00fcr ein neues Parteiprogramm der MB l\u00f6ste in \u00c4gypten heftige Kontroversen aus. Auch mit der MB sympathisierende Kommentatoren f\u00fcgten zahlreiche Kritikpunkte an, besonders zur uneingeschr\u00e4nkten Machtstellung des \"Rates der Rechtsgelehrten\". Im Februar 2007 wurden etwa 80 Mitglieder der MB von \u00e4gyptischen Sicherheitskr\u00e4ften festgenommen. Fast 40 mutma\u00dfliche Financiers der MB mussten sich vor einem Milit\u00e4rgericht verantworten, darunter auch Vertreter des internationalen Zweigs der MB wie der Pr\u00e4sident der \"Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD) Ibrahim el-ZAYAT.36 Den Angeklagten wird vorgeworfen, zur Durchsetzung ihrer Ziele 35 Parteiprogramm der MB 2007, hier und im Folgenden der Website der \u00e4gyptischen Zeitung al-Masry alYoum entnommen, Internetauswertung vom 18. Oktober 2007. 36 Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Februar 2007; Website der \"Muslimbruderschaft\" vom 12. Februar 2007. 46","Islamismus terroristische Methoden zu nutzen. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. 4.3.1 \"Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD) Gr\u00fcndung: 1982 Hauptsitz: M\u00fcnchen Mitglieder: ca. 180 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 190) ca. 1.300 Bund (2005: ca. 1.300) Publikation: \"Al-Islam\", (bis 2003 in gedruckter Version), seither Ver\u00f6ffentlichungen in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden auf eigener Homepage. Seit M\u00e4rz/April 2006 erscheint sie viermal im Jahr online f\u00fcr Abonnenten. deutscher Ableger der MB Die \"Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD) ist eine einflussreiche sunnitische Organisation arabischer Islamisten in Deutschland, die seit 1960 besteht. Ihr Hauptsitz ist M\u00fcnchen. Ein in Stuttgart bestehendes \"Islamisches Zentrum\" (IZ) wurde auf der IGD-eigenen Homepage unter \"Islamische Zentren der IGD\" aufgef\u00fchrt (Stand: 10. Januar 2006).37 Seit Mitte 2006 wird das IZ Stuttgart unter derselben Rubrik als \"Kooperationspartner der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" bezeichnet.38 Eigenen Angaben der IGD zufolge steht dar\u00fcber hinaus in BadenW\u00fcrttemberg noch der \"Verein f\u00fcr Dialog und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung e.V.\" in Karlsruhe in Koordination mit der IGD. Seit 2002 wurden juristische und organisatorische Umstrukturierungen get\u00e4tigt. In Baden-W\u00fcrttemberg ist die IGD im \"Zentralrat der Muslime in Baden-W\u00fcrttemberg\" vertreten. Der sich als \"unabh\u00e4ngig\" bezeichnende Dachverband \"Zentralrat der Muslime in Deutschland\" (ZMD) vertritt auch die Interessen der IGD, die Mitglied im ZMD ist. Auf europ\u00e4ischer Ebene ist die IGD in der \"Federation of Islamic Organisations in Europe\" (FIOE) vertreten. Die IGD ist Gr\u00fcndungsmitglied der FIOE. Diese pflegt als internationaler Dachverband die Auslandsbeziehungen und vertritt offiziell die Position, die zentrale Anlaufstelle im sunnitisch-islamischen Bereich zu sein. Ihre politische Linie ist darauf ausgerichtet, sich eine zunehmend st\u00e4rkere Position zu sichern, um andere islamische Organisationen und Vereine kontrollieren zu k\u00f6nnen. Ideologisch sieht sich die FIOE dem Erbe des Gr\u00fcnders der \"Muslimbruderschaft\" (MB) Hassan al-BANNA verpflichtet. Der seit 2002 amtierende Pr\u00e4sident der IGD Ibrahim el-ZAYAT, der 2006 f\u00fcr weitere vier Jahre in seinem Amt best\u00e4tigt wurde, hat gleichzeitig die Stellung eines Vorstandsmitglieds und Vertreters der FIOE in Deutschland inne. El-ZAYAT ist Mitglied 37 IGD-Website vom 10. November 2005. 38 IGD-Website vom 13. November 2006. 39 WAMY-Website vom 20. August 2007. 47","im Generalsekretariat der saudisch-wahhabitischen Jugendorganisation \"World Assembly of Muslim Youth\" (WAMY)39. Aufgrund seiner Funktion als Generalbevollm\u00e4chtigter der \"Europ\u00e4ischen Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgesellschaft\" (EMUG) ist el-ZAYAT zudem Verwalter von Moscheen der \"Islamischen Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG). Der 1997 von der FIOE gegr\u00fcndete \"European Council for Fatwa and Research\" (ECFR), also \"Europ\u00e4ischer Rat f\u00fcr Rechtsguteuropaweiter achten und wissenschaftliche Studien\", widmet sich prim\u00e4r rechtlichen ProZusammenschluss blemen von Muslimen in der europ\u00e4ischen Diaspora. Eine zentrale Stellung nimmt dabei die Scharia ein, die dem ECFR zufolge einen allumfassenden Charakter besitzt. Vorsitzender des ECFR ist der \u00e4gyptisch-st\u00e4mmige Predi- g e r Dr. Yusuf al-QARADAWI. Dieser hat eine Position in der Lehrakademie der saudisch-wahhabitisch dominierten \"Islamischen Weltliga\" (gegr\u00fcndet 1962) inne und wirkt in zahlreichen Lehrinstitutionen und Aufsichtsgremien beratend. Seine auf Al-Jazeera ausgestrahlte Fernsehsendung \"Das islamische Gesetz und das Leben\" (ash-Shari'ah wa 'l-Hayat) zieht ein Millionenpublikum an. In seiner Publikation \"Al-Halal wa al-Haram fi'-l-Islam\" (Erlaubtes und Verbotenes im Islam)40, die 2007 im IZ Stuttgart verkauft wurde, bezieht alQARADAWI Stellung zur Homosexualit\u00e4t. Diese erachtet er als geschlechtliche Perversion, die zu den gr\u00f6\u00dften S\u00fcnden z\u00e4hle. Zum Zwecke der Reinhaltung der islamischen Gesellschaften bef\u00fcrwortet al-QARADAWI in dieBef\u00fcrwortung sem Zusammenhang die Todesstrafe: der Todesstrafe \"Die islamischen Rechtsgelehrten haben \u00fcber die Strafe f\u00fcr diese Schandtat (al-Fahisha) verschiedene Meinungen. Sollte es die gleiche Strafe wie f\u00fcr Hurerei sein, oder sollten beide, der aktive und der passive Teil get\u00f6tet werden? Mit welchem Mittel sollten sie beide get\u00f6tet werden? Mit dem Schwert? Oder durch Feuer? Oder indem sie von einer Mauer gest\u00fcrzt werden? Zwar scheinen solche Strafen grausam, doch wurden sie empfohlen, um die Reinheit der islamischen Gesellschaft zu erhalten und sie von derartigen Elementen rein zu halten.\" 41 40 Die deutsche Ausgabe erschien 1960 im Bavaria-Verlag in M\u00fcnchen. 41 \"Al-Halal wa'l-Haram fi 'l-Islam\", Kairo 2004, S. 152; \u00dcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 48","Islamismus Im Juli 2007 trat al-QARADAWI gemeinsam mit dem HAMAS-F\u00fchrungsfunktion\u00e4r Khaled MASHAL in einer Sendung des Satellitensenders al-Jazeera auf. MASHAL lobte QARADAWI wegen seiner Unterst\u00fctzung von Selbstmordoperationen: \"Die Unterst\u00fctzung, die wir von Scheich Qaradawi erhalten, ist etwas [sc. ganz] anderes als die Unterst\u00fctzung von irgendjemand anderem, wegen seines religi\u00f6sen Status, seines Status in moralischer Hinsicht, und seiner F\u00e4higkeit, die Aufmerksamkeit der Nation und Welt auf die Probleme der Nation zu erregen (...). Vom ersten Tag an bis zum heutigen Tag z\u00f6gerte der Scheich, Gott m\u00f6ge es ihm entgelten, nicht, den Djihad und den Widerstand, sowie die K\u00e4mpfer und die Widerstandsgruppen zu unterst\u00fctzen.\" 42 Al-QARADAWI selbst best\u00e4tigte dies ausdr\u00fccklich und verdeutlichte, f\u00fcr wen er eintritt: \"Ich unterst\u00fctze die pal\u00e4stinensische Sache. Ich unterst\u00fctze den Widerstand und den Djihad. Ich unterst\u00fctze die Hamas, den islamischen Djihad und die Hizb Allah. Ich bin gegen den Frieden, den Israel und Amerika zu diktieren w\u00fcnschen. Dieser Friede ist eine Illusion. Ich unterst\u00fctze M\u00e4rtyreroperationen.\" Vom 17. bis 20. Mai 2007 war das IZ Stuttgart Schauplatz der Ausstellung \"Der Islam & die Wissenschaft\". Diese Ausstellung war einer \"islamischen\" Position zur Evolutionstheorie gewidmet, allerdings auf einem niedrigen Niveau. Auffallend war, dass bei der Pr\u00e4sentation auch Materialien des Autors Harun YAHYA alias Adnan OKTAR Verwendung fanden. Dieser Autor ist der \u00d6ffentlichkeit zumeist als so genannter Kreationist bekannt. In den 1990er Jahren fiel er mit einem Werk auf, in dem er den Holocaust leugnete. In j\u00fcngster Zeit hat er davon Abstand genommen und r\u00e4umt die 42 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 16. Juli 2007; \u00dcbersetzung aus dem Englischen durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 49","Tatsache des V\u00f6lkermordes ein, ohne auf seine Feindbilder zu verzichten: \"Die Informationen, die wir hier kurz zusammenfassten, sind ausreichend um aufzuzeigen, dass der Holocaust, der V\u00f6lkermord an den Juden, eine der gr\u00f6\u00dften Grausamkeiten der Geschichte waren. Doch muss an diesem Punkt vorsichtig umgegangen werden. Denn manche bem\u00fchten sich den Holocaust f\u00fcr ihre eigenen politischen und wirtschaftlichen Zwecke zu instrumentalisieren. Sie haben jedoch kein Recht dies zu tun, denn es sind dieselben, die w\u00e4hrend der 1930er Jahre durch ihre Zusammenarbeit mit den Nazis den Antisemitismus anfachten, und die europ\u00e4ischen Juden links liegenlie\u00dfen, als der Holocaust begann: die radikalen Zionisten. Sie haben die Absicht den Holocaust zu benutzen um die Grundlage f\u00fcr einen neuen Holocaust (die ethnische S\u00e4uberung, die die Israeli in Pal\u00e4stina durchf\u00fchren) zu finden.\" 43 Zeitgleich wurden im Gesch\u00e4ft des IZ Stuttgart Werke des Gr\u00fcnders der MB wie die \"Sammlung - Sendschreiben des Imams (und) M\u00e4rtyrers Hassan al-BANNA\"44 sowie weiterer Ideologen der MB und ihres ehemaligen obersten Leiters, Mustafa MASHUR, angeboten. Das Buchsortiment umfasste dar\u00fcber hinaus auch salafitisch-wahhabitische Publikationen des ehemaligen saudi-arabischen Gro\u00dfmuftis Abd al-Aziz Abdallah bin BAZ und von Muhammad Bin Salih al-UTHEIMIN, einem hochrangigen, 2001 verstorbenen wahhabitischen Rechtsgelehrten. In der Sammlung der Sendschreiben al-BANNAs ist auch eine Abhandlung zum Djihad enthalten.45 Dem MBGr\u00fcnder geht es um den bewaffneten Kampf, den er als eine Pflicht f\u00fcr jeden Muslim beschreibt. Nicht pers\u00f6nliche oder materielle Interessen legitimierten diesen Kampf, sondern ausschlie\u00dflich der Einsatz f\u00fcr das \"Wort Gottes\". Sterben sei, so al-BANNA, f\u00fcr jeden unumg\u00e4nglich. In diesem Zusammenhang hebt er das besondere Verdienst des \"Selbstopfers auf dem Wege Gottes\" hervor. Eindeutig spricht er sich daf\u00fcr aus, dass der Einsatz mit der Waffe Vorrang vor einer anderen Form des Djihad hat, dem \"Einsatz der Seele\" (oder des Herzens). Hier geht er konform mit Sayyid QUTB, der in seinen \"Wegzeichen\" den \"inneren Kampf\" und den Djihad als defensives Konzept verworfen hatte. 43 YAHYA, Harun: Die Grauen des Holocaust, ohne Jahr und Paginierung; \u00dcbernahme wie im Original. 44 \"Majmu' a - Rasa'il al-Imam ash-Shahid Hasan al-Banna\". 45 Ebd., S. 421ff. 50","Islamismus In der vom \"Islamischen Zentrum M\u00fcnchen\" herausgegebenen und im Jahr 2007 weiter verbreiteten Publikation \"Die Ehe im Islam: Das Wichtigste im \u00dcberblick\", hei\u00dft es: \"Die von Menschen gemachte Gesetzgebung bew\u00e4hrt sich nicht, sie ist in jeder Hinsicht ungen\u00fcgend und beschr\u00e4nkt. Wie auch die wohl n\u00fctzliche Wissenschaft ihre Grenzen hat, denn erschaffen hat rechtliche sie noch nichts, keinen Tropfen Wasser.\" 46 Benachteiligung von Frauen Das in einem s\u00e4kularen Rechtsstaat verankerte Grundrecht der Frau auf freie Wahl des Ehepartners wird ihr mit der Begr\u00fcndung aberkannt, dass die j\u00fcdische und die christliche Religion die religionsbezogenen Rechte einer Muslimin nicht wahrten.47 Die damit verbundene Ablehnung eherechtlicher Gesetze wird in der Ablehnung der standesamtlichen Trauung deutlich, die nach islamischem Recht nicht rechtskr\u00e4ftig sei. Der Frau wird eine permanente sexuelle Verf\u00fcgbarkeit im Dienste ihres Gatten abverlangt. Einer Berufst\u00e4tigkeit darf sie nur mit Erlaubnis ihres Gatten nachgehen. Somit ist sie in vielen Lebensbereichen vom Wohlwollen und der Entscheidungsgewalt des Ehemannes abh\u00e4ngig. Eine \u00dcberlegenheit des Islam und die damit einhergehende Ablehnung \"unislamischer\" Gesetzgebung werden zudem in dem Hinweis deutlich, dass \"Atheisten\" und \"vom Islam Abtr\u00fcnnige\" nicht erben d\u00fcrften.48 In einer weiteren Publikation des \"Islamischen Zentrums M\u00fcnchen\" wird betont, dass das Gesetz, dem beide Ehepartner verpflichtet seien, die Scharia darstelle.49 Die Verfasserin pl\u00e4diert zudem f\u00fcr eine Wiedereinf\u00fchrung der Haddstrafen (K\u00f6rperstrafen): \"(...) F\u00fcnftens werden geschlechtliche Beziehungen au\u00dferhalb der Ehe nach islamischem Recht nicht nur als S\u00fcnde, sondern auch als Vergehen betrachtet, das nach dem Gesetz auf die gleiche Weise wie Diebstahl oder Mord bestraft wird. Die Strafe daf\u00fcr wird auf M\u00e4nner und Frauen gleicherma\u00dfen angewandt und ist in ihrer Auswirkung hart und abschreckend.\" 50 46 UMM-YUSUF, Iman: Die Ehe im Islam: Das Wichtigste im \u00dcberblick. Islamisches Zentrum, M\u00fcnchen 1998, S. 11f. 47 Ebd., S. 15. 48 Ebd., S. 36. 49 LEMU, Aisha B. und GRIMM, Fatima: \"Frau und Familienleben im Islam.\" Islamisches Zentrum M\u00fcnchen 1999, S. 12f. 50 Ebd., S. 22f. 51","Die hier nicht genannten, doch vorgesehenen Strafen widersprechen nicht nur der prinzipiellen Abschaffung der Todesstrafe, sondern richten sich auch gegen Art. 1 Grundgesetz, den Grundsatz der Menschenw\u00fcrde. Leverkusen (17. November 2007) und Berlin (18. November 2007) waren die Schaupl\u00e4tze f\u00fcr die 29. Jahreskonferenz der IGD. Das Motto der Veranstaltung hie\u00df einem Veranstaltungsplakat51 zufolge: \"(...) und so haben wir euch zu einer 'Gemeinschaft der Mitte' gemacht\".52 Der Ausdruck \"Gemeinschaft der Mitte\" wurde durch die neo-islamistische Str\u00f6mung \"Wasatiyya\" aufgegriffen, die eine integristische Islamauffassung vertritt, bei der Religion und Politik als untrennbar erachtet werden. Die IGD verwendet den Wasatiyya-Begriff unter Punkt 3 ihrer Zielsetzung53, Referenten aus dem Inund Ausland wirkten bei der Veranstaltung mit. Neben Ibrahim el-ZAYAT, dem Pr\u00e4sidenten der IGD, nahmen Dr. Ayyub K\u00d6HLER, der Vorsitzende des ZMD, Oguz \u00dcC\u00dcNC\u00dc, der Generalsekret\u00e4r der t\u00fcrkisch-islamistischen \"Islamischen Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs\" (IGMG), Ali KIZILKAYA, der Vorsitzende des \"Islamrats f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland\", Chakib Ben MAKHLOUF, der Pr\u00e4sident der FIOE, sowie der deutsche Konvertit Dr. Murad HOFMANN teil. Auch im Jahr 2007 f\u00fchrte die IGD ihr Konzept fort, vor allem das jugendliche Publikum anzusprechen. Dies wird an den geladenen G\u00e4sten AMMAR 114 und Mesut KURTIS deutlich. Bei AMMAR 114 handelt es sich um einen zum Islam konvertierten Rapper aus \u00c4thiopien. Sein Song \"Gib niemals auf\" ist eine Durchhalteparole f\u00fcr all jene Frauen, die sich f\u00fcr das Kopftuch entschieden haben. Der mazedonisch-t\u00fcrkische Musiker KURTIS interpretiert Salawat-Musik54 in arabischer, t\u00fcrkischer und englischer Sprache. KURTIS hat am \"European Institute of Human Sciences\" in Llanybydder Wales den Studiengang \"Shari'ah Studies\" absolviert. Die University of Wales/Lampeter hatte die Angliederung des 1997 gegr\u00fcndeten Instituts wieder aufgek\u00fcndigt, nachdem Verbindungen der Einrichtung zu Yusuf alQARADAWI bekannt geworden waren. 51 IGD-Website vom 12. November 2007. 52 Koran, Sure 2, Vers 143. 53 IGD-Website vom 13. Oktober 2005. 54 Von Salat (Gebet), Salawat (Pluralform), Zusammenstellung von religi\u00f6sen Liedern. 52","Islamismus Die Jugendarbeit hat bei der IGD einen hohen Stellenwert. Ein wichtiger Kooperationspartner ist hier die 1964 gegr\u00fcndete \"Muslimische Studentenvereinigung e.V.\" (MSV) mit Sitz in K\u00f6ln. Zur bevorzugten Zielgruppe geh\u00f6ren Jugendliche, die in der zweiten und dritten Generation in der Diaspora leben. Die MSV ist mit \u00fcber 35 Mitgliedsvereinen an fast allen gr\u00f6\u00dferen Universit\u00e4ten in Deutschland zu finden. Im Jahr 2007 j\u00e4hrte sich die von der MSV organisierte \"Islamwoche\" in Stuttgart das 13. Mal. Zum Thema der Veranstaltung vom 21. Juni 2007 \"Ist der Quran zeitabh\u00e4ngig?\" referierte Amir ZAIDAN55 aus Wien. Eigenen Angaben zufolge hat ZAIDAN eine Ausbildung am \"Institut Europeen des Sciences Humaines\" (I.E.S.H.) in Chateau-Chinon/Frankreich absolviert, einer Bildungseinrichtung mit starkem Bezug zu MB-Organisationen in \"Kamel-Fatwa\" Frankreich. Auf der Webseite des Lehrinstitutes wird unter der Rubrik \"Theologie et Fatwa\" der ECFR unter der F\u00fchrung von al-QARADAWI als Quelle von Rechtsgutachten f\u00fcr die sozialen Probleme in Europa genannt.56 ZAIDAN hatte 1998 mit seiner \"Kamel-Fatwa\" Aufsehen erregt. Sie veranschlagte als Ma\u00dfstab f\u00fcr eine Wegstrecke, die eine Frau ohne m\u00e4nnliche Begleitung (Mahram57) zur\u00fccklegen d\u00fcrfe, 81 Kilometer und damit genau die Entfernung, welche ein Kamel an einem Tag zur\u00fccklegen k\u00f6nne. ZAIDAN spricht M\u00e4dchen und Frauen somit das fundamentale Recht der Freiz\u00fcgigkeit ab. Im Jahre 2006 erkl\u00e4rte Zaidan, dass er die umstrittene \"KamelFatwa\" heute unter denselben Umst\u00e4nden wieder unterschreiben werde.58 Die MSV war auch Herausgeber von ZAIDANs Publikation \"al-Aqida\" (Glaubenslehre): Hier betont ZAIDAN, dass die \"islamische Lebensweise\" \"alle Bereiche und Ebenen der Lebensgestaltung, n\u00e4mlich die religi\u00f6se(n), kulturelle(n), politische(n), wirtschaftliche(n), soziale(n), wissenschaftliche(n)\" umfasse.59 Die der IGD nahe stehende \"Muslimische Jugend in Deutschland e.V.\" (MJD), gegr\u00fcndet im Jahre 1994, ist Mitglied der pan-europ\u00e4isch agierenden Plattform \"Forum of European Muslim and Youth Organisations\" (FEMYSO). El-ZAYAT hatte bei der Gr\u00fcndung der FEMYSO Mitte der 1990er Jahre aktiv mitgewirkt. Neben der FIOE war auch die \"Islamic Foundation\" in Leicester/Gro\u00dfbritannien, in den Entstehungsprozess der FEMYSO ein55 ZAIDAN ist Direktor des \"Islamischen Religionsp\u00e4dagogischen Instituts\" (IRPI) in Wien und Dozent an der dortigen \"Religionsp\u00e4dagogischen Akademie\" (IRPA). 56 Internetauswertung vom 8. August 2006. 57 Mahram: \"Verbotene, unantastbare Sache\". Als Mahram kann entweder der Ehemann fungieren oder ein Mann, dessen Verwandtschaftsgrad eine Ehe ausschlie\u00dft. 58 Internetauswertung vom 3. Dezember 2007. 59 \"Al-Aqida - Einf\u00fchrung in die zu verinnerlichenden Inhalte des Islam\", Muslimische Studentenvereinigung in Deutschland e.V., Marburg 1997, 1. Auflage, S. 29. 53","gebunden. Bei der \"Islamic Foundation\" handelt es sich um eine Lehrund Forschungseinrichtung, die sich ideologisch am Gedankengut von Sayyid Abu al A'la MAUDUDI (1903 bis 1979) orientiert. In seiner ideologischen Ausarbeitung wurde der wohl f\u00fcr die MB wichtige geistige F\u00fchrer Sayyid QUTB (1906 bis 1966) nachhaltig von MAUDUDI, dem F\u00fchrer und Begr\u00fcnder der 1941 in Britisch-Indien entstandenen \"Jamaat-e Islami\" gepr\u00e4gt, dessen \"Hakimiyya-Konzept\" der absoluten Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes Einzug in QUTBs Lehrwerke hielt. Der Gr\u00fcnder der MJD, Muhammad Siddiq BORGFELDT, verdeutlicht seine ideologische Auspr\u00e4gung wie folgt: \"Muslim sein (werden) bedeutet auch, Gott als einzige Quelle aller Gesetze anzuerkennen. Auch die von 90 % der Bev\u00f6lkerung gew\u00e4hlte Regierung hat nie das Recht, auch nicht mit absoluter oder Zweidrittelmehrheit, etwas zu verbieten, was Gott erlaubt hat beziehungsweise etwas zu erlauben, was Gott verboten hat. Jeder Herrscher, jede Regierung, jeder Einzelne ist immer nur ausf\u00fchrende Gewalt, denn Gesetze zu geben steht allein Gott zu.\" 60 BORGFELDT ist in der Mitgliedsliste des ECFR aufgef\u00fchrt. Die MJD ist in Stuttgart und zahlreichen anderen deutschen St\u00e4dten aufgrund ihrer administrativen Gliederung in \"Lokalkreise\" pr\u00e4sent. 4.3.2 \"Harakat al-Muqawama al-Islamiya\" (HAMAS) Die \"Harakat al-Muqawama al-Islamiya\" (HAMAS) ging aus dem 1978 von Scheich Ahmad YASSIN gegr\u00fcndeten \"Mudjamma al-Islami\" (\"Islamisches Zentrum\") hervor. Im Zuge der ersten Intifada (Aufstand der Pal\u00e4stinenser) Ende 1987 bildete sich die HAMAS als deren militanter Ableger heraus. Ihre wachsende Popularit\u00e4t l\u00e4sst sich einerseits durch die Frustration der Bev\u00f6lkerung wegen Korruption und Stagnation des pal\u00e4stinensischen politischen Establishments erkl\u00e4ren, andererseits aber auch aufgrund der sozialen Rolle, die die HAMAS erf\u00fcllt. Insbesondere im Gaza-Streifen unterh\u00e4lt sie ein dichtes Netz sozialer Einrichtungen wie Krankenstationen und Schulen. In ihrer Charta (Mithaq al-Haraka al-muqawama al-islamiyya) bezieht die 60 Internetauswertung vom 20. August 2007. 54","Islamismus HAMAS Stellung zu Friedensl\u00f6sungen und politischen Initiativen: \"Politische Initiativen und so genannte friedliche L\u00f6sungen und internationale Konferenzen zur L\u00f6sung der Pal\u00e4stinafrage stehen alle im Widerspruch zur Glaubens\u00fcberzeugung der Islamischen Widerstandsbewegung. (...) Jene Konferenzen stellen nichts anderes als ein Mittel dar, die Ungl\u00e4ubigen zu Schiedsrichtern \u00fcber das Land der Muslime zu ernennen. (...) Es gibt keine andere L\u00f6sung der Pal\u00e4stinafrage als durch den Dschihad. Die Initiativen, Friedensangebote und internationalen Konferenzen sind Zeitverschwendung und sinnlose Spielereien. (...).\" 61 Ahmad BAHR, Sprecher des Pal\u00e4stinensischen Legislativrates betonte in diesem Zusammenhang auf \"al-Aqsa TV\" die Notwendigkeit einer Befreiung Jerusalems (Al-Quds): \"Al-Quds, das zun\u00e4chst von Omar erobert und dann \"Schlacht gegen von Saladin befreit worden war, war f\u00fcr die Muslime die S\u00f6hne der verloren, die weg vom Pfade Allahs in die Irre ginAffen und gen. Dies war der Grund daf\u00fcr, warum die Br\u00fcder Schweine\" der Affen und Schweine [sc. Christen und Juden] die Verwegenheit besa\u00dfen, es zu entweihen und zu besetzen und dann in vollst\u00e4ndiger Gleichg\u00fcltigkeit von jedermann seine Kanzel zu verbrennen. (...) Die Befreiung von Al-Quds wird nicht durch funkelnde Slogans, minderwertige Arroganz und entw\u00fcrdigende Zugest\u00e4ndnisse erreicht werden. Sie wird dadurch erreicht werden, den g\u00f6ttlichen Weg in den Seelen der Muslime zu erkennen, und dadurch, eine Generation des kommenden Sieges aufzuziehen, die die Schlacht gegen die S\u00f6hne der Affen und Schweine anf\u00fchren wird. Bei Allah, Al-Quds wird nur durch den Dschihad wieder zur\u00fcckgebracht werden.\" 62 61 Islamistische Website vom 16. Oktober 2007; \u00dcbersetzung aus dem Englischen durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 62 \"Al-Aqsa TV\" vom 21. August 2007. Dieser Fernsehsender und Satellitenkanal wurde von der HAMAS gegr\u00fcndet. Die HAMAS startete den TV-Kanal am 7. Januar 2006. 63 Benannt nach dem Syrer Izz ad-Din al-QASSAM, der in den 1930er-Jahren im Kampf gegen die britische Mandatsmacht gefallen ist. 55","Internetbanner der \"al-QASSAM-Brigaden\" Neben dem politischen Fl\u00fcgel der HAMAS existiert mit den \"al-QASSAMBrigaden\" 63 ein milit\u00e4rischer Fl\u00fcgel. Ein Sprecher lie\u00df im Oktober 2007 verlauten, dass der Anf\u00fchrer des bewaffneten Armes im Gazastreifen Muhammad DEIF die defensive Kampftaktik zugunsten einer offensiven aufzugeben gedenkt. DEIF soll bereits in der Vergangenheit Selbstmordattentate geplant haben. Der Parlamentsabgeordnete der HAMAS und Direktor von geplante \"al-Aqsa TV\" Fathi HAMMAD gab die folgende Erkl\u00e4rung ab: Entf\u00fchrungen \"(...) Deshalb planen Eure Br\u00fcder in all den Brigaden der Mudjahidin und besonders der 'Izz Al-Din AlQassam Brigaden' weitere Entf\u00fchrungsoperationen an verschiedenen Orten. Sie planen die Operationen nicht nur in Gaza, sondern auch in der West Bank, in den Gebieten von 1948 sowie im Ausland.\" 64 Im Juni 2007 kam es in Gaza zu b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen K\u00e4mpfen zwischen Anh\u00e4ngern der HAMAS und FATAH-Kr\u00e4ften. Einmal mehr wurde deutlich, dass man zum Erreichen politischer Ziele vor dem Einsatz von Gewalt nicht zur\u00fcckschreckte. Besonders repressiv gingen von HAMAS beeinflusste Sicherheitskr\u00e4fte auch gegen Journalisten und Frauen vor. 4.3.3 \"An-Nahda\" (\"Bewegung der Erneuerung\") Die tunesische Partei \"an-Nahda\" (\"Bewegung der Erneuerung\"), die auch in Baden-W\u00fcrttemberg von einzelnen Personen unterst\u00fctzt wird, ist im Jahr 1989 aus dem 1979 gegr\u00fcndeten \"Mouvement de la Tendence Islamique\" (\"Bewegung der islamischen Ausrichtung\") hervorgegangen. Gr\u00fcnder waren drei Sympathisanten, darunter Rashid al-GHANNOUSHI, der aus Pakistan stammenden \"Jama'at-e Tabligh\", die in den 1960er Jahren ihre Missionierungst\u00e4tigkeiten in Tunesien aufgenommen hatten. Der Philosophieprofessor und Landwirt GHANNOUSHI, Jahrgang 1941, hatte zun\u00e4chst in Kairo und sp\u00e4ter in Damaskus studiert, wobei er Kontak64 \"Al-Aqsa TV\" am 24. Oktober 2007. 56","Islamismus te zu den \"Muslimbr\u00fcdern\" kn\u00fcpfte. 1992 ging er ins Exil nach London. Seiner Auffassung zufolge ist der S\u00e4kularismus als westliches Konzept zu sehen, das den Islam in einem Staatswesen an den Rand dr\u00e4ngt, zersetzend auf die Zivilgesellschaft wirkt und der Entwicklung einer islamischen Demokratie somit abtr\u00e4glich ist. Dabei l\u00e4sst GHANNOUSHI die Problematik des teilweisen Machtmissbrauches seitens religi\u00f6ser Funktion\u00e4re in der islamischen Welt g\u00e4nzlich au\u00dfer Acht und spricht sich gegen eine Trennung von Religion und Staat aus.65 In den letzten Jahren wurde GHANNOUSHI zunehmend von Seiten anderer \"an-Nahda\"-Funktion\u00e4re kritisiert, die ihm die F\u00e4higkeit absprechen, die \"Bewegung aus ihrem gegenw\u00e4rtigen Dilemma zu f\u00fchren und in eine moderne, schlagkr\u00e4ftige Partei zu verwandeln\".66 Wegen strenger Sicherheitsauflagen, welche die Bewegungsfreiheit der Parteimitglieder stark einschr\u00e4nken, sind der Handlungsf\u00e4higkeit von \"an-Nahda\" in Tunesien enge Grenzen gesetzt. 4.3.4 \"Front Islamique du Salut\" (FIS), \"Groupe Islamique Arme\" (GIA) und \"Groupe Salafiste pour la Predication et le Combat\" (GSPC) Die algerische \"Front Islamique du Salut\" (FIS) (\"Islamische Heilsfront\") wurde 1988 von Abassi MADANI und Ali BENHADJ gegr\u00fcndet. 1989 erfolgte die offizielle Eintragung der Abassi MADANI FIS als Partei. Bei den Parlamentswahlen 1991 in Algerien war die FIS als Wahlsieger hervorgegangen, woraufhin das Milit\u00e4r das Parlament aufl\u00f6ste und den Notstand ausrief. Nach dem Parteiverbot 1992 wanderten viele Funktion\u00e4re der FIS ins Ausland ab. So lebte der ehemalige Vorsitzende des \"Exekutivkomitees der FIS im Ausland\" Rabah KEBIR in Deutschland. Nach 14 Jahren Aufenthalt in K\u00f6ln und Aachen war KEBIR 2006 nach Algerien zur\u00fcckgekehrt. In den fr\u00fchen 1990er Jahren hatte sich die \"Groupe Islamique Arme\" (GIA - \"Islamische Bewaffnete Gruppe\") herausgebildet. Ihr Kern bestand aus Veteranen, die bereits in Afghanistan gek\u00e4mpft hatten. Die ideologischen Vorstellungen der GIA enthielten das Ziel der Vertreibung aller Juden und Christen sowie \"Ungl\u00e4ubiger\" aus Algerien, den Sturz des algerischen Regimes mit Hilfe des Djihad. Ab etwa 1997 wurde die Ideologie der GIA durch 65 \"Zoon politikon\" Nr. 3 vom Oktober 2006, S. 15f. 66 Artikel des \"an-Nahda\"-Politikers Salah ad-Din al-JOURCHI, Internetauswertung vom 22. Oktober 2007. 57","das Takfir-Konzept (Anklage zum Unglauben) erg\u00e4nzt. All diejenigen algerischen Muslime, die sich weder der GIA anschlossen noch sie unterst\u00fctzten, wurden zu Kuffar (Ungl\u00e4ubigen) erkl\u00e4rt. Mehrere Tausend Algerier fielen den terroristischen Aktivit\u00e4ten der GIA zum Opfer. Zu ihren Hauptangriffszielen geh\u00f6rte das algerische Schulsystem: Ann\u00e4hernd 1.000 Schulen wurden niedergebrannt und mehr als 200 Lehrer get\u00f6tet. Musiker, Sportler und unverschleierte Frauen fielen Attentaten zum Opfer. Die \"Groupe Salafiste pour la Predication et le Combat\" (GSPC - \"Salafitische Gruppe f\u00fcr Mission und Kampf\") wurde 1998 von dem ehemaligen GIA-Mitglied Hasan HATTAB gegr\u00fcndet. Die Organisation tr\u00e4gt starke djihadistische Z\u00fcge. Im Januar 2007 benannte sich die GSPC in \"Organisation al-Qaida au Maghreb islamique\" (\"Organisation al-Qaida des Islamischen Maghreb\") um. Am 11. April 2007 ver\u00fcbte sie ein Selbstmordattentat auf den Amtssitz des algerischen Ministerpr\u00e4sidenten und eine Polizeidienststelle in Algier. Dabei kamen \u00fcber 30 Menschen um und eine vielfache Zahl von Personen wurde verletzt. trotz Verbots 4.3.5 \"Hizb ut-Tahrir\" (HuT) aktiv Die \"Hizb ut-Tahrir\" (HuT) ging 1953 aus der jordanischen \"Muslimbruderschaft\" hervor. Gr\u00fcnder war der pal\u00e4stinensische Schariatsrichter und Rechtsgelehrte Taqi ad-Din an-NABHANI. Als Grundlage der Organisation dient an-NABHANIs Werk \"Die Lebensordnung des Islam\" (\"Nizam alIslam\"). Zentraler Drehund Angelpunkt der Lehre bildet die Kalifatsideodeutschsprachige Internetseite der \"Hizb ut-Tahrir\" logie: Die Gemeinschaft aller Muslime der Erde (Umma) soll unter der F\u00fchrung eines Kalifen vereint werden. Danach sind s\u00e4kular-demokratische Staatsmodelle abzulehnen, denn sie sind gem\u00e4\u00df der Vorstellung der HuT unvereinbar mit der \"Islamischen Ordnung\". Anh\u00e4nger der HuT sind in zahlreichen L\u00e4ndern aktiv. Die Europazentrale der Organisation befindet sich in London. In Gro\u00dfbritannien hat die HuT eine engagierte Anh\u00e4ngerschaft, deren Aktivit\u00e4ten sich von der Organisa58 tion \u00f6ffentlicher Veranstaltungen bis hin zur Verbreitung von Schriften des","Islamismus Parteigr\u00fcnders im Internet erstrecken. Im Januar 2007 fand in Sydney die erste \"Kalifats-Konferenz\" der HuT statt. Im August 2007 folgten weitere Tagungen im indonesischen Jakarta und in London. In Deutschland wurde die Bet\u00e4tigung der Organisation am 15. Januar 2003 verboten. Am 25. Januar 2006 best\u00e4tigte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig dieses Verbot. Dennoch ist ein deutschsprachiger Internetauftritt nach wie vor aktiv und wird kontinuierlich aktualisiert. Zahlreiche Artikel und Abhandlungen der HuT rund um das Thema \"Kalifatsideologie\" und deren zentrale Stellung sind in den Publikationen oder, wie folgendes Beispiel zeigt, im Internet zu finden: \"Br\u00fcder, die Wahrheit der Sache liegt darin, dass das Kalifat ein einzigartiges System ist, anders als jedes andere hinsichtlich seiner politischen Philosophie, der Regierungsform und seiner festgelegten Ziele. Aus dem einfachen Grund, weil seine Quelle g\u00f6ttlichen Ursprungs ist und nicht von Menschen gemacht, ganz gleich, ob durch westliche freigeistige Denker der Aufkl\u00e4rung oder deren intellektueller Unterw\u00fcrfiger, von den so genannten muslimischen freigeistigen Denkern (...) Shaikh an-Nabhani definierte das Kalifat wie folgt: Der Islamische Staat (adDaula al-islamiya) ist ein Kalifat, welches das Gesetz in Kraft setzt. Es beinhaltet ein politsches (siyasi) und exekutives (tanfidhi) Wesen aus dem Grund, weil es die g\u00f6ttlichen Gesetze des Islam erf\u00fcllt.\" 67 Aus Anlass der Islamkonferenz am 2. Mai 2007 verfasste der Repr\u00e4sentant der HuT f\u00fcr den deutschsprachigen Raum Shaker ASSEM eine Stellungnahme, in welcher er betont, dass die \"Hizb ut-Tahrir durch die Gr\u00fcndung des rechtgeleiteten Kalifats eine grundlegende Ver\u00e4nderung\" in den L\u00e4ndern der islamischen Welt herbeif\u00fchren m\u00f6chte. Die Muslime in Deutschland sollten \"Tr\u00e4ger der unverf\u00e4lschten islamischen Botschaft sein, die Gott seinem Gesandten offenbart\" habe, \"um die Menschen von den Finsternissen der Irreleitung zum Lichte der Wahrheit hinzuf\u00fchren\". Was die Forderung nach einem \"deutschen Islam\" anbelange, so sei \"dieser seitens der Muslime eine klare Absage\" zu erteilen: \"Islam\" gebe es nur einen.68 Aussagen des weltweiten F\u00fchrers der HuT und pal\u00e4stinensisch-jordani67 HuT-Website vom 16. Oktober 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz BadenW\u00fcrttemberg. 68 HuT-Website vom 4. Dezember 2007. 59","schen Rechtsgelehrten Ata Abu al-RISHTA spiegeln ebenfalls eine auf Konfrontation ausgerichtete Vorgehensweise wider. So soll al-RISHTA die \"Vernichtung\" der Hindus in Kaschmir, der Russen in Tschetschenien und der Juden in Israel gefordert haben: \"Das Kalifat wird die L\u00e4nder und die V\u00f6lker vom Einfluss der Kuffar (Ungl\u00e4ubigen) und ihrer Verb\u00fcndeten sowie von der Tyrannei ihrer Menschen und Anh\u00e4nger befreien.\" 69 4.4 Organisation aus dem schiitischen Bereich: \"Hizb Allah\" (\"Partei Gottes\") wichtige Die \"Hizb Allah\" ist die bedeutendste libanesische schiitisch-islamistische politische Gr\u00f6\u00dfe Partei. Seit ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1982 unterh\u00e4lt sie sehr enge Verbindungen zu iranischen staatlichen und religi\u00f6sen Institutionen. Besonders Internetbanner der \"Hizb Allah\" nach den kriegerischen Auseinandersetzungen mit Israel im Sommer 2006 hat sie sich als eine wichtige innenpolitische Gr\u00f6\u00dfe im Libanon etabliert. Aber auch international hat die Organisation vor allem in schiitischen Kreisen an Prestige gewonnen. Jedes Jahr demonstrieren \"Hizb Allah\"-Anh\u00e4nger und Sympathisanten am \"al-Quds-Tag\", den Ayatollah Khomeini 1979 ausgerufen hatte. Am letzten Freitag im Monat Ramadan sollten alle Muslime weltweit f\u00fcr die Zerst\u00f6rung Israels auf die Stra\u00dfe gehen. In Deutschland fanden diese Protestz\u00fcge in den vergangenen Jahren zentral in Berlin statt. Am 6. Oktober 2007 kamen dort erneut einige Hundert Demonstranten zusammen und zogen \u00fcber den Kurf\u00fcrstendamm in Berlin. Sie zeigten zum Teil Transparente mit Aufschriften wie \"Zionisten raus aus Jerusalem, Meinungsfreiheit f\u00fcr Zionismusforscher und Gegner Israels, Zionismus ist der moderne Rassismus\". In \"Hizb Allah\"-nahen Vereinen, die sich auch in Baden-W\u00fcrttemberg befinden, wird der R\u00fcckzug israelischer Milit\u00e4reinheiten aus dem S\u00fcdlibanon am 25. Mai 2000 allj\u00e4hrlich als gro\u00dfer Sieg gefeiert und ebenso wie im Libanon mit Veranstaltungen begangen. Im \"Hizb Allah\"-nahen Fernseh69 Internetauswertung vom 31. Oktober 2007; \u00dcbersetzung aus dem Englischen durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 60","Islamismus sender \"al-Manar\" werden an diesen Tagen spezielle Propagandaberichte ausgestrahlt. Zu den Feierlichkeiten reisen regelm\u00e4\u00dfig \"Hizb Allah\"-Mitglieder, darunter Scheichs und Funktionstr\u00e4ger oder Parlamentsabgeordnete, aus dem Libanon ein. eigener In den fr\u00fchen 1980er Jahren entstand eine schiitische Miliz im libanesischen bewaffneter B\u00fcrgerkrieg und formierte sich nach dem Einmarsch israelischer Truppen in Arm den S\u00fcdlibanon als paramilit\u00e4rische Widerstandsarmee. Dadurch besitzt die \"Hizb Allah\" mit der \"al-Muqawama al-Islamiya\" (\"Islamischer Widerstand\") einen bewaffneten Arm, dessen Entwaffnung trotz entsprechender UNResolutionen bis heute nicht vollzogen wurde. Am 11. November 2007 verk\u00fcndete \"Hizb Allah\"-F\u00fchrer Hassan NASRALLAH in seiner Rede zum \"M\u00e4rtyrertag\", die von \"al-Manar\" \u00fcbertragen wurde, folgendes: \"Niemand in der Welt kann die Hizb Allah entwaffnen. Die gesamte Welt wird nicht in der Lage sein die UN-Resolution 1559 70 zu implementieren. Der Widerstand ist bereit, Tag und Nacht den S\u00fcden Libanons zu verteidigen.\" 71 Im schiitischen Islam hat der M\u00e4rtyrerkult eine ganz besondere Bedeutung, da der Prophetenenkel und von den Schiiten als heilig betrachtete Imam alHussein im Jahr 680 im Kampf gegen seine Gegner gewaltsam zu Tode gekommen war. Dieses Ereignis wurde sp\u00e4ter in den Aschurafeierlichkeiten ritualisiert, die heutzutage von schiitischen Gl\u00e4ubigen j\u00e4hrlich in Form von Gei\u00dflerprozessionen und Passionsspielen begangen werden. Auf diese Weise wurde ein M\u00e4rtyrermythos institutionalisiert, der je nach historischen und politischen Umst\u00e4nden eine unterschiedliche Auspr\u00e4gung erfuhr. Insbesondere w\u00e4hrend des von 1980 bis 1988 dauernden Krieges gegen den Irak wurde dem M\u00e4rtyrerkult in der islamischen Republik Iran durch Ayatollah Khomeini gro\u00dfe Bedeutung beigemessen. Er instrumentalisierte den M\u00e4rtyrertod f\u00fcr milit\u00e4rische und politische Ziele und legitimierte damit religi\u00f6s die Ver\u00fcbung von Verbrechen und Gewalttaten, welche die islamische Welt heutzutage fast t\u00e4glich ersch\u00fcttern. Der R\u00fcckgriff auf Terror und Gewalt wird auch von der \"Hizb Allah\" islamisch begr\u00fcndet und damit religi\u00f6s autorisiert. Am 19. April 2007 \u00e4u\u00dferte sich Scheich Naim QASSEM, der Stellvertreter von Hassan NASRALLAH, in einem Fernsehinterview zum M\u00e4rtyrertum wie folgt: 70 In dieser Resolution wurden unter anderem der R\u00fcckzug aller ausl\u00e4ndischen Truppen aus dem Libanon und die Entwaffnung und Aufl\u00f6sung aller dort aktiven Milizen gefordert. 71 Internetauswertung vom 11. November 2007. 72 Arabischsprachiger iranischer Fernsehsender al Kawthar TV vom 19. April 2007. 61","\"M\u00e4rtyrertum ist etwas Wertvolles, Heiliges, Respektables und Gro\u00dfartiges, nichts, das man als Anklage verwenden k\u00f6nnte. Es ist eine Ehre f\u00fcr uns, angeklagt zu werden, an einen Kult der M\u00e4rtyrer zu glauben.\" 72 M\u00e4rtyreroperationen gelten daher in Kreisen der \"Hizb Allah\" als eine legitime Form des Djihad im Sinne eines bewaffneten Kampfes f\u00fcr die Sache Gottes und die Religion des Islam. Sie werden sogar als obligatorisch betrachtet, wenn sie die einzige M\u00f6glichkeit darstellen, den Hauptfeind Israel und den ihn unterst\u00fctzenden Westen zu vertreiben und zu besiegen. Diese Praxis kulminierte im ersten islamisch legitimierten Selbstmordattentat, das 1983 von einem Aktivisten der schiitischen \"Hizb Allah\" ver\u00fcbt wurde. Diese Suizidattentate sind mittlerweile auch bei anderen islamistischen Gruppierungen zum festen Bestandteil der milit\u00e4rischen Taktik im Djihad avanciert. Obgleich im Islam ein Selbstt\u00f6tungsverbot besteht, werden diese Suizide nicht als Selbstmord angesehen, sondern von islamischen Rechtsgelehrten als M\u00e4rtyreroperationen beschrieben, die als Terrormittel eine hohe M\u00e4rtyrerkonzept Effektivit\u00e4t bei der Bek\u00e4mpfung des Feindes aufweisen. Daher f\u00fchrt die \"Hizb Allah\" auch den Abzug der israelischen Truppen aus dem S\u00fcden Libanons im Jahr 2000 auf die zahlreichen Opfertode der \"M\u00e4rtyrer\" zur\u00fcck. Diese Darstellung des M\u00e4rtyrerwesens als ein effektives politisches Mittel steigerte unter der Bev\u00f6lkerung die soziale Akzeptanz des M\u00e4rtyrerkonzepts und konsolidierte es sogar so weit, dass der \"Opferstatus\" als \"M\u00e4rtyrer\" ein konstitutives Merkmal der Identit\u00e4t der schiitischen Bev\u00f6lkerung im Libanon geworden ist. In unterschiedlich inszenierten Gedenkveranstaltungen wird der \"M\u00e4rtyrer\" gedacht. Sie werden als Opfer des \"zionistischen Feindes\" Israel dargestellt. Diese systematische Verankerung einer \"Erinnerungskultur\" an die \"M\u00e4rtyrer\" in der Gesellschaft hat zur Folge, dass den Get\u00f6teten ein hohes Ma\u00df an sozialem Prestige zuteil wird, das sich auch auf die M\u00e4rtyrerfamilien und deren Angeh\u00f6rige \u00fcbertr\u00e4gt. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass in einschl\u00e4gigen Presseorganen der \"Hizb Allah\" bei der Darstellung der Lebensl\u00e4ufe hoher Parteifunktion\u00e4re die \"M\u00e4rtyrer\" in der Familie noch vor schulischen und akademischen Referenzen Erw\u00e4hnung finden. Somit gilt schon allein der Begriff des \"M\u00e4rtyrers\" als Ehrenbezeichnung, der sowohl den Akteuren von M\u00e4rtyreraktionen und Selbstmordattentaten als auch deren Verwandten das heroische Ansehen verleiht, das Leben f\u00fcr Vaterland und Religion geopfert zu haben. Die Pflege und Tradierung dieses M\u00e4rtyrerkonzepts an j\u00fcngere Generationen ist eine gef\u00e4hrliche Ideologisierung und Instrumentalisierung der Religion des Islam f\u00fcr politische Zwecke, die im Wesentlichen dazu dienen, 62","Islamismus menschliche Ressourcen f\u00fcr den Djihad zu mobilisieren. Am 14. August 2006 trat ein Waffenstillstand mit Israel in Kraft, den die \"Hizb Allah\" als Sieg gegen Israel feiert. In die mit gro\u00dfem Aufwand begangene Reihe von Gedenktagen wurde daher 2007 mit dem 14. August erstmals neben der Veranstaltung zum 25. Mai eine weitere Siegesfeier abgehalten. NASRALLAH nutzte den Jahrestag 2007 f\u00fcr weitere Drohungen gegen Israel. Im September 2007 zeigte er sich zum ersten Mal seit Kriegsende 2006 \u00f6ffentlich einer gro\u00dfen Menge und verk\u00fcndete einen \"historischen Sieg\" gegen Israel. In dieser Rede griff er auch die Bundeskanzlerin an: \"Sie sagt, ihr Ziel sei es, Israel zu sch\u00fctzen, aber ich sage ihr: Selbst wenn sie die See, den Luftraum und das Land \u00fcberwachen - wir haben mehr als 20.000 Raketen und sind st\u00e4rker als je zuvor.\" 73 4.5 \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) Gr\u00fcndung: 1985 als \"Vereinigung der Neuen Weltsicht in Europa e.V.\" (AMGT) 1995 Aufteilung in die beiden unabh\u00e4ngigen juristischen Personen \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) und \"Europ\u00e4ische Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgemeinschaft\" (EMUG) Sitz: Kerpen Mitglieder: ca. 3.600 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 3.600) ca. 27.000 Bund (2006: ca. 26.500) Publikation: \"IGMG Perspektive\" (zweisprachig); als Sprachrohr dient auch die t\u00fcrkischsprachige Tageszeitung \"Milli Gazete\" (EuropaAusgabe) Unter den im Bereich des politischen Islam agierenden Organisationen nimmt die \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) aufgrund ihrer Mitgliederst\u00e4rke, ihrer weit reichenden Vernetzung wie auch aufgrund des Einflusses, den sie kraft ihrer Mitgliedschaft in \u00fcbergeordneten Verb\u00e4nden aus\u00fcbt, eine herausgehobene Stellung ein. Bei ihren Anh\u00e4ngern handelt es sich zum gr\u00f6\u00dften Teil um auf Dauer in Deutschland lebende, teilweise eingeb\u00fcrgerte Zuwanderer. Die IGMG ist die dominierende Kraft im in K\u00f6ln ans\u00e4ssigen \"Islamrat f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland\", dessen 73 Internetauswertung vom 22. September 2007. 63","Vorsitzender Ali KIZILKAYA 2001 und 2002 das Amt des Generalsekret\u00e4rs der IGMG bekleidete. Die Jugendorganisation der IGMG ist Vorstandsmitglied in der von der \"Muslimbruderschaft\" dominierten, von saudischen Sponsoren gef\u00f6rderten \"Forum of European Muslim Youth and Student Organisations\" (FEMYSO).74 Mit begr\u00fcndet wurde diese Institution durch Ibrahim el-ZAYAT, der bis 2002 auch ihr Vorsitzender war. El-ZAYAT ist IGMGau\u00dferdem Generalbevollm\u00e4chtigter der \"Europ\u00e4ischen Moscheebauund Regionen Unterst\u00fctzungsgemeinschaft\" (EMUG), welche f\u00fcr die Verwaltung des umin Badenfangreichen Immobilienbesitzes der IGMG in Europa zust\u00e4ndig ist. W\u00fcrttemberg Die regionalen Aktivit\u00e4ten in Baden-W\u00fcrttemberg erstrecken sich auf die so genannten \"B\u00f6lge\" (Regionen) Stuttgart, Freiburg-Donau, Schwaben (einschlie\u00dflich einiger bayerischer Ortsvereine) sowie Rhein-Neckar-Saar (hierzu geh\u00f6ren auch mehrere Ortsvereine in Rheinland-Pfalz). Seit April 2005 ist Adem KAYA Vorsitzender des Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg. Auf Bundesebene unterh\u00e4lt die Organisation Kommissionen f\u00fcr besondere Aufgabenfelder wie Religi\u00f6se Rechtleitung (irsad) sowie eine Fatwa-Kommission, auf Bundeswie auf Regionalebene Kommissionen f\u00fcr Gemeindeentwicklung (teskilatlanma), Public Relations (tanitma) sowie weitere Fachkommissionen, Frauenund Jugendabteilungen. Die politische Ideologie der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" basiert auf der 1975 ver\u00f6ffentlichten gleichnamigen programmatischen Schrift Prof. Dr. Necmettin ERBAKANs75, in welcher \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" (w\u00f6rtlich die \"nationale Sicht [weise]\") insbesondere gegen die \"linke\" (sol) und die \"liberale Sicht\" (liberal g\u00f6r\u00fcs) abgegrenzt wird. Gem\u00e4\u00df dieser politischen Programmatik soll langfristig die \"g\u00f6ttliche Ordnung\" (\"hak d\u00fczen\") die \"nichtige Ordnung\" (\"batil d\u00fczen\") abl\u00f6sen, wobei letztere s\u00e4mtliche nicht auf der koranischen Offenbarung basierenden Ordnungen einschlie\u00dft. Eine zweite Komponente stellt das Konzept \"Gerechte Ordnung\" (\"adil d\u00fczen\") dar, das bereits in den 1970er Jahren entwickelt76 und von ERBAKAN in den 1980er Jahren f\u00fcr das Parteiprogramm der \"Refah Partisi\" (RP, \"Wohlfahrtspartei\") aufgegriffen wurde.77 Weitere Leitideen der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" sind eine F\u00fchrungsrol74 Hinter der 1996 erfolgten Gr\u00fcndung der FEMYSO standen neben muslimischen Jugendorganisationen verschiedener europ\u00e4ischer L\u00e4nder die \"Federation of Islamic Organisations in Europe\" (FIOE) sowie die saudische \"World Assembly of Muslim Youth\" (WAMY). Gemeinsam organisierten beide Vereinigungen im April und Mai 2007 \"Jugendfeste\" in Deutschland, \u00d6sterreich und Frankreich (\"Milli Gazete\" vom 10. April 2007). 75 Geboren 1926, in Deutschland ausgebildeter Maschinenbau-Ingenieur (Promotion 1953, TH Aachen). 76 Geistiger Vater dieses Konzepts war S\u00fcleyman KARAG\u00dcLLE, der in den 1960er Jahren in Izmir die so genannte Akevler-Kooperative gr\u00fcndete, in der den Bewohnern ein an den Geboten des Islam ausgerichtetes Leben erm\u00f6glicht werden sollte. 77 1991 erschien das hierauf basierende und von ERBAKAN ausformulierte Wirtschaftsprogramm \"Adil Ekonomik D\u00fczen\" (\"Gerechte Wirtschaftsordnung\"). 64","Islamismus le der T\u00fcrkei in der Region und in der Welt, wie sie im von ERBAKAN gepr\u00e4gten Slogan \"Lebenswerte T\u00fcrkei - Neue Gro\u00df-T\u00fcrkei - Neue Welt\" zum Ausdruck kommt, die Vorreiterrolle von [islamischer] \"Moral und spirituellen Werten\", eine dezidierte Anti-Haltung gegen\u00fcber dem \"rassistischen Imperialismus\" und dem \"Zionismus\" sowie der Anspruch, mit \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" der gesamten Welt zur \"Gl\u00fcckseligkeit\" (saadet) zu verhelfen. Tr\u00e4gerin der politischen Ideologie der Bewegung, die einem in der Person Necmettin ERBAKANs verk\u00f6rperten F\u00fchrerprinzip folgt, ist die \"Saadet Partisi\" (SP, \"Partei der Gl\u00fcckseligkeit\") als bislang letzte der von ERBAKAN jeweils in Folge gegr\u00fcndeten \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Parteien.78 Die SP und die derzeitige Regierungspartei der T\u00fcrkei, die \"Adalet ve Kalkinma Partisi\" (AKP, \"Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Entwicklung\") sind beide aus den rivalisierenden Fl\u00fcgeln der Vorg\u00e4ngerpartei \"Fazilet Partisi\" (FP, \"Tugendpartei\") hervorgegangen. Der essenzielle Gehalt der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" wurde von einem Kolumnisten der als Sprachrohr der Bewegung fungierenden \"Milli Gazete\" folgenderma\u00dfen definiert: \"Es ist eine Diskussion, die bis auf Adam zur\u00fcckreicht, ob man 'Milli G\u00f6r\u00fcs'-Anh\u00e4nger ist oder in der 'Milli G\u00f6r\u00fcs'-Tradition steht (...) Durch die Geschichte hindurch haben diejenigen, die sich aufideologischer grund der in ihren H\u00e4nden befindlichen St\u00e4rke der Gehalt der Wirtschaft, der Presse und der Kollaboration im \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" Recht f\u00fchlen, gegen die Anh\u00e4nger der Milli G\u00f6r\u00fcs (...) Krieg gef\u00fchrt, sie angegriffen (...) Schlie\u00dflich wird dieser Krieg in der Menschheitsgeschichte bis zum J\u00fcngsten Tag anhalten. Man kann es den Kampf des Richtigen (hak) gegen das Nichtige (batil) nennen oder den Kampf des Glaubens (iman) gegen das Leugnen (inkar), auch den Kampf des Gebotenen (maruf) gegen das Verwerfliche (m\u00fcnker); jedenfalls dauert diese Sache zwischen Milli G\u00f6r\u00fcs-Anh\u00e4ngern und Nicht-Milli G\u00f6r\u00fcsAnh\u00e4ngern an, und sie wird weiter andauern (...) 78 \"Milli Nizam Partisi\" (MNP, 1970-1971), \"Milli Selamet Partisi\" (MSP, 1973-1981), \"Refah Partisi\" (RP, 1983-1998), \"Fazilet Partisi\" (FP, 1997-2001); au\u00dfer der MSP, die nach dem Putsch von 1981 infolge des Gesetzes zur Schlie\u00dfung der politischen Parteien geschlossen wurde, wurden die vorgenannten \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Parteien jeweils wegen Versto\u00dfes gegen die Prinzipien der laizistischen Republik verboten. 79 \"Milli Gazete\" vom 22. Oktober 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz BadenW\u00fcrttemberg. 65","Milli G\u00f6r\u00fcs selbst hat die Menschheit die Zivilisation gelehrt (...) Es ist kein Makel, Milli G\u00f6r\u00fcsAnh\u00e4nger zu sein, aber es ist ein Makel, es nicht zu sein.\" 79 Im Vorfeld der Parlamentswahlen in der T\u00fcrkei im Juli 2007 wiederholte ERBAKAN bei der Wahlkampagne f\u00fcr die SP in einem Fernsehinterview80 seine bekannten antisemitischen Positionen, indem er die \"ungl\u00e4ubigen Nationen\" als vom \"rassistischen imperialistischen Zionismus\" gesteuert bezeichnete. Ohne diese \"korrekte Diagnose der Krankheit\", so ERBAKAN, k\u00f6nne es keine Heilung geben. Die IGMG-F\u00fchrung in Deutschland nimmt zwar der \u00d6ffentlichkeit gegen\u00fcber eine Haltung ein, die Antisemitismus ablehnt, vermag sich jedoch nicht dezidiert von den entsprechenden Inhalten der Ideologie ERBAKANs zu distanzieren. So r\u00e4umte der Generalsekret\u00e4r der IGMG, Oguz \u00dcC\u00dcNC\u00dc, bei einem Symposium an der Universit\u00e4t Frankfurt/Oder im Oktober 2007 ein, dass sich die meisten Imame der Organisation, angesprochen auf den Holocaust, \"nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass es ein solches Verbrechen gab.\" 81 Diese Bemerkung erg\u00e4nzte \u00dcC\u00dcNC\u00dc um den Hinweis, in solchen F\u00e4llen auf das Verbot der Leugnung des Holocaust in Deutschland zu verweisen. Die Betrachtung des Themas in anderen Zusammenh\u00e4ngen l\u00e4sst die Einsch\u00e4tzung in ma\u00dfgeblichen \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Kreisen in anderem Licht erscheinen. So war in der Online-Ausgabe der \"Milli Gazete\", deren Verbreitung in IGMG-Kreisen ma\u00dfgeblich gef\u00f6rdert wird, im Dezember 2006 ein Artikel des \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Ideologen Prof. Dr. Arif ERSOY82 erschienen83, welcher die zu jener Zeit vom iranischen Pr\u00e4sidenten Ahmadinedjad anberaumte \"Holocaust-Konferenz\" in weitere Tr\u00e4ger Teheran \u00e4u\u00dferst positiv, gleichsam als \"Meilenstein\" f\u00fcr ein neues Verst\u00e4ndder \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"nis der Geschichte wertete. Der Autor ist h\u00e4ufig als Gastredner auf VeranIdeologie staltungen der IGMG pr\u00e4sent. Tr\u00e4ger der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Ideologie sind neben der SP weitere Institutionen wie das \"Zentrum f\u00fcr Wirtschaftsund Sozialforschung\", (\"Ekonomik ve Sosyal Arastirmalar Merkezi\", ESAM) in Ankara, welches im Oktober 2006 Veranstalter des \"1. Internationalen Milli G\u00f6r\u00fcs-Symposiums\" war, auf welchem der universelle Anspruch der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" wie auch die Gegnerschaft gegen\u00fcber dem \"rassistischen Imperialismus\" bekr\u00e4ftigt wurde. Der 1998 gegr\u00fcndete \"Anadolu Genclik Dernegi\" (AGD, \"Verband der Anatolischen 80 Flash-TV-Interview vom 1. Juli 2007. 81 URL: http://tagesspiegel.de/politik/div/;art771,2407195 vom 26. Oktober 2007. 82 Mitglied des SP-Vorstands, Mitentwickler der \"Adil D\u00fczen\"-Theorie; Generalsekret\u00e4r der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"Institution \"Zentrum f\u00fcr Wirtschaftsund Sozialforschung\" (ESAM) in Ankara. 83 Online-Ausgabe der \"Milli Gazete\" vom 15. und 16. Dezember 2006. 84 Vorl\u00e4ufer war die \"Stiftung Nationale Jugend\" (\"Milli Genclik Vakfi\"). Die Website der AGD ist unter anderem verlinkt mit der SP, IGMG, mit TV 5 und der \"Milli Gazete\". 85 Mahlzeit vor Tagesanbruch im Fastenmonat Ramadan. 66","Islamismus Jugend\")84 erf\u00fcllt gleichsam die Funktion einer Jugendorganisation der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\". Im Ramadan 2007 nahm ERBAKAN an einer Sahur85-Veranstaltung der AGD teil, bei der er in einer Gru\u00dfrede die Vorz\u00fcge der AGD herausstellte: \"Wir sind hier bei den bewussten Milli G\u00f6r\u00fcsAnh\u00e4ngern des 'Anadolu Genclik Dernegi' zu Gast (...) Der 'Anadolu Genclik Dernegi' nimmt als Motor der 'Milli G\u00f6r\u00fcs' eine Ausnahmestellung ein, und ein AGD-Mitglied zu sein ist wichtiger, als zehn Fakult\u00e4ten absolviert zu haben.\" 86 Jugendgruppen der IGMG kommen bei von T\u00fcrkeiaufenthalten mit Vertretern der AGD zusammen und nutzen deren R\u00e4umlichkeiten, so eine Gruppe des IGMG-Jugendverbands Schwaben beim Aufenthalt in Bursa87 oder die Teilnehmer des Sommerkurses der IGMG Backnang und Waiblingen beim Aufenthalt in Gaziantep und Konya.88 Im Bereich der Medien erf\u00fcllen die zwar formal unabh\u00e4ngige, jedoch vielf\u00e4ltig in personeller und struktureller Hinsicht mit der IGMG verbundene Tageszeitung \"Milli Gazete\"89 und der TV-Sender \"TV 5\" die Funktion, die Ideologie der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" zu transportieren und zu verbreiten. In \"Milli Gazete\" erscheinen Kolumnen, verfasst von Protagonisten der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung, die diese Ideologie ausf\u00fchrlich darlegen90 und die Verdienste des \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-F\u00fchrers ERBAKAN preisen.91 Die \"Milli Gazete\" ist auf Veranstaltungen der IGMG h\u00e4ufig mit Verkaufsst\u00e4nden zur Abonnentenwerbung pr\u00e4sent. Dies war 86 \"Milli Gazete\" vom 25. September 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 87 \"Milli Gazete\" vom 9. Mai 2007. 88 \"Milli Gazete\" vom 17. Oktober 2007. 89 Die fr\u00fcheren Generalsekret\u00e4re der IGMG, Osman YUMAKOGULLARI und Dr. Yusuf ISIK, sind ehemalige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der \"Milli Gazete\". 90 So erschienen in der \"Milli Gazete\" vom 6. Juli 2007 gleich zwei grundlegende Kolumnen: \"Warum Milli G\u00f6r\u00fcs\" (Autor: Prof. Dr. Arif ERSOY, einer der geistigen Urheber der Ideologie) und \"Was ist Milli G\u00f6r\u00fcs\" (Autor: Mevl\u00fct \u00d6ZCAN); beide Autoren sind auch als Referenten bei Veranstaltungen der IGMG in Deutschland bekannt geworden. 91 Beispielhaft genannt seien hier die Kolumnen \"'Savunan Adam' [Verteidiger]: Necmettin Erbakan\" in der \"Milli Gazete\" vom 8. M\u00e4rz 2007 sowie \"Ingenieur Erbakan\" in der \"Milli Gazete\" vom 15. Februar 2007. 92 \"Milli Gazete\" vom 7. Mai 2007. 93 \"Milli Gazete\" vom 7. Juli 2007. 94 Auf derartigen Veranstaltungen trat der Kolumnist Sakir TARIM in Baden-W\u00fcrttemberg auf; \"Milli Gazete\" vom 28. September 2007. 67","unter anderem bei der IGMG Stuttgart92 und der IGMG Rastatt93 der Fall. Mit demselben Ziel veranstaltet die Zeitung auch Zusammenk\u00fcnfte mit den Lesern, bei denen auch aus der T\u00fcrkei angereiste Kolumnisten aufgeboten werden, die f\u00fcr die Zeitung werben.94 \"Milli Gazete\" zu lesen, so wird hier argumentiert, sei eine \"Auszeichnung\".95 Die Repr\u00e4sentanten der \"Milli Gazete\" in den IGMG-Regionen kommen regelm\u00e4\u00dfig in Kerpen zu Bildungsseminaren zusammen. Hier werden Interna wie Strategien zur Steigerung der Auflage und der Qualit\u00e4t \"unserer Zeitung Milli Gazete\" diskutiert.96 Was die Reichweite der Rezeption der f\u00fcr \"Milli Gazete\" t\u00e4tigen Autoren betrifft, so wurde festgestellt, dass Artikel von Kolumnisten dieser Zeitung auch in Kreisen mit djihadistischem Bestreben rezipiert werden. Das zeigt sich an deren Pr\u00e4senz auf einschl\u00e4gigen t\u00fcrkischsprachigen Websites.97 Am Austausch in den Internetforen der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung sind Anh\u00e4nger der IGMG ma\u00dfgeblich beteiligt. Sie bekennen sich zum Teil durch Offenlegen ihrer Funktion oder ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zu einem Regionaloder Ortsverband ausdr\u00fccklich zu ihrer IGMG-Zugeh\u00f6rigkeit. Hier wird sichtbar, dass die ideologischen Grundpositionen ERBAKANs von der Basis rezipiert, verbreitet und uneingeschr\u00e4nkt geteilt werden. Der wesentliche Kern dessen, was unter \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" zu verstehen sei, kommt in einer Zuschrift eines Forumteilnehmers, der sich als \"P\u00e4dagoge aus Mannheim\" zu erkennen gibt, folgenderma\u00dfen zum Ausdruck: \"Ein Milli G\u00f6r\u00fcs-Mann ist derjenige, der jegliche, den g\u00f6ttlichen Bestimmungen zuwider laufende Form von Ideologie, Doktrin, System, Gedanken oder Regierung ablehnt und von den Bestimmungen Allahs regiert werden will (...) Er kennt seine Pflicht, gegen jede Art von Unglauben (k\u00fcf\u00fcr) mit Hand, Zunge und Herz zu k\u00e4mpfen (...).\" 98 eigener TV-Kanal Der Fernsehkanal TV 5, der mit der Ank\u00fcndigung, innerhalb der Medienlandschaft eine \"neue Sichtweise\" einf\u00fchren, der \"Verschmutzung\" und 95 \"Milli Gazete\" vom 28. September 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 96 \"Milli Gazete\" vom 14. November 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 97 Internetauswertung vom 6. November 2007. 98 Internetauswertung vom 9. M\u00e4rz 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz BadenW\u00fcrttemberg. 99 \"Milli Gazete\" vom 16. Februar 2004; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz BadenW\u00fcrttemberg. 100 \"Milli Gazete\" vom 21. Juni 2007. 68","Islamismus \"Verwilderung\" entgegentreten und als \"treibende Kraft\" daf\u00fcr sorgen zu wollen, dass \"das Anliegen von Milli G\u00f6r\u00fcs in der T\u00fcrkei wieder den verdienten Platz einnehmen\" werde99, Anfang 2004 auf Sendung ging, plant die Erweiterung seiner Aktivit\u00e4ten auf internationaler Ebene.100 In der Sendung \"Milli Kurtulus\" (\"Nationale Rettung\") vertrat der stellvertretende SP-Vorsitzende Mete G\u00dcNDOGAN, der bereits mehrfach bei Veranstaltungen der IGMG in Europa aufgetreten war101, im Juni 2007 folgende Auffassung: \"Die Imperialisten und die Kollaborateure repr\u00e4sentieren die Zivilisation des Feuers. Aufgrund der Aktivit\u00e4ten der Repr\u00e4sentanten dieser Zivilisation befinden sich die islamischen Territorien in gro\u00dfer Gefahr (...) Das Modell des 'Gem\u00e4\u00dfigten Islam' ist ein Teil des 'Gro\u00dfen Nahostprojekts' (BOP, \"B\u00fcy\u00fck Ortadogu Projesi\") (...) Die AKP ist der Grund f\u00fcr die nationale und spirituelle Zerst\u00f6rung unseres Volkes, und sie ist der Handlanger der Imperialisten, die uns ins geistiger Hinsicht besetzt haben.\" 102 Dieser SP-Funktion\u00e4r publizierte 2006 eine Schrift mit dem Titel \"Stratejik Hedef\" (\"Strategisches Ziel\") - weniger eine zukunftsgerichtete Strategie als vielmehr ein Abriss der Geschichte in der von ERBAKAN gepr\u00e4gten Sichtweise. Die herangezogene Literatur offenbart den R\u00fcckgriff auf verschw\u00f6rungstheoretische Literatur; so sind in den Quellenangaben f\u00fcr ihre antisemitische Haltung bekannte Autoren wie Mustafa AKG\u00dcN103, Mehmet Sevket EYGI104, der Konvertit und Holocaustleugner Roger GARAUDY105 sowie der in der Vergangenheit ebenfalls mit Holocaust-leugnenden Schriften sowie pseudowissenschaftlichen Publikationen gegen Aufkl\u00e4rung und S\u00e4kularismus hervorgetretene Autor Harun YAHYA106 alias Adnan OKTAR vertreten. In Gestalt der Sendereihe \"Vuslat\" verf\u00fcgt \"TV 5\" \u00fcber ein Format, in welchem regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Vereine in Europa berichtet wird. In einem Beitrag \u00fcber die IGMG-Jugend M\u00fcnchen \u00e4u\u00dferte sich der dortige 101 So beim \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Verband (CIMG) Lyon im Juni 2005 und bei der IGMG Ruhr-A in Dortmund im Mai 2007. 102 \"Milli Gazete\" vom 28. Juni 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 103 Yahudinin Tahta Kilici (Das Holzschwert des Juden), Ankara 1992. 104 Genannt als Kolumnist der \"Milli Gazete\". 105 The Case of Israel. A Study of Political Zionism. London 1983. 106 Yeni Masonik D\u00fczen (Die Neue Freimaurerische Ordnung). O.O.u.J. 69","Jugendvorsitzende zuversichtlich im Hinblick auf eine erhoffte Islamisierung Europas. Diese Hoffnung gr\u00fcnde sich auf die wertebewusste t\u00fcrkische Jugend in Europa: \"Und wenn Europa schrittweise zum Islam kommt, dann ist das der Erfolg der hier lebenden jugendlichen Muslime (...) Daf\u00fcr leisten wir Grundlagenarbeit.\" 107 Heilbronn war im Januar 2007 Veranstaltungsort der \"TV 5-Europa-Tage\". Der baden-w\u00fcrttembergische IGMG-Regionalvorsitzende Adem KAYA beschrieb den Sender in seiner Begr\u00fc\u00dfungsrede: \"TV 5 ist ein Fernsehkanal, der f\u00fcr Gott [sc. Hak - auch: das Recht/das Richtige] sowie f\u00fcr das Recht der Armen und derer, die im Recht sind, eintritt. TV 5 muss ein Medium sein, das von der richtigen Linie, die von unserem Propheten und seinen Gef\u00e4hrten verk\u00f6rpert wird, nicht abweicht, das nicht den Teufel, sondern Gott [sc. das Recht] verteidigt. Solch einen Fernsehkanal brauchen wir.\" 108 Verflechtungen Die vielf\u00e4ltige Interaktion der IGMG mit den t\u00fcrkischen Komponenten der mit dem Bewegung zeigt sich an Auftritten t\u00fcrkischer Protagonisten der Bewegung Mutterland bei Veranstaltungen der IGMG in Deutschland und an wechselseitigen Besuchen. Bei einem Besuch des Frauenexekutivrats der IGMG-Zentrale Kerpen sowie der Vorsitzenden der regionalen IGMG-Frauenverb\u00e4nde bei der Redaktion der \"Milli Gazete\" in Istanbul bezeichnete der dortige Verantwortliche der Zeitung, Necdet KUTSAL, den Frauen gegen\u00fcber die \"Milli Gazete\" \"im Hinblick auf ihren Einfluss und ihre Mission\" als \"die bedeutendste Zeitung der T\u00fcrkei.\" Die Frauen ihrerseits bewerteten \"Milli Gazete\" als \"die meistgelesene Zeitung in Europa.\" Die Ereignisse in der Welt und in der T\u00fcrkei, so berichtete die Frauengruppe, verfolge man in der \"Milli Gazete\", die gleichsam die \"Stimme des gesunden Menschenverstands\" sei.109 Auch besuchten die Frauen bei dieser Reise \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-F\u00fchrer ERBAKAN sowie die Frauenvorsitzende der SP.110 Im Vorfeld der Parla107 \"TV 5\"-Sendung vom 6. Juni 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 108 \"Milli Gazete\" vom 24. Januar 2007. 109 \"Milli Gazete\" vom 5. April 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 110 \"Milli Gazete\" vom 10. April 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz BadenW\u00fcrttemberg. 111 \"Milli Gazete\" vom 16. April 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz BadenW\u00fcrttemberg. 70","Islamismus mentswahlen 2007 leisteten Funktion\u00e4re der IGMG Wahlhilfe f\u00fcr die SP. So nahm Hasan DAMAR, Gr\u00fcndungsmitglied der IGMG und Mitglied des IGMG-Exekutivrats, an einer Provinzratssitzung der SP Istanbul im Stadtteil Bakirk\u00f6y teil und stellte bei der Wahlvorbereitung die Unterst\u00fctzung der SP \"mit tausend Fahrzeugen und tausend Predigern\" in Aussicht, handle es sich bei dieser Mission doch um eine \"heilige Reise\".111 Auch bei einer sp\u00e4teren SP-Wahlveranstaltung im Istanbuler Stadtteil Beykoz trat DAMAR als Redner auf. Hier ging dieser auf die Bedeutung der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" f\u00fcr die T\u00fcrkei und die gesamte Welt ein und forderte die einzelnen Verb\u00e4nde der SP auf, f\u00fcr die Wahl am 22. Juli mit h\u00f6chstem Einsatz t\u00e4tig zu werden. Der Morgen des 23. Juli 2007, so DAMAR weiter, werde \"im Licht des Siegs der 'Saadet Partisi' ergl\u00e4nzen\".112 Auch an den j\u00e4hrlich von der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" begangenen Feierlichkeiten zum Jahrestag der Eroberung Istanbuls nahm DAMAR Ende Mai 2007 in Ankara teil und sprach dort \u00fcber die Dienstleistungen der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" als der \"m\u00e4chtigsten zivilgesellschaftlichen Organisation in Europa\".113 Um die Bindung des Nachwuchses an die Bewegung zu gew\u00e4hrleisten, organisiert die IGMG f\u00fcr Mitglieder ihrer Jugendverb\u00e4nde Reisen in die T\u00fcrkei mit ausgew\u00e4hltem Besuchsprogramm. Die IGMG-Jugend der Region Schwaben besuchte im Mai 2007 in der T\u00fcrkei nicht nur die Redaktion der \"Milli Gazete\", sondern auch den Sender \"TV 5\".114 Eine IGMG-Jugendgruppe der Region Ruhr-A traf au\u00dfer mit Prof. Dr. ERBAKAN mit weiteren f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten der SP wie Sevket KAZAN115 und Yasin HATIBOGLU116 zusammen.117 Eliteanspruch Das innerhalb der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" gepflegte Verst\u00e4ndnis des Islam l\u00e4sst keinen Zweifel am Selbstverst\u00e4ndnis als der besten aller Gemeinschaften, die sich gleichzeitig mit einem F\u00fchrungsauftrag versehen sieht. In einer Rede des baden-w\u00fcrttembergischen IGMG-Regionalvorsitzenden Adem KAYA in Stuttgart auf einer Versammlung von F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren aus BadenW\u00fcrttemberg kam dies wie folgt zum Ausdruck: \"Ihr seid die Mannschaften, die vollkommene Menschen hervorbringen, das hei\u00dft Ihr, die Milli G\u00f6r\u00fcs112 \"Milli Gazete\" vom 6. Juni 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 113 \"Milli Gazete\" vom 29. Mai 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 114 \"Milli Gazete\" vom 9. Mai 2007. 115 Ehemaliger Justizminister zur Zeit der Ministerpr\u00e4sidentschaft ERBAKANs, Mitglied des SP-Pr\u00e4sidiums. 116 Mitglied des SP-Vorstands. 117 \"Milli Gazete\" vom 9. Juni 2007. 118 \"Milli Gazete\" vom 12. September 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 71","Leute (...) Wir m\u00fcssen die Menschen aus dem Zustand der Dunkelheit erretten. Ein Muslim muss aktiv sein (...) Die Muslime kennen keinerlei Furcht au\u00dfer der Furcht vor Allah. Hauptsache, man marschiert und hinterl\u00e4sst Spuren (...) Der Sieg geh\u00f6rt den Gl\u00e4ubigen, und der Sieg ist nah.\" 118 Auch die Kommission f\u00fcr Rechtleitung der IGMG-Zentrale in Kerpen st\u00fctzt die Auffassung, allein die Muslime seien durch den Auftrag des \"Gebietens des Guten und des Verbietens des Schlechten\" 119, das hei\u00dft mit dem Einfordern der \u00dcbereinstimmung des Handelns mit den Geboten von Koran und Sunna und dem Verwehren der von der Religion untersagten Handlungen f\u00fcr das Wohl der Gesellschaft verantwortlich: \"Wir (...) als Anh\u00e4nger des Islams, der mit dem Ziel gesandt wurde, das Gute in der Welt zu etablieren und das Schlechte von der Menschheit fernzuhalten, [sc. m\u00fcssen] uns entsprechend unseren M\u00f6glichkeiten gegen alles stellen, was der Gesellschaft schaden k\u00f6nnte, f\u00f6rdern, was der Menschheit von Vorteil ist und uns auf diesem Weg gegenseitig ermahnen. Denn [sc. ansonsten] wird sich das Schlechte allm\u00e4hlich zur Regel, zu einer Lebensweise entwickeln (...) Aus diesem Grund sind die Muslime mit der Verbesserung der Situation beauftragt. Sie m\u00fcssen der Motor des Guten und die Bremse des Schlechten sein (...).\" 120 In welchem Ma\u00df die Prinzipien der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" die Erziehungsund Bildungsarbeit der IGMG pr\u00e4gen, l\u00e4sst sich anhand der in den Seminaren behandelten Themen belegen. Bei den hier praktizierten Ideologietransfers werden die postulierte Vorbildfunktion und die Vorrangstellung der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" auf breiter Basis weitergegeben; so werden im entsprechenden Unterricht \"Mission und Vision der Milli G\u00f6r\u00fcs\"121 ebenso thematisiert wie die Frage der \"Besonderheit des Milli G\u00f6r\u00fcs-Muslims\"122 oder die Bedeutung der Begriffe \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" und \"Organisation\".123 119 Arabisch \"al-amr bi'l ma'ruf wa al-nahy an al-munkar\". 120 Freitagspredigt der IGMG-Zentrale; IGMG-Homepage vom 29. Juni 2007, gleich lautend in \"Milli Gazete\" vom 28. Juni 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 121 Prof. Dr. Arif ERSOY in Walldorf (\"Milli Gazete\" vom 2. M\u00e4rz 2007) und Rabia KIRDAS in Stuttgart (\"Milli Gazete\" vom 8. M\u00e4rz 2007). 122 Ibrahim G\u00dcM\u00dcSOGLU in Mainz (\"Milli Gazete\" vom 26. Juni 2007). 123 Sabahaddin UCAR in H\u00fcfingen (\"Milli Gazete\" vom 3. M\u00e4rz 2007). 72","Islamismus Bei einem Ende Februar 2007 in Walldorf durchgef\u00fchrten Bildungsseminar der IGMG-Regionalvorst\u00e4nde, an dem Mitglieder der Regionalvorst\u00e4nde aus Deutschland und dem benachbarten Ausland teilnahmen, bekr\u00e4ftigte Prof. Dr. Arif ERSOY in seinem Vortrag \"Mission und Vision der Milli G\u00f6r\u00fcs\" die Einsch\u00e4tzung der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\", es sei an der Zeit, \"Fundamente f\u00fcr eine neue Zivilisation\"124 zu legen. Damit f\u00fchrte ERSOY den auf dem \"1. Internationalen Milli G\u00f6r\u00fcs-Symposium\" Ende Oktober 2006 in Istanbul propagierten Leitgedanken vom Aufbau einer \"neuen Weltordnung\" auf intensive Grundlage der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\", die die \"rassistische unterdr\u00fcckerische, koloBildungsarbeit nialistische Ordnung\" 125 abl\u00f6sen soll, in Anwesenheit von ma\u00dfgeblichen Funktion\u00e4ren der IGMG in Deutschland fort. Auf einer Versammlung der Vorsitzenden f\u00fcr Bildung der Vereine in der Region Stuttgart definierte der Vorsitzende der regionalen Bildungskommission das Ziel der Bildungsarbeit mit der \"Beseitigung von Unwissenheit\" im Sinne einer islamischen Unterweisung.126 In diesem Zusammenhang wurde auf Fragen eingegangen wie diejenigen, wie man sich eines \"Dieners Allahs w\u00fcrdig erweisen\", eine \"des Propheten w\u00fcrdige Umma\" sein oder \"zu vollkommenen Menschen werden\" k\u00f6nne. In \u00e4hnlicher Weise \u00e4u\u00dferte sich der Jugendvorsitzende der Region Stuttgart, \u00dcnal \u00dcNALAN, auf einer Veranstaltung des Vereins in Esslingen: \"Der wahre Grund, warum ihr auf dieser Welt seid, ist der, dass ihr Euch f\u00fcr den Frieden und die Gl\u00fcckseligkeit der Menschheit mobilisieren m\u00fcsst (...) Unsere erhabene Religion ist voll dieser sch\u00f6nen Dinge, und wir m\u00fcssen ihren Wert gut kennen. Erwartet keinen Beistand von anderswo! Solange wir das Gute, Sch\u00f6ne und Wahre verfolgen, ist die Menschheit mit uns zufrieden, und auf der Welt wird ein Klima von Frieden und Ruhe verwirklicht.\" 127 124 \"Milli Gazete vom 2. M\u00e4rz 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 125 Ank\u00fcndigung auf \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-naher Website vom 27. Oktober 2006. 126 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 8. Oktober 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 127 \"Milli Gazete\" vom 14. M\u00e4rz 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz BadenW\u00fcrttemberg. 73","Auf einem Seminar der IGMG-Region Hessen wurde deutlich, dass der Aspekt der Mission (dava) und das F\u00fchrerprinzip konstitutive Elemente der Organisation darstellen. Mustafa MULLAOGLU, Mitglied der Kommission f\u00fcr Rechtleitung und der Fatwa-Kommission der IGMG-Zentrale, stellte hier vor den anwesenden Jugendlichen klar: \"Es gibt keine Jugendlichen ohne Mission und keine Mission ohne F\u00fchrer.\" 128 Bei diesem Seminar wurde den Teilnehmern vom ehemaligen Regionalvorsitzenden der IGMG Hessen auch das Buch \"Politische Begriffe im Koran\" als Lekt\u00fcre empfohlen. Erstmals brachte die IGMG im Sommer 2007 Jugendliche zu Ferienkursen in die T\u00fcrkei, so aus den Vereinen Heilbronn129, Backnang und Waiblingen130. Die Bildungsinitiativen der IGMG erstrecken sich auch auf Ausbildungsangebote f\u00fcr den eigenen Nachwuchs an Lehrkr\u00e4ften. So besteht in der Region Freiburg seit Februar 2007 ein auf vier Jahre angelegter Predigerinnenkurs, der im Verein in Aldingen abgehalten wird. Eine weitere Form basisorientierter Bildung besteht in Gespr\u00e4chsveranstaltungen (sohbet), die in Moscheen und Privatwohnungen abgehalten werden. Wie im Vorjahr f\u00fchrte die IGMG Anfang Dezember 2007 europaweit \"Hausgespr\u00e4che\" durch131, bei denen besonders die Identit\u00e4t muslimischer Jugendlicher, muslimische Lebensf\u00fchrung sowie die Person des Propheten und dessen Botschaft thematisiert wurden. In Stuttgart wurden die Jugendbildungskurse 2006/2007 des IGMGFrauenjugendverbands Baden-W\u00fcrttemberg mit einer Diplomfeier abgeschlossen, bei der die Jugendvorsitzende Canan B\u00dcLB\u00dcL betonte, die hier ausgebildeten jungen Frauen w\u00fcrden \"k\u00fcnftig bei der Formung der 128 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 8. November 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 129 Anzeige in der \"Milli Gazete\" vom 30. Mai 2007. 130 \"Milli Gazete\" vom 17. Oktober 2007. 131 Die Zielvorgabe lag bei 2.000 Hausgespr\u00e4chen (IGMGWebsite vom 26. November 2007). 132 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 5. Juli 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 74","Islamismus Gesellschaft und der kommenden Generation eine wichtige Rolle spielen.\" 132 \"F\u00fchrer\" Erbakan war zu dieser Veranstaltung live zugeschaltet und erl\u00e4uterte, warum die Welt \"der 'Milli G\u00f6r\u00fcs' bed\u00fcrfe\". Angehende Akademiker sind eine wichtige Zielgruppe im Rahmen der Aktivit\u00e4ten der IGMG. Insbesondere nimmt sich die IGMG kopftuchtragenden Studentinnen an, die aufgrund des Kopftuchverbots in der T\u00fcrkei133 zum Studium an europ\u00e4ische Universit\u00e4ten ausweichen. Hier leistet die Organisation auch finanzielle Unterst\u00fctzung in Form der Vergabe von Stipendien. Am 31. M\u00e4rz 2007 veranstaltete die IGMG in der Stadthalle Hagen einen internationalen Studententag, f\u00fcr den au\u00dfer Studententag in den IGMG-eigenen Medien auch auf einer eigens eingerichteten t\u00fcrkischsprachigen Internetseite geworben wurde. Zu der unter dem Motto \"Zukunft in der Tradition\" abgehaltenen Veranstaltung reisten rund 1.700 Studierende aus ganz Europa an. Den inhaltlichen Schwerpunkt bildete die Frage der Bewahrung der islamischen Identit\u00e4t in den europ\u00e4ischen Gesellschaften. Abermals wies hier Generalsekret\u00e4r \u00dcC\u00dcNC\u00dc das Konzept eines \"Euro-Islam\" entschieden zur\u00fcck.134 Nach dessen Konzeption w\u00e4re eine moderate Anpassung bestimmter islamischer Vorschriften an die Erfordernisse der Moderne vorstellbar. Das Festhalten an Koran und Sunna als Leitlinien bezeichnete \u00dcC\u00dcNC\u00dc als elementar. Auch werde man sich die Definitionshoheit in Glaubensfragen \"nicht von anderen wegnehmen lassen\". Einer der Gastredner auf der Veranstaltung war SP-Gr\u00fcndungsmitglied Prof. Dr. Numan KURTULMUS, der in seinem Beitrag die historische Rolle des Osmanischen Reiches als \"Symbol der Vereinigung von Ost und West\", einer \"Globalisierung im positiven Sinne\", hervorhob. Bei ihren innerorganisatorischen Fortbildungsseminaren f\u00fchrte die IGMGZentrale einen so genannten Erweckungsunterricht (dirilis dersleri) f\u00fcr weibliche F\u00fchrungskr\u00e4fte der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" in Holland durch. Mit dieser Art des Unterrichts soll neben der Schaffung eines Da'wa135-Bewusstseins 133 Am 9. Februar 2008 verabschiedete die regierende \"Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Entwicklung\" (AKP) mit Unterst\u00fctzung der \"Partei der Nationalistischen Bewegung\" (MHP) eine Gesetzesvorlage zur Aufhebung des Kopftuchverbots. 134 Hier und im Folgenden: Online Ausgabe der \"Islamischen Zeitung\" vom 18. April 2007. 135 Aktivit\u00e4ten, die geeignet sind, f\u00fcr den Islam zu werben und diesen zu verbreiten. 136 \"Milli Gazete\" vom 10. Juli 2007. 137 Publikation des Imams des Vereins Pleidelsheim, Edip G\u00d6KBAKAN: \"Neden Hristiyanlik Degil De Islam?\" (\"Warum nicht Christentum, sondern Islam?\"), Istanbul 2006. 75","das Erkennen der Bedeutung der Organisierung, die St\u00e4rkung des Tag der Offenen Zusammenhalts unter den Jugendfunktion\u00e4ren und die F\u00f6rderung ihrer Moschee Aktivit\u00e4ten erreicht werden. Im Juli 2007 erfolgte im Verein der IGMG Pleidelsheim eine als \"Hinwendung zur Wahrheit\"136 beschriebene Konversion, die auf die Lekt\u00fcre entsprechender Da'wa-Literatur137 zur\u00fcckgef\u00fchrt wurde. Veranstaltungen zum \"Tag der Offenen Moschee\" k\u00f6nnen in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht ganz losgel\u00f6st vom Aspekt der Da'wa betrachtet werden. Im Verein Walldorf hielt IGMG-Generalsekret\u00e4r \u00dcC\u00dcNC\u00dc am 3. Oktober 2007 eine Ansprache an die G\u00e4ste, in welcher er \"Botschaften des Friedens, des Vertrauens und des Rechts\" ausgesandt habe. Die deutschen G\u00e4ste seien angesichts des \"Vergleichs dieser Ausf\u00fchrungen mit den Behauptungen aus den Medien geradezu berauscht und gleichzeitig schockiert\" gewesen.138 Derartige \u00c4u\u00dferungen im Hinblick auf die deutsche \u00d6ffentlichkeit kontrastieren jedoch mit Vorf\u00e4llen wie dem Auffinden einer der verbotenen \"Hizb ut-Tahrir\"139 zuzuordnenden Publikation zum Thema \"Kalifat\" ebenfalls am \"Tag der Offenen Moschee\" im Verein in N\u00fcrtingen, in welcher der \"von langer Hand vorbereitete Plan, der politischen Einrichtung des Islam den Todessto\u00df zu versetzen\", beklagt wird. Auch die vorhandenen Verbindungen von Funktion\u00e4ren der IGMG Region Schwaben zum 1999 gegr\u00fcndeten Ulmer Verein \"Islamisches Informationszentrum e.V.\" (IIZ) - mehrere Personen bekleideten sowohl im IGMG-Verband Schwaben als auch im IIZ eine Funktion -, welcher nach dem Verbot des \"Multi-Kulturhauses Ulm e.V.\" (MKH) dessen Strukturen weiterf\u00fchrte und sich am 2. Oktober 2007 selbst aufl\u00f6ste, um einem drohenden Verbot zuvorzukommen, konterkarieren die von der IGMG-F\u00fchrung angestrebte Vertrauensbildung. In welch starkem Ma\u00df die innere Befindlichkeit der Gemeinschaft mit den Integrationserwartungen der Mehrheitsgesellschaft kontrastiert, gibt ein am 14. Februar 2007 in der \"Milli Gazete\"140 erschienener Artikel aus Anlass einer Koran-Festveranstaltung in Dortmund wieder. Ge-m\u00e4\u00df diesen Ausf\u00fchrungen erleben sich die muslimischen Einwanderer als Tr\u00e4ger und \u00dcberbringer eines \"Heilsweges f\u00fcr die Menschheit\": Die muslimischen \"Auswanderer\" (muhacir) in Deutschland setzten ihre Unterschrift unter \"gl\u00e4nzende Aktionen\". Im \"Kampf um Selbstbehauptung oder Verschwinden\" 138 \"Milli Gazete\" vom 17. Oktober 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz BadenW\u00fcrttemberg. 139 Siehe Kap. B Ziff. 4.3.5. 140 \"Milli Gazete\" vom 14. Februar 2007; im Folgenden \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 141 Mit diesem Begriff wird eine Parallele gezogen zwischen der heutigen Situation der Muslime in der Migration und der \"Auswanderung\" (hidjra) des Propheten Muhammad von Mekka nach Medina 622 n.Chr. 76","Islamismus tr\u00fcgen sie die Eigenschaft des Ausgewandertseins (muhacirlik)141 stolz im Bedeutung Herzen und im Ged\u00e4chtnis. Als \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" sowie unter anderen Namen der Jugendund habe man zivilgesellschaftliche Organisationen gegr\u00fcndet und mit segensFrauenarbeit reicher Arbeit begonnen, die nun Fr\u00fcchte trage, wobei die \"segensreichen Auswanderer\" (kutlu muhacirler) einen \"gleichsam heldenhaften Kampf\" f\u00fchrten. Im Blick auf die Jugend, die in Europa den Geist der Zeit vor Hunderten von Jahren wieder auferstehen lasse, wird formuliert n: \"Diese werden es sein, die in Zukunft (...) zum Heilmittel f\u00fcr die Menschheit werden und auf den Stirnen der Menschen die Rosen der Niederwerfung erbl\u00fchen lassen werden.\" Auch die bedeutsame Rolle der Frauen wird gew\u00fcrdigt: \"Sie errichten eine Sperrmauer gegen die Assimilierung der Generationen.\" Als Fazit hei\u00dft es: \"Um die schlimme Entwicklung im Westen zu stoppen, bem\u00fchen sich unsere im Westen lebenden Menschen unerm\u00fcdlich und unabl\u00e4ssig, den universellen Glauben des Islam wie einen Heiltrank, eine Medizin in die Herzen und Gem\u00fcter der eigenen wie auch der \u00fcbrigen Menschen einzufl\u00f6\u00dfen.\" Diese Betrachtungsweise l\u00e4sst keinen Zweifel am Fernziel der Gesundung der gesamten Menschheit durch den Heiltrank des Islam in der Interpretation der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\". Noch deutlicher formuliert dies ein Kolumnist der \"Milli Gazete\", der 2007 mehrfach als Gastredner bei Veranstaltungen der IGMG, auch in der Region Stuttgart142, auftrat, wie folgt: \"'Eroberung' (fetih) hei\u00dft, s\u00e4mtliche nicht mit dem Islam vereinbaren Formen von Gebr\u00e4uchen und Sitten niederzurei\u00dfen und die Menschen aus der Umzingelung dieser Gebr\u00e4uche zu befreien (...) 'Erobe142 Veranstaltungsank\u00fcndigung in der \"Milli Gazete\" vom 23. M\u00e4rz 2007. 143 \"Milli Gazete\" vom 29. Mai 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 77","rung' hei\u00dft, ausschlie\u00dflich Diener Allahs zu sein und Generationen heranzuziehen, die nicht Dienern dienen. 'Eroberung' hei\u00dft, das Nichtige (batil) mit dem Wahrhaften (hak; auch: Gott) zu \u00fcberdecken und das Nichtige auszumerzen.\" 143 Derselbe Autor l\u00e4sst ein Rechtsempfinden erkennen, das eine deutliche Distanz zu \"menschengemachten Gesetzen\" offenbar werden l\u00e4sst: \"Bei Gesetzen, die das Parlament gebilligt hat, kann der Staatspr\u00e4sident ein Veto einlegen. Aber s\u00e4mtliche Staatspr\u00e4sidenten, K\u00f6nige, Kaiser und Sultane k\u00f6nnen nicht einen einzigen Vers des Buches Allahs blockieren (...) Das Recht (hukuk) kann nur dann 'Recht' genannt werden, wenn es von \"Hak\" (Wahrheit/Gott) kommt. Wenn es vom Volk kommt, hei\u00dft es 'kanun' (Gesetz).\" 144 Furcht vor Assimilation Das von der IGMG gebotene, mit den Institutionen der Mehrheitsgesellschaft konkurrierende Bezugssystem bildet gleichzeitig eine Barriere f\u00fcr eine gelingende Integration ihrer Anh\u00e4nger in die Gesellschaft des Aufnahmelandes. Aus der Binnensicht heraus ist dieses Abschirmen nur folgerichtig, weil damit der bef\u00fcrchteten \"Assimilation\" ein Schutzwall entgegengesetzt werden soll. Ein aus der T\u00fcrkei angereister Kolumnist beschreibt diesen Umstand anl\u00e4sslich eines Basars der IGMG in Schorndorf im Hinblick auf die Rolle der M\u00fctter in den Familien: \"Damit ihre Kinder nicht assimiliert werden, besch\u00fctzen sie sie mit bemerkenswertem Eifer unter dem kulturellen Schirm der Milli G\u00f6r\u00fcs-Organisationen.\" 145 Dieses Bed\u00fcrfnis nach Abgrenzung kommt auch in \u00dcberlegungen zur Gestaltung der Beziehungen in der Gesellschaft zum Ausdruck, die unter dem Aspekt der Religionszugeh\u00f6rigkeit der Beteiligten betrachtet werden. Mustafa MULLAOGLU, stellvertretender Vorsitzender der Kommission f\u00fcr Rechtleitung der IGMG-Zentrale, referierte bei einem Seminar der IGMG 144 \"Milli Gazete\" vom 24. M\u00e4rz 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz BadenW\u00fcrttemberg. 145 \"Milli Gazete\" vom 18. Juni 2007; \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 146 \"Milli Gazete\" vom 6. Juni 2007. 78","Islamismus Holland-Nord zur Frage der Lebensf\u00fchrung eines Muslims in einem nichtmuslimischen Land, wobei das Thema auf der Basis der Beziehungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zur Zeit des Propheten diskutiert wurde.146 4.6 Der \"Kalifatsstaat\" (\"Hilafet Devleti\"), fr\u00fcher \"Verband der Islamischen Vereine und Gemeinden e.V.\" (ICCB) Gr\u00fcndung: 1984 (ICCB), 1994 Umbenennung in \"Kalifatsstaat\" Sitz: K\u00f6ln Mitglieder: ca. 250 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 300) ca. 750 Bund (2006: ca. 750) Verbot: Nach dem Wegfall des Religionsprivilegs durch \u00c4nderung des Vereinsgesetzes wurden am 8. Dezember 2001 durch den Bundesminister des Innern 19 Ortsvereine als Teilorganisationen des \"Kalifatsstaats\" verboten; am 19. September 2002 wurde das Verbot auf 16 weitere Cemaleddin KAPLAN Teilorganisationen ausgedehnt.147 Die Gr\u00fcndung des \"Verbands der Islamischen Vereine und Gemeinden\" (\"Islami Cemiyet ve Cemaatler Birligi\", ICCB) im November 1984 durch Cemaleddin KAPLAN, ehemals Beamter des t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidiums f\u00fcr Religi\u00f6se Angelegenheiten (Diyanet Isleri Baskanligi), geht auf interne Auseinandersetzungen zwischen KAPLAN und der von Prof. Dr. Necmettin ERBAKAN gef\u00fchrten \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" zur\u00fcck, in deren Namen KAPLAN Anfang der 1980er Jahre nach Deutschland entsandt worden war. Im Unterschied zur \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" sah KAPLAN in der Methode der \"Verk\u00fcndigung\" (teblig)148 des Islam und dem anschlie\u00dfenden revolution\u00e4ren Umsturz den K\u00f6ln als einzig gangbaren Weg zur Macht. KAPLAN verlie\u00df die damalige \"Avrupa fiktives Kalifat Milli G\u00f6r\u00fcs Teskilatlari\" (AMGT), gefolgt von etwa der H\u00e4lfte der dieser zugeh\u00f6rigen Moscheevereine und gr\u00fcndete den ICCB. 1992 erfolgte die 147 Best\u00e4tigung des Verbots durch Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 27. November 2002. 148 KAPLAN orientierte sich hier am Vorbild Ayatollah Khomeinis, der w\u00e4hrend der Jahre seines Exils in Frankreich die permanente \"Verk\u00fcndigung\" seiner Reden und Predigten als das geeignete Mittel ansah, damit das Volk als \"Empf\u00e4nger\" dieser \"Verk\u00fcndigung\" schlie\u00dflich zu den Waffen greife und die Revolution vollziehe. 79","Umbenennung der Organisation in \"F\u00f6derativer Islamischer Staat Anatolien\" (\"Anadolu Federe Islam Devleti\", AFID) und 1994 in \"Kalifatsstaat\" (\"Hilafet Devleti\"). K\u00f6ln als Sitz der Zentrale sollte bis zur angestrebten \"Befreiung Istanbuls\" als Hauptstadt des \"exterritorialen 'Kalifatsstaats'\" fungieren. Die \u00f6rtlichen Mitgliedsvereine des Verbandes unterstanden so genannten Gebietsemiren (b\u00f6lge emiri), die ihrerseits an die Weisungen des \"Kalifen\" gebunden waren. Die Mitglieder waren KAPLAN zu einem \"Treueschwur\" (biat) und zu unbedingweiter in Haft tem Gehorsam dem \"Kalifen\" gegen\u00fcber verpflichtet. Nach dem Tod Cemalettin KAPLANs im Mai Metin KAPLAN 1995 wurde seinem Sohn Metin KAPLAN die Nachfolge im Amt des \"Kalifen\" \u00fcbertragen. Im November 2000 hat das Oberlandesgericht D\u00fcsseldorf Metin KAPLAN aufgrund einer von ihm erlassenen Fatwa, die zur T\u00f6tung des \"Gegenkalifen\" Dr. Halil Ibrahim SOFU gef\u00fchrt hatte, zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Im Herbst 2004 wurde KAPLAN in einem Internetcafe in K\u00f6ln festgenommen und nach Istanbul ausgeflogen, wo ihm wegen Hochverrats der Prozess gemacht wurde. Am 20. Juni 2005 wurde KAPLAN zu lebenslanger Haft verurteilt; ein Berufungsgericht in Ankara hob jedoch dieses Urteil durch seine Entscheidung vom 30. November 2005 aufgrund von Verfahrensfehlern auf. Der Prozess wird derzeit fortgesetzt. KAPLAN befindet sich noch immer in Haft. Die Verbreitung von Publikationen des \"Kalifatsstaats\", die zum Teil auch nach dem Verbot der Organisation noch beobachtet wurde und aufgrund derer verschiedentlich Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden, konnte im Jahr 2007 nicht mehr festgestellt werden. Die offizielle Internetseite des \"Kalifatsstaats\", die \u00fcber einen Server in den Niederlanden betrieben wird, ist weiterhin abrufbar.149 Neben Schriften und 149 Internetauswertung vom 15. November 2007. 150 Ausgaben aus den Jahren 2002 und 2003; Internetauswertung vom 15. November 2007. 151 Internetauswertung vom 15. November 2007. 80","Islamismus B\u00fcchern Cemalettin und Metin KAPLANs, Videound Audiodokumenten sind hier Ausgaben der deutschsprachigen Publikation \"Der Islam als Alternative\" in Volltext eingestellt.150 Eine Internetseite des Fernsehkanals \"Hakk TV\" unter dem Motto \"Der Islam ist sowohl Religion als auch Staat, sowohl Gottesverehrung als auch Politik\" ist ebenfalls geschaltet.151 Das Verbot und die Exekutivma\u00dfnahmen haben die Organisationsstruktur zwar geschw\u00e4cht, gleichwohl sind die Anh\u00e4nger weiterhin in Deutschland pr\u00e4sent. Wie sich diese l\u00e4ngerfristig orientieren werden und ob es zu einer Neustrukturierung kommen wird, ist ungewiss. 5. Weitere Informationen Im Jahr 2006 erschien die Brosch\u00fcre \"Islamistischer Extremismus und Terrorismus\" des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. Aktuelle Informationen erhalten Sie auf unserer Homepage: http://www.verfassungsschutz-bw.de/kgi/kgi_start.htm. 81","C. SICHERHEITSGEF\u00c4HRDENDE BESTREBUNGEN VON AUSL\u00c4NDERN 1. Allgemeiner \u00dcberblick Organisationen von Ausl\u00e4ndern werden als extremistisch eingestuft und vom Verfassungsschutz beobachtet, wenn sie sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. Der gesetzlich vorgesehenen Beobachtung unterliegen neben islamistischen Gruppierungen152 auch BestreBeobachtungsbungen, die durch die Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorumfang bereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn eine gewaltsame \u00c4nderung der politischen Verh\u00e4ltnisse im jeweiligen Heimatland angestrebt wird. Daneben fallen Bestrebungen unter den Beobachtungsauftrag, wenn diese gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, insbesondere gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind. Deshalb sind die Entwicklungen im Bereich Ausl\u00e4nderextremismus vor allem von den Ereignissen in den jeweiligen Heimatl\u00e4ndern gepr\u00e4gt und k\u00f6nnen sich anlassbezogen kurzfristig \u00e4ndern. Ausl\u00e4ndersextremistisches Personenpotenzial in Deutschland und Baden-W\u00fcrttemberg im Zeitraum 2005 - 2007 152 Vgl. das Kap. B \"Islamistischer Extremismus und Terrorismus\". 82","Ausl\u00e4nderextremismus In Baden-W\u00fcrttemberg waren 8.440 (2006: 8.405) Personen in Vereinigungen mit extremistischer oder terroristischer Zielsetzung aktiv. Die Gesamtzahl der politisch motivierten Straftaten im Ph\u00e4nomenbereich Ausl\u00e4nder Zunahme der stieg in Baden-W\u00fcrttemberg sprunghaft von 59 auf 135 (+120 Prozent). Straftaten Hiervon entfielen 123 (2006: 45) auf Straftaten mit extremistischem Hintergrund. Die Anzahl der Gewaltdelikte verdoppelte sich von 7 auf 14 F\u00e4lle.153 Diese Zahlen spiegeln vor allem die Aktionst\u00e4tigkeit im Zusammenhang mit dem \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL) wider. Ein gro\u00dfer Teil der 39 Verst\u00f6\u00dfe gegen das Vereinsgesetz resultierten aus dem Abschluss eines Sammelverfahrens des Landeskriminalamts Stuttgart gegen Angeh\u00f6rige die Organisation. Au\u00dferdem wurden vier Brandanschl\u00e4ge im Sachzusammenhang mit dem KONGRA-GEL verzeichnet. Auch die unfriedlichen Aktionen als Reaktion auf die Erm\u00e4chtigung des t\u00fcrkischen Parlaments im Oktober 2007, in den Nordirak einzumarschieren, fanden ihren Niederschlag in der Statistik. Im t\u00fcrkischen linksextremistischen Bereich fielen vermehrt Farbschmierereien auf. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Ausl\u00e4nder sowie ausl\u00e4nderextremistische Strafund Gewalttaten im Jahr 2007 153 Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fchrt keine eigene Strafund Gewalttatenstatistik. Alle in diesem Jahresbericht aufgef\u00fchrten statistischen Angaben zu politisch motivierten Straftaten beruhen auf Zahlenangaben des Landeskriminalamts Baden-W\u00fcrttemberg. 83","2. \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) beziehungsweise \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL) KONGRA-GELGr\u00fcndung: 1978 (in der T\u00fcrkei) Logo Bet\u00e4tigungsverbot in Deutschland vom 22. November 1993 (bestandskr\u00e4ftig seit 26. M\u00e4rz 1994) Umbenennung in KONGRA-GEL seit November 2003. Sitz: Grenzgebiet T\u00fcrkei / Nord-Irak Vorsitzender: Z\u00fcbeyir AYDAR, dennoch gilt Abdullah \u00d6CALAN weiterhin als Leitund Identifikationsfigur. Anh\u00e4nger: ca. 700 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 700) ca. 11.500 Bund (2006: ca. 11.500) Publikation: \"Serxwebun\" (Unabh\u00e4ngigkeit) Die von Abdullah \u00d6CALAN gegr\u00fcndete \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK), die sich zwischenzeitlich zweimal umbenannt hat, ist eine mitgliederstarke Organisation von \u00fcberwiegend aus der T\u00fcrkei stammenden Kurden. Ihr urspr\u00fcngliches Ziel war die Errichtung eines unabh\u00e4ngigen Staates \"Kurdistan\". Deshalb begann die straff hierarchisch organisierte Kaderpartei 1984 mit Hilfe ihres bewaffneten Arms \"Befreiungseinheiten Kurdistans\" (HRK), der im Oktober 1986 in \"Volksbefreiungsarmee Kurdistans\" (ARGK) umbenannt wurde, einen Guerillakrieg gegen den t\u00fcrkischen Staat. In Deutschland versuchte die Organisation, den Kampf im Heimatland durch politische und gewaltt\u00e4tige Aktionen zu unterst\u00fctzen. Deshalb wurde der PKK und ihrer im M\u00e4rz 1985 gegr\u00fcndeten Propagandaorganisation \"Nationale Befreiungsfront Kurdistans\" (ERNK) sowie weiteren Nebenorganisationen im November 1993 die Bet\u00e4tigung im Bundesgebiet durch den Bundesminister des Innern untersagt. Dieses Verbot umfasst auch den \"Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans\" (KADEK) und den \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL). Unter jeder dieser drei Bezeichnungen ist die Organisation auf Beschluss des Rats der ERNK-Logo \"Europ\u00e4ischen Union\" (EU) vom 2. April 2004154 auch in der \"EU-Terrorliste\" genannt. Au\u00dferdem entschied der Bundesgerichtshof 154 Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Union L 99 vom 3. April 2004, S. 28f. 84","Ausl\u00e4nderextremismus (BGH) am 21. Oktober 2004155, dass die F\u00fchrungsebene der PKK in Deutschland nach wie vor eine kriminelle Vereinigung im Sinne des SS 129 Abs. 1 Strafgesetzbuch ist. Nach der Verhaftung \u00d6CALANs am 15. Februar 1999 in Nairobi/Kenia und den anschlie\u00dfenden Gewaltphasen verk\u00fcndete die PKK im September 1999 ihre so genannte Friedensstrategie, deren konkrete Ausgestaltung auf dem 7. Parteikongress im Januar 2000 beschlossen wurde. Vorgeblich auf politischem Weg und ohne Anwendung von Gewalt fordern die PKK und ihre Nachfolgeorganisationen seitdem die Anerkennung der kurdischen Identit\u00e4t sowie mehr Rechte und kulturelle Autonomie. Als \u00fcbergeordnetes Ziel wird eine Einheit aller Kurden unter Wahrung der bestehenden Staatsgrenzen angestrebt. Dabei versteht sich die PKK selbst als einzig legitimer Vertreter und Ansprechpartner dieser Volksgruppe und reklamiert den alleinigen F\u00fchrungsanspruch f\u00fcr sich. Um die politische Neuausrichtung nach au\u00dfen zu dokumentieren und um sich von dem \u00fcber viele Jahre hinweg gepr\u00e4gten Makel einer Terrororganisation zu befreien, nahm die Organisation verschiedene Ver\u00e4nderungen vor. Insbesondere wurden die PKK selbst und mehrere Teilorganisationen umbenannt beziehungsweise HPG-Logo formal aufgel\u00f6st und unter neuen Namen wieder gegr\u00fcndet. Der milit\u00e4rische Arm ARGK erhielt zum Beispiel die Bezeichnung \"Volksverteidigungskr\u00e4fte\" (HPG). Die ehemalige Propagandaorganisation ERNK firmiert seit Sommer 2004 als \"Koordination der kurdisch-demokratischen Gesellschaft in Europa\" (CDK). Die KONGRA-GEL-Jugendorganisation tritt als Komalen Ciwan\"Vereinigung der demokratischen Jugendlichen Kurdistans\" (Komalen Logo Ciwan) auf. Unabh\u00e4ngig von ihrer Bezeichnung ist die Organisation nach wie vor trotz der nach au\u00dfen propagierten \"Friedenslinie\" und der vielen Ver\u00e4nderungen seit Herbst 1999 eine Gefahr f\u00fcr die Innere Sicherheit Deutschlands. Denn eine grunds\u00e4tzliche Wandlung ist nicht festzustellen: An dem strikt hierarkeine wirkliche chischen Aufbau und an der autorit\u00e4ren F\u00fchrung haben sich bis heute Wandlung weder substanziell noch personell nennenswerte Ver\u00e4nderungen ergeben. Eine zumindest teilweise Demokratisierung der Strukturen ist bislang trotz mehrerer Versuche, wenigstens einzelne demokratische Elemente einzuf\u00fchren und die Basis bei Entscheidungen mit einzubeziehen, nicht erfolgt. Auch wird Gewalt nach wie vor als ein wichtiges Mittel zur Durchsetzung der Ziele und zum eigenen Schutz angesehen. Die Organisation verfolgt derzeit eine Doppelstrategie: einerseits bewaffnete Auseinandersetzung in der T\u00fcrkei und andererseits gewaltfreie Protestaktionen in Deutschland. 155 Urteil des BGH vom 21. Oktober 2004, 3 StR 94/04. 85","Dennoch beh\u00e4lt sie sich auch hier die Anwendung von Gewalt zumindest vor. Anlassbezogen kann sie einen gro\u00dfen Teil der Mitglieder und Anh\u00e4nger auch in Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fcr gewaltt\u00e4tige Aktionen mobilisieren. Mobilisierung in Baden-W\u00fcrttemberg - besonders kurdischer Jugendlicher Das Jahr 2007 war von mehreren Aktionswellen gepr\u00e4gt, die durch exekutive Ma\u00dfnahmen, die Meldung \u00fcber die angebliche Vergiftung \u00d6CALANs und Ereignisse in der T\u00fcrkei ausgel\u00f6st wurden. Die Aktionsschwerpunkte in Baden-W\u00fcrttemberg waren dabei Stuttgart, Mannheim, Heilbronn, Ulm landesweit gleichund Freiburg im Breisgau. Landesweit engagieren sich etwa 700 Personen bleibendes Persoaktiv f\u00fcr den KONGRA-GEL oder die ihm nahe stehenden Organisationen. nenpotenzial F\u00fcr besondere Anl\u00e4sse lassen sich in Baden-W\u00fcrttemberg mehrere Tausend Kurden mobilisieren. 2007 konnte erneut eine Unterst\u00fctzung durch t\u00fcrkische linksextremistische Organisationen festgestellt werden. Das Kurdenproblem wurde auch in der deutschen linksextremistischen Szene aufgegriffen. Dabei handelt es sich nach den vorliegenden Erkenntnissen weniger um eine Zusammenarbeit mit dem verbotenen KONGRA-GEL als um eine Solidarisierung mit den t\u00fcrkischen Kurden im Allgemeinen. Mobilisierung Die KONGRA-GEL-Anh\u00e4nger werden vorwiegend \u00fcber die dem KONerfolgt \u00fcber GRA-GEL nahe stehenden \u00f6rtlichen Kurdenvereine erreicht. \u00d6ffentlichVereine keitswirksame Aktionen werden grunds\u00e4tzlich in ihrem Namen angemeldet und verlaufen weitgehend friedlich. Immer \u00f6fter wurden diese Veranstaltungen aber von Rangeleien am Rand begleitet. Diese entstanden meist nach Provokationen national eingestellter t\u00fcrkischer Personen. Seit dem Fr\u00fchjahr 2007 werden die kurdischen Jugendlichen mit Nachdruck in einschl\u00e4gigen Medien wie zum Beispiel in der Zeitschrift \"Ciwanen Azad\" (\"Freie Jugend\") oder auf der Internetseite der KONGRA-GEL-Jugendorganisation in allgemeiner Form zu Aktionen aufgerufen und dazu ermutigt, sich der Guerilla in den Bergen anzuschlie\u00dfen. Bundesweit, unter anderem auch in Baden-W\u00fcrttemberg, ereigneten sich 2007 einzelne unfriedliche Aktionen, die aufgrund des zeitlichen und sachlichen Zusammenhangs mit Ereignissen und Aufrufen mutma\u00dflich von Angeh\u00f6rigen der KONGRA-GELJugendorganisation ver\u00fcbt wurden. Besonders emotionali86","Ausl\u00e4nderextremismus siert und aggressiv reagierten sie auf Provokationen national eingestellter beziehungsweise staatstreuer T\u00fcrken bei Protestaktionen im Sp\u00e4therbst 2007. Anlass war der in der T\u00fcrkei zugespitzte Konflikt zwischen den K\u00e4mpfern der HPG und dem t\u00fcrkischen Milit\u00e4r, der sich bis nach Deutschland auswirkte. Aufgeheizte Stimmung Anfang 2007 Die l\u00e4nder\u00fcbergreifende Durchsuchung von \u00fcber 20 Objekten in BadenW\u00fcrttemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und im Saarland unter Federf\u00fchrung Reaktionen des Landeskriminalamts Stuttgart am 10. Januar 2007 rief unter den Anh\u00e4nauf Polizeigern bundesweit gro\u00dfe Aufregung, Wut und Emp\u00f6rung hervor. Dabei wurma\u00dfnahmen den umfangreiches Beweismaterial und Bargeld sichergestellt sowie ein Funktion\u00e4r festgenommen, der zun\u00e4chst das KONGRA-GEL-Gebiet Stuttgart geleitet hatte und sp\u00e4ter zus\u00e4tzlich f\u00fcr den gesamten s\u00fcddeutschen Raum verantwortlich war. Wegen dieser Funktion\u00e4rst\u00e4tigkeit verurteilte ihn das Landgericht Stuttgart am 10. Juli 2007 zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bew\u00e4hrung156. Gegen die Ma\u00dfnahme des Landeskriminalamts protestierte vor allem die \"F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland e.V.\" (YEK-KOM)157. In den Medien wurde der Verhaftete als eines der Vorstandsmitglieder angegeben. YEK-KOM bezeichnete die Hausdurchsuchungen als einen \"Teil des schmutzigen Krieges158\". Es sei offensichtlich, dass die von der Polizei angegebene Suche nach zwei Personen nur ein Vorwand gewesen sei, um nach neuen Gr\u00fcnden f\u00fcr eine Schlie\u00dfung der Vereine suchen zu k\u00f6nnen. Bei einer Pressekonferenz am 12. Januar 2007 in Stuttgart forderten Vorstandsmitglieder der YEK-KOM und des \u00f6rtlichen KONGRA-GEL-nahen Vereins, der ebenfalls durchsucht worden war, ein Ende der st\u00e4ndigen Repressionen gegen die Kurden. Aus Protest traten in einem gleichfalls von der Ma\u00dfnahme betroffenen Verein in Esslingen mehrere Personen in einen dreit\u00e4gigen \"Hungerstreik\". An einer zentralen Demonstration am 20. Januar 2007 in Stuttgart beteiligten sich rund 500 Personen. Die Tageszeitung \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" berichtete am 27. Januar 2007 \u00fcber einen Boykottaufruf der KONGRA-GEL-Propagandaorganisation f\u00fcr deutsche Produkte. Anfang Februar 2007 wurden im Raum Paris und in Br\u00fcssel mehrere Kurden vor\u00fcbergehend festgenommen. Diese sollen mutma\u00dflich in die Finanzierung des KONGRA-GEL eingebunden gewesen sein. Nachdem die 156 Das Urteil ist zwischenzeitlich rechtskr\u00e4ftig. 157 Dachverband mit Sitz in D\u00fcsseldorf, in dem \u00fcberwiegend die \u00f6rtlichen KONGRA-GEL-nahen Vereine in Deutschland zusammengeschlossen sind. 158 Hier und im Folgenden: Tageszeitung \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 11. Januar 2007, Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. 87","KONGRA-GEL-Jugendorganisation daraufhin an die Ehre der kurdischen Jugendlichen appelliert und sie zum \"radikalen, legalen und demokratischen Widerstand\"159 aufgerufen hatte, entz\u00fcndeten Jugendliche am Abend des 7. Februar 2007 Benzin auf einem Autobahnzubringer bei Freiburg im Breisgau. Die Polizei fand ein Stofftransparent mit der Aufschrift \"Europa fordere unsere Geduld nicht heraus kurdische Jugend Initiative\". Die allj\u00e4hrliche Demonstration anl\u00e4sslich des Jahrestags der Verhaftung \u00d6CALANs verlief am 10. Februar 2007 in Stra\u00dfburg mit rund 12.000 Personen, die vor allem aus Deutschland angereist waren, ohne besondere Vorkommnisse. In einem KONGRA-GELnahen Verein in Heilbronn fand ein dreit\u00e4giger Hungerstreik statt, der mit einem Aufzug und anschlie\u00dfender Kundgebung am 16. Februar 2007 mit \u00fcber 400 Teilnehmern endete. Das Motto der Veranstaltung lautete: \"Protest gegen die Angriffe, Unterdr\u00fcckung und Kriminalisierung der Kurden und ihre Vereine durch die europ\u00e4ischen Regierungen, insbesondere Deutschland, Holland und Frankreich und den internationalen Komplott vom 15.02.1999 gegen Herr Abdullah \u00d6calan\".160 Angesichts der beschriebenen und weiterer Ma\u00dfnahmen - darunter die Entscheidung des Ministerkomitees des Europarats vom 13./14. Februar 2007, dass eine Neuaufnahme des Strafprozesses gegen \u00d6CALAN entbehrlich sei - ging der KONGRA-GEL von einem neuen \"Angriffskonzept gegen die Kurden\"161 und von einem B\u00fcndnis aus, das von den USA entwickelt und nun von der Europ\u00e4ischen Union umgesetzt werde. Ausdr\u00fccklich wurde ein Treffen der so genannten PKK-Koordinatoren der USA und der T\u00fcrkei genannt, das am 11. Dezember 2006 in Stuttgart stattgefunden haben soll. Mit jeder Ma\u00dfnahme versch\u00e4rfte sich die Wortwahl der Protesterkl\u00e4rungen, auch gegen\u00fcber Deutschland. Angebliche Vergiftung \u00d6CALANs Kaum hatte sich die Stimmung der KONGRA-GEL-Anh\u00e4nger wieder etwas beruhigt, erkl\u00e4rten die Anw\u00e4lte \u00d6CALANs auf einer Pressekonferenz am 159 \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 7. Februar 2007, Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. 160 Laut Anmeldung bei der Versammlungsbeh\u00f6rde, \u00dcbernahme wie im Original. 161 \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 8. Februar 2007, Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. 88","Ausl\u00e4nderextremismus 1. M\u00e4rz 2007 in Rom, dass ihr Mandant in t\u00fcrkischer Haft langsam vergiftet werde. Eine Haaranalyse habe eine weit \u00fcber den Normalwerten liegende Konzentration von Strontium und Chrom ergeben. Die Anw\u00e4lte gingen davon aus, dass das Leben \u00d6CALANs hochgradig gef\u00e4hrdet sei. Sp\u00e4ter wurde bekannt, dass angeblich ein Unternehmen, das Kreisen der Mutterpartei der \"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Europa e.V.\" (AD\u00dcTDF)162 in der T\u00fcrkei zuzuordnen sei, \u00d6CALANs Zelle renoviert und dabei die W\u00e4nde mit einer Farbe gestrichen habe, der Gift beigemischt gewesen sei. Dies habe die beschriebenen Vergiftungserscheinungen hervorgerufen. Bei den Anh\u00e4ngern l\u00f6ste diese Meldung wiederum Best\u00fcrzung und Wut aus. \u00d6CALANs Gesundheitszustand war seit seiner Verhaftung immer wieReaktionen der Thema und Anlass demonstrativer Aktionen. Die Verantwortung f\u00fcr in Badenden angeblich schleichenden Tod \u00d6CALANs wurde nicht nur der T\u00fcrkei, W\u00fcrttemberg sondern auch den europ\u00e4ischen Staaten angelastet. Bereits am 3. M\u00e4rz 2007 fanden bundesweit Aufz\u00fcge und Kundgebungen statt. Ein Schwerpunkt lag mit jeweils mehreren hundert Teilnehmern in Baden-W\u00fcrttemberg. Die Stimmung bei den Veranstaltungen in Stuttgart, Mannheim, Heilbronn, Freiburg im Breisgau und Ulm war stark emotionalisiert. Auf drei Mitgliedsvereine der extrem nationalistischen AD\u00dcTDF wurden am 2. M\u00e4rz 2007 in Esslingen, am 21. M\u00e4rz 2007 in G\u00f6ppingen und am 14. Juni 2007 in Sindelfingen Brandanschl\u00e4ge ver\u00fcbt. Es entstand jeweils Sachschaden. Die zwischen 20 und 28 Jahre alten T\u00e4ter der Anschl\u00e4ge in G\u00f6ppingen und Esslingen wurden vom Landgericht Ulm im September 2007 beziehungsweise vom Landgericht Stuttgart im Februar 2008 zum Teil zu mehrj\u00e4hrigen Haftstrafen verurteilt. Proteste nach t\u00fcrkischem Mandat f\u00fcr eine Invasion in den Nordirak Unter dem Eindruck immer st\u00e4rker werdender Verluste innerhalb der t\u00fcrkischen Armee im Kampf gegen die HPG k\u00fcndigte der t\u00fcrkische Ministerpr\u00e4sident Recep Tayyip Erdogan Anfang Oktober 2007 ein sch\u00e4rferes Vor162 Auch bekannt als \"Graue W\u00f6lfe\", siehe Kap. C Ziff. 3.1.1. 89","gehen gegen den KONGRA-GEL beziehungsweise die PKK an. Am 17. Oktober 2007 erteilte das t\u00fcrkische Parlament der Regierung das auf ein Jahr befristete Mandat, in den Nordirak einzumarschieren, um milit\u00e4risch gegen die sich dort aufhaltenden GuerillaK\u00e4mpfer des KONGRA-GEL vorzugehen. Erst nach umfangreichen internationalen diplomatischen Verhandlungen konnte eine kurzfristige Intervention abgewandt werden. Unterdessen wurden die blutigen Auseinandersetzungen zwischen dem t\u00fcrkischen Milit\u00e4r und den Guerilla-K\u00e4mpfern des KONGRA-GEL mit Toten und Verletzten auf beiden Seiten im Krisengebiet fortgesetzt. Au\u00dferdem intensivierten sich die massiven Protestbekundungen von T\u00fcrken und Kurden in der T\u00fcrkei. Doch trotz markiger Worte einzelner Funktion\u00e4re in den Medien betonte KONGRA-GEL, dass man weiterhin an einer friedlichen und politischen L\u00f6sung des Kurdenproblems festhalte. \u00d6CALAN stellte fest, dass man \"nicht kriegsbesessen\" 163 sei. Wenn die milit\u00e4rischen Operationen eingestellt w\u00fcrden, entst\u00fcnde die f\u00fcr eine Waffenruhe geeignete Atmosph\u00e4re.164 Reaktionen auf Die versch\u00e4rfte Lage in der T\u00fcrkei wirkte sich auch auf Deutschland aus. Lageversch\u00e4rfung Die Vorg\u00e4nge im Heimatland und im Nordirak wurden sowohl von den in der T\u00fcrkei T\u00fcrken als auch von den Kurden genau beobachtet. Die KONGRA-GELAnh\u00e4nger sahen einem m\u00f6glichen Einmarsch, der bereits fast das ganze Jahr \u00fcber im Fokus der Medien stand, eher gelassen entgegen. Denn sie sind \u00fcberzeugt, dass der KONGRA-GEL beziehungsweise die Guerilla milit\u00e4risch nicht zu besiegen ist. Sie begr\u00fc\u00dften die internationale Aufmerksamkeit f\u00fcr das Kurdenproblem und spekulierten auf einen Solidarisierungseffekt aller Kurden. \u00dcber mehrere Wochen hinweg fanden bundesweit mit relativ hohen Teilnehmerzahlen sowohl pro-kurdische Demonstrationen, die in Baden-W\u00fcrttemberg haupts\u00e4chlich von KONGRA-GEL-nahen Vereinen organisiert wurden, als auch pro-t\u00fcrkische Kundgebungen statt. Letztere richteten sich gegen die PKK beziehungsweise den KONGRA-GEL und wiesen eine gro\u00dfe Beteiligung vorwiegend patriotisch gesinnter T\u00fcrken ohne erkennbaren Bezug zu extremistischen Organisationen auf. Gem\u00e4\u00df dem \"Friedenskurs\" war die Stimmung unter den KONGRA-GEL-Anh\u00e4ngern in Baden163 \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 3. November 2007, Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. 164 \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 10. November 2007, Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. 90","Ausl\u00e4nderextremismus W\u00fcrttemberg weitgehend von Besonnenheit gepr\u00e4gt, jedoch mit einer starken Tendenz zur Emotionalisierung bei direktem Zusammentreffen mit staatstreuen oder national eingestellten T\u00fcrken. Dies galt besonders f\u00fcr die kurdischen Jugendlichen. Die Polizei konnte durch starke Pr\u00e4senz und Eingreifen vor Ort jeweils eine Eskalation verhindern. Eine vom \u00f6rtlichen KONGRA-GEL-nahen Verein in Freiburg im Breisgau angemeldete Demonstration am 27. Oktober 2007 verlief mit etwa 400 Teilnehmern ohne besondere Vorkommnisse. Zu einer \u00e4hnlichen Veranstaltung am gleichen Tag in Heilbronn fanden sich rund 500 Personen ein, woraufhin sich unvorhergesehen etwa 400 T\u00fcrken zu einer spontanen Gegendemonstration formierten. Dabei kam es zu Provokationen und k\u00f6rperlichen Auseinandersetzungen, deren Ausweitung nur durch ein starkes Polizeiaufgebot verhindert werden konnte. Ein Polizist wurde bei diesem Einsatz verletzt. Weitgehend st\u00f6rungsfrei verlief dagegen die pro-kurdische Demonstration am 3. November 2007 in Stuttgart mit rund 1.200 Teilnehmern. Am 10. November 2007 fand sowohl eine t\u00fcrkische Demonstration in Freiburg im Breisgau mit etwa 500, als auch eine pro-kurdische in Pforzheim mit rund 500 Teilnehmern statt, davon mehr als die H\u00e4lfte Jugendliche. Beide Veranstaltungen verliefen friedlich, aber in sehr aufgeheizter und aggressiver Stimmung bei den kurdischen Jugendlichen. Weitere Demonstrationen wurden am 17. November 2007 in Mannheim mit etwa 1.000 und in Ulm mit rund 200 sowie am 24. November 2007 in Ludwigsburg mit circa 250 Teilnehmern durchgef\u00fchrt. Die meisten dieser Veranstaltungen standen auch unter dem Motto \"Edi Bese\".165 Finanzierung Der KONGRA-GEL ben\u00f6tigt f\u00fcr seine Propagandat\u00e4tigkeit, den Parteiapparat sowie f\u00fcr die Versorgung seiner Guerillak\u00e4mpfer und deren Ausstattung mit Waffen und Munition hohe Geldbetr\u00e4ge. Die Finanzierung erfolgt \u00fcber Mitgliedsbeitr\u00e4ge, den Verkauf von Publikationen und \u00fcber Gewinne 165 Zu Deutsch: \"Jetzt reicht es\". 91","aus Gro\u00dfveranstaltungen. Zus\u00e4tzlich sollen die angesprochenen Landsleute bei der allj\u00e4hrlichen Spendenkampagne einen gr\u00f6\u00dferen Betrag abliefern, in Abh\u00e4ngigkeit von ihrem Einkommen bis zur H\u00f6he von mehreren Hundert Euro. Dabei werden allein Spendenquittung in Deutschland mehrere Millionen Euro eingenommen. Diese Einnahmen sind seit Verk\u00fcndung des \"Friedenskurses\" tendenziell r\u00fcckl\u00e4ufig, weil sich zahlreiche Kurden nicht mehr ausreichend mit der Organisation identifizieren. Weitere Gr\u00fcnde f\u00fcr die Weigerung, den geforderten Beitrag ganz oder teilweise zu zahlen, d\u00fcrften die restriktiven staatlichen Ma\u00dfnahmen in Deutschland sowie die eigene wirtschaftliche Situation sein. Selbst das Argument, dass f\u00fcr die K\u00e4mpfer in der Heimat wesentlich h\u00f6here Gelder erforderlich seien, war entgegen allen Erwartungen nicht sehr zugkr\u00e4ftig. Ausblick Das weitere Verhalten des KONGRA-GEL und seiner Anh\u00e4nger in BadenW\u00fcrttemberg ist nach wie vor \u00fcberwiegend von den Ereignissen in der T\u00fcrkei abh\u00e4ngig. Sollte die T\u00fcrkei tats\u00e4chlich eine breit angelegte Invasion in den Nordirak starten, d\u00fcrfte dies gravierende Folgen f\u00fcr die Sicherheitslage in Deutschland haben. Denn die gro\u00dfe Anzahl von Demonstrationen einschlie\u00dflich der gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen im Herbst 2007 haben klar Konfliktgezeigt, welches Konfliktpotenzial auch hier zwischen staatstreuen und potenzial birgt national eingestellten T\u00fcrken einerseits und dem KONGRA-GEL andererGefahren seits besteht. Das Verhalten der KONGRA-GEL-Anh\u00e4nger wird au\u00dferdem von \u00d6CALAN und seinem Gesundheitszustand beeinflusst. Er wird unver\u00e4ndert als absolute Symbolund F\u00fchrungsfigur verehrt. Mit seinem Schicksal lassen sich noch immer die Massen mobilisieren. Deshalb d\u00fcrfte die Kampagne \"Edi Bese\" entsprechend dem \"Friedenskurs\" mit zun\u00e4chst demonstrativ friedlichen Aktionen weiter fortgef\u00fchrt und bei Bedarf intensiviert werden. Die Grundstimmung unter den KONGRA-GEL-Anh\u00e4ngern in Baden-W\u00fcrttemberg hat sich im Lauf des Jahres 2007 merklich weiter verschlechtert und konnte zeitweise sogar als aggressiv bezeichnet werden. Neben den polizeilichen Ma\u00dfnahmen trug auch das entschiedene und nachdr\u00fcckliche Vorgehen der Beh\u00f6rden, beispielsweise bei Einb\u00fcrgerungen, ausl\u00e4nderrechtlichen Fragen und Sicherheitsgespr\u00e4chen, zur weiteren Verunsicherung und Frustration innerhalb der Organisation in Baden-W\u00fcrttemberg bei. 92","Ausl\u00e4nderextremismus Dadurch f\u00fchlten sich ihre Anh\u00e4nger in ihrer negativen Meinung \u00fcber den deutschen Staat best\u00e4tigt. Dennoch gibt es bislang keine Anzeichen f\u00fcr ein Ende des \"Friedenskurses\" in Deutschland. 3. T\u00fcrkische Vereinigungen 3.1 Extrem nationalistische Organisationen 3.1.1 \"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Deutschland e.V.\" (AD\u00dcTDF) / \"T\u00fcrkische F\u00f6deration Deutschland\" (ATF) Gr\u00fcndung: 1978 Sitz: Frankfurt am Main Mitglieder: ca. 2.100 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 2.100) ca. 7.500 Bund (2006: ca. 8.750) Publikation: \"T\u00fcrk Federasyon B\u00fclteni\" (\"Bulletin der T\u00fcrkischen F\u00f6deration\") Die \"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Deutschland e.V.\" (\"Almanya Demokratik \u00dclk\u00fcc\u00fc T\u00fcrk Dernekleri Federasyonu\", AD\u00dcTDF), deren Anh\u00e4nger auch unter der Bezeichnung \"Graue W\u00f6lfe\" (Bozkurt)166 bekannt sind, ist eine extrem nationalistische Organisation mit pant\u00fcrkischen Idealen. In Baden-W\u00fcrttemberg befinden sich die bedeutendsten Ortsvereine der in Deutschland in 13 \"B\u00f6lge\" (Regionen) aufgeteilten Organisation in Stuttgart, Ulm und Mannheim. Die AD\u00dcTDF wird als Auslandsorganisation der 1969 gegr\u00fcndeten t\u00fcrkischen Mutterpartei \"Partei der Nationalistischen Bewegung\" (\"Milliyetci Hareket Partisi\", MHP) betrachtet, deren politische Ziele sie teilt und unterst\u00fctzt. Als oberstes Ziel gilt den extremen Nationalisten, ihrem Selbstverst\u00e4ndnis nach \"Idealisten\" (\u00fclk\u00fcc\u00fc) und die wahren t\u00fcrkischen Patrioten, eine von \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen unabh\u00e4ngige, starke, selbstbewusste t\u00fcrkische Nation. Dem ethnisch definierten T\u00fcrkentum wird in Gestalt der \"t\u00fcrkischislamischen Synthese\"167 die sunnitische Variante des Islam als untrennbarer kultureller Aspekt zugeordnet. Symbolisch ist diese Komponente, die sich 166 Der Legende nach f\u00fchren die T\u00fcrken ihren Ursprung auf den Wolf als Ahnherrn zur\u00fcck, der zum nationalen Symbol des T\u00fcrkentums stilisiert wurde. In der Symbolik der Nationalisten spielen der mit den Fingern der rechten Hand geformte \"Wolfsgru\u00df\" und die Fahne mit den drei nach unten ge\u00f6ffneten Halbmonden (osmanische Kriegsflagge) eine Rolle. 167 Bereits in den 1960er Jahren in akademischen Kreisen entwickeltes Konzept einer Verkn\u00fcpfung vorislamischer t\u00fcrkischer mit islamischen und nationalen Elementen, wobei die nationale Komponente vorherrscht. 93","auch in entsprechenden religi\u00f6sen Unterrichtsinhalten in den Mitgliedsvereinen manifestiert, im Emblem der Organisation - Silhouette einer Moschee mit Halbmond und Stern - zu erkennen. Rechtsextremistische und antisemitische Tendenzen sowie eine dogmatische Feindschaft in Bezug auf die \"Linke\" und nicht-t\u00fcrkische Minderheiten pr\u00e4gen unver\u00e4ndert ihre Ideologie. Im Zentrum der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc\"-Bewegung stehen der als \"F\u00fchrer\" (basbug) verehrte Gr\u00fcnder der MHP und ehemalige Oberst Alparslan T\u00dcRKES sowie die von ihm formulierte \"Neun-Lichter-Doktrin\" mit den wesentlichen Komponenten \"Nationalismus\" (milliyetcilik), \"Idealismus\" (\u00fclk\u00fcc\u00fcl\u00fck) und \"Ethik\" (ahlakcilik). Diese Weiterentwicklung einer Doktrin des als ma\u00dfgeblicher Ideologe der Bewegung geltenden, 1975 verstorbenen Nihal ATSIZ stellt die programmatische Basis f\u00fcr die Nationalisten dar. Von der Verherrlichung des \"F\u00fchrers\" T\u00dcRKES \u00fcber die \"Neun-Lichter-Doktrin\" bis hin zu detaillierten Ausf\u00fchrungen zur \"t\u00fcrkischen Heimat\" und zur \"t\u00fcrkischen Rasse\" sind die wesentlichen ideologischen Inhalte auch auf badenw\u00fcrttembergischen Webseiten der AD\u00dcTDF festzustellen. Diese Vereine verfolgen das Ziel, auch die in Deutschland geborene Jugend g\u00e4nzlich im Bewusstsein der Zugeh\u00f6rigkeit zur erhabenen t\u00fcrkischen Nation sowie der Verantwortung und der Pflichten gegen\u00fcber dieser Nation zu erziehen. Vermittelt werden hier auch die f\u00fcr die \"Idealisten\" pr\u00e4genden Grundlagen wie Heldentum, Moral, Opferbereitschaft, Pflichtbewusstsein. In einer Ansprache des 2. Vorsitzenden des Jugendverbands des \"Idealistenvereins\" Stuttgart aus Anlass des 554. Jahrestags der Eroberung Istanbuls sowie einem gleichzeitig stattfindenden Gedenken an die \"M\u00e4rtyrer\" der \"Idealisten\" kommen diese Werte zum Ausdruck: \"Bei diesem Kampf handelte es sich nicht, wie manche materialistischen Funktion\u00e4re meinen, um einen Kampf zwischen Rechten und Linken. Es war der Kampf zwischen T\u00fcrken und Nicht-T\u00fcrken. Es war der Kampf zwischen denen, die mit Bewusstsein, Kultur, Geist und Herz T\u00fcrken sind, und denen, die durch \u00fcberhaupt nichts T\u00fcrken sind und die den wahren Glauben auch nicht in ihrem Herzen f\u00fchlen.\" 168 168 \"Ocak\" Nr. 8 vom Juni 2007. 94","Ausl\u00e4nderextremismus Im Mai 2007 veranstaltete die AD\u00dcTDF, die sich selbst als die \"bedeutendste und einflussreichste Organisation des europ\u00e4ischen T\u00fcrkentums\" 169 versteht, ihre 25. Gro\u00dfe Generalversammlung im nordrhein-westf\u00e4lischen Oberhausen. Per Beschluss wurde dort die Organisationsbezeichnung \"Avrupa Demokratik \u00dclk\u00fcc\u00fc T\u00fcrk Dernekleri Federasyonu\" (\"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Europa\") in \"Almanya Demokratik \u00dclk\u00fcc\u00fc T\u00fcrk Dernekleri Federasyonu\" (\"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Deutschland\") umbenannt. Neuer Vorsitzender der F\u00f6deration ist Sent\u00fcrk DOGRUYOL. Dr. Devlet BAHCELI, Parteivorsitzender der MHP, hielt in Oberhausen eine Rede, in der er das \"Fortbestehen des europ\u00e4ischen T\u00fcrkentums bis in alle Ewigkeit\" beschwor und seinen Stolz dar\u00fcber zum Ausdruck brachte, dass die Anh\u00e4nger \"unter dem Druck einer fremden Kultur\" ihre eigene Identit\u00e4t bewahrten. Als Dachverband auf europ\u00e4ischer Ebene wurde am 29. Oktober 2007 in Frankfurt am Main die \"Avrupa T\u00fcrk Konfederasyon\" gegr\u00fcndet und zu deren Generalvorsitzendem der langj\u00e4hrige Vorsitzende der AD\u00dcTDF, Cemal CETIN, bestellt. Die auf die eigene ethnisch-nationale Gemeinschaft zentrierten Aktivit\u00e4ten der \"Idealisten\" mit ihrer stark ideologisch gepr\u00e4gten Ausrichtung wirken gesellschaftlich desintegrativ. Dass die ideologische Indoktrinierung gerade bei in Deutschland aufgewachsenen Jugendlichen in Konfliktsituationen die entsprechenden Handlungsmuster in Erscheinung treten l\u00e4sst, zeigte sich im Herbst 2007. Im Zusammenhang mit dem wieder aufgeflammten Konflikt in der t\u00fcrkisch-irakischen Grenzregion kam es in mehreren deutschen St\u00e4dten zu t\u00e4tlichen Auseinandersetzungen zwischen t\u00fcrkischen Nationalisten und kurdischen Kontrahenten. Im Bewusstsein der Mobilisierungsbereitschaft ihrer Anh\u00e4nger gab die Organisation auf einer Versammlung der Vorsitzenden ihrer s\u00fcddeutschen Vereine in Heilbronn am 4. November 2007 bekannt, sich bisher an organisierten Demonstrationen nicht beteiligt zu haben und dies auch k\u00fcnftig nicht zu tun. Sie rief die Mitglieder dazu auf, besonnen zu handeln, nicht auf Provokationen einzugehen und von der Teilnahme an Demonstrationen, die zu Provokationen f\u00fchren k\u00f6nnten, Abstand zu nehmen. 169 Hier und im Folgenden: Homepage der AD\u00dcTDF vom 24. September und 14. November 2007. 95","3.2 Linksextremisten 3.2.1 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) und \"T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke\" (THKP-C-Devrimci Sol) 3.2.1.1 Entstehungsgeschichte Der Ursprung der heutigen \"Revolution\u00e4ren Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) und der \"T\u00fcrkischen Volksbefreiungspartei-Front-Revolution\u00e4re Linke\" (THKP-C) liegt im weltweiten revolution\u00e4ren Aufbruch von 1968. Das im Lauf der Jahre aus verschiedenen linksextremistischen t\u00fcrkischen Organisationen hervorgegangene revolution\u00e4re Potenzial gr\u00fcndete 1978 mit der \"Devrimci Sol\" eine neue politisch-milit\u00e4rische Organisation. Diese verfolgte insbesondere das Ziel, in der T\u00fcrkei einen Umsturz der dortigen politischen Verh\u00e4ltnisse herbeizuf\u00fchren und eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu errichten. Die \"Devrimci Sol\" war seit ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1978 in der T\u00fcrkei terroristisch aktiv. Vor allem Anfang der 80er Jahre ver\u00fcbte sie zahlreiche Bombenanschl\u00e4ge gegen milit\u00e4rische und staatliche Einrichtungen, organisierte illegale Massendemonstrationen und Stra\u00dfenk\u00e4mpfe und beging Terroranschl\u00e4ge gegen Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens. Seit ihrer Gr\u00fcndung 1978 wird die \"Devrimci Sol\" f\u00fcr weit \u00fcber 200 T\u00f6tungsdelikte verantwortlich gemacht, zu denen sie sich in der Regel auch bekannte. Als terroristisch-linksextremistische Organisation wurde sie bereits zwei Jahre sp\u00e4ter in der T\u00fcrkei und am 27. Januar 1983 (bestandskr\u00e4ftig seit 1989) durch den Bundesminister des Innern in der Bundesrepublik Deutschland verboten, nachdem von ihr massive und \u00e4u\u00dferst gewaltt\u00e4tige Ausschreitungen ausgegangen waren. Jahrelange innerorganisatorische Streitigkeiten und pers\u00f6nliche Zwistigkeiten f\u00fchrender Funktion\u00e4re spalteten die konspirativ agierende \"Devrimci Sol\" Ende 1992 in zwei konkurrierende, alsbald verfeindete Fl\u00fcgel, obwohl beide bis heute die gleichen ideologischen Grundlagen und politischen Ziele aufweisen. Fortan bezeichneten sich die beiden rivalisierenden Fraktionen nach ihren F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren Dursun KARATAS und dem im M\u00e4rz 1993 in der T\u00fcrkei von Sicherheitskr\u00e4ften erschossenen Bedri YAGAN als \"KARATAS\"beziehungsweise \"YAGAN\"-Fl\u00fcgel. Mit dem am 30. M\u00e4rz 1994 in Damaskus abgehaltenen \"Parteigr\u00fcndungskongress\" hat der 96","Ausl\u00e4nderextremismus \"KARATAS\"-Fl\u00fcgel, der sich seitdem DHKP-C nennt, organisatorisch endg\u00fcltig die Trennung vollzogen. Der \"YAGAN\"-Fl\u00fcgel verwendet seit Mitte 1994 die Bezeichnung THKP-C. Die DHKP-C und die THKP-C sehen sich in der Erbfolge nach wie vor jeweils als die wahre Nachfolgerin der \"Devrimci Sol\" und halten an deren ideologischen Leitgedanken fest. Insbesondere von M\u00e4rz 1993 bis Anfang des Jahres 1999 kam es zu massiven Fl\u00fcgelk\u00e4mpfen, die mit hoher krimineller Energie bis hin zum Mord ausgetragen wurden. Am 13. August 1998 erlie\u00df daher der Bundesminister des Innern gegen die THKP-C ein Bet\u00e4tiBet\u00e4tigungsgungsverbot. Die DHKP-C bewertete er zeitgleich als Ersatzorganisation verbot der 1983 verbotenen \"Devrimci Sol\" und bezog sie in das fr\u00fchere Verbot mit ein. Die Anfechtungsklage der DHKP-C hiergegen wies das Bundesverwaltungsgericht am 1. Februar 2000 in letzter Instanz ab. Die in Baden-W\u00fcrttemberg inaktive THKP-C entwickelte nach dem Jahr 1998 kaum noch \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten und verlor weiter an Bedeutung. Daher wird im Folgenden ausschlie\u00dflich auf die DHKP-C eingegangen. 3.2.1.2 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) Gr\u00fcndung: 30. M\u00e4rz 1994 in Damaskus/Syrien nach Spaltung der 1978 in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndeten \"Devrimci Sol\" (Dev Sol - Revolution\u00e4re Linke), verboten in Deutschland seit 13. August 1998 Leitung: Funktion\u00e4rsgruppe um den Vorsitzenden Generalsekret\u00e4r Dursun KARATAS Mitglieder: ca. 75 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 80) ca. 650 Bund (2006: ca. 650) Publikationen: \"DEVRIMCI SOL\" (Revolution\u00e4re Linke) Revolution\u00e4re Zielsetzung Die DHKP-C gliedert sich in einen politischen Fl\u00fcgel, die \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei\" (DHKP), und in einen milit\u00e4rischen Arm, die \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungsfront\" (DHKC). In den Satzungen von DHKP und DHKC wird jeweils in Absatz 1 bestimmt, dass sich die DHKP- C als unmittelbare Fortf\u00fchrung der \"Devrimci Sol\" versteht und deshalb deren Kennzeichen und damit Fahne und Embleme \u00fcbernimmt. Ziel der DHKP-C ist die Beseitigung des t\u00fcrkischen Staats in seiner jetzigen Form. Dieser soll durch ein marxistisch-leninistisches Regime ersetzt werden, das schlie\u00dflich in die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft 97","m\u00fcnden soll. Die Organisation versteht es als \"heilige Pflicht\", gegen die Zielerreichung \"Tyrannei und Ausbeutung\" in der T\u00fcrkei zu k\u00e4mpfen. Dazu bedient sich die auch durch beDHKP-C auch des bewaffneten Kampfes. Angriffsziele sind nicht nur der waffneten Kampf t\u00fcrkische Staat und dessen Organe, sondern auch andere \"Feinde des Volkes\", zu denen die DHKP-C in erster Linie den \"US-Imperialismus\" z\u00e4hlt. Struktur Das oberste Organ der DHKP-C ist das Zentralkomitee, das Generalsekret\u00e4r KARATAS leitet. Neben ihm hat das Zentralkomitee zwar die formelle Leitungsfunktion, es kann jedoch jederzeit vom Generalsekret\u00e4r in seinen Befugnissen und Entscheidungen eingeschr\u00e4nkt oder \u00fcberstimmt werden. An der Spitze der Europaorganisation steht der von der Parteif\u00fchrung eingesetzte Europaverantwortliche mit seinen Stellvertretern. Zur F\u00fchrung in Organisation der Bundesrepublik Deutschland z\u00e4hlen neben dem Deutschlandverantin Deutschland wortlichen und dessen Vertretern die Regionsund Gebietsverantwortlichen sowie weitere mit Sonderaufgaben betraute Funktion\u00e4re, beispielsweise die Beauftragten f\u00fcr \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Die Deutschlandorganisation ist zwar dem Zentralkomitee der DHKP-C gegen\u00fcber f\u00fcr die Ausf\u00fchrung der von dort geplanten und angeordneten Ma\u00dfnahmen und Aktionen verantwortlich, durch die der \"Kampf\" in der T\u00fcrkei unterst\u00fctzt werden soll, die konkrete Umsetzung obliegt jedoch den F\u00fchrungskadern der Deutschlandorganisation. In diesem Netzwerk von Kontrollund Verbindungsinstanzen wird die Organisation in den einzelnen Ebenen von ideologisch geschulten und \u00e4u\u00dferst konspirativ auftretenden F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren geleitet. F\u00fcr die Umsetzung von Vorgaben der F\u00fchrungsspitze und den Informationsfluss zur Basis bedient sich die DHKP-C der \u00f6rtlichen DHKP-C-nahen Vereine, die den Anh\u00e4ngern zwar als Treffpunkte und Anlaufstellen dienen, deren Satzungen jedoch keinen R\u00fcckschluss auf die Organisation zulassen. Der T\u00e4tigkeitsschwerpunkt in Baden-W\u00fcrttemberg liegt neben Stuttgart in Ulm. Verlagerung von Zusammenk\u00fcnfte von Aktivisten und Gro\u00dfveranstaltungen verlagert die Veranstaltungen Organisation zunehmend ins angrenzende Ausland, so zuletzt die traditioins Ausland nelle Veranstaltung zum Parteigr\u00fcndungstag am 14. April 2007 in Paris/ Frankreich, eine als Familienund Jugendcamp getarnte Veranstaltung vom 21. Juli bis 3. August 2007 in Marseille/Frankreich und ein Ferienlager vom 17. bis 26. August 2007 in Salzburg/\u00d6sterreich. Der anhaltende Ermittlungsdruck der Sicherheitsbeh\u00f6rden hat die Organisation in Deutschland kontinuierlich geschw\u00e4cht, weshalb es immer weni98","Ausl\u00e4nderextremismus ger gelingt, Anh\u00e4nger zu DHKP-C-Veranstaltungen zu mobilisieren. Zwar versammelten sich mehrere hundert Personen zu gro\u00dfen Picknickveranstaltungen der DHKP-C wie am 21. Juli 2007 in Leinfelden-Echterdingen, jedoch ist davon auszugehen, dass der Gro\u00dfteil nicht aus politischen Gr\u00fcnden, sondern lediglich wegen des musikalischen Rahmenprogramms teilgenommen hat. Entsprechendes gilt auch f\u00fcr das DHKP-C-Kulturfestival am 24. November 2007 in der Messehalle in Sindelfingen. Finanzierung Deutschland ist f\u00fcr die DHKP-C aufgrund der vielen, hier in relativem Wohlstand lebenden t\u00fcrkischen Staatsb\u00fcrger das wichtigste Finanzierungsland in Westeuropa. Einnahmen verschafft sich die Organisation haupts\u00e4chlich durch Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spendengeldsammlungen, den Verkauf von Publikationen sowie durch Einnahmen aus Musikund anderen Veranstaltungen. Wie in den vergangenen Jahren konnte die DHKP-C ihre Spendenkampagne f\u00fcr 2007 nicht befriedigend abschlie\u00dfen. Einsatz von Printund anderen Medien Die DHKP-C hat im Vergleich zu anderen t\u00fcrkischen linksextremistischen intensive Gruppierungen den qualitativ und quantitativ ausgereiftesten InternetaufNutzung des tritt. In den auf der Homepage eingestellten Erkl\u00e4rungen, die in einem Internets Archiv abgelegt und f\u00fcr jeden frei abzurufen sind, nimmt die DHKP-C zu aktuellen politischen Themen Stellung. Dabei unterzeichnet sie stets im Namen der Partei oder einer Frontorganisation.170 Die DHKP-C hat seit ihrem Bestehen regelm\u00e4\u00dfig t\u00fcrkischsprachige Publikationen ver\u00f6ffentlicht und dabei stets vermieden, als Herausgeber und Autor in Erscheinung zu treten. Die Inhalte dieser Zeitschriften spiegeln jedoch allesamt im Wesentlichen die politischen Aussagen und Einsch\u00e4tzungen der DHKP-C wider, weshalb alle bisher erschienen DHKP-C-Publikationen nach kurzer Zeit der Partei zugeordnet und daraus resultierend verboten wurden. So ver\u00f6ffentlicht die seit 22. Mai 2005 bis heute aktuell bestehende Publikation \"Y\u00fcry\u00fcy\u00fcs\" (Marsch) durchg\u00e4ngig politische Aussagen, die sich mit der Ideologie der DHKP-C decken. Bereits in der 1. Ausgabe gab sie in einer Erkl\u00e4rung bekannt: 170 Neben den Erkl\u00e4rungen der DHKC findet sich auf der Homepage eine Vielzahl von Erkl\u00e4rungen der \"Front f\u00fcr Rechte und Freiheiten\" (H\u00d6C). 99","\"Wir wollen eine revolution\u00e4re Volksregierung und damit eine unabh\u00e4ngige, demokratische und sozialistische T\u00fcrkei gr\u00fcnden.\" 171 Weitere inhaltliche Bez\u00fcge zur DHKP-C lassen sich aus den Berichten zu DHKP-C-Mitgliedern und -\"M\u00e4rtyrern\", Artikeln zum Hungerstreik und \"Todesfasten\", der allgemeinen Berichterstattung \u00fcber Aktivit\u00e4ten der Gruppierung sowie den Erkl\u00e4rungen zu den von der DHKP-C ver\u00fcbten Anschl\u00e4gen in der T\u00fcrkei herauslesen. Wie bereits ihre Vorg\u00e4ngerpublikation \"Ekmek ve Adalet\"172 ist auch die \"Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs\" mit einem eigenen Portal im Internet vertreten. Auf ihrer in T\u00fcrkisch verfassten Homepage findet der Nutzer neben einzelnen Artikeln ein l\u00fcckenloses Archiv der bisher erschienenen Exemplare zur freien Verf\u00fcgung. Redaktion, Druck und Vertrieb der Publikation \"Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs\" befinden sich seit Mitte 2005 in den Niederlanden. \"Todesfasten\" Beherrschendes Agitationsund Kampagnenthema der DHKP-C war der fast sieben Jahre andauernde \"unbefristete Hungerstreik\" beziehungsweise das \"Todesfasten\", das zun\u00e4chst im Oktober 2000 in t\u00fcrkischen Haftanstalten begonnen hatte und sich sp\u00e4ter auch au\u00dferhalb der Gef\u00e4ngnismauern fortsetzte und insgesamt 122173 Menschenleben forderte. Mit dieser Aktion wollten die Anh\u00e4nger gegen die Verlegung von H\u00e4ftlingen in Vollzugsanstalten mit Einzelzellen und kleinen Gemeinschaftszellen, Gef\u00e4ngnissen des so genannten Typs F, protestieren. Ein vorl\u00e4ufiges Ende fand das \"Todesfasten\" am 22. Januar 2007, nachdem das t\u00fcrkische Justizministerium in einem Erlass zusicherte, 171 \"Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs\" Nr. 1 vom 22. Mai 2005, S. 3. 172 In einem Urteil des Landgerichts Bamberg vom 11. Januar 2005 wurde unter anderem rechtskr\u00e4ftig festgestellt, dass es sich bei der \"Ekmek ve Adalet\" um die Nachfolgepublikation der \"Vatan\" und somit um eine Publikation der DHKP-C handelt. Das Urteil wurde durch einen Beschluss des BGH vom 17. Mai 2005 best\u00e4tigt (Az.: 2 KLs 108 Js 1808/2004). 173 Einschlie\u00dflich der fast 40 Personen, die bei der gro\u00dfen Gef\u00e4ngnisrevolte im Dezember 2000 ums Leben kamen. 100","Ausl\u00e4nderextremismus die Haftbedingungen in den F-Typ-Gef\u00e4ngnissen zu lockern. Danach ist es H\u00e4ftlingen in Hochsicherheitsgef\u00e4ngnissen beziehungsweise in HochsicherBeendigung des heitstrakten anderer Haftanstalten k\u00fcnftig erlaubt, au\u00dferhalb der regul\u00e4ren \"Todesfastens\" Gruppenaktivit\u00e4ten zus\u00e4tzlich bis zu zehn Stunden (bisher f\u00fcnf Stunden) pro Woche in Gruppen mit maximal zehn Personen zusammenzukommen. Mit Beendigung des \"Todesfastens\" f\u00fchrte das \"TAYAD-Komitee\"174 am 24. Februar 2007 in K\u00f6ln eine Demonstration durch. W\u00e4hrend der \"Siegesfeier\" wurden Handzettel verteilt, auf welchen die Organisation bekannt gab: \"Schaut euch unsere M\u00e4rtyrer an. Es wird ein L\u00e4cheln sichtbar sein. Es ist das L\u00e4cheln des Sieges, das in einer Fr\u00fchlingsnacht mit Blut geschrieben wurde (...). Lasst uns gemeinsam den Sieg und die Freuden unseres gro\u00dfen Widerstandes erleben.\" Anschl\u00e4ge In den Jahren seit 2003 bis heute ver\u00fcbte die DHKP-C durch ihren milit\u00e4rischen Arm DHKP-C in der T\u00fcrkei mehrere Sprengstoffanschl\u00e4ge. Ziele waren staatliche t\u00fcrkische Einrichtungen, haupts\u00e4chlich Geb\u00e4ude, aber auch Mitarbeiter der t\u00fcrkischen Sicherheitsbeh\u00f6rden, der Armee und der Justiz. Auch im Jahr 2007 war die DHKP-C f\u00fcr Terroranschl\u00e4ge verantwortlich. So bekannte sie sich unter anderem auf der Internetseite des \"Halkinsesi-TV\" vom 9. Januar 2007 zum Angriff mit Molotowcocktails auf einen Polizeiwagen am 7. Januar 2007 in einem Stadtteil in Istanbul. Ferner kamen am 8. April 2007 in der N\u00e4he von Hozat/Provinz Dersim bei Auseinandersetzungen mit der t\u00fcrkischen Armee vier DHKC-Guerillak\u00e4mpfer ums Leben. Die DHKC \u00e4u\u00dferte sich in ihrer Erkl\u00e4rung Nr. 367 vom 11. April 2007 wie folgt: \"Nur der bewaffnete Kampf kann den Imperialismus vertreiben, den Faschismus besiegen und der kapitalistischen Ausbeutung ein Ende setzen. Wer etwas anderes sagt, der bel\u00fcgt das Volk und sich selbst.\" Bewertung Seit der Gewaltverzichtserkl\u00e4rung des DHKP-C-F\u00fchrers KARATAS Anfang 1999 sind keine gewaltsamen Aktionen im Bundesgebiet mehr festzustellen. 174 Das \"TAYAD-Komitee\" ist eine thematisch der DHKP-C nahe stehende Organisation, die ausschlie\u00dflich die Gefangenenproblematik der in der T\u00fcrkei inhaftierten DHKP-C-Anh\u00e4nger thematisiert. 101","eingeschr\u00e4nkter Der Gewaltverzicht bezieht sich jedoch nur auf Deutschland und Europa, Gewaltverzicht nicht aber auf die T\u00fcrkei. Die intensiven Strafverfolgungsma\u00dfnahmen deutscher Beh\u00f6rden mit Durchsuchungen, Festnahmen und Verurteilungen wichtiger F\u00fchrungsfunktion\u00e4re haben die DHKP-C in Deutschland nachhaltig geschw\u00e4cht. Derzeit gibt es keine Anzeichen daf\u00fcr, dass sich diese Situation \u00e4ndern wird. 3.2.2 \"Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/Marxisten-Leninisten\" Gr\u00fcndung: 1972 (in der T\u00fcrkei) Mitglieder: ca. 320 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 320) ca. 1.300 Bund (2006: ca. 1.300) Die Organisation ist in die folgenden Fl\u00fcgel gespalten: \"Partizan\" (im schriftlichen Sprachgebrauch \"TKP/ML\" abgek\u00fcrzt) Leitung: Funktion\u00e4rsgruppe Anh\u00e4nger: ca. 120 Baden-W\u00fcrttemberg Milit\u00e4rische Teilorganisation: \"T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee\" (TIKKO); ver\u00fcbt in der T\u00fcrkei Guerillaaktionen Publikation: \"Yeni Demokrasi Yolunda Isci K\u00f6yl\u00fc\" (Arbeiter und Bauern auf dem Weg der neuen Demokratie) und \"Maoistische Kommunistische Partei\" (MKP) (bis Ende 2002 \"Ostanatolisches Gebietskomitee\" - DABK -; im schriftlichen Sprachgebrauch \"TKP(ML)\" abgek\u00fcrzt) Leitung: Funktion\u00e4rsgruppe Anh\u00e4nger: ca. 200 Baden-W\u00fcrttemberg Milit\u00e4rische Teilorganisation: \"Volksbefreiungsarmee\" (HKO); ver\u00fcbt in der T\u00fcrkei Guerillaaktionen Publikation: \"Halk Icin Devrimci Demokrasi\" (Revolution\u00e4re Demokratie f\u00fcr das Volk) Die von Ibrahim KAYPAKKAYA im Jahr 1972 in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndete und dort verbotene TKP/ML ist seit 1994 in zwei miteinander konkurrierende Fraktionen gespalten, in den \"Partizan\"-Fl\u00fcgel und in die \"Maoistische Kommunistische Partei\" (MKP). In der Schreibweise, die gelegentlich bis heute noch verwendet wird, unterschieden sich beide zun\u00e4chst nur geringf\u00fcgig: TKP/ML f\u00fcr den Partizanund TKP(ML) f\u00fcr den MKP-Fl\u00fcgel. 102","Ausl\u00e4nderextremismus Beide Organisationen berufen sich nach wie vor auf die von KAYPAKKAYA propagierte marxistisch-leninistisch-maoistische Ideologie. Um ihr erkl\u00e4rtes Ziel zu verwirklichen, die gegenw\u00e4rtige Staatsstruktur in der T\u00fcrkei zu beseitigen und statt dieser eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu errichten, unterhalten beide Gruppierungen jeweils eigene Guerillaeinheiten, die in der T\u00fcrkei Anschl\u00e4ge ver\u00fcben. Die allj\u00e4hrlich unter den Anh\u00e4nFinanzierung gern der beiden Fl\u00fcgel getrennt durchgef\u00fchrten Spendenkampagnen sowie weitere Einnahmen aus Kulturveranstaltungen und dem Verkauf von Publikationen dienen vorwiegend der Finanzierung der Organisationsstrukturen. Zus\u00e4tzlich werden mit diesen Geldern offenbar weiterhin die bewaffnete Guerilla und die in der T\u00fcrkei inhaftierten Gesinnungsgenossen unterst\u00fctzt. Auch im Jahr 2007 wurden die Anh\u00e4nger beider Organisationen bei der Durchf\u00fchrung von Veranstaltungen, Demonstrationen und sonstigen Aktionen von ihren Basisorganisationen propagandistisch unterst\u00fctzt. Bei der TKP/ML-Partizan handelt es sich dabei in Deutschland um die \"F\u00f6deration Basisorganider Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e. V.\" (ATIF) und deren Dachsationen in organisation auf Europaebene \"Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei Deutschland und in Europa\" (ATIK); bei der MKP um die \"F\u00f6deration f\u00fcr demokratische Europa Rechte in Deutschland\" (ADHF) und die \"Konf\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Europa\" (ADHK). Neben politischen Reizthemen wie dem Zuwanderungsgesetz, restriktiven Ma\u00dfnahmen gegen Kurden in der T\u00fcrkei und in Deutschland oder Festnahmen von linksextremistischen t\u00fcrkischen Funktion\u00e4ren in Deutschland mit eventueller Auslieferung an die T\u00fcrkei haben die von den Anh\u00e4ngern beider Fl\u00fcgel durchgef\u00fchrten Gedenkveranstaltungen zu Ehren KAYPAKKAYAs sowie der gefallenen \"M\u00e4rtyrer\" einen hohen Stellenwert. Eine besondere Bedeutung ist auch kleineren dezentralen Versammlungen wie etwa von linksextremistischen Gruppierungen organisierten Picknick-Veranstaltungen beizumessen. Sie dienen der Bindung des Unterst\u00fctzerkreises an diese Organisationen. In Deutschland traten die TKP/ML Partizan-Fraktion und die MKP mit ihren jeweiligen Basisorganisationen unter anderem mit folgenden Aktionen in der \u00d6ffentlichkeit in Erscheinung: In Ludwigshafen f\u00fchrte die TKP/ML-Partizan am 19. Mai 2007 unter dem Motto \"Im 34. Jahr seiner Unsterblichkeit laden wir zu einer Kaypakkaya-Gedenkveranstaltung ein\" 175 eine Saalveranstaltung durch. In dem Einladungsflugblatt hei\u00dft es unter anderem: \"Wir befinden uns im 35. Gr\u00fcndungsjahr der unter der F\u00fchrung des Genossen Kaypakkaya gegr\u00fcndeten Partei, welche als Bataillon im 175 Hier und im Folgenden: Arbeits\u00fcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 103","Veranstaltungen globalen revolution\u00e4ren Kampf des internationalen Proletariats fungiert\". Wie auch im Jahr 2006 nahmen an dieser Veranstaltung etwa 3.000 Personen teil. Ebenfalls zum 34. Todestag von KAYPAKKAYA f\u00fchrte die MKP am 26. Mai 2007 ihre Gedenkveranstaltung in Leverkusen durch. Die unter dem Motto \"Im 34. Jahr seiner Unsterblichkeit gedenken wir Ibrahim Kaypakkayas\" stehende Saalveranstaltung wurde von circa 1.300 Teilnehmern besucht. In einem vom Politb\u00fcro des Zentralkomitees der TKP/ML im April 2007 herausgegebenen Flugblatt hei\u00dft es: \"In unserem 35. Gr\u00fcndungsjahr ist unsere 8. Konferenz ein Manifest des Aufstands! Vertraut auf die Massen, r\u00fcstet euch zum Krieg, mit der Partei werden wir siegen! Es ist unvermeidlich, dass diejenigen, die f\u00fcr den Kommunismus das Leichentuch zuschneiden, bei sich selbst Ma\u00df nehmen!\" 176 Das Flugblatt schlie\u00dft unter anderem mit folgenden Parolen: \"Es leben unsere Partei TKP/ML und die unter ihrer F\u00fchrung stehenden Organisationen TIKKO und TMLGB 177!\", \"Es lebe der Internationalismus des Proletariats!\" und \"Es lebe der Volkskrieg!\" Offensichtlich befl\u00fcgelt von der 8. Konferenz der TKP/ML haben Sympathisanten der TKP/ML sowohl im Stadtgebiet als auch in den Randbereichen Stuttgarts von Mai 2007 an bis in den Herbst hinein W\u00e4nde mit dem Politschriftzug \"Yasasin 8. Konferansimiz TKP/ML TIKKO\" 178 auf eine L\u00e4nge von jeweils mehreren Metern bespr\u00fcht. Der insgesamt entstandene Schaden im Zusammenhang mit den Beseitigungen der Farbschmierereien betrug mehrere tausend Euro. 3.2.3 \"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP) Gr\u00fcndung: 1994 (in der T\u00fcrkei) Anh\u00e4nger: ca. 245 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 245) ca. 600 Bund (2006: ca. 600) Publikation: \"Partinin Sesi\" (Stimme der Partei), zweimonatlich 176 Hier und im Folgenden: Flugblatt vom April 2007; Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. 177 TMLGB: \"Marxistisch-leninistischer Jugendbund der T\u00fcrkei\". 178 Arbeits\u00fcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 104","Ausl\u00e4nderextremismus Die \"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP) wurde im September 1994 auf einem Einheitskongress durch den Zusammenschluss der \"T\u00fcrkischen Kommunistischen Partei/Marxisten-Leninisten\" (TKP/MLHareketi) und der \"T\u00fcrkischen Kommunistischen Arbeiterbewegung\" (TKIH) gegr\u00fcndet. Ideologisch bekennt sie sich zum revolution\u00e4ren Marxismus-Leninismus. Erkl\u00e4rtes Ziel der Organisation ist es, das t\u00fcrkische Staatsgef\u00fcge durch eine gewaltsame Revolution zu beseitigen und auf dem Weg zum Kommunismus eine Diktatur des Proletariats zu errichten. Eigenen Angaben zufolge versteht sich die MLKP als die politische Vorhut des Proletariats der t\u00fcrkischen und kurdischen Nation sowie der nationalen Minderheiten. In der T\u00fcrkei gilt die Bewegung als eine illegale Organisation, die den Straftatbestand der \"bewaffneten Bande\" erf\u00fcllt. Um ihre Anh\u00e4nger und Sympathisanten mit Informationen zu versorgen, publizieren die MLKP und die ihr nahe stehenden Organisationen \"Konf\u00f6deration der unterdr\u00fcckten Migranten in Europa\" (AvEG-KON) und \"F\u00f6deration der Arbeiter und Immigranten aus der T\u00fcrkei in Deutschland e. V.\" (AGIF) regelm\u00e4\u00dfig Artikel in der politischen Wochenzeitung \"Atilim\" (Angriff). Dar\u00fcber hinaus ver\u00f6ffentlicht diese Zeitung auf ihrer Homepage Erkl\u00e4rungen der genannten Organisationen mit dem Zusatz: \"Auf elektronischem Wege haben wir erhalten\" (...)179. Parteiorgane zur Ver\u00f6ffentlichung von Botschaften sind die zweimonatlich erscheinende \"Partinin Sesi\" (Stimme der Partei) sowie eine eigene Website, auf der die Informationen in mehreren Sprachen ver\u00f6ffentlicht werden. Zu den wichtigsten Finanzierungsquellen der MLKP, der ihr nahe stehenden Basisorganisationen und der Guerillaeinheiten z\u00e4hlen die j\u00e4hrlich im Herbst beginnende Spendenaktion und die Erl\u00f6se aus Kulturveranstaltungen und dem Verkauf von Publikationen. Die Gelder setzt die MLKP auch zur Unterst\u00fctzung ihrer in der T\u00fcrkei inhaftierten Gefangenen ein. In der T\u00fcrkei werden die \"Fakirlerin ve Ezilenlerin Silahli Kurvetleri\" (F.E.S.K.)180 von den t\u00fcrkischen Sicherheitsbeh\u00f6rden als bewaffneter Arm der MLKP angesehen. Auch im Jahr 2007 bekannte sich diese paramilit\u00e4rische Guerillaorganisation auf der Homepage der MLKP zu zahlreichen Anschl\u00e4gen wie auf Polizeiwachen und B\u00fcros der \"Partei der NationalistiAnschl\u00e4ge schen Bewegung\" (MHP).181 179 Internetrecherche vom 28. November 2007; Arbeits\u00fcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 180 Zu Deutsch: Bewaffnete Einheiten der Armen und Unterdr\u00fcckten. 181 Siehe Kap. C Ziff. 3.1.1. 105","Die Anh\u00e4nger der MLKP und der ihr nahe stehenden Basisorganisationen AGIF und AvEG-Kon traten in Deutschland gewaltfrei und vorwiegend publizistisch in der \u00d6ffentlichkeit in Erscheinung. Dabei wurden Reizthemen wie das Zuwanderungsgesetz, Rassismus und die Auslieferung von Asylbewerbern aufgegriffen, in propagandistischer Form aufgearbeitet und bezogen auf die eigenen politisch-extremistischen Ziele bewertet. Schwerpunktthemen aus der T\u00fcrkei waren die dortigen Parlamentswahlen vom 22. Juli 2007, Gerichtsverfahren gegen inhaftierte \"Volksrevolution\u00e4re\" vom September 2006 sowie ein m\u00f6glicher Einmarsch t\u00fcrkischer Soldaten in den Nordirak.182 In Baden-W\u00fcrttemberg wurden im Jahr 2007 unter anderem folgende Aktionen Aktionen bekannt: in BadenW\u00fcrttemberg Einem Bericht der \"Atilim\" vom 13. Januar 2007 mit der \u00dcberschrift \"Noch mehr Freiheitsfeuer\" ist zu entnehmen: \"Die marxistischleninistischen Kommunisten, die die Angriffe, die auf dem \"AntiTerrorgesetz\" (TMY) basieren, mit der Kampagne 'Wir wollen Freiheit' beantworten, tragen das Feuer auch nach Europa (...)\" 183. Eine der ersten Versammlungen dieser Kampagne wurde am 5. Januar 2007 im AGIF-Verein Ulm durchgef\u00fchrt. Im Verlauf der Veranstaltung erl\u00e4uterte der AGIF-Sprecher die Ziele der Kampagne. Die Versammlung soll unter anderem von Mitgliedern der MLPD sowie der Vereine \"Tohum Kultur Verein e.V. in Ulm\" und \"ArbeiterJugendund Kulturverein e.V. Ulm\" unterst\u00fctzt worden sein. In einem weiteren Artikel der \"Atilim\" vom 5. Mai 2007 unter der \u00dcberschrift \"Protest gegen den faschistischen Angriff\" verurteilten die Mitglieder des Stuttgarter \"Immigranten Arbeiter Kultur Vereins e.V.\", der der MLKP nahe steht, die Parolen, die die Anh\u00e4nger der \"Partei der nationalistischen Bewegung\" (MHP) an den Eingang des Vereinslokals gespr\u00fcht hatten. Die auf dem Schlossplatz abgegebene Presseerkl\u00e4rung wurde von den Mitgliedern der \"F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V.\" (ATIF), der \"F\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Deutschland e.V.\" (ADHF), der \"F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland e.V.\" (YEK-KOM), des \"Kulturzentrums Mesopotamien\" und der Antifa Stuttgart unterst\u00fctzt. Am Ende der Presseerkl\u00e4rung wurden Slogans wie \"Hoch lebe die revolution\u00e4re Solidarit\u00e4t!\", \"Hoch lebe die Br\u00fcderlichkeit der V\u00f6lker!\" und \"Verdammt sei der Faschismus!\" gerufen. 182 Vgl. S. 84ff. 183 Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. 106","Ausl\u00e4nderextremismus Am 22. Juli 2007 f\u00fchrten die in Ulm angesiedelten Vereine der AGIF und der ATIF im Bereich Biberach eine Grillveranstaltung durch. Das Picknick stand unter dem Thema \"Lasst uns zum 2. Picknick gegen Rassismus und Diskriminierung treffen!\". Die dort festgestellten Plakate und Transparente wiesen auf die politischen Organisationen hin und stellten eindeutige politische \u00c4u\u00dferungen dar. An der Veranstaltung nahmen \u00fcber 100 Teilnehmer unter anderem aus Ulm, Stuttgart, Memmingen und Augsburg teil. Laut \"Atilim\" vom 28. Juli 2007 hat der Fernsehsender SU-TV das Picknick \u00fcbertragen und die anwesenden Mitglieder der AGIF und der ATIF interviewt. 4. Volksgruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien und ethnische Albaner Die Frage des k\u00fcnftigen Status des Kosovo war zentrales Thema aller Diskussionen unter Vertretern extremistischer Organisationen bis hin zu unpolitischen Kreisen. Sowohl eine Teilautonomie als auch eine von Serbien favorisierte weitgehende Souver\u00e4nit\u00e4t des Kosovo wird strikt abgelehnt. Alle ethnischen Albaner streben eine vollst\u00e4ndige Unabh\u00e4ngigkeit des Kosovo von Serbien an. Sollte dieses Ziel nicht erreicht werden, lie\u00dfen F\u00fchrungsfunktion\u00e4re extremistischer Organisationen wie auch gem\u00e4\u00dfigte Kosovo-Albaner mehrfach verlauten, habe man sich auf bewaffnete Auseinandersetzungen im Kosovo eingestellt und werde diese auch nicht scheuen. Folgende extremistische kosovo-albanische Emigrantenorganisationen sind in Baden-W\u00fcrttemberg aktiv: 4.1 \"Nationaldemokratische Liga der Albanischen Treue\" (B.K.D.SH.) Diese extrem nationalistisch gepr\u00e4gte Organisation mit Sitz in Donzdorf/ Krs. G\u00f6ppingen, die in Baden-W\u00fcrttemberg noch \u00fcber zirka 20 und bundesweit \u00fcber rund 50 Mitglieder verf\u00fcgt, entfaltete im Jahr 2007 keine wahrnehmbaren \u00f6ffentlichen Aktivit\u00e4ten mehr. Der Pr\u00e4sident der B.K.D.SH. hielt sich auch 2007 wiederholt in Albanien und im Kosovo auf, um dort die Organisationsstrukturen zu st\u00e4rken. Er ist dort au\u00dferdem als freier Journalist f\u00fcr eine schwedische Tageszeitung t\u00e4tig. Bem\u00fchungen des Pr\u00e4sidenten, seine Organisation auch in Baden-W\u00fcrttemberg zu reaktivieren, scheiterten am politischen Desinteresse der hier lebenden Mitglieder. 107","Politisches Ziel der B.K.D.SH. ist die Schaffung eines unabh\u00e4ngigen Staates Kosovo in seinen ethnischen Grenzen (Gro\u00dfalbanien). 4.2 \"Volksbewegung von Kosovo\" (LPK) Die LPK wurde im Fr\u00fchjahr 1982 in der serbischen Provinz Kosovo unter dem Namen \"Bewegung f\u00fcr eine albanische sozialistische Republik in Jugoslawien\" (LRSSHJ) gegr\u00fcndet. Nach mehreren Umbenennungen f\u00fchrt sie seit 1993 die Bezeichnung \"Volksbewegung von Kosovo\" (LPK). Ihr Ziel ist die Errichtung eines gro\u00dfalbanischen Staates, der Albanien, Kosovo, von Albanern besiedelte Gebiete S\u00fcdserbiens und an Albanien angrenzende Teile von Mazedonien, Montenegro und Griechenland umfassen soll. Bedingt durch die R\u00fcckkehr von Landsleuten und Kadern in die Heimat, aber auch wegen mangelnder Unterst\u00fctzung ihrer Mitglieder, verf\u00fcgt die LPK im Bundesgebiet nur noch \u00fcber rudiment\u00e4re Strukturen. Versuche der Parteizentrale im Kosovo, wieder Organisationsstrukturen zu reaktivieren oder zu straffen, blieben aus den genannten Gr\u00fcnden erfolglos. Der Organisation gelang es im Zusammenhang mit den Parlamentswahlen im Kosovo am 17. November 2007 nicht, einen starken Koalitionspartner zu gewinnen, um mehr Einfluss auf politische Entscheidungen im Kosovo nehmen zu k\u00f6nnen. Aktivisten der LPK beteiligten sich im Kosovo an mehreren, auch gewaltsamen Aktionen und Demonstrationen der \"Bewegung f\u00fcr das Selbstbestimmungsrecht\" (Levizja Vetevendosje)184. In Baden-W\u00fcrttemberg beteiligten sich Anh\u00e4nger der LPK im Jahr 2007 Veranstaltungen haupts\u00e4chlich an Gedenkveranstaltungen zu Ehren get\u00f6teter Gesinnungsin Badengenossen und der im Kosovo-Krieg (1999) gefallenen K\u00e4mpfer der \"BefreiW\u00fcrttemberg ungsarmee von Kosovo\" (UCK), beispielsweise am 20. Januar 2007 in Bietigheim-Bissingen anl\u00e4sslich des 25. Todestages von drei Funktion\u00e4ren185, die am 17. Januar 1982 in Untergruppenbach vermutlich von Angeh\u00f6rigen des damaligen jugoslawischen Geheimdienstes erschossen worden waren. Teilweise wurden Gedenkveranstaltungen aber auch eigenverantwortlich von der LPK organisiert, so am 10. M\u00e4rz 2007 in Heidelberg und am 20. Mai 2007 in Stuttgart. An diesen Veranstaltungen nahmen bis zu 200 Personen teil. 184 Diese Organisation hat ihren Hauptsitz im Kosovo, dort bestehen 15 Ortsgruppen. Vor allem finanzielle Unterst\u00fctzung erh\u00e4lt diese \"Bewegung\" von Aktivisten im Ausland. In der Diaspora wurden Zweigstellen in D\u00e4nemark, Gro\u00dfbritannien, Irland, Norwegen, Schweden, USA, in der Schweiz und in Deutschland etabliert. Die Deutsche Sektion wurde am 29. Oktober 2005 in Dortmund gegr\u00fcndet. 185 Die Get\u00f6teten waren Mitbegr\u00fcnder der LPK, die sich damals noch LRSSHJ nannte. 108","Ausl\u00e4nderextremismus 4.3 \"Front f\u00fcr die Albanische Nationale Vereinigung\" (FBKSH) In Baden-W\u00fcrttemberg sympathisieren sowohl Kosovo-Albaner als auch Mazedonier mit der als politische Plattform der \"Albanischen Nationalarmee\" (AKSH)186 bekannten \"Front f\u00fcr die Albanische Nationale Vereinigung\" (FBKSH), deren erkl\u00e4rtes Ziel ebenfalls die Vereinigung aller albanischen Siedlungsgebiete ist. Einhergehend mit einer gewissen Verunsicherung \u00fcber das konsequente Vorgehen der Sicherheitsbeh\u00f6rden in den vergangenen Jahren gegen Aktivisten der FBKSH auch in anderen L\u00e4ndern wurden in Deutschland keine \u00f6ffentlichen Veranstaltungen organisiert. Funktion\u00e4re trafen sich konspirakonspirative tiv in kleinen Zirkeln unter anderem auch im Raum Heidelberg und in Treffen Stuttgart. Die Organisation trat auch im Zusammenhang mit dem bisher f\u00fcr das albanische Volk unbefriedigenden Verlauf der Statusverhandlungen f\u00fcr das Kosovo durch entsprechende Verlautbarungen in Erscheinung, ferner werden die Aktionen der \"Bewegung f\u00fcr das Selbstbestimmungsrecht\" (Levizja Vetevendosje) im Kosovo vorbehaltlos bef\u00fcrwortet. 5. Sikh-Organisationen \"Babbar Khalsa International\" (BK) Gr\u00fcndung: 1978 in Indien Sitz: Weil am Rhein Mitglieder: ca. 30 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: 50) ca. 200 Bund (2006: 200) \"International Sikh Youth Federation\" (ISYF) Gr\u00fcndung: 1984 als weltweite Auslandsorganisation der \"All India Sikh Student Federation\" (AISSF) 1985 Gr\u00fcndung der \"Deutschen Sektion der ISYF\" in Frankfurt am Main; Juni 2007 Umbenennung in \"Sikh Federation Germany\" (SFG) Sitz: Frankfurt am Main Mitglieder: ca. 90 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 100) ca. 550 Bund (2006: ca. 550) 186 Nach einem Sprengstoffanschlag auf eine Eisenbahnbr\u00fccke in der N\u00e4he von Zvecan/Kosovo im April 2003 wurde sie von der \u00dcbergangsverwaltung des Kosovo UNMIK als terroristische Organisation eingestuft und verboten. 109","\"Kamagata Maru Dal International\" (KMDI) Gr\u00fcndung: 1997 als \"Internationale Kamagatamaru Partei\" in San Francisco/USA 1998 Zweigorganisation in Baden-W\u00fcrttemberg Sitz: vermutlich M\u00fcnchen Mitglieder: ca. 15 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 20) ca. 40 Bund (2006: ca. 40) Gemeinsames Ziel aller extremistischen Sikhgruppierungen ist die Gr\u00fcnZiel: dung eines unabh\u00e4ngigen Staates \"Khalistan\" (Land der Reinen). \u00dcber den Staat \"Khalistan\" Weg und die Mittel herrschen jedoch bei den Vereinigungen unterschiedliche Auffassungen. Die daraus entstehenden Differenzen zwischen den einzelnen Organisationen werden nicht nur im Heimatland, dem indischen Bundesstaat Pandschab, sondern auch im Bundesgebiet ausgetragen. Dabei wird auch Gewalt angewendet. Die mitgliederst\u00e4rksten Organisationen, die \"International Sikh Youth Federation\" (ISYF) sowie die \"Babbar Khalsa International (BK), die au\u00dferhalb Indiens am h\u00e4ufigsten im Zusammenhang mit terroristischen Aktionen hervorgetreten ist, sind von der Europ\u00e4ischen Union auf die Liste der terroristischen Organisationen aufgenommen worden. Im Juni 2007 wurde die ISYF in Frankfurt am Main in \"Sikh Federation Germany\" (SFG) umbenannt. Mitglieder dieser Gruppierungen wie Aktivisten der \"Kamagata Maru Dal International\" (KMDI) sind auch in Baden-W\u00fcrttemberg aktiv. Zirkel dieser Organisationen konnten im Raum Albstadt, in Herrenberg, Stuttgart, T\u00fcbingen, Reutlingen, Heilbronn und Weil am Rhein lokalisiert werden. In Baden-W\u00fcrttemberg entwickelten Anh\u00e4nger extremistischer Sikhorganisationen im Jahr 2007 haupts\u00e4chlich Aktivit\u00e4ten im Zusammenhang mit der Organisation von M\u00e4rtyrergedenkveranstaltungen, die in den Gurdwaras (Sikhtempeln) in Stuttgart, Mannheim oder T\u00fcbingen stattfanden. Dar\u00fcber hinaus beteiligten sie sich an traditionellen Protestdemonstrationen anl\u00e4sslich des indischen Nationalfeiertags (26. Januar 1950, Tag der Republik) und des Unabh\u00e4ngigkeitstags (15. August 1947) vor dem indischen Generalkonsulat in Frankfurt am Main. 6. \"Liberation Tigers of Tamil Eelam\" (LTTE) Gr\u00fcndung: 1972 auf Sri Lanka als \"Tamil New Tigers\" (TNT) 1976 Umbenennung in LTTE Sitz: Oberhausen/Nordrhein-Westfalen (Deutsche Sektion) Mitglieder: ca. 110 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 110) ca. 800 Bund (2006: ca. 800) 110","Ausl\u00e4nderextremismus Die nunmehr seit 25 Jahren andauernden gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den \"Liberation Tigers of Tamil Eelam\" (LTTE) und den srilankischen Regierungstruppen auf Sri Lanka wurden im Jahr 2007 mit unerbittlicher H\u00e4rte fortgesetzt187. Im Fr\u00fchsommer 2007 konnte die sri-lankische Regierung einen Sieg f\u00fcr sich verbuchen, als es den Armeetruppen gelang, die bis dahin von den LTTE kontrollierten Ostgebiete einzunehmen. Weltweites Aufsehen erregte der Angriff der sri-lankischen Luftwaffe am 2. November 2007 auf das im Norden Sri Lankas gelegene LTTE-Hauptquartier in Kilinochchi. Hierbei kamen der F\u00fchrer des politischen Fl\u00fcgels der LTTE, Suppiah Paramu THAMILCHELVAN, sowie f\u00fcnf weitere LTTEOffiziere ums Leben. Die von den LTTE-Spezialeinheiten 2007 auf Sri Lanka ver\u00fcbten Anschl\u00e4ge sind kennzeichnend f\u00fcr eine nicht nachlassende gewaltsame Vorgehensweise im Kampf um den geforderten eigenen unabh\u00e4ngigen Staat \"Tamil Eelam\". So ver\u00fcbten die tamilischen Rebellen am 27. Februar 2007 in der N\u00e4he von Batticaloa einen M\u00f6rseranschlag auf eine diplomatische Delegation, die sich \u00fcber humanit\u00e4re Ma\u00dfnahmen der sri-lankischen Regierung im Osten des Landes informieren wollte. Es wurden unter anderem ein italienisches und ein amerikanisches Delegationsmitglied verletzt, der deutsche Botschafter blieb unverletzt.188 Durch weitere Angriffe der LTTE-Luftwaffe \"Tamil Eelam Air Force\" (TAF) im M\u00e4rz und April 2007 starben mehrere Personen, zahlreiche wurden verletzt. Angriffsziele waren stets f\u00fcr die srilankische Regierung strategisch wichtige Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte und \u00d6llager. Am 22. Oktober 2007 fand der erste kombinierte Bodenund Luftangriff der \"Tamil Tigers\" auf die Luftwaffenbasis in Anuradhapura/Sri Lanka statt. Die bei dem Anschlag beteiligten 21 \"Black Tigers\", so die Bezeichnung f\u00fcr diese LTTE-Selbstmordeinheit, kamen dabei ums Leben. Laut einem Armeesprecher wurden zwei Kampfhelikopter und ein Trainingsflugzeug besch\u00e4digt sowie 13 Soldaten get\u00f6tet. F\u00fcr eine anhaltend aggressive Kampfbereitschaft der LTTE sprachen au\u00dferAnschl\u00e4ge dem noch folgende Anschl\u00e4ge: 24. Mai 2007: Bei einem Angriff der \"Sea-Tigers\" mit 15 Booten auf einen Marinest\u00fctzpunkt der im Norden gelegenen Insel Delft wurden circa 35 187 Die im Jahr 2006 erneut ausgebrochenen kriegerischen Auseinandersetzungen auf Sri Lanka forderten bisher \u00fcber 5.000 Tote, circa 300.000 Personen befinden sich auf der Flucht. 188 Ein LTTE-Sprecher \u00e4u\u00dferte gegen\u00fcber der rebellennahen Internetzeitung \"TamilNet\" sein Bedauern, machte jedoch die Armee f\u00fcr den Vorfall verantwortlich. Colombo habe entgegen den Gepflogenheiten die Gegenseite nicht \u00fcber den Besuch der Diplomaten informiert und so die Delegation \"absichtlich\" in Gefahr gebracht. 111","Marineangeh\u00f6rige get\u00f6tet. Am gleichen Tag f\u00fchrten die LTTE einen Selbstmordanschlag mit einem Motorrad auf einen Armeebus in der Hauptstadt Colombo durch. Laut Polizeiangaben wurden dabei zwei Soldaten get\u00f6tet und f\u00fcnf weitere verletzt. 3. Juni 2007: Heftige Gefechte im Norden der Insel (Bezirke Vavuniya und Mannar) hinterlie\u00dfen eine blutige Spur mit mehr als 80 Toten, darunter circa 30 Armeeangeh\u00f6rige. Die LTTE zerst\u00f6rten mehrere Armeestellungen und erbeuteten eigenen Angaben zufolge gepanzerte Fahrzeuge und Waffen. 8. Oktober 2007: Bei zwei Angriffen im s\u00fcd\u00f6stlichen Distrikt Ampara sollen LTTEAngaben zufolge zehn Elitesoldaten sri-lankischer Sondereinsatzkr\u00e4fte get\u00f6tet und zehn weitere verletzt worden sein. Finanzierung F\u00fcr die Finanzierung der dringend ben\u00f6tigten Logistik zur Weiterf\u00fchrung ihres \"Freiheitskampfes\", aber auch zur Durchf\u00fchrung von humanit\u00e4ren Ma\u00dfnahmen wie den Wiederaufbau zerst\u00f6rter tamilischer Wohngebiete, Schulen und Krankenh\u00e4user haben die LTTE ein ausgefeiltes System zur Absch\u00f6pfung der Exil-Tamilen entwickelt. Die H\u00f6he der zu erzielenden Spendenbeitr\u00e4ge wird von der LTTE-Zentrale auf Sri Lanka festgesetzt und an die Verantwortlichen der im Ausland eingerichteten Exilorganisationen weitergegeben. Im Jahr 2007 waren dies monatlich 30 Euro f\u00fcr Einzelpersonen und 50 Euro f\u00fcr Familien. Regional zust\u00e4ndige Spendensammler forderten den zu zahlenden Betrag teilweise bei Hausbesuchen in bar ein. Dieses Vorgehen diente der \"\u00dcberwachung\" der in Baden-W\u00fcrttemberg lebenden Tamilen, f\u00f6rderte aber auch den Zusammenhalt innerhalb dieser Bev\u00f6lkerungsgruppe. Medien F\u00fcr ihre Propagandaarbeit nutzen die LTTE professionell diverse Medien. So vertreiben sie eigene B\u00fccher, Videos und CDs. Bis Anfang Mai 2007 informierte zudem der in Frankreich ans\u00e4ssige Nachrichtensender \"Tamil Television Network\" (TTN) die in der Diaspora lebenden Tamilen \u00fcber aktuelle Ereignisse in ihrem Heimatland, allerdings meist einseitig aus Sicht der Organisation. Der Sendebetrieb wurde am 2. Mai 2007 eingestellt. Die verantwortlichen Betreiber des Senders wurden beschuldigt, w\u00e4hrend der vergangenen sechs Jahre illegal einen Kommunikationssatelliten genutzt zu haben. Ein besonders wichtiges Instrument zur Selbstdarstellung der Organisation und ihrer Vertreter ist nach wie vor das Internet. Auf mehreren offiziellen 112","Ausl\u00e4nderextremismus LTTE-Seiten konnten beispielsweise Erkl\u00e4rungen der Organisation nachgelesen werden. Die LTTE und ihre Nebenorganisationen initiierten auch im Jahr 2007 Veranstaltungen mehrere Veranstaltungen im Bundesgebiet. Auff\u00e4llig war, dass in BadenW\u00fcrttemberg keine der sonst \u00fcblichen \"gro\u00dfen\" \"M\u00e4rtyrer\"-Gedenkveranstaltungen stattfanden. Zwei Beispiele f\u00fcr LTTE-beeinflusste Veranstaltungen in Baden-W\u00fcrttemberg sind: 9. Juni 2007: Durchf\u00fchrung eines \"Tamilischen Studententags 2007\" in Stuttgart, Hattingen/Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Im Internet hatte die \"Tamil Youth Organisation\" (TYO) f\u00fcr eine Teilnahme geworben. An der Veranstaltung in Stuttgart nahmen circa 200 Personen teil. Es wurden LTTE-DVDs und CDs verkauft. 25. Juli 2007: Das \"Tamil Coordination Committee\" organisierte anl\u00e4sslich des Jahrestages der Massaker gegen die tamilische Bev\u00f6lkerung auf Sri Lanka einen \"Black July\"-Gedenktag in 14 St\u00e4dten, unter anderem in Mannheim und Stuttgart sowie Informationsveranstaltungen. Auf dem Schlossplatz in Stuttgart war eine Fahne mit \"Tiger-Emblem\" zu sehen. Die dortige Veranstaltung wurde von der \"Kultur Vereinigung der Tamilen e.V.\" mit Sitz in Stuttgart angemeldet. Dar\u00fcber hinaus initiiert die LTTE im europ\u00e4ischen Raum immer wieder Gro\u00dfdemonstrationen. So protestierten beispielsweise am 11. Juni 2007 rund 10.000 Exil-Tamilen aus ganz Europa vor dem UN-Geb\u00e4ude in Genf/ Schweiz f\u00fcr das Recht der Tamilen auf Selbstbestimmung und f\u00fcr die Errichtung eines eigenen Tamilenstaates. Aus Baden-W\u00fcrttemberg folgten mehrere Hundert Tamilen dem Mobilisierungsaufruf, darunter zahlreiche LTTE-Sympathisanten. Auf Plakaten waren das \"Tiger-Logo\" mit der Unterschrift \"Accept our de facto government\" (\"Akzeptiert unsere 'De-factoRegierung'\") in wechselnden Designs sowie ein gro\u00dfformatiges Bild von LTTE-F\u00fchrer Vellupillai PRABHAKARAN mit der Unterschrift \"National Kader of Tamil Eelam\" auf der Kehrseite zu sehen. Auf dem Demonstrationsweg skandierten die Teilnehmer Parolen wie \"Wir wollen ein Tamil Eelam\", \"Unser F\u00fchrer PRABHAKARAN\" und \"Unsere Heimat Tamil Eelam\". 113","7. Iranische Gruppe: Die \"Volksmodjahedin\" Die \"Volksmodjahedin\" unter der Bezeichnung \"Mujahedin-e Khalq Organisation\" (MEK oder MKO) und \"People's Mojahedin of Iran\" (PMOI) gelten weiterhin in dem am 28. Juni 2007 ver\u00f6ffentlichten und \u00fcberarbeiteten Beschluss des Rates der Europ\u00e4ischen Union (EU) vom 2. Mai 2002 als terroristische Organisation. Ihr militanter Fl\u00fcgel, die \"National Liberation Army of Iran\" (NLA), sowie die \"Muslim Iranian Student's Society\" werden ebenfalls als terroristische Gruppierungen genannt. Der \"Nationale Widerstandsrat von Iran\" (NWRI) beziehungsweise der \"National Council of Resistance of Iran\" (NCRI) werden von der Auflistung als Terrororganisation ausgenommen. Der international t\u00e4tige NWRI wurde als scheinbar partei\u00fcbergreifende demokratische Sammlungsbewegung 1981 in Paris gegr\u00fcndet und versteht sich selbst als die wichtigste Oppositionsgruppe gegen das iranische Regime. Dominiert wird der NWRI allerdings von Anh\u00e4ngern und Mitgliedern der \"Volksmodjahedin\". In europaweiten Veranstaltungen richten sich seine Aktivit\u00e4ten gegen das iranische Regime, dessen Pr\u00e4sidenten, die fortdauernden Menschenrechtsverletzungen und das iranische Atomprogramm. Wie bereits im Jahr zuvor fand am 30. Juni 2007 in Paris die gr\u00f6\u00dfte Kundgebung statt. Tausende Anh\u00e4nger versammelten sich, um ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr den iranischen Widerstand zu demonstrieren und des Jahrestags der Exekutivma\u00dfnahmen vom 17. Juni 2003 der franz\u00f6sischen Sicherheitsbeh\u00f6rden gegen den NWRI und zahlreiche Mitglieder zu gedenken. Offiziell sind die \"Volksmodjahedin\" in Deutschland nicht vertreten. Sie werden seit 1994 durch den NWRI repr\u00e4sentiert. In Baden-W\u00fcrttemberg unterst\u00fctzen weiterhin etwa 70 Aktivisten und zahlreiche Sympathisanten die Organisation. politische Auch im Jahr 2007 z\u00e4hlten die Finanzierung der zahlreichen VeranstaltunAgitation gen und die politische Agitation zu den wichtigsten Bet\u00e4tigungsfeldern des NWRI. Durch Sammelvereine werden im gesamten Bundesgebiet Spendensammlungen durchgef\u00fchrt. Der iranische Schriftsteller Bahman NirumSpendenand bezeichnet die Spendensammler des NWRI als \"die mit den schwarzen sammlungen Mappen\", die \"grauenhafte Bilder von Hinrichtung und Folter in Iran\" enthalten.189 Schockiert von diesen Bildern setzten viele Passanten ihre Unterschrift unter Erkl\u00e4rungen, die mehr Freiheit und Demokratie in Iran fordern, \"und sie werfen Spenden in die Geldb\u00fcchsen, die ihnen die 'Samm189 Hier und im Folgenden: taz vom 13. Dezember 2006. 114","Ausl\u00e4nderextremismus ler f\u00fcr Freiheit und Demokratie' entgegenhalten.\" Mit diesen Unterschriften aber unterst\u00fctzen die \"ahnungslosen Passanten\" den NWRI, um dessen Forderung nach Streichung der Volksmodjahedin von der \"EU-Terrorliste\" Nachdruck zu verleihen. Die F\u00fchrungspositionen des NWRI werden fast ausnahmslos von Frauen dominiert. Dies wird als Gegengewicht zum m\u00e4nnerdominierten \"Mullah Regime\" in Iran betrachtet. Seit dem ungekl\u00e4rten Verbleib von Massoud RAJAVI, von dem zuletzt im M\u00e4rz 2007 eine Videobotschaft erschienen war, hat seine Ehefrau Maryam die alleinige F\u00fchrung der Organisation. 8. Weitere Informationen Weitere Informationen zum Thema Ausl\u00e4nderextremismus k\u00f6nnen der Brosch\u00fcre \"Ausl\u00e4nderextremismus\" (2007) entnommen werden. Aktuelle Berichte zum Ausl\u00e4nderextremismus k\u00f6nnen Sie auf unserer Internetseite http://www.verfassungsschutz-bw.de/ausl/start_ausl.htm abrufen. 115","D. RECHTSEXTREMISMUS 1. Aktuelle Entwicklung und Tendenzen Die Beobachtung und geistig-politische Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus ist seit Jahren eine Schwerpunktaufgabe der deutschen Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. Auch andere staatliche und zahlreiche zivilgesellschaftliche Institutionen messen dieser Auseinandersetzung zu Recht einen hohen Stellenwert bei. Der Rechtsextremismus tr\u00e4gt immer wieder - teils bewusst, teils eher unfreiwillig - selbst dazu bei, in den Focus der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit zu geraten. So ging zwar die Zahl rechtsextremistischer Demonstrationen in Baden-W\u00fcrttemberg im Vergleich zum Vorjahr erheblich zur\u00fcck. Gleichzeitig aber setzten Rechtsextremisten 2007 deutlich h\u00e4ufiger als in fr\u00fcheren Jahren die so genannte Wortergreifungsstrategie190 von der Theorie in die Praxis um und sorgten so wiederholt f\u00fcr erhebliches Aufsehen. Jedoch auch rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten, deren Zahl allerdings ebenso wie diejenige rechtsextremistisch motivierter Straftaten insgesamt 2007 in Baden-W\u00fcrttemberg erstmals seit Jahren wieder r\u00fcckl\u00e4ufig war, tragen dazu bei, den Rechtsextremismus im Mittelpunkt des \u00f6ffentlichen Interesses zu halten. Die \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) hat sich in den letzten Jahren zur auff\u00e4lligsten rechtsextremistischen Partei in Deutschland entwickelt und ist mittlerweile als eine der bedeutendsten, wenn nicht als die bedeutendste rechtsextremistische Organisation in der Bundesrepublik Konzentration Deutschland einzustufen. In den letzten Jahren hat sich sogar eine schrittauf die NPD weise Konzentration gr\u00f6\u00dferer Teile der rechtsextremistischen Gesamtszene auf die NPD abgezeichnet. Dagegen setzte sich im Jahr 2007 der Weg der Partei \"Die Republikaner\" (REP) in die Bedeutungslosigkeit weiter fort. Nachdem sich auf dem letzten Bundesparteitag der REP am 9./10. Dezember 2006 im bayerischen H\u00f6chstadt erneut der Abgrenzungskurs gegen\u00fcber rechtsextremistischen Parteien durchgesetzt hat, haben auch 2007 weitere Rechtsextremisten die Partei verlassen. Mittlerweile ist aufgrund der fortschreitenden Marginalisierung der Partei der Anteil der Rechtsextremisten innerhalb der Organisation kaum noch quantifizierbar. Tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr rechtsextremistische Bestrebungen sind dennoch vereinzelt weiterhin gegeben. 190 \"Wortergreifungsstrategie\": Erscheinen und Beteiligung an \u00f6ffentlichen Veranstaltungen, die gerade nicht von Rechtsextremisten, sondern von Demokraten oder Linksextremisten organisiert wurden; vgl. auch Kap. D Ziff. 8. 116","Rechtsextremismus Immer wieder ist der Wandel kennzeichnend f\u00fcr die heterogene rechtsextremistische Szene. Dieser Wandel wird exemplarisch deutlich anhand des in den letzten Jahren entstandenen Ph\u00e4nomens der \"Autonomen Nationalisten\", aber auch anhand der j\u00fcngsten, zumindest vorerst noch rein \u00e4u\u00dferlichen Ver\u00e4nderungen innerhalb der rechtsextremistischen Skinheadszene. 1.1 Rechtsextremistische Personenund W\u00e4hlerpotenziale Im Jahr 2007 ging das rechtsextremistische Gesamtpersonenpotenzial in Baden-W\u00fcrttemberg wie im Bund ein weiteres Mal zur\u00fcck - sogar noch deutlicher als im Jahr 2006. Damit setzt sich ein seit Mitte der 1990er-Jahre fast bruchlos zu beobachtender Trend fort. Seit 1993 hat sich durch diese Entwicklung die Zahl der Rechtsextremisten im Bund um fast die H\u00e4lfte und in Baden-W\u00fcrttemberg sogar um gut die H\u00e4lfte verringert. Hinter diesem personellen Schrumpfungsprozess verbergen sich jedoch zwei gegenSchrumpfungsl\u00e4ufige Entwicklungen: Einerseits haben rechtsextremistische Personenzuprozess sammenschl\u00fcsse, deren Mitgliederstruktur - wie zum Beispiel bei der \"Deutschen Volksunion\" (DVU) - von einem hohen Altersdurchschnitt gepr\u00e4gt ist, seit Jahren teils drastische R\u00fcckg\u00e4nge zu verkraften. Andererseits sind \u00fcberdurchschnittlich junge rechtsextremistische Segmente, hier Rechtsextremistisches Personenpotenzial in Deutschland und Baden-W\u00fcrttemberg im Zeitraum 2005 - 2007 2005 2006 2007 Land Bund Land Bund Land Bund Rechtsextremistische Skinheads 10.400 10.000 1.080 10.400 900 850 und sonstige gewaltbereite Zirkel Neonazistische Organisationen und Einzelpersonen 310 4.100 320 4.200 340 4.400 nach Abzug der Doppelmitgliedschaften Rechtsextremistische Parteien 2.300 22.000 2.150 22.000 1.170 14.450 davon: DVU 900 9.000 800 8.500 700 7.000 NPD 390 6.000 400 7.000 440 7.200 REP 950 6.500 900 6.000 -1 -1 Sonstige rechtsextremistische 260 3.500 270 3.300 650 3.750 Organisationen Gesamtsumme 3.950 40.000 3.640 39.900 3.010 32.600 Tats\u00e4chliches Personenpotenzial nach 3.900 39.000 3.600 38.600 3.000 31.000 Abzug der Mehrfachmitgliedschaften 1 F\u00fcr das Jahr 2007 werden die REP im Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg nicht mehr separat ausgewiesen. Grafik: LfV-BW 117","insbesondere die rechtsextremistische Skinhead-, aber auch die Neonaziszene, von quantitativ ehemals eher marginalen zu bedeutenden Faktoren herangewachsen und machen zusammen mittlerweile rund 40 Prozent der deutschen Rechtsextremisten aus. Allerdings l\u00e4sst dieser bedenkliche VerVerj\u00fcngungsj\u00fcngungsprozess in j\u00fcngster Zeit partielle Stagnationstendenzen erkennen: prozess Zwar hatte die DVU auf Bundesund auf Landesebene auch im Jahr 2007 wieder mehr oder minder deutliche Mitgliederverluste hinzunehmen, w\u00e4hrend die um einen Schulterschluss mit Neonazis und rechtsextremistischen Skinheads bem\u00fchte NPD auf beiden Ebenen Mitgliederzuw\u00e4chse verbuchen konnte. Auch die Neonaziszene verzeichnete in Bund wie Land wieder Zuw\u00e4chse. Jedoch verlor die rechtsextremistische Skinheadszene in Baden-W\u00fcrttemberg wie schon im Jahr 2006 Anh\u00e4nger. Und auch auf Bundesebene ging die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten, unter denen die rechtsextremistischen Skinheads einen wesentlichen Teil ausmachen, im Jahr 2007 erstmals seit 2003 zur\u00fcck. Bei der einzigen Landtagswahl des Jahres 2007, der Wahl zur Bremischen B\u00fcrgerschaft am 13. Mai, konnte die \"Deutsche Volksunion\" (DVU) einen Wahlerfolg feiern. Zwar verfehlte sie mit landesweit 2,7 Prozent der Stimmen (2003: 2,3 Prozent) den Einzug in Fraktionsst\u00e4rke relativ deutlich, konnte jedoch aufgrund ihres Teilergebnisses von 5,4 Prozent im Wahlbereich Bremerhaven (2003: 7,1 Prozent) zum wiederholten Male einen Abgeordneten in die B\u00fcrgerschaft entsenden.191 Doch schon im Juli 2007 erkl\u00e4rte dieser einzige Bremer DVU-B\u00fcrgerschaftsabgeordnete seinen Parteiaustritt. 1.2 Strafund Gewalttaten Die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Strafwie auch der darin enthaltenen Gewalttaten ging 2007 in Baden-W\u00fcrttemberg erstmals seit 2003 R\u00fcckgang bzw. 2002 wieder zur\u00fcck. Dabei fiel der R\u00fcckgang bei den rechtsextremistischen Gewalttaten von 99 im Jahr 2006 auf 78 im Jahr 2007 (minus 21,2 Prozent) prozentual sogar noch etwas deutlicher aus als derjenige bei den rechtsextremistischen Straftaten insgesamt (2006: 1.282; 2007: 1.062 = minus 17,2 Prozent). Ob der zuvor jahrelang anhaltende Trend einer steigenden Anzahl rechtsextremistisch motivierter Straf(2003: 806; 2004: 857; 2005: 1.071) bzw. Gewalttaten (2002: 51; 2003: 56; 2004: 67; 2005: 71) im Land auch langfristig umgekehrt werden kann, wird sich erst in den kommenden Jahren weisen. Die Entwicklung im Jahr 2007 d\u00fcrfte unter anderem auf r\u00fcckl\u00e4ufige so genannte \"Rechts-Links-Auseinandersetzungen\" zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Der R\u00fcckgang dieser Auseinandersetzungen steht in engem 191 Bei den Wahlen zur Bremischen B\u00fcrgerschaft muss eine Partei nur in einem der beiden Wahlgebiete, in Bremen oder Bremerhaven, die F\u00fcnf-Prozent-H\u00fcrde \u00fcberwinden, um in das Parlament einzuziehen. 118","Rechtsextremismus Zusammenhang mit der im Berichtsjahr ebenfalls und sogar drastisch r\u00fcckl\u00e4ufigen rechtsextremistischen, insbesondere neonazistischen Demonstrationst\u00e4tigkeit.192 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Rechts sowie rechtsextremistische Strafund Gewalttaten 2007 1.3 Ideologie Der Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland ist in sich ideologisch zersplittert. Dennoch gibt es diverse Ideologiebestandteile, die bereits seit vielen Jahrzehnten (teils seit dem 19. Jahrhundert) im Rechtsextremismus eine zentrale Rolle spielen und bis heute f\u00fcr viele oder gar f\u00fcr die meisten Rechtsextremisten im Grundsatz konsensf\u00e4hig sind. Dabei haben einzelne dieser Bestandteile aufgrund wechselnder historisch-politischer Rahmenbedingungen an Bedeutung innerhalb des ideologischen Gesamtgef\u00fcges verloren (zum Beispiel die rechtsextremistische Variante des Antikommunismus seit 1989), andere gewonnen (zum Beispiel die rechtsextremistische Variante des Antiamerikanismus seit 1989): Die Ideologie der Ungleichheit, insbesondere der rechtsextremistische Nationalismus, Sozialdarwinismus193 und Rassismus. Der Rassismus erh\u00e4lt eine erh\u00f6hte Brisanz, wenn er zur Begr\u00fcndung des im rechtsextremistischen Lager allgegenw\u00e4rtigen Antisemitismus herangezogen wird (Rassenantisemitismus). Die Ideologie der Volksgemeinschaft, die auch als V\u00f6lkischer Kollektivismus bezeichnet wird. Rechtsextremistische Fremdenund 192 Vgl. dazu Kap. D Ziff. 3.3. 193 Sozialwissenschaftliche Theorie, die Charles Darwins Lehre von der nat\u00fcrlichen Auslese auf die Entwicklung menschlicher Gesellschaften \u00fcbertr\u00e4gt. 119","Ausl\u00e4nderfeindlichkeit haben nicht zuletzt in diesem rassistischnationalistischen Konzept ihren Ursprung. Autoritarismus. Konkrete Ausformungen des rechtsextremistischen Autoritarismus sind Militarismus und Antiliberalismus194, aber auch ein auf das \"F\u00fchrerprinzip\" reduziertes Staatsund Politikverst\u00e4ndnis, das wiederum Demokratiefeindschaft und Antiparlamentarismus beinhaltet. Revisionismus. Von Geschichtsrevisionismus spricht man, wenn Rechtsextremisten die NS-Verbrechen - besonders den Holocaust und die nationalsozialistische Schuld am Ausbruch des 2. Weltkrieges - verschweigen, rechtfertigen, verharmlosen, durch Aufrechnung mit vermeintlichen und tats\u00e4chlichen Verbrechen anderer Nationen und politischer Systeme relativieren oder sogar leugnen. Von Gebietsrevisionismus ist die Rede, wenn Rechtsextremisten die Anerkennung der deutschen Gebietsverluste, wie sie sich aus den beiden Weltkriegen ergeben haben, verweigern oder noch weitere Gebiete entgegen den vertraglichen Verpflichtungen, die Deutschland seit 1918 beziehungsweise 1945 eingegangen ist, f\u00fcr Deutschland beanspruchen. Der rechtsextremistische Antimodernismus \u00e4u\u00dfert sich in deutlich ablehnenden Reaktionen auf geistige, wissenschaftlich-technische, \u00f6konomische, soziale und kulturelle Modernisierungssch\u00fcbe und in der Verkl\u00e4rung vergangener Zust\u00e4nde. 2. Gewaltbereiter Rechtsextremismus 2.1 H\u00e4ufigkeit und Hintergr\u00fcnde rechtsextremistisch motivierter Gewalt Die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten ging 2007 in Baden-W\u00fcrttemberg erstmals seit 2002 wieder zur\u00fcck, und zwar von 99 (2006) auf 78. Ob der zuvor jahrelang anhaltende Trend einer steigenden Anzahl rechtsextremistisch motivierter Gewalttaten (2002: 51; 2003: 56; 2004: 67; 2005: 71) im Land auch langfristig umgekehrt werden kann, wird sich erst in den folgenden Jahren weisen. Die Entwicklung im Jahr 2007 d\u00fcrfte unter anderem darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren sein, dass aufgrund der im 194 Ablehnung einer Staatsund Wirtschaftsauffassung, nach der dem Einzelnen gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Freiheit gew\u00e4hrt werden soll. 120","Rechtsextremismus Berichtsjahr drastisch r\u00fcckl\u00e4ufigen rechtsextremistischen, insbesondere neonazistischen Demonstrationst\u00e4tigkeit die Auseinandersetzungen zwischen Rechtsund Linksextremisten ebenfalls abnahmen.195 Gewaltbereitschaft und Gewaltt\u00e4tigkeit sind heutzutage im deutschen Rechtsextremismus zwar in der Regel fast ausschlie\u00dflich auf die Skinheadszene und Teile der Neonaziszene begrenzt. Die Gewaltbereitschaft so genannter Autonomer Nationalisten196, eines Teilsegments der Neonaziszene, das erst seit Ende 2003 im Bund und seit Mitte 2005 auch im Land aufgetreten ist, richtet sich insbesondere bei rechtsextremistischen Demonstrationen gegen Polizeibeamte und Gegendemonstranten, insbesondere, wenn es sich bei letzteren um gewaltbereite Linksextremisten handelt. Doch greift zur Erkl\u00e4rung rechtsextremistisch motivierter Gewalt eine allzu Rolle einseitige Fokussierung auf gewaltbereite Skinheads und Neonazis zu kurz. der Gewalt Grunds\u00e4tzlich bleibt dreierlei festzuhalten: 1. Auch diejenigen Rechtsextremisten, die nicht dem gewaltbereiten Spektrum zuzurechnen sind, d\u00fcrfen in diesem Zusammenhang nicht aus der Verantwortung entlassen werden, sind doch aus ihren Reihen immer wieder Bejahung beziehungsweise mangelnde Distanzierung von Gewalt beziehungsweise von Gewaltt\u00e4tern zu registrieren. 2. Rechtsextremistische Gewaltbejahung, -bereitschaft und -t\u00e4tigkeit stellen historische Konstanten dar. Sie sind nicht nur in der bundesdeutschen Gegenwart zu beklagen, sondern auch in der Geschichte des deutschen Rechtsextremismus bis ins 19. Jahrhundert in verschiedenen Dimensionen nachweisbar. Mit den NS-Verbrechen der Jahre 1933 bis 1945 erfuhren sie ihre extremste Auspr\u00e4gung. 3. Die Ursachen und Anl\u00e4sse f\u00fcr rechtsextremistisch motivierte Gewalt m\u00f6gen - zumal im jeweils konkreten Fall - vielf\u00e4ltig und komplex sein. Doch ist eine erhebliche N\u00e4he zur Gewalt schon in den ideologischen Traditionsbest\u00e4nden des Rechtsextremismus angelegt. Zu dieser traditionellen ideologischen Gewaltaffinit\u00e4t gesellen sich heutzutage weitere, der aktuellen rechtsextremistischen Szene immanente Faktoren, die aus Sicht des Verfassungsschutzes zur Entstehung rechtsextremistisch motivierter Gewalt beitragen. Dazu z\u00e4hlen besonders die - teils unpolitischen - gewaltbeg\u00fcnstigenden Eigenschaften der rechtsextremistischen Skinheadszene. 195 Vgl. dazu Kap. D Ziff. 3.3. 196 Zu den \"Autonomen Nationalisten\" siehe Kap. D Ziff. 3.4. 121","Fazit: Rechtsextremistisch motivierte Gewalt kommt nicht von ungef\u00e4hr, war und ist keine von Zuf\u00e4lligkeiten abh\u00e4ngende Ausnahmeerscheinung, sondern eine dem Rechtsextremismus grunds\u00e4tzlich innewohnende Konsequenz. 2.2 Tendenzen in der rechtsextremistischen Skinhead(musik)szene Die Zahl der rechtsextremistischen Skinheads197 in Baden-W\u00fcrttemberg ging 2007 zum zweiten Mal in Folge nach 2006 zur\u00fcck. Ihre Zahl betr\u00e4gt jetzt noch rund 800198 (2006: circa 840; 2005: circa 1.040) und liegt damit wieder unter dem Wert des Jahres 2001 (circa 820). Da die rechtsextremistischen Skinheads nach wie vor den L\u00f6wenanteil der gewaltbereiten Rechtsextremisten insgesamt stellen, reduzierte sich auch wieder deren Anzahl (2007: circa 850; 2006: circa 900; 2005: circa 1.080). Und auch auf Bundeszahlenm\u00e4\u00dfiger ebene ging die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten, unter denen die R\u00fcckgang rechtsextremistischen Skinheads einen wesentlichen Teil ausmachen, 2007 erstmals seit 2003 zur\u00fcck, und zwar von circa 10.400 (2006 und 2005) auf circa 10.000. In der \u00f6ffentlich-medialen Wahrnehmung wird die rechtsextremistische Skinheadszene - und mit ihr nach der unzutreffenden Gleichung \"Rechtsextremist = Skinhead\" zuweilen die gesamte rechtsextremistische Szene - mit einem stereotypen, uniformen \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild assoziiert. In der Tat sind bis in die Gegenwart in weiten Teilen der rechtsextremistischen Skinheadszene typische Erkennungsmerkmale wie Kahlkopf, Springerstiefel und Bomberjacke anzutreffen. Doch ist in anderen Teilen der Szene seit relativ kurzer Zeit die Tendenz zu beobachten, sich von diesen szenetypischen Accessoires zu l\u00f6sen. Stattdessen werden bei anderen jugendlichen Subkulturen Anleihen aufgenommen und l\u00e4ngeren Haaren, modischer Kleidung und Turnschuhen der Vorzug gegeben, auch wenn h\u00e4ufig an der Selbstbezeichnung \"Skinhead\" festgehalten wird. Je nachdem aber, welcher Stellenwert diesen \u00c4u\u00dferlichkeiten bei der Definition einer jugendlichen Subkultur einger\u00e4umt wird, hat dieser Trend m\u00f6glicherweise gravierende Folgen f\u00fcr die rechtsextremistische Skinheadszene. Denn wenn man dem \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild einen hohen Stellenwert beimisst, stellt sich in der Konsequenz die Frage, ob es sich bei einem \"Skinhead\" mit langen Haaren und von der bisherigen Norm abweichendem Outfit per definitionem \u00fcberhaupt noch um einen Skinhead handelt oder um einen jungen Rechts197 Nicht alle Skinheads in Deutschland sind Rechtsextremisten. Neben rechtsextremistischen existieren auch linksorientierte, linksextremistische, aber auch unbis antipolitische Skinheads. 198 Der Anteil der weiblichen Skinheads, der so genannten Renees, lag auch 2007 wie schon in den Jahren 2003 bis 2006 konstant bei 19%. 122","Rechtsextremismus extremisten, den man zwar noch an seinen ideologischen \u00dcberzeugungen, nicht mehr aber ohne weiteres an seinem \u00c4u\u00dferen als solchen erkennen kann. Dieser Wandel im Erscheinungsbild der rechtsextremistischen Skin\u00e4u\u00dferlicher heads, der zum Teil vielleicht auch auf entsprechenden Druck von Seiten Wandel anderer Rechtsextremisten zur\u00fcckgeht199, und die zumindest in BadenW\u00fcrttemberg seit nunmehr zwei Jahren r\u00fcckl\u00e4ufigen Skinheadzahlen, werfen abschlie\u00dfend die Frage auf, ob diese beiden Entwicklungen auf den Beginn einer Krise, vielleicht eines schleichenden Marginalisierungsoder gar Aufl\u00f6sungsprozesses der rechtsextremistischen Skinheadszene hindeuten. Diese Frage kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantwortet werden.200 Schwerpunkte der rechtsextremistischen Skinheadszene in BadenW\u00fcrttemberg nach Wohnund Veranstaltungsorten/Szeneaktivit\u00e4ten Stand: 31.12.2007 Grafik: LfV BW 199 Siehe dazu S. 154f. 200 Siehe zum Wandel in der rechtsextremistischen Skinheadszene auch: Menhorn, Christian: Skinheads - eine aussterbende Subkultur? Eine Jugendbewegung im Wandel der Zeit, in: Pfahl-Traughber, Armin; Monika Rose-Stahl (Hrsg.): Festschrift zum 25-j\u00e4hrigen Bestehen der Schule f\u00fcr Verfassungsschutz und f\u00fcr Andreas H\u00fcbsch, Br\u00fchl/Rheinland 2007, S. 284-303. 123","Die weiteren Indikatoren, die \u00fcber die Entwicklungen der rechtsextremistischen Skinheadszene und insbesondere der dazugeh\u00f6rigen Musikszene in Baden-W\u00fcrttemberg Aufschluss geben, wiesen 2007 im Vergleich zu 2006 stagnierende alles in allem stagnierende Tendenzen auf. So ging die Zahl der in BadenTendenzen W\u00fcrttemberg beheimateten rechtsextremistischen Skinheadbands leicht von 19 (2006) auf 17 zur\u00fcck. Diese Entwicklung liegt exakt im Bundestrend, wo die Zahl der rechtsextremistischen Skinheadbands von 153 (2006) auf 146 schrumpfte. Auch die Anzahl der im Land veranstalteten rechtsextremistischen Skinheadkonzerte sank minimal von 14 (2006) auf 13, womit jedoch der drastische R\u00fcckgang von 2005 (26 Konzerte) auf 2006 keine Fortsetzung fand. Daf\u00fcr stieg die durchschnittliche Konzertbesucherzahl von rund 115 Personen (2006) auf circa 150 (2007) sp\u00fcrbar an. Auch bei diesen beiden Faktoren befindet sich Baden-W\u00fcrttemberg damit im Wesentlichen im Bundestrend: Im Bund verringerte sich die Zahl rechtsextremistischer Skinheadkonzerte sogar von 163 auf 138, w\u00e4hrend sich auch hier die durchschnittliche Besucherzahl von rund 135 Personen (2006) auf ebenfalls circa 150 Personen (2007) erh\u00f6hte. Bei den von baden-w\u00fcrttembergischen Skinheadbands (mit)produzierten CDs zeigte sich 2007 ein ambivalentes Bild: W\u00e4hrend die Anzahl der von jeweils einer Band aus dem Land ver\u00f6ffentlichten CDs von acht (2006) auf f\u00fcnf abnahm, stieg diejenige der CD-Sampler, zu denen neben baden-w\u00fcrttembergischen auch andere Skinheadbands Titel beisteuerten, von zwei (2006) auf sechs an. Es ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass die Synergieeffekte, die mit einem von mehreren Bands verantworteten CD-Sampler verbunden sind, die Attraktivit\u00e4t eines solchen Gemeinschaftsprojekts gegen\u00fcber CDs, die nur von einer Band produziert werden, f\u00fcr die Verantwortlichen erh\u00f6hen. Rechtsextremistische so genannte Schulhof-CDs, mit denen speziell Jugendliche f\u00fcr den Rechtsextremismus interessiert und rekrutiert werden sollen und die nicht zuletzt deshalb unter anderem mit Titeln rechtsextremistischer Skinheadbands best\u00fcckt sind, spielten - zumindest in BadenW\u00fcrttemberg - im Jahr 2007 in der rechtsextremistischen Szene nicht mehr dieselbe bedeutende Rolle wie noch 2006.201 Es wurden auch nur sehr vereinzelte Neuproduktionen auf diesem Gebiet bekannt, von denen keine aus Baden-W\u00fcrttemberg stammte. Dies d\u00fcrfte nicht zuletzt darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren sein, dass \"Schulhof-CDs\" von der Szene beziehungsweise konkret 201 Siehe ausf\u00fchrlich zur Rolle von \"Schulhof-CDs\" im Jahr 2006: Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2006, S.140-145. 124","Rechtsextremismus von rechtsextremistischen Parteien nicht nur als speziell auf Jugendliche abzielende Rekrutierungsmittel, sondern auch als Wahlkampfmedium eingesetzt werden. 2007 fand jedoch - anders als 2006 - nur eine Landtagswahl \"Schulhof-CDs\" statt (die Wahl zur Bremischen B\u00fcrgerschaft am 13. Mai 2007). Dennoch wurden einzelne Verteilaktionen rechtsextremistischer \"Schulhof-CDs\" auch 2007 im Land bekannt, so am 8. Oktober 2007 vor zwei benachbarten Schulen in Eberbach im Rhein-Neckar-Kreis. \u00dcbersicht \u00fcber rechtsextremistische Skinheadbands und Vertriebe in Baden-W\u00fcrttemberg Stand: 31.12.2007 Grafik: LfV BW Vertriebe Skinheadbands 125","Skinheadkonzerte in Baden-W\u00fcrttemberg 2007 Stand: 31.12.2007 Grafik: LfV BW Bei dieser Aktion in Eberbach wurden auch Exemplare einer rechtsextremistischen \"Sch\u00fclerzeitschrift\" verteilt. Zum Hintergrund: Nachdem auch die NPD bereits seit einiger Zeit darum bem\u00fcht ist, Jugendliche - insbesondere Sch\u00fcler - durch \"Schulhof-CDs\" an die rechtsextremistische Szene und damit an die Partei heranzuf\u00fchren, erweiterte sie diese Kampagne seit dem Jahr 2006 und noch verst\u00e4rkt seit dem Jahr 2007 durch Initiierung \"Sch\u00fclerzeitdiverser rechtsextremistischer \"Sch\u00fclerzeitschriften\". Seit Sommer 2006, schriften\" besonders aber seit Fr\u00fchjahr und Herbst 2007 wurden verschiedene \"Sch\u00fclerzeitschrift\"-Projekte von der NPD und deren Jugendorganisation \"Junge Nationaldemokraten\" (JN) angek\u00fcndigt und in verschiedenen Teilen Deutschlands auch schon umgesetzt. Der Begriff \"Sch\u00fclerzeitschrift\" ist indes irref\u00fchrend: Es handelt sich nicht um Zeitschriften, die von Sch\u00fclern gemacht werden, sondern um reines NPD-Propagandamaterial. Bei den am 8. Oktober 2007 in Eberbach verteilten \"Sch\u00fclerzeitschriften\" handelt es sich um Exemplare einer 16-seitigen Publikation mit dem Titel \"perplex\", die von den s\u00e4chsischen JN herausgegeben wird. Exemplare von \"perplex\" 126","Rechtsextremismus wurden schon bei einer fr\u00fcheren Verteilung in Dresden am 20. September 2007 von der Polizei beschlagnahmt. Die Staatsanwaltschaft Dresden leitete gegen die Verantwortlichen ein Ermittlungsverfahren wegen Versto\u00dfes gegen das Jugendschutzgesetz ein. Auch in Eberbach schritt die Polizei gegen die Verteilung ein. Gegen die an der Aktion beteiligten Personen erlie\u00df das Amtsgericht Heidelberg Durchsuchungsbeschl\u00fcsse wegen des Versto\u00dfes gegen das Jugendschutzgesetz. Zahlreiche Exemplare der Publikation konnten daraufhin sichergestellt werden. 2.3 Die rechtsextremistische Skinhead(musik)szene: Rechtsextremistisch, neonazistisch, gewaltbereit 2.3.1 Wie rechtsextremistisch sind rechtsextremistische Skinheads? Mangelnde Intellektualit\u00e4t, ein verbreitetes Desinteresse an ideologischpolitischen Fragen, Oberfl\u00e4chlichkeit, Widerspr\u00fcchlichkeit und Unreflektiertheit entsprechender \"\u00dcberzeugungen\", primitiv-proletenhaftes Auftreten (zum Beispiel verbunden mit exzessivem Alkoholgenuss), Disziplinlosigkeit, Unf\u00e4higkeit und mangelnder Wille zu konkreter Organisierung (zum Beispiel in rechtsextremistischen Parteien und Vereinen), der hohe identit\u00e4tsstiftende und nicht zuletzt freizeitorientierte Stellenwert von szeneeigener Musik und Konzerten sind zentrale Charakteristika der rechtsextremistischen Skinheadszene. Dieses Erscheinungsbild verleitet Teile der \u00d6ffentlichkeit bis heute zu der Einsch\u00e4tzung, dass es sich bei rechtsextremistischen Skinheads gar nicht um \"richtige\", ernstzunehmende Rechtsextremisten handle, da sie nicht f\u00e4hig oder willens seien, eine vermeintlich komplexe Ideologie wie den Rechtsextremismus zu verstehen, zu verinnerlichen und zur Richtschnur ihres t\u00e4glichen Handelns zu machen. Ein solcher Einwand unterstellt, dass ein bestimmtes Mindestma\u00df an Intellektualit\u00e4t n\u00f6tig sei, um eine extremistische Ideologie zu begreifen und zu vertreten. Gerade das Gegenteil ist jedoch h\u00e4ufig der Fall: Denn extremistische Ideologien reduzieren die komplexen Realit\u00e4ten des modernen Lebens auf wenige ideologische Leits\u00e4tze, pr\u00e4sentieren zur Erkl\u00e4rung zahlreicher (vermeintlicher und tats\u00e4chlicher) gesellschaftlicher Missst\u00e4nde wenige Feindbildgruppen (zum Beispiel \"Juden\" oder \"Ausl\u00e4nder\") als \"Alleinschuldige\" und bieten vermeintlich einfache L\u00f6sungen f\u00fcr tats\u00e4chlich schwierige gesellschaftspolitische Zusammenh\u00e4nge an. Einfache Erkl\u00e4rungsmuster und die Verhei\u00dfung sim127","pler Probleml\u00f6sungen k\u00f6nnen gerade auf tendenziell weniger gebildete und \"intellektuell limitierte\" Menschen, aber auch auf Jugendliche, die sich noch suchend und ungefestigt in ihrer pers\u00f6nlichen Selbstfindungsphase befinden, eine hohe Anziehungskraft aus\u00fcben. Wird ihnen doch durch \u00dcbernahme eines ideologischen Weltbildes die fatale Illusion vermittelt, diese Welt vollst\u00e4ndig verstanden zu haben und Andersdenkenden damit \u00fcberlegen zu sein. Von gesellschaftlichen Missst\u00e4nden (zum Beispiel von Arbeitslosigkeit) Betroffenen werden die Selbstzweifel genommen, f\u00fcr ihre Situation selbst (mit)verantwortlich zu sein (zum Beispiel aufgrund schulischen oder beruflichen Versagens). Die \"Schuld\" daran wird stattdessen auf ideologische Feindbilder projiziert, wie beispielsweise die Parole \"Die Ausl\u00e4nder nehmen uns die Arbeitspl\u00e4tze weg!\" deutlich macht. Vor allem aber liefert die rechtsextremistische Skinheadszene selbst zahlreiche Belege f\u00fcr ihre Gesinnung: 1. Ein erstes wichtiges Indiz f\u00fcr die grunds\u00e4tzliche ideologische Ausrichtung der rechtsextremistischen Skinheadszene liefert ein Blick auf die Opfer der Gewalttaten, die aus dieser Szene heraus begangen werden. Bei diesen Opfern handelt es sich \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig um klassische Feindbilder des Rechtsextremismus wie Ausl\u00e4nder, Farbige oder Homosexuelle. 2. Rechtsextremistische Skinheadbands produzieren immer wieder Liedtexte, in denen sie ihre rechtsextremistische Gesinnung entweder offen oder mehr oder minder subtil zu erkennen geben. So steuerte die Band \"White Voice\" aus Villingen-Schwenningen zu dem 2007 erschienenen CD-Sampler \"Drei f\u00fcr Deutschland\" mit ihrem Lied \"Staatsfeind\" ein eher allgemein gehaltenes, aber unumwundenes Bekenntnis zu (Rechts-)Radikalismus, (Rechts-)Extremismus und Staatsbeziehungsweise Verfassungsfeindlichkeit bei, ohne dieses Bekenntnis jedoch - zumindest in diesem Lied - mit der Darbietung konkreter rechtsextremistischer Inhalte zu verbinden. Hier Ausschnitte, insbesondere der Refraintext: \"White Voice\": \"Staatsfeind\" von dem CD-Sampler \"Drei f\u00fcr Deutschland\" \"(...) Eure Regeln und Gesetze haben uns nie interessiert. 128","Rechtsextremismus Diesen Staat haben wir immer gehasst und st\u00e4ndig rebelliert. (...) Wir nehmen kein Blatt vor den Mund, extrem, radikal. Ob's euch passt oder nicht, ist uns doch schei\u00dfegal. [Refrain:] Wir gingen schon immer unseren eigenen Weg, ganz egal um welchen Preis. Ihr nennt uns total bekloppte Psychopathen. Ja wir stehen auf diesen Schei\u00df! National, radikal, Feinde des Systems, zielstrebig, geradeaus. Ja ich bin Staatsfeind! Ja ich bin Staatsfeind! Ich hasse diesen Staat! (...)\" 202 Auf ihrer eigenen, ebenfalls im Berichtsjahr ver\u00f6ffentlichten CD \"Narrenkabinett\" lieferte \"White Voice\" weitere Belege f\u00fcr ihre erkl\u00e4rte, rechtsextremistisch motivierte Verfassungsfeindlichkeit, beispielsweise die pr\u00e4gnante, den in rechtsextremistischen Kreisen gepflegten Reichsmythos aufgreifende Parole \"BRD verrecke! Das Reich muss leben!\" 203 in dem Lied \"Hey Hey Hallo\". 3. Auch das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild und die Symbolwelt der rechtsextremistischen Skinheadszene beschr\u00e4nkt sich nicht auf Komponenten, die urspr\u00fcnglich einen unpolitischen Hintergrund haben wie Kahlkopf, Springerstiefel oder Bomberjacke. Typische Kennzeichen dieser Szene sind l\u00e4ngst auch origin\u00e4r rechtsextremistische Bilder und Symbole - bis hin zu nationalsozialistischen. So ist die Reichskriegsflagge, die - nicht zuletzt aufgrund des Verbotes der Hakenkreuzflagge - mittlerweile ein typisches Symbol in der rechtsextremistischen Szene geworden ist, auf zahlreichen CD-Covern rechtsextremistischer Skinheadbands der letzten Jahre abgebildet, 202 Textwiedergabe soweit m\u00f6glich nach dem akustischen Verst\u00e4ndnis. 203 Textwiedergabe nach dem akustischen Verst\u00e4ndnis. 129","beispielsweise auf dem CD-Sampler \"on the streets\" von 2007, auf dem neben anderen Bands auch \"Aufbruch\" aus Mannheim und \"Blue Max\" aus Schwarzach im Neckar-Odenwald-Kreis Lieder platzierten. 4. Auf den rechtsextremistischen Charakter weiter Teile der Skinheadszene l\u00e4sst sich allein schon aufgrund ihrer ausgepr\u00e4gten Vernetzung mit anderen Segmenten des deutschen Rechtsextremismus schlie\u00dfen. Denn warum beziehungsweise wie sollten oder k\u00f6nnten sich Skinheads und (andere) Rechtsextremisten miteinander vernetzen, wenn es keine gegenseitigen ideologischen Ankn\u00fcpfungspunkte g\u00e4be? Diese Vernetzung manifestiert sich nicht nur in der Existenz vereinzelter Mischszenen aus Skinheads und Neonazis. Mittlerweile ist es nicht einmal mehr un\u00fcblich, dass rechtsextremistische Organisationen, die nicht der Skinheadszene zuzurechnen sind, Skinheadkonzerte veranstalten oder doch zumindest Skinheads beziehungsweise Skinheadbands auf ihren Veranstaltungen begr\u00fc\u00dfen oder auftreten lassen. Ziel ist dabei unter anderem, die jugendliche Skinheadszene als Mobilisierungsund Rekrutierungspotenzial zu gewinnen. 2.3.2 Sind rechtsextremistische Skinheads Neonazis? 204 Zumindest Teile der rechtsextremistischen Skinheadszene bekennen sich zum historischen Nationalsozialismus. Auch daf\u00fcr liefern immer wieder Liedtexte baden-w\u00fcrttembergischer Skinheadbands eindeutige Belege. So publizierte \"White Voice\" auf dem CD-Sampler \"Drei f\u00fcr Deutschland\" ein weiteres Lied mit dem Titel \"9. November\", in dem v\u00f6llig unverhohlen und kritiklos der am 9. November 1923 in M\u00fcnchen bei der Niederschlagung des so genannten Hitler-Ludendorff-Putsches ums Leben gekommenen 16 Nationalsozialisten - nicht aber der an diesem Tag ebenfalls get\u00f6teten Polizisten und schon gar nicht der am 9. November 1938 bei der \"Reichspogromnacht\" ermordeten Juden - gedacht wird. Mit diesem Lied kn\u00fcpfen \"White Voice\" an den intensiven Totenund Heldenkult um diese erschossenen Putschisten an, den schon die historischen Nationalsozialisten betrieben. Diese Glorifizierung eines der zentralen Ereignisse in der NSDAP-Parteigeschichte durch \"White Voice\" kommt einem Bekenntnis der Band zum historischen Nationalsozialismus insgesamt gleich: 204 Zu den Neonazis siehe Kap. D Ziff. 3. 130","Rechtsextremismus \"White Voice\": \"9. November\" von dem CD-Sampler \"Drei f\u00fcr Deutschland\" \"Ich stehe an der Feldherrnhalle und atme noch den Geist. Hier hallen immer noch die Sch\u00fcsse, die ihre Brust zerrei\u00dft. Ich f\u00fchle auch die Fahne, die ach so blutgetr\u00e4nkt, und dennoch Sieger wurde, von Opfermut gelenkt. [Refrain:] Achtzig Jahre ist der Sechzehn Heldentod nun her, doch durch den Nebel der Nation [Textversion im CD-Booklet: \"Nabel der Generationen\"] f\u00fchrt ihr Geist uns zur Wehr! Mehr als achtzig Jahre ist der Sechzehn Heldentod nun her, doch durch den Nebel der Nation [Textversion im CD-Booklet: \"Nabel der Generationen\"] f\u00fchrt ihr Geist uns zur Wehr! Sie waren in dem Blut getauft, das M\u00fcnchens Boden f\u00e4rbte, ihr Tod macht Deutschland unsterblich, weil eine Jugend Hoffnung erbte. Und wenn ihr alten Helden, uns von Walstatt sehen sollt, gebt dazu Euren Segen, den ihr sicher nicht bereut! (...)\" 2 05 Angesichts solcher ideologischer Gemeinsamkeiten ist die Existenz von Mischszenen von Neonazis und rechtsextremistischen Skinheads nicht verwunderlich, finden hier doch Gesinnungsgenossen zueinander. 2.3.3 Rechtsextremistische Skinheadmusik als potenzielle Quelle rechtsextremistisch motivierter Gewalt Die Texte rechtsextremistischer Skinheadbands thematisieren einerseits das Selbstverst\u00e4ndnis und das Lebensgef\u00fchl der rechtsextremistischen Skin205 Textwiedergabe soweit m\u00f6glich nach dem akustischen Verst\u00e4ndnis. 131","headszene. So ist die Verherrlichung des Skinheaddaseins (zum Beispiel des szenetypischen exzessiven Alkoholkonsums) ein h\u00e4ufig wiederkehrendes Motiv in den Liedern dieser Bands. Andererseits ist rechtsextremistische Skinheadmusik das wichtigste Propagandamedium, \u00fcber das rechtsextremistische Inhalte in die Skinheadszene transportiert werden. So hetzen nicht wenige Skinheadlieder gegen szeneFeindbilder typische Feindbilder wie Ausl\u00e4nder, Juden, Israel, die USA, Homosexuelle, \"Linke\", Punker, gegen die Presse sowie staatliche Institutionen und Repr\u00e4sentanten der Bundesrepublik Deutschland. Beispielsweise schlug die Band \"Ultima Ratio\" aus dem Raum Stuttgart auf ihrer 2007 ver\u00f6ffentlichten CD \"Where is the Man\" mit dem Lied \"Vonhintenfraktion\" nicht nur eindeutig homosexuellenfeindliche T\u00f6ne an, sondern verband diese Homophobie mit einer heftigen Attacke gegen die etablierte, demokratische Politik: \"Ultima Ratio\": \"Vonhintenfraktion\" von der CD \"Where is the Man\" \"Schwul sein war fr\u00fcher mal verboten, heute ist es fast schon Pflicht, beliebt besonders in der Politik. Jede Partei hat ihren Schwulen, ihr Homo-Aush\u00e4ngeschild. Nur so ist man jung, hip und wild. (...) Das ist die ganz gro\u00dfe Koalition: Fr\u00f6hliche Vonhintenfraktion, rektale Revolution, Viererkettefaszination, Popopolitik. Versuch auch du dein Gl\u00fcck! Werd' schwul! Geh' in die Politik! (...)\" 206 Bei solcher Hetze wird zuweilen auch - direkt oder indirekt - zur Gewaltanwendung aufgerufen. Die meisten von rechtsextremistischen Skinheadbands produzierten Liedtexte bewegen sich jedoch wie der eben zitierte Text von \"Ultima Ratio\" unterhalb der Schwelle zum konkreten Gewaltaufruf - wohl nicht zuletzt, weil die Bands andernfalls juristische Folgen zu bef\u00fcrchten h\u00e4tten. Solchen Bef\u00fcrchtungen d\u00fcrfte es auch geschuldet sein, dass zumindest f\u00fcr die letzten Jahre sehr viel h\u00e4ufiger solche rechtsextremistischen Skinheadtexte nachweisbar sind, die eine dumpfe, inhumane 206 Textwiedergabe nach dem akustischen Verst\u00e4ndnis. 132","Rechtsextremismus Atmosph\u00e4re aus Gewaltbereitschaft und Gewaltverherrlichung, aus Hass, Wut, Zorn, Rachephantasien, Verachtung sowie Mitleidund Gnadenlosigkeit verstr\u00f6men, ohne dabei jedoch zu konkreten Gewalttaten aufzurufen, manchmal sogar ohne die Objekte dieses Hasses, dieser Wut, allzu explizit zu benennen. Ein geradezu idealtypisches Beispiel daf\u00fcr lieferte die hessisch-schleswig-holsteinische Skinheadband \"Hauptkampflinie\" auf dem CD-Sampler \"Drei f\u00fcr Deutschland\", auf dem auch \"White Voice\" mit Titeln vertreten ist. Das Lied \"Nacht der langen Messer\" h\u00f6rt sich in weiten Passagen an wie eine Todesdrohung, deren Adressaten aber im gesamten Liedtext anonym bleiben: \"Hauptkampflinie\": \"Nacht der langen Messer\" von dem CD-Sampler \"Drei f\u00fcr Deutschland\" \"Du zeigst keine Spur von Verantwortung f\u00fcr das, was du so machst. Doch ich sehe deine Unsicherheit, wenn du im Fernsehen lachst. Und ich kenne auch den Grund, warum dir der Arsch auf Grundeis geht: In deinen Tr\u00e4umen siehst du schon, wie der Henker dir die Schlinge um den Hals legt. Einst kommt die Nacht der langen Messer, einst kommt die Nacht der langen Messer, einst kommt die Nacht der langen Messer. Und jeder zahlt dann seinen Preis. Einst kommt die Nacht der langen Messer, einst kommt die Nacht der langen Messer, einst kommt die Nacht der langen Messer. Und jeder zahlt f\u00fcr seinen Schei\u00df. Du lebst doch von geborgter Zeit, vertraust nur noch auf dein Gl\u00fcck. Doch der Hund, den du tagt\u00e4glich trittst, der schl\u00e4gt irgendwann zur\u00fcck. Mit Polizei und Soldaten erkaufst du dir noch Sicherheit. Na gut, dann liegen ja genug Granaten f\u00fcr den Tag X bereit! [Refrain] Dein Urteil steht schon lange fest, du brauchst dir keine Hoffnung machen! 133","Der erste Weg, er f\u00fchrt zu dir, wenn in den Stra\u00dfen Sch\u00fcsse krachen. Dann ist Schluss mit lustig, aus die Maus mit deiner Tyrannei. Dann gehst du mit deiner Clique unter, und dein Volk wird wieder frei. [3 x Refrain]\" 207 3. Neonazismus 3.1 Allgemeines Jeder Neonazi ist Rechtsextremist, aber nicht jeder Rechtsextremist ist Neonazi. Der Neonazismus ist nur eine von mehreren Erscheinungsformen des Gesamtph\u00e4nomens Rechtsextremismus, die aber von einem ganz besonders ausgepr\u00e4gten ideologischen Fanatismus ihrer Angeh\u00f6rigen gekennzeichnet ist. Die im allgemeinen Sprachgebrauch h\u00e4ufig vorgenommene Gleichsetzung \"Rechtsextremismus = Neonazismus\" l\u00e4uft also auf eine Vereinfachung hinaus, die der komplexen Realit\u00e4t der ideologisch zersplitterten rechtsextremistischen Szene nicht gerecht wird. Als neonazistisch werden Personenzusammenschl\u00fcsse und Bestrebungen bezeichnet, die ein direktes oder indirektes Bekenntnis zu Ideologie, Organisationen und/oder Protagonisten des historischen Nationalsozialismus erkennen lassen und in letzter Konsequenz auf die Abschaffung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zugunsten eines totalit\u00e4ren F\u00fchrerstaates nach dem Vorbild des \"Dritten Reiches\" ausgerichtet sind. Dieses Eintreten f\u00fcr die Wiedererrichtung einer NS-Diktatur f\u00fchrte in den 1990er-Jahren zum Verbot zahlreicher neonazistischer Vereinigungen, was das Erscheinungsbild dieser Szene nachhaltig ver\u00e4nderte. Um sowohl bereits vollzogene als auch f\u00fcr die Zukunft erwartete Vereinigungsverbote \"Organisierung zu unterlaufen, sind seither in der Neonaziszene an die Stelle fester Orgaohne nisationsstrukturen zumeist lockere, organisationsunabh\u00e4ngige und inforOrganisation\" melle Personenzusammenschl\u00fcsse getreten. Zumeist geben sich diese Gruppen den Anstrich privater Cliquen oder Freundeskreise und verf\u00fcgen nur \u00fcber eine regionale Basis sowie \u00fcber relativ wenige Angeh\u00f6rige (in der Regel pro Gruppe nicht mehr als circa f\u00fcnf bis 20 Personen, meist junge M\u00e4nner). Allerdings k\u00f6nnen viele dieser Gruppen im Bedarfsfall auf ein Mobilisierungspotenzial zur\u00fcckgreifen, das \u00fcber die Zahl ihrer jeweiligen 207 Textwiedergabe nach dem akustischen Verst\u00e4ndnis. 134","Rechtsextremismus Angeh\u00f6rigen deutlich hinausgeht. Privater Anstrich und regionale Basis kommen auch in den Selbstbezeichnungen der Gruppen zum Ausdruck (zum Beispiel \"Kameradschaft Rastatt\"). Die typische Aktivit\u00e4t dieser \"Kameradschaften\" ist der \"Kameradschaftsabend\", der in Privatwohnungen oder Gastst\u00e4tten stattfindet, keine Au\u00dfenwirkung entfaltet und dessen Inhalte aus politisch-ideologischen Schulungen, der Vorbereitung von Aktionen oder einfach Geselligkeit bestehen. Das darf aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass fast jede dieser Gruppen meist fest in die bundesweite Neonaziszene, partiell auch in andere Teile der rechtsextremistischen Szene, eingebunden ist und zuweilen bis ins Ausland Kontakte zu Gesinnungsgenossen pflegt. Innerhalb dieser netzwerkartigen Strukturen legen Neonazis einen erheblichen Aktionismus an den Tag, den sie vor allem Aktionismus durch Teilnahme an zahlreichen, nicht nur neonazistischen Demonstrationen - auch fernab ihrer regionalen Basis - ausleben. Die \u00dcberschneidungen zwischen Neonaziund rechtsextremistischer Skinheadszene \u00e4u\u00dfern sich unter anderem in der Existenz entsprechender Mischszenen und in der Teilnahme einzelner Neonazis an Skinheadkonzerten. Die bereits seit Ende 1993 bestehende und damit \u00e4lteste Neonazi-\"Kameradschaft\" in Deutschland, die \"Kameradschaft Karlsruhe\", die lange Zeit die bekannteste und aktivste neonazistische Kameradschaft in Baden-W\u00fcrttemberg war, ist aufgrund ihrer zunehmenden Inaktivit\u00e4t aus der \u00d6ffentlichkeit mittlerweile weitgehend verschwunden. Auch die \"Kameradschaft Rastatt\" ist im Jahr 2007 etwas aus dem Fokus der \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt: Zum 30. April 2007 endete das Mietverh\u00e4ltnis, durch das die \"Kameradschaft\" seit 2006 \u00fcber die R\u00e4umlichkeiten einer ehemaligen Pizzeria in Rastatt verf\u00fcgte, die seither als \u00fcberregionales Treffund Veranstaltungslokal der rechtsextremistischen Skinheadund der Neonaziszene gedient hatte. Die Furcht vor staatlichen Repressionsma\u00dfnahmen hat mittlerweile manche Neonazis bewogen, \"Tarnma\u00dfnahmen\" zu ergreifen. Ziel ist dabei, nicht \"Tarnma\u00dfimmer sofort als - gesellschaftlich stigmatisierter - Neonazi erkannt zu wernahmen\" den, vielleicht sogar mit den eigenen politisch-ideologischen Vorstellungen Geh\u00f6r auch au\u00dferhalb der rechtsextremistischen Szene zu finden, wom\u00f6glich sogar auf Veranstaltungen, die nicht von Rechtsextremisten selbst, sondern von Demokraten oder Linksextremisten organisiert werden (\"Wortergreifungsstrategie\" 208). Einzelne Neonazis nehmen \u00e4u\u00dferliche Anleihen bei der linksextremistischen autonomen Szene auf, beispielsweise, indem sie sich die Selbstbezeichnung \"Autonome Nationalisten\" zulegen. Aus \u00e4hnlichen Motiven vereinigen sich Neonazis immer wieder zu unverd\u00e4chtig klingenden \"B\u00fcrgerinitiativen\" beziehungsweise \"B\u00fcrgerbewegungen\". 208 Siehe dazu Kap. D Ziff. 8. 135","3.2 Bundesweite Aktivit\u00e4ten 3.2.1 Rudolf He\u00df: Zentrale Symbolund Integrationsfigur der Neonaziszene Am 17. August 2007 j\u00e4hrte sich der Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf He\u00df (1894-1987) zum zwanzigsten Mal. Um seine Person werden von Neonazis seit Jahrzehnten ein teilweise religi\u00f6s anmutender M\u00e4rtyrerkult und eine Mythenbildung betrieben, wie sie seit 1945 keinem der \u00fcbrigen, \u00e4hnlich hochrangigen, NS-Protagonisten zuteil wurden. Das h\u00e4ngt weniger mit He\u00df' konkreten politischen Funktionen w\u00e4hrend der NS-Diktatur zusammen; vielmehr dient der zeitlebens \u00fcberzeugte Nationalsozialist He\u00df der deutschen und internationalen Neonaziszene auch noch zwei Jahrzehnte nach seinem Selbstmord im Berlin-Spandauer Kriegsverbrechergef\u00e4ngnis nicht nur als Vorbild an ideologisch-fanatischer Unbeugsamkeit, sondern auch aufgrund seines Schicksals als zentrale Symbolund Integrationsfigur. Schon sein Gro\u00dfbritannien-Flug im Mai 1941 wird in der Neonaziszene als vermeintlicher \"Beweis\" daf\u00fcr gewertet, dass der - so die g\u00e4ngige Neonazi-Terminologie - \"Friedensflieger\" He\u00df und mit ihm die gesamte NS-F\u00fchrung um Adolf Hitler friedenswillig gewesen seien, w\u00e4hrend die Briten die Friedensbem\u00fchungen des Hitler-Stellvertreters mit Internierung beantwortet und damit den Beweis ihrer angeblichen Kriegsl\u00fcsternheit geliefert h\u00e4tten. Dass Hitler in die Aktion seines Stellvertreters offensichtlich nicht einmal eingeweiht war, sich sogar umgehend von ihr distanzierte, unter anderem indem er He\u00df \u00f6ffentlich f\u00fcr geistesgest\u00f6rt erkl\u00e4ren lie\u00df209, wird von Neonazis bei solchen Geschichtsklitterungen zumeist ausgeblendet. Anders als Hitler, Goebbels oder Himmler, die ihrem Leben 1945 ein Ende setzten, \u00fcberlebte He\u00df den Zweiten Weltkrieg um 42 Jahre, die er aufgrund einer Verurteilung zu lebenslanger Haft beim N\u00fcrnberger Hauptkriegsverbrecherprozess im Spandauer Kriegsverbrechergef\u00e4ngnis verbrachte. Dass er die letzten 21 Jahre seines Lebens nach der Entlassung der \u00fcbrigen Gefangenen als einziger H\u00e4ftling dort verblieb, trieb die Glorifizierung seiner Person durch die Neonaziszene weiter voran. Schon allein diese Fakten seiner Haft - sowie das Ausblenden von He\u00df' 209 Siehe zu den Hintergr\u00fcnden des He\u00df-Fluges nach Gro\u00dfbritannien und zum Umgang der NS-F\u00fchrung mit diesem Vorfall: Nolzen, Armin: Der He\u00df-Flug vom 10. Mai 1941 und die \u00f6ffentliche Meinung im NS-Staat, in: Sabrow, Martin (Hrsg.): Skandal und Diktatur. Formen \u00f6ffentlicher Emp\u00f6rung im NS-Staat und in der DDR, G\u00f6ttingen 2004, S. 130-156. 136","Rechtsextremismus Schuld und der des NS-Regimes insgesamt - pr\u00e4destinieren den Hitler-Stellvertreter aus neonazistischer Sicht zum M\u00e4rtyrer der \"Bewegung\". Dieser M\u00e4rtyrerkult wird von Neonazis noch auf die Spitze getrieben, indem sie seit 1987 unbeirrbar behaupten, He\u00df sei in Spandau ermordet worden, um die \"wahren\" Hintergr\u00fcnde seines Gro\u00dfbritannien-Fluges zu vertuschen. Diese faktenwidrige, l\u00e4ngst widerlegte Verschw\u00f6rungstheorie, die manchVerschw\u00f6rungsmal auch von Rechtsextremisten kolportiert wird, die nicht der Neonazitheorie szene zuzuordnen sind, ist unter Neonazis seit 1987 zum Allgemeingut geworden. Deshalb ist auch nicht He\u00df' Geburtstag, sondern sein Todestag ein wichtiges Datum im neonazistischen Veranstaltungskalender: Gilt es doch, nicht nur den M\u00e4rtyrerkult um He\u00df zu pflegen, sondern auch klassische rechtsextremistische Feindbilder (hier vor allem die westlichen Siegerm\u00e4chte des 2. Weltkrieges) als vermeintlich eiskalt berechnende M\u00f6rder an einem 93-j\u00e4hrigen, angeblich schuldlosen Greis zu diffamieren.210 2007 beteiligte sich auch der NPD-Landesvorstand Baden-W\u00fcrttemberg an der Pflege und Propagierung des He\u00df-Kultes. Er ver\u00f6ffentlichte aus Anlass des 20. Todestages eigens eine \"Stellungnahme\", in der geradezu idealtypisch verschiedene Komponenten der neonazistischen He\u00df-Glorifizierung zum Ausdruck gebracht wurden. Gleichzeitig wirft dieser Text ein bezeichnendes Schlaglicht auf die N\u00e4he, die Teile der NPD - auch in Baden-W\u00fcrttemberg - mittlerweile zum Neonazismus aufweisen: \"Am 17. August j\u00e4hrt sich der Mord am ehemaligen Reichsminister Rudolf He\u00df zum 20. Male. An die L\u00fcge seines Selbstmordes glauben nur jene, denen man ohnehin alles erz\u00e4hlen kann. Das 46j\u00e4hrige Martyrium der Gefangenschaft von He\u00df steht symbolisch f\u00fcr die Leiden, aber auch die einzigartigen Verbrechen, die am Deutschen Volk im 20. Jahrhundert begangen wurden. Es ist erfreulich festzustellen, dass alle Versuche des Establishments, den Namen Rudolf He\u00df aus dem Bewusstsein der \u00d6ffentlichkeit zu entfernen, auch nach 20 Jahren erfolglos geblieben sind. Im Gegenteil: Den nationalgesinnten Deutschen wurde er zum Symbol des Widerstandes gegen die geistige Fremdherrschaft und die bis heute fortgesetzte Kollaboration mit den alliierten Siegerm\u00e4chten. (...) Den alliierten Sie210 Siehe zu den vielschichtigen Aspekten des He\u00df-Kultes in der rechtsextremistischen Szene: Kohlstruck, Michael: Fundamentaloppositionelle Geschichtspolitik - Die Mythologisierung von Rudolf Hess im deutschen Rechtsextremismus, in: Fr\u00f6hlich, Claudia; Horst-Alfred Heinrich (Hrsg.): Geschichtspolitik. Wer sind ihre Akteure, wer ihre Rezipienten?, Stuttgart 2004, S. 95-109. 137","germ\u00e4chten und ihren bundesdeutschen Vasallen wollen wir zeigen, dass Rudolf He\u00df lebt und dass seine Ermordung ihn zum Mythos gemacht hat. Der NPD-Landesvorstand fordert seine Mitgliedschaft auf, Rudolf He\u00df ein ehrendes Andenken zu bewahren: Es gilt, seiner nicht nur heute zu gedenken, sondern der Jugend stets seine Vorbildfunktion vor Augen zu f\u00fchren und Aufkl\u00e4rungsarbeit gegen das heute verordnete offizielle Geschichtsbild zu leisten! Insbesondere ruft der NPD-Landesvorstand seine Mitgliedschaft dazu auf, die Rudolf-He\u00df-Stadt Wunsiedel auch \u00fcber das Jahr verteilt aufzusuchen, damit die letzte Ruhest\u00e4tte des Friedensfliegers auch weiterhin eine Wallfahrtsst\u00e4tte des anst\u00e4ndigen Deutschlands bleibt.\" 211 Zudem kommt in einer hier nicht zitierten Passage dieser \"Stellungnahme\" Frustration dar\u00fcber zum Ausdruck, dass wie schon in den beiden vorangegangenen Jahren auch 2007 kein zentraler \"Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsch\" im bayerischen Wunsiedel, wo He\u00df begraben liegt, stattfinden konnte. Zwar hatte der Hamburger Rechtsanwalt und Neonazi J\u00fcrgen RIEGER, der mittlerweile Mitglied im NPD-Bundesvorstand ist, schon vor geraumer Zeit bis einschlie\u00dflich 2010 j\u00e4hrliche Gedenkveranstaltungen um den 17. August herum in Wunsiedel angemeldet. Daraufhin konnte die Neonaziszene in \"Rudolf-He\u00dfden Jahren 2001 bis 2004 zentrale \"Rudolf-He\u00df-Gedenkm\u00e4rsche\" in dieser Gedenkm\u00e4rsche\" Stadt durchf\u00fchren. Die Zahl der Demonstrationsteilnehmer stieg dabei laut Polizeiangaben von rund 900 (2001) auf circa 3.800 (2004). Doch auch 2007 best\u00e4tigte das Bundesverfassungsgericht ein entsprechendes Versammlungsverbot des Landratsamtes Wunsiedel. So musste die Szene zum wiederholten Male auf kleinere, dezentrale Veranstaltungen ausweichen. An diesen bundesweit nur noch acht Ersatzveranstaltungen nahmen wie an den zehn des Vorjahres insgesamt rund 1.200 Personen teil. Dies entspricht einer Stagnation auf niedrigem Niveau, wenn man sich die Teilnehmerzahl des letzten zentralen \"Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsches\" vor Augen h\u00e4lt. Etwas gr\u00f6\u00dfere Kundgebungen fanden am 18. August 2007 im bayerischen Gr\u00e4fenberg mit etwa 260 Teilnehmern und in Jena mit etwa 380 Teilnehmern statt. Eine weitere Demonstration, die mit circa 250 Teilnehmern auch noch zu den gr\u00f6\u00dferen Veranstaltungen z\u00e4hlte, wurde ebenfalls am 18. August in Friedrichshafen unter dem Motto \"Gegen Faschismus und Intoleranz! Mei211 Text \"Rudolf He\u00df - M\u00e4rtyrer des Friedens. Zum 20. Todestag des Friedensfliegers\", Homepage des NPDLandesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 8. Oktober 2007; \u00dcbernahme wie im Original. 138","Rechtsextremismus nungsfreiheit f\u00fcr Alle!\" veranstaltet. Als Veranstalter zeichnete der badenw\u00fcrttembergische JN-Landesverband verantwortlich. Der \u00fcberregionale Charakter dieser Veranstaltung wurde dadurch dokumentiert, dass etwa 120 und damit fast die H\u00e4lfte der Teilnehmer mit zwei Bussen aus dem Raum Dortmund angereist waren. Lie\u00df das Demonstrationsmotto noch keinen He\u00df-Bezug erkennen, wurde dieser dadurch offenbar, dass ein so genannter Schwarzer Block, der den \"Autonomen Nationalisten\"212 zuzurechnen war, unter anderem ein Transparent mit der Aufschrift \"N\u00fcrnberg 1946 - Schandurteil revidieren\" 213 mitf\u00fchrte. Die Gegenproteste von etwa 300 Personen der linksextremistischen Szene verliefen weitgehend st\u00f6rungsfrei, obwohl diese Gegendemonstranten mehrmals versuchten, die Demonstrationsroute der Rechtsextremisten zu blockieren. Vereinzelt wurden auch Steine und Flaschen gegen den JN-Aufzug geworfen, ohne dass dabei allerdings jemand verletzt wurde. Aufgrund der starken Polizeipr\u00e4senz konnte ein direktes Aufeinandertreffen der linksund rechtsextremistischen Szeneangeh\u00f6rigen verhindert werden. Zus\u00e4tzlich zu den angemeldeten Veranstaltungen wurden auch einige spontane Demonstrationen bekannt, darunter zwei im Dreil\u00e4ndereck zwischen Baden-W\u00fcrttemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz. In diesem Raum hat auch das seit dem Jahr 2003 bestehende, mit baden-w\u00fcrttembergischer Beteiligung l\u00e4nder\u00fcbergreifend aktive neonazistische \"Aktionsb\u00fcro RheinNeckar\" seinen Sitz. Es koordiniert im gesamten Rhein-Neckar-Raum die Aktivit\u00e4ten der dort vertretenen Neonaziund rechtsextremistischen Skinheadgruppierungen, ist personell mit der NPD verflochten und hat enge Kontakte zu rechtsextremistischen F\u00fchrungspersonen und Gruppierungen in den angrenzenden Regionen. Momentan scheint sein Aktionsschwerpunkt au\u00dferhalb von Baden-W\u00fcrttemberg zu liegen. Sein Internetportal, auf dem es als Kontaktadresse ein Postfach im hessischen Viernheim angibt214, geh\u00f6rt zu den bundesweit wichtigsten rechtsextremistischen Internetseiten. \u00c4hnlich wie bereits im vergangenen Jahr kam es auch 2007 in mehreren St\u00e4dten Baden-W\u00fcrttembergs, unter anderem in Aalen, Heidenheim und Backnang sowie im Raum Karlsruhe zu Plakat-, Spr\u00fchund Aufkleberaktionen im Zusammenhang mit dem He\u00df-Todestag. 212 Zu den Autonomen Nationalisten siehe Kap. D Ziff. 3.4. 213 Dieses Transparent war in der Vergangenheit allerdings auch schon bei Aktionen der \"Autonomen Nationalisten\" ohne zeitlichen He\u00df-Bezug festzustellen, zum Beispiel am 2. Dezember 2006 im Gro\u00dfraum Karlsruhe. 214 Homepage des \"Aktionsb\u00fcros Rhein-Neckar\" vom 8. November 2007. 139","Das Verbot eines zentralen \"Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsches\" in Wunsiedel basierte im Jahr 2007 wie schon in den beiden Vorjahren auf dem erst 2005 in Kraft getretenen Absatz 4 des SS 130 StGB.215 Mit Urteil vom 26. M\u00e4rz 2007216 hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof im Hauptsacheverfahren die G\u00fcltigkeit des SS 130 Abs. 4 StGB gepr\u00fcft und seine Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit bejaht. Das Urteil ist noch nicht rechtskr\u00e4ftig, da am 24. April 2007 Revision beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig eingelegt wurde, die derzeit noch anh\u00e4ngig ist. Es wird vom Ausgang dieses Revisionsverfahrens abh\u00e4ngen, ob auch in den kommenden Jahren ein zentraler Gedenkmarsch verhindert werden kann. Die Erfahrungen der Jahre 2005 bis 2007 haben gezeigt, dass die Variante der He\u00df-Verehrung mit mehreren dezentralen Ersatzveranstaltungen f\u00fcr die neonazistische Szene immer unattraktiver zu werden scheint. Ein Gedenkmarsch in Wunsiedel mit seinem Symbolwert und seiner Mobilisierungskraft ist f\u00fcr die Szene also nicht ersetzbar. Dass die Ersatzveranstaltungen auch 2007 aus juristischen R\u00fccksichtnahmen in ihren Mottos zum Teil keinen direkten He\u00df-Bezug mehr erkennen lie\u00dfen (siehe zum Beispiel in Friedrichshafen) und dadurch zu thematisch fast beliebigen rechtsextremistischen Demonstrationen wurden, d\u00fcrfte manchen potenziellen Teilnehmer demotiviert haben. 3.2.2 \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e. V.\" (HNG) Gr\u00fcndung: 1979 Sitz: Frankfurt am Main Mitglieder: ca. 60 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 60) ca. 600 Bund (2006: ca. 600) Publikation: \"Nachrichten der HNG\" Die \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V.\" (HNG) ist die langlebigste und mitgliederst\u00e4rkste Einzelorganisation in der deutschen Neonaziszene, f\u00fcr die vor dem Hintergrund der zahlreichen Verbote neonazistischer Vereinigungen in den 1990er Jahren feste Organisationsstrukturen wie die der HNG eigentlich untypisch geworden sind. In ihren Aktivit\u00e4ten ist die HNG absolut spezialisiert: Sie verfolgt den selbst gestellten Auftrag, inhaftierte Gesinnungsgenossen unter anderem durch Rechtsberatung, \u00dcberlassung rechtsextremistischer Literatur und Vermittlung von Briefkontakten moralisch und materiell zu unterst\u00fctzen, 215 SS 130 Absatz 4 StGB lautet: \"Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer \u00f6ffentlich oder in einer Versammlung den \u00f6ffentlichen Frieden in einer die W\u00fcrde der Opfer verletzenden Weise dadurch st\u00f6rt, dass er die nationalsozialistische Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt.\" 216 Az: 24 B 06.1894. 140","Rechtsextremismus um sie auch w\u00e4hrend der Haftzeit sozial und ideologisch weiter an die rechtsextremistische Szene zu binden und somit die staatlichen Ausstiegsangebote zu unterlaufen. Ansonsten ersch\u00f6pfen sich Aktivit\u00e4ten und Bedeutung der HNG in der monatlichen Ver\u00f6ffentlichung ihrer 20-seitigen Publikation \"Nachrichten der HNG\" und in der j\u00e4hrlichen Abhaltung einer Jahreshauptversammlung, die 2007 mit circa 100 Teilnehmern am 21. April im bayerischen Gremsdorf stattfand. Ursula M\u00dcLLER aus Mainz bekleidet das Amt der HNG-Vorsitzenden seit 1991. 3.3 Abnehmende Demonstrationst\u00e4tigkeit der Neonaziszene 2007 nahm die Zahl rechtsextremistischer Demonstrationen217 in BadenW\u00fcrttemberg im Vergleich zum Vorjahr deutlich ab. Insgesamt fanden nur noch 18 Veranstaltungen im Land statt, was ein drastischer R\u00fcckgang im Vergleich zu 2006 (damals rund 35 rechtsextremistische Demonstrationen) ist. Allerdings entspricht dieser Wert immer noch dem dritth\u00f6chsten seit 2001. Der aktuelle R\u00fcckgang ist vor allem darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die Zahl der Demonstrationen mit eindeutigem Neonazi-Bezug im Jahr 2007 auf gerade einmal sechs regelrecht einbrach, nachdem sie sich zwischen 2001 und 2006 von zwei auf rund 25 vervielfacht hatte. Allerdings traten Neonazis zumindest vereinzelt als Mitveranstalter oder Unterst\u00fctzer bei JNund NPD-Demonstrationen auf, von denen im Berichtsjahr insgesamt acht zu verzeichnen waren. Von diesen wurden wiederum allein sieben von den JN verantwortet. Damit scheint sich auf baden-w\u00fcrttembergischer Ebene bei den Neonazi-Demonstrationen eine Entwicklung abzuzeichnen, die auf Bundesebene offenbar bereits 2006 eingesetzt hat: Auch bundesweit stieg die Zahl der Neonazidemonstrationen zwischen 2001 und 2005 von 61218 auf 145219, um allerdings bereits 2006 wieder abzufallen (126)220 und sich 2007 im Vergleich zum Vorjahr sogar fast zu halbieren (66). Die Entwicklung der entsprechenden NPD-Veranstaltungen beschreibt eine deutlich andere Kurve: Deren Anzahl stieg zwischen 2004 und 2006 von circa 40221 auf rund 217 Hierbei werden unter Demonstrationen angemeldete wie unangemeldete Kundgebungen und Aufz\u00fcge, aber auch Eilund Spontanversammlungen verstanden. Letztere machen mit ihrem in der Regel sehr kleinen Teilnehmerkreis (meist im unteren zweistelligen Bereich) einen erheblichen Anteil der rechtsextremistischen Demonstrationen aus. 218 Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2002, Berlin 2003, S. 47. 219 Dass. (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2005, Berlin 2006, S. 69. 220 Dass. (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2006, Berlin 2007, S. 61. 221 Dass. (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2004, Berlin 2005, S. 76. 141","70222 an, stagnierte 2007 aber bei circa 70, womit sich bundesweit Neonaziund NPD-Demonstrationen zahlenm\u00e4\u00dfig ungef\u00e4hr die Waage hielten. Gr\u00fcnde f\u00fcr Verschiedene Faktoren trugen dazu bei, dass das rechtsextremistische und den R\u00fcckgang insbesondere das neonazistische Demonstrationsaufkommen im Vergleich zu 2006 drastisch r\u00fcckl\u00e4ufig war: Zun\u00e4chst erm\u00f6glichte die Neufassung des SS 130 StGB im Jahr 2007 wie schon 2005 und 2006 das Verbot eines zentralen \"Rudolf-He\u00dfGedenkmarsches\" im bayerischen Wunsiedel. Von den daraufhin durchgef\u00fchrten dezentralen Ersatzveranstaltungen mit He\u00df-Bezug war Baden-W\u00fcrttemberg anders als 2006 (damals zwei Ersatzveranstaltungen im Land) nur in einem Fall betroffen, wie beschrieben am 18. August in Friedrichshafen. Demonstrationen gegen den SS 130 StGB allgemein, wie sie noch im Januar 2006 bundesweit und in zwei F\u00e4llen auch in Baden-W\u00fcrttemberg stattgefunden hatten, unterblieben 2007 im Land ganz. Generell ist in den letzten Jahren eine zunehmende Tendenz bei Versammlungsbeh\u00f6rden festzustellen, rechtsextremistischen Veranstaltungen restriktiv zu begegnen, zum Beispiel diese nur mit Auflagen zu genehmigen oder ganz zu untersagen. Doch hatten Versammlungsverbote in der Vergangenheit vor Gericht nicht immer Bestand und zuletzt wiederholt zur Folge, dass spontan Ersatzveranstaltungen durchgef\u00fchrt wurden - zum Teil auch mehrere anl\u00e4sslich eines Verbots -, so dass die Wirkung solcher Verbotsma\u00dfnahmen auf die Gesamtzahl der rechtsextremistischen Demonstrationen ambivalent ist und nicht endg\u00fcltig beurteilt werden kann. Rechtsextremistische Demonstrationsaktivit\u00e4ten h\u00e4ngen oftmals vom Aktionismus einzelner Aktivisten ab. So war in den letzten Jahren (auch 2006) eine ganze Reihe der in Baden-W\u00fcrttemberg zu verzeichnenden rechtsextremistischen Demonstrationen auf die Initiative eines einzelnen, im Land ans\u00e4ssigen Neonazis und der von ihm repr\u00e4sentierten Organisationen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Ausgerechnet dieser Neonazi drosselte jedoch seit Herbst 2006 seine Szeneaktivit\u00e4ten sehr weitgehend, sagte sogar drei f\u00fcr Oktober beziehungsweise Dezember 2006 bereits angemeldete Demonstrationen in Schw\u00e4bisch Hall, Crailsheim und Heilbronn wieder ab und trat 2007 kein einziges Mal als Demonstrationsanmelder in Erscheinung. 222 Dass. (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2006, Berlin 2007, S. 88. 142","Rechtsextremismus Die im Jahr 2006 gestartete, laut Unterst\u00fctzerliste vorwiegend von Neonazis, NPDund JNUnterorganisationen (unter anderem vom neonazistischen \"Aktionsb\u00fcro Rhein-Neckar\" und vom baden-w\u00fcrttembergischen JN-Landesverband) getragene223 bundesweite Antikapitalismuskampagne fand 2007 in BadenW\u00fcrttemberg keine Fortsetzung, zumindest nicht in Form von \u00f6ffentlichen Demonstrationen. Auch aus Anlass des 1. Mai 2007 kam es anders als 2006, als erstmals seit vier Jahren in Baden-W\u00fcrttemberg wieder zwei neonazistische Demonstrationen am \"Tag der Arbeit\" stattgefunden hatten, zu keinen Kundgebungen von rechtsextremistischer Seite im Land. Da im Gegensatz zu 2006, als die letzten baden-w\u00fcrttembergischen Landtagswahlen abgehalten worden waren, im Jahr 2007 kein Wahlkampf im Land zu bestreiten war, fielen auch keine rechtsextremistischen Wahlkampfveranstaltungen an, die im Vorjahr erheblich zum rechtsextremistischen Demonstrationsaufkommen beigetragen hatten. Nicht zuletzt ist das rechtsextremistische Demonstrationswesen innerhalb der rechtsextremistischen Szene selbst - gerade auch in den letzten Jahren - unter verschiedenen Aspekten in die Kritik geraten, was zu den j\u00fcngsten R\u00fcckg\u00e4ngen bei den Demonstrationszahlen in Bund wie Land beigetragen haben d\u00fcrfte: Die Entwicklung der letzten Jahren l\u00e4sst sich in folgender Formel zusammenfassen: Die Zahl der rechtsextremistischen Demonstrationen stieg, die der durchschnittlichen Teilnehmer sank. Mittlerweile sind rechtsextremistische Demonstrationen, Aufz\u00fcge etc. mit Teilnehmerzahlen im nur zweistelligen Bereich ein immer h\u00e4ufiger zu beobachtendes Ph\u00e4nomen. So \u00fcberschritten sechs der 18 im Jahr 2007 in Baden-W\u00fcrttemberg registrierten rechtsextremistischen Demonstrationen eine Teilnehmerzahl von gerade einmal rund 30 nicht oder kaum, w\u00e4hrend die teilnehmerst\u00e4rkste rechtsextremistische Demonstration des Jahres am 18. August in Friedrichshafen auch nur etwa 250 Personen auf die Stra\u00dfe zu bringen vermochte. Derartig schwach frequentierte Demonstrationen k\u00f6nnen leicht zum Beleg der eigenen Schw\u00e4che missraten, zumal wenn sich zu Gegendemonstrationen Tausende von Teilnehmern einfinden. So 223 Homepage der rechtsextremistischen Antikapitalismus-Kampagne vom 12. November 2007. 143","erschienen zu der vom baden-w\u00fcrttembergische JN-Vorsitzenden Lars GOLD f\u00fcr den 21. Juli 2007 angemeldeten Demonstration unter dem Motto \"Keine Freir\u00e4ume f\u00fcr linksextreme Gewaltt\u00e4ter - Nationale Freir\u00e4ume erk\u00e4mpfen!\" in T\u00fcbingen zwar circa 230 Teilnehmer. Allerdings nahmen gleichzeitig an diversen Gegenveranstaltungen in T\u00fcbingen rund 10.000 Personen teil. Diese eklatanten Missverh\u00e4ltnisse werden auch von manchen Szeneangeh\u00f6rigen mittlerweile aufmerksam zur Kenntnis genommen und m\u00fcnden in Forderungen nach weniger, aber thematisch zielgerichteteren Demonstrationen bei gleichzeitig effektiverer Mobilisierung. Selbst die eben genannten, letztlich geringen Teilnehmerzahlen an rechtsextremistischen Demonstrationen k\u00f6nnen oft nur dann erreicht werden, wenn die Veranstalter - so es sich nicht schon um Neonazis oder rechtsextremistische Skinheads handelt -, eventuell vorhandene Ber\u00fchrungs\u00e4ngste fallen lassen und Skinheads, Neonazis und \"Autonome Nationalisten\"224 als Mobilisierungspotenzial auf ihren Veranstaltungen zumindest dulden. szeneinterne Genau diese Toleranz aber ruft immer wieder szeneinterne KriKritik tiker auf den Plan: Sie f\u00fcrchten, dass das subkulturell-martialische Erscheinungsbild von Skinheads und \"Autonomen Nationalisten\" oder das klischeehafte Auftreten mancher Neonazis negative Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der jeweiligen Demonstration, der veranstaltenden Organisationen und damit der gesamten rechtsextremistischen Szene in \u00d6ffentlichkeit und Medien haben k\u00f6nnten. Weil aber Organisationen wie die NPD seit Jahren bestrebt sind, in die b\u00fcrgerliche Mitte der Gesellschaft vorzudringen, versuchen zumindest ihre Vordenker, jedes \u00e4u\u00dferliche \"B\u00fcrgerschreck-Image\" zu vermeiden. Dieses Bem\u00fchen kann jedoch durch den abschreckenden visuellen Eindruck einer von Skinheads, Neonazis beziehungsweise \"Autonomen Nationalisten\" dominierten, eventuell in Gewaltt\u00e4tigkeiten ausartenden, Demonstration schnell und gr\u00fcndlich konterkariert werden. Diese Kritikpunkte wurden in der Februar-Ausgabe 2007 der NPD-Parteizeitung \"Deutsche Stimme\" (DS) sogar von einem Autor aufgegriffen - wenn auch nicht alle uneingeschr\u00e4nkt geteilt -, der ansonsten die vermeintliche Notwendigkeit rechtsextremistischer Demonstrationen entschieden bejahte: 224 Zu den \"Autonomen Nationalisten\" siehe Kap. D Ziff. 3.4. 144","Rechtsextremismus \"Seit Jahren wird innerhalb des gesamten nationalen Lagers \u00fcber das F\u00fcr und Wider von \u00f6ffentlichkeitswirksamen Demonstrationen gesprochen und teils heftig diskutiert. (...) Gr\u00f6\u00dfter Kritikpunkt seit Jahren ist das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild, wozu angemerkt werden muss: Es ist noch nicht perfekt, zumal hie und da noch gewisse 'Kost\u00fcmfetischisten' anzutreffen sind, hat sich aber seit dem Jahr 2000 stetig verbessert. Bomberjacken und Springerstiefel geh\u00f6ren der Vergangenheit an und gelten mittlerweile in der 'Szene' als nicht mehr 'zeitgem\u00e4\u00df'. (...) Geteilt werden vom Verfasser die Kritik an der zu hohen Zahl von Demonstrationen und -anmeldungen, zudem, wenn dies ohne jeden Kampagnen-Hintergrund geschieht. Anmelder entsprechender Veranstaltungen sind gefordert, f\u00fcr eine solide Vorund Nachbereitung zu sorgen, das hei\u00dft, zumindest Teile unseres Volkes durch Flugbl\u00e4tter, Infotische, Kundgebungen und Mahnwachen \u00fcber das Motto des jeweiligen Aufzugs umfangreich zu unterrichten. Ziel sollte es auch sein, unsere Volksgeschwister durch ein z\u00fcndendes Motto zu ber\u00fchren. Die Anweisung der NPD-F\u00fchrung an ihre Verb\u00e4nde, nicht ohne Kampagne wahllos Versammlungen anzumelden, ist dabei richtungsweisend und sollte k\u00fcnftig von jedem beherzigt werden. Da die Teilnehmerzahl auf den vielen regionalen Demos als zu gering (...) beziehungsweise unbefriedigend angesehen werden muss, ist es sinnvoller, \u00fcber das Jahr gesehen weniger Veranstaltungen anzumelden, f\u00fcr diese jedoch um so intensiver zu mobilisieren. Eine h\u00f6here Zahl Nationalgesinnter auf regionalen Veranstaltungen h\u00e4tte folgende Vorteile: Die Berichterstattung in den Medien liest sich angenehmer; die eigenen Reihen sind wesentlich motivierter, die Mobilisierungsf\u00e4higkeit nimmt zu. Man kann zudem wesentlich mehr Druck aus\u00fcben, wenn Staat und Antifa gemeinsam versuchen, das Versammlungsrecht zu brechen; Angriffe gewaltbereiter Linksextremisten k\u00f6nnen besser abgewehrt werden.\" 225 225 DS Nr. 02/07 vom Februar 2007, Artikel \"Kampf um die Stra\u00dfe ist Ehrensache - Zur Diskussion um den Stellenwert der Demonstration\", S. 11; \u00dcbernahme wie im Original. 145","Der drastische R\u00fcckgang rechtsextremistischer Demonstrationen in BadenW\u00fcrttemberg von 2006 auf 2007 darf jedoch nicht zu der verfr\u00fchten, optimistischen Annahme verf\u00fchren, diese Momentaufnahme sei bereits Ausdruck einer grunds\u00e4tzlichen Trendumkehr. \u00d6ffentliche Demonstrationen bleibende behalten - das wird auch in der Szene selber immer wieder betont - weiterBedeutung hin ihre Bedeutung unter den Aktionsund Agitationsformen des deutvon Demos schen Rechtsextremismus, beispielsweise im Zuge des \"Kampfes um die Stra\u00dfe\" im Rahmen des NPD-\"Vier-S\u00e4ulen-Konzeptes\" 226. Ein zentrales, schon l\u00e4nger und wohl auch in Zukunft g\u00fcltiges Motiv, das Rechtsextremisten, insbesondere Neonazis, aber auch NPD-Aktivisten bei ihrer Demonstrationst\u00e4tigkeit leitet, besteht darin, rechtsextremistische und neonazistische Pr\u00e4senz auf der Stra\u00dfe zu zeigen. Vor dem Hintergrund der eigenen gesamtgesellschaftlichen Isolation und einer \u00e4u\u00dferst negativen Medienberichterstattung \u00fcber den Rechtsextremismus beziehungsweise Neonazismus, erscheint dieser Demonstrationsaktionismus rechtsextremistischen Aktivisten offensichtlich als die beste M\u00f6glichkeit, die Szene und ihre Anliegen einer breiteren \u00d6ffentlichkeit ins Bewusstsein zu rufen und Aufmerksamkeit zu erregen. In diesem Sinne hei\u00dft es in dem oben bereits zitierten DS-Artikel von Februar 2007: \"Noch immer gibt es konservative, aber auch revolution\u00e4re Kr\u00e4fte, die leider nicht begriffen haben oder begreifen wollen, dass wir die Schweigespirale der gleichgeschalteten Medien nur durch 'Provokationen' durchbrechen k\u00f6nnen. Die Demonstration bleibt dabei die geeignete Aktionsform. Um \u00fcberhaupt erst den 'Kampf um die K\u00f6pfe' der Deutschen f\u00fchren zu k\u00f6nnen, ist es wichtig, im Bewusstsein des Volkes fest verankert zu sein. Wenn wir durch die Medien-Blockade erst einmal (...) in Vergessenheit geraten sind (...), ist der Kampf um Hirne und Herzen der deutschen Restbev\u00f6lkerung fast aussichtslos. (...) Wir haben also die Wahl: Entweder Demonstrations-Verzicht, um ja keine NegativSchlagzeilen in Kauf zu nehmen oder aber das Recht auf Versammlungsfreiheit bewusst nutzen, um weiterhin in aller Munde zu bleiben.\" 227 Neonazis versuchen im Zusammenhang mit ihren Demonstrationsaktivit\u00e4ten, ihr trotz steigender Zahlen immer noch relativ geringes Personenpo226 Zum \"Vier-S\u00e4ulen-Konzept\" der NPD siehe S. 162f. 227 DS Nr. 02/07 vom Februar 2007, Artikel \"Kampf um die Stra\u00dfe ist Ehrensache - Zur Diskussion um den Stellenwert der Demonstration\", S. 11; \u00dcbernahme wie im Original. 146","Rechtsextremismus tenzial (Bund 2007: circa 4.400, 2006: circa 4.200, Land 2007: circa 340, 2006: circa 320) dadurch aufzuf\u00fcllen, dass sie sich der rechtsextremistischen Skinheadszene als Mobilisierungspotenzial bedienen, wodurch die bereits seit Jahren festzustellenden \u00dcberschneidungen zwischen diesen beiden rechtsextremistischen Teilszenen partiell zu erkl\u00e4ren sind. 3.4 \"Autonome Nationalisten\" - Eine militante Randerscheinung mit Zulauf Seit Ende 2003 treten im Bundesgebiet bei rechtsextremistischen Demonstrationen immer wieder Personengruppen auf, die sich in ihrem \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild und Verhalten vom gewohnten Auftreten der NeonaziSzene bewusst abheben. Sp\u00e4testens seit der ersten Jahresh\u00e4lfte 2004 erlangten diese Gruppen unter der seither h\u00e4ufig verwendeten Eigenbezeichnung \"Autonome Nationalisten\" bundesweite Bekanntheit. Dabei stellt der Begriff \"Autonome Nationalisten\" keine Bezeichnung f\u00fcr eine bestimmte Organisation dar, sondern wird als Oberbegriff f\u00fcr mehrere, meist regional organisierte Gruppierungen innerhalb der Neonazi-Szene benutzt, die durch den Zusatz der Stadt oder der Region (zum Beispiel \"Autonome Nationalisten Stuttgart\") unterscheidbar werden. Seit Mitte des Jahres 2005 treten \"Autonome Nationalisten\" auch in Baden-W\u00fcrttemberg als Anmelder oder Veranstalter von Demonstrationen in Erscheinung, zuletzt am 1. Dezember 2007 in Ettlingen. Zu dieser rechtsextremistischen Demonstration unter dem Motto \"Unser Streben gilt der Freiheit, der Freiheit aller V\u00f6lker!\" hatten die \"Freien Strukturen Karlsruhe\" aufgerufen, hinter denen sich \"Autonome Nationalisten\" verbergen. Gegen das von der Stadt Ettlingen verf\u00fcgte Verbot war der Anmelder dann jedoch nicht vorgegangen, so dass die Demonstration nicht stattfand. \u00c4u\u00dferes Erscheinungsbild Die Unterschiede der \"Autonomen Nationalisten\" zu den \u00fcbrigen Neonazis bestehen vor allem in \u00c4u\u00dferlichkeiten. Gerade aber diese rein \u00e4u\u00dferlichen Unterschiede bergen nicht nur gegen\u00fcber Linksextremisten und der demokratischen Mehrheitsgesellschaft, sondern auch gegen\u00fcber weiten Teilen der rechtsextremistischen Szene ein erhebliches Provokationsund Konfliktpotenzial. 147","Das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild der \"Autonomen Nationalisten\" ist in erster Linie durch eine \u00dcbernahme des Kleidungsstils der linksextremistischen autonomen Szene gekennzeichnet. Bei Demonstrationen treten sie in einheitlicher schwarzer Kleidung auf, tragen Baseballkappen oder Kapuzenpullover, Sonnenbrillen und gelegentlich auch so genannte Pal\u00e4stinensert\u00fccher, letztlich also eine Bekleidung, welche nicht nur ein geschlossenes Auftreten in einem \"Schwarzen Block\" erm\u00f6glicht, sondern auch der Vermummung dienen kann. Dar\u00fcber hinaus sehen \"Autonome Nationalisten\" in ihrer Abkehr vom typischen Neonazi-Outfit noch einen weiteren Vorteil: Diese Kleidung dient ihnen offensichtlich auch als Verkleidung, in der sie von der Antifa und von Sicherheitskr\u00e4ften nicht mehr ohne weiteres als Neonazis erkannt werden k\u00f6nnen. \"Autonome Nationalisten\" imitieren linksextremistische Autonome auch terminologisch-sprachlich und stilistisch. So sind Anglizismen (zum Beispiel \"Good Night, Left Side\"), die von vielen anderen Rechtsextremisten teils seit Jahrzehnten als \"undeutsch\" vehement abgelehnt werden, auf den Transparenten und in sonstigen Propagandamedien \"Autonomer Nationalisten\" ein g\u00e4ngiges Stilmittel. Auch verbreiten \"Autonome Nationalisten\" antikapitalistische und revolution\u00e4re Parolen (zum Beispiel \"Revolution - Nicht mehr/weniger! Autonome Nationalisten\" 228), die in ihrer Formulierungsweise eher an andere politische Lager erinnern. Selbst bei der graphischen Gestaltung von Flyern und Transparenten orientieren sich \"Autonome Nationalisten\" h\u00e4ufig an \"linken\" Vorbildern und Symbolen, Neonazistischer Aufkleber bedienen sich zum Beispiel der Graffiti-\u00c4sthetik. Militanz Verlautbarungen \"Autonomer Nationalisten\" ist h\u00e4ufig eine ostentative Bereitschaft zur Militanz zu entnehmen, wobei einige Gruppierungen sich unter Hinweis auf angebliche Repressionen von staatlicher Seite oder aus den Reihen der Antifa auf ein vermeintliches Notwehrrecht berufen. Auch hier lehnen sie sich eng an die linksextremistischen Autonomen an. Ihre Gewaltbereitschaft bel\u00e4sst es nicht nur bei verbalen Bekundungen, sondern richtet sich insbesondere bei rechtsextremistischen Demonstrationen gegen Polizeibeamte und Gegendemonstranten, zumal wenn es sich bei letzteren um gewaltbereite Linksextremisten handelt. In dieser Frage stehen die \"Autonomen Nationalisten\" in Opposition nicht nur zu rechtsextremistischen Parteien, sondern auch zu den meisten anderen Neonazis, die mehr228 Foto eines Demonstrationstransparentes \"Autonomer Nationalisten\" auf einer rechtsextremistischen Homepage vom 14. November 2007. 148","Rechtsextremismus heitlich - und sei es aus rein taktischen Erw\u00e4gungen - den Ordnungsanspruch und das Gewaltmonopol des Staates anerkennen und im \u00f6ffentlichen Raum auf ein gesetzeskonformes Auftreten achten. Ideologische Ausrichtung Trotz ihres an \"linken\" bis linksextremistischen Vorbildern orientierten \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbildes handelt es sich bei \"Autonomen Nationalisten\" ohne Einschr\u00e4nkung um Rechtsextremisten, konkret um Neonazis. Allerdings sind bisher nur sehr wenige grunds\u00e4tzliche theoretische Abhandlungen aus ihrem Kreis bekannt geworden. Dort, wo das doch der Fall ist, \u00e4u\u00dfern sie neben populistischen Phrasen klassische rechtsextremistische oder neonazistische Positionen. So sind zum Beispiel eine fundamentale, ausl\u00e4nderfeindlich grundierte Ablehnung einer multikulturellen Gesellschaft, die Absage an die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland, Geschichtsrevisionismus, selbst Antikapitalismus Positionen, die in rechtsextremistischen und neonazistischen Kreisen weder neu noch originell sind, auch wenn sie von \"Autonomen Nationalisten\" teils sehr drastisch formuliert und mit \"linker\" bis linksextremistischer Terminologie garniert werden: \"Wir verbr\u00fcdern uns mit allen V\u00f6lkern, die sich den Weltherrschaftspl\u00e4nen der Kapitalisten widersetzen, weil sie ihr asoziales Schei\u00df-System nicht ertragen wollen. Wir haben keine Lust mehr, in unserem eigenen Land herumgeschubst zu werden und zu ertragen, wie 'Multikulti' hier gefeiert wird, w\u00e4hrend die deutsche Jugend keine Perspektiven mehr findet. Wir haben keine Lust, die Schuld f\u00fcr Verbrechen zu tragen, die wir nicht begangen haben und ewig nur den S\u00fcndenbock der internationalen Politik zu spielen! Kurz: Wir sind mit diesem asozialen, gemeinschaftsfeindlichen und antideutschen System nicht mehr einverstanden. Wir hassen es, weil es unsere Kultur, unsere Zukunft und unsere soziale Sicherheit zerst\u00f6rt und glauben nicht, dass es sich jemals bessern wird. Wir wollen den Kapitalismus nicht verbessern, sondern ihn abschaffen und den Grundstein f\u00fcr eine neue, nationale und sozial gerechte Gesellschaft schaffen!\" 229 229 Homepage der \"Autonomen Nationalisten Nord-West\" vom 14. November 2007; \u00dcbernahme (einschlie\u00dflich des Fettdrucks) wie im Original. 149","\"Autonome Nationalisten\" - szeneintern umstritten und quantitativ bislang marginal Folgerichtig ist es weniger ideologischen Differenzen, sondern dem \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild der \"Autonomen Nationalisten\" und ihrem Hang zur Militanz geschuldet, dass von anderen Rechtsextremisten (auch Neonazis!) teils heftige Kritik an ihnen ge\u00fcbt wird. Besonderes Aufsehen erregte eine offiKritik von zielle \"Erkl\u00e4rung des NPD-Parteipr\u00e4sidiums\" mit dem Titel \"Unsere Fahnen Seiten der NPD sind schwarz - unsere Bl\u00f6cke nicht!\" vom 15. August 2007, die von der Partei sowohl \u00fcber das Internet230 als auch \u00fcber die Parteizeitung \"Deutsche Stimme\" ver\u00f6ffentlicht wurde. In ihr wurden diese Kritikpunkte am \"Schwarzen Block\" (und damit an den \"Autonomen Nationalisten\") zusammengefasst: \"Als Unterzeichner dieses Aufrufs sprechen wir uns in aller Deutlichkeit gegen derartige anarchistische Erscheinungsformen aus, da aus diesem Verhalten keine Erneuerung sichtbar ist, sondern nur die Gefahr der Provokation als Selbstzweck im Sinne eines Systems, das st\u00e4ndig danach sucht, nationalen Demonstrationsveranstaltern das Leben schwer zu machen. Nach der Devise 'Qualit\u00e4t statt Quantit\u00e4t' stellen wir fest, dass wir - auch auf die Gefahr k\u00fcnftig geringerer Teilnehmerzahlen hin - nicht bereit sind, uns diesem politischen Zeitgeistph\u00e4nomen anzupassen. (...) um glaubw\u00fcrdig zu agieren, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst einmal selber \u00fcberzeugend wirken. Das k\u00f6nnen wir aber nicht, wenn wir die Optik, Sprache (Anglizismen), Parolen und Inhalte des Gegners kopieren. (...) Das auf au\u00dfenstehende Betrachter be\u00e4ngstigende und damit absto\u00dfende \u00c4u\u00dfere ist nach unserer Auffassung kein Ausdruck revolution\u00e4ren Handelns, denn revolution\u00e4r ist nicht der, der dieses Wort immer gern im Munde f\u00fchrt, fast schon bewundernd das Auftreten der antifaschistischen Steigb\u00fcgelhalter des Systems nachzuahmen versucht und damit selber zum Teil des Systems wird (...). Der 'Schwarze Block' erweckt bei au\u00dfenstehenden Beobachtern den Eindruck grunds\u00e4tzlicher Gewaltbereitschaft. (...) wir k\u00f6nnen die Menschen nicht von unserem politischen Wol230 So auch auf der Homepage des NPD-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 15. November 2007. 150","Rechtsextremismus len \u00fcberzeugen, wenn unsere Demonstrationsteilnehmer mit gewaltt\u00e4tigen Chaoten beim G8-Gipfel gleichgesetzt werden. Wir k\u00f6nnen auch schlecht linke Krawallmacher anprangern und zugleich mit einem 'Schwarzen Block' auftreten, der nicht nur so aussieht wie sein linkes Gegenst\u00fcck, sondern diesem auch in seinem Gebaren in nichts nachsteht. Vertreter des 'Schwarzen Blocks' sind f\u00fcr die breite Masse unseres Volkes keine Sympathietr\u00e4ger und k\u00f6nnen auch nicht glaubhaft mit ihrem Aussehen und Verhalten eine neue Ordnung vertreten, die deutsche Werte einfordert. (...) Wer eine Demonstration mit einem Faschingsball verwechselt, soll ihr lieber fernbleiben. (...) Wir wenden uns (...) nicht grunds\u00e4tzlich gegen schwarze Kleidung, Sonnenbrille und M\u00fctze - zumindest solange, wie eben nicht Hunderte gleichgekleidete Teilnehmer mit Anglizismen gespickten Transparenten einen gemeinsamen Block bilden und noch 'geistreiche' Spr\u00fcche absondern, die (...) auf keine politische Demonstration geh\u00f6ren. (...) Wir m\u00fcssen den Kreislauf der Stigmatisierung durchbrechen und d\u00fcrfen nicht l\u00e4nger zulassen, dass Demonstrationen zur Eigendarstellung einzelner Teilnehmer beziehungsweise Gruppen missbraucht werden (...)! Hoch die schwarzen Fahnen der Wut, nieder die schwarzen Kappen der Vermummung!\" 231 In einer zweiten \"Erkl\u00e4rung\" vom 10. September 2007, einer Reaktion auf teils w\u00fctende Reaktionen von Seiten \"Autonomer Nationalisten\" auf die erste, hielt das NPD-Pr\u00e4sidium seine Kritik ausdr\u00fccklich aufrecht und konkretisierte sie (\"Entgegen allen Unterstellungen richtet sich die [urspr\u00fcngliche] Erkl\u00e4rung [vom 15. August] nicht gegen politische Inhalte, sondern gegen eine Erscheinungsbeziehungsweise Aktionsform!\"), betonte aber dar\u00fcber hinaus das Festhalten am \"'Volksfront'-Gedanken\" gegen\u00fcber den \u00fcbrigen Neonazis, am \"Schulterschluss mit allen parteiunabh\u00e4ngigen Nationalisten, die ihrerseits zu einer konstruktiv-partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit der NPD bereit\" seien.232 Doch schon kurz darauf schlug zumindest der NPD-Bundesvorsitzende Udo VOIGT wieder vers\u00f6hnlichere T\u00f6ne 231 DS Nr. 09/07 vom September 2007, Artikel \"Unsere Fahnen sind schwarz - unsere Bl\u00f6cke nicht! Erkl\u00e4rung des NPD-Parteipr\u00e4sidiums\", S. 13; \u00dcbernahme wie im Original. 232 Text \"Erkl\u00e4rung: Unsere Fahnen sind schwarz - unsere Bl\u00f6cke nicht\" auf der Homepage der BundesNPD vom 16. November 2007. 151","in Richtung der so heftig Kritisierten an, obwohl die in der Tat unbestreitbaren, durch das Auftreten und die Militanz des autonom-nationalistischen \"Schwarzen Blocks\" verursachten Folgen f\u00fcr das Image des gesamten deutschen Rechtsextremismus und damit auch der NPD fortbestehen. Trotz des erheblichen Aufsehens, f\u00fcr das die \"Autonomen Nationalisten\" mit ihren \"Schwarzen Bl\u00f6cken\" nicht erst seit 2007 sorgen, handelt es sich zumindest personell immer noch um ein eher marginales Ph\u00e4nomen. Das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV) spricht in seiner sehr informativen, von der Homepage des BfV herunterladbaren Kurzbrosch\u00fcre zu diesem \"militante RandThema mit Stand vom Mai 2007 von einer \"militanten Randerscheinung\".233 erscheinung\" Allerdings hat die bundesweite Anzahl der \"Autonomen Nationalisten\" im Laufe des Jahres 2007 deutlich angezogen: Bezifferte das BfV ihre Zahl im Mai 2007 auf gerade einmal rund 150 bis 200234, so muss f\u00fcr Ende 2007 von circa 440 ausgegangen werden. Davon entfallen auf Baden-W\u00fcrttemberg circa 70. Aber auch nach diesen Zuw\u00e4chsen stellen \"Autonome Nationalisten\" nur ungef\u00e4hr ein Zehntel der deutschen und rund ein F\u00fcnftel der baden-w\u00fcrttembergischen Neonazis und bezogen auf das rechtsextremistische Gesamtpersonenpotenzial in Bund und Land nur gut ein beziehungsweise gut zwei Prozent der deutschen beziehungsweise baden-w\u00fcrttembergischen Rechtsextremisten. Allerdings muss davon ausgegangen werden, dass \"Autonome Nationalisten\" \u00fcber Unterst\u00fctzer und damit \u00fcber ein Mobilisierungspotenzial bei ihren Demonstrationen verf\u00fcgen, das \u00fcber ihr immer noch relativ geringes Personenpotenzial deutlich hinausgeht. 4. Rechtsextremistische Parteien 4.1 \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) Gr\u00fcndung: 1964 Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 440 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 400) ca. 7.200 Bund (2006: ca. 7.000) Publikation: \"Deutsche Stimme\" (DS) Bedeutung innerhalb des deutschen Rechtsextremismus Dass die NPD sich in den letzten Jahren zur auff\u00e4lligsten rechtsextremistischen Partei in Deutschland entwickeln konnte und mittlerweile sogar als 233 Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (Hrsg.): \"Autonome Nationalisten\" - Eine militante Randerscheinung, K\u00f6ln 2007. 234 Ebd. S. 2. 152","Rechtsextremismus eine der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendste rechtsextremistische Organisation in der Bundesrepublik Deutschland einzustufen ist, l\u00e4sst sich nur zum Teil mit ihren Mitgliederzuw\u00e4chsen und vereinzelten Wahlerfolgen235 erkl\u00e4ren. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Partei seit Jahren relativ erfolgreich versucht, durch eine gezielte B\u00fcndnispolitik sowie durch personelle Verzahnungen einen sp\u00fcrbaren Einfluss auch auf weite Teile der \u00fcbrigen rechtsextremistischen Szene auszu\u00fcben. In den letzten Jahren hat sich dadurch sogar eine schrittweise Ausrichtung oder Konzentration gr\u00f6\u00dferer Teile der rechtsextremistischen Gesamtszene auf die NPD herauskristallisiert. Das BfV spricht in diesem Zusammenhang von der NPD als dem \"Gravitationsfeld\" im deutschen Rechtsextremismus.236 Der baden-w\u00fcrttembergische NPD-Landesverband spielt in diesem Entwicklungsprozess der Gesamtpartei anders als manche anderen, zum Beispiel mitgliederst\u00e4rkeren, aktiveren oder bei Wahlen erfolgreicheren Landesverb\u00e4nde zwar keine Vorreiterrolle. Dennoch sind diese Entwicklungen zumindest zum Teil auch an seinem Beispiel nachvollziehbar. Die herausgehobene Position der NPD innerhalb der rechtsextremistischen Organisationslandschaft in Bund wie Land l\u00e4sst sich unter anderem an folgenden Anhaltspunkten festmachen: Die NPD hat bereits seit Jahren eine im Vergleich zu anderen rechtsextremistischen Parteien v\u00f6llig untypische, weil ansteigende steigende MitMitgliederentwicklung zu verzeichnen und ist seit dem Jahr 2007 gliederzahlen nunmehr mitgliederst\u00e4rkste rechtsextremistische Partei in Deutschland. Diese Entwicklung verl\u00e4uft in Bund und Land weitgehend kontinuierlich seit der Einstellung des gegen die NPD angestrengten Parteiverbotsverfahrens (18. M\u00e4rz 2003). Allerdings hat die NPD seit 2003 auf Bundesebene prozentual insgesamt sehr viel deutlichere Mitgliederzuw\u00e4chse zu verbuchen als in Baden-W\u00fcrttem235 Auch wenn der Einzug der NPD in den s\u00e4chsischen (mit 9,2% am 19. September 2004) und in den mecklenburg-vorpommerschen Landtag (mit 7,3% am 17. September 2006) gro\u00dfe Erfolge f\u00fcr die Partei bedeuteten, die sie in dieser Form seit 1968 nicht mehr hatte feiern k\u00f6nnen, darf nicht \u00fcbersehen werden, dass die Partei seit September 2004 bei sieben weiteren Landtagswahlen und einer Bundestagswahl entweder zugunsten der DVU gar nicht erst antrat oder sehr deutlich an der 5%-H\u00fcrde scheiterte. Das bedeutet f\u00fcr die Partei zudem, dass sie nach wie vor - anders, als erkl\u00e4rterma\u00dfen von ihr angestrebt - \u00fcber kein parlamentarisches Standbein in den westdeutschen Landtagen verf\u00fcgt. 236 Zu diesem Thema verbreitet das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz eine kurze, \u00e4u\u00dferst informative Brosch\u00fcre (Die \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) als Gravitationsfeld im Rechtsextremismus. Stand: Dezember 2006) \u00fcber seine Internetseite www.verfassungsschutz.de. 153","berg. Im Jahr 2007 stieg die Zahl der in der NPD Organisierten auf circa 440 im Land (2006: circa 400) und circa 7.200 im Bund (2006: circa 7.000). Damit kann die Partei seit dem Jahr 2003 wieder an die positive Mitgliederentwicklung ankn\u00fcpfen, die sie in den Jahren 1996 bis 2001 schon einmal auf Bundesebene genommen hatte. Als 1996 ihr jetziger Bundesvorsitzender Udo VOIGT sein Amt antrat, hatte die Bundes-NPD mit gerade noch circa 3.500 Mitgliedern ihren bisherigen personellen Tiefpunkt erreicht. Seither konnte die NPD ihre Mitgliederzahl also mehr als verdoppeln, w\u00e4hrend die baden-w\u00fcrttembergische Landes-NPD ihren Mitgliederstand von 1996 (circa 440) erst im Jahr 2007 wieder erreicht hat. Im Gegensatz dazu musste die DVU in demselben Zeitraum dramatische Mitgliederverluste hinnehmen. Sie z\u00e4hlte auf Bundesebene 2007 (circa 7.000) nicht einmal mehr halb so viele Parteiangeh\u00f6rige wie 1996 (circa 15.000), auf Landesebene sogar nur noch gut ein Drittel der Mitgliederzahl von 1996 (1996: circa 1.900; 2007: circa 700). Der quantitative Anstieg der NPD-Mitgliederzahlen in den letzten Jahren wird in seiner Bedeutung noch durch den Umstand verst\u00e4rkt, dass die Partei an ihrer Bundesspitze, aber auch auf mancher Landesund Kommunalebene \u00fcber aktionistische, kampagnef\u00e4hige Kader verf\u00fcgt, die zudem h\u00e4ufig ideologisch geschult und gefestigt sind. Auch diese Faktoren unterscheiden die NPD von der DVU \u00f6ffentliche und verleihen der Partei eine \u00f6ffentliche Pr\u00e4senz (zum Beispiel aufPr\u00e4senz grund von Demonstrationst\u00e4tigkeit oder im Rahmen der so genannten Wortergreifungsstrategie237), die von keiner anderen rechtextremistischen Einzelorganisation in diesem Ausma\u00df erreicht wird. Die NPD, die in Teilen nicht zuletzt selbst als neonazistisch ausgerichtet bezeichnet werden muss, bem\u00fcht sich bereits seit Jahren und nicht ohne Erfolg um einen Schulterschluss mit der bislang mehr oder minder parteiunabh\u00e4ngigen Neonaziszene, was in der \"Volksfront\" - von ihr seit dem Jahr 2004 betriebenen \"Volksfront\"-Strategie zum Strategie Ausdruck kommt. Dabei nimmt sie Neonazis nicht nur als einfache Mitglieder in ihre Reihen auf, sondern w\u00e4hlt auch \u00fcberregional bis bundesweit bekannte Neonazi-Kader in hohe Parteifunktionen. So waren 2007 mit Thorsten HEISE, Thomas WULFF und J\u00fcrgen RIEGER drei bundesweit bekannte Neonazis Mitglieder im NPDBundesvorstand.238 Die NPD-Jugendorganisation \"Junge Nationaldemokraten\" (JN) w\u00e4hlte auf ihrem Bundeskongress am 6. Oktober 237 Siehe dazu Kap. D Ziff. 8. 238 Homepage der Bundes-NPD vom 19. Oktober 2007. 154","Rechtsextremismus 2007 in Sachsen-Anhalt den ebenfalls relativ prominenten Neonazi Norman BORDIN, der bereits seit 2006 als JN-Landesvorsitzender in Bayern fungierte, zu einem ihrer zwei stellvertretenden Bundesvorsitzenden.239 An der Spitze der baden-w\u00fcrttembergischen NPD ergibt sich seit dem Landesparteitag am 22. April 2007 in Ehingen eine \u00e4hnliche personelle Konstellation: Seither ist der Neonazi Andreas THIERRY aus Rosenberg im Ostalbkreis einer von drei stellvertretenden baden-w\u00fcrttembergischen NPD-Landesvorsitzenden. THIERRY taucht bereits seit 2006 im Impressum der neonazistischen, vom in Rosenberg-Hohenberg im Ostalbkreis ans\u00e4ssigen \"Verlagsund Medienhauses Hohenberg OHG\" herausgegebenen Vierteljahresschrift \"Volk in Bewegung - Vierteljahresschrift f\u00fcr eine neue Ordnung!\" (ViB), in der er bereits seit Jahren Artikel publiziert, als \"Verantwortlicher Schriftleiter\" auf.240 Diese personelle Verzahnung zwischen NPD und Neonaziszene verbessert im Zusammenspiel mit den beiderseitigen ideologischen Schnittmengen das fr\u00fcher immer wieder angespannte gegenseitige Verh\u00e4ltnis241, was wiederum das Ansehen und damit die Einflussm\u00f6glichkeiten der Partei unter den Neonazis erh\u00f6ht. Die NPD strebt auch nach einem Schulterschluss mit der rechtsextremistischen Skinheadszene. Zu diesem Zweck veranstaltet sie zum Beispiel Skinheadkonzerte oder l\u00e4sst Skinheadbands auf ihren Veranstaltungen auftreten. Ziel ist dabei, die jugendliche Skinheadszene als Mobilisierungsund Rekrutierungspotenzial zu gewinnen. Doch aufgrund der f\u00fcr Skinheads typischen Unf\u00e4higkeit oder Abneigung, sich langfristig in eine festere Organisationsstruktur einbinden zu lassen und dort auch diszipliniert mitzuarbeiten, sind die langfristigen Erfolgsaussichten dieser Ann\u00e4herungsversuche vorausAnn\u00e4hrung an sichtlich begrenzt. Doch selbst da, wo es der Partei gelingt, Skinhedie Skinheads ads bei sich einzubinden - und sei es nur vor\u00fcbergehend als Teilnehmer an NPD-Demonstrationen -, bestehen Vorbehalte von Seiten mancher NPD-Vertreter gegen\u00fcber den Umworbenen fort: Zum einen sind die britischen und damit nichtdeutschen Urspr\u00fcnge dieser Subkultur manchen Rechtsextremisten (nicht nur) in der NPD 239 Bericht \"37. Bundeskongress der JN\", Homepage des JN-Bundesvorstandes vom 19. Oktober 2007. 240 \"Volk in Bewegung\" Nr. 1-2007, Impressum, S. 3. 241 Siehe zu den 2007 akut gewordenen Irritationen wegen der Abgrenzungsbem\u00fchungen von NPD-Seite gegen neonazistische \"Schwarze Bl\u00f6cke\" S. 148-150. 155","immer noch als \"undeutsch\" suspekt. Zudem f\u00fcrchten zumindest einige Vertreter der Partei, dass das subkulturell-martialische Erscheinungsbild von Skinheads in der NPD negative Auswirkungen auf das eigene Bild in \u00d6ffentlichkeit und Medien und damit auf das Partei-Image haben k\u00f6nnte. Weil die NPD jedoch seit Jahren bestrebt ist, in die b\u00fcrgerliche Mitte der Gesellschaft vorzudringen, versuchen zumindest ihre Vordenker, jedes \u00e4u\u00dferliche \"B\u00fcrgerschreck-Image\" zu vermeiden. Es hat zuweilen den Anschein, dass die Partei die Skinheads nicht als Skinheads, sondern als mit konventionelleren Ordnungsund \u00c4sthetikvorstellungen halbwegs kompatible junge Rechtsextremisten f\u00fcr sich gewinnen will. Nicht Kritik an zuletzt vor diesem Hintergrund sind NPD-Stimmen einzuordnen, Skinheads die sich wie folgende sehr kritisch mit der rechtsextremistischen Skinheadszene auseinandersetzen: \"Schon der Begriff 'Skinhead' zeigt, dass diese Subkultur von ihren Urspr\u00fcngen her nichts mit dem deutschen Volk zu tun hat und dennoch aufgrund der starken Medienpr\u00e4senz mit nationalem Denken in Deutschland gleichgesetzt wird. (...) Wie w\u00fcrden wir als europ\u00e4ische Nationalisten lachen, wenn sich arabische Freiheitsk\u00e4mpfer als Zeichen des Protests gegen die Besatzung ihres Landes amerikanische Uniformteile f\u00fcr teures Geld kaufen und anziehen w\u00fcrden?! Die Medien behaupten einfach, dass junge Deutsche die ihr Land lieben, sich den Kopf kahl scheren, Bomberjacken und Springerstiefel tragen m\u00fcssen. Da haupts\u00e4chlich junge M\u00e4nner dazu neigen, ihre Meinung sichtbar zu zeigen, \u00fcbernehmen sie diese Vorstellungen. Die gesellschaftliche Isolierung wird nicht als Manko, sondern als Selbstbest\u00e4tigung aufgefasst. Doch dieser Zustand ist nicht von langer Dauer und so ergibt sich eine hohe Fluktuation in der Skinhead-Szene, aber auch in der NPD, die eine Partei der Jugend ist. St\u00e4ndige PersonenFluktuationen behindern aber den Struktur-Ausbau vor Ort. Da die Medienberichte \u00fcber Skinheads zur\u00fcckgegangen sind, wird auch das subkulturelle Spektrum im nationalen Widerstand kleiner und das \u00f6ffentliche Erscheinungsbild von nationalen Demonstrationen bessert sich zum Gl\u00fcck von Jahr zu Jahr. An dem Skinhead-Beispiel wird deutlich, dass es den politischen Gegnern gelungen ist, eine 156","Rechtsextremismus fremdl\u00e4ndische Mode als eine nationale Gesinnung erscheinen zu lassen, um damit den nationalen Widerstand zu isolieren und das Volk verunsichert bei der Stange zu halten.\" 242 Auch 2007 hielt die seit Jahren zu beobachtende Entwicklung hin zu einer engen personellen Verflechtung der NPD mit anderen rechtsextremistischen Organisationen an. Dies \u00e4u\u00dfert sich nach wie vor nicht zuletzt darin, dass f\u00fchrende NPD-Mitglieder Leitungsfunktionen in solchen Organisationen \u00fcbernehmen und somit ihrer Partei entsprechende Einflussm\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen. So bekleidet der baden-w\u00fcrttembergische NPD-Landesvorsitzende J\u00fcrgen SCH\u00dcTZINGER aus Villingen-Schwenningen eine f\u00fchrende Funktion in der rechtsextremistischen \"Deutschen Liga f\u00fcr Volk und Heimat\" (DLVH) und ist Vorstandsmitglied bei der rechtsextremistischen \"Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e. V.\" (GFP). Als GFP-Vorsitzender fungiert Andreas MOLAU, der zudem dem NPD-Bundesvorstand angeh\u00f6rt und als NPD-Spitzenkandidat zur nieders\u00e4chsischen Landtagswahl am 27. Januar 2008 antrat. Karl RICHTER, Leiter des Parlamentarischen Beratungsdienstes der s\u00e4chsischen NPD-Landtagsfraktion, ist laut jeweiligem Impressum eines von zwei Redaktionsmitgliedern bei der im T\u00fcbinger \"GRABERT-Verlag\" erscheinenden Vierteljahresschrift \"Deutschland in Geschichte und Gegenwart\" sowie eines von vier Redaktionsmitgliedern bei dem \u00e4ltesten rechtsextremistischen Strategieund Theorieorgan in Deutschland, \"Nation & Europa - Deutsche Monatshefte\". In beiden Publikationsorganen tritt er auch als Autor in Erscheinung. Au\u00dferdem ist er Vorsitzender der nach eigenen Angaben am 30. September 2007 auf dem M\u00fcnchener Oktoberfest gegr\u00fcndeten rechtsextremistischen M\u00fcnchener \"B\u00fcrgerinitiative Ausl\u00e4nderstopp\" (BIA). Oktober 2007 gaben BIA und NPD bekannt, dass die BIA anstatt der NPD 2008 mit RICHTER als Spitzenkandidat zu den Kommunalwahlen in M\u00fcnchen antreten werden.243 Die NPD-N\u00e4he der BIA wird dar\u00fcber hinaus unter anderem dadurch dokumentiert, dass sie auf ihrer Internetseite dasselbe M\u00fcnchener Postfach als Kontaktadresse angibt wie der NPD-Bezirksverband Oberbayern.244 242 DS Nr. 10/07 vom Oktober 2007, Artikel \"Abstraktion \u00fcberwinden! Soziologische und mediale Deutungsversuche des modernen Nationalismus\", S. 9; \u00dcbernahme wie im Original. 243 Beitrag \"M\u00fcnchener B\u00fcrgerinitiative Ausl\u00e4nderstopp auf dem Oktoberfest 2007 gegr\u00fcndet\", BIA-Homepage vom 25. Oktober 2007. DS Nr. 09/07 vom September 2007, Artikel \"1.000 Unterschriften f\u00fcr M\u00fcnchen! 'B\u00fcrgerinitiative Ausl\u00e4nderstopp' tritt 2008 zur Kommunalwahl an\", S. 12. 244 Homepages der BIA und des NPD-Bezirksverbandes Oberbayern vom 25. Oktober 2007. 157","Ideologische Ausrichtung Die NPD ist eine unverhohlen rechtsextremistische und verfassungsfeindliche Partei. Zahlreiche Vertreter der Partei - bis hin zu hochrangigen FunkVerfassungstion\u00e4ren - werden nicht m\u00fcde, ihre fundamentale Ablehnung der westfeindlichkeit lichen Moderne und Wertegemeinschaft im Allgemeinen und der von diesen Werten bestimmten freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland245 im Besonderen in unterschiedlicher Deutlichkeit zu artikulieren und zu propagieren. So wurde in einer offiziellen \"Erkl\u00e4rung des NPD-Parteipr\u00e4sidiums\" mit dem Titel \"Unsere Fahnen sind schwarz - unsere Bl\u00f6cke nicht!\" vom 15. August 2007 die Zielvorgabe gemacht, dass der \"nationale Widerstand\", zu dem sich wohlgemerkt auch die NPD selber z\u00e4hlt, \"eine wirklich ernstzunehmende Gefahr f\u00fcr das abgewirtschaftete liberalkapitalistische System\" werden solle.246 Ebenfalls beispielhaft f\u00fcr diese erkl\u00e4rte Verfassungsfeindlichkeit steht unter anderem der baden-w\u00fcrttembergische JN-Landesverband. So endeten Verlautbarungen, die er im Laufe des Jahres 2007 auf seiner Homepage ver\u00f6ffentlichte, wiederholt mit Parolen wie \"Das System besiegen hei\u00dft: VER\u00c4NDERN - MITGESTALTEN - MITK\u00c4MPFEN\" 247 und \"UNS werdet Ihr nie \u00fcberwachen k\u00f6nnen - F\u00fcr ein sozialistisches und freies Leben - BRD abschalten!\" 248. Die Gr\u00fcndung des JN-\"St\u00fctzpunktes\" Konstanz am 30. Juni 2007 wurde von den JN dahingehend kommentiert, dass \"in der Region somit ein weiterer Grundstein gelegt\" worden sei, \"um dem alten modrigen System weiter entgegenzuwirken.\" 249 Im Internetaufruf f\u00fcr eine von Neonazis und den baden-w\u00fcrttembergischen JN veranstaltete Demonstration in Singen am 20. Oktober 2007 gerann diese fundamentale Ablehnung der bundesdeutschen Verfassungsordnung zu der primitiven Aufforderung \"Auf nach Singen - dem System in den Arsch treten!\".250 Der JN-Landesverband konnte personell im Jahre 2007 wiederum von circa 60 (2006; 2005: circa 50) auf circa 90 Mitglieder zulegen. Organisatorisch245 Zur Erl\u00e4uterung der folgenden Zitate: Die bundesdeutsche Verfassungsordnung wird von deutschen Rechtsextremisten in Anlehnung an eine pejorative Bezeichnung der historischen Nationalsozialisten f\u00fcr die Weimarer Republik (\"System\", \"Systemzeit\") auch als \"das System\" bezeichnet. 246 DS Nr. 09/07 vom September 2007, Artikel \"Unsere Fahnen sind schwarz - unsere Bl\u00f6cke nicht! Erkl\u00e4rung des NPD-Parteipr\u00e4sidiums\", S. 13, \u00dcbernahme wie im Original. 247 Beitrag \"Schulhofaktion im Hohenlohekreis\", Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 8. Oktober 2007, Kursiv-, Fettdruck und Fehler wie im Original. 248 Beitrag \"Volker Lenz - JN is watching YOU!\", Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 8. Oktober 2007, Kursivund Fettdruck wie im Original. 249 Beitrag \"St\u00fctzpunktgr\u00fcndung in Konstanz\", Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 8. Oktober 2007. 250 Demonstrationsaufruf auf einer eigens aus Anlass dieser Demonstration vom JN-Landesverband ins Internet gestellten Homepage vom 9. Oktober 2007. 158","Rechtsextremismus strukturell jedoch zeigte sich zum einen ein leichter R\u00fcckgang der Anzahl der vom Landesverband im Internet offiziell ausgewiesenen \"St\u00fctzpunkte\" JNvon zehn im Dezember 2006 auf neun im Oktober 2007.251 Bei genauerer \"St\u00fctzpunkte\" Betrachtung offenbart diese \"St\u00fctzpunkte\"-Architektur zudem eine gewisse Instabilit\u00e4t und Inkontinuit\u00e4t, die sich in h\u00e4ufigen Neugr\u00fcndungen und Aufl\u00f6sungen von \"St\u00fctzpunkten\" niederschlagen: W\u00e4hrend die \"St\u00fctzpunkte\" in Esslingen, Ludwigsburg und Pforzheim, die im Dezember 2006 noch bestanden zu haben scheinen, laut Internetseite des JN-Landesverbandes nur zehn Monate sp\u00e4ter nicht mehr existierten252, waren in Karlsruhe und Konstanz (letztgenannter mit Postfach in Singen) neue \"St\u00fctzpunkte\" entstanden.253 Diese \"St\u00fctzpunkte\"-Fluktuation d\u00fcrfte trotz der j\u00fcngsten JNMitgliederzuw\u00e4chse mit der immer noch recht d\u00fcnnen Personaldecke der baden-w\u00fcrttembergischen JN zu erkl\u00e4ren sein: Bei circa 90 baden-w\u00fcrttembergischen JN-Mitgliedern und neun St\u00fctzpunkten ist der einzelne \"St\u00fctzpunkt\" im statistischen Durchschnitt nur rund zehn Mitglieder stark, wobei bei dieser Rechnung noch nicht einmal der Tatsache Rechnung getragen wird, dass das JN-\"St\u00fctzpunkte\"-Netz - \u00e4hnlich wie die JN-Organisationsstrukturen bundesweit - gro\u00dfe L\u00fccken aufweist (zum Beispiel im Ballungsraum Mannheim/Heidelberg oder in S\u00fcdbaden) und daher einzelne JN-Mitglieder gar keinen St\u00fctzpunkt in ihrer erreichbaren N\u00e4he haben d\u00fcrften. Wenn nun ein schwach besetzter \"St\u00fctzpunkt\" auch nur wenige Mitglieder verliert (beispielsweise durch Austritt aus den JN, Ausstieg aus der rechtsextremistischen Szene oder durch Wegzug) kann das schon die Aufl\u00f6sung des \"St\u00fctzpunktes\" bedeuten, w\u00e4hrend bereits der Eintritt von wenigen Jugendlichen in die JN zu einer \"St\u00fctzpunkt\"-Neugr\u00fcndung f\u00fchren kann. Mit seiner entschiedenen Verfassungsfeindlichkeit steht weder der JN-Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg innerhalb des JN-Bundesverbandes allein da, noch unterscheiden sich die JN auf Bundesoder Landesebene darin 251 Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 9. Oktober 2007. 252 Der JN-\"St\u00fctzpunkt\" in Ludwigsburg hingegen wurde auf der Homepage des JN-Bundesverbandes noch am 10. Oktober 2007 unter den baden-w\u00fcrttembergischen JN-Strukturen aufgef\u00fchrt. 253 Au\u00dferdem wurden auf der baden-w\u00fcrttembergischen JN-Homepage mit Stand 9. Oktober 2007 noch St\u00fctzpunkte im Bereich Bodensee mit Postfach in Friedrichshafen, in G\u00f6ppingen mit Postfach in Geislingen, in Heilbronn, im Bereich Ostalb mit Postfach in Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd, in Schw\u00e4bisch Hall, Stuttgart und Ulm/Heidenheim aufgelistet. 159","von ihrer Mutterpartei NPD. Die kompromisslos-fanatische Ablehnung der westlichen Moderne und Wertegemeinschaft und somit der bundesdeutschen Verfassungsordnung innerhalb der NPD geht so weit, dass manche Vertreter der Partei auf ihrer Suche nach Gegenentw\u00fcrfen und vermeintNSlichen \"Alternativen\" auch vor offen neonazistischer NS-Verherrlichung Verherrlichung nicht zur\u00fcckschrecken. Das gilt auch f\u00fcr den NPD-Landesverband BadenW\u00fcrttemberg. So veranstaltete er am 21. Januar 2007 mit nach eigenen Angaben circa 170 Teilnehmern in Stuttgart-M\u00fcnster eine \"Reichsgr\u00fcndungsfeier\" aus Anlass des 136. Jahrestages der Gr\u00fcndung des zweiten deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871). Obwohl dieses historische Ereignis in keinem direkten Zusammenhang mit der erst \u00fcber 60 Jahre sp\u00e4ter errichteten NS-Diktatur steht, nahm die Partei (konkret: ihr Regionalverband B\u00f6blingen-Stuttgart-Ludwigsburg) in einem Internetbericht \u00fcber diese Veranstaltung sehr positiv Stellung zum \"Dritten Reich\". Die zw\u00f6lf Jahre der NSHerrschaft z\u00e4hlen f\u00fcr den Autor des Berichts offensichtlich zu den H\u00f6hepunkten, das kriegsbedingte Ende des \"Dritten Reiches\" demzufolge zu den Tiefpunkten der deutschen Geschichte: \"In einer einst\u00fcndigen Gedenkstunde wurde an den immer w\u00e4hrenden Reichsgedanken der deutsch-germanischen St\u00e4mme erinnert sowie an die Reichsgr\u00fcndung Heinrichs I., der das Deutsche Reich zum Heiligen R\u00f6mischen Reich Deutscher Nation erhoben hatte. Durch zahlreiche aufgezwungene Kriege, durch innere Unruhen, durch Verrat und Uneinigkeit konnte Napoleon I. im Jahre 1806 das Herz Europas spalten und zerschlagen. Ein weiterer Sohn des deutschen Volkes, F\u00fcrst Otto von Bismarck, konnte als Eiserner Kanzler die meisten deutschen St\u00e4mme und Kleinstaaten zu einem starken Bund zusammenschlie\u00dfen, ehe die internationale Hochfinanz dieses 2. Deutsche Reich in einem Bruderkrieg zwar nicht milit\u00e4risch, sondern politisch-wirtschaftlich abermals zerschlagen konnte. Erst 1933 erhoben sich die Deutschen zu neuer Gr\u00f6\u00dfe und wurden eine Volksgemeinschaft. Das 3. Reich wurde geboren, jedoch 12 Jahre sp\u00e4ter durch einen abermals von der Hochfinanz aufgezwungenen Krieg kaputtgebombt.\" 254 254 Beitrag \"Reichsgr\u00fcndungsfeier der NPD in Stuttgart!\", Homepage des NPD-Landesverbandes BadenW\u00fcrttemberg vom 8. Oktober 2007; \u00dcbernahme wie im Original. 160","Rechtsextremismus Auch und besonders die NPD-Parteizeitung \"Deutsche Stimme\" (DS) erweist sich seit Jahren als Fundgrube f\u00fcr rechtsextremistische bis hin zu neonazistischen \u00c4u\u00dferungen, auch wenn sie sich dabei zuweilen diverser, meist jedoch fadenscheiniger Verschleierungstaktiken bedient. So formulierte der s\u00e4chsische NPD-Landtagsabgeordnete J\u00fcrgen W. GANSEL in der April-Ausgabe der DS eine Fundamentalabsage an Liberalismus und Demokratie (Originalton GANSEL: \"Pseudodemokratie\") westlicher Pr\u00e4gung und damit auch der Bundesrepublik Deutschland. Unter der Zwischen\u00fcberschrift \"Kommen die 1930er wieder?\" weitete er diese Absage auch auf die westlichen Demokratien der Zwischenkriegszeit aus und lie\u00df dabei eindeutige Sympathien f\u00fcr antidemokratische \"staatsautorit\u00e4re Nationalismen\" der damaligen Zeit erkennen: \"Schon mehren sich die Vergleiche mit den drei\u00dfiger Jahren des letzten Jahrhunderts, als sich das liberale Gesellschaftsmodell aus Parlamentarismus, Kapitalismus und Individualismus - alles zusammen der Gegenpol zu wirklicher Volksherrschaft - bereits einmal in einer Weltkrise befand und 'liberal' zum Schimpfwort wurde. Die Strukturfehler dieses Systems zeigten sich den Menschen unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise in kristallener Klarheit: endlose Verhandlungen und ewiges Palaver unf\u00e4higer Parlamentarier, auftrumpfende Gruppenegoismen, Selbstaush\u00f6hlung jeder Staatlichkeit und Sklerotisierung der Institutionen, w\u00e4hrend das Volk in wirtschaftlichem Elend und dumpfer Resignation versank. Die Antwort darauf waren staatsautorit\u00e4re Nationalismen, die den liberalistischen Saustall - ein Armenhaus f\u00fcr das Volk und ein Selbstbedienungsladen f\u00fcr die Herrschenden - mit eiserner Forke ausmisten wollten. Es galt, zur Krisenbew\u00e4ltigung alle materiellen und ideellen Volkskr\u00e4fte zusammenzufassen, um eine tragf\u00e4hige neue Gemeinschaftsordnung zu errichten. (...) Der US-Publizist Farid Zakaria verglich die 'liberale Demokratie' einmal mit einem Stern in einer fernen Galaxie, dessen Licht bei uns noch hell leuchtet, obwohl er schon lange 161","erloschen ist 255. Gibt es ein sch\u00f6neres Schlusswort?\" 256 Welche Str\u00f6mungen, Organisationen oder welches Regime GANSEL mit der Formulierung \"staatsautorit\u00e4re Nationalismen\" genau meint, bleibt vage. Tatsache ist jedoch, dass es insbesondere auch der deutsche - allerdings viel eher als totalit\u00e4r denn als autorit\u00e4r zu bezeichnende - Nationalsozialismus und die NSDAP waren, die in dem von GANSEL angesprochenen historischen Kontext der Weltwirtschaftskrise (zwischen 1929 und Anfang/Mitte der 1930er Jahre) einen rasanten Aufstieg nahmen und schlie\u00dflich sogar an die Macht gelangen konnten, w\u00e4hrend einige von den anderen Regimen, die man hinter dem Terminus \"staatsautorit\u00e4re Nationalismen\" vermuten k\u00f6nnte, sich 1929/30 entweder bereits l\u00e4ngst an der Macht befanden257 oder aber erst deutlich sp\u00e4ter dieses Ziel erreichten.258 Mit seinem Schlusssatz verleiht GANSEL seiner den ganzen Text durchziehenden Hoffnung auf einen weltweiten Untergang des Gesellschaftsmodells der westlich-liberalen Demokratie rhetorisch fragend, aber eindeutig Ausdruck. Teilnahme am In ihrer August-Ausgabe 2007 beteiligte sich die DS mit einem ausf\u00fchr\"He\u00df-Kult\" lichen Artikel unter der \u00dcberschrift \"Mord verj\u00e4hrt nicht - Zum 20. Todestag von Rudolf He\u00df\" in einer Eindeutigkeit, wie sie bei diesem Thema 255 Diesen Satz hat GANSEL offensichtlich fast w\u00f6rtlich einem Interview der Wochenzeitschrift \"Die Zeit\" mit dem ehemaligen polnischen Au\u00dfenminister und heutigen MdEP, Bronislaw Geremek, \u00fcbernommen, das in der \"Zeit\" Nr. 4 vom 18. Januar 2007 ver\u00f6ffentlicht wurde. Der Satz ist einer Frage der \"Zeit\" entnommen. (Interview \"'Es geht um das Gl\u00fcck' - Bronislaw Geremek, liberaler Europa-Abgeordneter, mahnt: Demokratie muss sich mehr um die Schwachen sorgen\" auf images.zeit.de vom 12. Oktober 2007). 256 DS Nr. 04/07 vom April 2007, Artikel \"Abges\u00e4nge auf das liberale Gesellschaftsmodell - Die sozialen Verwerfungen der Globalisierung werfen die Systemfrage auf\" von J\u00fcrgen W. GANSEL, S. 19; \u00dcbernahme wie im Original. 257 Wie das Horthy-Regime in Ungarn seit 1919/20 oder der italienische Faschismus seit 1922. 258 Wie die Falangisten, die ihre Herrschaft \u00fcber Spanien erst nach ihrem Sieg im Spanischen B\u00fcrgerkrieg im Jahr 1939 endg\u00fcltig etablieren konnten. 162","Rechtsextremismus eigentlich nur f\u00fcr die Neonaziszene im engeren Sinne typisch ist, an dem M\u00e4rtyrerkult um den fr\u00fcheren Hitler-Stellvertreter und an den Verschw\u00f6rungstheorien um dessen Tod im Jahr 1987.259 Der Verfasser des Artikels, Dr. Olaf ROSE, geh\u00f6rt seit Ende 2006 dem Parlamentarischen Beratungsdienst der s\u00e4chsischen NPD-Fraktion an. Dem Hamburger Rechtsanwalt, bundesweit bekannten Neonazi und NPDBundesvorstandsmitglied J\u00fcrgen RIEGER r\u00e4umte die DS im April/Mai 2007 Platz f\u00fcr einen zweiteiligen, insgesamt 20 Punkte umfassenden Grundsatzartikel ein, in dem er dem \"Dritten Reich\" zumindest punktuell eine Vorbildfunktion f\u00fcr zuk\u00fcnftige politische Ausgestaltung Deutschlands zuwies: \"Im Dritten Reich durfte kein Minister, Abgeordneter, Kreis-, Gauleiter oder sonstiger politischer Entscheidungstr\u00e4ger auf irgendeine Weise mit Wirtschaftsunternehmen verbandelt sein. Es war schlichtweg verboten. Wir wollen dies genauso verbieten (...). Wie im Dritten Reich m\u00fcssen Volksabstimmungen bundesweit zugelassen werden. Solidarismus 260 will nicht weniger, sondern richtige und wahre Demokratie.\" 261 Die DS ist aber nicht nur ein Forum f\u00fcr dezidierte Systemopposition bis hin zur NS-Apologetik. In ihr leisten mehr oder minder prominente RechtsexNStremisten auch theoretisch-strategische Grundlagenarbeit, sie ist ein Ort f\u00fcr Apologetik Grundsatzdebatten. Beispielsweise wird in der DS einer Aktualisierung und Modernisierung des rechtsextremistischen Propagandathemenkanons das Wort geredet. Dabei wird eine Abkehr von vergangenheitsbezogenen, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Themen (besonders aus dem Bereich des Geschichtsrevisionismus) gefordert, die au\u00dferhalb der rechtsextremistischen Szene niemanden interessieren. Stattdessen wird eine st\u00e4rkere Hinwendung zu gegenwartsbezogenen bis hin zu tagesaktuellen Themen (beispielsweise aus dem Bereich der Sozialund Wirtschaftspolitik) angemahnt, die gesamtgesellschaftlich relevant sind und daher auch au\u00dferhalb der rechtsextremistischen Szene diskutiert werden. Ziel ist es dabei, die eigene Propaganda attraktiver, oberfl\u00e4chlich weniger angreifbar und damit effektiver zu 259 DS Nr. 08/07 vom August 2007, Artikel \"Mord verj\u00e4hrt nicht - Zum 20. Todestag von Rudolf He\u00df\" von Olaf ROSE, S. 15-16. 260 So der von RIEGER gebrauchte Oberbegriff f\u00fcr die von ihm in diesen beiden Artikeln vorgebrachten programmatischen Forderungen. 261 DS Nr. 05/07 vom Mai 2007, Artikel \"Solidarismus als Weg aus der Krise unseres Volkes - Zweiter und abschlie\u00dfender Teil einer Darstellung deutschfreundlicher Leitlinien\" von J\u00fcrgen RIEGER, S. 20. 163","machen, also m\u00f6glichst bis in die Mitte der Gesellschaft neue B\u00fcndnispartner, Anh\u00e4nger, Mitglieder und W\u00e4hler zu gewinnen. Den vergangenheitsbezogenen, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Themen scheint in dieser Strategie nur noch eine Rolle in der parteibeziehungsweise szeneinternen Kommunikation zugedacht zu sein, insbesondere bei der ideologischen Selbstvergewisserung l\u00e4ngst eingeschworener Rechtsextremisten, die es nicht mehr zu \u00fcberzeugen gilt. Mit der \u00dcberholung des eigenen Themenkanons ist keine Aufgabe oder auch nur Relativierung althergebrachter rechtsextremistischer Positionen in der NPD beabsichtigt. Ganz im Gegenteil: Mit der Aufbereitung zeitgem\u00e4\u00dfer Themen soll rechtsextremistisches Gedankengut erfolgreicher transportiert werden. Aktivit\u00e4ten Auch im Jahr 2007 legte die NPD im Rahmen des von ihr verfolgten \"VierS\u00e4ulen-Konzepts\" (\"Kampf um die Stra\u00dfe\", \"Kampf um die K\u00f6pfe\", \"Kampf um die Parlamente\", \"Kampf um den organisierten Willen\") wieder vielf\u00e4ltige Aktivit\u00e4ten an den Tag. Allerdings bekam sie zum \"Kampf um die Parlamente\" keine Gelegenheit, da sie zur einzigen Landtagswahl des Jahres in Bremen gem\u00e4\u00df des 2005 mit der DVU vereinbarten \"DeutschlandPaktes\" nicht antrat. Die baden-w\u00fcrttembergische NPD und nicht zuletzt die hiesigen JN zogen wiederholt mit \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktionen die gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf sich. Im Laufe des Jahres 2007 richtete der NPD-Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg in einer ehemaligen Gastst\u00e4tte in Rosenberg-Hohenberg im OstLandesgealbkreis eine eigene Landesgesch\u00e4ftsstelle ein. Bei einem bisher unaufgesch\u00e4ftsstelle kl\u00e4rten Brandanschlag auf den auch vom rechtsextremistischen \"Verlagsund Medienhaus Hohenberg OHG\" genutzten Geb\u00e4udekomplex wurden in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai 2007 die f\u00fcr die Landesgesch\u00e4ftsstelle vorgesehenen R\u00e4umlichkeiten - anders als die v\u00f6llig zerst\u00f6rten Verlagsr\u00e4ume - nur geringf\u00fcgig besch\u00e4digt. Wie schon im Vorjahr entfaltete der baden-w\u00fcrttembergische JN-Landesverband auch 2007 eine rege Demonstrationst\u00e4tigkeit, steigerte sie im Verrege Demonsgleich zu 2006 sogar noch. So meldete sein Vorsitzender Lars GOLD f\u00fcr den trationst\u00e4tigkeit 21. Juli 2007 eine Demonstration in T\u00fcbingen an, die unter dem Motto \"Keine Freir\u00e4ume f\u00fcr linksextreme Gewaltt\u00e4ter - Nationale Freir\u00e4ume erk\u00e4mpfen!\" auch durchgef\u00fchrt wurde. Mit circa 230 Teilnehmern hatten die JN an diesem Tag einen f\u00fcr ihre Verh\u00e4ltnisse guten Mobilisierungserfolg zu verbuchen, allerdings nahmen gleichzeitig an diversen Gegenveranstaltungen in T\u00fcbingen rund 10.000 Personen teil. Zu nennenswerten Ausein164","Rechtsextremismus andersetzungen kam es nicht. Ungef\u00e4hr dieselben circa 230 Rechtsextremisten hielten nach dem Muster einer \"Doppeldemo\"262 direkt im Anschluss an diese Demonstration eine spontane Kundgebung in Hechingen im Zollernalbkreis ab, das mit T\u00fcbingen durch eine direkte Bahnlinie verbunden ist. Diese Veranstaltung traf auf nur circa 70 Gegendemonstranten und verlief st\u00f6rungsfrei. Am 20. Oktober 2007 veranstalteten die JN zusammen mit so genannten \"Freien Kr\u00e4ften aus S\u00fcddeutschland\" 263 (also s\u00fcddeutschen Neonazis) unter dem Motto \"Gemeinsam gegen staatliche Repression - Eine Deutsche Jugend setzt sich zur Wehr!\" eine Demonstration mit circa 130 Teilnehmern in Singen im Kreis Konstanz. Mit den rund 400 anwesenden Gegendemonstranten kam es nicht zu schwerwiegenderen Auseinandersetzungen. Im Vorfeld beziehungsweise kurz nach dem Gipfel der acht f\u00fchrenden Industriestaaten vom 6. bis 8. Juni 2007 in Heiligendamm veranstaltete die NPD drei kampagnenartige, bundesweite \"Aktionstage\" (14. April, 19. Mai \"Aktionstage\" und 9. Juni), die sich gegen dieses Treffen, aber auch gegen die Globalisierung allgemein richteten. Die von der Partei an diesen Tagen bevorzugte Aktionsform waren Informationsst\u00e4nde. Nach DS-Angaben steigerte sich die Anzahl der gestarteten Aktionen und der daran beteiligten Parteiuntergliederungen von \"Aktionstag\" zu \"Aktionstag\": W\u00e4hrend 48 Parteiuntergliederungen am 14. April insgesamt 62 Aktionen durchf\u00fchrten, sollen es am 19. Mai schon 138 Aktionen von 93 NPD-Verb\u00e4nden gewesen sein. Am 9. Juni soll es eine weitere Steigerung auf 146 Aktionen von 102 NPDUntergliederungen gegeben haben. Laut DS f\u00fchrte die NPD in BadenW\u00fcrttemberg am 19. Mai zw\u00f6lf und am 9. Juni 17 Aktionen durch und lag damit auf Platz vier beziehungsweise drei der betroffenen Bundesl\u00e4nder.264 Der NPD-Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg sprach f\u00fcr den 19. Mai von f\u00fcnf durchgef\u00fchrten Informationsst\u00e4nden in \u00d6hringen, Karlsruhe, Balin262 Bei \"Doppel-\", manchmal auch \"Mehrfachdemos\" werden mit demselben Personenpotenzial an einem Tag an mindestens zwei verschiedenen Orten, die jedoch nahe beieinander liegen oder verkehrstechnisch sehr g\u00fcnstig miteinander verbunden sind, Demonstrationen durchgef\u00fchrt. 263 Demonstrationsaufruf auf einer Internetsonderseite der baden-w\u00fcrttembergischen JN aus Anlass der Demonstration in Singen vom 26. Oktober 2007. 264 DS Nr. 07/07 vom Juli 2007, Artikel \"Von Kiel bis zum Bodensee - NPD-Aktionstage gegen den G8-Gipfel\" und Interview \"'Kampagnenf\u00e4higkeit der Partei st\u00e4rken' - Die DS im Gespr\u00e4ch mit NPD-Bundesorganisationsleiter Jens P\u00fchse\", S. 12. 165","gen, Ulm und Biberach sowie von neun \"gemeldeten Verteilaktionen\" im Bundesland.265 4.2 \"Deutsche Volksunion\" (DVU) Gr\u00fcndung: 1971 als eingetragener Verein 1987 als politische Partei Sitz: M\u00fcnchen Mitglieder: ca. 700 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 800) ca. 7.000 Bund (2005: ca. 8.500) Publikationen: \"National-Zeitung/Deutsche Wochen-Zeitung\" (NZ) Bedeutung innerhalb des deutschen Rechtsextremismus Noch in den 1990er-Jahren war die \"Deutsche Volksunion\" (DVU) schon aufgrund ihrer relativ hohen Mitgliederzahl (1993: circa 26.000) ein zumindest quantitativ bedeutender Faktor innerhalb des deutschen Rechtsextremismus. Doch die Zahl von nunmehr circa 7.000 Parteiangeh\u00f6rigen (2006: personeller circa 8.500) dokumentiert ihren drastischen personellen Niedergang innerR\u00fcckgang halb der letzten knapp anderthalb Jahrzehnte. Damit hat die DVU ihren Status als mitgliederst\u00e4rkste rechtsextremistische Partei in Deutschland 2007 an die in den letzten Jahren personell erstarkte NPD verloren. Auch der baden-w\u00fcrttembergische DVU-Landesverband mit seinen mittlerweile nur noch circa 700 Mitgliedern (2006: circa 800) b\u00fc\u00dfte seit 1993 (damals rund 2.900 Mitglieder) mehr als drei Viertel seiner personellen Substanz ein. Dieser drastische Mitgliederschwund trifft mit der DVU eine Partei, deren Mitglieder ohnehin eine schon traditionell zu nennende ausgepr\u00e4gte Passivit\u00e4t an den Tag legen. Die Partei wird seit ihrem Bestehen von ihrem Gr\u00fcnder und seither einzigen Bundesvorsitzenden, dem finanzkr\u00e4ftigen M\u00fcnchner Verleger Dr. Gerhard FREY, dominiert. Sie steht in einem weitgehenden finanziellen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis zu ihm, was er dazu nutzt, jeden innerparteilichen Pluralismus oder gar Widerspruch zu unterbinden. Daher kann sich weder auf Bundesnoch auf Landesebene eine eigenst\u00e4ndige, nicht von ihm gelenkte Parteiarbeit entwickeln. Dieser dominante F\u00fchrungsstil von Dr. FREY hat zudem zur Folge, dass neben ihm kaum \u00fcberregional bekanntes, profiliertes DVU-F\u00fchrungspersonal existiert. Die unangefochtene Stellung von Dr. FREY innerhalb der Partei wurde auf dem DVU-Bundesparteitag am 20. Januar 2007 in M\u00fcnchen unterstrichen, wo er mit 99,6 Prozent der Delegiertenstimmen in seinem Amt als DVU-Bundesvorsitzender best\u00e4tigt wurde.266 265 Bericht \"Nationaler Anti-Globalisierungs-Tag in Baden-W\u00fcrttemberg erfolgreich\", Homepage des NPDLandesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 30. Oktober 2007. 266 NZ Nr. 5 vom 26. Januar 2007, Artikel \"Zeit, dass sich was dreht - Signale vom Bundesparteitag der DVU\", S. 9. 166","Rechtsextremismus Die feste Verankerung der DVU mitten in der rechtsextremistischen Szene ist schon allein daran abzulesen, dass die Partei schon seit Jahren ohne Einschr\u00e4nkung an dem am 15. Januar 2005 unterzeichneten so genannten \"Deutschland-Pakt\" mit der dezidiert rechtsextremistischen, in Teilen sogar \"Deutschlandneonazistisch ausgerichteten NPD festh\u00e4lt. Beim \"Deutschland-Pakt\", demPakt\" zufolge sich DVU und NPD bis einschlie\u00dflich 2009 bei Wahlen auf Europa-, Bundesoder Landesebene keine Konkurrenz machen wollen, handelt es sich inhaltlich um die Fortschreibung der \"Gemeinsamen Erkl\u00e4rung\" vom 23. Juni 2004, mit der beide Seiten vereinbart hatten, bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg im September 2004 nicht gegeneinander anzutreten. Das gute Verh\u00e4ltnis der DVU zur NPD kommt aber zum Beispiel auch darin zum Ausdruck, dass Andreas MOLAU, NPD-Bundesvorstandsmitglied und NPD-Spitzenkandidat zur nieders\u00e4chsischen Landtagswahl am 27. Januar 2008, gerade 2007 wiederholt eigene Artikel in der NZ platzieren konnte - bis hin zum Aufmacher auf der Titelseite.267 Die von FREY herausgegebene Wochenzeitung NZ ist das Sprachrohr der DVU, aber auch das auflagenst\u00e4rkste und in der \u00d6ffentlichkeit wohl bekannteste rechtsextremistische Presseorgan in Deutschland, womit ihm nicht nur f\u00fcr die Partei, sondern auch f\u00fcr die gesamte rechtsextremistische Szene eine erhebliche Bedeutung zukommt. Wahlen Als Wahlpartei ist die DVU erfolgreicher als jede andere rechtsextremistische Partei: Seit Gr\u00fcndung der DVU als politische Partei im Jahr 1987 konnten rechtsextremistische Parteien vierzehn Mal in deutsche Landesparlamente einziehen, davon allein neun Mal die DVU. Allerdings waren vier ihrer Wahlerfolge einer Besonderheit des Bremer B\u00fcrgerschaftswahlrechts geschuldet.268 Diese Erfolge sind vor allem darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass FREY seine Partei nur zu Wahlen antreten l\u00e4sst, bei denen er ihr eine wenigstens halbwegs realistische Aussicht auf Erfolg einr\u00e4umt269, und dann 267 NZ Nr. 37 vom 7. September 2007, Artikel \"Polens neue Forderungen - Muss Deutschland ewig zahlen?\" von Andreas MOLAU, S. 1. NZ Nr. 42 vom 12. Oktober 2007, Artikel \"Wer profitiert vom 'Aufschwung'? Das gro\u00dfe Fressen der Konzerne\" von Andreas MOLAU, S. 1. 268 Bei den Wahlen zur Bremischen B\u00fcrgerschaft muss eine Partei nur in einem der beiden Wahlgebiete, in Bremen oder Bremerhaven, die 5-Prozent-H\u00fcrde \u00fcberwinden, um in das Parlament einzuziehen. Lediglich bei der B\u00fcrgerschaftswahl 1991 gelang der DVU mit 6,2 Prozent im gesamten Land Bremen der Sprung in das Parlament in Fraktionsst\u00e4rke. 1987, 1999, 2003 und 2007 \u00fcberwand sie diese H\u00fcrde nur in Bremerhaven. 269 Die DVU trat seit 1987 daher nur zu 17 Landtagswahlen, einer Bundestagsund einer Europawahl an. 167","auch bereit ist, erhebliche Summen in den Wahlkampf zu investieren. Zudem ist die DVU aufgrund der bereits genannten Absprachen seit 2004 bei Wahlen vor Konkurrenzkandidaturen durch die NPD gesch\u00fctzt. Seit 1999 ist die DVU mit einer Fraktion im brandenburgischen Landtag vertreten, die seit 2004 sechs Abgeordnete umfasst. Bei der einzigen Landtagswahl des Jahres 2007, der Wahl zur Bremischen B\u00fcrgerschaft am 13. Mai, konnte die DVU wiederum einen Wahlerfolg feiern. Zwar verfehlte sie mit landesweit 2,7 Prozent der Stimmen (2003: 2,3 Prozent) den Einzug in Fraktionsst\u00e4rke relativ deutlich, konnte jedoch aufgrund ihres Teilergebnisses von 5,4 Prozent im Wahlbereich Bremerhaven (2003: 7,1 Prozent) wieder einen Abgeordneten in die B\u00fcrgerschaft entsenden. Doch schon am 17. Juli 2007 erkl\u00e4rte dieser Bremer DVU-B\u00fcrgerschaftsabgeordnete, Siegfried TITTMANN, seinen Parteiaustritt. Mit TITTMANN verlor die DVU zudem einen ihrer beiden stellvertretenden Bundesvorsitzenden. Aktivit\u00e4ten Bei den generell geringen Aktivit\u00e4ten des baden-w\u00fcrttembergischen DVULandesverbandes lie\u00dfen sich 2007 nur geringf\u00fcgige Steigerungen feststellen. So veranstaltete er am 10. M\u00e4rz 2007 zwar wieder einen Landesparteitag, der der NZ jedoch nur eine kurze Randnotiz wert war, aus der nicht einmal der Veranstaltungsort hervorgeht.270 Von den DVU-Stammtischen in Aalen/Heidenheim, Heilbronn und Schw\u00e4bisch Hall, die im Laufe des Jahres 2007 auf der DVU-Bundeshomepage und in der NZ beworben wurden271, geht, keine soweit sie \u00fcberhaupt stattfinden, keine Au\u00dfenwirkung aus. Zudem f\u00fchrte Au\u00dfenwirkung die Partei 2007 in Baden-W\u00fcrttemberg vereinzelte Versammlungen durch, die allerdings ebenfalls keine ernsthafte Au\u00dfenwirkung entfalteten. Eine dieser Versammlungen fand mit etwa 30 Teilnehmern am 23. Juni 2007 in Karlsruhe statt. Laut vorangegangener Ank\u00fcndigungen via Internet und NZ sollte mit Bruno WETZEL einer der beiden stellvertretenden DVUBundesvorsitzenden als Redner auftreten.272 F\u00fcr den 4. November 2007 wurde auf der Internetseite der Bundes-DVU und in der NZ eine Versammlung im Raum Aalen/Heidenheim angek\u00fcndigt, auf der der neue, in Bayern (!) wohnhafte DVU-Landesvorsitzende von Baden-W\u00fcrttemberg, Walter BAUR, sprechen sollte.273 Auf der Internetseite der Bundes-DVU 270 NZ Nr. 12 vom 16. M\u00e4rz 2007, Artikel \"DVU demonstriert Geschlossenheit\", S. 9. 271 NZ Nr. 5 vom 26. Januar 2007, S. 14. NZ Nr. 44 vom 26. Oktober 2007, S. 14. Homepage der BundesDVU vom 2. November 2007. 272 NZ Nr. 26 vom 22. Juni 2007, S. 14. Homepage der Bundes-DVU vom 5. Juni 2007. 273 NZ Nr. 44 vom 26. Oktober 2007, S. 14. Homepage der Bundes-DVU vom 23. Oktober 2007. 168","Rechtsextremismus wird dem Besucher zwar mittlerweile ein \"Link zum DVU-Landesverband BadenW\u00fcrttemberg\" angeboten, doch verbirgt sich dahinter lediglich ein zweiseitiges, \"B\u00fcrgerinformation der DVU BadenW\u00fcrttemberg\" betiteltes Flugblatt, nicht aber eine Homepage im eigentlichen Sinne.274 5. Sonstige rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten 5.1 Organisationsunabh\u00e4ngige rechtsextremistische Verlage in Baden-W\u00fcrttemberg: \"GRABERT-Verlag\"/\"HohenrainVerlag\" Der 1953 von Dr. Herbert GRABERT (verstorben 1978) in T\u00fcbingen als \"Verlag der deutschen Hochschullehrerzeitung\" gegr\u00fcndete \"GRABERT-Verlag\" firmiert seit 1974 unter seinem jetzigen Namen. Seit 1972 fungiert GRABERTs Sohn Wigbert als Verlagsleiter und seit dem Tod seines Vaters als alleiniger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Der Verlag z\u00e4hlt nicht nur zu den \u00e4ltesten, sondern auch zu den bedeutendsten organisations-unabh\u00e4ngigen rechtsextremistischen Verlagen in Deutschland: Mittlerweile hat er sich mehrere Tochterunternehmen zugelegt, darunter den 1985 gegr\u00fcndeten und ebenfalls in T\u00fcbingen ans\u00e4ssigen \"Hohenrain-Verlag\", der wie der \"GRABERT-Verlag\" seit 2004 mit einer eigenen Seite im Internet vertreten ist. \u00dcber die \"Versandbuchhandlung GRABERT\" vertreiben die beiden Verlage ihre Produkte jedoch auch weiterhin auf konventionelle Weise. Die Mitglieder des \"Deutschen Buchkreises\" sind berechtigt, B\u00fccher der beiden Verlage unter bestimmten Bedingungen zu g\u00fcnstigeren Konditionen zu beziehen. In den relativ zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen des \"GRABERT-\" und des \"Hohenrain-Verlages\" werden immer wieder entschieden rechtsextremistische Positionen propagiert. Schon wiederholt wurden daher Publikationen der beiden Verlage wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener eingezogen und/oder von der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien (BPjM) indiziert. So wurden am 31. Mai 2007 bei einer richterlich angeordneten Durchsuchung der Wohnund Gesch\u00e4ftsr\u00e4ume GRABERTs die Restexemplare der Nummer 1 vom Februar 2007 aus dem 55. Jahrgang der viertelj\u00e4hrlich in T\u00fcbingen erschei274 Homepage der Bundes-DVU vom 29. Oktober 2007. 169","nenden Zeitschrift \"Deutschland in Geschichte und Gegenwart - Zeitschrift f\u00fcr Kultur, Geschichte und Politik\" (DGG) beschlagnahmt. Bereits am 18. Mai 2007 hatte die Staatsanwaltschaft T\u00fcbingen gegen Wigbert GRABERT, der damals noch (laut Impressum in Zusammenarbeit mit dem faktisch inexistenten \"Institut f\u00fcr deutsche Nachkriegsgeschichte\") Herausgeber der pseudowissenschaftlich aufgemachten, meist 50-seitigen DGG war, und gegen zwei Autoren der Zeitschrift in dieser Sache ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Anlass f\u00fcr Ermittlungsverfahren und Beschlagnahme waren zwei Artikel aus der besagten DGG-Nummer. In einem davon wird die Existenz von Gaskammern zur Ermordung von Juden in deutschen Konzentrationslagern w\u00e4hrend der NS-Diktatur und damit das historische Faktum des Holocaust am europ\u00e4ischen Judentum unter Hinweis auf einen angeblichen Mangel an Sachbeweisen mit S\u00e4tzen wie den folgenden zumindest massiv in Zweifel gezogen: \"Tatsache ist (...), dass von einem rechtsstaatlich einwandfrei durch Sachbeweise erbrachten Nachweis der NS-Gaskammern nach wie vor keine Rede sein kann. (...) Einzig im Fall der Holocaust-Anklage wird jede Sachbeweisaufnahme nicht nur unterlassen, sondern sogar verweigert. (...) Die drastische Fehlentwicklung in den Strafprozessen gegen mutma\u00dfliche NS-Gaskammer-Massenm\u00f6rder, n\u00e4mlich die Verurteilung und Bestrafung ohne jegliche Sachbeweise, hat viele Ursachen. (...) Die entscheidende Tatfrage, ob es die Gaskammern \u00fcberhaupt gegeben habe, wurde in keinem einzigen Prozess jemals gestellt, sie wurden einfach als gegeben vorausgesetzt. (...) Die Holocaust-Anklage steht und f\u00e4llt mit den Massenmord-Gaskammern, weil eine andere effektive Art des Genozids weder je behauptet noch beschrieben wurde. (...) Die Existenz von Gaskammern scheint im Rang eines quasi-religi\u00f6sen Dogmas zu stehen, dem die Wirklichkeit von Sachbeweisen nichts anhaben darf. (...) Meine Klienten weigern sich (...), und zwar - im Einklang mit dem abendl\u00e4ndischen Rechtsstandard - zu Recht, die ungeheuerliche Bezichtigung anzuerkennen, Deut170","Rechtsextremismus sche und \u00d6sterreicher h\u00e4tten die planm\u00e4\u00dfige millionenfache Ermordung von Angeh\u00f6rigen des j\u00fcdischen Volkes in Gaskammern von 'Vernichtungslagern' begangen, solange die allein objektiven und sicheres Wissen vermittelnden zahlreichen Sachbeweise nicht erhoben sind und diese Beschuldigung erh\u00e4rtet haben. (...) Dass offenbar kein deutsches und \u00f6sterreichisches Gericht Gewissheit dar\u00fcber erlangen will, wie es wirklich war, legt nat\u00fcrlich die Vermutung nahe, dass man dort l\u00e4ngst mit politisch unerw\u00fcnschten, f\u00fcr die bisherige Rechtssprechung und die Siegerm\u00e4chte besch\u00e4menden Erkenntnissen rechnet.\" 275 Diese Vorg\u00e4nge um die DGG-Nummer 1 vom Februar 2007 bedeuteten schon den zweiten schweren R\u00fcckschlag f\u00fcr GRABERT und seinen Verlag in relativ kurzer Zeit. Bereits am 6. Februar 2007 war gegen GRABERT ein - noch nicht rechtskr\u00e4ftiges - Urteil des Amtsgerichts T\u00fcbingen ergangen, in dem er wegen Volksverhetzung zu einer Freiheitsstrafe von drei Monaten auf Bew\u00e4hrung verurteilt wurde. Hintergrund des Verfahrens war auch diesmal ein DGG-Artikel, allerdings aus einer Nummer des Vorjahres. Die aus dem neuerlichen Ermittlungsverfahren drohenden juristischen Konsequenzen bewogen GRABERT nach DGG-Angaben, \"die verantwortliche Herausgeberschaft der DGG nach 28 Jahren\" abzugeben.276 Seit der DGG-Nummer 2 vom Juni 2007 ist Dr. Rolf KOSIEK - wie zuvor GRABERT laut Impressum angeblich \"mit zahlreichen Fachgelehrten des Inund Auslands und in Zusammenarbeit mit dem Institut f\u00fcr deutsche Nachkriegsgeschichte\" 277 - neuer DGG-Herausgeber, ein einschl\u00e4gig bekannter Rechtsextremist aus N\u00fcrtingen, der schon zuvor Teil des zweik\u00f6pfigen DGG-Redaktionsteams war und nach wie vor ist. Mit dem mittlerweile im 18. Jahrgang erscheinenden \"Euro-Kurier - Aktuelle Buchund Verlags-Nachrichten\" verf\u00fcgt der \"GRABERT-Verlag\" \u00fcber ein weiteres Periodikum, das sogar alle zwei Monate erscheint, daf\u00fcr aber weit weniger umfangreich ist als die DGG. Der rechtsextremistische Charakter vieler der im \"Euro-Kurier\" ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge, die zu einem erheblichen Teil auch der Werbung f\u00fcr Publikationen aus den beiden Verlagen dienen, steht demjenigen der meisten DGG-Artikel in Nichts nach. So wurden im \"Euro-Kurier\" zwei im Jahr 2007 unter anderem wegen Volksver275 DGG Nr. 1 vom Februar 2007, Artikel \"Die strafrechtliche Seite des Holocaust-Problems - Ein Verteidiger hat das Wort\", S. 20-27. Hier: S. 20-27, Zitate s. S. 20, 20, 21, 22, 24. 276 DGG Nr. 2 vom Juni 2007, Artikel \"Hambach und heute\", S. 1. 277 Ebd., S. 1. 171","hetzung rechtskr\u00e4ftig verurteilte f\u00fchrende Protagonisten der internationalen rechtsextremistischen Geschichtsrevisionistenszene, Ernst Z\u00dcNDEL und Germar RUDOLF, als \"v\u00f6llig gewaltfreie, in aufrichtigem Bem\u00fchen f\u00fcr die historische Wahrheit sowie in patriotischer Absicht f\u00fcr Gerechtigkeit f\u00fcr ihr Volk eintretenden Idealisten\" bezeichnet und das juristische Vorgehen gegen sie scharf kritisiert.278 5.2 \"Gesellschaft f\u00fcr freie Publizistik e. V.\" (GfP) Die \"Gesellschaft f\u00fcr freie Publizistik e. V.\" (GfP), 1960 von ehemaligen SSund NSDAP-Angeh\u00f6rigen gegr\u00fcndet, ist trotz ihrer eindeutig rechtsextremistischen Ausrichtung nicht dem neonazistischen Spektrum zuzurechnen. Sie verf\u00fcgt bundesweit \u00fcber circa 500 (2006: etwa 500) und in Baden-W\u00fcrttemberg wie schon 2006 \u00fcber circa 40 Mitglieder. Sie bleibt damit die mitgliederst\u00e4rkste rechtsextremistische \"Kulturvereinigung\" in Deutschland und rekrutiert sich vor allem aus rechtsextremistischen Verlegern, Redakteuren, Publizisten und Buchh\u00e4ndlern. Ihr Mitteilungsblatt \"Das Freie Forum\" erscheint viertelj\u00e4hrlich. Als eine Art Kontaktadresse gibt die GfP ein \"Sekretariat\" mit Postfach in Oberboihingen im Kreis Esslingen an.279 Zum GfP-Jahreskongress unter dem Motto \"Geschichte und Justiz im W\u00fcrgegriff der Politik\" versammelten sich diesmal nach GfP-Angaben \"mehr als 350 Personen\" (2006: knapp 300) vom 11. bis 13. Mai 2007 \"bei Bad Kissingen\".280 Die personelle Verflechtung der GfP-F\u00fchrung mit der NPD ist nach wie vor eng: Der seit 2005 amtierende GfP-Vorsitzende Andreas MOLAU ist zugleich NPD-Bundesvorstandsmitglied und Spitzenkandidat der Partei zur nieders\u00e4chsischen Landtagswahl am 27. Januar 2008. Im GfP-Vorstand sitzt zudem bereits seit Jahren der baden-w\u00fcrttembergische NPD-Landesvorsitzende J\u00fcrgen SCH\u00dcTZINGER.281 Dr. Olaf ROSE, der seit Ende 2006 dem Parlamentarischen Beratungsdienst der s\u00e4chsischen NPD-Fraktion angeh\u00f6rt, kandidierte auf der GfP-Jahreshauptversammlung am 11. Mai 2007 in Bad Kissingen jedoch nicht wieder f\u00fcr den Vorstand.282 278 \"Euro-Kurier\" Nr. 2 vom April 2007, Artikel \"Keine Meinungsfreiheit - daf\u00fcr Gesinnungsstrafrecht: Zu den Prozessen gegen Z\u00fcndel und Rudolf\", S. 2. 279 Zum Beispiel in \"Das Freie Forum\" Nummer 2 vom April/Mai/Juni 2007, S. 16. 280 Ebd., Artikel \"Erfolgreicher Jahreskongress der GFP 2007\", S. 1-2. 281 GfP-Homepage vom 21. November 2007. 282 \"Das Freie Forum\" Nummer 2 vom April/Mai/Juni 2007, Artikel \"Bericht von der Jahreshauptversammlung 2007\", S. 4. 172","Rechtsextremismus 6. Theorieund Strategiebildung im deutschen Rechtsextremismus (Rechts)extremistische Ideologien reduzieren die komplexen Realit\u00e4ten des modernen Lebens auf wenige ideologische Leits\u00e4tze, pr\u00e4sentieren zur Erkl\u00e4rung (vermeintlicher oder tats\u00e4chlicher) gesellschaftlicher Missst\u00e4nde wenige Feindbildgruppen (zum Beispiel \"Juden\" oder \"Ausl\u00e4nder\") als \"Alleinschuldige\" und bieten vermeintlich einfache L\u00f6sungen f\u00fcr tats\u00e4chlich schwierige Probleme an. Eine solche Vereinfachung der komplizierten Wirklichkeit und die Verhei\u00dfung simpler Probleml\u00f6sungen k\u00f6nnen gerade f\u00fcr weniger gebildete Menschen sehr attraktiv sein. Dennoch ist die in den \u00f6ffentlichen Diskussionen zum Thema Rechtsextremismus h\u00e4ufig anzutreffende Auffassung, ausnahmslos alle Rechtsextremisten seien \"dumm\" oder rechtsextremistische Gesinnung automatisch ein sicherer Hinweis auf \"Dummheit\", zu eindimensional. Denn neben zahlreichen Rechtsextremisten, auf die die Charakterisierung \"intellektuell limitiert\" zutrifft, existiert auch eine nicht unerhebliche Zahl rechtsextremistischer Intellektueller. Es gen\u00fcgt ein Blick auf die Erfolge, die der NS-Studentenbund schon vor 1933 an deutschen Universit\u00e4ten f\u00fcr sich verbuchen konnte, um festzustellen, dass selbst eine \u00e4u\u00dferst fanatische Rechtsextremismusvariante wie der Nationalsozialismus auch f\u00fcr formal hoch qualifizierte, mutma\u00dflich intelligente und gebildete Menschen durchaus attraktiv sein kann. Heute kann von einer \u00e4hnlichen Verankerung des Rechtsextremismus, gar des Neonazismus an den deutschen Universit\u00e4ten keine Rede sein. Auch sind, wie Wahlanalysen belegen, formal hoch qualifizierte W\u00e4hler (zum Beispiel Akademiker) innerhalb der W\u00e4hlerschaft rechtsextremistischer Parteien in der Regel deutlich unterrepr\u00e4sentiert. Die aus diesen Tatsachen sprechende tendenziell geringe Attraktivit\u00e4t des heutigen deutschen Rechtsextremismus auf bildungsnahe Bev\u00f6lkerungsschichten kommt nicht von ungef\u00e4hr: Denn ein eklatanter Mangel an ideologisch-theoretischer Homogenit\u00e4t und Fundierung zusammen mit - nicht zuletzt daraus resultierender - Zerstrittenheit und organisatorischer Zersplitterung z\u00e4hlen schon seit Jahrzehnten zu den schwerwiegenden endogenen Charakteristiken, mit denen sich der aktuelle Rechtsextremismus konfrontiert sieht und die sein \u00f6ffentliches Image entsprechend negativ pr\u00e4gen. Bereits seit Jahren versuchen daher einige rechtsextremistische Zirkel, Periodika und Fortbildungseinrichtungen, aber auch einzeln agierende rechtsextremistische Intellektuelle, diese Defizite abzubauen und die rechtsextremistische Szene auf breiter Front mit einem m\u00f6glichst einheitlichen ideologischen und intellektuellen R\u00fcstzeug zu versehen, um damit ihre Attraktivit\u00e4t f\u00fcr bildungsnahe Schichten zu erh\u00f6hen, aber auch ihrer organisatorischen Zersplitterung Herr zu werden. Bisher hatten sie damit aber kaum Erfolg. 173","Das \"Deutsche Kolleg\" (DK), das als Kontaktadresse ein Postfach in W\u00fcrzburg angibt, bezeichnet sich selbst als \"Schwert und Schild des Deutschen Geistes\", als \"geistige Verbindung reichstreuer Deutscher und reichstreuer Schutzgenossen des Deutschen Volkes\" und \"somit\" als \"Denkorgan des Deutschen Reiches\". Hinter dieser Selbstcharakterisierung verbirgt sich eine kleine Gruppe rechtsextremistischer Theoretiker, in deren Verlautbarungen immer wieder ein besonders fanatischer, zuweilen \u00e4u\u00dferst skurril anmutender Rechtsextremismus zum Ausdruck kommt. Das DK verbreitet eigene Positionspapiere, sog. \"Erkl\u00e4rungen des Deutschen Kollegs\", \u00fcber seine Internet-Homepage und bietet Schulungsveranstaltungen an.283 Die Internet-Homepage der \"Deutschen Akademie\" (DA) ist seit ungef\u00e4hr Mitte 2007 nur noch zum Teil und unter Schwierigkeiten abrufbar. Aus diesen einzelnen Homepagebestandteilen geht aber hervor, dass der DA offenbar nach wie vor ein zweik\u00f6pfiger Sprecherrat vorsteht. Laut ihrer ebenfalls weiterhin abrufbaren \"Selbstdefinition\" betrachtet sich die DA als \"eine parteiunabh\u00e4ngige Initiative national gesinnter Deutscher, die an der geistigen Wiedergeburt ihres Volkes arbeiten.\" In ihrem Zwischenziel der \"Heranbildung einer geistigen Gegenelite zum pseudodemokratischen Vasallensystem auf deutschem Boden\" kommt die verfassungsfeindliche Sto\u00dfrichtung der DA schon sehr viel deutlicher zum Ausdruck.284 Einem Bericht auf einer anderen rechtsextremistischen Homepage ist zu entnehmen, dass die DA zur Verbreitung ihres rechtsextremistischen Gedankengutes auch in der zweiten Jahresh\u00e4lfte 2007 als Veranstalterin zumindest eines Wochenendseminars auftrat, n\u00e4mlich am 11. und 12. August 2007 \"in Oberfranken\".285 Zumindest Teile der NPD bem\u00fchen sich verst\u00e4rkt darum, sich in die Theorieund Strategiebildung im deutschen Rechtsextremismus einzubringen. So hat beispielsweise die NPD-Parteizeitung \"Deutsche Stimme\" in den letzten Jahren den Charakter eines f\u00fchrenden rechtsextremistischen Theorieund Strategieorgans angenommen. Von der im Umfeld der s\u00e4chsischen \"Dresdner Schule\" NPD-Fraktion angesiedelten so genannten \"Dresdner Schule\", deren Vertreter sich als lose gruppierter rechtsextremistischer \"Think Tank\" gerieren, der sich inhaltlich als ideologischer Gegenentwurf zur \"Frankfurter Schule\"286 anpreist, gingen 2007 allerdings keine wahrnehmbaren Aktivit\u00e4ten aus, 283 DK-Homepage vom 22. November 2007. 284 DA-\"Selbstdefinition\" vom Januar 2005, DA-Homepage vom 22. November 2007. 285 Vierteiliger \"Bericht \u00fcber die 5. Arbeitstagung 'nationalrevolution\u00e4r heute' der Deutschen Akademie\" auf einer rechtsextremistischen Homepage vom 22. November 2007. 286 Bezeichnung f\u00fcr den Kreis von Sozialund Kulturwissenschaftlern um Max Horkheimer und das Frankfurter \"Institut f\u00fcr Sozialforschung\" sowie die hier entwickelten, auf Karl Marx und Sigmund Freud basierenden soziologisch-philosophischen Lehren (auch: \"Kritische Theorie\"). 174","Rechtsextremismus auch nicht von ihrer organisatorischen Konkretisierung, dem \"Bildungswerk f\u00fcr Heimat und nationale Identit\u00e4t e. V.\". Dagegen konstituierte sich zu Jahresbeginn 2007 im Umfeld des JN-Landesverbandes Sachsen-Anhalt ein so genannter \"Nationaler Bildungskreis\" (NBK), der laut Selbstdarstellung \"auf akademischen [sic!] Niveau den Kampf um die K\u00f6pfe unterst\u00fctzen\" werde. \"Somit\" werde \"eine neue Struktur auf \u00fcberregionaler Ebene zementiert, die als zentraler Anlaufpunkt der nationalen Denkerschaft Bedeutung erlangen\" werde. \"Mit dieser\", so hei\u00dft es weiter, \"Phalanx des Wissens werden wir unterst\u00fctzend dazu beitragen, das von den Demokraten gezeichnete Bild einer ungebildeten Rechten zu zerschlagen.\" 287 Bislang konzentriert sich der NBK auf Sachsen-Anhalt, den \"Entfaltungskern des Vorhabens\" 288, wo die meisten seiner Veranstaltungen, zum Beispiel Schulungen, auch stattgefunden haben d\u00fcrften. Auf dem JN-Bundeskongress am 6. Oktober 2007 in Sachsen-Anhalt wurde die Anbindung des NBK an die JN institutionalisiert, indem ein eigenes \"Amt 'Nationaler Bildungskreis (NBK)/Schulung'\" eingerichtet wurde.289 Die 1951 gegr\u00fcndete Zeitschrift \"Nation & Europa - Deutsche Monatshefte\" (N&E) ist das \u00e4lteste rechtsextremistische Theorieund Strategieorgan und damit eine der langlebigsten Konstanten des deutschen Nachkriegsrechtsextremismus. Die N&E erscheint in der Regel monatlich im rechtsextremistischen, 1953 gegr\u00fcndeten \"Nation Europa Verlag GmbH\" im bayerischen Coburg. Sie ist mit einer eigenen Seite im Internet vertreten. 7. Aktionsfeld Geschichtsrevisionismus290: Ein Beispiel f\u00fcr die internationale Dimension des Rechtsextremismus Die rechtsextremistische Geschichtsrevisionistenszene hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte immer st\u00e4rker internationalisiert. Unter ihren Protagonisten waren und sind neben Deutschen zum Beispiel auch Briten, Franzosen, US-Amerikaner oder \u00d6sterreicher, wobei sich letztere aus einer unter 287 Text \"Mitteilung des Nationalen Bildungskreises\" auf einer rechtsextremistischen Homepage vom 22. November 2007; \u00dcbernahme wie im Original. 288 Bericht \"Nationaler Bildungskreis nimmt Arbeit auf\" auf der Homepage des JN-Landesverbandes Sachsen-Anhalt vom 22. November 2007. 289 Bericht \"JN-Mitglieder w\u00e4hlen neuen Bundesvorstand\" auf der Homepage des JN-Bundesvorstandes vom 22. November 2007. 290 Definition vgl. Kap. D Ziff.1.3. 175","Rechtsextremisten verbreiteten gro\u00dfdeutschen Perspektive h\u00e4ufig selber auch als Deutsche ansehen und von deutschen Gesinnungsgenossen als Landsleute angesehen werden. Diese internationale Dimension mag auf den ersten Blick erstaunen, da es rechtsextremistischen Geschichtsrevisionisten doch (unter anderem) darum geht, das nationalsozialistische Deutschland von der Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Gegensatz zu den historischen Fakten freizusprechen, im Gegenzug jedoch den Kriegsgegnern des \"Dritten Reiches\" - also zum Beispiel Gro\u00dfbritannien, Frankreich oder den USA - diese Schuld in die Schuhe zu schieben. Trotzdem f\u00fchlen sich nichtdeutsche Geschichtsrevisionisten - offenbar aus mehr oder minder gro\u00dfer ideologischer N\u00e4he zum Nationalsozialismus - dem historischen Ansehen des \"Dritten Reiches\" mehr verpflichtet als dem ihrer eigenen Nation. Seit 2005 musste die internationale rechtsextremistische Geschichtsrevisiof\u00fchrende nistenszene einige R\u00fcckschl\u00e4ge hinnehmen. Denn seither gingen eine Akteure Reihe ihrer f\u00fchrenden Protagonisten den deutschen und \u00f6sterreichischen in Haft Strafverfolgungsbeh\u00f6rden ins Netz. Einige davon befinden sich bis heute in Haft: Am 1. M\u00e4rz 2005 wurde der aus Baden-W\u00fcrttemberg stammende Ernst Z\u00dcNDEL von den kanadischen Beh\u00f6rden nach Deutschland abgeschoben und befindet sich seither in Haft. Die Staatsanwaltschaft Mannheim hatte gegen ihn seit 1996 unter anderem wegen des Verdachts der Volksverhetzung (SS 130 StGB) ermittelt und 2003 den nun vollstreckten Haftbefehl erlassen. Im November 2005 begann vor dem Landgericht Mannheim der Prozess gegen Z\u00dcNDEL, der mehrmals ausgesetzt wurde und am 15. Februar 2007 mit einer Verurteilung Z\u00dcNDELs endete: Das Gericht erkannte wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener (SSSS 130, 185 und 189 StGB) auf die H\u00f6chststrafe von f\u00fcnf Jahren Haft. Gegen dieses Urteil legten Z\u00dcNDELs Verteidiger beim Bundesgerichtshof Revision ein, die mit Beschluss vom 12. September 2007 verworfen wurde. Das Urteil ist damit rechtskr\u00e4ftig. Am 14. Januar 2008 wurde die ehemalige Verteidigerin Z\u00dcNDELs, die Rechtsanw\u00e4ltin Sylvia STOLZ, vom Landgericht Mannheim wegen Volksverhetzung zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verur176","Rechtsextremismus teilt. Hintergrund dieses Prozesses waren unter anderem geschichtsrevisionistische Auslassungen, die STOLZ im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Z\u00dcNDEL gemacht hatte und die zu ihrem Ausschluss aus dem damaligen Verfahren gef\u00fchrt hatten. Zudem verh\u00e4ngte das Gericht ein Berufsverbot f\u00fcr die Dauer von f\u00fcnf Jahren. Das Urteil ist noch nicht rechtskr\u00e4ftig. Die Verteidigung legte am 16. Januar 2008 Revision ein. Nach seiner Abschiebung aus den USA nach Deutschland am 14. November 2005 verb\u00fc\u00dfte Germar RUDOLF eine 14-monatige Freiheitsstrafe, zu der er 1995 vom Landgericht Stuttgart wegen Volksverhetzung in Tateinheit mit Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, Beleidigung und Aufstachelung zum Rassenhass verurteilt worden war291 und der er sich 1996 durch Flucht ins Ausland entzogen hatte. Schon am 14. November 2006 begann vor dem Landgericht Mannheim der n\u00e4chste Prozess gegen RUDOLF. Am 15. M\u00e4rz 2007 wurde er wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener in zwei F\u00e4llen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Noch im Gerichtssaal nahm RUDOLF das Urteil an, das somit rechtskr\u00e4ftig ist. Am 4. Oktober 2007 wurde der \u00f6sterreichische Geschichtsrevisionist und Holocaust-Leugner Gerd HONSIK von Spanien an \u00d6sterreich ausgeliefert. HONSIK war bereits 1992 vom Landgericht Wien wegen NS-Wiederbet\u00e4tigung zu 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden. Er hatte sich jedoch noch w\u00e4hrend des Berufungsverfahrens nach Spanien abgesetzt, wo er am 23. August 2007 festgenommen wurde. Auch in den letzten anderthalb Jahrzehnten hatte HONSIK rechtsextremistische Inhalte publiziert, auch \u00fcber das Internet. Nach Angaben des Wiener Landgerichts hat HONSIK am 5. Oktober 2007 freiwillig seine Haftstrafe angetreten. Der Abschluss des Berufungsverfahrens stehe aber noch aus und damit auch die Entscheidung \u00fcber das endg\u00fcltige Strafma\u00df. Laut \u00f6sterreichischen Medienberichten292 best\u00e4tigte das Wiener Oberlandesgericht am 3. Dezember 2007 das Urteil von 1992 samt Strafma\u00df. 291 Gegenstand des Verfahrens war unter anderem das so genannte \"Rudolf-Gutachten\", ein pseudo-wissenschaftliches Scheingutachten, mit dem der Chemiker die Existenz von Gaskammern in Konzentrationslagern widerlegen wollte. 292 So zum Beispiel der \u00d6sterreichische Rundfunk (ORF) auf seiner Homepage am 24. Januar 2008. 177","Rechtsextremistische Geschichtsrevisionisten verbreiten ihre Thesen h\u00e4ufig \u00fcber das Internet, da sie sich hier vor Strafverfolgung sicher f\u00fchlen. Dieser Kalkulation steht aber ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs vom 12. Dezember 2000 entgegen, wonach sich auch in Deutschland strafbar macht, wer \u00c4u\u00dferungen, die den Tatbestand der Volksverhetzung im Sinne des SS 130 Abs. 1 oder des SS 130 Abs. 3 StGB erf\u00fcllen (\"Auschwitz-L\u00fcge\") und die konkret zur St\u00f6rung des \u00f6ffentlichen Friedens im Inland geeignet sind, auf einem ausl\u00e4ndischen, aber Internetnutzern in Deutschland zug\u00e4nglichen Server in das Internet einstellt. Aber das World Wide Web ist nicht das einzige Medium, \u00fcber das geschichtsrevisionistische Thesen Verbreitung finden. Nach wie vor stehen dem Geschichtsrevisionismus auch klassische Printmedien offen, zum Beispiel die rechtsextremistische Zeitschrift \"Deutsche Geschichte - Europa und die Welt\" (DG). Die DG erscheint alle zwei Monate im rechtsextremistischen \"Druffel & Vowinckel-Verlag\" im bayerischen Inning, hinter dem sich die rechtsextremistische \"Verlagsgesellschaft Berg mbH\" (VGB) in Inning verbirgt. Sie widmet sich auf \u00fcber 60 Seiten schwerpunktm\u00e4\u00dfig historischen Themen, die f\u00fcr die rechtsextremistische Szene aus verschiedenen ideologischen Gr\u00fcnden von Bedeutung sind. Das umfasst auch geschichtsrevisionistische Umdeutungen der f\u00fcr Rechtsextremisten neuralgischen historischen Ereignisse, ohne dass dabei jedoch strafrechtliche Normen verletzt werden. Unter den wechselnden Mitarbeitern der Zeitschrift befinden sich mehrere einschl\u00e4gige Rechtsextremisten. So stellte Andreas MOLAU, NPD-Bundesvorstandsmitglied und Spitzenkandidat der Partei zur nieders\u00e4chsischen Landtagswahl am 27. Januar 2008, in der DG-Ausgabe vom August 2007 seine Sicht der Krawalle linksextremistischer Autonomer am Rande des G8Gipfels im Juni 2007 in Heiligendamm dar.293 Mit ihrem unverd\u00e4chtigen Titel und ihrer bunten, oberfl\u00e4chlich ansprechenden Titelseite \u00e4hnelt die DG im Layout einigen der auf dem Markt befindlichen popul\u00e4rwissenschaftlichen Geschichtszeitschriften, die nicht extremistisch ausgerichtet sind. Das f\u00fchrt dazu, dass sie leicht mit diesen unbedenklichen Publikationen verwechselt werden kann und manchmal im \u00f6ffentlichen Zeitschriftenhandel neben diesen angeboten wird. Die DG tritt auch als Veranstalterin von Tagungen und Vortragsveranstaltungen auf. So k\u00fcndigte sie f\u00fcr den 24. bis 26. August 2007 das mittlerweile \"7. Erlebnis-Wochenende Geschichte\" mit Vortr\u00e4gen zum Thema \"Preu\u00dfen und Deutschland\" im \"Gro\u00dfraum 293 DG Ausgabe 90 vom August 2007, Artikel \"Generalprobe f\u00fcr den B\u00fcrgerkrieg\" von Andreas MOLAU, S. 16. 178","Rechtsextremismus Berlin\" an294, das nach sp\u00e4teren DG-Angaben mit \u00fcber 150 Teilnehmern in Potsdam stattfand.295 8. Das rechtsextremistisches Aktionsfeld \"Wortergreifungsstrategie\" Im Jahr 2007 war eine im Vergleich zu fr\u00fcheren Jahren deutlich h\u00e4ufigere Umsetzung der so genannten \"Wortergreifungsstrategie\" durch Rechtsextremisten - nicht zuletzt durch Vertreter von NPD und JN - zu beobachten. Dabei ist die \"Wortergreifungsstrategie\" nicht neu: Sie wurde bereits vor Jahren f\u00fcr rechtsextremistische Bed\u00fcrfnisse konzipiert und propagiert, wobei auch wieder NPD-Vertreter eine zentrale Rolle spielten. So \"schult[e]\" der NPD-Parteivorstand laut einer Aussage Udo VOIGTs vom August 2003 \"die Methode der Wortergreifung\" seit sp\u00e4testens der Jahresmitte 2001.296 Eine so genannte \"Wortergreifung\" ist das gezielte und ostentative Erscheinen von Rechtsextremisten auf oder am Rande von \u00f6ffentlichen Veranstaltungen (zum Beispiel auf Versammlungen, Demonstrationen, Vortr\u00e4gen, Podiumsdiskussionen), die gerade nicht von Rechtsextremisten organisiert worden sind. Das Spektrum der Organisationen, deren \u00f6ffentliche Veranstaltungen von solchen \"Besuchen\" durch Rechtsextremisten potenziell betroffen sein k\u00f6nnen, ist breit: Es umfasst unter anderem Parteien, B\u00fcrgerinitiativen, Vereine oder staatliche Einrichtungen. Das Themenspektrum der Veranstaltungen, auf der Rechtsextremisten bevorzugt \"das Wort ergreifen\", ist dagegen etwas \u00fcbersichtlicher, scheinen hier doch Veranstaltungen zum Thema \"Rechtsextremismus\" st\u00e4rker im Fokus zu stehen als andere. Rechtsextremistische \"Wortergreifungen\" erfolgen also auf fremdem Terrain, aber h\u00e4ufig in eigener Sache. Bei diesen Aktionen lassen es Rechtsextremisten meist nicht bei blo\u00dfer Pr\u00e4senz bewenden, sondern versuchen auch, das Wort zu ergreifen, also durch Diskussionsbeitr\u00e4ge oder in anderer Weise ihre Positionen vorzubringen, beispielsweise durch das Skandieren von Parolen, das Entrollen von Transparenten oder das Verteilen von Propagandamaterial. 294 DG Ausgabe 90 vom August 2007, S. 2 und 5. 295 DG Ausgabe 91 vom Oktober 2007, Artikel \"Preu\u00dfen und Deutschland\", S. 71. 296 DS Nr. 08/03 vom August 2003, Artikel \"Mitgliederwerbeaktion: Mit Wortergreifungsstrategie zum Erfolg - Udo Voigt \u00fcber das geistig offensive Auftreten im \u00f6ffentlichen Raum\", S. 10, \u00dcbernahme der Artikel\u00fcberschrift wie im Original. W\u00f6rtlich hei\u00dft es dort: \"Der Parteivorstand schult [...] seit gut zwei Jahren die Methode der Wortergreifung.\" Aus dieser Angabe und dem Erscheinungsdatum des Artikels ergibt sich, dass besagte Schulungen ungef\u00e4hr sp\u00e4testens zur Jahresmitte 2001 begonnen haben m\u00fcssten. 179","Die Ziele, die Rechtsextremisten mit ihren \"Wortergreifungen\" verfolgen, lassen sich grob in zwei Dimensionen unterteilen, die naturgem\u00e4\u00df eng miteinander verbunden sind: Die \"Wortergreifungsstrategie\" soll nach dem Willen ihrer rechtsextremistischen Urheber einerseits dem Rechtsextremismus selber m\u00f6glichst gro\u00dfen Nutzen bringen, insbesondere zum Aufbrechen seiner gesellschaftlichen Isolation beitragen, andererseits die politischen Gegner des Rechtsextremismus m\u00f6glichst schwer und nachhaltig, weil vor den Augen der \u00d6ffentlichkeit, besch\u00e4digen. 8.1 Die rechtsextremistische \"Wortergreifungsstrategie\" als Versuch, der gesellschaftlichen Isolation zu entkommen Die Situation des Rechtsextremismus ist in weiten Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft seit Jahrzehnten von entschiedener Ablehnung, Ausgrenzung oder Nichtbeachtung und daraus resultierend von Isolation, Marginalisierung und - abgesehen von Ausnahmen wie zum Beispiel einzelnen Landtagswahlerfolgen - von Erfolglosigkeit gepr\u00e4gt. Seit einigen Jahren veranlasst das Bewusstsein um diese Situation zumindest diejenigen Rechtsextremisten, denen ihre ideologische Propaganda nicht nur zur rein innerszenischen Selbstvergewisserung dient, sondern die ernsthaft nach politischgesellschaftlichem Einfluss und Geh\u00f6r streben, zu \u00dcberlegungen, wie die eigene gesellschaftliche Akzeptanz und B\u00fcndnisf\u00e4higkeit erh\u00f6ht werden k\u00f6nnte. Ein Weg, den deutsche Rechtsextremisten dabei bereits seit Jahren Modernisierung beschreiten, besteht in einer Modernisierung des rechtsextremistischen Proder Themen pagandathemenkanons, also in einer thematischen Akzentverschiebung weg von den \"klassischen\" rechtsextremistischen Propagandathemen (zum Beispiel Geschichtsund Gebietsrevisionismus) hin zu aktuelleren, popul\u00e4reren und urspr\u00fcnglich vielleicht sogar eher f\u00fcr andere politische Lager spezifischen Themen (zum Beispiel Globalisierungsgegnerschaft, Antikapitalismus, Wirtschaftsund Sozialthemen im Allgemeinen, Antiamerikanismus), mit denen allerdings dieselben rechtsextremistischen Inhalte in die Gesellschaft transportiert werden sollen. Ziel dieser Strategie ist, an gesamtgesellschaftliche Diskurse anzukn\u00fcpfen, in der Mehrheitsgesellschaft an Akzeptanz zu gewinnen, um so die eigene Isolation aufzubrechen und neue Mitglieder und Anh\u00e4nger, vielleicht sogar B\u00fcndnispartner au\u00dferhalb des eigenen ideologischen Ghettos zu gewinnen. Doch selbst wenn Rechtsextremisten ihre Propaganda dieser thematischen Akzentverschiebung unterziehen, sind die Verantwortlichen und die Inhalte dieser Agitation m\u00fchelos als rechtsextremistisch zu erkennen und sto\u00dfen demzufolge auf dieselbe gesellschaftliche Ablehnung wie zuvor. So ist bei180","Rechtsextremismus spielsweise die \"Deutsche Stimme\", die diese Akzentverschiebung hin zu wirtschaftsund sozialpolitischen Themen in den vergangenen Jahren relativ weitgehend vollzogen hat, bis heute keine gesamtgesellschaftlich auch nur ansatzweise diskursf\u00e4hige Monatszeitung, da ihr rechtsextremistischer Charakter als NPD-Parteizeitung selbst dem oberfl\u00e4chlichen Leser ins Auge springen muss. Rechtsextremistische Demonstrationen, deren Veranstalter h\u00e4ufig nur Teilnehmerzahlen im zweibis niedrigen dreistelligen Bereich mobilisieren k\u00f6nnen und sich gleichzeitig regelm\u00e4\u00dfig mit Gegendemonstranten in bis zu f\u00fcnfstelliger Anzahl konfrontiert sehen, f\u00fchren dem deutschen Rechtsextremismus seine gesamtgesellschaftliche Isolation immer wieder drastisch vor Augen. Solche \u00f6ffentlichen Veranstaltungen erregen h\u00f6chstens eine negative Aufmerksamkeit, deren propagandistischer Nutzen f\u00fcr Rechtsextremisten zumindest zweifelhaft ist. Nicht\u00f6ffentliche rechtsextremistische Veranstaltungen (zum Beispiel Vortragsveranstaltungen) laufen unter anderem aus Angst vor gewaltbereiten linksextremistischen St\u00f6rern oder aus Sorge, bei Bekanntwerden des Vorhabens keine entsprechenden R\u00e4umlichkeiten anmieten zu k\u00f6nnen, oftmals geradezu konspirativ ab. Damit haben rechtsextremistische Veranstaltungen vielfach einen ausschlie\u00dflich auf die Szene selbst bezogenen Charakter und erzielen nicht die gew\u00fcnschte Propagandawirkung. Diese Problematik wird im Grundsatz auch von Rechtsextremisten erkannt. Ihre Reaktion darauf ist die \"Wortergreifungsstrategie\". Indem sie versuchen, die Veranstaltungen nichtrechtsextremistischer Organisatoren, wom\u00f6glich sogar ihrer politischen Gegner, zur Trib\u00fcne ihrer Propaganda umzufunktionieren, beabsichtigen sie Folgendes: 1. Eine breitere \u00d6ffentlichkeit, Aufmerksamkeit und Medienwirksamkeit f\u00fcr ihre Organisationen und ideologischen Positionen herzustellen, als dies mit ihren eigenen Veranstaltungen m\u00f6glich ist. 181","2. Haupts\u00e4chlich Veranstaltungen, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus zum Gegenstand haben, zu konterkarieren, wenn nicht sogar in ihr Gegenteil, n\u00e4mlich in Werbeveranstaltungen f\u00fcr rechtsextremistische Positionen, umzufunktionieren. 3. Das Image des Rechtsextremismus in der \u00d6ffentlichkeit zu verbessern. 4. Kosten, Organisationsund sonstigen Aufwand zu sparen, die vom Veranstalter getragen werden. Auch steht f\u00fcr Rechtsextremisten nicht zu bef\u00fcrchten, dass zum Beispiel eine von Demokraten angemeldete Demonstration verboten oder nur unter Auflagen genehmigt wird, weil eine - im Regelfall ohnehin nicht angek\u00fcndigte - Teilnahme von Rechtsextremisten zu erwarten ist. 5. Die nichtrechtsextremistischen Besucher der jeweiligen Veranstaltungen durch die meist v\u00f6llig unerwartete direkte Konfrontation mit rechtsextremistischen Inhalten f\u00fcr diese mindestens zu interessieren, wenn m\u00f6glich sogar davon zu \u00fcberzeugen und so letztlich neue Anh\u00e4nger, Sympathisanten und Mitglieder (beispielsweise der NPD oder JN) zu werben. Schon in seinem DS-Artikel vom August \"Mitglieder2003 hatte Udo VOIGT die \"Wortergreifungsstrategie\" als \"Mitgliewerbeaktion\" derwerbeaktion\" ganz in den Dienst der Mitgliederwerbung gestellt, wie nicht nur aus der Artikel\u00fcberschrift, sondern auch aus der Eingangsfrage \"Wo und wie kann man neue Interessenten ansprechen und weitere Mitglieder gewinnen?\" hervorgeht.297 Dennoch sind rechtsextremistische \"Erfolgsmeldungen\" in diesem Zusammenhang mit der gebotenen \u00e4u\u00dfersten Vorsicht zur Kenntnis zu nehmen, attestieren Rechtsextremisten ihren \"Wortergreifungen\" im Nachgang doch fast immer gro\u00dfen Erfolg. 8.2 \"Wortergreifung\" zur Besch\u00e4digung des politischen Gegners Udo VOIGT betonte zwar schon im August 2003, \"Ziel\" einer \"Wortergreifung\" sei \"nicht immer Provokation um jeden Preis\" 298. Aber nicht nur diese Formulierung und so mancher rechtsextremistische Bericht \u00fcber eine sol297 Ebd. 298 DS Nr. 08/03 vom August 2003, Artikel \"Mitgliederwerbeaktion: Mit Wortergreifungsstrategie zum Erfolg - Udo Voigt \u00fcber das geistig offensive Auftreten im \u00f6ffentlichen Raum\", S. 10, \u00dcbernahme der Artikel\u00fcberschrift wie im Original. 182","Rechtsextremismus che Aktion lassen die Lust an der Provokation des politischen Gegners mehr als nur erahnen. Keine Einzelf\u00e4lle sind Berichte aus der Szene, in denen Rechtsextremisten sich selbst mit Befriedigung bescheinigen (beziehungsweise dem politischen Gegner unterstellen), ihr Erscheinen und provokatives Auftreten habe bei anderen Anwesenden \"ein mulmiges Gef\u00fchl\", \"Nervosit\u00e4t\", \"innere Unruhe\"299 oder \"allgemeine Verwirrung\" 300 verursacht. Dennoch w\u00fcrden wohl alle rechtsextremistischen \"Wortergreifer\" den Vorwurf, ihr Auftreten ziele auf Einsch\u00fcchterung oder gar Gewaltandrohung ab, zur\u00fcckweisen, und sei es nur aus taktischen Erw\u00e4gungen. Erkl\u00e4rterma\u00dfen geht es ihnen bei \"Wortergreifungen\" darum, den politischen Gegner - gleich welcher Couleur - vorzuf\u00fchren, blo\u00dfzustellen und zu blamieren. Sie versuchen, gegnerische Veranstaltungsorganisatoren, Diskussionsteilnehmer etc. als vermeintliche Versager zu \"demaskieren\", die nur \"\u00fcber\" Rechtsextremisten, nicht aber \"mit\" ihnen sprechen k\u00f6nnten und einer \"Wortergreifung\", also einer direkten Konfrontation mit dem Diskussionsgegenstand, hilflos und fachlich \u00fcberfordert gegen\u00fcberstehen. Jegliches zivilgesellschaftliche, parteipolitische und staatliche Engagement bei der Bek\u00e4mpfung des Rechtsextremismus soll auf diese Weise ins L\u00e4cherliche gezogen und ihm seine geistig-moralische Basis abgesprochen werden. Auffallend oft finden Rechtsextremisten noch w\u00e4hrend oder nach zu - aus ihrer Sicht - gegl\u00fcckten \"Wortergreifungen\" deutliches Lob f\u00fcr nichtrechtsextremistische Organisatoren und/oder Referenten der jeweiligen Veranstaltung. So wird zum Beispiel Veranstaltungsoder Diskussionsleitern Fairness oder sogar Mut attestiert, wenn sie auch Rechtsextremisten zu Veranstaltung und Diskussion zugelassen haben. Mancher nichtrechtsextremistische Referent sieht sich mit dem h\u00f6chst zweifelhaften Kompliment von rechtsextremistischer Seite konfrontiert, sein Beitrag sei von Sachlichkeit, Sachkenntnis, Intelligenz und/oder Objektivit\u00e4t gepr\u00e4gt gewesen. Diese - vordergr\u00fcndige - Anerkennung deutscher Rechtsextremisten f\u00fcr erkl\u00e4rte politische Gegner scheint auf den ersten Blick schwer verst\u00e4ndlich, wenn man daneben die heftigen Attacken betrachtet, die teils dieselben Rechtsextremisten gegen andere Veranstaltungsorganisatoren und Referenten vorbringen. Dieses Verhalten rechtsextremistischer \"Wortergreifer\" l\u00e4sst sich auf zwei Ebenen deuten: 299 Bericht \"Wortergreifungsstrategie der NPD wird auch im S\u00fcdwesten angewandt\", Homepage des NPDLandesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 1. August 2007. 300 Bericht \"LINKE gr\u00fcnden Kreisverband - Wir waren dabei!\", Homepage des JN-Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg vom 23. Oktober 2007; \u00dcbernahme der Bericht\u00fcberschrift wie im Original. 183","Einerseits mag es tats\u00e4chlich der Freude und Genugtuung dar\u00fcber geschuldet sein, dass man zu Veranstaltung und Diskussion zugelassen wurde. Das Lob w\u00e4re dann wohl nicht nur als Anerkennung f\u00fcr diese Entscheidung gedacht, sondern auch als Ansporn zur Nachahmung f\u00fcr zuk\u00fcnftige nichtrechtsextremistische Veranstalter. Andererseits legt die H\u00e4ufigkeit und zuweilen auch die Art und Weise, in der Rechtsextremisten in diesem Zusammenhang erkl\u00e4rten politischen Gegnern Lob zollen, noch eine weitere Deutung nahe: Demnach ist diese Anerkennung auch oder sogar prim\u00e4r ein Vehikel, mit dem Verunsicherung in die Reihen der unfreiwillig Gelobten getragen werden soll, deren Selbstverst\u00e4ndnis ja davon ausgeht, gerade von Rechtsextremisten Zustimmung weder zu erstreben noch zu verdienen. Zudem ist rechtsextremistisches Lob, zumal wenn es bei ein und derselben Gelegenheit mit Kritik an anderen nichtrechtsextremistischen Beteiligten und mit der Behauptung verbunden wird, die Veranstaltung sei ein voller Erfolg f\u00fcr die rechtsextremistischen \"Wortergreifer\" gewesen, dazu angetan und immer wieder wohl auch gezielt darauf ausgerichtet, die Adressaten in deren eigenen Reihen zu kompromittieren, in die Kritik zu bringen und damit einen Keil zwischen demokratische beziehungsweise zwischen linksextremistische Gegner des Rechtsextremismus zu treiben. Diese Taktik des Auseinanderdividierens durch Lob kann allerdings nur aufgehen, wenn sie von der Gegenseite nicht durchschaut wird. 9. Weitere Informationen Im Jahr 2006 erschien die Brosch\u00fcre \"Rechtsextremismus\", die neben Informationen \u00fcber ideologische Grundlagen und rechtsextremistische Bestrebungen im Einzelnen auch eine Abhandlung \u00fcber Ursachen und Anl\u00e4sse f\u00fcr rechtsextremistisches Denken und Handeln enth\u00e4lt sowie Strategien gegen den Rechtsextremismus aufzeigt. 184","Rechtsextremismus Aktuelle Informationen erhalten Sie auf unserer Homepage: http://www.verfassungsschutz-bw.de/rechts/start_rechts.htm. Dort ist auch die Brosch\u00fcre \"Rechtsextremistische Skinheads\" (2001) abrufbar, deren gedruckte Auflage vergriffen ist. 185","E. LINKSEXTREMISMUS 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen G8-Gipfel Wie die bereits 2005 angelaufenen Vorbereitungen erwarten lie\u00dfen, war das zentrales Ereignis alles \u00fcberragende Ereignis des Jahres f\u00fcr deutsche Linksextremisten der des Jahres Protest gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm vom 6. bis 8. Juni 2007. Die Tatsache, dass die Zusammenkunft der acht wichtigsten Industrienationen der Welt 2007 in Deutschland stattfand, hat die Szene in einem seit vielen Jahren nicht mehr gekannten Ausma\u00df mobilisiert. Die verschiedenen Aktionen, an deren Planung auch Linksextremisten ma\u00dfgeblich beteiligt waren, brachten Tausende von Menschen auf die Stra\u00dfe und wurden entsprechend als Erfolg gefeiert. Allerdings l\u00f6sten die gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen auf der Gro\u00dfdemonstration am 2. Juni 2007 in Rostock, die in diesem Umfang nicht erwartet worden waren, in der Szene eine nachhaltige und kontroverse Diskussion \u00fcber die \"Gewaltfrage\" aus. Inwieweit im Zuge der Protestvorbereitungen entstandene \u00fcbergreifende Strukturen und Vernetzungsans\u00e4tze auch in Zukunft Bestand haben und damit zu einer Festigung der linksextremistischen Szene beitragen werden, bleibt abzuwarten. Das Jahr 2007 bot weiter Anlass, sich der Oktoberrevolution von 1917 und damit auch des \"Roten Terrors\" in Russland sowie der von Lenin ausgehenden und durch Stalin potenzierten Spur der Gewalt zu erinnern, die im Zuge von Revolution und Aufbau des Sozialismus vielen Millionen Menschen das Leben kostete, von der \"Deutschen Kommunistischen Partei\" (DKP) jedoch unver\u00e4ndert als \"bahnbrechendes welthistorisches Ereignis\" gefeiert wird. Im Jahr 2007 wiederholte sich zudem zum 30. Mal der Todestag von Che Guevara. Vom 18. bis 24. August 1907 hatte in Stuttgart der \"Internationale Sozialistenkongress\" stattgefunden. Hundert Jahre sp\u00e4ter wurde dieses Ereignisses mit einer Serie von Veranstaltungen gedacht. Dazu hatte sich ein B\u00fcndnis verschiedener Vereinigungen und Organisationen \"links von der SPD\" gegr\u00fcndet, um in Ankn\u00fcpfung an den historischen Kongress \"mit einer Serie von Veranstaltungen aktuelle Beitr\u00e4ge zur Strategiediskussion der Linken\" zu leisten.301 Dem B\u00fcndnis geh\u00f6rten unter 301 \"Unsere Zeit\" (UZ) Nr. 25 vom 22. Juni 2007, S. 15. 186","Linksextremismus anderem neben der DKP und deren Jugendorganisation \"Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend\" (SDAJ) die Partei \"DIE LINKE.\", ihr Jugendverband \"Linksjugend [solid]\", die \"Linksfraktion\" im Bundestag sowie die parteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung und die linksextremistisch beeinflusste \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten\" (VVN-BdA) an. Indem die politischen Problemstellungen von 1907 \u00fcbereinstimmend auch hundert Jahre sp\u00e4ter als unver\u00e4ndert aktuell bezeichnet wurden, stellten sich die an den Veranstaltungen von 2007 beteiligten Parteien und Organisationen unverkennbar in die Tradition politischer \u00dcberzeugungen, die sich die \u00dcberwindung des kapitalistischen Gesellschaftssystems auf die Fahnen geschrieben haben. Eine auf der Konferenz von 1907 verabschiedete Resolution hatte unter anderem in der f\u00fcr Linksextremisten entscheidenden Passage eine Verbindung des Kampfes gegen den Krieg mit dem Kampf zum Sturz des Kapitalismus hergestellt. W\u00e4hrend der \"Deutsche Herbst\" schon seit Anfang des Jahres ein Thema der Medien und der bundesdeutschen \u00d6ffentlichkeit war, widmeten sich Linksextremisten versp\u00e4tet und eher z\u00f6gerlich einem R\u00fcckblick auf die \"Offensive\" der \"Roten Armee Fraktion\" (RAF) im Jahr 1977. Dies l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass die Geschichte der RAF f\u00fcr weite Teile der linksextremistischen Szene ein zwar nicht vergessenes, aber weitgehend abgeschlossenes Kapitel ist. Verschiedentlich heftige Reaktionen l\u00f6ste hingegen die abgelehnte BegnaReaktionen auf digung des inhaftierten RAF-Terroristen Christian KLAR aus. Mit der entabgelehnte sprechenden Entscheidung in Zusammenhang gebracht wurde ein Gru\u00dfBegnadigung wort von KLAR, das dieser auf Initiative des Bundesvorsitzenden der VVNKLARs BdA, Heinrich FINK, in schriftlicher Form an die Teilnehmer der allj\u00e4hrlich in Berlin stattfindenden Rosa-Luxemburg-Konferenz gerichtet hatte. Die linksextremistische Szene bewertete die Vorg\u00e4nge als Beweis daf\u00fcr, dass jegliche Kritik am als alternativlos etablierten Kapitalismus mit politischer Repression zu rechnen habe. Andererseits zeigten \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferungen von ehemaligen RAF-Inhaftierten im Zusammenhang mit Reflexionen zum \"Deutschen Herbst\", dass - von wenigen Ausnahmen in der Vergangenheit abgesehen - Reue und Distanzierung von den fr\u00fcheren Gewalttaten von Seiten der T\u00e4ter auch heute nicht erwartet werden k\u00f6nnen. Die \"Soziale Frage\" trat 2007 deutlich in den Hintergrund. Der \u00f6ffentliche Zulauf zu den in vielen St\u00e4dten veranstalteten \"Montagsdemonstrationen\", die unver\u00e4ndert von einem harten Kern von Linksextremisten forciert werden, hat sich auf ein Minimum reduziert. 187","Proteste gegen die Sozialreformen der Bundesregierung waren urspr\u00fcnglich auch der Ausgangspunkt f\u00fcr die Realisierung eines \"neuen\" Parteiprojekts Vereinigungsder \"Linken\", das mit dem Zusammenschluss der fr\u00fcheren \"Linkspartei. prozess PDS\" und der \"Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit\" (WASG)302 \"Linkspartei.PDS\" 2007 seinen Abschluss gefunden hat. Bei der \"Fusion\" beider Parteien hanund WASG delt es sich allerdings faktisch um einen Anschluss der WASG an die fortabgeschlossen bestehende fr\u00fchere \"Linkspartei.PDS\". Damit ist keine neue Partei entstanden. Tats\u00e4chliche Anhaltspunkte sprechen daf\u00fcr, dass sich an dem linksextremistischen Charakter der auf diese Weise lediglich erweiterten \"Linkspartei.PDS\" nichts ge\u00e4ndert hat. 2. \u00dcbersicht in Zahlen 2.1 Personenpotenzial Das Mitgliederpotenzial linksextremistischer Parteien und Organisationen ist im Wesentlichen konstant geblieben. M\u00f6gliche positive zahlenm\u00e4\u00dfige Auswirkungen der vermehrten Aktivit\u00e4ten von deutschen Linksextremisten anl\u00e4sslich des G8-Gipfels in Heiligendamm auf ihre Anh\u00e4ngerschaft sind bisher nicht zu erkennen. Linksextremistisches Personenpotenzial in Deutschland und Baden-W\u00fcrttemberg im Zeitraum 2005 - 2007 302 Die WASG ist beziehungsweise war kein Beobachtungsobjekt der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. 188","Linksextremismus Die \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) musste im Unterschied zu ihren angeblichen, \u00fcblicherweise bewusst schwammig umschriebenen Aufw\u00e4rtstendenzen eine zeitweilige Stagnation in ihrer Entwicklung einr\u00e4umen. DKP und VVN-BdA d\u00fcrfte es allenfalls m\u00fchsam gelungen sein, kontinuierliche R\u00fcckg\u00e4nge aufzuhalten. Sp\u00fcrbare Ver\u00e4nderungen ergaben sich allein bei der Partei \"DIE LINKE.\", die vor allem durch den Beitritt der WASG einen sprunghaften Anstieg der Mitgliederzahlen verzeichnen konnte. Auf Bundesebene wurde sie mit circa 70.900 Mitgliedern zur drittst\u00e4rksten Partei in Deutschland. In Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fchrte der Anschluss der WASG zu einer Erh\u00f6hung der Mitgliederzahl von circa 680 auf rund 2.200 Personen. Allerdings k\u00f6nnen die neu hinzugekommenen Mitglieder nicht alle als Linksextremisten eingestuft werden. Die 2007 zahlenm\u00e4\u00dfig im Gro\u00dfen und Ganzen unver\u00e4ndert gebliebene autonome Szene verlagerte ihre Aktivit\u00e4ten von ihrem \"traditionell\" im Vordergrund stehenden Aktionsfeld \"Antifaschismus\" auf die Antiglobalisierungsproteste in Heiligendamm. Der auf der Demonstration am 2. Juni 2007 in Rostock erstmals seit vielen Jahren wieder in auffallender St\u00e4rke aufgetretene \"Schwarze Block\" d\u00fcrfte allerdings ebenfalls weniger auf ein dauerhaft erh\u00f6htes Anh\u00e4ngerpotenzial zur\u00fcckzuf\u00fchren sein, als vielmehr auf die au\u00dfergew\u00f6hnlich hohe Mobilisierung der autonomen Szene wegen des politischen Spitzenereignisses. 2.2 Strafund Gewalttaten Die bundesweiten Strafund Gewalttaten sind gr\u00f6\u00dftenteils auf die Antiglobalisierungsproteste in Heiligendamm zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die damit im Zusammenhang stehenden, bereits im Mai 2007 durchgef\u00fchrten Durchsuchungsma\u00dfnahmen303 f\u00fchrten offenbar zu erh\u00f6htem Aggressionspotenzial, das sich neben dem G8-Gipfel auch gegen die \"politische Repression\" des Staates richtete. 303 Im Rahmen der \"militanten Begleitkampagne\" zu den Protesten gegen den G8-Gipfel wurden bis zum 13. Juni 2007 insgesamt 24 Brandanschl\u00e4ge ver\u00fcbt. Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof (BGH) leitete in diesem Zusammenhang zwei Ermittlungsverfahren anl\u00e4sslich der \"militanten Begleitkampagne\" zum G8-Gipfel sowie gegen die \"militante gruppe\" (mg) ein. Am 9. Mai 2007 kam es auf der Grundlage von Durchsuchungsbeschl\u00fcssen des Ermittlungsrichters beim BGH zu Durchsuchungen in den Bundesl\u00e4ndern Berlin, Brandenburg, Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Mit Beschluss vom 20. Dezember 2007 - StB 12/07, 13/07 und 47/07 hob der 3. Strafsenat des BGH die Durchsuchungsanordnung mit der Begr\u00fcndung auf, dass keine Bundeszust\u00e4ndigkeit f\u00fcr die Durchsuchungsaktion gegeben war. 189","Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Links sowie linksextremistische Strafund Gewalttaten im Jahr 2007 2 Baden-W\u00fcrttemberg1 Bund 2007 2006 2007 2006 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Links insgesamt 380 685 5.866 5.363 davon: 224 271 2.765 2.369 linksextremistische Straftaten davon: 87 833 862 46 linksextremistische Gewalttaten 1 Zahlen des LKA Baden-W\u00fcrttemberg. 2 Zahlen des Bundesministeriums des Innern. Grafik: LfV BW Verbunden mit der schon erw\u00e4hnten Verlagerung politischer Aktivit\u00e4ten der autonomen Szene war ein R\u00fcckgang der gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner von \"Rechts\". Dies hat in Baden-W\u00fcrttemberg zu einer erheblichen Reduzierung der entsprechenden Strafund Gewalttaten gef\u00fchrt. Mitverantwortlich f\u00fcr diese nachlassenden Aktivit\u00e4ten im Bereich des \"Antifaschismus\" d\u00fcrfte besonders auch die deutlich zur\u00fcckgegangene Zahl rechtsextremistischer Demonstrationen gewesen sein. 3. Gewaltbereiter Linksextremismus Gerade die gewaltbereite linksextremistische Szene feierte die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm als gro\u00dfen Erfolg und bezog sich dabei vor allem auf die gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen auf der Gro\u00dfdemonstration am 2. Juni 2007. Diese wurden jedoch nicht von allen Linksextremisten begr\u00fc\u00dft und l\u00f6sten damit eine neuerliche Kontroverse \u00fcber die \"Gewaltfrage\" aus. Aus Sicht gewaltbereiter Linksextremisten waren die vorausgegangenen Durchsuchungsma\u00dfnahmen gezielte \"Einsch\u00fcchterungsversuche\". Der in diesem Umfang nicht erwartete Gewaltausbruch am 2. Juni wurde als entsprechende Reaktion interpretiert. So lie\u00df die \"Antifaschistischen Linke Berlin\" (ALB) in einer Presseerkl\u00e4rung verlauten: 190","Linksextremismus \"Bereits in den Wochen vor der Rostocker Gro\u00dfdemo haben die Sicherheitsbeh\u00f6rden mit ihren Ma\u00dfnahmen die linksradikale Szene geradezu herausgefordert. Wer bei Vorkommnissen wie am Samstag (...) diesen Kontext ausblendet, hat kein wirkliches Interesse an der Einordnung der Gewalt. Autonome sind keine Pazifisten: Sie halten nicht die andere Wange hin, wenn sie geschlagen werden! So ist nur verst\u00e4ndlich, dass in einer Situation, in der ein Block mit 8.000 bis 10.000 Menschen aus dem linksradikalen Spektrum auf der Stra\u00dfe steht und in der die sonst \u00fcblichen Machtverh\u00e4ltnisse auf der Stra\u00dfe partiell au\u00dfer Kraft gesetzt sind, Antworten auf die \u00fcblichen Provokationen offensiver ausfallen. Die symbolische Zerst\u00f6rung von Fensterscheiben einer Bank ist eben eine Form der Artikulation von Opposition zum bestehenden System, die weltweit verstanden wird.\" 304 Dieselbe Stellungnahme verteidigte zugleich autonome Militanz, insbesonkontroverse dere die \"Angriffe auf die Polizei\", ausdr\u00fccklich als \"zielgerichtete AktioDiskussion um nen\". Die Diskussion um die Berechtigung und den Sinn von Militanz wird \"Gewaltfrage\" in der linksextremistischen Szene schon seit Jahren gef\u00fchrt, erreichte jedoch anl\u00e4sslich der Anti-G8-Proteste in Heiligendamm einen neuen H\u00f6hepunkt. Schon in der Vorbereitungsphase der Proteste hatte eine Debatte eingesetzt, die sich vor allem an der Haltung der f\u00fchrenden globalisierungskritischen Organisation \"Attac\"305 entz\u00fcndete, die unter anderem im Gespr\u00e4ch mit Politikern und Vertretern der betroffenen Landesregierung eine kooperationsbereite Haltung eingenommen und sich auf Gewaltfreiheit festgelegt hatte. Linksextremisten sahen damit den Grundsatz der Toleranz und Gleichberechtigung unterschiedlicher Aktionsformen verletzt. Eine Aufk\u00fcndigung dieses Grundkonsenses w\u00fcrde faktisch eine Spaltung der Bewegung bedeuten. Weite Teile der Szene sind sich darin einig, dass gerade die gesamte Bandbreite der Aktionsformen den Erfolg der Bewegung ausmacht. W\u00e4hrend die einen durch friedlichen Protest Glaubw\u00fcrdig304 Auszug aus der Presseerkl\u00e4rung der ALB vom 5. Juni 2007. In: \"solidarit\u00e4t - sozialistische zeitung\" Nr. 59 vom Juli 2007, S. 11. 305 \"Attac\" ist kein Beobachtungsobjekt der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. 191","keit, Akzeptanz in der \u00d6ffentlichkeit und damit weiteren Zulauf zu erreichen hoffen, bezeichnen es Bef\u00fcrworter gewaltsamer Protestformen als irrational, \"zu glauben, durch die Beschw\u00f6rung der eigenen Harmlosigkeit sich 'politikf\u00e4hig' machen zu k\u00f6nnen, und so um ein Pl\u00e4tzchen am runden Tisch der M\u00e4chtigen zu betteln.\" 306 W\u00e4hrend die Bef\u00fcrworter von Gewaltfreiheit eine Diskreditierung der Bewegung durch die Anwendung von Gewalt bef\u00fcrchten und die Gefahr betonen, dass die eigentlichen politischen Inhalte des Protestes angesichts der auch medial in den Vordergrund r\u00fcckenden Gewalt nicht mehr vermittelbar seien, mehr noch, dass eine militante Minderheit einer gro\u00dfen Mehrheit an Globalisierungsgegnern ihr Gepr\u00e4ge aufdr\u00fcckten, f\u00fchren Stimmen aus dem militanten Spektrum als Argument an, dass es gerade die Militanz gewesen sei, die der Protestbewegung die erw\u00fcnschte \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit gesichert habe, die sie ansonsten wegen des prim\u00e4r sensationsorientierten Journalismus niemals h\u00e4tte erreichen k\u00f6nnen. Weitestgehender Konsens besteht indes darin, dass die eigentliche Gewalt von den \"Herrschenden\" ausgehe. Demzufolge solle, wer Gewaltfreiheit einfordere, \"sie dort einfordern, wo die Gewalt ihren Ursprung nimmt: Bei den Verantwortlichen der G-8-Staaten und ihrem Polizeiund Milit\u00e4rapparat.\" 307 Vor allem vom gewaltbereiten Spektrum als eine Art Wiedererweckung einer tot geglaubten Szene gefeiert wurde das Agieren eines gro\u00dfen \"Schwarzen Blocks\" auf der Gro\u00dfdemonstration in Heiligendamm: \"Seit dem 2. Juni 2007 gibt es wieder eine autonome Bewegung in der BRD.\" 308 306 \"Offener Brief\" der ALB in Reaktion auf ein Interview von Attac mit der \"Tageszeitung\" (taz) im M\u00e4rz 2007. In: \"junge Welt\" Nr. 75 vom 29. M\u00e4rz 2007, S. 3. 307 Ebd. 308 \"junge Welt\" Nr. 127 vom 4. Juni 2007, S. 13. 192","Linksextremismus 4. Parteien und Organisationen 4.1 \"DIE LINKE.\" Gr\u00fcndung: hervorgegangen aus der 1946 gegr\u00fcndeten SED, danach mehrfach umbenannt, zuletzt am 16. Juni 2007 nach dem Beitritt der WASG Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 2.200 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 680) ca. 70.900 Bund (2006: ca. 60.300) Publikationen: \"Disput\", \"Clara.\", \"DIE LINKE. Landesinfo Baden-W\u00fcrttemberg\" F\u00fcr die vormalige \"Partei des Demokratischen Sozialismus\" (PDS) begann 2007 ein neuer Abschnitt ihrer Geschichte. Durch den Zusammenschluss mit der \"Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit\" (WASG) entstand die Partei \"DIE LINKE.\". Zuvor waren bereits entscheidende Schritte auf dem Weg zur Vereinigung unternommen worden. So hatte sich die PDS schon 2005 in \"Linkspartei.PDS\" (Kurzform \"Die Linke.PDS\") umbenannt. Beide Parteien haben zudem mehrere gemeinsam erarbeitete Entw\u00fcrfe von \"Programmatischen Eckpunkten\" vorgelegt. Am 24./25. M\u00e4rz 2007 schlie\u00dflich wurden auf parallel stattfindenden, jeweils getrennt abgehaltenen Parteitagen in Dortmund die \"Gr\u00fcndungsdokumente\" f\u00fcr die neue Gesamtpartei beschlossen. Zu diesen z\u00e4hlen neben einer letzten Fassung der \"Programmatischen Eckpunkte\" die auf Bundesebene g\u00fcltige Satzung, die Schiedssowie die Finanzordnung. Ein Parteiprogramm im eigentlichen Sinne steht erst im Jahr 2008 auf der Agenda. Mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit stimmten die Delegierten in Dortmund au\u00dferdem dem \"Verschmelzungsvertrag\" zu. An der Urabstimmung in beiden Parteien beteiligten sich bei der Partei \"Die Linke.PDS\" 82,6 Prozent der Mitglieder. Von diesen stimmten 96,9 Prozent f\u00fcr die Fusion. Am 16. Juni 2007 fand, wie urspr\u00fcnglich geplant, der Gr\u00fcndungsparteitag der \"neuen\" Gesamtpar\"neue\" Partei tei \"DIE LINKE.\" statt. \"DIE LINKE.\" Als Form des Zustandekommens der Gesamtpartei hatte man sich aus rechtlichen Gr\u00fcnden auf einen Beitritt der WASG zur \"Linkspartei.PDS\" verst\u00e4ndigt. Entgegen den urspr\u00fcnglichen Vorstellungen vieler \"Linker\" handelt es sich somit bei dem Zusammenschluss nicht um eine gleichberechtigte Fusion. Formalrechtlich ist keine neue Partei entstanden. Nach wiederholten Umbenennungen stellt sie faktisch lediglich eine Erweiterung des eigenen Kerns um die Mitglieder und Funktion\u00e4re der WASG dar. 193","Am 15. Juni 2007 hatte ein letzter Parteitag der \"Linkspartei.PDS\" stattgefunden, der von Hans MODROW er\u00f6ffnet wurde, und bei dem \"Vertreterinnen und Vertreter von 73 Parteien und Organisationen aus 50 L\u00e4ndern und 4 Kontinenten\" 309 anwesend waren, darunter Vertreter kommunistischer Parteien. Wie MODROW in seiner Rede unterstrich, m\u00fcsse die neue Partei \"eine sozialistische sein, (...), die alternative Positionen zum Kapitalismus mit einer sozialistischen Zukunftsidee zu verbinden versteht.\" 310 Lothar BISKY - heute auch Vorsitzender der \"neuen\" Gesamtpartei - hatte im Hinblick auf die anstehende \"Fusion\" mit der WASG gesagt: \"Ja, wir diskutieren auch und immer noch die Ver\u00e4nderung der Eigentumsund Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und auch das unterscheidet eine neue Partei links von der Sozialdemokratie in Deutschland von anderen. Kurz gesagt: Wir stellen die Systemfrage! F\u00fcr alle von den geheimen Diensten noch einmal zum Mitschreiben: Die, die aus der PDS kommen, aus der EX-SED und auch die neue Partei DIE LINKE - wir stellen die Systemfrage.\" 311 Er hob zudem hervor, dass das Ziel des \"Demokratischen Sozialismus\" auch in der \"neuen\" Partei weiter verfolgt werde: \"Mit dem Erweitern unserer Erfahrungen und unserer Identit\u00e4t in der neuen Partei DIE LINKE sehe ich ab sofort nicht weniger demokratischen Sozialismus als Handlungsorientierung, sondern eher mehr als zuvor.\" \u00dcberhaupt trug das Projekt der \"neuen\" Gesamtpartei von Anfang an deutlich die Handschrift der fr\u00fcheren \"Linkspartei.PDS\", die offenkundig nicht bereit war, auf zentrale Elemente ihres politisch-ideologischen Selbstverst\u00e4ndnisses zu verzichten. Dies belegen in immer \u00e4hnlichen Formulierunhistorische, progen wiederkehrende Kerns\u00e4tze in den verschiedenen Fassungen der grammatische gemeinsamen programmatischen Papiere von \"Linkspartei.PDS\" und und personelle WASG, die bereits im Parteiprogramm der \"Linkspartei.PDS\" von 2003 Kontinuit\u00e4ten nachzulesen waren. Diese fanden - mit teils noch immer unverkennbaren Ankl\u00e4ngen an bekannte Passagen aus dem \"Kommunistischen Manifest\" - 309 Rede von Hans Modrow auf dem Parteitag der \"Linkspartei.PDS\" am 15. Juni 2007 in Berlin. 310 Ebd. 311 Rede von Lothar BISKY auf dem Parteitag der \"Linkspartei.PDS\" am 15. Juni 2007 in Berlin. 194","Linksextremismus zuletzt auch Eingang in die \"Gr\u00fcndungsdokumente\" der \"neuen\" Gesamtpartei. So hei\u00dft es in den \"Programmatischen Eckpunkten\" vom M\u00e4rz 2007 unter anderem: \"Ziel des demokratischen Sozialismus, der den Kapitalismus in einem transformatorischen Prozess \u00fcberwinden will, ist eine Gesellschaft, in der die Freiheit des anderen nicht die Grenze, sondern die Bedingung der eigenen Freiheit ist.\" 312 Weiter wird ausgef\u00fchrt: \"Unsere Anerkennung gilt den Bem\u00fchungen um eine sozialund wohlfahrtsstaatliche Eind\u00e4mmung des Kapitalismus ebenso wie Versuchen einer \u00dcberwindung der kapitalistischen Eigentumsund Herrschaftsverh\u00e4ltnisse.\" Wieder an anderer Stelle hei\u00dft es: \"Notwendig ist die \u00dcberwindung aller Eigentumsund Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, 'in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver\u00e4chtliches Wesen ist' (Karl Marx)\". Damit h\u00e4lt die Partei \"DIE LINKE.\" weiterhin am Ziel einer transformatorischen \u00dcberwindung des bestehenden Wirtschaftsund Gesellschaftssystems fest. Das den \"Gr\u00fcndungsdokumenten\" zugrunde liegende Konzept hatte die seinerzeitige PDS bereits in ihrem \"strategischen Dreieck\" von 2004 formuliert: Den Dreiklang von \"Widerstand und Protest\" - d. h. au\u00dferparlamentarischem Kampf - von \"Anspruch auf Mitund Umgestaltung\" - d. h. Parlamentsarbeit und Regierungsbeteiligung - und dem Aufzeigen von \"\u00fcber den Kapitalismus hinausweisenden Alternativen\" - dem sozialistischen Gesellschaftsmodell. Neben der historischen und programmatischen Kontinuit\u00e4t ist auch die Fortf\u00fchrung struktureller Merkmale der fr\u00fcheren \"Linkspartei.PDS\" augenf\u00e4llig: Auch die \"neue\" Gesamtpartei \"DIE LINKE.\" versteht sich als Sammlungsund Str\u00f6mungspartei, die unterschiedliche \"linke\" Richtungen zu integrie312 \"Programmatische Eckpunkte - Programmatisches Gr\u00fcndungsdokument der Partei DIE LINKE.\" vom 24./25. M\u00e4rz 2007. 195","ren versucht. Dazu z\u00e4hlt unver\u00e4ndert auch die Existenz offen extremistischer Strukturen, die nicht nur geduldet werden, sondern denen unter bestimmten Voraussetzungen und in organisierter Form als Arbeitsgemeinschaften oder Plattformen ein Mitspracherecht \u00fcber den politischen Kurs der Partei einger\u00e4umt wird. Die Bedeutung dieser innerparteilichen Zusammenschl\u00fcsse zeigt sich zum Beispiel daran, dass mit Sarah WAGENKNECHT die \"Kommunistische Plattform\" (KPF) auch im neuen Bundesvorstand der Gesamtpartei vertreten ist. Im Zuge des Vereinigungsprozesses sind zu den bereits bestehenden und fortgef\u00fchrten linksextremistischen Str\u00f6mungen neue hinzugekommen. Zu diesen formellen und informellen Zusammenschl\u00fcssen geh\u00f6ren neben der bereits erw\u00e4hnten KPF unter anderem das \"Marxistische Forum\" (MF), der \"Geraer Dialog/Sozialistischer Dialog\" (GD/SD), die \"Sozialistische Linke\" (SL) und die \"Antikapitalistische Linke\" (AKL). Schlie\u00dflich sind auch personelle Kontinuit\u00e4ten un\u00fcbersehbar. Nicht nur, dass durch den Schwerpunkt der fr\u00fcheren \"Linkspartei.PDS\" im Osten auch in der \"neuen\" Gesamtpartei noch immer insgesamt \u00fcber 70 Prozent der Mitglieder bereits Mitglieder der fr\u00fcheren SED waren. Auch die \u00fcberwiegende Zahl der amtierenden Vorstandsmitglieder der Partei \"DIE LINKE.\" war bereits im Vorstand der \"Linkspartei.PDS\" aktiv. In Baden-W\u00fcrttemberg haben sich \"Die Linke. PDS\" und WASG auf ihrem Parteitag am 20. und \"DIE LINKE.\" 21. Oktober 2007 als einer der letzten Landesverin Badenb\u00e4nde vereinigt. Damit hat die Partei ihren FusionsW\u00fcrttemberg prozess insgesamt in allen Bundesl\u00e4ndern abgeschlossen. Die 196 Delegierten votierten einstimmig f\u00fcr den Gr\u00fcndungsantrag und beschlossen eine Gliederung des Landesverbandes in 36 Kreisverb\u00e4nde. Nach eigenen Angaben hat \"DIE LINKE.\" in Baden-W\u00fcrttemberg nunmehr circa 2.200 Mitglieder, von denen jedoch nicht alle als linksextremistisch einzustufen sind. Sie will fl\u00e4chendeckend zu den Kommunalwahlen im Jahr 2009 antreten und in den n\u00e4chsten Landtag einziehen. Der neu gew\u00e4hlte Landesvorstand besteht aus 18 Personen. Er zeichnet sich - analog zur Bundesebene - ebenfalls durch personelle Kontinuit\u00e4ten aus: Dem sechsk\u00f6pfigen gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Vorstand geh\u00f6ren drei bekannte Linksextremisten an, die bereits im Landesvorstand der fr\u00fcheren \"Linkspartei.PDS\" amtiert hatten. Das Gleiche gilt auch f\u00fcr den erweiterten Landes196","Linksextremismus vorstand. Dort sind dar\u00fcber hinaus mit einem Mitglied der ehemaligen Organisation \"Linksruck\" - jetzt \"marx21 - Netzwerk f\u00fcr internationalen Sozialismus\" - nunmehr auch trotzkistische Einfl\u00fcsse pr\u00e4sent. Damit sind auch nach der \"Fusion\" zentrale Funktionen im Landesverband mit langj\u00e4hrig bekannten Linksextremisten besetzt. 4.2 \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) Gr\u00fcndung: 1968 Sitz: Essen Mitglieder: ca. 500 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 500) ca. 4.200 Bund (2006: ca. 4.200) Publikation: \"Unsere Zeit\" (UZ) Die \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) sieht sich unver\u00e4ndert in der Tradition der 1956 vom Bundesverfassungsgericht verbotenen \"Kommunistischen Partei Deutschlands\" (KPD). Auch unmittelbar vor ihrem 40-j\u00e4hrigen Gr\u00fcndungsjubil\u00e4um im Jahr 2008 steht die DKP in ungebrochener politischideologischer Kontinuit\u00e4t zu ihrer Vorg\u00e4ngerpartei. Nicht zuletzt die langwierige Debatte um ihr 2006 verabschiedetes Parteiprogramm, das letztendlich keinerlei substanzielle Neuerungen enthielt, hat die Unf\u00e4higkeit der Partei bewiesen, sich aus traditionellen ideologischen Bahnen zu l\u00f6sen. In ihrem Selbstverst\u00e4ndnis als \"revolution\u00e4re Partei der Arbeiterklasse\" 313 beruft sich die DKP unver\u00e4ndert auf die Lehren von Marx, Engels und Lenin und arbeitet auf den \"revolution\u00e4re(n) Bruch mit den kapitalistischen Machtund Eigentumsverh\u00e4ltnissen\" sowie auf den \"Sozialismus als erste Phase der kommunistischen Gesellschaftsformation\" hin. Nach den innerparteilichen Turbulenzen im Kontext der Verabschiedung des neuen Parteiprogramms brachte das Jahr 2007 keine erkennbaren neuerlichen Verwerfungen mehr mit sich. H\u00f6hepunkt war das alle zwei Jahre stattfindende \"UZ-Pressefest\", benannt nach dem w\u00f6chentlich erscheinenden zentralen Parteiorgan \"Unsere Zeit\" (UZ). Bei diesem \"Volksfest der DKP & UZ\" in Dortmund vermag die kleine Partei regelm\u00e4\u00dfig ein vergleichsweise gro\u00dfes Publikum anzuziehen und ein f\u00fcr \"Linke\" attraktives 313 Hier und im Folgenden: Programm der Deutschen Kommunistischen Partei - DKP. Beschlossen auf der 2. Tagung des 17. Parteitages der DKP, 8. April 2006. Hrsg. vom DKP-Parteivorstand Essen, S. 3f. 197","politisches und kulturelles Programm anzubieten. Das diesj\u00e4hrige \"Fest der Solidarit\u00e4t\" vom 22. bis 24. Juni 2007 endete allerdings trotz der Teilnahme von etwa 50.000 Besuchern mit einem - letztendlich aber tragbaren - finanziellen Defizit. Bei diesem \"gr\u00f6\u00dfte(n) Fest der Linken in Deutschland\" wurden etwa 190 Veranstaltungen durchgef\u00fchrt, an denen neben Angeh\u00f6rigen der DKP unter anderem auch Vertreter der Partei \"DIE LINKE.\" und Anh\u00e4nger aus Organisationen im Umfeld der DKP teilnahmen, so die VVN-BdA oder die \"Initiativgruppe f\u00fcr die Rehabilitierung der Opfer des Kalten Krieges\". In einer weiteren eigenen Parteiveranstaltung am 3. November 2007 erinnerte die DKP in Berlin an \"90 Jahre Oktoberrevolution - Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte\" und damit an die gewaltsame Macht\u00fcbernahme der Bolschewiki unter Lenin im Oktober 1917 in Russland. Der DKP gelang es 2007 ansonsten nicht, sich in der breiten \u00d6ffentlichkeit weiterhin Resonanz zu verschaffen. Anders als in den 1970er und 1980er Jahren, als geringe sie meist \u00fcber Tarnorganisationen auf den \u00f6ffentlichen Meinungsdruck Kampagnensp\u00fcrbar in ihrem Sinne Einfluss zu nehmen vermochte - etwa in der Kamf\u00e4higkeit pagne gegen \"Berufsverbote\" oder gegen den NATO-Nachr\u00fcstungsbeschluss - fehlen ihr heute die finanziellen und personellen M\u00f6glichkeiten. Linksextremistischer Kampagnent\u00e4tigkeit, getragen von anderen Organisationen oder Aktionsb\u00fcndnissen, schlie\u00dft sie sich jedoch regelm\u00e4\u00dfig an. So unterst\u00fctzte sie die am 27. Januar 2007 ins Leben gerufene \"nonpd\"-Kampagne ihrer ehemaligen Vorfeldorganisation VVN-BdA, die das Ziel verfolgt, ein erneutes \"Verbotsverfahren\" gegen die rechtsextremistische NPD durchzusetzen. Zum G8-Gipfel im Juni 2007 in Heiligendamm, der ein breites Protestspektrum mobilisierte, ver\u00f6ffentlichte die DKP \"8 Gr\u00fcnde gegen G8\", mit denen sie die marktwirtschaftlich orientierte Gesellschaftsordnung kritisierte und dieser die marxistisch-leninistischen Sozialismusvorstellungen gegen\u00fcberstellte. Bei der unter ma\u00dfgeblicher Beteiligung linksextremistisch ausgerichteter Vereinigungen organisierten Veranstaltungsreihe zum 100. Jahrestag des \"Internationalen Sozialisten Congresses\" (ISCS) in Stuttgart veranstaltete die DKP unter dem Motto \"Die Internationale erk\u00e4mpft das Menschen198","Linksextremismus recht\" am 7. Juli 2007 eine \"Internationale Konferenz Kommunistischer Parteien\", bei der unter Beteiligung von Vertretern verschiedener ausl\u00e4ndischer kommunistischer Parteien eine Standortbestimmung der kommunistischen Bewegung vorgenommen werden sollte. Auf dem stets virulenten Aktionsfeld des \"Antifaschismus\" versucht die DKP in engem ideologischem Schulterschluss mit der VVN-BdA, eine politische Sichtweise in der \u00d6ffentlichkeit zu etablieren, derzufolge eine rechtsextremistische Gefahr bereits von \"rechts-konservative(n)\" Kreisen in Politik, Justiz und in den Beh\u00f6rden ausgehe, die angeblich mit Neonazis paktieren. Die Nutznie\u00dfer einer solchen angeblichen \"Rechtsentwicklung\" seien letztendlich dieselben, die 1933 Hitler die Macht \"\u00fcbertragen\" hatten, n\u00e4mlich Kapital und Milit\u00e4r. Eine wirklich \"antifaschistische Gesellschaft\" k\u00f6nne folglich nur nach einer Entmachtung derselben in einem sozialistischen Gesellschaftssystem entstehen. Daran wird deutlich, dass die klassische kommunistische Faschismusdoktrin f\u00fcr die DKP und ihr politisches Umfeld unver\u00e4ndert G\u00fcltigkeit hat. Der Zusammenschluss der \"Linkspartei.PDS\" mit der WASG zur Partei \"DIE LINKE.\" im Juni 2007 wurde von der DKP mit Zur\u00fcckhaltung beobachtet, aber grunds\u00e4tzlich begr\u00fc\u00dft und unterst\u00fctzt. \"DIE LINKE.\" er\u00f6ffne \"neue M\u00f6glichkeiten zur Sammlung linker, manchmal auch antikapitalistischer Kr\u00e4fte. Eine Reihe ihrer Mitglieder orientieren sich am Marxismus. Sie geh\u00f6ren zu unseren engsten Verb\u00fcndenten. In wichtigen Debatten im Bundestag und anderen Parlamenten bringt die Linkspartei dieser Tage auch Forderungen der au\u00dferparlamentarischen Bewegung ein.\" 314 Einer konstruktiven Zusammenarbeit in den \"au\u00dferparlamentarischen Bewegungen\" r\u00e4umt die DKP im Unterschied zur Partei \"DIE LINKE.\" Priorit\u00e4t ein. Die DKP hatte sich in der Auseinandersetzung um das neue Parteiprojekt Bereitschaft zur entschieden, als eigenst\u00e4ndige Partei neben der \"LINKEN\" fortzubestehen Zusammenarbeit und letztere sowohl als \"Herausforderung\" als auch als eine Art \"konstrukmit Partei tive Konkurrenz\" begreifen zu wollen.315 Aus Sicht der DKP handelt es sich \"DIE LINKE.\" bei der Partei \"DIE LINKE.\" um eine \"linksreformistische\", nicht aber auf dem \"wissenschaftlichen Sozialismus\" basierende, \"revolution\u00e4re\" Partei. Gleichwohl sieht die DKP zahlreiche \u00dcbereinstimmungen mit der \"LINKEN\" in tagespolitischen Forderungen und hat bereits bekundet, trotz bestehender Differenzen \"die bisher schon sehr gedeihliche Aktionseinheitsund B\u00fcndnispolitik mit Mitgliedern und Gliederungen von DIE 314 UZ Nr. 45 vom 9. November 2007, S. 15; \u00dcbernahme wie im Original. 315 UZ Nr. 21 vom 25. Mai 2007, S. 2. 199","LINKE auf allen Ebenen fortsetzen und weiterentwickeln\" zu wollen316, denn eine \"B\u00fcndelung\" linker Kr\u00e4fte sei f\u00fcr eine durchsetzungsf\u00e4hige Politik unverzichtbar.317 Letztendlich sei der Gr\u00fcndungsparteitag der Partei \"DIE LINKE.\" \"ein Markstein f\u00fcr die gesamte Linke\". 4.3 \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten\" (VVN-BdA) Gr\u00fcndung: 1947 Sitz: Berlin Publikationen: \"antifa. Magazin f\u00fcr antifaschistische Politik und Kultur\" \"AntiFa Nachrichten\" Die \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der AntifaschistinFeier des nen und Antifaschisten\" (VVN-BdA) konnte 2007 auf ihr 60-j\u00e4hriges Beste60-j\u00e4hrigen hen zur\u00fcckblicken. Als ihr offizielles Gr\u00fcndungsdatum gibt sie den 15. bis Bestehens 17. M\u00e4rz 1947 an, die Tagung der \"1. Interzonalen L\u00e4nderkonferenz der VVN\". Die VVN-BdA bestreitet den massiven kommunistischen Einfluss in der Entstehungsphase wie auch ihre langj\u00e4hrige Ausrichtung auf Ideologie und Politik der SED beziehungsweise KPD/DKP nicht mehr. Dass diese auch organisatorisch und finanziell enge Bindung mit den Umbr\u00fcchen der Jahre 1989/90 zwangsl\u00e4ufig gel\u00f6st wurde, \u00e4nderte trotz des nach au\u00dfen demonstrierten Pluralismus innerhalb der VVN-BdA nichts daran, dass Theorie und Praxis ihres Verst\u00e4ndnisses von \"Antifaschismus\", ihrem zentralen Agitationsfeld, in un\u00fcbersehbarer Kontinuit\u00e4t zur orthodox-kommunistischen Faschismusdoktrin stehen. Dieser zufolge beruhen \"Faschismus\" und \"b\u00fcrgerliche Demokratie\" als Herrschaftsformen des \"Kapitals\" auf der gleichen \u00f6konomischen Grundlage, n\u00e4mlich dem Kapitalismus. Folglich ist die Gefahr einer neuerlichen \"faschistischen\" Entwicklung auch in der Gegenwart so lange nicht endg\u00fcltig gebannt, wie eben diese sozio-\u00f6konomische Basis nicht grundlegend ver\u00e4ndert ist. Vor einem \u00dcbergang zum \"Faschismus\" ergreift das \"System\" eine Reihe von repressiven Ma\u00dfnahmen. Diese Vorstufe des \"autorit\u00e4ren Staates\" muss nicht zwangsl\u00e4ufig in einen neuen \"Faschismus\" m\u00fcnden, zeigt aber die bedrohliche Tendenz an, die es fr\u00fchzeitig zu bek\u00e4mpfen gilt. 316 \"junge Welt\" Nr. 143 vom 22. Juni 2007, S. 8. Bei der \"jungen Welt\" - ein bedeutendes Druckerzeugnis im linksextremistischen Bereich - handelt es sich um eine vom Verlag \"8. Mai GmbH\" (Berlin) herausgegebene Tageszeitung. Sie pflegt eine traditionskommunistische Ausrichtung und propagiert die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft. 317 UZ Nr. 25 vom 22. Juni 2007, S. 2. 200","Linksextremismus Als Beispiel f\u00fcr die Sichtweise, die eine neuerliche \"Rechtsentwicklung\" in fortgesetztes Deutschland zu erkennen glaubt, kann eine Rede des Bundessprechers der \"antifaschistisches\" VVN-BdA, Ulrich SANDER, bezeichnet werden, die er Ende September Engagement 2007 in Minden hielt. Sie wurde in Ausz\u00fcgen in der DKP-Zeitung \"Unsere Zeit\" (UZ) Nr. 40 vom 5. Oktober 2007 abgedruckt. Unter der \u00dcberschrift \"Der Krieg an der Heimatfront\" - eine Wortwahl im terminologischen Anklang an die Nationalsozialisten - werden \u00dcberlegungen des deutschen Innenministers zum Schutz der Bev\u00f6lkerung gegen terroristische Gefahren als \"Sch\u00e4ubles extrem rechter Katalog, - er macht jedem faschistischen Umsturzplan alle Ehre\" beschrieben. Die \"Gefahr einer Rechtsentwicklung\" in Deutschland sei \"offensichtlich\" und durch zwei Merkmale gekennzeichnet: \"Anwachsen des Neofaschismus, Duldung und F\u00f6rderung der Neonazis als m\u00f6gliche gesellschaftliche Reserve durch den Staat\" und \"Abbau der Demokratie durch den Staat, dies auch durch zunehmende Militarisierung und Ausbau des \u00dcberwachungsstaates\". Der von Bundeswehreinheiten trainierte Einsatz zur Terrorbek\u00e4mpfung in Deutschland ziele in Wirklichkeit auch \"gegen die au\u00dferparlamentarische Opposition\". Die als Reservisten der Bundeswehr weiterhin zu Verf\u00fcgung stehenden Soldaten seien \"die gr\u00f6\u00dfte rechtsextreme Bewegung\" in Deutschland, die sich \"ohne gro\u00dfe \u00d6ffentlichkeit, aber staatlich unterst\u00fctzt\", formiere. Dies bedeute eine \"ideologisch extrem rechte Beeinflussung der Bev\u00f6lkerung\", da es in Millionen Familien Reservisten mit fortlaufenden Kontakten zur Bundeswehr gebe. Ihrem 60-j\u00e4hrigen Bestehen widmete die VVNBdA eine Brosch\u00fcre, konzipiert als \"Lesebuch zu ihrer Geschichte und Gegenwart\" 318. Die Landesvereinigung Baden-W\u00fcrttemberg brachte eine Sonderausgabe der \"AntiFa Nachrichten\" heraus. Die Organisation nahm ihr Jubil\u00e4um zum Anlass, in ihrer Selbstdarstellung erneut ihren Charakter als \"B\u00fcndnis im B\u00fcndnis\" zu betonen. Demzufolge versteht sie sich unver\u00e4ndert als Sammlungsbewegung, die zugleich nach au\u00dfen die Praktizierung der B\u00fcndnispolitik als zentrale Aufgabe ansieht. B\u00fcndnispolitik bedeutet f\u00fcr sie das Anstreben einer \"Zusammenarbeit mit allen Kr\u00e4ften, die eine eindeutige Haltung zu faschistischen Umtrieben einnehmen\". Indem sie sich gegen jedwede \"Abund Ausgrenzung\" wendet, gibt sie ihre unver\u00e4nderte Bereitschaft zur Kooperation mit Linksextremisten zu erkennen bis hin zu \"autonomen Antifaschisten\", zu denen sie sich schon in der Vergan318 Hans Coppi/Nicole Warmbold (Hrsg.): 60 Jahre Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Lesebuch zu Geschichte und Gegenwart der VVN-BdA, Berlin 2007. 201","genheit wiederholt eindeutig bekannt hat. Umgekehrt erkl\u00e4ren linksextremistische Strukturen, wie etwa die \"Antifaschistische Linke Berlin\" (ALB), einer der langlebigsten und wichtigsten autonomen Zusammenschl\u00fcsse bundesweit, dass \"Antifaschismus f\u00fcr uns wie die VVN-BdA ein B\u00fcndnisprojekt\" ist, und dass politisches Engagement in diesem Sinne auch das bedeute, \"was viele von Euch mit auf den Weg gegeben haben, f\u00fcr uns, im Hier und Heute eine grundlegende Kritik am kapitalistischen System zu formulieren\" 319. Das Interesse aus der autonomen Szene an einem Zusammenwirken mit der VVN-BdA ist offenbar auch dem \u00fcberzeugenden Vorbild der kommunistischen Widerstandsk\u00e4mpfer zu verdanken, deren Authentizit\u00e4t als politisch Verfolgte und ehemalige KZ-Insassen geeignet war, unter anderem bei Auftritten an Schulen vor allem bei jungen Menschen nachhaltige Wirkung zu erzielen und die aus ihrer politischen \"Aufkl\u00e4rungsarbeit\" abzuleitenden \"Einsichten und \u00dcberzeugungen\" 320 zu vermitteln. So hie\u00df es in einem Beitrag zur Jubil\u00e4umsschrift: \"Ihr [der ehemaligen Widerstandsk\u00e4mpfer] lebenslanger Einsatz, ihr gelebter Antifaschismus, ihre politische und pers\u00f6nliche Integrit\u00e4t machten einen Gro\u00dfteil des Ansehens und der Anziehungskraft der VVN auch auf Autonome Antifas aus.\" 321 Mit dem fortschreitenden Verlust der kommunistischen Widerstandsk\u00e4mpfer verliert die VVN-BdA zunehmend ihr gr\u00f6\u00dftes politisches Kapital. Als zu ihrem Selbstverst\u00e4ndnis geh\u00f6rend betonte die VVN-BdA bei gleicher Gelegenheit erneut ihre \"Scharnierfunktion zwischen gelegentlich auseinanderstrebenden Partnern\", womit ihre b\u00fcndnispolitischen Bem\u00fchungen sowohl in das demokratische wie das extremistische Lager hinein elegant umschrieben sind. Ihre Aufgabe sehe sie darin, \"einen Rahmen zu schaffen, in dem unterschiedliche Aktionsformen Platz finden, in dem 'Kein Fu\u00df breit den Faschisten' und 'Bunt statt Braun' nicht als Gegens\u00e4tze, sondern als zwei Teile eines Ganzen verstanden werden.\" 322 Mit der Schaffung m\u00f6glichst breiter B\u00fcndnisse, die bis weit in das b\u00fcrgerliche Lager Schl\u00fcsselrolle hineinreichen, realisiert die VVN-BdA die althergebrachten Grunds\u00e4tze der kommunistischer B\u00fcndnispolitik. Dass f\u00fcr sie die Akzeptanz \"unterschiedB\u00fcndnispolitik licher Aktionsformen\" im \"Kampf gegen rechts\" dazu geh\u00f6rt, bedeutet in der Konsequenz auch die Duldung von Strafund Gewalttaten. Praktiziert wird B\u00fcndnispolitik nach wie vor anl\u00e4sslich von Protestveranstaltungen gegen \"Nazi-Aufm\u00e4rsche\". Dieser Form des \"antifaschistischen 319 Ebd., S. 74. 320 Ebd., S. 57. 321 Ebd., S. 54. 322 Ebd., S. 72f. 202","Linksextremismus Kampfes\" liegt die Zielvorstellung zugrunde, dem bekannten Slogan \"Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen\" uneingeschr\u00e4nkte Geltung zu verschaffen. Entsprechend werden Entscheidungen, die die Geltung grundgesetzlich verbriefter Rechte - wie die Demonstrationsund Meinungsfreiheit - respektieren, als angebliches \"Paktieren\" mit Rechtsextremisten denunziert. Ein Beispiel lieferte die VVN-BdA Karlsruhe, indem sie der Stadt Karlsruhe \"Doppelmoral\" vorwarf, weil diese eine Mahnwache von Rechtsextremisten am 8. Mai 2007 vor einem Kriegerdenkmal genehmigte und wegen m\u00f6glicher St\u00f6raktionen seitens der \"antifaschistischen\" Szene unter Polizeischutz hatte stellen lassen. Dem Text eines \"Presseinfos\" zufolge ging die Sprecherin der VVN-BdA Karlsruhe so weit, zu behaupten, der Oberb\u00fcrgermeister habe sich \"zum B\u00fcttel von Neonazis gemacht und die Opfer des Faschismus entehrt\" 323. In \u00e4hnlichem Tenor erkl\u00e4rte die VVN-BdA Konstanz aus Anlass einer Demonstration von Mitgliedern der \"Jungen Nationaldemokraten\" (JN) und Neonazis am 18. August 2007 in Friedrichshafen, Stadt und Oberb\u00fcrgermeister seien \"krampfhaft bem\u00fcht keine Gr\u00fcnde zu finden, um derartige Aufm\u00e4rsche von hochkar\u00e4tigen Rechtskriminellen zu verbieten.\" 324 \"Wegschauen\" hei\u00dfe das offizielle Motto, obwohl man genau wisse, dass ein solches Verhalten den Nationalsozialismus seinerzeit erst erm\u00f6glicht habe. Das Negieren der Allgemeing\u00fcltigkeit von Grundrechten wie insbesondere der Meinungsund Demonstrationsfreiheit sowie der Gleichheit vor dem Gesetz, wie von der VVN-BdA praktiziert, verst\u00f6\u00dft gegen tragende Prinzipien unseres demokratischen Staatswesens. 4.4 \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) Gr\u00fcndung: 1982 Sitz: Gelsenkirchen Mitglieder: ca. 600 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 600) ca. 2.200 Bund (2006: ca. 2.300) Publikationen: \"Rote Fahne\" (RF), \"Lernen und K\u00e4mpfen\" (LuK), \"REBELL\" Die maoistisch-stalinistische \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) verfolgt nach wie vor das Ziel, einen gesellschaftlichen Umsturz durch die Beseitigung der \"Herrschaft des Monopolkapitals\" 325 her323 Internetauswertung vom 4. Oktober 2007. 324 Internetauswertung vom 16. Oktober 2007. 325 Hier und im Folgenden: \"Rote Fahne\" (RF) Nr. 4 vom 26. Januar 2007, S. 16. 203","beizuf\u00fchren. Um \"gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse zu verwirklichen\", bei denen die \"Bed\u00fcrfnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen\", m\u00fcsse \"die Arbeiterklasse mit ihren Verb\u00fcndeten das Ruder selbst in die Hand nehmen\". Dies sei \"nicht \u00fcber Reformen, sondern nur durch eine Revolution zu verwirklichen - um den Kapitalismus zu beseitigen und den echten Sozialismus zu erk\u00e4mpfen\". In ihren Sozialismusvorstellungen grenzt sich die MLPD deutlich gegen\u00fcber dem ehemals \"real existierenden\" Sozialismus sowjetischer, aber auch dem chinesischer Pr\u00e4gung ab: \"Ohne massenhaft zu begreifen, dass der Sozialismus seit Chruschtschow in der Sowjetunion und Deng Xiao Ping in China durch einen b\u00fcrokratischen Kapitalismus neuen Typs ersetzt wurde, wird es uns nicht gelingen, dem Sozialismus zu einem neuen Ansehen zu verhelfen.\" 326 Eine wirkliche Perspektive k\u00f6nne nur die Gesellschaftsordnung des \"echten Sozialismus\" sein, die ihre \"Schlussfolgerungen aus den positiven und negativen Erfahrungen des sozialistischen Aufbaus\" gezogen habe: Eine Schl\u00fcsselrolle spielt dabei f\u00fcr die MLPD die Durchsetzung der \"proletarischen Denkweise\" 327 im Unterschied zur \"kleinb\u00fcrgerlichen Denkweise\", die in China und der Sowjetunion die verantwortlichen F\u00fchrer in Partei, Wirtschaft und Staat ergriffen habe, und die sich zu einer \"Bourgeoisie neuen Typs\" entwickelt h\u00e4tten. Der f\u00fcr 2008 geplante VIII. Parteitag der MLPD soll \"vor allem dadurch gekennzeichnet sein, dass er die ganze Partei auf die k\u00fcnftigen Aufgaben der Partei im Klassenkampf ausrichtet und seinen Beitrag zur Vorbereitung der internationalen Revolution leistet\".328 Feier des Die MLPD feierte 2007 ihr 25-j\u00e4hriges Bestehen. Aus diesem Grunde und 25-j\u00e4hrigen aus verschiedenen weiteren Anl\u00e4ssen absolvierte die Partei in diesem Jahr Bestehens ein f\u00fcr ihre Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse durchaus erstaunliches Veranstaltungsproim Mittelpunkt gramm. Den Anfang machte der \"5. Internationale Automobilarbeiterratschlag\" vom 17. bis 20. Mai 2007 in Stuttgart, f\u00fcr den ein Stuttgarter MLPDAktivist als Kontaktperson angegeben war. Das \"Gro\u00dfereignis f\u00fcr die Automobilarbeiter\" 329 war konzipiert als \"\u00fcberparteiliches und selbstorganisiertes Forum zum internationalen Erfahrungsaustausch der Arbeiter, Ange326 Hier und im Folgenden: Interview mit dem Parteivorsitzenden vom 20. Juni 2007, ver\u00f6ffentlicht in der RF Nr. 25 vom 22. Juni 2007, S. 17. 327 Hier und im Folgenden: Information f\u00fcr neue Leserinnen und Leser, regelm\u00e4\u00dfig S. 2 einer jeden RFAusgabe, hier: RF Nr. 39 vom 28. September 2007. 328 Interview mit dem Parteivorsitzenden ENGEL vom 20. Juni 2007, in: RF Nr. 25 vom 22. Juni 2007, S. 21. 329 Internetauswertung vom 24. April 2007. 204","Linksextremismus stellten, ihrer Familien und der Auszubildenden aus der Automobilund Zuliefererindustrie\" und sollte \"ein Beitrag sein, den Kampf um unsere Interessen und unsere Zukunft zu st\u00e4rken\".330 Der Teilnehmerkreis der Veranstaltung bestand nach Parteiangaben aus 660 Personen und 50 internationalen G\u00e4sten aus 17 L\u00e4ndern und d\u00fcrfte dem weitl\u00e4ufigen marxistisch-leninistischen Spektrum angeh\u00f6rt haben. Mit dieser Veranstaltung, bei der die MLPD nach au\u00dfen hin nicht erkennbar als Partei auftrat, gelang es den Organisatoren gegen\u00fcber dem letzten \"Automobilarbeiterratschlag\" im Jahr 2005, ein deutlich h\u00f6heres Teilnehmerpotenzial zu mobilisieren. Das von der MLPD selbst als das \"gr\u00f6\u00dfte selbstorganisierte Jugendfestival\" 331 bezeichnete Pfingstjugendtreffen vom 26. bis 27. Mai 2007 in Gelsenkirchen lockte in diesem Jahr angeblich \u00fcber 18.000 Besucher an. Das letzte Pfingstjugendtreffen im Jahr 2005 besuchten nach MLPD-Angaben rund 24.000 Teilnehmer, wobei f\u00fcr den diesj\u00e4hrigen Besucherr\u00fcckgang vermutlich die schlechten Wetterverh\u00e4ltnisse mitverantwortlich waren. Die insgesamt regelm\u00e4\u00dfig hohen Zahlen sind auch hier auf die Teilnahme vieler internationaler G\u00e4ste und Angeh\u00f6riger diverser MLPD-naher Organisationen und Gruppierungen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Das Programm des Pfingstjugendtreffens beinhaltete unter anderem einen \"antifaschistischen Erfahrungsaustausch\" 332, dessen wichtigstes Ergebnis die \"breit getragene Ablehnung des Antikommunismus\" gewesen sei, sowie eine \"Zukunftsdemonstration\" durch die Gelsenkirchener Innenstadt mit angeblich rund 5.000 Teilnehmern, auf der der Parteivorsitzende Stefan ENGEL eine Rede hielt. Das in diesem Jahr herausragende Ereignis f\u00fcr die MLPD war ihr 25-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um, das die Partei in der Zeit vom 2. bis 5. August 2007 an verschiedenen Orten des Ruhrgebiets beging. Die Feierlichkeiten endeten mit einer \"Internationalen Gedenkfeier\" im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald und wurden insgesamt als triumphaler Erfolg gewertet. H\u00f6hepunkt war die Veranstaltung am 4. August 2007 in der Duisburger RheinRuhr-Halle, die der Parteivorsitzende in seinem am 20. Juni 2007, dem 25. Gr\u00fcndungstag der MLPD, ver\u00f6ffentlichten Interview schon vorab als \"zweifellos die gr\u00f6\u00dfte und wohl auch bedeutendste Einzelveranstaltung der 330 Internetauswertung vom 22. Januar 2007. 331 Hier und im Folgenden: Internetauswertung der \"Roten Fahne News\" vom 25. April 2007. 332 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 4. Juni 2007 (Fettdruck im Original). 205","MLPD seit der Parteigr\u00fcndung\" 333 hervorhob. Zu den Jubil\u00e4umsfeierlichkeiten war aufw\u00e4ndig mobilisiert worden, unter anderem mit eigens gedruckten Flyern und einer Sondernummer der \"Roten Fahne\" in einer Auflage von 200.000 St\u00fcck. Die Veranstaltungen wurden, Eigenangaben zufolge, von insgesamt 2.600 Personen besucht. \u00dcber das mit politischen Reden und Diskussionen ausgef\u00fcllte Programm der vier Tage wurde ausf\u00fchrlich in der \"Roten Fahne\" Nr. 32 vom 10. August 2007 berichtet. Besonders stolz gab sich die Partei angesichts der Teilnahme von Vertretern kommunistischer Organisationen aus \u00fcber 40 L\u00e4ndern. Zentrales Ereignis der Jubil\u00e4umsveranstaltung am 4. August 2007 in der Duisburger Rhein-Ruhr-Halle war f\u00fcr die Partei die gro\u00dfe, rund zweist\u00fcndige Ansprache des Parteivorsitzenden ENGEL, in der dieser allerdings lediglich im Wesentlichen altbekannte und realit\u00e4tsferne Standpunkte gebetsm\u00fchlenartig wiederholte. Dazu geh\u00f6rten die Hervorhebung der Notwendigkeit einer sozialistischen Planwirtschaft ebenso wie die Konstatierung eines angeblich auf breiter Front erwachenden Klassenbewusstseins und die \u00dcberzeugung, dass der \"echte Sozialismus\" nur mit einer \"proletarischen Denkweise\" erk\u00e4mpft und aufgebaut werden k\u00f6nne. In einer ebenfalls aus Anlass des Parteijubil\u00e4ums durchgef\u00fchrten Gespr\u00e4chsrunde zur \"marxistisch-leninistischen Jugendarbeit\" war man sich au\u00dferdem einig, dass schon Kinder nicht nur \"antifaschistische(r) \u00dcberzeugungsarbeit\" zu unterziehen seien, sondern auch \"jede erdenkliche Hilfestellung\" erhalten m\u00fcssten, um mit der \"kleinb\u00fcrgerlichen Denkweise fertig\" zu werden. Bereits in seinem Interview vom 20. Juni 2007 hatte ENGEL in der f\u00fcr ihn wie die MLPD als solche typischen \u00fcbertreibenden und selbst \u00fcbersch\u00e4tzenden Art und Weise hervorgehoben, dass es der Partei angeblich gelungen sei, \"ein gesellschaftlicher Faktor mit wachsender Bedeutung\" 334 zu werden. Es gebe heute \"keinen bedeutenden Arbeitskampf, keine Massenbewegung, keine gesellschaftliche Diskussion, in der die MLPD nicht profiliert und vielfach pr\u00e4gend beteiligt\" sei. Auch ihre \"internationale Anzie333 Interview mit dem Parteivorsitzenden ENGEL vom 20. Juni 2007, in: RF Nr. 25 vom 22. Juni 2007, S. 22 (Fettdruck im Original). 334 Hier und im Folgenden: Interview mit dem Parteivorsitzenden ENGEL vom 20. Juni 2007, in: RF Nr. 25 vom 22. Juni 2007, S. 11. 206","Linksextremismus hungskraft\" sei \"enorm gewachsen\". Gleichwohl musste der Parteivorsitzende einr\u00e4umen, dass die \"bislang ausgepr\u00e4gt positive Mitgliederentwicklung seit dem VII. Parteitag335 im letzten Quartal 2006 in eine Stagnation \u00fcbergegangen\" 336 sei. Allerdings bezeichnete er in einem weiteren Interview vom Dezember 2007 diese Stagnation als bereits wieder \u00fcberwunden.337 Deutlich wurde in der R\u00fcckschau auf die Feierlichkeiten allerdings auch, dass der MLPD die Anerkennung innerhalb der \u00fcbrigen deutschen \"Linken\" selbst zum 25-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um gr\u00f6\u00dftenteils versagt geblieben ist. Die breite Mobilisierung zu den Festlichkeiten konnte kaum mehr als die eigene Klientel auf den Plan rufen. 4.5 \"Rote Hilfe e.V.\" (RH) Gr\u00fcndung: 1975 Sitz: Dortmund Gesch\u00e4ftsstelle: G\u00f6ttingen Mitglieder: ca. 300 Baden-W\u00fcrttemberg (2006: ca. 300) ca. 4.300 Bund (2006: ca. 4.300) Publikation: \"Die Rote Hilfe\" Die erstmals 1924 in der Weimarer Republik unter Federf\u00fchrung der \"Kommunistischen Partei Deutschlands\" (KPD) gegr\u00fcndete \"Rote Hilfe e.V.\" hatte sich im \"Dritten Reich\" aufgel\u00f6st und im Jahre 1975 mit Sitz der Gesch\u00e4ftsstelle in G\u00f6ttingen wieder neu gegr\u00fcndet. Einer Selbstdarstellung im Internet zufolge definiert sich die \"Rote Hilfe e.V.\" als \"eine Solidarit\u00e4tsorganisation, die politisch Verfolgte aus dem linken Spektrum unterst\u00fctzt. Sie konzentriert sich auf politisch Verfolgte aus der BRD, bezieht aber auch nach Kr\u00e4ften Verfolgte aus anderen L\u00e4ndern ein. Unsere Unterst\u00fctzung gilt allen, die als Linke wegen ihres Handelns, z.B. wegen presserechtlicher Verantwortlichkeit f\u00fcr staatsverunglimpfende Schriften, wegen Teilnahme an spontanen Streiks, wegen Widerstand gegen polizeiliche \u00dcbergriffe oder wegen Unterst\u00fctzung der Zusammenlegungsforderung f\u00fcr politische Gefangene ihren Arbeitsplatz verlieren, vor Gericht gestellt, verurteilt werden. Ebenso denen, die in einem anderen Staat verfolgt werden und denen hier politisches Asyl verweigert wird.\" 338 335 Der Parteitag fand im Fr\u00fchjahr 2004 in Magdeburg statt. 336 Interview mit dem Parteivorsitzenden ENGEL vom 20. Juni 2007, in: RF Nr. 25 vom 22. Juni 2007, S. 19. 337 \"Rote Fahne News\" vom 12. Dezember 2007. 338 Internetauswertung vom 9. November 2007; \u00dcbernahme wie im Original. 207","\"politische Im Vordergrund der politischen Arbeit der \"Roten Hilfe e.V.\" stand - st\u00e4rRepression\" ker noch als im Jahr zuvor - das Thema \"Antirepression\". Ausschlaggebend zentrales Thema daf\u00fcr war das zentrale Ereignis des G8-Gipfels in Heiligendamm als \"Symbol der Repression auf allen Ebenen\" 339, aber auch eine breit angelegte Kampagne gegen die Nichteinstellung eines Heidelberger Lehramtskandidaten, der unter anderem Mitglied des Bundesvorstands der \"Roten Hilfe e.V.\" und der AIHD ist. Zusammen mit unter anderem der linksextremistischen \"Antifaschistischen Initiative Heidelberg\" (AIHD), dem \"Solidarit\u00e4tskomitee gegen das Berufsverbot\" und der VVN-BdA rief die \"Rote Hilfe e.V.\" zur Teilnahme an einer Demonstration am 27. Januar 2007 in Mannheim unter dem Motto \"Weg mit den Berufsverboten\" auf, an der sich circa 600 Personen beteiligten. Am 14. M\u00e4rz 2007 hob der baden-w\u00fcrttembergische Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Mannheim das erstinstanzliche Urteil \u00fcber die Nichteinstellung des Heidelberger Realschullehrers in den Schuldienst auf. Der Lehramtsbewerber wurde mit Beginn des neuen Schuljahres in den staatlichen Schuldienst eingestellt. Von April bis Oktober 2007 widmete sich die \"Rote Hilfe e.V.\" schwerpunktm\u00e4\u00dfig den Protesten gegen das G8-Treffen in Heiligendamm. Ab dem 31. Mai 2007 war sie mit einer Anlaufstelle vor Ort vertreten. W\u00e4hrend der Gipfelproteste wurden ihre Rechtshilfebrosch\u00fcre \"Was tun wenn's brennt\" und ein Flyer des unter ihrer Federf\u00fchrung t\u00e4tigen \"Ermittlungsausschusses\" verteilt. Mit Presseerkl\u00e4rungen auf ihrer Homepage wurden die Globalisierungskritiker \u00fcber die aktuellen Ereignisse vor Ort informiert. Am 15. Juni 2007 ver\u00f6ffentlichte die Organisation zum G8-Gipfel eine \"Chronologie der Repression\" 340. Auch 2007 gab der Bundesvorstand der \"Roten Hilfe e.V.\" zum 18. M\u00e4rz, dem \"Tag der politischen Gefangenen\"341, eine Sonderausgabe der Zeitschrift \"Die Rote Hilfe\" heraus, die als Beilage in der linksextremistischen Tageszeitung \"junge Welt\" erschien. Unter der \u00dcberschrift \"Wer im Stich l\u00e4sst seinesgleichen l\u00e4sst ja nur sich selbst im Stich...\" erkl\u00e4rte der Bundesvorstand darin342, dass f\u00fcr ihn im laufenden Jahr die Forderung nach der Freilassung der verbliebenen RAF-Gefangenen auf der Tagesordnung stehe. So 339 Internetauswertung vom 2. November 2007. 340 Internetauswertung vom 2. November 2007. 341 Das Datum \"18. M\u00e4rz\" soll historische Bez\u00fcge zu den Barrikadek\u00e4mpfen in Berlin w\u00e4hrend des Revolutionsjahrs 1848, dem Beginn der Pariser Kommune im M\u00e4rz 1871 und dem erstmals am 18. M\u00e4rz 1923 von der damaligen KPD-nahen \"Roten Hilfe\" ausgerufenen \"Internationalen Tag der politischen Gefangenen\" kn\u00fcpfen. 342 Hier und im Folgenden \"18.03.2007. Tag der politischen Gefangenen. Sonderausgabe der Roten Hilfe\", S. 1. 208","Linksextremismus hei\u00dft es, wenn derzeit in den Medien \"eine Stimmung gemacht wird, die die niedrigsten Instinkte des Volkszorns mobilisiert und die die Aktionen der ehemaligen Mitglieder der RAF aus jeglichem politischen und gesellschaftlichen Kontext rei\u00dft, so spricht das ein weiteres Mal der M\u00e4r von den 'ganz normalen Gefangenen mit ganz normalen Verfahren und ganz normalen Haftbedingungen' Hohn. Die Gefangenen aus der RAF sind immer politische Gefangene gewesen, deren Urteile nach politischen Ma\u00dfgaben gef\u00e4llt wurden\". Weiter wird ausgef\u00fchrt: \"Wenn heute von den letzten verbliebenen Gefangenen 'Reue' gefordert wird, offenbart sich damit tats\u00e4chlich ein wesentlicher Zweck ihrer Inhaftierung: es geht um die Ausl\u00f6schung linker Geschichte, um die Verleugnung und Verurteilung eines revolution\u00e4ren Aufbruchs und nicht zuletzt darum, den Willen der Gefangenen zu brechen.\" 4.6 Sonstige Vereinigungen Im Jahr 2007 waren Trotzkisten erneut sehr aktiv. Aufgefallen ist besonders die Gruppe \"Linksruck\", die ihre Versuche politischer Einflussnahme auf die Partei \"DIE LINKE.\" konzentriert. Zu diesem Zweck hat sie sich am 1./2. September 2007 offiziell aufgel\u00f6st und existiert seither nicht mehr als selbst\u00e4ndige Organisation. Zum gleichen Zeitpunkt gr\u00fcndete sie ein \"Netzwerk\" unter dem Namen \"marx21 - Netzwerk f\u00fcr internationalen Sozialismus\", mit dem sie k\u00fcnftig nur noch innerhalb der Partei \"DIE LINKE.\" agitieren will. Zu dieser Entscheidung lautete die Begr\u00fcndung: \"Wir sehen in der Vereinigung die Chance, eine neue Partei des Klassenkampfes und eines Sozialismus von unten aufzubauen, eine politische Tradition, die in Deutschland vor \u00fcber achtzig Jahren mit der Stalinisierung der KPD Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts weitgehend verloren gegangen ist.\" 343 Weiter hie\u00df es: \"Die Barbarei des globalen Kapitalismus, seine die Menschheit bedrohende Destruktivit\u00e4t, macht seine \u00dcberwindung zur dringenden Notwendigkeit.\" Ziel von \"marx21\" sei die \"Herausbildung einer sozialisti343 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 27. September 2007. 209","schen Massenpartei\". Der Sinn der Gr\u00fcndung des Netzwerkes sei, einen Beitrag dazu zu leisten, \"dass die Partei 'Die Linke.' ihr Potenzial entfaltet. Fokussierung Dazu wollen wir ein Netzwerk von Marxisten gr\u00fcnden, das in und mit der auf Partei 'Sozialistischen Linken' als \u00fcbergreifende Str\u00f6mung f\u00fcr eine am Klassen\"DIE LINKE.\" kampf orientierte Partei streitet.\" Zuvor war es Angeh\u00f6rigen von \"Linksruck\" bereits gelungen, in der Partei \"DIE LINKE.\" wichtige Positionen bis auf h\u00f6chster Ebene zu besetzen. So ist die Gruppe mit zwei Angeh\u00f6rigen im Bundesvorstand vertreten. Ebenso versuchte die \"Sozialistische Alternative VORAN\" (SAV) schon fr\u00fchzeitig, Einfluss auf das Projekt einer \"neuen Linkspartei\" zu nehmen. Am 14. Oktober 2007 trafen sich \"AntikapitalistInnen aus verschiedenen Zusammenh\u00e4ngen, um \u00fcber eine kontinuierliche Zusammenarbeit sozialistischer Kr\u00e4fte innerhalb und au\u00dferhalb der Partei DIE LINKE zu beraten.\" 344 Eingeladen hatte neben anderen die SAV. \u00dcber die Notwendigkeit, ein \"neues oppositionelles Netzwerk\" innerhalb dieser Partei zu gr\u00fcnden, so formulierte die SAV in ihren \"Vorschl\u00e4ge(n) (...) zur Konferenz antikapitalistischer Linker\", bestehe unter den Beteiligten Einigkeit. Es m\u00fcsse um die Schaffung einer \"neuen Massenpartei\" gehen, die \"eine sozialistische Alternative zu Neoliberalismus und Kapitalismus\" anstrebe. Ferner wird betont, man wolle zwar keine Fixierung auf die Partei \"DIE LINKE.\", doch sei sie f\u00fcr viele zum Bezugspunkt geworden. \"Eine Sozialistische Koordination sollte sich deshalb auf die Partei beziehen und versuchen auf sie Einfluss zu nehmen und in ihr zu wirken.\" Dies sollte die Bereitschaft zu gemeinsamem Handeln nach dem Muster dessen, \"was MarxistInnen Einheitsfrontmethode nennen\", enthalten. Dazu geh\u00f6re unter anderem, sich innerhalb der Partei als Zusammenhang zu konstituieren, politisch initiativ zu werden und f\u00fcr die Mitwirkung in Parteigremien zu kandidieren. Im Zuge der Proteste gegen den G8-Gipfel trat erstmals seit vielen Jahren auch die \"Sozialistische Linke\" (SoLi) in Karlsruhe mit mehreren Veranstaltungen in Karlsruhe \u00f6ffentlich in Erscheinung. 5. Aktionsfelder 5.1 Antiglobalisierung Der G8-Gipfel vom 6. bis 8. Juni 2007 in Heiligendamm stand 2007 im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des gesamten linksextremistischen Spek344 Hier und im Folgenden: \"Vorschl\u00e4ge der SAV zur Konferenz antikapitalistischer Linker am 14.10.07\". Internetauswertung vom 17. Oktober 2007. 210","Linksextremismus trums, \"denn die G8 stehen f\u00fcr r\u00fccksichtslose Ausbeutung, Unterdr\u00fcckung, Krieg und Mord.\" 345 Die Vorbereitungen und Planungen hatten bereits im Fr\u00fchjahr 2005 begonnen. Bundesweit waren an den Protestplanungen drei B\u00fcndnisstrukturen, das \"Gesamtb\u00fcndnis\" (initiiert durch die \"Interventionistische Linke\" (IL)), \"Dissent+X\" und das \"Anti-G8-B\u00fcndnis f\u00fcr eine revolution\u00e4re Perspektive\" ma\u00dfgeblich beteiligt. Auch in Baden-W\u00fcrttemberg - besonders in Heidelberg, Karlsruhe und Stuttgart - richteten Linksextremisten ihre Hauptaktivit\u00e4ten im ersten Halbjahr 2007 auf dieses Thema aus. Das \"G8-Aktionsb\u00fcndnis Karlsruhe\", dem unter anderem die DKP, die Partei \"DIE LINKE.\", \"solid - die linke Jugend\" und linksextremistisch beeinflusste Organisationen angeh\u00f6rten, f\u00fchrte unter dem Slogan \"Gute Nacht G8! Eine andere Welt ist m\u00f6glich\" vom 14. April bis 15. Juni 2007 die \"Karlsruher G8-Aktionswochen\" mit Informations-, Diskussionsund Filmveranstaltungen sowie Seminaren durch. In Heidelberg veranstaltete das \"Heidelberger G8-B\u00fcndnis\", ein Zusammenschluss von Einzelpersonen der linksextremistischen Szene Heidelberg, vom 15. bis 30. April 2007 eine \"Woche der Alternativen\". Das B\u00fcndnis unterst\u00fctzte auch die Demonstration \"Fight G8! Smash Capitalism!\" der \"Antifaschistischen Initiative Heidelberg\" (AIHD) am 30. April 2007 in der Heidelberger Innenstadt. Im Bereich Stuttgart waren die \"Revolution\u00e4re Aktion Stuttgart\" (RAS) f\u00fcr Infoveranstaltungen und Workshops und das Netzwerk \"Stuttgart gegen G8\" f\u00fcr die Organisation von Fahrm\u00f6glichkeiten nach Heiligendamm verantwortlich. Die bei der Rostocker Aktionskonferenz im November 2006 beschlossene \"Choreografie des Widerstands\", in der die Aktionen gegen den G8-Gipfel Aktionen gegen festgelegt worden waren, konnte weitgehend eingehalten und realisiert werG8-Gipfel den. Aus Baden-W\u00fcrttemberg reisten circa 700 Linksextremisten an, darunter etwa 400 gewaltbereite Autonome. An der \"internationalen Gro\u00dfdemonstration\" am 2. Juni 2007 in Rostock unter dem Motto \"Eine andere Welt ist m\u00f6glich\" beteiligten sich etwa 30.000 Personen (nach Veranstalterangaben 60.000 - 80.000). Nach den friedlich verlaufenen Auftaktkundgebungen eskalierte am Stadthafen die Lage. Dort wurden aus dem circa 2.000 Personen umfassenden so genannten Schwarzen Block346 Polizeibeamte mit 345 \"Analyse & Kritik\" Nr. 518 vom 22. Juni 2007, S. 11. 346 Der \"Schwarze Block\" vermittelt durch die einheitliche schwarze Bekleidung und das Tragen von Sonnenbrillen, T\u00fcchern und M\u00fctzen ein homogenes Erscheinungsbild. Tats\u00e4chlich handelt es sich in der Regel jedoch um eine eher unstrukturierte Gruppe von Einzelpersonen und Zirkeln der linksextremistischen autonomen Szene sowie sonstigen, nicht extremistischen, gewaltbereiten Personen. 211","Pflastersteinen, Flaschen und Molotow-Cocktails beworfen. An den Ausschreitungen waren auch Personen aus Baden-W\u00fcrttemberg beteiligt. Ein mit Beamten besetztes Polizeifahrzeug wurde massiv angegriffen und besch\u00e4digt. Nach verst\u00e4rktem Kr\u00e4fteeinsatz der Polizei und dem Auffahren von Wasserwerfern beruhigte sich die Lage am sp\u00e4teren Abend. Die Folgeveranstaltungen der n\u00e4chsten Tage verliefen weitestgehend friedlich. Den l\u00e4nger vor Ort bleibenden Demonstrationsteilnehmern standen drei \"Internationale Aktionscamps\" zur Verf\u00fcgung. Um den G8-Gipfel nachhaltig zu st\u00f6ren, waren im Vorfeld so genannte Massenblockaden, aber auch dezentrale Blockadekonzepte diskutiert worden. Letztendlich wurde das propagierte Konzept der Massenblockaden des B\u00fcndnisses \"Block G8\" umgesetzt, das im Vorfeld bereits bundesweite \"Aktionstrainings\" durchgef\u00fchrt hatte. Der Plan, am 6. Juni 2007 den Milit\u00e4rflughafen Rostock-Laage abzuriegeln, um eine reibungslose Ankunft der Gipfelteilnehmer zu verhindern, konnte lediglich in Ans\u00e4tzen realisiert werden. Zu einer wirkungsvollen \"Massenblockade\" drangen am Morgen des 6. Juni 2007 bis zu 9.000 Personen \u00fcber Feldwege und angrenzende Waldgebiete in die Sicherheitszone vor. Zwei Hauptzufahrtswege nach Heiligendamm wurden zumindest vor\u00fcbergehend blockiert. Ferner gelang es Hunderten von Aktivisten, bevor sie von der Polizei zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurden, bis an den eigentlichen Sicherheitszaun vorzudringen. Diese Aktivit\u00e4ten verliefen - bis auf gewaltt\u00e4tige Einzelaktionen - weitgehend friedlich. Nachdem einzelne Blockadepunkte nachts von mehreren hundert Demonstranten besetzt gehalten worden waren, wurden die Aktionen am 7. Juni 2007 mit mehreren tausend Teilnehmern ebenfalls meist friedlich fortgesetzt. Allerdings kam es an einer Stelle zu massiven Ausschreitungen. Aus der Menge heraus wurden Polizeibeamte mit Steinen beworfen. Am Vormittag des 8. Juni 2007 wurden die letzten Blockaden beendet. Ein f\u00fcr den 7. Juni 2007 geplanter \"Sternmarsch\" nach Heiligendamm wurde am 6. Juni 2007 vom Bundesverfassungsgericht verboten. Die Abschlusskundgebung \"Den Protest gegen ungerechte Globalisierung in die Welt tragen, denn eine andere Welt ist m\u00f6glich!\" am 8. Juni 2007 in Rostock schlie\u00dflich verlief mit etwa 5.000 Personen wiederum friedlich. Vor dem Hintergrund der gewaltsamen Ausschreitungen bei der Gro\u00dfdemonstration am 2. Juni 2007 fiel die Bewertung der Anti-G8-Proteste durch die Teilnehmer selbst unterschiedlich aus. Einerseits wurde eine heftige Debatte \u00fcber die \"Gewaltfrage\" ausgel\u00f6st, anderseits sahen viele Stimmen aus dem linksextremistischen Spektrum die Proteste als eindeutigen und gro\u00dfen 212","Linksextremismus Erfolg an. So schrieb die \"Interventionistische Linke\" (IL) unter dem Titel \"Wenn der Staub sich legt oder: Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend\" in einer Stellungnahme zu \"einigen Aspekten der Anti-G8-Mobilisierung\" 347: \"Der Anti-G8-Protest war die seit Jahren gr\u00f6\u00dfte Mobilisierung der radikalen Linken in Deutschland. Gemeinsam mit moderaten Linken und mit GenossInnen und AktivistInnen aus anderen L\u00e4ndern haben wir den Gipfel effektiv blockiert und mit der Demonstration, in den Camps und w\u00e4hrend der Aktionstage eine rebellische Welt lebendig werden lassen: Globalisierungskritik wurde Massenpraxis\". Im weiteren Verlauf ihrer Ausf\u00fchrungen erkl\u00e4ren die Verfasser in Bezug auf die Ausschreitungen bei der Demonstration am 2. Juni: \"F\u00fcr die einen sind es die 'Krawalle von Rostock', f\u00fcr die anderen der Tag, an dem die Bullen mal wieder rennen mussten und die Staatsmacht f\u00fcr einen Moment die Kontrolle verlor. F\u00fcr die einen hat der 'Schwarze Block' die Polizei angegriffen, f\u00fcr andere die Polizei provozierend angefangen und die passende Antwort bekommen (...). Um es zugespitzt und provozierend zu sagen: Wir sind ,Krawallanten' und ,Abwiegler' in einem, sind der Schwarze Block und die Deeskalationscombo.\" 5.2 \"Repression\" Linksextremisten sahen sich 2007 in besonderem Ma\u00dfe in ihrer \u00dcberzeugung best\u00e4tigt, dass staatliche Repression sich zuallererst und gezielt gegen \"die Linke\" richte. Willk\u00fcrliche \"Kriminalisierung\" und \"politische Verfolgung\" gelten angeblich der Einsch\u00fcchterung einer \"politisch unliebsamen\" Szene. Als ein neuer H\u00f6hepunkt \"politischer Repression\" wurde staatliches Handeln im Zusammenhang mit dem G8-Gipfel in Heiligendamm interpretiert. Dementsprechend trat das Agitationsfeld \"Antirepression\" noch st\u00e4rker als in den Vorjahren in den Vordergrund. Eine wichtige Rolle spielten dabei die bereits im Vorfeld am 9. Mai 2007 aufgrund zweier Beschl\u00fcsse des Ermittlungsrichters beim Bundesgerichts347 \"Wenn der Staub sich legt oder: Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend. Die Interventionistische Linke zu einigen Aspekten der Anti-G8-Mobilisierung\". In: \"G8-EXTRA. Infos rund um und gegen das G8Treffen in Heiligendamm 2007\". Internetauswertung vom 26. Oktober 2007. 213","hof durchgef\u00fchrten Hausdurchsuchungen348 im Zusammenhang mit der \"militanten Begleitkampagne\" gegen den G8-Gipfel sowie gegen mutma\u00dfliche Angeh\u00f6rige der \"militanten gruppe\" (mg). Betroffen waren Objekte in Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Niedersachsen und SchleswigHolstein. In Reaktion auf diese Ma\u00dfnahmen kam es bundesweit zu zahlreichen spontanen Solidarit\u00e4tsdemonstrationen, unter anderem auch in Mannheim, Stuttgart und T\u00fcbingen sowie zu Sachbesch\u00e4digungen. Im Zuge der anhaltenden Proteste wurde unter dem Motto \"Jetzt erst recht - Repression und Kriminalisierung des Protestes entgegentreten\" zu einer bundesweiten Demonstration am 19. Mai 2007 in Karlsruhe aufgerufen. Die Verfasser des Aufrufs bezeichneten die Durchsuchungsaktion vom 9. Mai 2007 als \"Willk\u00fcr\" des Staates. So hei\u00dft es: G8-Gipfel - \"Unter dem Vorwand des Verdachts auf 'Bildung H\u00f6hepunkt einer terroristischen Vereinigung' (SS129a) wurde so \"staatlicher versucht, die gesamte Protestbewegung gegen den Repression\" G8-Gipfel und andere (system-)kritische Gruppen gegen \"Linke\" und Einzelpersonen zu durchleuchten und einzusch\u00fcchtern.\" Der Aufruf endet mit den Parolen: \"Solidarit\u00e4t mit den Opfern der Repression! Wir lassen uns den Widerstand nicht verbieten! Jetzt erst recht!\" 349 Nach den Protesten gegen den G8-Gipfel im Juni 2007, bei denen es zu zahlreichen Festnahmen, Ingewahrsamnahmen und Platzverweisen kam, ver\u00f6ffentlichte die \"Rote Hilfe e.V.\" am 15. Juni 2007 im Internet unter dem Titel \"G8: Chronologie der Repression\" einen \u00dcberblick \u00fcber \"die gezielte Eskalation staatlicher Repressionsma\u00dfnahmen\". Darin hei\u00dft es unter anderem: \"Der G8-Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007 war nicht nur ein Kristallisationspunkt f\u00fcr die linke Bewegung, er stellt auch einen H\u00f6hepunkt in den staatlichen Versuchen dar, gesellschaftlichen Protest zu kriminalisieren und politische Grundrechte einzuschr\u00e4nken.\" 350 348 Vgl. Kap. E Ziff. 3. 349 Internetauswertung vom 26. Oktober 2007. 350 Internetauswertung vom 2. November 2007. 214","Linksextremismus Am 13. Juni 2007 kam es erneut zur Durchsuchung mehrerer Objekte in Schleswig-Holstein und Hamburg. In der Nacht zum 31. Juli 2007 nahm die Polizei in Brandenburg unmittelbar nach einem versuchten Brandanschlag auf Fahrzeuge der Bundeswehr drei Personen vorl\u00e4ufig fest. Nach einer Durchsuchung von mehreren Objekten in Berlin und Leipzig am 31. Juli und 1. August 2007 wurde eine weitere Person in Berlin festgenommen. Gegen die Personen wurde wegen des dringenden Verdachts der Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung \"militante gruppe\" (mg) Haftbefehl erlassen.351 Bei einer Solidarit\u00e4tskundgebung am 4. August 2007 vor der JVA BerlinMoabit erkl\u00e4rte das linksextremistische \"Netzwerk Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen\" unter anderem, dass die \"aktuellen Repressionsangriffe des deutschen Polizeistaatsapparates gegen die Linke\" Teil seien \"einer breit angelegten Repressionswelle, die seit geraumen Monaten mit Hilfe der SS129a/b zu etlichen Festnahmen und Verhaftungen gef\u00fchrt hat. W\u00e4hrend auf der einen Seite von 'Demokratie' und 'Rechtsstaatlichkeit' gesprochen wird, sieht die Praxis in der Realit\u00e4t anders aus.\" Die Erkl\u00e4rung endet mit der Parole \"Repression kann uns nicht einsch\u00fcchtern! Weg mit den SSSS129a/b! Freiheit f\u00fcr Axel, Florian, Oliver und Andrej! Solidarit\u00e4t ist unsere Waffe!\" 352 In einem Redebeitrag auf einer Kundgebung am 22. August 2007 vor der JVA Berlin-Moabit forderte das linksextremistische \"Gegeninformationsb\u00fcro\" (GIB) unter anderem, dass die \"Linke\" Antworten auf die Frage finden m\u00fcsse, \"welche ad\u00e4quaten Widerstandsstrategien gegen die milit\u00e4rische und \u00f6konomische Gewalt des Kapitalismus entwickelt werden m\u00fcssen, denn wie unsere revolution\u00e4ren Urm\u00fctter und Urv\u00e4ter schon sagten: 'Das Reaktion\u00e4re f\u00e4llt nicht um, wenn es nicht zu Boden gest\u00fcrzt wird.' Dass Proteste nicht ausreichen, um die menschenverachtende Politik der kapitalistischen Elite zu stoppen, haben wir millionenfach in einer langen Geschichte erfahren. Wir m\u00fcssen den Schritt vom Protest zum Widerstand organisieren und das geht nicht ohne Infragestellung des b\u00fcrgerlichen Legalismus. Ohne organisierten massenhaften Widerstand wird die brutale staatliche Repression jeden revolution\u00e4ren Kampf ersticken.\" 353 Bereits seit Oktober 2007 wurde unter dem Motto \"Unsere Solidarit\u00e4t gegen ihre Repression - Gegen den kapitalistischen Normalzustand\" zur Teilnahme an einer bundesweiten Demonstration am 15. Dezember 2007 in Hamburg mobilisiert. In einem Aufruf wurde unter anderem formuliert: 351 Der am 1. August 2007 in Berlin festgenommenen Person wurde am 22. August 2007 Haftverschonung gew\u00e4hrt und der Haftbefehl durch den 3. Strafsenat beim BGH mit Beschluss vom 18. Oktober 2007, Az.: StB 34/07, aufgehoben. 352 Internetauswertung vom 2. November 2007; \u00dcbernahme wie im Original. 353 \"Wer k\u00e4mpft kann verlieren. Wer nicht k\u00e4mpft hat schon verloren. Redebeitrag des Gegeninformationsb\u00fcros auf der Knastkundgebung in Berlin-Moabit am 22. August 2007.\" Internetauswertung vom 2. November 2007. 215","\"Wir wollen die Verh\u00e4ltnisse, die den kapitalistischen Normalzustand immer wieder aufs Neue bedingen, \u00fcberwinden. Wir betrachten den Kapitalismus mit seinem Prinzip der totalen \u00d6konomisierung der Lebenswelt als menschenfeindlich - als unseren Feind. (...) Unsere Perspektive ist die von emanzipatorischen, politischen und sozialen Bewegungen, lokal und global, die solidarisch und kollektiv die kapitalistischen Bedingungen konsequent ablehnen und ihnen Widerstand entgegen setzen. Genauso wie unser Kampf um Befreiung kollektiv und solidarisch gef\u00fchrt werden muss, muss auch unser Umgang mit staatlicher Repression sein. Nur gemeinsam werden wir Angriffe auf die radikale Linke beantworten und zur\u00fcckschlagen k\u00f6nnen.\" 354 Abschlie\u00dfend hie\u00df es zum Zweck der Veranstaltung, diese solle zeigen, \"dass das staatliche Kalk\u00fcl von Kriminalisierung, von Einsch\u00fcchterung und Spaltung scheitern wird. Kommt zur Demonstration gegen Repression und Sicherheitsstaat! Zeigen wir ihnen auch auf der Strasse, dass wir die Verh\u00e4ltnisse zum Tanzen bringen k\u00f6nnen!\" 5.3 \"Antifaschismus\" Das dominierende Themenfeld \"Antiglobalisierung\" und der Kampf gegen \"politische Repression\" haben das Aktionsfeld \"Antifaschismus\" deutlich in den Hintergrund treten lassen. Dies gilt besonders f\u00fcr \"autonome Antifaschisten\", die ihre Aufgabe vor allem darin sehen, \"Faschisten\" \"auf der Stra\u00dfe\" zu bek\u00e4mpfen. Gr\u00f6\u00dfere Mobilisierungen fanden lediglich anl\u00e4sslich des Rudolf-He\u00dfGedenkmarschs statt, der f\u00fcr die rechtsextremistische Szene traditionell eine zentrale Bedeutung hat und deswegen auch bei Linksextremisten besondere Beachtung findet. Gegen rechtsextremistische \"Aufm\u00e4rsche\" zum 20. Todestag des Hitler-Stellvertreters am 18. August 2007 riefen die Tr\u00e4ger der Kampagne \"NS-Verherrlichung stoppen!\" und das \"Antifaschistische Aktionsb\u00fcndnis Baden-W\u00fcrttemberg\" (AABW) aus Anlass eines bundesweiten \"Antifaschistischen Aktionstags\" zur Teilnahme an Protesten in Wunsiedel oder Ersatzorten auf. Da das Bundesverfassungsgericht die Veranstaltung der Rechtsextremisten in Wunsiedel verboten hatte, wurde 354 \"Aufruf: Unsere Solidarit\u00e4t gegen ihre Repression\". Internetauswertung vom 2. November 2007. 216","Linksextremismus kurzfristig zur Teilnahme an den Gegenaktivit\u00e4ten in Jena mobilisiert. In dem Internetaufruf hie\u00df es unter anderem: \"Wir rufen alle Antifaschisten_Innen auf die Nazis \"antifaschistische\" dort nicht ungehindert marschieren zu lassen. UnseKampagnen re Solidarit\u00e4t gilt auch den Antifaschist_Innen die r\u00fcckl\u00e4ufig nach Gr\u00e4fenberg, Friedrichshafen und Kolding fahren. Lasst uns die Aufm\u00e4rsche zum Desaster f\u00fcr die Nazis machen.\" 355 An den im Zeitraum vom 17. bis 19. August 2007 durchgef\u00fchrten dezentralen Gegenveranstaltungen in M\u00fcnchen, Wunsiedel, Gr\u00e4fenberg, Jena und Friedrichshafen beteiligten sich insgesamt etwa 5.000 Personen, darunter auch Linksextremisten. In Friedrichshafen versuchten ungef\u00e4hr 300 Linksextremisten mehrmals, den Aufzugsweg der Rechtsextremisten zu blockieren. Dabei kam es auch vereinzelt zu Steinund Flaschenw\u00fcrfen. Weitere Ausschreitungen konnten durch starke Polizeipr\u00e4senz verhindert werden. Bei einer Gegendemonstration anl\u00e4sslich eines \"Aufmarschs\" der \"Jungen Nationaldemokraten\" (JN) am 21. Juli 2007 in T\u00fcbingen konnte durch ein massives Polizeiaufgebot eine Auseinandersetzung zwischen den linksund rechtsextremistischen Demonstrationsteilnehmern verhindert werden. Linksextremistische Parteien und Organisationen beteiligen sich vielf\u00e4ltig an \"Anti-Nazi-B\u00fcndnissen\". Hervorgetreten ist dar\u00fcber hinaus die VVN-BdA mit ihrer \"nonpd-Kampagne\", in der sie von der DKP und ihrer Jugendorganisation SDAJ unterst\u00fctzt wurde. Eingeklinkt hat sich auch die MLPD, die bereits seit Jahren das \"Verbot aller faschistischen Organisationen\" fordert. In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, dass die VVN-BdA auch in Baden-W\u00fcrttemberg wieder \"Antifaschismus\" in Zusammenarbeit mit Autonomen praktizierte. Im Rahmen der Reihe \"Heidelberger AntifaHerbst\" veranstaltete sie gemeinsam mit der \"Antifaschistischen Initiative Heidelberg\" (AIHD) vom 31. Oktober 2007 bis 29. November 2007 in Heidelberg verschiedene Vortrags-, Filmund Diskussionsveranstaltungen sowie die traditionelle Gedenkfeier f\u00fcr die \"Opfer des Faschismus\" auf dem Bergfriedhof in Heidelberg am 1. November 2007. Bei der diesj\u00e4hrigen Veranstaltung nahmen nach Angaben der Veranstalter356 circa 120 Personen teil. 355 Homepage der Kampagne \"NS-Verherrlichung stoppen!\"; Internetauswertung vom 6. November 2007; \u00dcbernahme wie im Original. 356 Internetauswertung vom 14. November 2007. 217","5.4 \"Deutscher Herbst\" Mit dem Thema \"30 Jahre Deutscher Herbst\" besch\u00e4ftigten sich ab etwa Mitte 2007 auch deutsche Linksextremisten. Unter anderem in G\u00f6ttingen, Berlin, Stuttgart und Freiburg im Breisgau gab es Filmund Diskussionsveranstaltungen. In Stuttgart wurde vom 4. bis 28. November 2007 eine Veranstaltungsreihe zur RAF organisiert unter dem Titel \"Nichts ist vergessen und niemand - gegen die Umschreibung der Geschichte, f\u00fcr eine Auseinandersetzung mit der Politik der RAF\". An einer Diskussionsveranstaltung dieser Reihe am 10. November 2007 mit Klaus VIEHMANN, einem ehemaligen inhaftierten Mitglied der Terrorgruppe \"Bewegung 2. Juni\", unter dem Tenor \"Vom roten Fr\u00fchling 68 zum deutschen Herbst\" nahmen etwa 70 Personen der linksextremistischen Szene teil. In Freiburg im Breisgau wurde am 28. November 2007 im Rahmen einer vom 17. Oktober bis 28. November 2007 durchgef\u00fchrten Filmreihe und Diskussion \"Vorgeschichten des Deutschen Herbstes 1977\" 357 eine Filmund Diskussionsveranstaltung \"Wir hatten dem Staat den Krieg erkl\u00e4rt\" geboten, unter anderem mit Interviews mit vier ehemaligen Aktivistinnen aus der \"Bewegung 2. Juni und RAF\". Publizistische Aufmerksamkeit fand das Thema \"Deutscher Herbst\" unter anderem im \"Gefangenen Info\" durch einen Beitrag mit dem Titel \"Die nach wie vor notwendige Korrektur der herrschenden Meinung\". Darin erkl\u00e4rte der Bundesvorstand der \"Roten Hilfe e.V.\", in den Medien werde unter dem Namen \"Deutscher Herbst\" eine wahre \"Propagandamaschinerie\" betrieben, deren Ziel nicht nur die \"Diffamierung der RAF\", sondern dar\u00fcber hinaus \"die Denunzierung des gesamten Aufbruchs der Linken in den 1960er und 1970er Jahren\" sei358. Eingegangen wurde an dieser Stelle auch auf die \"gezielte Medienkampagne gegen Christian Klar\" wegen dessen Gru\u00dfwort an die Teilnehmer der Rosa-Luxemburg-Konferenz im Januar 2007 in Berlin. Sie verfolge die Absicht, \"den Kapitalismus ein f\u00fcr alle Mal als 'beste aller m\u00f6glichen Welten' zu pr\u00e4sentieren und jede andere Stimme zum Verstummen zu bringen. Dieser Angriff richtet sich nicht nur gegen die ehemaligen Mitglieder der bewaffnet k\u00e4mpfenden Gruppen der 1970er und 1980er Jahre, sondern gegen die gesamte Linke, deren Teil die 'Bewegung 2. Juni', die RAF und die 'Revolution\u00e4ren Zellen' waren.\" Der Beitrag endet mit einer ausdr\u00fccklichen Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rung an \"Birgit Hogefeld, Eva Haule359 und Christian Klar ebenso wie allen anderen politischen Gefangenen. Wir fordern alle Roten HelferInnen auf, sich weiter f\u00fcr ihre Freilassung einzusetzen und der Diffamierung und Kriminalisierung linker Bewegungen entgegenzutreten.\" 357 Internetauswertung vom 26. Oktober 2007. 358 Hier und im Folgenden: \"Gefangenen Info\" Nr. 328 vom 28. August 2007, S. 1f. 359 Eva Haule wurde in der Zwischenzeit mit einer Bew\u00e4hrungsfrist von f\u00fcnf Jahren aus der Haft entlassen. 218","Linksextremismus Auch die linksextremistische Zeitschrift \"Die Rote Hilfe\" widmete dem Thema in ihrer Ausgabe Nr. 3 von 2007 einen Schwerpunkt. Unter der \u00dcberschrift \"Drei\u00dfig Jahre Deutscher Herbst: Lest oder verliert!\" erkl\u00e4rte die Redaktion, es sei schon zu Beginn des Jahres abzusehen gewesen, was auf die \"Linke\" zuk\u00e4me: \"Denunzianten, Besserwisser, Klugschei\u00dfer und Medienhetze noch und n\u00f6cher, aber uns geht es speziell darum, aus diesem Anlass den Blick einmal auf die Geschichte des Kampfes gegen den Knastapparat und Vernichtungshaft zu richten (...).\" Die Anmerkung der Redaktion endet mit: \"Es ist ein gro\u00dfer Schatz, der verloren zu gehen droht, wenn sogar wir ihn dem Vergessen anheim fallen lassen - und f\u00fcr eine k\u00e4mpferische Linke ist es ein Luxus, den sie sich nicht leisten kann und der sich bitter r\u00e4chen wird, wenn sie die Geschichte k\u00e4mpfender Gefangener und ihres Kampfes gegen den Unterdr\u00fcckungsapparat und damit auch wertvolle Erfahrungen vergisst oder ignoriert (...).\" 360 Eine Sonderbeilage der linksextremistischen Tageszeitung \"junge Welt\" vom 17. Oktober 2007 mit dem Titel \"deutscher herbst\" lenkte den Blick auf den 30. Jahrestag der Selbstmorde von Andreas BAADER, Gudrun ENSSLIN und Jan Carl RASPE in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stuttgart-Stammheim. Sie enthielt ein Interview mit den ehemaligen RAF-Angeh\u00f6rigen Helmut POHL und Rolf Clemens WAGNER. Darin \u00e4u\u00dferten sich beide insbesondere zu der Entf\u00fchrung des ehemaligen Arbeitgeberpr\u00e4sidenten Hanns Martin Schleyer. So erkl\u00e4rte Rolf Clemens WAGNER: \"Manche Ergebnisse unserer \u00dcberlegungen bleiben ehemalige auch aus heutiger Sicht richtig. Wie die EntscheiInhaftierte dung, Hanns Martin Schleyer zu entf\u00fchren. Der verteidigen wurde mit seiner SS-Geschichte als WehrwirtRAF-Kurs schaftsf\u00fchrer in besetzten Gebieten und seiner aktuellen Funktion als Aussperrer und Pr\u00e4sident des Unternehmerverbandes ja nicht zuf\u00e4llig ausgesucht. Und gerade an ihm h\u00e4tten wir unsere Analyse und Politik vermitteln k\u00f6nnen.\" 361 360 \"Die Rote Hilfe\" Ausgabe 3 von 2007, S. 14. 361 \"deutscher herbst\". Beilage der Tageszeitung \"junge Welt\" Nr. 241 vom 17. Oktober 2007, S. 6. 219","POHL behauptete, auch heute noch werde die RAF \"auf blindw\u00fctige Art angegriffen\".362 Im Hinblick auf den Vergleich zwischen den Anschl\u00e4gen der RAF und dem islamistischen Terrorismus \u00e4u\u00dferte er: \"Sicher geh\u00f6rt dazu auch, Anschl\u00e4ge von heute mit unseren Aktionen von damals gleichzusetzen. Das ist falsch. Bei der RAF musste niemand bef\u00fcrchten, dass - wie in London oder Madrid geschehen - auf irgendeinem Parkplatz oder in irgendeiner U-Bahn eine Bombe hochgeht. Wir haben gezielte Aktionen gemacht und nicht irgendwelche unbeteiligte Zivilisten angegriffen. Wir haben uns an dem grunds\u00e4tzlichen Schema vom begrenzten Krieg orientiert. Der milit\u00e4rische Einsatz sollte dazu dienen, eine politische Wirkung zu entfalten.\" 363 Die \"Stammheimer Todesnacht\" war auch Anlass zu einer \"Vier L\u00e4nder Veranstaltung mit Videokonferenz\" am 20. Oktober 2007 in Berlin, Stuttgart, Z\u00fcrich, Br\u00fcssel und Mailand. Veranstalter waren die \"Rote Hilfe International\" (RHI), unterst\u00fctzt von der \"Secours Rouge Belgien\", dem \"Netzwerk f\u00fcr politische Gefangene\" und der \"Revolution\u00e4ren Aktion Stuttgart\" (RAS) unter dem Motto \"18.10. Kein Vergeben - Kein Vergessen! Solidarit\u00e4t aufbauen! Kapitalismus zerschlagen!\". In einem Aufruf zur Veranstaltung hei\u00dft es: \"Die unertr\u00e4glichen Beitr\u00e4ge in den deutschen Medien zum drei\u00dfigsten Todestag reduzieren die ehemaligen Mitglieder der RAF auf brutale Killer, Geheimdienstagenten, Nazis und Mafosies. Kein Wort \u00fcber die politischen Hintergr\u00fcnde, z.B. das Morden der USA in Vietnam, die die deutsche Regierung unterst\u00fctzte. Kein Wort \u00fcber die 'shootto-kill'-Methoden der deutschen Staatsmacht. Kein Wort dar\u00fcber, dass die RAF damals weltweit mit vielen anderen Guerillagruppen in den Metropolen und im Trikont agierte. Kein Wort dar\u00fcber, dass die 362 Ebd., S. 5. 363 Ebd., S. 2. 220","Linksextremismus RAF eine freie und sozialistische Gesellschaft anstrebte. Und erst recht kein kritisches Wort \u00fcber die staatlich verordnete Selbstmordversion \u00fcber die toten Gefangenen in Stammheim. (...) Nicht nur die Geschichte der RAF und die Rebellion vor 40 Jahren soll abgeurteilt werden, sondern die Legitimit\u00e4t eines jeglichen neuen Aufbruchs und Aufstandes.\" 364 6. Weitere Informationen Derzeit sind zum Thema Linksextremismus folgende Brosch\u00fcren erh\u00e4ltlich: \"Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland - Allgemeine Entwicklung\" (2003), \"Antifaschismus als Aktionsfeld von Linksextremisten\" (2002) und \"Die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) - Auf dem Weg in die Demokratie?\" (2000). Aktuelle Informationen zum Linksextremismus erhalten Sie auf unserer Internetseite: http://www.verfassungsschutz-bw.de/links/start_links.htm. 364 Internetauswertung vom 8. November 2007; \u00dcbernahme wie im Original. 221","F. SCIENTOLOGY-ORGANISATION (SO) Gr\u00fcndung: 1954 in den USA, 1970 erste Niederlassung in Deutschland, 1972 erste Niederlassung in Baden-W\u00fcrttemberg Gr\u00fcnder: Lafayette Ronald HUBBARD (1911-1986) Nachfolger: David MISCAVIGE (Vorstandsvorsitzender \"Religious Technology Center\", RTC) Sitz: Los Angeles (\"Church of Scientology International\", CSI) Mitglieder: Baden-W\u00fcrttemberg ca. 1.000 - 1.100 (2006: ca. 1.000) Bundesgebiet ca. 5.000 - 6.000 (2006: ca. 5.000 -6.000) weltweit ca. 100.000 - 150.000365 (2006: ca. 100.000 - 120.000) Publikationen: \"Dianetik-Post\", \"Freiheit\", \"Free Mind\", \"International Scientology News\", \"Prosperity\", \"Impact\", \"Auditor\", \"Source\", \"Freewinds\" u.a. 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen Die \"Scientology-Organisation\" (SO) r\u00fcckte wie schon im Jahr 2006 wiederpolitische holt in den Blickpunkt \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit. Im Januar 2007 er\u00f6ffEinflussnahme nete sie ihre Repr\u00e4sentanz in Berlin. Dadurch will sich die SO in der Bundeshauptstadt ein Standbein schaffen, um langfristig nachhaltigen politischen Einfluss auf Regierung und Parlament zu nehmen. Dabei stellt sie soziale und karitative Themen wie Drogenmissbrauch, Bildung und Menschenrechte in den Vordergrund, um erste Kontakte zu kn\u00fcpfen und Sympathien zu gewinnen. Tats\u00e4chlich verschleiert die SO damit ihre verfassungsfeindlichen, politischen Ziele. Ihre antidemokratische Programmatik wird auch in den Neuausgaben ihrer Grundlagenschriften366 bekr\u00e4ftigt. Die Werbung der SO zielt immer st\u00e4rker auf Kinder und Jugendliche. Vereinzelt k\u00f6nnen sich f\u00fcr Menschen unver\u00e4ndert hohe individuelle Gefahren - etwa wirtschaftlicher Ruin oder psychische Probleme - ergeben, wenn sie tiefer in die SO verstrickt werden. Ein Gefahrenpotenzial f\u00fcr die Wirtschaft sind scientologische Managementtrainings, da bei der Einf\u00fchrung von SORichtlinien im gesamten Betrieb auch die Belegschaft eines Unternehmens betroffen sein kann. 365 Die internationalen Mitgliederzahlen beruhen auf Sch\u00e4tzungen und Hochrechnungen. Aufgrund einer verbesserten Erkenntnislage wird von einer leicht h\u00f6heren Anh\u00e4ngerzahl ausgegangen. 366 Vgl. Kap. F Ziff. 10. 222","Scientology-Organisation 2. Verfassungsfeindliche Programmatik Gegen\u00fcber der deutschen \u00d6ffentlichkeit verschweigt Scientology ihre politisch-extremistischen Ziele. Mit der Neuausgabe ihrer Grundlagenb\u00fccher hat sie jedoch zumindest innerhalb der Organisation ihre ideologische Erstarrung und ihre verfassungsfeindlichen Ziele bekr\u00e4ftigt. So etwa das Ziel, dass nur \"Nichtaberrierte\", also Scientologen, B\u00fcrgerrechte haben sollten. Nicht-Scientologen gelten durchg\u00e4ngig als \"aberriert\", das hei\u00dft vom rationalen Denken abgewichen und geistig gest\u00f6rt: \"Eines Tages wird es vielleicht ein viel vernunftgem\u00e4\u00dferes Gesetz geben, das nur Nichtaberrierten erlaubt, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen. (...) Vielleicht werden in ferner Zukunft nur B\u00fcrgerrechte dem Nichtaberrierten die B\u00fcrgerrechte vor dem nur f\u00fcr Gesetz verliehen. Vielleicht ist das Ziel irgendwann Scientologen in der Zukunft erreicht, wenn nur der Nichtaberrierte die Staatsb\u00fcrgerschaft erlangen und davon profitieren kann. Dies sind erstrebenswerte Ziele, (...).\" 367 Gegner von Scientology werden als \"antisozial\", kriminell und als wertlos verunglimpft. Nach den Vorstellungen der SO sollen diese Menschen notfalls durch Zwang entfernt werden: \"DIE ANTISOZIALE PERS\u00d6NLICHKEIT, DER ANTISCIENTOLOGE. Es gibt gewisse Merkmale und geistige Einstellungen, die etwa 20 Prozent einer Rasse dazu bewegen, sich jeder Unternehmung oder Gruppe, die etwas verbessern will, vehement zu widersetzen. Solche Leute sind daf\u00fcr bekannt, antisoziale Tendenzen zu haben. (...) Verbrechen und kriminelle Handlungen werden von Antisozialen Pers\u00f6nlichkeiten ver\u00fcbt. (...) Wir sehen also, dass es f\u00fcr Regierungen, f\u00fcr polizeiliche T\u00e4tigkeit und auf dem Gebiet der geistigen Gesundheit - um nur einige zu nennen - wichtig ist, diesen Pers\u00f6nlichkeitstyp erkennen und isolieren zu k\u00f6nnen, (...).\" 368 367 L. Ron HUBBARD, \"Dianetik. Der Leitfaden f\u00fcr den menschlichen Verstand\". Kopenhagen, 2007, S. 373, 483. 368 L. Ron HUBBARD, \"Einf\u00fchrung in die Ethik der Scientology\", Kopenhagen 2007, S. 177; \u00dcbernahme wie im Original. 223","\"Die einzigen L\u00f6sungen daf\u00fcr scheinen darin zu bestehen, solche Menschen abseits von der Gesellschaft auf Dauer in Quarant\u00e4ne zu halten, (...) oder aber solche Menschen zu auditieren, bis sie eine Stufe auf der Tonskala 369 erreicht haben, die ihnen Wert verleiht. (...) Man braucht keine Welt von Clears 370 zu schaffen, um eine vern\u00fcnftige und lohnende Gesellschaftsordnung zu haben. Man muss lediglich diejenigen Leute daraus entfernen, die sich auf Stufe 2,0 371 oder tiefer befinden, indem man sie entweder genug auditiert, (...) oder indem man sie einfach von der Gesellschaft r\u00e4umlich absondert. Einst beschloss ein Diktator in Venezuela, Lepra zu beseitigen. Er sah, dass die meisten Leprakranken in seinem Land gleichzeitig Bettler waren. Durch das einfache Mittel, alle Bettler in Venezuela zu versammeln und zu vernichten, wurde die Lepra in diesem Land ausgerottet. (...) Eine der wirksamsten Sicherheitsma\u00dfnahmen, die eine vom Krieg bedrohte Nation treffen k\u00f6nnte, best\u00fcnde darin, jede 1,1Person372, die mit der Regierung, dem Milit\u00e4r oder der lebenswichtigen Industrie in Verbindung stehen k\u00f6nnte, aufzutreiben und abseits von der Gesellschaft in ein isoliertes Lager zu stecken (...). Auf dieser Stufe befindet sich der Abschaum der Gesellschaft. (...) Keine Gesellschaftsordnung wird \u00fcberleben, wenn sie nicht diese Leute aus ihrer Mitte entfernt.\" 373 Wesentliche Merkmale totalit\u00e4rer Organisationen sind: Pyramidenartige, hierarchische Organisationsstruktur mit F\u00fchrerprinzip; Eine dogmatische Ideologie, die beansprucht, alle wesentlichen Fragen des Lebens zu beantworten und dabei jede Kritikm\u00f6glichkeit ausschlie\u00dft; 369 \"Emotionelle Tonskala\": Einstufung von Menschen nach Gem\u00fctszust\u00e4nden, wobei diesen teils willk\u00fcrlich Charaktereigenschaften und politische \u00dcberzeugungen zugewiesen werden. 370 \"Clear\": Der \"Nichtaberrierte\", durch SO-Verfahren \"gekl\u00e4rte\" Mensch. 371 Auf dieser Stufe der \"Tonskala\" beginnt gem\u00e4\u00df HUBBARD der Bereich der Kriminellen. 372 Personen auf der Stufe \"1,1\" der \"Tonskala\": So genannte \"versteckt Feindselige\". 373 L. Ron HUBBARD, \"Wissenschaft des \u00dcberlebens. Die Vorhersage menschlichen Verhaltens\", Kopenhagen 2007, S. 152, 184, 103. 224","Scientology-Organisation Politischer Alleinvertretungsanspruch; Verhei\u00dfung einer idealen Gesellschaft; Freund-Feind-Stereotypie und Verschw\u00f6rungstheorien; Massive Propaganda, um zu manipulieren. Scientology erf\u00fcllt diese Merkmale. Sie arbeitet zielstrebig auf eine Beseitigung der Wertprinzipien der Verfassung hin, indem sie expansiv versucht, ihre Organisationslehre (\"Admin Tech\"), also das System ihrer \"neue Zivilisation\" Binnenstruktur und ihre Ideologie, auf die Gesellschaft zu \u00fcbertragen. Auf diese Weise will sie langfristig eine \"neue Zivilisation\" errichten. Politik und Wirtschaft sollen nach HUBBARDs Organisationslehre umfangreich durch Direktiven und administrative Richtlinienbriefe gesteuert werden. Das gesellschaftspolitische HUBBARD-Programm ist verfassungsfeindlich. Bei einer Umsetzung w\u00e4re L. Ron HUBBARD etwa die Bindung der Exekutive an Recht und Gesetz oder die verfassungsm\u00e4\u00dfige Bildung einer Opposition nicht mehr gew\u00e4hrleistet. Auch der zun\u00e4chst auf das Individuum zugeschnittene Teil der Lehre ist mit der Werteordnung des Grundgesetzes unvereinbar. Durch ihre Sozialtechniken und Verfahren (\"Technologie\") strebt die SO nach einer umfassenden Kontrolle einer wachsenden Zahl von Menschen durch die Psychotechniken des \"Auditing\", durch \"Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen\" Grundrechte und mit technischen Mitteln (\"E-Meter\" 374). Die Bev\u00f6lkerung w\u00fcrde so au\u00dfer zunehmend den rigiden Sanktionen (\"Ethik\") der SO unterworfen. Dadurch Kraft gesetzt w\u00fcrden wesentliche Grundrechte faktisch au\u00dfer Kraft gesetzt. Insbesondere w\u00e4ren die Wahrung der Menschenw\u00fcrde, die Meinungsfreiheit und die informelle Selbstbestimmtheit des Einzelnen nicht mehr gew\u00e4hrleistet. Kennzeichnend ist auch, dass die SO ihr vermeintlich rettendes Konzept vor dem Hintergrund eines apokalyptischen Weltbildes kompromisslos vorantreiben will. 374 \"E-Meter\": \"Hubbard Elektrometer\". Eine Art einfacher L\u00fcgendetektor. 225","3. Scientology und Religion Am 5. April 2007 entschied der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte (EGMR), dass die Weigerung des russischen Justizministeriums, \u00fcber eine Registrierung der SO in Moskau als eine religi\u00f6se Organisation zu entscheiden, ein Versto\u00df gegen die Vereinigungsfreiheit des Artikels 11 in Verbindung mit Artikel 9 der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention (EMRK) ist. Die SO wollte daraufhin den Eindruck erwecken, der EGMR habe Scientology als Religionsgemeinschaft \"anerkannt\" und das Urteil m\u00fcsse Auswirkungen auf ganz Europa haben. Mit diesen Behauptungen wandten sich Scientologen auch an Kommunen in Baden-W\u00fcrttemberg, um leichter Genehmigungen f\u00fcr Stra\u00dfenwerbung zu erhalten. Die Darstellung der SO ist jedoch falsch und typisch f\u00fcr ihren manipulativen Umgang mit Gerichtsurteilen. Der EGMR hat keine inhaltliche Pr\u00fcfung einer etwaigen Religionseigenschaft der SO vorgenommen. Bei der Entscheidung ging es nicht um die Frage, ob die Lehre und Aktivit\u00e4ten der SO grunds\u00e4tzlich die Kriterien einer Religion im Sinne von Artikel 9 EMRK erf\u00fcllen, sondern im Wesentlichen darum, dass die russischen Beh\u00f6rden der SO den formellen Vorgang einer erneuten Registrierung verweigert hatten. Der EGMR kam zum Ergebnis, dass diese Verweigerung grob fehlerhaft war, da sie ohne Rechtsgrund erfolgte. Dabei hat der EGMR eine Entscheidung inhaltlich nicht vorweggenommen und stellte keine unmittelbare Verletzung der kollektiven Religionsfreiheit fest. Das Urteil betrifft Russland, bezieht sich nur auf die Anwendung russischen Rechts und hat keine Auswirkungen auf die Rechtslage in Deutschland. Der Religionscharakter der Organisation, die in der \u00d6ffentlichkeit unter keine verschiedenen Bezeichnungen auftritt, ist in Deutschland umstritten. Scienanerkannte tology ist keine in Deutschland als Religionsgemeinschaft anerkannte K\u00f6rK\u00f6rperschaft perschaft des \u00f6ffentlichen Rechts. Sie hat einen solchen Status auch nicht des \u00f6ffentlichen beantragt. Das Bundesarbeitsgericht hat festgestellt, dass der SO nicht der Rechts Status einer Religionsund Weltanschauungsgemeinschaft im Sinne von Artikel 4 Grundgesetz (GG), Artikel 137 Weimarer Reichsverfassung zukommt. Das Gericht sieht den Anspruch der Organisation auf den Religionsstatus lediglich als Vorwand f\u00fcr die Verfolgung wirtschaftlicher Ziele und fand auch deutliche Worte f\u00fcr die \"menschenverachtenden Anschauungen\" und \"totalit\u00e4ren Tendenzen\" in der SO.375 Diese Entscheidung ist 375 Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 22. M\u00e4rz 1995, Az. 5 AZB 21/94, NJW 1996, S. 143ff. 226","Scientology-Organisation rechtskr\u00e4ftig und wurde entgegen sp\u00e4terer Behauptungen der SO auch nicht revidiert. In zahlreichen anderen Gerichtsverfahren (Vereinsrecht, Steuerrecht) wurde die Religionseigenschaft der SO ebenfalls verneint oder diese Frage von den Gerichten explizit ausgeklammert. Dagegen billigen Gerichte einzelnen Scientologen durchaus den Schutz von Artikel 4 GG als individuelles Abwehrrecht zu. Das Bundesverwaltungsgericht sah es als einen Eingriff in diesen Schutzbereich an, wenn einem Scientology-Mitglied von einer staatlichen Stelle eine vorformulierte Erkl\u00e4rung \u00fcber angenommene Gefahren der Scientology-Bewegung vorgelegt werde.376 Derartige Entscheidungen erfolgen allerdings vor dem Hintergrund des weit gefassten Schutzbereichs von Artikel 4 GG, der auch religionsfreie oder religionsfeindliche Anschauungen, die so genannte negative Religionsfreiheit, sch\u00fctzt. Das bedeutet nicht, dass damit die SO als Religionsgemeinschaft anerkannt worden w\u00e4re. 4. Organisation und Mitgliederbestand F\u00fcr Au\u00dfenstehende ist die Organisationsstruktur von Scientology kaum zu durchschauen. Der Teil, der sich \"Kirche\" nennt und der in der \u00f6ffentlichen Diskussion durch die SO vehement in den Mittelpunkt ger\u00fcckt wird, ist nur eine Seite der Organisation. Expansionsbestrebungen in der Wirtschaft sind dagegen oft nicht ohne Weiteres als SO-Aktivit\u00e4ten erkennbar. Bedeutende, aus Imagegr\u00fcnden behauptete Aktivit\u00e4ten, wie die angebliche Drogenhilfe der Unterorganisation \"Narconon\", waren in Baden-W\u00fcrttemberg im Berichtszeitraum nicht feststellbar. Auch die \"Applied Scholastics\" (ApS)Nachhilfegruppen sind weit davon entfernt, fl\u00e4chendeckend zu agieren. Hinter den Angeboten im Nachhilfebereich steht vor allem der ideologische Anspruch, ein gesamtes gesellschaftliches Segment wie den Bildungsbereich scientologisch zu ver\u00e4ndern. Die SO wird hierarchisch vom obersten Management in Los Angeles/Kalifornien gef\u00fchrt. Machtzentrum ist das \"Religious Technology Center\" (RTC), das Besitzer der Urheberrechte an den Schriften des Gr\u00fcnders Lafayette Ronald HUBBARD ist, und dadurch ideologische Kontrolle aus\u00fcben kann. Die Vorgaben der F\u00fchrung werden an das jeweilige \"Kontinentale Verbindungsb\u00fcro\" weitergeleitet, das sich f\u00fcr Europa in Kopenhagen befindet. Von dort aus werden die Niederlassungen an der Basis kontrolliert. Die paramilit\u00e4risch organisierten Kader der \"Sea Organization\" (\"Sea Sea Org-Logo 376 Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 15. Dezember 2005, Az. 7 C 20.04, NJW 2006, S. 1303ff. 227","Org\") bilden den harten Kern der SO. Diese Kader k\u00f6nnen mit Befehlsgewalt Kommandos (\"Sea Org Missioners\") vom Ausland aus in nachgeordnete Organisationseinheiten entsenden. In Gro\u00dfbritannien unterh\u00e4lt die \"Sea Org\" eine eigene \"Cadet School\", in der Kinder und Jugendliche f\u00fcr F\u00fchrungsaufgaben herangezogen werden. Es gibt Berichte, nach denen diese KinderKadetten uniformiert und kaserniert sind. Wiederholt traten uniformierte \"Sea Org\"-Angeh\u00f6rige in BadenW\u00fcrttemberg auf, vereinzelt sollen so genannte \"Sea Org\"-Werber (\"Recruiters\") auch versucht haben, jugendliche Scientologen f\u00fcr die \"Sea Org\" zu gewinnen. In Baden-W\u00fcrttemberg hat die SO einen ihrer bundesweiten Schwerpunkte und das dichteste organisatorische Netz innerhalb Deutschlands. Es besteht aus einer \"Class V Org\"377 in Stuttgart mit etwa 700 Mitgliedern und vier \"Missionen\" als Basisorganisationen in Ulm, Karlsruhe, G\u00f6ppingen und Erlenbach/Krs. Heilbronn, von denen letztere unbedeutend ist. Daneben waren 2007 in Baden-W\u00fcrttemberg weitere Anlaufstellen in LeinfeldenEchterdingen, Sinsheim und Welzheim aktiv, die aber keinen nennenswerten Mitgliederstamm aufbauen konnten. Die \"Scientology Gemeinde\" in Freiburg im Breisgau ist nur eine Briefkastenadresse. Um dort st\u00e4rker Fu\u00df zu fassen, er\u00f6ffneten Anfang 2007 mehrere Scientologen ein \"Zentrum f\u00fcr Lebensfragen\". In Kirchheim unter Teck besteht eine \"Feldauditorengruppe\"378, die auch als \"Zentrum f\u00fcr Lebensverbesserung\" firmiert und Personen aus einer sozial gehobenen Gesellschaft anspricht. In Albstadt und \u00dcberlingen/Bodensee waren einzelne \"Feldauditoren\" aktiv. Dem SO-Wirtschaftsverband \"World Institute of Scientology Enterprises\" (WISE) geh\u00f6ren in Baden-W\u00fcrttemberg mit Schwerpunkt im mittleren Neckarraum rund 50 bis 60 Mitglieder an, darunter auch kleine Firmen. Haupts\u00e4chlich sind sie in der Immobilienund Finanzdienstleistungsbranche sowie in der WCC-Logo Managementberatung und Informationstechnologie t\u00e4tig. In Stuttgart fungiert ein \"WISE Charter Committee\" (WCC) als \"Justiz\"-Stelle f\u00fcr WISEMitglieder. Ferner traten die Hilfsorganisationen \"Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte\" (KVPM) mit zwei Anlaufstellen in Stuttgart und Karlsruhe sowie einer \"Applied Scholastics\" (ApS)-Nachhilfegruppe, die Scientology-(Lern)Techniken vermittelt, als \"ProfessionelKVPM-Logo les Lerncenter\" in Stuttgart in Erscheinung. Ein weiterer ApS-Anbieter in Geislingen an der Steige scheint nur im Internet aktiv zu sein. 377 SO-Niederlassung mit breiterem Dienstleistungsangebot. 378 \"Feldauditoren\": Personen, die \"Auditing\" au\u00dferhalb der \"Org\" anwenden. 228","Scientology-Organisation Die SO betrachtet S\u00fcddeutschland vor allem wegen seiner wirtschaftlichen Bedeutung als wichtiges Expansionsfeld. Sie konnte aber bislang ihre ambitionierten Pl\u00e4ne nicht umsetzen. Im Jahr 2004 hatte Scientology insgesamt Badenrund zehn \"Missionen\" in Baden-W\u00fcrttemberg etabliert und beabsichtigte, W\u00fcrttemberg ihr Netz durch 30 weitere \"Missionen\" zu erweitern. F\u00fcr 2007 formulierte als wichtiges die SO als \"unmittelbares Ziel\" 379, in jeder Gro\u00dfstadt zehn \"Missionen\" als Expansionsfeld \"Speerspitze in die Gesellschaft\" zu er\u00f6ffnen, um l\u00e4ngerfristig \"die Richtung der Gesellschaft zu ver\u00e4ndern\". Bisher gibt es keine Anzeichen f\u00fcr eine Verwirklichung. Der SO mangelt es in Deutschland an Mitgliedern, um ihre verfassungsfeindlichen Ziele in der Breite wirksam umsetzen zu k\u00f6nnen. Die SO gibt seit vielen Jahren weit \u00fcbertriebene Mitgliederzahlen an, wie zum Beispiel die in Scientology-Publikationen ausgewiesene Zahl von \u00fcber zehn Millionen Anh\u00e4ngern. Gleichzeitig erkl\u00e4rt die Organisation jedoch auch im Widerspruch dazu, sie habe seit 2001 insgesamt 13,9 Millionen neue Mitglieder.380 In Wirklichkeit verf\u00fcgt die SO \u00fcber gesch\u00e4tzte 100.000 bis 150.000 Mitglieder, davon leben rund 5.000 bis 6.000 in Deutschland. In Baden-W\u00fcrttemberg sind etwa 1.000 bis 1.100 Scientologen ans\u00e4ssig. Durch intensive Werbung im Berichtszeitraum gelang der Organisation nach Jahren der Stagnation eine leichte Erh\u00f6hung ihrer Mitgliederzahlen. 5. Werbemethoden und Propaganda Mit den Themen Bildung, Drogen und Gesundheit greift die SO seit vielen Jahren zentrale Themen in Deutschland auf, um ihre altbekannten Konzepte zu propagieren. Scientology verbreitet nach au\u00dfen mit hohem Aufwand das Bild einer harmlosen Religionsgemeinschaft und verschweigt dabei ihre politisch-extremistischen Ziele. Der Einsatz prominenter Scientologen (\"Celebrities\") dient der SO als Imagewerbung, deren verharmlosende Wirkung nicht zu untersch\u00e4tzen ist. Durch die aufw\u00e4ndig betriebenen PR-Feldz\u00fcge versucht Scientology, gr\u00f6\u00dfere Akzeptanz in der Gesellschaft zu gewinnen. Das gilt vor allem f\u00fcr ihre breit angelegte \"Menschenrechts\"-PR-Kampagne, die offenbart, dass die SO in der \u00d6ffentlichkeit gezielt Themen aufgreift, bei denen sie zun\u00e4chst keinen Widerspruch zu erwarten 379 Hier und im Folgenden: Rundschreiben \"How to clear your country\", Kopenhagen, 17. Mai 2007. \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 380 10 Millionen Mitglieder laut Zeitschrift \"Impact\" Nr. 115/2006, S. 25. Die Behauptung von 13,9 Millionen Neugeworbenen entstammt der Zeitschrift \"The Auditor\" AOSH EU Nr. 317/2007, S. 7. 229","hat. Au\u00dfenstehende ohne Hintergrundinformationen \u00fcber Scientology k\u00f6nnen nicht erkennen, dass hier eine Organisation nur scheinbar f\u00fcr Menschenrechte und Zivilcourage eintritt, tats\u00e4chlich aber die Demokratie verachtet. Die professionell aufgezogenen Aktionen der SO-Hilfsorganisation \"Jugend f\u00fcr Menschenrechte\" richten ihren Fokus auf die Gewinnung Jugendlicher f\u00fcr Scientology. Besonders die DVD zu dieser Kampagne kann mit ihren Sequenzen mit Spielfilmcharakter durchaus suggestive Wirkung auf Kinder und Jugendliche entfalten. Dabei gibt es Anzeichen, dass die SO versucht, sich Zugang zu Schulen zu verschaffen. Einzelne Scientologen traten gezielt an Schulen in Baden-W\u00fcrttemberg heran und boten Werbematerial dieser \"Hilfsorganisation\" wie die DVD \"Entdecken Sie Ihre Rechte\" an, ohne den SO-Hintergrund zu offenbaren. Auch die Mutterorganisation \"Youth for Human Rights International\" bot von Los Angeles/Kalifornien aus, ohne ihre Verbindung mit Scientology offen zu legen, bei Beh\u00f6rden und kommunalen Amtstr\u00e4gern in Baden-W\u00fcrttemberg dasselbe Material an. Die SO versuchte dar\u00fcber hinaus, fl\u00e4chendeckend an B\u00fcrgermeister Propaganda zu versenden, um sich als eine angeblich karitative Religion darzustellen. Eine weitere PR-Kampagne der SO hat das Motto \"Weg zum Gl\u00fccklichsein\". Die Zielkampagne ist ebenfalls \u00fcberaus professionell produziert und nicht ohne Weiteres als Scientology-Produkt erkennbar. Ihre Hilfsorganisation \"Way to Happiness Foundation\" sandte aus den USA an Unternehmen und Amtstr\u00e4ger im s\u00fcddeutschen Raum Werbeschreiben, denen Musterbrosch\u00fcren beigef\u00fcgt waren, aus denen der SO-Hintergrund zun\u00e4chst nicht erkennbar wird. Die Brosch\u00fcren waren ohne Einverst\u00e4ndnis der Adressaten mit deren Logo und Namen versehen, so dass im Fall einer Streuung der Eindruck entstehen konnte, das betreffende Unternehmen oder der Amtstr\u00e4ger unterst\u00fctze die Verbreitung oder es handle sich um eine Firmenpublikation. Eine Verletzung von Markenrechten war aber fraglich, weil die Anschreiben als Angebote gestaltet waren. Die massiven Werbeaktionen zeigen auch, dass die SO offensichtlich in gro\u00dfem Umfang personenbezogene Daten von Entscheidungstr\u00e4gern in Wirtschaft, Verwaltung und Politik sammelt. Die SO f\u00fchrte im Berichtsjahr ihre \"Bibliothekenkampagne\" fort, bei der sie Bibliotheken Scientology-Literatur \u00fcbersandte, um HUBBARDs Ideologie \u00fcber m\u00f6glichst viele Kan\u00e4le zu verbreiten. Der in Kopenhagen ans\u00e4ssige \"Library Donation Service\", der zu dem Scientology-nahen \"New Era Publi230","Scientology-Organisation cations\"-Verlag geh\u00f6rt, versandte mehrfach Scientology-Werbung an Schulleitungen und Fachlehrer. Auch ein von SO-Anh\u00e4ngern betriebener Buchversandhandel in Kirchheim unter Teck bot Scientology-Literatur an. Die dort herausgegebene Brosch\u00fcre \"mehr wissen besser leben\" (\"Kent Depesche\") griff zun\u00e4chst Themen zur Alternativmedizin beziehungsweise zu alternativen Lebensformen auf, die anschlie\u00dfend teilweise mit Werbung f\u00fcr Scientology-Konzepte verbunden wurden. Die Herausgeber, die engere Kontakte zu der \"Feldauditorengruppe\" in Kirchheim unter Teck unterhalten, behaupten, bislang 30.000 Menschen erreicht zu haben. Sie wollen damit offenkundig neue Rekrutierungsfelder f\u00fcr Scientology erschlie\u00dfen. Bei der Stra\u00dfenwerbung setzt Scientology grunds\u00e4tzlich auf vermeintliche Lebenshilfe. Sie f\u00fchrte im Berichtsjahr in zahlreichen Kommunen in vermeintliche Baden-W\u00fcrttemberg Aktionen mit gelben Zelten und Informationsst\u00e4nden Lebenshilfe durch und setzte Hinweisen zufolge zum Beispiel auch russisch sprechende Stra\u00dfenwerber (\"Body router\") ein. Um Interesse zu wecken, bieten Werber einen \"Pers\u00f6nlichkeitstest\" und einen \"Schadstofftest\" an. Dabei geht es entgegen erster Behauptungen der Scientologen nicht um den Umgang mit pers\u00f6nlichen Defiziten, sondern vor allem darum, die Angesprochenen zu manipulieren, um sie f\u00fcr die SO zu gewinnen. So weisen Rundschreiben die \"SO-Werber\" an, Interessenten \"irgendeinen Einf\u00fchrungsdienst\" zu vermitteln. \u00dcber die \"Selektierten\" sollen anschlie\u00dfend pers\u00f6nliche Schwachpunkte (\"Ruinpunkte\") herausgefunden werden, um sie zu \"handhaben\". Die Geworbenen sollen auf diese Weise zum Kauf von weiteren \"Kursen\" und \"Auditing\" bewegt werden. Daf\u00fcr bekommen die Werber Provisionen.381 Die Organisation forderte die Mitglieder auch auf, die Namen von Familienangeh\u00f6rigen, Freunden und Arbeitskollegen weiterzugeben. Die mitgliederorientierte Propaganda der SO gibt ein v\u00f6llig anderes Bild als die PR-Kampagnen f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit. Die Organisation formuliert dort teils offen das Ziel, Kontrolle und politische Macht zu gewinnen. Im Scientology-Jargon sind die Begriffe \"Clear Deutschland\" und \"Clear Europa\" ein Synonym f\u00fcr die Aus\u00fcbung von Kontrolle. Die SO forderte ihre Anh\u00e4nger auch im Berichtsjahr mit teils aggressivem Unterton auf, Widerstand (\"Unterdr\u00fcckung\") gegen die Expansion der SO aus dem Weg zu r\u00e4umen. Sie will zur Massenbewegung werden und besonders F\u00fchrungskr\u00e4fte in Politik und Wirtschaft f\u00fcr sich gewinnen. Der rangh\u00f6chste Scientology-Manager David MISCAVIGE propagierte in einer Rede, die SO besitze \"die Kraft, Unterdr\u00fccker zu zerschlagen\" 382. 381 Verschiedene Ausgaben der \"FSM Newsletter AOSH EU\" aus den Jahren 2006 und 2007. 382 Zeitschrift \"Impact\" Nr. 115/2006, S. 82. 231","6. Kampagnen und Aktionen gegen Kritiker Das \"Office of Special Affairs\" (OSA) wird nach au\u00dfen lediglich als B\u00fcro f\u00fcr \u00d6ffentlichkeitsarbeit dargestellt. Tats\u00e4chlich handelt es sich um ein Netzwerk innerhalb der SO, das auch geheimdienstliche Funktionen wahrnimmt und weitgehend abgeschottet t\u00e4tig ist. Aufgabe des OSA, dessen Deutschlandzentrale sich in M\u00fcnchen befindet, ist die Abkl\u00e4rung von Kritikern, um OSA-Logo anschlie\u00dfend gegen sie vorgehen zu k\u00f6nnen. Im Extremfall m\u00fcssen Betroffene mit Diffamierungen, Bel\u00e4stigungen, gerichtlichen Klagen oder Verfolgungen rechnen. Exemplarische \"Bestrafungen\" sollen vermutlich allen Aussteigern als Warnung dienen, die offen gegen die SO auftreten wollen. Scientology umschreibt dies mit dem Begriff \"Einen Kopf auf den Spie\u00df stecken\" 383. Ein Ausstieg erfolgt daher oft im Stillen. Nicht wenige ehemalige Scientologen offenbaren gro\u00dfe Angst vor der SO, weswegen sie sich nicht \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dfern wollen. Auch wenn die Bef\u00fcrchtungen teilweise \u00fcbersteigert sein m\u00f6gen, halten sich diese Menschen oftmals f\u00fcr ohnm\u00e4chtig gegen\u00fcber einer Organisation, die klagefreudig ist und \u00fcber viel Geld verf\u00fcgt. Sie sind sich auch bewusst, dass sie w\u00e4hrend ihrer Mitgliedschaft intimste Details aus ihrem Leben offenbart haben, die von der SO dokumentiert wurden. Bei der Er\u00f6ffnung der neuen Berliner SO-Niederlassung am 13. Januar 2007 ergaben sich Anhaltspunkte f\u00fcr operatives T\u00e4tigwerden des OSA. Medien berichteten, dass aus Anlass der Er\u00f6ffnungsfeier die Umgebung aus dem Geb\u00e4ude gefilmt und einzelne Gegendemonstranten mit einer Handkamera aufgenommen wurden.384 Bei einer Tagung von Scientology-Kritikern in Hamburg im April 2007 waren SOAngeh\u00f6rige vor Ort, die Tagungsteilnehmer unter dem Vorwand einer Gespr\u00e4chsaufnahme filmten. Ein britischer Reporter der BBC, der f\u00fcr eine Dokumentation385 \u00fcber Scientology in den USA sowohl Scientologen als auch Kritiker interviewte, stand w\u00e4hrend seines einw\u00f6chigen USA-Aufenthalts unter Beobachtung der Organisation. Scientology hatte ein Kamerateam auf den Journalisten angesetzt. Er wurde immer wieder in verbale Konfrontationen verwickelt, die offenkundig der Zerm\u00fcrbung dienten. \u00dcber \u00e4hnliche Erfahrungen mit der SO in den USA wurde mehrfach berichtet. 383 L. Ron HUBBARD, \"Einf\u00fchrung in die Ethik der Scientology\", Kopenhagen, 2007, S. 229. 384 \"Ich habe meinen Sohn an Scientology verloren\", Berliner Zeitung, 15. Januar 2007. \"Scientology filmt und kaum einer wehrt sich\", Berliner Zeitung, 16. Januar 2007. 385 BBC Panorama, Reportage \"Scientology and me\", 2007. 232","Scientology-Organisation All das ersch\u00fcttert nachhaltig die Glaubw\u00fcrdigkeit der SO, die einen \"Dialog\" fordert, um auf diese Weise Gespr\u00e4chsbereitschaft zu suggerieren. Scientology w\u00e4hnt sich im Besitz der alleinigen Wahrheit. Kritiker gelten Kritiker gelten als als Verbrecher und Psychopathen und werden als \"unterdr\u00fcckerische PerVerbrecher und son\" (\"suppressive Person\" - \"SP\") gebrandmarkt. Grundlegende HandPsychopathen lungsschemata, die in SO-Kursen antrainiert werden, sind nicht auf einen konstruktiven Dialog angelegt, sondern zielen darauf ab, Widerstand konfrontativ zu brechen oder manipulativ zu \u00fcberwinden (\"Konfrontieren oder handhaben\"). Funktion\u00e4re reagieren deshalb auch bei Sachkritik meist mit Vorw\u00fcrfen, Unterstellungen und teils unterschwelligen Drohungen. Die SO will sich der Kritik entziehen, indem sie grunds\u00e4tzlich mit dem Vorwurf angeblicher Diskriminierung kontert und ihren Gegnern niedere Beweggr\u00fcnde unterstellt. Scientology betreibt seit Jahren eine planm\u00e4\u00dfige Herabsetzung des Ansehens der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Repr\u00e4sentanten. Sie vergleicht im Internet auch weiterhin die Situation deutscher Scientologen unterschwellig mit dem Schicksal der Juden w\u00e4hrend der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft386, obwohl die abwegigen Vergleiche in der Vergangenheit zu heftiger Kritik an der SO im Inund Ausland f\u00fchrten. Diese Vorgehensweise entspricht HUBBARDs taktisch gepr\u00e4gten Vorgaben, auf Kritik stets mit h\u00e4rteren Gegenangriffen zu reagieren. 7. Diffamierung des staatlichen Gesundheitswesens Die SO-Hilfsorganisation \"Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte\" (KVPM) hetzt pauschal gegen den gesamten Berufsstand der Psychiater. Rei\u00dferisch aufgemachte Ausstellungen und DVD-Pr\u00e4sentationen wie \"Tod statt Hilfe\" sollen die Betrachter emotionalisieren. Scientologen versuchen immer wieder, Propagandamaterial an Entscheidungstr\u00e4ger in der Politik zu verteilen. Dabei geht es kaum um eine seri\u00f6se Aufarbeitung der Zeitund Medizingeschichte oder um fachlich fundierte Kritik an konkreten Behandlungsmethoden, sondern darum, Ressentiments zu sch\u00fcren. Dabei unterstellt die KVPM eine Verschw\u00f6rung. Ob es sich um die Vernichtungslager des Nationalsozialismus, die Inhaftierung von Dissidenten in der Psychiatrie der Sowjetunion oder um die Terroranschl\u00e4ge vom 11. September 2001 handelt, stets sollen nach Darstellung der KVPM die Psychiater als \"Strategen der Zerst\u00f6rung\" verantwortlich und ein angeblich kollektiver b\u00f6ser Wille einer ganzen Berufsgruppe am Werk sein. 386 Internetauswertung: Homepage des \"Freedom Magazine\", vom 11. Oktober 2007. 233","Die Hetze hat vor allem ideologische Gr\u00fcnde. HUBBARD entwarf VerVerschw\u00f6rungsschw\u00f6rungstheorien, in denen er den Rechtsstaat als eine von Gro\u00dffinantheorien ziers und \"Nazi-Psychiatern\" gelenkte Scheindemokratie verunglimpfte, in der die Bev\u00f6lkerung durch \"Drogen\" unm\u00fcndig gehalten werde. Vor diesem Hintergrund m\u00fcssen auch die Anti-Drogen-Kampagnen der SO gesehen werden. In der SO gelten nicht nur Rauschgifte, sondern auch viele Medikamente als \"Drogen\". Bei den PR-Feldz\u00fcgen der SO (\"Sag nein zu Drogen\") wird dies zun\u00e4chst nicht deutlich. Die politische Sto\u00dfrichtung der KVPM erschlie\u00dft sich erst bei n\u00e4herer Betrachtung. Sie will im Hinblick auf Psychotherapieangebote und psychologische Gerichtsgutachten generell verunsichern, um den Boden f\u00fcr vermeintliche L\u00f6sungsans\u00e4tze der SO in Medizin und Justiz zu bereiten. weltweite Mit welcher Vehemenz die SO gegen die Psychiatrie vorgehen will, wurde Beseitigung bei einer Scientology-Gro\u00dfveranstaltung im Juni 2007 in Los Angeles deutder Psychiatrie lich. Mehrere tausend Scientologen verfolgten dort die Rede von David MISCAVIGE. Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und als DVD-Pr\u00e4sentation f\u00fcr SO-Mitglieder, nicht jedoch f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit produziert. W\u00e4hrend dieser Veranstaltung machte das Management unmissverst\u00e4ndlich klar, dass sich die SO die \"weltweite Beseitigung\" der Psychiatrie zum Ziel gesetzt hat und sich im Krieg mit einem ganzen Berufsstand sieht. Das zeigten auf Gro\u00dfbildschirme projizierte Computeranimationen, in denen zum Beispiel eine explodierende Handgranate symbolisch auf die Psychiatrie geworfen wurde, und die militante Sprache. Die mobilen KVPM-Ausstellungen wurden mit Kampfhubschraubern verglichen, die ihre \"explosive Ladung\" \u00fcber \"Psychiatriefestungen\" abwerfen. Als Erfolg feierte das Management, im Jahr 2007 angeblich mehr als 200 Psychiater \"geknackt\" und \"hinter Gitter\" gebracht Reaktionen zu haben. Diese Suggestivbotschaften sind dazu gedacht, die Zuh\u00f6rerschaft auf die KVPMaufzustacheln und Hass zu erzeugen. Das machten auch Reaktionen von Ausstellung ausgew\u00e4hlten Besuchern der KVPM-Ausstellungen deutlich. So wurde eine Frau in einem Interview gezeigt, die aussagte, sie sp\u00fcre das Bed\u00fcrfnis, auf einen Psychiater einzuschlagen. Ein anderer KVPM-Unterst\u00fctzer verglich Psychiater pauschal mit Terroristen, w\u00e4hrend eine weitere Person propagierte, man m\u00fcsse es den Psychiatern \"mit gleicher M\u00fcnze heimzahlen\". Ein Mann \u00e4u\u00dferte schlie\u00dflich: \"Jetzt herrscht Krieg\". Das Publikum der Veranstaltung, unter dem sich in der ersten Reihe bekannte Hollywoodschau234","Scientology-Organisation spieler befanden, reagierte mit frenetischem Beifall und stehenden Ovationen.387 Bisher konnte die KVPM in Deutschland keine Breitenwirkung erzielen. Im Berichtsjahr versuchten KVPM-Aktivisten in Baden-W\u00fcrttemberg vereinzelt, Propaganda im schulischen Bereich zu verbreiten und verdeckt Ermittlungen vorzunehmen. Im Jahr 2007 wurde ein an die KVPM gerichPropaganda der tetes Schriftst\u00fcck bekannt, das sich mit einem scientologischen Reizthema KVPM befasst. In dem Schreiben behauptete ein Informant der KVPM, Kenntnis \u00fcber die T\u00e4tigkeit von Schulpsychologen und eine angebliche Medikamentenvergabe f\u00fcr hyperaktive Sch\u00fcler an zwei Stuttgarter Schulen zu besitzen. Mit aggressivem Unterton forderte der Verfasser des Schreibens weitere Ermittlungen, einen \"Kampfplan\" und die \"Zerschlagung\" eines vermeintlichen Kreises von Psychologen an den Schulen. Auch dieses Beispiel zeigt, dass die Verschw\u00f6rungstheorien der SO von ihren Anh\u00e4ngern aufgenommen worden sind. Sie dienen als Welterkl\u00e4rungsmodell und f\u00fchren zumindest teilweise zu einer k\u00e4mpferischen Haltung. 8. WISE - Speerspitze in Wirtschaft und Politik Ein wichtiges Instrument zur Durchsetzung der politisch-extremistischen Ziele der SO ist ihr Wirtschaftsverband \"World Institute of Scientology Enterprises\" (WISE). W\u00e4hrend sich die Organisation nach au\u00dfen als unpolitisch darstellt, will sie die Ideologie HUBBARDs in der Wirtschaft und in Regierungen implementieren. WISE fordert von seinen Mitgliedern, \u00fcber Gesch\u00e4ftskontakte neue Anh\u00e4nger f\u00fcr die SO zu rekrutieren und will \u00fcber den Vorwand einer Beratungst\u00e4tigkeit insbesondere F\u00fchrungskr\u00e4fte zur SO bringen. Ein WISE-Funktion\u00e4r propagierte: \"Seit langer Zeit hatte ich die grundlegende Absicht, Spitzenf\u00fchrungskr\u00e4ften Ethik388 und geistige Gesundheit 389 zu bringen. Der WISE-F\u00fchrungskreis hat sich folgende Mission zu eigen gemacht: Strategisch zu operieren, um die LRH 390-Verwaltungstechnolo387 DVD \"Das weltweite Ziel globale Rettung. IAS OT Treffen 2007\", Los Angeles, 2007. 388 Die SO hat den Begriff \"Ethik\" fundamental umgedeutet. \"Ethik\" hat f\u00fcr die SO keine Bez\u00fcge zu sittlichen Werten, sondern bedeutet die Optimierung des \u00dcberlebens, die r\u00fccksichtslose Durchsetzung von Scientology und die Beseitigung von \"Gegenabsichten\". 389 Die SO sieht die nichtscientologische Gesellschaft als geistig gest\u00f6rt (\"aberriert\") an. \"Geistige Gesundheit\" ist in der SO daher ein Synonym f\u00fcr die Anwendung von Scientology-Verfahren. 390 LRH: K\u00fcrzel f\u00fcr Lafayette Ron HUBBARD. 235","gie in jedem Land in die Spitzenk\u00f6rperschaften, das Gemeinwesen, in Staaten und Regierungen hineinzubekommen. (...) Seminare sind ein hervorragendes Mittel, um Kontakt zu Amtspersonen zu erlangen.\" 391 Der SO-Wirtschaftsverband f\u00fchrte eine Europakonferenz in Athen durch, an der auch Scientologen aus Baden-W\u00fcrttemberg teilnahmen. W\u00e4hrend der Konferenz referierte der WISE-Europachef \u00fcber die Verbreitung von HUBBARDs Lehre im Trainingsund Schulungsgewerbe und dar\u00fcber, \"wie man LRH-Verwaltungstechnologie an der Spitze eines Landes anwendet.\" 392 Vorgehensweise WISE-Berater aus Baden-W\u00fcrttemberg zielen vor allem auf kleine und von mittelst\u00e4ndische Unternehmen. Auch Jungunternehmer mit neuen WISE-Beratern Gesch\u00e4ftsideen k\u00f6nnen in das Blickfeld von WISE geraten. Risiken k\u00f6nnen sich zudem f\u00fcr Zweigniederlassungen deutscher Unternehmen im Ausland ergeben. WISE-Berater benutzen f\u00fcr eine erste Kontaktaufnahme h\u00e4ufig einen 200 Fragen umfassenden \"Personaltest\", der allerdings nahezu identisch mit dem \"Pers\u00f6nlichkeitstest\" der SO ist.393 Erste Kontakte werden auch durch allgemein gehaltene Abendveranstaltungen \u00fcber Zeitmanagement, Effizienz oder \"beruflichen und pers\u00f6nlichen Erfolg\" hergestellt. WISE-Trainer verschweigen gegen\u00fcber ihren Klienten in der Regel die Intention des SO-Wirtschaftsverbandes und anf\u00e4nglich auch den eigenen Hintergrund. Sie umschreiben ihr Angebot allenfalls mit Begriffen wie \"Hubbard Managementsystem\" oder \"Modell von Admin Know How\" (\"MAKH\"). Dass sich hinter diesen Angeboten die Ideologie von Scientology verbirgt, ist f\u00fcr Au\u00dfenstehende kaum zu erkennen. Zur Fortbildung des Personals werden Seminare angeboten, die nahezu identisch mit einf\u00fchrenden Scientology-Kursen sind, was Betroffene oft nicht merken. Lediglich Copyrightvermerke wie \"Hubbard College of Administration International\" (HCAI) oder \"L. Ron Hubbard Library\" k\u00f6nnen R\u00fcckschl\u00fcsse auf Scientology zulassen. Das Angebot ist so konzipiert, dass es in einer ersten Phase durchaus subjektiv Erfolge vermitteln kann. Anschlie\u00dfend sollen Kunden durch diese Erfolgserlebnisse schrittweise an die SO herangef\u00fchrt werden. Dadurch entsteht auch die Gefahr einer Ideologisierung der Firma und der zunehmenden Verbreitung menschenverachtender und totalit\u00e4rer Vorstellungen auf Betriebsebene. 391 Zeitschrift \"Prosperity\" Nr. 71/2007, S. 15. \u00dcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz BadenW\u00fcrttemberg. 392 Zeitschrift \"Prosperity\" Nr. 71/2007, S. 24. \u00dcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz BadenW\u00fcrttemberg. 393 Vergleiche hierzu \"Scientology erkennen: Der 200-Fragentest.\" URL:http://www.verfassungsschutz-bw.de/so/files/so-berichte_2007_06_1.htm. 236","Scientology-Organisation Abstrakte Gefahren bestehen dar\u00fcber hinaus bei der Datensicherheit. Eine international t\u00e4tige WISE-Beratungsfirma stellte dem fl\u00e4mischen Parlament in Belgien in Zusammenhang mit Computerkursen Informationsdienste zur Verf\u00fcgung. Nach Angaben liberaler Parlamentsabgeordneter bestand die Gefahr, dass die SO auf diese Weise Zugang zu sicherheitsempfindlichen Informationen von B\u00fcrgern erhalten k\u00f6nnte.394 Die SO d\u00fcrfte in Zukunft versuchen, verst\u00e4rkt \u00fcber WISE zu expandieren und ihre Aktivit\u00e4ten im Gesundheitsbereich zu intensivieren. Im s\u00fcddeutschen Raum sind vereinzelt WISE-Berater aktiv, die sich auf Zahnmediziner spezialisiert haben. WISE-Funktion\u00e4re in den USA propagieren, HUBBARD-Verfahren fl\u00e4chendeckend bei Physiotherapeuten zu verbreiten. Dabei will WISE in den amerikanischen Berufsverband der Chiropraktiker eindringen, indem von WISE-Seminarteilnehmern verlangt wird, dort Mitglied oder Funktionstr\u00e4ger zu werden, damit der Berufsverband selbst WISE-Schulungen durchf\u00fchrt.395 Der Erfahrung nach sind derartige Vorhaben nicht auf einzelne Staaten beschr\u00e4nkt. Die SO handelt global und d\u00fcrfte in anderen L\u00e4ndern \u00e4hnliche Ziele verfolgen. Dar\u00fcber hinaus weisen auch die Aktivit\u00e4ten von SO-Hilfsorganisationen wie die \"Way to Happiness Foundation\", die harmlos wirkende Imagebrosch\u00fcren an Vorst\u00e4nde deutscher Unternehmen versandte, auf eine Verst\u00e4rkung der Aktivit\u00e4ten in der Wirtschaft hin. 9. Er\u00f6ffnung \"Idealer Orgs\" Die SO intensiviert seit etwa 2003 ihre weltweite Strategie, in politischen und wirtschaftlichen Zentren \"Ideale Orgs\" 396 zu etablieren, \"deren Pr\u00e4senz sich auf jeden Scientologen und unsere gesamte Bewegung auswirkt. Ich spreche von den Schl\u00fcsselpunkten der Welt - von St\u00e4dten mit nationalen Regierungen, wo es hochwichtig ist, Zugang zu den Kommunikationslinien zu bekommen.\" 397 Die SO will sich dort ein politisches Standbein schaffen, um Einfluss auf Parlamente und Regierungen zu erlangen. Sie konzentrierte im Jahr 2007 in Deutschland ihre Anstrengungen auf den Ausbau ihrer Hauptstadtrepr\u00e4sentanz. Am 13. Januar 2007 er\u00f6ffnete die Organisation in 394 Zeitung \"De Volkskrant\" vom 4. September 2007 395 Zeitschrift \"Prosperity\" Nr. 71/2007 (deutsche Ausgabe), S. 15ff. 396 Die SO verbindet mit dem Begriff \"Ideale Org\" die Vorstellung eines profitablen Scientology-Zentrums mit hoher Anziehungskraft in der Bev\u00f6lkerung. 397 Rede von David MISCAVIGE in: Zeitschrift \"Impact\" Nr. 112/2006, S. 55. 237","Berlin ein neues Geb\u00e4ude mit einer Feier, an der rund 1.500 Mitglieder und Sympathisanten teilnahmen, von denen etwa 120 aus Baden-W\u00fcrttemberg anreisten. Dar\u00fcber hinaus wurden ehrgeizige politische Ambitionen f\u00fcr die Bundeshauptstadt bekannt. Eine interne Umfrage der Hamburger SO zur Mitarbeiterrekrutierung entlarvte, welche Ziele die SO verfolgt: \"Hast Du jemals den Wunsch gehabt dabei zu helfen, die Gesellschaft in Deutschland zu ver\u00e4ndern und Dich gefragt, wie Du das k\u00f6nntest? (...) Berlin als die Hauptstadt Deutschlands ist die lebenswichtige Adresse bez\u00fcglich Scientology. Um unsere planetarischen Rettungskampagnen398 in Anwendung zu bringen m\u00fcssen wir die obersten Ebenen der deutschen Regierung in Berlin erreichen. Deshalb wird Berlin die erste Ideale Org in Deutschland. (...) Mit der Unterst\u00fctzung der Sea Org399 wird Berlin innerhalb Wochen eine Ideale Org sein und die richtige Repr\u00e4sentation der Scientology in Berlin, die daf\u00fcr verantwortlich ist, die n\u00f6tigen Zufahrtsstra\u00dfen in das deutsche Parlament zu bauen, um unsere L\u00f6sungen tats\u00e4chlich eingearbeitet zu bekommen in die gesamte deutsche Gesellschaft.\" 400 In Stuttgart gelang es der SO im Berichtsjahr nicht, eine repr\u00e4sentative \"Ideale Org\" zu etablieren. Das Management hatte das Vorhaben offenbar zugunsten der Neuer\u00f6ffnung des Berliner Scientology-Zentrums in den Hintergrund ger\u00fcckt. Teils langj\u00e4hrige Mitarbeiter der Stuttgarter Niederlassung zogen in die Bundeshauptstadt um. Dies f\u00fchrte zu einer Schw\u00e4chung der Stuttgarter \"Class V Org\" und zu Entt\u00e4uschung an der hiesigen \"Ideale Org\" Scientology-Basis, die hohe Spenden f\u00fcr den Kauf eines Geb\u00e4udes in Stuttin Stuttgart gart geleistet und mit einer Verwirklichung einer \"Idealen Org\" noch im Jahr 2006 gerechnet hatte. Die Organisation h\u00e4lt jedoch an dem Projekt fest und fordert die Basis auf, mit Spenden sukzessive zur Verwirklichung beizutragen, wobei als \"magisches\" Datum der 8. August 2008 anberaumt ist. Dabei k\u00f6nnte das Management das Projekt auch ohne Beteiligung hiesiger Scientologen weiter vorantreiben. 398 Gemeint ist die Einf\u00fchrung scientologischer \"L\u00f6sungen\" auf breiter Front in Wirtschaft, Politik sowie in schulischen und sozialen Bereichen. 399 \"Sea Org\": Paramilit\u00e4rische Kadertruppe, die F\u00fchrungspositionen innerhalb der SO besetzt. 400 \u00dcbernahme wie im Original. 238","Scientology-Organisation 10. Neuauflage der Grundlagenb\u00fccher Im Juli 2007 gab die SO-F\u00fchrung unter anderem in Baden-W\u00fcrttemberg bei weltweit koordinierten Veranstaltungen f\u00fcr Scientologen ohne vorherige Ank\u00fcndigung die Neuausgabe der HUBBARD-Grundlagenb\u00fccher bekannt. Dabei behauptete das Management, nach Pr\u00fcfung der urspr\u00fcnglichen Manuskripte seien Unrichtigkeiten in den bislang vertriebenen Schriften aufgefallen, weswegen die Neuauflage notwendig geworden sei. Um die volle Bedeutung dieser Behauptung f\u00fcr den einzelnen Scientologen zu verstehen, muss die Denkweise \u00fcberzeugter SO-Anh\u00e4nger betrachtet werden. F\u00fcr sie erscheint es von zentraler Bedeutung, ja \u00fcberlebenswichtig, bei der Lehre HUBBARDs \"on source\" zu sein, was mit dem Begriff \"an der Quelwortgetreue le des Wissens\" umschrieben werden kann. Das f\u00fchrt zu einem fundamenBefolgung talistischen Umgang mit den Schriften. Alle Anweisungen, Bulletins und aller Schriften Richtlinien m\u00fcssen unter der Androhung von Sanktionen wortgetreu befolgt werden. Interpretationen oder gar Ab\u00e4nderungen sind streng verboten, da sie als Abweichung von der \"reinen\" Lehre gelten. Die Basis wurde \u00fcber die angeblichen Unrichtigkeiten in HUBBARDs Schriften bis zuletzt im Unklaren gelassen. Bis zu den Veranstaltungen wurde nur gezielt mit Slogans wie \"Die Welt der Scientology ver\u00e4ndert sich f\u00fcr immer! Mehr l\u00e4sst sich zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt nicht sagen, (...)\" 401 Spannung aufgebaut. Die Werbung und der Verkauf der Altbest\u00e4nde gingen unterdessen unvermindert weiter. Sp\u00e4ter wurden unvermittelt die 18 neuen B\u00fccher vorgestellt, deren Erwerb samt dazugeh\u00f6renden Vortrags-CDs rund 3.000 Euro kostet. Zuvor erworbene Grundlagenb\u00fccher wurden f\u00fcr Scientologen damit weitgehend wertlos. Von Seiten des Managements gab es weder eine Entschuldigung, noch ein R\u00fccknahmeoder Umtauschangebot. Auch die nahe liegende Frage, warum ein erfahrener Schriftsteller wie HUBBARD die Druckfassungen seiner B\u00fccher nicht nochmals gepr\u00fcft haben sollte, wurde nicht \u00f6ffentlich er\u00f6rtert. Zudem hat die SO-F\u00fchrung der Basis de facto zu verstehen gegeben, dass Scientology in den vergangenen 50 Jahren in einem solchen Ausma\u00df falsch gelehrt und somit ebenso falsch gelebt worden sei, dass die Neuausgabe aller Grundlagenb\u00fccher notwendig geworden sei. Wenn gegen\u00fcber der Basis behauptet wurde, die Grundlagen st\u00fcnden nun unverf\u00e4lscht und \"v\u00f6llig on-source\" 402 zur Verf\u00fcgung, w\u00fcrde dies im R\u00fcckschluss bedeuten, dass dem in den vergangenen Jahrzehnten nicht so gewesen ist. Bei Scientology gilt ein Verf\u00e4lschen der Lehre aber als schweres Verbrechen. In der ideologischen Substanz und Pro401 Zeitschrift \"International Scientology News\" Nr. 36/2007, S. 28 und 44. 402 Ebd. 239","grammatik ergaben sich in den bekannt gewordenen Neuausgaben auch gef\u00fcgige keine nennenswerten \u00c4nderungen. Es d\u00fcrfte nur wenige Gruppierungen SO-Basis geben, bei denen eine derartige Vorgehensweise keine kollektive Emp\u00f6rung in Badenhervorrufen w\u00fcrde. Die hiesige Scientology-Basis zeigte sich hingegen weitW\u00fcrttemberg gehend gef\u00fcgig und kritiklos. Offene Proteste oder \u00f6ffentliche Kritik gab es zumindest in Baden-W\u00fcrttemberg nicht. Die SO hat in der Vergangenheit gelegentlich punktuelle \u00c4nderungen in ihren Schriften durchgef\u00fchrt. Novum ist, dass erstmals nach dem Tod von HUBBARD im Jahr 1986 gleichzeitig in zahlreichen Publikationen \u00c4nderungen bekannt gegeben werden, auch wenn sie in der Summe geringf\u00fcgig sein m\u00f6gen. Die SO-F\u00fchrung hat dies gegen\u00fcber der Basis mit unglaubw\u00fcrdig wirkenden Behauptungen gerechtfertigt. 11. Ausblick Mit der \"Idealen Org\"-Kampagne gewinnen die Versuche der SO zur nachhaltigen politischen Einflussgewinnung auf nationaler und europ\u00e4ischer Ebene eine neue Intensit\u00e4t. Durch Kampagnen f\u00fcr Bildung oder Menschenrechte will sie sich in Szene setzen, um erste Kontakte in politischen Kreisen zu kn\u00fcpfen. \"Ideale Orgs\" sollen in den Hauptst\u00e4dten Europas und in wirtschaftlich starken Regionen als repr\u00e4sentative Aush\u00e4ngeschilder dienen. Im Hintergrund will die Organisation ein Netzwerk aufbauen, das l\u00e4ngerfristig nachhaltig in der Politik Fu\u00df fassen soll. Dabei ist die SO bereit, f\u00fcr intensive Lobbyarbeit erhebliche Finanzmittel einzusetzen. Medien berichteten in Gro\u00dfbritannien in den Jahren 2006 und 2007 \u00fcber Zuwendungen an Polizeibeamte in London sowie \u00fcber eine Spende einer SO-Hilfsorganisation an eine staatstragende britische Partei. In Deutschland wurde Derartiges bislang nicht bekannt. Wichtige Etappenziele f\u00fcr die SO im Bundesgebiet sind eine Steuerbefreiung durch den anvisierten Status der Gemeinn\u00fctzigkeit sowie den einer K\u00f6rperschaft des \u00f6ffentlichen Rechts, um die Organisation m\u00f6glichst unangreifbar zu machen. Sie mag von der Erreichung dieser Ziele weit entfernt sein, verfolgt sie aber seit vielen Jahren beharrlich. Das oberste Prinzip der SO ist Expansion. Um sich in der Gesellschaft ausExpansion zubreiten, benutzt sie immer h\u00e4ufiger Hilfsorganisationen, deren Scientology-Bezug nach au\u00dfen zun\u00e4chst nicht erkennbar wird. Sie verst\u00e4rkt die Mas240","Scientology-Organisation kerade einer scheinbar harmlosen, die Menschenrechte achtenden Organisation. Auf diese Weise soll die \u00d6ffentlichkeit geblendet und \u00fcber die wahren, totalit\u00e4ren Ziele get\u00e4uscht werden. 12. Vertrauliches Telefon/Weitere Informationen Im Rahmen der Beobachtung der SO ist der Verfassungsschutz auch weiterhin auf die Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung angewiesen. Rufen Sie uns an: 0711/95 61 994. Hinweise zu Brosch\u00fcren und aktuelle Informationen zur SO erhalten Sie auf unserer Internetseite: http://www.verfassungsschutz-bw.de/so/start_so.htm. 241","G. SPIONAGEABWEHR, GEHEIMUND SABOTAGESCHUTZ 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen Spionage war auch im Jahr 2007 eine allt\u00e4gliche Erscheinung. Gleichg\u00fcltig, ob alte und neue Gro\u00dfm\u00e4chte um wirtschaftliche F\u00fchrungspositionen gerungen haben oder sich Machthaber von Staaten wie Iran, Syrien, Pakistan oder Nordkorea in den Besitz von Massenvernichtungswaffen bringen wollten und dabei auf hochwertige G\u00fcter und Spezialwissen aus HightechL\u00e4ndern angewiesen waren - fremde Nachrichtendienste waren vielfach beteiligt. Die Weltwirtschaft befindet sich in einem grundlegenden Wandel. Vor allem asiatische Staaten unternehmen gro\u00dfe Anstrengungen, um den Technologier\u00fcckstand zu den westlichen Industriestaaten z\u00fcgig aufzuholen und bei den Innovationsaktivit\u00e4ten eigene Akzente zu setzen. Dabei kommt nicht zuletzt den Nachrichtendiensten eine bedeutende Rolle zu. Besonders f\u00fcr Furore gesorgt haben die im September 2007 intensiv in den Medien diskutierten und China zugerechneten elektronischen Attacken auf beh\u00f6rdliche Kommunikationssysteme, welche die Verletzlichkeit der hiesigen IT-Infrastrukturen mit aller Deutlichkeit aufgezeigt haben. Aber auch die mit wachsendem Selbstbewusstsein agierende Russische F\u00f6deration hat zu erkennen gegeben, dass sie weiterhin trotz der guten Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland auf Regierungsebene nicht daran denkt, auf den Einsatz von Nachrichtendiensten zur Beschaffung vor allem wirtschaftlich nutzbarer Informationen zu verzichten. Technische Innovationen sind in einer globalisierten Welt ein wichtiges Deutsche Firmen Kapital. Deutsche Firmen stellen aufgrund ihrer hohen Leistungen im im Fokus fremder Bereich Produktinnovation ein \u00fcberdurchschnittlich attraktives Ziel f\u00fcr Nachrichtenfremde Nachrichtendienste dar. Die Abwehr der Wirtschaftsspionage muss dienste deshalb angesichts eines extrem harten internationalen Konkurrenzkampfes und st\u00e4ndig verfeinerter Angriffsmethoden - etwa im technischen Bereich - einem permanenten Anpassungsund Optimierungsprozess unterworfen werden. Dies ist nicht nur eine berechtigte Forderung der Wirtschaft und ihrer Sicherheitsverb\u00e4nde, sondern auch Anspruch der Spionageabwehr des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg (LfV). Der Status der Informationssicherheit in deutschen Unternehmen, besonders bei kleinen und mittelst\u00e4ndischen Betrieben, entspricht h\u00e4ufig nicht der tats\u00e4chlichen Gef\u00e4hrdungslage und l\u00e4sst hier oft eine ausreichende Risiko-Strate242","Spionageabwehr gie vermissen. Das LfV reagierte mit einer verst\u00e4rkten Serviceorientierung und einer Intensivierung seiner Pr\u00e4ventionsarbeit. So nutzte das LfV beiIntensivierung spielsweise die \"SAFEKON\" in Karlsruhe - eine Fachmesse f\u00fcr Zutrittsder Pr\u00e4ventionskontrolle, Geb\u00e4udesicherung und Informationsschutz - um den Bereich arbeit Wirtschaftsschutz Ausstellern und Fachpublikum aus dem Gro\u00dfraum Karlsruhe vorzustellen. Ferner wurde gemeinsam mit dem Bayerischen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz eine Brosch\u00fcre zur Wirtschaftsspionage mit Fallbeispielen aus beiden L\u00e4ndern herausgegeben. Auch sie soll verdeutlichen, dass Security Awareness in den Unternehmen hohe Bedeutung zukommt. Nachdem sich die Aufregung des letzten Jahres um die nordkoreanischen und iranischen Nuklearprogramme etwas legte, ist die weitere Entwicklung zu Beginn des Jahres 2008 wieder ungewiss. Nordkorea und die USA beschuldigten sich gegenseitig, das Abkommen \u00fcber die Einstellung des nordkoreanischen Atomprogramms zum Jahresende 2007 nicht eingehalten zu haben. Die Au\u00dfenminister der f\u00fcnf st\u00e4ndigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates und Deutschlands beschlossen eine Versch\u00e4rfung der Sanktionen versch\u00e4rfte gegen den Iran. Der Iran wird - entgegen der Behauptung, sein AtomproSanktionen gramm ausschlie\u00dflich zur friedlichen Energiegewinnung zu nutzen - weitergegen den Iran hin beschuldigt, die Grundlagen zum Bau nuklearer Waffen schaffen zu wollen. Darin wird nach wie vor eine gef\u00e4hrliche Bedrohung f\u00fcr den Weltfrieden gesehen. Die Abwehr der Proliferation403 bleibt auch zuk\u00fcnftig eine globale sicherheitspolitische Aufgabe, weil es \u00fcber den Iran hinaus noch andere L\u00e4nder gibt, die sich unter Umgehung einschl\u00e4giger Bestimmungen darum bem\u00fchen, in den Besitz atomarer, biologischer oder chemischer Massenvernichtungswaffen mit den erforderlichen Tr\u00e4gersystemen zu gelangen Abwehr von sowie die zu deren Herstellung notwendigen G\u00fcter und das erforderliche Proliferation, Know-how zu erwerben. Au\u00dferdem haben terroristische Organisationen eine globale ein Interesse an Massenvernichtungswaffen. Der Einsatz solcher Waffen ist sicherheitsf\u00fcr die Zukunft nicht auszuschlie\u00dfen. Aus gutem Grunde ist deshalb die politische Spionageabwehr des LfV eng in die gesamtstaatlichen Anstrengungen zur Aufgabe Abwehr solcher Gefahren eingebunden. 2. Daten, Fakten, Hintergr\u00fcnde 2.1 Volksrepublik China Der 17. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) im Oktober 2007 hat die Weichen f\u00fcr die Zielrichtung der Politik der n\u00e4chsten f\u00fcnf 403 Proliferation: Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen beziehungsweise der zu ihrer Herstellung verwendbaren Produkte einschlie\u00dflich des daf\u00fcr erforderlichen Know-hows sowie von entsprechenden Waffentr\u00e4gersystemen. 243","Jahre gestellt. Dabei offenbarten mehrere Erg\u00e4nzungen der Parteisatzung die Absicht, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes weiter voranzutreiben. Leitgedanken wie \"Entwicklung durch Wissenschaft\" und das Festhalten an der \"Politik der wirtschaftlichen \u00d6ffnung\" verdeutlichen, dass diese Ziele - unter Einbindung aller gesellschaftlichen Kr\u00e4fte - oberste Priorit\u00e4t genie\u00dfen. Die propagierte Abkehr von der \"Politik des schnellen Wachstums um jeden Preis\" d\u00fcrfte dabei die Anstrengungen staatlich gelenkter Informationsbeschaffung kaum verringern. Neben den fr\u00fcher vorherrschenden Nachbau von Massenprodukten tritt zunehmend das nachrichtendienstliche Interesse an der Grundlagenforschung und dem Know-how zur Weiterentwicklung bedeutsamer Technologiebereiche aus der Automobil-, Luftund Raumfahrtbranche. Mittelfristig k\u00f6nnte sich die chinesische Spionage st\u00e4rker den Feldern Umweltschutz und Energiepolitik zuwenden, die f\u00fcr die Entwicklung des Landes zusehends wichtiger werden. Die Bedeutung, die China der Wirtschaftsspionage beimisst, wird auch durch die Ernennung des Wirtschaftsexperten Geng HUICHANG zum Leiter des zivilen Inund Auslandsdienstes MSS404 offenkundig. Eine neue Dimension der verdeckten Informationsbeschaffung und -manipulation er\u00f6ffnen die bereits seit einiger Zeit festzustellenden elektronischen Attacken auf deutsche Beh\u00f6rden und Wirtschaftsunternehmen mit mutma\u00dflichem Ursprung in China (\"China-Trojaner\"). Art und Umfang der Angriffe veranschaulichen dabei sehr nachdr\u00fccklich, welche Risiken das Internet birgt. Durch ein raffiniert vorgeschaltetes \"Social Engineering\"405 sollen ausgew\u00e4hlte E-Mail-Empf\u00e4nger zum \u00d6ffnen von Dokumenten-Anh\u00e4ngen, die mit \u00e4u\u00dferst \"signaturarmen Schadprogrammen\"406 versehen sind, verleitet werden. Ziel ist es, auf den angegriffenen Rechnern Trojaner407 zu installieren, mit denen entweder unbemerkt Daten ausspioniert oder IT-Systeme sabotiert werden k\u00f6nnen. Um Kontakte zu interessanten Institutionen und Personen in Baden-W\u00fcrtKontakte nach temberg aufzubauen und zu koordinieren, nutzen die chinesischen NachBadenrichtendienste auch die diplomatischen Auslandsvertretungen ihres Landes. W\u00fcrttemberg Von dort aus ist in auff\u00e4lliger Weise mit Unterst\u00fctzung von Wissenschaftlern und Studenten chinesischer Herkunft, die an deutschen Instituten und 404 Ministry of State Security (Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit). 405 Social Engineering (engl. angewandte Sozialwissenschaft): Social Engineering Angriffe nutzen die Hilfsbereitschaft, Gutgl\u00e4ubigkeit oder die Unsicherheit von Personen aus, um beispielsweise an vertrauliche Daten zu gelangen oder die Opfer zu bestimmten Aktionen zu bewegen. 406 Die Schadsoftware wird auch von aktuellen Virenscannern nicht unbedingt erkannt. 407 Selbst\u00e4ndige Programme mit einer verdeckten Schadfunktion, ohne Selbstreproduktion. 244","Spionageabwehr Universit\u00e4ten t\u00e4tig sind, versucht worden, unmittelbaren Zugang zu ausgew\u00e4hlten Forschungsarbeiten sowie wissenschaftlichem Know-how zu erlangen. Aufschlussreiche und wissenschaftlich n\u00fctzliche Forschungsdaten, die im Internet ver\u00f6ffentlicht werden, sto\u00dfen nicht nur in akademischen Fachkreisen auf reges Interesse. Diese Erfahrung machte ein chinesischer Diplomand eines naturwissenschaftlich-technischen Instituts in Baden-W\u00fcrttemberg, als er unvermittelt in den Fokus nachrichtendienstlicher Interessen geriet. Er wurde aufgefordert, seine Diplomarbeit sowie weitergehende Forschungsergebnisse seines Arbeitgebers der diplomatischen Vertretung zuzuleiten. Seine ablehnende Haltung f\u00fchrte zu nachteiligen pers\u00f6nlichen Konsequenzen. Parallel dazu wird auch der Austausch von Wissenschaftlern zwischen Universit\u00e4ten beider Staaten zur gezielten Informationsbeschaffung genutzt. Bei einem im Forschungsbereich einer baden-w\u00fcrttembergischen Hochschule t\u00e4tigen chinesischen Gastwissenschaftler konnten neben seiner unzureichenden wissenschaftlichen Qualifikation, die nicht den vorgelegten Nachweisen entsprach, verschiedene auff\u00e4llige Verhaltensweisen beobachtet werden. Zugriffsversuche auf gesperrte Daten, unzul\u00e4ssiges Fotografieren von Versuchsabl\u00e4ufen, Transferieren gro\u00dfer Datenmengen direkt vom Arbeitsplatz aus nach China sowie der enge Kontakt zum n\u00e4chstgelegenen chinesischen Konsulat verst\u00e4rkten zunehmend die Vermutung einer nachrichtendienstlichen Steuerung. In der Folge r\u00e4umte der Wissenschaftler gegen\u00fcber einem Kollegen sogar ein, dass er die detaillierte Beschreibung eines technischen Verfahrensablaufs zur Weitergabe an eine \"geheime Stelle\" in seinem Heimatland ben\u00f6tigen w\u00fcrde. Die Bem\u00fchungen chinesischer Nachrichtendienste zur Erlangung von wissenschaftlichem Know-how in Deutschland sind nicht auf die dargestellten Vorgehensweisen und Methoden beschr\u00e4nkt. Erg\u00e4nzend dazu entwickeln Vereine chinesischer Akademiker unter mutma\u00dflicher nachrichtendienstlicher Steuerung rege Anstrengungen, sich nach Fachrichtungen spezialisiert, fl\u00e4chendeckend zu verbreiten. Anhaltspunkte deuten darauf hin, dass die Vereinsaktivit\u00e4ten eng mit Angeh\u00f6rigen diplomatischer Vertretungen abgestimmt werden. 245","Die chinesischen Nachrichtendienste waren auch bem\u00fcht, in Deutschland Informationen \u00fcber Gruppierungen und Organisationen zu gewinnen, welche die Machtposition der KPCh gef\u00e4hrden k\u00f6nnten. Betroffen hiervon waren in Baden-W\u00fcrttemberg die Falun-Gong-Bewegung408 sowie Personen uigurischer Abstammung. 2.2 Russische F\u00f6deration Zur Wahrung seiner politischen, wirtschaftlichen und milit\u00e4rischen Interessen ist es der Russischen F\u00f6deration gerade auch in Zeiten der Erweiterung der Europ\u00e4ischen Union (EU) und des Nordatlantischen Verteidigungsb\u00fcndnisses (NATO) \u00fcberaus wichtig, Informationen \u00fcber diese Entwicklungen zu erlangen, die nicht \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich sind. Selbst gute zwischenstaatliche Beziehungen hindern die russische Auslandsaufkl\u00e4rung nicht daran, Spionageaktivit\u00e4ten zu entfalten. SpionageAuch 2007 wurden die russischen Nachrichtendienste erheblich aufgeweraktivit\u00e4ten tet. Die Ernennung des bisherigen Premierministers und Au\u00dfenhandelsexperten Mikhail FRADKOV zum Leiter des zivilen Auslandsnachrichtendienstes SWR409 unterstreicht die herausragende Stellung dieser Organisation. Sie ist auf die Unterst\u00fctzung des wirtschaftlichen und des Verteidigungspotenzials des Landes ausgerichtet und wirkt daneben bei der Bek\u00e4mpfung der Proliferation und des internationalen Terrorismus mit. Ein weiteres Aufgabengebiet umfasst die Aufkl\u00e4rung von Aktivit\u00e4ten und Arbeitsmethoden fremder und damit auch westlicher Nachrichtendienste. Auch wurden ihr im Bereich der elektronischen Fernmeldeaufkl\u00e4rung weitreichende Kompetenzen zugewiesen. Die GRU410 ist der milit\u00e4rische Auslandsnachrichtendienst der Russischen F\u00f6deration. In der Bundesrepublik Deutschland befasst er sich schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit der Aufkl\u00e4rung der Bundeswehr und der Beschaffung milit\u00e4risch nutzbarer Technologien. Damit ist er eingebunden in die ehrgeizigen Aufr\u00fcstungspl\u00e4ne, die russischen Streitkr\u00e4fte bis 2015 mit einer neuen Generation von Kampfjets, Atom-U-Booten und Interkontinentalraketen auszustatten. Hinweise auf konkrete Ausforschungsziele werden immer dann bekannt, wenn es zu spektakul\u00e4ren Festnahmeaktionen wie im Juni 2007 in Salzburg/\u00d6sterreich kommt. Dort konnte ein unter diplomatischer Abdeckung agierender russischer Agent bei der Treffabwicklung mit einem 408 Neue religi\u00f6se Bewegung aus China stammend auf der Basis von Qi Gong. 409 \"Slushba Wneschnej Raswedkij\" (\"Dienst f\u00fcr Ermittlungen im Ausland\"). 410 \"Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije\" (\"Hauptverwaltung f\u00fcr Aufkl\u00e4rung\" beim Generalstab der Streitkr\u00e4fte). 246","Spionageabwehr fr\u00fcheren Mitarbeiter eines internationalen Luftund Raumfahrtunternehmen festgenommen werden. Der gr\u00f6\u00dfte und m\u00e4chtigste Apparat in der staatlichen Sicherheitsstruktur Russlands ist der Inlandsnachrichtendienst FSB411. Er ist f\u00fcr die zivile und FSB - m\u00e4chtigster milit\u00e4rische Spionageabwehr sowie f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung von Terrorismus Apparat in der und Organisierter Kriminalit\u00e4t zust\u00e4ndig. Umfassende weitere KompetenSicherheitszen besitzt er auf dem Gebiet des Fernmeldewesens und bei der Sicherheit struktur in der Informationstechnik. Au\u00dferdem obliegen ihm die Sicherung der Staatsgrenze und die damit verbundene Kontrolle einund ausreisender Personen. Die letztgenannte Zust\u00e4ndigkeit er\u00f6ffnet ihm ideale M\u00f6glichkeiten, ausl\u00e4ndische Staatsb\u00fcrger f\u00fcr eine Agentent\u00e4tigkeit anzuwerben und ebenfalls auf dem Feld der Auslandsaufkl\u00e4rung mitzuwirken. Bei den Aktivit\u00e4ten der russischen Dienste in Deutschland spielen die diplomatischen und konsularischen Vertretungen der Russischen F\u00f6deration sowie die hier ans\u00e4ssigen Niederlassungen ihrer Medienagenturen eine ebenso wichtige Rolle wie die zentrale Agentenf\u00fchrung aus Moskau. Vordringliches Interesse besteht an Messtechnik, Glasfaseroptik, Umweltund Energietechnik, aber auch an Kommunikationsund \u00dcberwachungsausr\u00fcstungen. Ein Gro\u00dfteil der ben\u00f6tigten Informationen wird aus offenen Quellen wie Medienbeobachtung, Gespr\u00e4chsabsch\u00f6pfung, Firmenund Messebesuchen und durch die gezielte Internet-Auswertung zusammengetragen. Der folgende Fall zeigt beispielhaft die verdeckte Agentengewinnung durch russische Geheimdienstangeh\u00f6rige: Ein Angeh\u00f6riger eines russischen Nachrichtendienstes wurde auf einen leitenden Angestellten einer in Baden-W\u00fcrttemberg ans\u00e4ssigen Hightech-Firma aufmerksam. Der leitende Angestellte hielt sich zu Gesch\u00e4ftsverhandlungen in Russland auf. Der zun\u00e4chst offene Kontakt wurde bald auf eine vertrauliche Basis gestellt, und der deutsche Staatsb\u00fcrger nach R\u00fcckkehr in die Bundesrepublik zu einem vergn\u00fcglichen Abend in ein Restaurant eingeladen. Bei Festlegung der Treffmodalit\u00e4ten waren sogleich weitere Zusammenk\u00fcnfte abgestimmt worden. Der Firmenvertreter meinte, die wirkliche Absicht des Russen zu erkennen und bef\u00fcrchtete, dass der weitere Kontakt zu seinem neuen Bekannten die Aufmerksamkeit von Sicherheitsbeh\u00f6rden nach sich ziehen k\u00f6nnte. Er wandte sich des411 \"Federalnaja Slushba Besopasnosti\" (\"F\u00f6deraler Dienst f\u00fcr Sicherheit\"). 247","halb gleich nach dem Treffen an die Spionageabwehr und schilderte seine Wahrnehmungen. 2.3 Proliferation Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen oder von Bestandteilen zu deren Herstellung hat sich trotz diverser R\u00fcstungskontrollabkommen und Handelsbeschr\u00e4nkungen zu einem globalen sicherheitspolitischen Problem entwickelt. Die weltweite Betroffenheit \u00fcber die Atomtests Nordkoreas und Pakistans macht dies mehr als deutlich. Staaten wie der Iran, Nordkorea, Pakistan und Syrien sehen im Besitz von politisches DruckMassenvernichtungswaffen ein geeignetes Mittel, politische Forderungen mittel: Massenvergegen\u00fcber Nachbarl\u00e4ndern oder der internationalen Staatengemeinschaft nichtungswaffen durchsetzen zu k\u00f6nnen. Obwohl sie bereits in Teilbereichen dar\u00fcber verf\u00fcgen, halten sie weiter an ihren Beschaffungszielen fest. Bestehende Arsenale sollen komplettiert sowie die Waffen hinsichtlich Einsetzbarkeit und Wirkung perfektioniert werden. Da die L\u00e4nder nicht in vollem Umfang in der Lage sind, diese Aufgaben selbst zu l\u00f6sen, versuchen sie, die notwendigen technischen Komponenten vor allem in den hoch entwickelten westlichen Industrienationen zu beschaffen. Eine Reihe von Staaten nutzt dabei gezielt die weltweite Zusammenarbeit wissenschaftlicher Einrichtungen und den speziell im Bereich der Grundlagenforschung weitreichenden internationalen wissenschaftlichen Austausch. Auch wenn das milit\u00e4rische Nuklearprogramm des Iran m\u00f6glicherweise seit dem Jahr 2003 nicht mehr weiter verfolgt worden ist, konnten weiterhin intensive Aktivit\u00e4ten zur Erlangung von G\u00fctern und Tr\u00e4gertechnologien f\u00fcr milit\u00e4rische Anwendungen aller Art festgestellt werden. Iran versucht vor allem Spezialwerkzeugmaschinen, Mixer, Kreiseltechnologie, Windkanalausr\u00fcstung, Antriebsund Steuerungssysteme, spezielle Messger\u00e4te und Festtreibstoffkomponenten zu beschaffen. Bei den nachgefragten Waren handelt es sich h\u00e4ufig um so genannte Dual-use-G\u00fcter412, welche in ihren Parametern nur geringf\u00fcgig von solchen Produkten abweichen, die der Exportkontrolle unterliegen. Ein mittelst\u00e4ndisches baden-w\u00fcrttembergisches Unternehmen, das K\u00e4lteanlagen produziert, hat Gesch\u00e4ftsverbindungen zu mehreren 412 Als \"G\u00fcter mit doppeltem Verwendungszweck\" werden G\u00fcter einschlie\u00dflich Datenverarbeitungsprogrammen und Technologien bezeichnet, die sowohl f\u00fcr zivile als auch f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke verwendet werden k\u00f6nnen. 248","Spionageabwehr iranischen Firmen. Bei einer Lieferung mussten als Folge der Exportbeschr\u00e4nkungen einzelne Bauteile ausgetauscht werden, um eine missbr\u00e4uchliche Verwendung definitiv auszuschlie\u00dfen. Die grunds\u00e4tzliche Funktionsf\u00e4higkeit der Anlage war dadurch zwar nicht beeintr\u00e4chtigt, jedoch bewirkte der Umbau eine 20-prozentige Leistungseinbu\u00dfe. Die konspirative Vorgehensweise iranischer Beschaffungsorganisationen hat konspirative sich auch 2007 nicht ge\u00e4ndert. Nach wie vor werden bereits in der VerganVorgehensweise genheit h\u00e4ufig praktizierte Verschleierungstechniken - Umgehungslieferuniranischer gen \u00fcber Drittl\u00e4nder, Einschaltung von Zwischenh\u00e4ndlern, Vort\u00e4uschung Beschaffungseines unverf\u00e4nglichen Endempf\u00e4ngers oder zivilen Verwendungszwecks - organisationen angewandt. Mitunter werden Beschaffungsprojekte auch in mehrere separate Bestellungen an verschiedene Hersteller aufgeteilt. Eine baden-w\u00fcrttembergische Maschinenbaufirma erhielt von einem Unternehmen im europ\u00e4ischen Ausland eine Anfrage zu der aktuellen Version einer Werkzeugmaschine, die Exportbeschr\u00e4nkungen unterliegt, weil mit ihr grunds\u00e4tzlich auch Raketenteile hergestellt werden k\u00f6nnten. Ermittlungen ergaben, dass eine einschl\u00e4gig bekannte iranische Beschaffungsorganisation speziell zum Kauf dieser Maschine eine Tarnfirma gegr\u00fcndet hatte, die ihrerseits wiederum eine Vertretung in Ostasien unterh\u00e4lt. Diese beauftragte die europ\u00e4ische Gesellschaft mit dem Kauf der Maschine, um die deutschen Ausfuhrbestimmungen durch eine Lieferung nach Ostasien zu umgehen. Von dort sollte die Anlage anschlie\u00dfend in den Iran verbracht werden. Da die Herstellerfirma \u00fcber eine effiziente und fachkundige Exportabteilung verf\u00fcgt, konnte dieses Gesch\u00e4ft rechtzeitig durchschaut und gestoppt werden. Durch Tests von atomwaffenf\u00e4higen Kurzund Mittelstreckenraketen erregte Pakistan 2007 internationale Besorgnis. Mit nachrichtendienstlichen MitInteresse an teln umgesetzte Beschaffungsbem\u00fchungen konzentrieren sich auf die BereiHochtechnologie che Atomwaffen und Tr\u00e4gersysteme. Pakistanische Eink\u00e4ufer interessierten aus Badensich f\u00fcr entsprechende Hochtechnologie aus Baden-W\u00fcrttemberg. Sie W\u00fcrttemberg bedienten sich dabei h\u00e4ufig der Unterst\u00fctzung kleinerer Vermittlerfirmen. 3. Pr\u00e4vention Unter Pr\u00e4vention versteht man die Gesamtheit aller vorbeugenden Ma\u00dfnahmen zur Verhinderung nachrichtendienstlicher Aktivit\u00e4ten, zu denen 249","der Verfassungsschutz aufgrund seines gesetzlichen Auftrags verpflichtet ist beziehungsweise aus Gr\u00fcnden der Opportunit\u00e4t im jeweiligen Einzelfall ergreift. Angesichts eines weltweit versch\u00e4rften Wettbewerbs und einer st\u00e4ndig steigenden Abh\u00e4ngigkeit von moderner Informationsund Kommunikationstechnik gewinnen pr\u00e4ventive Schutzmechanismen in Verzahnung mit der repressiven Spionageabwehr immer mehr an Bedeutung. Das wirksamste Mittel gegen die illegale Nutzung des eigenen Wissens durch fremde Staaten, Konkurrenzunternehmen oder Einzelpersonen bietet ein umfassendes Informationsschutzkonzept. Jedoch garantiert nur die Kombination sorgf\u00e4ltig aufeinander abgestimmter personeller, organisatorischer sowie materieller Ma\u00dfnahmen eine ad\u00e4quate Schutzwirkung. Der Verzicht auf einen der genannten Bestandteile f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig zu Sicherheitsl\u00fccken. 3.1 Wirtschaftsschutz - eine Schwerpunktaufgabe der Spionageabwehr Die Wirtschaft ist einer der wichtigsten Faktoren f\u00fcr Stabilit\u00e4t und Leistungskraft unseres Gemeinwesens. Sie zu sch\u00fctzen, ist deshalb selbstverst\u00e4ndliche Pflicht des Staates. Ziel des LfV ist es, der baden-w\u00fcrttembergischen Wirtschaft eine kompetente Beratung anzubieten, um den hierzulantechnologischen de erarbeiteten technologischen Vorsprung zu sichern. H\u00e4ufig erkennen Vorsprung in Unternehmen Sicherheitsm\u00e4ngel nicht oder sind angesichts ihrer personelBaden-W\u00fcrttemlen und materiellen M\u00f6glichkeiten nicht in der Lage, sich gegen professioberg sichern nell gef\u00fchrte Angriffe fremder Nachrichtendienste oder konkurrierender Konzerne zu sch\u00fctzen. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen k\u00f6nnten durch Spionage sehr schnell in ihrer Existenz gef\u00e4hrdet sein. Nach den bisherigen Erfahrungen k\u00f6nnen immer wieder dieselben Schwachstellen in den Firmen festgestellt werden, die gleichsam die Hauptmangelndes einfallstore f\u00fcr erfolgreiche Spionageaktivit\u00e4ten bilden. H\u00e4ufig wird das SicherheitsbeThema Sicherheit nicht als Chefsache betrachtet und deshalb auch nicht in wusstsein, ein den Unternehmenszielen verankert. Dadurch mangelt es am SicherheitsbeSpionagerisiko wusstsein innerhalb des Betriebs. Fehlende Zugriffsbeschr\u00e4nkungen f\u00fcr firmeninterne Informationssysteme k\u00f6nnen unzufriedene Mitarbeiter dazu verleiten, Informationen an Konkurrenten weiterzugeben. Sicherheitsvorschriften werden von Praktikanten oder Mitarbeitern von Fremdfirmen missachtet, ohne dass diese ernsthafte Konsequenzen zu bef\u00fcrchten h\u00e4tten. Andererseits kann pr\u00e4ventives Sicherheitsmanagement die Gesamtsituation eines Unternehmens durchaus positiv beeinflussen. Die Sicherung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit, die Optimierung des betriebswirtschaftlichen Erfolgs 250","Spionageabwehr sowie eine Imageverbesserung sind hier zu nennen. Ebenso k\u00f6nnen Haftungsrisiken vermieden werden. Mit einer breiten Palette praxisgerechter Ma\u00dfnahmen bietet das LfV \"Hilfe \"Hilfe zur zur Selbsthilfe\" an. In Sensibilisierungsgespr\u00e4chen werden die UnternehSelbsthilfe\" men beispielsweise bei der Erstellung eines betrieblichen Informationsschutzkonzepts unterst\u00fctzt, das nach M\u00f6glichkeit die Benennung eines Sicherheitsverantwortlichen mit klaren Kompetenzzuweisungen enthalten sollte. Durch eine Risikound Schwachstellenanalyse kann die Gef\u00e4hrdungslage des Unternehmens detailliert unter die Lupe genommen werden. Awareness-Kampagnen f\u00f6rdern das Sicherheitsbewusstsein zus\u00e4tzlich und schaffen \"sicherheitsfreundliche\" Rahmenbedingungen. Ein baden-w\u00fcrttembergischer Chemiekonzern beispielsweise bat um Beratung bei der Erstellung eines Sicherheitskonzepts. Der bereits vorliegende Entwurf lie\u00df keine ganzheitliche Betrachtungsweise in Bezug auf Informationsund Sabotageschutz erkennen. So fehlten r\u00e4umliche Abtrennungen sensibler Arbeitsbereiche und eingeschr\u00e4nkte Zugriffsberechtigungen der Mitarbeiter auf das IT-Netz des Unternehmens. Die bauliche, mechanische und elektronische Absicherung wichtiger Konferenzr\u00e4ume war ebenfalls nicht zufrieden stellend gel\u00f6st. Betriebsfremde konnten ohne gro\u00dfe Hindernisse schutzw\u00fcrdige Arbeitsbereiche betreten. Die Mitarbeiter der Spionageabwehr wiesen den Sicherheitsverantwortlichen in Beratungsgespr\u00e4chen auf die vorliegenden Schwachpunkte hin und gaben Empfehlungen zu deren Behebung. Diese fanden im neuen Sicherheitskonzept des Unternehmens entsprechende Ber\u00fccksichtigung. F\u00fcr die Behandlung von F\u00e4llen des Spionageverdachts gibt das LfV praktiEmpfehlungen kable und Erfolg versprechende Empfehlungen. Die nachtr\u00e4gliche Auswerzur Spionagetung eines abgeschlossenen Falles kann unter Umst\u00e4nden eine bislang noch abwehr nicht erkannte Schwachstelle im Unternehmen offenbaren und wichtige Hinweise auf notwendig werdende Pr\u00e4ventivma\u00dfnahmen geben. Anlassbezogen oder in allgemeiner Form k\u00f6nnen baden-w\u00fcrttembergische Unternehmen individuelle Empfehlungen zur personellen, organisatorischen und technischen Sicherheit erhalten. Nach SS 10 Abs. 4 Landesverfassungsschutzgesetz (LVSG) d\u00fcrfen personenbezogene Ausk\u00fcnfte allerdings nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen erteilt werden. 251","Ankn\u00fcpfend an die bereits im Jahr 2006 rasant gestiegene Nachfrage nach Beratungsleistungen und Vortragsveranstaltungen durch Mitarbeiter der Spionageabwehr wurden auch im Jahr 2007 Firmen, Verb\u00e4nde und Beh\u00f6rden in zahlreichen Vortr\u00e4gen \u00fcber die aktuelle Risikolage hinsichtlich Spionage und Sabotage unterrichtet und Empfehlungen zur Verhinderung von Sch\u00e4den sowie der richtigen Verhaltensweise im Konfliktfall gegeben. Messeauftritt Im September 2007 beteiligte sich das LfV an der in Karlsruhe veranstaltebei der ten Fachmesse f\u00fcr Zutrittskontrolle, Geb\u00e4udesicherung und Informations\"SAFEKON\" schutz \"SAFEKON\". Diese erstmals ausgerichtete Produktund Leistungsschau erwies sich als ideale Plattform, das breit gef\u00e4cherte Aufgabenspektrum des Verfassungsschutzes in Baden-W\u00fcrttemberg und besonders des Arbeitsbereichs Wirtschaftsschutz einem interessierten Besucherkreis bekannt zu machen. In intensiven Gespr\u00e4chen, die sich schwerpunktm\u00e4\u00dfig um die Komplexe Wirtschaftsspionage, Know-how-Schutz und abh\u00f6rsicheres B\u00fcro drehten, zeigten die Messebesucher gro\u00dfes Interesse an der Aufkl\u00e4rungsarbeit des LfV. Ein attraktives Begleitprogramm bot Vortr\u00e4ge zu Methoden der Wirtschaftsspionage, zum Einsatz technischer Mittel sowie zu strategischen Gesamtkonzepten f\u00fcr das Geb\u00e4udemanagement an. Ein wichtiges Element in der Verhinderung von Spionage und Sabotage Geheimund stellt der f\u00f6rmliche Geheimund Sabotageschutz als Teil der gesetzlich verSabotageschutz, ankerten Mitwirkungsaufgaben dar. Die in SS 3 Abs. 3 LVSG aufgelisteten ein Teil der Aufgaben umfassen unter anderem Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen von Personen Spionageabwehr sowie die Festlegung organisatorischer und technischer Ma\u00dfnahmen. In Baden-W\u00fcrttemberg sind derzeit \u00fcber 200 Unternehmen in das amtliche Geheimschutzverfahren einbezogen und rund 20 als lebensund verteidigungswichtig eingestuft. Sie werden vom LfV regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber sicherheitsgef\u00e4hrdende Bestrebungen sowie Aktivit\u00e4ten fremder Nachrichtendienste unterrichtet und entsprechend beraten. 3.2 Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg - Die Wirtschaft sch\u00fctzt ihr Wissen Der Spionageabwehr des LfV ist es seit jeher ein besonderes Anliegen, flankierend zu den eigenen Sensibilisierungsma\u00dfnahmen auch vergleichbare Aktivit\u00e4ten anderer Institutionen zu unterst\u00fctzen. Vor diesem Hintergrund kam der Mitarbeit in dem 1999 ins Leben gerufenen Sicherheitsforum 252","Spionageabwehr Baden-W\u00fcrttemberg - Die Wirtschaft sch\u00fctzt ihr Wissen - von Anfang an eine besondere Bedeutung zu. Nach der im Jahr 2006 gestarteten Vortragsreihe zu Aspekten der Unternehmenssicherheit, mit der vor allem kleine und mittlere Unternehmen mit aktuellen Risikosituationen vertraut gemacht werden sollten, hat das aus Firmen, Forschungseinrichtungen, Verb\u00e4nden, Kammern und Beh\u00f6rden bestehende Forum im Jahr 2007 einen neuen Ansatz gew\u00e4hlt, um das Bewusstsein f\u00fcr die Gefahren der Wirtschaftsspionage und der Aussp\u00e4hung Bewusstsein durch konkurrierende Unternehmen zu sch\u00e4rfen. Die erstmalige Ausschreisch\u00e4rfen f\u00fcr die bung eines unter der gemeinsamen Schirmherrschaft von Innenminister Gefahren der Heribert Rech und Wirtschaftsminister Ernst Pfister stehenden WettbeWirtschaftswerbs f\u00fcr herausragende Projekte der betrieblichen Sicherheit mit Zielrichspionage tung Know-how-Schutz wurde als wichtiger Beitrag angesehen, um den Schutz der in Baden-W\u00fcrttemberg ans\u00e4ssigen Wirtschaft vor dem Diebstahl von Know-how, Produkt-Ideen und Innovationen zu verbessern. Eine Fachjury hat unter den eingegangenen Bewerbungen die besten Projekte ausgew\u00e4hlt. \u00dcber 100 G\u00e4ste kamen am 14. September 2007 zur Verleihung des Sicherheitspreises Baden-W\u00fcrttemberg durch Innenminister Heribert Rech bei der Sicherheitsmesse \"SAFEKON\" in Karlsruhe. Minister Rech hob besonders hervor, dass alle Projekte des Wettbewerbs \"durch Innovationskraft, Kreativit\u00e4t und Engagement im Bem\u00fchen um den Schutz des Know-hows von Unternehmen und Forschungseinrichtungen \u00fcberzeugen\". Zugleich werde damit dokumentiert, dass es in BadenW\u00fcrttemberg bereits viele vorbildliche Projekte gibt, die Anregung und Beispiel f\u00fcr eigene unternehmensinterne Sicherheitsvorkehrungen sein k\u00f6nnen. 4. Bedeutung von Hinweisen - Erreichbarkeit der Spionageabwehr Zur Wahrnehmung ihrer Aufgaben ist die Spionageabwehr auch ganz wesentlich auf Hinweise aus der \u00d6ffentlichkeit angewiesen. H\u00e4ufig erm\u00f6g253","lichen beispielsweise erst Informationen aus unmittelbar betroffenen Unternehmen oder wissenschaftlichen Einrichtungen die Ermittlungen zur Kl\u00e4rung eines Verdachts auf Wirtschaftsspionage. Viele Betroffene scheuen jedoch aufgrund einer Untersch\u00e4tzung des Falles oder falsch verstandener Furcht vor Imageverlusten eine Kontaktierung der Spionageabwehr. Das LfV unterst\u00fctzt gesch\u00e4digte Firmen oder Institute bei der weiteren Handhabung des Verdachtsfalls. So werden Fehler vermieden, die sonst zur Ausweitung des Schadens f\u00fchren k\u00f6nnen. Die Spionageabwehr kann - auch f\u00fcr Anregungen und weitere Informationen - wie folgt erreicht werden: Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Abteilung 4 Taubenheimstra\u00dfe 85 A 70372 Stuttgart Telefon 07 11 / 95 44 - 301 Telefax 07 11 / 95 44 - 444 info@verfassungsschutz-bw.de \u00dcber die Anschl\u00fcsse 07 11 / 9 54 76 26 (Telefon) und 07 11 / 9 54 76 27 (Telefax) werden sensible Hinweise entgegengenommen und auf Wunsch vertraulich behandelt. 254","Spionageabwehr Hintergrundinformationen und Aktuelles zum Thema Spionageabwehr erhalten Sie auch im Internet unter: http://www.verfassungsschutz-bw.de/spio/start_spio.htm 255","G ESETZ \u00dcBER DEN V ERFASSUNGSSCHUTZ IN B ADEN -W \u00dcRTTEMBERG (L ANDESVERFASSUNGSSCHUTZGESETZ - LVSG) VOM 5. D EZEMBER 2005 SS 1 nung, den Bestand und die Sicherheit der Zweck des Verfassungsschutzes Bundesrepublik Deutschland und ihrer L\u00e4nder fr\u00fchzeitig zu erkennen und den Der Verfassungsschutz dient dem Schutz zust\u00e4ndigen Stellen zu erm\u00f6glichen, diese der freiheitlichen demokratischen GrundGefahren abzuwehren. ordnung, des Bestandes und der Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland (2) Zur Erf\u00fcllung dieser Aufgaben samund ihrer L\u00e4nder. melt das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Informationen, insbesondere sachund SS 2 personenbezogene Ausk\u00fcnfte, NachrichOrganisation, Zust\u00e4ndigkeit ten und Unterlagen von Organisationen und Personen \u00fcber (1) Zur Wahrnehmung der Aufgaben 1. Bestrebungen, die gegen die freides Verfassungsschutzes unterh\u00e4lt das heitliche demokratische Grundordnung, Land ein Landesamt f\u00fcr Verfassungsden Bestand oder die Sicherheit des Bunschutz. Das Amt hat seinen Sitz in Stuttdes oder eines Landes gerichtet sind oder gart und untersteht dem Innenministeeine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der rium. Amtsf\u00fchrung der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes oder ihrer Mit(2) Verfassungsschutzbeh\u00f6rden anderer glieder zum Ziele haben, L\u00e4nder d\u00fcrfen im Geltungsbereich dieses 2. sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geGesetzes nur im Einvernehmen mit dem heimdienstliche T\u00e4tigkeiten im GeltungsLandesamt f\u00fcr Verfassungsschutz t\u00e4tig bereich des Grundgesetzes f\u00fcr eine fremwerden. de Macht, 3. Bestrebungen im Geltungsbereich (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsdes Grundgesetzes, die durch die Anwenschutz darf einer Polizeidienststelle nicht dung von Gewalt oder darauf gerichtete angegliedert werden. Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland SS 3 gef\u00e4hrden, Aufgaben des Landesamtes f\u00fcr Verfas4. Bestrebungen im Geltungsbereich sungsschutz, Voraussetzungen f\u00fcr die dieses Gesetzes, die gegen den Gedanken Mitwirkung an \u00dcberpr\u00fcfungsverfahren der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung (Artikel 9 Abs. 2 des Grundgesetzes), insbesondere gegen (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsdas friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker schutz hat die Aufgabe, Gefahren f\u00fcr die (Artikel 26 Abs. 1 des Grundgesetzes), freiheitliche demokratische Grundordgerichtet sind, 256","Anhang und wertet sie aus. Sammlung und Aus7. bei der \u00dcberpr\u00fcfung der Zuverl\u00e4swertung von Informationen nach Satz 1 sigkeit von Personen nach dem Waffen-, setzen im Einzelfall voraus, dass f\u00fcr BeSprengstoffund Jagdrecht, strebungen oder T\u00e4tigkeiten nach Satz 1 8. bei der \u00dcberpr\u00fcfung der Zuverl\u00e4stats\u00e4chliche Anhaltspunkte vorliegen. sigkeit von Personen nach SS 12 b des Atomgesetzes, (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungs9. bei der sicherheitsm\u00e4\u00dfigen \u00dcberschutz wirkt mit pr\u00fcfung von Personen, die zu sicherheits1. bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von empfindlichen Bereichen von Flugh\u00e4fen Personen, denen im \u00f6ffentlichen Interesse Zutritt haben, nach SS 29 c des Luftvergeheimhaltungsbed\u00fcrftige Tatsachen, Gekehrsgesetzes, genst\u00e4nde oder Erkenntnisse anvertraut 10. bei sonstigen \u00dcberpr\u00fcfungen, sowerden, die Zugang dazu erhalten sollen weit dies im Einzelfall zum Schutz der oder ihn sich verschaffen k\u00f6nnen, freiheitlichen demokratischen Grundord2. bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von nung oder f\u00fcr Zwecke der \u00f6ffentlichen Personen, die an sicherheitsempfindSicherheit erforderlich ist. N\u00e4heres wird lichen Stellen von lebensoder verteididurch Verwaltungsvorschrift des Innenmigungswichtigen Einrichtungen besch\u00e4ftigt nisteriums bestimmt. sind oder werden sollen, Die Mitwirkung des Landesamtes f\u00fcr Ver3. bei technischen oder organisatorifassungsschutz nach Satz 1 erfolgt in der schen Sicherheitsma\u00dfnahmen zum SchutWeise, dass es eigenes Wissen oder beze von im \u00f6ffentlichen Interesse geheimreits vorhandenes Wissen der f\u00fcr die haltungsbed\u00fcrftigen Tatsachen, Gegen\u00dcberpr\u00fcfung zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde oder st\u00e4nden oder Erkenntnissen gegen die sonstiger \u00f6ffentlicher Stellen auswertet. In Kenntnisnahme durch Unbefugte sowie den F\u00e4llen des Satzes 1 Nummern 1 und bei Ma\u00dfnahmen des vorbeugenden Sabo- 2 f\u00fchrt das Landesamt f\u00fcr Verfassungstageschutzes, schutz weitergehende Ermittlungen 4. auf Anforderungen der Einsteldurch, wenn die f\u00fcr die \u00dcberpr\u00fcfung zulungsbeh\u00f6rde bei der \u00dcberpr\u00fcfung von st\u00e4ndige Beh\u00f6rde dies beantragt. Personen, die sich um Einstellung in den \u00f6ffentlichen Dienst bewerben, sowie auf (4) Die Mitwirkung des Landesamtes Anforderung der Besch\u00e4ftigungsbeh\u00f6rde f\u00fcr Verfassungsschutz nach Absatz 3 setzt bei der \u00dcberpr\u00fcfung von Besch\u00e4ftigten im Einzelfall voraus, dass der Betroffene im \u00f6ffentlichen Dienst, bei denen der auf und andere in die \u00dcberpr\u00fcfung einbezoTatsachen beruhende Verdacht besteht, gene Personen \u00fcber Zweck und Verfahren dass sie gegen die Pflicht zur Verfassungsder \u00dcberpr\u00fcfung einschlie\u00dflich der Verartreue versto\u00dfen, beitung der erhobenen Daten durch die 5. bei der sicherheitsm\u00e4\u00dfigen \u00dcberbeteiligten Dienststellen unterrichtet pr\u00fcfung von Einb\u00fcrgerungsbewerbern, werden. Dar\u00fcber hinaus ist im Falle der 6. bei der sicherheitsm\u00e4\u00dfigen \u00dcberEinbeziehung anderer Personen in die pr\u00fcfung von Ausl\u00e4ndern im Rahmen der \u00dcberpr\u00fcfung deren Einwilligung und im Bestimmungen des Ausl\u00e4nderrechts, Falle weitergehender Ermittlungen nach 257","Absatz 3 Satz 3 die Einwilligung des deln, sind Bestrebungen im Sinne dieses Betroffenen erforderlich. Die S\u00e4tze 1 und Gesetzes, wenn sie auf Anwendung von 2 gelten nur, soweit gesetzlich nichts Gewalt gerichtet sind oder aufgrund ihrer anderes bestimmt ist. Wirkungsweise geeignet sind, ein Schutzgut dieses Gesetzes erheblich zu besch\u00e4SS 4 digen. Begriffsbestimmungen (2) Zur freiheitlichen demokratischen (1) Im Sinne des Gesetzes sind Grundordnung im Sinne dieses Gesetzes 1. Bestrebungen gegen den Bestand z\u00e4hlen: des Bundes oder eines Landes solche 1. das Recht des Volkes, die Staatsgepolitisch bestimmten, zielund zweckgewalt in Wahlen und Abstimmungen und richteten Verhaltensweisen in einem oder durch besondere Organe der Gesetzgef\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der bung, der vollziehenden Gewalt und der darauf gerichtet ist, die Freiheit des BunRechtsprechung auszu\u00fcben und die des oder eines Landes von fremder HerrVolksvertretung in allgemeiner unmittelschaft aufzuheben, ihre staatliche Einheit barer, freier, gleicher und geheimer Wahl zu beseitigen oder ein zu ihm geh\u00f6rendes zu w\u00e4hlen, Gebiet abzutrennen; 2. die Bindung der Gesetzgebung an 2. Bestrebungen gegen die Sicherheit die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und die des Bundes oder eines Landes solche Bindung der vollziehenden Gewalt und politisch bestimmten, zielund zweckgeder Rechtsprechung an Gesetz und Recht, richteten Verhaltensweisen in einem oder 3. das Recht auf Bildung und Ausf\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der \u00fcbung einer parlamentarischen Opposidarauf gerichtet ist, den Bund, L\u00e4ndern tion, oder deren Einrichtungen in ihrer Funk4. die Abl\u00f6sbarkeit der Regierung und tionsf\u00e4higkeit erheblich zu beeintr\u00e4chtiihre Verantwortlichkeit gegen\u00fcber der gen; Volksvertretung, 3. Bestrebungen gegen die freiheitli5. die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte, che demokratische Grundordnung solche 6. der Ausschluss jeder Gewaltund politisch bestimmten, zielund zweckgeWillk\u00fcrherrschaft und richteten Verhaltensweisen in einem oder 7. die im Grundgesetz konkretisierten f\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der Menschenrechte. darauf gerichtet ist, einen der in Absatz 2 genannten Verfassungsgrunds\u00e4tze zu beSS 5 seitigen oder au\u00dfer Geltung zu setzen. Befugnisse des F\u00fcr einen Personenzusammenschluss Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz handelt, wer ihn in seinen Bestrebungen aktiv sowie zielund zweckgerichtet (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsunterst\u00fctzt. Verhaltensweisen von Einzelschutz kann die zur Erf\u00fcllung seiner Aufpersonen, die nicht in einem oder f\u00fcr gaben nach SS 3 erforderlichen Informatioeinen Personenzusammenschluss hannen verarbeiten. Soweit dieses Gesetz 258","Anhang keine Regelungen trifft, richtet sich die SS 5a Verarbeitung personenbezogener Daten Einholen von Ausk\u00fcnften nach den Vorschriften des Landesdatenbei nicht-\u00f6ffentlichen Stellen schutzgesetzes mit Ausnahme der SSSS 8 und 13 Abs. 2 bis 4 sowie SSSS 14 bis 24 des (1) Wenn es zur Erf\u00fcllung seiner AufgaLandesdatenschutzgesetzes. ben nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 bis 4 erforderlich ist und tats\u00e4chliche Anhalts(2) Werden personenbezogene Daten punkte f\u00fcr schwerwiegende Gefahren f\u00fcr beim Betroffenen mit seiner Kenntnis erdie dort genannten Schutzg\u00fcter vorliegen, hoben, so ist der Erhebungszweck anzudarf das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz geben. Der Betroffene ist auf die Freiwilim Einzelfall unentgeltlich Ausk\u00fcnfte zu ligkeit seiner Angaben und bei einer 1. Konten, Konteninhabern und sonsSicherheits\u00fcberpr\u00fcfung nach SS 3 Abs. 3 tigen Berechtigten sowie weiteren am auf eine dienst-, arbeitsrechtliche oder Zahlungsverkehr Beteiligten und zu sonstige vertragliche Mitwirkungspflicht Geldbewegungen und Geldanlagen bei hinzuweisen. Kreditinstituten, Finanzdienstleistungsinstituten und Finanzunternehmen, (3) Polizeiliche Befugnisse oder Wei2. Namen, Anschriften und zur Inansungsbefugnisse stehen dem Landesamt spruchnahme von Transportleistungen f\u00fcr Verfassungsschutz nicht zu; es darf die und sonstigen Umst\u00e4nden des LuftPolizei auch nicht im Wege der Amtshilfe verkehrs bei Luftfahrtunternehmen einum Ma\u00dfnahmen ersuchen, zu denen es holen. selbst nicht befugt ist. Abweichend hiervon ist es jedoch berechtigt, die Polizei in (2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungseilbed\u00fcrftigen F\u00e4llen au\u00dferhalb der reguschutz darf im Einzelfall zur Erf\u00fcllung seil\u00e4ren Dienstzeiten des Kraftfahrtbundesner Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 amtes um eine Abfrage aus dem Fahrbis 4 unter den Voraussetzungen des SS 3 zeugregister beim Kraftfahrtbundesamt Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes vom im automatisierten Verfahren zu ersu26. Juni 2001 (BGBl. I S. 1254, ber. chen. S. 2298) bei Personen und Unternehmen, die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig Postdienstleistungen (4) Von mehreren geeigneten Ma\u00dfnaherbringen, sowie bei denjenigen, die an men hat das Landesamt f\u00fcr Verfassungsder Erbringung dieser Dienstleistungen schutz diejenige zu w\u00e4hlen, die den Bemitwirken, unentgeltlich Ausk\u00fcnfte zu troffenen voraussichtlich am wenigsten Namen, Anschriften, Postf\u00e4chern und beeintr\u00e4chtigt. Eine Ma\u00dfnahme darf keisonstigen Umst\u00e4nden des Postverkehrs nen Nachteil herbeif\u00fchren, der erkennbar einholen. au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zu dem beabsichtigten Erfolg steht. (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf im Einzelfall zur Erf\u00fcllung sei259","ner Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 scheidung auch bereits vor der Unterrichbis 4 unter den Voraussetzungen des SS 3 tung der Kommission anordnen; in dieAbs. 1 des Artikel 10-Gesetzes bei denjesem Fall ist die Kommission unverz\u00fcglich nigen, die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig Telekommunizu unterrichten. Die Kommission pr\u00fcft kationsdienste und Teledienste erbringen von Amts wegen oder aufgrund von Beoder daran mitwirken, unentgeltlich Ausschwerden die Zul\u00e4ssigkeit und Notwenk\u00fcnfte \u00fcber Telekommunikationsverbindigkeit der Einholung von Ausk\u00fcnften dungsdaten und Teledienstenutzungsdanach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3. SS 15 Abs. 5 des ten einholen. Die Auskunft kann auch in Artikel 10-Gesetzes ist mit der Ma\u00dfgabe Bezug auf zuk\u00fcnftige Telekommunikation entsprechend anzuwenden, dass die Konund zuk\u00fcnftige Nutzung von Teledientrollbefugnis der Kommission sich auf die sten verlangt werden. Telekommunikagesamte Erhebung, Verarbeitung und tionsverbindungsdaten und TelediensteNutzung der nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3 nutzungsdaten sind: erlangten Informationen und personenbe1. Berechtigungskennungen, Kartenzogenen Daten erstreckt. Entscheidungen nummern, Standortkennungen sowie Ruf\u00fcber Ausk\u00fcnfte, die die Kommission f\u00fcr nummer oder Kennung des anrufenden unzul\u00e4ssig oder nicht notwendig erkl\u00e4rt, und angerufenen Anschlusses oder der hat das Innenministerium unverz\u00fcglich Endeinrichtung, aufzuheben. 2. Beginn und Ende der Verbindung nach Datum und Uhrzeit, (6) F\u00fcr die Verarbeitung der nach den 3. Angaben \u00fcber die Art der vom Abs\u00e4tzen 1 bis 3 erhobenen Daten ist SS 4 Kunden in Anspruch genommenen Teledes Artikel 10-Gesetzes entsprechend kommunikationsund Teledienst-Dienstanzuwenden. leistungen, 4. Endpunkte festgeschalteter Verbin(7) Das Auskunftsersuchen und die dungen, ihr Beginn und ihr Ende nach \u00fcbermittelten Daten d\u00fcrfen dem BetrofDatum und Uhrzeit. fenen oder Dritten vom Auskunftsgeber nicht mitgeteilt werden. (4) Ausk\u00fcnfte nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3 d\u00fcrfen nur auf Antrag eingeholt werden. (8) F\u00fcr die Mitteilung an den BetroffeDer Antrag ist durch den Leiter des Lannen findet SS 12 Abs. 1 und 3 des Artikel desamtes f\u00fcr Verfassungsschutz oder sei10-Gesetzes entsprechende Anwendung. nen Vertreter schriftlich zu stellen und zu begr\u00fcnden. \u00dcber den Antrag entscheidet (9) Das Innenministerium unterrichtet das Innenministerium. im Abstand von h\u00f6chstens sechs Monaten das Gremium nach SS 2 Abs. 1 des Aus5) Das Innenministerium unterrichtet f\u00fchrungsgesetzes zum Artikel 10-Gesetz die Kommission nach SS 2 Abs. 2 des Aus\u00fcber die Durchf\u00fchrung von Ma\u00dfnahmen f\u00fchrungsgesetzes zum Artikel 10-Gesetz nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3. Dabei ist ins\u00fcber die beschiedenen Antr\u00e4ge vor deren besondere ein \u00dcberblick \u00fcber Anlass, Vollzug. Bei Gefahr in Verzug kann das Umfang, Dauer, Ergebnis und Kosten der Innenministerium den Vollzug der Entim Berichtszeitraum durchgef\u00fchrten Ma\u00df260 nahmen zu geben.","Anhang (10) Das Innenministerium unterrichtet (3) Das in einer Wohnung nicht \u00f6ffentdas Parlamentarische Kontrollgremium lich gesprochene Wort darf mit technides Bundes j\u00e4hrlich \u00fcber die nach den schen Mitteln nur dann heimlich mitgeAbs\u00e4tzen 1 bis 3 durchgef\u00fchrten Ma\u00dfnahh\u00f6rt oder aufgezeichnet werden, wenn es men. Absatz 9 Satz 2 gilt entsprechend. im Einzelfall zur Abwehr einer gegenw\u00e4rtigen gemeinen Gefahr oder einer gegenSS 6 w\u00e4rtigen Lebensgefahr f\u00fcr einzelne PersoErhebung personenbezogener Daten mit nen unerl\u00e4sslich ist und geeignete polizeinachrichtendienstlichen Mitteln liche Hilfe f\u00fcr das bedrohte Rechtsgut nicht rechtzeitig erlangt werden kann. (1) Das Landesamt f\u00fcr VerfassungsSatz 1 gilt entsprechend f\u00fcr den verdeckschutz kann Methoden, Gegenst\u00e4nde und ten Einsatz technischer Mittel zur AnfertiInstrumente zur heimlichen Informationsgung von Bildaufnahmen und Bildaufbeschaffung, wie den Einsatz von Vertrauzeichnungen in Wohnungen. Ma\u00dfnahmen ensleuten und Gew\u00e4hrspersonen, Obsernach Satz 1 und 2 bed\u00fcrfen der Anordvationen, Bildund Tonaufzeichnungen, nung durch das Amtsgericht, in dessen Tarnpapiere und Tarnkennzeichen anwenBezirk sie durchgef\u00fchrt werden sollen. den (nachrichtendienstliche Mittel). SS 31 Abs. 5 Satz 2 bis 4 des PolizeigesetDiese sind in einer Dienstvorschrift zu zes sind entsprechend anzuwenden. Bei benennen, die auch die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr Gefahr im Verzug k\u00f6nnen die Ma\u00dfnahdie Anordnung solcher Informationsbemen nach Satz 1 und 2 vom Leiter des schaffung regelt. Die Dienstvorschrift beLandesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz angedarf der Zustimmung des Innenministeriordnet werden; diese Anordnung bedarf ums, das den St\u00e4ndigen Ausschuss des der Best\u00e4tigung durch das Amtsgericht. Landtags unterrichtet. Sie ist unverz\u00fcglich herbeizuf\u00fchren. Einer Anordnung durch das Amtsgericht bedarf (2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungses nicht, wenn technische Mittel ausschutz kann personenbezogene Daten schlie\u00dflich zum Schutz der bei einem Einund sonstige Informationen mit nachrichsatz in Wohnungen t\u00e4tigen Personen vortendienstlichen Mitteln erheben, wenn gesehen sind; die Ma\u00dfnahme ist in diesem tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorhanFall durch den Leiter des Landesamtes f\u00fcr den sind, dass Verfassungsschutz anzuordnen. Eine 1. auf diese Weise Erkenntnisse \u00fcber anderweitige Verwertung der hierbei Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 erlangten Erkenntnisse zum Zweck der Abs. 2 oder die zur Erforschung solcher Gefahrenabwehr ist nur zul\u00e4ssig, wenn Erkenntnisse erforderlichen Quellen gezuvor die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Ma\u00dfnahme wonnen werden k\u00f6nnen oder durch das Amtsgericht festgestellt worden 2. dies zur Abschirmung der Mitarbeiist; bei Gefahr im Verzug ist die richterliter, Einrichtungen, Gegenst\u00e4nde und che Entscheidung unverz\u00fcglich nachzuQuellen des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsholen. Die Landesregierung unterrichtet schutz gegen sicherheitsgef\u00e4hrdende oder den Landtag j\u00e4hrlich \u00fcber den nach diegeheimdienstliche T\u00e4tigkeiten erfordersem Absatz erfolgten Einsatz technischer lich ist. 261","Mittel. Die parlamentarische Kontrolle nen durch Auskunft nach SS 9 Abs. 3 gewird auf der Grundlage dieses Berichtes wonnen werden k\u00f6nnen. Die Anwendung durch das Gremium nach Artikel 10 des des nachrichtendienstlichen Mittels darf Grundgesetzes ausge\u00fcbt. nicht erkennbar au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zur Bedeutung des aufzukl\u00e4renden Sachver(4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungshalts stehen. Die Ma\u00dfnahme ist unverz\u00fcgschutz darf zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben lich zu beenden, wenn ihr Zweck erreicht nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1, sofern die ist oder sich Anhaltspunkte daf\u00fcr ergedort genannten Bestrebungen durch Anben, dass er nicht oder nicht auf diese wendung von Gewalt oder darauf ausgeWeise erreicht werden kann. richtete Vorbereitungshandlungen verfolgt werden, sowie zur Erf\u00fcllung seiner (6) Bei Erhebungen nach den Abs\u00e4tzen Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 bis 3 und 4 und solchen nach Absatz 2, die in 4 unter den Voraussetzungen des SS 3 Abs. ihrer Art und Schwere einer Beschr\u00e4n- 1 des Artikel 10-Gesetzes auch technische kung des Brief-, Postund FernmeldegeMittel zur Ermittlung des Standortes heimnisses (Artikel 10 des Grundgeseteines aktiv geschalteten Mobilfunkger\u00e4tes zes) gleichkommen, ist der Eingriff nach und zur Ermittlung der Ger\u00e4teund Karseiner Beendigung der betroffenen Person tennummern einsetzen. Die Ma\u00dfnahme mitzuteilen, sobald eine Gef\u00e4hrdung des ist nur zul\u00e4ssig, wenn ohne die Ermittlung Zweckes der Ma\u00dfnahme ausgeschlossen die Erreichung des Zwecks der \u00dcberwerden kann. SS 12 des Artikel 10-Gesetzes wachungsma\u00dfnahme aussichtslos oder gilt entsprechend. Die durch solche Ma\u00dfwesentlich erschwert w\u00e4re. F\u00fcr die Verargabe erhobenen Informationen d\u00fcrfen beitung der Daten gilt SS 4 des Artikel 10nur nach Ma\u00dfgabe von SS 4 des Artikel 10Gesetzes entsprechend. PersonenbezogeGesetzes verwendet werden. SS 2 Abs. 1 ne Daten eines Dritten d\u00fcrfen anl\u00e4sslich des Ausf\u00fchrungsgesetzes zum Artikel 10solcher Ma\u00dfnahmen nur erhoben werden, Gesetz findet entsprechende Anwendung. wenn dies aus technischen Gr\u00fcnden zur Erreichung des Zwecks nach Satz 1 unver(7) Die Befugnisse des Landesamtes f\u00fcr meidbar ist. Sie unterliegen einem absoluVerfassungsschutz nach dem Artikel 10 ten Verwertungsverbot und sind nach Gesetz bleiben unber\u00fchrt. Beendigung der Ma\u00dfnahme unverz\u00fcglich zu l\u00f6schen. SS 5a Abs. 4 bis 9 gilt entspreSS 7 chend. Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener Daten (5) Die Erhebung nach den Vorschriften der Abs\u00e4tze 2 bis 4 ist unzul\u00e4ssig, (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungswenn die Erforschung des Sachverhalts schutz kann zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaauf andere, den Betroffenen weniger ben personenbezogene Daten speichern, beeintr\u00e4chtigende Weise m\u00f6glich ist; eine ver\u00e4ndern und nutzen, wenn geringere Beeintr\u00e4chtigung ist in der 1. tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr BeRegel anzunehmen, wenn die Informatiostrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 2 vorliegen, 262","Anhang 2. dies f\u00fcr die Erforschung und Bewerstehende Ma\u00dfnahmen gegen\u00fcber Betung von Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten diensteten genutzt werden. nach SS 3 Abs. 2 erforderlich ist oder 3. das Landesamt f\u00fcr VerfassungsSS 8 schutz nach SS 3 Abs. 3 t\u00e4tig wird. Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener (2) Zur Aufgabenerf\u00fcllung nach SS 3 Daten von Minderj\u00e4hrigen Abs. 3 d\u00fcrfen vorbehaltlich des Satzes 2 in automatisierten Dateien nur Daten \u00fcber (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsdie Personen gespeichert werden, die der schutz darf unter den Voraussetzungen Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung unterliegen oder des SS 7 personenbezogene Daten \u00fcber in die Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung einbezogen Minderj\u00e4hrige, die das 14. Lebensjahr werden. Zur Erledigung von Aufgaben noch nicht vollendet haben, in zu ihrer nach SS 3 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 d\u00fcrfen in Person gef\u00fchrten Akten nur speichern, automatisierten Dateien nur Daten solver\u00e4ndern und nutzen, wenn tats\u00e4chliche cher Personen erfasst werden, \u00fcber die Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass der bereits Erkenntnisse nach SS 3 Abs. 2 vorMinderj\u00e4hrige eine der in SS 3 Abs. 1 des liegen. Bei der Speicherung in Dateien Artikel 10-Gesetzes genannten Straftaten muss erkennbar sein, welcher der in SS 3 plant, begeht oder begangen hat. In Abs. 2 und 3 genannten Personengruppen Dateien ist eine Speicherung von Daten der Betroffene zuzuordnen ist. Minderj\u00e4hriger, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, nicht zul\u00e4s(3) Die nach Absatz 1 Nummer 3 und sig. Absatz 2 gespeicherten personenbezogenen Daten d\u00fcrfen nur f\u00fcr die dort ge(2) Sind Daten \u00fcber Minderj\u00e4hrige in nannten Zwecke sowie f\u00fcr Zwecke verDateien oder in Akten, die zu ihrer Perwendet werden, die f\u00fcr die Wahrnehson gef\u00fchrt werden, gespeichert, ist nach mung von Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 erforzwei Jahren die Erforderlichkeit der Speiderlich sind. cherung zu \u00fcberpr\u00fcfen und sp\u00e4testens nach f\u00fcnf Jahren die L\u00f6schung vorzuneh(4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsmen, es sei denn, dass nach Eintritt der schutz hat die Speicherungsdauer auf das Vollj\u00e4hrigkeit weitere Erkenntnisse nach f\u00fcr seine Aufgabenerf\u00fcllung erforderliche SS 3 Abs. 2 angefallen sind. Satz 1 gilt nicht, Ma\u00df zu beschr\u00e4nken. wenn das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz nach SS 3 Abs. 3 t\u00e4tig wird. (5) Personenbezogene Daten, die ausschlie\u00dflich zu Zwecken der DatenschutzSS 9 kontrolle, der Datensicherung oder zur \u00dcbermittlung personenbezogener Daten Sicherstellung eines ordnungsgem\u00e4\u00dfen an das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Betriebs einer Datenverarbeitungsanlage gespeichert werden, d\u00fcrfen nur f\u00fcr diese (1) Die Beh\u00f6rden des Landes und die lanZwecke und hiermit in Zusammenhang desunmittelbaren juristischen Personen 263","des \u00f6ffentlichen Rechts sowie die Gerichbegr\u00fcnden, soweit dies dem Schutz des te des Landes, die Staatsanwaltschaften Betroffenen dient oder eine Begr\u00fcndung und, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftden Zweck der Ma\u00dfnahme gef\u00e4hrden lichen Sachleitungsbefugnis, die Polizeiw\u00fcrde. Die Ersuchen sind aktenkundig zu dienststellen \u00fcbermitteln von sich aus machen. dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz die ihnen bekannt gewordenen personenbe(4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz zogenen Daten und sonstigen Informatiodarf Akten anderer \u00f6ffentlicher Stellen nen, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte und amtliche Register unter den Vorausdaf\u00fcr bestehen, dass diese Informationen setzungen des Absatzes 3 und vorbehaltzur Wahrnehmung von Aufgaben nach SS 3 lich der in SS 11 getroffenen Regelung einAbs. 2 erforderlich sind. sehen, soweit dies 1. zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach SS 3 (2) Soweit nicht schon bundesrechtlich Abs. 2 oder 3 oder geregelt, k\u00f6nnen die zust\u00e4ndigen Stellen 2. zum Schutz der Mitarbeiter und in den F\u00e4llen des SS 3 Abs. 3 das LandesQuellen des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsamt f\u00fcr Verfassungsschutz um Auskunft schutz gegen Gefahren f\u00fcr Leib und ersuchen, ob Erkenntnisse \u00fcber den BeLeben troffenen oder \u00fcber eine Person, die in erforderlich ist und die sonstige \u00dcberdie \u00dcberpr\u00fcfung mit einbezogen werden mittlung von Informationen aus den darf, vorliegen. Dabei d\u00fcrfen die erforderAkten oder den Registern den Zweck der lichen personenbezogenen Daten und Ma\u00dfnahmen gef\u00e4hrden oder das Pers\u00f6nsonstigen Informationen an das Landeslichkeitsrecht des Betroffenen unverh\u00e4ltamt f\u00fcr Verfassungsschutz \u00fcbermittelt nism\u00e4\u00dfig beeintr\u00e4chtigen w\u00fcrde. Dazu werden. Im Falle einer \u00dcberpr\u00fcfung nach geh\u00f6ren auch personenbezogene Daten SS 3 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 ist das Ersuchen und sonstige Informationen aus Strafver\u00fcber das Innenministerium zu leiten. fahren wegen einer Steuerstraftat. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz braucht (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Ersuchen nicht zu begr\u00fcnden, soweit dies kann vorbehaltlich der in SS 11 getroffenen dem Schutz des Betroffenen dient oder Regelung von jeder \u00f6ffentlichen Stelle eine Begr\u00fcndung den Zweck der Ma\u00dfnach Absatz 1 verlangen, dass sie ihm die nahme gef\u00e4hrden w\u00fcrde. \u00dcber die Einzur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erfordersichtnahme nach Satz 1 hat das Landeslichen personenbezogenen Daten und amt f\u00fcr Verfassungsschutz einen Nachsonstigen Informationen \u00fcbermittelt, weis zu f\u00fchren, aus dem der Zweck und wenn die Daten und Informationen nicht die Veranlassung, die ersuchte Beh\u00f6rde aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen oder und die Aktenfundstelle hervorgehen. nur mit unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigem Aufwand Die Nachweise sind gesondert aufzubeoder nur durch eine den Betroffenen st\u00e4rwahren, gegen unberechtigten Zugriff zu ker belastende Ma\u00dfnahme erhoben wersichern und am Ende des Kalenderjahres, den k\u00f6nnen. Das Landesamt f\u00fcr Verfasdas dem Jahr ihrer Erstellung folgt, zu versungsschutz braucht Ersuchen nicht zu nichten. 264","Anhang (5) Die \u00dcbermittlung personenbezogener ist oder der Empf\u00e4nger die Daten zum Daten und sonstiger Informationen, die Schutz der freiheitlichen demokratischen aufgrund einer Ma\u00dfnahme nach SS 100a Grundordnung oder sonst f\u00fcr Zwecke der Strafprozessordnung bekanntgeworder \u00f6ffentlichen Sicherheit einschlie\u00dflich den sind, ist nach den Vorschriften der der Strafverfolgung ben\u00f6tigt. Der EmpAbs\u00e4tze 1 und 3 nur zul\u00e4ssig, wenn tatf\u00e4nger darf die \u00fcbermittelten Daten, s\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, soweit gesetzlich nichts anderes bedass jemand eine der in SS 3 Abs. 1 des stimmt ist, nur zu dem Zweck verwenArtikel 10-Gesetzes genannten Straftaten den, zu dem sie ihm \u00fcbermittelt wurden. plant, begeht oder begangen hat. Auf die dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz nach Satz 1 \u00fcbermittelten Unterlagen \u00fcbermittelt den Staatsanwaltschaften findet SS 4 des Artikel 10 Gesetzes entund, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftsprechende Anwendung. lichen Sachleitungsbefugnis, den Polizeidienststellen des Landes von sich aus die (6) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz ihm bekannt gewordenen personenbezopr\u00fcft unverz\u00fcglich, ob die ihm \u00fcbergenen Daten, wenn tats\u00e4chliche Anhaltsmittelten personenbezogenen Daten f\u00fcr punkte daf\u00fcr bestehen, dass die \u00dcberdie Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erfordermittlung zur Verhinderung oder Verfollich sind. Ergibt die Pr\u00fcfung, dass sie gung von Straftaten erforderlich ist, die nicht erforderlich sind, hat es die Unterin SS 3 Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes oder lagen zu vernichten oder, sofern diese in den SSSS 74a oder 120 des Gerichtsverelektronisch gespeichert sind, zu l\u00f6schen. fassungsgesetzes genannt sind oder bei Die Vernichtung oder L\u00f6schung kann denen aufgrund ihrer Zielsetzung, des unterbleiben, wenn die Trennung von Motivs des T\u00e4ters oder dessen Verbinanderen Informationen, die zur Erf\u00fcllung dung zu einer Organisation tats\u00e4chliche der Aufgaben erforderlich sind, nicht Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass sie oder nur mit unvertretbarem Aufwand gegen die in Artikel 73 Nr. 10 Buchst. b m\u00f6glich ist; in diesem Fall sind die Daten oder c des Grundgesetzes genannten zu sperren. Schutzg\u00fcter gerichtet sind. SS 10 (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz \u00dcbermittlung personenbezogener kann personenbezogene Daten an Daten durch das Dienststellen der StationierungsstreitLandesamt f\u00fcr Verfassungsschutz kr\u00e4fte im Rahmen von Artikel 3 des Zusatzabkommens zu dem Abkommen (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz zwischen den Parteien des Nordatlantikkann personenbezogene Daten an Vertrages \u00fcber die Rechtsstellung ihrer Beh\u00f6rden und juristische Personen des Truppen hinsichtlich der in der Bundes\u00f6ffentlichen Rechts sowie an die Gerichrepublik Deutschland stationierten auste des Landes \u00fcbermitteln, wenn dies zur l\u00e4ndischen Streitkr\u00e4fte vom 3. August Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erforderlich 1959 (BGBl. 1961 II S. 1183) \u00fcbermitteln. 265","Die \u00dcbermittlung ist aktenkundig zu Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat die machen. Der Empf\u00e4nger ist darauf hinzu\u00dcbermittlung aktenkundig zu machen. weisen, dass die \u00fcbermittelten Daten nur F\u00fcr \u00dcbermittlungen nach Satz 2 gilt SS 9 zu dem Zweck verwendet werden d\u00fcrfen, Abs. 4 S\u00e4tze 4 und 5 entsprechend. Der zu dem sie ihm \u00fcbermittelt wurden und Empf\u00e4nger darf die \u00fcbermittelten Daten das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sich nur zu dem Zweck verwenden, zu dem sie vorbeh\u00e4lt, um Auskunft \u00fcber die vorgeihm \u00fcbermittelt wurden. Der Empf\u00e4nger nommene Verwendung der Daten zu bitist auf die Verwendungsbeschr\u00e4nkung ten. und darauf hinzuweisen, dass das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sich vorbeh\u00e4lt, (4) Die \u00dcbermittlung personenbezogener um Auskunft \u00fcber die vorgenommene Daten an andere als \u00f6ffentliche Stellen ist Verwendung der Daten zu bitten. Die nur zul\u00e4ssig, soweit dies zum Zwecke \u00dcbermittlung der personenbezogenen einer erforderlichen und zul\u00e4ssigen Daten ist dem Betroffenen durch das Datenerhebung durch das Landesamt f\u00fcr Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz mitzuVerfassungsschutz unabdingbar ist und teilen, sobald eine Gef\u00e4hrdung seiner dadurch keine \u00fcberwiegenden schutzw\u00fcrAufgabenerf\u00fcllung durch die Mitteilung digen Interessen der Person, deren Daten nicht mehr zu besorgen ist. Einer Mittei\u00fcbermittelt werden, beeintr\u00e4chtigt werlung bedarf es nicht, wenn das Innenmiden. Personenbezogene Daten d\u00fcrfen nisterium feststellt, dass diese Voraussetdar\u00fcber hinaus an andere als \u00f6ffentliche zung auch f\u00fcnf Jahre nach der erfolgten Stellen nur \u00fcbermittelt werden, wenn \u00dcbermittlung noch nicht eingetreten ist dies zur Abwehr von Gefahren f\u00fcr die in und mit an Sicherheit grenzender WahrSS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 bis 4 genannten scheinlichkeit auch in absehbarer Zukunft Schutzg\u00fcter oder zur Gew\u00e4hrleistung der nicht eintreten wird. Sicherheit von lebensoder verteidigungswichtigen oder besonders gefahrentr\u00e4chti(5) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz gen Einrichtungen im Sinne des SS 1 Abs. kann personenbezogene Daten an \u00f6ffent- 3 des Landessicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgeliche Stellen au\u00dferhalb des Geltungsbesetzes erforderlich ist. Die \u00dcbermittlung reichs des Grundgesetzes sowie an \u00fcberpersonenbezogener Daten an eine sonstiund zwischenstaatliche Stellen \u00fcbermitge Einrichtung oder Unternehmung, insteln, wenn die \u00dcbermittlung zur Erf\u00fclbesondere der Wissenschaft und Forlung seiner Aufgaben oder zur Wahrung schung, des Sicherheitsgewerbes oder der erheblicher Sicherheitsinteressen des Kreditund Finanzwirtschaft, ist nur Empf\u00e4ngers erforderlich ist. Die \u00dcberzul\u00e4ssig, wenn dies zur Abwehr schwermittlung unterbleibt, wenn ausw\u00e4rtige wiegender Gefahren f\u00fcr die Einrichtung Belange der Bundesrepublik Deutschoder Unternehmung erforderlich ist. Die land, Belange der L\u00e4nder oder \u00fcberwie\u00dcbermittlung nach den S\u00e4tzen 2 und 3 gende schutzw\u00fcrdige Interessen des Bebedarf der vorherigen Zustimmung durch troffenen entgegenstehen. Die \u00dcbermittden Innenminister oder im Verhindelung ist aktenkundig zu machen. Der rungsfall durch seinen Vertreter. Das Empf\u00e4nger ist darauf hinzuweisen, dass 266","Anhang die \u00fcbermittelten Daten nur zu dem (2) Informationen \u00fcber Minderj\u00e4hrige Zweck verwendet werden d\u00fcrfen, zu vor Vollendung des 14. Lebensjahres d\u00fcrdem sie ihm \u00fcbermittelt wurden und das fen nach den Vorschriften dieses GesetLandesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sich zes nicht an ausl\u00e4ndische oder \u00fcberoder vorbeh\u00e4lt, um Auskunft \u00fcber die vorgezwischenstaatliche Stellen \u00fcbermittelt nommene Verwendung der Daten zu bitwerden. ten. SS 12 (6) Erweisen sich personenbezogene Unterrichtung der \u00d6ffentlichkeit Daten, nachdem sie durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz \u00fcbermittelt Das Innenministerium und das Landesworden sind, als unvollst\u00e4ndig oder unamt f\u00fcr Verfassungsschutz unterrichten richtig, sind sie unverz\u00fcglich gegen\u00fcber die \u00d6ffentlichkeit periodisch oder aus dem Empf\u00e4nger zu berichtigen oder zu gegebenem Anlass im Einzelfall \u00fcber Beerg\u00e4nzen, es sei denn, dass dies f\u00fcr die strebungen und T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Beurteilung eines Sachverhaltes ohne Abs. 2. Dabei d\u00fcrfen auch personenbeBedeutung ist. zogene Daten bekanntgegeben werden, wenn die Bekanntgabe f\u00fcr das Verst\u00e4ndSS 11 nis des Zusammenhangs oder der Dar\u00dcbermittlungsverbote stellung von Organisationen oder unorganisierten Gruppierungen erforderlich (1) Die \u00dcbermittlung von Informationen ist und die Informationsinteressen der nach den SSSS 5, 9 und 10 unterbleibt, Allgemeinheit das schutzw\u00fcrdige Interwenn esse des Betroffenen \u00fcberwiegen. 1. f\u00fcr die \u00fcbermittelnde Stelle erkennbar ist, dass unter Ber\u00fccksichtigung SS 13 der Art der Informationen und ihrer Auskunft an den Betroffenen Erhebung die schutzw\u00fcrdigen Interessen des Betroffenen das Allgemeininteresse (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz an der \u00dcbermittlung \u00fcberwiegen, erteilt dem Betroffenen \u00fcber zu seiner 2. \u00fcberwiegende SicherheitsinteresPerson gespeicherte Daten auf Antrag sen oder \u00fcberwiegende Belange der unentgeltlich Auskunft, soweit er hierzu Strafverfolgung dies erfordern oder auf einen konkreten Sachverhalt hinweist 3. besondere gesetzliche \u00dcbermittund ein besonderes Interesse an einer lungsregelungen entgegenstehen; die Auskunft darlegt. Es ist nicht verpflichVerpflichtung zur Wahrung gesetzlicher tet, \u00fcber die Herkunft der Daten, die Geheimhaltungspflichten oder von Empf\u00e4nger von \u00dcbermittlungen und den Berufsoder besonderen AmtsgeheimZweck der Speicherung Auskunft zu nissen, die nicht auf gesetzlichen Vorerteilen. schriften beruhen, bleibt unber\u00fchrt. 267","(2) Die Auskunftserteilung unterbleibt, cherten personenbezogenen Daten zu soweit berichtigen, wenn sie unrichtig sind; in 1. eine Gef\u00e4hrdung der Aufgabenerf\u00fclAkten ist dies zu vermerken. Wird die lung durch die Auskunftserteilung zu Richtigkeit der Daten von dem Betroffebesorgen ist, nen bestritten, so ist dies in der Akte zu 2. durch die Auskunftserteilung Quelvermerken oder auf sonstige Weise festzulen gef\u00e4hrdet sein k\u00f6nnen oder die Aushalten. forschung des Erkenntnisstandes oder der Arbeitsweise des Landesamtes f\u00fcr Verfas(2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sungsschutz zu bef\u00fcrchten ist, hat die in Dateien gespeicherten perso3. die Auskunft die \u00f6ffentliche Sichernenbezogenen Daten zu l\u00f6schen, wenn heit gef\u00e4hrden oder sonst dem Wohl des ihre Speicherung unzul\u00e4ssig war oder Bundes oder eines Landes Nachteile ihre Kenntnis f\u00fcr die Aufgabenerf\u00fcllung bereiten w\u00fcrde oder nicht mehr erforderlich ist. Die L\u00f6schung 4. die Daten oder die Tatsache der unterbleibt, wenn Grund zu der AnnahSpeicherung nach einer Rechtsvorschrift me besteht, dass durch sie schutzw\u00fcrdige oder ihrem Wesen nach, insbesondere Belange des Betroffenen beeintr\u00e4chtigt wegen der \u00fcberwiegenden berechtigten w\u00fcrden. In diesem Fall sind die Daten Interessen eines Dritten, geheimgehalten zu sperren. Sie d\u00fcrfen nur noch mit Einwerden m\u00fcssen. willigung des Betroffenen \u00fcbermittelt Die Entscheidung trifft der Beh\u00f6rdenleiwerden. ter oder ein von ihm besonders beauftragter Mitarbeiter. (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz pr\u00fcft bei der Einzelfallbearbeitung und (3) Die Ablehnung der Auskunftserteinach festgesetzten Fristen, sp\u00e4testens lung bedarf keiner Begr\u00fcndung, soweit nach f\u00fcnf Jahren, ob in Dateien gespeidadurch der Zweck der Auskunftsverweicherte personenbezogene Daten zu gerung gef\u00e4hrdet w\u00fcrde. Die Gr\u00fcnde der berichtigen oder zu l\u00f6schen sind. GespeiAuskunftsverweigerung sind aktenkundig cherte personenbezogene Daten \u00fcber zu machen. Wird die Auskunftserteilung Bestrebungen nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. abgelehnt, ist der Betroffene auf die 1, die ihre Ziele durch Gewalt oder darauf Rechtsgrundlage f\u00fcr das Fehlen der Begerichtete Vorbereitungshandlungen vergr\u00fcndung und darauf hinzuweisen, dass er folgen, sowie \u00fcber Bestrebungen nach SS 3 sich an den Landesbeauftragten f\u00fcr den Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 oder 4 sind sp\u00e4testens Datenschutz wenden kann. nach f\u00fcnfzehn Jahren, im \u00dcbrigen sp\u00e4testens nach zehn Jahren zu l\u00f6schen, es sei SS 14 denn, der Beh\u00f6rdenleiter oder sein VerBerichtigung, L\u00f6schung und Sperrung treter stellt im Einzelfall fest, dass die weipersonenbezogener Daten tere Speicherung zur Aufgabenerf\u00fcllung oder aus den in Absatz 2 Satz 2 genannten (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Gr\u00fcnden erforderlich ist. SS 8 Abs. 2 bleibt hat die in Akten oder Dateien gespeiunber\u00fchrt. Der Lauf der Frist nach Satz 1 268","Anhang oder 2 beginnt mit der letzten gespeicher(3) Die Mitglieder des St\u00e4ndigen Austen relevanten Information. schusses sind zur Geheimhaltung der Angelegenheiten verpflichtet, die ihnen (4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz im Zusammenhang mit der Berichterstathat die in Akten gespeicherten personentung \u00fcber die T\u00e4tigkeit des Verfassungsbezogenen Daten zu sperren, wenn es im schutzes im St\u00e4ndigen Ausschuss beEinzelfall feststellt, dass die Speicherung kanntgeworden sind. Dies gilt auch f\u00fcr unzul\u00e4ssig war. Dasselbe gilt, wenn es im die Zeit nach ihrem Ausscheiden aus dem Einzelfall feststellt, dass ohne die SperSt\u00e4ndigen Ausschuss oder aus dem Landrung schutzw\u00fcrdige Interessen des Betroftag. fenen beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrden und die Daten f\u00fcr seine k\u00fcnftige Aufgabenerf\u00fcllung (4) Die Unterrichtung umfasst nicht voraussichtlich nicht mehr erforderlich Angelegenheiten, \u00fcber die das Innenmisind. Gesperrte Daten sind mit einem nisterium das Gremium nach dem Artikel entsprechenden Vermerk zu versehen; sie 10-Gesetz zu unterrichten hat. d\u00fcrfen nicht mehr genutzt oder \u00fcbermittelt werden. Die Sperrung kann wieSS 16 der aufgehoben werden, wenn ihre VorEinschr\u00e4nkung von Grundrechten aussetzungen nachtr\u00e4glich entfallen sind. Akten, in denen personenbezogene Aufgrund dieses Gesetzes k\u00f6nnen das Daten gespeichert sind, sind zu vernichGrundrecht des Brief-, Postund Fernten, wenn die gesamte Akte zur Aufmeldegeheimnisses (Artikel 10 des gabenerf\u00fcllung nicht mehr ben\u00f6tigt wird. Grundgesetzes) und das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel SS 15 13 des Grundgesetzes) eingeschr\u00e4nkt werParlamentarische Kontrolle den. (1) Das Innenministerium unterrichtet SS 17 den St\u00e4ndigen Ausschuss des Landtags Erlass von Verwaltungsvorschriften \u00fcber die T\u00e4tigkeit des Verfassungsschutzes halbj\u00e4hrlich sowie auf Verlangen des Das Innenministerium kann zur Ausf\u00fchAusschusses und aus besonderem Anlass. rung des Gesetzes allgemeine Verwaltungsvorschriften erlassen. (2) Art und Umfang der Unterrichtung des St\u00e4ndigen Ausschusses werden unter SS 18 Beachtung des notwendigen Schutzes des Inkrafttreten Nachrichtenzuganges durch die politische Verantwortung der Landesregierung beDieses Gesetz tritt am Tag nach seiner stimmt. Verk\u00fcndung in Kraft. 269","Gruppen-, Organisationsund Sachregister Bezeichnung Seite/n Act of Violence 125 Aktionsb\u00fcro Rhein-Neckar 139 Al-Djamaa al-Islamiya (Islamische Gruppe) 31ff. Al-Djihad al-Islami (Islamischer Djihad) 31ff. Al-Fajir 37 Al-Furqan 37 Al-Islam 47 Al-Manar 60f. Al-Muqawama al-Islamiya (Islamischer Widerstand) 61 Al-Qaida 28ff. Al-Qaida im islamischen Maghreb 36, 58 Al-Qassam-Brigaden 55f. Al-Quds-Tag 60 Albanische Nationalarmee ( AKSH) 109 All India Sikh Student Federation (AISSF) 109 Anadolu Genclik Dernegi (AGD) 66f. An-Nahda (Bewegung der Erneuerung) 56f. Antiamerikanismus 119, 180 antifa. Magazin f\u00fcr antifaschistische Politik und Kultur 200 AntiFa Nachrichten 200f. Antifaschismus 189, 200ff., 216ff. Antifaschistische Initiative Heidelberg (AIHD) 208, 217 Antifaschistische Linke Berlin (ALB) 190, 201 Antifaschistisches Aktionsb\u00fcndnis Baden-W\u00fcrttemberg (AABW) 216 Antiglobalisierung 165, 180, 189, 210ff. Antisemitismus 49f., 66, 119 Applied Scholastics (ApS) 227, 228 Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) siehe Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) As-Sahab-Media 38 Auditor 222 Aufbruch 125, 130 Autonome 189 Autonome Nationalisten 117, 135, 139, 147ff. Babbar Khalsa International (BK) 109f. Befreiungseinheiten Kurdistans (HRK) 84 Bewegung des Islamischen Widerstands siehe HAMAS 270","Anhang Bewegung f\u00fcr eine albanische sozialistische Republik in Jugoslawien (LRSSHJ) 108 Bildungswerk f\u00fcr Heimat und nationale Identit\u00e4t 175 Blue Max 125, 130 break-out 202, 228 B\u00fcrgerinitiative Ausl\u00e4nderstopp (BIA) 157 Carpe Diem 125 China-Trojaner 244 Clara 193 Class V Org 228, 238 Church of Scientology International (CSI) 222 Dawa 23, 40f., 42, 73f., 75 Das Freie Forum 172 Denk mal islamisch 44 Der Kalifatsstaat (Hilafet Devleti) 79ff. Deutsche Akademie (DA) 174 Deutsche Geschichte - Europa und die Welt (DG) 178 Deutsche Kommunistische Partei (DKP) 186, 197ff., 200, 211, 216 Deutsche Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH) 157 Deutscher Buchkreis 169 Deutsche Stimme (DS) 161ff., 181 Deutsche Volksunion (DVU) 117f., 166ff. Deutsches Kolleg (DK) 174 Deutschland in Geschichte und Gegenwart 170f. Deutschland-Pakt 164, 167 Devil's Project 125 Devrimci Sol (Dev Sol-Revolution\u00e4re Linke) 96ff. DEVRIMCI SOL 97 Dianetik 223 Dianetik-Post 222 DIE LINKE. 187, 189, 193ff., 198, 211 Die Linke. Landesinfo Baden-W\u00fcrttemberg 193 Die Republikaner (REP) 116 Die Rote Hilfe 207, 219 Disput 193 Dissent+X 211 Division Staufen 125 Djihad 22, 25, 27 Djihadismus 26ff. Djihadisten 27 Dresdner Schule 174f. 271","Ekmek ve Adalet 100 Euro-Kurier - Aktuelle Buchund Verlags-Nachrichten 171f. Europ\u00e4ische Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgemeinschaft e.V. (EMUG) 48, 64 European Council for Fatwa and Research (ECFR) 48, 54 Federalnaja Slushba Besopasnosti (FSB, F\u00f6rderaler Sicherheitsdienst) 247 Federation of Islamic Organisations in Europe (FIOE) 47, 52 Feldauditorengruppen 228, 231 F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V. (ATIF) 103 F\u00f6deration der Arbeiter und Immigranten aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V. (AGIF) 105 F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Europa e.V. (AD\u00dcTDF) 89, 93ff. F\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Deutschland e.V. (ADHF) 103 F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland (YEK-KOM) 87, 106 Forum of European Muslim Youth and Student Organisations (FEMYSO) 53, 63f. Free Mind 222 Freewinds 222 Freiheit 222 Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) siehe Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) Front f\u00fcr die Albanische Nationale Vereinigung (FBKSH) 109 Front Islamique du Salut (FIS) 57f. Geheimschutz 13, 252 Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik (GFP) 157, 172 Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (GRU) 246 Global Islamic Media Front (GIMF) 86f. GRABERT-Verlag 157, 169ff. Graue W\u00f6lfe 93 Groupe Islamique Arme (GIA) 57f. Groupe salafiste pour la Predication et le Combat (GSPC) 36, 57f. Hakk-TV 80 Harakat Al-Muqawama Al-Islamiya siehe HAMAS HAMAS (Bewegung des islamischen Widerstands) 54ff. Hauptkampflinie 133f. Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V. (HNG) 140f. Hizb Allah (Partei Gottes) 60ff. Hizb ut-Tahrir (Partei der Befreiung) 58ff., 76 Hohenrain-Verlag 169ff. 272","Anhang Ideale Orgs 237f., 240 IGMG Perspektive 63 Impact 222 Institut Europeen des Sciences Humaines (I.E.S.H.) 52 Institut f\u00fcr deutsche Nachkriegsgeschichte 170 International Scientology News 222 International Sikh Youth Federation (ISYF) 109f. Internationale Kamagatamaru Partei 110 Interventionistische Linke (IL) 211, 213 Islamic Foundation 53 Islamische Bewaffnete Gruppe siehe Groupe Islamique Arme (GIA) Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD) 46, 47ff. Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V. (IGMG) 47, 48, 49, 50 Islamische Heilsfront siehe Front Islamique du Salut (FIS) Islamische Jihad Union (IJU) 29 Islamisches Informationszentrum (IIZ) 42ff., 76 Islamisches Zentrum Stuttgart (IZS) 47, 48, 49, 50 Islamisches Zentrum M\u00fcnchen (IZM) 50f. Islamismus 18ff., 39 Islamistischer Terrorismus 26ff. Islamrat f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland 52, 63 Jagdstaffel 125 Jugend f\u00fcr Menschenrechte 230 Junge Nationaldemokraten (JN) 126, 139, 141, 143f., 154f., 158f., 164f. junge Welt 219 Kalifatsstaat siehe Der Kalifatsstaat Kamagata Maru Dal International (KMDI) 110 Kameradschaften 135 Kameradschaft Karlsruhe 135 Kameradschaft Rastatt 135 Khalistan 110 Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM) 228, 233ff. Kommando Skin 125 Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/Marxisten-Leninisten (TKP/ML) 102ff. Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) 197, 200 Kommunistische Plattform (KPF) 196 Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa e.V. (ATIK) 103 Konf\u00f6deration der unterdr\u00fcckten Migranten in Europa (AvEG-Kon) 105 Konf\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Europa (ADHK) 104 273","Konvertiten 19, 23, 52, 69 Kurzschluss 125 Landesverfassungsschutzgesetz (LVSG) 256ff. Lernen und K\u00e4mpfen (LuK) 203 Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) 110ff. Linksjugend [solid] 187, 211 Linkspartei.PDS siehe DIE LINKE. Linksruck 197, 209 Maoistische Kommunistische Partei (MKP) 102ff. marx21 - Netzwerk f\u00fcr internationalen Sozialismus 197, 207f. Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei (MLKP) 104ff. Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) 189, 203ff., 217 militante Gruppe (mg) 214f. Milli Gazete 63, 65, 67f. Milli Genclik Vakfi 66 Milli G\u00f6r\u00fcs 64 Modjahedin-e Khalq Organisation 114 Mouvement de la Tendance Islamique (Bewegung der islamischen Ausrichtung) 56 Mudjamma al-Islami 54 Multi-Kulturhaus Ulm e.V. (MKH) 42, 76 Muslimbruderschaft (MB) 31, 45ff. Muslimische Jugend in Deutschland (MJD) 53f. Muslimische Studentenvereinigung e.V. (MSV) 52f. Nachrichten der HNG 140f. Narconon 227 Nationaldemokratische Liga der Albanischen Treue (B.K.D.SH.) 107f. Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) 116, 126, 137f., 141, 143, 146, 150f., 152ff., 172 Nationale Befreiungsfront Kurdistans (ERNK) 84 Nationaler Bildungskreis (NBK) 175 Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) 114f. NATION & EUROPA 175 National-Zeitung/Deutsche Wochen-Zeitung (NZ) 166f. Neonazis 130f., 134ff. Neun-Lichter-Doktrin 94 Noie Werte 125 NS Chaos 125 Office of Special Affairs (OSA) 232 274","Anhang Organisation der Volksmodjahedin Iran (PMOI) siehe Volksmodjahedin Ostanatolisches Gebietskomitee (DABK) siehe Maoistische Kommunistische Partei (MKP) People's Mojahidin of Iran (PMOI) siehe Volksmodjahedin perplex 126f. Professionelles Lerncenter 228 Proliferation 243, 248f. Propaganda 125 Prosperity 222 REBELL 203 Refah Partisi (RP, Wohlfahrtspartei) 64f. Religious Technology Center (RTC) 227 Republikaner siehe Die Republikaner Revisionismus 120, 149, 163, 175ff. Revolution\u00e4re Aktion Stuttgart (RAS) 211, 220 Revolution\u00e4re Volksbefreiungsfront (DHKC) 97 Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) 96ff. Rosa-Luxemburg-Stiftung 187 Rote Armee Fraktion (RAF) 187, 218ff. Rote Fahne (RF) 203 Rote Hilfe e.V. (RH) 207ff., 214, 218 Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsch 136ff., 216 Saadet-Partisi (SP, Partei der Gl\u00fcckseligkeit) 65f., 70f. Sabotageschutz 252 Salafismus 26ff. Salafiya Djihadiya 20 Schulhof-CDs 124f. Scharia 26, 43 Schwarzer Block 139, 148, 150ff., 189, 192, 211f. Scientology-Organisation (SO) 222ff. Sea Organization (Sea Org) 227f., 238 Selbstradikalisierung 30f. Serxwebun 84 Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg 252f. Sikh Federation Germany (SFG) 110 Skinheads 122ff., 155ff. Slushba Wneschnej Raswedkij (SWR) 246 Social Engineering 244 [solid] siehe Linksjugend [solid] 275","Solidarit\u00e4tsverein mit den politischen Gefangenen und deren Familien in der T\u00fcrkei (TAYAD) 101 Source 222 Sozialistische Alternative Voran (SAV) 240 Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) 187, 217 Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) 193 Spionageabwehr 242ff., 253f. Sturmpropheten 125 Tabligh-i Jama'at (Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndung und Mission) 39ff. TAYAD-Komitee e.V. 101 Tobsucht 125 Transnationaler Djihadismus 28 Trotzkisten 197, 207 T\u00fcrk Federasyon B\u00fclteni 93 T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee (TIKKO) 102 T\u00fcrkische F\u00f6deration Deutschland (ATF) 93ff. T\u00fcrkische Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten (TKP/ML) 105 T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei/-front - Revolution\u00e4re Linke (THKP/-C) 96ff. TV 5 67, 68ff. Ultima Ratio 125, 132 Unsere Zeit (UZ) 197, 200 Verband der islamischen Vereine und Gemeinden e.V. (ICCB) siehe Der Kalifatsstaat Verein f\u00fcr Dialog und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung e.V. 47 Vereinigung der demokratischen Jugendlichen Kurdistans (Komalen Ciwan) 85 Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) 187, 198f., 200ff., 208, 217 Verlagsund Medienhaus Hohenberg OHG 155, 164 Versandbuchhandlung GRABERT 169 Volk in Bewegung 155 Volksbefreiungsarmee Kurdistans (ARGK) 84 Volksbewegung von Kosovo (LPK) 108 Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) 83, 84ff. Volksmodjahedin 114 Volksverteidigungskr\u00e4fte (HPG) 85 Wahhabismus 40ff. White Voice 125, 128f., 130f., 133 Wirtschaftsschutz 243, 250ff. 276","Anhang Wirtschafts-, Wissenschaftsspionage 243, 244ff. World Assembly of Muslim Youth (WAMY) 47 World Institute of Scientology Enterprises (WISE) 228, 235ff. Wortergreifungsstrategie 116, 135, 179ff. Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs 99f. Zentralrat der Muslime in Baden-W\u00fcrttemberg 47 Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) 47 Zollernwut 125 277","Personenverzeichnis Name Seite/n Akg\u00fcn, Mustafa 69 Al-Banna, Hassan 45, 47, 50 Al-Ghannoushi, Rashid 56f. Al-Hakaymah, Muhammad Khalil 32f. Al-Masri, Abu Djihad 32 Al-Maududi, Abu al A'la 53 Al-Qaradawi, Yusuf, Dr. 48f., 52f. Al-Rishta, Ata Abu 59 Al-Utheimin, Muhammad Bin Salih 50 Al-Wahhab, Muhammad Ibn Abd 21, 23 An-Nabhani, Taqi ad-Din 58 Assem, Shaker 59 Ar-Rahman, Umar Abd 32 Atsiz, Nihal 94 Aydar, Z\u00fcbeyir 84 Azzam, Abdallah 27f. Az-Zawahiri, Ayman, Dr. 34 Baader, Andreas 219 Bahr, Ahmad 55 Bahceli, Devlet, Dr. 95 Baur, Walter 168 Benhadj, Ali 97 Bin Ladin, Usama 28, 30, 32, 38 Bisky, Lothar 194 Bordin, Norman 155 Borgfeldt, Muhammad Siddiq 55 B\u00fclb\u00fcl, Canan 74 Cetin, Cemal 95 Damar, Hasan 70f. Dogruyol, Sent\u00fcrk 95 El-Zayat, Ibrahim 46f., 52, 64 Engel, Stefan 205f. Ensslin, Gudrun 219 Erbakan, Necmettin, Prof. Dr. 64ff., 79 278","Anhang Ersoy, Arif, Prof. Dr. 67, 72f. Eygi, Mehmet Sevket 69 Fink, Heinrich 187 Fradkov, Mikhail 246 Frey, Gerhard, Dr. 166f. Gansel, J\u00fcrgen W. 161f. Garaudy, Roger 69 Ghazi, Abdul Rashid 34 G\u00f6kbakan, Edip 75 Grabert, Herbert, Dr. 169 Grabert, Wigbert 169ff. Hammad, Fathi 56 Hattab, Hasan 58 Heise, Thorsten 154 Hofmann, Murad, Dr. 52 Honsik, Gerd 177 Hubbard, Lafayette Ronald 222ff. Ibrahim, Nageh, Dr. 33 Ilyas, Maulana Muhammad 39ff. Kaplan, Cemaleddin 79 Kaplan, Metin 80 Karatas, Dursun 96ff., 101 Kaya, Adem 64, 71 Kaypakkaya, Ibrahim 102ff. Kebir, Rabah 57 Kizilkaya, Ali 52, 63 Klar, Christian 187, 218 K\u00f6hler, Ayyub, Dr. 52 Kosiek, Rolf, Dr. 171 Kurtis, Mesut 52 Kurtulmus, Numan, Prof. Dr. 75 Kutsal, Necdet 70 Madani, Abassi 57 Makhlouf, Chakib Ben 52 Mashal, Khaled 48f. Mashur, Mustafa 50 279","Mehsud, Baitullah 29 Miscavige, David 222, 231, 234 Modrow, Hans 194 Molau, Andreas 157, 167, 172, 178 M\u00fcller, Ursula 141 Mullaojlu, Mustafa 73, 78 Nasrallah, Hassan 61, 63 \u00d6calan, Abdullah 84f., 88ff. Oktar, Adnan (alias Yahya, Harun) 49f., 69 Pohl, Helmut 219f. Prabhakaran, Vellupillai 113 Quassem, Naim 61 Qutb, Sayyid 28 Rajavi, Maryam 115 Rajavi, Massoud 115 Raspe, Jan Carl 219 Rieger, J\u00fcrgen 138, 154, 163 Richter, Karl 157 Rose, Olaf, Dr. 163, 172 Rudolf, Germar 172, 177 Sander, Ulrich 201 Sch\u00fctzinger, J\u00fcrgen 157, 172 Thamilchelvan, Suppiah Paramu 111 Thierry, Andreas 155 Tittmann, Siegfried 168 T\u00fcrkes, Alparslan 94 \u00dcc\u00fcnc\u00fc, Oguz 52, 66, 75f. \u00dcnalan, \u00dcnal 73 Viehmann, Klaus 218 Voigt, Udo 151, 154, 179, 182 Wagenknecht, Sarah 196 Wagner, Rolf Clemens 219 280","Anhang Wetzel, Bruno 168 Wulff, Thomas 154 Yagan, Bedri 96 Qutb, Sayyid 94 Zeidan, Amir 53 Z\u00fcndel, Ernst 172, 176 281","VERTEILERHINWEIS Diese Informationsschrift wird von der Landesr Rahmen ihrer verfassungsrechtlichen V lichkeit herausgegeben. Sie darf weder v Helfern w\u00e4hrend eines Wahlkampfs zum Zw den. Dies gilt f\u00fcr alle Wahlen. Missbr\u00e4uchlich sind insbesondere die V Informationsst\u00e4nden der Parteien sowie das Einlegen, A parteipolitischer Informationen oder W Untersagt ist auch die Weitergabe an Dritte zum Zw Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer W verwendet werden, dass dies als Parteinahme der Herausgeberin zu politischer Gruppen verstanden werden k\u00f6nnte. Diese Besc h\u00e4ngig vom Vertriebsweg, also unabh\u00e4ngig da Anzahl diese Informationsschrift dem Empf\u00e4nger zugegangen is Erlaubt ist jedoch den Parteien, die Informationssc glieder zu verwenden.","der Landesregierung Baden-W\u00fcrttemberg im Verpflichtung zur Unterrichtung der \u00d6ffentvon Parteien noch von deren Kandidaten oder um Zwecke der Wahlwerbung verwendet wer- e Verteilung auf Wahlveranstaltungen und an wie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben Werbemittel. Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Wahl darf die vorliegende Druckschrift nicht so nahme der Herausgeberin zugunsten einzelner en k\u00f6nnte. 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